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The Rudolf Steiner Archive

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The Temple Legend and the Golden Legend
GA 93

2 January 1906, Berlin

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20. Die königliche Kunst in einer neuen Form

20. The Royal Art in a New Form

[ 1 ] Heute möchte ich über einen Gegenstand zu Ihnen sprechen, der sehr vielen Mißverständnissen ausgesetzt ist und über den außerordentlich viele Irrtümer in der Welt verbreitet sind. Die meisten von Ihnen wissen, daß ich bei Gelegenheit unserer diesjährigen Generalversammlung über dasselbe Thema bereits gesprochen habe, und daß ich damals, einem alten okkulten Usus zufolge, vor Männern und Frauen getrennt vortrug. Aus bestimmten Gründen, die vielleicht aus dem Vortrage selbst noch klarer werden können, habe ich heute von diesem alten okkulten Usus Abstand genommen, und zwar deshalb, weil gerade die Gründe, die mich heute und auch damals bewogen haben, über diesen Gegenstand zu Ihnen zu sprechen, damit zusammenhängen, daß über kurz oder lang - hoffentlich über kurz — mit diesem alten Usus überhaupt gebrochen werden wird.

[ 1 ] May I speak to you today about something which is subject to many misunderstandings and about which many extraordinary errors are spread abroad. Most of you know that I have already spoken1 In the two lectures 17 and 18 in this volume on 23rd October 1905, to men and women separately. on the same subject on the occasion of our General Meeting this year, and that, at that time, following an ancient occult practice, I spoke separately to men and to women. For specific reasons which could probably become still clearer from the lecture itself, I have departed today from this ancient custom, and, indeed, because the very thing that motivated me both then and now to discuss this matter is connected with the [prospect] that sooner or later—hopefully sooner—this ancient custom will be abandoned altogether.

[ 2 ] Ich sagte: viele Mißverständnisse sind über diesen Gegenstand verbreitet. Ich brauche aus meinem eigenen Leben nur auf eine Tatsache hinzuweisen, die Ihnen zeigen wird, daß es wirklich heute nicht gerade leicht ist, über geradezu abenteuerliche und abergläubische Vorstellungen hinauszukommen, die in bezug auf diese Sache existieren; und andererseits brauche ich nur darauf hinzuweisen, wie leicht es möglich ist, sich diesen außerordentlichen Dingen gegenüber ganz unglaublich zu blamieren.

[ 2 ] I said: many misunderstandings have circulated about the subject. I need only mention one fact out of my own life to show you that it really is not exactly easy today to get beyond what are bluntly the bizarre and superstitious notions in existence about it. On the other hand, I need only say how easily, how unbelievably, one can put one's foot in it, when dealing with these extraordinary facts.

[ 3 ] Die Tatsache aus meinem Leben möchte ich einfach erzählen. Sie werden sie vielleicht kaum für glaublich halten, und dennoch ist sie wahr. Es sind jetzt vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre her, da war ich in einer Gesellschaft von Universitätsprofessoren und einigen recht begabten Dichtern. Unter den Professoren befanden sich auch einige Theologen von der Theologischen Fakultät der Universität des betreffenden Ortes. Es waren Katholiken. In dieser Gesellschaft wurde nun allen Ernstes folgendes erzählt. Von einem dieser Theologen, der ein sehr gelehrter Herr war, ging das nicht unbegründete Gerücht, daß er abends nicht mehr ausgehe, weil er glaube, daß da die Freimaurer herumgehen. Der Betreffende vertrat ein ausgebreitetes Fach. Aber nicht er war der Erzähler, sondern ein anderer. Der erzählte nun, daß während seiner Anwesenheit in Rom eine Anzahl von Mönchen eines bestimmten Ordens — es waren elf, zwölf oder dreizehn — sich anheischig gemacht haben, folgendes Geschehen zu beeiden.

[ 3 ] May I simply recall an incident in my life. Perhaps you will scarcely credit it, and yet it is true. It is now some seventeen or eighteen years ago2 Rudolf Steiner here refers to his association with the circle around Marie Eugenie della Grazie in Vienna during the eighties of the last century. See in this connection The Story of My Life. that I was in company with university professors, and some particularly gifted poets. Among the professors, there were also some theologians, from the theological faculty of the university in question. They were Catholics. Now, in this company, the following was said, not without foundation, and in all seriousness, that one of these theologians, a very erudite man, would not go out at night any more, because he believed that the Freemasons would be on the loose. The man in question represented a major department; but he did not tell the story, a colleague did. He went on to relate that while he was in Rome, a number of monks of a particular order—there would have been eleven, twelve or thirteen of them—had vouched on oath for the [truth of the] following event.

[ 4 ] In Paris hätte einmal ein sehr bedeutender Bischof eine Predigt gehalten, in welcher er über die furchtbare Gefahr des Freimaurerordens in der Welt sprach. Daraufhin trat nach der Predigt ein Mann zu ihm in die Sakristei und sagte, er wäre Freimaurer und er möchte ihm Gelegenheit geben, sich eine Versammlung des Bundes einmal anzusehen. Der Bischof willigte ein und sagte sich: Ich will mir aber einige geweihte Reliquien mitnehmen, damit ich geschützt bin. - Nun wurde ein Ort verabredet. Der Betreffende führte den Bischof in die Loge, wo ihm ein verborgener Platz angewiesen wurde, von dem aus er jedoch alles beobachten konnte, was sich da abspielte. Er setzte sich in Positur, hielt vor sich hin seine geweihten Reliquien und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Was er nun sah, wurde in der folgenden Weise erzählt; ich betone, daß unter denen, die damals in der Gesellschaft waren, einige dabei waren, die die Sache als diskutabel ansahen.

[ 4 ] In Paris an eminent bishop had preached a sermon in which he had spoken of the terrible danger to the world of the Order of Freemasons. After the sermon a man came to him in the sacristy and said that he was a Freemason and could give the bishop a chance to witness a meeting of the Lodge. The bishop assented, saying to himself: I will, however, take some holy relics with me, so that I am protected.—Then a meeting place was arranged. The man in question led the bishop into the Lodge, where a hiding place was pointed out to him, from which he could observe all that took place. He placed himself in position, held the Holy Relics in front of him and waited for whatever would befall. What he then saw, was related in the following way. I emphasise that some of those in the company thought it all rather doubtful at the time.

[ 5 ] Die Loge wäre eröffnet worden - sie hätte in Wirklichkeit den Namen «Satansloge» getragen, während sie nach außen hin einen ganz anderen Namen hatte -, und es wäre eine merkwürdige Gestalt erschienen. Nach altem Usus — woher er den Usus wußte, hat er nicht erzählt — sei sie nicht gegangen; Geister gehen ja bekanntlich nicht, sondern sollen nach manchen Auffassungen gleiten. Diese merkwürdige Gestalt hätte die Sitzung eröffnet. Was dann vorgegangen wäre, wollte der Bischof absolut nicht erzählen, es wäre zu furchtbar gewesen. Er hätte aber die ganze Kraft der Reliquien angerufen, und da sei es wie Donnergepolter durch alle Reihen gegangen, der Ruf erscholl: Wir sind verraten! - und der, der die Sitzung gehalten hatte, verschwand. Kurz, es war ein glänzender Sieg der bischöflichen Kräfte über das, was da vermutlich getan werden sollte.

[ 5 ] The Lodge was then opened. (It bore in reality the name ‘Satan's Lodge’—though it had quite a different name in the outside world.) Then a remarkable figure appeared. By ancient custom—how he knew this custom, he did not relate—the figure did not walk. (It is indeed well known that spirits do not walk, but glide, so many believe.) This remarkable figure opened the session. The bishop would on no account divulge what happened next—it became too terrible—but he called upon the whole power of the relics and there was a rumbling like thunder through all the rows [of seats], the call resounding: We are betrayed!—and the one who had opened the session disappeared. Briefly, a brilliant victory of episcopal powers over what was to be done, one supposes.

[ 6 ] Das wurde also [in der Gesellschaft] als eine ganz ernsthafte Sache diskutiert. Daraus mögen Sie ersehen, daß es in unserer Zeit Menschen gibt, die vielleicht gelehrtere Herren waren als manche andere, die große Namen haben, und die dennoch auf dem Standpunkt stehen, daß derartige Vorgänge sich in der Freimaurerei ereignen können.

[ 6 ] This was discussed as a completely serious matter3 The occasion for this lay in the discussions prevailing at that time between the Church and Freemasonry concerning the sensational work by Leo Taxil on satanic practices of the Freemasons which had already appeared in 100,000 copies at the time of these discussions. Die Drei-Punkte-Brifder ∴—see following note. [in the company]. You can see from that, that there arc people today, perhaps gentlemen more erudite than many others, well-known people, who nevertheless take the view that this sort of thing can happen in Freemasonry.

[ 7 ] Die Sache ist nun so, daß in der Mitte der achtziger Jahre ein französisches Buch erschienen ist, das in ganz grausiger Weise die Geheimnisse der Freimaurerei darstellt, allerdings mehr grausig als geheimnisvoll. Namentlich wurde in demselben darauf hingewiesen, wie die Freimaurer Teufelsmessen halten. Dieses Buch wurde in Szene gesetzt von einem französischen Journalisten namens Leo Taxil. Er hat besonders viel Staub aufgewirbelt dadurch, daß er dann noch eine Miss Vaughan als Zeugin ins Feld führte. Die Folge davon war, daß die Kirche die Freimaurer mit ihren nächtlichen Umtrieben für so gefährlich hielt, daß sie es für nötig fand, einen Weltbund gegen die Freimaurer ins Leben zu rufen. In Trient wurde eine Art Konzil abgehalten. Es war kein wirkliches Konzil, es wurde aber das zweite Trienter Konzil genannt. Es war von zahlreichen Bischöfen und Hunderten von Priestern beschickt; ein Kardinal präsidierte. [Der Kongreß wurde ein großer Erfolg für Taxil.] Dann wurden aber doch Gegenschriften verfaßt und daraufhin erklärte Herr Taxil, daß der ganze Inhalt seiner Bücher sowie die darin angeführten Personen eine Erfindung von ihm seien.

[ 7 ] Now what happened was4 Rudolf Steiner refers here to the now famous Taxil-Vaughan swindle. Leo Taxil (pseudonym for Gabriel Jogand Pages), 1854–1907, brought up by Jesuits and known since the seventies as an anti-clerical writer and founder of several free-thinking societies, became a member of the Paris Lodge: ‘Le Temple de I'Honneur Francais’ in 1881, but was excluded from it soon afterwards because he was supposed to have forged letters of ∴ Brother Hugo and Louis Blanc. In 1885 he staged his repentant return to the Church. In obedience to the encyclical of Leo XIII of 20th April 1884, Humanum Genus in which the unmasking of Freemasons as confederates of the Devil was required, he commenced his main work, Les Freres Trois-Points (Paris, 1885, German: H. Gruber S.J., Die Drei-Punkte Bruder Paderborn 1886–87), started his unmasking campaign with other writings concerned with his fabricated Freemasonry system of ‘Palladism’ and was even called to a private audience with Leo XIII in 1887. The unparalleled success of Leo Taxil and his two other accomplices: the German, Karl Hacks (pseudonym, Dr. Bataille; brother-in-law of. the publisher of the ultramontane Kolnischen Volkszeitung) and the Italian Domenico Margiotta, in Catholic Church circles reached its climax when Taxil invented the witness Miss Diana Vaughan (Miss Diana Vaughan. Memoires d'une Expalladiste. Publication mensuelle). With the co-operation of the highest Church dignitaries, Taxil founded an Anti-Freemasonry Union which summoned a first Anti-Freemasonry Congress in Trient, September 1896. Thirty-six bishops, fifty episcopal delegates and over seven hundred opponents of the Lodges, most of them priests, took part in the Congress. The Sovereign Bishop Cardinal Haller of Salzburg and the leader of the Catholic nobility in Germany, Prinz Karl zu Lowenstein, chaired the meeting. The Congress was a public declaration of the revelations of Taxil and Miss Vaughan, only a few sceptics demanded proof. The first to start questioning the Taxil affair was the Freemason Gottfried Joseph Findel who published his Katholischer Schwindel as early as 1896. In general, however, H. Gruber S.J., who had long been a believer in Taxil, is credited with being the first to raise doubts about him with his three volume work: Leo Taxits Palladismus-Roman. This work only appeared in 1897, however. A.E. Waite, with his Devil-Worship in France or the Question of Luzifer (London, 1896) is also said to have this distinction.

>By this time Taxil admitted in a great assembly in Paris, 19th April 1897, that everything was a deliberate swindle on his part and that the Devil Bixtru and his satanic Bride, Miss Vaughan, had never existed. According to the Allgemeines Handbuch der Freimaurerei, Taxil's confession came about earlier than was intended ‘because, according to his own admission, he could not carry the mystification any further after the appearance of Findel's work.’ Bibliographical references: Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit, Graf von Hoensbroech, Leipzig, 1900; Entente-Freimaurerei und Weltkrieg, Karl Heise, Basle, 1920; Entlarvte Freimaurerei, Friedrich Hasselbacher, Berlin, 1939.
that in the mid-eighties a French book appeared, which represented the secrets of the Freemasons in a most gruesome way, making them certainly more gruesome than secret. This book particularly revealed how the Freemasons celebrated Black Mass. This book was a ploy by a French journalist called Leo Taxil. He stirred up a lot of dust by bringing in a Miss Vaughan as a witness. The result of all this was that the Church found the Freemasons and their nocturnal intrigues so dangerous that they felt it necessary to found a world society against Freemasonry. A kind of council was held in Trent; although it was not a real council, it was dubbed ‘The Second Council of Trent. It was attended by many bishops and hundreds of priests; a cardinal presided. [The Congress became a major coup for Taxil.] But afterwards rebuttals were published, after which Mr Taxil revealed that the entire contents of his books, including the people mentioned in them, were his own invention.

[ 8 ] Sie sehen, es gibt genug Gelegenheiten, sich bei solchen Dingen eine große Blamage zuzuziehen. Dies war eine der schlimmsten Blamagen, die sich eine in der Welt weitverbreitete Körperschaft zugezogen hat. Daraus müssen Sie wenigstens den einen Schluß ziehen, daß man eigentlich recht wenig über die Freimaurerei weiß. Denn wüßte man sonderlich viel, könnte man sich leicht darüber untertichten, so wäre es selbstverständlich, daß solches Zeug nicht geredet und getan werden könnte.

[ 8 ] You see, there are plenty of opportunities for incurring censure over such things. This was one of the worst cases of a body with a world-wide reputation doing so. From it you have to draw at least one conclusion; that hardly anything is really known about the Freemasons. For if something was known about them it would be easy to become informed, and then such rubbish could not gain currency.

[ 9 ] In weiteren Kreisen des Publikums herrscht ja heute diese oder jene Meinung über die Freimaurerei. Es ist heutzutage ja auch gar nicht so schwer, sich eine Meinung zu bilden, da doch eine ziemlich reiche Literatur besteht, die zum Teil von solchen geschrieben ist, die viele Dokumente erforscht haben, zum Teil aber auch Dinge enthält, von denen der Freimaurer sagen würde, daß sie von Verrätern in die Außenwelt gekommen seien. Wer sich mit dieser Literatur einigermaßen beschäftigt, wird sich von dem, um was es sich da handelt, einen gewissen Begriff machen. Indessen, einen richtigen Begriff davon zu bekommen ist ganz ausgeschlossen, und zwar deshalb, weil heute in noch erhöhterem Maße richtig ist, was Lessing, der selbst im Freimaurerbund war, gesagt hat. Als er nämlich aufgenommen worden war, fragte ihn der Meister vom Stuhl: Nun sehen Sie doch selbst, daß Sie in keine Dinge eingeweiht werden, die besonders staats- oder religionsfeindlich sind? — Und Lessing antwortete: Ja, ich muß gestehen, solche Dinge habe ich nicht erfahren. Ich wäre allerdings froh, wenn ich so etwas erfahren hätte, denn dann hätte ich doch wenigstens etwas erfahren.

[ 9 ] Indeed, this or that opinion about Freemasonry predominates in large sections of the public. Today, to be sure, it is not all that difficult to form an opinion, as there is already a tolerably abundant literature, written partly by those who have studied many documents, but in part also containing things which the Freemasons would say had been brought into the open by turncoats. Anyone who concerns himself to any extent with this literature will draw some sort of conclusion from what it deals with. However, one can rule out coming to a correct conclusion from it, since it is still pre-eminently true what Lessing, who was himself a Freemason, said.5 According to Menckeberg, (G.E. Lessing als Freimaurer, Hamburg, 1880) Lessing, on his enrolment in the Hamburg Lodge on 15th October 1771, was asked by the Worshipful Master, von Rosenberg: ‘Now, you see indeed, I have told the truth! You have not discovered anything anti-religious or politically dangerous, have you?’ Lessing is said to have replied: ‘Ha, I wish I had discovered something of the sort. It would have pleased me better.’ When he was accepted, the Worshipful Master asked him: ‘Now you see, don't you, that you have not been initiated into anything particularly subversive or anti-religious?’ To which Lessing replied: ‘Yes, I must admit that I haven't learnt any such thing. I would in fact have been glad to do so, for then, at least, I would have learned something.’

[ 10 ] Das ist der Ausspruch eines Menschen, der mit richtigem Verstande die Sache ansehen konnte und der gestand, daß er durch das, was da getrieben worden ist, gar nichts erfahren hat. Sie können daraus aber wenigstens den Schluß ziehen, daß diejenigen, die außerhalb der Maurerei stehen, nichts wissen, daß aber auch diejenigen, welche innerhalb stehen, nichts Erhebliches wissen; sie kommen gewöhnlich zu dem Resultat, daß sie nichts besonderes profitiert haben. Und dennoch wäre es durchaus falsch, eine solche Schlußfolgerung zu ziehen.

[ 10 ] That is the statement of a man who was able to consider the matter with the right understanding, and who admitted that he had learned precisely nothing from what took place there. You can at least draw the conclusion from that, that those who are not Freemasons know nothing [about it], since even those who are Freemasons know nothing of any importance. They generally get the impression that they have gained nothing in particular from it. And yet it would be quite wrong to make such an inference.

