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Self-Knowledge and God-Knowledge II
GA 90b

26 April 1905, Cologne

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Self-Knowledge and God-Knowledge II, tr. SOL
  1. Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis II, 1st ed.

28. Novalis’ Dichtung «Heinrich Von Ofterdingen»

28. Novalis’s poem “Heinrich von Ofterdingen”

[ 1 ] Werfen wir einen Blick auf das kurze Leben des Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. Novalis ist mehr eine Erinnerung an ein früheres Leben als ein Leben selbst, eine feine Persönlichkeit, eine Individualität, die von Anfang an die tief innigste Geistigkeit als Anlage in sich hatte. Man ist immer wieder erstaunt, wie Novalis die höchste Intellektualität, das schärfste Denken mit einer wunderbaren Spiritualität verbindet.

[ 1 ] Let us take a look at the short life of Friedrich von Hardenberg, known as Novalis. Novalis is more a memory of a former life than a life in itself—a refined personality, an individual who, from the very beginning, possessed within himself the seeds of the deepest spirituality. One is constantly amazed at how Novalis combines the highest intellectuality and the sharpest thinking with a wonderful spirituality.

[ 2 ] Er war ausgebildeter Bergbautechniker, der Mathematik und die physikalischen Fächer vollständig beherrschte, der das mathematische Denken mit einer feinen, zarten und doch feurigen, äthergleichen Geistigkeit verband, der dieses harmonisch darlebte in einer Weise, für die vielleicht kein zweites Beispiel im Leben zu finden ist. Man muss nachfühlen können, was in Novalis’ Aussprüchen, in seinen Fragmenten enthalten ist, um zu bemerken, wie tief er in das innere Gefüge der Welt eingedrungen ist. Man muss auch nachfühlen können seinen Enthusiasmus für die Mathematik. Sie ist ihm ein großes Gedicht, das in die Weltengeheimnisse einführt. Der Mensch sinnt nach über die Zusammenhänge von Raum und Zeit. Wenn er sich erfüllen kann mit der Harmonie der Sterne, die nach ewigen Gesetzen um die Sonne kreisen, mit den Formkräften, die innerhalb der Erde wirken in Erzadern, Kristallbildungen und so weiter, dann kann er das lebendige Wesen der Welt empfinden.

[ 2 ] He was a trained mining engineer who had a thorough command of mathematics and the physical sciences, who combined mathematical thinking with a refined, delicate, yet fiery, ethereal spirituality, and who expressed this harmoniously in a way for which there is perhaps no second example in life. One must be able to sense what is contained in Novalis’s sayings and fragments to realize how deeply he penetrated the inner structure of the world. One must also be able to sense his enthusiasm for mathematics. To him, it is a great poem that introduces one to the mysteries of the universe. Human beings reflect on the interrelationships of space and time. When they can fill themselves with the harmony of the stars, which orbit the sun according to eternal laws, and with the formative forces at work within the earth in ore veins, crystal formations, and so on, then they can perceive the living essence of the world.

[ 3 ] Novalis ist erfüllt von einem wahren Enthusiasmus für die Mathematik. Er nennt die Mathematik, die solche Wege des Verstehens weisen kann, eine erhabene Religion. Wunderbar ist es, wie er diese scheinbar trockene Wissenschaft mit inbrünstiger Verehrung zu umfassen vermag. Die Sinnenwelt war für ihn nur als Spiegelung ewig lebendiger geistiger Tatsachen vorhanden, die in Naturgesetzen sich der irdischen Wahrnehmung offenbaren.

[ 3 ] Novalis is filled with a genuine enthusiasm for mathematics. He calls mathematics—which can point the way to such paths of understanding—a sublime religion. It is marvelous how he is able to embrace this seemingly dry science with fervent reverence. For him, the sensory world existed only as a reflection of eternally living spiritual realities, which reveal themselves to earthly perception through the laws of nature.

