Self-Knowledge and God-Knowledge II
GA 90b
20 January 1905, Düsseldorf
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Self-Knowledge and God-Knowledge II, tr. SOL
32. Über die Lebensführung eines geistig Strebenden
32. On the Way of Life of a Spiritual Seeker
[ 1 ] Es kommt bei der richtigen spirituellen Lebensführung darauf an, zwei Gesichtspunkte ins Auge zu fassen: die eigene Vervollkommnung und unser Wirken im Dienste der Menschheit. Es könnte scheinen, als ob die eigene Vervollkommnung den Egoismus befördert. Das tut sie auch in einem gewissen Grade. Aber der Theosoph muss fort und fort versuchen, seinen Mitmenschen zu helfen. Nicht umsonst heißt es: «Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten.» - Selbstvervollkommnung soll nicht im egoistischen Sinne vorgenommen werden. Unser Wahlspruch muss sein: «Nimm nichts, ohne den Willen zu haben, dafür zu geben.» Du wirst umso mehr von der Welt erhalten, je mehr du bereit bist, der Welt zu geben. - Menschen, die in der Entwicklung weiterkommen wollen, können es erleben, dass man am besten vorwärtskommt, wenn man im Sinne dieser Sätze lebt. Gewöhnlich glaubt man, man komme nur durch Studium vorwärts. Aber man kommt vorwärts durch die geringste Handlung des Mitgefühls. Können sich die Menschen überwinden, eine Wohltat zu erweisen, dann kommt ihnen das zu, was sie vorher durch Studium vergebens gesucht haben. Man muss das Leben zu einer Lektion machen.
[ 1 ] In leading a proper spiritual life, it is important to keep two aspects in mind: one’s own self-improvement and our work in the service of humanity. It might seem as though self-improvement promotes selfishness. To a certain extent, it does. But the Theosophist must constantly strive to help his fellow human beings. It is not for nothing that it is said: “When the rose adorns itself, it also adorns the garden.”—Self-perfection should not be pursued in an egoistic sense. Our motto must be: “Take nothing without the will to give in return.” The more you are willing to give to the world, the more you will receive from it. — People who wish to advance in their development will find that the best way to move forward is to live in accordance with these principles. It is commonly believed that progress comes only through study. But one makes progress through even the smallest act of compassion. If people can bring themselves to do a good deed, they will receive what they had previously sought in vain through study. One must make life a lesson.
[ 2 ] Die Menschen bilden sich ihre Grundsätze aus Urteilen heraus. Man muss sich aber die Ansichten abgewöhnen, die sich aus Neigung oder Abneigung gebildet haben. Man muss sein Urteil bilden auf dem Grunde der Erfahrung. Ein etwas vorgeschrittener Okkultist gewöhnt sich systematisch seine Sympathien und Antipathien ab. Bei jedem neuen Menschen lässt er das zu sich sprechen, was er an dem Menschen sieht. Möglichst wenig Meinung wird der Theosoph aussprechen, aber Tatsachen wird er sprechen lassen, die er auf dem physischen Plan oder anderen Plänen erlebt hat. Immer mehr wird er sich abgewöhnen, Meinungen zu haben, und sich angewöhnen, Erfahrungen zu machen. Wenn wir in dieser Weise in der Erkenntnis vorwärtsschreiten, dann wandelt sich unser ganzes Wesen um. Der Geistessucher versucht, sein Denken so auszubilden, dass daraus das Leben zu ihm spricht. Er sagt sich nicht: «Dies ist ein Verbrecher, das ist ein Heiliger» oder: «Dies ist eine gute, das ist eine schlechte Handlung.» Er denkt vielmehr bei dem Verbrecher daran, wie der Verbrecher zu seiner Handlung gekommen sein mag, ob er selbst vielleicht daran mit schuld ist. Der Verbrecher könnte in einem früheren Leben in Beziehung zu ihm gestanden haben, er könnte zum Beispiel sein Schüler gewesen sein, den er nicht richtig erzogen hat.
