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Appendix to the Public Lectures
GA 85

19 November 1906, Bremen

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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
  1. Appendix to the Public Lectures, tr. SOL

84. Parzival und Lohengrin

84. Parzival und Lohengrin

[ 1 ] Über Parzival und Lohengrin sprach am letzten Montag im Gewerbehaus Herr Dr. Rud[olf] Steiner, Berlin, auf Veranlassung der hiesigen Theos[ophischen] Gesellschaft (Adyar) vor einem zahlreichen Auditorium. Der Redner machte klar, dass die starke Wirkung, welche die Werke Richard Wagners auf einen großen Teil der Menschheit ausüben, nicht nur durch die musikalischen Eindrücke zustande kommt, sondern durch die Empfindung, dass es sich hier um die Darstellung der tiefsten Probleme des Seelenlebens handelt.

[ 1 ] Über Parzival und Lohengrin sprach am letzten Montag im Gewerbehaus Herr Dr. Rud[olf] Steiner, Berlin, auf Veranlassung der hiesigen Theos[ophischen] Gesellschaft (Adyar) vor einem zahlreichen Auditorium. Der Redner machte klar, dass die starke Wirkung, welche die Werke Richard Wagners auf einen großen Teil der Menschheit ausüben, nicht nur durch die musikalischen Eindrücke zustande kommt, sondern durch die Empfindung, dass es sich hier um die Darstellung der tiefsten Probleme des Seelenlebens handelt.

