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The Rudolf Steiner Archive

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The Christian Mystery
GA 97

22 February 1907, Vienna

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22. Die christliche Einweihung und die Rosenkreuzerschulung

22. Christian Initiation and Rosicrucian Training

[ 1 ] Haben wir gestern ein Thema besprochen, das mehr die äußere, exoterische Seite der Geisteswissenschaft betrifft, so dürfen wir heute über die innere Seite, die esoterische Seite der Geisteswissenschaft, einige Betrachtungen anstellen.

[ 1 ] If yesterday we discussed a topic that pertains more to the outer, exoteric aspect of spiritual science, today we may offer some reflections on the inner, esoteric aspect of spiritual science.

[ 2 ] Wenn man, wie es heute unsere Aufgabe ist, zu einem großen oder auch kleineren Publikum über die Ergebnisse der Forschung des Übersinnlichen redet, so wird gar bald die Frage gestellt: Woher weiß man das? Wie kann man denn dazu kommen, selbst etwas zu erfahren in bezug auf die höheren Welten? — Diese Frage ist eine sehr berechtigte. Nur hat man sich klar zu sein darüber, daß man nicht allzufrüh, etwa gar vor der Bekanntschaft mit den wichtigen geisteswissenschaftlichen Ideen, diesen Weg des eigenen Beobachtens gehen kann. Man muß schon eine Art von Bekanntschaft mit den allgemeinen Ideen und Gedanken der Anthroposophischen Weltanschauung gemacht haben. Man muß versucht haben, die Ahnung zu bekommen, die jedem Menschen aufdämmert, daß Wahrheit in der Anthroposophie ist. Man muß endlich versucht haben, aus der menschlichen Logik heraus den inneren Zusammenhang der geisteswissenschaftlichen Lehren zu begreifen.

[ 2 ] When, as is our task today, one speaks to a large or even smaller audience about the results of research into the supersensible, the question is soon asked: How do we know this? How can one come to experience something oneself with regard to the higher worlds? — This is a very legitimate question. However, one must be clear that one cannot embark on this path of personal observation too soon—certainly not before becoming acquainted with the key ideas of spiritual science. One must already have gained some familiarity with the general ideas and concepts of the anthroposophical worldview. One must have tried to gain the intuition—which dawns on every human being—that there is truth in anthroposophy. Finally, one must have tried to grasp, through human logic, the inner coherence of the spiritual scientific teachings.

[ 3 ] Heute kann eigentlich prinzipiell nichts dagegen eingewendet werden, wenn jemand Verlangen trägt, selbst aufzusteigen zu den Stufen der höheren Erkenntnis. Gewiß wird von manchen Seiten recht viel von den Gefahren und von all dem gesprochen, was sich der okkulten Entwickelung - so nennt man nämlich die innere Entwickelung des Menschen — entgegentürmt. Viel wird über Hathajoga und Rajajoga gesprochen, doch hat dies mehr theoretischen Wert. Wenn die Sache richtig gemacht wird, wenn derjenige, der eine solche innere Entwickelung leitet, auch dazu berufen ist, das zu tun, dann besteht eigentlich die Gefahr nicht. Es muß nur alles richtig gemacht werden, darauf kommt es an. Ein solcher Vortrag wie der heutige ist etwa nicht dazu da, Anleitungen zu geben - dies sei besonders hervorgehoben -, diese müssen ausdrücklich von Mensch zu Mensch gegeben werden. Wer sie gibt, übernimmt eine große Verantwortung, und wer sie sich geben läßt, muß sich klar sein, daß der Erwählte sein Vertrauen auch wirklich verdient. Dieses Vertrauen ist etwas, was unbedingt vorhanden sein muß.

[ 3 ] Today, in principle, there is really nothing to be said against someone who feels a desire to ascend on their own to the levels of higher knowledge. Certainly, some people speak at great length about the dangers and all the obstacles that stand in the way of occult development—as the inner development of the human being is called. Much is said about Hatha Yoga and Raja Yoga, but this is mostly of theoretical value. If the process is carried out correctly, and if the person guiding such inner development is truly called to do so, then there is actually no danger. Everything simply has to be done correctly; that is what matters. A lecture such as today’s is not intended to provide instructions—this should be particularly emphasized—for these must be given explicitly from person to person. Whoever gives them assumes a great responsibility, and whoever receives them must be certain that the chosen one truly deserves their trust. This trust is something that must absolutely be present.

[ 4 ] Die okkulte oder innere Entwickelung des Menschen führt also den einzelnen nach und nach hinauf zu den Stufen der eigenen Erkenntnis. Ich möchte Ihnen nun das Wesentliche der inneren Entwickelung skizzieren, und zwar, wie schon gesagt, zur Information, nicht zur Anleitung.

[ 4 ] The occult or inner development of the human being thus gradually leads the individual up to the levels of self-knowledge. I would now like to outline the essentials of inner development—as I have already said, for informational purposes, not as a guide.

[ 5 ] Wenn jemand den Gipfel der Erkenntnis erreicht hat, wenn jemand oben am Gipfel des Berges steht, hat er nach allen Seiten freie Aussicht. So ist es im physischen Dasein, so auch in der Erkenntnis. Solange man nicht oben ist, solange man am Wege ist, so lange hat man die freie Aussicht nicht. Man lernt, je mehr man steigt, immer mehr kennen, aber immer bleibt noch ein großer Teil durch den Berg verdeckt. Sehr gut paßt dieses Bild des Berges auf die innere Entwickelung. Ein jeder muß auch, wenn er die Stufen der höheren Erkenntnis hinaufsteigen will, von einem Punkte ausgehen, der für ihn geeignet ist. Das heißt, die Menschen sind verschieden auf Erden, verschieden auch hinsichtlich ihrer physischen, ätherischen und astralischen Konstitution. Die äußere Natur eines Hindu, eines Menschen aus Vorderasien, eines Europäers oder Amerikaners sind voneinander verschieden, viel mehr als sich der Nichtokkultist vorstellen kann. Was einer Hindunatur an Übungen in bezug auf innere Entwickelung frommt, das ist nicht ohne weiteres einer abendländischen Natur zuzumuten. Es war also ein Fehler, daß man die orientalische Jogalehre nach Europa übertrug. Dadurch wurde viel Unheil angerichtet. Der viel weichere Leib des Hindu kann ganz anders entwickelt werden, als der durch die Zivilisation, wenn man so sagen darf, viel härter gemachte Europäaerorganismus. So sind die menschlichen Naturen viel verschiedener, als Sie sich vorstellen können. Der Anatom kann Ihnen nichts sagen darüber, aber wer als Hellseher einen Blick in das Innere hinein tut, der weiß, wie gewaltig verschieden die Naturen sind.

[ 5 ] When someone has reached the summit of knowledge—when someone stands at the very top of the mountain—they have an unobstructed view in every direction. This is true in physical life, and it is true in knowledge as well. As long as one is not at the top—as long as one is still on the path—one does not have that unobstructed view. The higher one climbs, the more one comes to know, but a large part remains hidden by the mountain. This image of the mountain fits very well with inner development. Everyone who wishes to ascend the steps of higher knowledge must also start from a point that is suitable for them. This means that people on Earth are different from one another, differing also in their physical, etheric, and astral constitutions. The outer nature of a Hindu, a person from the Near East, a European, or an American differs from one another far more than the non-occultist can imagine. What is beneficial for a Hindu nature in terms of exercises for inner development cannot simply be expected of a Western nature. It was therefore a mistake to transplant the Eastern yoga teachings to Europe. This caused a great deal of harm. The much softer body of a Hindu can be developed quite differently from the European organism, which has been made much harder—if I may say so—by civilization. Thus, human natures are much more diverse than you can imagine. An anatomist cannot tell you anything about this, but anyone who, as a clairvoyant, casts a glance into the inner self knows how enormously different these natures are.

[ 6 ] Nun kann man die heutige Menschheit in drei Typen einteilen: Erstens gibt es noch immer solche, für die im wesentlichen die orientalische Jogaeinweihung passend ist, dann solche, für welche der christlich-gnostische Weg möglich ist, endlich aber diejenigen und das ist bei der weitaus größten Zahl der Fall -, für die jener Weg geeignet ist, der seit dem 14. Jahrhundert als Rosenkreuzerweg bekannt ist. Wohlgemerkt, diese Wege führen nicht etwa zu verschiedenen Erkenntnissen, denn, wenn man oben ist am Gipfel, sind alle Dinge gleich. Aber die Wege sind und müssen verschieden sein.

