Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
20 January 1899, Berlin
38. Geschichte vom sechzehnten Jahrhundert bis auf die Jetztzeit mit besonderer Berücksichtigung des geistigen Lebens
Aus einem Erinnerungsbericht von Alwin Alfred Rudolph[ 1 ] In der nach jedem Vortrag folgenden Pause wurden vom Vorstand die organisatorischen Angelegenheiten erledigt, die weiteren Veranstaltungen bekannt gegeben. An diesem ersten Abend wurde ich als Sachwalter der Hörer gewählt, der die Verbindung zwischen dem Lehrer, den Hörer und dem Vorstand zu pflegen und Wünsche und Anregungen entgegenzunehmen und weiterzugeben hatte. […] Nach der Pause kam es, wie für jeden Vortrag vorgesehen, zu einer Aussprache, die hier ungewöhnlich lebhaft war. Steiner hatte [in seinem Vortrag] – hier folge ich nach meinen Notizen seinen eigenen Worten – als Vorläufer der Französischen Revolution die epochale geistige Bewegung, die von Voltaire und Rousseau getragen war, genannt. Voltaire, dem bei seinem Ableben die Geistlichkeit das kirchliche Begräbnis verweigerte, dessen sterbliche Überreste aber dann die Revolution mit einer großartigen Totenfeier im Pantheon beisetzte, er hat mit seinen Schriften, die ihm Verfolgung und Kerker einbrachten, die überlieferte Autorität gründlich erschüttert. Ein gesunder Menschenverstand hat hier den Grund gelegt zu einer völligen Wandlung der literarischen, religiösen und politischen Anschauung. Voltaire repräsentierte den Geist, wie er dann in der Revolution zum Durchbruch und zur Herrschaft gekommen. Er mag in manchen Dingen wandelbar gewesen, Leichtsinn und Eitelkeit getrieben haben – durch alle seine Schriften jedoch zieht sich die Opposition zu jeder Autorität, die er schonungslos angriff. – Rousseau hat mit einer Unbedingtheit und mit hinreißender Kraft seine Auffassung von der freien Entfaltung der Persönlichkeit von der Natur her verkündet, sodass er als der größte Revolutionär des Geistes für sein Jahrhundert anzusprechen ist. Sein «Emile» wirkte bahnbrechend vor allem in der Grundidee der Erziehung zu einem willensstarken Menschen. Er wendet sich gegen das nur genießerische Schmarotzertum und sieht alles Übel in der Begründung des Privateigentums. Der «Contrat social» mit seiner aufwühlenden Kritik der bestehenden Zustände wurde zum Standardwerk der Revolution. Er vertritt die von Natur gegebene Auffassung von der Gleichheit und Freiheit aller Menschen. Seine Schriften wurden als gottlos bezeichnet, und Rousseau konnte sich nur durch Flucht der Verhaftung entziehen.
[ 2 ] Steiner zeigte hingegen an mehreren Epochen der Geschichte, wie sehr umwälzende Ereignisse zuerst im Bewusstsein ihren Ursprung und ihre Reife gefunden haben. Es sei eben so, dass der Baumeister zuerst den Plan für seinen Bau entwerfe, dass selbst der primitive Mensch, ehe er für sein Obdach den ersten Pfahl einschlage, den Platz und den Plan im Bewusstsein in sich trage, dass weit eher das Bewusstsein das Sein gestalte oder das Bewusstsein zum Sein gehöre und beides zusammen zur Gestaltung gelangen werde. Ebenso wolle er, Steiner, die mit diesem Tag übernommene Aufgabe nicht darin sehen, lediglich einiges Wissen auszustreuen und in den Köpfen einen Speicher von Kenntnissen anzulegen, sondern er wolle das selbstständige Denken, die Befähigung zum Nachdenken erwecken, im Vertrauen auf die Kräfte des Willens und der Geisteskraft. Die Befähigung müsse geweckt werden, die Forderungen der Zeit zu erkennen und die Mittel zu finden, sie zu verwirklichen. Die Sozialordnung einer versunkenen Zeit, die überlebte und veraltete der Gegenwart sei neu zu gestalten. Es genüge nicht, und damit übernehme er einen Satz von Karl Marx, es genüge nicht, die Welt zu interpretieren, man müsse sie verändern. Daraus erhebe sich die Notwendigkeit, die Erkenntnis zum Verändern zu finden, die geistige Kraft und den festen Willen zu entfalten, oder gemeinhin ausgedrückt: die Köpfe zu revolutionieren. Das, und gerade das sei die Aufgabe des Bildungswesens. Und zum Abschluss dieser Disputation setzte er den Vers von Friedrich Rückert:
Nicht ist das Sein zuerst und wird nachher gedacht,
vielmehr vom Denken erst wird Sein hervorgebracht.
Des Denkens Vorrang vor dem Sein ist darin kund:
Des Schöpfers Denken ist der Schöpfung innrer Grund.
