Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
2 September 1901, Berlin
49. Der Aberglaube vom Gehirn der Frau
[ 1 ] Der Verein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse hielt nach längeren Sommerferien wieder seinen ersten Vortragsabend ab. Dr. Steiner sprach über den Aberglauben vom Gehirn der Frau. Im öffentlichen Leben dürfe der Unterschied der Geschlechter keine Rolle spielen; die Leistung selbst biete den einzigen Maßstab der Wertschätzung. Die Minderwertigkeit der Frau ist eine alt überlieferte Sage, die in ferneren Zeiten oft zu drastischem Ausdruck kam. 1377 wurde den Frauen der Besuch der alten italienischen Universität Bologna verboten, weil: «das Weib das Haupt der Sünde ist und die Ursache der Vertreibung aus dem Paradiese». Jede Unterhaltung mit ihm sei streng zu meiden, die Übertretung des Verbots schwer zu strafen. Als Milderungsgrund für die strengen Herren sei angeführt, dass sie sämtlich katholische Geistliche waren, also zur Ehelosigkeit verurteilte Unglückliche. Und ebenso die Teilnehmer an jenem Konzil, welchem die Frage vorgelegt wurde, ob dem Weibe eine unsterbliche Seele zukomme. Einen Nachklang jener Zeiten meint man zu vernehmen, wenn Professor Bischoff in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erklärt, so wenig als Kaffer oder Hottentot würde er ein Weib in seinem Hörsaal dulden. Der berühmte Chemiker Liebig ließ seine Zuhörerin hinter einem Ofenschirm sitzen, damit die Studenten sie weder belästigten noch von ihr gestört würden. In praktischer Arbeit haben die Frauen ihre Befähigung zu gelehrten Berufen erwiesen, als noch die Theorie aus der Verschiedenheit der körperlichen Bildung eine wesentliche Verschiedenheit des Geistes von Mann und Weib verkündete. In der Entwicklungsgeschichte des menschlichen Individuums von seinem ersten Entstehen an fand der Redner den Beweis für die Wesensgleichheit der Seele, wenn auch spätere Einflüsse den Geist nach verschiedenen Richtungen entwickeln. Auch die Vererbung geistiger Eigenschaften von beiden Eltern auf Söhne und Töchter ohne Unterschied spricht laut gegen eine Trennung der Geisteskräfte nach dem Geschlecht. Von den noch unverbrauchten Geistesgaben der Frau verspricht sich der Redner Besserung auf manchem Gebiete des geistigen Lebens, der Erziehung, der Gesetzgebung, der Ausgestaltung des sozialen Lebens zu glücklicheren Daseinsformen. Der anregende Vortrag fand reichen Beifall und frohe Zustimmung.
[ 2 ] Die nächste Versammlung, in welcher Dr. Franz Oppenheimer referieren wird, findet am 16. September statt.