[ 6 ] Today’s humanity can be divided into three types: First, there are still those for whom the Eastern yoga initiation is essentially suitable; then there are those for whom the Christian-Gnostic path is possible; and finally, there are those—and this is the case for the vast majority—for whom the path known since the 14th century as the Rosicrucian path is suitable. Mind you, these paths do not lead to different insights, for when one is at the summit, all things are the same. But the paths are—and must be—different.

[ 7 ] Auf dem christlich-gnostischen Wege kann man Mannigfaltiges erreichen, man kann zu den höchsten Erkenntnissen kommen. Der Rosenkreuzerweg ist aber für den modernen Menschen geeignet, weil dieser Mensch in Lagen kommen kann, wo sich ihm deshalb, weil er innerhalb unseres Lebens lebt, Zweifel ergeben, Störungen einstellen, welche er für sich und sein Wirken in der Welt beseitigen muß. Dies ist nur möglich bei der einen inneren Schulung mit Grundlage der rosenkreuzerischen Methode, die für die abendländische Welt die richtige ist.

[ 7 ] On the Christian-Gnostic path, one can achieve many things; one can attain the highest insights. The Rosicrucian path, however, is suited to modern people because they may find themselves in situations where, precisely because they live within our present-day world, doubts arise and disturbances set in—which they must overcome for their own sake and for their work in the world. This is possible only through inner training based on the Rosicrucian method, which is the right one for the Western world.

[ 8 ] Ich möchte nur einige Gesichtspunkte der christlich-gnostischen Einweihung angeben, damit Sie sehen, daß hier noch ein Gebiet ist, über das man noch viel heute lernen kann. Ich werde dann ohne weiteres zur Rosenkreuzerschulung übergehen. Den orientalischen Jogaweg wollen wir heute nicht weiter berühren.

[ 8 ] I would just like to mention a few aspects of Christian-Gnostic initiation so that you can see that this is still a field about which there is much to learn today. I will then move on to the Rosicrucian training without further ado. We will not discuss the Eastern yoga path any further today.

[ 9 ] Der christliche Weg ist in einer Schrift vorgezeichnet, die außerhalb okkulter Kreise kaum verstanden wird. Vollständig vorgezeichnet ist der richtige Weg der christlichen Einweihung im JohannesEvangelium.

[ 9 ] The Christian path is laid out in a text that is scarcely understood outside occult circles. The Gospel of John fully outlines the correct path of Christian initiation.

[ 10 ] Das Johannes-Evangelium gehört zu den tiefsten Schriften der Welt, nur muß man es richtig lesen können, das heißt, man muß nicht glauben, daß das Lesen allein genügend und richtig ist. Es ist ein Lebensbuch. Vor allem müssen Sie sich klar sein, daß schon die ersten Worte nicht bloß zum Lesen, nicht zum philosophischen Spekulieren geschrieben sind, daß sie geschrieben sind zur Meditation. Nur muß man sie in der richtigen Weise haben, nicht in der gewöhnlichen Übersetzung, sondern aus der deutschen Sprachsubstanz heraus müssen die ersten Verse aus dem Johannes-Evangelium so geschaffen werden, daß nicht bloß der Sinn der Sätze, sondern auch der Lautwert der Sätze da ist. Denn im wirklichen okkulten Leben kommt noch dasjenige in Betracht, was man den Lautwert der Worte nennt.

[ 10 ] The Gospel of John is one of the most profound writings in the world, but one must know how to read it correctly—that is, one must not believe that reading alone is sufficient or correct. It is a book of life. Above all, you must realize that even the very first words were not written merely to be read, nor for philosophical speculation; they were written for meditation. However, one must approach them in the right way—not through the usual translation, but by drawing from the very essence of the German language—so that the first verses of the Gospel of John are rendered in such a way that not only the meaning of the sentences but also their sound value is preserved. For in true occult life, what is known as the sound value of words also comes into play.

[ 11 ] Die Meditation besteht in der inneren Versenkung in gewisse Formeln, Sätze oder auch Worte, aber die Meditation, die ein wichtiges Mittel der Entwickelung darstellt, ist nicht etwa nur eine philosophische oder verstandesmäfßige Versenkung in dasjenige, was einem der okkulte Lehrer gibt, sondern es ist ein Aufgehen bis in den Lautwert hinein. Wenn Sie über einen Satz nachdenken würden, den Ihnen ein Lehrer gibt, könnten Sie nur das an Gedanken herausbringen, was Sie schon haben. Sie sollen aber etwas Neues erhalten, darum handelt es sich. Meditationssätze sind Sätze, welche Ihnen die Pforte aufschließen zur geistigen Welt, welche beruhen auf jahrhundertelanger Erfahrung. Man weiß, dafß sie in jedem Buchstaben, in jeder Wendung eine Wirkung auf die Seele haben. So müssen Sie die ersten Sätze genau dem Buchstaben nach meditieren. Sie lauten, richtig übersetzt:

[ 11 ] Meditation consists of inner contemplation of certain formulas, phrases, or even words; however, meditation—which is an important means of development—is not merely a philosophical or intellectual contemplation of what an occult teacher gives you, but rather a deep immersion into the very essence of the sound. If you were to reflect on a sentence given to you by a teacher, you could only produce thoughts that you already possess. But you are meant to receive something new—that is the point. Meditative sentences are phrases that unlock the gateway to the spiritual world for you, based on centuries of experience. It is known that every letter and every phrase has an effect on the soul. Therefore, you must meditate on the first phrases exactly as they are written. Correctly translated, they read:

«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.

Dieses war im Urbeginne bei Gott.

Alles ist durch dasselbe geworden, und außer durch dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden.

In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.

Es ward ein Mensch, gesandt von Gott, mit seinem Namen Johannes.

Dieser kam zum Zeugnis, auf daß er das Zeugnis ablege von dem Licht, auf daß durch ihn alle glauben sollten.

Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des Lichtes. Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen.

Es war in der Welt, und die Welt ist durch es geworden, aber die Welt hat es nicht erkannt.

In die einzelnen Menschen kam es (bis zu den Ich-Menschen kam es), aber die einzelnen Menschen (die Ich-Menschen) nah men es nicht auf.

Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch es als Gottes Kinder offenbaren.

Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, und nicht aus menschlichem Willen, sondern aus Gott geworden.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Lehre gehört; die Lehre von dem einzigen Sohn des Vaters, erfüllt von Hingabe und Wahrheit.»

“In the beginning was the Word, and the Word was with God, and the Word was God.

He was with God in the beginning.

All things were made through Him, and without Him nothing was made that has been made.

In Him was life, and the life was the light of men.

And the light shone in the darkness, but the darkness did not comprehend it.

There was a man sent from God, whose name was John.

He came as a witness, to bear witness to the light, so that through him all might believe.

He was not the light, but a witness to the light. For the true light, which enlightens every person, was to come into the world.

It was in the world, and the world was made through it, yet the world did not recognize it.

It came to individual people (it came even to the “I”-people), but the individual people (the “I”-people) did not receive it.

But those who did receive it were able, through it, to be revealed as children of God.

Those who trusted in his name were born not of blood, nor of the will of the flesh, nor of the will of man, but of God.

And the Word became flesh and dwelt among us, and we heard his teaching—the teaching of the Father’s only Son, filled with devotion and truth.

[ 12 ] Wenn wir langer miteinander sprechen könnten, könnte ich Ihnen manches über diese ersten Sätze sagen. Was ich Ihnen jetzt über diese christliche Einweihung kurz sage, haben Hunderte und aber Hunderte von Menschen durchgemacht. Es ist eine praktische Erfahrung für Tausende geworden. Nur andeuten will ich Ihnen einige Stufen der christlichen Einweihung.

[ 12 ] If we could talk at length, I could tell you a great deal about these first sentences. What I am now briefly telling you about this Christian initiation is something that hundreds upon hundreds of people have gone through. It has become a practical experience for thousands. I simply want to give you a glimpse of some of the stages of Christian initiation.

[ 13 ] Dem Schüler wurde vorerst gesagt: Du hast zunächst durch Wochen, Monate, Jahre hindurch jeden Morgen eine gewisse Zeit lang diese ersten Sätze des Johannes-Evangeliums in deiner Seele leben zu lassen. Du hast diese Zeit hindurch die Aufmerksamkeit von allem abzuwenden, was um dich vorgeht. Blind und taub mußt du werden für alles um dich, und aufsteigen müssen diese Worte in deiner Seele, als ob du sie hörtest, Tag für Tag, immer und immer wieder.

