Appendix to the Public Lectures
GA 85
16 January 1919, Dornach
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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
25. Klassische Walpurgisnacht – Ansprache zur Eurythmie I
25. Traditional Walpurgis Night – Address on Eurythmy I
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende, gestatten Sie mir, bevor wir mit der Vorstellung beginnen, im Namen derjenigen, die hier diese Vorführung veranstaltet haben, Sie, die hier uns heute die Freude machen, bei uns zu sein, alle herzlichst willkommen zu heißen.
[ 1 ] Ladies and gentlemen, before we begin the presentation, allow me, on behalf of those who have organized this event, to extend a warm welcome to all of you who have graced us with your presence here today.
[ 2 ] Es wird uns eine ganz besondere Befriedigung sein, Sie in unserer Mitte zu haben gerade bei der Vorführung einer «Faust»-Szene, einer Szene aus derjenigen Dichtung, die ja unzweifelhaft zu den größten, bedeutendsten und einzigartigen Schöpfungen in der Geistesgeschichte der Menschheit gehört. Und wenn in Bezug auf Ziele und Intentionen unserer Geisteswissenschaft, wie sie hier gepflegt werden soll, etwas gesagt werden darf, so ist es dieses, dass gerade mit der ganzen Welt- und Lebensauffassung Goethes diese Geisteswissenschaft im innigen Zusammenhange stehen will. Das sollte ja ausdrücken der Name, welcher unserem Bau gegeben worden ist, der hier dem Ziel der Geisteswissenschaft dienen soll, der Name «Goetheanum».
[ 2 ] It will be a source of great satisfaction for us to have you among us, especially during the performance of a scene from Faust—a scene from a work of literature that undoubtedly ranks among the greatest, most significant, and most unique creations in the intellectual history of humanity. And if I may say a few words about the goals and intentions of our spiritual science, as it is to be cultivated here, it is this: that this spiritual science seeks to be intimately connected precisely with Goethe’s entire worldview and outlook on life. This is precisely what the name given to our building—which is to serve the purpose of spiritual science here—is meant to express: the name “Goetheanum.”
[ 3 ] Die Szene, die wir uns gestatten werden heute Ihnen vorzuführen aus dem zweiten Teil des Goethe’schen «Faust», man darf sagen, dass gerade von unserem geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus diese Szene zweifellos am bedeutsamsten zum Ausdrucke bringt Goethes Geistesart in der Gestalt, wie er sich sie ausgebildet hatte in den allerreifsten Jahren seines Strebens und seines Wirkens. Wenn ich mit ein paar Worten – ich möchte sagen die Stellung dieser Szene im Ganzen des «Faust» charakterisieren darf, so möchte ich dies auf die Weise erreichen, dass ich zunächst aufmerksam darauf mache, dass die Größe dieses Goethe’schen «Faust»-Gedichtes eigentlich ganz und gar darauf beruht, dass hier einmal, ganz anders als in sonstigen Dichtungen, zusammenfließen stärkste Erkenntnisrätsel und zu gleicher Zeit eine harmonische, wahre, geniale Ausgestaltung in künstlerischer Beziehung. In einer solchen Harmonie werden sich die beiden Dinge selten miteinander vereinigt finden wie gerade in diesem Goethe’schen «Faust». Kunst stört sonst alles dasjenige, was in Form der Erkenntnis an den Menschen herangebracht werden soll. Man wird auch misstrauisch, wenn Erkenntnis in Form der Kunst herangebracht wird, wegen der notwendigen phantasievollen Einkleidung. Oder aber, dasjenige, was vorgebracht wird, wenn es mehr nach der Erkenntnis hinüber gelegen ist, wird zum Lehrgedichte. In Goethes «Faust» ist beides vermieden. Weder haben wir es zu tun mit einem Lehrgedichte noch mit einer bloßen äußeren künstlerischen Form. Wir haben es vielmehr zu tun mit etwas, was, trotzdem es reinste, wirklichste Kunst ist, aus den tiefsten Erkenntnis-Empfindungen der menschlichen Seele heraus geboren ist, so heraus geboren ist, dass man sagen kann: Man sieht da einmal in eines Menschen allertiefstes Streben hinein, in eines größten Menschen allertiefstes Streben hinein, wenn man diesen Goethe’schen «Faust» auf sich wirken lässt.