[ 2 ] People form their principles based on judgments. However, one must break the habit of holding views that have arisen from liking or disliking. One must form one’s judgment on the basis of experience. A somewhat advanced occultist systematically breaks the habit of his sympathies and antipathies. With every new person, he allows what he sees in that person to speak to him. The theosophist will express as little opinion as possible, but will let the facts speak—facts he has experienced on the physical plane or other planes. He will increasingly wean himself from holding opinions and accustom himself to gaining experiences. When we advance in knowledge in this way, our entire being is transformed. The seeker of the spirit tries to train his thinking so that life speaks to him through it. He does not say to himself, “This is a criminal, that is a saint,” or, “This is a good deed, that is a bad one.” Rather, when faced with a criminal, he considers how the criminal might have come to commit the act and whether he himself might bear some of the blame. The criminal might have been connected to him in a previous life; for example, he might have been a student whom he failed to educate properly.
[ 3 ] Der Unentwickelte benutzt sein Denkvermögen zum Kritisieren, der Entwickelte sucht Gesichtspunkte, von denen aus er die Dinge betrachtet. Er sucht die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung.
[ 3 ] The undeveloped person uses his powers of thought to criticize, while the developed person seeks perspectives from which to view things. He seeks the connections between cause and effect.
[ 4 ] «Beachtet wohl das Symbol der Schlange!», wird den okkulten Schülern eingeschärft. Man muss die ganze Welt von dem Gesichtspunkt von Karma und Reinkarnation betrachten. Das ist die Schlange, die sich ringelt und sich selbst in den Schwanz beißt. Wenn man die Welt unter dem Gesichtspunkt von Karma und Reinkarnation betrachtet, so wird dies Symbol für uns zur Tatsache. Wenn der Mensch sich so einen Mittelpunkt schafft, wird er gerecht gegen die ganze Welt. Er lässt jegliches Ding in seinem Rechte bestehen. Wir schreiten in unserer Lebensführung vorwärts, wenn wir den Menschen selbst nicht beurteilen, sondern ihn stehen lassen und verstehen. Wir nehmen dadurch einen Schleier von uns fort. Das Urteil bildet vor unseren Augen einen Schleier. Es ist das Verwunden, von dem in «Licht auf den Weg» gesprochen wird:
[ 4 ] “Pay close attention to the symbol of the serpent!” is drummed into the minds of occult students. One must view the entire world from the perspective of karma and reincarnation. This is the serpent that coils around itself and bites its own tail. When we view the world through the lens of karma and reincarnation, this symbol becomes a reality for us. When a person establishes such a center within themselves, they become just toward the whole world. They allow every thing to exist in its rightful place. We make progress in our way of life when we do not judge people ourselves, but rather let them be and understand them. In doing so, we remove a veil from ourselves. Judgment forms a veil before our eyes. It is the wound spoken of in *Light on the Path*:
Ehe vor den Meistern kann die Stimme sprechen, muss das Verwunden sie verlernen.
Before the masters, the voice can speak; the wounded must unlearn it.
[ 5 ] Damit schaffen wir uns nicht nur die Möglichkeit, ganz objektiv uns zu verhalten, sondern wir schaffen uns einen festen Kern. Ein Mensch, der mir unsympathisch ist, an den verliere ich mich selbst. Wenn ich mein Gefühl der Antipathie unterdrücke, so lasse ich ihn auf seinem Standpunkt stehen und bleibe selbst auf meinem Standpunkt. Dadurch gewinnt man eine absolut feste Stütze. Wenn man sich seinen Neigungen und Antipathien hingibt, wird man gerade dadurch lieblos; nicht aber durch das objektive Verhältnis —- dann kann die Selbstbeobachtung in fruchtbarer Weise einsetzen. Dann können wir ungemein viel von der Welt lernen, wenn wir die Dinge an ihrem Orte stehen lassen.
[ 5 ] In this way, we not only create the possibility of behaving completely objectively, but we also establish a firm foundation for ourselves. A person I find unpleasant causes me to lose sight of myself. If I suppress my feeling of antipathy, I allow him to maintain his point of view while I maintain my own. This provides an absolutely firm foundation. If one gives in to one’s likes and dislikes, one becomes unloving precisely because of that; but not through an objective attitude—then self-observation can begin to bear fruit. Then we can learn an immense amount from the world if we let things remain in their proper place.
