What was the Purpose of the Goetheanum and of Anthroposophy?
GA 84
27 April 1923, Prague
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What was the purpose of the Goetheanum, and of Anthroposophy?, tr. SOL
7. Die Seelenewigkeit im Lichte der Anthroposophie
7. The Eternity of the Soul in the Light of Anthroposophy
[ 1 ] Vom Gesichtspunkte der Anthroposophie sprechen, heißt heute noch in ganz begreiflicher Weise eine große Gegnerschaft haben, denn Anthroposophie will über Dinge des Lebens und der Wirklichkeit in einer Weise sprechen, wie es in unserer Zeit vielen als etwas ganz Absonderliches erscheint. Und insbesondere, wenn über ein Thema gesprochen wird, wie dasjenige, das für den heutigen Abend bestimmt worden ist, die Seelenunsterblichkeit, dann erheben sich ja sogleich gerade aus den mehr wissenschaftlich gebildeten Kreisen unserer Gegenwart heraus ganz gewichtige Stimmen, die da vermeinen, daß überhaupt vom Gesichtspunkte der Erkenntnis aus über solche Dinge gar nicht gesprochen werden könne, weil diese Dinge überlassen werden müßten den Glaubensvorstellungen, den Offenbarungen des ja nicht auf unmittelbarer Erkenntnis beruhenden menschlichen Fühlens, und weil in bezug auf sie nun einmal dem Menschen unübersteigbare Schranken seines Erkennens gesetzt seien.
[ 1 ] Speaking from the perspective of anthroposophy still means, quite understandably, facing significant opposition today, for anthroposophy seeks to speak about the things of life and reality in a way that seems quite peculiar to many people in our time. And especially when a topic such as the one chosen for this evening—the immortality of the soul—is discussed, very strong objections immediately arise, particularly from the more scientifically educated circles of our time, who maintain that, from the standpoint of knowledge, one cannot speak of such things at all, because these matters must be left to matters of faith, to the revelations of human feeling—which, after all, are not based on direct knowledge—and because, when it comes to them, insurmountable barriers to human understanding are simply set before us.
[ 2 ] Nun vermeint aber Anthroposophie, gerade über solche Dinge des Lebens sprechen zu können ganz in der Art, wie heute mit strengen Methoden und mit einer sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt seienden Disziplin vom Gesichtspunkte der Naturwissenschaften aus gesprochen wird. Nur handelt es sich darum, daß Anthroposophie sich richten muß an Erkenntniskräfte, die zwar durchaus im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft vorhanden sind, aber vorhanden sind nur für die Ausgangspunkte ihrer Entwickelung, nicht aber für die weiteren Schritte. Und diese weiteren Schritte müssen gemacht werden, um gerade vom Gesichtspunkte einer wirklichen Erkenntnis aus, nicht von dem einer nebulosen Mystik, in die geistigen Gebiete des Lebens einzudringen. Der Ausgangspunkt muß dabei sein, was ich nennen möchte eine Vereinigung intellektueller Bescheidenheit auf der einen Seite und dem unbedingten Vertrauen in die Vervollkommnung der menschlichen Erkenntniskräfte auf der anderen Seite. Indem Anthroposophie zu einer Vereinigung dieser beiden Seelenimpulse führen will, kommt sie eben dazu, mit derselben Sicherheit über das sogenannte übersinnliche Gebiet etwas erforschen zu können, wie mit Hilfe der Sinne und der Naturwissenschaften heute mit so großem Glück und so sicherem Erfolg in das Gebiet der Sinnenwelt, des physischen Daseins, eingedrungen wird.
[ 2 ] Anthroposophy, however, claims to be able to speak about precisely such aspects of life in exactly the same way that, today, one speaks from the perspective of the natural sciences using rigorous methods and a discipline that is conscious of its responsibility. The point is, however, that anthroposophy must draw upon powers of cognition that, while certainly present in ordinary life and in ordinary science, are present only as the starting points for their development, not for the subsequent steps. And these further steps must be taken in order to penetrate the spiritual realms of life precisely from the standpoint of genuine knowledge, not from that of nebulous mysticism. The starting point here must be what I would like to call a union of intellectual modesty on the one hand and unconditional trust in the perfection of human powers of cognition on the other. By seeking to bring about a union of these two spiritual impulses, anthroposophy is able to explore the so-called supersensible realm with the same certainty as we today, with the aid of the senses and the natural sciences, have so successfully and confidently penetrated the realm of the sensory world, of physical existence.
[ 3 ] Was soll nun in diesem Zusammenhange intellektuelle Bescheidenheit genannt werden? Wir wissen ja, wir sind ausgegangen innerhalb unseres Seelenlebens von der kindlichen Seelenverfassung. Wir können ganz gut diese kindliche Seelenverfassung vergleichen mit einem Träumen, ja sogar in gewisser Beziehung mit einem Schlafe. Und ebenso, wie wir jeden Morgen erwachen aus dem gewöhnlichen Schlafe, so sind wir erwacht aus unserer kindlichen Seelenverfassung zu demjenigen, was uns Erkenntnisfähigkeit für die Wissenschaft und für die Zwecke des praktischen Lebens ist. Wenn man sich nun auf den Standpunkt intellektueller Bescheidenheit stellt, so sagt man sich: Diejenigen Kräfte, die du damals als kleines Kind gehabt hast, die hast du durch Erziehung und durch den Einfluß des Lebens und der Umgebung vervollkommnet, und du hast dich heranentwickelt zu demjenigen Gesichtspunkte, von dem aus du heute deine Erkenntnisse und deine Impulse für das menschliche Leben gewinnst. Man sagt das mit voller Intensität nicht ohne intellektuelle Bescheidenheit. Man sagt vielmehr: Von dem Gesichtspunkt, den ich mir einmal errungen habe, muß ich, wenn ich nur die richtigen, heute üblichen Methoden anwende, über alles Mögliche ein Ja und ein Nein sagen können. Ich muß auch entscheiden können darüber, was erkennbar ist und was in das Gebiet der bloßen Glaubensvorstellung zu versetzen ist. — Dem tritt Anthroposophie gegenüber, indem sie geltend macht, daß ja vielleicht über das, was man sich an Seelenkräften als erwachsener Mensch errungen hat, ebenso hinausgeschritten werden könne, wie über die Erkenntnisfähigkeiten der träumerischen Seelenverfassung des kleinen Kindes. Natürlich kommt es ganz darauf an, ob ein solches Hinausschreiten wirklich gelingt, und von diesem Hinausschreiten möchte ich zu Ihnen heute abend mit Bezug auf das Gebiet der Seelenunsterblichkeit sprechen.
[ 3 ] What, then, should we call intellectual humility in this context? We know, after all, that we have started from the childlike state of mind in our inner life. We can quite well compare this childlike state of mind to dreaming, indeed, in a certain sense, to sleep. And just as we awaken every morning from ordinary sleep, so have we awakened from our childlike state of mind to that which is our capacity for knowledge in science and for the purposes of practical life. If one now adopts a stance of intellectual humility, one says to oneself: The powers you possessed back then as a small child, you have perfected through education and through the influence of life and your surroundings, and you have developed to the point of view from which you now gain your insights and your impulses for human life. One does not say this with full conviction without intellectual humility. Rather, one says: From the perspective I have once attained, I must—if I apply only the correct methods in use today—be able to say “yes” or “no” to all manner of things. I must also be able to decide what is knowable and what belongs in the realm of mere belief. — Anthroposophy counters this by asserting that it may indeed be possible to go beyond what one has attained in terms of soul powers as an adult, just as one can go beyond the cognitive abilities of a small child’s dreamlike state of mind. Of course, it all depends on whether such a transcendence is truly achieved, and it is this transcendence that I would like to discuss with you this evening in relation to the realm of the immortality of the soul.
[ 4 ] Andererseits hat aber Anthroposophie ein volles intensives Vertrauen eben dazu, daß die jeweilig vom Menschen errungenen Erkenntniskräfte immer mehr und mehr vervollkommnet werden können. Dadurch wagt sie sich auf einen solchen Weg der Vervollkommnung, und sie sagt zunächst etwa das Folgende: Wir haben nun einmal heute durch die großartigen Erfolge der Naturwissenschaften zunächst einen gewissen Erkenntnisbegriff errungen. Ist aber dieser Erkenntnisbegriff wirklich aus den vollen Tiefen des Lebens herausgenommen? Er ist gewiß berechtigt für alles dasjenige, was man für sein Gebiet anstrebt. Aber ist er aus den vollen Tiefen des Lebens herausgenommen, indem man gerade diejenigen Fragen des Menschendaseins betrachtet, die zusammenhängen erstens mit den tiefsten Sehnsuchten des menschlichen Lebens, zweitens aber mit alldemjenigen, was der Mensch das Bewußtsein seiner Menschenwürde nennt, drittens mit all demjenigen, woraus er herleitet, was den eigentlichen Sinn des Lebens bedeutet: die moralischen Impulse?
[ 4 ] On the other hand, however, anthroposophy has complete and profound confidence precisely in the fact that the powers of knowledge acquired by human beings can be perfected more and more. As a result, it ventures down such a path of perfection, and it begins by saying something like the following: We have, after all, attained a certain concept of knowledge today through the magnificent achievements of the natural sciences. But is this concept of knowledge truly drawn from the very depths of life? It is certainly valid for everything that falls within its sphere. But has it been drawn from the very depths of life, insofar as it considers precisely those questions of human existence that are connected, first, with the deepest longings of human life; second, with all that which human beings call the awareness of their human dignity; and third, with all that from which they derive what constitutes the true meaning of life: the moral impulses?
[ 5 ] Das alles führt dennoch dahin, zu Hilfe zu nehmen auch gewisse Grenzgebiete und Grenzerscheinungen des Lebens, wenn es sich darum handelt, gerade über diese intimsten Bedürfnisse und Fragen namentlich des Seelendaseins Aufschlüsse zu gewinnen.
[ 5 ] All of this nevertheless leads us to draw upon certain borderline areas and borderline phenomena of life when it comes to gaining insight into precisely these most intimate needs and questions, particularly those concerning the existence of the soul.
