Self-Knowledge and God-Knowledge I
GA 90a
9 September 1904, Berlin
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Self-Knowledge and God-Knowledge I, tr. SOL
58. Mittelalterliche Weisheit
58. Medieval Wisdom
[ 1 ] In jedem Kirchenfenster, in jeder Sage, in jedem Volksbau, in den Vorstellungen des alltäglichen Lebens des Mittelalters können wir den Ausdruck tiefer Wahrheiten finden. Dichtungen, die man heute nicht versteht, sind herausgeboren aus dem Geiste tiefster Weisheit. Aus dem Kreise europäischer Eingeweihter hat sich auch der Stoff von «Heinrich von der Aue» genommen. Der «Arme Heinrich». Nirgends wird hingedeutet, dass man es mit theosophischer Dichtung zu tun hat, am wenigsten wusste es G. von H.
[ 1 ] In every church window, in every legend, in every folk building, and in the imagery of everyday life in the Middle Ages, we can find the expression of profound truths. Poems that are not understood today were born of the spirit of the deepest wisdom. The material for Heinrich von der Aue also drew from the circle of European initiates. “Poor Heinrich.” Nowhere is it suggested that this is theosophical poetry; least of all did G. von H. know it.
[ 2 ] Ein adeliger Dienstmann in Schwaben auf dem Großgut Aue ist Heinrich von der Aue. Er ist ein außerordentlich tüchtiger Ritter in allen weltlichen Dingen, kümmert sich aber nicht viel um Dinge, die über das Weltliche hinausgehen. Deshalb wurde er bestraft mit einer Krankheit, die man nannte: Miselsucht — ein unheilbar geltender Aussatz. Alle deutschen Ärzte - und dazumal waren es Ärzte, die mit Hilfe von geistigen Kräften heilten — hatten Heinrich von der Aue aufgegeben, nur ein Meister in Salerno hatte Rettung in Aussicht gestellt. Ein reines Mädchen musste ihr Leben zum Opfer bringen. Daran aber glaubt er nicht; er sicht ein, dass es die Strafe ist für sein weltliches Rittertum. Er verschenkt seine Güter und zieht sich auf einen Meierhof zurück, wo er von der Tochter gepflegt wird. Die beschließt, sich für ihn zu opfern; er reist mit ihr nach Salerno. Dann begreift er, dass es nicht sein darf, und will lieber krank bleiben. Das genügende Opfer ist aber nicht der physische Tod, sondern der Wille, der freudige, geistige Wille.
[ 2 ] Heinrich von der Aue is a noble steward in Swabia on the Aue estate. He is an exceptionally capable knight in all worldly matters, but pays little attention to matters that transcend the worldly. For this reason, he was punished with an illness known as “Miselsucht”—a form of leprosy considered incurable. All the German doctors—and in those days, they were doctors who healed through spiritual powers—had given up on Heinrich von der Aue; only a master in Salerno had offered hope of salvation. A pure young woman had to sacrifice her life. But he does not believe in this; he accepts that it is the punishment for his worldly knighthood. He gives away his estates and retreats to a farmstead, where he is cared for by his daughter. She decides to sacrifice herself for him; he travels with her to Salerno. Then he realizes that it must not be, and would rather remain ill. The sufficient sacrifice, however, is not physical death, but the will—the joyful, spiritual will.
[ 3 ] Ein Grundsatz wurde von allen Dichtern angenommen. Man soll halten das Maß, die Harmonie. ‹Diumaasze›. Ein theosophischer Grundsatz spricht es oft aus: Es kommt nicht auf den äußeren Erfolg an, sondern auf den richtigen Willen. ‹Wer› - sagt der Dichter - ‹im Gemüte anstrebt Reinheit und Edelsinn und das Rechte will, findet Salde und Ehr.› - die Beseligung, die vom sechsten Prinzip ausströmt. Durch solche Worte deutet Heinrich von der Aue an, dass er Tieferes erstrebt hat. Alles was er geschrieben, atmet denselben Geist.
[ 3 ] One principle has been accepted by all poets: one must maintain moderation and harmony. “Diumaasze.” A theosophical principle often expresses this: What matters is not outward success, but the right will. “Whoever,” says the poet, “strives in his heart for purity and nobility of spirit and desires what is right, will find peace and honor”—the bliss that radiates from the sixth principle. Through such words, Heinrich von der Aue hints that he aspired to something deeper. Everything he wrote breathes the same spirit.
[ 4 ] «Erek und Enita» schildert, wie das Maß gesucht wird, aus Sonderheit Liebe erwächst, aus Disharmonie Harmonie. Erek vermählt sich mit Enita. Ein kühner Ritter, der die Bedingung stellt, dass die Gattin ihn nie warnt vor Gefahren. Aus den Prüfungen aber erwächst die Harmonie.
[ 4 ] “Erek and Enita” depicts the search for balance, how love grows out of difference, and harmony out of disharmony. Erek marries Enita, a bold knight who sets the condition that his wife must never warn him of danger. Yet harmony emerges from these trials.