[ 13 ] The student was told at first: “For weeks, months, and years to come, you must first allow these opening verses of the Gospel of John to live in your soul for a certain time each morning. Throughout this time, you must turn your attention away from everything happening around you. You must become blind and deaf to everything around you, and these words must rise up in your soul, as if you were hearing them, day after day, over and over again.

[ 14 ] Diese Übung hat zunächst eine bestimmte Wirkung auf die Seele. Sie zaubert heraus, daß ein solcher Mensch sieht, wie seine Träume plötzlich regelmäßig werden, wie sie regelmäßige Formen annehmen. Und dann kommt jener Moment, wo der Mensch weiß, daß er nicht in einer Welt des Traumes ist. Sondern er weiß: Jetzt hast du eine neue Wirklichkeit um dich herum, die imaginative, die astralische. - Wie man im gewöhnlichen Bewußtsein Baum und Strauch um sich sieht, so sieht man nun die Erlebnisse jener Welt. Stufenweise kommen sie heraus, und dann weiß man, was sie bedeuten. Zuerst wie Traumbilder, dann immer mehr und mehr als lebende Wachvision sieht der Schüler die ersten zwölf Kapitel des Johannes-Evangeliums vor sich.

[ 14 ] This exercise initially has a specific effect on the soul. It brings about a transformation whereby such a person sees how his dreams suddenly become regular, how they take on regular forms. And then comes the moment when the person knows that they are not in a world of dreams. Instead, they know: Now you have a new reality around you—the imaginative, the astral. Just as one sees trees and bushes around oneself in ordinary consciousness, so one now sees the experiences of that world. They emerge step by step, and then one knows what they mean. At first as dream images, then more and more as living waking visions, the student sees the first twelve chapters of the Gospel of John before them.

[ 15 ] Nach diesem Erleben sagt der Lehrer der christlichen Einweihung dem Schüler: Nunmehr hast du dich vorzubereiten für das Erleben des dreizehnten Kapitels. Stelle dir eine Pflanze vor! Diese Pflanze wächst aus dem mineralischen Reiche heraus. Wenn sie denken und empfinden könnte, dann müßte sie zu dem mineralischen Reiche sagen: Aus dir wachse ich heraus, du bist zwar ein niedereres Reich als ich, aber unmöglich könnte ich ohne dich leben. Und dankbar müßte sie sich zum mineralischen Reiche hinneigen und sagen: Ich danke dir, Stein! Dir verdanke ich das ganze Dasein. — Ebenso müßte das Tier zur Pflanze sprechen. Und der Mensch müßte sich zu den niederen Naturreichen hinunterneigen und dasselbe empfinden. Und jeder, der auf der sozialen Stufenleiter höher emporgekommen ist, müßte sich hinunterneigen zu dem unter ihm Stehenden und sagen: Ohne dich könnte ich nicht leben.

[ 15 ] After this experience, the teacher of Christian initiation says to the student: “Now you must prepare yourself for the experience of the thirteenth chapter. Imagine a plant! This plant grows out of the mineral kingdom. If it could think and feel, it would have to say to the mineral kingdom: “I grow out of you; though you are a lower kingdom than I am, I could never live without you.” And gratefully, it would have to bow toward the mineral kingdom and say: “Thank you, stone! I owe my entire existence to you.” — Likewise, the animal would have to speak to the plant. And human beings would have to bow down toward the lower kingdoms of nature and feel the same way. And everyone who has climbed higher on the social ladder would have to bow down toward those below them and say: “Without you, I could not live.”

[ 16 ] Darin ganz aufzugehen, hat der Schüler sich zu üben, wochen-, monatelang. Dann kommen zwei Symptome, für alle die gleichen. Er erlebt zunächst das äußere wie auch das innere Symptom als eine ganz bestimmte Tatsache. Er sieht sich selbst als den Dreizehnten, der den Zwölfen die Füße wäscht. Der Christus Jesus hat den Zwölfen in der Fußwaschung diese große Wahrheit klarmachen wollen. Dieses wunderbare Seelenerlebnis kommt in der Einweihung über den Menschen. Bis zu äußeren Symptomen geht es. Er erlebt etwas, was er empfindet, als wenn er seine Füße in Wasser tauchte. Niemand braucht sich davor zu fürchten, es vergeht bald wieder.

[ 16 ] The student must practice immersing himself completely in this for weeks and months on end. Then two symptoms arise, the same for everyone. At first, he experiences both the outer and the inner symptom as a very specific reality. He sees himself as the Thirteenth, washing the feet of the Twelve. Christ Jesus sought to make this great truth clear to the Twelve through the washing of their feet. This wondrous spiritual experience comes upon the person during initiation. It can even manifest as external symptoms. The student experiences something that feels as if he were dipping his feet in water. No one need fear this; it will soon pass.

[ 17 ] Wenn der Schüler so weit ist, dann kommt der Lehrer und sagt: Jetzt hast du dich in eine andere Empfindungssphäre zu begeben. Das Leben bringt von allen Seiten Leid und Schmerz. Du mußt dich in einen Zustand hineinversetzen, daß du allem Leid und allem Schmerze, wie sie auch von allen Seiten der Welt kommen, als aufrechter Mensch begegnest, so daß sie dir nichts anzuhaben vermögen. Wochen- und monatelang mußt du in diesen Dingen verharren. -— Dann kommt ein Zeitpunkt, wo ein astralisches Symptom eintritt. Er sieht sich in der Vision der Geißelung, und am ganzen Körper tritt eine ähnliche Empfindung auf, die zwar wieder vergeht, die aber so wirkt, daß sich der Schüler mit dieser Empfindung bis in den ganzen Körper hinein durchdringt. Damit hat er sich reif gemacht, aufrechtzustehen in den Geißelhieben des Lebens.

[ 17 ] When the student is ready, the teacher comes and says: “Now you must enter a different sphere of feeling. Life brings suffering and pain from all sides.” You must put yourself in a state where you face all suffering and all pain—no matter where in the world they come from—as an upright human being, so that they cannot affect you. You must persevere in these matters for weeks and months. — Then there comes a point when an astral symptom occurs. The student sees himself in a vision of the scourging, and a similar sensation arises throughout his entire body; though it passes again, it has the effect of permeating the student’s entire body with this sensation. In this way, he has prepared himself to stand upright amid the lashes of life.

[ 18 ] Für die dritte Stufe erhält er die Anweisung: Nun hast du dich hineinzuversetzen in die Empfindung, wie es mit dir stände, wenn du nicht nur Schmerz und Leid zu erdulden hättest, sondern wie wenn dir auch noch das, was dir das Heiligste ist, mit Hohn und Spott übergossen würde. Du mußt durch die Kräfte des Inneren stehen können, du mußt einen solchen Mittelpunkt in dir haben, daß du aufrechtstehen kannst. Dann tritt eine neue Vision auf: Der Schüler sieht sich als dornengekrönt. Er hat als das äußere Symptom eine Art Kopfschmerz, der bis in die Glieder hinein zeigt, daß sich dieses große Erlebnis eingestellt hat.

[ 18 ] For the third stage, he receives the following instruction: Now you must put yourself in the position of imagining how you would feel if you not only had to endure pain and suffering, but also if what is most sacred to you were to be showered with scorn and ridicule. You must be able to stand firm through your inner strength; you must have such a center within yourself that you can stand upright. Then a new vision arises: The student sees himself crowned with thorns. As an outward symptom, he experiences a kind of headache that radiates into his limbs, indicating that this great experience has taken hold.

[ 19 ] Dann kommt die vierte Station. Es muß der irdische Leib für den Schüler wie ein Außending werden. Die meisten Menschen empfinden ihn als das Ich. Wie ein Stück Holz, wie etwas Äußerliches muß der Leib werden. Der Schüler muß sich angewöhnen zu sagen, statt «Ich komme zur Tür herein»: «Ich trage den Leib zur Tür herein». Ganz objektiv muß ihm der Leib werden. Wenn der Schüler sich darin wochen- und monatelang hineingelebt hat, dann hat er eine Vision, ein astralisches Erlebnis: Er sieht sich gekreuzigt. Das ist die vierte Station. Und als äußeres Symptom treten für eine kurze Zeit während der Meditation die Wundmale, die Stigmata auf, an den Händen, Füßen und der rechten Seite — nicht links, wie gewöhnlich angenommen wird. Sie zeigen, wie sich dieser Grad der Entwickelung bis in den fleischlichen Leib hineingearbeitet hat.