[ 6 ] Nicht um etwa damit irgend etwas für die Erkenntnis Gültiges von vornherein sagen zu wollen, sondern um einen vergleichsweisen Ausgang zu gewinnen, lassen Sie mich auf etwas hinweisen, das sich als ein dunkles Gebiet und dennoch als ein viele Rätsel herausforderndes Gebiet ins Leben hereinstellt. Es ist das Gebiet, das ja der Mensch gut kennt, das Gebiet des Träumens, wie es der Mensch schlafend erlebt. Ich möchte ausdrücklich betonen: Nichts soll für die Erkenntnis ausgemacht werden dadurch, daß ich den Traum und den Schlaf anführe, sondern nur ein Ausgangspunkt soll gewonnen werden zu unserer heutigen Verständigung. Stellen wir uns einmal vor die Seele diese mannigfaltigen und bunten Bilderwelten, die uns der Traum vorgaukelt. Wir können gewiß sein, sie kommen aus denselben Tiefen des menschlichen Lebens, aus denen sonst unsere 'Tagesvorstellungen heraufkommen. Allein wir sind uns auch während des Wachens durchaus bewußt, daß wir es bei dieser so außerordentlich interessanten 'Traumwelt höchstens mit einer relativen Wirklichkeit zu tun haben, die wir nur verstehen können, wenn wir sie vom Gesichtspunkte des wachen Lebens heraus auffassen. Man kann sich ja immerhin zunächst hypothetisch vorstellen, der Mensch träume das ganze Leben hindurch, er hätte niemals in seinem Bewußtsein etwas anderes als die bunten, mannigfaltigen Traumbilder erlebt. Könnte da nicht das Leben trotzdem in derselben Weise verlaufen, wie es heute verläuft? Wir könnten durch gewisse Naturmächte oder Geistesmächte, ohne daß wir ein waches Bewußtsein hätten, zu unserer täglichen Arbeit und — wenn es auch einigen Hörern tadelnswert erscheinen mag — vielleicht sogar zur wissenschaftlichen Tätigkeit getrieben werden; wir könnten diese unsere Tätigkeit gewissermaßen schlafwandelnd verrichten. In uns selbst aber könnte nichts ablaufen als dasjenige, was wir als Traumwelt kennen; es würde dann die Außenwelt sich vollständig unterscheiden von dem, was wir im innerlichen Bewußtsein haben.
[ 6 ] Not with the intention of making any claims about its validity for knowledge from the outset, but rather to gain a point of comparison, let me point out something that presents itself as a dark realm and yet as a realm that poses many puzzles. It is the realm that human beings know well—the realm of dreaming, as experienced during sleep. I would like to emphasize explicitly: My reference to dreams and sleep is not intended to establish anything for the sake of knowledge, but merely to provide a starting point for our discussion today. Let us imagine the soul confronting these manifold and colorful worlds of imagery that dreams conjure up for us. We can be certain that they arise from the same depths of human life from which our “daytime perceptions” otherwise emerge. Yet even while awake, we are fully aware that this extraordinarily interesting “dream world” is, at most, a relative reality that we can only understand when viewed from the perspective of waking life. After all, one can at least hypothetically imagine that a person dreams throughout their entire life, having never experienced anything in their consciousness other than the colorful, manifold images of dreams. Couldn’t life still unfold in the same way as it does today? We could be driven by certain natural or spiritual forces—without having any waking consciousness—to our daily work and—though this may seem reprehensible to some listeners—perhaps even to scientific activity; we could carry out these activities, so to speak, as if sleepwalking. Within ourselves, however, nothing could take place other than what we know as the world of dreams; the external world would then be completely different from what we experience in our inner consciousness.
[ 7 ] Wenn man sich das recht überlegt, so kommt man darauf, sich zu sagen: Diese Welt des Traumes, wir kennen sie ja niemals, wenn wir in ihr selber sind. Als eben unsere Wirklichkeit würden wir die Traumwelt ansehen, die wir von unserem Lebensanfang bis zum Lebensende in der geschilderten Weise bei unserer Tätigkeit träumen würden. Daß wir den untergeordneten Wirklichkeitswert des Traumes einsehen, hängt davon ab, daß wir den Lebensruck vom Schlaf zum Erwachen durchmachen, daß wir uns dessen — ich spreche jetzt nicht in philosophischer Erwägung, sondern vom Standpunkte des populären Bewußtseins aus — durch diesen Lebensruck bewußt werden. Wir schalten durch ihn dasjenige, was unser Menschenwesen ist, namentlich dasjenige, was willensartiger Natur ist, in unseren physischen Leib ein. Wer genau zusieht, weiß auch, daß alles das, was uns im wachen Leben durch die Sinne vermittelt wird, durchaus auf der Entfaltung des wirklichen Lebens in dem physischen Leibe während des Wachens beruht. Durch diese Einschaltung unseres Willens in den physischen Leib kommen wir zu dem Gesichtspunkte, von dem aus wir den untergeordneten Wirklichkeitswert des Träumens unterscheiden von jenem Wirklichkeitswert, den die Sinnenwelt für unser erwachendes Bewußtsein hat. Wir wissen nunmehr, wir stehen durch den in unseren Leib eingeschalteten Willen mit einer äußeren Wirklichkeit in Verbindung. Ich will wiederum darüber nicht in philosophischen Erwägungen, sondern ganz vom Standpunkt des populären Bewußtseins aus sprechen.
[ 7 ] If one thinks about it carefully, one comes to realize: We never truly know this world of dreams while we are actually in it. We would regard the dream world—which we would dream throughout our lives, from beginning to end, in the manner described—as our very reality. Our recognition of the subordinate reality of dreams depends on our experiencing the life-transition from sleep to waking, and on becoming aware of it—I am not speaking here in philosophical terms, but from the standpoint of popular consciousness—through this life-transition. Through this shift, we integrate into our physical body that which constitutes our human being—namely, that which is of a volitional nature. Anyone who observes closely also knows that everything conveyed to us in waking life through the senses is entirely based on the unfolding of real life within the physical body during wakefulness. Through this integration of our will into the physical body, we arrive at the perspective from which we can distinguish the subordinate reality of dreaming from the reality that the sensory world holds for our awakening consciousness. We now know that, through the will integrated into our body, we are connected to an external reality. Again, I do not wish to discuss this in terms of philosophical considerations, but rather entirely from the standpoint of popular consciousness.
[ 8 ] Nun entsteht die Frage: Könnte es vielleicht aus diesem gewöhnlichen Tagwachen heraus auf einer höheren Stufe ein zweites Erwachen, einen zweiten Lebensruck geben, durch den wir unsere Lebenskräfte in ein neues Element einschalten, wie wir unseren Willen einschalten, wenn wir aus dem Träumen heraus ins gewöhnliche Wachsein kommen? — Natürlich ist das nur eine Frage, und ihre Beantwortung hängt ganz und gar davon ab, ob man sich auf einen Weg begeben kann, der erstens innerlich sicher ist und zweitens von jedem Menschen durch eigene Anstrengung gegangen werden kann. Kämen wir zu einem solchen zweiten Erwachen, dann würden wir ja durch dieses zweite Erwachen einen Gesichtspunkt gewinnen, durch den wir den Wirklichkeitswert unseres wachen Lebens, von einer höheren Warte aus beobachtend, erkennen, wie wir ihn beim Traum von der höheren Warte des gewöhnlichen Bewußtseins beobachten.
[ 8 ] This raises the question: Could there perhaps be, emerging from this ordinary waking state, a second awakening on a higher level—a second surge of life—through which we channel our life forces into a new element, just as we engage our will when we emerge from dreaming into ordinary wakefulness? — Of course, this is only a question, and the answer depends entirely on whether one can embark on a path that is, first, inwardly secure and, second, one that every person can follow through their own effort. If we were to attain such a second awakening, then through this second awakening we would indeed gain a perspective from which we could recognize the reality of our waking life—observing it from a higher vantage point—just as we observe the dream from the higher vantage point of ordinary consciousness.
[ 9 ] Anthroposophie wendet sich nun zunächst, um es zu einem zweiten Erwachen zu bringen, an Seelenkräfte, wie sie nun einmal im gewöhnlichen Leben vorhanden sind, aber die doch durch die gewöhnliche Natur, die sie haben, schon andeuten, daß sie einer Entwickelung fähig sind. Nun wird ja selbst schon von Philosophen zugegeben, daß, was wir menschliches Erinnerungsvermögen, Gedächtnis nennen, hinweist auf eine, ich möchte sagen, mehr geistige Natur des menschlichen Seelenwesens; daß wir das Gedächtnis nicht so behandeln können, wie wir diejenigen Seelenfähigkeiten behandeln, die unmittelbar an die Eindrücke der äußeren Sinnenwelt gebunden sind. Halten wir uns wieder nicht an philosophische Erwägungen, sondern, so wie wir es im gewöhnlichen Bewußtsein halten, an das, was als Erinnerung im Menschen eine Rolle spielt. Durch die Erinnerung können wir Bilder heraufrufen von Erlebnissen, die wir durchgemacht haben vor vielen Jahren. Je nachdem wir so oder so veranlagt sind, sind diese Bilder lebhafter oder schattenhafter, aber sie stehen eben vor uns. Wenn wir uns dem gewöhnlichen Sinnenbeobachten hingeben, muß dasjenige, was wir vorstellen, gegenwärtig sein; das, was die Erinnerung gibt, ist nicht gegenwärtig, es kann lange vergangen sein. Wir zaubern gewissermaßen durch unsere vorstellende Kraft aus unserem eigenen Inneren vor unsere Seele etwas, was zwar einmal da war, was aber jetzt nicht mehr da ist, was kein gegenwärtiges Dasein haben kann. Dadurch gewinnen wir die Erkenntnis, daß wir in der Lage sind, aus dem menschlichen Innern Erkenntniskräfte hervorzutreiben, welche etwas nicht in der Gegenwart Vorhandenes vorstellen. Und die Frage entsteht: Kann vielleicht durch eine gewisse Weiterentwickelung der Seelenkräfte, wie wir sie entwickelt haben seit unserer ersten Kindheit, dasjenige, was unserer Erinnerungskraft zugrunde liegt, weiterentwickelt werden? Kann es so entwickelt werden, daß wir nicht nur dasjenige vorstellen, was gegenwärtig nicht da ist, aber einmal da war während unseres Erdenlebens, sondern daß wir etwas vorstellen, was überhaupt gar nicht da ist? Da würden wir den Lebensruck machen in eine höhere Wirklichkeit hinein, in eine Wirklichkeit, von der aus das gewöhnliche Erdenleben so erscheint, wie das träumende Leben gegenüber dem wachenden Bewußtsein.
