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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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The Christian Mystery
GA 97

19 September 1906, Basel

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18. Die drei Einweihungspfade

18. The Three Paths of Initiation

Ansprache zur Gründung des Paracelsus-Zweiges

Speech on the Founding of the Paracelsus Branch

[ 1 ] Wenn man einen Vortrag über ein christliches Thema vor einer öffentlichen Versammlung hält, so kann man über die theosophische Weltbewegung nicht so intim sprechen wie im vorliegenden Fall in kleinerer, geschlossenerer Gesellschaft. In dem folgenden Vortrag soll eine skizzenhafte Schilderung der drei Pfade der Initiation gegeben werden.

[ 1 ] When giving a lecture on a Christian topic before a public audience, one cannot speak about the Theosophical World Movement as intimately as in the present case, in a smaller, more private setting. The following lecture will provide a brief outline of the three paths of initiation.

[ 2 ] Viele von Ihnen werden sich wohl in der mannigfaltigsten Weise mit der Theosophie befaßt haben und kennen auch verschiedene Anschauungen, die durch die theosophische Weltbewegung verbreitet werden. Aus Literatur, Vorträgen, eigenem Nachdenken ist manch einem das Interesse dafür rege geworden, von übersinnlichen, ewigen, über das Zeitlich-Vergängliche hinausgehenden Dingen genauere Kenntnis zu erhalten.

[ 2 ] Many of you have likely explored theosophy in a wide variety of ways and are also familiar with various views disseminated by the theosophical world movement. Through literature, lectures, and personal reflection, many have developed a keen interest in gaining a more precise understanding of supernatural, eternal matters that transcend the temporal and transitory.

[ 3 ] So hat es denn besonders die Geisteswissenschaft zu ihrer Aufgabe gemacht, Belehrungen über das tiefere Wesen des Menschen und seine Stellung zum Weltganzen zu geben, ferner zu erforschen, was im Menschen das Ewige und Bleibende sei, welches die Ursachen von Krankheiten, vom Bösen und Übel in der Welt wie im einzelnen Menschen seien, wohinaus letztlich die Ziele und Zwecke der Welt und der Menschen laufen, und endlich, wie die Welt entstanden sei.

[ 3 ] Thus, the humanities in particular have made it their mission to provide insights into the deeper nature of human beings and their place in the universe as a whole; furthermore, to investigate what is eternal and enduring in human beings, what the causes of illness, evil, and suffering are—both in the world and in individual human beings—where the goals and purposes of the world and of human beings ultimately lead, and finally, how the world came into being.

[ 4 ] Heute freilich sollen im wesentlichen die Pfade besprochen werden, die einzuschlagen sind, wenn man eine Einsicht in jene höheren Probleme erlangen will.

[ 4 ] Today, however, the focus will essentially be on discussing the paths one must take if one wishes to gain insight into those higher problems.

[ 5 ] Menschheitsmoral ist das höchste Ziel, das sich der Mensch setzen kann. Allgemeine Verbrüderung unter den Menschen ist das Ideal, das sich alle großen, edeln Menschen zu allen Zeiten vorgestellt haben. Das gleiche will auch die theosophische Vereinigung. Nie und nimmer bezweckt sie aber die Begründung einer neuen Sekte auf buddhistischer Grundlage, noch weniger will sie das Christentum abschaffen oder ersetzen. Sie will überhaupt auch nichts Unwissenschaftliches bringen. Wichtig ist dann noch, auseinanderzuhalten die Lehre der Theosophie, ihre Weltanschauung, und die Ziele derselben, nämlich die der allgemeinen Menschenverbrüderung.

[ 5 ] Humanity’s morality is the highest goal a person can set for themselves. Universal brotherhood among humankind is the ideal that all great and noble people throughout history have envisioned. This is also the goal of the Theosophical Society. However, it never, under any circumstances, aims to establish a new sect based on Buddhism, nor does it seek to abolish or replace Christianity. Nor does it seek to introduce anything unscientific. It is also important to distinguish between the teachings of Theosophy, its worldview, and its goals—namely, universal brotherhood.

[ 6 ] Beides ist wichtig, die theoretische wie die praktische Seite der Theosophie. Ihre Erkenntnissätze sollen dazu dienen, uns mit dem Höheren und Höchsten bekanntzumachen. Denn durch ein solches theoretisches Denken leisten wir an unserer Seele eine gewisse Arbeit. Wir bereiten sie in gewissem Maße vor zur praktischen Menschenliebe und Verbrüderung. Die theoretischen Ziele sind, dahin zu gelangen, die Mitmenschen in ihrem Wesen zu verstehen, so daß einer dem andern wirklich verständnisvoll gegenübersteht und ihn demgemäß beurteilt und behandelt. Denn die verschiedenen Meinungen, Beschäftigungen, Umgebungen und so weiter bringen sie im Leben auseinander. Das Mittel, um trotz der verschiedensten Meinungen zwischen den Menschen Frieden und Liebe zu stiften, soll eine tiefere Einsicht und Erkenntnis sein, nämlich die theosophische Weltanschauung. Sie stammt ursprünglich von denen, welche sich bemüht haben, durch Vertiefung und Entwickelung ihrer schlummernden inneren Fähigkeiten mehr von der Welt zu erkennen, als es mittels der gewöhnlichen Sinne oder des gemeinen Menschenverstandes möglich ist. Solche Menschen nennt man Eingeweihte. Dabei unterscheidet man verschiedene Stufen der Initiierten. Die großen Religionsstifter waren große Eingeweihte, zum Beispiel Hermes, der Lehrer der altägyptischen Priester, Zarathustra, Moses, Plato, Jesus Christus. Sie alle haben eine höher entwickelte Seele getragen. Sie vermochten hineinzusehen in die geistige Welt, die uns ähnlich umgibt wie die physische.

[ 6 ] Both the theoretical and the practical aspects of Theosophy are important. Its principles of knowledge are intended to serve as a means of familiarizing us with the Higher and the Highest. For through such theoretical thinking, we perform a certain kind of work on our souls. To a certain extent, we prepare it for practical love of humanity and brotherhood. The theoretical goals are to reach a point where we understand our fellow human beings in their very essence, so that we may truly treat one another with understanding and judge and treat one another accordingly. For the various opinions, occupations, environments, and so on drive people apart in life. The means to foster peace and love among people despite their widely differing opinions is to be a deeper insight and understanding, namely, the theosophical worldview. It originates from those who have striven, through the deepening and development of their dormant inner abilities, to perceive more of the world than is possible through the ordinary senses or common sense. Such people are called initiates. A distinction is made between various levels of initiation. The great founders of religions were great initiates—for example, Hermes, the teacher of the ancient Egyptian priests; Zarathustra; Moses; Plato; and Jesus Christ. They all possessed a highly developed soul. They were able to glimpse into the spiritual world, which surrounds us just as the physical world does.

