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Appendix to the Public Lectures
GA 85

19 January 1894, Weimar

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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
  1. Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge

35. Genie, Irrsinn und Verbrechertum

35. Genius, Madness, and Crime

Populär-wissenschaftliche Vorträge III

Popular science lectures III

[ 1 ] Der dritte Vortragsabend bot im Programm abermals ein ganz eigenartiges Thema und gehörte einem einheimischen Gelehrten. Die Hörergemeinde, welche fraglos dem Grundsatz des Vorstandes bei Zusammenstellung dieser so überaus interessanten Vorträge, möglich[st] viel Abwechselung zu bieten, dankbar beistimmt, folgte den Ausführungen des geehrten und gelehrten Mitbürgers mit sichtlicher Teilnahme und Spannung.

[ 1 ] The program for the third lecture evening once again featured a most unusual topic and was presented by a local scholar. The audience, which undoubtedly appreciated the board’s principle of offering as much variety as possible in compiling this series of extremely interesting lectures, listened to the remarks of this distinguished and learned fellow citizen with evident interest and anticipation.

[ 2 ] Der Redner bemerkte eingangs, dass eine unbefangene Beurteilung der von ihm zu besprechenden Erscheinungen nur möglich sei von dem Standpunkte der modernen Wissenschaft aus, der durch Darwin und Haeckel in weiteren Kreisen bekannt geworden ist, und als dessen erster Vertreter in Deutschland Goethe angesehen werden muss. Solange man daran festhielt, dass alle Menschen nach einem bestimmten idealen Vorbilde geschaffen sind, konnte man nichts anderes tun, als jede Abweichung von diesem Vorbilde als Krankheit bezeichnen, und musste sorgsam nach den Unterschieden suchen zwischen dem geistig und physisch gesunden und dem kranken Menschen. Die neuere Naturwissenschaft kennt kein Bild eines vollkommenen Menschen. Es gibt für sie nicht zwei einander vollkommen gleiche Individuen; und zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen dem Genie und dem Idiotismus, zwischen selbstloser Gesinnung und Verbrechertum usw. kennt sie keine festen Grenzen, weil diese Erscheinungsweisen des Seelenlebens durch unzählige Zwischenstufen allmählich ineinander übergehen. Wie schwer es zum Beispiel ist zu sagen, wo gesundes Seelenleben aufhört und Irrsinn anfängt, beweist der Umstand, dass vor Kurzem eine Reihe bedeutender Zeitgenossen entschieden auf die Notwendigkeit einer Reform der Irrengesetzgebung hingewiesen haben, weil ihnen die Prinzipien ungenügend erscheinen, nach denen die Irrenärzte heute entscheiden, ob ein Mensch wegen Geisteskrankheit von der übrigen Gesellschaft abzuschließen ist.

[ 2 ] The speaker noted at the outset that an unbiased assessment of the phenomena he was to discuss was possible only from the standpoint of modern science—a perspective that had become widely known through Darwin and Haeckel, and of which Goethe must be regarded as the foremost representative in Germany. As long as one held fast to the belief that all human beings are created according to a specific ideal model, one could do nothing other than label any deviation from this model as a disease, and one had to carefully search for the differences between the mentally and physically healthy person and the sick person. Modern natural science knows of no image of a perfect human being. For modern science, no two individuals are perfectly alike; and it recognizes no fixed boundaries between health and illness, between genius and idiocy, between selflessness and criminality, etc., because these manifestations of mental life gradually merge into one another through countless intermediate stages. Just how difficult it is, for example, to say where a healthy mental life ends and insanity begins is demonstrated by the fact that, recently, a number of prominent contemporaries have emphatically pointed out the need for a reform of mental health legislation, because the principles by which psychiatrists today decide whether a person should be isolated from the rest of society due to mental illness seem insufficient to them.