[ 19 ] Then comes the fourth stage. The physical body must become like an external object for the student. Most people perceive it as the “I.” The body must become like a piece of wood, like something external. The student must get into the habit of saying, instead of “I am coming through the door,” “I am carrying the body through the door.” The body must become completely objective to him. When the student has lived within this state for weeks and months, he then has a vision, an astral experience: he sees himself crucified. This is the fourth station. And as an external symptom, the stigmata appear for a short time during meditation on the hands, feet, and the right side—not the left, as is commonly assumed. They show how this degree of development has worked its way into the physical body.

[ 20 ] Dann kommen Stufen, über die wir nicht mehr sprechen können, weil wir keine Worte dafür haben. Die fünfte Stufe ist der mystische Tod, wo der Schüler tatsächlich zuerst erlebt, wie wenn zwischen ihm und der Wirklichkeit etwas stünde wie ein schwarzer Vorhang. Bis ihm die Erkenntnis aufgeht, fühlt er etwas wie eine Art Verlorenseins, eine Art des ganz und gar Einsamstehens. Die Fleischeswelt ist, wie wenn sie versunken wäre, und wie ein undurchdringlicher schwarzer Vorhang liegt es vor dem Auge der Seele. Das ist ein Mornent, den jeder, der diesen Einweihungsweg geht, erleben muß. Man macht die Bekanntschaft mit allem, was als wirklich großes Leid und Schmerz auf dem Grunde der Seele ruhen kann, und mit allem Bösen, das in der Welt vorhanden ist. Das ist das Hinuntersteigen in die Hölle. Dann kommt es dem Schuler vor, als ob der Vorhang zerrisse, und er sieht in die andere Welt.

[ 20 ] Then come stages that we can no longer speak of, because we have no words for them. The fifth stage is the mystical death, where the student first experiences what it is like as if something were standing between him and reality, like a black curtain. Until the realization dawns on him, he feels something like a sense of being lost, a kind of utter solitude. The physical world is as if it had sunk into nothingness, and like an impenetrable black curtain, it lies before the eye of the soul. This is a moment that everyone who walks this path of initiation must experience. One becomes acquainted with all that can lie at the bottom of the soul as truly great suffering and pain, and with all the evil that exists in the world. This is the descent into hell. Then it seems to the student as if the curtain were torn apart, and he sees into the other world.

[ 21 ] Es folgt sodann die Grablegung, ein Erlebnis, bei dem man sich mit den Planeten eins fühlt, und die siebente Stufe, von der man nicht reden kann, weil nur der etwas ahnen kann, der sein Denken von seinem Gehirn lostrennen kann. Es ist die Himmelfahrt.

[ 21 ] This is followed by the burial, an experience in which one feels at one with the planets, and the seventh stage, which cannot be described, because only those who can detach their thoughts from their brains can have even a faint inkling of it. It is the Ascension.

[ 22 ] Durch diese Darstellung der christlichen Einweihung wollte ich Ihnen begreiflich machen, was man sich darunter vorzustellen hat. Es ist ein entsagungsreicher Weg. Ganz in der Stille kann es geschehen, und mancher lebt unter Ihnen, der dies alles durchgemacht hat. Es geschieht gleichsam zwischen den Zeilen des Lebens, und je ernster, desto weniger ist es für den äußeren Blick sichtbar.

[ 22 ] Through this description of Christian initiation, I wanted to help you understand what it entails. It is a path marked by great self-denial. It can take place in complete silence, and there are some among you who have gone through all of this. It happens, as it were, between the lines of life, and the more serious it is, the less visible it is to the outside eye.

[ 23 ] Wenn nun der Mensch gewappnet sein will gegen alles, was von außen herantreten kann, so muß er die Rosenkreuzereinweihung durchmachen. Was Sie vielfach in Büchern darüber lesen, das müßte Sie dahin führen, die Rosenkreuzer wirklich als Scharlatane anzusehen, denn so sind sie vielfach von Gelehrten geschildert.

[ 23 ] If a person wishes to be prepared against everything that may come from the outside, he must undergo the Rosicrucian initiation. Much of what you read about this in books might lead you to view the Rosicrucians as charlatans, for that is how they are often portrayed by scholars.

[ 24 ] Die wahren Rosenkreuzer haben sich seit dem 14. Jahrhundert an einem geheimen Zeichen erkannt. Außenstehenden durfte jedoch nicht mitgeteilt werden, worin das Wesen des Rosenkreuzertumes bestand. Erst seit einem gewissen Zeitpunkt des 19. Jahrhunderts muß es sogar sein, daß die elementaren Dinge der Rosenkreuzereinweihung mitgeteilt werden. Allmählich erst wächst die Menschheit hinein in jene Reife, durch die sie etwas über die Dinge erfahren darf. Warum das so sein muß, warum die höheren Geheimnisse noch immer verborgen gehalten werden müssen, darauf können wir heute nicht weiter eingehen.

[ 24 ] Since the 14th century, the true Rosicrucians have recognized one another by a secret sign. Outsiders, however, were not to be told what the essence of Rosicrucianism consisted of. It must have been only at a certain point in the 19th century that even the most basic elements of Rosicrucian initiation began to be revealed. Only gradually is humanity maturing to the point where it may learn about these matters. Why this must be so, and why the higher mysteries must still be kept hidden, is something we cannot discuss further today.

[ 25 ] Auch die Rosenkreuzereinweihung hat sieben Stufen, und zwar: Erstens das Studium, das Rosenkreuzerstudium, zweitens die Aneignung der imaginativen Erkenntnis, drittens die Aneignung der okkulten Schrift, viertens die Aufsuchung des Steines der Weisen, fünftens das Erleben des Zusammenhangs zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, sechstens die Versenkung in den Makrokosmos und siebentens die Gottseligkeit.

[ 25 ] The Rosicrucian initiation also has seven stages, namely: First, the study—the Rosicrucian study; second, the acquisition of imaginative knowledge; third, the mastery of occult writings; fourth, the search for the Philosopher’s Stone; fifth, the experience of the connection between the microcosm and the macrocosm; sixth, immersion in the macrocosm; and seventh, godliness.

[ 26 ] Ich schicke wieder voraus, daß nur skizzenhafte Andeutungen gegeben werden können und nicht mehr.

[ 26 ] I would like to point out once again that only rough outlines can be provided, and nothing more.

[ 27 ] Das Studium ist nicht das Lernen, wie es gewöhnlich geschieht, sondern man muß darauf kommen, daß es für den Menschen ein Denken gibt, welches noch ein flüssiges, wirkliches Denken ist, wobei der Mensch alle sinnlichen Wahrnehmungen um sich herum ausschließt. Die abendländischen Denker leugnen, daß es ein solches Denken gibt. Sie sagen, man könne nur denken, wenn in dem Gedanken noch ein Rest von Sinneswahrnehmung enthalten sei. Die Herren wissen eben nicht, daß andere es gekonnt haben, und wollen es nicht glauben, weil sie selbst nicht so denken können. Der Mensch muß lernen, alles zu vergessen, von allem abzusehen, was äußerlich auf die Sinne wirkt, ohne jedoch leeres Gefäß zu bleiben. Das ist möglich, wenn man sich in einen reinen, sinnlichkeitsfreien Gedankeninhalt vertieft, wie er in den Mitteilungen des Geistesforschers enthalten ist, und über das, was sich fortspinnt, sinnt. Ich habe in meinen Schriften diesen Weg verfolgt, ich habe sie so niedergeschrieben, daß wie bei einem lebendigen Wesen ein Glied aus dem andern herauswächst, ein Gedanke aus dem andern organisch herauskommt. Man gibt sich dem Gedanken selbstlos hin, es tritt eine innere Trennung ein. Wer höher hinauf will, muß geisteswissenschaftliche Mitteilungen so lesen. Wer nicht höher hinauf will, der kann sie wie ein gewöhnliches Buch lesen. Das erstere ist aus dem Grunde der Fall, weil der Mensch durch die höhere Erkenntnis in andere Welten gelangt. Sie leben jetzt im physischen Plane — das Wort «Ebene» sollte abkommen, denn es ruft die meisten Irrtumer hervor. Das englische Wort «plan» sollte nicht «Ebene» heißen, sondern so wie ein Plan eines Hauses gar nichts mit einer Ebene zu tun hat, so sollte es Plan heißen. Also Sie kommen in verschiedene Plane, in verschiedene Welten. Zuerst leben Sie hier in der physischen Welt, dann kommen Sie in die astralische, imaginative Welt. Das ist eine Welt, die man so schildern kann: Denken Sie sich eine Pflanze, grün, mit roter Blüte. Sie erlangen durch gewisse Übungen die Möglichkeit, nicht nur zu sehen, was Ihre Sinne sehen, sondern Sie können wahrnehmen, wie sich aus der Pflanze gleichsam eine kalte Flammenbildung heraushebt. Sie nehmen schwebende Farben wahr. Sie kommen so zur Wahrnehmung von Wesen, die Sie mit den äußeren Sinnen nicht wahrnehmen können. Es verdampft alles von der Oberfläche der Dinge und wird der Ausdruck von rein astralischen Vorgängen. Diese Welt ist eine viel wirklichere als unsere Sinneswelt, denn unsere Sinneswelt ist aus ihr, der geistigen, heraus geschaffen. Diese physische Welt ist eine verdichtete aus dem Astralischen. Für den wirklichen Okkultisten ist die Materie verdichteter Geist, den wir wieder auflösen können. Unsere ganze sinnliche Welt ist verdichtete astralische Erscheinung.

