The Temple Legend and the Golden Legend
GA 93
2 January 1906, Berlin
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The Temple Legend and the Golden Legend, tr. SOL
20. Die königliche Kunst in einer neuen Form
20. The Royal Art in a New Form
[ 1 ] Heute möchte ich über einen Gegenstand zu Ihnen sprechen, der sehr vielen Mißverständnissen ausgesetzt ist und über den außerordentlich viele Irrtümer in der Welt verbreitet sind. Die meisten von Ihnen wissen, daß ich bei Gelegenheit unserer diesjährigen Generalversammlung über dasselbe Thema bereits gesprochen habe, und daß ich damals, einem alten okkulten Usus zufolge, vor Männern und Frauen getrennt vortrug. Aus bestimmten Gründen, die vielleicht aus dem Vortrage selbst noch klarer werden können, habe ich heute von diesem alten okkulten Usus Abstand genommen, und zwar deshalb, weil gerade die Gründe, die mich heute und auch damals bewogen haben, über diesen Gegenstand zu Ihnen zu sprechen, damit zusammenhängen, daß über kurz oder lang - hoffentlich über kurz — mit diesem alten Usus überhaupt gebrochen werden wird.
[ 1 ] Today I would like to talk to you about a subject that is subject to many misunderstandings and about which an extraordinary number of errors are spread throughout the world. Most of you know that I have already spoken on the same subject at this year's general meeting and that, in accordance with an old occult custom, I gave separate lectures to men and women. For certain reasons, which may become clearer from the lecture itself, I have decided not to follow this old occult custom today, because the reasons that prompted me to speak to you about this subject both then and now are connected with the fact that sooner or later—hopefully sooner—this old custom will be abandoned altogether.
[ 2 ] Ich sagte: viele Mißverständnisse sind über diesen Gegenstand verbreitet. Ich brauche aus meinem eigenen Leben nur auf eine Tatsache hinzuweisen, die Ihnen zeigen wird, daß es wirklich heute nicht gerade leicht ist, über geradezu abenteuerliche und abergläubische Vorstellungen hinauszukommen, die in bezug auf diese Sache existieren; und andererseits brauche ich nur darauf hinzuweisen, wie leicht es möglich ist, sich diesen außerordentlichen Dingen gegenüber ganz unglaublich zu blamieren.
[ 2 ] I said that many misunderstandings are widespread about this subject. I need only point to one fact from my own life to show you that it is really not easy today to get beyond the downright adventurous and superstitious ideas that exist in relation to this matter; and, on the other hand, I need only point out how easy it is to make oneself look completely ridiculous when dealing with these extraordinary things.
[ 3 ] Die Tatsache aus meinem Leben möchte ich einfach erzählen. Sie werden sie vielleicht kaum für glaublich halten, und dennoch ist sie wahr. Es sind jetzt vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre her, da war ich in einer Gesellschaft von Universitätsprofessoren und einigen recht begabten Dichtern. Unter den Professoren befanden sich auch einige Theologen von der Theologischen Fakultät der Universität des betreffenden Ortes. Es waren Katholiken. In dieser Gesellschaft wurde nun allen Ernstes folgendes erzählt. Von einem dieser Theologen, der ein sehr gelehrter Herr war, ging das nicht unbegründete Gerücht, daß er abends nicht mehr ausgehe, weil er glaube, daß da die Freimaurer herumgehen. Der Betreffende vertrat ein ausgebreitetes Fach. Aber nicht er war der Erzähler, sondern ein anderer. Der erzählte nun, daß während seiner Anwesenheit in Rom eine Anzahl von Mönchen eines bestimmten Ordens — es waren elf, zwölf oder dreizehn — sich anheischig gemacht haben, folgendes Geschehen zu beeiden.
[ 3 ] I would simply like to recount the fact from my own life. You may find it hard to believe, but it is true. Perhaps seventeen or eighteen years ago, I was in the company of university professors and some very talented poets. Among the professors were several theologians from the theological faculty of the university in that town. They were Catholics. In this group, the following story was told in all seriousness. There was a well-founded rumor about one of these theologians, who was a very learned gentleman, that he no longer went out in the evenings because he believed that Freemasons were out and about. The person in question represented a broad field of study. But he was not the narrator; another person told the story. He said that during his stay in Rome, a number of monks from a certain order—there were eleven, twelve, or thirteen of them—had undertaken to swear to the following story.
[ 4 ] In Paris hätte einmal ein sehr bedeutender Bischof eine Predigt gehalten, in welcher er über die furchtbare Gefahr des Freimaurerordens in der Welt sprach. Daraufhin trat nach der Predigt ein Mann zu ihm in die Sakristei und sagte, er wäre Freimaurer und er möchte ihm Gelegenheit geben, sich eine Versammlung des Bundes einmal anzusehen. Der Bischof willigte ein und sagte sich: Ich will mir aber einige geweihte Reliquien mitnehmen, damit ich geschützt bin. - Nun wurde ein Ort verabredet. Der Betreffende führte den Bischof in die Loge, wo ihm ein verborgener Platz angewiesen wurde, von dem aus er jedoch alles beobachten konnte, was sich da abspielte. Er setzte sich in Positur, hielt vor sich hin seine geweihten Reliquien und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Was er nun sah, wurde in der folgenden Weise erzählt; ich betone, daß unter denen, die damals in der Gesellschaft waren, einige dabei waren, die die Sache als diskutabel ansahen.
[ 4 ] In Paris, a very important bishop had once given a sermon in which he spoke of the terrible danger posed by the Masonic order in the world. After the sermon, a man approached him in the sacristy and said that he was a Freemason and would like to give him the opportunity to attend a meeting of the order. The bishop agreed and said to himself: “But I will take some sacred relics with me so that I will be protected.” A place was agreed upon. The man led the bishop into the lodge, where he was shown a hidden place from which he could observe everything that was happening. He sat down in position, held his sacred relics in front of him, and waited for what was to come. What he saw was recounted in the following manner; I emphasize that among those who were present at the time, there were some who considered the matter debatable.
[ 5 ] Die Loge wäre eröffnet worden - sie hätte in Wirklichkeit den Namen «Satansloge» getragen, während sie nach außen hin einen ganz anderen Namen hatte -, und es wäre eine merkwürdige Gestalt erschienen. Nach altem Usus — woher er den Usus wußte, hat er nicht erzählt — sei sie nicht gegangen; Geister gehen ja bekanntlich nicht, sondern sollen nach manchen Auffassungen gleiten. Diese merkwürdige Gestalt hätte die Sitzung eröffnet. Was dann vorgegangen wäre, wollte der Bischof absolut nicht erzählen, es wäre zu furchtbar gewesen. Er hätte aber die ganze Kraft der Reliquien angerufen, und da sei es wie Donnergepolter durch alle Reihen gegangen, der Ruf erscholl: Wir sind verraten! - und der, der die Sitzung gehalten hatte, verschwand. Kurz, es war ein glänzender Sieg der bischöflichen Kräfte über das, was da vermutlich getan werden sollte.
[ 5 ] The lodge had been opened—in reality it was called “Satan's Lodge,” although outwardly it had a completely different name—and a strange figure had appeared. According to ancient custom—he did not say where he knew this custom from—it did not walk; spirits, as is well known, do not walk, but according to some beliefs they glide. This strange figure had opened the meeting. The bishop absolutely refused to tell what happened next, saying it would be too terrible. But he had invoked all the power of the relics, and there was a sound like thunder rumbling through all the rows, and the cry rang out: “We are betrayed!” And the one who had held the meeting disappeared. In short, it was a brilliant victory of the episcopal powers over what was presumably supposed to be done there.
[ 6 ] Das wurde also [in der Gesellschaft] als eine ganz ernsthafte Sache diskutiert. Daraus mögen Sie ersehen, daß es in unserer Zeit Menschen gibt, die vielleicht gelehrtere Herren waren als manche andere, die große Namen haben, und die dennoch auf dem Standpunkt stehen, daß derartige Vorgänge sich in der Freimaurerei ereignen können.
[ 6 ] This was therefore discussed [in society] as a very serious matter. From this you can see that there are people in our time who were perhaps more learned than many others who have great names, and who nevertheless take the view that such things can happen in Freemasonry.
[ 7 ] Die Sache ist nun so, daß in der Mitte der achtziger Jahre ein französisches Buch erschienen ist, das in ganz grausiger Weise die Geheimnisse der Freimaurerei darstellt, allerdings mehr grausig als geheimnisvoll. Namentlich wurde in demselben darauf hingewiesen, wie die Freimaurer Teufelsmessen halten. Dieses Buch wurde in Szene gesetzt von einem französischen Journalisten namens Leo Taxil. Er hat besonders viel Staub aufgewirbelt dadurch, daß er dann noch eine Miss Vaughan als Zeugin ins Feld führte. Die Folge davon war, daß die Kirche die Freimaurer mit ihren nächtlichen Umtrieben für so gefährlich hielt, daß sie es für nötig fand, einen Weltbund gegen die Freimaurer ins Leben zu rufen. In Trient wurde eine Art Konzil abgehalten. Es war kein wirkliches Konzil, es wurde aber das zweite Trienter Konzil genannt. Es war von zahlreichen Bischöfen und Hunderten von Priestern beschickt; ein Kardinal präsidierte. [Der Kongreß wurde ein großer Erfolg für Taxil.] Dann wurden aber doch Gegenschriften verfaßt und daraufhin erklärte Herr Taxil, daß der ganze Inhalt seiner Bücher sowie die darin angeführten Personen eine Erfindung von ihm seien.
[ 7 ] The fact is that in the mid-1880s a French book was published that described the secrets of Freemasonry in a very gruesome manner, though more gruesome than mysterious. In particular, it pointed out how Freemasons hold devil's masses. This book was staged by a French journalist named Leo Taxil. He caused a particularly big stir by bringing in a Miss Vaughan as a witness. As a result, the Church considered the Freemasons and their nocturnal activities so dangerous that it found it necessary to establish a world alliance against Freemasonry. A kind of council was held in Trent. It was not a real council, but it was called the Second Council of Trent. It was attended by numerous bishops and hundreds of priests and presided over by a cardinal. [The congress was a great success for Taxil.] However, counter-writings were then composed, and Mr. Taxil declared that the entire content of his books and the persons mentioned in them were his invention.
[ 8 ] Sie sehen, es gibt genug Gelegenheiten, sich bei solchen Dingen eine große Blamage zuzuziehen. Dies war eine der schlimmsten Blamagen, die sich eine in der Welt weitverbreitete Körperschaft zugezogen hat. Daraus müssen Sie wenigstens den einen Schluß ziehen, daß man eigentlich recht wenig über die Freimaurerei weiß. Denn wüßte man sonderlich viel, könnte man sich leicht darüber untertichten, so wäre es selbstverständlich, daß solches Zeug nicht geredet und getan werden könnte.
[ 8 ] You see, there are plenty of opportunities to embarrass yourself in such matters. This was one of the worst embarrassments ever suffered by a widely respected organization. From this you must at least conclude that very little is actually known about Freemasonry. For if one knew a great deal about it, one could easily inform oneself, and it would be self-evident that such things could not be said or done.
[ 9 ] In weiteren Kreisen des Publikums herrscht ja heute diese oder jene Meinung über die Freimaurerei. Es ist heutzutage ja auch gar nicht so schwer, sich eine Meinung zu bilden, da doch eine ziemlich reiche Literatur besteht, die zum Teil von solchen geschrieben ist, die viele Dokumente erforscht haben, zum Teil aber auch Dinge enthält, von denen der Freimaurer sagen würde, daß sie von Verrätern in die Außenwelt gekommen seien. Wer sich mit dieser Literatur einigermaßen beschäftigt, wird sich von dem, um was es sich da handelt, einen gewissen Begriff machen. Indessen, einen richtigen Begriff davon zu bekommen ist ganz ausgeschlossen, und zwar deshalb, weil heute in noch erhöhterem Maße richtig ist, was Lessing, der selbst im Freimaurerbund war, gesagt hat. Als er nämlich aufgenommen worden war, fragte ihn der Meister vom Stuhl: Nun sehen Sie doch selbst, daß Sie in keine Dinge eingeweiht werden, die besonders staats- oder religionsfeindlich sind? — Und Lessing antwortete: Ja, ich muß gestehen, solche Dinge habe ich nicht erfahren. Ich wäre allerdings froh, wenn ich so etwas erfahren hätte, denn dann hätte ich doch wenigstens etwas erfahren.
[ 9 ] In wider circles of the public, there are various opinions about Freemasonry today. Nowadays, it is not difficult to form an opinion, as there is a wealth of literature on the subject, some of which has been written by people who have researched many documents, but some of which contains things that Freemasons would say were leaked to the outside world by traitors. Anyone who studies this literature to any extent will form a certain idea of what it is all about. However, it is quite impossible to gain a correct understanding of it, because what Lessing, who was himself a member of the Masonic Lodge, said is even more true today. When he was accepted, the Master of the Chair asked him: “Now you see for yourself that you are not being initiated into anything that is particularly hostile to the state or religion?” And Lessing replied: “Yes, I must confess that I have not learned such things. I would have been glad, however, if I had learned something, for then I would at least have learned something.”
[ 10 ] Das ist der Ausspruch eines Menschen, der mit richtigem Verstande die Sache ansehen konnte und der gestand, daß er durch das, was da getrieben worden ist, gar nichts erfahren hat. Sie können daraus aber wenigstens den Schluß ziehen, daß diejenigen, die außerhalb der Maurerei stehen, nichts wissen, daß aber auch diejenigen, welche innerhalb stehen, nichts Erhebliches wissen; sie kommen gewöhnlich zu dem Resultat, daß sie nichts besonderes profitiert haben. Und dennoch wäre es durchaus falsch, eine solche Schlußfolgerung zu ziehen.
[ 10 ] This is the statement of a man who was able to view the matter with a clear mind and who admitted that he had learned nothing from what had been done. From this, however, you can at least conclude that those who stand outside Freemasonry know nothing, but also that those who stand within it know nothing of significance; they usually come to the conclusion that they have gained nothing special. And yet it would be quite wrong to draw such a conclusion.
[ 11 ] Nun gibt es noch eine andere Meinung, die indessen nicht viel mit dem eigentlich Freimaurerischen zu tun hat. Es gibt eine Schrift, 1875 erschienen, worin der Verfasser behauptet, daß der erste Freimaurer Adam gewesen wäre. Man kann allerdings bei dem Suchen nach dem Stifter einer Genossenschaft kaum weiter zurückgehen als bis auf den ersten Menschen.
[ 11 ] Now there is another opinion, which, however, has little to do with Freemasonry itself. There is a book, published in 1875, in which the author claims that the first Freemason was Adam. Of course, when searching for the founder of a cooperative, one can hardly go back further than the first human being.
[ 12 ] Andere behaupten, daß die Freimaurerei eine alte ägyptische Kunst sei, kurz, dasjenige, was man immer die «Königliche Kunst» genannt hat, und auch diese wird von einigen bis in die urältesten Zeiten zurückgeführt. Endlich sind viele Riten —- so nennt man die Art und Weise, wie sich die Freimaurer symbolisch betätigen — mit ägyptischen Namen belegt, so daß Sie schon in diesen Namen den Hinweis darauf haben, daß es sich um etwas handelt, was aus der alten ägyptischen Kultur herrührt. Jedenfalls ist die Meinung in und außerhalb der Maurerei verbreitet, daß sie etwas Uraltes ist.
[ 12 ] Others claim that Freemasonry is an ancient Egyptian art, in short, what has always been called the “royal art,” and some trace this back to the most ancient times. Finally, many rites—the name given to the symbolic activities of Freemasons—have Egyptian names, so that these names alone indicate that they originate from ancient Egyptian culture. In any case, the opinion is widespread both within and outside Freemasonry that it is something ancient.