[ 3 ] Der Vortragende zeigte nun, wie das gesunde Seelenleben durch eine Modifikation seiner Kräfte ganz allmählich in ausgesprochenen Wahnsinn übergehen kann. Die einfache Sinneswahrnehmung des gesunden Menschen entspricht niemals ganz den beobachteten Tatsachen, sonst könnten zwei Personen nicht zuweilen von einem und demselben Ereignis, das sie gesehen haben, ganz verschiedene Berichte geben. Von dieser Veränderung der wahrgenommenen Tatsachen durch unsere Sinnesorgane bis zu der offenbaren Illusion, wo unsere Wahrnehmung von den äußeren Eindrücken ganz verschieden ist, und von da bis zur Halluzination, wo ein Sinnesbild ohne äußere Veranlassung vorhanden ist, besteht ein allmählicher Übergang. Illusionen und Halluzinationen sind krankhafte Erscheinungen, die aber Bestandteile eines sonst gesunden Seelenlebens bilden können. Erst wenn die Sinnestäuschungen von der menschlichen Urteilskraft nicht mehr durchschaut, sondern für Wirklichkeit gehalten werden, fängt der Wahnsinn an. Aber dieser kann zunächst nur vorübergehend sein. Es gibt Menschen, die unter dem Eindrucke heftiger Gemütsbewegungen vollkommen die Erscheinungen des Wahnsinns zeigen, während sie sonst als geistig gesund gelten müssen. Ein Gleiches ist zu sagen von den Erinnerungsvorstellungen. Bei der sogenannten Aphasie, die auf einer Erkrankung in den vorderen Hirnpartien beruht, tritt Sprachlosigkeit ein, weil der Mensch, trotz vollkommener Gesundheit der Sprachorgane und der Urteilskraft, die Erinnerung an die Wortvorstellungen verliert. Von dem mangelhaften Erinnerungsvermögen bis zum Auftreten der unser ganzes Seelenleben zerstörenden Erinnerungsfälschungen, von der Phantasievorstellung bis zu der krankhaften Zwangsvorstellung finden sich wieder alle möglichen Zwischenstufen.

[ 3 ] The speaker then demonstrated how a healthy mental state can, through a modification of its faculties, gradually degenerate into outright madness. The simple sensory perception of a healthy person never fully corresponds to the observed facts; otherwise, two people could not occasionally give completely different accounts of the very same event they had witnessed. There is a gradual transition from this alteration of perceived facts by our sensory organs to overt illusion, where our perception differs entirely from external impressions, and from there to hallucination, where a sensory image exists without any external cause. Illusions and hallucinations are pathological phenomena, but they can form part of an otherwise healthy mental life. Only when these sensory deceptions are no longer recognized as such by human judgment but are instead taken for reality does madness begin. But this may initially be only temporary. There are people who, under the influence of intense emotional upheavals, exhibit all the signs of madness, while otherwise they must be considered mentally healthy. The same can be said of memories. In so-called aphasia, which stems from a disease in the frontal lobes of the brain, a loss of speech occurs because the person, despite the complete health of the speech organs and their power of judgment, loses the memory of word concepts. From impaired memory to the occurrence of memory distortions that destroy our entire mental life, from imaginative concepts to pathological obsessions, all possible intermediate stages can be found.

[ 4 ] Ebenso wenig wie es eine feste Grenze zwischen dem sogenannten normalen Geist und dem Wahnsinnigen gibt, können wir eine solche zwischen der Durchschnittsbegabung und dem Genie finden. Mit dem Worte Genie verbindet man oft geradezu mystische Vorstellungen. Man glaubt, das Genie schaffe durch eine höhere Eingebung oder eine besondere, nur ihm eigene Seelenkraft, während der Durchschnittsmensch und das gewöhnliche Talent lediglich ein Instrument zur Registrierung von Beobachtungen seien. Der Vortragende vertritt die Ansicht, dass das geniale Schaffen nur eine Steigerung derjenigen Seelenkraft sei, die jedem Menschen zukomme. Jeder Kalauer, jeder Einfall, der aus einem Durchschnittskopf entspringt, beweist, dass der Mensch nicht bloß Beobachtungen registriert, sondern produktiv ist. Bei dem Genie ist die Erfindungsgabe nur eine reichere als beim Durchschnittsmenschen. Vollkommen werden geniale Schöpfungen nur, wenn der Erfindungsgabe ein entsprechendes Maß von Talent zur Seite steht, das dem Genie die Herrschaft über seine Ideen sichert. Verliert es die letztere, so wird es von seinen eigenen Gebilden wie von fremden Gewalten beherrscht. Deshalb kann, wenn die Erfindungsgabe einseitig ausgebildet ist und von keiner registrierenden, ordnenden Seelenkraft unterstützt wird, das Genie in Wahnsinn übergehen. Für Individuen der letzteren Art haben nun die Anschauungen des großen italienischen Forschers Lombroso Berechtigung. Aus dem Umstande, dass hervorragende Menschen und Irrsinnige oft Abnormitäten in der Schädelbildung zeigen, dass Klima, Temperaturverhältnisse, Rasse, Vererbung in ähnlicher Weise auf beide wirken, schließt Lombroso auf eine Verwandtschaft des Genies mit dem Irrsinn; ja, er geht so weit, das geniale Schaffen sich als eine besondere Äußerung einer epileptischen Veranlagung zu denken, weil Epileptiker und Genies in gleicher Weise an Schwindelanfällen und Wutausbrüchen leiden. Bei genauerer Untersuchung stellt sich aber heraus, dass sich nur für die geschilderten Individuen mit einseitig genialer Veranlagung Ähnlichkeiten mit den Irrsinnigen aufzeigen lassen, während man bei bedeutenden Menschen mit harmonischer Ausbildung aller Geisteskräfte, wie Raphael, Shakespeare, Goethe, nicht eine krankhafte Hirntätigkeit, sondern einen höheren Grad von Leistungsfähigkeit des Zentralnervensystems annehmen muss. Lombroso erklärt aber nicht das geniale Schaffen, sondern nur einzelne Erscheinungen im Seelenleben jener Individuen, bei denen Talent und Genie einander nicht das Gleichgewicht halten.