[ 11 ] Nun gibt es noch eine andere Meinung, die indessen nicht viel mit dem eigentlich Freimaurerischen zu tun hat. Es gibt eine Schrift, 1875 erschienen, worin der Verfasser behauptet, daß der erste Freimaurer Adam gewesen wäre. Man kann allerdings bei dem Suchen nach dem Stifter einer Genossenschaft kaum weiter zurückgehen als bis auf den ersten Menschen.

[ 11 ] Now there is still another opinion, which has little to do with real Freemasonry. In a text appearing in 1875,6 It cannot be determined what text Rudolf Steiner was referring to. However, according to Heckethorn, quoted previously, this notion already appeared in 1751 in the Konstitutionenbuch .ffir irlandische Logen. the author claims that Adam became the first Freemason. One can hardly go further back than the first man in searching for the founder of an association.

[ 12 ] Andere behaupten, daß die Freimaurerei eine alte ägyptische Kunst sei, kurz, dasjenige, was man immer die «Königliche Kunst» genannt hat, und auch diese wird von einigen bis in die urältesten Zeiten zurückgeführt. Endlich sind viele Riten —- so nennt man die Art und Weise, wie sich die Freimaurer symbolisch betätigen — mit ägyptischen Namen belegt, so daß Sie schon in diesen Namen den Hinweis darauf haben, daß es sich um etwas handelt, was aus der alten ägyptischen Kultur herrührt. Jedenfalls ist die Meinung in und außerhalb der Maurerei verbreitet, daß sie etwas Uraltes ist.

[ 12 ] Others claim that Freemasonry is an old Egyptian art; in short, that it is what has always been known as the ‘Royal Art,’ and this is indeed placed by some back in primeval times. Finally, many rites—for thus the symbolic ways and manners of the Freemasons are designated—bear Egyptian names, and so from these names you may infer that something deriving from ancient Egyptian culture is involved. At least the opinion is widely held, both in and out of Freemasonry, that it is something very ancient.

[ 13 ] Nun ist die Maurerei etwas, was den Menschen schon zum Nachdenken veranlassen kann. Selbst an den Namen knüpfen sich zwei voneinander ganz verschiedene Auffassungen. Die eine behauptet — und das ist keine sehr große Partei innerhalb der Freimaurer -, daß alle Maurerei aus der Werkmaurerei, aus der Kunst, Gebäude zu erstellen, hervorgegangen sei; während die andere Partei das für eine kindlichnaive Auffassung erklärt und behauptet, daß die Freimaurerei in Wahrheit immer eine seelische Kunst gewesen sei und die von der Werkmaurerei hergenommenen Symbole -— wie zum Beispiel Schurzfell, Hammer, Kelle, Meißel, Zirkel, Lineal, Winkelmaß, Senkblei, Wasserwaage und so weiter - als Sinnbilder für die innere Arbeit am Menschen selbst zu betrachten seien. So daß unter dem Ausdruck «Maurerei» nichts anderes als das Bauen an dem inneren Menschen, die Arbeit an der eigenen Vervollkommnung zu verstehen sei. Wenn Sie heute mit einem Freimaurer sprechen, so können Sie erleben, daß man Ihnen sagt, es sei eine kindlich-naive Anschauung, zu glauben, daß die Freimaurerei jemals etwas zu tun gehabt hätte mit Werkmaurerei. Es habe sich vielmehr niemals um etwas anderes gehandelt als um das Bauen an dem Wundertempel, der der Schauplatz der menschlichen Seele ist, um die Arbeit an dieser Menschenseele selbst, die vervollkommnet werden soll, und um die Kunst, die man dazu anwenden muß. Dies alles sei dann, um es nicht vor profanen Augen bloßzustellen, in diesen Symbolen ausgedrückt worden.

[ 13 ] Now Freemasonry is something which can indeed provide people with scope for reflection. The name itself connects with two perceptions differing totally from each other. Some claim—and they are no very great party within Freemasonry—that all Freemasonry originated in the work done by masons, in the craft of erecting buildings; while the other opinion considers this to be a childish and naive conception and claims that Freemasonry was in reality always an art to do with the soul; and that the symbols taken from the work of masons—such as, for example, apron, hammer, trowel, chisel, compass, rule, square, plumb-line, spirit-level, etc.—are to be seen as symbolic of soul development. Thus, by the expression ‘Masonry’ is to be understood nothing else than the building of the inner person, the work on the perfection of self. If you talk with a Freemason today, you can then experience him telling you that it is a childish and naive outlook that believes that Freemasonry has ever had anything to do with the work that masons do. On the contrary, it has never concerned itself with anything else than these things: the building of the Wonder Temple, which is the theatre of the human soul, the work on the human soul itself, which has to be perfected, and the art which one must apply to all this. Now all this is expressed in these symbols, so as not to expose it to profane eyes.

[ 14 ] Von unserem heutigen Gesichtspunkte aus aufgefaßt, sind beide Anschauungen ganz und gar falsch. Und zwar aus dem Grunde, weil bezüglich der ersten Anschauung, der heutige Mensch - wenn er davon spricht, daß die Freimaurerei aus der Werkmaurerei hervorgegangen sei - sich das nicht mehr so bedeutsam denkt als es eigentlich gedacht werden muß; und weil die zweite Anschauung, daß die Symbole nur dazu da sind, um als Sinnbilder der Arbeit an der Seele zu dienen — auch wenn sie von der Majorität des Freimaurerbundes wie etwas unumstößlich Sicheres hingestellt wird -, im richtigen Sinne aufgefaßt, ein Unsinn ist. Viel richtiger ist es, daß die Freimaurerei mit der Werkmaurerei zusammenhängt, indessen nicht in der Art und Weise, wie man die Maurerei und Baukunst heute auffaßt, sondern in wesentlich tieferem Sinne.

[ 14 ] Looked at from our contemporary standpoint, both of these views are wholly and utterly wrong, and are so for the following reasons. As regards the first opinion, present day man—in talking about the Freemasons having derived from the work of building—no longer conceives himself to be as significant as he properly should; as for the second opinion, that the symbols are only there to serve as metaphors for the work on the soul, this opinion—even though it is regarded by most Freemasons as something quite irrefutable—is, when properly conceived, a nonsense. It is much more correct to link Freemasonry with the work of building, not, indeed, as architecture or construction are thought of today, but in a fundamentally deeper sense.

[ 15 ] Es gibt innerhalb der Maurerei heute überall zwei Richtungen. Die eine ist vertreten durch die weitaus größere Anzahl derjenigen, die sich heute Maurer nennen. Und dieser weitaus größte Teil behauptet nun, daß alle Maurerei umfaßt werde durch das, was sie die sogenannte symbolische oder Johannesmaurerei nennen, die äußerlich zunächst dadurch charakterisiert wird, daß sie in die drei Grade zerfällt: den Lehrlings-, den Gesellen- und den Meistergrad; über das Innerliche werden wir gleich noch etwas zu sagen haben. Neben dieser Johannesmaurerei gibt es noch eine große Anzahl von Maurern, die behaupten, daß diese Johannesmaurerei nur ein Niedergangsprodukt der allgemeinen, großen maurerischen Idee sei. Ein Abfall von dieser großen maurerischen Idee sei es, wenn behauptet wird, es umfasse die Maurerei nur diese drei symbolischen oder Johannesgrade, während doch das Wesentliche, die große Bedeutung der Maurerei in den sogenannten Hochgraden liege, die am reinsten bewahrt seien in dem sogenannten schottischen oder angenommenen Ritus, in welchem in gewisser Beziehung konserviert werde das, was man den ägyptischen Ritus, den Misraim- oder Memphisritus nennt.

[ 15 ] Today there are broadly two trends in Freemasonry. The one is represented by far the larger number of those calling themselves masons today. And this majority trend claims now that all masonry is comprised in what it terms the so-called Symbolic or Craft Masonry. Its principal outward characteristic is that it is divided into three degrees, the apprentice, journeyman and master degrees; as for the inward characteristics, we will have something to say presently. Apart from these Craft Masons, there are still quite a number of masons who maintain that Craft Masonry is only a product of the decline of the great universal masonic idea. [They consider] it would be a falling away from this great masonic idea, if it is claimed that masonry comprises only these three Symbolic or Craft degrees; whereas in fact the essence, the fundamental meaning of Freemasonry lies in the so-called Higher Degrees, which are best preserved in the so-called Scottish or Accepted Rite, which, in a particular respect, still conserves [a relic of] what is called the Egyptian, the Misraim or the Memphis Rite.7 This is Seiler's shorthand version. In text (a) it is rendered: ‘so-called Scottish? or the same rite as that which corresponds, in a particular respect, to what is called the Egyptian, the Misraim, or the Memphis Rite.’ The Reebstein text (d) only has: ‘Scottish or Accepted Rite—Memphis Rite.’

[ 16 ] So haben wir zwei einander entgegenstehende Richtungen: die Johannesmaurerei und die Hochgradmaurerei. Die Johannesmaurer behaupten, daß die Hochgradmaurerei nichts weiter sei als ein Firlefanz, gegründet auf menschliche Eitelkeit, die sich darin gefällt, etwas Besonderes, geistig Aristokratisches für sich zu haben durch das Hinaufsteigen von Grad zu Grad, und damit groß zu tun, im Besitze des 18., 20. oder noch höheren Grades zu sein.

[ 16 ] Thus we have two tendencies confronting each other: the Craft Masonry, and the Higher Degree masonry. The Craft- Masons claim that the Higher Degrees are nothing but a frippery based in human vanity, that takes pleasure in having something special, something spiritually aristocratic, with its ascent from degree to degree, and its pride in the possession of the eighteenth or twentieth or still higher degree.

[ 17 ] Sie haben jetzt schon ein ziemliches Bündel von Dingen kennengelernt, die geeignet sind, Mißverständnisse herbeizuführen.

[ 17 ] Now you have already become acquainted with quite a bundle of things likely to lead to misunderstandings.

[ 18 ] Die Hochgradmaurerei führt sich zurück auf die alten Mysterien, auf die Einrichtungen, wie sie von unserer Theosophie, soweit es möglich ist, beschrieben worden sind und beschrieben werden: auf Einrichtungen, wie sie in uralten Zeiten bestanden haben und auch heute noch bestehen, und die den Menschen das höhere übersinnliche Wissen bewahrten. Dieses dem Menschen zugängliche übersinnliche Wissen wurde jenen, die Zugang gewinnen konnten zu diesen Mystetienstätten, vermittelt, indem in ihnen gewisse übersinnliche Kräfte entwickelt wurden, die die Anschauung der übersinnlichen Welt ermöglichten. Innerhalb dieser Urmysterien - sie sind heute anders geworden und wir wollen darüber jetzt nicht sprechen - waren auch die Urkeime enthalten für alle spätere Geisteskultur. Denn, was in diesen Urmysterien vorgeführt worden ist, war nicht dasjenige, was heute die menschliche Kultur ausmacht.

[ 18 ] The Higher Degree Freemasonry traces itself back to the old Mysteries, to the procedures which to the extent possible we have described and will describe, in our theosophy; procedures which have been in existence since primordial times and still exist today, and which have preserved the higher super-sensible knowledge for mankind. This super-sensible knowledge, accessible to men, would be transmitted [by] those who could attain entry to these Mystery centres; for certain super-sensible powers were developed in them, enabling them to see into the super-sensible world. These primordial Mysteries—they have become something else nowadays, and we do not want to speak of that now—contained the original seed for all later spiritual culture. For what was enacted in these primordial mysteries was not what constitutes human culture today.

[ 19 ] Wenn Sie die heutige Kultur erfassen wollen, und sich in sie vertiefen, so werden Sie finden, daß sie in drei Gebiete zerfällt: in das Gebiet der Weisheit, das Gebiet der Schönheit und das Gebiet der Stärke. In diesen drei Worten ist in der Tat der ganze Umfang der Geisteskultur enthalten. Man nennt sie daher auch die drei Säulen der menschlichen Kultur. Sie sind dasselbe wie die drei Könige in Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie: der goldene, der silberne und der eherne König. Damit hängt es zusammen, daß man die Freimaurerei die «Königliche Kunst» nennt. Heute sind diese Kulturgebiete voneinander getrennt. Die Weisheit ist im wesentlichen in dem enthalten, was wir Wissenschaft nennen; die Schönheit ist im wesentlichen in dem inkarniert, was wir die Kunst nennen; und was man, freimaurerisch gesprochen, die Stärke nennt, ist enthalten in dem gegliederten, organisierten sozialen Zusammenleben der Menschen in dem Staate. Das alles faßt der Maurer zusammen als das Verhältnis des Willens zu diesen drei Gliedern: Weisheit, Schönheit, Stärke.

[ 19 ] If you wish to understand present-day culture and immerse yourself in it, you will find that it divides into three realms—the realm of wisdom, the realm of beauty and the realm of strength. The whole extent of spiritual culture is in fact contained in these three words. Therefore they are known as the three pillars of human culture. They are the same as the three Kings in Goethe's fairy story of the Green Snake and the Beautiful Lily8 On this, see note 6 to the lecture given on 29th May 1905 (lecture 13).—the Gold King, the Silver King and the Brass King. This is connected with Freemasonry being called ‘the Royal Art.’ Today these three realms are separated from each other. Wisdom is essentially contained in what we call science; beauty is essentially embodied in what we call art; and what, in Freemasonry terms, is known as Strength is contained in the regulated and organised living together of humanity in the State. The Freemason subsumes all this in the relation of the will to these three principles, wisdom, beauty and strength.

[ 20 ] Was sie den Menschen geben sollten, floß in uralten Zeiten den Mysterienkandidaten aus der Anschauung der Mysteriengeheimnisse zu. Wir blicken da auf eine Zeit zurück, in der es Religion, Wissenschaft und Kunst noch nicht getrennt gegeben hat, sondern wo sie noch vereinigt waren. In der Tat, wer übersinnlich, astral anzuschauen vermag, hat die drei Glieder nicht getrennt vor sich: Weisheit, Schönheit und der Umkreis der Willensimpulse sind für ihn eine Einheit. Auf den höheren Gebieten des Schauens gibt es keine abstrakte Wissenschaft. Es gibt nur eine solche, die in Bildern, in dem lebt, was nur ein schattenhaftes Dasein in der Welt hat, und schattenhaft in der Imagination zum Ausdruck kommt. Nicht beschrieb man das, was in abstrakter Weise in Büchern, in dieser oder jener Schöpfungsurkunde zu lesen ist [über den Ursprung der Welt und des Menschen], sondern man führte es in lebendigen Bildern, farbenprächtig und tönend, an dem Auge des Schülers vorbei. Und was er da als Weisheit empfand, das war zu gleicher Zeit Kunst und Schönheit, war das, was in einem noch viel höheren Maße die Gefühle erregte, die wir haben, wenn wir vor erhabenen Kunstwerken stehen. Wahrheits- und Schönheitstrieb, Weisheits- und Kunsttrieb und auch das religiöse Moment haben sich gleichzeitig entwickelt. Das Künstlerauge schaute auf zu dem, was sich [in den Mysterien] abspielte, und der, welcher fromm sein wollte, fand in diesen höheren Vorgängen, die vor seinen Augen sich abspielten, den Gegenstand seiner religiösen Inbrunst. Religion, Kunst, Wissenschaft waren eins.

[ 20 ] What they [these three principles] were to give to humanity was in primeval times bestowed on the candidate for initiation by the revelation of the Mystery secrets. We arc now looking back to a time when religion, science and art had not yet become separated, but when they were still combined. In fact, to anyone who can see supersensibly, astrally, these three principles are not for him separate; wisdom, beauty and the domain of the will impulses are for him one unity—On the higher realms of vision there is no abstract science; only a science which exists in pictures, in that which has only a shadowy existence in the [external] world, and finds a shadowy expression in the imagination. What can [now] be read in books, in this or that record of the Creation [about the origin of the world and of humanity I, was not described; instead it was brought before the eyes of the pupil in living pictures, in magnificent harmonious colour. And what the pupil would perceive as wisdom was art and beauty at the same time, was something which stirred his feelings to greater heights than we experience in front of an exquisite work of art. The yearning for truth and beauty, wisdom and art, and the religious impulse as well, [all] developed themselves simultaneously. The artist's eye looked at what was enacted [in the Mysteries]9 In text (a) ‘in the Mysteries’ is replaced by ‘in the spiritual world.’ In the shorthand version of Seiler these words are missing. For his fair copy he apparently made use of text (a). and he who sought piety found the object of his religious ardour in these high events that were enacted before his eyes. Religion, art and science were one.

[ 21 ] Dann kam die Zeit, in der sich diese Einheit in drei Kulturgebiete trennte, die Zeit, in der der Verstand seine eigenen Wege ging. In der Zeit, wo die Mysterien, die ich eben geschildert habe, ihre Bedeutung verloren, entstand die Wissenschaft. Sie wissen, daß die abendländische Philosophie und Wissenschaft, die eigentliche Wissenschaft mit Tales beginnt. Das ist die Zeit, als sie sich aus der einstigen Fülle des Mysterienlebens heraus entwickelte. Da begann auch das, was man im abendländischen Sinne als Kunst auffaßt: aus den Mysterien heraus entwickelte sich dann die griechische dramatische Kunst. Während man es in Indien bis zum ägyptischen Kultus zu tun hatte mit der leidenden und sterbenden Gottheit, hat man es bei den großen griechischen Tragödiendichtern - bei Äschylos, Sophokles und so weiter — mit einzelnen Personen zu tun, welche Abbilder sind der großen Gottheit, durch welche der Mysterienschüler in seinen Dramen die leidende, kämpfende, darbende Gottheit rekonstruiert und so den Gott den schauenden Menschen vorführt in seinen menschlichen Abbildern.