[ 6 ] Auch der Weiseste kann von einem Kinde viel lernen, wenn die Dinge an ihrem Orte stehen gelassen werden. Gewöhnlich sagt derjenige, der vollkommener werden will, bei manchen Dingen: Das kann ich nicht tun, denn man muss das Vollkommene tun. - Es ist nicht immer richtig, seine Vervollkommnung als ersten Grundsatz zu befolgen, zum Beispiel nicht, wenn man die anderen Menschen dadurch stark verletzt. Zum Vollkommenheitsstreben gehört auch Resignation, zum Beispiel jedes Töten hält die okkulte Entwicklung zurück. Aber mit Rücksicht auf unsere jetzige Kultur muss man oft auf einen Grad der Vollkommenheit verzichten. Dadurch, dass man sich absondert, kann man vollkommener werden, aber vielleicht fügt man anderen dadurch Leid zu. Es ist eine recht gefährliche Art, bloß in abstraktem Sinne auf die eigene Vervollkommnung zu sehen. Wir sollen in dem Kulturmilieu arbeiten, in dem wir sind und nicht herausfallen aus unserer Kultur. Wir gewinnen nur dadurch innere Freiheit, dass wir mit Gelassenheit die Welt durchschreiten, objektiv werden. Geistiges Vorwärtsschreiten, gepaart mit Resignation sollen wir in der richtigen Weise erstreben. Man gewinnt viel an seelischer Festigkeit, wenn man nur zum Beispiel nach einem Ding, das man gerne wissen möchte, nicht fragt. Man muss sich dann fest vornehmen, das nicht zu erfragen. Ebenso kann man den Mitteilungstrieb unterdrücken oder sich eine Gewohnheit abgewöhnen. Man beachte die kleinsten Kleinigkeiten des Lebens, dann liegt in der Betrachtung der Kleinigkeiten das richtige Entwicklungsmittel. Wir müssen niemals nur um unseretwillen die Welt behelligen, sondern nur um der anderen willen. Je mehr man auf die anderen hinhorcht, desto freier wird man. Damit hängt zusammen die Fähigkeit zum Erringen eines allerersten Urteils. Man muss nicht ohne Weiteres die vorhergehenden Erlebnisse für nachher folgende maßgebend sein lassen. Das ist der «Glaube in den theosophischen Schriften, der macht die Bahn frei für ein objektives Wirken in der Außenwelt. Man muss sich sozusagen zwischen den Zeilen des Lebens vervollkommnen. Dasjenige fördert am meisten die Entwicklung des Menschen, von dem der andere am allerwenigsten bemerkt.
[ 6 ] Even the wisest person can learn a great deal from a child, if things are left as they are. Usually, those who wish to become more perfect say about certain things: “I cannot do that, because one must do what is perfect.” - It is not always right to make one’s own perfection the primary principle—for example, not when doing so causes great harm to others. The pursuit of perfection also involves resignation; for instance, any act of killing hinders occult development. But given our current culture, one must often forgo a certain degree of perfection. By isolating oneself, one can become more perfect, but in doing so, one may cause suffering to others. It is quite dangerous to view one’s own perfection solely in an abstract sense. We should work within the cultural milieu in which we find ourselves and not detach ourselves from our culture. We gain inner freedom only by moving through the world with serenity and becoming objective. We should strive in the right way for spiritual progress, coupled with resignation. One gains a great deal of mental fortitude simply by, for example, refraining from asking about something one would like to know. One must then firmly resolve not to inquire about it. Likewise, one can suppress the urge to share or break a habit. Pay attention to the tiniest details of life; in observing these small things lies the true means of development. We must never trouble the world for our own sake alone, but only for the sake of others. The more one listens to others, the freer one becomes. Linked to this is the ability to form a very first judgment. One need not automatically allow past experiences to dictate future ones. This is the “faith” in theosophical writings that clears the way for objective action in the external world. One must, so to speak, perfect oneself between the lines of life. That which others notice the least is what most promotes human development.