[ 4 ] Novalis fasste eine tiefe Liebe zu einem dreizehnjährigen Mädchen, welches bald nach der Verlobung starb. Die Erschütterung, die er durchlebte, war eine ungeheure. Sie öffnete ihm die Tore zur geistigen Welt. Novalis spricht mit der Verstorbenen wie mit einer Lebenden; sein eigenes weiteres Leben nannte er ein ‹Ihr-Nachsterben›. Sie ist ihm immer gegenwärtig. [Die Freundschaft, die ihn später mit einem anderen Mädchen verbindet, kann eine übersinnliche genannt werden. Sie ist ihm wie ein Sinnbild für das geistige Wesen, das darüber schwebt und mit dem er ganz zusammentfließt.]

[ 4 ] Novalis developed a deep love for a thirteen-year-old girl who died shortly after their engagement. The shock he experienced was immense. It opened the gates to the spiritual world for him. Novalis speaks to the deceased as if she were alive; he called the rest of his own life a “death after hers.” She is always present to him. [The friendship that later binds him to another girl can be called supernatural. To him, she is like a symbol of the spiritual being that hovers above them and with whom he merges completely.]

[ 5 ] Es war in ihm eine Kraft der Spiritualität, die beispiellos dasteht in der neuen Zeit.

[ 5 ] There was a spiritual power within him that is unparalleled in modern times.

[ 6 ] Novalis war in früheren Leben durch tiefe Einweihungen geschritten. So trat er in dieses Leben mit der Anlage zu einer wahren, realen Erfassung des Weltgeschehens. Wie ein [Meteor] erschien er am geistigen Himmel, überall Geist ausstreuend in einer Weise, wie sie nur selten in den Kundgebungen der neueren Geister zu finden ist.

[ 6 ] Novalis had undergone profound initiations in previous lives. Thus, he entered this life with the capacity for a true, real grasp of world events. Like a [meteor], he appeared in the spiritual heavens, scattering spirit everywhere in a way that is rarely found in the manifestations of more recent spirits.

[ 7 ] Zwei Pole umfassten die frische, jugendliche Natur des Novalis: eine große Intellektualität und eine tiefe Spiritualität. Der ganze Reichtum seines mannigfaltigen gestaltenden Denkens floss ihm zusammen zu einer umfassenden Allheitsempfindung, die in einem göttlichen Urgrund ihren Lebensquell hatte. Er empfand überall den Urgrund als den Geist. Dieses Bewusstsein nannte Novalis «Magie. Die schaffende, schöpferische Phantasie, das Fühlen der Seele war ihm eine Nachbildung des großen Weltenfühlens; sie wurde ihm zum «magischen Idealismus. Er erlebte sein Ich als verwandt mit dem Ich aller anderen Wesen, und alle Wesen empfand er als untereinander verwandt. So verschmolz Novalis mit dem geistigen Weben und Leben der Natur.

[ 7 ] Two poles defined Novalis’s fresh, youthful nature: great intellectuality and deep spirituality. The full richness of his multifaceted, creative thinking coalesced into a comprehensive sense of the universe, which drew its source of life from a divine primal source. He perceived this primal source as the Spirit everywhere. Novalis called this awareness “magic.” The creative, imaginative power and the soul’s sensibility were, for him, a reflection of the great sensibility of the world; they became for him “magical idealism.” He experienced his self as connected to the self of all other beings, and he perceived all beings as interconnected. Thus, Novalis merged with the spiritual weaving and life of nature.

[ 8 ] In den «Lehrlingen zu Sais» findet man die Geschichte des Jünglings «Hyazinth», der ein inniges Verhältnis zu den Wesen der Natur hat. Ein herzlicher Freundschaftsbund besteht zwischen ihm und dem Mädchen «Rosenblüte. Die Tiere des Waldes, die Blumen des Feldes sind ihm Genossen seiner Geheimnisse. Es wird erzählt, wie er einem Mann mit einem langen Bart begegnet, der ein Buch hat, aus dem Hyazinth viel lernt. Nun treibt es ihn, das zu suchen, was das innerste Wesen des Menschen ausmacht. Dieses, was der Mensch suchen muss, nannte Novalis «die blaue Blume. Es ist das Aufsuchen des höheren Selbst im Menschen.