[ 21 ] Then came the time when this unity split itself up into three cultural provinces; the time when the intellect went its own way. Science arose at the same time when the Mysteries which I have just described lost their importance. You know that Western philosophy and science, science proper, began with Thales. That is the time when it first developed out of the former fullness of the life of the Mysteries. Then also began what in the Western sense is conceived of as art; for Greek dramatic art developed itself out of the Mysteries. Whereas in India, up to the time of the Egyptian cult,10This sentence is incomplete in all versions. It is given in the published version as corrected by Marie Steiner from text (a). one was concerned with the suffering and death of gods, with the great Greek tragedian-poets, such as Aeschylus, Sophocles, etc., we are dealing with individual human beings, who are images of the great Godhead. Through these human beings, the pupils of the Mysteries reconstructed the suffering, struggling and needy Godhead, thus displaying God to the human audience through their human imagery.

[ 22 ] Wer verstehen will, was Aristoteles mit der Reinigung, der Katharsis meinte, der muß den Begriff aus dem Astralen, aus den Geheimnissen der Mysterien heraus erklären. Die Ausdrücke, die er [als Erklärung] für die Tragödie gebraucht, sind ein schattenhafter Abglanz dessen, was der Schüler in den Mysterien lernte. Erinnern Sie sich, wie Lessing nachforschte über die Seelenkräfte der Furcht und des Mitleids, die durch die Tragödie erregt werden sollen. Das hat seit Lessing den Gegenstand für manche große und gelehrte Diskussion abgegeben. In Wahrheit wurden diese Gefühle in [dem Mysterienschüler] erregt, wenn ihm der Gott in seinem Weltengange vorgeführt wurde. Da wurden die Leidenschaften, die in der Menschenseele vorhanden sind, geradezu aufgerüttelt, herausgeholt, wie man ein Fieber herausholt, und bis zu ihrem Höhepunkt gebracht. Dadurch trat die Reinigung ein, um dann zur Wiedergeburt schreiten zu können. Das alles trat in schattenhaften Abbildern in den alten griechischen Tragödien auf. Ebenso wie die Wissenschaft, so hat sich auch die Kunst aus diesen alten Mysterien heraus entwickelt.

[ 22 ] Whoever wants to understand what Aristotle meant by purification, catharsis,11Compare also: ‘Aristotle on the Mystery Drama’ (NSL 420. Anthroposophical Monthly, Volume 4, No. 9) Speech and Drama,
Anthroposophical Publishing Company, London, 1960.
must interpret the concept by means of the astral, by means of the secrets of the Mysteries. The expressions which he employs for tragedy [by way of explaining it] are a dim reflection of what the pupils learnt in the Mystery [schools]. Remember how Lessing investigated the soul forces of fear and compassion that are to be aroused through tragedy. That has furnished the material for many a great and learned discussion since the days of Lessing. [For the Mystery pupil] these emotions would be aroused in reality, when God was portrayed to him in his passage through the world. The passions present [deep] in the human soul were thereby straightforwardly stirred up and drawn out, just as one induces a fever and brings it to its culmination. This led to purification so as to be able to proceed to rebirth. All this appeared in shadow images in the ancient Greek tragedies. Just as with science, so has art, too, developed out of these ancient Mysteries.

[ 23 ] Auf diese alten Mysterien leiten die Hochgradmaurer ihren Ursprung zurück. In ihren Hochgraden haben sie nichts anderes als eine Nachbildung der Hochgrade der Mysterien, in welche die Mysterienschüler nach und nach eingeweiht worden sind. Nun können wir es auch begreifen, warum sich die Johannesmaurerei so sehr darauf versteift, daß es solche Hochgrade nicht mehr geben soll. Tatsächlich haben innerhalb der Freimaurerei in den letzten Jahrhunderten die Hochgrade mehr oder weniger ihre Bedeutung verloren. Was sich in den letzten Jahrhunderten in der Kultur abgespielt hat, ist zum groBen Teil ohne Impuls von dieser Seite gekommen. Aber es gab eine Zeit, in welcher gerade von dem, was die Freimaurerei sein soll, die großen Kulturimpulse ausgegangen sind. Um das zu verstehen, müssen wir ein klein wenig tiefer hineinschauen in ein Zeitalter, auf das ich hier schon öfter hingewiesen habe, heute aber in freimaurerischem Sinne hinweisen möchte: nämlich auf das 12. Jahrhundert unserer europäischen Kulturentwickelung.

[ 23 ] It is to these ancient Mysteries that the Higher Degree Freemasons trace back their origin. In their higher degrees they have nothing else than an imitation of the higher degrees of the Mysteries, into which the Mystery candidate was gradually initiated. Now we can also understand why the Craft Freemasons insist so much that there should be no more such higher degrees. Actually, the higher degrees have more or less lost their meaning in Freemasonry in recent centuries. What has taken place in culture during recent centuries has been largely uninfluenced from this quarter. But there was a time when the great cultural impulses issued precisely from what Freemasonry should be. in order to understand this, we must look a little deeper into an age to which I have often referred already here, but now wish to mention in a masonic context, that is, the twelfth century of our European cultural development.

[ 24 ] Damals spielte für die ganze moderne Kultur der Okkultismus, der unter den mannigfaltigsten Namen auftrat, eine viel größere Rolle, als man sich das heute überhaupt denken kann. Aber alle diese verschiedenen Namen tun heute nichts mehr zur Sache, und ich will Ihnen auch sagen, warum. An einem Beispiel aus der Freimaurerei selbst will ich Ihnen zeigen, warum diese Namen nichts Wesentliches zum Verständnis der Sache beitragen.

[ 24 ] At that time occultism, appearing under a variety of names, played a much greater role in the contemporary culture than anyone could ever imagine today. But all these different names are no longer relevant today, and I will indeed explain why. By an example from Freemasonry itself, I will show you why these names contribute nothing essential to understanding the matter.

[ 25 ] Das, was ich nun erzähle, kann jeder, der Lehrling in der Freimaurerei wird, schon erleben, und da diese Dinge wenigstens dem Namen nach bekannt sind, so kann ich das wohl auch sagen.

[ 25 ] What I am now about to relate, anyone can experience if they become an apprentice Freemason; and, since these things are known, at least by name, I am able to speak about them.

[ 26 ] Ein üblicher Brauch ist das sogenannte «Decken». Wenn die Loge eröffnet wird, der Meister seinen Platz eingenommen hat und der Türaufseher an der Türe steht, dann ist die erste Frage des Meisters: Bruder Aufseher, ist die Loge gedeckt? — Der Maurer, die diesen Ausdruck: «Ist die Loge gedeckt?» — verstehen, sind wahrscheinlich sehr wenige. Da aber die Sache einfach ist, so kann ich Ihnen die Erklärung dieses Ausdrucks schon geben. Damals, in der Zeit, von der ich spreche, hieß Freimaurer sein soviel wie in heftigster Opposition zu stehen gegen alles, was die äußere, offizielle Macht hat. Daher war es notwendig, daß das Wirken des Freimaurerordens mit außerordentlich großer Vorsicht gepflegt wurde. Gerade aus diesem Grunde war es damals notwendig, daß die Freimaurerei unter verschiedenen Namen auftrat, die harmlos erschienen. Man nannte sich unter anderem auch Johannesbrüder und so weiter. Heute ist ein großer Teil dessen verwirklicht, was dazumal die Freimaurerei angestrebt hat. Heute ist sie selbst offiziell eine Macht in der Welt.

[ 26 ] A customary practice is what is known as ‘tyling.’ When the Lodge is opened and the Worshipful Master has taken his seat and the Outer Guard is at his post, the first question of the Worshipful Master is: Has the Lodge been tyled? The number of Freemasons who understand what this expression means are probably very few. Since the matter is simple, I can indeed give you an explanation of the term. At the time of which I am speaking, to be a Freemason meant to stand in vehement opposition to everything that commanded outward, official power. Therefore it was necessary to conduct the affairs of the Freemasons, with exceptionally great caution. Precisely for this reason, it was at that time necessary for Freemasonry to appear under various names which sounded harmless. Among other names they called each other ‘Brethren of the Craft’ and so on. Today Freemasonry has accomplished a large part of what it then set out to do. Today it is itself officially a power in the world.

[ 27 ] Wenn Sie mich fragen, worin eigentlich die Freimaurerei besteht, so muß ich Ihnen mit abstrakten Worten sagen: sie besteht darin, daß ihre Mitglieder einige Jahrhunderte die Ereignisse vorherdenken, die die Welt voranbringen sollen; daß sie die hohen Ideale der Menschheit in ganz bewußter Weise ausarbeiten, so daß diese Ideale nicht bloß abstrakte Ideen sind.

[ 27 ] If you ask me what Freemasonry is really about, I must answer with abstract words; it consists in this, that its members aim to anticipate in thought by several centuries the events that are to occur in the world; and to perfect the high ideals of humanity in a fully conscious way, so that these ideals are not just abstract ideas.

[ 28 ] Wenn heute ein Maurer von Idealen redet und man ihn fragt, was er mit den höchsten Idealen meint, so sagt er: Die höchsten Ideale sind Weisheit, Schönheit und Stärke -; was aber bei genauerer Betrachtung meist nichts als Phrase ist. Wenn dazumal oder auch heute, von denen, die davon wirklich etwas verstehen, die Rede ist von diesen Idealen, so ist bei solchen Menschen von etwas ganz Bestimmtem die Rede; von etwas so Bestimmtem, das sich zum Verlaufe der Ereignisse in den nächsten Jahrhunderten so verhält, wie der Gedanke eines Baumeisters, der eine Fabrik baut, zu dieser Fabrik, wenn sie gebaut ist.

[ 28 ] Today, when a Freemason talks about ideals and one asks him what he means by the highest ideals, he will say that the highest ideals are wisdom, beauty and strength; which, however, on further consideration, is usually nothing but a form of words. If at that time—or now indeed—the discussion about these ideals is with someone who actually understands something about this, then the discussion will be about something quite specific—about something so specific that it relates to the course of events in the coming centuries, in the same way as the thoughts of an architect building a factory relate to the factory when finished.

[ 29 ] Damals [im 12. Jahrhundert] war es gefährlich, dasjenige [im voraus] zu wissen, was seither geschehen ist. Daher war es auch notwendig, harmlos klingende Namen als Decknamen zu benützen. Und davon kommt auch dieser Ausdruck: Ist diese Loge gedeckt? — was soviel heißt wie: Sind nur solche hier anwesend, die wirklich Bescheid wissen in diesen Dingen, die der Zukunft der Menschheitsentwickelung durch die Freimaurerei einverleibt werden sollen? - Denn jeder mußte sich sagen, treten wir in die Öffentlichkeit, dann darf uns niemand als Maurer erkennen. Diese früher notwendige Vorsichtsmaßregel hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Ob viele Maurer wissen, was damit gemeint ist, ist fraglich. Die meisten meinen, es sei irgendeine formelle Redensart, oder legen sie in mehr oder weniger geistreichem Sinne aus. So könnte ich Ihnen noch unzählige Beispiele anführen, welche Ihnen zeigen würden, wie äußere Verhältnisse dazu geführt haben, praktische Maßregeln anzuwenden, aus denen man sich heute bemüht, tiefsinnige symbolische Auslegungen herauszuholen.

[ 29 ] At that time [in the twelfth century] it was dangerous to know [in advance] what was to happen later. Hence it was necessary to make use of harmless sounding words, as a cover. And that is also where the expression originated, ‘Is the Lodge tyled?’, which means, in effect, ‘Are only those present who know the meaning of the things which have to be implanted in the future development of mankind by Freemasonry?’ For each had to reflect that they must never let themselves be recognised as Freemasons when they appeared in public. This precautionary rule, then essential, has been maintained until our time. Whether many Freemasons know what is meant thereby, is questionable. Most think it is some sort of verbal formality, or they interpret more or less astutely. I could give you countless more such examples that would show you how outer circumstances have led to the adoption of practical rules for which people now try to discover some deep symbolic explanation.

[ 30 ] Nun aber zu dem eigentlichen Kern dessen, was man dazumal im 12. Jahrhundert gewollt hat. Das ist ausgedrückt in der symbolisch tief bedeutsamen Sage vom Heiligen Gral, von jenem wundersamen Gefäß, das aus dem fernen Morgenlande stammen und die Kraft haben soll, Menschen zu verjüngen, Totes zum Leben zu rufen und so weiter.

[ 30 ] But now for the very heart of what was attempted in the twelfth century. That is expressed in the deeply significant Saga of the Holy Grail,12Rudolf Steiner often spoke about the Grail Mysteries at the time of these lectures: for instance in Berlin, on 19th May 1905 (Anthroposophical News Sheet, Volume 5, No. 11), and in Landin (Mark), on 29th July 1906 (typescript copy: Z307). of that enchanted vessel which is said to have come from the distant East, and to have the power to rejuvenate people, to bring the dead back to life, and so on.

[ 31 ] Was ist nun der Heilige Gral - jetzt freimaurerisch gesprochen — und was ist dasjenige, was der ganzen Sage zugrunde liegt? Wir kommen am leichtesten dazu, zu erkennen, was der Sage zugrunde liegt, wenn wir uns vergegenwärtigen ein Symbol gewisser freimaurerischer Vereinigungen, das in denkbar plumpster Weise heute mißverstanden wird. Es ist ein Symbol, das aus dem Geschlechtsleben entnommen ist. Es ist durchaus wahr, daß gerade dasjenige, was zu den tiefsten Geheimnissen der Freimaurerei gehört, aus dem Geschlechtsleben hergenommene Symbole hat, und daß viele, die heute solche Symbole zu deuten versuchen, nur ihrer eigenen schmutzigen Phantasie folgen, wenn sie diese Symbole in geistig unreinem Sinne auffassen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Ausdeutung dieser Geschlechtssymbole in nächster Zeit keine geringe Rolle spielen wird, und daß gerade dies in nächster Zeit zeigen wird, wie schlimm es den alten freimaurerischen, großen Geheimnissen in der heutigen Zeit ergeht, und auf der anderen Seite, wie notwendig es in dieser heutigen Zeit ist, die reine, edle und tiefe Grundlage der freimaurerischen Symbole hehr und unangetastet zu erhalten.

[ 31 ] Now what is the Holy Grail—in Freemasonry terms—and what is it that lies at the bottom of the whole saga? We shall best be able to understand what it is all about if we call to mind a symbol of certain Freemasonry associations, a symbol misunderstood today in the coarsest way imaginable. It is a symbol taken from sexual life. It is absolutely true that precisely one of the deepest secrets of Freemasonry has a symbol taken from sexual life; and that many people who try to explain such symbols today are only following their own sordid fantasies when they understand these symbols in an impure sense. It is very likely that the interpretation of these sexual symbols will play no small role in times to come, that it is precisely this which will then reveal the parlous state into which the great ancient secrets of Freemasonry have fallen today; and on the other hand, how necessary it is in the present time for the pure, noble and profound basis of the Freemasonry, symbols to be kept sacred and unblemished.

[ 32 ] Diejenigen, die meinen neulichen Vortrag bei der Generalversammlung angehört haben, wissen, daß es mit der eigentlichen ursprünglichen Bedeutung dieser Symbole zusammenhängt, warum man bis vor kurzer Zeit keine Frauen zur Maurerei zugelassen hat, und warum bis vor kurzem über solche Dinge nur getrennt zu Männern und Frauen gesprochen werden konnte. Andererseits wissen Sie auch, daß diese Symbole zusammenhängen - und das betone ich noch ganz besonders - mit den zwei durch die ganze Welt gehenden und auch bis in die höchsten geistigen Gebiete hinaufragenden großen Strömungen, die uns als das Gesetz der Polarität auch in den Kräften des Männlichen und Weiblichen entgegentreten. Innerhalb derjenigen Kultur, die für uns in Betracht kommt, drückt die freimaurerische Sprache in dem weiblichen Prinzip auf geistigem Gebiete - auf dem geistigen Gebiete, welches für die Kulturentwickelung zunächst in Betracht kommt - das Priesterprinzip aus. Die Priesterherrschaft wird durch das Weibliche ausgedrückt. Das männliche Prinzip ist dagegen alles dasjenige, was der Widerpart dieser Priesterherrschaft ist, so aber, daß dieser Widerpart nicht minder das Heiligste, das Edelste, das Größte und Geistigste in der Welt zu vertreten hat. Zwei Strömungen sind es also, mit denen wir es zu tun haben: eine weibliche und eine männliche Strömung. Den Repräsentanten der weiblichen sieht der Maurer in Abel, den der männlichen in Kain.

[ 32 ] Those of you who heard my recent lecture13The double lecture given on 23rd October 1905 to men and women separately (lectures 17 and 18 in the present volume). at the General Meeting will know that the true original significance of these symbols is connected with the reason for not allowing women to become Freemasons until a short while ago, and the reason for addressing men and women separately on these matters until [just] recently. On the other hand you also know that these symbols are linked—and I particularly stress this—with the two great streams running through the whole world, and rising to the highest spiritual realm; which streams we also encounter as the law of polarity in the forces of male and female.14This sentence is not word for word as transcribed. The various texts are different. Text (a) omits from this sentence the words ‘great streams’ and has in their place ‘forces of male and female,’ and ends at the word ‘realms,’ omitting the rest. Seiler's fair copy has the same wording, but the shorthand version has a gap here. In Reebstein's text (d) we find the following: ‘The symbols are connected with questions running through the whole world, which meaning ... basic forces of male and female.’ The notes of Marie Steiner von Sivers give the following: ‘The two sexes are only an expression of the two great currents, which confront us as the Law of Polarity.’ The printed version has been revised by the editor to give a meaningful rendering. Within that culture which we now have to consider, the priestly principle is expressed in masonic terminology as the female principle in the spiritual realm—in that spiritual realm which is most closely related to cultural evolution. The rule of the priests is expressed by the female [principle]. On the other hand, the male principle is everything which is opposed to this priestly rule; however, in such a way that this opponent has to be considered as the holiest, the noblest, the greatest and the most spiritual [principle] in the world, no less. There are thus two streams with which we have to deal: a female and a male stream. The Freemasons see Abel as representing the female current, Cain, the male.

[ 33 ] Damit kommen wir auf den Grundgedanken der Maurerei, der nun allerdings alt, uralt ist. Die Maurerei ist in alten Zeiten als Widerpart der Priesterkultur entstanden. Nun müssen wir uns aber auch dasjenige, was unter Priesterkultur verstanden worden ist, in der richtigen Weise klarmachen.