[ 7 ] Solange man nicht selbst danach strebt, den Pfad der Einweihung zu gehen, gibt es nur ein Mittel, in jene geistigen Welten zu schauen, nämlich die menschliche Vernunft. Die Welt wird licht und klar bei der Durchdringung durch die Vernunft.

[ 7 ] As long as one does not strive to walk the path of initiation oneself, there is only one means of glimpsing those spiritual worlds, namely human reason. The world becomes bright and clear when penetrated by reason.

[ 8 ] Durch die geisteswissenschaftliche Weltanschauung wird die Weltkenntnis klarer und tiefer als durch die andern Philosophien. Die Vernunft ist die Richterin für die Annahme oder Verwerfung solcher Menschheitslehren. Nach ihnen hat der Mensch ein wirkliches Bedürfnis, weshalb sie ihm auch vorgetragen werden.

[ 8 ] The humanistic worldview provides a clearer and deeper understanding of the world than other philosophies do. Reason is the arbiter in accepting or rejecting such teachings about humanity. According to these teachings, human beings have a genuine need for them, which is why they are presented to them.

[ 9 ] Wie man nun selber seine Seele so entwickelt, daß sie imstande ist, jenes Hohe, Übersinnliche zu erkennen, soll im folgenden des genaueren dargetan werden. Freilich ist zu einer solchen Entwickelung kein Soll oder gar ein Muß vorhanden. Nicht jeder braucht einen solchen Pfad zu beschreiten. Wer sich dazu eignet, wird schon die nötigen Anregungen erhalten und ihnen entsprechend die geeigneten Schritte tun.

[ 9 ] How one can develop one’s own soul so that it is capable of recognizing that which is lofty and supersensory will be explained in more detail below. Of course, there is no “should” or even an “must” regarding such development. Not everyone needs to follow such a path. Those who are suited to it will receive the necessary inspiration and take the appropriate steps accordingly.

[ 10 ] Methoden, sich jene höheren Fähigkeiten anzueignen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Nur waren sie bis in die letzten Jahrzehnte hinein bloß wenigen auserwählten Geheimlehrern und Geheimschülern bekannt. Ein dazu Berufener kann den geeigneten Entwikkelungspfad eventuell auch selber finden. Es bedarf dazu nur des ernsthaften Entschlusses seines eigenen freien Willens.

[ 10 ] Methods for acquiring these higher abilities have existed throughout history. However, until just a few decades ago, they were known only to a select few secret teachers and students. Someone who is called to this path may eventually find the appropriate path of development on their own. All it takes is a sincere decision made of their own free will.

[ 11 ] So soll auch dieser Vortrag keine propagandistische Tendenz haben und die Menschen auf einen solchen Pfad drängen wollen. Es sollen nur die Wege aufgedeckt werden, die man beschreiten könnte. Das Ziel dieses Entwickelungsganges ist die Einweihung, das heißt das Erringen der Fähigkeiten zu übersinnlichen Erkenntnissen.

[ 11 ] Thus, this lecture, too, is not intended to be propagandistic or to pressure people onto such a path. Its sole purpose is to reveal the paths that one might take. The goal of this process of development is initiation—that is, the attainment of the abilities necessary for supersensible knowledge.

[ 12 ] Es ist leider noch vielfach die irrige Meinung verbreitet, die Theosophie sei etwas aus dem Orient Herübergebrachtes, stamme eigentlich aus Indien, als eine Art Neu-Buddhismus, und wolle nun uns Abendländern sozusagen als neue Religion aufgedrängt werden.Hierdurch freilich fügt man der Theosophie großes Unrecht zu, denn sie ist schon von Anbeginn auch in Europa gewesen und hatte besonders in den letzten Jahrhunderten vielerorts tiefe Wurzeln geschlagen. Freilich hat man ihr seit jeher im Orient mehr Verständnis entgegengebracht.

[ 12 ] Unfortunately, the mistaken belief is still widespread that Theosophy is something brought over from the East, that it actually originates in India as a kind of “New Buddhism,” and that it is now being imposed on us Westerners, so to speak, as a new religion. This, of course, does a great disservice to Theosophy, for it has been present in Europe from the very beginning and has taken deep root in many places, especially in recent centuries. Admittedly, it has always been met with greater understanding in the East.

[ 13 ] Der Orient und der Okzident haben auch ganz verschiedene Arten der Einweihung, entsprechend dem tieferen Charakter der Völker. Wichtiger als der orientalische Weg ist für uns hier natürlich der europäische, den zu beschreiten uns angemessener ist. Indessen führen alle diese Wege zu ein und demselben Ziel, denn die Wahrheit ist hier und dort, heute und gestern und in alle Ewigkeit dieselbe. Zunächst sollen nun die drei wichtigsten Einweihungspfade kurz geschildert werden: erstens die indische Jogaeinweihung, zweitens der christlich-gnostische Weg, der auch von heutigen Menschen noch sehr wohl betreten werden kann, drittens der rosenkreuzerische Weg, der dem heutigen Menschen, welcher im bloßen Glauben nicht letztlich Genüge finden kann, sondern mit den Errungenschaften der Kultur und Technik bekannt wird, jedenfalls der angemessenste ist. Auch dieser ist im tiefsten Grunde ein christlicher Weg, was schon daraus hervorgeht, daß gerade der rosenkreuzerisch Entwickelte die Weisheitslehren des Christentums am besten und tiefsten verstehen lernt.

[ 13 ] The East and the West also have very different forms of initiation, reflecting the deeper character of their peoples. Naturally, the European path is more important to us here than the Eastern one, as it is more appropriate for us to follow. However, all these paths lead to one and the same goal, for the truth is the same here and there, today and yesterday, and for all eternity. First, the three most important paths of initiation will be briefly described: first, the Indian yogic initiation; second, the Christian-Gnostic path, which can still very well be followed by people today; and third, the Rosicrucian path, which is certainly the most appropriate for modern people, who cannot ultimately find satisfaction in mere faith but are becoming acquainted with the achievements of culture and technology. This, too, is at its very core a Christian path, as is evident from the fact that it is precisely the Rosicrucian initiate who comes to understand the wisdom teachings of Christianity best and most deeply.