[ 13 ] Nun ist die Maurerei etwas, was den Menschen schon zum Nachdenken veranlassen kann. Selbst an den Namen knüpfen sich zwei voneinander ganz verschiedene Auffassungen. Die eine behauptet — und das ist keine sehr große Partei innerhalb der Freimaurer -, daß alle Maurerei aus der Werkmaurerei, aus der Kunst, Gebäude zu erstellen, hervorgegangen sei; während die andere Partei das für eine kindlichnaive Auffassung erklärt und behauptet, daß die Freimaurerei in Wahrheit immer eine seelische Kunst gewesen sei und die von der Werkmaurerei hergenommenen Symbole -— wie zum Beispiel Schurzfell, Hammer, Kelle, Meißel, Zirkel, Lineal, Winkelmaß, Senkblei, Wasserwaage und so weiter - als Sinnbilder für die innere Arbeit am Menschen selbst zu betrachten seien. So daß unter dem Ausdruck «Maurerei» nichts anderes als das Bauen an dem inneren Menschen, die Arbeit an der eigenen Vervollkommnung zu verstehen sei. Wenn Sie heute mit einem Freimaurer sprechen, so können Sie erleben, daß man Ihnen sagt, es sei eine kindlich-naive Anschauung, zu glauben, daß die Freimaurerei jemals etwas zu tun gehabt hätte mit Werkmaurerei. Es habe sich vielmehr niemals um etwas anderes gehandelt als um das Bauen an dem Wundertempel, der der Schauplatz der menschlichen Seele ist, um die Arbeit an dieser Menschenseele selbst, die vervollkommnet werden soll, und um die Kunst, die man dazu anwenden muß. Dies alles sei dann, um es nicht vor profanen Augen bloßzustellen, in diesen Symbolen ausgedrückt worden.
[ 13 ] Now, Masonry is something that can make people think. Even the name itself has two completely different interpretations. One claims—and this is not a very large group within Freemasonry—that all Masonry originated from masonry, from the art of building, while the other group dismisses this as a childishly naive view and claims that Freemasonry has always been a spiritual art and that the symbols taken from masonry—such as the apron, hammer, trowel, chisel, compass, ruler, set square, plumb line, spirit level, and so on—are to be regarded as symbols of the inner work on the human being himself. Thus, the term “Masonry” is to be understood as nothing more than building the inner man, working on one's own perfection. If you talk to a Freemason today, you will hear them say that it is a childishly naive view to believe that Freemasonry ever had anything to do with masonry. Rather, it has never been about anything other than building the temple of wonders that is the human soul, working on this human soul itself, which is to be perfected, and the art that must be used to achieve this. All of this was then expressed in these symbols so as not to expose it to profane eyes.
[ 14 ] Von unserem heutigen Gesichtspunkte aus aufgefaßt, sind beide Anschauungen ganz und gar falsch. Und zwar aus dem Grunde, weil bezüglich der ersten Anschauung, der heutige Mensch - wenn er davon spricht, daß die Freimaurerei aus der Werkmaurerei hervorgegangen sei - sich das nicht mehr so bedeutsam denkt als es eigentlich gedacht werden muß; und weil die zweite Anschauung, daß die Symbole nur dazu da sind, um als Sinnbilder der Arbeit an der Seele zu dienen — auch wenn sie von der Majorität des Freimaurerbundes wie etwas unumstößlich Sicheres hingestellt wird -, im richtigen Sinne aufgefaßt, ein Unsinn ist. Viel richtiger ist es, daß die Freimaurerei mit der Werkmaurerei zusammenhängt, indessen nicht in der Art und Weise, wie man die Maurerei und Baukunst heute auffaßt, sondern in wesentlich tieferem Sinne.
[ 14 ] From our present point of view, both views are completely wrong. This is because, with regard to the first view, modern man—when he says that Freemasonry originated from masonry—no longer thinks this is as significant as it actually is; and because the second view, that the symbols are only there serve as symbols of work on the soul — even if they are presented by the majority of the Masonic order as something incontrovertibly certain — is, when understood correctly, nonsense. It is much more correct to say that Freemasonry is connected with masonry, but not in the way that masonry and architecture are understood today, but in a much deeper sense.
[ 15 ] Es gibt innerhalb der Maurerei heute überall zwei Richtungen. Die eine ist vertreten durch die weitaus größere Anzahl derjenigen, die sich heute Maurer nennen. Und dieser weitaus größte Teil behauptet nun, daß alle Maurerei umfaßt werde durch das, was sie die sogenannte symbolische oder Johannesmaurerei nennen, die äußerlich zunächst dadurch charakterisiert wird, daß sie in die drei Grade zerfällt: den Lehrlings-, den Gesellen- und den Meistergrad; über das Innerliche werden wir gleich noch etwas zu sagen haben. Neben dieser Johannesmaurerei gibt es noch eine große Anzahl von Maurern, die behaupten, daß diese Johannesmaurerei nur ein Niedergangsprodukt der allgemeinen, großen maurerischen Idee sei. Ein Abfall von dieser großen maurerischen Idee sei es, wenn behauptet wird, es umfasse die Maurerei nur diese drei symbolischen oder Johannesgrade, während doch das Wesentliche, die große Bedeutung der Maurerei in den sogenannten Hochgraden liege, die am reinsten bewahrt seien in dem sogenannten schottischen oder angenommenen Ritus, in welchem in gewisser Beziehung konserviert werde das, was man den ägyptischen Ritus, den Misraim- oder Memphisritus nennt.
[ 15 ] There are two directions within masonry today. One is represented by the far greater number of those who call themselves masons today. And this vast majority now claims that all Masonry is encompassed by what they call symbolic or Johannine Masonry, which is characterized outwardly by its division into three degrees: the apprentice, the journeyman, and the master; we will have something to say about the inner aspects in a moment. Alongside this Johannine Masonry, there is still a large number of Masons who claim that this Johannine Masonry is only a product of the decline of the general, great Masonic idea. They claim that it is a departure from this great Masonic idea to assert that Masonry comprises only these three symbolic or Johannine degrees, when the essence and great significance of Masonry lie in the so-called high degrees, which are preserved in their purest form in the so-called Scottish or accepted rite, in which what is called the Egyptian rite, the Misraim or Memphis rite, is preserved in a certain respect.
[ 16 ] So haben wir zwei einander entgegenstehende Richtungen: die Johannesmaurerei und die Hochgradmaurerei. Die Johannesmaurer behaupten, daß die Hochgradmaurerei nichts weiter sei als ein Firlefanz, gegründet auf menschliche Eitelkeit, die sich darin gefällt, etwas Besonderes, geistig Aristokratisches für sich zu haben durch das Hinaufsteigen von Grad zu Grad, und damit groß zu tun, im Besitze des 18., 20. oder noch höheren Grades zu sein.
[ 16 ] Thus, we have two opposing directions: Johannine Freemasonry and high-degree Freemasonry. The John Masonry claim that high degree Masonry is nothing more than a farce, based on human vanity, which takes pleasure in having something special, something spiritually aristocratic, by climbing from degree to degree and making a big deal of being in possession of the 18th, 20th or even higher degrees.
[ 17 ] Sie haben jetzt schon ein ziemliches Bündel von Dingen kennengelernt, die geeignet sind, Mißverständnisse herbeizuführen.
[ 17 ] You have now learned quite a few things that are likely to cause misunderstandings.
[ 18 ] Die Hochgradmaurerei führt sich zurück auf die alten Mysterien, auf die Einrichtungen, wie sie von unserer Theosophie, soweit es möglich ist, beschrieben worden sind und beschrieben werden: auf Einrichtungen, wie sie in uralten Zeiten bestanden haben und auch heute noch bestehen, und die den Menschen das höhere übersinnliche Wissen bewahrten. Dieses dem Menschen zugängliche übersinnliche Wissen wurde jenen, die Zugang gewinnen konnten zu diesen Mystetienstätten, vermittelt, indem in ihnen gewisse übersinnliche Kräfte entwickelt wurden, die die Anschauung der übersinnlichen Welt ermöglichten. Innerhalb dieser Urmysterien - sie sind heute anders geworden und wir wollen darüber jetzt nicht sprechen - waren auch die Urkeime enthalten für alle spätere Geisteskultur. Denn, was in diesen Urmysterien vorgeführt worden ist, war nicht dasjenige, was heute die menschliche Kultur ausmacht.
[ 18 ] High degree Masonry traces its origins back to the ancient mysteries, to the institutions as they have been described and are described, as far as possible, by our Theosophy: to institutions that existed in ancient times and still exist today, and which preserved higher, supersensible knowledge for mankind. This supersensible knowledge accessible to human beings was imparted to those who were able to gain access to these mystery centers by developing certain supersensible powers that enabled them to perceive the supersensible world. Within these ancient mysteries—which have changed today, and we do not wish to discuss them now—were also contained the primordial seeds of all later spiritual culture. For what was presented in these primordial mysteries was not what constitutes human culture today.
[ 19 ] Wenn Sie die heutige Kultur erfassen wollen, und sich in sie vertiefen, so werden Sie finden, daß sie in drei Gebiete zerfällt: in das Gebiet der Weisheit, das Gebiet der Schönheit und das Gebiet der Stärke. In diesen drei Worten ist in der Tat der ganze Umfang der Geisteskultur enthalten. Man nennt sie daher auch die drei Säulen der menschlichen Kultur. Sie sind dasselbe wie die drei Könige in Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie: der goldene, der silberne und der eherne König. Damit hängt es zusammen, daß man die Freimaurerei die «Königliche Kunst» nennt. Heute sind diese Kulturgebiete voneinander getrennt. Die Weisheit ist im wesentlichen in dem enthalten, was wir Wissenschaft nennen; die Schönheit ist im wesentlichen in dem inkarniert, was wir die Kunst nennen; und was man, freimaurerisch gesprochen, die Stärke nennt, ist enthalten in dem gegliederten, organisierten sozialen Zusammenleben der Menschen in dem Staate. Das alles faßt der Maurer zusammen als das Verhältnis des Willens zu diesen drei Gliedern: Weisheit, Schönheit, Stärke.
[ 19 ] If you want to understand today's culture and delve deeper into it, you will find that it falls into three areas: the realm of wisdom, the realm of beauty, and the realm of strength. These three words indeed encompass the entire scope of spiritual culture. They are therefore also called the three pillars of human culture. They are the same as the three kings in Goethe's fairy tale of the green snake and the beautiful lily: the golden, silver, and bronze kings. This is why Freemasonry is called the “royal art.” Today, these areas of culture are separated from one another. Wisdom is essentially contained in what we call science; beauty is essentially embodied in what we call art; and what, in Masonic terms, is called strength is contained in the structured, organized social coexistence of people in the state. The Mason summarizes all this as the relationship of the will to these three elements: wisdom, beauty, and strength.
[ 20 ] Was sie den Menschen geben sollten, floß in uralten Zeiten den Mysterienkandidaten aus der Anschauung der Mysteriengeheimnisse zu. Wir blicken da auf eine Zeit zurück, in der es Religion, Wissenschaft und Kunst noch nicht getrennt gegeben hat, sondern wo sie noch vereinigt waren. In der Tat, wer übersinnlich, astral anzuschauen vermag, hat die drei Glieder nicht getrennt vor sich: Weisheit, Schönheit und der Umkreis der Willensimpulse sind für ihn eine Einheit. Auf den höheren Gebieten des Schauens gibt es keine abstrakte Wissenschaft. Es gibt nur eine solche, die in Bildern, in dem lebt, was nur ein schattenhaftes Dasein in der Welt hat, und schattenhaft in der Imagination zum Ausdruck kommt. Nicht beschrieb man das, was in abstrakter Weise in Büchern, in dieser oder jener Schöpfungsurkunde zu lesen ist [über den Ursprung der Welt und des Menschen], sondern man führte es in lebendigen Bildern, farbenprächtig und tönend, an dem Auge des Schülers vorbei. Und was er da als Weisheit empfand, das war zu gleicher Zeit Kunst und Schönheit, war das, was in einem noch viel höheren Maße die Gefühle erregte, die wir haben, wenn wir vor erhabenen Kunstwerken stehen. Wahrheits- und Schönheitstrieb, Weisheits- und Kunsttrieb und auch das religiöse Moment haben sich gleichzeitig entwickelt. Das Künstlerauge schaute auf zu dem, was sich [in den Mysterien] abspielte, und der, welcher fromm sein wollte, fand in diesen höheren Vorgängen, die vor seinen Augen sich abspielten, den Gegenstand seiner religiösen Inbrunst. Religion, Kunst, Wissenschaft waren eins.
[ 20 ] What they were supposed to give to people flowed in ancient times to the candidates for the mysteries from the contemplation of the mysteries' secrets. We look back to a time when religion, science, and art did not yet exist separately, but were still united. Indeed, those who are able to see supersensually, astrally, do not see the three elements as separate: wisdom, beauty, and the sphere of the will's impulses are one for them. In the higher realms of perception, there is no abstract science. There is only one that lives in images, in what has only a shadowy existence in the world and is expressed shadowy in the imagination. They did not describe what can be read in an abstract way in books, in this or that account of creation [about the origin of the world and of man], but presented it in living images, colorful and resounding, before the eyes of the student. And what he perceived as wisdom was at the same time art and beauty, was what aroused in him, to an even greater degree, the feelings we have when we stand before sublime works of art. The drive for truth and beauty, the drive for wisdom and art, and also the religious element developed simultaneously. The artist's eye looked up to what was happening [in the mysteries], and those who wanted to be pious found the object of their religious fervor in these higher processes taking place before their eyes. Religion, art, and science were one.
[ 21 ] Dann kam die Zeit, in der sich diese Einheit in drei Kulturgebiete trennte, die Zeit, in der der Verstand seine eigenen Wege ging. In der Zeit, wo die Mysterien, die ich eben geschildert habe, ihre Bedeutung verloren, entstand die Wissenschaft. Sie wissen, daß die abendländische Philosophie und Wissenschaft, die eigentliche Wissenschaft mit Tales beginnt. Das ist die Zeit, als sie sich aus der einstigen Fülle des Mysterienlebens heraus entwickelte. Da begann auch das, was man im abendländischen Sinne als Kunst auffaßt: aus den Mysterien heraus entwickelte sich dann die griechische dramatische Kunst. Während man es in Indien bis zum ägyptischen Kultus zu tun hatte mit der leidenden und sterbenden Gottheit, hat man es bei den großen griechischen Tragödiendichtern - bei Äschylos, Sophokles und so weiter — mit einzelnen Personen zu tun, welche Abbilder sind der großen Gottheit, durch welche der Mysterienschüler in seinen Dramen die leidende, kämpfende, darbende Gottheit rekonstruiert und so den Gott den schauenden Menschen vorführt in seinen menschlichen Abbildern.
[ 21 ] Then came the time when this unity split into three cultural areas, the time when the intellect went its own way. At the time when the mysteries I have just described lost their meaning, science arose. You know that Western philosophy and science, true science, began with Thales. That is the time when it developed out of the former fullness of the mystery life. This was also when what we understand as art in the Western sense began: Greek dramatic art developed out of the mysteries. While in India, up until the Egyptian cult, one had to deal with the suffering and dying deity, in the great Greek tragedies — in Aeschylus, Sophocles, and so on — one has to deal with individual persons, who are images of the great deity, through whom the mystery student reconstructs the suffering, struggling, starving deity in his dramas and thus presents God to the viewing human being in his human images.
[ 22 ] Wer verstehen will, was Aristoteles mit der Reinigung, der Katharsis meinte, der muß den Begriff aus dem Astralen, aus den Geheimnissen der Mysterien heraus erklären. Die Ausdrücke, die er [als Erklärung] für die Tragödie gebraucht, sind ein schattenhafter Abglanz dessen, was der Schüler in den Mysterien lernte. Erinnern Sie sich, wie Lessing nachforschte über die Seelenkräfte der Furcht und des Mitleids, die durch die Tragödie erregt werden sollen. Das hat seit Lessing den Gegenstand für manche große und gelehrte Diskussion abgegeben. In Wahrheit wurden diese Gefühle in [dem Mysterienschüler] erregt, wenn ihm der Gott in seinem Weltengange vorgeführt wurde. Da wurden die Leidenschaften, die in der Menschenseele vorhanden sind, geradezu aufgerüttelt, herausgeholt, wie man ein Fieber herausholt, und bis zu ihrem Höhepunkt gebracht. Dadurch trat die Reinigung ein, um dann zur Wiedergeburt schreiten zu können. Das alles trat in schattenhaften Abbildern in den alten griechischen Tragödien auf. Ebenso wie die Wissenschaft, so hat sich auch die Kunst aus diesen alten Mysterien heraus entwickelt.