[ 8 ] In *The Apprentices of Sais*, we find the story of the young man “Hyacinth,” who has a deep connection with the beings of nature. A warm bond of friendship exists between him and the girl “Roseblossom.” The animals of the forest and the flowers of the field are his confidants. The story recounts how he encounters a man with a long beard who carries a book from which Hyazinth learns a great deal. He is now driven to seek out what constitutes the innermost essence of a human being. Novalis called this thing that humans must seek “the blue flower.” It is the search for the higher self within the human being.

[ 9 ] Wir finden dieses bedeutsame Symbol auch in der orientalischen Mystik als die Lotosblume. Sie ist ein Symbol für das höhere Ich, des keuschen, geläuterten Menschentums, in dem das Ich sich entfalten kann. Noch ist es wie von Blumenblättern umschlossen - später wird es Früchte und Samen bringen. Novalis hatte sich ein solches Wissen aus seinen früheren Inkarnationen mitgebracht.

[ 9 ] We also find this significant symbol in Eastern mysticism as the lotus flower. It is a symbol of the higher self, of chaste, purified humanity, within which the self can unfold. For now, it is still enclosed as if by flower petals—later it will bear fruit and seeds. Novalis had brought such knowledge with him from his earlier incarnations.

[ 10 ] Es wird uns nun erzählt, wie Hyazinth nach dem Lande der Geheimnisse wandert, immer suchend, bis er eine verschleierte Gestalt findet. Als er den Schleier hinwegzicht, erblickt er Rosenblütchen›.

[ 10 ] We are now told how Hyacinth wanders through the Land of Secrets, searching endlessly, until he finds a veiled figure. When he lifts the veil, he sees little rose petals.

[ 11 ] In Novalis’ «Hymnen an die Nacht» ist sein Erleben der kosmisch-menschlichen Einheit Iyrisch zum Ausdruck gekommen. So auch in den «Geistlichen Liedern», diesem erschütternden Dokument der Verschmelzung mit dem Christus.

[ 11 ] In Novalis’s *Hymns to the Night*, his experience of the unity between the cosmos and humanity is expressed in the Iyric language. The same is true of the *Spiritual Songs*, this deeply moving account of his union with Christ.

[ 12 ] Alles, was er der Welt hat sagen wollen, hat Novalis angelegt in dem Roman «Heinrich von Ofterdingen». Er starb aber darüber, bevor er ihn vollenden konnte. Was er auszuführen beabsichtigte, wollen wir uns vor die Seele führen.

[ 12 ] Novalis set out to convey everything he wanted to say to the world in the novel *Heinrich von Ofterdingen*. However, he died before he could finish it. Let us keep in mind what he intended to convey.

[ 13 ] Wir werden in die Zeit des Wartburg-Sängerkrieges versetzt, in der Heinrich jung war. Doch führt uns der Gang der Ereignisse hinüber aus der Gegenwartswelt in eine Märchenwelt. Zurückversetzen müssen wir uns in die Zeit, da die Gegend des atlantischen Ozeans noch Land war. Ein reges Leben gab es einst dort, Menschen, deren Treiben in der Tat den jetzigen Menschen wie ein Märchen vorkommen würde. Es war ein Land, auf dem Regen und Sonnenschein nicht so verteilt waren, wie sie es jetzt sind. Die Sonne war von Nebeln verdeckt, die Luft wässrig. Nicht umsonst haben die nordischen Sagen die Atlantis ‹Niflheim›, das heißt Nebelheim, genannt. Es gab dort keine Scheidung von Regen und Sonnenschein, sondern nur einen allmählichen Übergang von Wasser zur Luft. Ein Regenbogen wäre dort nicht möglich gewesen. Die Geschehnisse jener alten Zeiten sind erhalten in den Sagen über die Sintflut, die Arche, den Regenbogen, und man steht staunend vor den unendlich tiefen Wahrheiten, die in den alten religiösen Urkunden enthalten sind. Zunächst sieht man in der biblischen Erzählung des Regenbogens ein Sinnbild. Aber wir stehen hier vor einer Tatsache: Ein Regenbogen wäre in der alten Atlantis noch nicht möglich gewesen. Es ist einer jener heiligen Momente, die den okkulten Forscher überwältigen, wenn er sich im Schauen zurückversetzt in diese älteren Zeiten.

