Appendix to the Public Lectures
GA 85
14 April 1905, Karlsruhe
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
72. Die Weisheitslehren des Christentums
72. Die Weisheitslehren des Christentums
[ 1 ] Der Karlsruher Zweig der «Theosophischen Gesellschaft» veranstaltete am 14. April hier eine öffentliche Versammlung, in welcher Dr. Rudolf Steiner aus Berlin, der deutsche Generalsekretär der Gesellschaft, über die «Weisheitslehren des Christentums» sprach. Der Redner wies zunächst auf die Ziele dieser Gesellschaft hin, welche eine allgemeine Verbrüderung von Menschen auf dem ganzen Erdenrund ohne Unterschied von Nation, Religion, Stand, Geschlecht usw. anstrebt und durch die Erforschung des Wahrheitskernes in allen Religionen und Weltanschauungen sowie durch Darlegung der von der offiziellen Wissenschaft unberücksichtigt gelassenen Kräfte des Menschen und der Natur die Versöhnung der großen Gegensätze unserer Zeit: Religion und Wissenschaft zu bewirken sucht. Es wurde darauf hingewiesen, dass diese Gegensätze heute nicht bloß zwischen Menschen und Mensch vorhanden seien, sondern auch in die Seele des Einzelnen, ja schon des Kindes hineinspielen. In der Schule zeigt sich das, wenn dem jungen Menschen die Lehren der neuen Naturwissenschaft auf der einen, die jahrtausendalten Anschauungen der religiösen Weltanschauung andrerseits in einem unüberbrückbaren Zwiespalt erscheinen müssen. Die theosophische Bewegung, die gegenwärtig bereits in über 800 Zweiggesellschaften über Amerika, Europa, Afrika, Asien und Australien verbreitet ist, sieht ihre Mission darin, die Wahrheiten über die geistigen Tatsachen ebenso sachgemäß und einleuchtend zu erforschen und der Gegenwart nahezubringen, wie das von Seite der Wissenschaft in Bezug auf die Tatsachen und Gesetze der Natur geschieht. Sie hat auch seit den 30 Jahren ihres Bestehens damit schon schöne Resultate erzielt. Der Vortragende weist vor allem darauf hin, dass noch vielfach die Meinung verbreitet sei, die theosophische Weltanschauung wirke für indische, buddhistische Anschauungen. Er zeigte, dass ihr solche Bestrebungen ferne liegen und dass dies den Bedürfnissen der europäischen Kultur widersprechen würde. Deshalb behandelte er das Thema «die Weisheitslehren des Christentums » und zeigte, dass es möglich sei, die religiösen Wahrheiten in einer allen wissenschaftlichen Anforderungen entsprechenden Form darzustellen. Er führte in die ersten Jahrhunderte des Christentums zurück, zur sogenannten Mysterienlehre. Im Sinne dieser «uralten Weisheit» führte er das Wesen des Menschen vor. Er sonderte den ewigen, unsterblichen Kern der Menschennatur von der vergänglichen Hülle. Dann machte er anschaulich, wie die christlichen Lehren vom Logos (dem «Worte») und dem Heiligen Geiste diese uralten Lehren in einer besonderen Form wiedergeben und nur richtig verstanden zu werden brauchen, um auch den wissenschaftlich Gebildeten vollkommen zu befriedigen. Im Mittelalter war eine andere Art des christlichen Wirkens möglich als in der Gegenwart, denn damals stand der Religion keine Naturwissenschaft gegenüber, der sie gewachsen zu sein brauchte. Heute muss jede religiöse Auffassung der Wissenschaft standhalten. Wenn man den wahren Kern des Christentums wirklich erfasst, dann ist dies möglich. Man muss die christlichen Wahrheiten nur vertiefen, um sich zu überzeugen, dass nicht kindliches Vorstellen eines unentwickelten Verstandes, sondern reife Geisteserkenntnis in ihnen enthalten ist.
[ 1 ] Der Karlsruher Zweig der «Theosophischen Gesellschaft» veranstaltete am 14. April hier eine öffentliche Versammlung, in welcher Dr. Rudolf Steiner aus Berlin, der deutsche Generalsekretär der Gesellschaft, über die «Weisheitslehren des Christentums» sprach. Der Redner wies zunächst auf die Ziele dieser Gesellschaft hin, welche eine allgemeine Verbrüderung von Menschen auf dem ganzen Erdenrund ohne Unterschied von Nation, Religion, Stand, Geschlecht usw. anstrebt und durch die Erforschung des Wahrheitskernes in allen Religionen und Weltanschauungen sowie durch Darlegung der von der offiziellen Wissenschaft unberücksichtigt gelassenen Kräfte des Menschen und der Natur die Versöhnung der großen Gegensätze unserer Zeit: Religion und Wissenschaft zu bewirken sucht. Es wurde darauf hingewiesen, dass diese Gegensätze heute nicht bloß zwischen Menschen und Mensch vorhanden seien, sondern auch in die Seele des Einzelnen, ja schon des Kindes hineinspielen. In der Schule zeigt sich das, wenn dem jungen Menschen die Lehren der neuen Naturwissenschaft auf der einen, die jahrtausendalten Anschauungen der religiösen Weltanschauung andrerseits in einem unüberbrückbaren Zwiespalt erscheinen müssen. Die theosophische Bewegung, die gegenwärtig bereits in über 800 Zweiggesellschaften über Amerika, Europa, Afrika, Asien und Australien verbreitet ist, sieht ihre Mission darin, die Wahrheiten über die geistigen Tatsachen ebenso sachgemäß und einleuchtend zu erforschen und der Gegenwart nahezubringen, wie das von Seite der Wissenschaft in Bezug auf die Tatsachen und Gesetze der Natur geschieht. Sie hat auch seit den 30 Jahren ihres Bestehens damit schon schöne Resultate erzielt. Der Vortragende weist vor allem darauf hin, dass noch vielfach die Meinung verbreitet sei, die theosophische Weltanschauung wirke für indische, buddhistische Anschauungen. Er zeigte, dass ihr solche Bestrebungen ferne liegen und dass dies den Bedürfnissen der europäischen Kultur widersprechen würde. Deshalb behandelte er das Thema «die Weisheitslehren des Christentums » und zeigte, dass es möglich sei, die religiösen Wahrheiten in einer allen wissenschaftlichen Anforderungen entsprechenden Form darzustellen. Er führte in die ersten Jahrhunderte des Christentums zurück, zur sogenannten Mysterienlehre. Im Sinne dieser «uralten Weisheit» führte er das Wesen des Menschen vor. Er sonderte den ewigen, unsterblichen Kern der Menschennatur von der vergänglichen Hülle. Dann machte er anschaulich, wie die christlichen Lehren vom Logos (dem «Worte») und dem Heiligen Geiste diese uralten Lehren in einer besonderen Form wiedergeben und nur richtig verstanden zu werden brauchen, um auch den wissenschaftlich Gebildeten vollkommen zu befriedigen. Im Mittelalter war eine andere Art des christlichen Wirkens möglich als in der Gegenwart, denn damals stand der Religion keine Naturwissenschaft gegenüber, der sie gewachsen zu sein brauchte. Heute muss jede religiöse Auffassung der Wissenschaft standhalten. Wenn man den wahren Kern des Christentums wirklich erfasst, dann ist dies möglich. Man muss die christlichen Wahrheiten nur vertiefen, um sich zu überzeugen, dass nicht kindliches Vorstellen eines unentwickelten Verstandes, sondern reife Geisteserkenntnis in ihnen enthalten ist.