[ 22 ] Anyone who wants to understand what Aristotle meant by purification, by catharsis, must explain the concept from the astral, from the secrets of the mysteries. The expressions he uses [as an explanation] for tragedy are a shadowy reflection of what the student learned in the mysteries. Remember how Lessing investigated the soul forces of fear and compassion that are to be aroused by tragedy. Since Lessing, this has been the subject of many great and learned discussions. In truth, these feelings were aroused in [the mystery student] when the god was presented to him in his world journey. There, the passions that are present in the human soul were literally stirred up, brought out, as one brings out a fever, and brought to their climax. Through this, purification took place, so that rebirth could then proceed. All this appeared in shadowy images in the ancient Greek tragedies. Just like science, art also developed out of these ancient mysteries.
[ 23 ] Auf diese alten Mysterien leiten die Hochgradmaurer ihren Ursprung zurück. In ihren Hochgraden haben sie nichts anderes als eine Nachbildung der Hochgrade der Mysterien, in welche die Mysterienschüler nach und nach eingeweiht worden sind. Nun können wir es auch begreifen, warum sich die Johannesmaurerei so sehr darauf versteift, daß es solche Hochgrade nicht mehr geben soll. Tatsächlich haben innerhalb der Freimaurerei in den letzten Jahrhunderten die Hochgrade mehr oder weniger ihre Bedeutung verloren. Was sich in den letzten Jahrhunderten in der Kultur abgespielt hat, ist zum groBen Teil ohne Impuls von dieser Seite gekommen. Aber es gab eine Zeit, in welcher gerade von dem, was die Freimaurerei sein soll, die großen Kulturimpulse ausgegangen sind. Um das zu verstehen, müssen wir ein klein wenig tiefer hineinschauen in ein Zeitalter, auf das ich hier schon öfter hingewiesen habe, heute aber in freimaurerischem Sinne hinweisen möchte: nämlich auf das 12. Jahrhundert unserer europäischen Kulturentwickelung.
[ 23 ] High-degree Masons trace their origins back to these ancient mysteries. In their high degrees, they have nothing more than a replica of the high degrees of the mysteries into which the mystery students were gradually initiated. Now we can also understand why Johannine Freemasonry is so adamant that such high degrees should no longer exist. In fact, within Freemasonry, the high degrees have more or less lost their significance in recent centuries. What has taken place in culture in recent centuries has largely come about without any impetus from this quarter. But there was a time when the great cultural impulses came precisely from what Freemasonry is supposed to be. To understand this, we must look a little deeper into an age to which I have often referred here, but which I would like to refer to today in a Masonic sense: namely, the 12th century of our European cultural development.
[ 24 ] Damals spielte für die ganze moderne Kultur der Okkultismus, der unter den mannigfaltigsten Namen auftrat, eine viel größere Rolle, als man sich das heute überhaupt denken kann. Aber alle diese verschiedenen Namen tun heute nichts mehr zur Sache, und ich will Ihnen auch sagen, warum. An einem Beispiel aus der Freimaurerei selbst will ich Ihnen zeigen, warum diese Namen nichts Wesentliches zum Verständnis der Sache beitragen.
[ 24 ] At that time, occultism, which appeared under a wide variety of names, played a much greater role in modern culture than we can imagine today. But all these different names are irrelevant today, and I will tell you why. I will use an example from Freemasonry itself to show you why these names do not contribute anything essential to our understanding of the matter.
[ 25 ] Das, was ich nun erzähle, kann jeder, der Lehrling in der Freimaurerei wird, schon erleben, und da diese Dinge wenigstens dem Namen nach bekannt sind, so kann ich das wohl auch sagen.
[ 25 ] What I am about to tell you is something that every apprentice in Freemasonry experiences, and since these things are at least known by name, I can safely say this.
[ 26 ] Ein üblicher Brauch ist das sogenannte «Decken». Wenn die Loge eröffnet wird, der Meister seinen Platz eingenommen hat und der Türaufseher an der Türe steht, dann ist die erste Frage des Meisters: Bruder Aufseher, ist die Loge gedeckt? — Der Maurer, die diesen Ausdruck: «Ist die Loge gedeckt?» — verstehen, sind wahrscheinlich sehr wenige. Da aber die Sache einfach ist, so kann ich Ihnen die Erklärung dieses Ausdrucks schon geben. Damals, in der Zeit, von der ich spreche, hieß Freimaurer sein soviel wie in heftigster Opposition zu stehen gegen alles, was die äußere, offizielle Macht hat. Daher war es notwendig, daß das Wirken des Freimaurerordens mit außerordentlich großer Vorsicht gepflegt wurde. Gerade aus diesem Grunde war es damals notwendig, daß die Freimaurerei unter verschiedenen Namen auftrat, die harmlos erschienen. Man nannte sich unter anderem auch Johannesbrüder und so weiter. Heute ist ein großer Teil dessen verwirklicht, was dazumal die Freimaurerei angestrebt hat. Heute ist sie selbst offiziell eine Macht in der Welt.
[ 26 ] A common custom is the so-called “covering.” When the lodge is opened, the master has taken his place, and the doorkeeper stands at the door, the master's first question is: Brother Overseer, is the lodge covered? Very few masons probably understand this expression, “Is the lodge covered?” But since it is a simple matter, I can explain the expression to you. At the time I am talking about, being a Freemason meant being in fierce opposition to everything that had external, official power. It was therefore necessary for the work of the Masonic Order to be carried out with extreme caution. For this very reason, it was necessary at that time for Freemasonry to appear under various names that seemed harmless. Among other things, they called themselves the Brothers of St. John and so on. Today, much of what Freemasonry strove for at that time has been achieved. Today, it is itself an official power in the world.
[ 27 ] Wenn Sie mich fragen, worin eigentlich die Freimaurerei besteht, so muß ich Ihnen mit abstrakten Worten sagen: sie besteht darin, daß ihre Mitglieder einige Jahrhunderte die Ereignisse vorherdenken, die die Welt voranbringen sollen; daß sie die hohen Ideale der Menschheit in ganz bewußter Weise ausarbeiten, so daß diese Ideale nicht bloß abstrakte Ideen sind.
[ 27 ] If you ask me what Freemasonry actually consists of, I must answer in abstract terms: it consists of its members thinking several centuries ahead about the events that will advance the world; of them consciously developing the high ideals of humanity so that these ideals are not merely abstract ideas.
[ 28 ] Wenn heute ein Maurer von Idealen redet und man ihn fragt, was er mit den höchsten Idealen meint, so sagt er: Die höchsten Ideale sind Weisheit, Schönheit und Stärke -; was aber bei genauerer Betrachtung meist nichts als Phrase ist. Wenn dazumal oder auch heute, von denen, die davon wirklich etwas verstehen, die Rede ist von diesen Idealen, so ist bei solchen Menschen von etwas ganz Bestimmtem die Rede; von etwas so Bestimmtem, das sich zum Verlaufe der Ereignisse in den nächsten Jahrhunderten so verhält, wie der Gedanke eines Baumeisters, der eine Fabrik baut, zu dieser Fabrik, wenn sie gebaut ist.
[ 28 ] When a Mason today speaks of ideals and is asked what he means by the highest ideals, he says: The highest ideals are wisdom, beauty, and strength—but on closer inspection, this is usually nothing more than a phrase. When, in those days or even today, those who really understand these ideals speak of them, they are talking about something very specific; something so specific that, in the course of events over the next few centuries, it will be like the idea of a builder who builds a factory is to that factory once it is built.
[ 29 ] Damals [im 12. Jahrhundert] war es gefährlich, dasjenige [im voraus] zu wissen, was seither geschehen ist. Daher war es auch notwendig, harmlos klingende Namen als Decknamen zu benützen. Und davon kommt auch dieser Ausdruck: Ist diese Loge gedeckt? — was soviel heißt wie: Sind nur solche hier anwesend, die wirklich Bescheid wissen in diesen Dingen, die der Zukunft der Menschheitsentwickelung durch die Freimaurerei einverleibt werden sollen? - Denn jeder mußte sich sagen, treten wir in die Öffentlichkeit, dann darf uns niemand als Maurer erkennen. Diese früher notwendige Vorsichtsmaßregel hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Ob viele Maurer wissen, was damit gemeint ist, ist fraglich. Die meisten meinen, es sei irgendeine formelle Redensart, oder legen sie in mehr oder weniger geistreichem Sinne aus. So könnte ich Ihnen noch unzählige Beispiele anführen, welche Ihnen zeigen würden, wie äußere Verhältnisse dazu geführt haben, praktische Maßregeln anzuwenden, aus denen man sich heute bemüht, tiefsinnige symbolische Auslegungen herauszuholen.
[ 29 ] At that time [in the 12th century], it was dangerous to know [in advance] what has since happened. It was therefore necessary to use harmless-sounding names as code names. And this is where the expression comes from: Is this lodge covered? — which means: Are only those present here who really know about these things that are to be incorporated into the future development of humanity through Freemasonry? For everyone had to say to themselves, if we go out in public, no one must recognize us as Masons. This precautionary measure, which was necessary in the past, has been preserved to this day. Whether many Masons know what this means is questionable. Most think it is some kind of formal expression, or interpret it in a more or less witty way. I could give you countless examples that would show you how external circumstances led to the application of practical measures, from which people today strive to extract profound symbolic interpretations.
[ 30 ] Nun aber zu dem eigentlichen Kern dessen, was man dazumal im 12. Jahrhundert gewollt hat. Das ist ausgedrückt in der symbolisch tief bedeutsamen Sage vom Heiligen Gral, von jenem wundersamen Gefäß, das aus dem fernen Morgenlande stammen und die Kraft haben soll, Menschen zu verjüngen, Totes zum Leben zu rufen und so weiter.
[ 30 ] But now let us turn to the actual core of what was intended in the 12th century. This is expressed in the symbolically profound legend of the Holy Grail, that miraculous vessel said to have come from the distant Orient and to have the power to rejuvenate people, bring the dead back to life, and so on.
[ 31 ] Was ist nun der Heilige Gral - jetzt freimaurerisch gesprochen — und was ist dasjenige, was der ganzen Sage zugrunde liegt? Wir kommen am leichtesten dazu, zu erkennen, was der Sage zugrunde liegt, wenn wir uns vergegenwärtigen ein Symbol gewisser freimaurerischer Vereinigungen, das in denkbar plumpster Weise heute mißverstanden wird. Es ist ein Symbol, das aus dem Geschlechtsleben entnommen ist. Es ist durchaus wahr, daß gerade dasjenige, was zu den tiefsten Geheimnissen der Freimaurerei gehört, aus dem Geschlechtsleben hergenommene Symbole hat, und daß viele, die heute solche Symbole zu deuten versuchen, nur ihrer eigenen schmutzigen Phantasie folgen, wenn sie diese Symbole in geistig unreinem Sinne auffassen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Ausdeutung dieser Geschlechtssymbole in nächster Zeit keine geringe Rolle spielen wird, und daß gerade dies in nächster Zeit zeigen wird, wie schlimm es den alten freimaurerischen, großen Geheimnissen in der heutigen Zeit ergeht, und auf der anderen Seite, wie notwendig es in dieser heutigen Zeit ist, die reine, edle und tiefe Grundlage der freimaurerischen Symbole hehr und unangetastet zu erhalten.
[ 31 ] What, then, is the Holy Grail — in Masonic terms — and what is the basis of the entire legend? The easiest way to understand the basis of the legend is to consider a symbol of certain Masonic associations, which is misunderstood today in the most clumsy way imaginable. It is a symbol taken from sexual life. It is quite true that precisely those things that belong to the deepest secrets of Freemasonry have symbols taken from sexual life, and that many who today try to interpret such symbols are only following their own dirty imaginations when they understand these symbols in a spiritually impure sense. It is very likely that the interpretation of these sexual symbols will play no small role in the near future, and that this will show how badly the old Masonic secrets are faring in today's world and, on the other hand, how necessary it is in this day and age to preserve the pure, noble, and profound foundation of Masonic symbols in a noble and untouched form.
[ 32 ] Diejenigen, die meinen neulichen Vortrag bei der Generalversammlung angehört haben, wissen, daß es mit der eigentlichen ursprünglichen Bedeutung dieser Symbole zusammenhängt, warum man bis vor kurzer Zeit keine Frauen zur Maurerei zugelassen hat, und warum bis vor kurzem über solche Dinge nur getrennt zu Männern und Frauen gesprochen werden konnte. Andererseits wissen Sie auch, daß diese Symbole zusammenhängen - und das betone ich noch ganz besonders - mit den zwei durch die ganze Welt gehenden und auch bis in die höchsten geistigen Gebiete hinaufragenden großen Strömungen, die uns als das Gesetz der Polarität auch in den Kräften des Männlichen und Weiblichen entgegentreten. Innerhalb derjenigen Kultur, die für uns in Betracht kommt, drückt die freimaurerische Sprache in dem weiblichen Prinzip auf geistigem Gebiete - auf dem geistigen Gebiete, welches für die Kulturentwickelung zunächst in Betracht kommt - das Priesterprinzip aus. Die Priesterherrschaft wird durch das Weibliche ausgedrückt. Das männliche Prinzip ist dagegen alles dasjenige, was der Widerpart dieser Priesterherrschaft ist, so aber, daß dieser Widerpart nicht minder das Heiligste, das Edelste, das Größte und Geistigste in der Welt zu vertreten hat. Zwei Strömungen sind es also, mit denen wir es zu tun haben: eine weibliche und eine männliche Strömung. Den Repräsentanten der weiblichen sieht der Maurer in Abel, den der männlichen in Kain.
[ 32 ] Those who listened to my recent lecture at the General Assembly know that the actual original meaning of these symbols is the reason why, until recently, women were not allowed to join Freemasonry, and why, until recently, such matters could only be discussed separately for men and women. On the other hand, you also know that these symbols are connected – and I emphasize this particularly – with the two great currents that run through the whole world and rise up to the highest spiritual realms, which confront us as the law of polarity in the forces of the masculine and feminine. Within the culture that is relevant to us, the language of Freemasonry expresses the priestly principle in the spiritual realm—the spiritual realm that is initially relevant to cultural development—through the feminine principle. The priestly rule is expressed through the feminine. The masculine principle, on the other hand, is everything that is the opposite of this priestly rule, but in such a way that this opposite represents no less the most sacred, the most noble, the greatest, and the most spiritual in the world. We are therefore dealing with two currents: a feminine and a masculine current. The Mason sees the representative of the feminine in Abel and that of the masculine in Cain.
[ 33 ] Damit kommen wir auf den Grundgedanken der Maurerei, der nun allerdings alt, uralt ist. Die Maurerei ist in alten Zeiten als Widerpart der Priesterkultur entstanden. Nun müssen wir uns aber auch dasjenige, was unter Priesterkultur verstanden worden ist, in der richtigen Weise klarmachen.
[ 33 ] This brings us to the fundamental idea of Masonry, which is, however, very old, ancient. Masonry arose in ancient times as the counterpart to the priestly culture. But now we must also clarify in the right way what has been understood by priestly culture.
[ 34 ] Das, worum es sich hier handelt, hat nichts mit kleinlicher Opposition gegen Kirchen oder Glaubensbekenntnisse zu tun. Priesterart kann nämlich bei vollkommenstem Laientum auftreten. Aber auch dasjenige, was heute als Wissenschaft auftritt und in vielen geistigen Zünften herrscht, ist nichts anderes als das, was man, maurerisch ausgedrückt, das Priesterelement nennt; und anderes wiederum ist im tiefsten Sinne maurerisch. Wir müssen uns also die Dinge in ihrer ganzen Tiefe vorstellen, wenn wir sie richtig erkennen wollen. Daß das, was in der Wissenschaft auftritt, vielfach dasjenige ist, was der Maurer als Priesterelement bezeichnet, möchte ich Ihnen an einem Beispiele klarmachen.
[ 34 ] What we are dealing with here has nothing to do with petty opposition to churches or creeds. The priestly type can occur even in the most complete lay environment. But even what today passes for science and prevails in many intellectual guilds is nothing other than what, in Masonic terms, is called the priestly element; and other things, in turn, are Masonic in the deepest sense. We must therefore imagine things in all their depth if we want to understand them correctly. I would like to illustrate with an example that what appears in science is often what the Mason calls the priestly element.