[ 9 ] Anthroposophy now turns, first of all, to the soul forces that are present in ordinary life—forces which, by their very nature, already suggest that they are capable of development—in order to bring about a second awakening. Even philosophers themselves admit that what we call human memory points to—I would say—a more spiritual nature of the human soul; that we cannot treat memory in the same way we treat those soul faculties that are directly linked to impressions from the external sensory world. Let us not dwell on philosophical considerations, but rather—as we do in ordinary consciousness—on what plays a role in human beings as memory. Through memory, we can summon up images of experiences we went through many years ago. Depending on our individual dispositions, these images may be more vivid or more shadowy, but they are there before us. When we engage in ordinary sensory observation, what we perceive must be present; what memory provides is not present—it may have long since passed. Through our power of imagination, we conjure up, as it were, from within ourselves and before our soul something that once existed but is no longer there—something that cannot have a present existence. Through this, we gain the realization that we are capable of drawing forth from within the human being powers of cognition that can imagine something not present in the here and now. And the question arises: Might it be possible, through a certain further development of the soul’s powers—as we have developed them since our earliest childhood—to further develop that which underlies our power of memory? Can it be developed in such a way that we not only imagine what is not present now but once was during our earthly life, but that we imagine something that is not present at all? Then we would make the leap into a higher reality—a reality from which ordinary earthly life appears as dream life does in relation to waking consciousness.
[ 10 ] Einen solchen Versuch zur Entwickelung dessen, was der Erinnerungsfähigkeit zugrunde liegt, macht nun die Anthroposophie, um durch die innere Lebenspraxis zu jenem zweiten Erwachen zu kommen. Sie wendet sich dabei an die menschlichen Gedankenkräfte. Sie sind es ja, die in Vorstellungen dasjenige heraufzaubern, was wir einmal erlebt haben. Und die anthroposophische Forschung verfährt dabei so, daß sie mit dem Gedanken etwas unternimmt, was eigentlich im heutigen Zeitalter mit dem Denken nicht unternommen wird. Das heutige Denken ist — und zwar von gewissen Gesichtspunkten aus mit Recht — mehr darauf ausgehend, sich hinzugeben an die Außenwelt. Die Eindrücke der Außenwelt zunächst auf die Sinne wirken zu lassen, sie zu verarbeiten durch Zählen, Messen, Wägen, sie mit dem Denken zu kombinieren, ist ein passives Denken, ein Denken, das der Mensch für um so sicherer hält in bezug auf die Erkenntnis, je mehr es passiv ist, je mehr es sich hingibt dem, was die äußeren Sinne und Organe aussagen. Ja, um dadurch nicht eine phantastische Erkenntnis zu gewinnen wie manche Philosophen, wendet sich die Anthroposophie derart an das Denken, daß sie dieses Denken weiter zu entwickeln sucht, als wie es im gewöhnlichen Leben ist. Dazu werden leicht überschauliche Vorstellungen, bei denen man zunächst gar nicht darauf sieht, was sie bedeuten, in den Mittelpunkt des gewöhnlichen Bewußtseins gerückt und man konzentriert das ganze Seelenleben auf solche Vorstellungen. Man zieht das Seelenleben von äußeren Eindrücken und dem Außenleben ganz und gar ab, indem man immer mehr sucht, dieses Seelenleben stärker und stärker zu machen auf einer oder einer Reihe überschaubarer Vorstellungen. Dabei kommt etwas heraus, was bei dem einen kürzer, bei dem anderen länger — je nach seiner Seelenanlage — dauert. Der eine braucht drei Monate, der andere viele Jahre. Wiederholt man diese Übungen in rhythmischer Folge, so kommt man in einiger Zeit dazu, etwas an seinem Seelenleben zu bemerken, was ich vergleichen möchte mit etwas im äußeren Leben: Wenn man einen Muskel immer wieder anstrengt, so erkraftet er, wird dadurch stark. Ebenso fühlt man das Seelenvorstellungsvermögen erkraften, indem es sich immer auf eine leicht überschaubare Vorstellung konzentriert; und man fühlt zuletzt, wie das ganze Denken in Aktivität kommt, wie wirkliches Leben, im wahren Sinne inneres Leben in dieses Denken einzieht. Man fühlt allmählich den großen Unterschied, der nicht nur ein bildlicher, sondern ein realer ist, zwischen dem toten und abstrakten Denken und jenem, zu welchem wir hinstreben und welches wir aufnehmen wollen zu einem innerlichen Leben im denkerischen Elemente.
[ 10 ] Anthroposophy now undertakes such an attempt to develop what underlies the faculty of memory, in order to attain that second awakening through inner spiritual practice. In doing so, it turns to the human powers of thought. For it is these powers that conjure up in our imagination what we have once experienced. And anthroposophical research proceeds in such a way that it does something with thought that is not actually done with thinking in the present age. Contemporary thinking is—and rightly so from certain points of view—more oriented toward surrendering to the external world. Allowing impressions from the external world to first act upon the senses, processing them through counting, measuring, and weighing, and combining them with thought—this is a passive form of thinking, a form of thinking that people consider all the more reliable in terms of knowledge the more passive it is, the more it surrenders to what the external senses and organs convey. Indeed, in order to avoid thereby gaining a fanciful understanding, as some philosophers have done, anthroposophy approaches thinking in such a way that it seeks to develop this thinking beyond what it is in ordinary life. To this end, easily comprehensible images—whose meaning one does not initially even consider—are brought into the center of ordinary consciousness, and one concentrates one’s entire soul life on such images. One completely withdraws the soul life from external impressions and external life by seeking more and more to strengthen this soul life on the basis of one or a series of comprehensible images. The result is a process that lasts a shorter time for one person and a longer time for another—depending on their spiritual disposition. For one person it takes three months; for another, many years. If one repeats these exercises in a rhythmic sequence, one will eventually come to notice something in one’s inner life that I would like to compare to something in external life: When one repeatedly exerts a muscle, it gains strength through this effort. In the same way, one feels the soul’s power of imagination growing stronger as it repeatedly concentrates on a clearly comprehensible concept; and one eventually feels how the entire process of thinking becomes active, how real life—in the true sense, inner life—flows into this thinking. One gradually senses the great difference—which is not merely figurative but real—between dead, abstract thinking and the kind of thinking toward which we strive and which we wish to incorporate into an inner life within the realm of thought.
[ 11 ] Ich sagte, man muß von einer überschaubaren Vorstellung ausgehen. In dem, was ich Ihnen heute über die Übungen des Seelenlebens anführen werde, handelt es sich darum, daß jeder Schritt mit voller menschlicher Besonnenheit so verfolgt wird, wie sonst nur der Mathematiker seine Schritte verfolgt oder der Geometer, der sich bewußt ist, wenn er das eine aus dem anderen hervorholt, wie Figur an Figur sich schließt, wie Zahl auf Zahl folgt. Dieses Bewußtsein, welches der anthroposophische Forscher empfindet wie der strenge Mathematiker: Rechenschaft schuldig zu sein als Forscher — dieses Bewußtsein muß walten.
[ 11 ] I said that one must start from a clear and manageable concept. What I will describe to you today regarding the exercises of the soul life involves following each step with full human prudence, just as a mathematician or a geometer would follow his steps—one who is conscious of how one element is derived from another, how one figure follows another, and how one number follows another. This awareness—which the anthroposophical researcher feels just as the rigorous mathematician does: the sense of being accountable as a researcher—this awareness must prevail.
[ 12 ] Dabei müssen natürlich ausgeschlossen sein alle Selbstsuggestionen, alles irgendwie Subjektive. Das kann aber niemals ausgeschlossen werden, wenn wir uns beliebige Vorstellungen aus unserem Seelenleben heraufnehmen; die haben viele Anklänge an das Leben in sich, die suggerieren uns vielfach irgend etwas. Wenn wir uns aber Vorstellungen zusammenstellen, die vielleicht gar keine äußere Bedeutung für uns haben, wie «Licht — Weisheit» — und immer wieder auf eine solche Vorstellung, deren Wirklichkeitswert uns dabei gleichgültig bleibt, uns mit dem ganzen Seelenleben konzentrieren, so erstarkt die denkerische Fähigkeit in uns. Dadurch gelangen wir dazu — wie gesagt, bei dem einen dauert es kürzer, bei dem andern länger —, zu wissen, was das heißt: Leben im Denken; denn es findet in der Tat nach und nach eine Art Loslösung eines höheren Menschen statt von demjenigen Menschen, von dem wir wissen, er wohnt in unserem physischen Leibe. So wie wir uns in unserem physischen Leibe bewußt werden, es ist etwas Lebendes, wenn wir die Beine bewegen, die Hände bewegen, so werden wir uns durch eine solche Übung bewußt: Es ist etwas Wirkliches, Lebendes, Reales, Lebenswirkliches, wenn ich mich in dem erkrafteten Denken bewege.
[ 12 ] Of course, all forms of self-suggestion—anything even remotely subjective—must be ruled out. But this can never be fully ruled out when we draw upon arbitrary ideas from our inner life; these ideas contain many echoes of life that often suggest something to us. But when we assemble ideas that may have no external significance for us at all—such as “light—wisdom”—and repeatedly concentrate our entire inner life on such an idea, the reality of which remains indifferent to us, our capacity for thought is strengthened. Through this—as I said, it takes less time for some, longer for others—we come to know what it means to “live in thought”; for, in fact, a kind of detachment gradually takes place between a higher self and the human being we know to dwell within our physical body. Just as we become aware in our physical body that there is something alive when we move our legs or hands, so through such an exercise we become aware that there is something real, alive, and truly vital when I move within this invigorated thinking.