[ 3 ] The scene we shall present to you today from the second part of Goethe’s Faust—it may be said that, particularly from our humanities perspective, this scene undoubtedly most significantly expresses Goethe’s mindset as it had developed during the ripest years of his intellectual pursuits and creative work. If I may characterize in a few words—I would say—the place of this scene within the whole of Faust, I would like to do so by first drawing attention to the fact that the greatness of Goethe’s Faust poem actually rests entirely on the fact that here, for once, quite unlike in other works of poetry, the most profound mysteries of knowledge converge with, at the same time, a harmonious, true, and brilliant artistic expression. Rarely do these two elements unite in such harmony as they do in Goethe’s Faust. Art usually disrupts everything that is meant to be conveyed to humanity in the form of knowledge. One also becomes suspicious when knowledge is presented in the form of art, because of the necessary imaginative embellishment. Or else, what is presented—if it leans more toward knowledge—becomes a didactic poem. In Goethe’s Faust, both of these are avoided. We are dealing neither with a didactic poem nor with a mere external artistic form. Rather, we are dealing with something that—despite being the purest, most genuine art—is born from the deepest insights of the human soul, born in such a way that one can say: When one allows Goethe’s Faust to take effect upon oneself, one catches a glimpse into the deepest aspirations of a human being, into the deepest aspirations of one of the greatest human beings.
[ 4 ] Und wie drückt sich dieses Streben aus? Auf der einen Seite zeigt uns der Faust, wie er unbefriedigt ist von all dem, was man falschen Mystizismus nennen kann. Darauf gerade beruht ja der Ausgangspunkt des ersten Teiles, dass gewissermaßen Faust sich abgestoßen fühlt von alle dem, was falsche Mystiker als ihr Streben anerkennen wollen; aber auch auf der anderen Seite die bloße, trockene, nüchterne Naturanschauung, sie ist es, die Faust ebenso wenig befriedigen kann. Das auf der einen Seite.
[ 4 ] And how does this quest manifest itself? On the one hand, Faust shows us how dissatisfied he is with everything that might be called false mysticism. This, in fact, is the very basis of the first part: that, in a sense, Faust feels repelled by everything that false mystics wish to recognize as their pursuit; but on the other hand, the mere, dry, sober view of nature is equally incapable of satisfying Faust. That is on the one hand.
[ 5 ] Auf der anderen Seite, sehr verehrte Anwesende, ist es doch klar aus dem ganzen «Faust» , dass Goethe nicht eine abgeschlossene, weltfremde Erkenntnis als die [den] Menschen heilsame sucht, sondern eine solche Erkenntnis, die den Menschen das Leben, das unmittelbar wirkliche Leben mit seinen Schmerzen, mit seinem Glück, mit seiner Sünde, mit seiner Erlösung unmittelbar nahelegt. Das zeigt ja dieser erste Teil des Goethe’schen «Faust». Er zeigt auch, wie die Mächte, die sonst als abstrakte, in Begriffe nur zu fassende Mächte den Menschen nahetreten, wie diese wirkliche Lebensangelegenheit werden. Wir sehen das an der Gestalt des Mephisto, der gewissermaßen aus der Geistwelt herausgeschaffen und doch eine unmittelbar individuelle Wirklichkeit ist.
[ 5 ] On the other hand, ladies and gentlemen, it is clear from the entire “Faust” that Goethe does not seek a self-contained, otherworldly insight as that which is beneficial to humanity, but rather an insight that directly brings life—immediate, real life, with its pains, its happiness, its sin, and its redemption—close to humanity. This is precisely what the first part of Goethe’s Faust demonstrates. It also shows how the forces that otherwise approach human beings as abstract entities, comprehensible only in concepts, become real matters of life. We see this in the figure of Mephisto, who is, in a sense, created from the spiritual world and yet is an immediate, individual reality.
[ 6 ] Das alles, was Goethe in seinem «Faust» darstellen wollte, war, dass man weder auf dem Wege dunkler, obskurantester Mystik noch auf dem Wege trockener Naturanschauung dahin kommen kann, wo man den Menschen in seinem innersten Wesen wirklich ergründen kann, sodass er sich dann den Lebensaufgaben und den Lebensmächten gewachsen in das Dasein hineinstellen kann.
[ 6 ] All that Goethe sought to portray in his Faust was that one can reach a place where one can truly fathom the innermost essence of the human being—and where the human being can then step into existence, equal to life’s tasks and the forces of life—neither through the path of dark, most obscurantist mysticism nor through the path of dry natural observation.