[ 13 ] We are transported back to the time of the Wartburg Singers’ War, when Heinrich was young. Yet the course of events leads us from the present world into a fairy-tale world. We must go back to the time when the region of the Atlantic Ocean was still land. There was once a vibrant life there, with people whose activities would indeed seem like a fairy tale to people today. It was a land where rain and sunshine were not distributed as they are now. The sun was veiled by mists, and the air was watery. It is no coincidence that the Norse sagas called Atlantis “Niflheim,” meaning “Land of Mist.” There was no distinction between rain and sunshine there, but only a gradual transition from water to air. A rainbow would not have been possible there. The events of those ancient times are preserved in the legends of the Flood, the Ark, and the rainbow, and one stands in awe before the infinitely profound truths contained in the ancient religious texts. At first glance, the biblical account of the rainbow appears to be a symbol. But we are faced here with a fact: A rainbow would not yet have been possible in ancient Atlantis. It is one of those sacred moments that overwhelm the occult researcher when, in contemplation, he is transported back to those earlier times.

[ 14 ] In dieses alte Reich, von dem man wirklich als von einem Märchenreich sprechen kann, blickte Novalis Seherauge hinein. Der Mensch hatte damals noch nicht seinen klügelnden Verstand; er lebte das Leben der Natur mit. Er baute sich sein Haus in der Weise, dass es herauswuchs aus den Felsen und Pflanzen. Es gab damals noch keine Mythen. Was sind denn die Mythen, die sich unsere Völker erzählen? Die Gabe, Welten in der Dichtung herauszugestalten, ist erst unserer nachatlantischen Rasse eigen; die atlantische hatte sie nicht. Aber die Atlantier hatten noch die Gabe, Pflanzen zur Verwandlung zu bringen, sogar Tiere und Menschen. Die Verwandlungskünste der Circe in der Odyssee deuten hin auf solche Verwandlungskräfte der Menschen. Alles, was der Mensch aus seinem Innern als Mythe hervorbringt, hatten die Menschen auf der Atlantis erlebt und mit eigenen Augen gesehen. Die großen Dichter unserer Zeit haben die Bilder ihrer Dichtungen von dem erhalten, was sie auf der Atlantis selbst gesehen hatten.

[ 14 ] Novalis gazed into this ancient realm with the eye of a seer—a realm that can truly be described as a fairy-tale realm. At that time, human beings had not yet developed their rational intellect; they lived in harmony with nature. They built their homes in such a way that they seemed to grow out of the rocks and plants. There were no myths back then. What, then, are the myths that our peoples tell one another? The gift of shaping worlds through poetry is unique to our post-Atlantean race; the Atlanteans did not possess it. But the Atlanteans still had the gift of transforming plants—and even animals and humans. Circe’s arts of transformation in the *Odyssey* point to such transformative powers in human beings. Everything that human beings bring forth from within themselves as myth, the people of Atlantis had experienced and seen with their own eyes. The great poets of our time have drawn the imagery for their works from what they themselves had seen on Atlantis.

[ 15 ] Novalis verwebt seine eigenen Erinnerungen mit der Geschichte des «Heinrich von Ofterdingen» und lässt in seinen Erzählungen die alte Atlantis aufleben. Dann führt er uns in neuere Zeiten hinein, in die Zeit der Städtegründungen. Diese Zeit bringt mit sich das Heraufkommen des Bürgertums und die materielle Kultur. Mit dem Entstehen des Bürgertums ist die äußere, materielle Kultur verknüpft. Da wird das, was vorher Dichtung war, zu etwas anderem.

[ 15 ] Novalis interweaves his own memories with the story of “Heinrich von Ofterdingen” and brings ancient Atlantis to life in his narratives. He then leads us into more recent times, the era of city-building. This era brings with it the rise of the bourgeoisie and material culture. External, material culture is linked to the emergence of the bourgeoisie. As a result, what was previously poetry becomes something else.

