Appendix to the Public Lectures
GA 85
23 May 1911, Graz
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Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
95. Das Geheimnis des Todes als Schlüssel zum Rätsel des Lebens
95. Das Geheimnis des Todes als Schlüssel zum Rätsel des Lebens
[ 1 ] Gestern Abend sprach im Rittersaale eine der eigenartigsten Persönlichkeiten, deren geistiger Entwicklungsgang ebenso selten wie seltsam gewesen ist. Dr. Rudolf Steiner aus Berlin erörterte das «Geheimnis des Todes als Schlüssel zum Rätsel des Lebens». Wenn wir nicht irren, hat Dr. Steiner seine erste Erziehung bei den Jesuiten in Kalksburg erhalten. Welcher weite Weg, der ihn von da zu Goethe, zur modernen Naturwissenschaft und Philosophie führte, deren Wesen er tief zu erfassen wusste, wie so manche seiner ersten Schriften bezeugen. Ruhelos scheint er dann neuen Zielen zugestrebt zu haben, denn wir finden das ehemalige Mitglied des Monisten- und Giordano Bruno-Bundes plötzlich in Kreisen, die der Blavatzky’schen Theosophie und christlichen Mystik huldigten. Wenige Jahre später sehen wir ihn Wege einschlagen, die mit den theosophischen Richtungen, die heute durch die Namen Adyar, New York und Point Loma gekennzeichnet sind, nur mehr sehr wenig gemeinsam haben. Sein Bestreben, vom Boden der heutigen Wissenschaft ins Gebiet des Unsichtbaren einzudringen, erscheint, unseres Wissens, den Vertretern jener drei theosophischen Heerlager als der Pfad, der von ihren Zielen weit weg führt. Was Dr. Steiner will, ist die Erkenntnis der Seelenwelt aufgrund der Erkenntnis des eigenen Ichs, und darüber sprach er gestern klar, folgerichtig und vielfach überzeugend, indem er zugleich den Sinn und den Wert des Lebens mit den Rätseln des Schlafes und des Todes in viele neue und überraschende Beziehungen brachte und den im Reiche der Wissenschaft heute scheinbar abgetanen Begriffen Seele, Geist, Unsterblichkeit, Wiederverkörperung usw. aufgrund rein wissenschaftlicher Ergebnisse einen neuen, erweiterten Inhalt zu geben suchte. Seine Ausführungen, die auf selbst gemachten Erfahrungen zu beruhen scheinen, sind nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen und einer genauen und strengen wissenschaftlichen Nachprüfung wohl wert, doch hätten wir und gewiss viele seiner Zuhörer gewünscht, wenn er seinen eigenen Entwicklungsgang auf dem Gebiete der Seelenforschung dargelegt hätte, was manche Schwierigkeiten in seinen geistvollen Erörterungen beseitigt hätte. Vielleicht wird er dies in seinem heutigen Vortrage tun, zumal da eine rein wissenschaftliche Behandlung solcher Fragen geradezu erfordert, dass er aufzeige, aus welchen Quellen er schöpfte, welche Lehrer ihn persönlich führten und leiteten, und bis zu welchen Ergebnissen er es bis heute gebracht hat. In diesem Punkte zeigen nämlich die meisten Theosophen eine übel angebrachte Zurückhaltung oder gar Geheimnistuerei, die sie den Gelehrten, vielleicht mit Unrecht, verdächtig macht. Die Zuhörer folgten sehr aufmerksam dem Redner, der mit gewaltiger, nicht ermüdender Predigerstimme seine weit ausgesponnenen Sätze frei vortrug, und lohnten ihm am Schlusse mit reichem Beifalle. – Für den letzten Vortragsabend, welchen Herr Dr. Rud[olf] Steiner heute im Rittersaale abhält, ist nur mehr eine kleine Anzahl von Karten in der Buch- und Musikalienhandlung Max Pock (Rathaus) erhältlich. Die Abendkasse wird um ½8 Uhr im Rittersaale eröffnet.
[ 1 ] Gestern Abend sprach im Rittersaale eine der eigenartigsten Persönlichkeiten, deren geistiger Entwicklungsgang ebenso selten wie seltsam gewesen ist. Dr. Rudolf Steiner aus Berlin erörterte das «Geheimnis des Todes als Schlüssel zum Rätsel des Lebens». Wenn wir nicht irren, hat Dr. Steiner seine erste Erziehung bei den Jesuiten in Kalksburg erhalten. Welcher weite Weg, der ihn von da zu Goethe, zur modernen Naturwissenschaft und Philosophie führte, deren Wesen er tief zu erfassen wusste, wie so manche seiner ersten Schriften bezeugen. Ruhelos scheint er dann neuen Zielen zugestrebt zu haben, denn wir finden das ehemalige Mitglied des Monisten- und Giordano Bruno-Bundes plötzlich in Kreisen, die der Blavatzky’schen Theosophie und christlichen Mystik huldigten. Wenige Jahre später sehen wir ihn Wege einschlagen, die mit den theosophischen Richtungen, die heute durch die Namen Adyar, New York und Point Loma gekennzeichnet sind, nur mehr sehr wenig gemeinsam haben. Sein Bestreben, vom Boden der heutigen Wissenschaft ins Gebiet des Unsichtbaren einzudringen, erscheint, unseres Wissens, den Vertretern jener drei theosophischen Heerlager als der Pfad, der von ihren Zielen weit weg führt. Was Dr. Steiner will, ist die Erkenntnis der Seelenwelt aufgrund der Erkenntnis des eigenen Ichs, und darüber sprach er gestern klar, folgerichtig und vielfach überzeugend, indem er zugleich den Sinn und den Wert des Lebens mit den Rätseln des Schlafes und des Todes in viele neue und überraschende Beziehungen brachte und den im Reiche der Wissenschaft heute scheinbar abgetanen Begriffen Seele, Geist, Unsterblichkeit, Wiederverkörperung usw. aufgrund rein wissenschaftlicher Ergebnisse einen neuen, erweiterten Inhalt zu geben suchte. Seine Ausführungen, die auf selbst gemachten Erfahrungen zu beruhen scheinen, sind nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen und einer genauen und strengen wissenschaftlichen Nachprüfung wohl wert, doch hätten wir und gewiss viele seiner Zuhörer gewünscht, wenn er seinen eigenen Entwicklungsgang auf dem Gebiete der Seelenforschung dargelegt hätte, was manche Schwierigkeiten in seinen geistvollen Erörterungen beseitigt hätte. Vielleicht wird er dies in seinem heutigen Vortrage tun, zumal da eine rein wissenschaftliche Behandlung solcher Fragen geradezu erfordert, dass er aufzeige, aus welchen Quellen er schöpfte, welche Lehrer ihn persönlich führten und leiteten, und bis zu welchen Ergebnissen er es bis heute gebracht hat. In diesem Punkte zeigen nämlich die meisten Theosophen eine übel angebrachte Zurückhaltung oder gar Geheimnistuerei, die sie den Gelehrten, vielleicht mit Unrecht, verdächtig macht. Die Zuhörer folgten sehr aufmerksam dem Redner, der mit gewaltiger, nicht ermüdender Predigerstimme seine weit ausgesponnenen Sätze frei vortrug, und lohnten ihm am Schlusse mit reichem Beifalle. – Für den letzten Vortragsabend, welchen Herr Dr. Rud[olf] Steiner heute im Rittersaale abhält, ist nur mehr eine kleine Anzahl von Karten in der Buch- und Musikalienhandlung Max Pock (Rathaus) erhältlich. Die Abendkasse wird um ½8 Uhr im Rittersaale eröffnet.