[ 2 ] Wagner besaß ein großes Herz, das nimmer Ruhe fand, bevor es sich in die Tiefen der Menschennatur versenkt hatte. Er liebte es nicht, beliebig erfundene Stoffe zu verarbeiten, sondern in alten Sagen, von denen er wusste, dass sie Menschenherzen bewegen und durchdrangen, suchte er Bilder zu finden für die höchsten Aufgaben des Seins. Forschend in den Mythen des Mittelalters fand er in Wolfram von Eschenbachs Parzival eine Figur, welche das Ringen der menschlichen Seele plastisch darstellt. Nur ein tieferes Eingehen auf das menschliche Wesen kann den Sinn der Gralssage ergründen, welche in einer Lesart, an die Bibel anknüpfend, erzählt, Joseph von Arimathia habe mit dem Abendmahlskelch das Herzblut des Gekreuzigten aufgefangen und sei damit ins Abendland gezogen, wo der Kelch, jetzt der Heilige Gral genannt, von einer Ritterschar, die einem König untertan war, bewacht wurde. Die Schale besaß die Kraft, demjenigen, der sie reinen Herzens ansah, acht Tage seliges Leben zu geben; alle Jahre am Karfreitag bekam die Reliquie neue Kraft durch eine herabschwebende Taube. In einer anderen Gestalt, sagt die Sage, sei bei dem Kampfe der guten und bösen Prinzen die Schale von Engeln und Dämonen entrissen worden und dem Titurel gebracht, welcher einen Orden zum Schutze der Reliquie stiftete, dessen Leitung später auf Parzival überging. Dieser von seiner Mutter in größter Weltabgeschiedenheit erzogen, aber durch das ererbte Ritterblut hinausgetrieben, gelangte nach vielen Irrfahrten zum König Artus, wo er in allen ritterlichen Tugenden unterwiesen wird, besonders aber wird ihm von seinem Lehrer Gurnemanz verboten, viel zu fragen. Dahinter verbirgt sich die Beschränkung der Geistesfreiheit durch einmal von den Vorfahren festgesetzte Grenzen (Dogmen, Bekenntnisse, Tradition). Bei seiner weiteren Wanderschaft (Entwicklung) wird ihm die Befolgung dieser Lehre zum Verhängnis, denn in der Gralsburg, wo es üblich ist, nach allem zu fragen, erregt er Anstoß und wird ausgewiesen. Nach Kundrys Vorwürfen und im guten Glauben, [gemäß] den Anweisungen seiner Lehrer gehandelt zu haben, verzweifelt er an der Gerechtigkeit und verliert den Glauben an ein göttliches Sein. Vom tiefsten Weltschmerz wird er geheilt durch den Einsiedler, zu dem er in das Verhältnis des mystischen Schülers zum mystischen Lehrer tritt. Nur vom theosophischen Standpunkt könne man hier Wolfram von Eschenbach verstehen, vom Standpunkte der Geistesforschung, die in ihren elementaren Linien seit einigen Jahrzehnten von der Theosophischen Gesellschaft popularisiert werde. Redner führte hier Helen Keller als Beispiel an, welche, taubstumm und blind, zu einer Klarheit und Urteilsfähigkeit über die Zustände der Umwelt gelangt sei, die jeden mit normalen Sinnen ausgestatteten beschämen könnte und den Beweis erbracht habe, dass es möglich sei, zur Erkenntnis höherer Welten zu gelangen. Die Gralsritter waren Schüler, welche die Lehre von der rein geistigen Liebe verbreiteten. Erst aus der Bluts- oder Verwandtenliebe entwickelte sich allgemeine Menschenliebe und mit ihr wird sich wahres Christentum entwickeln. Was im Menschen sich dem Göttlichen öffnen soll, ist der Heilige Gral, der Träger des Blutes, welches hinfließen und vergossen werden muss, damit die Blutliebe überwunden wird und die Allliebe erwachen kann. Im Jahre 1857, an einem Karfreitag, als Wagner in die sprießende Natur schaute, wurde ihm klar, was durch Christus Jesus in der Menschheit geschah. Er verstand die Symbolik des Karfreitags. – In dem Durchstechen des Herzens mit der Lanze liegt das Symbol für das Hinfließen des Blutes. Parzival heißt «mitten durch» (das Herz). In Banden geschlagen hat der Artushof den Menschen; einen mitleidenden, mitfühlenden Menschen wollte der Gralshof schaffen, der da fragt und forscht nach den Bedürfnissen eines jeden. Im Zauberschlosse des Klingsor ist die alte Zeit ausgedrückt, der schwarzen Magie vergleichbar, schwarz, weil sie sich zur Unzeit erhalten will. In Lohengrin wird das Gralsideal der aufstrebenden Persönlichkeit in der Mitte des Mittelalters vermittelt. Herauswinden aus den alten Zuständen will sich auch Elsa von Brabant. Hier ist der Hinweis auf die ferne Zukunft, wo unabhängig von allen Blutbanden die Liebe von Mensch zu Mensch walten wird. Der Kelch des Heiligen Gral ist das Symbol für die zukünftige neue vervollkommnete Menschheit. – Reicher Beifall wurde dem Redner für seine fesselnden Ausführungen zuteil.

