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Self-Knowledge and God-Knowledge II
GA 90b

15 January 1905, Berlin

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Self-Knowledge and God-Knowledge II, tr. SOL
  1. Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II, 1st ed.

3. Die Vergottung des Menschen die Aufgabe der Künste

3. The Deification of Man: The Role of the Arts

[ 1 ] Die mittelalterlichen Mystiker sprechen von einer sogenannten Vergottung des Menschen. Es ist ein außerordentlich treffender Ausdruck für einen inneren Vorgang, für bestimmte geistige Erfahrungen. Es liegt ihm zugrunde, dass der Mensch durch seinen inneren Wesenskern sich immer mehr entwickeln kann, den Geistesmenschen durch die äußere Hülle immer mehr durchscheinen lassen kann.

[ 1 ] Medieval mystics speak of what is known as the “deification” of the human being. It is an extraordinarily apt expression for an inner process, for certain spiritual experiences. Underlying this is the idea that human beings can develop more and more through their inner core of being, allowing the spiritual being to shine through the outer shell more and more.

[ 2 ] Das ist das Wesen der Vergottung. Wer davon spricht, hat im Sinn, dass der Mensch auch seinen Ursprung genommen hat vom Geistigen. Gleichsam heruntergestiegen vom geistigen zum physischen Dasein, um sich wiederum heraufzubewegen zu seinem Ausgangspunkt. Warum musste er den Weg hinweg von der Göttlichkeit nehmen, wenn doch der Weg zurück wieder eingeschlagen werden muss? Ein bedeutender Mystiker der Gegenwart hat gesagt, dass derjenige, der nur ein wenig erfahren hat, diese Frage nicht mehr so leicht stellt, und im Grunde hat die griechische Mystik die Antwort gegeben, indem sie die Seele eine Biene nennt. Wie die Biene aus dem Bienenstock kommt, hinausfliegt in die Fluren und Honig sammelt, den Extrakt, den edelsten, von der Pflanze nimmt und wieder zurückbringt -, dasselbe tut die Seele in der Welt, zieht aus in die Fluren, sammelt zur Prüfung Weisheitsschätze, was nur hier zu erfahren ist für die Seelen, um den Wohnplatz Gottes wieder zu bereichern. Mehr könnten wir lernen an solchen einfachen Bildern, als der nüchterne Verstand zu erfassen vermag.

[ 2 ] This is the essence of deification. Those who speak of it mean that human beings also originated from the spiritual realm. They have, as it were, descended from the spiritual to the physical realm, only to ascend once more to their point of origin. Why did humanity have to take the path away from divinity, if the path back must be taken once more? A prominent contemporary mystic has said that those who have experienced even a little no longer ask this question so readily, and in essence, Greek mysticism has provided the answer by likening the soul to a bee. Just as the bee leaves the hive, flies out into the fields, gathers honey—taking the finest essence from the plant—and brings it back—so too does the soul in the world: it goes out into the fields, gathers treasures of wisdom for testing—things that can only be experienced here by souls—in order to enrich God’s dwelling place once more. We could learn more from such simple images than the sober mind is capable of grasping.

[ 3 ] Nun war es mir gestern vergönnt, über die drei Künste und ihre Entwicklung zu sprechen, indem ich sie darstellte als ein Spiegelbild jener Welten, die unserer jetzigen vorangegangen sind. Die drei Elementarreiche finden ihr Spiegelbild in der Architektur, der Plastik und Malerei. Alles in den drei Elementarreichen ist in gewisser Beziehung der noch unverdichtete Ausgangspunkt unserer Welt, der wie begraben schlummert und die der Mensch wieder herausholt. Deshalb hat man sie verglichen mit einer Schlummerstätte Gottes, wo sie ruhen, um durch den Menschen wieder auferweckt zu werden. Das Reich der fluktuierenden Bilder können wir nicht mehr mit äußeren Augen sehen. Der Mensch sucht, es durch die drei Künste wieder in sich zu beleben, auferstehen zu lassen.