[ 7 ] Dass Goethe, indem er dieses Problem künstlerisch vor seine Seele stellte, tatsächlich tief durchdrungen war davon, dass man wirkliche Menschenerkenntnis nicht gewinnen kann, ohne von den gewöhnlichen Erkenntniskräften zu höheren, zu geistigen, zu übersinnlichen Erkenntniskräften aufzusteigen, das zeigt er gerade in dieser Szene, die wir Ihnen vorführen wollen, die den Schluss des zweiten Aktes des zweiten Teiles, den Schluss der sogenannten «Klassischen Walpurgisnacht» [bildet], die unmittelbar vorangeht denjenigen Szenen, in denen Faust sich der Wirklichkeit zu vermählen sucht dadurch, dass er dasjenige von Wirklichkeitssinn, was er in der neueren Zeit nicht finden kann, sucht, indem er sich stürzt in die Welt des alten Griechentums; des alten Griechentums, wo er sich aufgehen lässt, um nach Durchdringung der einzigartigen Menschlichkeit im Griechentum dann gewachsen zu sein dem modernsten Aufwachen der unmittelbaren Gegenwart. Dass man, indem man sich der gewöhnlichen Sinne, auch des an das Gehirn gebundenen Verstandes bedient, man nicht dahin dringen kann, wohin der Mensch dringen muss, wenn er nicht in einen Selbstwiderspruch kommen will, in eine unbefriedigte Lebenssehnsucht und Lebenshoffnung kommen will, dass man nicht stehen bleiben kann zur Erfassung des eigentlichen Menschenwesens bei den Kräften, die im Alltagsleben und in der gewöhnlichen Wissenschaft dem Menschen gegeben sind, das zeigt Goethe gerade, wie er es aufgefasst hat, in dieser Szene, in dieser Szene, in der, man möchte sagen, Goethe uns wirklich den Menschen vorführt, wie er in seinem geistig-seelischen Wesen unabhängig wird von all derjenigen Lebenseinsicht, zu der man nur durch das Instrument der Sinne und des an das Gehirn gebundenen Verstandes kommt.
[ 7 ] The fact that Goethe, in posing this problem artistically to his soul, was in fact deeply convinced that one cannot gain true knowledge of human nature without rising from the ordinary faculties of cognition to higher, spiritual, and supersensory faculties of cognition—he demonstrates this precisely in this scene, which we intend to present to you, and which forms the conclusion of the second act of the second part, the conclusion of the so-called “Classical Walpurgis Night” , which immediately precedes those scenes in which Faust seeks to marry himself to reality by seeking that sense of reality which he cannot find in modern times, as he plunges into the world of ancient Greece; of ancient Greece, where he allows himself to be absorbed, so that, having penetrated the unique humanity of Greek culture, he may then be ready for the most modern awakening of the immediate present. That, by making use of the ordinary senses—and also of the intellect bound to the brain— one cannot reach the place where humanity must go if it is to avoid falling into self-contradiction, into an unfulfilled longing for and hope in life; that one cannot remain confined to the forces given to humanity in everyday life and ordinary science when seeking to grasp the true nature of the human being—this is precisely what Goethe demonstrates, as he conceived it, in this scene, in this scene, in which—one might say—Goethe truly presents to us the human being as he becomes, in his spiritual and soul-life, independent of all that insight into life which can be attained only through the instrument of the senses and the intellect bound to the brain.
[ 8 ] Goethe lässt seinen Faust durch Verschiedenes durchgehen, an dem es sich zeigt, wie der Mensch im Lebensund Erkenntniskampfe nach und nach aufsteigen kann zu dem Sich-selber-Finden, zu dem Sich-selber-Erkennen, das ist dasjenige, was eigentlich Goethe in Fausts Seele legt. Und daher sehen wir, wie, nachdem Faust durch andere Lebenssphären durchgegangen ist, wie er geführt werden soll zu menschlicher Selbsterkenntnis, indem sich vor seinem Seelenauge abspielt, was das eigentlich ist, was der Mensch mit seinem gewöhnlichen Verstande als sein eigentliches Wesen empfinden kann. Wahrhaftig nicht, um alte, obskurante Alchemie und Mystik in seine Dichtung aufzunehmen, hat Goethe dieses merkwürdige Produkt mittelalterlichen Strebens, diesen Homunkulus, in seinen «Faust» hineingeheimnisst, diesen Homunkulus, durch den der mittelalterliche Alchemist auf künstlichem Wege im Laboratorium einen Menschen darstellen wollte. Goethe hat diesen Homunkulus nur als ein Bild genommen für etwas, was ihm viel wichtiger war, auszudrücken, für dasjenige, was der Mensch findet, wenn er auf dem Wege der gewöhnlichen Erkenntnis, nicht der Geisterkenntnis, zu seinem eigenen Wesen, zum Menschenwesen vordringen will. Goethe wollte sagen: Auf diesem Wege, auf dem man sich nur bedient des gewöhnlichen, an das Gehirn gebundenen Verstandes, der gewöhnlichen Sinne, kommt man nicht zur Erkenntnis des Menschenwesens, nicht zur Anschauung des wirklichen Menschen, nur des Homunkulus, der kein wirklicher Mensch ist. Will man dem gegenüber den wirklichen Menschen erkennen, dann muss man hineintreten in ein ganz anderes Reich des Erkennens; dann muss die Seele leibfrei werden, so werden, wie sie stets im Schlafe ist. Während sie im Schlafe aber unbewusst ist, ist sie in diesem Erkenntniszustande bewusst. Nur treten dann Bilder auf, Bilder, wie sie den Griechen in noch unvollkommener Gestalt aufgetreten sind in ihren Götterformen, wie sie ihnen aufgetreten sind, wenn sie, gelockt von jenen Stimmen in der menschlichen Seele, die immerzu den Menschen hinausführen zu wirklichen Erkenntnissen in eine andere Welt, wenn sie eindringen wollten in diese Welt.
