Appendix to the Public Lectures
GA 85
25 November 1891, Weimar
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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
34. Die Phantasie als Kulturschöpferin
34. Imagination as a Creator of Culture
[ 1 ] Der Zyklus von Vorträgen über die Hauptströmungen des deutschen Geisteslebens wurde am 25. ds. eröffnet durch einen gedankenreichen Vortrag des Herrn Dr. Steiner, der Die Phantasie als Kulturschöpferin behandelte. In den einleitenden Sätzen wies der Vortragende darauf hin, wie der Idealismus die große Kraft gewesen sei, die die deutsche Kultur geschaffen habe, in den Tagen, wo das deutsche Volk sich zur idealsten Religion bekannt habe, zum Christentum, dann als Luthers Idealismus die Religion neu gestaltet und belebt habe, da die römische Kirche das Reich Gottes hinter Macht und Schätze dieser Erde stellte, und als der Idealismus des deutschen Volkes sich ein neues geistiges Vaterland geschaffen habe, im Augenblick, wo der korsische Imperator das irdische Vaterland zertrümmert zu haben schien. Heute freilich mache sich eine bedenkliche Strömung geltend, die sich von dem Idealismus abwende; der Mann der Wissenschaft wolle von der Phantasie, die den Geist auf die ungemessene Höhe erhebe, nichts wissen; er wolle nur die Tatsachen gelten lassen, der Maler nur die Wahrheit, die das irdische Auge fasse, der Dichter nur das alltägliche Leben. Sehr nachdrücklich wies Dr. Steiner auf das Falsche und Gefährliche in diesen Tendenzen hin, nur gelten zu lassen, was das Auge sehe und das Ohr höre und mahnte, eingedenk zu bleiben, dass die Kultur nur erhalten und in ihren Fortschritten gefördert werden könne durch den Idealismus vermittelst der Phantasie, die den Menschen vom Ich erlöse und ihn zu hoher und freier Tätigkeit befähige. Übergehend auf sein eigentliches Thema, entwickelte Dr. Steiner in geistvollen Ausführungen, wie die Phantasie eine durchaus unzerstörbare, dem Menschen verliehene Naturkraft sei, indem er hinwies auf die erste Betätigung derselben im Traume. Eingehend erörterte er die Spiele der Phantasie im Traume, in denen zuerst der Mensch vom Ich sich loslöse, aber zugleich in steter Berührung mit dem realen Leben bleibe. Hier wirkte die Phantasie Symbole schaffend; ihre freien und ungeregelten Schöpfungen wurden durch den ordnenden Geist des Menschen allmählich fortschreitend zu Kulturschöpfungen entwickelt. Es ist unmöglich, die geistvollen, oft überraschend wirkenden Ausführungen in einem Referat wiederzugeben. Wir müssen uns auf diese sehr ungenügenden Andeutungen beschränken. Der Redner schloss mit dem Hinweise darauf, dass ohne die Phantasie alle geistige Arbeit unfruchtbar bleibe; nur sie ermöglicht dem Gelehrten, dem Dichter, dem Künstler schöpferisch zu wirken, denn sie allein vermöge die Loslösung des Ich zu bewirken, ohne welche schöpferische Kraft nicht gewonnen werden könne; sie allein ermögliche die feste Erkenntnis der gemeinsamen Ziele, die jederzeit zu erstreben seien. Abschweifend auf das historisch-politische Gebiet hob der Redner hervor, dass eben deshalb kein Eroberer etwas Dauerndes schaffen könne, dass aber auch die Sozialdemokratie unfähig zu schöpferischer Tätigkeit sei, weil ihr die klare Vorstellung der zu erschaffenden Zustände fehle. Ohne die Phantasie versinke die Kultur, durch die Phantasie aber werde uns die Kultur erhalten und die Freiheit gewonnen. Reicher Beifall sprach dem Redner den Dank für den Vortrag aus, der noch gewinnen würde, wenn die zahlreichen Exemplifikationen aus dem Gebiet des Traumlebens etwas eingeschränkt und der zweite Teil dafür eingehender behandelt würde.
[ 1 ] The series of lectures on the main currents of German intellectual life began on the 25th of this month with a thought-provoking lecture by Dr. Steiner, who discussed “Imagination as the Creator of Culture.” In his opening remarks, the speaker pointed out how idealism had been the great force that created German culture in the days when the German people professed the most ideal religion—Christianity—and then how Luther’s idealism reshaped and revitalized religion, since the Roman Church had placed the Kingdom of God behind the power and treasures of this earth, and when the idealism of the German people had created a new spiritual homeland at the very moment when the Corsican emperor seemed to have shattered the earthly homeland. Today, however, a troubling trend is gaining ground that turns away from idealism; the man of science wants nothing to do with the imagination that lifts the spirit to immeasurable heights; he wants to accept only facts, the painter only the truth that the earthly eye can grasp, and the poet only everyday life. Dr. Steiner emphatically pointed out the fallacy and danger in these tendencies to accept only what the eye sees and the ear hears, and he urged his audience to remember that culture can be preserved and advanced only through idealism mediated by imagination, which liberates the human being from the ego and enables him to engage in higher and freer activity. Turning to his main topic, Dr. Steiner elaborated in insightful remarks on how the imagination is an utterly indestructible, natural force bestowed upon human beings, pointing to its first manifestation in dreams. He discussed in detail the play of the imagination in dreams, in which human beings first detach themselves from the “I” yet at the same time remain in constant contact with real life. Here, the imagination worked by creating symbols; its free and unregulated creations were gradually developed into cultural creations through the organizing spirit of human beings. It is impossible to convey the insightful, often surprising remarks in a single presentation. We must limit ourselves to these very inadequate hints. The speaker concluded by pointing out that without the imagination, all intellectual work remains fruitless; only the imagination enables the scholar, the poet, and the artist to work creatively, for it alone is capable of bringing about the detachment of the self, without which creative power cannot be attained; it alone makes possible the firm recognition of the common goals that must be strived for at all times. Digressing into the realm of history and politics, the speaker emphasized that it is precisely for this reason that no conqueror can create anything lasting, but that social democracy, too, is incapable of creative activity because it lacks a clear vision of the conditions to be created. Without imagination, culture would decline; but through imagination, culture is preserved and freedom is won. Rich applause expressed gratitude to the speaker for his lecture, which would have been even more successful had the numerous examples drawn from the realm of the dream world been somewhat limited and the second part treated in greater depth.