[ 5 ] Iwein heiratet die Tochter eines Riesen, verlässt sie aber ein Jahr nach der Vermählung, weil Gawan ihm den Rat gibt, er solle sich nicht ‹verliegen›, nicht faul und lässig werden. Er geht auf ein Jahr weg, um Prüfungen zu bestehen, verspricht, kommt aber nicht und verliert die Gunst der Gattin und den Verstand. Er wird gerettet, indem er Löwen und Drachen bekämpft. Siebzehn Jahre Irrfahrt.
[ 5 ] Iwein marries the daughter of a giant, but leaves her a year after the wedding because Gawan advises him not to “lose himself,” not to become lazy and careless. He leaves for a year to pass trials, promises to return, but fails to do so, losing both his wife’s favor and his sanity. He is saved by fighting lions and dragons. Seventeen years of wandering.
[ 6 ] Nur durch geistige Ritterschaft erlangt man die Fähigkeit, geistige Herrschaft auszuüben. Die höhere, reine Seele wird in den Sagen immer durch eine weibliche Seele symbolisiert; das höhere Bewusstsein wird als das jungfräulich Weibliche dargestellt. Durch seine reine höhere Seele, die weiß, was Liebe eigentlich ist, durch den Meister von Salerno, der ihn darauf weist, wie das höhere Spirituelle sich mit ihm verbindet durch das Opfer.
[ 6 ] Only through spiritual chivalry does one attain the ability to exercise spiritual dominion. In legends, the higher, pure soul is always symbolized by a female soul; higher consciousness is portrayed as the virginal feminine. Through his pure, higher soul, which knows what love truly is, and through the Master of Salerno, who shows him how the higher spiritual realm unites with him through sacrifice.
[ 7 ] Was ist Miselsucht für denjenigen, der weiß, was Geistiges und Physisches eigentlich ist? Wir wissen, dass der Mensch in früheren Entwicklungen ein höheres Tier war, erst die irdische Entwicklung ist dazu da, hineinzuversetzen Manas in Kama. Im Grunde nehmen alle Wesen unserer Entwicklung Teil an dieser kama-manasischen Art. Beim Tier ist Manas nicht im Kopf, es wird von Manas dirigiert. In den verschiedenen Reichen kommen die Weisheitsgesetze zum Vorschein. Das war noch nicht auf dem Mond, der war nur von einer Weisheitsatmosphäre umhüllt.
[ 7 ] What is sensual desire to one who knows what the spiritual and the physical truly are? We know that in earlier stages of evolution, human beings were higher animals; it is only through earthly evolution that Manas is imbued into Kama. Essentially, all beings in our evolution participate in this Kama-Manasic nature. In animals, Manas is not located in the head; rather, the animal is directed by Manas. The laws of wisdom come to light in the various kingdoms. This was not yet the case on the Moon, which was merely enveloped by an atmosphere of wisdom.
[ 8 ] Eine Unregelmäßigkeit wäre es auf der Erde, wenn unmittelbar auf Kama selbst ein neues Kama aufgepfropft würde. Wenn ein Wesen von Kama lebte, wäre es das Lebensverhältnis vom Monde. Solche gibt es auf Erden: Das sind Parasiten, Insekten, die auf anderen Wesen leben. Und das ist bei den Pflanzen die Mistel, ein Schmarotzer, der schon vorhandenes Leben saugt. Was Kama-Unterlage zum Leben braucht, das ist, was nachgeblieben ist aus der Mondepoche. So ist die Mistel zurückgeblieben, nur verkümmert, und muss parasitisch leben, um die Entwicklung abzuschließen.
[ 8 ] It would be an irregularity on Earth if a new Kama were grafted directly onto Kama itself. If a being lived off Kama, it would be in the same relationship to life as the Moon. Such beings exist on Earth: they are parasites, insects that live off other beings. And in the case of plants, this is mistletoe, a parasite that feeds off existing life. What Kama needs as a foundation for life is what has remained from the lunar epoch. Thus, mistletoe has been left behind, merely stunted, and must live parasitically to complete its development.
[ 9 ] Daher auch der Bau von Insekten, die oft in einer Hornschale sind, unfertig hereinkamen in die irdische Entwicklung und [Lücke in der Mitschrift]. Tiere mit Außenskelett sind solche, die Nachzügler sind von der lunarischen Epoche. So ist es begreiflich, dass die Mistel eine solche Rolle spielt in alten Mythen und Sagen. Sie steht im Zusammenhang mit denjenigen /Lücke in der Mitschrift] und die deshalb an den Mond noch hängen, an das Kamische, das früher berechtigt war.
[ 9 ] Hence also the structure of insects, which are often enclosed in a horny shell, entered earthly evolution in an incomplete state, and [gap in the transcript]. Animals with exoskeletons are latecomers from the lunar epoch. Thus, it is understandable that mistletoe plays such a role in ancient myths and legends. It is connected to those [gap in the transcript] who are therefore still attached to the moon, to the Kamic, which was once legitimate.