[ 27 ] Study is not learning as it usually takes place; rather, one must come to realize that there exists a form of human thought that is still fluid and genuine, in which a person excludes all sensory perceptions from their surroundings. Western thinkers deny that such a form of thinking exists. They say that one can only think if a remnant of sensory perception is still contained within the thought. These gentlemen simply do not know that others have been able to do so, and they refuse to believe it because they themselves cannot think in this way. One must learn to forget everything, to disregard everything that externally affects the senses, without, however, remaining an empty vessel. This is possible when one immerses oneself in a pure, senseless content of thought, such as that contained in the communications of the spiritual researcher, and reflects on what unfolds from there. I have followed this path in my writings; I have written them in such a way that, as with a living being, one part grows out of the other, one thought emerges organically from the next. One devotes oneself selflessly to the thought, and an inner separation occurs. Whoever wishes to ascend higher must read spiritual scientific communications in this way. Those who do not wish to ascend higher may read them as an ordinary book. The former is the case because, through higher knowledge, a person enters other worlds. You now live on the physical plane—the word “level” should be discarded, for it gives rise to most errors. The English word “plan” should not be translated as “level”; just as a blueprint for a house has nothing to do with a level, it should be called a “plan.” So you enter different planes, different worlds. First you live here in the physical world, then you enter the astral, imaginative world. This is a world that can be described as follows: Imagine a plant, green, with a red flower. Through certain exercises, you gain the ability not only to see what your senses perceive, but also to perceive how, as it were, a cold, flame-like formation rises from the plant. You perceive floating colors. In this way, you come to perceive beings that you cannot perceive with your external senses. Everything evaporates from the surface of things and becomes the expression of purely astral processes. This world is far more real than our sensory world, for our sensory world is created out of it—the spiritual world. This physical world is a condensed form of the astral. For the true occultist, matter is condensed spirit that we can dissolve again. Our entire sensory world is a condensed astral phenomenon.

[ 28 ] Hinter dieser astralischen Welt steht nun wieder eine andere Welt, die wir am besten dadurch beschreiben, daß ich Ihnen zeige, wie der Mensch dazu kommt, sie zu erleben. Wenn er diese Übungen macht, die ich in meinen Schriften beschrieben habe, regeln sich zunächst seine Träume. Versuchen Sie, sich einmal in die Natur der Träume zu versenken. Was ist der Traum? Ich werde einige Beispiele anführen, und zwar aus dem Leben, denn andere bringe ich nicht vor.

[ 28 ] Behind this astral world lies yet another world, which I can best describe by showing you how a person comes to experience it. When a person does the exercises I have described in my writings, their dreams begin to become more orderly. Try to immerse yourself in the nature of dreams for a moment. What is a dream? I will cite a few examples—taken from real life, since I will not present any others.

[ 29 ] Jemand hat geträumt, er habe einen Laubfrosch gefangen, und hatte den Bettzipfel in der Hand. Im Wachzustande hätte er als den dem Traum zugrunde liegenden Tatbestand bemerkt, daß er den Bettzipfel in der Hand gehalten hat. Der Traum symbolisiert den Vorgang. - Ein anderes Beispiel: Jemand träumt, er befinde sich in einem dumpfen, schwarzen Kellerloch voller Spinnweben. Er wacht mit Kopfschmerzen auf. — Ganze dramatische Vorgänge können so geträumt werden. Ein Student steht an der Tür des Hörsaales. Ein anderer, der hereinkommt, rempelt ihn an, und es kommt, so träumt er weiter, zu einem Pistolenduell. Der Schuß knallt - und der Stuhl neben dem Bette ist umgefallen. Dieses kleine Ereignis hat sich symbolisiert ausgedrückt in der ganzen 'Traumhandlung. Eine Bäuerin träumt, daß sie nach der Stadt gehe, in die Kirche eintrete, wo der Pfarrer von erhabenen Dingen predigt. Gerade an einer erhabenen Stelle verwandelt sich der Pfarrer: Er sieht aus, als ob er Flügel bekäme, und fängt auf einmal an zu krähen. In dem Augenblick wacht die Bäuerin auf, denn draußen kräht der Hahn. Diese Handlung des Hahnenschreies hat sich symbolisiert umgestaltet im Traume.

[ 29 ] Someone dreamed that he had caught a tree frog and was holding the corner of his bedsheet in his hand. While awake, he would have recognized that the fact underlying the dream was that he was holding the corner of his bedsheet in his hand. The dream symbolizes this event. - Another example: Someone dreams that he is in a dim, black cellar full of cobwebs. He wakes up with a headache. — Entire dramatic sequences can be dreamed in this way. A student is standing at the door of the lecture hall. Another student coming in bumps into him, and—as he continues dreaming—a pistol duel ensues. The shot rings out—and the chair next to the bed has fallen over. This small event has found symbolic expression in the entire “dream plot.” A farmer’s wife dreams that she is going to town, enters the church, where the pastor is preaching about sublime things. Just at a particularly sublime moment, the pastor transforms: he looks as if he’s growing wings, and suddenly begins to crow. At that moment, the farmer’s wife wakes up, because the rooster is crowing outside. This act of the rooster’s crowing has been symbolically transformed in the dream.

[ 30 ] Ein solcher Bildner ist der Traum. Dies alles ist chaotisch. In diese Welt kommt jedoch Leben hinein, und alles wird harmonisch und regelmäßig, wenn Sie sich bis zu einem gewissen Punkte die Gewißheit erringen, daß da eine Wirklichkeit vorhanden ist. So tritt das zuerst auf, und später nimmt man das in der Traumwelt Wahrgenommene in das gewöhnliche Leben herüber. Es bildet sich nämlich etwas heraus, was man «die Kontinuität des Bewufßtseins» nennen kann.

[ 30 ] The dream is such a creator. All of this is chaotic. However, life enters this world, and everything becomes harmonious and orderly when you attain, to a certain extent, the certainty that a reality exists there. This is how it begins, and later on, what is perceived in the dream world is carried over into ordinary life. In fact, something emerges that can be called “the continuity of consciousness.”

[ 31 ] Der Mensch hat auch den traumlosen Schlaf. Auf seiner nächsten Entwickelungsstufe lernt nun der Rosenkreuzerschüler, im Schlafzustand die Wesen und Vorgänge um sich herum wahrzunehmen: Aus der Finsternis des traumlosen Schlafes tönen die Offenbarungen der Geisteswelt. Das ist die nächste, die devachanische Welt. Die pythagoreischen Schulen nannten diese Welt die Welt der Sphärenmusik: Die geistige Welt tönt. Wenn Sie wirklich etwas über das Devachan hören wollen, kann es nur so geschehen, daß es Ihnen als eine tönende Welt geschildert wird. Goethe, der in diesem Grade in die Rosenkreuzerweisheit eingeweiht war, wußte um diese Tatsache: «Die Sonne tönt nach alter Weise» Das ist entweder ein Unsinn oder eine höhere Weisheit. Die physische Sonne tönt nicht, der Geist der Sonne ist ein wirkliches, tönendes Wesen. Und Goethe bleibt im Bilde; lesen Sie im zweiten Teil des «Faust»: «Tönend wird für Geistesohren /Schon der neue Tag geboren.» Er schrieb so, weil für ihn eine Wahrheit war, was die Pythagoreer Sphärenmusik genannt haben. Das alles kann ich nur andeuten. Alle Dinge werden sprechen zu uns, eine neue Offenbarung geht hervor.

