Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
13 January 1905, Berlin
65. Siegfried und Lohengrin vom Gesichtspunkte der Theosophie
[ 1 ] Am Freitagabend hat Herr Dr. Steiner seinen zweiten Vortrag im Hotel zum Erbprinzen gehalten. Trotz des gleichzeitig stattfindenden Bazars, dessen Anziehungskraft bis in die Abendstunden währte, hatte sich eine kleine Schar Interessenten zusammengefunden, die den Worten des Vortragenden aufmerksam folgte.
[ 2 ] Dieser begann mit einer Beschreibung der alten Mysterien, von denen er sagte, dass sie bis auf den heutigen Tag nicht zu bestehen aufgehört hätten. In den Mysterien werden kosmologische Wahrheiten bildlich dargestellt, es wird gezeigt, wie der Logos sich in die Materie versenkt, symbolisiert durch dessen Tod, wie er durch die Naturreiche hindurchgeht, im Menschen sich auf sich selbst besinnt, d. h. geboren wird, im vollkommenen Menschen seine Auferstehung feiert. Selbsterkenntnis: Gottes Erkenntnis. An dieses Urdrama der Mysterien hat nun Richard Wagner angeknüpft. Im Norden Europas wurde es von den Druiden verkündet. Der Niederschlag ihrer Lehre tönt uns aus der Edda entgegen und klingt volkstümlich in der Mär vom gehörnten Siegfried aus. Siegfried ist der nach Erlösung strebende Mensch, der seine niederen Triebe und Verlangen schon so weit bekämpft hat, dass sie zum Zwerg zusammengeschrumpft sind; will er sich aber weiter entwickeln, so muss er sie völlig unterjochen, er muss den Zwerg erschlagen und durch das Feuer der Läuterung hindurchgehen, um sein göttliches Ich zu finden und zu neuem Leben zu erwecken. Und in dem Moment, wo das geschieht, lässt auch Wagner die menschlichen Stimmen sich vermählen, hören wir sie zum ersten und einzigen Male zusammen erklingen. Allein dieser kleine Zug beweist, wie intuitiv Wagners Schaffen war, denn selbstverständlich legt er sich nicht über jede solche Einzelheit Rechenschaft ab, sondern folgte, wie alle genialen Künstler, einem inneren dunklen Drang.
[ 3 ] Nachdem auf ähnliche Weise auch Lohengrin gedeutet worden war, fand eine ziemlich lebhafte Diskussion statt. Der letzte Vortrag, der Ende Februar stattfinden soll, wird lauten: «Nietzsche und die Theosophie».
[ 4 ] Der Weimarer Zweig der Theosophischen Gesellschaft veranstaltete am Freitagabend im Hotel Erbprinz eine Versammlung. Es sprach Dr. Rudolf Steiner über «Siegfried und Lohengrin vom Gesichtspunkte der Theosophie ».
[ 5 ] Der Redner führte Folgendes aus: Der große Eindruck, welchen die Werke Richard Wagners machen, rührt davon her, dass ihnen große Weltwahrheiten zugrunde liegen. Man wird durch sie auf die uralten Mysterien zurückgewiesen. In diesen wurde auserlesenen Menschen das Drama von den Taten der Gottheit dargestellt. Man kann zurückgehen nach Ägypten, nach Indien, Babylonien, nach Griechenland und so weiter, überall begegnet man diesem Urdrama von dem Weltengeiste, der in die Materie sich niedersenkt und aus derselben die Naturreiche und zuletzt den Menschen erzeugt, aus dessen Seele er wieder geboren wird. In diesem Urdrama war etwas gegeben, was Religion, Weisheit und Kunst zugleich war. Auch im Norden Europas findet sich dasselbe. Wotan steigt nieder in das materielle Reich; die Riesen bauen da einen Götterwohnsitz. Es ist dies der erste materielle Körper, den der irdisch gewordene Gott bewohnt. Er hat neben sich das Reich Nieflheim (Nibelungenland), in dem die irdische Weisheit als Gold (Nibelungenhort) zu Hause ist, die aber an Tod und Vergänglichkeit geknüpft ist. Wotan entwickelt die Wesenheit der Riesen weiter bis zum Menschen, der in Siegfried seinen Repräsentanten findet. Dieser strebt wieder zurück zur göttlichen Weisheit, die in Brünhilde sinnbildlich dargestellt ist. Um sie zu erreichen, muss der Einzuweihende (Siegfried) den Wurm der niederen Natur (Fafner) überwinden und durch das Feuermeer der Läuterung hindurch, das Brünhild umgibt. Die großen Rätselfragen des Daseins erscheinen so auch in den nordischen Mythen verkörpert. Und Richard Wagner hat somit in seinem Siegfried einen Nachklang des großen Urdramas gegeben. Es bedurfte dazu einer höheren als der alltäglichen Sprache. Die Musik wurde das Ausdrucksmittel. In wie nahen Beziehungen Wagner zu diesen Dingen war, zeigt sein Lohengrin. Er hat da auf künstlerischem Gebiet etwas geleistet, was die theosophische Weltanschauung auf ihre Art unserem Zeitalter verkündet. Der «Schwan» ist die Bezeichnung des Schülers, der nach der Einweihung fragte, und Lohengrin, der Ritter vom Gral, ist der Eingeweihte selbst, welcher dem Fortschritt der Menschheit seinen Impuls gibt zur Zeit der großen Städtegründung im Mittelalter. Diese Städtekultur selbst wird durch Elsa von Brabant versinnlicht. Sie darf Lohengrin nicht nach Namen und Stand fragen, wie die außen S[t]ehenden nicht das wahre Wesen der großen Eingeweihten erfahren dürfen, damit dieser nicht durch die Berührung mit der Alltäglichkeit entheiligt werde. Wagners Genie hat also im neunzehnten Jahrhundert künstlerisch die großen mythischen Weisheiten von der Menschheit hingestellt. Darauf beruht die starke Wirkung seiner Schöpfungen.