[ 14 ] Erstens: Der orientalische Jogaweg. Der menschlichen Seele ist es möglich, sich so weit zu entwickeln, daß sie wie ein Auge wird, welches direkt das Geistige, Ewige, Unzeitliche schaut. Der Weg, den der Orientale zu dieser Entwickelung einschlägt, ist wegen der völligen Andersartigkeit seiner Naturanlage und Organisation vom Weg des Europäers verschieden. Nicht etwa bloß dem Äußeren nach ist der Hindu vom Europäer verschieden, nein, sogar Gehirn und Seele sind bei beiden abweichend gebaut. Somit ergibt sich deutlich, daß zur wirklichen Erreichung jenes vorgesteckten Zieles der Hindu einen andern Weg einschlagen muß als der Europäer. Ja die Sache geht sogar so weit, daß ein Europäer sich gegebenenfalls moralisch und physisch ruiniert, wollte er den orientalischen Entwickelungspfad einschlagen. Jene Einsamkeit und Zurückgezogenheit der Seele, wie dies der Jogaweg erfordert, ist in unserer europäischen Kultur fast unmöglich. Man müßte dabei schon ganz aus dem gewöhnlichen Leben, ja aus unserer ganzen Kultur hinaustreten, um einzig nur seiner eigenen inneren Entwickelung zu obliegen.

[ 14 ] First: The Eastern Path of Yoga. It is possible for the human soul to develop to such an extent that it becomes like an eye that directly perceives the spiritual, the eternal, and the timeless. The path that the Eastern person takes toward this development differs from that of the European because of the complete dissimilarity of his natural disposition and constitution. The Hindu differs from the European not merely in outward appearance; no, even the brain and soul of the two are structured differently. Thus, it becomes clear that in order to truly attain that set goal, the Hindu must take a different path than the European. Indeed, the matter goes so far that a European might even ruin himself morally and physically if he were to follow the Eastern path of development. The solitude and seclusion of the soul required by the path of yoga are nearly impossible in our European culture. One would have to step completely out of ordinary life—indeed, out of our entire culture—in order to devote oneself solely to one’s own inner development.

[ 15 ] Der auf diesem Weg geistig Weiterschreitende bedarf eines geistigen Führers oder Gurus, der ihn sicher durch die vielen Wirrnisse durchleitet. Ohne einen solchen Guru ist es unmöglich, diesen Pfad zu beschreiten. Ferner bedarf es dazu einer völligen Umwandlung des menschlichen Wesens, einer Umwandlung, die der Guru einem vorschreibt. Überhaupt besitzt dann ein solcher Guru eine unumschränkte Gewalt über seinen Schüler. Es bleibt dann nicht mehr gleichgültig, was der Mensch in seinem sonstigen Leben tut. Es genügt nicht mehr, ein anständiger, guter Mensch gewöhnlichen Schlages zu sein, einfach ein Mensch, den die Gesellschaft so im gewöhnlichen als musterhaft bezeichnet.

[ 15 ] Those who continue on this spiritual path require a spiritual guide or guru to lead them safely through the many perplexities. Without such a guru, it is impossible to walk this path. Furthermore, this requires a complete transformation of the human being—a transformation prescribed by the guru. In general, such a guru then possesses absolute authority over his disciple. It no longer matters what the person does in the rest of his life. It is no longer enough to be a decent, good person of the ordinary sort—simply a person whom society would describe as either ordinary or exemplary.

[ 16 ] Seele und Körper müssen nun möglichst vollständig unterschieden und getrennt werden können, sie dürfen sich nicht mehr wie früher gegenseitig durchdringen. Leidenschaften und tierische Instinkte sollen künftig nichts mehr mit der Seele zu tun haben, denn solange dies der Fall ist, wird die Seele gehemmt und verhindert, die Nebel der physischen Welt zu durchdringen und in die höhere geistige Welt zu schauen. Bei einer genauen Trennung aber von Seele und Körper kann letzterer sehr wohl seine Leidenschaften und Begierden geltend machen, währenddem sich gleichzeitig die Seele im höheren Leben befindet. So kann sich also die Seele höher bilden zum geistigen Schauen, währenddem der Körper allen möglichen schlechten Eigenschaften verfällt und eventuell verkommit, weil nun seine Leidenschaften und Triebe nicht mehr, wie dies früher noch möglich war, als Seele und Körper sich noch gegenseitig durchdrangen, von der einsichtigen Seele zum Bessern geleitet werden. Daraus ergibt sich die enorme Wichtigkeit einer richtigen Führung auf diesem gefährlichen Pfad. Auf den Guru hat man dann in jedem Falle strikt zu hören, auch in Fällen, wo man das ungern tut. Der Guru darf sich in die intimsten Herzensangelegenheiten hineinmischen und seinem Schüler entsprechende Verhaltensmaßregeln geben. Gewisse Beziehungen können einem verboten werden, weil sie einem hinderlich in der eingeschlagenen Entwickelung sind. Vorbedingungen für diesen Entwickelungsweg sind: Einmal der Ausartung seiner niederen Naturtriebe wirksam vorbeugen zu können; dann die stete Übung gewisser Handlungsweisen und Festigung bestimmter Eigenschaften und die Ausbildung weiterer, erst schlummernder oder noch nicht vorhandener Fähigkeiten.

[ 16 ] It must now be possible to distinguish and separate the soul and the body as completely as possible; they must no longer interpenetrate one another as they did in the past. Passions and animal instincts should henceforth have nothing to do with the soul, for as long as this is the case, the soul is hindered and prevented from penetrating the mists of the physical world and gazing into the higher spiritual world. With a precise separation of soul and body, however, the latter can very well give free rein to its passions and desires, while at the same time the soul resides in the higher life. Thus, the soul can develop toward higher spiritual vision, while the body succumbs to all manner of bad qualities and may even degenerate, because its passions and drives are no longer guided toward the better by the discerning soul—as was once possible when soul and body were still intertwined. This highlights the enormous importance of proper guidance on this dangerous path. One must then strictly obey the guru in every instance, even in cases where one is reluctant to do so. The guru is permitted to intervene in the most intimate matters of the heart and to give his disciple appropriate rules of conduct. Certain relationships may be forbidden because they hinder one’s chosen path of development. The prerequisites for this path of development are: first, the ability to effectively prevent the degeneration of one’s lower natural instincts; second, the constant practice of certain behaviors and the strengthening of specific qualities; and third, the cultivation of other abilities that are currently dormant or not yet present.