[ 35 ] Wer wird heute, wenn er Mediziner ist, nicht furchtbar hohnlachen, wenn man ihm von dem Heilwert der Quelle von Lourdes redete? Andererseits, welcher Mediziner wird es nicht als selbstverständlich betrachten, daß es für gewisse Leute das Rationellste ist, wenn sie nach Wiesbaden oder Karlsbad gehen? Ich weiß, daß ich etwas furchtbar Ketzerisches ausspreche; ich vertrete aber nicht das Priesterprinzip und auch nicht die Medizin; aber es wird schon eine Zeit kommen, wo man unbefangen über beide urteilen wird. Und wenn es heute eine wirkliche Medizin gäbe, so gehörte zu den Dingen, die der Arzt verordnet, auch mit der Glaube an die Heilkraft. Dann wären aber die Gründe, aus welchen er jemanden nach Karlsbad schickt, dieselben wie die, wenn ein anderer jemanden nach Lourdes schickt. Nennen Sie es auf der einen Seite die größte Frömmigkeit, auf der anderen Seite den krassesten Aberglauben: es ist letzten Endes dieselbe Sache.
[ 35 ] Who today, if he is a physician, would not laugh scornfully if someone told him about the healing powers of the spring at Lourdes? On the other hand, what doctor would not consider it self-evident that for certain people it is most rational to go to Wiesbaden or Karlsbad? I know that I am saying something terribly heretical; but I do not represent the priestly principle, nor do I represent medicine; but there will come a time when people will judge both impartially. And if there were real medicine today, one of the things a doctor would prescribe would be faith in its healing power. But then the reasons for sending someone to Karlsbad would be the same as those for sending someone to Lourdes. Call it the greatest piety on the one hand and the crassest superstition on the other: in the end, it is the same thing.
[ 36 ] Was einem solcherart verstandenen Priesterprinzip zugrunde liegt, können wir bezeichnen als ein den Dingen nicht bis auf den Grund Gehen, als ein Hinnehmen der Dinge, wie sie sich von irgendwoher in der Welt darbieten, und mit diesem Gegebenen zufrieden sein. Das Symbol für dasjenige, wofür der Mensch nichts kann, das eigentliche Sinnbild für das, was dem Menschen im wahrsten Sinne des Wortes geschenkt wird, das ist vom Geschlechtsleben hergenommen worden. Da ist der Mensch produktiv. Aber was sich in dieser Produktionskraft ausdrückt, hat nichts mit menschlicher Kunst, nichts mit menschlichem Wissen zu tun und nichts mit menschlichem Können. Da ist ausgeschlossen, was sich in den drei Säulen der «Königlichen Kunst» zum Ausdrucke bringen läßt. Wenn daher gewisse Freimaurer die geschlechtlichen Symbole vor das Menschengeschlecht hinstellen, so wollen sie damit sagen: Darin drückt sich die menschliche Natur aus, nicht wie der Mensch sie gemacht hat, sondern so, wie sie ihm von den Göttern gegeben worden ist. Dies findet seinen Ausdruck in Abel, dem Jäger und Hirten, der das Opfertier, das Opferlamm opfert, also das, wozu er selbst nichts getan hat um es hervorzubringen, was ohne ihn geworden ist.
[ 36 ] What underlies such an understanding of the priestly principle can be described as a failure to get to the bottom of things, as an acceptance of things as they present themselves from somewhere in the world, and as contentment with this given state of affairs. The symbol for that which man cannot do anything about, the actual symbol for that which is literally given to man, has been taken from sexual life. This is where man is productive. But what is expressed in this productive power has nothing to do with human art, nothing to do with human knowledge, and nothing to do with human ability. Everything that can be expressed in the three pillars of the “royal arts” is excluded. When certain Freemasons place sexual symbols before the human race, they mean to say: this expresses human nature, not as humans have made it, but as it was given to them by the gods. This finds its expression in Abel, the hunter and shepherd, who sacrifices the sacrificial animal, the sacrificial lamb, that is, that which he himself did nothing to bring forth, that which came into being without him.
[ 37 ] Kain dagegen, was opfert er? Er opfert das, was er selbst erarbeitet hat, was er an Früchten des Feldes gewonnen hat, indem er den Erdengrund beackert. Er opfert dasjenige, wozu menschliche Kunst, Wissen und Weisheit nötig war; dasjenige, was man überschauen können muß, wo einem klar sein muß, was man selbst gemacht hat, was sich in geistigem Sinne auf die Freiheit, auf die Selbstbestimmung des Menschen gründet. Das muß man sich erkaufen mit der Schuld, damit, daß man zunächst das von der Natur oder von den göttlichen Mächten geschenkte Lebendige tötet, so wie Kain den Abel getötet hat.
[ 37 ] Cain, on the other hand, what does he sacrifice? He sacrifices what he himself has worked for, what he has gained from the fruits of the field by tilling the soil. He sacrifices that which required human art, knowledge, and wisdom; that which one must be able to comprehend, where one must be clear about what one has done oneself, which is based in a spiritual sense on freedom, on the self-determination of human beings. This must be bought with guilt, by first killing the living thing given by nature or by the divine powers, just as Cain killed Abel.
[ 38 ] Durch die Schuld geht der Weg zur Freiheit. Alles, was hervorgebracht wird in der Welt - und woran der Mensch höchstens tätig sein kann durch seine Zutat -, alles, was dem Menschen von den göttlichen Mächten geschenkt wird, was da ist, ohne daß er selbst dabei rastlos Hand anzulegen braucht, das ist uns zunächst in den Reichen der Natur gegeben, über die wir keine Herrschaft haben, in den Reichen der Natur, deren Kräfte der menschlichen Mitwirkung entzogen sind: im Pflanzen-, Tier- und Menschenreiche, insofern es sich in diesen Reichen um das physische Hervorbringen handelt. Alle Fortpflanzungskraft in diesen Reichen ist uns von der Natur geschenkt. Insofern wir das Lebendige zu unserem Gebrauche hinnehmen, indem wir die Welt, die sich aufbaut aus dem Lebendigen, zu unserem Wohnplatze machen, opfern wir das gegebene Opfertier, wie Abel das ihm gegebene Opfertier opferte.
[ 38 ] Guilt is the path to freedom. Everything that is brought forth in the world—and in which human beings can at most be active through their contribution—everything that is given to human beings by divine powers, everything that is there without them having to work tirelessly to bring it about, is first given to us in the realms of nature over which we have no dominion, in the realms of nature whose forces are withdrawn from human cooperation: in the plant, animal, and human realms, insofar as these realms deal with physical creation. All reproductive power in these realms is given to us by nature. Insofar as we accept living beings for our use by making the world, which is built up from living beings, our place of residence, we sacrifice the given sacrificial animal, just as Abel sacrificed the sacrificial animal given to him.
[ 39 ] Das Symbol dieser drei Reiche ist das Kreuz. Der untere Balken symbolisiert das Pflanzenreich, der mittlere, der Querbalken, das Tierreich, der obere das Menschenreich.
[ 39 ] The symbol of these three realms is the cross. The lower beam symbolizes the plant kingdom, the middle beam, the crossbeam, the animal kingdom, and the upper beam the human kingdom.
[ 40 ] Die Pflanze ist mit der Wurzel in den Erdboden hineingesenkt und richtet in der Blüte dasjenige nach aufwärts, was der Mensch nach abwärts gerichtet hat. Was in der Blüte zum Vorschein kommt, ist das Sexuelle, das Geschlechtliche der Pflanze. Der nach abwärts gerichtete Teil, die Wurzel, ist der in die Erde versenkte Kopf der Pflanze. Das Tier ist die halbgewendete Pflanze und trägt das Rückgrat horizontal zu dem Erdboden. Die ganz umgewendete Pflanze, so daß das Untere nach oben gerichtet ist, ist der Mensch.
[ 40 ] The plant is sunk into the ground with its roots and, in its blossom, directs upward what man has directed downward. What appears in the blossom is the sexual, the gender of the plant. The downward-pointing part, the root, is the head of the plant sunk into the earth. The animal is the half-turned plant and carries the spine horizontally to the ground. The completely turned plant, so that the lower part is pointing upwards, is the human being.


[ 41 ] Diese Anschauung liegt allen Mysterien des Kreuzes zugrunde. Und wenn uns die Theosophie zeigt, wie der Mensch im Laufe seiner Entwickelung durch die verschiedenen Reiche, durch das Pflanzen-, Tier- und Menschentreich hindurchgehen muß, dann ist das dasselbe, was Plato mit den schönen Worten ausdrückt: Die Weltenseele ist an das Kreuz des Weltenleibes geschlagen. - Die Menschenseele ist ein Funke der Weltenseele, und der Mensch als physischer Mensch ist zu gleicher Zeit Pflanze, Tier und physischer Mensch. Indem die Weltenseele sich auseinandergespalten hat in die einzelnen Funken der Menschenseelen, ist sie gewissermaßen an das Weltenkreuz geschlagen worden, an das, was in den drei Reichen — Pflanzen-, Tier- und Menschenreich - zum Ausdruck kommt. In diesen Reichen wirken Kräfte, die der Mensch nicht meistert. Will er Meister werden, dann muß er ein neues Reich zu seinem Ureigensten machen, das nicht im Kreuze ausgedrückt ist.
[ 41 ] This view underlies all the mysteries of the cross. And when theosophy shows us how man must pass through the various kingdoms, through the plant, animal, and human kingdoms, in the course of his development, then this is the same thing that Plato expresses in beautiful words: The world soul is nailed to the cross of the world body. The human soul is a spark of the world soul, and the human being as a physical human being is at the same time a plant, an animal, and a physical human being. By splitting itself into the individual sparks of human souls, the world soul has, in a sense, been nailed to the world cross, to that which is expressed in the three kingdoms—the plant, animal, and human kingdoms. In these realms, forces are at work that humans cannot master. If they want to become masters, they must make a new realm their own, one that is not expressed in the cross.
[ 42 ] Wenn ich über diesen Gegenstand rede, dann wird oft gefragt: Wo bleibt denn das Mineralreich? — Das Mineralreich ist nicht im Kreuze symbolisiert. Denn es ist dasjenige Reich, in welchem sich der Mensch schon heute in heller, lichter Klarheit äußern kann, wo er die Kunst des Wägens und Zählens, der Geometrie und Arithmetik, kurz alle die Dinge, die der unorganischen Natur angehören, auf das Unorganische, das mineralische Reich anwenden lernt.
[ 42 ] When I talk about this subject, I am often asked: Where is the mineral realm? The mineral realm is not symbolized in the cross. For it is the kingdom in which human beings can already express themselves today in bright, clear light, where they learn to apply the art of weighing and counting, geometry and arithmetic, in short, all the things that belong to inorganic nature, to the inorganic, the mineral kingdom.
[ 43 ] Wenn Sie einen Tempel vor sich haben, so wissen Sie, daß ihn der Mensch aufgerichtet hat mit Richtmaß, Zirkel, Dreieck, Senkblei und Wasserwaage und endlich mit den Gedanken, die die unorganische Natur dem Architekten in der Geometrie und Mechanik überliefert hat. Und wenn Sie den ganzen Tempel durchdringen, so werden Sie finden, daß dieser Tempel, sofern er unlebendig ist, aus menschlicher Freiheit und Kopfarbeit hervorgegangen ist. Das können Sie aber nicht sagen, wenn Sie eine Pflanze oder ein Tier der menschlichen Betrachtung unterwerfen.
[ 43 ] When you see a temple before you, you know that man has built it with a ruler, a compass, a triangle, a plumb line, and a spirit level, and finally with the thoughts that inorganic nature has handed down to the architect in geometry and mechanics. And if you penetrate the entire temple, you will find that this temple, insofar as it is inanimate, has emerged from human freedom and mental labor. But you cannot say that when you subject a plant or an animal to human observation.
[ 44 ] So sehen Sie, daß das, was der Mensch meistert, worin er Meister sein kann, bis heute das Reich des Unlebendigen ist. Und alles, was der Mensch aus dem unlebendigen Reiche in Harmonie und Ordnung überführt, ist das Symbol seiner königlichen Kunst auf Erden. Was er mit dieser seiner königlichen Kunst in dieses Mineralreich hineinlegt, das ist der Ausfluß und die Inkarnation der göttlichen Weisheit zunächst gewesen. Gehen Sie zurück in die Zeit der alten Chaldäer, der alten Ägypter, wo man nicht bloß mit dem Verstande gebaut hat, sondern alles mit hohen Empfindungen durchdrang, da hat man die Bemeisterung der unorganischen Natur als «Königliche Kunst» empfunden. Und deshalb hat man diese Bemeisterung der Natur dann als «freie Maurerei» bezeichnet. Mag dies zunächst als Phantasie erscheinen, es ist aber mehr als das.
[ 44 ] So you see that what man masters, in which he can be a master, is still today the realm of the inanimate. And everything that man transfers from the inanimate realm into harmony and order is the symbol of his royal art on earth. What he puts into this mineral realm with his royal art is the outflow and incarnation of divine wisdom. Go back to the time of the ancient Chaldeans, the ancient Egyptians, when people did not build merely with their intellect, but imbued everything with high feelings, and they perceived the mastery of inorganic nature as a “royal art.” And that is why this mastery of nature was then called “free masonry.” This may seem like fantasy at first, but it is more than that.
[ 45 ] Stellen Sie sich einmal den Augenblick, den Zeitpunkt unserer Erdenentwickelung vor, wo noch kein Mensch Hand angelegt hatte an die Gestaltung der unorganischen Natur, wo der ganze Erdball dem Menschen überliefert war, so wie er aus der Natur entlassen worden ist! Und was ist dann geschehen? Blicken Sie zurück auf den Bau der ägyptischen Pyramiden, wie da Stein auf Stein durch Menschenwerk zusammengefügt worden ist. Durch menschliches Denken ist das, was die Natur geformt hat, in neue Formen verwandelt worden. So hat die menschliche Weisheit die Erde umgebildet. Das empfand man als die eigentliche Mission des freien, des bauenden Menschen auf der Erde. Durch die mannigfaltigen Werkzeuge haben des Menschen Kräfte seit den Urzeiten bis in unsere Zeit hinein, wo die menschliche Kraft ohne mechanische Vermittlung bis in die fernsten Fernen wirken kann, die allmähliche Umgestaltung des Mineralischen aus menschlicher Weisheit heraus bewirkt. Und das ist die erste Säule, die Säule der Weisheit.
[ 45 ] Imagine the moment in the evolution of our Earth when no human being had yet laid hands on the formation of inorganic nature, when the entire globe was handed over to humans just as it had been released from nature! And what happened then? Look back at the construction of the Egyptian pyramids, how stone was joined to stone by human labor. Through human thinking, what nature had formed was transformed into new forms. Thus, human wisdom transformed the earth. This was perceived as the true mission of free, creative human beings on Earth. Through the manifold tools at their disposal, human beings have, since time immemorial and up to the present day, when human power can reach the furthest corners of the world without mechanical intervention, brought about the gradual transformation of the mineral world through human wisdom. And this is the first pillar, the pillar of wisdom.
[ 46 ] Etwas später sehen wir die zweite Säule einsetzen: die Säule der Schönheit, der Kunst. Durch die Kunst wird ebenfalls der menschliche Geist in den unlebendigen Stoff ergossen, wodurch wieder eine Beseelung (Besiegung) des in der Natur befindlichen Unlebendigen stattfindet. Versuchen Sie einmal sich zu vergegenwärtigen, wie, allmählich übergehend, die Weisheit in der Kunst die leblose Natur bemeistert, und Sie werden sehen, wie Stück um Stück desjenigen, was ohne Betätigung des Menschen da ist, durch den Menschen selbst umgestaltet wird. Stellen Sie sich meinetwegen in phantastischer Weise den Moment vor, in dem die ganze Erde von menschlicher Hand umgestaltet sein wird, in dem die ganze Erde ein weisheitsvolles und schönheitsstrahlendes Kunstwerk geworden sein wird, aufgebaut von Menschenhand, ersonnen von Menschenweisheit! Phantastisch mag es erscheinen; es ist aber mehr als das. Denn es ist die Mission des menschlichen Geschlechtes auf Erden, den Erdball künstlerisch umzugestalten. Das haben Sie ausgedrückt in der zweiten Säule, der Säule der Schönheit.
