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Self-Knowledge and God-Knowledge II
GA 90b

6 November 1905, Berlin

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Self-Knowledge and God-Knowledge II, tr. SOL
  1. Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II, 1st ed.

19. Theosophie und Freiheitsbegriff

19. Theosophy and the Concept of Freedom

[ 1 ] Zunächst könnte es scheinen, als ob die strenge Gesetzmäßigkeit in der The [...]M[...] unvereinbar sei. Sie wissen, dass dies Problem [...]

[ 1 ] At first glance, it might seem as if the strict regularity in the The [...]M[...] is incompatible. You know that this problem [...]

[ 2 ] Ist der Mensch frei oder nicht frei? Steht er unter eherner Gesetzmäßigkeit, oder unterliegen seine Handlungen seinem Willen? Zunächst ist diese Frage nicht gestellt, und es hängt viel davon ab, dass man Fragen richtig stellt. Wie der Mensch heute steht, ist er weder das eine noch das andere, weder frei noch gebunden, sondern sowohl das eine wie das andere. In Bezug auf gewisse Handlungen ist er frei, in Bezug auf andere steht er unter eherner Notwendigkeit. Freiheit ist etwas, dem wir uns immer nähern, wir werden freier, je mehr wir uns entwickeln. Im Anfang sind wir sehr gebunden, hängen ab von allem, wozu uns unsere instinktiven Mat[...] veranlagt [haben].

[ 2 ] Is man free or not free? Is he subject to ironclad laws, or are his actions governed by his will? To begin with, this question has not been posed, and much depends on asking questions correctly. As man stands today, he is neither one nor the other—neither free nor bound—but rather both one and the other. With regard to certain actions, they are free; with regard to others, they are subject to ironclad necessity. Freedom is something we are constantly approaching; the more we develop, the freer we become. In the beginning, we are very bound, dependent on everything to which our instinctive mat[...] has predisposed us.

[ 3 ] Aber je mehr wir uns entwickeln, desto freier werden wir. Wie hängt das zusammen mit den Gesetzen des Karma? Die Theosophie behandelt Gesetze, die in die Zukunft hinein wirken. Wenn wir so fest bestimmte Gesetze angeben, wie können wir da von einer Entwicklung zur Freiheit sprechen? Wenn wir uns auf diesem Felde ganz genau einlassen in bestimmte Untersuchungen über die menschliche Seele, kommen wir vorwärts. Wir müssen uns vor allen Dingen daran halten: Was ist das, Freiheit? Kann es ein Schaffen aus dem Nichts heraus sein? Ist es ein bestimmtes Wesen? Ist der Mensch zur Freiheit veranlagt auf der Stufe des Daseins, auf der er jetzt steht? - In dem Augenblick, in dem der Mensch sich eine solche Frage aufwirft, ist er ein Wesen, das sich bis zu einem bestimmten Punkte entwickelt hat.

[ 3 ] But the more we evolve, the freer we become. How does this relate to the laws of karma? Theosophy deals with laws that have an effect into the future. If we state such fixed laws, how can we speak of a progression toward freedom? If we engage very closely in specific investigations of the human soul in this field, we will make progress. Above all, we must ask ourselves: What is freedom? Can it be a creation out of nothing? Is it a specific being? Is humanity predisposed to freedom at the stage of existence it now occupies? — The moment a person poses such a question, they are a being who has evolved to a certain point.

[ 4 ] Dass sich meine Hand bewegt, ist ein Ergebnis unendlich komplizierter Gesetze. Nun kann es sich nicht darum handeln, ob ich diese Gesetze aus der Welt schaffe, sondern ob ich innerhalb dieser Gesetze, in denen ich geworden bin, einen freien Entschluss habe; ob ein Wesen, das nach bestimmten [Gesetzen] geboren ist und sich innerhalb dieser Gesetze bewegt, sich die Freiheit zuschreiben kann oder nicht. Diese Gesetze gehören unserem Werden in der Vergangenheit an und reichen hinein in die Zukunft. Denken Sie sich, jemand verlangt, zum Athleten ausgebildet zu werden. Er muss sich in ganz bestimmter Richtung ausbilden, Gesetze befolgen, auf einen gewissen Standpunkt sich bringen; wenn er das hat, kann er Athlet werden. Freiheit besteht nicht darin, dass wir die Gesetze ändern, nach denen wir geworden sind, sondern innerhalb dieser Gesetze uns betätigen.