[ 16 ] Der Ursprung unserer Dichtung weist hin auf die Mysterien. Wir müssen uns in die Zeit versetzen, wo heilige Mysterien der Inspirationsquell waren für die Dichtungen eines Homer oder Aischylos und Sophokles, wo uralte Kultur die Grundlage gelegt hat für das, was in Homer und Aischylos als geistige Kraft wirkte. Da wurden die Gereinigten erst nach langen Prüfungen zu den höheren Mysterien zugelassen, den Urmysterien, die im Übersinnlichen, in der Astralwelt verliefen. Aber es gab einen Abglanz davon in späterer Zeit zum Beispiel in den Eleusinien. Da wurde das sogenannte Urdrama gegeben. Es wurde dargestellt, wie Gott, die Weltenseele, in die Materie hinabgestiegen ist und wie der herabsteigende, leidende und auferstehende Gott Wege der Erlösung weist. Es war der Chor, welcher in dem alten griechischen Mysteriendrama wie in einem Echo die Sprache des kosmischen Geschehens wiedergab.

[ 16 ] The origins of our poetry point to the mysteries. We must transport ourselves back to the time when sacred mysteries were the source of inspiration for the poetry of Homer, Aeschylus, and Sophocles, when ancient culture laid the foundation for what worked as a spiritual force in Homer and Aeschylus. There, those who had been purified were admitted to the higher mysteries—the primordial mysteries that took place in the supersensible, in the astral world—only after long trials. But there was a reflection of this in later times, for example in the Eleusinian Mysteries. There, the so-called primordial drama was performed. It depicted how God, the World Soul, descended into matter and how the descending, suffering, and resurrected God points the way to salvation. It was the chorus that, in the ancient Greek mystery drama, echoed the language of cosmic events.

[ 17 ] Bei Aischylos erleben wir den Übergang des alten heiligen Urdramas in das weltliche Drama. Es erblüht aus einem Zweige, der aus dem Mysterienwesen herausgewachsen ist. Der andere Zweig war die Philosophie, und der dritte Zweig war die Religion.

[ 17 ] In Aeschylus, we witness the transition from the ancient, sacred primordial drama to secular drama. It blossoms from a branch that grew out of the world of the Mysteries. The other branch was philosophy, and the third branch was religion.

[ 18 ] In den Mysterienstätten besaßen die Alten die Einheit von Religion, Dichtung und Wissenschaft. Es wurde dort die Wissenschaft anschaulich vorgeführt. Als drei Zweige aus einer Wurzel wirkten diese Gebiete neben- und ineinander. Erst später gingen sie auseinander. Diese Trennung der drei Gebiete war notwendig, damit jedes in seiner Art vollkommen werden konnte. So mussten sie denn eine Zeit lang auseinanderstrebende Wege gehen. Große Geister suchen das wieder zu vereinigen, was sich in dieser Weise hat trennen müssen. Daher finden wir das Streben nach Vereinigung der Künste in solchen Erscheinungen wie zum Beispiel in dem musikalischen Drama von Bayreuth. Es liegt das Bestreben vor, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das wieder die drei Gebiete des Geisteslebens auf Erden umfasst.

[ 18 ] In the mystery schools, the ancients possessed the unity of religion, poetry, and science. Science was vividly demonstrated there. Like three branches springing from a single root, these fields worked alongside and within one another. It was only later that they diverged. This separation of the three fields was necessary so that each could become perfect in its own way. Thus, for a time, they had to follow divergent paths. Great minds seek to reunite what had to be separated in this way. That is why we find the striving for the unification of the arts in phenomena such as, for example, the musical drama of Bayreuth. The aim is to create a total work of art that once again encompasses the three realms of spiritual life on earth.