[ 13 ] Man könnte grob sagen: Wir kommen endlich durch diese Krafterscheinungen, durch die man geistig tastet, wie man sonst mit seinen Fingern physisch tastet, dazu, einen höheren Menschen an uns zu erleben. Dadurch erfährt man nach und nach, wie man einen höheren Menschen, der in diesem Denken erlebt ist, losreißt vom physischen Menschen; und man ist beim übersinnlichen Erlebnis angekommen, beim Erlebnis des übersinnlichen Menschen, insofern er zwischen Geburt und Tod durchs Erdenleben geht. Dadurch, daß man sich da in der innerlichen Denkfähigkeit zur Beobachtung aufgeschwungen hat, kommt man dazu, daß man durch jene Denkfähigkeit den Raum überwindet, die Gegenwart überhaupt überwindet und zu einem Erleben in der Zeit kommt. Ja, man fühlt dasjenige, was man als den zweiten, losgelösten Menschen erlebt, nicht eigentlich als Raumesmenschen. Der ist der physische Mensch. Man findet, daß man den zweiten so erlebt als einen nur in der Zeit fluktuierenden Menschen. Und dasjenige, was man da erlebt, gliedert sich zu einer Art T’ableau zusammen, das in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit einen überschauen läßt das Erdenleben von allererster Kindheit bis zu dem Zeitpunkt, den man eben erreicht hat.
[ 13 ] One could say, roughly speaking: Through these manifestations of power—through which we feel our way spiritually, just as we would otherwise feel our way physically with our fingers—we are finally able to experience a higher human being within ourselves. Through this, one gradually learns how to detach a higher human being—who is experienced in this way of thinking—from the physical human being; and one has arrived at the supersensible experience, the experience of the supersensible human being, insofar as he passes through earthly life between birth and death. By having elevated oneself to observation through the inner capacity for thought, one comes to overcome space—and indeed, the present itself—through that very capacity, and arrives at an experience within time. Indeed, one does not actually perceive what one experiences as the second, detached human being as a spatial being. That is the physical human being. One finds that one experiences the second human being as one who merely fluctuates in time. And what one experiences there coalesces into a kind of tableau that, in a relatively very short time, allows one to survey one’s earthly life from the very earliest childhood up to the point one has just reached.
[ 14 ] Es ist ein großer Unterschied zwischen den zwei Dingen: dem Lebenstableau und meinen Erinnerungen. Man könnte sagen: Ich kann mir ja auch dieses Erdenleben zusammenstellen aus meinen Erinnerungen. Ich kann mir aus meinem Gedächtnis zusammenstellen, was ich erlebt habe vor kürzerer oder längerer Zeit. Und wenn ich mir die Mühe gebe und wenn ich mir Zeit lasse, dann werde ich ein Gesamterinnerungsbild meines Erdenlebens haben. Und es könnte sein, daß ich mich darüber selbst täusche, daß ich bei einer solchen Überprüfung in meinem Lebenstableau, das überschaubar ist in kurzer Zeit, etwas habe, was mit Hilfe unterbewußter Seelenkräfte mir etwas ähnliches wie ein bewußtes Erinnerungsbild vor meinen Geist brächte. — Aber man bemerkt nach und nach, daß ein großer Unterschied ist zwischen dem, was man im Gedächtnis zusammenstellt, und einem solchen Seelenlebenstableau, das als eine erste übersinnliche Erkenntnis, zunächst als eine Selbsterkenntnis vor der Seele dasteht. Denn wenn man sich als Erinnerungsbild die Erlebnisse zusammenstellt, dann sieht man eigentlich immer dasjenige vor sich, was von außen auf einen gewirkt hat. Man sieht Menschen, Naturereignisse, die äußeren Dinge, die für einen Interesse haben.
[ 14 ] There is a big difference between these two things: the tableau of life and my memories. One could say: I can, after all, piece together this earthly life from my memories. I can reconstruct from my memory what I have experienced, whether recently or long ago. And if I make the effort and take my time, I will have a comprehensive picture of my earthly life based on my memories. And it could be that I deceive myself about this—that during such a review of my life tableau, which can be grasped in a short time, I have something that, with the help of subconscious soul forces, brings before my mind something similar to a conscious memory image. — But one gradually realizes that there is a great difference between what one pieces together in memory and such a tableau of soul life, which stands before the soul as a first supersensory insight, initially as self-knowledge. For when one pieces together experiences as a mental image, one actually always sees before oneself that which has acted upon one from the outside. One sees people, natural phenomena—the external things that are of interest to one.
[ 15 ] Bei diesem Lebenstableau ist es ganz anders. Da hat man sozusagen viel weniger im Auge dasjenige, was von außen an einen herangekommen ist, sondern man hat dasjenige im Auge, was von innen heraus gewirkt hat. Habe ich einen Menschen im Leben kennengelernt, so erinnere ich mich durch dieses Lebenstableau viel weniger daran, wie er mir entgegengetreten ist, sondern welche Sehnsuchten in meiner eigenen Brust erregt worden sind, um gerade an diesem Menschen etwas Besonderes zu finden. Habe ich in diesem Lebenstableau irgendeine Naturerscheinung, so machen sich dabei nicht so sehr die interessanten Seiten der Naturerscheinung geltend, sondern diejenigen Impulse, die aus dem eigenen Menschenleben diese Naturerscheinung mit besonderer Sympathie oder Antipathie verfolgen. Dasjenige, was sich in diesem Tableau vor meine Seele hinstellt, das bin ich selbst, wie ich mich verhalten habe zu dem, was ich durchgemacht habe. Man könnte sagen, wenn man grobe Vergleiche ziehen will: Dieses Erinnerungstableau, das ich geschildert habe, das erst nach einer solchen Überprüfung erlangt werden kann, unterscheidet sich von einem gewöhnlichen, durch das Gedächtnis zustande gebrachten Erinnerungstableau so, wie der Eindruck im Petschaft vom Eindruck im Siegellack. Es ist wie das Negativbild zu dem Positivbild desjenigen, was wir durch das gewöhnliche Erinnerungsbild zusammenstellen können.
[ 15 ] With this tableau of life, it is quite different. Here, one focuses much less, so to speak, on what has come to one from the outside, but rather on what has worked from within. If I have met a person in my life, this tableau of life makes me recall far less how that person appeared to me, and far more the longings that were stirred within my own heart to find something special in that very person. If I encounter a natural phenomenon in this tableau of life, it is not so much the interesting aspects of the phenomenon that stand out, but rather those impulses arising from my own life that cause me to view this phenomenon with particular sympathy or antipathy. What stands before my soul in this tableau is myself, as I have behaved toward what I have gone through. One could say, if one wishes to draw rough comparisons: This tableau of memory that I have described—which can only be attained after such an examination—differs from an ordinary tableau of memory produced by the memory itself in the same way that an impression in a seal differs from an impression in sealing wax. It is like the negative image to the positive image of what we can reconstruct through the ordinary image of memory.
[ 16 ] So sind wir zunächst, wenn wir die erste Stufe des seelischen Übens durchgemacht haben, zu einer wahren Selbsterkenntnis unseres Erdenlebens gekommen. Denn eine solche Selbsterkenntnis ist da. Immer mischen sich Nuancen hinein. In diesem Erinnerungstableau sieht man, was einen vorwärts gebracht hat; dann sagt man sich: Da ist etwas, was dich unvollkommen gemacht, zurückgebracht hat. — Man stellt sich mit Menschenwert und Menschenwürde in dieses Erinnerungstableau, und man erlangt durch die erst geweckte Erkenntnis eine Vorstellung desjenigen, was man gegenüber der äußeren Wirklichkeit und den sinnlichen Kräften eigentlich erst jetzt berechtigt ist, den «Ather» der Welt zu nennen. Den Äther der Welt, der nur im Zeitlichen lebt und der uns in gewissem Maße ein Stück gibt zu dem, was ich jetzt als die erste Gestalt des vom physischen losgelösten höheren Menschen geschildert habe.
[ 16 ] Thus, once we have completed the first stage of spiritual practice, we have arrived at a true self-knowledge of our earthly life. For such self-knowledge is there. Nuances are always intertwined with it. In this tableau of memories, one sees what has brought one forward; then one says to oneself: There is something that has made you imperfect, that has held you back. — One places oneself within this tableau of memories with human worth and human dignity, and through the insight that has just been awakened, one gains a conception of that which—in relation to external reality and the sensory powers—one is actually only now entitled to call the “ether” of the world. The ether of the world, which exists only in the temporal realm and which, to a certain extent, gives us a glimpse of what I have just described as the first form of the higher human being detached from the physical.
[ 17 ] Aber man hat nicht vielerlangt mit diesem ersten Schritte. Willman mehr, so muß man eben unternehmen, diese Seelenübungen fortzusetzen. Die nächsten Seelenübungen bestehen darin, daß man einen stark aktivierten inneren Willen aufwendet, um die Vorstellungen aus dem Bewußtsein wieder fortzuschaffen, wie man einen Willen aufgewendet hat, um solche Vorstellungen zur Kräftigung des Wesens ins Bewußtsein hineinzustellen und sich darauf zu konzentrieren. Wie gesagt, es muß volle Besonnenheit herrschen wie beim Mathematiker. Denn es muß gesagt werden: Wir werden in einer gewissen Weise hingenommen mit unserem ganzen Seelenleben von der Vorstellung, die bald in den Mittelpunkt des Bewußtseins rückt. Und namentlich dann, wenn das Denken schon so lebendig geworden ist, daß wir nur diese Vorstellung selbst im Bewußtsein haben, und daß nicht nur solche Vorstellungen da sind, sondern daß auftritt wie in mächtigen Bildern in dem geschilderten Tableau das eigene innere Erleben — da wird man stark hingenommen von dem, was man in einem solchen bis zur Lebendigkeit gesteigerten Bilde vor der Seele hat. Es ist eine höhere Kraft notwendig, um solche Vorstellungen wieder fortzuschaffen aus dem Bewußtsein, als notwendig ist, um gewöhnliche Vorstellungen aus dem Bewußtsein wegzubringen. Man weiß ja übrigens, was es heißt, gewöhnliche Vorstellungen aus dem Bewußtsein wegzubringen. Man versuche sich das ehrlich zu gestehen.
[ 17 ] But this first step has not achieved much. If one wants more, one must simply undertake to continue these spiritual exercises. The next spiritual exercises consist of applying a strongly activated inner will to remove the images from consciousness, just as one applied will to bring such images into consciousness to strengthen the being and to concentrate on them. As I said, one must maintain complete composure, just as a mathematician does. For it must be said: In a certain sense, our entire inner life is carried away by the image that soon moves into the center of our consciousness. And especially when thinking has already become so vivid that we have only this image itself in our consciousness—and not only are such images present, but our own inner experience emerges, as in powerful images within the tableau described—then one is strongly captivated by what one has before one’s soul in such an image heightened to the point of vividness. It takes a greater effort to banish such images from consciousness than it does to banish ordinary images. After all, we know what it means to banish ordinary images from consciousness. Let us try to admit this honestly to ourselves.