[ 3 ] Yesterday I had the privilege of speaking about the three arts and their development, presenting them as a reflection of those worlds that preceded our present one. The three elemental realms find their reflection in architecture, sculpture, and painting. Everything in the three elemental realms is, in a certain sense, the as-yet-uncondensed starting point of our world, which slumbers as if buried and which humanity brings forth again. That is why they have been compared to a resting place of God, where they rest, only to be reawakened by humanity. We can no longer see the realm of fluctuating images with our physical eyes. Humanity seeks to revive it within itself through the three arts, to bring it back to life.

[ 4 ] Dass unser Sein durch sein Schaffen eine Erlösung des in der Natur schlafenden Gottes ist, dass in unserer Seele der Gott wieder erwacht und in unsere Schöpfungen fließt, sodass in Menschenwerken aus deren Gestaltungen die Gottheit leben kann, das ist die hohe Aufgabe der Kunst.

[ 4 ] That our existence, through our creative work, is a redemption of the God who slumbers in nature; that God awakens anew in our souls and flows into our creations, so that the divine can live through the forms of human works—this is the noble task of art.

[ 5 ] Und indem der Mensch das tut, vergottet er sich selbst und dadurch wird er das Wesen, das den Honig der Welt wieder zurückzubringen hat auf den Altar Gottes.

[ 5 ] And by doing so, man deifies himself, and thereby becomes the being who must bring the honey of the world back to the altar of God.

[ 6 ] Lassen wir unser Auge schweifen über die Werke der großen Maler. Was Raffael und Michelangelo auf die Leinwand hingezaubert, was Tausende von Seelen erhebt, es ist eine Schöpfung des Geistes, groß, gewaltig, aber sie wird vergehen, in winzige Atome werden zerstieben die Werke der großen Genien. Aber verbunden ist mit dieser menschlichen Schöpfung etwas, was unvergänglich ist, das, was die menschliche Seele sich erarbeitet. Sie haben etwas erworben, was unvergänglich ist; in die Ewigkeit hineingetragen, was sie in ihren Geist hineingetragen, hineingearbeitet haben. Wenn der Globus zerstoben sein wird, werden die Wesen mit hinübernehmen, was die Seelen hier gelernt und erfahren haben. Das bringen sie als die Bienen des Lebens zurück zum Altar Gottes. Das ist, was die Mystik Vergottung nannte. Immer wieder erlöst die Menschheit den verborgenen Gott. Dann wird offenbar, was so wenige heute verstehen: dass dasjenige, was der Mensch zuletzt schafft als die göttliche Welt, in der Anlage bereits da war. Sodass das Höchste, zu dem der Mensch zuletzt kommt, das Tiefste ist. Sodass wir in der Erkenntnis zuletzt haben, was Gott in die Welt hineingelegt hat. Hellscherische Einsicht ist Gemeinschaft mit der göttlichen Welt.

[ 6 ] Let our eyes wander over the works of the great painters. What Raphael and Michelangelo have conjured onto the canvas—what uplifts thousands of souls—is a creation of the spirit, grand and mighty; yet it will pass away, and the works of the great geniuses will be scattered into tiny atoms. But connected to this human creation is something that is imperishable—that which the human soul has cultivated. They have acquired something that is imperishable; they have carried into eternity what they have carried into and worked into their spirit. When the globe has disintegrated, beings will carry with them what the souls have learned and experienced here. They bring this back, like the bees of life, to the altar of God. This is what mysticism called deification. Time and again, humanity redeems the hidden God. Then what so few understand today will become apparent: that what humanity ultimately creates as the divine world was already present in its seeds. So that the highest to which humanity ultimately arrives is the deepest. So that in our knowledge we ultimately possess what God has placed within the world. Hellscherian insight is communion with the divine world.

[ 7 ] Von einer besonderen Ausbildung des traumerfüllten Schlafbewusstseins haben wir gesprochen, die zur Erkenntnis der drei Elementarreiche führt, zu der Welt der flutenden Bilder, der Gestaltungen der gestaltlosen Kräfte, der des weltengestaltenden Tones. Nun gibt es andere Erfahrungen. Dieser Traum, der mit sinnbildlichen Darstellungen uns umgeben hat, ist es, der zu einem Wahrnehmen der gestaltenden Kräfte sich erheben kann. Nun gibt es das erwachte Bewusstsein während des traumlosen Schlafes.