[ 17 ] Solche Vorbereitungen für den Pfad sind: Erstens: Abgewöhnung eines irrlichtelierenden Denkens. Dies scheint eine leichte Bedingung zu sein, ist aber in Wirklichkeit schwer. Wir werden von äußeren Eindrücken gejagt und getrieben. Zum wenigsten fünf Minuten des Tages sollte der Mensch völlig Herr über seine Gedankenfolge sein. Als Übung kann man zum Beispiel versuchen, eine einzige Vorstellung in den Mittelpunkt des Bewußtseins zu stellen. Dann darf durchaus nichts anderes mit dieser Vorstellung verbunden werden, so viel sich unwillkürlich daran reihen möge, als was ich durch freien Entschluß selber damit verbinde. Derlei Übungen sollten mit verschiedensten Gegenständen angestellt werden. Nach einiger Zeit stellt sich dann ein kontrollierteres Denken ein, das sich äußerlich schon in der präziseren Sprache ausdrückt.

[ 17 ] Such preparations for the Path are: First: breaking the habit of wandering, erratic thinking. This seems like an easy requirement, but in reality it is difficult. We are chased and driven by external impressions. For at least five minutes each day, a person should be completely in control of their train of thought. As an exercise, one can, for example, try to place a single idea at the center of one’s consciousness. Then absolutely nothing else may be associated with this idea—no matter how many thoughts may involuntarily follow—except what I myself associate with it through my own free will. Such exercises should be performed with a wide variety of subjects. After some time, a more controlled way of thinking will develop, which is already outwardly expressed in more precise language.

[ 18 ] Zweitens: Initiative des Handelns. Diese fehlt manchem Menschen fast ganz, denn von früh auf wird er gewöhnlich in einen Beruf gedrängt, der nun den größten Teil seines Handelns absorbiert. Unsere meisten Handlungen sind von außen bestimmt. Daher soll der, welcher die Einweihung sucht, es sich eindringlich angelegen sein lassen, zu einer bestimmten Tageszeit regelmäßig eine Handlung zu verrichten, die aus inneren, eigenen Antrieben heraus kommt, mag dies im Grunde auch etwas Unbedeutendes sein.

[ 18 ] Second: Initiative in action. This is almost entirely lacking in some people, for from an early age they are usually pushed into a profession that then absorbs the greater part of their activity. Most of our actions are determined by external factors. Therefore, those who seek initiation should make it a point to perform a specific action regularly at a set time of day, one that arises from their own inner impulses, even if it is, in essence, something insignificant.

[ 19 ] Drittens soll der Schüler über das «himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt» hinauskommen, das heißt, der Mensch soll sich nicht jedem Schmerz und jeder Lust willenlos überlassen, sondern er soll sein inneres Gleichgewicht beibehalten auch bei den herbsten Schmerzen und den größten Lüsten. Dies braucht ganz gewiß keine Stumpfheit und Empfindungslosigkeit zu erzeugen, im Gegenteil, es bildet sich daraus ein um so feineres und intensiveres Empfinden.

[ 19 ] Third, the student should move beyond the extremes of “ecstatic joy and deep sorrow”; that is, a person should not surrender themselves passively to every pain and every pleasure, but should maintain their inner balance even in the face of the most bitter pains and the greatest pleasures. This certainly does not require dullness or insensitivity; on the contrary, it gives rise to an even more refined and intense sensibility.

[ 20 ] Viertens: Eine persische Legende von Christus Jesus soll im Schüler lebendig werden, nämlich: Mit den Jüngern ging Jesus über Land. Am Wege lag ein halb verwester Hund, greulich anzusehen. Die Jünger wandten sich mit Entsetzen ab, Christus Jesus hingegen schaute mit liebevollen Augen den Kadaver an und bemerkte dazu: Schaut doch die wunderschönen Zähne dieses toten Tieres! — Die Quintessenz hiervon ist, aus dem Häßlichen auch noch das verborgene Schöne herauszufinden und überhaupt immer das Positive zu suchen, das, wozu man ja sagen kann. Selbst im Leben des ärgsten Bösewichts gibt es lichte Momente, denen man verständnisvoll begegnen soll.

[ 20 ] Fourth: A Persian legend about Jesus Christ should come alive in the student, namely: Jesus was traveling through the countryside with his disciples. By the side of the road lay a half-decayed dog, a gruesome sight. The disciples turned away in horror, but Jesus Christ, on the other hand, looked at the carcass with loving eyes and remarked: “Just look at the beautiful teeth of this dead animal!” — The moral of this story is to discover the hidden beauty even in ugliness and, above all, to always seek out the positive—that which one can say “yes” to. Even in the life of the worst villain, there are moments of light that one should meet with understanding.

[ 21 ] Fünftens ist völlige Freiheit von Vorurteilen anzustreben. Niemals soll die Vergangenheit einem das Urteil über die Gegenwart bestimmen. Etwas Neues soll man nicht einfach von sich weisen, weil es einem noch nie begegnet ist. Neuen Erkenntnissen soll man unbefangen entgegentreten, wenn man ein Eingeweihter werden will.

[ 21 ] Fifth, one should strive for complete freedom from prejudice. The past should never determine one’s judgment of the present. One should not simply reject something new simply because one has never encountered it before. One should approach new insights with an open mind if one wishes to become an initiate.

[ 22 ] Sechstens: Entwickelung zur Seelenharmonie. Diese wird eigentlich aus allen andern wie von selbst entstehen.

[ 22 ] Sixth: Development toward harmony of the soul. This will actually arise of its own accord from all the others.

[ 23 ] Die angeführten Eigenschaften sind für jeden auf dem Jogaweg Einzuweihenden unerläßliche Vorbedingungen.

[ 23 ] The qualities listed are essential prerequisites for anyone on the path of yoga who is to be initiated.

[ 24 ] Der eigentliche Jogaweg besteht ebenfalls aus einzelnen Abschnitten, die man scharf auseinanderhalten muß.

[ 24 ] The actual path of yoga also consists of individual sections, which must be clearly distinguished from one another.

[ 25 ] Erstens: Der Jogaschüler soll nicht töten, nicht lügen, nicht stehlen, nicht ausschweifend leben und nicht begehren. Je mehr man aufhört, auf Kosten anderer zu leben, um so naher kommt man dem, was mit der Forderung «nicht stehlen» gemeint ist. Es handelt sich hier natürlich nicht um das auch kriminell strafbare Stehlen, sondern um feinere Arten desselben. Was die übrigen Erfordernisse besagen, weiß wohl jeder unmittelbar selbst.

[ 25 ] First: The student of yoga should not kill, lie, steal, live a life of debauchery, or covet. The more one stops living at the expense of others, the closer one comes to what is meant by the precept “do not steal.” Of course, this does not refer to theft that is punishable as a criminal offense, but to more subtle forms of it. Everyone surely knows intuitively what the other precepts mean.