[ 2 ] Wagner besaß ein großes Herz, das nimmer Ruhe fand, bevor es sich in die Tiefen der Menschennatur versenkt hatte. Er liebte es nicht, beliebig erfundene Stoffe zu verarbeiten, sondern in alten Sagen, von denen er wusste, dass sie Menschenherzen bewegen und durchdrangen, suchte er Bilder zu finden für die höchsten Aufgaben des Seins. Forschend in den Mythen des Mittelalters fand er in Wolfram von Eschenbachs Parzival eine Figur, welche das Ringen der menschlichen Seele plastisch darstellt. Nur ein tieferes Eingehen auf das menschliche Wesen kann den Sinn der Gralssage ergründen, welche in einer Lesart, an die Bibel anknüpfend, erzählt, Joseph von Arimathia habe mit dem Abendmahlskelch das Herzblut des Gekreuzigten aufgefangen und sei damit ins Abendland gezogen, wo der Kelch, jetzt der Heilige Gral genannt, von einer Ritterschar, die einem König untertan war, bewacht wurde. Die Schale besaß die Kraft, demjenigen, der sie reinen Herzens ansah, acht Tage seliges Leben zu geben; alle Jahre am Karfreitag bekam die Reliquie neue Kraft durch eine herabschwebende Taube. In einer anderen Gestalt, sagt die Sage, sei bei dem Kampfe der guten und bösen Prinzen die Schale von Engeln und Dämonen entrissen worden und dem Titurel gebracht, welcher einen Orden zum Schutze der Reliquie stiftete, dessen Leitung später auf Parzival überging. Dieser von seiner Mutter in größter Weltabgeschiedenheit erzogen, aber durch das ererbte Ritterblut hinausgetrieben, gelangte nach vielen Irrfahrten zum König Artus, wo er in allen ritterlichen Tugenden unterwiesen wird, besonders aber wird ihm von seinem Lehrer Gurnemanz verboten, viel zu fragen. Dahinter verbirgt sich die Beschränkung der Geistesfreiheit durch einmal von den Vorfahren festgesetzte Grenzen (Dogmen, Bekenntnisse, Tradition). Bei seiner weiteren Wanderschaft (Entwicklung) wird ihm die Befolgung dieser Lehre zum Verhängnis, denn in der Gralsburg, wo es üblich ist, nach allem zu fragen, erregt er Anstoß und wird ausgewiesen. Nach Kundrys Vorwürfen und im guten Glauben, [gemäß] den Anweisungen seiner Lehrer gehandelt zu haben, verzweifelt er an der Gerechtigkeit und verliert den Glauben an ein göttliches Sein. Vom tiefsten Weltschmerz wird er geheilt durch den Einsiedler, zu dem er in das Verhältnis des mystischen Schülers zum mystischen Lehrer tritt. Nur vom theosophischen Standpunkt könne man hier Wolfram von Eschenbach verstehen, vom Standpunkte der Geistesforschung, die in ihren elementaren Linien seit einigen Jahrzehnten von der Theosophischen Gesellschaft popularisiert werde. Redner führte hier Helen Keller als Beispiel an, welche, taubstumm und blind, zu einer Klarheit und Urteilsfähigkeit über die Zustände der Umwelt gelangt sei, die jeden mit normalen Sinnen ausgestatteten beschämen könnte und den Beweis erbracht habe, dass es möglich sei, zur Erkenntnis höherer Welten zu gelangen. Die Gralsritter waren Schüler, welche die Lehre von der rein geistigen Liebe verbreiteten. Erst aus der Bluts- oder Verwandtenliebe entwickelte sich allgemeine Menschenliebe und mit ihr wird sich wahres Christentum entwickeln. Was im Menschen sich dem Göttlichen öffnen soll, ist der Heilige Gral, der Träger des Blutes, welches hinfließen und vergossen werden muss, damit die Blutliebe überwunden wird und die Allliebe erwachen kann. Im Jahre 1857, an einem Karfreitag, als Wagner in die sprießende Natur schaute, wurde ihm klar, was durch Christus Jesus in der Menschheit geschah. Er verstand die Symbolik des Karfreitags. – In dem Durchstechen des Herzens mit der Lanze liegt das Symbol für das Hinfließen des Blutes. Parzival heißt «mitten durch» (das Herz). In Banden geschlagen hat der Artushof den Menschen; einen mitleidenden, mitfühlenden Menschen wollte der Gralshof schaffen, der da fragt und forscht nach den Bedürfnissen eines jeden. Im Zauberschlosse des Klingsor ist die alte Zeit ausgedrückt, der schwarzen Magie vergleichbar, schwarz, weil sie sich zur Unzeit erhalten will. In Lohengrin wird das Gralsideal der aufstrebenden Persönlichkeit in der Mitte des Mittelalters vermittelt. Herauswinden aus den alten Zuständen will sich auch Elsa von Brabant. Hier ist der Hinweis auf die ferne Zukunft, wo unabhängig von allen Blutbanden die Liebe von Mensch zu Mensch walten wird. Der Kelch des Heiligen Gral ist das Symbol für die zukünftige neue vervollkommnete Menschheit. – Reicher Beifall wurde dem Redner für seine fesselnden Ausführungen zuteil.