[ 8 ] Goethe has his Faust go through various experiences that demonstrate how, in the struggle of life and the quest for knowledge, a person can gradually rise to self-discovery and self-knowledge—and that is what Goethe actually places within Faust’s soul. And so we see how, after Faust has passed through other spheres of life, he is to be guided toward human self-knowledge as what this actually is—what a human being can perceive as his true nature with his ordinary intellect—unfolds before the eye of his soul. It was certainly not to incorporate old, obscure alchemy and mysticism into his poetry that Goethe woven this curious product of medieval striving—this homunculus—into his Faust; this homunculus through which the medieval alchemist sought to artificially create a human being in the laboratory. Goethe used this homunculus merely as a symbol to express something far more important to him—namely, what a human being encounters when he seeks to penetrate to his own essence, to the human essence, through the path of ordinary cognition, not spiritual knowledge. Goethe meant to say: By this path—which relies solely on ordinary intellect bound to the brain and on the ordinary senses—one does not arrive at an understanding of the human being, nor at a vision of the real human being, but only at the homunculus, which is not a real human being. If, on the other hand, one wishes to recognize the real human being, then one must enter into an entirely different realm of knowledge; then the soul must become free of the body, becoming as it always is in sleep. But whereas it is unconscious in sleep, it is conscious in this state of knowledge. Only then do images appear—images such as those that appeared to the Greeks in an even more imperfect form in their depictions of the gods, such as they appeared to them when, lured by those voices in the human soul that constantly lead people out into real knowledge in another world, they sought to penetrate that world.
[ 9 ] Aber Goethe will zeigen, wie man nicht zu phantasievoller Gestaltung der Welt kommt, wie gewissermaßen aus dem, was sonst nur Phantasie ist, wie man durch das vordringen kann zu wirklicher Menschenerkenntnis, wie man vordringen kann zu jener Auffassung, die nur dem Homunkulus gilt, zu der Auffassung des Homo, des wirklichen Menschen. Aber dringt man so ein in die Welt, in welche hineinlocken solche Stimmen, wie die, die Goethe durch die Sirenen ausführen lässt, man gelangt in eine unbestimmte Bilderwelt hinein. Dasjenige, was sonst Naturkräfte sind, werden zwar Naturgestalten; aber man muss sie in einem tieferen Sinne verstehen, will man über die Phantasie vordringen.
[ 9 ] But Goethe wants to show how one does not arrive at an overly imaginative conception of the world; how, as it were, from what is otherwise merely imagination, one can penetrate to a true understanding of humanity; how one can penetrate to that conception that applies only to the homunculus—to the conception of Homo, of the real human being. But if one enters the world in this way—the world into which voices such as those Goethe has the Sirens utter lure one—one enters an indeterminate world of images. What are otherwise natural forces do indeed become natural forms; but one must understand them in a deeper sense if one wishes to go beyond the imagination.
[ 10 ] Daher lässt Goethe diese ganze griechische Götterwelt, die sich auf das Meer bezieht, auf dasjenige Element, aus dem sich doch alles feste Irdische erst herausgebildet haben muss, er lässt diese Gestalten auftreten, um gewissermaßen aus ihnen Wahrheitswert heraus zu gewinnen. Und so treten auf, nachdem die Sirenen gelockt haben ins übersinnliche Reich, treten auf zum Beispiel solche Gestalten wie die Nereiden und Tritonen, halb Menschen-, halb Tierwesen. Und sie finden wir, wie sie auf dem Wege sind zu den göttlichen Kabiren, die verehrt worden sind auf Samothrake im alten Griechenland.
[ 10 ] Therefore, Goethe draws upon this entire pantheon of Greek gods—which is associated with the sea, that very element from which all solid earthly matter must ultimately have emerged—and he brings these figures onto the scene in order, so to speak, to extract truth from them. And so, after the Sirens have lured us into the supernatural realm, figures such as the Nereids and Tritons—half-human, half-animal beings—appear. And we find them on their way to the divine Cabiri, who were worshipped on Samothrace in ancient Greece.