[ 33 ] Here we come to the fundamental concept of Freemasonry, which to be sure is old, very old. Freemasonry developed in ancient times as the opponent of the priestly culture. We must now, however, make clear, in the right way, what is to be understood by priestly culture.

[ 34 ] Das, worum es sich hier handelt, hat nichts mit kleinlicher Opposition gegen Kirchen oder Glaubensbekenntnisse zu tun. Priesterart kann nämlich bei vollkommenstem Laientum auftreten. Aber auch dasjenige, was heute als Wissenschaft auftritt und in vielen geistigen Zünften herrscht, ist nichts anderes als das, was man, maurerisch ausgedrückt, das Priesterelement nennt; und anderes wiederum ist im tiefsten Sinne maurerisch. Wir müssen uns also die Dinge in ihrer ganzen Tiefe vorstellen, wenn wir sie richtig erkennen wollen. Daß das, was in der Wissenschaft auftritt, vielfach dasjenige ist, was der Maurer als Priesterelement bezeichnet, möchte ich Ihnen an einem Beispiele klarmachen.

[ 34 ] What is involved here has nothing to do with Petty opposition to churches or creeds. Priestliness can show itself in the most completely secular [people]; even what manifests itself today as science, that holds sway in many cultural groups, is nothing else than what is known in Freemasonry terms as the priestly element, though [there are?] other [such groups?] which are profoundly masonic. We must conceive such things, then, in their entire profundity, if we want to appraise them correctly. May I explain by an example how what manifests as science can often be what is denoted in Freemasonry as the priestly element.

[ 35 ] Wer wird heute, wenn er Mediziner ist, nicht furchtbar hohnlachen, wenn man ihm von dem Heilwert der Quelle von Lourdes redete? Andererseits, welcher Mediziner wird es nicht als selbstverständlich betrachten, daß es für gewisse Leute das Rationellste ist, wenn sie nach Wiesbaden oder Karlsbad gehen? Ich weiß, daß ich etwas furchtbar Ketzerisches ausspreche; ich vertrete aber nicht das Priesterprinzip und auch nicht die Medizin; aber es wird schon eine Zeit kommen, wo man unbefangen über beide urteilen wird. Und wenn es heute eine wirkliche Medizin gäbe, so gehörte zu den Dingen, die der Arzt verordnet, auch mit der Glaube an die Heilkraft. Dann wären aber die Gründe, aus welchen er jemanden nach Karlsbad schickt, dieselben wie die, wenn ein anderer jemanden nach Lourdes schickt. Nennen Sie es auf der einen Seite die größte Frömmigkeit, auf der anderen Seite den krassesten Aberglauben: es ist letzten Endes dieselbe Sache.

[ 35 ] Who today among doctors would not scoff if told about the healing properties of the spring at Lourdes? On the other hand, what doctor would not accept as a matter of course that it is wholly reasonable for certain people to go to Wiesbaden or Karlsbad? I know I am saying something fearfully heretical, but then I represent neither the priesthood nor even medicine; however a time is already coming when an unbiased judgment will be pronounced on both. Were there an effective medicine today, faith in the power of healing would be among the things a doctor would prescribe. One patient would be sent to Karlsbad and another to Lourdes, but both for the same reason. Whether you call it great piety on the one hand, or blatant superstition on the other, in the last analysis it is the same thing.

[ 36 ] Was einem solcherart verstandenen Priesterprinzip zugrunde liegt, können wir bezeichnen als ein den Dingen nicht bis auf den Grund Gehen, als ein Hinnehmen der Dinge, wie sie sich von irgendwoher in der Welt darbieten, und mit diesem Gegebenen zufrieden sein. Das Symbol für dasjenige, wofür der Mensch nichts kann, das eigentliche Sinnbild für das, was dem Menschen im wahrsten Sinne des Wortes geschenkt wird, das ist vom Geschlechtsleben hergenommen worden. Da ist der Mensch produktiv. Aber was sich in dieser Produktionskraft ausdrückt, hat nichts mit menschlicher Kunst, nichts mit menschlichem Wissen zu tun und nichts mit menschlichem Können. Da ist ausgeschlossen, was sich in den drei Säulen der «Königlichen Kunst» zum Ausdrucke bringen läßt. Wenn daher gewisse Freimaurer die geschlechtlichen Symbole vor das Menschengeschlecht hinstellen, so wollen sie damit sagen: Darin drückt sich die menschliche Natur aus, nicht wie der Mensch sie gemacht hat, sondern so, wie sie ihm von den Göttern gegeben worden ist. Dies findet seinen Ausdruck in Abel, dem Jäger und Hirten, der das Opfertier, das Opferlamm opfert, also das, wozu er selbst nichts getan hat um es hervorzubringen, was ohne ihn geworden ist.

[ 36 ] Understood in this way, we can characterise what underlies the priestly principle as refraining from investigating fundamentals, as accepting things as they present themselves from whatever aspect of the world, as being satisfied with what is thus given. The symbol of that for which man does nothing, the proper symbol for what is, in the truest sense of the word, donated to man, that symbol is taken from sexual life. The human being is [indeed] productive there, but what manifests itself in this productive force has nothing to do with human art, with human science or with human ability; from it is excluded everything which causes itself to be expressed in the three pillars of the ‘Royal Art.’ So when some present these sexual symbols to humanity, they want to say: In this symbol, human nature expresses itself, not as man has made it, but as it has been given by the gods. This finds its expression in Abel, the hunter and herdsman, who offers the sacrificial animal, the sacrificial lamb, thereby offering what he himself has done nothing to produce, which came into existence independently of him.

[ 37 ] Kain dagegen, was opfert er? Er opfert das, was er selbst erarbeitet hat, was er an Früchten des Feldes gewonnen hat, indem er den Erdengrund beackert. Er opfert dasjenige, wozu menschliche Kunst, Wissen und Weisheit nötig war; dasjenige, was man überschauen können muß, wo einem klar sein muß, was man selbst gemacht hat, was sich in geistigem Sinne auf die Freiheit, auf die Selbstbestimmung des Menschen gründet. Das muß man sich erkaufen mit der Schuld, damit, daß man zunächst das von der Natur oder von den göttlichen Mächten geschenkte Lebendige tötet, so wie Kain den Abel getötet hat.

[ 37 ] What did Cain, on the other hand, offer? He sacrificed what he had obtained by his own labour, what he had won from the fruits of the earth by tilling the soil. What he sacrificed needed human skill, knowledge and wisdom: that which demands comprehension of what one has done, which is based in a spiritual sense on the freedom of man to decide things for himself. That has to be paid for with guilt, by killing, first of all, the living things which had been,given by Nature or by Divine Powers, just as Cain killed Abel.

[ 38 ] Durch die Schuld geht der Weg zur Freiheit. Alles, was hervorgebracht wird in der Welt - und woran der Mensch höchstens tätig sein kann durch seine Zutat -, alles, was dem Menschen von den göttlichen Mächten geschenkt wird, was da ist, ohne daß er selbst dabei rastlos Hand anzulegen braucht, das ist uns zunächst in den Reichen der Natur gegeben, über die wir keine Herrschaft haben, in den Reichen der Natur, deren Kräfte der menschlichen Mitwirkung entzogen sind: im Pflanzen-, Tier- und Menschenreiche, insofern es sich in diesen Reichen um das physische Hervorbringen handelt. Alle Fortpflanzungskraft in diesen Reichen ist uns von der Natur geschenkt. Insofern wir das Lebendige zu unserem Gebrauche hinnehmen, indem wir die Welt, die sich aufbaut aus dem Lebendigen, zu unserem Wohnplatze machen, opfern wir das gegebene Opfertier, wie Abel das ihm gegebene Opfertier opferte.

[ 38 ] Through guilt lies the path to freedom. Everything which is born into the world—upon which man can, at best, act only in a secondary way—everything given to man by Divine Powers, everything which is there without him needing to work at it incessantly; all this is given to us first of all in the Kingdoms of Nature over which we have no control—in those Kingdoms (the Plant, Animal and Human Kingdoms) whose forces are isolated from any human contribution, because in these Kingdoms it is physical reproduction that is involved. All the reproductory forces in these Kingdoms are given to us by Nature. Inasmuch as we take what is living for our use—because we make the world our dwelling place, which developed itself out of what is living—we thereby offer the sacrifice given to us, just as Abel offered the sacrifice given to him.

[ 39 ] Das Symbol dieser drei Reiche ist das Kreuz. Der untere Balken symbolisiert das Pflanzenreich, der mittlere, der Querbalken, das Tierreich, der obere das Menschenreich.

[ 39 ] The symbol for these three Kingdoms is the Cross. The lower beam symbolises the Plant Kingdom, the middle or cross beam, the Animal Kingdom, and the upper beam, the Human Kingdom.

[ 40 ] Die Pflanze ist mit der Wurzel in den Erdboden hineingesenkt und richtet in der Blüte dasjenige nach aufwärts, was der Mensch nach abwärts gerichtet hat. Was in der Blüte zum Vorschein kommt, ist das Sexuelle, das Geschlechtliche der Pflanze. Der nach abwärts gerichtete Teil, die Wurzel, ist der in die Erde versenkte Kopf der Pflanze. Das Tier ist die halbgewendete Pflanze und trägt das Rückgrat horizontal zu dem Erdboden. Die ganz umgewendete Pflanze, so daß das Untere nach oben gerichtet ist, ist der Mensch.

[ 40 ] The plant has its roots buried in the earth and directs upwards, in the blossom, those parts which, in man, are directed downwards. It is the reproductive organs of the plant that appear in the blossom. The downward-turned part, the root, is the plant's head, buried in the earth. The animal is the plant turned half way and carries its backbone horizontally, in relation to the earth. Man is the plant turned completely round, so that the lower part is directed upwards.

AltName

[ 41 ] Diese Anschauung liegt allen Mysterien des Kreuzes zugrunde. Und wenn uns die Theosophie zeigt, wie der Mensch im Laufe seiner Entwickelung durch die verschiedenen Reiche, durch das Pflanzen-, Tier- und Menschentreich hindurchgehen muß, dann ist das dasselbe, was Plato mit den schönen Worten ausdrückt: Die Weltenseele ist an das Kreuz des Weltenleibes geschlagen. - Die Menschenseele ist ein Funke der Weltenseele, und der Mensch als physischer Mensch ist zu gleicher Zeit Pflanze, Tier und physischer Mensch. Indem die Weltenseele sich auseinandergespalten hat in die einzelnen Funken der Menschenseelen, ist sie gewissermaßen an das Weltenkreuz geschlagen worden, an das, was in den drei Reichen — Pflanzen-, Tier- und Menschenreich - zum Ausdruck kommt. In diesen Reichen wirken Kräfte, die der Mensch nicht meistert. Will er Meister werden, dann muß er ein neues Reich zu seinem Ureigensten machen, das nicht im Kreuze ausgedrückt ist.

[ 41 ] This view lies at the basis of all the mysteries of the Cross. And when theosophy shows us how man has to pass, In the course of his evolution, through the various Kingdoms of Nature, through the Plant, Animal and Human Kingdoms, then that is the same thing expressed by Plato in the beautiful words, ‘The World Soul is nailed to the Cross of the World Body.’15See note 10 to lecture given on 22nd May 1905 (lecture 12). The human soul is a spark struck from the World Soul, and the human being, as physical human being, is plant, animal and physical man at the same time. Inasmuch as the World Soul has divided itself up into the individual sparks of human souls, it is, as it were, nailed to the World Cross, nailed to what is expressed in the three Kingdoms, the Animal, Plant and Human Kingdoms. Powers which man has not mastered are at work in these Kingdoms. If he wants to control them, then he must create a new Kingdom of his very own, which is not expressed in the Cross.

[ 42 ] Wenn ich über diesen Gegenstand rede, dann wird oft gefragt: Wo bleibt denn das Mineralreich? — Das Mineralreich ist nicht im Kreuze symbolisiert. Denn es ist dasjenige Reich, in welchem sich der Mensch schon heute in heller, lichter Klarheit äußern kann, wo er die Kunst des Wägens und Zählens, der Geometrie und Arithmetik, kurz alle die Dinge, die der unorganischen Natur angehören, auf das Unorganische, das mineralische Reich anwenden lernt.

[ 42 ] When talking about this subject I am often asked: Where is the Mineral Kingdom in all this? The mineral kingdom is not symbolised in the Cross; because it is that Kingdom which man can already express himself in clear and blinding clarity, where he has learnt to apply the techniques of weighing and calculating, of geometry and arithmetic; in short, everything pertaining to inorganic nature, to the inorganic Mineral Kingdom.

[ 43 ] Wenn Sie einen Tempel vor sich haben, so wissen Sie, daß ihn der Mensch aufgerichtet hat mit Richtmaß, Zirkel, Dreieck, Senkblei und Wasserwaage und endlich mit den Gedanken, die die unorganische Natur dem Architekten in der Geometrie und Mechanik überliefert hat. Und wenn Sie den ganzen Tempel durchdringen, so werden Sie finden, daß dieser Tempel, sofern er unlebendig ist, aus menschlicher Freiheit und Kopfarbeit hervorgegangen ist. Das können Sie aber nicht sagen, wenn Sie eine Pflanze oder ein Tier der menschlichen Betrachtung unterwerfen.

[ 43 ] If you contemplate a temple, you know that man has erected it with ruler, compasses, square, plumb-line and spirit level, and finally with the thinking that inorganic nature has transmitted to the architect in geometry and mechanics. And as you continue your contemplation of the whole temple, you will find it to be an inanimate object born out of human freedom and brainwork. You cannot say that, however, if you subject a plant or an animal to human observation.

[ 44 ] So sehen Sie, daß das, was der Mensch meistert, worin er Meister sein kann, bis heute das Reich des Unlebendigen ist. Und alles, was der Mensch aus dem unlebendigen Reiche in Harmonie und Ordnung überführt, ist das Symbol seiner königlichen Kunst auf Erden. Was er mit dieser seiner königlichen Kunst in dieses Mineralreich hineinlegt, das ist der Ausfluß und die Inkarnation der göttlichen Weisheit zunächst gewesen. Gehen Sie zurück in die Zeit der alten Chaldäer, der alten Ägypter, wo man nicht bloß mit dem Verstande gebaut hat, sondern alles mit hohen Empfindungen durchdrang, da hat man die Bemeisterung der unorganischen Natur als «Königliche Kunst» empfunden. Und deshalb hat man diese Bemeisterung der Natur dann als «freie Maurerei» bezeichnet. Mag dies zunächst als Phantasie erscheinen, es ist aber mehr als das.

[ 44 ] So you see that what man has mastered, what he is able to master, is, up to now, the realm of the inanimate. And everything which the human being has converted to harmony and order out of the inanimate world is the symbol of his Royal Art on earth. What he has implanted into the Mineral Kingdom with his Royal Art started as an outflow, an incarnation of Divine wisdom. Go back to the time of the ancient Chaldeans and Egyptians, when it was not only the intellect that was used in building, but when heightened perceptions permeated everything; the controlling of inorganic nature was then seen as the ‘Royal Art,’ which is why the control of nature was denoted as ‘Free masonry.’ At first this may seem to be fantasy, but it is more than that.

[ 45 ] Stellen Sie sich einmal den Augenblick, den Zeitpunkt unserer Erdenentwickelung vor, wo noch kein Mensch Hand angelegt hatte an die Gestaltung der unorganischen Natur, wo der ganze Erdball dem Menschen überliefert war, so wie er aus der Natur entlassen worden ist! Und was ist dann geschehen? Blicken Sie zurück auf den Bau der ägyptischen Pyramiden, wie da Stein auf Stein durch Menschenwerk zusammengefügt worden ist. Durch menschliches Denken ist das, was die Natur geformt hat, in neue Formen verwandelt worden. So hat die menschliche Weisheit die Erde umgebildet. Das empfand man als die eigentliche Mission des freien, des bauenden Menschen auf der Erde. Durch die mannigfaltigen Werkzeuge haben des Menschen Kräfte seit den Urzeiten bis in unsere Zeit hinein, wo die menschliche Kraft ohne mechanische Vermittlung bis in die fernsten Fernen wirken kann, die allmähliche Umgestaltung des Mineralischen aus menschlicher Weisheit heraus bewirkt. Und das ist die erste Säule, die Säule der Weisheit.

[ 45 ] Picture to yourselves that instant, that point in time in our earth's development, when no one had yet applied his hand to the shaping of inorganic Nature, when the whole planet was presented to man just as it came from Nature! And what happened then? Look back to the construction of the Egyptian pyramids, in which stone was fitted to stone through human agency. Nature's creation was given a new shape as a result of human thought. Human wisdom has thus transformed the earth. That was perceived as the proper mission of free constructing man on earth. Using a wide variety of tools, guided by human wisdom, human powers have brought about in the mineral world a transformation that has unfolded between primordial times and the present day, when human powers can influence far distances without mechanical means. And that is the first pillar, the pillar of wisdom.

[ 46 ] Etwas später sehen wir die zweite Säule einsetzen: die Säule der Schönheit, der Kunst. Durch die Kunst wird ebenfalls der menschliche Geist in den unlebendigen Stoff ergossen, wodurch wieder eine Beseelung (Besiegung) des in der Natur befindlichen Unlebendigen stattfindet. Versuchen Sie einmal sich zu vergegenwärtigen, wie, allmählich übergehend, die Weisheit in der Kunst die leblose Natur bemeistert, und Sie werden sehen, wie Stück um Stück desjenigen, was ohne Betätigung des Menschen da ist, durch den Menschen selbst umgestaltet wird. Stellen Sie sich meinetwegen in phantastischer Weise den Moment vor, in dem die ganze Erde von menschlicher Hand umgestaltet sein wird, in dem die ganze Erde ein weisheitsvolles und schönheitsstrahlendes Kunstwerk geworden sein wird, aufgebaut von Menschenhand, ersonnen von Menschenweisheit! Phantastisch mag es erscheinen; es ist aber mehr als das. Denn es ist die Mission des menschlichen Geschlechtes auf Erden, den Erdball künstlerisch umzugestalten. Das haben Sie ausgedrückt in der zweiten Säule, der Säule der Schönheit.

