Appendix to the Public Lectures
GA 85
June 1921
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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
33. Zum anthroposophischen Kongress Interview mit Rudolf Steiner in der «Wiener Morgenzeitung»
33. On the Anthroposophical Congress: An Interview with Rudolf Steiner in the “Wiener Morgenzeitung”
Aus einem Gespräch mit Dr. Rudolf Steiner.
From a conversation with Dr. Rudolf Steiner.
[ 1 ] Der geistige Schöpfer und Führer der Anthroposophen äußerte sich in einem Gespräch über seine Stellung zu den einzelnen Zeitfragen im Wesentlichen wie folgt:
[ 1 ] In a conversation, the spiritual founder and leader of the anthroposophists expressed his views on various contemporary issues essentially as follows:
[ 2 ] Bei der anthroposophischen Geisteswissenschaft kommt nicht so sehr die Stellung des Individuums zum Einzelnen als vielmehr seine ganze Weltanschauung in Betracht. Die Menschheit bedarf der Erkenntnis, dass ihre Kulturaufgaben und der Neubau der Gesellschaft, so wie ihre gegenseitige Verständigung, nur möglich sind, wenn das Geistig-Seelische als das Primäre erkannt wird. Ohne gegenseitiges seelisches Verständnis, ohne gegenseitiges Vertrauen kann keine Verständigung von Individuen und Völkern erfolgen. Dies sind auch die Voraussetzungen für das richtige Verständnis und die Anbahnung der Lösung der nationalen, religiösen und sozialen Fragen und speziell auch des jüdischen Problems.
[ 2 ] In anthroposophical spiritual science, it is not so much the individual’s attitude toward particular things that is taken into account as his or her entire worldview. Humanity needs to recognize that its cultural tasks and the rebuilding of society, as well as mutual understanding, are only possible if the spiritual and psychological are recognized as primary. Without mutual psychological understanding and mutual trust, there can be no understanding between individuals and peoples. These are also the prerequisites for a proper understanding of—and the initiation of solutions to—national, religious, and social issues, and especially the Jewish problem.
[ 3 ] Dr. Steiner stellt gegenüber anderen Behauptungen fest, dass er kein Jude sei, sich darauf aber nichts einbilde. Den Antisemitismus des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts führt er vorwiegend auf den nationalen Chauvinismus zurück, aber auch darauf, dass die kranke Gesellschaft einen Schuldigen sucht. Das Judentum hat als Vertreter des Monotheismus, als Vermittler zwischen westlicher und östlicher Kultur noch immer eine historische Aufgabe. Der Zionismus mit seinem Streben nach einem Emigrationszentrum in Palästina für jenen Teil der Juden, der auswandern müsse oder wolle, stehe damit nicht im Gegensatz, denn die Palästinakolonisation erschöpfe nicht die gesamten Aufgaben der jüdischen Renaissance und löse nur einen Teil der Judenfrage.
[ 3 ] Dr. Steiner states, in response to other claims, that he is not Jewish, but that he does not pride himself on this fact. He attributes the anti-Semitism of the nineteenth and twentieth centuries primarily to national chauvinism, but also to the fact that a sick society seeks someone to blame. Judaism, as a representative of monotheism and a mediator between Western and Eastern cultures, still has a historical mission. Zionism, with its quest for an emigration center in Palestine for those Jews who must or wish to emigrate, is not at odds with this, for the colonization of Palestine does not exhaust the full scope of the Jewish renaissance and resolves only part of the Jewish question.
[ 4 ] An dem Problem der Verständigung zwischen Orient und Okzident mitzuwirken ist allerdings auch eine Hauptaufgabe ganz Mitteleuropas, so wie es früher eine historische Mission Österreich-Ungarns war. Seine einzelnen Völker und Staaten besitzen so viele gemeinsame, kulturelle und wirtschaftliche Interessen, dass sie früher oder später, ob sie nun wollen oder nicht wollen, zu einem wirtschaftlichen Zusammenschluss gezwungen sind. Je früher sie diese Notwendigkeit begreifen und die zweckdienlichen Mittel zu ihrer Realisierung erfassen, umso besser für sie und für Gesamteuropa. Auf das Wollen und auf das gegenseitige Verständnis kommt es auch beim sozialen Problem an. Die Entwicklung führe immer mehr und mehr zur Demokratie, der die Aufgabe zufällt, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger zu verwirklichen. Ohne Autonomie der Persönlichkeit, ohne Emanzipation von der Staatsgewalt in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht, kann von einer wahren Demokratie nicht gesprochen werden, bleibt der Einzelne Staatssklave.
[ 4 ] Contributing to the problem of understanding between the East and the West is, however, also a major task for all of Central Europe, just as it was once a historic mission of Austria-Hungary. Its individual peoples and states share so many common cultural and economic interests that sooner or later—whether they want to or not—they will be compelled to form an economic union. The sooner they grasp this necessity and identify the appropriate means for its realization, the better it will be for them and for Europe as a whole. Willingness and mutual understanding are also crucial when it comes to social issues. Development is leading more and more toward democracy, which has the task of realizing the equal rights of all citizens. Without personal autonomy, without emancipation from state authority in cultural and economic terms, there can be no true democracy; the individual remains a slave to the state.