[ 18 ] Wenn die Sinne schweigen, überdies das sinnlich Wahrgenommene schweigt, wenn die Denkkombination schweigt und die Vorstellungen und Empfindungen gewissermaßen aus dem Bewußtsein fortgeschafft werden, dann schläft der Mensch ein. Wenn nicht die Anregung da ist durch das Vorstellungsvermögen, hat er nicht die Stärke, den wachenden Zustand aufrecht zu erhalten. Hat man aber jene Seelenstärke, die notwendig ist zu dem, was ich geschildert habe, dann hat man auch die Stärke, die erworbenen Vorstellungen, die auf diese Art durch ein inneres verstärktes Leben dann in uns hereinkommen, wiederum fortzuschaffen, das ganze Bewußtsein leer zu halten vom Vorstellen und dennoch wach zu bleiben. Nur wach sein, nichts vorstellen, das ist dasjenige, was als zweiter Zustand angestrebt werden muß: Inhaltleeres wachendes Bewußtsein! Aber dieses inhaltleere wachende Bewußtsein, man kann es innerlich gewahr werden, es bleibt aber nicht lange so. Hat man es jedoch einmal hergestellt, so tritt die zweite Stufe geistigen Erkennens ein. Dann wird man nicht nur gewahr das vorhin Geschilderte, das im Menschen lebt, dann drängt herein in dieses wache, inhaltsfreie Bewußtsein, in dieses leere Bewußtsein, der geistige Inhaltunserer Weltumgebung. Und der zweite Mensch, der sich erst losgelöst hat vom physischen, körperlichen Menschen, der seiner selbst bewußt war im Verlaufe seines ganzen Erdenlebens, der wird jetzt nicht nur seiner selbst bewußt sein, sondern er nimmt durch dieses höhere Selbstbewußtsein eine Geisteswelt seiner Umgebung auf. Wieder taucht vor unserer Seele etwas auf, was dem gegenwärtigen Menschen absonderlich und fremd erscheint, was aber doch in dem enthalten ist, was ich die zweite Stufe der geistigen Erkenntnis des Menschen, die Inspiration genannt habe. Eine exakte Inspiration tritt da auf; wie überhaupt alles dasjenige, was ich hier geschildert habe, nicht verwechselt werden darf mit dem, was man oft in einer nebulosen Mystik das sogenannte Hellsehen nennt. Will man diesen Ausdruck gebrauchen, so darf man nur sprechen von einer exakten Voyance, die nur beruht auf der Entwickelung der Seelenkräfte, so wie das mathematische Denken, das ja keine äußere Wirklichkeit in sich hat, sondern nur eine, welche innerlich geformt ist, und der nur das mathematische Denken hinzugefügt werden muß, wenn es sich auf die Sinneswelt erstreckt, wie beim Messen, Zählen, Wägen und so weiter.
[ 18 ] When the senses are silent, and what is perceived by the senses is also silent, when the thought process is silent, and ideas and sensations are, so to speak, removed from consciousness, then a person falls asleep. If there is no stimulation from the imagination, he lacks the strength to maintain the waking state. But if one possesses the strength of soul necessary for what I have described, then one also has the strength to banish the acquired ideas—which enter us in this way through an inner, intensified life—and to keep the entire consciousness free of imagination while still remaining awake. Simply being awake, imagining nothing—that is what must be strived for as the second state: a waking consciousness devoid of content! But this waking consciousness devoid of content—one can become inwardly aware of it, yet it does not remain that way for long. Once it has been established, however, the second stage of spiritual cognition begins. Then one becomes aware not only of what was described earlier—that which lives within the human being—but the spiritual content of our worldly surroundings also pours into this alert, content-free consciousness, into this empty consciousness. And the second human being—who has first detached himself from the physical, corporeal human being, who was self-aware throughout his entire earthly life—will now not only be self-aware, but through this higher self-awareness, he will take in a spiritual world from his surroundings. Once again, something emerges before our soul that appears strange and alien to modern humanity, yet which is contained within what I have called the second stage of human spiritual cognition: inspiration. A precise form of inspiration occurs here; indeed, everything I have described here must not be confused with what is often referred to in nebulous mysticism as so-called clairvoyance. If one wishes to use this term, one may speak only of precise voyance, which is based solely on the development of the soul’s powers—just as mathematical thinking, which has no external reality in itself but only one that is formed internally, and to which mathematical thinking must simply be added when it extends to the sensory world, as in measuring, counting, weighing, and so on.
[ 19 ] Diesem, was man sich in einem innerlich lebendigen Denken gedacht hat, das nachgebildet ist dem besonderen mathematischen Denken, diesem lebendigen Denken muß hinzugefügt werden, was ich Ihnen hier geschildert habe. Und man kommt durch diese geistige Arbeit so zu einer Erkenntnis, wie wir durch das Messen, Zählen und Wägen zu einer Erkenntnis gelangen. Und dasjenige, was eintritt, ist ein Zustand des Seelenlebens, den man im gewöhnlichen Bewußtsein nicht kennt, weil man ihn nicht nötig hat. Ich möchte klarmachen, welcher Zustand des Seelenlebens eintritt, wenn waches leeres Bewußtsein erreicht ist.
[ 19 ] To this—what one has conceived in a vivid inner thought process modeled on specific mathematical thinking—to this vivid thought process, one must add what I have described to you here. And through this mental work, one arrives at a realization in the same way that we arrive at a realization through measuring, counting, and weighing. And what arises is a state of soul life that is unknown in ordinary consciousness, because it is not needed there. I would like to clarify what state of soul life arises when an alert, empty consciousness is attained.
[ 20 ] Wir denken uns zunächst in einer modernen Weltstadt, mit allem ihrem Getöse, ihrem Lärm; wir kommen selbst nicht zur Ruhe, wir gehen selbst auf in diesem Lärm, in diesem Getöse. Dann entfernen wir uns vondieser Weltstadt— das Getöse, der Lärm werden immer stiller; wenn wir uns noch weiter entfernen, noch stiller. Wir stellen uns vor, wir kommen in die Einsamkeit des Waldes. Da ist eine Stille erreicht, die wir gegenüber dem Getöse der Stadt mit Null bezeichnen können in bezug auf das Lautsein. Stille um uns, Stille in uns. Aber nun kann noch etwas anderes eintreten, obwohl es im gewöhnlichen Leben nicht beobachtet wird. Da müssen wir uns eines zweiten Vergleiches bedienen. Sie wissen ja, wenn jemand ein bestimmtes Vermögen hat, so kann dieses Vermögen nach und nach ausgegeben werden; er besitzt immer weniger und weniger. Wenn er nichts dazuverdient, wenn er weiter ausgibt, dann ist er heruntergekommen bis zu Null. Wenn er gar nichts mehr hat und er noch weiter ausgibt, macht er Schulden; dann hat er weniger als Null. Die Mathematiker bezeichnen das mit negativen Größen, mit Minus. Nun stellen Sie sich vor: Wir sind heruntergestiegen von dem lauten Getöse, dem Lärm der Großstadt zur Stille Null und steigen weiter hinunter, und es wird stiller und ruhiger als Stille und Ruhe Null, so daß wir weniger um uns haben als bloß Stille, daß es stiller ist, ruhiger als ruhig. Das ist der Seelenzustand, der nach und nach eintritt, wenn wir hindurchgehen durch das leere aber doch wache Bewußtsein. Wir fühlen nach und nach ganz klar dasjenige, was ich nennen möchte: das tiefe Schweigen der menschlichen Seele. Dieses tiefe Schweigen ist nicht nur Ruhe, es ist mehr oder weniger, wie Sie wollen, als Ruhe. Es geht in bezug auf das Ruhigsein noch unter die Ruhe Null herunter. Dann aber tritt, wenn dieses tiefe Schweigen der Seele wirklich erlebt wird, alles dasjenige aus diesem tiefen Schweigen der Seele hervor, was um uns herum von geistiger Wesenheit ist. Und die volle Inspiration tritt ein.
[ 20 ] First, we imagine ourselves in a modern metropolis, with all its clamor and noise; we ourselves cannot find peace; we ourselves are absorbed in this noise, in this clamor. Then we move away from this metropolis—the clamor and noise grow ever quieter; as we move even further away, they grow even quieter. We imagine ourselves entering the solitude of the forest. There we find a silence that, compared to the clamor of the city, we might describe as zero in terms of loudness. Silence around us, silence within us. But now something else can occur, even though it is not observed in everyday life. Here we must resort to a second comparison. As you know, if someone has a certain amount of wealth, that wealth can be spent little by little; they possess less and less. If they earn nothing more, yet continue to spend, they will have depleted their wealth down to zero. If they have nothing left at all and continue to spend, they go into debt; then they have less than zero. Mathematicians refer to this as negative quantities, as “minus.” Now imagine this: We have descended from the loud clamor, the noise of the big city, to the silence of zero, and we continue to descend, and it becomes quieter and more peaceful than the silence and peace of zero, so that we have less around us than mere silence—it is quieter, more peaceful than peaceful. This is the state of the soul that gradually sets in as we pass through this empty yet alert consciousness. Little by little, we clearly sense what I would like to call the deep silence of the human soul. This deep silence is not merely tranquility; it is, more or less—as you will—beyond tranquility. In terms of stillness, it goes even below zero stillness. But then, when this deep silence of the soul is truly experienced, everything of spiritual essence that surrounds us emerges from this deep silence of the soul. And full inspiration sets in.
