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Appendix to the Public Lectures
GA 85

20 September 1919, Dresden

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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
  1. Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge

20. Die philosophische Rechtfertigung der Anthroposophie

20. The Philosophical Justification of Anthroposophy

[ 1 ] Durch weitere Ausgestaltung der Forschungen der Naturwissenschaft, der Resultate der Philosophie gelangen wir zu weiterem Ausgestalten des eigenen Selbstes, sozusagen vom gedachten Denken zum erlebten Denken, ausgehend von Descartes, von dem berühmten «cogito, ergo sum» – ich bin mir meines Daseins bewusst, wenn ich mir meines Denkens bewusst bin. Bergson hat diesen Satz mehr ins Mystische gezogen, aber doch immerhin an ihm festgehalten. Dieser Satz findet, so glaube ich doch, seine Widerlegung durch das Leben, denn dann würden wir aufhören zu leben des Abends beim Einschlafen und beginnen zu leben des Morgens beim Aufwachen.

[ 1 ] By further developing the findings of the natural sciences and the results of philosophy, we arrive at a deeper understanding of our own selves—moving, so to speak, from conceptual thought to experiential thought, starting with Descartes and his famous “cogito, ergo sum” —I am aware of my existence when I am aware of my thinking. Bergson gave this statement a more mystical interpretation, but nevertheless held fast to it. I believe, however, that this statement is refuted by life itself, for if it were true, we would cease to live in the evening when we fall asleep and begin to live again in the morning when we wake up.

[ 2 ] Von Franz Brentano, dem vor Kurzem verstorbenen geistvollen Psychologen, erschien 1873 ein Buch über Psychologie. Er versprach ein baldiges Erscheinen weiterer Bände, aber siehe da, sie erschienen nicht.

[ 2 ] Franz Brentano, the brilliant psychologist who recently passed away, published a book on psychology in 1873. He promised that further volumes would appear soon, but lo and behold, they never did.

[ 3 ] Die Kant’sche Philosophie ist eigentlich die Fortsetzung des Satzes: «Ich denke, also bin ich», – wie auch sonst noch vieles andere in Kants Philosophie hineingemündet ist. Wir verlegen uns den Weg zu der gründlichen Beobachtung unseres Bewusstseins mit diesem Satz Descartes’. Wir müssen uns ganz klar machen, was das heißt: «Ich bin». Dass da ein Ich sein muss, das muss man einmal richtig sich klarmachen, was das heißt.

[ 3 ] Kant’s philosophy is essentially a continuation of the statement: “I think, therefore I am”—just as many other ideas have found their way into Kant’s philosophy. With this statement by Descartes, we set out on the path toward a thorough observation of our consciousness. We must make it perfectly clear to ourselves what it means to say, “I am.” We must first truly grasp what it means that there must be an “I.”

[ 4 ] Das Schlafen ist ein Hinüberschlagen des Pendels nach der anderen Seite, nach der sogenannten negativen Seite. Immer intensiver … [Lücke] wird man müssen.

[ 4 ] Sleeping is like the pendulum swinging to the other side—the so-called negative side. It becomes more and more intense … [gap] one will have to.

[ 5 ] [Ein Bild dazu: Man nehme eine] rote Fläche mit einem Loch, das heißt mit einem schwarzen Fleck, rot – positiv; schwarz – negativ. So [ist es] beim Rückschauen auf das Leben: Das Schlafen ist das Negative im Leben. Das Ichbewusstsein ist nicht lückenlos vorhanden. Unser Ich erleben wir wie die Lücken im fortlaufenden Wachleben. Wir erleben unser Ich wie eine Lücke. Wir können einerseits die Tatsache des Denkens, andererseits die Tatsache des Willens in unser Bewusstsein heben, in unserem Bewusstsein erleben.

[ 5 ] [An illustration: Imagine a] red surface with a hole—that is, with a black spot—red being positive; black being negative. So [it is] when looking back on life: Sleep is the negative aspect of life. Self-awareness is not present without interruption. We experience our “I” as the gaps in our continuous waking life. We experience our “I” as a gap. We can bring into our consciousness—and experience within it—on the one hand, the fact of thought, and on the other, the fact of will.

[ 6 ] Man kann die Momente des Einschlafens und Aufwachens allmählich mit dem Bewusstsein erfassen lernen, ähnlich wie das Schlafen und Ichbewusstsein. Dem Erlebnis des Aufwachens ist zu vergleichen das Aufblitzen eines Gedankens.

[ 6 ] One can gradually learn to perceive the moments of falling asleep and waking up with one’s consciousness, much like sleep and self-awareness. The experience of waking up can be compared to the flash of a thought.

[ 7 ] Das Einschlafen: Wir schlafen sozusagen teilweise in unserem Willen. Neben dem wachenden Denken steht der schlafende Zustand des Wollens. Wie eingestreut ist in das Wachbewusstsein das Schlafen, so das Wollen in unser Denkleben, in das Wachdenken.

[ 7 ] Falling asleep: We sleep, so to speak, in part within our will. Alongside waking thought stands the sleeping state of volition. Just as sleep is interwoven with waking consciousness, so too is volition interwoven with our life of thought, with waking thought.