[ 26 ] Zweitens ist es sehr erwünscht, gewisse symbolische Handlungen als die seinigen anzuerkennen. Man soll einen Sinn dafür haben und verstehen lernen, daß eine Kultushandlung eigentlich bloß ein symbolischer Ausdruck für einen tieferen Inhalt ist.

[ 26 ] Second, it is highly desirable to recognize certain symbolic acts as one’s own. One should develop a sense for them and learn to understand that a ritual act is actually merely a symbolic expression of a deeper meaning.

[ 27 ] Drittens: Einnehmen einer bestimmten Körperstellung und -lage, denn es ist durchaus nicht gleichgültig, welche Lage man dem Körper bei den Übungen zur höheren Weisheit gibt. Man soll ihn nämlich möglichst in die Richtung der geistigen Strömungen in der Welt bringen.

[ 27 ] Third: Adopting a specific physical posture and position, for it is by no means irrelevant what position one places the body in during the exercises for higher wisdom. One should, in fact, orient the body as much as possible toward the spiritual currents in the world.

[ 28 ] Viertens:Von großer Wichtigkeit ist auch das Pranayama oder das Jogaatmen, welches mit der Forderung zusammenhängt, nicht zu töten, denn durch seinen Atem wirkt der Mensch auf viele Dinge seiner Umgebung tötend. Das Jogaatmen zielt darauf ab, dem menschlichen Atem jenen tötenden Einfluß auf andere Lebewesen allmählich zu nehmen. Vor allem soll nicht mehr so viel tötende Kohlensäure abgegeben werden. Daß dies möglich ist, ergibt sich schon daraus, daß die tief Eingeweihten Jahrzehnte in dumpfen Höhlen zubringen können, ohne physisch zu verderben.

[ 28 ] Fourth: Pranayama, or yogic breathing, is also of great importance; it is connected to the precept against killing, for through one’s breath, a person exerts a lethal effect on many things in their environment. Yogic breathing aims to gradually remove that lethal influence of human breath on other living beings. Above all, it seeks to reduce the amount of lethal carbon dioxide emitted. That this is possible is evident from the fact that deeply initiated individuals can spend decades in damp caves without suffering physical harm.

[ 29 ] Die fünfte Stufe bezieht sich auf die Unterdrückung des Ablaufs bestimmter sinnlicher Vorstellungen. Wir dürfen hier nicht mehr jede sinnliche Vorstellung auf uns einwirken lassen, sondern sollen einzelne herausnehmen, um auf sie dann alle Aufmerksamkeit zu konzentrieren. Ferner sollen die andern Gedanken jeweils einen bestimmten und geregelten Weg des Ablaufs erhalten.

[ 29 ] The fifth stage involves suppressing the flow of certain sensory perceptions. Here, we must no longer allow every sensory perception to influence us, but rather single out individual ones in order to then focus all our attention on them. Furthermore, the other thoughts should each be given a specific and regulated course of progression.

[ 30 ] Sechstens: Im weiteren Verfolg hat sich der Schüler etwa auf einen Lichteindruck, oder besser gesagt, auf das in der Seele haftende Bild eines solchen Eindrucks zu konzentrieren. Letzteres bildeteine noch höhere Stufe. Noch wertvoller ist die Meditation, die von einer Vorstellung ausgeht, die nicht mehr der sinnlichen Welt angehört. Daß der Mensch sich solchen Vorstellungen in Kontemplation hingibt, ist für seine Schulung durchaus erforderlich.

[ 30 ] Sixth: In the next step, the student should concentrate on, for example, an impression of light—or, more precisely, on the image of such an impression that remains imprinted in the soul. The latter represents an even higher level. Even more valuable is meditation that arises from an idea that no longer belongs to the sensory world. It is absolutely essential for a person’s training to devote themselves to such ideas in contemplation.

[ 31 ] Die folgende siebente Stufe ist sehr schwer, denn sie besteht darin, daß der Mensch nun überhaupt jegliche Vorstellung aus seinem Bewußtsein verbannt und dabei doch vollständig wach bleibt. So nähert er sich dem Zustand intuitiver Empfängnis. Jetzt erst ist der Boden bereitet, damit uns aus einer bisher noch unbekannten Welt deren Inhalt zufließt.

[ 31 ] The following seventh stage is very difficult, for it consists in the person now banishing every single thought from his consciousness while remaining fully awake. In this way, he approaches the state of intuitive perception. Only now is the ground prepared for the contents of a world hitherto unknown to us to flow into our consciousness.

[ 32 ] Bei all dieser Vorbereitung und Schulung ist der Guru unentbehrlich, denn erst durch ihn und ausschließlich durch ihn werden diese inneren Vorgänge in der richtigen Weise und zum Heil des Schülers geleitet.

[ 32 ] In all this preparation and training, the guru is indispensable, for it is only through him—and exclusively through him—that these inner processes are guided in the proper manner and for the benefit of the disciple.

[ 33 ] Die hier gebrachte Darlegung dieses Jogaweges ist freilich nur eine unvollständige Skizze und ja nicht etwa für irgend jemand eine Anleitung zur Betretung dieses Weges. Es bedarf, um es noch einmal zu sagen, von Zeit zu Zeit der unentbehrlichen, nur von Mensch zu Mensch zu übermittelnden Anleitung durch den Guru.

[ 33 ] The explanation of this path of yoga presented here is, of course, only an incomplete outline and by no means a guide for anyone to embark on this path. To reiterate, from time to time, one requires the indispensable guidance of the guru, which can only be conveyed from person to person.

[ 34 ] Zweitens: Der christlich-gnostische Weg. Der Hauptunterschied dieses Weges vom vorigen ist der, daß hier nicht jeder einzelne Schüler einen besonderen Guru für sich braucht. Er ist dieses Erfordernisses enthoben durch die Existenz einer großen, erhabenen Persönlichkeit, nämlich des Christus Jesus, welcher dem Schüler Ziel und Wegweiser sein soll. Die genauere Darlegung des einzuschlagenden Weges findet er in der Heiligen Schrift, der Bibel, und zwar speziell im Johannes-Evangelium, welches in seinem tieferen Grunde in der Tat eine direkte Anweisung zu mystischer Schulung ist.

[ 34 ] Second: The Christian-Gnostic Path. The main difference between this path and the previous one is that here, not every individual student needs a specific guru of their own. They are relieved of this requirement by the existence of a great, exalted personality—namely, Jesus Christ—who is to serve as the student’s goal and guide. The student finds a more detailed explanation of the path to follow in Holy Scripture, the Bible, and specifically in the Gospel of John, which, at its deepest level, is in fact a direct guide to mystical training.