[ 46 ] A little later, we see the second pillar emerge: the pillar of beauty, of art. Through art, the human spirit is also poured into inanimate matter, thereby once again animating (conquering) the inanimate in nature. Try to imagine how, gradually, wisdom in art masters lifeless nature, and you will see how, piece by piece, that which exists without human activity is transformed by human beings themselves. For my sake, imagine in a fantastical way the moment when the whole earth will have been transformed by human hands, when the whole earth will have become a work of art radiating wisdom and beauty, built by human hands, conceived by human wisdom! It may seem fantastical, but it is more than that. For it is the mission of the human race on earth to artistically transform the globe. You have expressed this in the second pillar, the pillar of beauty.
[ 47 ] Dazu können Sie nehmen als die dritte Säule die Gestaltung des Menschengeschlechts im Staats- und Völkerleben und Sie haben die Ausbreitung des Menschengeistes innerhalb der Welt; Sie haben sie auch hier im Reiche des Unlebendigen.
[ 47 ] To this you can add as the third pillar the shaping of the human race in the life of the state and of peoples, and you have the spread of the human spirit within the world; you also have it here in the realm of the inanimate.
[ 48 ] Darum haben die mittelalterlichen Menschen des 12. Jahrhunderts, rückblickend auf die alte Weisheit, sich gesagt, dass die Weisheit der alten Zeiten aufbewahrt ist in Marmordenkmälern, die Weisheit der Gegenwart aber noch in der menschlichen Brust ruht. Sie tritt dann beim Künstler heraus und wird durch die Arbeit seiner Hände zum Kunstwerk. Was der Künstler empfindet, prägt er dem ungeformten Stoffe ein, meißelt es aus dem toten Stein heraus. In dem toten Stein lebt dann zwar nicht, aber erscheint das Seeleninnere des Menschen. Alles in der Kunst ist dieser Mission gewidmet. Gleichgültig ob der Bildhauer den Marmor meißelt, ob der Maler Farben, Licht und Schatten verteilt, es ist immer eine Bemeisterung der unlebendigen, der unorganischen Natur. Und auch der Staatsmann formt die Natur [?] ... immer haben Sie - soweit nicht dasjenige in Betracht kommt, was Pflanzen-, Tier- und Menschenkraft ist - es mit dem eigenen Geiste des Menschen zu tun.
[ 48 ] That is why the medieval people of the 12th century, looking back on the ancient wisdom, said that the wisdom of ancient times is preserved in marble monuments, but the wisdom of the present still rests in the human breast. It then emerges in the artist and becomes a work of art through the work of his hands. What the artist feels, he imprints on the unformed material, carves it out of the dead stone. The dead stone does not live, but the inner soul of man appears in it. Everything in art is dedicated to this mission. Whether the sculptor carves marble or the painter distributes colors, light, and shadow, it is always a mastery of inanimate, inorganic nature. And the statesman also shapes nature [?] ... as long as we do not consider the power of plants, animals, and humans, we are always dealing with the human spirit itself.
[ 49 ] So blickte der mittelalterliche Denker des 12. Jahrhunderts zurück auf die alte chaldäische okkulte Weisheit, auf die griechische Kunst und Schönheit, und auf die Stärke in dem Staatsgedanken des Römischen Reiches. Das sind die drei großen weltgeschichtlichen Säulen: Weisheit, Schönheit, Stärke. Goethe stellte sie dar in seinem «Märchen» durch die drei Könige: durch den goldenen die okkulte Weisheit; durch den silbernen die Schönheit, wie in Griechenland; durch den ehernen die Stärke, die im römischen Staatsgedanken ihren weltgeschichtlichen Ausdruck fand und dann in die Organisation der christlichen Kirche überging. Und das Mittelalter mit seinem Chaos durch das Treiben der Völkerwanderung und seinen gemischten Stilen kommt in dem ungestalten gemischten König, der aus Gold, Silber und Erz gebildet ist, zum Ausdruck. In ihm ist durcheinandergeworfen, was auf die verschiedenen Kulturen des Altertums verteilt war. Erst später müssen sich wieder die einzelnen Kräfte aus dem Chaos heraus zu einer höheren Stufe entwickeln.
[ 49 ] This is how the medieval thinker of the 12th century looked back on the ancient Chaldean occult wisdom, on Greek art and beauty, and on the strength of the Roman Empire's concept of the state. These are the three great pillars of world history: wisdom, beauty, strength. Goethe depicted them in his “Fairy Tale” through the three kings: the golden one representing occult wisdom; the silver one representing beauty, as in Greece; and the bronze one representing strength, which found its expression in world history in the Roman concept of the state and then passed into the organization of the Christian Church. And the Middle Ages, with its chaos caused by the migration of peoples and its mixed styles, is expressed in the shapeless, mixed king, who is made of gold, silver, and ore. In him, everything that was distributed among the different cultures of antiquity is thrown together. Only later must the individual forces develop out of chaos to a higher level.
[ 50 ] Diese einzelnen Kräfte auf eine höhere Stufe überzuführen aus Menschenkräften heraus, setzten sich diejenigen zur Aufgabe, die im Mittelalter den Heiligen Gral als ihr großes Symbol ansahen. Der Heilige Gral sollte etwas wesentlich Neues sein, obgleich er in seiner Symbolik zunächst an uralte, sagenhafte Überlieferungen mit ihren Sinnbildern anknüpft.
[ 50 ] Those who regarded the Holy Grail as their great symbol in the Middle Ages set themselves the task of raising these individual forces to a higher level through human power. The Holy Grail was to be something essentially new, even though its symbolism initially drew on ancient, legendary traditions with their allegories.
[ 51 ] Was ist nun der Heilige Gral? Für denjenigen, der diese Sage richtig versteht, bedeutet er - und das läßt sich sogar literarisch nachweisen - folgendes.
[ 51 ] So what is the Holy Grail? For those who understand this legend correctly, it means the following, and this can even be proven in literature.
[ 52 ] Bisher hat der Mensch lediglich das Unlebendige in der Natur bemeistert. Die Verwandlung der lebendigen Kräfte, die Verwandlung dessen, was in der Pflanze sproßt und wächst, was in der tierischen [und menschlichen] Fortpflanzung erscheint, liegt außerhalb seiner Macht. Diese geheimnisvollen Kräfte der Natur muß der Mensch unangetastet lassen. Da kann er nicht eingreifen. Was durch diese Kräfte entsteht, kann von ihm nicht völlig durchschaut werden. Der Künstler kann zwar einen Zeus in wunderbarer Schönheit schaffen, aber er kann diesen Zeus nicht ganz durchschauen. In Zukunft wird der Mensch eine Stufe erreichen, wo er auch das kann. So wahr es ist, daß der Mensch die Herrschaft über die unlebendige Natur errungen hat, die Schwerkraft beherrscht mit Wasserwaage und Senkblei, die Richtungskräfte der Natur beherrscht mit demjenigen, was ihm in der Geometrie und Mechanik zur Verfügung steht, so wahr ist es, daß er in Zukunft durch sich selbst beherrschen wird das, was er heute nur als Geschenk der Natur oder der göttlichen Mächte hat: das Lebendige.
[ 52 ] Until now, humans have only mastered the inanimate in nature. The transformation of living forces, the transformation of what sprouts and grows in plants, what appears in animal [and human] reproduction, is beyond their power. Humans must leave these mysterious forces of nature untouched. They cannot intervene there. What these forces bring about cannot be fully understood by him. The artist can create a Zeus of wonderful beauty, but he cannot fully understand this Zeus. In the future, man will reach a stage where he can do this too. As true as it is that man has gained dominion over inanimate nature, control gravity with spirit levels and plumb lines, and control the directional forces of nature with the tools available to him in geometry and mechanics, it is equally true that in the future he will control through himself what he now has only as a gift from nature or from divine powers: living beings.
[ 53 ] Indem Abel in der Vergangenheit das, was er aus göttlicher Hand empfangen hatte, opfert, opfert er auch auf dem Gebiete des Lebendigen nur das, was er von der Natur empfangen hat. Kain dagegen hat das geopfert, was er durch eigene Arbeit der Erde als Früchte seines Fleißes abgerungen hat. Deshalb tritt in dieser Zeit [im Mittelalter] eine wesentlich neue Richtung in der Maurerei auf. Und diese Richtung ist die, die man mit dem Sinnbilde des Heiligen Gral bezeichnet: die Kraft der Selbstopferung. Schon öfter habe ich gesagt: Harmonie innerhalb der Menschheit wird nicht dadurch geschaffen, daß man sie predigt, sondern dadurch, daß man sie begründet. Wo wirkliche Kräfte in der Menschennatur erweckt sind, gibt es keine Unbrüderlichkeit mehr. In dem, was in den Freimaurersymbolen zum Ausdruck kommt, haben Majorität und Minorität keine Bedeutung. Streit kann es da nicht geben, denn es handelt sich nur um Können oder Nichtkönnen. Keine Majorität kann entscheiden, ob das Senkblei oder die Wasserwaage benutzt werden soll; da muß die Sache entscheiden. Darin sind alle Menschen brüderlich, da finden sich alle zusammen. Darüber kann kein Streit sein, wenn jeder den Weg des Objektiven geht, den Weg, der in der Erwerbung der höheren Kräfte besteht. So ist der Bund [der Freimaurer] selbstverständlich ein Bund der Brüderlichkeit, der sich in ausgedehntestem Maße auf das den Menschen Gemeinsame in der unlebendigen Natur stützt.
[ 53 ] By sacrificing what he had received from the hand of God in the past, Abel sacrifices only what he has received from nature in the realm of living beings. Cain, on the other hand, sacrificed what he had wrested from the earth through his own labor as the fruits of his diligence. That is why a fundamentally new direction emerged in Masonry during this period [the Middle Ages]. And this direction is what is symbolized by the Holy Grail: the power of self-sacrifice. I have often said that harmony within humanity is not created by preaching it, but by establishing it. Where real forces are awakened in human nature, there is no longer any disunity. In what is expressed in the symbols of Freemasonry, majority and minority have no meaning. There can be no dispute, for it is only a question of ability or inability. No majority can decide whether the plumb line or the spirit level should be used; the matter itself must decide. In this, all people are brothers, and all come together. There can be no dispute about this if everyone follows the path of objectivity, the path that consists in the acquisition of higher powers. Thus, the covenant [of the Freemasons] is naturally a covenant of brotherhood, which is based to the greatest extent on what is common to all people in inanimate nature.
[ 54 ] Es sind aber nicht mehr alle Kräfte in der unlebendigen Natur vorhanden. Manches, was einst da war, ist wiederum verschwunden, weil in dem Zyklus der Natur, in dem wir uns gegenwärtig befinden, und den wir Erde nennen, die materielle Erkenntnis im Vordergrunde steht und die intuitive verlorengegangen ist. Nur auf eine Tatsache möchte ich hier hinweisen: es ist in der Baukunst völlig abhanden gekommen, wirklich akustische Gebäude erstellen zu können. Diese Kunst hat man aber früher verstanden. Wer ein Gebäude nur äußerlich zusammenkonstruiert, wird niemals eine Akustik zustandebrin‚gen. Wer aber intuitiv denkt, mit seinem Denken in höheren Gebieten wurzelt, wird den akustischen Bau herzustellen vermögen. Diejenigen, die das wissen, die wissen auch: ebenso wie die Schwerkraft, wie Licht und Elektrizität von den Menschen in der unlebendigen Natur erobert worden sind, so werden auch diejenigen Kräfte in der Zukunft erobert werden müssen, über die wir heute noch gar keine Herrschaft haben, was die äußere Natur betrifft.
[ 54 ] However, not all powers are present in inanimate nature. Some things that once existed have disappeared again because, in the cycle of nature in which we currently find ourselves and which we call Earth, material knowledge is in the foreground and intuitive knowledge has been lost. I would like to point out just one fact here: the ability to construct buildings with truly good acoustics has been completely lost in architecture. This art was understood in the past. Anyone who constructs a building solely on the basis of its external appearance will never achieve good acoustics. But those who think intuitively, whose thinking is rooted in higher realms, will be able to create acoustic buildings. Those who know this also know that just as gravity, light, and electricity have been conquered by humans in inanimate nature, so too will those forces over which we currently have no control in the external world have to be conquered in the future.
[ 55 ] Wenn auch unsere Zeit noch nicht dahin gekommen ist, in der äußeren lebendigen Natur herrschen zu können, wenn auch jene Kulturepoche noch nicht erreicht ist, wo auch die lebendigen, die lebengebenden Kräfte gemeistert werden, so gibt es doch heute schon die Vorschule dazu, die inauguriert wurde durch jene Bewegung, die man die Loge vom Heiligen Gral genannt hat. Die Zeit wird aber kommen, und es ist ein ganz bestimmter Zeitpunkt, wo die Menschen, abweichend von ihrer heutigen Neigung, einsehen werden, daß man über innere tiefere Seelenkräfte nicht durch Majoritätsbeschlüsse entscheiden kann, daß es unmöglich ist, über das umfangreiche Gebiet der Liebe, über das, was man empfindet, was man fühlt, durch Abstimmung etwas auszumachen. Diejenige Kraft, die in allen Menschen einheitlich lebt und die sich im Intellektuellen ausdrückt in jener groBen Einheit, über die es keinen Streit geben kann, nennt man Manas. Und wenn es die Menschen so weit gebracht haben werden, daß sie nicht nur dem Verstande nach zusammenstimmen, sondern auch in ihrem Empfinden und Fühlen, in ihrem tiefsten Seelenleben harmonieren, daß sie sich finden in dem, was edel und gut ist, in Liebe sich zusammenfinden im Objektiven, im Gemeinsamen, so wie sie sich heute schon streitlos zusammenfinden in dem, daß zwei mal zwei vier und drei mal drei neun sind, dann ist die Zeit gekommen, wo die Menschen auch das Lebendige werden bemeistern können. Einigkeit, objektive Einigkeit im Empfinden und Fühlen, ein wirklich über die Menschheit ausgegossenes objektives Leben in der Liebe, das ist die Voraussetzung für die Bemeisterung des Lebendigen.
[ 55 ] Even if our time has not yet come when we can rule over external living nature, even if that cultural epoch has not yet been reached when the living, life-giving forces are mastered, there is already a preparatory school for this today, inaugurated by that movement called the Lodge of the Holy Grail. But the time will come, and it is a very specific point in time, when people, deviating from their present inclination, will realize that one cannot decide on inner, deeper soul forces by majority vote, that it is impossible to decide by vote on the vast realm of love, on what one feels, on what one senses. The force that lives uniformly in all human beings and expresses itself in the intellectual realm in that great unity about which there can be no dispute is called manas. And when human beings have reached the point where they agree not only with their minds, but also in their feelings and emotions, in their deepest soul life, where they find themselves in what what is noble and good, finding themselves together in love in the objective, in the common, just as they already find themselves together without dispute in the fact that two times two is four and three times three is nine, then the time will have come when human beings will also be able to master the living. Unity, objective unity in feeling and emotion, an objective life in love truly poured out over humanity—that is the prerequisite for mastering living things.
[ 56 ] Diese Bemeisterung des Lebendigen war einmal vorhanden - so sagen diejenigen, welche im 12. Jahrhundert die Bewegung des Heiligen Gral begründet haben -, sie war vorhanden bei den Göttern, die den Kosmos schufen und sich herabsenkten, um dem Menschen die Keimanlage für diese göttlichen Kräfte zu geben, die sie selber hatten: so daß der Mensch heute ein werdender Gott ist, da sich in seinem Inneren etwas befindet, das hinaufstrebt, dahin, wo einst die Götter gestanden haben. Heute ist der Verstand, der Intellekt die herrschende Kraft; die Liebe [Buddhi] wird es in Zukunft werden, und in noch fernerer Zeit wird der Mensch die Atmastufe erreichen.
[ 56 ] This mastery of living things once existed, according to those who founded the Holy Grail movement in the 12th century. It existed among the gods who created the cosmos and descended to give humans the seed of these divine powers that they themselves possessed: so that human beings today are gods in the making, because there is something within them that strives upward, toward where the gods once stood. Today, the mind, the intellect, is the ruling force; in the future, love [Buddhi] will become the ruling force, and in even more distant times, human beings will reach the Atma stage.