[ 46 ] Somewhat later we see the second pillar established, the pillar of beauty, of art. Art is likewise a means of pouring the human spirit into lifeless matter, and again the result is an ensoulment (conquest)16‘Ensoulment’ (Beseelung), ‘conquest’ (Besiegung). Texts (a) and (b) have the former; text (d) the latter. of the inanimate to be found in Nature. Try for a moment to picture in your mind how the wisdom in art gradually overcomes and masters lifeless Nature, and you will see how what is there without man's participation is reshaped piece by piece by man himself. Visualise—as a fantasy, if you must—the effect of the whole earth having been transformed by the hand of man, the effect of the whole earth becoming a work of art, full of wisdom and radiating beauty, built by man's hand, conceived by man's wisdom! It may seem fantastic but it is more than that. For it is humanity's mission on earth, to transform the planet artistically. You find this expressed in the second pillar, the pillar of beauty.

[ 47 ] Dazu können Sie nehmen als die dritte Säule die Gestaltung des Menschengeschlechts im Staats- und Völkerleben und Sie haben die Ausbreitung des Menschengeistes innerhalb der Welt; Sie haben sie auch hier im Reiche des Unlebendigen.

[ 47 ] To which you can add, as the third pillar, the reshaping of the human race in national and state life, and you have the propagation of the human spirit in the world; you have this right here in the realm of what is lifeless.

[ 48 ] Darum haben die mittelalterlichen Menschen des 12. Jahrhunderts, rückblickend auf die alte Weisheit, sich gesagt, dass die Weisheit der alten Zeiten aufbewahrt ist in Marmordenkmälern, die Weisheit der Gegenwart aber noch in der menschlichen Brust ruht. Sie tritt dann beim Künstler heraus und wird durch die Arbeit seiner Hände zum Kunstwerk. Was der Künstler empfindet, prägt er dem ungeformten Stoffe ein, meißelt es aus dem toten Stein heraus. In dem toten Stein lebt dann zwar nicht, aber erscheint das Seeleninnere des Menschen. Alles in der Kunst ist dieser Mission gewidmet. Gleichgültig ob der Bildhauer den Marmor meißelt, ob der Maler Farben, Licht und Schatten verteilt, es ist immer eine Bemeisterung der unlebendigen, der unorganischen Natur. Und auch der Staatsmann formt die Natur [?] ... immer haben Sie - soweit nicht dasjenige in Betracht kommt, was Pflanzen-, Tier- und Menschenkraft ist - es mit dem eigenen Geiste des Menschen zu tun.

[ 48 ] Hence the medieval people of the twelfth century reflected, in looking back to the ancient wisdom, that the wisdom of times past was preserved in marble monuments, while contemporary wisdom is to be found in the human heart. For it is manifested through the artist, becoming a work of art through the labour of his hands. What he feels he impresses into matter that is unformed, he chisels out of the dead stone; while the inner soul of man does not of course live in this dead stone, it does manifest itself there. All art is dedicated to this purpose; there is always this mastering of unliving, inorganic nature, regardless of whether it is a sculptor chiseling marble or a painter arranging colour, light and shade. And even the statesman gives structure to Nature [?]17The questionable word ‘nature’ was given in texts (a) and (b) but was missing in the other texts. ... always,—apart from when plant, animal, or human forces come into it—you are dealing with man's own spirit.

[ 49 ] So blickte der mittelalterliche Denker des 12. Jahrhunderts zurück auf die alte chaldäische okkulte Weisheit, auf die griechische Kunst und Schönheit, und auf die Stärke in dem Staatsgedanken des Römischen Reiches. Das sind die drei großen weltgeschichtlichen Säulen: Weisheit, Schönheit, Stärke. Goethe stellte sie dar in seinem «Märchen» durch die drei Könige: durch den goldenen die okkulte Weisheit; durch den silbernen die Schönheit, wie in Griechenland; durch den ehernen die Stärke, die im römischen Staatsgedanken ihren weltgeschichtlichen Ausdruck fand und dann in die Organisation der christlichen Kirche überging. Und das Mittelalter mit seinem Chaos durch das Treiben der Völkerwanderung und seinen gemischten Stilen kommt in dem ungestalten gemischten König, der aus Gold, Silber und Erz gebildet ist, zum Ausdruck. In ihm ist durcheinandergeworfen, was auf die verschiedenen Kulturen des Altertums verteilt war. Erst später müssen sich wieder die einzelnen Kräfte aus dem Chaos heraus zu einer höheren Stufe entwickeln.

[ 49 ] Thus, the medieval thinker of the twelfth century looked back at the occult wisdom of the ancient Chaldeans, at Greek art and beauty, and at the strength in the concept of the state in the Roman Empire. These are the three great pillars of world history—wisdom, beauty and strength. Goethe portrayed them in his ‘Fairy Story’ as the Three Kings—occult wisdom in the Gold King, beauty as in Greece in the Silver King, and, in the Brass King, strength as it found its world historical expression in the Roman concept of the State, and as then adopted in the organisation of the Christian Church. And the Middle Ages; with its chaos18This sentence was incomplete in texts (a) and (b) and was made up from texts (d) and (e). resulting from the impact of the migrating nations, and with its mixed styles, is expressed in the misshapen Mixed King made of gold, silver and brass; what was kept separate in the various ancient cultures, is mixed together in him. Later, the separate forces must once more develop themselves out of this chaos, to a higher level.

[ 50 ] Diese einzelnen Kräfte auf eine höhere Stufe überzuführen aus Menschenkräften heraus, setzten sich diejenigen zur Aufgabe, die im Mittelalter den Heiligen Gral als ihr großes Symbol ansahen. Der Heilige Gral sollte etwas wesentlich Neues sein, obgleich er in seiner Symbolik zunächst an uralte, sagenhafte Überlieferungen mit ihren Sinnbildern anknüpft.

[ 50 ] All those who, in the Middle Ages, took the Holy Grail as their symbol, set themselves the task of using human powers to bring these separate forces to a higher stage [of development]. The Holy Grail was to have been something essentially new, even though it is closely related in its own symbolism to the symbols of a very ancient mystical tradition.

[ 51 ] Was ist nun der Heilige Gral? Für denjenigen, der diese Sage richtig versteht, bedeutet er - und das läßt sich sogar literarisch nachweisen - folgendes.

[ 51 ] What then is the Holy Grail? For those who understand this legend correctly, it signifies—as can even be proved by literary means19Rudolf Steiner was obviously referring here to the saga of ‘Poor Henry’ composed by Hartmann von Aue (1165—C 1215), a contemporary of Wolfram von Eschenbach. (See also note 13). Rudolf Steiner often referred to this poem later in his lectures.—the following:

[ 52 ] Bisher hat der Mensch lediglich das Unlebendige in der Natur bemeistert. Die Verwandlung der lebendigen Kräfte, die Verwandlung dessen, was in der Pflanze sproßt und wächst, was in der tierischen [und menschlichen] Fortpflanzung erscheint, liegt außerhalb seiner Macht. Diese geheimnisvollen Kräfte der Natur muß der Mensch unangetastet lassen. Da kann er nicht eingreifen. Was durch diese Kräfte entsteht, kann von ihm nicht völlig durchschaut werden. Der Künstler kann zwar einen Zeus in wunderbarer Schönheit schaffen, aber er kann diesen Zeus nicht ganz durchschauen. In Zukunft wird der Mensch eine Stufe erreichen, wo er auch das kann. So wahr es ist, daß der Mensch die Herrschaft über die unlebendige Natur errungen hat, die Schwerkraft beherrscht mit Wasserwaage und Senkblei, die Richtungskräfte der Natur beherrscht mit demjenigen, was ihm in der Geometrie und Mechanik zur Verfügung steht, so wahr ist es, daß er in Zukunft durch sich selbst beherrschen wird das, was er heute nur als Geschenk der Natur oder der göttlichen Mächte hat: das Lebendige.

[ 52 ] Till now, man has only mastered the inanimate in Nature -the transformation of the living forces, the transformation of what sprouts and grows in the plants, and of what manifests itself in animal [and human] reproduction that is beyond his power. Man has to leave these mysterious powers of Nature untouched. There he cannot encroach. What results from these forces cannot be fully comprehended by him. An artist can certainly create a strangely beautiful Zeus, but he cannot fully comprehend this Zeus; in the future, man will reach a level where he can do that as well. Just as it is so, that man has achieved control over Inanimate nature, has mastered gravity with spirit level and plumb-line, and the directional forces of Nature with the aid of geometry and mechanics; so it is the case that in future man will himself control what he only receives as a gift from Nature or the Divine powers—namely, the living.

[ 53 ] Indem Abel in der Vergangenheit das, was er aus göttlicher Hand empfangen hatte, opfert, opfert er auch auf dem Gebiete des Lebendigen nur das, was er von der Natur empfangen hat. Kain dagegen hat das geopfert, was er durch eigene Arbeit der Erde als Früchte seines Fleißes abgerungen hat. Deshalb tritt in dieser Zeit [im Mittelalter] eine wesentlich neue Richtung in der Maurerei auf. Und diese Richtung ist die, die man mit dem Sinnbilde des Heiligen Gral bezeichnet: die Kraft der Selbstopferung. Schon öfter habe ich gesagt: Harmonie innerhalb der Menschheit wird nicht dadurch geschaffen, daß man sie predigt, sondern dadurch, daß man sie begründet. Wo wirkliche Kräfte in der Menschennatur erweckt sind, gibt es keine Unbrüderlichkeit mehr. In dem, was in den Freimaurersymbolen zum Ausdruck kommt, haben Majorität und Minorität keine Bedeutung. Streit kann es da nicht geben, denn es handelt sich nur um Können oder Nichtkönnen. Keine Majorität kann entscheiden, ob das Senkblei oder die Wasserwaage benutzt werden soll; da muß die Sache entscheiden. Darin sind alle Menschen brüderlich, da finden sich alle zusammen. Darüber kann kein Streit sein, wenn jeder den Weg des Objektiven geht, den Weg, der in der Erwerbung der höheren Kräfte besteht. So ist der Bund [der Freimaurer] selbstverständlich ein Bund der Brüderlichkeit, der sich in ausgedehntestem Maße auf das den Menschen Gemeinsame in der unlebendigen Natur stützt.

[ 53 ] When in the past Abel sacrificed what he had been given by Divine hand, he was thus sacrificing, in the realm of the living, only what he had received from nature. Cain, by contrast, had offered something which he had himself won from the earth by his own labour, as the fruits of effort.20This sentence only occurs in text (a). Reebstein's text (d) on the other hand, is the only text to contain this sentence: ‘Abel is the one who in the future will have the power to create [what is] holy through [the forces of] his soul.’ Hence, at this time [in the Middle Ages], a radically new impulse was introduced into Freemasonry. And this impulse is that denoted by the symbol of the Holy Grail, the power of self-sacrifice. I have often said, harmony in human relationships is not brought about by preaching it, but by creating it. Once the necessary forces have been awakened in human nature, there is no more unbrotherliness. [The concepts of] majority and minority are meaningless in what the masonic symbols express; in it there can be no contention, for it is only a matter of ‘can’ or ‘cannot.’ No majority can decide whether one should use a plumb-line or a spirit level; the facts must decide that. In that all men are brothers, there they find themselves to be one. On that there can be no contention, if everyone treads the path of objectivity, the path which entails the acquisition of higher powers. Thus, the bond [of the Freemasons] is without doubt a bond of brotherhood which in the broadest sense depends on what men have in common in inanimate Nature.

[ 54 ] Es sind aber nicht mehr alle Kräfte in der unlebendigen Natur vorhanden. Manches, was einst da war, ist wiederum verschwunden, weil in dem Zyklus der Natur, in dem wir uns gegenwärtig befinden, und den wir Erde nennen, die materielle Erkenntnis im Vordergrunde steht und die intuitive verlorengegangen ist. Nur auf eine Tatsache möchte ich hier hinweisen: es ist in der Baukunst völlig abhanden gekommen, wirklich akustische Gebäude erstellen zu können. Diese Kunst hat man aber früher verstanden. Wer ein Gebäude nur äußerlich zusammenkonstruiert, wird niemals eine Akustik zustandebrin‚gen. Wer aber intuitiv denkt, mit seinem Denken in höheren Gebieten wurzelt, wird den akustischen Bau herzustellen vermögen. Diejenigen, die das wissen, die wissen auch: ebenso wie die Schwerkraft, wie Licht und Elektrizität von den Menschen in der unlebendigen Natur erobert worden sind, so werden auch diejenigen Kräfte in der Zukunft erobert werden müssen, über die wir heute noch gar keine Herrschaft haben, was die äußere Natur betrifft.

[ 54 ] However, not every power is still available there. Some things which were once there have disappeared again, because in the cycle of Nature in which we now find ourselves, and which we call earth, it is material perception which is to the fore, while intuitive perception has been lost. May I indicate just one case; in architecture, the ability to design a really acoustic building has been completely lost. Yet, in the past, this art was understood. Whoever puts a building together by outward [concepts] alone, will never create an acoustic; but anyone who thinks intuitively, with his thoughts rooted in higher realms will be enabled to accomplish an acoustic building. Those who know that also know that, in the future, those forces of outward nature over which we have no control at present must be conquered, just as man has already conquered gravity, light and electricity in inanimate nature.

[ 55 ] Wenn auch unsere Zeit noch nicht dahin gekommen ist, in der äußeren lebendigen Natur herrschen zu können, wenn auch jene Kulturepoche noch nicht erreicht ist, wo auch die lebendigen, die lebengebenden Kräfte gemeistert werden, so gibt es doch heute schon die Vorschule dazu, die inauguriert wurde durch jene Bewegung, die man die Loge vom Heiligen Gral genannt hat. Die Zeit wird aber kommen, und es ist ein ganz bestimmter Zeitpunkt, wo die Menschen, abweichend von ihrer heutigen Neigung, einsehen werden, daß man über innere tiefere Seelenkräfte nicht durch Majoritätsbeschlüsse entscheiden kann, daß es unmöglich ist, über das umfangreiche Gebiet der Liebe, über das, was man empfindet, was man fühlt, durch Abstimmung etwas auszumachen. Diejenige Kraft, die in allen Menschen einheitlich lebt und die sich im Intellektuellen ausdrückt in jener groBen Einheit, über die es keinen Streit geben kann, nennt man Manas. Und wenn es die Menschen so weit gebracht haben werden, daß sie nicht nur dem Verstande nach zusammenstimmen, sondern auch in ihrem Empfinden und Fühlen, in ihrem tiefsten Seelenleben harmonieren, daß sie sich finden in dem, was edel und gut ist, in Liebe sich zusammenfinden im Objektiven, im Gemeinsamen, so wie sie sich heute schon streitlos zusammenfinden in dem, daß zwei mal zwei vier und drei mal drei neun sind, dann ist die Zeit gekommen, wo die Menschen auch das Lebendige werden bemeistern können. Einigkeit, objektive Einigkeit im Empfinden und Fühlen, ein wirklich über die Menschheit ausgegossenes objektives Leben in der Liebe, das ist die Voraussetzung für die Bemeisterung des Lebendigen.

[ 55 ] Although our age is not yet so advanced as to be able to control outwardly living Nature, although that cultural epoch has not yet come in which living and life-giving forces come to be mastered, nevertheless, there is already the preparatory school for this, which was founded by the movement called the Lodge of the Holy Grail. The time will however come—and it will be quite a specific point in time—when humanity, deviating from its present tendency, will see that deep inward soul forces cannot be decided by majority resolutions; that no vote can settle questions involving the limitless realm of love, involving what one feels or senses. That force which is common to all mankind, which expresses itself in the intellectual as an all-embracing unity about which there can be no conflict, is called Manas. And when men have progressed so far that they are not only at one in their intellect, but also in their perceptions and feelings, and are in harmony in their inmost souls, so far that they find themselves in what is noble and good, so far that they lovingly join together in the objective, in what they have in common, in the same way that they agree that two times two makes four and three times three equals nine; then the time will have arrived when men will be able to control the living as well. Unanimity—objective unanimity in perception and feeling—with all humanity really embracing in love: such is the pre-condition for gaining control over the living.

[ 56 ] Diese Bemeisterung des Lebendigen war einmal vorhanden - so sagen diejenigen, welche im 12. Jahrhundert die Bewegung des Heiligen Gral begründet haben -, sie war vorhanden bei den Göttern, die den Kosmos schufen und sich herabsenkten, um dem Menschen die Keimanlage für diese göttlichen Kräfte zu geben, die sie selber hatten: so daß der Mensch heute ein werdender Gott ist, da sich in seinem Inneren etwas befindet, das hinaufstrebt, dahin, wo einst die Götter gestanden haben. Heute ist der Verstand, der Intellekt die herrschende Kraft; die Liebe [Buddhi] wird es in Zukunft werden, und in noch fernerer Zeit wird der Mensch die Atmastufe erreichen.

[ 56 ] Those who founded the movement of the Holy Grail in the twelfth century said that this control over living [nature] was at one time available, available to the gods who created the Cosmos and descended [to earth] in order to give mankind the germ of the capacity for the same divine forces that they already possessed themselves; so that man is now on the way to becoming a god, having something in his inner being which strives upwards towards where the gods once stood. Today, the understanding, the intellect, is the predominant force; in the future it will be love [Buddhi], and in a still more distant future, man will attain the stage of Atma.

[ 57 ] Diese Gesamtkraft (Gemeinsamkeitskraft), diedem Menschen Macht gibt über dasjenige, was durch das Kreuz

[ 57 ] This joint force (communal force)21Text (a) has ‘communal force’ (Gemeinsam keitskraft). In Seiler's fair copy it is ‘joint force’ (Gesamtkraft), but in Seiler's shorthand copy, Gemeinsamkeitskraft can be read. The whole text, ‘including the preceding paragraph, is rendered in Reebstein's text (d) in the following way: ‘Objective love was present in the gods who created the cosmos. Something superhuman stirs itself, which today is understanding, which later will be love. Manas, Buddhi, Atma is a joint force which gives power over the Cross.’ which gives man power over what is symbolised by the cross,

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[ 58 ] symbolisiert wird, sie wird — insofern es sich um diese Kraft bei den Göttern handelt — ausgedrückt durch ein Symbol, nämlich durch das Dreieck mit der Spitze nach unten. Und insofern sich diese Kraft in der Menschennatur ausdrückt, wie sie samenhaft zu der göttlichen Kraft hinaufstrebt, wird sie symbolisiert durch ein Dreieck, dessen Spitze nach oben geht. Die Götter haben sich aus dem Menschen herausgehoben und sich von ihm entfernt; aber sie haben in ihm zurückgelassen das Dreieck, das sich in ihm weiterentwickeln wird. Dieses Dreieck ist auch das Symbol des Heiligen Gral.