[ 7 ] We have spoken of a special training of dream-filled sleep consciousness that leads to the recognition of the three elemental realms: the world of flowing images, the forms of formless forces, and the world of the world-shaping tone. Now there are other experiences. It is this dream, which has surrounded us with symbolic representations, that can rise to a perception of the formative forces. Now there is the awakened consciousness during dreamless sleep.

[ 8 ] Wenn die Kontinuität des Bewusstseins eintritt, nimmt der Mensch die tönende Welt wahr: Die geistige Welt fängt an zu tönen. Was Pythagoras als Sphärenmusik beschrieben hat, ist wirkliche Wahrheit. In dem Klang drückt sich das innere Wesen der Welt aus: «Die Sonne tönt nach alter Weise.» Das wäre eine vollständige Phrase, denn die Sonne tönt nicht im physischen Leben, wohl aber, wenn wir sie als Körper einer geistigen Wesenheit erkennen. Aus dem Weltenchaos heraus hören wir sich ordnen das Chaos als Ton, als geistige Harmonie: «Tönend wird für neue Ohren ... Unerhörtes hört sich nicht.»

[ 8 ] When the continuity of consciousness sets in, human beings perceive the world of sound: the spiritual world begins to resound. What Pythagoras described as the music of the spheres is the real truth. The inner essence of the world is expressed in sound: “The sun resounds in the ancient way.” That would be a complete sentence, for the sun does not resound in physical life, but it does when we recognize it as the body of a spiritual being. Out of the chaos of the world, we hear the chaos organizing itself as sound, as spiritual harmony: “Resounding becomes, to new ears … the unheard is not heard.”

[ 9 ] Aber Geistiges hört sich. Geister, die theosophische Weisheit haben, haben daher von dem Tone als Weltengestaltendes gesprochen. In Schopenhauers Geist lebte die Ahnung von einer ungeheuer bedeutenden Tatsache. Das Weltenwesen ist für den Hellseher eine Welt von Tönen. Wenn wir in das Innere dringen, geschieht es durch das musikalische Wesen, durch die Welt der Töne, und das ist etwas Wahres.

[ 9 ] But the spiritual can be heard. Spirits who possess theosophical wisdom have therefore spoken of sound as the shaper of the world. In Schopenhauer’s mind lived a premonition of a fact of immense significance. To the clairvoyant, the essence of the universe is a world of sounds. When we penetrate into its innermost being, we do so through the musical essence, through the world of sounds, and this is a truth.

[ 10 ] Gestaltungen drängen nach Außen, und selbst die gestaltenden Kräfte dringen in den Raum, und ihre Spiegelbilder sind äußere Ankündigungen von inneren Wesen. Die durchgeistigste Hülle ist, was wir in den drei Künsten wahrnehmen. Bei der Musik dringen wir nicht durch die Oberfläche hindurch, sondern direkt in das Wesen der Dinge. Wenn die Glocke klingt, flutet ihr innerstes Wesen in die Welt hinein. Der Ton ist die nach außen tretende Schönheit des innersten Wesens. Deshalb ist er auch ein äußeres Abbild von dem, in das sich der Hellscher im Innersten versenkt.

[ 10 ] Forms strive outward, and even the creative forces themselves penetrate into space; their reflections are outward manifestations of inner essences. The most spiritual of all forms is what we perceive in the three arts. In music, we do not penetrate the surface, but go directly into the essence of things. When the bell rings, its innermost essence floods into the world. The sound is the beauty of the innermost essence emerging outward. That is why it is also an outward reflection of that into which the seer is immersed in his innermost being.

[ 11 ] Beim Inneren sprechen wir ebenfalls von drei Reichen. Wenn wir vom innersten Wesen des Weltengeistes sprechen, werden wir wie ein Gefühl von der Dreiheit bekommen müssen. Wie der Mensch hervorgekommen ist aus dem Mineralischen, das im physischen Körper pulsiert - dann pulsiert im Physischen das Leben so im höchsten Wesen. Wille, Weisheit, Tätigkeit. Hierin tritt der Wille wieder nach außen, von dem Schopenhauer spricht als der Wesenheit, die aus dem Abgrund steigt. Er lebt in uns, macht unser Wesen aus.