[ 5 ] Es sind genügend soziale Theorien aufgetaucht. Den Anthroposophen aber kann es sich nicht darum handeln, diese zu vermehren. Was notwendig ist, wird aus dem Leben herauswachsen; die Entscheidung über die zukünftige Wirtschaftsordnung fällt den zu bildenden Assoziationen aller Produzierenden zu. Aber immer wieder muss betont werden, dass die Erneuerung des sozialen Lebens bedingt ist durch die Erneuerung der gesamten Kultur, durch die Erziehung zum neuen Menschen. Darum legt Dr. Steiner einen besonderen Wert auf die Jugenderziehung. «Ich fühle mich nicht alt», sagt er, «sondern vielmehr jünger als ein großer Teil der Jugend.» Das frühzeitige Altern eines großen Teiles der Jugend kann nur durch eine wissenschaftliche Fundamentierung der Pädagogik, gestützt auf eine umfassende Kenntnis des werdenden Menschenwesens, gebannt werden.
[ 5 ] Enough social theories have already emerged. But for anthroposophists, the goal cannot be to add to them. What is necessary will grow out of life itself; the decision regarding the future economic order rests with the associations of all producers that are yet to be formed. But it must be emphasized again and again that the renewal of social life depends on the renewal of culture as a whole, on the education of the new human being. That is why Dr. Steiner places special emphasis on the education of young people. “I do not feel old,” he says, “but rather younger than a large portion of the youth.” The premature aging of a large portion of the youth can only be averted through a scientific foundation for pedagogy, based on a comprehensive understanding of the developing human being.
[ 6 ] Auf die Frage schließlich, was geschehen könne und müsse, um die hier dargelegten Anschauungen zu realisieren, verwies Dr. Steiner vor allem auf Tagungen, wie der eben stattgefundene Kongress, wo durch die Teilnahme von Angehörigen der verschiedensten Nationen die Möglichkeit einer geistigen und seelischen Internationalität dokumentiert wurde.
[ 6 ] Finally, when asked what could and must be done to put the views outlined here into practice, Dr. Steiner referred above all to conferences, such as the one that had just taken place, where the participation of people from a wide variety of nations demonstrated the possibility of spiritual and psychological internationalism.
[ 7 ] Aber schon eine ruhige und sachliche Aussprache von Mensch zu Mensch, wie sie jetzt zum Beispiel zwischen uns beiden stattgefunden hat, bringe, wenn sie allgemein stattfände, die Menschen einander und ihren gemeinsamen kulturellen Zielen näher. H. K.
[ 7 ] But even a calm and objective conversation between two people—such as the one that has just taken place between the two of us—would, if it were to occur on a widespread basis, bring people closer to one another and to their shared cultural goals. H. K.
[ 8 ] Der vorgestrige Abend brachte den Ausklang des Kongresses; am Vormittag hatten die Herren Dr. Karl Heyer und Dr. Karl Schubert, der eine über die Entwicklung des Rechtes im Lichte der neuen Weltanschauung und der andere über den dreifachen Strom des geschichtlichen Werdens, gesprochen, nachmittags hatte in der Volksoper die letzte Vorführung der eurythmischen Kunstform stattgefunden und abends fand sich die begeisterte Menge, welche zu den Vorträgen von Dr. Rudolf Steiner regelmäßig gekommen war, noch einmal zusammen, um durch drei Stunden den Reden zuzuhören, welche teils als Dankesreden von den Vertretern der verschiedenen Nationen, einem Amerikaner, einem Engländer, einem Schweden, einem Holländer und einem Prager, und den Vertretern der reichsdeutschen und der österreichischen Studentenschaft gehalten wurden, teils als Schlusswort galten, wie die Ausführungen von Ludwig PolzerHoditz, und teils die Bekanntschaft mit dem prächtigen Kuppelbau des Goetheanums in Dornach und seinen wundersamen Plastiken vermittelte, wie es der Lichtbildervortrag von Dr. Rudolf Steiner vermochte. In schönen Worten wendete sich der Redner an die Wiener, an sein Heimatland, dem er das Emporsteigen aus den gegenwärtigen Nöten vom ganzen Herzen wünsche und dem er für die freundliche Aufnahme des Kongresses aus tiefer Seele danke; die anthroposophische Weltanschauung, welche sich weiterentwickeln müsse und auch entwickeln werde, könne die Verständigung der Völker hervorbringen, wie während der Bauzeit des Goetheanums in Dornach während des Krieges die am Bau beteiligten Angehörigen der verschiedensten feindlichen Nationen freundschaftlich und in engster Gemeinschaft miteinander gearbeitet haben. Österreich mit seiner liebenswürdigen Bevölkerung würde seinen Platz an der Tafel der Geschichte wieder einnehmen.
[ 8 ] The evening before last marked the conclusion of the congress; that morning, Dr. Karl Heyer and Dr. Karl Schubert had spoken—the former on the development of law in light of the new worldview, and the latter on the threefold stream of historical becoming— in the afternoon, the final performance of the art of eurythmy had taken place at the Volksoper, and in the evening, the enthusiastic crowd that had regularly attended Dr. Rudolf Steiner’s lectures gathered once more to listen for three hours to the speeches—some of which served as expressions of gratitude delivered by representatives of various nations—an American, an Englishman, a Swede, a Dutchman, and a man from Prague— and by representatives of the German and Austrian student bodies; in part as closing remarks, such as the remarks by Ludwig Polzer-Hoditz; and in part to introduce the magnificent domed building of the Goetheanum in Dornach and its wondrous sculptures, as the slide presentation by Dr. Rudolf Steiner did. In beautiful words, the speaker addressed the Viennese and his homeland, to which he wholeheartedly wished a rise above its present hardships and to which he expressed his deepest gratitude for the warm welcome extended to the congress; the anthroposophical worldview, which must and will continue to develop, could foster understanding among peoples, just as during the construction of the Goetheanum in Dornach during the war, members of the most diverse enemy nations who were involved in the construction worked together in friendship and in the closest fellowship. Austria, with its charming people, would once again take its place at the table of history.