[ 4 ] Just as there is no clear boundary between the so-called normal mind and the insane, we cannot find one between average ability and genius. The word “genius” is often associated with downright mystical notions. It is believed that the genius creates through a higher inspiration or a special, unique inner strength, while the average person and the person of ordinary talent are merely instruments for recording observations. The speaker takes the view that genius is merely an intensification of the inner strength inherent in every human being. Every pun, every idea that springs from an average mind proves that human beings do not merely record observations but are productive. In the case of the genius, the power of invention is simply richer than that of the average person. Genius creations become perfect only when the power of invention is accompanied by a corresponding measure of talent, which ensures the genius’s mastery over his ideas. If the genius loses this mastery, he is dominated by his own creations as if by external forces. Therefore, if inventiveness is developed one-sidedly and is not supported by any observing, organizing power of the mind, the genius can descend into madness. For individuals of the latter type, the views of the great Italian researcher Lombroso are now justified. Based on the fact that outstanding individuals and the insane often exhibit abnormalities in skull structure, and that climate, temperature conditions, race, and heredity affect both in a similar manner, Lombroso concludes that there is a connection between genius and insanity; indeed, he goes so far as to conceive of genius as a special manifestation of an epileptic predisposition, because epileptics and geniuses alike suffer from bouts of vertigo and outbursts of rage. Upon closer examination, however, it becomes clear that similarities with the insane can be demonstrated only for the individuals described who possess a one-sided genius predisposition, whereas in the case of prominent figures with a harmonious development of all mental faculties—such as Raphael, Shakespeare, and Goethe—one must assume not pathological brain activity but rather a higher degree of functional capacity of the central nervous system. Lombroso, however, does not explain creative genius, but only individual phenomena in the mental life of those individuals in whom talent and genius do not maintain a balance.

[ 5 ] Auch das Verbrechertum kann, nach Ansicht des Vortragenden, nur vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft aus begriffen werden. Nicht um das einzelne Verbrechen kann es sich handeln, sondern um das ganze Seelenleben des Verbrechers. Man hat in neuerer Zeit nachgewiesen, dass sich bei den Verbrechern aller Völker gewisse gemeinsame physische und geistige Eigenschaften finden. In diesen haben wir den Erklärungsgrund für die verbrecherische Neigung zu suchen. Falsch erscheint es, wenn einzelne Forscher diese Neigung auf eine besondere Form von Geisteskrankheit, den moralischen Irrsinn, zurückführen. Denn bei Menschen mit ausgesprochenem Mangel an moralischen Begriffen finden sich immer auch Fehler in der Urteilskraft und im Gefühlsleben. Dagegen kann heute kaum mehr ein Zweifel bestehen, dass Lombroso auf dem rechten Wege ist, wenn er die verbrecherische Neigung aus einem Rückfall des Menschen in eine frühere Stufe geistiger und physischer Entwicklung (in den Urzustand), also durch Atavismus, erklärt. Diese Ansicht wird sich, behauptet der Redner, ebenso die Strafgesetzgebung wie die Pädagogik zunutze machen müssen. Wer das einzelne Verbrechen bestraft, bekämpft das Verbrechertum nicht, wohl aber der, welcher die Seelen der heranwachsenden Menschen in der Weise bildet, dass Rückfälle auf eine frühere Entwicklungsstufe unseres Geschlechtes immer seltener werden.

[ 5 ] Criminality, too, in the speaker’s view, can only be understood from the standpoint of modern natural science. The focus should not be on the individual crime, but on the criminal’s entire mental life. It has been demonstrated in recent times that certain common physical and mental characteristics are found among criminals of all peoples. It is in these that we must seek the explanation for the criminal inclination. It seems incorrect when individual researchers attribute this inclination to a specific form of mental illness, namely moral insanity. For in people with a pronounced lack of moral concepts, there are always also defects in judgment and in emotional life. On the other hand, there can hardly be any doubt today that Lombroso is on the right track when he explains the criminal disposition as a relapse of human beings to an earlier stage of mental and physical development (to the primal state)—that is, through atavism. This view, the speaker asserts, must be utilized by both criminal law and pedagogy. Those who punish individual crimes do not combat criminality; rather, it is those who shape the minds of young people in such a way that relapses to an earlier stage of our species’ development become increasingly rare.