[ 35 ] Bei diesem Weg ist der Führer mehr ein Berater als ein autoritativer eigentlicher Guru. In der Anleitung zur Einweihung ist hier zugleich die höchste Autorität beschlossen, nämlich Jesus Christus. Das Johannes-Evangelium gibt diese Anleitung zur mystischen Entwickelung. Es ist also kein Studienbuch, sondern in wahrhaftem Sinne ein Lebensbuch. Schon die ersten wenigen Sätze dieses Evangeliums haben eine bestimmte mystische Kraft und sind überaus wichtig zum Betreten des Einweihungspfades. So muß sich ein christlicher Mysterienschüler in bezug auf diese wenigen Sätze meditativ verhalten, das heißt zum Beispiel, jeden Morgen um eine bestimmte Zeit diese Sätze und sonst gar nichts anderes zum Inhalt seiner Seele machen. Nach einiger Zeit wird ihm dann der tiefe Gehalt dieser Sätze intuitiv klar, und jetzt erst ist der Moment gekommen, wo man das weitere Studium des Johannes-Evangeliums wirklich fruchtbringend beginnen kann.

[ 35 ] In this path, the guide is more of an advisor than an authoritative guru in the strict sense. The guidance for initiation is found here in the highest authority itself: Jesus Christ. The Gospel of John provides this guidance for mystical development. It is therefore not a textbook, but in the truest sense a guide to life. Even the very first few sentences of this Gospel possess a certain mystical power and are of the utmost importance for embarking on the path of initiation. Thus, a Christian student of the mysteries must approach these few sentences meditatively; that is to say, for example, every morning at a specific time, he must make these sentences—and nothing else—the focus of his soul. After some time, the deep meaning of these sentences will become intuitively clear to him, and only then will the moment have come when one can truly begin a fruitful study of the Gospel of John.

[ 36 ] Im Verlauf dieses Studiums werden sich allmählich in unsere Träume leise jene Bilder des Evangeliums einschleichen, so daß wir die darin dargelegten Handlungen innerlich selber erleben. Dieses innere Erlebnis erstreckt sich dann über sämtliche Entwickelungsstufen, deren eingehendere Schilderung ich hier nicht bringen will.

[ 36 ] In the course of this study, the images from the Gospel will gradually and quietly find their way into our dreams, so that we ourselves inwardly experience the events described therein. This inner experience then extends across all stages of development, which I do not intend to describe in detail here.

[ 37 ] Ist man vorgeschritten bis zur Fußwaschung, welche die symbolische Handlung für das demütige Bekennen der Abhängigkeit und des Hervorwachsens aus dem unter einem Stehenden, Niedereren ist, so machen sich auch schon äußerlich gewisse Symptome geltend: ein eigenartiges Gefühl von rieselndem Wasser an den Füßen. Als inneres Symptom steht ihm gegenüber das imaginative Bild der Fußwaschung. In der christlichen mystischen Entwickelung bedeutet die Fußwaschung die erste Stufe.

[ 37 ] Once one has progressed to the washing of the feet—which is the symbolic act representing the humble acknowledgment of dependence and of emerging from that which stands below and is lower—certain outward symptoms also begin to manifest: a peculiar sensation of water trickling over the feet. This is counterbalanced by the inner symptom of the imaginative image of the foot-washing. In Christian mystical development, the foot-washing signifies the first stage.

[ 38 ] Als zweite Station folgt dann die Geißelung, welche man ebenfalls gefühlsmäßig erlebt. Sie bedeutet, daß wir trotz großer und vieler Schmerzen und Kümmernisse, die wir im Leben auszuhalten haben, immer aufrechtstehen und nicht kleinmütig werden. Auch hier haben wir sowohl ein äußeres wie ein inneres Symptom, nämlich ein seltsames physisches Stechen und das geistige Bild unserer eigenen Geißelung.

[ 38 ] The second station is the Flagellation, which we also experience emotionally. It signifies that, despite the great and numerous pains and sorrows we must endure in life, we always stand tall and do not lose heart. Here, too, we experience both an external and an internal symptom: a strange physical stinging sensation and the mental image of our own scourging.

[ 39 ] Dritte Stufe die Dornenkrönung. Diese Handlung besagt, daß, wenn uns auch Schmerzvolles begegnet, wenn uns unsere heiligsten Gefühle und Überzeugungen mit Hohn und Spott verfolgt würden, man seine innere Festigkeit, sein Gleichgewicht nicht verlieren soll. Symptome: Kopfschmerzen, Vision der eigenen Person mit der Dornenkrone auf dem Haupt.

[ 39 ] The third station: the Crowning with Thorns. This station teaches that even when we encounter suffering, even when our most sacred feelings and convictions are met with scorn and mockery, we must not lose our inner strength or our composure. Symptoms: Headaches, a vision of oneself wearing a crown of thorns.

[ 40 ] Viertens die Kreuztragung [Kreuzigung]: Hier soll dem Schüler zum Erlebnis werden, daß der Leib eigentlich ein gleichgültiges Objekt ist gegenüber der Seele und deren Wichtigkeit. Sind wir uns dessen wirklich bewußt, dann werden wir auch imstande sein, den Leib bloß als Instrument zu höheren Dingen zu benutzen, dann werden wir ihn wirklich beherrschen. Symptome: Erscheinen der Wundmale Christi als gerötete Stellen an Händen und Füßen. Diese Blutsprobe tritt freilich nur für Augenblicke während der Meditation auf. Innerliche Vision, daß man selber gekreuzigt werde.

[ 40 ] Fourth, the bearing of the cross [crucifixion]: Here, the student is to come to realize that the body is, in fact, an insignificant object compared to the soul and its importance. If we are truly aware of this, then we will also be able to use the body merely as an instrument for higher purposes; then we will truly master it. Symptoms: The appearance of Christ’s stigmata as reddened areas on the hands and feet. This “blood test,” of course, occurs only for a few moments during meditation. An inner vision of oneself being crucified.

[ 41 ] Fünftens der mystische Tod. Hier hat der Schüler das sonderbare Erlebnis, als ob die ganze Welt um ihn mit einem Schleier zugedeckt wäre, und hinter dem Schleier ahnt er das Wesenhafte. Während er sich so in der Finsternis fühlt, reißt plötzlich der Schleier, und er blickt hindurch in eine ganz neue, wundersame Welt hinein. In einem ganz andern Maße lernt er nun beurteilen, was auf dem Grunde der menschlichen Seele liegt. Es ist dieser mystische Tod gleichsam ein Hinabsteigen in die Hölle.