[ 10 ] In der Sage hängen die Wesen, die das Böse bewirken, ihre Triebe mit dem Kamischen verbinden, in geistvollster Weise zusammen mit der Mistel. [Baldur] wird von einer Mistel getötet, was von einer früheren Epoche herrührt. Wenn es hineinragt in unsere, bewirkt es den Untergang. Das irdische Kama muss von Manas regiert werden. Das Leben auf der Erde wird durch die Mondparasiten zerstört. Daher wird der Teufel Herr der Fliegen genannt.
[ 10 ] In the legend, the beings who cause evil—by linking their instincts to the Kamic—are most profoundly connected to the mistletoe. [Baldur] is killed by mistletoe, which stems from an earlier epoch. When it intrudes into our own, it brings about ruin. Earthly Kama must be governed by Manas. Life on Earth is destroyed by the lunar parasites. That is why the devil is called the Lord of the Flies.
[ 11 ] Wenn nun der Mensch selbst sich in der irdischen Entwicklung zu sehr Kama überlässt, pfropft er in sich selbst Kama auf Kama drauf und wird dann in sich disharmonisch. Diese Disharmonie sieht man in der Krankheit, die das Maß durchbricht. Er wird von der Sucht befallen, die dieser Pflanze zugrundeliegt. Wer sich den Leidenschaften überlässt, bleibt stecken in dem, was dem Lunarischen gehört. Dieses Stauen der Lebenswelle bringt die Miselsucht hervor.
[ 11 ] If a person indulges too much in Kama during earthly development, he accumulates Kama upon Kama within himself and becomes internally disharmonious. This disharmony is evident in the illness that breaks through the balance. He becomes afflicted by the addiction that underlies this plant. Those who give in to their passions remain stuck in the lunar realm. This stagnation of the life force gives rise to misery.
[ 12 ] Wer dem geistigen Licht nicht nachstrebt, erfährt eine Erstauung seines ganzen Lebens. Das kann kein physischer Arzt verstehen, nur wer den Zusammenhang aller Plane kennt. Wenn die verstaute Lebenswelle hinaufgehoben wird, die Selbstsucht wirklich geopfert wird, dann tritt Heilung ein.
[ 12 ] Those who do not strive for spiritual light experience a stagnation of their entire lives. No physical doctor can understand this; only those who know the connection between all planes can. When the stagnant wave of life is lifted and selfishness is truly sacrificed, then healing occurs.
[ 13 ] Eine tief symbolische Dichtung ist auch der «Iwein». Wieder ein weibliches Wesen, das das höhere Selbst darstellt. Hier ist es die Tochter des Riesen - eine der Menschheit vorhergehende Rasse. Das Zusammengewachsensein des Menschen in der Natur wie in [Lücke in der Mitschrift] war das Riesenhafte. Im Anfang seiner Entwicklung steht Iwein noch nah dieser ursprünglichen Entwicklung. Er muss nun Manas in sich selbst erwecken. Manas war ursprünglich eine Göttergabe, hing zusammen mit der Seele. Nun verliert er die höhere Gabe, um ihn wieder als inneren menschlichen Verstand zu erringen. Als er sich aussöhnt mit dem höheren Selbst, erringt er sie, aber dadurch, dass der Löwe vom Drachen befreit wird, also von der Selbstsucht, von der Klugheit, die aufs Weltliche gerichtet ist.
[ 13 ] “Iwein” is also a deeply symbolic poem. Once again, a female being represents the higher self. Here, she is the daughter of the giant—a race that preceded humanity. The way humans were intertwined with nature, as in [gap in the transcript], was the gigantic aspect. At the beginning of his development, Iwein is still close to this original state. He must now awaken Manas within himself. Manas was originally a gift from the gods, connected to the soul. Now he loses this higher gift in order to regain it as inner human intellect. When he reconciles himself with the higher self, he regains it—but only by freeing the lion from the dragon, that is, from selfishness and from the cunning that is directed toward worldly things.
[ 14 ] Wunderbar, wenn wir die Mithrasmysterien dazu halten: ihre sieben Grade. Der vierte Grad ist der Löwe. Wo das vierte Prinzip — Löwe - im höheren Sinn erwacht, strebt es hin zum fünften und will vom dritten, vom Drachen, befreit werden.
[ 14 ] It is wonderful when we consider the Mithraic Mysteries in this context: their seven degrees. The fourth degree is the Lion. Where the fourth principle—the Lion—awakens in a higher sense, it strives toward the fifth and seeks to be freed from the third, the Dragon.
[ 15 ] Aus ungeheuren Tiefen entsprungen sind diese Dichtungen; bis zum sechzehnten Jahrhundert dauert es. Mit der kopernikanischen Entwicklung verweltlicht sich die Dichtung. Im zwölften und dreizehnten Jahrhundert ungeheure esoterische Tiefe.
[ 15 ] These works of poetry sprang from immense depths; this period lasted until the sixteenth century. With the Copernican revolution, poetry became more secular. In the twelfth and thirteenth centuries, there was immense esoteric depth.