[ 19 ] Poesie ist aus der Wahrheit hervorgegangen. Ursprünglich war die Dichtung nichts anderes als das Kleid der Wahrheit. Novalis blickt auf die Urzeit zurück, in der die Dichter in ihren Werken einen Ausdruck der höchsten Wahrheit zu prägen trachteten. Richten wir unseren Blick auf die Urdichtungen der Menschheit, so finden wir in ihnen in der Tat diesen Ausdruck. In Atlantis war der Mensch noch mit der Natur, mit seinem Gott verwandt, und die Mysterien gaben Darstellungen der so erlebten Realität. Später lebten Erinnerungen an diese Zeiten in den Mythen auf. Diese Erinnerungen waren für Novalis etwas Heiliges, Wirkliches. Er sagte sich: In der Zukunft wird wieder Wirklichkeit werden, was die Menschen noch als Erinnerung verborgen in sich tragen. Was wir aus unserer Imagination als Dichter schaffen und damit zum Bewusstsein bringen werden, das wird einmal Tatsache werden. Es wächst die gegenwärtige Welt zu einer neuen geistigen Wirklichkeit heran. Dadurch, dass die Menschen die Keime der Dichtung in das materielle Leben hineintragen, wächst auch aus dem materiellen Leben etwas ganz Besonderes hervor. Die Führerin auf dem Wege zu diesem Neuen ist ihm ‹Sophia›, die Weisheit.

[ 19 ] Poetry sprang from truth. Originally, poetry was nothing other than the garment of truth. Novalis looks back to primal times, when poets sought to give expression to the highest truth in their works. If we turn our gaze to the primordial poetry of humanity, we do indeed find this expression within it. In Atlantis, human beings were still connected to nature, to their God, and the mysteries provided representations of the reality experienced in this way. Later, memories of these times were revived in myths. For Novalis, these memories were something sacred and real. He told himself: In the future, what people still carry within themselves as hidden memories will once again become reality. What we create as poets from our imagination—and thereby bring into consciousness—will one day become fact. The present world is growing into a new spiritual reality. As people carry the seeds of poetry into material life, something very special also emerges from material life itself. For him, the guide on the path to this new reality is “Sophia,” Wisdom.

[ 20 ] In die Zeit der aufgehenden Städtekultur versetzt Novalis die Geschehnisse seiner Handlung, in jene Zeit, wo das äußere Leben beginnt, materiell zu werden, wo es übergeht in das bürgerliche Element des physischen Planes. Die Träger der Zukunft sind für ihn die Dichter. In die materielle Kultur wird der Same der Dichtung gelegt. Novalis lässt den Heinrich von Ofterdingen eine Art Seher sein. Er träumt von der blauen Blume, Träume, die nicht wie andere Träume sind, sondern eine Abspiegelung der geistigen Wirklichkeit. Er lässt ihn Verschiedenes erleben: Sagen und historische Ereignisse werden lebendig, so zum Beispiel leuchtet die Zeit der Kreuzzüge herein, das Spirituelle, das aus dem Orient nach Europa hereinfloss, in der Schilderung der Gefangenen auf dem Schloss.

[ 20 ] Novalis sets the events of his story in the era of burgeoning urban culture—that time when external life begins to take on a material form, when it transitions into the bourgeois element of the physical realm. For him, the poets are the bearers of the future. The seed of poetry is sown within material culture. Novalis portrays Heinrich von Ofterdingen as a kind of seer. He dreams of the blue flower—dreams that are not like other dreams, but rather a reflection of spiritual reality. He has him experience a variety of things: legends and historical events come to life; for example, the era of the Crusades shines through, and the spiritual influence that flowed from the Orient into Europe is evident in the description of the prisoners at the castle.

[ 21 ] Das Wichtigste für Heinrich ist die Begegnung mit einem Bergmann, der fast sein ganzes Leben unter der Erde zugebracht hat. Es wird geschildert, was man empfinden kann, wenn man so in den Schächten unter der Erde arbeitet. Die Sterne des Himmels leuchten ihm entgegen wie die Zukunft. In den Tiefen der Erde findet er gleichsam seine Vergangenheit. Die Metalle sind dem Menschen wundersam verwandt. Was im Laufe der Jahrtausende sich da unten entwickelt hat, das Geheimnis der göttlichen Weltordnung, bringt der Bergmann mit, drängt sich dem Bergmann entgegen. Die Selbstlosigkeit in der Arbeit wird uns vor Augen geführt, wenn beschrieben wird, wie das Gold zum Vorschein gebracht wird. Den Bergmann interessiert nur, wie das Gold aus der Erde hervorkommt: Darin erkennt er die schaffende Gottheit. Es ist eine schöne, moralische Schilderung des selbstlosen Interesses an dem, was sonst die Selbstsucht der Menschen entflammt. Der Bergmann, der immer im Finstern wirkt, hat erst die rechte Vorstellung von der Großartigkeit des Lichts.

