Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Theosophy and Occultism
GA 90c

13 October 1903, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Theosophy and Occultism, tr. SOL
  1. Theosophie und Okkultismus, 1st ed.

9. Über den Ursprung des Bösen

9. On the Origin of Evil

[ 1 ] Da Gott vollkommen ist, so ist es geradezu unmöglich, dass etwas Unvollkommenes auftritt. Die Frage nach dem Ursprung des Bösen ist so alt wie die Menschheit, sie ist nur auf theosophischer Grundlage zu beantworten. Die christliche Theologie hat einen ganz bestimmten Glauben, eine ganz bestimmte Anschauung über den Ursprung des Bösen. Sie sagt, die Welt sei erschaffen zur Verherrlichung Gottes. Das Böse muss daher zu einer Art Verherrlichung zugelassen sein. Diese Formel löst aber das Problem nur in einer ungenügenden Weise - auch exoterisch.

[ 1 ] Since God is perfect, it is virtually impossible for anything imperfect to exist. The question of the origin of evil is as old as humanity itself; it can only be answered from a theosophical perspective. Christian theology holds a very specific belief, a very specific view regarding the origin of evil. It states that the world was created for the glorification of God. Evil must therefore be permitted as a kind of glorification. However, this formulation only solves the problem in an inadequate way—even from an exoteric perspective.

[ 2 ] Paulus sagt, ehe das Gesetz war, gab es keine Sünde; und als das Gesetz kam, da kam die Sünde zur Welt. Vor allen Dingen ist da zu berücksichtigen, was ich das letzte Mal schon gesagt habe. Wir haben es nämlich mit einer gradlinigen Entwicklung zu tun. Als Beispiel diente die Uhr. Bevor man eine Uhr herstellen konnte, musste man die Räder fabrizieren können, man musste auch in der Mathematik und in der Physik so weit vorgeschritten sein, um die Gesetze zu kennen, um mit deren Hilfe die Zusammensetzung bewirken zu können. Die Mathematiker haben zunächst nichts mit den Physikern zu tun gehabt. In einem Zeitpunkt aber kommen die beiden zusammen, sodass in einem Gehirn die beiden Erkenntnisse zusammenwirken können. Dann konnte auch die Idee der Uhr sich entwickeln. Es ist also hier ein Zusammenfluss von Strömungen. So ist der Mensch auch ein Zusammenfluss von geistiger und materieller Strömung.

[ 2 ] Paul says that before the Law existed, there was no sin; and when the Law came, sin entered the world. Above all, we must keep in mind what I already said last time. We are dealing, in fact, with a linear development. The clock served as an example. Before a clock could be made, one had to be able to manufacture the gears; one also had to have advanced sufficiently in mathematics and physics to understand the laws, so as to be able to assemble the clock with their help. At first, mathematicians had nothing to do with physicists. At a certain point, however, the two came together so that both bodies of knowledge could interact within a single mind. Only then could the idea of the clock develop. So here we have a convergence of currents. In the same way, the human being is also a convergence of spiritual and material currents.

[ 3 ] Eigentlich sind es drei Strömungen, die bei dem Menschen zusammenfließen. Es kamen die Mondpitris vom Monde herüber. Diese hatten nur Prana und Kama. Was heute aber im Menschen ist, stammt erstens vom Mond: Prana und Kama, zweitens aus den Elementarreichen: physischer Körper; drittens von dem, was eingeströmt ist von den höheren Wesen: Geist = Manas, Budhi, Atma.

[ 3 ] In fact, there are three currents that converge within the human being. The Moon Pitris came over from the Moon. They possessed only prana and kama. But what is present in human beings today originates, first, from the Moon: prana and kama; second, from the elemental realms: the physical body; and third, from what has flowed in from the higher beings: spirit = manas, budhi, atma.

[ 4 ] Wenn die Frage nach der Unvollkommenheit kommt, gebrauche ich häufig ein Beispiel, das uns die Naturwissenschaft an die Hand gibt: Es gibt einen Menschen, der von einer Art seelischer Krankheit befallen wurde. Er verlor seinen Willen und wurde vom Arzt nach dem Süden geschickt, um sein Nervensystem zu stärken. Er sollte da ein Dokument ausstellen und seinen Namen daruntersetzen. Es war ihm aber unmöglich, seinen Namen zu schreiben. Er kam dann nach Rom. Es war gerade ein Fest in Rom, und während dieses Tages war er ganz gesund. Nach diesem Tage aber war es wieder zu Ende mit der Gesundheit. Auf der Heimreise musste er auch mit einer Droschke fahren. Neben seiner Droschke wurde einer überfahren. Er bemerkte es, sprang heraus und half ihm. Nachher aber konnte er wieder nicht seinen Namen schreiben. Er konnte lesen, konnte auch sonst alles machen, aber er konnte nicht seinen Namen schreiben. Und wenn er einen Entschluss fassen sollte, etwas zu tun, was nicht ganz in Ordnung war, sodass nicht zusammenstimmte seine Intelligenz mit seinem physischen Körper, dann war gleichsam die Leitung zwischen beiden unterbrochen. Diesen Vorgang denken wir auf die ganze Welt ausgedehnt.