[ 58 ] is expressed as far as the gods' use of the force is concerned—by a symbol, namely by a triangle with its apex pointing downwards. And when it is a matter of this force expressing itself in man's nature, as it germinally strives upwards towards the Divine force, then it is symbolised by a triangle with its apex pointing upwards. The gods have lifted themselves out from man's nature and have withdrawn from him; but they have left the triangle behind with him, which will develop further within him. This triangle is also the symbol of the Holy Grail.See note following the lecture.

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[ 59 ] In der Form des Dreiecks drückte der mittelalterliche Okkultist das Symbol des Heiligen Grales aus, das Sinnbild für die Erweckung der Meisterschaft im Lebendigen. Dazu bedarf es keiner gemeinsamen Kirche, die in starrer Organisation sich um den Erdball schlingt; eine solche kann wohl der einzelnen Seele etwas geben; sollen aber alle Seelen zusammenklingen, so muß in jeder einzelnen die Kraft des Gral erweckt werden. Demjenigen, der in sich diese Kraft des Gral erwecken will, nützt es nichts, wenn er sich zu den offiziellen kirchlichen Mächten wendet, ob sie ihm vielleicht etwas sagen könnten, sondern er muß nicht viel fragen und aus sich selbst heraus diese Kraft erwecken. Von der Dumpfheit geht der Mensch aus und steigt auf durch den Zweifel zu der Kraft. Dieser Pilgerweg der Seele wird ausgedrückt in der Gestalt des Parzival, der zum Heiligen Gral pilgert. Das ist eine der mannigfaltigen, tieferen Bedeutungen der Gestalt des Parzival.

[ 59 ] The medieval occultist expressed the symbol of the Grail—the symbol for awakening perfection in the living—in the form of a triangle. That does not need a communal church, entwining itself around the planet in a rigid organisation, though this can well give something to the individual soul; but if all souls are to strike the same note, then the power of the Holy Grail must be awakened in each individual. Whoever wants to awaken the power of the Grail in himself will gain nothing by asking the powers of the official church whether they can perhaps tell him something; rather, he should awaken this power in himself, and should not question all that much. Man starts from dullness [of mind] and progresses through doubt to strength. This pilgrimage of the soul is expressed in the person of Parsifal, who seeks the Holy Grail. This is one of the manifold deeper meanings of the figure of Parsifal.

[ 60 ] Was nützt es meinem Wissen, wenn eine noch so große Körperschaft durch ihre obrigkeitlichen Organe die Wahrheit der Mathematik verkündigt? Will ich Mathematik verstehen lernen, so muß ich mich selbst damit beschäftigen und mir das Verständnis dafür aneignen. Und was nützt es, wenn eine Körperschaft die Kraft des Kreuzes enthält? Will ich die Kraft des Kreuzes, die Bemeisterung des Lebendigen anwenden, dann muß ich sie mir selbst erringen. Das kann mir ein anderer nicht sagen, nicht durch Worte mitteilen; er kann es mir höchstens im Symbole zeigen, das leuchtende Symbol des Gral geben, nicht aber in Verstandesformeln sagen.

[ 60 ] Does it further my knowledge if a corporate body, be they ever so great, proclaims mathematical truth through their official spokesmen? If I want to learn mathematics, I must occupy myself with it, and gain an understanding of it .or myself. And of what use is it if a corporate body possesses the power of the Cross?22Text (a) has the word ‘Christ’ instead of the word ‘Cross,’ but on the other hand, Seiler's shorthand and fair copy, as well as Reebstein's text (d), give ‘Cross.’ If I want to make use of the power of the Cross, the control of what is living, then I must achieve this myself. No one else can tell it to me, or communicate it through words; at best they can show it to me in the symbol, give me the shining symbol of the Grail, but it cannot be told in an intellectual formula.

[ 61 ] Die erste Erfüllung dieses mittelalterlichen Okkultismus würde somit dasjenige sein, was sich in den mannigfaltigsten Bewegungen in Europa geltend macht: das Streben nach Individualität in der Religion, das Loskommen von der starren, einheitlichen Kirchenorganisation. Sie können es schwerlich erkennen, was alles in dieser Richtung Wolfram von Eschenbachs «Parzival» zugrunde liegt. Was erst in der Reformation zum Ausdruck gekommen ist, das liegt schon alles im Symbol des Heiligen Gral. Wer eine Empfindung für die große Bedeutung dessen hat, was uns in dieser Symbolik entgegentreten kann, der wird den großen, tiefen Kulturwert einer solchen Symbolik einsehen. Nicht aus dem laut Tönenden, nicht aus dem Tumultuarischen heraus wird das Große in der Welt geboren, sondern aus dem Intimen, dem Stillen. Nicht mit Kanonendonner wird die Menschheit in der Entwickelung vorwärts gebracht, sondern aus der Kraft dessen, was intim in solchen geheimen Gesellschaften geboren wird, aus der Kraft dessen, was in solchen weltumspannenden Symbolen ausgedrückt ist, an denen sich die Menschheit aufrichtet.

[ 61 ] The first accomplishment of this medieval occultism would have been, consequently, what appeared in so many different movements in Europe: the striving for individuality in religion, the escape from the rigid uniformity of the organised church. You can barely grasp to what extent this tendency underlies Wolfram von Eschenbach's Parzival.23Composed around 1200–1210. First printed 1477. Forgotten then for many years and only came to be known again about 1750. First critical edition by Lachmann (1833) followed by numerous others. English translations: J.L. Weston, A Knightly Epic, 2 volumes, London, 1894, in verse; Mustard and Passage, Parzival, Vintage Books, New York, 196 1; A.T. Hatto, Parzival, Penguin Classics, 1980. What manifested itself for the first time in the Reformation was already inherent in the symbol of the Holy Grail. Whoever has a feeling for the great meaning of what can confront us in this symbolism, will understand its great and deep cultural value. The great things of the world are not born in noise and tumult, but in intimacy and stillness. Mankind is not brought forward in its development by the thunder of cannons, but through the strength of what is born in the intimacy of such secret brotherhoods, through the strength of what is expressed in such world-embracing symbols, which inspire mankind.

[ 62 ] Durch unzählige Quellen ist seit jener Zeit in die Herzen der Menschen eingeflossen dasjenige, was jene gedacht haben, die in der Mitte des 12. Jahrhunderts in die Mysterien des Heiligen Gral eingeweiht waren, die sich vor der Welt unter Decknamen verbergen mußten, aber eigentlich die Vorbereiter, der Sauerteig der Kultur in den letzten vierhundert Jahren waren.

[ 62 ] Since that time, through innumerable channels, the hearts of men have received as an inflow, what was conceived by those who were initiated into the mysteries of the Holy Grail in the middle of the twelfth century; who had to hide themselves from the world under pseudonyms, but who were really the leaven preparing the culture of the last four hundred years,

[ 63 ] So leben in den okkulten Gesellschaften die Bewahrer großer Geheimnisse und derjenigen Kräfte, die fortwirken in der Menschheitsentwickelung. Nur andeuten kann ich, was da eigentlich vorliegt; denn die Sache selbst geht tief, tief in das okkulte Gebiet hinein.

[ 63 ] The guardians of great secrets, of those forces which continually influence human developments live in the occult brotherhoods. I can only hint at what is really involved, because the matter itself goes very deeply into the occult realm.

[ 64 ] Für diejenigen, welche wirklich den Zugang zu solchen Mysterien gewinnen, ergibt sich als praktische Konsequenz ein freier Überblick über dasjenige, was [in der Zukunft] in der Welt geschieht.

[ 64 ] For those who really gain access to such mysteries, one practical result is a clearer perspective of world happenings [in the future].

[ 65 ] Langsam und allmählich greifen in den gegenwärtigen Entwickelungszyklus der Menschheit die organischen, die lebendigen Kräfte ein. Es wird eine Zeit kommen, so phantastisch es auch dem heutigen Menschen erscheinen mag, wo der Mensch nicht mehr nur Bilder malen, nicht mehr nur leblose Skulpturen anfertigen wird, sondern wo er imstande sein wird, dasjenige lebendig zu erschaffen, was er heute nur malen, mit Farbe und Meißel gestalten kann.

[ 65 ] Slowly but surely the organic, the living forces intervene in the present-day cycle of humanity's development. There will come a time—however fantastic this might seem to contemporary people—when man will no longer paint only pictures, will no longer make only lifeless sculptures, but will be in a position to breathe life into what he now merely paints, merely forms with colours or with a chisel.

[ 66 ] Was aber weniger phantastisch erscheinen wird, ist die Tatsache, daß schon heute im Wirken des sozialen Lebens die erste Morgenröte der Verwendung der lebendigen Kräfte beginnt: das eigentliche Geheimnis, das sich um den Gral herumschlingt. Das letzte Ereignis auf sozialem Gebiet, das durch die alte Maurerei herbeigeführt wurde, war die Französische Revolution, in der mit den Ideen Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit konsequent die Grundidee der alten Maurerei auf sozialem Gebiete in die Öffentlichkeit kam. Die das wissen, wissen auch, daß durch unzählige Kanäle die Ideen, die vom Gral ausgegangen sind, verbreitet wurden und die eigentlich wirkenden Kräfte in der Französischen Revolution waren.

[ 66 ] However, what will appear less fantastic is the fact that today the first dawn is already beginning, for the use of these living forces in the affairs of social life- that is the real secret surrounding the Grail. The last event brought about in the social sphere by the old Freemasonry was the French Revolution, in which the basic idea of the old Freemasonry came into the open in the social sphere with the ideas of equality, liberty and fraternity as its corollaries. Whoever knows this also knows that the ideas which emanated from the Grail were propagated through innumerable channels, and constituted the really active force in the French Revolution.

[ 67 ] Nur als ein mißglückter, als ein unmöglicher Versuch, als letzter, ich möchte sagen, verzweifelter Kampf innerhalb der zu Ende gehenden Menschheitswelle steht das da, was man heute Sozialismus nennt. Er kann ein wirklich positives Resultat nicht herbeiführen. Was durch ihn erreicht werden soll, kann nur durch das lebendige Wirken erreicht werden; die Säule der Stärke genügt nicht. Der Sozialismus kann nicht mehr durch unlebendige Kräfte bemeistert werden. Die Ideen der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren die letzten Ideen, die aus dem Unlebendigen flossen. Unfruchtbar, dem Sterben geweiht ist alles dasjenige, was noch in demselben Geleise bleibt. Denn das heute in der Welt bestehende große Übel, das ungeheure Elend, das mit so furchtbarer Gewalt zum Ausdruck kommt in dem, was man die soziale Frage nennt, kann nicht mehr mit dem Unlebendigen gemeistert werden. Dazu bedarf es einer königlichen Kunst; und diese königliche Kunst ist es, die inauguriert worden ist in dem Symbol des Heiligen Gral.

[ 67 ] What is today called socialism exists only as an abortive and impossible experiment, as a final, I may say desperate, struggle in a receding wave of humanity's [development]. It cannot bring about any really positive result. What it sets out to achieve, can only be achieved through living activity; the pillar of strength is not enough. Socialism can no longer be controlled with inanimate forces. The ideas of the French Revolution—liberty, equality, fraternity were the last ideas to flow out of the inanimate. Everything that still runs on that track is fruitless and doomed to die. For the great evil existing in the world today, the dreadful misery that expresses itself with such frightful force, that is called the social question, can no longer be controlled by the inanimate. A Royal Art is needed for that; and it is this Royal Art which was inaugurated in the symbol of the Holy Grail.

[ 68 ] Der Mensch muß durch diese königliche Kunst etwas in seine Hand bekommen, was ähnlich ist derjenigen Kraft, die in der Pflanze sproßt, derjenigen Kraft, die der Magier verwendet, wenn er die Pflanze, die vor ihm steht, schneller wachsen macht. In ähnlicher Weise muß von dieser Kraft ein Teil verwendet werden zum sozialen Heil. Diese Kraft, die beschrieben worden ist von solchen, die etwas von den rosenkreuzerischen Geheimnissen wissen, wie zum Beispiel von Bulwer in seinem Zukunftsroman «Vril», ist gegenwärtig aber noch in elementarem Keimzustande. Sie wird in der Freimaurerei der Zukunft der eigentliche Inhalt der höheren Grade sein. Die königliche Kunst wird in der Zukunft eine soziale Kunst sein.

[ 68 ] Through this Royal Art, man must acquire control of something similar to the force which sprouts in the plant, the same force that the occultist uses when he accelerates the growth of a plant in front of him. In a similar way, a part of this force must be used for social salvation. This power, which is described by those who know something of the Rosicrucian mysteries—as for example did Bulwer Lytton in his futuristic novel Vril24The Right Hon. Lord Lytton, The Coming Race, George Routledge and Sons, London, 1870. Translated into German by Gunther Wachsmuth at Rudolf Steiner's instigation, Stuttgart, 1922, under the title: Vril oder eine Menschheit der Zukunft.

In an answer to a question put to Rudolf Steiner at the end of a lecture held in Leipzig, 13th October 1906, regarding the meaning of Vril, he said the following:
is at present still in an elementary, germinal, stage. In the Freemasonry of the future, it will be the real content of the higher degrees. The Royal Art will in the future be a social art.

[ 69 ] Wiederum - ich möchte sagen, wegen des Umfassenden, Umspannenden der Idee - muß ich etwas sagen, was Uneingeweihten phantastisch erscheinen wird. Ewig, unvergänglich ist dasjenige, was der Mensch als die von seiner Seele ausgehende Form dem Stoffe auf unserem Erdenrund aufprägt. Wenn auch äußerlich der geformte Stoff zerfällt, unvergänglich ist dasjenige, was die königliche Kunst seit uralten Zeiten in Pyramiden, Tempeln und Kirchen geformt hat. Was der Menschengeist im Stoff geformt hat, das bleibt als fortwirkende Kraft in der Welt vorhanden. Das wird dem vollständig klar, der in solche Dinge eingeweiht wird. Der gotische Dom von Köln zum Beispiel vergeht; daß aber die Atome einmal in dieser Form da waren, ist von weittragender Bedeutung. Diese Form selbst ist das Unvergängliche, das fortan im Fortentwickelungsgange der Menschheit so mitwirkt wie die lebendige Kraft, die in der Pflanze ist, im Fortentwickelungsgang der Natur! Der Maler, der heute ein Bild malt, der sein Seelenblut in den toten Stoff hineinprägt, er schafft auch etwas, was in mehr oder weniger kurzer Zeit in tausend Atome zerstoben sein wird. Daß er es aber geschaffen hat, daß in den Stoff etwas aus seiner Seele eingeflossen ist, daß überhaupt etwas geformt worden ist, das hat einen unvergänglichen, bleibenden Wert, das hat Ewigkeitswert.

[ 69 ] Again, I have to tell you something which will seem fantastic to the uninitiated, on account, I may say, of the comprehensive, all-embracing range of the idea. What man prints as a form deriving from his soul on the matter of this earth Round is eternal, it will not pass away. Even though the matter thus given form outwardly decays, what the Royal Art has given form to, in pyramids, temples and churches, is imperishable. What the human spirit has given shape to, in matter, will remain present in the world as a continuing force. That is completely clear to those who are initiated in such matters. Cologne's Gothic cathedral will, for example, pass away; but it is of far reaching significance that the atoms were once in this form. This form itself is the imperishable thing that will henceforth participate in the ongoing evolutionary process of humanity, just as the living force that is in the plant participates in the evolution of Nature! The painter, who paints a picture today, who prints dead matter with his soul's blood, is also creating something which will sooner or later be disposed in thousands of atoms. What has imperishable and continuing value, what is eternal, is that he has created, that something from his soul has flowed into matter.

[ 70 ] Auch die Staaten und alle anderen Gemeinschaften der Menschen entstehen und vergehen vor unseren Augen. Aber was die Menschen aus ihrer Seele heraus als solche Gemeinschaften gebildet haben, das sind die von den Menschen hineingelegten Ideen mit Ewigkeitswert, mit ewig fortwirkender Bedeutung. Und wenn dieses Menschengeschlecht in neuer Form einst wieder auf der Erde erscheinen wird, dann wird es die Früchte dieser Elemente von Ewigkeitswert erblicken.

[ 70 ] States and all other human communities come and go before our eyes. But what men have formed out of their souls, as such communities, constitute humanly-conceived ideas of eternal value, with an eternally enduring significance. And when this human race once again appears on the earth in a new form, then it will see the fruits of these elements of eternal value.

[ 71 ] Wer heute den Blick zum Sternenhimmel hinaufrichtet, der erblickt eine wunderbare Harmonie. Diese Harmonie ist geworden, sie war nicht immer da. Genau ebenso wie wir heute Stein auf Stein legen, wenn wir einen Dom bauen, Farbe neben Farbe setzen, wenn wir Bilder malen, Gesetz nach Gesetz ausprägen, wenn wir Gesellschaften organisieren, so haben einst auch bildende Wesenheiten gearbeitet an dem, was uns heute als Kosmos entgegentritt. Nicht Mond noch Sonne würden leuchten, kein Tier und keine Pflanze würde sich fortpflanzen, wenn nicht alles, was uns im Kosmos entgegentritt, von Wesen bearbeitet worden wäre, wenn nicht Wesen vorher gewesen wären, welche ebenso gearbeitet haben, wie wir heute an der Umformung des Kosmos arbeiten. Wie wir heute am Kosmos durch Weisheit, Schönheit, Stärke bauen, so haben einst auch die Wesenheiten, die nicht zum jetzigen Menschenreich gehören, am Kosmos gebaut.