[ 57 ] Diese Gesamtkraft (Gemeinsamkeitskraft), diedem Menschen Macht gibt über dasjenige, was durch das Kreuz
[ 57 ] This total force (common force), which gives man power over that which is symbolized by the cross


[ 58 ] symbolisiert wird, sie wird — insofern es sich um diese Kraft bei den Göttern handelt — ausgedrückt durch ein Symbol, nämlich durch das Dreieck mit der Spitze nach unten. Und insofern sich diese Kraft in der Menschennatur ausdrückt, wie sie samenhaft zu der göttlichen Kraft hinaufstrebt, wird sie symbolisiert durch ein Dreieck, dessen Spitze nach oben geht. Die Götter haben sich aus dem Menschen herausgehoben und sich von ihm entfernt; aber sie haben in ihm zurückgelassen das Dreieck, das sich in ihm weiterentwickeln wird. Dieses Dreieck ist auch das Symbol des Heiligen Gral.
[ 58 ] is symbolized by the cross, is expressed—insofar as this power belongs to the gods—by a symbol, namely the triangle pointing downward. And insofar as this power is expressed in human nature, as it strives upward toward the divine power, it is symbolized by a triangle pointing upward. The gods have lifted themselves out of man and distanced themselves from him; but they have left behind in him the triangle, which will continue to develop within him. This triangle is also the symbol of the Holy Grail.


[ 59 ] In der Form des Dreiecks drückte der mittelalterliche Okkultist das Symbol des Heiligen Grales aus, das Sinnbild für die Erweckung der Meisterschaft im Lebendigen. Dazu bedarf es keiner gemeinsamen Kirche, die in starrer Organisation sich um den Erdball schlingt; eine solche kann wohl der einzelnen Seele etwas geben; sollen aber alle Seelen zusammenklingen, so muß in jeder einzelnen die Kraft des Gral erweckt werden. Demjenigen, der in sich diese Kraft des Gral erwecken will, nützt es nichts, wenn er sich zu den offiziellen kirchlichen Mächten wendet, ob sie ihm vielleicht etwas sagen könnten, sondern er muß nicht viel fragen und aus sich selbst heraus diese Kraft erwecken. Von der Dumpfheit geht der Mensch aus und steigt auf durch den Zweifel zu der Kraft. Dieser Pilgerweg der Seele wird ausgedrückt in der Gestalt des Parzival, der zum Heiligen Gral pilgert. Das ist eine der mannigfaltigen, tieferen Bedeutungen der Gestalt des Parzival.
[ 59 ] Medieval occultists used the triangle to express the symbol of the Holy Grail, the emblem of the awakening of mastery over life. This does not require a common church with a rigid organization spanning the globe; such a church may well give something to the individual soul, but if all souls are to harmonize, the power of the Grail must be awakened in each individual. It is of no use for those who want to awaken this power of the Grail within themselves to turn to the official church authorities to see if they can tell them something. Instead, they must not ask many questions but awaken this power from within themselves. Human beings start out in dullness and rise through doubt to power. This pilgrimage of the soul is expressed in the figure of Parzival, who makes a pilgrimage to the Holy Grail. This is one of the manifold, deeper meanings of the figure of Parzival.
[ 60 ] Was nützt es meinem Wissen, wenn eine noch so große Körperschaft durch ihre obrigkeitlichen Organe die Wahrheit der Mathematik verkündigt? Will ich Mathematik verstehen lernen, so muß ich mich selbst damit beschäftigen und mir das Verständnis dafür aneignen. Und was nützt es, wenn eine Körperschaft die Kraft des Kreuzes enthält? Will ich die Kraft des Kreuzes, die Bemeisterung des Lebendigen anwenden, dann muß ich sie mir selbst erringen. Das kann mir ein anderer nicht sagen, nicht durch Worte mitteilen; er kann es mir höchstens im Symbole zeigen, das leuchtende Symbol des Gral geben, nicht aber in Verstandesformeln sagen.
[ 60 ] What good is it to my knowledge if a large organization proclaims the truth of mathematics through its authoritative bodies? If I want to learn to understand mathematics, I must occupy myself with it and acquire the understanding for it. And what good is it if an organization contains the power of the cross? If I want to apply the power of the cross, the mastery of life, then I must attain it myself. No one else can tell me this, cannot communicate it to me through words; at most, they can show it to me in symbols, give me the shining symbol of the Grail, but they cannot express it in intellectual formulas.
[ 61 ] Die erste Erfüllung dieses mittelalterlichen Okkultismus würde somit dasjenige sein, was sich in den mannigfaltigsten Bewegungen in Europa geltend macht: das Streben nach Individualität in der Religion, das Loskommen von der starren, einheitlichen Kirchenorganisation. Sie können es schwerlich erkennen, was alles in dieser Richtung Wolfram von Eschenbachs «Parzival» zugrunde liegt. Was erst in der Reformation zum Ausdruck gekommen ist, das liegt schon alles im Symbol des Heiligen Gral. Wer eine Empfindung für die große Bedeutung dessen hat, was uns in dieser Symbolik entgegentreten kann, der wird den großen, tiefen Kulturwert einer solchen Symbolik einsehen. Nicht aus dem laut Tönenden, nicht aus dem Tumultuarischen heraus wird das Große in der Welt geboren, sondern aus dem Intimen, dem Stillen. Nicht mit Kanonendonner wird die Menschheit in der Entwickelung vorwärts gebracht, sondern aus der Kraft dessen, was intim in solchen geheimen Gesellschaften geboren wird, aus der Kraft dessen, was in solchen weltumspannenden Symbolen ausgedrückt ist, an denen sich die Menschheit aufrichtet.
[ 61 ] The first fulfillment of this medieval occultism would thus be what is asserting itself in the most diverse movements in Europe: the striving for individuality in religion, the breaking away from the rigid, uniform church organization. It is difficult to recognize everything that underlies Wolfram von Eschenbach's “Parzival” in this direction. Everything that only came to expression in the Reformation is already contained in the symbol of the Holy Grail. Anyone who has a feeling for the great significance of what we encounter in this symbolism will understand the great, profound cultural value of such symbolism. Greatness in the world is not born out of loud noises or tumult, but out of intimacy and silence. Humanity is not advanced in its development by the thunder of cannons, but by the power of what is born intimately in such secret societies, by the power of what is expressed in such universal symbols, on which humanity is building itself up.
[ 62 ] Durch unzählige Quellen ist seit jener Zeit in die Herzen der Menschen eingeflossen dasjenige, was jene gedacht haben, die in der Mitte des 12. Jahrhunderts in die Mysterien des Heiligen Gral eingeweiht waren, die sich vor der Welt unter Decknamen verbergen mußten, aber eigentlich die Vorbereiter, der Sauerteig der Kultur in den letzten vierhundert Jahren waren.
[ 62 ] Since that time, countless sources have poured into the hearts of human beings what those who were initiated into the mysteries of the Holy Grail in the middle of the 12th century thought. They had to hide from the world under pseudonyms, but they were actually the preparers, the leaven of culture in the last four hundred years.
[ 63 ] So leben in den okkulten Gesellschaften die Bewahrer großer Geheimnisse und derjenigen Kräfte, die fortwirken in der Menschheitsentwickelung. Nur andeuten kann ich, was da eigentlich vorliegt; denn die Sache selbst geht tief, tief in das okkulte Gebiet hinein.
[ 63 ] Thus, the keepers of great secrets and of those forces that continue to work in human evolution live in occult societies. I can only hint at what is actually there, for the matter itself goes deep, deep into the occult realm.
[ 64 ] Für diejenigen, welche wirklich den Zugang zu solchen Mysterien gewinnen, ergibt sich als praktische Konsequenz ein freier Überblick über dasjenige, was [in der Zukunft] in der Welt geschieht.
[ 64 ] For those who truly gain access to such mysteries, the practical consequence is a free overview of what will happen in the world [in the future].
[ 65 ] Langsam und allmählich greifen in den gegenwärtigen Entwickelungszyklus der Menschheit die organischen, die lebendigen Kräfte ein. Es wird eine Zeit kommen, so phantastisch es auch dem heutigen Menschen erscheinen mag, wo der Mensch nicht mehr nur Bilder malen, nicht mehr nur leblose Skulpturen anfertigen wird, sondern wo er imstande sein wird, dasjenige lebendig zu erschaffen, was er heute nur malen, mit Farbe und Meißel gestalten kann.
[ 65 ] Slowly and gradually, the organic, living forces are intervening in the present cycle of human development. A time will come, fantastic as it may seem to people today, when human beings will no longer merely paint pictures or create lifeless sculptures, but will be able to bring to life what they can now only paint or sculpt with paint and chisel.
[ 66 ] Was aber weniger phantastisch erscheinen wird, ist die Tatsache, daß schon heute im Wirken des sozialen Lebens die erste Morgenröte der Verwendung der lebendigen Kräfte beginnt: das eigentliche Geheimnis, das sich um den Gral herumschlingt. Das letzte Ereignis auf sozialem Gebiet, das durch die alte Maurerei herbeigeführt wurde, war die Französische Revolution, in der mit den Ideen Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit konsequent die Grundidee der alten Maurerei auf sozialem Gebiete in die Öffentlichkeit kam. Die das wissen, wissen auch, daß durch unzählige Kanäle die Ideen, die vom Gral ausgegangen sind, verbreitet wurden und die eigentlich wirkenden Kräfte in der Französischen Revolution waren.
[ 66 ] What will seem less fantastic, however, is the fact that the first dawn of the use of living forces is already beginning today in the workings of social life: the real mystery that surrounds the Grail. The last event in the social sphere brought about by ancient Masonry was the French Revolution, in which the basic ideas of ancient Masonry in the social sphere were consistently brought to the public's attention with the ideas of equality, liberty, and fraternity. Those who know this also know that the ideas that originated from the Grail were spread through countless channels and were the real forces at work in the French Revolution.
[ 67 ] Nur als ein mißglückter, als ein unmöglicher Versuch, als letzter, ich möchte sagen, verzweifelter Kampf innerhalb der zu Ende gehenden Menschheitswelle steht das da, was man heute Sozialismus nennt. Er kann ein wirklich positives Resultat nicht herbeiführen. Was durch ihn erreicht werden soll, kann nur durch das lebendige Wirken erreicht werden; die Säule der Stärke genügt nicht. Der Sozialismus kann nicht mehr durch unlebendige Kräfte bemeistert werden. Die Ideen der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren die letzten Ideen, die aus dem Unlebendigen flossen. Unfruchtbar, dem Sterben geweiht ist alles dasjenige, was noch in demselben Geleise bleibt. Denn das heute in der Welt bestehende große Übel, das ungeheure Elend, das mit so furchtbarer Gewalt zum Ausdruck kommt in dem, was man die soziale Frage nennt, kann nicht mehr mit dem Unlebendigen gemeistert werden. Dazu bedarf es einer königlichen Kunst; und diese königliche Kunst ist es, die inauguriert worden ist in dem Symbol des Heiligen Gral.
[ 67 ] What we call socialism today stands as a failed, impossible attempt, as a last, I would say desperate struggle within the dying wave of humanity. It cannot bring about a truly positive result. What it aims to achieve can only be achieved through living action; the pillar of strength is not enough. Socialism can no longer be mastered by lifeless forces. The ideas of the French Revolution, liberty, equality, fraternity, were the last ideas to flow from the lifeless. Everything that remains in the same rut is barren and doomed to die. For the great evil that exists in the world today, the immense misery that finds expression with such terrible force in what is called the social question, can no longer be mastered by the lifeless. This requires a royal art; and it is this royal art that has been inaugurated in the symbol of the Holy Grail.
[ 68 ] Der Mensch muß durch diese königliche Kunst etwas in seine Hand bekommen, was ähnlich ist derjenigen Kraft, die in der Pflanze sproßt, derjenigen Kraft, die der Magier verwendet, wenn er die Pflanze, die vor ihm steht, schneller wachsen macht. In ähnlicher Weise muß von dieser Kraft ein Teil verwendet werden zum sozialen Heil. Diese Kraft, die beschrieben worden ist von solchen, die etwas von den rosenkreuzerischen Geheimnissen wissen, wie zum Beispiel von Bulwer in seinem Zukunftsroman «Vril», ist gegenwärtig aber noch in elementarem Keimzustande. Sie wird in der Freimaurerei der Zukunft der eigentliche Inhalt der höheren Grade sein. Die königliche Kunst wird in der Zukunft eine soziale Kunst sein.
[ 68 ] Through this royal art, man must obtain something similar to the power that sprouts in plants, the power that the magician uses when he makes the plant standing before him grow faster. In a similar way, part of this power must be used for social salvation. This power, which has been described by those who know something of the Rosicrucian mysteries, such as Bulwer in his futuristic novel “Vril,” is currently still in its embryonic stage. In the Freemasonry of the future, it will be the actual content of the higher degrees. The royal art will be a social art in the future.
[ 69 ] Wiederum - ich möchte sagen, wegen des Umfassenden, Umspannenden der Idee - muß ich etwas sagen, was Uneingeweihten phantastisch erscheinen wird. Ewig, unvergänglich ist dasjenige, was der Mensch als die von seiner Seele ausgehende Form dem Stoffe auf unserem Erdenrund aufprägt. Wenn auch äußerlich der geformte Stoff zerfällt, unvergänglich ist dasjenige, was die königliche Kunst seit uralten Zeiten in Pyramiden, Tempeln und Kirchen geformt hat. Was der Menschengeist im Stoff geformt hat, das bleibt als fortwirkende Kraft in der Welt vorhanden. Das wird dem vollständig klar, der in solche Dinge eingeweiht wird. Der gotische Dom von Köln zum Beispiel vergeht; daß aber die Atome einmal in dieser Form da waren, ist von weittragender Bedeutung. Diese Form selbst ist das Unvergängliche, das fortan im Fortentwickelungsgange der Menschheit so mitwirkt wie die lebendige Kraft, die in der Pflanze ist, im Fortentwickelungsgang der Natur! Der Maler, der heute ein Bild malt, der sein Seelenblut in den toten Stoff hineinprägt, er schafft auch etwas, was in mehr oder weniger kurzer Zeit in tausend Atome zerstoben sein wird. Daß er es aber geschaffen hat, daß in den Stoff etwas aus seiner Seele eingeflossen ist, daß überhaupt etwas geformt worden ist, das hat einen unvergänglichen, bleibenden Wert, das hat Ewigkeitswert.
[ 69 ] Again, because of the comprehensive, all-encompassing nature of the idea, I must say something that will seem fantastic to the uninitiated. Eternal and imperishable is that which man imprints on matter on our earth as the form emanating from his soul. Even if the formed substance decays outwardly, what the royal art has formed since ancient times in pyramids, temples, and churches is imperishable. What the human spirit has formed in matter remains in the world as a continuing force. This becomes completely clear to those who are initiated into such things. The Gothic cathedral in Cologne, for example, will pass away; but the fact that the atoms were once there in this form is of far-reaching significance. This form itself is the imperishable, which henceforth participates in the further development of humanity in the same way as the living force in plants participates in the further development of nature! The painter who paints a picture today, who imprints his soul's blood on dead material, also creates something that will be scattered into a thousand atoms in a more or less short time. But the fact that he has created it, that something from his soul has flowed into the material, that something has been formed at all, has an imperishable, lasting value, has eternal value.
[ 70 ] Auch die Staaten und alle anderen Gemeinschaften der Menschen entstehen und vergehen vor unseren Augen. Aber was die Menschen aus ihrer Seele heraus als solche Gemeinschaften gebildet haben, das sind die von den Menschen hineingelegten Ideen mit Ewigkeitswert, mit ewig fortwirkender Bedeutung. Und wenn dieses Menschengeschlecht in neuer Form einst wieder auf der Erde erscheinen wird, dann wird es die Früchte dieser Elemente von Ewigkeitswert erblicken.
[ 70 ] States and all other human communities also arise and pass away before our eyes. But what human beings have formed out of their souls as such communities are the ideas they have put into them, with eternal value and eternal significance. And when this human race reappears on earth in a new form, it will see the fruits of these elements of eternal value.