[ 11 ] When it comes to the inner realm, we also speak of three realms. When we speak of the innermost essence of the World Spirit, we cannot help but sense a trinity. Just as the human being emerged from the mineral realm, which pulsates within the physical body—so, too, does life pulsate within the physical realm in the highest being. Will, wisdom, activity. Here, the will once again manifests outwardly—the will of which Schopenhauer speaks as the entity that rises from the abyss. It lives within us and constitutes our very being.

[ 12 ] Die Vorstellung wird ein Abbild, da geschieht die Verbindung mit außen; am meisten dort, wo Handlung, Tätigkeit ist. In ihnen verkörpern wir uns und sind vorhanden wie die Gottheit in ihrem Reiche. So haben wir abgrundigen Willen in der Weisheit, die Verbindung mit der Welt aufstellt, und wir haben Tätigkeit, in der er sich verbirgt. Wenn der Wille das Tiefste ist in uns, dann auch in der Natur. Indem in des Menschen Seele der Wille erwacht, feiert der Gott seine Auferstehung - ebenso in der Weisheit und in den Handlungen des Menschen. Wie Musik uns hineinführt in das Wesen der Dinge, so ist es die tiefste Wesenheit der Dinge selbst, die in den Tönen der Musik lebt. Der Ton ist der Geistkörper des Willens. Das ursprünglichste Wesen des Geistes ist in dem Willen des Musikalischen. Ein schöner Gedanke der Schopenhauer’schen Philosophie ist, dass das Weltenrätsel in der Musik sich löst.

[ 12 ] The idea becomes an image; this is where the connection with the outside world occurs—most of all where there is action and activity. In them we embody ourselves and are present, just as the deity is present in its realm. Thus, we possess an abysmal will in the wisdom that establishes the connection with the world, and we possess activity in which it is concealed. If the will is the deepest thing within us, then it is so in nature as well. As the will awakens in the human soul, God celebrates his resurrection—just as in human wisdom and actions. Just as music leads us into the essence of things, so it is the deepest essence of things themselves that lives in the tones of music. Sound is the spiritual body of the will. The most primordial essence of the spirit lies in the will of music. A beautiful idea in Schopenhauer’s philosophy is that the mystery of the world is solved in music.

[ 13 ] Nietzsche, der mit einem sehnenden Geiste sondergleichen nach solchen Gedankenzusammenhängen forschen wollte, kam zu einer verworrenen Ahnung schönster Art: in der «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Was wollte er in diesem Buche erreichen? Den Weg des Geistes nach seinem Innenleben hat Nietzsche zu beschreiben versucht. Er suchte vorzudringen bis zu dem Punkte, an dem der Mensch in sich den Weltenwillen pulsieren fühlt. In der Musik verwandelt der Mensch den Willen in einen Geistkörper. Der Mensch ist am intensivsten mit seinem Gott vereint, wenn Musik aus seiner Seele erklingt. So stellt sich Musik auch für Nietzsche ins Universum hinein.

[ 13 ] Nietzsche, who sought to explore such intellectual connections with a yearning spirit unlike any other, arrived at a most exquisite, though confused, insight: in *The Birth of Tragedy from the Spirit of Music*. What did he hope to achieve in this book? Nietzsche attempted to describe the path of the spirit toward its inner life. He sought to penetrate to the point where human beings feel the will to the world pulsating within themselves. In music, human beings transform the will into a spiritual body. Human beings are most intensely united with their God when music resounds from their souls. Thus, for Nietzsche as well, music extends into the universe.

[ 14 ] Aus einer großen Anschauung heraus lässt Goethe Faust vordringen bis «Im Anfang war die Tat.» ‹Tat› ist der ausgeströmte Wille, und will der Mensch in ein Kunstwerk schaffen ein Abbild der Tat, so muss er aus dem musikalischen gebären, daher hat die Tragödie im Chor ihren Ausgangspunkt: Die Kunst der Handlung aus der Kunst des Tones, des nach außen fließenden Geistes. Und dann werden wir die kosmische Stellung der redenden Künste im Weltengeist finden.