[ 11 ] Über diese Kabiren haben die Gelehrten viel gestritten. Wenn man versucht mit geisteswissenschaftlichen Mitteln einzudringen in das ganze Empfinden und Denken der alten Griechen, so findet man eben, dass in den Kabiren angeschaut wurden jene Naturgötter, die zusammenhingen mit dem ganzen Menschen-Werden, mit jenem Menschen-Werden, das heraus den Menschen gestaltet aus dem Umfassenden der Naturkräfte. So soll der Mensch, indem er zu den Bildern, die hinter dem sinnenfälligen Erkennen liegen, vordringt, so soll er dadurch Einsicht gewinnen, wie der Mensch entstehen kann, wie wirklich aus dem Homunkulus, der sonst in unserm Erkennen sitzt, wenn wir uns nur auf dieses verstandesmäßige Erkennen beschränken, wie aus diesem Homunkulus der Homo werden kann.
[ 11 ] Scholars have debated these Cabiri at length. When one attempts to penetrate the entire sensibility and thinking of the ancient Greeks through the methods of the humanities, one finds that the Kabiri were viewed as those nature gods associated with the entire process of human becoming—that process of human becoming which shapes the human being out of the all-encompassing forces of nature. Thus, by penetrating to the images that lie behind sensory perception, human beings are to gain insight into how the human being can come into being—how, in fact, the homunculus that otherwise resides within our perception (when we limit ourselves solely to this intellectual cognition) can become the Homo.
[ 12 ] Und so treten andere Gestalten auf. Endlich tritt auf in Begleitung des Thales, des alten Naturphilosophen, Homunkulus selber, man möchte sagen: das noch nicht Mensch gewordene, menschliche Embryonalwesen, das erst Mensch werden will, jenes Wesen, das wir eben im bloßen Verstande erfassen. Aber der Naturphilosoph Thales kann keine Auskunft darüber geben, wie sich dieses abstrakte bloß gelehrte Menschenwesen tatsächlich in unserer Anschauung zum Menschen umwandeln kann. Da wird verwiesen auf einen Meeresdämon, auf den Nereus. Aber Nereus hat nur diejenige Kraft etwas höher gesteigert, die sonst dem Menschenverstande eigen ist. Er kann auch nicht jene Auskunft geben, die lehren könnte, wie der Homunkulus Mensch wirklich werden kann. Er verweist vielmehr auf seine Tochter, auf die Venus des Meeres, auf Galatee, die er erwartet. In ihr sieht Goethe verbildlicht diejenige Kraft, die den Menschen aus geistigen Höhen durch die Geburt ins Leben hereinführt, die uns aber auch hereinführt, wenn wir zum Beispiel des Morgens aufwachen aus dem Zustande, in dem wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen bewusstlos sind, wiederum ins physische Menschendasein zur Tagesarbeit. Es ist dieselbe Kraft, die uns herüberführt aus allem Geistigen in das Physische, dieselbe Kraft, die uns daher herüberführen muss, wenn wir wirklich eindringen wollen in die geistige Welt zu höheren Menschenzuständen. Es ist die innerste Lebenskraft, die in der Galatee erscheint. Aber da tritt auch Proteus auf, man möchte sagen; der Naturverwandlungskünstler.
[ 12 ] And so other figures appear. Finally, accompanied by Thales, the ancient natural philosopher, Homunculus himself appears—one might say: the human embryonic being that has not yet become human, that only aspires to become human, that being which we grasp solely through the intellect. But the natural philosopher Thales cannot provide any information on how this abstract, purely intellectual human being can actually transform into a human being in our perception. Reference is made to a sea demon, to Nereus. But Nereus has merely heightened to a slightly greater degree the power that is otherwise inherent in the human intellect. Nor can he provide the insight that might teach how the homunculus can truly become human. Rather, he refers to his daughter, to the Venus of the sea, to Galatea, whom he awaits. In her, Goethe sees embodied the very power that leads human beings from spiritual heights into life through birth—the same power that also leads us, for example, when we wake up in the morning from the state in which we are unconscious from the moment we fall asleep until we awaken, back into physical human existence for the day’s work. It is the same force that carries us over from all that is spiritual into the physical; the same force that must therefore carry us over when we truly wish to penetrate the spiritual world toward higher states of human existence. It is the innermost life force that appears in Galatea. But then Proteus also appears—one might say, the master of natural transformation.