[ 31 ] Human beings also experience dreamless sleep. At the next stage of their development, Rosicrucian students learn to perceive the beings and processes around them while asleep: From the darkness of dreamless sleep, the revelations of the spiritual world resound. This is the next world, the Devachanic world. The Pythagorean schools called this world the world of spherical music: the spiritual world resounds. If you truly wish to learn about Devachan, it can only be described to you as a resounding world. Goethe, who was initiated into Rosicrucian wisdom to this degree, was aware of this fact: “The sun resounds in the ancient way.” This is either nonsense or a higher wisdom. The physical sun does not resound; the spirit of the sun is a real, resounding being. And Goethe remains true to this image; read in the second part of Faust: “Resounding to the ears of the spirit / The new day is already born.” He wrote this because what the Pythagoreans called the “music of the spheres” was a truth for him. I can only hint at all of this. All things will speak to us; a new revelation is emerging.

[ 32 ] Das sind die Stufen, zu denen der Rosenkreuzerschüler durch seine Übungen gelangen kann. Die Welten sind immer ganz andere, und wer nur die physische Welt kennt, kann sich keinen Begriff davon machen, was er in andern Welten erfahren kann. Nur eines bleibt gleich durch alle Welten, und das ist das logische Denken. Die Wahrnehmungen sind ganz verschieden in der astralischen, in der devachanischen Welt, aber die Denkgesetze sind in allen drei Welten die gleichen. Daher muß der Rosenkreuzerschüler erst dieses Denken lernen, damit er nicht abirre von dem sicheren Pfade.

[ 32 ] These are the levels that the Rosicrucian student can attain through his exercises. The worlds are always completely different, and anyone who knows only the physical world cannot conceive of what he might experience in other worlds. Only one thing remains the same across all worlds, and that is logical thinking. Perceptions are quite different in the astral and devachanic worlds, but the laws of thought are the same in all three worlds. Therefore, the Rosicrucian student must first learn this way of thinking so that he does not stray from the sure path.

[ 33 ] Die zweite Stufe ist die Aneignung der imaginativen Erkenntnis. Da kann ich Ihnen nur einige Dinge sagen, die Ihnen erklären sollen, was man darunter versteht. Wenn Sie sehen, daß eine Träne über eine Wange perlt, so schließen Sie daraus, daß Traurigkeit in der Seele ist. Wenn Sie die Physiognomie des Menschen heiter sehen, schließen Sie daraus, daß die Seele heiter ist. Das tun Sie dem Menschen gegenüber. Wer zur imaginativen Erkenntnis aufsteigen. will, muß es der ganzen Welt gegenüber tun. Ihm muß das Leben der Pflanzen, der Tiere und der Steine ein Ausdruck der Physiognomie der Weltseele werden. Manches muß wie die Heiterkeit sein, anderes wie die perlenden Tränen des Erdgeistes. Das muß eine Wirklichkeit für den Menschen werden. So wie wir im Gesicht des Menschen seine Physiognomie lesen, so muß uns die ganze Erde ein Ausdruck für die geistige Seele der Erde werden. Da kann man viel erleben. Damit hängt das Geheimnis des Heiligen Grales, des Ideals des mittelalterlichen Rosenkreuzerschülers, zusammen.

[ 33 ] The second stage is the acquisition of imaginative knowledge. I can only tell you a few things here to explain what is meant by this. When you see a tear rolling down a cheek, you conclude that there is sadness in the soul. When you see a person’s face as serene, you conclude that their soul is serene. You do this in relation to other people. Anyone who wishes to ascend to imaginative knowledge must do so in relation to the whole world. For them, the life of plants, animals, and stones must become an expression of the world soul’s physiognomy. Some things must be like serenity; others, like the beading tears of the Earth Spirit. This must become a reality for human beings. Just as we read a person’s physiognomy in their face, so must the entire Earth become an expression of the Earth’s spiritual soul for us. There is much to experience there. This is connected to the mystery of the Holy Grail, the ideal of the medieval Rosicrucian disciple.

[ 34 ] Nehmen wir ein Beispiel. Da stand der Schüler des Rosenkreuzers dem Lehrer gegenüber, der ihm eine Übung auferlegte. Was ich nun als Form eines Dialoges bringe, ist als Zwiegespräch nie gesprochen worden, aber es ist geübt worden, was darinnen enthalten ist, es ist erlebt worden. Es ist ganz wahr und absolut richtig in jeder Einzelheit. Der Schüler kommt zum Lehrer, und dieser sagt ihm: Sieh dir die Pflanze an! Sie streckt die Wurzel in den Boden hinein, sie wächst in die Höhe, öffnet den Kelch nach oben, darin hat sie die Befruchtungs- und Fortpflanzungsorgane. Keusch und edel und rein laßt sie sich küssen vom Sonnenstrahle und dem Lichte, der heiligen Liebeslanze, die als Sonnenstrahl den Kelch der Pflanze durchdringt und dasjenige herauslockt, was in den Befruchtungsorganen der Pflanze veranlagt ist. Du würdest dir etwas Falsches vorstellen, wenn du, die Pflanze mit dem Menschen vergleichend, denken würdest, die Blüte sei der Kopf und die Wurzel die Füße. Die Wurzel ist der Kopf und die Blüte das Untere. Der Mensch ist eine umgekehrte Pflanze.

[ 34 ] Let’s take an example. There stood the Rosicrucian student facing the teacher, who set an exercise for him. What I now present as a form of dialogue was never actually spoken as a conversation, but what is contained within it has been practiced; it has been experienced. It is entirely true and absolutely correct in every detail. The student comes to the teacher, and the teacher says to him: Look at the plant! It stretches its roots into the ground, it grows upward, opens its calyx upward—within it lie the organs of fertilization and reproduction. Chaste, noble, and pure, it allows itself to be kissed by the sunbeam and the light—the sacred lance of love—which, as a sunbeam, pierces the plant’s calyx and draws forth what is inherent in the plant’s reproductive organs. You would be mistaken if, comparing the plant to a human being, you were to think that the flower is the head and the root the feet. The root is the head and the flower is the lower part. The human being is an inverted plant.

[ 35 ] So sieht der Okkultist im Menschen die umgekehrte Pflanze und in der Pflanze den umgekehrten Menschen, und das Tier steht mitten darinnen. Sieh dir die Pflanze an: ihr entspricht der abwärtsgerichtete Balken des Kreuzes, dem Tier der horizontale Balken, dem Menschen der vertikale, aufwärtsgerichtete Balken. - Das ist die ursprüngliche Bedeutung des Kreuzes: Es ist das Sinnbild für Pflanze, . Tier, Mensch als drei Reiche der Natur. Deshalb schreibt Plato, daß die Weltenseele am Weltenleibe gekreuzigt sei. - Und nun sagte der Lehrer weiter zum Schüler: Sieh dir den Menschen an, den Menschen im Fleische! Was ist dieses menschliche Fleisch, vergleiche dieses mit dem, was in der Pflanze enthalten ist. Keusch und rein ist die Pflanzenmaterie. Das menschliche Fleisch ist durchdrungen von Begierde und Leidenschaft. Höher steht der Mensch auf der Leiter der Entwickelung, damit aber hat er auch zugleich die Begierde und Leidenschaft aufgenommen. - Und eine zukünftige Gestaltung des Menschen ging in der Ahnung des okkulten Schülers auf, in welcher das menschliche Fleisch wieder rein und keusch sein wird wie der keusche Blumenkelch, der sich mit seinen Befruchtungsorganen der heiligen Liebeslanze des Sonnenstrahles entgegenstreckt. Dann werden seine produktiven Kräfte dem Geiste so rein entgegenstreben, wie heute die Pflanze der Liebeslanze, dem Lichte entgegenstrebt. Wer das anstrebt, erstrebt eine Umwandlung des Fleisches. Damit stellte man vor das Auge des Schülers das große Ideal hin, daß der Mensch einmal so rein und keusch sein wird wie die Pflanze. Dieses Ideal nennt man den Heiligen Gral. Das ist eines jener Bilder, die zum Herzen und zur ganzen Seele sprechen. Nicht Gedanken sind es, durch die der Schüler aufsteigen konnte, sondern Bilder, die auf die ganze Seele wirken und das Herz und das Gefühl mitreißen. Erst dann kann imaginative Erkenntnis erlangt werden.