[ 21 ] The most important thing for Heinrich is his encounter with a miner who has spent almost his entire life underground. The text describes what it feels like to work in the shafts deep beneath the earth. The stars in the sky shine down on him like the future. In the depths of the earth, he finds, as it were, his past. Metals are wondrously related to human beings. What has developed down there over the course of millennia—the mystery of the divine world order—is brought forth by the miner and imposes itself upon him. The selflessness of the work is brought home to us when the story describes how the gold is brought to light. The miner is interested only in how the gold emerges from the earth: in this he recognizes the creative deity. It is a beautiful, moral depiction of selfless interest in that which otherwise inflames human selfishness. The miner, who always works in darkness, has the truest conception of the grandeur of light.

[ 22 ] Heinrich macht dann die Bekanntschaft mit dem alten Einsiedler in der Höhle. Dieser hat eine reiche Lebenserfahrung hinter sich und trägt sie in ein Buch ein. Er spricht davon, dass nur der ein wirklicher Geschichtsschreiber ist, der in allem Vergänglichen ein Gleichnis des Unvergänglichen sieht. Diese Begegnung vertieft wieder die Erfahrungen Heinrichs.

[ 22 ] Heinrich then meets the old hermit in the cave. The hermit has a wealth of life experience and is recording it in a book. He says that only the one who sees in all that is transitory a parable of the eternal is a true historian. This encounter further deepens Heinrich’s experiences.

[ 23 ] Dann lernt Heinrich in Augsburg den Meister Klingsor kennen, der ein Seher ist. In einem Märchen vernehmen wir von ihm, was die Zukunft der ganzen Menschheit sein wird: Eine höhere Welt wird herausgeboren werden aus dieser Welt. Ein dichterischer Zauber liegt in der Erzählung der Liebe des Jünglings zu Mathilde, die sich später wieder als Cyane entpuppt - ein Hinweis darauf, dass das Vergängliche ein Sinnbild des Unvergänglichen ist. Er weiß, dass aus dem, was jetzt harte, steinerne Gegenwartswirklichkeit ist, in Zukunft eine andere Welt herauswachsen wird.

[ 23 ] Then, in Augsburg, Heinrich meets Master Klingsor, who is a seer. In a fairy tale, he tells us what the future of all humanity will be: A higher world will be born out of this world. There is a poetic magic in the tale of the young man’s love for Mathilde, who later turns out to be Cyane—a hint that the transitory is a symbol of the eternal. He knows that from what is now the harsh, stony reality of the present, a different world will emerge in the future.

[ 24 ] Dann wird das Aufgehen in der astralischen Welt geschildert: Das Land Astralis versinnbildlicht uns die Evolution, die Entwicklung. Die Dichtung wird zu einer magischen Kraft, die die Menschen umgestaltet. Novalis glaubt an die zauberische Kraft der Phantasie, da, wo sie nicht zügellos dahinflutet, sondern sich unter die Führung der Sophia stellt und die ganze Welt mit der Kraft des schöpferischen Eros durchdringt.

[ 24 ] Then the immersion in the astral world is described: The land of Astralis symbolizes evolution and development for us. Poetry becomes a magical force that transforms people. Novalis believes in the magical power of the imagination—not when it flows unchecked, but when it places itself under the guidance of Sophia and permeates the entire world with the power of creative Eros.

[ 25 ] Einen wiederverkörperten Pythagoreer dürfen wir in Novalis sehen.

[ 25 ] We may see Novalis as a reincarnated Pythagorean.