[ 13 ] Oh, Goethe kannte dasjenige, was durch den Proteus verbildlicht wird! Er hat in seiner Metamorphosenlehre zu studieren versucht, wie die einzelnen Naturgestalten sich verwandeln. Er war ein Darwinianer vor Darwin, aber einer, der das alles geistig, nicht materialistisch aufgefasst hat. Goethe wusste, was man erreicht für das Begreifen des Menschen, indem man zeigt, wie die einzelnen, unvollkommenen Naturwesen allmählich sich verwandeln und herauf bis zum Menschen kommen. Aber auch Proteus kann das Rätsel des Menschen nicht lösen. Im Gegenteil. Er zeigt sich in mancherlei Gestalten – in einer Schildkröte, dann als wirklicher Mensch, dann als Delfin. Die Gestalten stehen nebeneinander. Goethe wusste, wie schwer es wird, selbst wenn man Einsicht gewinnt durch die Metamorphosenlehre in die Tatsache, dass die Gestalten sich verwandeln, er wusste, wie schwer es eigentlich ist, trotz allen menschlichen ernstlichen Strebens, sich eine Anschauung zu bilden darüber, was eigentlich das Wesen des Menschen ist.
[ 13 ] Oh, Goethe knew exactly what is symbolized by Proteus! In his theory of metamorphosis, he sought to study how individual forms of nature transform. He was a Darwinian before Darwin, but one who understood all of this in spiritual, rather than materialistic, terms. Goethe knew what could be achieved for human understanding by showing how the individual, imperfect beings of nature gradually transform and ascend to the level of the human being. But even Proteus cannot solve the mystery of the human being. On the contrary. He appears in various forms—as a turtle, then as a real human being, then as a dolphin. The forms stand side by side. Goethe knew how difficult it is—even when one gains insight through the doctrine of metamorphosis into the fact that forms transform—he knew how difficult it actually is, despite all earnest human striving, to form a conception of what the essence of humanity actually is.
[ 14 ] Dann sehen wir, wie auftreten zum Beispiel die Telchinen von Rhodus. Sie sind diejenigen, die dem alten Meeresgotte Neptun den Dreizack geschmiedet haben; sie sind überhaupt – man möchte sagen – Künstler in eherner Substanz. Proteus lehnt ab dasjenige, was diese Telchinen vermögen. Sie vermögen doch nur, aus dem toten Kunst-Material den toten Menschen hervorgehen zu lassen. Nichts vermögen sie über das Leben.
[ 14 ] Then we see, for example, the Telchines of Rhodes. They are the ones who forged the trident for the ancient sea god Neptune; they are, one might say, artists who work with bronze. Proteus rejects what these Telchines are capable of. After all, they are only capable of bringing dead human beings into being from dead, artificial material. They are incapable of anything concerning life.
[ 15 ] Goethe selbst hat gestrebt, auf dem Wege der Kunst zur Menschenerkenntnis vorzudringen. Als er in Italien war, da sagte er, er glaubte in der Anschauung der italienischen Kunstwerke zu erkennen, wie die Griechen nach denselben Gesetzen im Schaffen ihrer Kunstwerke verfuhren, nach denen die Natur selber verführe. Allein, wo es sich um die höchsten Erkenntnisprobleme, um das eigentliche Lebensrätsel des Menschen handelt, da wusste Goethe, dass man auch mit dem, was die Kunst bieten kann, nicht auskommen kann.
[ 15 ] Goethe himself sought to advance toward an understanding of humanity through art. While he was in Italy, he said that, in contemplating Italian works of art, he believed he could discern how the Greeks had followed the same laws in creating their works of art as those by which nature itself operates. However, when it came to the highest questions of knowledge—the very mystery of human existence—Goethe knew that even what art has to offer is not enough.
[ 16 ] Und so sehen wir denn, dass all das, was sich da entwickelt, zuletzt so auftritt, dass Goethe in seinen reifsten Jahren eigentlich dasteht so, dass er sagt: Wir können hinter den Kulissen des Lebens gewissermaßen vordringen, um in Bildern zu sehen, was das Menschenwesen ist. Aber wir müssen uns ins Übersinnliche versetzen können. Denn in dem Augenblicke, wo wir dasjenige, was wir im Übersinnlichen zu erfassen vermögen, hereinbringen sollen in das menschliche Dasein, das sich des sinnlichen Verstandes, der Sinne überhaupt bedient, zerschellen unsere übersinnlichen Einsichten.
[ 16 ] And so we see that everything that develops there ultimately manifests itself in such a way that, in his ripest years, Goethe stands, as it were, in a position where he says: We can, in a sense, penetrate behind the scenes of life to see in images what the human being is. But we must be able to transport ourselves into the supersensible realm. For the moment we attempt to bring what we are able to grasp in the supersensible into human existence—which makes use of the sensory intellect and the senses in general—our supersensible insights shatter.