[ 14 ] From a broad perspective, Goethe has Faust proceed as far as “In the beginning was the deed.” “Deed” is the will poured forth, and if a person wishes to create a reflection of the deed in a work of art, he must give birth to it from music; hence, tragedy has its starting point in the chorus: the art of action arising from the art of sound, the spirit flowing outward. And then we will find the cosmic position of the speaking arts within the world spirit.

[ 15 ] Weisheit ist die Kraft des Geistes, der halb nach außen dringt und sich den andern Teil von der Welt reichen lässt: die Durchdringung des Geistes mit dem Wesen von außen. Das Zusammenklingen von innen und außen - das ist die Weisheit. Das ist wahre Weisheit, wenn der Mensch die Harmonisierung seines inneren Wesens mit dem Außen findet. Und die wahre Weisheit schließt das Gute ein. Sie ist eine Weisheit des Empfindens.

[ 15 ] Wisdom is the power of the spirit that reaches out halfway and allows the other part to be offered by the world: the interpenetration of the spirit with the essence of the external world. The harmony of the inner and the outer—that is wisdom. True wisdom is when a person finds harmony between his or her inner being and the external world. And true wisdom encompasses goodness. It is a wisdom of feeling.

[ 16 ] Wie der Wille seinen Ausdruck hat im Ton, so schafft sich in der Bedeutung die Seele den Weg zum Wort. Das Wort hat ebenso wie die Weisheit einen Teil von außen und einen Teil von innen. Es kündigt uns in seiner Bedeutung etwas Äußeres an. Wie in der Kunst des reinen Tones der ursprüngliche Wille zum Ausdruck kommt, so ist im Rhythmus des Wortes die Weisheit der Seele zur Seele ausgedrückt.

[ 16 ] Just as the will finds expression in sound, so the soul creates its path to the word through meaning. Just as wisdom does, the word has an external aspect and an internal aspect. Through its meaning, it reveals something external to us. Just as the original will finds expression in the art of pure sound, so too is the wisdom of the soul expressed to the soul through the rhythm of the word.

[ 17 ] Lyrik - von Bedeutung durchtränkter Ton,

[ 17 ] Poetry—a tone steeped in meaning,

[ 18 ] Lied - die Stufe der Weisheit nach außen gegossen und verkörpert.

[ 18 ] Song—the level of wisdom poured out and embodied.

[ 19 ] Das Dritte ist dort, wo der Geist zurücktritt und sich verkörpert in der Handlung. Des Menschen Handlung ist seine Schöpfung, das dritte Reich des Geistigen schöpft die dramatische Kunst. Das Drama ist das Abbild des dritten Reiches, der Aktivität.

[ 19 ] The Third is where the spirit withdraws and embodies itself in action. Human action is human creation; the third realm of the spiritual gives rise to dramatic art. Drama is the reflection of the third realm, that of activity.

[ 20 ] So lässt der Mensch die Phasen seines Wesens zurück in dem, was er als Abbild schafft. Musik, Lyrik, Dramatik.

[ 20 ] In this way, humans leave behind the phases of their being in what they create as a reflection: music, poetry, and drama.

[ 21 ] Solange sich die Wesen um uns herum durch den Ton ankündigen, bleiben wir in gewisser Beziehung außerhalb ihrer. Ihre Bedeutung sprechen sie aus durch das innere Wort, wenn sie nicht nur tönen sondern reden. Das ist etwas, was in allerfernster Zukunft wie ein Ideal vorschwebt, das ist auch etwas, was am Ausgangspunkt der Welt steht. Und der Künstler stellt es als Prophetie hin.

[ 21 ] As long as the beings around us announce their presence through sound, we remain, in a certain sense, outside of them. They express their meaning through the inner word when they do not merely make sounds but actually speak. This is something that looms in the very distant future as an ideal; it is also something that stands at the very beginning of the world. And the artist presents it as a prophecy.