[ 21 ] Dann werden wir in die Lage versetzt, wenn wir dieses tiefe Schweigen der Seele erlebt haben, tatsächlich auch jetzt geistig zu hören dasjenige, was in der geistigen Welt lebt. Und es wird die gewöhnliche sinnliche Welt für uns zum Mittel, um das anzudeuten, was in dieser geistigen Welt lebt. Ich möchte ganz konkret von wirklicher geistiger Erkenntnis sprechen. Es tönt aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus etwas, was auf mich den Eindruck macht: es erregt mich, es geht mit einer gewissen Lebendigkeit auf mich los. Ich sage, das ist etwas, was auf mich den Eindruck macht, wie bei einem lebhaften Seelenleben die gelbe Farbe auf mich Eindruck macht. Dann habe ich in der Sinneswelt etwas, wodurch ich ausdrücken kann, was ich in der geistigen Welt erlebt habe. Ich bezeichne diese Erkenntnis, indem ich sage: Es wirkt auf mich wie die gelbe Farbe der Sinneswelt, oder wie der Ton c oder cis, wie Wärme oder Kälte. Kurz, es wird für mich dasjenige, was ich in der Sinnenwelt erlebt habe, ein Material, wie in gewöhnlichen Worten das zu beschreiben ist, was mir in der geistigen Welt erscheint. Die ganze Sinnenwelt wird so etwas wie eine Sprache, um das auszudrücken, was man in der geistigen Welt erlebt. Das verstehen diejenigen nicht, die allzuschnell vorankommen wollen und deshalb beim oberflächlichen Urteil stehenbleiben. Ein Erlebnis tritt dem Forscher entgegen, das den gleichen Eindruck auf ihn macht, wie die sinnliche Farbe, und deshalb bezeichnet er dasjenige, was er geistig erlebt, durch Farben, Töne und so weiter. Geradeso, wie jemand nicht verwechseln sollte das Wort «Tisch» mit dem wirklichen Tische, so sollte jetzt nicht verwechselt werden mit demjenigen, wodurch sie beschrieben wird, die geistige Welt selbst, die aus dem tiefen Schweigen ersprießt.
[ 21 ] Then, once we have experienced this deep silence of the soul, we are actually enabled to hear spiritually, even now, what lives in the spiritual world. And the ordinary sensory world becomes for us a means of hinting at what lives in this spiritual world. I would like to speak quite specifically about true spiritual knowledge. Something resounds from the deep silence of the soul that makes an impression on me: it stirs me; it comes at me with a certain liveliness. I say that this is something that makes an impression on me, just as the color yellow makes an impression on me in a lively soul life. Then I have something in the sensory world through which I can express what I have experienced in the spiritual world. I describe this insight by saying: It affects me like the color yellow in the sensory world, or like the note C or C-sharp, like warmth or cold. In short, what I have experienced in the sensory world becomes, for me, a material with which to describe in ordinary words what appears to me in the spiritual world. The entire sensory world thus becomes something like a language for expressing what one experiences in the spiritual world. Those who want to proceed too quickly and therefore remain stuck at a superficial judgment do not understand this. The researcher encounters an experience that makes the same impression on him as a sensory color, and therefore he describes what he experiences spiritually through colors, tones, and so on. Just as one should not confuse the word “table” with the actual table, so too should one not confuse the spiritual world itself—which springs forth from deep silence—with the means by which it is described.
[ 22 ] Hat man diesen Standpunkt erreicht, so kommt man dazu, dieses ganze Lebenstableau, das man zuerst heraufgezaubert hat, in sich auszulöschen; nicht nur einzelnen Vorstellungen gegenüber leeres Bewußtsein hervorzurufen, sondern dem ganzen Erdenleben des Menschen gegenüber, und zwar gerade in seiner innerlichen Gestalt. Man löscht sich dann gewissermaßen selbst als Erdenmensch aus. Dadurch aber, daß man jetzt die Möglichkeit hat, nach dem Auslöschen des Erdenselbst, das an den physischen Leib des Menschen gebunden ist, das tiefe Schweigen der menschlichen Seele zu erleben, dadurch erlebt man nun dasjenige, was man als geistig-seelischer Mensch geworden ist, bevor man aus der Geisteswelt heruntergestiegen ist und den physischen Leib um sich herumgekleidet hat. Man erlebt aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus das Geistig-Seelische, das man war im vorirdischen Dasein. Und ebenso, wie man im physischen Leibe zu seiner physischen Umgebung gelangte, so gelangt man, indem man sich in dasjenige hereinversetzt, was man in der geistig-seelischen Welt war, dazu zu erkennen, wie man im vorirdischen Dasein in der Umgebung von geistig-seelischen Wesen war, selbst als ein seelisch-geistiges Wesen, als ein gleichartiges Wesen. Man gelangt vollständig anschauend in jene Geisteswelt hinein, aus der man herabgestiegen ist zum Erdendasein.
[ 22 ] Once one has reached this point of view, one comes to erase within oneself this entire tableau of life that one initially conjured up; not merely to evoke a state of empty consciousness in relation to individual ideas, but in relation to the entirety of human life on Earth—and specifically in its inner form. One then, in a sense, erases oneself as an earthly human being. But because one now has the opportunity—after extinguishing the earthly self, which is bound to the human physical body—to experience the deep silence of the human soul, one now experiences what one had become as a spiritual-soul being before descending from the spiritual world and clothing oneself in the physical body. Out of the deep silence of the soul, one experiences the spiritual-soul being that one was in pre-earthly existence. And just as one came into contact with one’s physical surroundings while in the physical body, so too, by immersing oneself in what one was in the spiritual-soul world, one comes to recognize how, in one’s pre-earthly existence, one was in the midst of spiritual-soul beings—one’s self as a soul-spiritual being, as a being of the same kind. One enters fully and with clear insight into that spiritual world from which one descended to earthly existence.
[ 23 ] Man kann gewahr werden, daß im gewöhnlichen Leben die Ewigkeit der Menschenseele nur nach der einen Seite hin erforscht wird, der Seelenunsterblichkeit. Aber diese Seelenunsterblichkeit hat eine andere Seite, für welche die ältere Sprache noch ein Wort hatte, doch nicht mehr die moderne Sprache. Diese Seelenewigkeit hat nicht nur die eine Seite, die der Unsterblichkeit, sondern auch die der Ungeborenheit, und erst aus der Ungeborenheit und Unsterblichkeit setzt sich die volle Seelenewigkeit zusammen. So gelangt man nicht durch metaphysische Spekulationen, sondern indem man die Seele selbst weckt, und aus dem tiefen Schweigen der Seele heraus zu dem, was ewig ist in der menschlichen Seele, ewig war und geistig dagewesen ist, bevor der Mensch heruntergestiegen ist zum irdischen Dasein, und ewig bleibt, indem es wohnt zwischen Geburt und Tod im physischen Menschenleibe.
[ 23 ] One can realize that, in everyday life, the eternity of the human soul is explored only from one perspective: that of the soul’s immortality. But this immortality of the soul has another aspect, for which the older language still had a word, though modern language no longer does. This eternity of the soul has not only the aspect of immortality, but also that of non-birth, and it is only through the combination of non-birth and immortality that the full eternity of the soul is constituted. Thus, one arrives not through metaphysical speculation, but by awakening the soul itself and, from the deep silence of the soul, reaching what is eternal in the human soul—what was eternal and spiritually present before the human being descended into earthly existence, and what remains eternal as it dwells between birth and death in the physical human body.
[ 24 ] Aber nur stufenweise können wir uns dem Ewigkeitscharakter nähern auch durch anthroposophische Geistesforschung. Als die dritte Stufe muß ich etwas erwähnen, was insbesondere denen, die hier mit den gewohnten wissenschaftlichen Vorstellungen sitzen, vielleicht ein leichtes Gruseln verursacht, vielleicht einen innerlichen Hohn. Ich kann das sehr gut verstehen, wie überhaupt alle gegnerischen Einwendungen gegen Anthroposophie. Etwas, was man im gewöhnlichen Leben schon hat, kann weiter entwickelt werden zu einer höheren Erkenntniskraft, wie die Kräfte des Kindes zu dem, was wir im erwachsenen Zustande weiterentwickelt haben, und das ist die Kraft des Liebens. Lieben ist etwas ganz anderes, wenn es an den menschlichen Leib gebunden ist, wenn dieser sich den Leidenschaften hingibt, die sich im Lieben ausleben, als wenn es, nachdem so, wie ich es geschildert habe, das physische Ich, ja sogar das ErdenIch von der Geburt bis zum Tod, abgestreift ist, wenn sich der Mensch hineinlebt aus dem physischen Dasein in den Zustand, in dem er rein Geistigem gegenübersteht. Wenn er dabei die Kräfte des Liebens, des völligen Hingegebenseins entwickelt, da gestaltet sich dasjenige, was er anschauend erkennend erlebte, was er im vorirdischen Zustande war, was er jetzt voll einsieht, um in der Erkenntnis. Er erfährt, was es heißt, außerhalb seines physischen Leibes mit Realität ein volles Bewußtsein zu erleben. Und wenn er dieses Hingegebensein an das geistige Erleben so erfährt, dann wird ihm sein Ich in einer neuen Weise zurückgegeben. Das Ich, welches im Erdenleben in Selbstsucht und Egoität lebt, welches überwunden wird, indem man solche Selbsterkenntnis erwirbt, wie sie erworben wird dann, wenn dieses Ich zweimal ausgelöscht ist, entwickelt so auf einer seelischgeistigen Stufe das volle Lieben, und es tritt einem dann etwas entgegen, was zunächst einem erscheint wie ein völlig fremder Mensch, wie eine völlig fremde Persönlichkeit. Wenn man dies anstrebt, so kommt es am allerwenigsten. Anstreben soll man jene Liebe, die ich geschildert habe. Dann tritt, weil man ganz aus sich herausgehen kann, einem das entgegen, was man selbst ist, aber wie eine fremde Persönlichkeit, und man sieht dann erst ein, wie dieses Selbst war im vergangenen Erdenleben, das man durchgemacht hat, bevor man zu diesem Erdenleben gekommen ist; man sieht erst dann ein, wie das Ich vorhanden war in früherer Daseinsstufe auf der Erde, wenn man in der Lage ist, durch erhöhte, erkraftete Liebe sich wie ein zweiter Mensch zu fühlen. Man sieht zurück bis zu einem gewissen Punkte der Zeitenentwickelung, wo das Ich als Ich einen Anfang genommen hat, wo die wiederholten Erdenleben einen Anfang genommen haben. Aber davon kann jetzt nicht gesprochen werden. Es kann nur davon gesprochen werden, daß auf eine Reihe von Erdenleben, die durchgemacht werden zum vollen Menschenleben, zurückgeblickt werden kann, zwischen denen immer Leben liegen in voroder nachirdischem Dasein zwischen Tod und einer neuen Erdengeburt.