[ 71 ] Today, whoever turns his gaze upwards to the starry heavens sees a wonderful harmony. This harmony has evolved, it was not always there. When we build a cathedral we place stone upon stone, when we paint a picture we place colour next to colour, when we organise a community we make law upon law; in exactly the same way, creative beings once worked upon what confronts us today as the cosmos. Neither moon nor sun would shine, no animal, no plant, would reproduce itself, unless everything we face in the cosmos had been worked upon by beings, unless there were such beings who worked as we work today on the remodelling of the cosmos. Just as we work on the cosmos today through wisdom, beauty and strength, so too did beings who do not belong to our present human Kingdom once work on the cosmos.

[ 72 ] Eine Harmonie ist immer das Ergebnis von Disharmonien früherer Zeiten. Wie die Steine zum griechischen Tempel geformt worden sind, wie sie dadurch in andere Formen überflossen und aus der verwirrenden Mannigfaltigkeit der geordnete Bau wurde, wie das Farbendurcheinander auf der Palette im Bilde sinnvoll zusammengestellt ist, so war das ganze Materielle chaotisch in anderen Verbindungen, bevor es der bildende Geist zu diesem Kosmos geformt hat. Auf neuer Stufe wiederholt sich dasselbe, und am klarsten selbst im Kleinsten wirkt nur derjenige richtig, der das Größte überschaut. Alles was in der Welt für den Fortschritt des Menschengeschlechts wirklich Bedeutung gehabt hat, ist mit Umsicht und Einsicht, mit Einweihung in die großen Gesetze des Weltenplanes entstanden. Was der Tag schafft, ist vergänglich. Unvergänglich aber ist dasjenige, was aus der Erkenntnis der ewigen Gesetze in den Tag hineingeschaffen wird. Aus der Erkenntnis der ewigen Gesetze in den Tag hineinschaffen, das bedeutet soviel wie frei maurern.

[ 72 ] Any harmony is always the outcome of the disharmony of an earlier time. Just as stones were given form for a Greek temple, just as they abounded in other forms, in a perplexing variety of forms, out of which they became a coordinated structure, just as the profusion of colours on the palette is meaningfully arrayed in a picture, so, in just the same way, all matter was in other chaotic relationships before the creating spirit transformed it into this cosmos. The same thing is recapitulating itself at a new level, and only he who sees the whole can work on the details correctly and clearly. Everything which has had real significance for humanity's progress in the world has been brought about with care and judgment and through initiation into the great laws of the world plan. What the day produces is ephemeral. What is created in the day through knowledge of the eternal laws is, however, imperishable. To create in the day through knowledge of the eternal laws is the same thing as Freemasonry.

[ 73 ] So sehen Sie, daß in der Tat dasjenige, was uns entgegentritt in Kunst, Wissenschaft und Religion, soweit es nicht ein Geschenk der Götter ist und sich im Symbol des Kreuzes ausdrückt, hervorgegangen ist aus freier Maurerei. Aus ihr ist entsprungen, was wirklich gebaut worden ist in der Welt. Daher hängt die Maurerei zunächst mit alledem zusammen, was Menschenhand in der Welt geformt hat, was aus dem rohen, unlebendigen Stoff die Kultur geschaffen hat. Gehen Sie auf das zurück, was die Kulturepochen im großen erzeugt haben, sehen Sie sich zum Beispiel Alomers Dichtungen an! Was ist in ihnen enthalten? Das, was die Eingeweihten den Menschen gelehrt haben als die großen, weltumspannenden Ideen. Die großen Künstler haben nicht ihren Stoff erfunden, sie haben vielmehr das, was die ganze Menschheit umspannt, in Formen gebracht. Ist ein Michelangelo denkbar ohne die christlichen Gedankenkräfte? Versuchen Sie in ähnlicher Weise dasjenige, was tiefe, wirklich einschneidende Bedeutung in der Kultur erlangt hat, auf seinen Ursprung zurückzuverfolgen, und Sie werden überall zurückgeführt werden auf dasjenige, was von der Initiation, von der Einweihung ausgegangen ist.

[ 73 ] Thus you see that what confronts us in art, science and religion, beyond what is given by the gods and expressed in the symbol of the Cross, is in fact brought about by Freemasonry, from which everything that has been properly built in the world derives. Freemasonry is thus intimately involved in everything that human hand has shaped in the world, with everything that culture has created out of raw, inanimate matter. Go back to the great things the cultural epochs have produced; consider, for example, the poems of Homer. What is contained in them? What the initiates have taught mankind in great world-embracing ideas. The great artists did not invent their topics, but rather gave form to what embraces all humanity. Is a Michaelangelo conceivable without the power of Christian concepts? Try in the same way to trace back to its origin whatever has achieved a really incisive cultural meaning, and you will in every case be led back to what has come from initiation [in the Mysteries].

[ 74 ] Alles muß schließlich durch eine Schule gehen. Die letzten vier Jahrhunderte waren auch eine Schule für die Menschheit: die Schule der Gottverlassenheit, in der es nur ein menschliches Probieren, von einem gewissen Standpunkte aus ein Zurückgehen auf das Chaos gibt. Heute probiert ein jeder, ohne daß er den Zusammenhang mit den höheren Welten kennt, mit Ausnahme derjenigen, die wieder den Zusammenhang mit den geistigen Welten gesucht und gefunden haben. Heute lebt fast jeder ganz für sich, ohne daß er etwas von dem wirklichen, alles durchdringenden gemeinsamen Aufbau merkt. Das hat auch die furchtbare Unbefriedigtheit auf allen Gebieten hervorgebracht.

[ 74 ] Everything must in the end undergo a schooling. The last four hundred years were in fact a schooling for humanity—the school of godlessness, in which there was purely human experimentation, a return to chaos if seen from a particular point of view. Everyone is experimenting today, without being aware of the connection with higher worlds—apart from those who have once more sought and found that connection with spiritual realms. Nearly everyone lives entirely for himself today, without perceiving anything of the real and all-penetrating common design. That of course is the cause of the dreadful dissatisfaction everywhere.

[ 75 ] Was uns not tut, ist eine Erneuerung des Gralsrittertums in einer modernen Form. Derjenige, der dem nähertreten kann, wird dadurch die wirklichen Kräfte kennenlernen, welche heute im Entwickelungsgang der Menschheit noch verborgen sind.

[ 75 ] What we need is a renewal of the Grail Chivalry in a modern form. Anyone who can approach this will thereby come to know the real forces which today are still lying hidden in the course of human evolution.

[ 76 ] Dasjenige, was heute zahlreiche Menschen, die die alten Symbole nehmen und sie nicht verstehen, in den Geschlechtssymbolen in mißverständlicher Weise hinstellen, kommt dem richtigen Verständnis des freimaurerischen Gedankens nicht nahe. Das Verständnis ist in dem zu suchen, was gerade die bloße Naturkraft ablöst: das Lebendige in ähnlicher Weise zu bemeistern und zu durchdringen, wie der Geometer das Unlebendige mit Lineal, Zirkel, Wasserwaage und so weiter bemeistert und durchdringt; das Lebendige so zu schaffen, wie derjenige, der einen Tempel baut, die unlebendigen Steine zusammenfügt. Das ist der große Zukunftsgedanke der Maurerei.

[ 76 ] Today so many people take up the old symbols without understanding them; what is thus made out of the sexual symbols in an uncomprehending way comes nowhere near to a correct understanding of masonic concepts. Such understanding is to be sought in precisely those things which redeem mere natural forces; in penetrating and mastering what is living in the same way that the geometrician penetrates and masters the inanimate with his rule, compasses, spirit level and so forth; and in working upon the living in the same way those who build a temple put the unliving stones together. That is the great masonic concept of the future.

[ 77 ] Es gibt in der Freimaurerei ein uraltes Symbol, das sogenannte Tau:

[ 77 ] There is a very ancient symbol in Freemasonry, the so-called Tau:

Tau

[ 78 ] Dieses Tau-Zeichen spielt in der Freimaurerei eine große Rolle. Es ist im Grunde genommen nichts anderes als das Kreuz, an dem der obere Balken weggelassen ist. Das Mineralreich ist weggelassen, um überhaupt das Kreuz zu bekommen; der Mensch beherrscht es bereits. Läßt man das Pflanzenreich in Aktion treten, so erhält man das nach oben gerichtete Kreuz...2Siehe unter Hinweise auf Seite 347. Das, was aus der Erde, aus der Seele heraus als Macht über die Erde sich entfaltet, ist das Symbol der zukünftigen Maurerei.

[ 78 ] This Tau sign plays a major role in Freemasonry. It is basically nothing else than a Cross from which the upper arm has been taken away. The Mineral Kingdom is excluded in order to obtain the Cross at all—man already controls that. If one lets the Plant Kingdom come into play [in Aktion treten] then one obtains the Cross directed upwards:25the Cross directed upwards. The explanations of the Tau symbol are fragmentary and the texts differ in their wording.

Text (a) has the following: ‘The Tau sign plays an important role in Freemasonry. It is basically nothing else than a Cross with the upper, arm taken away. In a figurative sense, therefore, the mineral realm has been omitted. But in order to arrive at the Cross at all, the plant kingdom must be brought into play, whereby one arrives at the upward pointing Cross.’

Text and symbol of (a) both seem questionable. Marie Steiner, who once made some preparatory corrections of (a), left off the symbol in its original form and replaced it with the following: ‘In order to arrive at the Cross at all, the plant kingdom must be brought into play, whereby the upward pointing Cross is obtained.’

In text (b) the following version is given: ‘This Tau sign plays an important role in Freemasonry. It is nothing else but the Cross. Only one of the beams is left off. The mineral kingdom has been left off in order to arrive at the Cross at all. If you allow the plant kingdom to come into play you get the upward pointing cross.’ In the shorthand version of this there is a gap after the words: ‘in order to arrive at the Cross at all.’ Instead, the symbol is inserted after ‘upwards pointing Cross,’ whereas it has been left out of the fair copy.

The text (d) only has:
‘The Tau plays an important role τ
It is nothing else than the Cross.
If the productive forces of the plant ...’ It is significant that the Tau symbol has been drawn, but not the reverse form, in a text which otherwise provides the greatest number of diagrams.

Text (f) has the following: ‘The Tau is the Cross, from which the upper beam has been removed. The mineral realm has been left off, man controls it already. For if one lets the plant realm come into play one arrives at (symbol). What develops out of the earth, out of the soul as power over the earth, is the symbol of future Freemasonry.’

The other texts do not contain a reference to this.
What unfolds itself from the earth, from the soul, as power over the earth, is the symbol of future Freemasonry.

[ 79 ] Wer meinen vorigen Vortrag über die Maurerei gehört hat, wird sich erinnern, wie ich damals anführte, daß in der freimaurerischen Legende von Hiram-Abiff erzählt wird, daß er an einem bestimmten Punkte mit dem Tau-Zeichen eingriff. Die Königin von Saba wünschte, daß er die Arbeiter, die am Tempelbau beschäftigt waren, nochmals zusammenrufe. Auf Salomos Wink erschienen niemals die in sozialer Gemeinschaft zusammenwirkenden Leute. Auf das Tau-Zeichen hin - von Hiram-Abiff erhoben - erschienen die Leute von allen Seiten. Dieses Tau-Zeichen symbolisiert eine ganz neue Macht, die auf die Freiheit gegründet ist und in der Erweckung einer ganz neuen Naturkraft besteht.

[ 79 ] Whoever heard my last lecture about Freemasonry26Double lecture on 23rd October 1905, for men and women separately (lectures 17 and 18). will remember my telling you about the Freemasonry legend of Hiram-Abiff, and how at a particular point he makes use of the Tau sign, when the Queen of Sheba wanted him to call together once more the workers engaged in building the Temple. Now the people working together in social partnership would never appear at Solomon's command; but at the signal of the Tau—which Hiram-Abiff raised aloft—they all appeared from all sides. The Tau sign symbolises a totally new power, based on freedom, and consisting in the awakening of a new natural force.

[ 80 ] An die Bemerkung, mit der ich das letzte Mal schloß, darf ich wohl jetzt nochmals anknüpfen. Ich sagte Ihnen, wozu die so große Bemeisterung der unlebendigen Natur führt. Ohne viel Phantasie kann man sich das, worum es sich handelt, mit einem Beispiel vor Augen führen: Die drahtlose Telegraphie wirkt in die Ferne von der Aufgabestelle zur Aufnahme-Empfangsstelle. Man kann da, wenn man will, den Apparat in Bewegung setzen und auf große Entfernungen Wirkungen auslösen und sich dadurch verständigen. Eine ähnliche Kraft, wie sie bei dieser drahtlosen Telegraphie wirkt, wird dem Menschen in späterer Zeit auch ohne Apparat zur Verfügung stehen, wodurch es ihm möglich sein wird, in weiter Entfernung große Verheerungen anzurichten, ohne daß man den Ausgangspunkt dieser Zerstörungen wird entdecken können. Wenn dann der Höhepunkt dieser Entwickelung erreicht sein wird, dann wird es schließlich dazu kommen, daß sie sich überschlägt.

[ 80 ] May I be allowed to resume at the remark with which I ended last time,27In the lecture of 28th December 1905 (unpublished as yet), Rudolf Steiner said: ‘Allow me to conclude my observations of the old year with an allusion I have made once before [in the lectures of December 1904, included in the present volume]. A major work of destruction is being carried out all around us, which could tell an observant person—even if he were not clairvoyant—that we stand at the beginning of a great work of destruction involving outer material [culture] as it has developed in recent centuries—for material development only goes up to a certain point.’ when I told you where such great control over inanimate Nature leads. Without much fantasy, one can show what is. involved by an example. Wireless telegraphy works across a distance from the transmitting station to the receiving station. The apparatus can be set to work at will, it is effective over great distances, and one can make oneself understood by it. A similar force to that by which wireless telegraphy works will be at man's disposal in a future age, without even any apparatus; this will make it possible to cause great devastation over long distances, without anyone being able to discover where the disturbance originated. Then, when the high point of this development has been reached, it will eventually come to the point where it falls back on itself.

[ 81 ] Was durch das Tau ausgedrückt wird, ist eine Triebkraft, die nur in Bewegung gesetzt werden kann durch die Macht der selbstlosen Liebe. Sie wird selbst dazu verwendet werden können, Maschinen zu treiben, welche aber stillstehen werden, wenn egoistische Menschen sie bedienen.

[ 81 ] What is expressed by the Tau is a driving force which can only be set in motion by the power of selfless love. It will be possible to use this power to drive machines, which will, however, cease to function if egoistical people make use of them.

[ 82 ] Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Kee/y einen Motor konstruiert hat, der nur ging, wenn er selbst dabei war. Er hat damit den Leuten nichts vorgemacht, denn er hatte in sich selbst jene treibende Kraft, die aus dem Seelischen hervorgeht und Mechanisches in Bewegung setzen kann. Eine Antriebskraft, die nur moralisch sein kann, das ist die Idee der Zukunft; die wichtigste Kraft, die der Kultur eingeimpft werden muß, wenn sie sich nicht selbst überschlagen soll. Das Mechanische und das Moralische werden sich durchdringen, weil dann das Mechanische ohne das Moralische nichts ist. Hart vor dieser Grenze stehen wir heute. Nicht bloß mit Wasser und Dampf, sondern mit spiritueller Kraft, mit spiritueller Moral werden in Zukunft die Maschinen getrieben werden. Diese Kraft ist symbolisiert durch das TauZeichen und wurde schon poetisch angedeutet durch das Bild des Heiligen Gral. Wie der Mensch nicht mehr nur angewiesen ist darauf, zu benützen, was ihm die Natur freiwillig hergibt, sondern wie er die Natur formt und umgestaltet, wie er zum Werkbaumeister des Unlebendigen geworden ist, so wird er zum Werkbaumeister des Lebendigen werden.

[ 82 ] It is perhaps known to you that Keely invented a motor28The American, John Worrell Keely (born 1837) caused much talk in the second half of the nineteenth century through the invention of the ‘self-motor,’ the so-called Keely Motor. A treatise on his experiments is to be found in H.P. Blavatsky's The Secret Doctrine, Volume 1, Book III (X ‘The Coming Force,’ pp. 554–556). Among the lectures of Rudolf Steiner there are several references to this subject, notably in the lecture given during the Great War on 20th June 1916: ‘Cosmic Being and Egohood’ (cycle C 43), where he says: ‘It was a concept still. Thank God it was only a concept at that time for, if this Keely's concept had become reality then, what would this war have become!’ Compare also the lecture given in Dornach on 1st December 1918, in In the Changed Conditions of the Times, Rudolf Steiner Publishing Company, 1941. which would only go if he himself were present. He was not deceiving people about this; for he had in him that driving force originating in the soul, which can set machines in motion. A driving force which can only be moral, that is the idea of the future; a most important force, with which culture must be inoculated, if it is not to fall back on itself. The mechanical and the moral must interpenetrate each other, because the mechanical is nothing without the moral. Today we stand hard on this frontier. In the future machines will be driven not only by water and steam, but by spiritual force, by spiritual morality. This power is symbolised by the Tau sign and was indeed poetically symbolised by the image of the Holy Grail.29Texts (a) and (b) have: ‘the Tau’ of the Holy Grail. The other texts do not have this passage, the image of the Holy Grail is Marie Steiner's correction; perhaps, however, it rests on an error in copying and it should read: ‘the Taube’ (i.e., ‘dove’) of the Holy Grail. Man is no longer merely dependent on what Nature will freely give him to use; he can shape and transform Nature, he has become the master craftsman of the inanimate. In the same way he will become the master craftsman of what is living.

[ 83 ] Als etwas, das erobert werden muß, steht das alte geschlechtliche Symbol am Ausgang der Maurerei. Wie wenn ein mit wild wachsendem Gras bedeckter, aus dem Felsen herausgeschlagener Stein hingestellt würde neben eine wunderbar ausgestaltete Statue eines Bildhauers, so können Sie das alte Geschlechtssymbol der Maurerei neben die neue Symbolik der zukünftigen Maurerei hinstellen. Das haben diejenigen, die einigermaßen eingeweiht waren in die königliche Kunst, gewußt. Zum Beispiel hat dies Goethe im zweiten Teil des «Faust» in der Episode des Homunkulus in wunderbarer Weise zum Ausdruck gebracht. Darin liegen noch viele Mysterien, die erst gehoben werden müssen.