[ 17 ] Es ist eine gewaltige Szene, die Schlussszene, die heute vorgeführt werden soll, die gewissermaßen darstellt: Wenn der Mensch nun wirklich in gewaltigen Bildern angeschaut hat jenseits des irdischen Bewusstseins die geistige Welt, wie er sie sehen würde, wenn er bewusst werden könnte während des Schlafes außerhalb des Leibes, wie dann, wenn er wieder zurückkehrt in den Leib, wenn er wieder aufwacht zum gewöhnlichen irdischen Dasein, wie dann das, was er als ein Höchstes, als ein Bedeutsamstes gesehen hat über sein eigenes Wesen, wie das zerschellt.
[ 17 ] It is a powerful scene, the final scene to be performed today, which, in a sense, depicts: If a person has truly beheld the spiritual world in magnificent visions beyond earthly consciousness—as he would see it if he could become conscious while outside his body during sleep—then, when he returns to his body, when he awakens once more to ordinary earthly existence, how then what they have seen as the highest and most significant aspect of their own being shatters.
[ 18 ] Und dramatisch im höchsten Sinne bedeutsam ist es, dass Goethe sagt: Man nehme dieses Produkt der Menschengelehrsamkeit, diesen Homunkulus, man versuche ihn hinaufzutragen in die Welt des Geistseins, da wird sich manches darstellen lassen in gewaltigen Bildern, wie dieser nur abstrakte Mensch ergriffen werden könnte als wirklicher Mensch, als wirkliches, edles Menschenwesen, das dem Leben gewachsen ist. Ja, dann aber sucht der Mensch wiederum im Leib mit den gewöhnlichen Sinnen das zu erfassen, was ihm da in höherer, übersinnlicher Erkenntnis aufgedämmert ist. Und es zerschellt, zerschellt am Muschelwagen der Galatee, zerschellt an derselben Kraft, die die eigentliche Liebeskraft ist.
[ 18 ] And it is significant in the most dramatic sense that Goethe says: Take this product of human scholarship, this homunculus; try to carry it up into the world of the spirit, and there, in powerful images, much will reveal itself about how this purely abstract human being could be grasped as a real human being, as a genuine, noble human being capable of facing life. Yes, but then the human being once again seeks, in the body and with the ordinary senses, to grasp what has dawned upon him there in higher, supersensible knowledge. And it shatters, shatters against Galatea’s shell chariot, shatters against the very force that is the true power of love.
[ 19 ] Man kann gewissermaßen im bildhaften Kunstsinne das Erkenntnisrätsel nicht lebendiger darstellen, als Goethe es gerade in dieser Szene dargestellt hat; denn es zeigt sich in dieser Szene, dass die Erkenntnis wahrhaftig nicht jene abstrakte Angelegenheit ist, zu der sie die Gelehrsamkeit, die trockene Naturwissenschaft so gern machen möchte, sondern dass die Erkenntnis etwas ist, was mit dem innersten Glück, mit dem Innersten des Menschen zusammenhängt. Goethe zeigt, was man empfinden kann, wenn man glaubt, erfasst zu haben, mit Recht erfasst zu haben beim Aufschwung ins Übersinnliche das Menschenwesen, und dann, da es des Menschen Aufgabe ist, wieder zurückkehren muss in das Irdische, wo einem das alles wieder verglimmt, wie es einem wie von den Elementen, von Luft, Wasser, Erde, Feuer, unter denen man ist, zerschellt wird, dieses wirkliche Leben; es ist nicht da, um den Menschen sein eigenes Wesen kennenlernen zu lassen. Aber in dieser wirklichen Welt ist doch dasjenige, in dem der Mensch wirken muss durch sein höchstes übersinnliches Wesen. Wie Übersinnliches und Sinnliches zusammenstößt, das sehen wir gerade in dieser Szene.
[ 19 ] In a figurative, artistic sense, one could hardly portray the enigma of knowledge more vividly than Goethe has done in this very scene; for this scene reveals that knowledge is truly not that abstract matter that scholarship and dry natural science are so eager to make it out to be, but rather that knowledge is something connected to the innermost happiness, to the very core of the human being. Goethe shows what one can feel when one believes one has grasped—and rightly so—the human being in its ascent into the supersensible, and then, since it is the human being’s task to return once more to the earthly realm, where all of this fades away again, as if shattered by the elements—air, water, earth, fire—among which one exists—this real life is shattered; it is not there to allow a person to come to know their own being. Yet in this real world lies precisely that in which a person must act through their highest supersensible being. We see exactly how the supersensible and the sensible collide in this very scene.