[ 24 ] But we can only approach the nature of eternity gradually, even through anthroposophical spiritual research. As the third step, I must mention something that may cause a slight shudder—or perhaps an inner scoff—especially among those here who are accustomed to conventional scientific concepts. I can understand this very well, just as I can understand all the objections raised against anthroposophy. Something we already possess in ordinary life can be further developed into a higher power of cognition, just as the powers of a child develop into what we have further developed in adulthood—and that is the power of love. Love is something entirely different when it is bound to the human body—when the body surrenders to the passions that find expression in love—than when, as I have described, the physical “I,” indeed even the earthly “I,” has been shed from birth to death, and the human being moves from physical existence into a state in which he faces the purely spiritual. As they develop the powers of love and complete self-surrender in this process, what they once experienced through contemplation and insight—what they were in the pre-earthly state, what they now fully comprehend—takes shape within their consciousness. They experience what it means to live in full, real consciousness outside their physical body. And when he experiences this devotion to the spiritual experience in this way, his “I” is restored to him in a new way. The “I,” which in earthly life is steeped in selfishness and egotism—and which is overcome by acquiring the kind of self-knowledge that is attained when this “I” has been extinguished twice—thus develops full love on a soul-spiritual level; and one then encounters something that at first appears to be a completely foreign person, a completely foreign personality. If one strives for this, it is the least likely to happen. One should strive for the love I have described. Then, because one can step completely outside of oneself, one encounters what one truly is—but as a foreign personality—and only then does one realize what this Self was like in the past earthly life one lived through before coming to this earthly life; one realizes only then how the “I” existed in an earlier stage of existence on Earth, when one is able, through elevated, strengthened love, to feel like a second person. One looks back to a certain point in the course of human evolution where the “I” as “I” began, where the repeated earthly lives began. But this cannot be discussed at present. One can only speak of the fact that one can look back on a series of earthly lives that are lived through to reach full human life, between which there are always lives in pre- or post-earthly existence, between death and a new birth on Earth.
[ 25 ] Das ist das eine, was man vom Ewigkeits- und Unsterblichkeitscharakter der Seele erlebt, wenn man sich zu dem erkennenden Anschauen durchgerungen hat. Das andere aber, was man erwirbt durch die zur Erkenntnis gesteigerte Liebe, ist, den höheren Menschen außerhalb seines physischen Leibes erleben zu können. Dasjenige, was man sich weiter erwirbt, ist, daß man anschaut, wie dieses Wesen ohne Leib ist, und die Erkenntnis, wie der Leib zum Leichnam wird im Tode, wie dieser Leib abfällt, wie der Mensch in das nachirdische Leben hineingeht. Ebenso, wie man Anschauung hat vom vorirdischen Leben, von der Ungeborenheit, so hat man jetzt ein Schauen in die Unsterblichkeit, in das nachirdische Leben. Was man als Erdenmensch sich angeeignet hat an moralischen Impulsen, die man durch die Pforte des Todes trägt, und wie man im Erleben mit der geistigen Welt zusammen ein neues Erdendasein sich vorbereitet, um als Erdenmensch auf die Erde herabzusteigen, das tritt jetzt in lebendiger Anschaulichkeit vor die Seele, die ausgegangen ist von der intellektuellen Bescheidenheit, aber auch von einem gewissen Vertrauen in die Seelenkräfte des Menschen.
[ 25 ] This is one aspect of the soul’s eternal and immortal nature that one experiences once one has brought oneself to engage in contemplative observation. But the other thing one gains through love elevated to knowledge is the ability to experience the higher human being outside of his physical body. What one further gains is the insight into how this being is without a body, and the realization of how the body becomes a corpse in death, how this body falls away, and how the human being enters into the life after death. Just as one has insight into pre-earthly life, into the state of not yet being born, so one now has a glimpse into immortality, into life after death. What one has acquired as an earthly human being in the form of moral impulses—which one carries through the gate of death—and how, through one’s experience with the spiritual world, one prepares a new earthly existence in order to descend to Earth as an earthly human being—all of this now appears with vivid clarity before the soul, a soul that has emerged from intellectual humility, but also from a certain trust in the soul’s powers.
[ 26 ] Das führt die Erkenntnis heran an jenes Lebensgebiet, das den Sehnsuchten und Lebensbedürfnissen des Menschen so naheliegt. Wir schauen hin auf diejenigen, die wir im Leben liebgewonnen haben, die uns durch Blutsbande oder Seelenbande nahestehen; wir schauen hin auf die Pforte des Todes und fragen: Was wird aus den Banden, die das Blut gesponnen hat, und aus den Banden, die Seele und Geist gewoben haben, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist? Hat man dieses Anschauen, so weiß man, wie von dem, was der Mensch als ewiges Wesen ist, die äußere körperliche Hülle des physischen Leibes abfällt, wie der Mensch mit denjenigen Gesetzen sich in die geistige Welt erhebt und dort mit den Kräften lebt, die er schon heruntergebracht hat und mit denen er in seinem physischen Erdenleben gelebt hat. Wir erfahren dann, wie das, was wir mitanderen Menschen als Blutsbande, als Freundschaftsbande, als Liebesbande gemeinsam haben, ebenso abfällt von unseren Gemeinschaften, wie der physische Leib des Menschen selbst abfällt; und wir wissen aus der Erkenntnis, daß wir wiederbegegnen den Seelen, mit denen uns ein Band verbunden hat, in reiner Gemeinschaft der geistigen Welt, weil die physischen Hindernisse nicht mehr da sind. Dasjenige, was die Menschen nicht aus einem neugierigen Triebe heraus zu wissen verlangen, das, was menschliche Würde war, das Schicksal der Seelen, das wird auf diese Art eine wirkliche Erkenntnis.
[ 26 ] This leads our understanding to that sphere of life that is so closely connected to human longings and vital needs. We look upon those whom we have come to love in life, those who are close to us through bonds of blood or bonds of the soul; we look upon the gate of death and ask: What becomes of the bonds spun by blood, and of the bonds woven by soul and spirit, once a person has passed through the gate of death? If one contemplates this, one comes to understand how the outer physical shell of the body falls away from what the human being is as an eternal being, how the human being ascends into the spiritual world in accordance with those laws, and lives there with the forces that they have already brought down and with which they lived during their physical earthly life. We then come to understand how what we share with other people—such as blood ties, bonds of friendship, and bonds of love—falls away from our communities just as the human physical body itself falls away; and we know from this insight that we will meet again the souls with whom we were bound by such ties in the pure community of the spiritual world, because the physical obstacles are no longer present. That which people do not seek to know out of a curious impulse—that which was human dignity, the destiny of souls—becomes, in this way, true knowledge.
[ 27 ] Und noch anderes wird eine wirkliche Erkenntnis. Es entzieht sich ja die Wirklichkeit der äußeren physischen Welt dem Traume, weil der Wille nicht eingeschaltet ist in den physischen Leib. Der Mensch hält im Traum die Bilderwelt für Wirklichkeit; so halten wir vieles für Wirklichkeit, bevor wir in der geschilderten Weise zu dem tiefen Schweigen der Seele, zum geistigen Leben aufwachen. Wenn wir da zum wachen geistigen Leben aufwachen, nachdem wir den zweiten Lebensruck durchgemacht haben und uns die wach erlebte physische Wirklichkeit als bloßes Träumen erscheint, dann erscheint uns auch manches, was uns im physisch-leiblichen Leben Realität war, im höheren Sinne, im Sinne des physisch-geistigen Lebens als ein Traum. So wie die Traumeswirklichkeit gefangengenommen wird von der physisch erschaubaren Wirklichkeit, so wird jetzt dasjenige, was wir im physischen Leben als moralische oder religiöse Menschen erleben, gefangengenommen durch das, wozu wir durch den zweiten Lebensruck erwachen. Und wir werden gewahr, was eigentlich gemeint haben Menschen wie Knebel, Goethes Freund, der als alter Mann sagte: Wenn man alt geworden ist, so findet man, daß gegenüber den entscheidenden Ereignissen des Daseins alles so scheint, wie wenn es von langer Hand vorbereitet gewesen wäre. Alles erscheint planvoll vom Menschen selbst veranstaltet, was auf ihn einen tiefen Einfluß genommen hat als Mann oder als Jüngling. Und alle seine Schritte als Jüngling scheinen auf dieses Erlebnis hinzudeuten. — Diese Vorstellung bildet sich immer weiter aus und bewahrheitet sich im Ausbilden. Wenn man diese Vorstellung weiter durchdringt mit der Erkenntnis, die man auf die geschilderte Art gewinnt, so sieht man, daß es in der Tat so ist im Leben. Man erlebt etwas ganz Entscheidendes. Man wird hingeführt zu einem Menschen, mit dem die weitere Lebensbahn gemeinschaftlich durchwandelt werden soll. Man schaut auf die Schritte, die einen hingeführt haben zu dem Menschen. Sie kommen aus der Sehnsucht, gerade so etwas zu erleben, wie man es mit diesem Menschen erleben kann, bis man zu dem Ziele kommt, das einer Sehnsucht der Seele, einer Prüfung der Seele in der richtigen Weise entspricht. Dasjenige, was im Menschen lebt, wodurch er wie aus sich selbst heraus sein Schicksal zaubert, muß man anschließen an die Anschauung von den durchlebten Erdenleben, in denen man ein moralisch so und so gearteter Mensch war, das und jenes getan hat. Und man sieht, daß das, was man jetzt tut, in diesem Leben instinktiv, wie Zufall erscheint; es ist schicksalsmäßig daran geknüpft, was man im vorhergehenden Erdenleben war.