[ 83 ] As something that must be conquered, the old sexual symbol stands at the turning point for Freemasonry. You could compare the old sexual symbol of the Freemasons with the new symbolism for future Freemasonry by the analogy of placing a rock struck from a cliff face and covered with rough grass next to a beautifully worked statue by a sculptor. Those who have been to some extent initiated into the Royal Art have been aware of this. Goethe, for instance, has expressed this marvelously in the Homunculus episode in the Second Part of Faust. There are still many mysteries30See in this context Rudolf Steiner's later lectures: The Problem of Faust, twelve lectures, Dornach, between 13th September 1916 and 19th January 1919. in that work, which remain to be revealed.

[ 84 ] Diese Dinge sollen darauf hinweisen, daß die Menschheit vor einer neuen Entwickelungsepoche der okkulten königlichen Kunst steht. Am wenigsten wissen diejenigen, die heute offiziell das Freimaurertum vertreten, was dieses zukünftige Freimaurertum sein wird. Am wenigsten wissen sie, daß etwas ganz Neues anstelle der alten, von ihnen so vielfach mißverstandenen Symbole treten wird, und daß diese eine ganz neue Bedeutung erhalten werden.

[ 84 ] All this indicates that humanity faces a new epoch in the development of the occult Royal Art. Those who officially represent Freemasonry today know the least about what this future Freemasonry will be. They are the least aware that something quite new will replace the old symbols they have so often misinterpreted, and that this will have an entirely new significance.

[ 85 ] So wahr es ist, daß in der Vergangenheit alles wirklich Große aus der königlichen Kunst hervorgegangen ist, so wahr ist es, daß alles wirklich Große der Zukunft aus der Pflege der königlichen Kunst hervorgehen wird. Gewiß, heute kann jeder Schuljunge den pythagoräischen Lehrsatz beweisen, entdecken konnte ihn nur Pythagoras, weil er Meister in der königlichen Kunst war. So ist es auch mit der Zukunft der königlichen Kunst. So sehen Sie, daß die maurerische Kunst an einem Wendepunkt der Entwickelung steht und daß sie im engsten Zusammenhange ist mit dem, was in der Gralsloge tätig war und was als Heil erscheinen kann in den furchtbaren Kämpfen, die uns heute umgeben.

[ 85 ] Just as it is true that everything of real importance in the past stems from the Royal Art, so it is also true that everything of real importance in the future will derive from the cultivation of the same source. Certainly, every schoolboy today can demonstrate the theorem of Pythagoras; only Pythagoras could discover it, because he was a master in the Royal Art. It will be the same in the Royal Art of the future. Thus you see that the masonic Art stands at a turning point in its development, and has the closest links with the work of the Lodge of the Grail, with what can appear as salvation in the dreadful conflicts all around us.

[ 86 ] Diese Kämpfe sind erst im Anfang. Die Menschheit weiß nicht, daß sie auf einem Vulkane tanzt. Aber sie tanzt auf einem Vulkan. Es beginnen diejenigen Revolutionen auf unserer Erde, die eine neue Phase der königlichen Kunst notwendig machen. Diejenigen, welche nicht gedankenlos dahinleben, werden wissen, was sie zu tun haben; werden wissen, daß sie mitzuwirken haben an der Entwickelung unserer Erde. Darum muß in gewisser Weise diese uralte königliche Kunst in einer neuen Form geschildert werden und das Uralte begleiten. In diesem Uralten liegt trotzdem eine unversiegliche Kraft. Die den neuen freimaurerischen Gedanken erfassen, werden wieder Funken schlagen aus den alten freimaurerischen Symbolen. Dann wird sich auch zeigen, daß das Herumstreiten über Johannes- oder Hochgradmaurerei keine Bedeutung hat gegenüber dem Bestreben der wahren Maurerei.

[ 86 ] These conflicts are only beginning. Humanity is unaware that it is dancing on a volcano. But it is so. The revolutions beginning on our earth make a new phase of the Royal Art necessary. Those people who do not drift thoughtlessly through life, will know what they have to do; that they have to participate in our earth's evolution. Therefore, from a certain point of view, this very ancient Royal Art must be represented in a new form to stand alongside of what is so ancient, in which there lies an inexhaustible force. Those who can grasp the new masonic ideas will strike new sparks from Freemasonry's ancient symbols. Then it will also become plain that contention between Craft and Higher Degree Freemasonry is meaningless set against the endeavours of real Freemasonry.

[ 87 ] Dazu ist notwendig — was uns zum Ausgangspunkte wieder zurückführt — die Frage zu beantworten: Was war die königliche Kunst bisher? — Diese königliche Kunst war bisher die Seele unserer Kultur. Und diese unsere Kultur hat zwei Grundeigenschaften. Einerseits ist sie aufgebaut auf diejenigen Kräfte in der menschlichen Seele, welche sich mit dem Unlebendigen beschäftigen, und andererseits auf diejenigen Kräfte unter den Menschen, die vorzugsweise dieses Bemeistern des Unlebendigen sich zu ihrer Aufgabe machen einfach vermittels der durch ihren Organismus hervorgerufenen Kräfte: das sind die Männer. Daher war die königliche Kunst bisher eine Männerkunst. Die Frauen waren daher ausgeschlossen und konnten nicht daran teilnehmen. Abgesondert, getrennt wurden die Arbeiten in den Logen verrichtet - wie im einzelnen, darauf kommt es nicht an - von dem, was sich auf die Familie, die Fortpflanzung der reinen Naturgrundlage des Menschengeschlechtes bezieht. In der Freimaurerei wurde daher ein Doppelleben geführt: die großen Ideen, die in der Loge zum Ausdruck kamen, durften nicht verquickt werden mit dem, was im Zusammenhange mit der Familie steht. Die Logenarbeit, als sich auf das innerste Seelenleben beziehend, lief neben der Pflege des Zusammenlebens in der Familie einher. Im Kampfe lag die eine Strömung mit der anderen. Ausgeschlossen waren die Frauen von der Maurerei. Das hörte in dem Augenblicke auf, als die Freimaurerei nicht mehr nach rückwärts schaute, sondern den Blick vorwärts richtete. Denn gerade dasjenige wurde als weibliche Strömung bezeichnet, was von außen [?] zufloß; dasjenige wurde von der Maurerei als etwas Priesterliches bezeichnet, was von Natur aus da war. Und das sah das Maurerische bisher als das Feindliche an.

[ 87 ] For this it is necessary to answer the question—and that brings us back to our starting point—‘What was the Royal Art up till now?’ The Royal Art was the soul of our culture. And this culture of ours has two basic ingredients. On the one hand, it is built up by those forces in the human soul which concern themselves with the inanimate; and on the other hand, by the forces of those people who make it their principal task to control the inanimate simply by means of the forces summoned up by their organism; and they are the men, hence the Royal Art has hitherto been a male art. Women were therefore excluded and could not take part in it. The tasks carried on in the Lodges were set apart, kept separate—the details do not matter—from everything related to the family or to the reproduction of the purely natural basis of the human race. In Freemasonry, a double life was led; the great ideas which came to expression in the Lodges were not to be mixed up with anything connected with the family. The work in the Lodges, being related to the inmost life of the soul, ran parallel to nurturing the social life of the family. The one current lay in conflict with the other. The women were excluded from Freemasonry. This ceased the instant that Freemasonry stopped looking backwards and turned its gaze forward. For it was precisely what flowed in from outside[?] which was seen as the female current; the Freemasons considered what came from Nature as something priestly. And hitherto Freemasonry had regarded that as hostile.

[ 88 ] Der Mann ist seiner Natur nach der Repräsentant der im Unlebendigen schaffenden Kraft, während die Frau die Repräsentantin der lebendig schaffenden, das Menschengeschlecht aus der Naturgrundlage heraus fortentwickelnden Kräfte darstellt. Dieser Gegensatz muß überwunden werden.

[ 88 ] Man is by his nature the representative of the force that works on the inanimate, whereas the woman is seen as the representative of the living creative force that continually -develops the human race from the basis in Nature. This antithesis must be resolved.

[ 89 ] Was in der Zukunft bewirkt werden soll, wird nur bewirkt werden können, wenn dasjenige in der Welt überwunden ist, was sich auf die alten Symbole stützt, die gerade im Geschlechtlichen ausgedrückt sind. Die heute veraltete Freimaurerei hat deshalb diese Symbole, weil sie gerade damit sagen will: dies müssen wir überwinden; aber es muß dieses Geschlechtliche bestehen bleiben draußen in den Institutionen, die sich auf das Natürliche beziehen; nur abgesondert kann man das überwinden. Der Baumeister, der Künstler, der Staatsmann, sie alle haben nichts zu tun - in ihrer Denkweise selbstverständlich, ich bitte das zu erwägen — mit der Naturgrundlage der Geschlechtlichkeit. Sie arbeiten alle mit dem Verstande, mit dem Intellekt, an der Bemeisterung der unlebendigen Kräfte. Das wird ausgedrückt in den freimaurerischen Symbolen. Diese Naturgrundlage in ferner Zukunft zu überwinden, die Kräfte des Lebendigen zu bemeistern — wie seit den fernen Zeiten der lemurischen Rasse der Mensch angefangen hat, die unlebendigen Kräfte zu bemeistern -, das wird in neuen Symbolen zum Ausdruck kommen. Dann wird nicht bloß im Gebiet des Leblosen, sondern auch im Gebiete des Lebendigen die Naturgrundlage überwunden werden.

[ 89 ] What has to be achieved in the future can only be brought about by overcoming everything in the world that relies upon .he old symbols, that are expressed precisely in what is sexual. The Freemasonry that is obsolete today has these symbols, but is also aware of the fact that we must overcome them. However, these sexual [symbols] must be kept in existence outside in the institutions that relate to what is natural and only in this division can the matter be resolved. Neither the architect nor the artist nor the statesman have anything to do—in their way of thinking, I ask you -o ponder that—with the basis of sexuality in Nature. They all labour to control inanimate forces with reason, with the intellect. That is expressed in the masonic symbols. Overcoming this basis in Nature in the far future, gaining control of the forces of life—as in the far-off times of the Lemurian race, man started to gain control of inanimate forces—that will be expressed in new symbols. Then the natural basis will have been conquered not only in the sphere of the inanimate, but also in the sphere of the animate.

[ 90 ] Wenn wir das bedenken, dann erscheinen uns die alten geschlechtlichen Symbole gerade als dasjenige, was im weitesten Sinne überwunden werden muß, und dann finden wir in dem Gedanken der Vereinigung von männlichen und weiblichen Geisteskräften dasjenige, was in Zukunft das Schaffende, das eigentlich Wirkende sein soll. Das äußere Ereignis für diesen Fortschritt in der Freimaurerei ist daher der Eintritt des weiblichen Geschlechtes.

[ 90 ] When we reflect on this, then the old sexual symbols appear to us as precisely what has to be overcome, in the broadest sense; and then we discover what in the future must be the creative and truly effective principle, in the concept of uniting both male and female spiritual forces. The outward manifestation of this progress in Freemasonry is therefore the admission of the female sex.

[ 91 ] Es gibt einen sinnigen Brauch in der Freimaurerei, der auf diese Sache Bezug hat. Wer in die Loge eingeführt wird, bekommt zwei Paar Handschuhe: das eine Paar, damit er es selbst anziehe, das andere Paar dagegen soll er derjenigen anziehen, die er am liebsten hat. Damit soll angedeutet werden, daß sich beide nur mit Handschuhen anfassen sollen, damit sinnliche Regungen nichts zu tun haben mit dem, was die Freimaurerei angeht. Auch in einem anderen Symbol ist dieser Gedanke ausgedrückt: Das Schurzfell ist das Symbol für die Überwindung des Sexuellen. Das wird zugedeckt mit dem Schurzfell. Wer diese tiefe Idee in der Freimaurerei nicht erkennt, wird auch keine Ahnung davon haben können, was das Schurzfell eigentlich bedeutet. Mit der Freimaurerei im engeren Sinn kann man das Schurzfell nicht in Verbindung bringen.

[ 91 ] There is a meaningful custom in Freemasonry which relates to this matter. Everyone inducted into the Lodge is given two pairs of gloves. He puts one pair on himself; the other pair is to, be put on the lady of his choice. By this is signified that the pair should only touch each other with gloves on, so that sensual impulses should have nothing to do with what applies to Freemasonry. This thought is also expressed in another symbol; the apron is the symbol for the overcoming of sexuality, which is covered by the apron. Those who do not know about this profound masonic idea will be unable to have any inkling of what the apron really means. One cannot bring the apron into line with Freemasonry in the narrow sense.

[ 92 ] Wir haben also auf der einen Seite die Überwindung des Natürlichen durch den frei schaffenden Geist, auf der anderen Seite aber auch die Trennung durch die Handschuhe. Die Handschuhe werden wir aber schließlich auch ausziehen können nach Überwindung des Niederen, mit Aufwendung der unmittelbaren freien geistigen Kraft beider Geschlechter. Dann wird wirklich erst dasjenige, was sich heute in der Geschlechtlichkeit äußert, schließlich überwunden sein. In einem freien, durchaus freien menschlichen Schaffen, in einem Zusammenwirken von Mann und Frau an dem großen Menschheitsbau werden die Handschuhe nicht mehr ausgeteilt werden, weil sie sich frei die Hände reichen können, weil jetzt Geist zu Geist spricht, nicht Sinnlichkeit zu Sinnlichkeit. Das ist die große Zukunftsidee.

[ 92 ] We thus have the conquest of the natural by the free creative spirit on the one hand, but the separation by means of the gloves, on the other. However, we could even take the gloves off in the end, once what is lower has been conquered by applying the immediate free spiritual forces of both sexes. Then only will what manifests itself today in sexuality be finally overcome. When human creation is free, completely free, when man and woman work together on the great structure of humanity, the gloves will no longer be distributed, for man and woman will be freely able to stretch out their hands to each other, because then spirit will be speaking to spirit, not sensuality to sensuality. That is the great idea of the future.

[ 93 ] Wenn heute jemand anknüpfen will an die alte Maurerei, so ist er nur dann auf der Höhe des freimaurerischen Gedankens für die Gestaltung der Zukunft des Menschengeschlechts, wenn er in diesem Sinne wirkt und trotz des Alters dieses Ordens Verständnis hat für das, was die Zeiten von uns fordern. Wenn es möglich sein wird, Verständnis zu finden für das, was man das Geheimnis der königlichen Kunst nennt, so wird zweifellos die Zukunft uns die Wiedergeburt der alten, guten, herrlichen, heute aber heruntergekommenen Freimaurerei bringen.

[ 93 ] If anyone today wants to enter the ancient Freemasonry, then he will only be at the high point of masonic thinking about the future shape of mankind if he works in this spirit, and if he understands what the times demand of us, regardless of what the Order was in antiquity. If it becomes possible to discover an understanding of what is called the secret of the Royal Art, then the future will undoubtedly bring us the rebirth of the old good and splendid Freemasonry, however decadent it is today.

[ 94 ] Einer der Wege, auf denen der Okkultismus in die Menschheit dringen wird, wird die wiedererstehende Freimaurerei sein. Gerade dadurch zeichnet sich das Allerbeste aus, daß es am meisten den Fehlern seiner Tugenden ausgesetzt ist. Und kann man auch heute die Freimaurerei nur als eine Karikatur der großen königlichen Kunst bezeichnen, so dürfen wir doch nicht verzagen in dem Bemühen, die in ihr schlummernden Kräfte wieder aufzuwecken: eine Arbeit, die uns obliegt auf einem Gebiete, das mit der theosophischen Bewegung parallel läuft. Wenn wir die Frage, die auf uns lastet, nicht pfuschermäßig betrachten, sondern wirklich aus den Tiefen des Weltwirkens erfassen wollen, wenn wir erfassen wollen, was in den Seelen der Geschlechter, im Kampfe der Geschlechter heute zum Ausdruck kommt, dann werden wir sehen, daß aus diesen Kräften die bildende Kraft für die Zukunft fließen muß.

[ 94 ] One of the ways in which occultism will permeate humanity will be through Freemasonry reborn. The very best things reveal themselves precisely through the faults of their own virtues. And although we can only look upon Freemasonry today as a caricature of the great Royal Art, we must nevertheless not lose heart in our endeavour to awaken its slumbering forces again, a task which is incumbent on us31Rudolf Steiner is referring here to the Section dealing with cult and symbolism of his Esoteric School which he was about to found. See in this connection: The Course of My Life,Chapter XXXII and which runs in a parallel direction to the theosophical movement. So long as we do not dabble in the question which weighs upon us, but really grapple with it out of the depths of our understanding of world events, make ourselves understand what is manifesting itself in the souls of the sexes, in the battle of the sexes, then we will see that it is out of these forces that the formative powers of the future must flow.

[ 95 ] Das alles, was man heute herumredet, ist nichts. Beantworten kann man diese Fragen nicht, wenn die Antwort nicht aus den Tiefen geschöpft wird. Was als soziale oder als Frauenfrage heute in der Welt existiert, ist nichts, wenn es nicht aus den Tiefen der Weltenkräfte erkannt und mit ihnen in Einklang gebracht wird.

[ 95 ] All today's chatter is nothing. These questions cannot be answered, unless the answer is drawn out of the depths. What exists in the world today as the social question or the question of woman, is nothing, unless it is understood out of the depths of world forces, and brought into harmony with them.

[ 96 ] So wahr es ist, daß große Taten in der Vergangenheit aus der Maurerei herausgeholt worden sind, so wahr ist es, daß die künftigen großen praktischen Taten aus den Tiefen der zukünftigen maurerischen Ideen herausgeholt werden müssen.

[ 96 ] Just as it is true that the great deeds of the past had their origin in Freemasonry, so is it also true that the great practical deeds of the future will be gained from the depths of future masonic ideas.