[ 20 ] So ist es wahrhaftig, dass man Goethe tief ins Herz hineinsehen kann, wenn man diese Szene vor sich sich abspielen sieht. Und dabei erfüllt sich zugleich das, was Goethe sagte über diese Szene gerade, über die Szene des zweiten Aktes des zweiten Teiles, dass er vieles, was ihm innerste Herzens- und Erkenntnisangelegenheit war, hineingeheimnisst hat, dass er aber dennoch glaubt, alles kunstgemäß so auf die Bühne gebracht zu haben, dass es auch, ohne dass man es erst enträtselt, als Bild groß wirken kann in Bezug auf [eine] dramatische Ausgestaltung. Das hoffte er, dass auch im unmittelbaren Anschauen, im naiven Anschauen diese Dinge unmittelbar wirken können.
[ 20 ] It is indeed true that one can see deep into Goethe’s heart when one watches this scene unfold before one’s eyes. And at the same time, this fulfills what Goethe said specifically about this scene—the scene from the second act of the second part—namely, that he had woven into it many things that were matters of his innermost heart and insight, yet he nevertheless believed he had presented everything on stage in an artistic manner such that, even without first having to unravel it, it could have a powerful impact as an image in terms of [a] dramatic presentation. He hoped that these things could have an immediate impact even upon direct, untrained observation.
[ 21 ] Und so glaube ich, dass gerade, indem man sich dieser Szene hingibt, man sieht wie Goethe das, was er sechs Jahrzehnte – er hat seinen «Faust» in frühester Jugend begonnen – ausgestaltet, das, was er sechs Jahrzehnte in sich herumgetragen hat, was er zur reifsten Reife gebracht hat in seinem höchsten Alter, wie das in ihm geworden ist. Man sieht Goethe in seinem innersten Streben, indem man sieht, wie er ringt im höchsten Alter, denn diese Szene ist wenige Jahre vor seinen Tod geschrieben wie ein teures Vermächtnis an die Menschheit, wie er in seinem höchsten Alter, ein immer noch Ringender, die Fragen, die sich ihm in seiner Jugend aufgedrängt haben, umzugestalten versucht, wie ein Mensch sein ganzes Leben hindurch Ringender sein kann, bescheiden sein kann in Bezug darauf, nie sich für etwas Abgeschlossenes zu halten, das sieht man gerade an einer solchen Dichtung, wie diejenige, die wir uns erlauben werden, Ihnen vorzuführen, am allerbesten.
[ 21 ] And so I believe that it is precisely by immersing oneself in this scene that one sees how Goethe shaped what he had been developing for six decades—he began his Faust in his earliest youth—what he had carried within himself for six decades, what he brought to the height of maturity in his twilight years, and how it took shape within him. One sees Goethe in his innermost striving by observing how he wrestles in his twilight years—for this scene was written just a few years before his death as a precious legacy to humanity—how, in his twilight years, still a man in constant struggle, he attempts to reshape the questions that had pressed upon him in his youth, and how a person can be a man in constant struggle throughout his entire life, and yet remain humble in that regard, never considering himself to have arrived at a final conclusion—this is what one sees most clearly in a poem such as the one we shall take the liberty of presenting to you.
[ 22 ] Und so bringt uns mit allem Geschick, mit allem, was Menschenherzen und Menschensinn und Menschengeist und Menschenseele bewegen kann, gerade eine solche Goethe’sche Szene tief in Berührung. Wir glauben, dass man das, was Goethe aus solchen Geisteshöhen hervorgeholt hat, vielleicht doch am besten ausdrücken kann mit Hilfe der eurythmischen Kunst, durch welche wir hier versuchen, was immer mehr oder weniger als Gebärdenkunst in äußerlicher Form geltend gemacht wurde, das zu verinnerlichen. Unsere eurythmische Kunst soll sein eine unmittelbare Wiedergabe solcher menschlicher Gebärden, die nicht ausgedacht sind, sondern die der menschlichen Organisation und damit dem Weltengeheimnis selber entnommen sind. In der Darstellung mag vielleicht gerade das tief Innerlichste dieses gewaltigen Weltengedichtes in einigen der wichtigsten dieser Szenen zum Ausdrucke kommen.
[ 22 ] And so, with all its artistry—with everything that can move the human heart, mind, spirit, and soul—it is precisely such a Goethean scene that touches us deeply. We believe that what Goethe drew from such spiritual heights can perhaps best be expressed through the art of eurythmy, by means of which we are attempting here to internalize what has, to a greater or lesser extent, been manifested in outward form as the art of gesture. Our art of eurythmy is intended to be a direct rendering of such human gestures that are not contrived, but are drawn from the human organism and thus from the mystery of the world itself. In the performance, perhaps the very innermost essence of this mighty cosmic poem may find expression in some of the most important of these scenes.