[ 35 ] Thus, the occultist sees in man the inverted plant and in the plant the inverted man, with the animal standing right in the middle. Look at the plant: it corresponds to the downward-pointing beam of the cross; the animal corresponds to the horizontal beam; and man corresponds to the vertical, upward-pointing beam. - This is the original meaning of the cross: it is the symbol of the plant, the animal, and the human being as the three kingdoms of nature. That is why Plato writes that the world soul is crucified on the body of the world. - And now the teacher continued to the student: Look at the human being, the human being in the flesh! What is this human flesh? Compare it with what is contained in the plant. The plant’s matter is chaste and pure. Human flesh is permeated by desire and passion. The human being stands higher on the ladder of evolution, but in doing so has also taken on desire and passion. - And a future form of humanity dawned in the intuition of the occult student, in which human flesh will once again be pure and chaste, like the chaste calyx of a flower that stretches forth with its reproductive organs toward the sacred lance of love that is the sunbeam. Then his creative powers will strive toward the spirit as purely as the plant today strives toward the light with its “lance of love.” Whoever strives for this seeks a transformation of the flesh. Thus, the great ideal was presented to the disciple’s gaze: that humanity will one day be as pure and chaste as the plant. This ideal is called the Holy Grail. This is one of those images that speak to the heart and the whole soul. It is not through thoughts that the student could ascend, but through images that affect the whole soul and stir the heart and the emotions. Only then can imaginative knowledge be attained.

[ 36 ] Die dritte Stufe ist die Aneignung der okkulten Schrift. Es gibt etwas in der Welt, was man im okkulten Leben den Wirbel nennt. Dieser Wirbel ist überall in der Natur und in der geistigen Welt vorhanden. Stellen Sie sich vor, Sie schauten hinauf zum Orionnebel, der eine merkwürdige Spirale bildet. Wären Sie ein Seher, so würden Sie sehen, daß sich ein Wirbel wie eine Sechs herauswindet und dann einen zweiten, der dunkler ist. Diese beiden Wirbel greifen ineinander. Das kommt in der geistigen Welt auch vor.

[ 36 ] The third stage is the mastery of occult writing. There is something in the world that, in occult life, is called the vortex. This vortex is present everywhere in nature and in the spiritual world. Imagine looking up at the Orion Nebula, which forms a strange spiral. If you were a seer, you would see that one vortex winds out like a six, followed by a second one that is darker. These two vortices interlock. This also occurs in the spiritual world.

[ 37 ] Wir leben in der Zeit nach der großen atlantischen Flut. Vor dieser Zeit lebten unsere uralten Vorfahren, Menschen ganz anderer Art. Heute stellt man sich vor, die Menschen damals seien so gewesen, wie sie jetzt sind. Die äußeren physischen Verhältnisse waren jedoch ganz anders. So war Atlantis ein Land, das immer dunkel war, gehüllt in dichte Nebelmassen. Es ist wichtig, daß Sie das wissen. Die alte deutsche Mythologie hat die Erinnerung behalten in den Worten Nifelheim, Nebelheim, Nibelungen. Diesen Verhältnissen entsprechend war die menschliche Organisation eine ganz andere. Ebenso haben die Atlantier eine ganz andere Kultur gehabt. Sie würden eine Vorstellung davon bekommen, wenn ich Ihnen im einzelnen schildern könnte, wie die Menschen damals in allen Dingen artikulierte Laute vernommen haben. Sittengebote gab es nicht. Wenn einer wissen wollte, wie er sich zu seinem Nachbarn verhalten sollte, konnte er sich nicht an irgendwelche Instanz wenden: er horchte auf die Wellen und wußte es.

[ 37 ] We live in the era following the Great Atlantean Flood. Before that time, our ancient ancestors lived—people of a completely different kind. Today, people imagine that the people back then were just like they are now. However, the external physical conditions were quite different. Atlantis, for example, was a land that was always dark, shrouded in thick fog. It is important for you to know this. Ancient German mythology has preserved the memory of this in the words Nifelheim, Nebelheim, and Nibelungen. In keeping with these conditions, human society was organized quite differently. Likewise, the Atlanteans had a completely different culture. You would get an idea of this if I could describe to you in detail how people back then perceived articulated sounds in all things. There were no moral precepts. If someone wanted to know how to behave toward his neighbor, he could not turn to any authority: he listened to the waves and knew.

[ 38 ] Das war eine Kultur, von der jede Spur geschwunden zu sein scheint. Sie ist untergegangen. Wann ist das geschehen? Am Himmel können wir es sehen. Etwa acht Jahrhunderte vor Christi Geburt ging die Sonne im Bilde des Widders auf. Sie bewegt sich im Laufe von etwa 2160 Jahren durch ein Sternbild hindurch. Um das Jahr 800 vor Christus rückte die Sonne in das Sternbild des Widders oder Lammes ein. Die Menschheit empfand, das neue Sternbild habe ihr die neue Fruchtbarkeit des Frühlings, das neue Gute gebracht. Daher sehen wir, daß sie das Lamm oder den Widder wichtig fand. Vieles deutet darauf hin, zum Beispiel die Argonautensage, in der das Goldene Vlies eine solche Rolle spielt. Selbst Christus wird das Lamm Gottes genannt. Das Symbolum, dem die Verehrung dargebracht wurde, war das Lamm. Früher war die Sonne im Sternbild des Stieres, daher die Verehrung des Stieres in der ägyptischen und persischen Kultur. Noch früher ging die Sonne durch das Bild der Zwillinge. Dem entspricht die große Rolle, welche die Zweiheit in der persischen Lehre von Ormuzd und Ahriman spielt. Spuren davon finden sich sogar noch im Alten Germanentum. Vorher ging die Sonne durch das Sternbild des Krebses. Dies war die Zeit, die dem Hereinbrechen der atlantischen Flut folgte. Ein Wirbel hatte sich im Geistigen vollzogen.

[ 38 ] This was a culture of which every trace seems to have vanished. It has perished. When did this happen? We can see it in the sky. About eight centuries before the birth of Christ, the sun rose in the constellation of Aries. It moves through a constellation over the course of about 2,160 years. Around the year 800 B.C., the sun entered the constellation of Aries, or the Ram. Humanity felt that the new constellation had brought them the new fertility of spring, the new goodness. Therefore, we see that they considered the Ram or the Lamb to be important. Much points to this, for example, the legend of the Argonauts, in which the Golden Fleece plays such a role. Even Christ is called the Lamb of God. The symbol to which worship was offered was the lamb. In earlier times, the sun was in the constellation of Taurus, hence the veneration of the bull in Egyptian and Persian cultures. Even earlier, the sun passed through the constellation of Gemini. This corresponds to the major role that duality plays in the Persian doctrine of Ormuzd and Ahriman. Traces of this can even be found in ancient Germanic culture. Before that, the sun passed through the constellation of Cancer. This was the period following the onset of the Atlantean flood. A spiritual upheaval had taken place.

[ 39 ] Dieses Sternbild mit dem okkulten Schriftzeichen des Krebses können Sie noch heute im Kalender sehen. Viele solche Zeichen kennt der Mensch. In Wahrheit ist das nichts anderes als eine Nachbildung der ursprünglichen Naturkräfte. Wenn Sie Ihr Gemüt schulen, um die okkulten Schriftzeichen zu verstehen, werden Sie durch die okkulte Schrift Ihren Willen stählen. Sie lernen die Wege kennen, welche die der Natur zugrundeliegenden geistigen Wesenheiten beschreiten. Ein schwacher Nachklang davon sind symbolische Schriftzeichen, wie das Pentagramm oder das Hexagramm. Ein okkultes Zeichen, von dem Sie oft lesen, ist die Swastika. Was es da alles an abenteuerlichen Erklärungen gibt, ist unglaublich. In Wahrheit ist sie nichts anderes als das Zeichen für die astralen Sinnesorgane, die Räder oder Lotosblumen, von denen mehrere im Astralleib veranlagt sind: im Herzen, im Kehlkopf, zwischen den Augenbrauen. Wenn sich das letztgenannte Rad zu drehen beginnt, tritt das astrale Sehen ein. Das Zeichen für dieses astrale Wahrnehmungsorgan ist die Swastika.