[ 27 ] And other things, too, become true knowledge. After all, the reality of the external physical world eludes the dream because the will is not engaged in the physical body. In a dream, a person regards the world of images as reality; in the same way, we regard many things as reality before we awaken—in the manner described—to the deep silence of the soul, to spiritual life. When we awaken to this waking spiritual life—after having undergone the second life crisis and the physically experienced reality of waking life appears to us as mere dreaming—then many things that were reality to us in our physical-bodily life also appear to us, in a higher sense, in the sense of physical-spiritual life, as a dream. Just as the reality of dreams is subsumed by physically perceptible reality, so now what we experience in physical life as moral or religious human beings is subsumed by that to which we awaken through the second life crisis. And we become aware of what people like Knebel—Goethe’s friend, who said as an old man: “When one has grown old, one finds that, in the face of the decisive events of existence, everything seems as if it had been prepared long in advance”—actually meant. Everything that has had a profound influence on him as a man or as a young man appears to have been deliberately arranged by the person himself. And all his steps as a young man seem to point toward this experience. — This idea continues to take shape and is confirmed as it develops. When one penetrates this idea further with the insight gained in the manner described, one sees that this is indeed the case in life. One experiences something truly decisive. One is led to a person with whom one is to walk the rest of one’s life’s path together. One looks back on the steps that led one to that person. They stem from the longing to experience precisely the kind of thing that one can experience with this person, until one reaches the goal that truly corresponds to a longing of the soul, a trial of the soul. What lives within a person—through which they seem to conjure their own destiny as if from within themselves—must be linked to the perspective of the past earthly lives one has lived, in which one was a person of such-and-such a moral character and did this or that. And one sees that what one does now, in this life, appears instinctive, as if by chance; it is fatefully linked to what one was in the previous earthly life.
[ 28 ] Das scheint ein niederschmetternder Gedanke zu sein. Aber geradesowenig, wie es die Freiheit, die Würde, die volle Verantwortlichkeit des Menschen beeinflußt, daß wir blonde oder schwarze Haare, blaue oder braune Augen, magere oder volle Hände haben, so wenig beeinträchtigt es dasjenige, was wir als freie, verantwortungsvolle Menschen sind, wenn wir wissen, daß es die Seele ist, die uns konfiguriert, daß wir uns als freie Menschen unser Lebensschicksal auf schicksalsmäßig gegebener Grundlage zimmern müssen. Aber das Leben wird dadurch verständlich, indem der Mensch es anschauen lernt, durchdrungen von dieser mit Freiheit durchaus zu vereinbarenden Schicksalsidee, daß er nicht im Leben so darinnensteht, daß jeder Augenblick ihm wie Zufall begegnet, sondern daß er sich hineinversetzt fühlt in die Welt der Naturnotwendigkeit, wie in die Welt einer wirklichen Geistigkeit, in der er als höherer Mensch mit seinen moralischen, schicksalsmäßigen Kräften darinnensteht. So führt eine solche Erkenntnis den Menschen heran vom äußeren Leben an die Unsterblichkeit der Seele.
[ 28 ] That seems like a devastating thought. But just as having blond or black hair, blue or brown eyes, or thin or full hands, so too does it in no way detract from who we are as free, responsible human beings when we know that it is the soul that shapes us, that as free people we must craft our life’s destiny upon a foundation determined by fate. But life becomes comprehensible when a person learns to view it imbued with this idea of destiny—which is entirely compatible with freedom—so that they do not stand in life in such a way that every moment appears to them as a coincidence, but rather feel themselves immersed in the world of natural necessity, as well as in the world of true spirituality, in which they stand as a higher human being with their moral, fateful powers. Thus, such insight leads a person from external life to the immortality of the soul.
[ 29 ] Man kann noch etwas einwenden: Ja, das können einzelne Geistesforscher allerdings erkennen, aber was bedeutet es für den gewöhnlichen Menschen? — Es bedeutet ebensoviel wie ein künstlerisch gemaltes Bild für denjenigen, der nicht Maler geworden ist. Es wäre traurig, wenn man Maler sein müßte, um ein malerisches Kunstwerk zu verstehen. Man braucht nur ein gewisses gesundes Empfinden, um das Künstlerische zu erleben, und nur gesundes Menschenurteil, um dasjenige zu erleben, was der Geistesforscher schildert. Nur wenn man sich die leider so zahlreichen Vorurteile selbst in den Weg wirft, dann stellt man sich vor die Bilder, die der anthroposophische Geistesforscher entwirft, wie man sich vor ein Bildnis hinstellt, in dem man, statt eine Welt zu erschauen, nichts erblickt als nebeneinandergestellte Farbenkleckse. Auch für denjenigen, der im einfachen, gewöhnlichen Leben steht, ist diese Welt aus der Schilderung des anthroposophischen Geistesforschers voll verständlich, obwohl er durch Bücher, wie zum Beispiel «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» immer in der Lage ist, soweit sich auf den Weg der Geistesforschung zu begeben, ohne sein äußeres Leben zu beeinflussen, daß er prüfen kann, was der anthroposophische Geistesforscher ihm sagt, daß er nachprüfen kann, ob dieser anthroposophische Geistesforscher aus der Phantasie heraus spricht oder ob seine Ansicht etwas ist, was fest errungen ist, wie die mathematischen Urteile, das Messen, Zählen, Wägen und so weiter selbst fest errungen sind.
[ 29 ] One might still object: Yes, individual researchers of the spiritual realm can indeed recognize this, but what does it mean for the average person? — It means just as much as an artistically painted picture does to someone who has not become a painter. It would be sad if one had to be a painter to understand a work of pictorial art. All one needs is a certain healthy sensibility to experience art, and only sound human judgment to experience what the spiritual researcher describes. Only when one allows the unfortunately all-too-numerous prejudices to stand in one’s own way does one stand before the images that the anthroposophical researcher of the spirit sketches, just as one stands before a portrait in which, instead of beholding a world, one sees nothing but splotches of color placed side by side. Even for those living a simple, ordinary life, this world, as described by the anthroposophical spiritual researcher, is fully comprehensible, although through books such as *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* is always able—to the extent that they can embark on the path of spiritual research without affecting their outer life—to examine what the anthroposophical spiritual researcher tells them, to verify whether this anthroposophical spiritual researcher is speaking from imagination or whether their view is something firmly established, like mathematical judgments, measuring, counting, weighing, and so on.
[ 30 ] Das ist es, was die Geisteswissenschaft einfügen möchte in das gegenwärtige Geistesleben der Menschheit. Es ist dasjenige, wovon sie glauben muß, daß es den zahlreichen innersten Seelenbedürfnissen entspricht. Denn so ist es, daß heute instinktiv, unbewußt, viele Menschen eben durch das, was man geworden ist durch Bildung, aus den naturwissenschaftlichen Voraussetzungen heraus, die Sehnsucht gewinnen, in ähnlicher, die Erlebnisse umfassender Weise etwas zu wissen über dasjenige, was der Seele so naheliegt und wovon ich heute nur gesprochen habe als von einem Beispiele der Seelenunsterblichkeit und dem, was mit der Unsterblichkeit zusammenhängt.
[ 30 ] This is what spiritual science seeks to contribute to humanity’s present spiritual life. It is that which it must believe corresponds to the many innermost needs of the soul. For it is the case that today, instinctively, unconsciously, many people—precisely because of what they have become through education, based on the premises of the natural sciences—develop a longing to know, in a similar way that encompasses their lived experiences, something about that which lies so close to the soul and of which I have spoken today only as an example of the immortality of the soul and what is connected with immortality.
[ 31 ] Damit aber ist natürlich in die Welt etwas hineingestellt, was so ist, wie einstmals die kopernikanische Weltanschauung gegenüber der damals gewohnten. Aber es ist so, daß dasjenige, was eine menschliche «Narrheit» scheint, nach und nach zu einer Selbstverständlichkeit wird. Die kopernikanische Weltanschauung hat sogar sehr lange warten müssen, bevor sieselbstverständlich wurde. Anthroposophie kann warten. Aber sie muß aus einer Kultur- und Zivilisationsverpflichtung heraus schon sagen, daß es ihr voll verständlich ist, wenn die gewöhnliche Naturwissenschaft, die sich für souverän hält mit ihren Mitteln, durch ein gewöhnliches Verfolgen des Seelenlebens mit den äußern Mitteln des Rechnens, Zählens, Wägens, zu einer Seelenlehre gekommen ist ohne Seele, und daß sie geradezu darinnen ein Ideal findet. Anthroposophie möchte aber zu demjenigen, dem sie die Berechtigung auf der einen Seite nicht abstreitet, zu einer aus der Naturwissenschaft heraus gewonnenen Lehre, hinzufügen durch entwickelte volle Erfassung des innersten Wesens der Menschenseele, was seelisch-geistig ist im Menschen als ewiges Leben, was seelisch-geistig ist in der ganzen Welt, im ganzen Kosmos als ewiges Leben, so daß der Mensch sich selbst erkennen kann als Ewiges, innig verbunden mit dem Ewigen im Kosmos, als unsterblich im Kosmos. Die Anthroposophie möchte also geben Erkenntnis des gegenwärtigen Menschenlebens und des Menschenlebens der nächsten Zukunft, so daß sie dadurch entgegenkomme einer Zeitnotwendigkeit, daß sie hinzufüge zur heutigen Seelenlehre ohne Seele eine lebendig aus der Menschenseele heraus erweckte Seelenlehre, der dann aus einer solchen Lehre heraus wieder folgt eine von Seele durchdrungene, von Geist durchsetzte Weltenlehre. Und die wird man immer mehr und mehr brauchen.
[ 31 ] But this, of course, introduces into the world something that is, as the Copernican worldview once was, at odds with what was customary at the time. But the fact is that what appears to be human “folly” gradually becomes a matter of course. The Copernican worldview even had to wait a very long time before it became a matter of course. Anthroposophy can wait. But out of a sense of cultural and civilizational obligation, it must already state that it is fully understandable to it when conventional natural science—which considers itself sovereign with its methods—has, through a conventional investigation of the life of the soul using the external methods of calculation, counting, and weighing, arrived at a doctrine of the soul that is devoid of soul, and that it actually finds an ideal in this very thing. Anthroposophy, however, would like to add to that which it does not deny the legitimacy of—a doctrine derived from natural science— through a developed, comprehensive grasp of the innermost essence of the human soul—what is soul-spiritual in the human being as eternal life, what is soul-spiritual in the entire world, in the entire cosmos as eternal life—so that the human being can recognize himself as eternal, intimately connected with the eternal in the cosmos, as immortal in the cosmos. Anthroposophy thus seeks to provide insight into present-day human life and human life in the near future, so that it may thereby meet a necessity of our time: to supplement today’s “theory of the soul” (which lacks a soul) with a theory of the soul vividly awakened from within the human soul, from which, in turn, a worldview permeated by the soul and imbued with spirit will follow. And this will be needed more and more.
