Appendix to the Public Lectures
GA 85
30 April 1906, Stuttgart
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Appendix to the Public Lectures, tr. SOL
82. Das Alte und das Neue Testament Theosophie und Kunst
82. The Old and New Testaments, Theosophy, and Art
[ 1 ] Auf Veranlassung der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) hielt Dr. Rudolf Steiner am 30. April einen Vortrag über Das Alte und das Neue Testament. Das vergleichende Studium der verschiedenen Religionen ist eine der Aufgaben, die sich die theosophische Bewegung gestellt hat. Als gemeinsamer Kern der Religionen ergibt sich die Vorstellung von der Doppelnatur des Menschen und von dem Kampfe, in welchem die höhere, göttliche Natur die niedere, irdische überwinden soll; es ist der Sieg des Unsichtbaren über das Sichtbare. Eine weitere gemeinsame Anschauung ist, dass dem Mikrokosmus des Menschen ein Makrokosmus der Natur entspricht. Die Religionsurkunden weisen darauf hin, dass hinter der sichtbaren äußeren Natur unsichtbare göttliche Wesenheiten, die älteren Brüder der Menschheit, stehen, die in der Vorzeit denselben Kampf bestanden und den Sieg errungen haben. Die Schöpfungsbilder des Alten Testaments, die diesen Kampf darstellen, sind entstanden durch das bildhafte Schauen einer früheren Bewusstseinsstufe, die dem heutigen hellen Tagesbewusstsein vorausging. Das Alte Testament schildert nun die Entwicklung eines Volkes, dessen Gemeinwesen auf das gemeinschaftliche Blut gegründet ist; die Seele dieses Volkskörpers ist der Gott des Volkes (Jahwe). Die Entwicklung schreitet fort, indem der Einzelne sich als Individualität aus dem Volkskörper herauslöst; was in dem Kampfe des ganzen Volkes dargestellt wurde, muss nun im Individuum sich fortsetzen. Die Verheißung des Sieges in diesem Kampf kommt am Schluss des Alten Testaments zum Ausdruck. Der Christus Jesus stellt als Erster den Begriff einer Bruderschaft auf, die sich nicht auf Blut-, sondern auf Seelen-Gemeinschaft gründet. Dieser Bruderbund hat seinen Anfang genommen im Christentum, seiner Ausgestaltung soll die theosophische Bewegung dienen.
[ 1 ] At the request of the Theosophical Society (Adyar), Dr. Rudolf Steiner gave a lecture on April 30 on The Old and New Testaments. The comparative study of different religions is one of the tasks the Theosophical Movement has set for itself. The common core of the religions is the concept of the dual nature of human beings and the struggle in which the higher, divine nature is to overcome the lower, earthly nature; it is the victory of the invisible over the visible. Another common view is that the microcosm of the human being corresponds to a macrocosm of nature. Religious texts indicate that behind visible, external nature stand invisible divine beings—the elder brothers of humanity—who, in ancient times, underwent the same struggle and achieved victory. The creation narratives of the Old Testament, which depict this struggle, arose from the visionary perception of an earlier stage of consciousness that preceded today’s clear, waking consciousness. The Old Testament now describes the development of a people whose community is founded on a shared bloodline; the soul of this national body is the God of the people (Yahweh). Development proceeds as the individual detaches himself as an individual from the national body; what was depicted in the struggle of the entire people must now continue within the individual. The promise of victory in this struggle is expressed at the end of the Old Testament. Christ Jesus was the first to establish the concept of a brotherhood based not on a bond of blood but on a communion of souls. This brotherhood took its beginning in Christianity; the Theosophical Movement is intended to serve its further development.
[ 2 ] Am 1. Mai sprach Dr. Steiner über Theosophie und Kunst. Wenn wir den Zusammenhang zwischen Theosophie und Kunst verstehen wollen, so müssen wir auf eine Zeit zurückgehen, wo es noch keine selbstständige Kunst gab. Erst bei den Griechen sehen wir eine solche erblühen, und zwar waren es die Mysterien, aus denen sie hervorging. Dort wurde der herabgestiegene, in der Materie begrabene und in der Menschenseele wieder auferstehende Gott dargestellt und aus dieser Urtragödie, die in sich Schönheit, Wahrheit und Göttlichkeit vereinigte, ging das hervor, was wir heute unter Kunst, Wissenschaft und Religion verstehen. Aus dem Gotte der Urtragödie wurde der kämpfende, leidende und noch im Tode siegende Held. So tritt uns überhaupt die griechische Kunst stets im Gewande der Göttlichkeit entgegen. Die Musik des Pythagoras ist eng verknüpft mit dem Göttlich-Geistigen; was er als Sphärenmusik bezeichnet, ist allen Eingeweihten bekannt, deren Sinne zur Wahrnehmung der geistigen Welten erschlossen sind. Die Plastik zeigt die Mysterienweisheit und Frömmigkeit im Gewande der Schönheit, die Entwicklung der Menschheit vom tierischen bis zum göttlichen Wesen, die in den Mysterien im Bilde vorgeführt wurde, findet ihren Ausdruck in den drei Grundtypen der griechischen Plastik: Zeus, Hermes und Satyr. Während nun das Griechentum den Gott in die äußere Natur versenkt sah, suchte das Christentum ihn in der eigenen Seele und verlieh damit der Kunst eine Verinnerlichung, die in der Malerei der Renaissance und in der Gotik zum Ausdruck kam. So zeigt sich, dass die Kunst auf den tiefsten Grundlagen der Weltanschauung ruht, und wenn die Theosophie eine Vertiefung des Seelenlebens anstrebt, so ist sie dadurch auch besonders dazu berufen, die Kunst zu befruchten.
[ 2 ] On May 1, Dr. Steiner spoke about theosophy and art. If we want to understand the connection between theosophy and art, we must go back to a time when there was no art in its own right. It was not until the time of the Greeks that we see such art blossom, and indeed, it emerged from the Mysteries. There, God—who had descended, been buried in matter, and risen again in the human soul—was depicted, and from this primordial tragedy, which united beauty, truth, and divinity within itself, emerged what we today understand as art, science, and religion. The god of the primordial tragedy became the hero who struggles, suffers, and triumphs even in death. Thus, Greek art always presents itself to us in the garb of divinity. Pythagoras’s music is closely linked to the divine-spiritual; what he calls “sphere music” is known to all initiates whose senses are attuned to perceiving the spiritual worlds. Sculpture reveals the wisdom of the mysteries and piety in the guise of beauty; the development of humanity from an animal to a divine being—which was depicted in the mysteries—finds its expression in the three fundamental types of Greek sculpture: Zeus, Hermes, and the satyr. While Greek culture saw the God immersed in external nature, Christianity sought Him within the soul itself, thereby imparting to art an inward focus that found expression in Renaissance and Gothic painting. Thus it becomes evident that art rests upon the deepest foundations of worldview, and if Theosophy strives for a deepening of the life of the soul, it is thereby also particularly called upon to enrich art.