[ 71 ] Wer heute den Blick zum Sternenhimmel hinaufrichtet, der erblickt eine wunderbare Harmonie. Diese Harmonie ist geworden, sie war nicht immer da. Genau ebenso wie wir heute Stein auf Stein legen, wenn wir einen Dom bauen, Farbe neben Farbe setzen, wenn wir Bilder malen, Gesetz nach Gesetz ausprägen, wenn wir Gesellschaften organisieren, so haben einst auch bildende Wesenheiten gearbeitet an dem, was uns heute als Kosmos entgegentritt. Nicht Mond noch Sonne würden leuchten, kein Tier und keine Pflanze würde sich fortpflanzen, wenn nicht alles, was uns im Kosmos entgegentritt, von Wesen bearbeitet worden wäre, wenn nicht Wesen vorher gewesen wären, welche ebenso gearbeitet haben, wie wir heute an der Umformung des Kosmos arbeiten. Wie wir heute am Kosmos durch Weisheit, Schönheit, Stärke bauen, so haben einst auch die Wesenheiten, die nicht zum jetzigen Menschenreich gehören, am Kosmos gebaut.
[ 71 ] Anyone who looks up at the starry sky today sees a wonderful harmony. This harmony has come into being; it was not always there. Just as we lay stone upon stone when we build a cathedral, put color next to color when we paint pictures, and formulate law after law when we organize societies, so too did formative beings once work on what we now see as the cosmos. Neither the moon nor the sun would shine, no animal or plant would reproduce, if everything we encounter in the cosmos had not been worked on by beings, if there had not been beings before who worked just as we work today on transforming the cosmos. Just as we today build the cosmos through wisdom, beauty, and strength, so too did the beings that do not belong to the present human kingdom once build the cosmos.
[ 72 ] Eine Harmonie ist immer das Ergebnis von Disharmonien früherer Zeiten. Wie die Steine zum griechischen Tempel geformt worden sind, wie sie dadurch in andere Formen überflossen und aus der verwirrenden Mannigfaltigkeit der geordnete Bau wurde, wie das Farbendurcheinander auf der Palette im Bilde sinnvoll zusammengestellt ist, so war das ganze Materielle chaotisch in anderen Verbindungen, bevor es der bildende Geist zu diesem Kosmos geformt hat. Auf neuer Stufe wiederholt sich dasselbe, und am klarsten selbst im Kleinsten wirkt nur derjenige richtig, der das Größte überschaut. Alles was in der Welt für den Fortschritt des Menschengeschlechts wirklich Bedeutung gehabt hat, ist mit Umsicht und Einsicht, mit Einweihung in die großen Gesetze des Weltenplanes entstanden. Was der Tag schafft, ist vergänglich. Unvergänglich aber ist dasjenige, was aus der Erkenntnis der ewigen Gesetze in den Tag hineingeschaffen wird. Aus der Erkenntnis der ewigen Gesetze in den Tag hineinschaffen, das bedeutet soviel wie frei maurern.
[ 72 ] Harmony is always the result of disharmony in earlier times. Just as the stones were shaped to form the Greek temple, just as they flowed into other forms and the confusing multiplicity became an orderly structure, just as the jumble of colors on the palette are meaningfully combined in the picture, so the whole of matter was chaotic in other combinations before the creative spirit formed it into this cosmos. The same thing repeats itself on a new level, and even in the smallest things, only those who see the big picture act correctly. Everything in the world that has really been important for the progress of the human race has come about with care and insight, with initiation into the great laws of the world plan. What the day creates is transitory. But what is created in the day from the knowledge of the eternal laws is imperishable. To create in the day from the knowledge of the eternal laws means to build freely.
[ 73 ] So sehen Sie, daß in der Tat dasjenige, was uns entgegentritt in Kunst, Wissenschaft und Religion, soweit es nicht ein Geschenk der Götter ist und sich im Symbol des Kreuzes ausdrückt, hervorgegangen ist aus freier Maurerei. Aus ihr ist entsprungen, was wirklich gebaut worden ist in der Welt. Daher hängt die Maurerei zunächst mit alledem zusammen, was Menschenhand in der Welt geformt hat, was aus dem rohen, unlebendigen Stoff die Kultur geschaffen hat. Gehen Sie auf das zurück, was die Kulturepochen im großen erzeugt haben, sehen Sie sich zum Beispiel Alomers Dichtungen an! Was ist in ihnen enthalten? Das, was die Eingeweihten den Menschen gelehrt haben als die großen, weltumspannenden Ideen. Die großen Künstler haben nicht ihren Stoff erfunden, sie haben vielmehr das, was die ganze Menschheit umspannt, in Formen gebracht. Ist ein Michelangelo denkbar ohne die christlichen Gedankenkräfte? Versuchen Sie in ähnlicher Weise dasjenige, was tiefe, wirklich einschneidende Bedeutung in der Kultur erlangt hat, auf seinen Ursprung zurückzuverfolgen, und Sie werden überall zurückgeführt werden auf dasjenige, was von der Initiation, von der Einweihung ausgegangen ist.
[ 73 ] You can see, then, that what we encounter in art, science, and religion, insofar as it is not a gift from the gods and is expressed in the symbol of the cross, has emerged from free masonry. From it sprang forth what has truly been built in the world. Therefore, masonry is primarily connected with everything that human hands have shaped in the world, everything that has created culture out of raw, lifeless matter. Go back to what the great cultural epochs have produced; look, for example, at Alomer's poems! What do they contain? That which the initiates taught people as the great, universal ideas. The great artists did not invent their material; rather, they gave form to that which encompasses all of humanity. Is a Michelangelo conceivable without Christian thought? Try in a similar way to trace back to its origin that which has attained deep, truly incisive significance in culture, and you will be led back everywhere to that which originated in initiation, in initiation.
[ 74 ] Alles muß schließlich durch eine Schule gehen. Die letzten vier Jahrhunderte waren auch eine Schule für die Menschheit: die Schule der Gottverlassenheit, in der es nur ein menschliches Probieren, von einem gewissen Standpunkte aus ein Zurückgehen auf das Chaos gibt. Heute probiert ein jeder, ohne daß er den Zusammenhang mit den höheren Welten kennt, mit Ausnahme derjenigen, die wieder den Zusammenhang mit den geistigen Welten gesucht und gefunden haben. Heute lebt fast jeder ganz für sich, ohne daß er etwas von dem wirklichen, alles durchdringenden gemeinsamen Aufbau merkt. Das hat auch die furchtbare Unbefriedigtheit auf allen Gebieten hervorgebracht.
[ 74 ] Everything must ultimately pass through a school. The last four centuries have also been a school for humanity: a school of godlessness, in which there is only human trial and error, a return to chaos from a certain point of view. Today, everyone tries without knowing the connection with the higher worlds, with the exception of those who have sought and found the connection with the spiritual worlds again. Today, almost everyone lives entirely for themselves, without noticing anything of the real, all-pervading common structure. This has also given rise to terrible dissatisfaction in all areas.
[ 75 ] Was uns not tut, ist eine Erneuerung des Gralsrittertums in einer modernen Form. Derjenige, der dem nähertreten kann, wird dadurch die wirklichen Kräfte kennenlernen, welche heute im Entwickelungsgang der Menschheit noch verborgen sind.
[ 75 ] What we need is a renewal of the Grail knighthood in a modern form. Those who can approach it will thereby come to know the real forces that are still hidden in the course of human evolution today.
[ 76 ] Dasjenige, was heute zahlreiche Menschen, die die alten Symbole nehmen und sie nicht verstehen, in den Geschlechtssymbolen in mißverständlicher Weise hinstellen, kommt dem richtigen Verständnis des freimaurerischen Gedankens nicht nahe. Das Verständnis ist in dem zu suchen, was gerade die bloße Naturkraft ablöst: das Lebendige in ähnlicher Weise zu bemeistern und zu durchdringen, wie der Geometer das Unlebendige mit Lineal, Zirkel, Wasserwaage und so weiter bemeistert und durchdringt; das Lebendige so zu schaffen, wie derjenige, der einen Tempel baut, die unlebendigen Steine zusammenfügt. Das ist der große Zukunftsgedanke der Maurerei.
[ 76 ] What many people today, who take the old symbols and do not understand them, misrepresent in the symbols of the sexes, does not come close to the correct understanding of the Masonic idea. The understanding is to be found in what replaces the mere force of nature: mastering and penetrating the living in the same way as the geometer masters and penetrates the inanimate with ruler, compass, spirit level, and so on; creating the living in the same way as the builder of a temple joins together the inanimate stones. This is the great idea for the future of Freemasonry.
[ 77 ] Es gibt in der Freimaurerei ein uraltes Symbol, das sogenannte Tau:
[ 77 ] There is an ancient symbol in Freemasonry called the Tau:


[ 78 ] Dieses Tau-Zeichen spielt in der Freimaurerei eine große Rolle. Es ist im Grunde genommen nichts anderes als das Kreuz, an dem der obere Balken weggelassen ist. Das Mineralreich ist weggelassen, um überhaupt das Kreuz zu bekommen; der Mensch beherrscht es bereits. Läßt man das Pflanzenreich in Aktion treten, so erhält man das nach oben gerichtete Kreuz...2Siehe unter Hinweise auf Seite 347. Das, was aus der Erde, aus der Seele heraus als Macht über die Erde sich entfaltet, ist das Symbol der zukünftigen Maurerei.
[ 78 ] This Tau symbol plays an important role in Freemasonry. It is basically nothing more than a cross with the upper beam omitted. The mineral kingdom is omitted in order to obtain the cross itself; man already masters it. If you let the plant kingdom come into action, you get the upward-pointing cross...2See references on page 347. That which unfolds from the earth, from the soul, as power over the earth, is the symbol of future Masonry.
[ 79 ] Wer meinen vorigen Vortrag über die Maurerei gehört hat, wird sich erinnern, wie ich damals anführte, daß in der freimaurerischen Legende von Hiram-Abiff erzählt wird, daß er an einem bestimmten Punkte mit dem Tau-Zeichen eingriff. Die Königin von Saba wünschte, daß er die Arbeiter, die am Tempelbau beschäftigt waren, nochmals zusammenrufe. Auf Salomos Wink erschienen niemals die in sozialer Gemeinschaft zusammenwirkenden Leute. Auf das Tau-Zeichen hin - von Hiram-Abiff erhoben - erschienen die Leute von allen Seiten. Dieses Tau-Zeichen symbolisiert eine ganz neue Macht, die auf die Freiheit gegründet ist und in der Erweckung einer ganz neuen Naturkraft besteht.
[ 79 ] Those who heard my previous lecture on Masonry will remember how I mentioned that the Masonic legend of Hiram Abiff tells how he intervened at a certain point with the sign of the tau. The Queen of Sheba wished him to summon the workers who were busy building the temple once again. At Solomon's signal, the people who worked together in social community did not appear. At the sign of the Tau—raised by Hiram Abiff—the people appeared from all sides. This Tau sign symbolizes a completely new power based on freedom and consisting in the awakening of a completely new natural force.
[ 80 ] An die Bemerkung, mit der ich das letzte Mal schloß, darf ich wohl jetzt nochmals anknüpfen. Ich sagte Ihnen, wozu die so große Bemeisterung der unlebendigen Natur führt. Ohne viel Phantasie kann man sich das, worum es sich handelt, mit einem Beispiel vor Augen führen: Die drahtlose Telegraphie wirkt in die Ferne von der Aufgabestelle zur Aufnahme-Empfangsstelle. Man kann da, wenn man will, den Apparat in Bewegung setzen und auf große Entfernungen Wirkungen auslösen und sich dadurch verständigen. Eine ähnliche Kraft, wie sie bei dieser drahtlosen Telegraphie wirkt, wird dem Menschen in späterer Zeit auch ohne Apparat zur Verfügung stehen, wodurch es ihm möglich sein wird, in weiter Entfernung große Verheerungen anzurichten, ohne daß man den Ausgangspunkt dieser Zerstörungen wird entdecken können. Wenn dann der Höhepunkt dieser Entwickelung erreicht sein wird, dann wird es schließlich dazu kommen, daß sie sich überschlägt.
[ 80 ] I may now return to the remark with which I concluded last time. I told you what the great mastery of inanimate nature leads to. Without much imagination, one can visualize what this is all about with an example: Wireless telegraphy works at a distance from the sending station to the receiving station. If one wishes, one can set the apparatus in motion and trigger effects over great distances and thereby communicate. A similar power to that which operates in wireless telegraphy will also be available to humans in later times without the need for apparatus, enabling them to cause great devastation at great distances without the source of this destruction being discovered. When the peak of this development is reached, it will eventually come to a head.
[ 81 ] Was durch das Tau ausgedrückt wird, ist eine Triebkraft, die nur in Bewegung gesetzt werden kann durch die Macht der selbstlosen Liebe. Sie wird selbst dazu verwendet werden können, Maschinen zu treiben, welche aber stillstehen werden, wenn egoistische Menschen sie bedienen.
[ 81 ] What is expressed by the dew is a driving force that can only be set in motion by the power of selfless love. It will be able to be used to drive machines, but these will come to a standstill when selfish people operate them.
[ 82 ] Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Kee/y einen Motor konstruiert hat, der nur ging, wenn er selbst dabei war. Er hat damit den Leuten nichts vorgemacht, denn er hatte in sich selbst jene treibende Kraft, die aus dem Seelischen hervorgeht und Mechanisches in Bewegung setzen kann. Eine Antriebskraft, die nur moralisch sein kann, das ist die Idee der Zukunft; die wichtigste Kraft, die der Kultur eingeimpft werden muß, wenn sie sich nicht selbst überschlagen soll. Das Mechanische und das Moralische werden sich durchdringen, weil dann das Mechanische ohne das Moralische nichts ist. Hart vor dieser Grenze stehen wir heute. Nicht bloß mit Wasser und Dampf, sondern mit spiritueller Kraft, mit spiritueller Moral werden in Zukunft die Maschinen getrieben werden. Diese Kraft ist symbolisiert durch das TauZeichen und wurde schon poetisch angedeutet durch das Bild des Heiligen Gral. Wie der Mensch nicht mehr nur angewiesen ist darauf, zu benützen, was ihm die Natur freiwillig hergibt, sondern wie er die Natur formt und umgestaltet, wie er zum Werkbaumeister des Unlebendigen geworden ist, so wird er zum Werkbaumeister des Lebendigen werden.
[ 82 ] Perhaps you are aware that Kee/y constructed a motor that only worked when he himself was present. He was not trying to fool people, because he had within himself that driving force that comes from the soul and can set mechanical things in motion. A driving force that can only be moral—that is the idea of the future; the most important force that must be instilled in culture if it is not to overturn itself. The mechanical and the moral will interpenetrate, because then the mechanical is nothing without the moral. We stand firmly at this boundary today. In the future, machines will be driven not only by water and steam, but by spiritual power, by spiritual morality. This power is symbolized by the sign of the tau and has already been poetically hinted at by the image of the Holy Grail. Just as man is no longer dependent on using what nature freely gives him, but shapes and transforms nature, just as he has become the master builder of the inanimate, so will he become the master builder of the animate.
[ 83 ] Als etwas, das erobert werden muß, steht das alte geschlechtliche Symbol am Ausgang der Maurerei. Wie wenn ein mit wild wachsendem Gras bedeckter, aus dem Felsen herausgeschlagener Stein hingestellt würde neben eine wunderbar ausgestaltete Statue eines Bildhauers, so können Sie das alte Geschlechtssymbol der Maurerei neben die neue Symbolik der zukünftigen Maurerei hinstellen. Das haben diejenigen, die einigermaßen eingeweiht waren in die königliche Kunst, gewußt. Zum Beispiel hat dies Goethe im zweiten Teil des «Faust» in der Episode des Homunkulus in wunderbarer Weise zum Ausdruck gebracht. Darin liegen noch viele Mysterien, die erst gehoben werden müssen.
[ 83 ] As something that must be conquered, the old sexual symbol stands at the entrance to Masonry. Just as a stone covered with wild grass, hewn from the rock, would be placed next to a wonderfully crafted statue by a sculptor, so you can place the old sexual symbol of Masonry next to the new symbolism of future Masonry. Those who were somewhat initiated into the royal art knew this. Goethe, for example, expressed this wonderfully in the second part of Faust, in the episode of the homunculus. There are still many mysteries there that have yet to be revealed.
[ 84 ] Diese Dinge sollen darauf hinweisen, daß die Menschheit vor einer neuen Entwickelungsepoche der okkulten königlichen Kunst steht. Am wenigsten wissen diejenigen, die heute offiziell das Freimaurertum vertreten, was dieses zukünftige Freimaurertum sein wird. Am wenigsten wissen sie, daß etwas ganz Neues anstelle der alten, von ihnen so vielfach mißverstandenen Symbole treten wird, und daß diese eine ganz neue Bedeutung erhalten werden.