[ 4 ] When the question of imperfection comes up, I often use an example provided by the natural sciences: There is a man who was afflicted with a kind of mental illness. He lost his willpower and was sent by his doctor to the south to strengthen his nervous system. He was supposed to draw up a document there and sign his name at the bottom. But it was impossible for him to write his name. He then went to Rome. There happened to be a festival in Rome, and during that day he was completely healthy. After that day, however, his health was gone again. On the trip home, he also had to take a horse-drawn carriage. Someone was run over right next to his carriage. He noticed it, jumped out, and helped the person. Afterward, however, he was once again unable to write his name. He could read and do everything else, but he could not write his name. And whenever he was about to make a decision to do something that was not quite right—so that his intellect was not in harmony with his physical body—the connection between the two was, as it were, severed. We imagine this process extended to the entire world.

[ 5 ] Jakob Böhme hat von diesem Gesichtspunkte aus schon das Problem gelöst. Er sagt: Es hat ein Mensch niemals Hände für Füße oder Füße für Hände. Sie stimmen zusammen. Und doch ist es möglich, dass die rechte Hand die linke zerkratzt.

[ 5 ] Jakob Böhme has already solved the problem from this perspective. He says: A person never has hands for feet or feet for hands. They go together. And yet it is possible for the right hand to scratch the left.

[ 6 ] Geist, Kama, Manas, Prana stammen aus derselben Gottheit. Aber sie strömen zu verschiedenen Zeiten ineinander, und so kommt es, dass verschiedene Zustände entstehen. Es kann daher auch in der großen Welt die Möglichkeit eintreten, dass - obgleich das Einzelne vollkommen ist- in der Zusammenstimmung doch Disharmonie besteht.

[ 6 ] Spirit, Kama, Manas, and Prana originate from the same deity. But they flow into one another at different times, and thus various states come into being. It is therefore possible, even in the greater world, that—although the individual is perfect—disharmony may exist within the overall harmony.

[ 7 ] Man kann nun fragen: Warum ist die Gottheit nicht darauf bedacht zu verhindern, dass die rechte Hand die linke zerkratzt? Wir müssen das durch und durch erfassen und begreifen, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat, zum Schattenbild. Der Mensch ist das Bild der Gottheit, Gott hat die Welt gebildet aus freiem Entschluss. In Freiheit schaffen heißt nach inneren Motiven schaffen und nicht nach äußeren Gründen.

[ 7 ] One might now ask: Why does the Deity not take care to prevent the right hand from scratching the left? We must grasp this thoroughly and understand that God created humankind in His own image, as a reflection. Humankind is the image of the Deity; God formed the world of His own free will. To create in freedom means to create according to inner motives and not according to external reasons.

[ 8 ] Die Allegorie vom Sündenfall besagt, dass der Mensch die Erkenntnis erhält, und durch sie lernt er Gutes und Böses zu unterscheiden. Auf der einen Seite ist er Ebenbild der Gottheit, auf der anderen Seite ist er unvollkommen. Er muss den Grund zu seinen Handlungen in sich selber haben. Das ureine, ewige Wesen kann nur vollkommen sein. Dieses Urwesen hat sich ausgegossen auf viele Engelwesenheiten. Und dadurch tritt auch im Menschen die Fähigkeit eigener Entschlussfassung auf. Durch das Herabkommen der höheren Wesenheiten auf die Mondwesen können die zwei Strömungen aufeinander wirken. Der Mensch unterscheidet sich von anderen Wesen dadurch, dass er die drei höheren Elemente - Manas, Budhi, Atma - in sich hat. Warum müssen sie nun aber miteinander kollidieren, warum müssen sie in Disharmonie kommen?

[ 8 ] The allegory of the Fall of Man states that humans acquire knowledge, and through it they learn to distinguish between good and evil. On the one hand, humans are made in the image of the Divine; on the other hand, they are imperfect. They must find the reason for their actions within themselves. The primal, eternal Being can only be perfect. This primal Being has poured itself out into many angelic beings. And through this, the ability to make one’s own decisions also arises in humans. Through the descent of the higher beings onto the lunar beings, the two currents can interact with one another. Human beings differ from other beings in that they possess the three higher elements—Manas, Budhi, and Atma—within themselves. But why must these elements collide with one another? Why must they fall into disharmony?