[ 4 ] The fact that my hand moves is the result of infinitely complex laws. Now, the question is not whether I can do away with these laws, but whether, within these laws—in which I have come into being—I have free will; whether a being born according to certain [laws] and moving within these laws can claim freedom for itself or not. These laws are part of our becoming in the past and extend into the future. Imagine someone who wants to be trained as an athlete. He must train in a very specific way, follow certain rules, and reach a certain level; once he has done that, he can become an athlete. Freedom does not consist in changing the laws by which we have come into being, but in acting within those laws.

[ 5 ] Sie haben gehört, dass [der] Mensch entweder den linken oder rechten Pfad geht. Ja, es steht ihm also nicht frei; er muss den einen oder andern gehen. Wenn er einen Guru hat, muss er Gesetze befolgen, einem Ziele zustreben - kann dann die Rede sein von Freiheit? In Wahrheit handelt es sich um kein solches Ziel, dem wir zustreben sollen. Diesen Zweck hat gar keine okkulte Entwicklung, sondern sie hat Zweck und Absicht, in dem Menschen Fähigkeiten zu entwickeln, ihn durch Gesetze auf eine bestimmte Stufe zu bringen. Wenn er diese hat, dann ist er fähig, sich ein Ziel zu setzen.

[ 5 ] You have heard that a person follows either the left or the right path. Yes, so he is not free to choose; he must follow one or the other. If he has a guru, he must follow rules and strive toward a goal—can we really speak of freedom then? In truth, there is no such goal that we are supposed to strive toward. Occult development has no such purpose; rather, its purpose and intent are to help people develop abilities and, through laws, bring them to a certain level. Once they have reached this level, they are capable of setting a goal for themselves.

[ 6 ] Das Tier kann nicht aus Freiheit handeln, nur nach Instinkten; keine Trieb-, keine Leidenschaftshandlung ist frei, sie ist innerlich erzwungen. Um frei zu sein, muss man vor allem die Fähigkeit haben, sich frei zu entschließen; in sich selbst keinen Zwang fühlen, dies oder jenes zu vollführen.

[ 6 ] An animal cannot act of its own free will, but only according to instinct; no act driven by instinct or passion is free—it is internally compelled. To be free, one must above all have the ability to decide freely; to feel no compulsion within oneself to do this or that.

[ 7 ] Das ist eine zu erringende Stufe. Und aller Okkultismus handelt von den Fähigkeiten, die wir entwickeln sollen, um uns frei zu entschließen. Nehmen Sie an, ein Mensch erlangt die Fähigkeit, in die übersinnliche Welt hineinzuschauen. Der Mensch handelt zunächst aus instinktiven Trieben heraus. Was soll der innere Zwang? Er hat zunächst die Aufgabe, den Menschen in ein Verhältnis zur Außenwelt zu setzen. Die instinktiven Triebe leiten zunächst sein Leben — das macht ihn unfrei. Wenn der Mensch anfängt, in die übersinnliche Welt hineinzuschauen, ist der Anfang, dass er den Zusammenhang zwischen den Trieben und Weltenzusammenhängen durchschaut. Er kennt, wie ein Instinkt als Ursache in der Welt wirkt. Er geht über zu der Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen sich und der Außenwelt. - Dazu gibt ihm der Okkultismus die Anleitung.

[ 7 ] This is a level to be attained. And all occultism deals with the abilities we are to develop in order to make free decisions. Suppose a person acquires the ability to glimpse into the supersensible world. At first, the person acts out of instinctive drives. What is the purpose of this inner compulsion? Its initial task is to place the person in a relationship with the external world. The instinctive drives initially guide his life—which makes him unfree. When a person begins to glimpse into the supersensible world, the first step is to discern the connection between these drives and the interrelationships within the world. They come to understand how an instinct functions as a cause in the world. They progress to an understanding of the connection between themselves and the external world. — Occultism provides the guidance for this.

[ 8 ] Sie haben dieses gesetzmäßige Getrieb der Welt immer besser kennengelernt und sehen, wie sich die Freiheit daraus entwickelt. Dass Sie Sauerstoff und Wasserstoff zusammenbringen, ist die Tat Ihrer Freiheit. Wissen wir nichts von dem Gesetz, können wir nicht voraussehen, was wird, müssen uns einem Zwang unterwerfen. Dadurch, dass wir die gesetzmäßigen Folgen erkannt haben, das macht uns frei. Je mehr wir die höheren Gesetze durchschauen, können wir uns an sie halten, um die Ziele zu erklimmen. Was wir erkennen lernen, sind die Mittel, wodurch wir bestimmte Ziele, die wir uns dann setzen, erreichen. Der Meister gibt dem Chela keine Anleitung darüber, wo er hinsteuern soll; er soll sich bewegen lernen im Sinne des Ziels. Ein Ziel ergibt sich uns dann, wenn wir unbefangen die Welt wirklich betrachten. Nur das kann ein freies Ziel sein, das der Mensch sich setzt aus der Fülle der Welterscheinungen heraus. Dann ist er in Wahrheit ein befreiter Mensch.