[ 41 ] Fifth, the mystical death. Here, the student has the strange experience of feeling as if the entire world around him were covered by a veil, and behind that veil he senses the essential reality. While he feels himself in this darkness, the veil suddenly tears, and he gazes through it into a completely new, wondrous world. He now learns to judge, on an entirely different level, what lies at the core of the human soul. This mystical death is, as it were, a descent into hell.

[ 42 ] Jetzt ist er ein Erweckter und kann zur sechsten Stufe, zur Grablegung, fortschreiten. Hier empfindet der Mensch seine ganze äußere Umgebung als seinen Leib. Seine Persönlichkeit weitet sich aus und umfaßt die ganze Erde. Der Leib fühlt sich mit der Erde eins, und das persönliche Bewußtsein dehnt sich zum Erdenbewußtsein aus.

[ 42 ] Now he is an Awakened One and can proceed to the sixth stage, the burial. Here, the person perceives his entire external environment as his body. His personality expands to encompass the entire Earth. The body feels at one with the Earth, and personal consciousness expands into Earth consciousness.

[ 43 ] Die siebente Stufe kann nicht genauer beschrieben werden, denn sie steht jenseits allen sinnlichen Vorstellungsvermögens. Höchstens kann sie noch denkend von jenen Menschen erfaßt werden, welche durch unablässige Übung endlich von dieser Welt frei geworden sind. Diese Stufe umfaßt das Eingehen zu vollkommener Göttlichkeit und Herrlichkeit, wofür unsere Worte zur Schilderung nicht mehr ausreichen.

[ 43 ] The seventh stage cannot be described in greater detail, for it lies beyond all sensory imagination. At most, it can be grasped intellectually by those who, through unceasing practice, have finally been liberated from this world. This stage encompasses the entry into perfect divinity and glory, which our words are no longer sufficient to describe.

[ 44 ] Dieser christliche Weg ist zwar ein schwieriger, weil er innerlich mit großer Demut und Selbstentäußerung verknüpft ist. Wer ihn aber durchwandelt hat, der hat erreicht, was des Menschen Ziel und Würde ist, in dem ist das wahre Christentum wirklich lebendig geworden.

[ 44 ] This Christian path is indeed a difficult one, for it is intrinsically linked to great humility and self-denial. But whoever has walked this path has attained what is the goal and dignity of humanity; in that person, true Christianity has truly come to life.

[ 45 ] Drittens: Der rosenkreuzerische Pfad. Dieser Weg ist eigentlich nur eine Modifikation der andern beiden. Er ist im 14. Jahrhundert aufgekommen, weil die Adepten damals schon voraussahen, daß in den nächsten Jahrhunderten die Kulturverhältnisse ganz anders würden.

[ 45 ] Third: The Rosicrucian Path. This path is actually just a modification of the other two. It emerged in the 14th century because the adepts of that time already foresaw that cultural conditions would be quite different in the coming centuries.

[ 46 ] Für den modernen Menschen ist dieser Weg der geeignetste. Er ist auch dem Europäer am angemessensten. Freilich ist damit nicht gesagt, daß nicht einer der andern Wege ebenfalls zum Ziel führen könnte. Das rosenkreuzerische System ist jedoch mit unserer ganzen Kultur und Zivilisation vereinbar. Dieser Weg ist allerdings bisher nicht in Büchern oder Handschriften niedergelegt, sondern durch mündliche Überlieferung von einer Generation auf die andere übertragen worden. Eine ausführlichere Darlegung desselben findet sich in der «Luzifer-Gnosis» unter dem Titel «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten».

[ 46 ] For modern man, this path is the most suitable. It is also the most appropriate for Europeans. Of course, this does not mean that one of the other paths could not likewise lead to the goal. The Rosicrucian system, however, is compatible with our entire culture and civilization. This path has not, however, been recorded in books or manuscripts to date, but has been passed down from one generation to the next through oral tradition. A more detailed exposition of it can be found in Luzifer-Gnosis under the title “How to Attain Knowledge of the Higher Worlds.”

[ 47 ] Hier haben wir eine ganz andere Auffassung des Guru. Er ist dem Schüler nicht mehr eine unbedingte Autorität, sondern mehr ein Ratgeber und Freund. Autorität ist hier bloß noch die freie Entschließung des Individuums.

[ 47 ] Here we see a completely different view of the guru. He is no longer an unconditional authority figure to the student, but rather an advisor and friend. Authority here is merely the individual's free will.

[ 48 ] Die Entwickelung vollzieht sich in sieben Stufen, nämlich: Erstens Studium, zweitens Imagination, drittens Erkenntnis der okkulten Schrift, viertens Rhythmisierung des Lebens, fünftens Aufsuchen von entsprechenden Beziehungen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, sechstens Kontemplation, siebentens Erleben der Gottseligkeit.

[ 48 ] Development takes place in seven stages, namely: first, study; second, imagination; third, understanding of the occult scriptures; fourth, bringing rhythm to life; fifth, seeking out corresponding relationships between the macrocosm and the microcosm; sixth, contemplation; seventh, experiencing the divine.

[ 49 ] Es ist also zunächst ein Studium erforderlich, freilich nicht ein wissenschaftliches Studium im gelehrten Sinne, sondern eine Beschäftigung mit Gedanken über Welt und Menschenleben, über Entstehung der Gestirne und so weiter oder sonstige Schulung des Denkens. Das Denken hat nämlich die Eigenschaft, neue Erfahrungen und Erlebnisse zu geben, das heißt, nur das zielbewußte, logische Denken. Es bildet einen sicheren Führer durch alle Welten, denn in jeder muß in derselben Weise konsequent gedacht werden.

[ 49 ] Thus, a course of study is first required—though not an academic course of study in the scholarly sense, but rather an engagement with thoughts about the world and human life, about the origin of the stars and so on, or other forms of training the mind. For thinking has the ability to provide new experiences and insights—that is, only purposeful, logical thinking. It serves as a reliable guide through all worlds, for in each one, one must think consistently in the same way.