[ 9 ] Das Tier ist nie bös. Vom Löwen kann man nicht sagen, dass er böse ist. Trotzdem richtet er große Verheerungen an, größere als der größte Verbrecher. Und warum kann der Mensch böse sein? Weil beim Menschen dieselbe tierische Natur wie beim Löwen in Zusammenklang stehen soll mit dem Höheren. Diesen Nichtzusammenklang der höheren mit der niederen Natur nennen wir das Böse. Wenn höhere Geistigkeit die niedere Natur missbraucht, entsteht das Böse. Jetzt verstehen wir Paulus, wenn er sagt: Ehe das Gesetz war, gab es keine Sünde.

[ 9 ] Animals are never evil. You cannot say that a lion is evil. Nevertheless, it causes great devastation—greater than even the worst criminal. And why can humans be evil? Because in humans, the same animal nature as in the lion is supposed to be in harmony with the higher nature. We call this lack of harmony between the higher and lower natures “evil.” When higher spirituality abuses the lower nature, evil arises. Now we understand Paul when he says: Before the law, there was no sin.

[ 10 ] Noch ein grobes Beispiel: Ist irgendeine geschlechtliche Ausschweifung beim Tier böse zu nennen? Nein, da geht alles regelmäßig seinen Gang. Die Korruption entsteht erst dann, wenn der Geist auftritt. Er ist imstande, die Physis in missbräuchlicher Weise zu gebrauchen. Dadurch entsteht das Böse. Psychischer Missbrauch.

[ 10 ] Here’s another rough example: Can any kind of sexual excess in animals be called evil? No, because everything there follows its natural course. Corruption arises only when the mind comes into play. It is capable of misusing the physical body. This is how evil arises: psychological abuse.

[ 11 ] Woraus stammt nun aber die Neigung in der geistigen Natur sich zu verirren? Das kommt daher, weil die verschiedenen Strömungen im Anfange der Ausströmung vollkommen waren. Am Ende werden sie wieder zusammenstimmen, aber in der Mitte brauchen sie nicht zu stimmen. Es ist da so wie in der Musik, wo eine Disharmonie am Ende auch wieder aufgelöst wird in einer höheren Harmonie.

[ 11 ] But where does this tendency in the spiritual nature to go astray come from? It stems from the fact that the various currents were perfect at the beginning of their outflow. In the end, they will harmonize again, but in the middle they do not need to harmonize. It is like in music, where a disharmony is ultimately resolved into a higher harmony.

[ 12 ] Wenn Sie Ihren Intellekt sehr hoch entwickelt, aber ihre moralische Seite vernachlässigt haben, so müssen sie in der nächsten Inkarnation eine große Disharmonie in sich überwinden.

[ 12 ] If you have highly developed your intellect but neglected your moral side, you will have to overcome a great inner disharmony in your next incarnation.

[ 13 ] Es gibt Wesen, die in unsere Entwicklung hereinspielen. Die können einen so hohen Grad der Entwicklung erreicht haben, dass sie über die Entwicklung der Menschheit hinaus sind. Man kann sich nicht von einer höheren Entwicklungsstufe so ohne Weiteres auf eine niedere Entwicklungsstufe werfen. Solch hohe Wesen sind aber in unsere Entwicklung hineingeworfen. Sie sind hoch intelligent, aber nie zufrieden mit der gegenwärtigen Menschheitsentwicklung. Ein solches Wesen wird den Drang haben, sich zu reinkarnieren. Sie wollen daher die Menschen verführen, sie wollen den Menschen bis zu einem Punkt der Entwicklung bringen, dem er noch nicht gewachsen ist. Fortwährende Einflüsterungen finden da statt. Demjenigen, der dies durchschauen kann, stellt sich die Entwicklung eines Menschen so dar: wie hineingestellt zwischen Gott und den Teufel. Diese Menschen sind die Brüder des Schattens.

[ 13 ] There are beings who play a role in our evolution. They may have reached such a high level of development that they are beyond the evolution of humanity. One cannot simply throw oneself from a higher stage of development down to a lower one. Yet such highly evolved beings have been cast into our evolution. They are highly intelligent but are never satisfied with the current state of human development. Such a being will feel the urge to reincarnate. Therefore, they seek to tempt people; they want to bring people to a point of development for which they are not yet ready. Constant whisperings take place there. To those who can see through this, human development appears as if placed between God and the devil. These people are the brothers of the shadow.