[ 8 ] You have come to understand this lawful mechanism of the world more and more deeply and see how freedom arises from it. The fact that you combine oxygen and hydrogen is an act of your freedom. If we know nothing of the law, we cannot foresee what will happen and must submit to compulsion. It is by recognizing the lawful consequences that we become free. The more we understand the higher laws, the more we can adhere to them in order to reach our goals. What we come to recognize are the means by which we achieve certain goals that we then set for ourselves. The Master does not give the chela instructions on where to go; the chela must learn to move in the direction of the goal. A goal arises for us when we observe the world truly and without prejudice. Only a goal that a person sets for himself from the abundance of worldly phenomena can be a free goal. Then he is, in truth, a liberated person.

[ 9 ] Die drei wichtigsten Elemente des Seelenlebens sind Tätigkeit, Weisheit, Wille. Die Handlungen müssen bestimmt sein durch unsere Weisheit und unsern Willen, [- sind] also nicht frei. Weisheit ist teilweise frei, teilweise nicht.

[ 9 ] The three most important elements of spiritual life are activity, wisdom, and will. Our actions must be determined by our wisdom and our will; therefore, they are not free. Wisdom is partly free and partly not.

[ 10 ] In der Idee zu meinem Hause bin ich frei; dass ich das Haus so gestalten kann, wie ich es will, dazu bringt mich meine Kenntnis der Gesetze. Und je besser ich sie kenne, desto besser werde ich imstande sein, diese Idee zu verwirklichen.

[ 10 ] I am free to conceive of my home as I wish; my knowledge of the laws enables me to design it exactly as I want. And the better I know them, the better I will be able to bring this idea to life.

[ 11 ] Frei ist, wer aus dem Gedanken selbstschöpferisch zu gestalten vermag.

[ 11 ] Free is the one who is able to create from thought itself.

[ 12 ] Der von dem freien Gedanken bestimmte Wille ist das, was den Menschen wirklich befreit. Der Mensch hört also auf, von hinten durch die Vergangenheit bestimmt zu werden, und wird von vorn durch seine Ziele bestimmt.

[ 12 ] The will, guided by free thought, is what truly liberates human beings. Thus, human beings cease to be determined from behind by the past and are instead determined from ahead by their goals.

[ 13 ] Perle in Muschel als Beispiel.

[ 13 ] A pearl in a shell, for example.

[ 14 ] Unfrei ist der Mensch, solange wir in ihm selbst den Grund finden, dass er sich das Ziel gesetzt hat; wenn im Ziel das Gesetz liegt, dann ist er frei, dann kann er die Handlung unterlassen. Er handelt selbstlos in Hingabe auf das Ziel. Der Gegensatz von innerer Nötigung ist die Bestimmung durch das Objekt, die Liebe zum Objekt.

[ 14 ] A person is not free as long as we find within them the reason why they have set that goal for themselves; if the law lies in the goal itself, then they are free, and they can refrain from acting. They act selflessly, devoted to the goal. The opposite of inner compulsion is being guided by the object, love for the object.

[ 15 ] Wirklich frei ist nur ein Gott; aber der Mensch ist auf dem Wege zur Vergottung.

[ 15 ] Only God is truly free; but man is on the path to becoming divine.

[ 16 ] Durch das Objektivwerden, durch das Umwandeln in die Erkenntnis verwandelt sich, was früher Nötigung war, in Freiheit.

[ 16 ] Through objectification, through the transformation into knowledge, what was once coercion is transformed into freedom.

[ 17 ] Deshalb ist der Mensch auf dem Wege zur Freiheit, weil er imstande ist, das, was in ihm als Ziel [lebt], herauszusetzen. In dem Objektivieren liegt der Weg zur Freiheit.

[ 17 ] That is why human beings are on the path to freedom: because they are capable of identifying what [lives] within them as a goal. The path to freedom lies in this act of objectification.