[ 50 ] Zweitens die Aneignung der Imagination. Sie besteht darin, daß man nicht bloß ein theoretisches und gedankliches, sondern ein moralisches Verhältnis zu seiner Umgebung gewinnt. Man soll hier lernen, an jedem Ding das herauszufinden, was einem moralischen Hintergrund entspricht. Zur Pflege dieser Imagination kann man sich zum Beispiel das Bild einer Pflanze in aller Klarheit und Deutlichkeit vor Augen bringen. Oder man legt ein Körnchen vor sich hin und imaginiert nun das allmähliche Emporsprießen eines Halmes und zuletzt einer fertigen Pflanze mit Früchten. Nach einiger Übung sieht man dann wirklich, wie eine Pflanze aus einem solchen Körnchen herauskommt und emporwächst. Dazu bedarf es freilich schon starker okkulter Kräfte. Aber mit geringeren Mitteln kann man als ein kleines Flammchen, das aus dem Samen herauskommt, den Astralkörper der Pflanze wahrnehmen.

[ 50 ] Second, the development of imagination. This involves not merely establishing a theoretical and intellectual relationship with one’s surroundings, but a moral one. Here, one should learn to discover in every thing that which corresponds to a moral context. To cultivate this imagination, one can, for example, bring to mind the image of a plant with complete clarity and distinctness. Or one can place a seed in front of oneself and imagine the gradual sprouting of a stalk and, finally, a fully grown plant bearing fruit. After some practice, one can then actually see how a plant emerges from such a seed and grows upward. Of course, this requires strong occult powers. But with more modest means, one can perceive the plant’s astral body as a small flame emerging from the seed.

[ 51 ] Drittens die Erlernung der okkulten Schrift. Es ist dies eine Aneignung von Zeichen, welche mit dem Weltprozeß zu tun haben.

[ 51 ] Third, the study of occult script. This involves the mastery of symbols related to the workings of the world.

[ 52 ] Viertens die Rhythmisierung des Lebens. Hierzu gehört eine Regelung des Atemvorganges, bei der das Verhältnis von ausgeatmeter Kohlensäure zu eingeatmetem Sauerstoff in bestimmter Weise geändert wird. Eine Rhythmisierung des Lebens ist in unserer unruhigen Zeit überhaupt sehr notwendig. Alle Vorgänge folgen sich in einem großen Rhythmus, und dieser Rhythmus soll so viel als möglich auch ins Leben hineingetragen werden. So soll man zum Beispiel einen Meditationsprozeß genau zu einer bestimmten Stunde ansetzen, oder am Abend zur selben Stunde eine Rückschau auf sein vergangenes Leben halten. Dadurch entbindet man starke Kräfte in seiner Seele.

[ 52 ] Fourth, the rhythmic structuring of life. This involves regulating the breathing process in such a way that the ratio of exhaled carbon dioxide to inhaled oxygen is altered in a specific manner. In our restless times, the rhythmic structuring of life is absolutely essential. All processes follow one another in a grand rhythm, and this rhythm should be carried into life as much as possible. For example, one should begin a meditation session at a specific hour, or reflect on one’s past life at the same hour each evening. In this way, one unleashes powerful forces within one’s soul.

[ 53 ] Fünftens Aufsuchen der Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Den Zusammenhang zwischen diesen beiden hat auch Goethe in dem schönen Worte ausgedrückt:

[ 53 ] Fifth, exploring the correspondences between the microcosm and the macrocosm. Goethe also expressed the connection between these two in these beautiful words:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken,
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?

If the eye were not like the sun,
It could never behold the sun;
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us?

[ 54 ] Eine eingehende Versenkung in unsere Organe belehrt uns über die ihnen entsprechenden Teile des Makrokosmos. Zum Beispiel das Studium des Auges belehrt uns über das Licht, ein Erforschen der Lunge gibt uns Aufschluß über die Zusammensetzung der Luft und so weiter. Ähnlich soll man zuletzt zu der eigenen Selbsterkenntnis kommen.

[ 54 ] A thorough contemplation of our organs teaches us about the corresponding parts of the macrocosm. For example, the study of the eye teaches us about light; an exploration of the lungs provides insight into the composition of air, and so on. In a similar way, one should ultimately arrive at self-knowledge.

[ 55 ] So wird uns durch Versenkung in die innere kleine Welt allmählich auch die große Welt offenbar. Durch solche vergleichende Betrachtungen wird endlich der Zustand der Gottseligkeit erreicht, als Folge aller vorhergehenden Übungen und besonders der tiefruhigen Kontemplation der sechsten Stufe.

[ 55 ] Thus, by immersing ourselves in the small inner world, the great world is gradually revealed to us as well. Through such comparative reflections, the state of godliness is finally attained, as the result of all previous exercises and especially the deeply tranquil contemplation of the sixth stage.

[ 56 ] Bei alledem ist erforderlich, daß der Mensch durchdrungen ist von bestimmten guten Eigenschaften, als da sind Selbstvertrauen, Selbstbeherrschung und Geistesgegenwart.

[ 56 ] In all of this, it is essential that a person be imbued with certain positive qualities, such as self-confidence, self-control, and presence of mind.

[ 57 ] An dieser inneren Fortbildung soll unablässig gearbeitet werden. Denn trotzdem das Göttliche wirklich schon in uns latent ist, wird es doch nicht ohne Arbeit und entsprechende Entwickelung unmittelbar offenbar. Dieser Weg verlangt kein Hinausgehen aus menschlichen und sozialen Kreisen, um in der Einsamkeit seiner eigenen Entwickelung zu obliegen. Er fordert auch keine Verachtung der Materie, sondern ein bloßes Darüber-Hinauskommen und eine Überwindung derselben zu Höherem.

[ 57 ] We must work tirelessly on this inner development. For even though the Divine is truly already latent within us, it will not become immediately manifest without effort and corresponding development. This path does not require withdrawing from human and social circles to devote oneself to one’s own development in solitude. Nor does it demand contempt for matter, but rather simply rising above it and transcending it toward something higher.

[ 58 ] Selbsterkenntnis ist Welterkenntnis! — diene zum Leitspruch.

[ 58 ] Self-knowledge is knowledge of the world! — Let this be your motto.

[ 59 ] Die geschilderten drei Wege nun führen den Menschen zur höheren Schülerschaft hin. Erst von dieser aus kann er dann durch einen wahrhaft Eingeweihten den letzten Schlüssel zum Weltgeheimnis erlangen, um dadurch einen Einblick in die tieferen Zusammenhänge des Welt- und Menschenlebens zu bekommen. Jene höchste Stufe bedeutet dann die Befähigung, Intuitionen aus höheren Welten in sich aufzunehmen. Es ist ein Zustand geistiger Helle und göttlichen Lichtes.

[ 59 ] The three paths described here lead a person toward higher discipleship. Only from this point can one then, through a true initiate, attain the final key to the mystery of the world, thereby gaining insight into the deeper interconnections of world and human life. That highest level then signifies the ability to receive intuitions from higher worlds. It is a state of spiritual clarity and divine light.