[ 8 ] Für die naturwissenschaftliche Erkenntnis gibt es Grenzen. Wenn aber mit diesen Grenzen gelebt wird, dann tritt gleichsam eine Überstülpung der Kant’schen Philosophie ein. Die Unfähigkeit, mit dem an das Gehirn gebundenen Verstand in die Dinge unterzutauchen, das gibt uns erst die Fähigkeit der Liebe, natürlich im Unterbewussten. Nicht erkenntnisfähig, sondern liebefähig ist der Mensch geworden. Dies sehen wir ein, wenn wir mit diesen Grenzen kämpfen. Wir lernen kennen, was wir tun müssen, um die Liebefähigkeit nicht zu schädigen. Wir müssen die Liebefähigkeit erhöhen, um den Weg in die geistige Welt gehen zu können. Dann kann man es wagen, zu einem meditativen Leben vorzuschreiten. Wenn man zum reinen Denken gelangt ist, hat man einen Überblick über seine Gedanken und dasjenige, was in unserem Bewusstsein darinnen ist.

[ 8 ] There are limits to scientific knowledge. But when we live within these limits, Kant’s philosophy, as it were, comes to the fore. It is the inability to delve into the depths of things with the intellect bound to the brain that first gives us the capacity for love—naturally, in the subconscious. Human beings have become capable not of knowledge, but of love. We come to realize this when we struggle with these limits. We come to understand what we must do so as not to impair our capacity for love. We must enhance this capacity for love in order to walk the path into the spiritual world. Only then can one dare to advance toward a meditative life. Once one has attained pure thinking, one has an overview of one’s thoughts and of what lies within one’s consciousness.

[ 9 ] Im meditativen Menschenleben, da kommen wir allmählich dazu, einzusehen die Unabhängigkeit des Menschen von der leiblichen Organisation.

[ 9 ] In a life devoted to meditation, we gradually come to realize that human beings are independent of their physical bodies.

[ 10 ] Im gewöhnlichen Leben haben Vergangenheit und Zukunft keine Realität für das Denken. Nach diesem meditativen Denken wird die Zeit sozusagen zum Raum, die Zeit verliert an Unrealität.

[ 10 ] In ordinary life, the past and the future have no reality for thought. According to this meditative way of thinking, time becomes, so to speak, space; time loses its unreality.

[ 11 ] Die Anthroposophie muss die Mystik erleben, aber über sie hinauskommen. Durch mystische Methoden kommt man an Grenzen, ebenso wie durch naturwissenschaftliche Erkenntnis. Aber auch diese Grenzen der Mystik muss man überwinden. Die Gedächtnisfähigkeit könnten wir nicht haben, wenn wir jene Grenzen nicht erlebten. Würden wir nicht einen Spiegel unserer Erlebnisse in uns haben – das Gedächtnis –, sondern beim Hineinschauen in uns selbst diesen Spiegel durchstoßen, dann kämen wir zu unserem ewigen Wesen bei diesem Durchstoßen. Übungen sind hierfür zu machen. Selbstzucht, Übungen des Willens, ein Weg in die geistige Welt hinein. An Stelle des gewöhnlichen Gedächtnisses tritt eine Art Anschauung. Durch diese beiden Übungen gelangen wir wirklich in die geistige Welt. Man erkennt das Wesen des Denkens und des Willens. Der Wille, der da in uns lebt, ist gleichsam ein Keim unseres Selbst. Wir haben das Nachtodliche im Willen in uns wie das Vorgeburtliche im Denken.

[ 11 ] Anthroposophy must experience mysticism, but it must go beyond it. Mystical methods lead one to limits, just as scientific knowledge does. But these limits of mysticism, too, must be overcome. We could not possess the faculty of memory if we did not experience those limits. If we did not have a mirror of our experiences within us—memory—but instead, upon looking within ourselves, pierced through this mirror, then we would reach our eternal being in the act of piercing it. Exercises must be performed for this purpose: self-discipline, exercises of the will—a path into the spiritual world. Ordinary memory is replaced by a kind of intuition. Through these two exercises, we truly enter the spiritual world. One recognizes the essence of thought and will. The will that lives within us is, as it were, a seed of our self. We possess the post-mortem in the will within us, just as we possess the pre-natal in thought.

[ 12 ] Übersinnliche Geistesgegenwart erlangen. Das Anwenden auf übersinnliche Erfahrungen. Diese treten viel mehr in unser Leben, als wir wissen, zum Beispiel des Morgens beim Aufwachen. Sie haben eine andere Zeit, im Zustand des Entstehens sind sie aufzufassen, das muss man beachten. Es muss viel schneller gehen: Sie haben nichts von dem, was wir im gewöhnlichen Leben hier erleben, haben eigentlich nichts zu tun mit dem wirklichen Denken – daher die Umkehrung des Satzes: «cogito, ergo sum». – [Cohen] und Kinkel gehen schon allmählich in dieser Richtung.

[ 12 ] Attaining a super-sensory presence of mind. Applying this to super-sensory experiences. These occur in our lives far more often than we realize—for example, in the morning when we wake up. They exist in a different time; they must be grasped in the very moment they arise—this is something to keep in mind. It must happen much more quickly: They have nothing in common with what we experience here in ordinary life; they actually have nothing to do with real thinking—hence the reversal of the phrase: “cogito, ergo sum.” – [Cohen] and Kinkel are already gradually moving in this direction.

[ 13 ] Nach Kant sind wir nur Zuschauer des Lebens, daher kommen wir nicht zu dem «Ding an sich» –, das ist nur ganz kurz und ungenügend ausgedrückt das Wesen der Kant’schen Philosophie. Am Ende des philosophischen Weges kommen wir zu dem Anfang dessen, was ich als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu geben habe. Wir erleben ein geistiges Mehren unseres Wesens und Lebens.

[ 13 ] According to Kant, we are merely spectators of life; therefore, we cannot reach the “thing-in-itself”—this is, very briefly and inadequately put, the essence of Kant’s philosophy. At the end of the philosophical journey, we arrive at the beginning of what I have to offer as an anthroposophically oriented spiritual science. We experience a spiritual enrichment of our being and life.