[ 22 ] Der Musiker, der Lyriker und der Dramatiker sind die Propheten dessen, was kommen soll. Die anderen drei Künste stellen die Vergangenheit dar; diese drei stellen die Zukunft dar. So schafft uns der Künstler ein Paradies, wodurch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich verbinden. Das ist, wovon Goethe spricht:

[ 22 ] The musician, the poet, and the playwright are the prophets of what is to come. The other three arts depict the past; these three depict the future. In this way, the artist creates a paradise for us in which the past, present, and future are united. This is what Goethe is referring to:

Doch ihr, die echten Göttersöhne,
Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!
Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfass euch mit der Liebe holden Schranken,
Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestigt mit dauernden Gedanken! [Faust I, Vers 344-349]

But you, the true sons of the gods,
Rejoice in the beauty that is rich with life!
That which is becoming, which eternally acts and lives,
May it enfold you within the sweet bounds of love,
And whatever hovers in a wavering form,
May it be strengthened by enduring thoughts! [Faust I, lines 344–349]

[ 23 ] [So spricht der Herr zu den drei Erzengeln Gabriel, Michael, Raphael im Prolog im Himmel in Goethes «Faust» I.] Was in schwankender Erscheinung lebt, befestigt der Gedanke.

[ 23 ] [Thus speaks the Lord to the three archangels Gabriel, Michael, and Raphael in the prologue set in heaven in Goethe’s *Faust* Part I.] What exists in a fleeting form is made steadfast by thought.

[ 24 ] Man kann nicht schöner die kosmische Sendung der Kunst darstellen. Das Ewige selbst ist in dieser Welt. Und wenn wir fähig sind, das Schöne mit Hingabe anzusehen, zu umfassen mit unserer Liebe, das Ewige im Bild zu fühlen, dann befestigen wir das Schöne mit dauernden Gedanken. Wenn der ganze Erdenglobus zerstoben sein wird in Millionen von Atomen, wird das Ewige hinübergetragen in neue Welten. Diesen Anteil hat sicher die Kunst. Im Kunstwerk kann sich der Mensch ein begrenztes Abbild der Weltenschöne schaffen, ein begrenztes Abbild der göttlichen Vollkommenheit ist die Kunst.

[ 24 ] There is no more beautiful way to portray the cosmic mission of art. The Eternal itself is in this world. And if we are able to gaze upon beauty with devotion, to embrace it with our love, to feel the Eternal in the image, then we preserve beauty through enduring thoughts. When the entire globe has disintegrated into millions of atoms, the Eternal will be carried over into new worlds. Art certainly plays this role. In a work of art, human beings can create a limited reflection of the beauty of the world; art is a limited reflection of divine perfection.

[ 25 ] In den Künsten bekommen wir auch ein Vorgefühl jener beseligenden Freiheit, die uns aus der Erkenntnis strömt. Die Kunst erscheint als das sicherste Unterpfand unserer Befähigung zur Freiheit. So wird der schöne Schein der große Erzieher zum Höchsten, zur Freiheit. Der Deutsche, der Schillers Briefe zur ästhetischen Erziehung nicht kennt, der kennt ein wichtigstes Stück des deutschen Geistes nicht. Voll theosophischer Gesinnung sind sie, das Erleben des göttlichen Wesenskernes will die Theosophie; deshalb erhebt sich das Kunstgenießen zur Selbstlosigkeit, weil es interesseloses Wohlgefallen an der höchsten Geistigkeit schafft. Man muss durchdringen durch die Materie zum Geistigen, dann wird durch die Vergeistigung des Materiellen das Höchste erreicht, dann wird das Schöne die Erziehung zum Geistigen, und durch die ästhetische Empfindung der Schönheit dringt der Mensch zur Weisheit.

[ 25 ] In the arts, too, we get a foretaste of that blissful freedom that flows to us from knowledge. Art appears as the surest pledge of our capacity for freedom. Thus, the beauty of appearance becomes the great educator leading to the highest good: freedom. Any German who is unfamiliar with Schiller’s Letters on Aesthetic Education is unaware of a crucial aspect of the German spirit. They are imbued with a theosophical spirit; theosophy seeks the experience of the divine essence. That is why the enjoyment of art rises to the level of selflessness, because it creates a disinterested delight in the highest spirituality. One must penetrate through matter to the spiritual; then, through the spiritualization of the material, the highest is attained; then beauty becomes education in the spiritual, and through the aesthetic perception of beauty, human beings attain wisdom.