[ 84 ] These things are intended to indicate that humanity is on the threshold of a new epoch of development of the occult royal art. Those who officially represent Freemasonry today know the least about what this future Freemasonry will be. They know the least that something completely new will replace the old symbols, which they have so often misunderstood, and that these will take on a completely new meaning.
[ 85 ] So wahr es ist, daß in der Vergangenheit alles wirklich Große aus der königlichen Kunst hervorgegangen ist, so wahr ist es, daß alles wirklich Große der Zukunft aus der Pflege der königlichen Kunst hervorgehen wird. Gewiß, heute kann jeder Schuljunge den pythagoräischen Lehrsatz beweisen, entdecken konnte ihn nur Pythagoras, weil er Meister in der königlichen Kunst war. So ist es auch mit der Zukunft der königlichen Kunst. So sehen Sie, daß die maurerische Kunst an einem Wendepunkt der Entwickelung steht und daß sie im engsten Zusammenhange ist mit dem, was in der Gralsloge tätig war und was als Heil erscheinen kann in den furchtbaren Kämpfen, die uns heute umgeben.
[ 85 ] Just as it is true that in the past everything truly great has come from the royal art, so it is true that everything truly great in the future will come from the cultivation of the royal art. Certainly, today every schoolboy can prove the Pythagorean theorem, but only Pythagoras could discover it because he was a master of the royal art. So it is with the future of the royal art. You see, then, that Masonic art stands at a turning point in its development and that it is closely connected with what was active in the Grail Lodge and what may appear as salvation in the terrible struggles that surround us today.
[ 86 ] Diese Kämpfe sind erst im Anfang. Die Menschheit weiß nicht, daß sie auf einem Vulkane tanzt. Aber sie tanzt auf einem Vulkan. Es beginnen diejenigen Revolutionen auf unserer Erde, die eine neue Phase der königlichen Kunst notwendig machen. Diejenigen, welche nicht gedankenlos dahinleben, werden wissen, was sie zu tun haben; werden wissen, daß sie mitzuwirken haben an der Entwickelung unserer Erde. Darum muß in gewisser Weise diese uralte königliche Kunst in einer neuen Form geschildert werden und das Uralte begleiten. In diesem Uralten liegt trotzdem eine unversiegliche Kraft. Die den neuen freimaurerischen Gedanken erfassen, werden wieder Funken schlagen aus den alten freimaurerischen Symbolen. Dann wird sich auch zeigen, daß das Herumstreiten über Johannes- oder Hochgradmaurerei keine Bedeutung hat gegenüber dem Bestreben der wahren Maurerei.
[ 86 ] These struggles are only just beginning. Humanity does not know that it is dancing on a volcano. But it is dancing on a volcano. Revolutions are beginning on our earth that will make a new phase of the royal art necessary. Those who do not live thoughtlessly will know what they have to do; they will know that they have a part to play in the development of our earth. That is why, in a certain sense, this ancient royal art must be depicted in a new form and accompany the ancient. Nevertheless, there is an inexhaustible power in the ancient. Those who grasp the new Masonic ideas will once again strike sparks from the old Masonic symbols. Then it will also become clear that the arguments about Johannine or high-degree Masonry are meaningless in comparison with the aspirations of true Masonry.
[ 87 ] Dazu ist notwendig — was uns zum Ausgangspunkte wieder zurückführt — die Frage zu beantworten: Was war die königliche Kunst bisher? — Diese königliche Kunst war bisher die Seele unserer Kultur. Und diese unsere Kultur hat zwei Grundeigenschaften. Einerseits ist sie aufgebaut auf diejenigen Kräfte in der menschlichen Seele, welche sich mit dem Unlebendigen beschäftigen, und andererseits auf diejenigen Kräfte unter den Menschen, die vorzugsweise dieses Bemeistern des Unlebendigen sich zu ihrer Aufgabe machen einfach vermittels der durch ihren Organismus hervorgerufenen Kräfte: das sind die Männer. Daher war die königliche Kunst bisher eine Männerkunst. Die Frauen waren daher ausgeschlossen und konnten nicht daran teilnehmen. Abgesondert, getrennt wurden die Arbeiten in den Logen verrichtet - wie im einzelnen, darauf kommt es nicht an - von dem, was sich auf die Familie, die Fortpflanzung der reinen Naturgrundlage des Menschengeschlechtes bezieht. In der Freimaurerei wurde daher ein Doppelleben geführt: die großen Ideen, die in der Loge zum Ausdruck kamen, durften nicht verquickt werden mit dem, was im Zusammenhange mit der Familie steht. Die Logenarbeit, als sich auf das innerste Seelenleben beziehend, lief neben der Pflege des Zusammenlebens in der Familie einher. Im Kampfe lag die eine Strömung mit der anderen. Ausgeschlossen waren die Frauen von der Maurerei. Das hörte in dem Augenblicke auf, als die Freimaurerei nicht mehr nach rückwärts schaute, sondern den Blick vorwärts richtete. Denn gerade dasjenige wurde als weibliche Strömung bezeichnet, was von außen [?] zufloß; dasjenige wurde von der Maurerei als etwas Priesterliches bezeichnet, was von Natur aus da war. Und das sah das Maurerische bisher als das Feindliche an.
[ 87 ] To this end, it is necessary—which brings us back to our starting point—to answer the question: What has the royal art been up to now? Up to now, this royal art has been the soul of our culture. And our culture has two fundamental characteristics. On the one hand, it is built on those forces in the human soul that deal with the inanimate, and on the other hand, on those forces among human beings who prefer to make it their task to master the inanimate simply by means of the forces produced by their organism: these are men. Therefore, the royal art has been a man's art up to now. Women were therefore excluded and could not participate in it. The work was carried out separately, in lodges – how this was done in detail is not important – from everything related to the family and the propagation of the pure natural basis of the human race. In Freemasonry, therefore, a double life was led: the great ideas expressed in the lodge were not to be confused with anything related to the family. The work of the lodge, relating to the innermost life of the soul, went hand in hand with the cultivation of family life. The two currents were in conflict with each other. Women were excluded from Masonry. This ceased at the moment when Freemasonry stopped looking backward and turned its gaze forward. For it was precisely that which flowed in from outside [?] that was designated as the feminine current; that which was there by nature was designated by Masonry as something priestly. And Freemasonry had previously regarded this as hostile.
[ 88 ] Der Mann ist seiner Natur nach der Repräsentant der im Unlebendigen schaffenden Kraft, während die Frau die Repräsentantin der lebendig schaffenden, das Menschengeschlecht aus der Naturgrundlage heraus fortentwickelnden Kräfte darstellt. Dieser Gegensatz muß überwunden werden.
[ 88 ] By nature, man is the representative of the creative force in the inanimate, while woman represents the living, creative forces that develop the human race from its natural foundations. This opposition must be overcome.
[ 89 ] Was in der Zukunft bewirkt werden soll, wird nur bewirkt werden können, wenn dasjenige in der Welt überwunden ist, was sich auf die alten Symbole stützt, die gerade im Geschlechtlichen ausgedrückt sind. Die heute veraltete Freimaurerei hat deshalb diese Symbole, weil sie gerade damit sagen will: dies müssen wir überwinden; aber es muß dieses Geschlechtliche bestehen bleiben draußen in den Institutionen, die sich auf das Natürliche beziehen; nur abgesondert kann man das überwinden. Der Baumeister, der Künstler, der Staatsmann, sie alle haben nichts zu tun - in ihrer Denkweise selbstverständlich, ich bitte das zu erwägen — mit der Naturgrundlage der Geschlechtlichkeit. Sie arbeiten alle mit dem Verstande, mit dem Intellekt, an der Bemeisterung der unlebendigen Kräfte. Das wird ausgedrückt in den freimaurerischen Symbolen. Diese Naturgrundlage in ferner Zukunft zu überwinden, die Kräfte des Lebendigen zu bemeistern — wie seit den fernen Zeiten der lemurischen Rasse der Mensch angefangen hat, die unlebendigen Kräfte zu bemeistern -, das wird in neuen Symbolen zum Ausdruck kommen. Dann wird nicht bloß im Gebiet des Leblosen, sondern auch im Gebiete des Lebendigen die Naturgrundlage überwunden werden.
[ 89 ] What is to be achieved in the future can only be achieved when that which is based on the old symbols, which are expressed precisely in the sexual, has been overcome in the world. Freemasonry, which is now outdated, has these symbols because it wants to say: we must overcome this; but this gender must remain outside in the institutions that relate to nature; it can only be overcome in isolation. The builder, the artist, the statesman—all of them have nothing to do, in their way of thinking, of course, I ask you to consider this, with the natural basis of sexuality. They all work with the mind, with the intellect, to master the inanimate forces. This is expressed in the Masonic symbols. Overcoming this natural foundation in the distant future, mastering the forces of life — just as humans began to master the inanimate forces in the distant times of the Lemurian race — will be expressed in new symbols. Then the natural foundation will be overcome not only in the realm of the inanimate, but also in the realm of the living.
[ 90 ] Wenn wir das bedenken, dann erscheinen uns die alten geschlechtlichen Symbole gerade als dasjenige, was im weitesten Sinne überwunden werden muß, und dann finden wir in dem Gedanken der Vereinigung von männlichen und weiblichen Geisteskräften dasjenige, was in Zukunft das Schaffende, das eigentlich Wirkende sein soll. Das äußere Ereignis für diesen Fortschritt in der Freimaurerei ist daher der Eintritt des weiblichen Geschlechtes.
[ 90 ] When we consider this, the old symbols of gender appear to us as precisely what must be overcome in the broadest sense, and then we find in the idea of the union of male and female spiritual forces that which in the future will be the creative, the truly effective force. The external event marking this progress in Freemasonry is therefore the entry of the female sex.
[ 91 ] Es gibt einen sinnigen Brauch in der Freimaurerei, der auf diese Sache Bezug hat. Wer in die Loge eingeführt wird, bekommt zwei Paar Handschuhe: das eine Paar, damit er es selbst anziehe, das andere Paar dagegen soll er derjenigen anziehen, die er am liebsten hat. Damit soll angedeutet werden, daß sich beide nur mit Handschuhen anfassen sollen, damit sinnliche Regungen nichts zu tun haben mit dem, was die Freimaurerei angeht. Auch in einem anderen Symbol ist dieser Gedanke ausgedrückt: Das Schurzfell ist das Symbol für die Überwindung des Sexuellen. Das wird zugedeckt mit dem Schurzfell. Wer diese tiefe Idee in der Freimaurerei nicht erkennt, wird auch keine Ahnung davon haben können, was das Schurzfell eigentlich bedeutet. Mit der Freimaurerei im engeren Sinn kann man das Schurzfell nicht in Verbindung bringen.
[ 91 ] There is a meaningful custom in Freemasonry that refers to this. Those who are initiated into the lodge receive two pairs of gloves: one pair to put on themselves, and the other pair to put on the person they love most. This is meant to indicate that both should only touch each other with gloves, so that sensual impulses have nothing to do with what Freemasonry is about. This idea is also expressed in another symbol: the apron is the symbol of overcoming sexuality. This is covered with the apron. Anyone who does not recognize this profound idea in Freemasonry will also have no idea what the apron actually means. The apron cannot be associated with Freemasonry in the narrower sense.
[ 92 ] Wir haben also auf der einen Seite die Überwindung des Natürlichen durch den frei schaffenden Geist, auf der anderen Seite aber auch die Trennung durch die Handschuhe. Die Handschuhe werden wir aber schließlich auch ausziehen können nach Überwindung des Niederen, mit Aufwendung der unmittelbaren freien geistigen Kraft beider Geschlechter. Dann wird wirklich erst dasjenige, was sich heute in der Geschlechtlichkeit äußert, schließlich überwunden sein. In einem freien, durchaus freien menschlichen Schaffen, in einem Zusammenwirken von Mann und Frau an dem großen Menschheitsbau werden die Handschuhe nicht mehr ausgeteilt werden, weil sie sich frei die Hände reichen können, weil jetzt Geist zu Geist spricht, nicht Sinnlichkeit zu Sinnlichkeit. Das ist die große Zukunftsidee.
[ 92 ] So, on the one hand, we have the overcoming of the natural by the freely creative spirit, but on the other hand, we also have separation through the gloves. However, we will ultimately be able to take off the gloves after overcoming the lower nature, by applying the immediate free spiritual power of both sexes. Only then will what is expressed today in sexuality finally be overcome. In free, thoroughly free human creativity, in the cooperation of man and woman in the great edifice of humanity, gloves will no longer be handed out, because they will be able to freely join hands, because now spirit speaks to spirit, not sensuality to sensuality. That is the great idea for the future.
[ 93 ] Wenn heute jemand anknüpfen will an die alte Maurerei, so ist er nur dann auf der Höhe des freimaurerischen Gedankens für die Gestaltung der Zukunft des Menschengeschlechts, wenn er in diesem Sinne wirkt und trotz des Alters dieses Ordens Verständnis hat für das, was die Zeiten von uns fordern. Wenn es möglich sein wird, Verständnis zu finden für das, was man das Geheimnis der königlichen Kunst nennt, so wird zweifellos die Zukunft uns die Wiedergeburt der alten, guten, herrlichen, heute aber heruntergekommenen Freimaurerei bringen.
[ 93 ] If someone today wants to continue the old tradition of Masonry, they will only be at the height of Masonic thinking for the shaping of the future of the human race if they work in this spirit and, despite the age of this order, have an understanding of what the times demand of us. If it will be possible to find understanding for what is called the secret of the royal art, the future will undoubtedly bring us the rebirth of the old, good, glorious, but now decayed Freemasonry.
[ 94 ] Einer der Wege, auf denen der Okkultismus in die Menschheit dringen wird, wird die wiedererstehende Freimaurerei sein. Gerade dadurch zeichnet sich das Allerbeste aus, daß es am meisten den Fehlern seiner Tugenden ausgesetzt ist. Und kann man auch heute die Freimaurerei nur als eine Karikatur der großen königlichen Kunst bezeichnen, so dürfen wir doch nicht verzagen in dem Bemühen, die in ihr schlummernden Kräfte wieder aufzuwecken: eine Arbeit, die uns obliegt auf einem Gebiete, das mit der theosophischen Bewegung parallel läuft. Wenn wir die Frage, die auf uns lastet, nicht pfuschermäßig betrachten, sondern wirklich aus den Tiefen des Weltwirkens erfassen wollen, wenn wir erfassen wollen, was in den Seelen der Geschlechter, im Kampfe der Geschlechter heute zum Ausdruck kommt, dann werden wir sehen, daß aus diesen Kräften die bildende Kraft für die Zukunft fließen muß.
[ 94 ] One of the ways in which occultism will penetrate humanity will be through the resurgent Freemasonry. It is precisely this that distinguishes the very best, that it is most exposed to the faults of its virtues. And even if today we can only describe Freemasonry as a caricature of the great royal art, we must not despair in our efforts to reawaken the powers that lie dormant within it: a task that falls to us in a field that runs parallel to the theosophical movement. If we do not view the question that weighs upon us in a superficial manner, but truly grasp it from the depths of world activity, if we want to understand what is expressed in the souls of the sexes, in the struggle between the sexes today, then we will see that the formative power for the future must flow from these forces.
[ 95 ] Das alles, was man heute herumredet, ist nichts. Beantworten kann man diese Fragen nicht, wenn die Antwort nicht aus den Tiefen geschöpft wird. Was als soziale oder als Frauenfrage heute in der Welt existiert, ist nichts, wenn es nicht aus den Tiefen der Weltenkräfte erkannt und mit ihnen in Einklang gebracht wird.
[ 95 ] All the talk we hear today is meaningless. These questions cannot be answered unless the answer is drawn from the depths. What exists in the world today as a social or women's issue is nothing unless it is recognized from the depths of the world forces and brought into harmony with them.
[ 96 ] So wahr es ist, daß große Taten in der Vergangenheit aus der Maurerei herausgeholt worden sind, so wahr ist es, daß die künftigen großen praktischen Taten aus den Tiefen der zukünftigen maurerischen Ideen herausgeholt werden müssen.
[ 96 ] As true as it is that great deeds in the past were brought forth from Freemasonry, it is equally true that the great practical deeds of the future must be brought forth from the depths of future Masonic ideas.