[ 39 ] You can still see this constellation, represented by the occult symbol of Cancer, in the calendar today. Humans are familiar with many such symbols. In truth, these are nothing more than representations of the original forces of nature. If you train your mind to understand the occult symbols, you will strengthen your will through the occult script. You will come to know the paths followed by the spiritual beings underlying nature. Symbolic signs, such as the pentagram or the hexagram, are a faint echo of these. One occult symbol you often read about is the swastika. The sheer number of outlandish explanations surrounding it is unbelievable. In truth, it is nothing other than the symbol for the astral sense organs—the wheels or lotus flowers—several of which are located in the astral body: in the heart, in the throat, and between the eyebrows. When the latter wheel begins to turn, astral vision begins. The symbol for this astral organ of perception is the swastika.

[ 40 ] Die vierte Stufe ist die sogenannte Bereitung des Steines der Weisen. Dies gibt es wirklich. Es wurde sogar Ende des 18. Jahrhunderts von einem Menschen, der etwas «lauten», aber nicht «zusammenschlagen» gehört hat, in einer Zeitschrift eine recht schöne Beschreibung des Steines der Weisen gegeben. Der Verfasser hat nur selbst nicht gewußt, wie gut er ihn beschreibt. Damals ist durch einen gewissen Vorgang manches aus der okkulten Schule verraten worden, und jemand beschrieb dann eben den Stein der Weisen. Das ist eigentlich eine Sache, die jeder Mensch kennt, die viele täglich in der Hand haben, ohne eine Ahnung davon zu haben. Damit Sie sehen, was gemeint ist, machen Sie mit mir eine kleine Betrachtung durch. Denken Sie an die Atmung des Menschen. Er atmet Sauerstoff ein, dadurch verwandelt er sein blaues Blut in rotes, er atmet Kohlensäure aus, so daß er jeden Moment giftige Stoffe ausatmet. Die Pflanze nimmt dagegen die Kohlensäure auf, die Mensch und Tier ausatmen, behält den Kohlenstoff zurück und baut ihren Leib damit auf. Sie gibt den Sauerstoff wieder ab, so daß ihn der Mensch wieder einatmen kann. Das ist ein Kreislauf. Große Bedeutung haben die Okkultisten diesem Vorgang beigelegt. Wenn Sie heute eine Pflanze in Form der Steinkohle ausgraben, können Sie sehen, wie sich die Pflanze ihren Leib aus Kohlenstoff aufgebaut hat. Der Mensch nimmt den Sauerstoff auf, verwandelt sein blaues Blut in rotes, die Pflanze nimmt die Kohlensäure auf, gibt den Sauerstoff zurück, der Mensch nimmt ihn wieder auf.

[ 40 ] The fourth stage is what is known as the preparation of the Philosopher’s Stone. It truly exists. In fact, at the end of the 18th century, a man who had heard something “loud” but not “crashing” provided a rather beautiful description of the Philosopher’s Stone in a magazine. The author himself simply didn’t realize how well he was describing it. At that time, certain information from the occult school was revealed through a particular process, and someone then happened to describe the Philosopher’s Stone. This is actually something everyone is familiar with—something many people hold in their hands every day without having the slightest idea of what it is. To help you understand what is meant, let’s take a brief look at it together. Think about human respiration. A person inhales oxygen, thereby transforming their blue blood into red blood; they exhale carbon dioxide, so that they expel toxic substances with every breath. Plants, on the other hand, absorb the carbon dioxide that humans and animals exhale, retain the carbon, and use it to build their bodies. They release the oxygen back into the air so that humans can breathe it in again. This is a cycle. Occultists have attached great significance to this process. If you excavate a plant in the form of coal today, you can see how the plant has built up its body from carbon. Humans take in oxygen, transforming their blue blood into red; plants take in carbon dioxide, release oxygen, and humans take it in again.

[ 41 ] Nun machen wir uns einmal klar, was durch eine bestimmte Regelung des Atmungsprozesses in der Rosenkreuzerschulung geschieht. Wie und auf welche Weise das vor sich geht, kann nur von Mensch zu Mensch gesagt werden, doch über den Erfolg kann gesprochen werden. Steter Tropfen höhlt den Stein -, sagt ein Sprichwort. So ist es mit jenem Vorgang, den ich jetzt beschreibe. Der okkulte Schüler bekommt vom Lehrer die Anweisung, wie er seine Atemübungen aus dem Geiste heraus zu machen hat. Es handelt sich also um eine Anweisung, den Atmungsprozeß in einer bestimmten Weise zu regeln, wodurch die Möglichkeit herbeigeführt wird, daß sich das menschliche Bewußtsein nach und nach über etwas ausdehnt, wovon der Mensch sonst nichts weiß, über etwas, was sich sonst in der Pflanze vollzieht. Die Pflanze bildet jetzt mit ihm ein Ganzes. Normalerweise gibt der Mensch den Kohlenstoff ab und nimmt den Sauerstoff auf. Dies hat der Schüler nun in sein Bewußtsein hineinzunehmen. Er erlebt in seinem Atmungsprozeß bewußt die Umwandlung von Kohlenstoff in Sauerstoff, von blauem Blut in rotes Blut. Er lernt, in sich dasjenige zu vollziehen, was er sonst der Pflanze überläßt. Nun ist er imstande, seinen eigenen Leib aufzubauen. Das lernt er durch die regelmäßige Atmung. Er hat die Fähigkeit erlangt, den Pflanzenprozeß in sich selber auszuführen. Jetzt haben Sie den realen Prozeß, wodurch der Mensch lernt, sein Fleisch auch physisch zu reinigen. In diesem Vorgang liegt die Alchimie des menschlichen Leibes beschlossen. Er bewirkt die Umwandlung des Menschen zum Träger einer reinen, keuschen Inkarnation, die sich der Pflanze vergleichen läßt. Der Schüler hat das Bewußtsein des Hohen, des Hellen; er weiß, er mußte durch das Fleisch nur durchgehen. Dies ist die Umwandlung von Kohle in Diamant. Sie werden nun begreifen, was die Rhythmisierung des Atems in der Rosenkreuzerschulung bedeutet und in welchem Sinne man von einem Stein der Weisen gesprochen hat. Der regulierte Atmungsprozeß ist der Weg zum Stein der Weisen.

[ 41 ] Let us now clarify what happens through a specific regulation of the breathing process in Rosicrucian training. How and in what way this takes place can only be determined on a person-to-person basis, but we can speak of its success. “Constant dripping wears away the stone,” as the proverb says. So it is with the process I am now describing. The occult student receives instructions from the teacher on how to perform his breathing exercises from the spirit. It is, therefore, an instruction to regulate the breathing process in a specific way, thereby creating the possibility that human consciousness may gradually expand to encompass something of which the human being is otherwise unaware—something that otherwise takes place in the plant. The plant now forms a whole with the student. Normally, a person exhales carbon dioxide and inhales oxygen. The student must now take this into his or her consciousness. In the process of breathing, he consciously experiences the transformation of carbon into oxygen, of blue blood into red blood. He learns to carry out within himself what he would otherwise leave to the plant. Now he is able to build up his own body. He learns this through regular breathing. He has acquired the ability to carry out the plant process within himself. Now you have the actual process through which the human being learns to purify his flesh physically as well. The alchemy of the human body is contained within this process. It brings about the transformation of the human being into the bearer of a pure, chaste incarnation, comparable to that of a plant. The student has an awareness of the High, the Bright; he knows that he had to pass through the flesh only as a means to an end. This is the transformation of coal into a diamond. You will now understand what the rhythmic regulation of the breath means in Rosicrucian training and in what sense people have spoken of a Philosopher’s Stone. The regulated breathing process is the path to the Philosopher’s Stone.

[ 42 ] Es sind das nur Andeutungen, aber Sie werden verstehen, daß sich hinter dem Aufsuchen des Steines der Weisen etwas Tiefes verbirgt, etwas, was sich auf die Umwandlung der ganzen Menschheit bezieht, so daß der Mensch ein anderer wird, als er heute ist - er und die ganze Erde. So groß und stark und fest, moralisch groß müssen die Kräfte der Seele sein, daß der Mensch auch das Fleisch hineinzieht in den Erlösungsprozeß. Wir haben alles, was um uns herum ist, alle Geschöpfe mitzuerlösen.

[ 42 ] These are only hints, but you will understand that behind the search for the Philosopher’s Stone lies something profound, something that relates to the transformation of all humanity, so that human beings become different from what they are today—both they and the entire Earth. The powers of the soul must be so great, strong, and steadfast—morally great—that human beings can draw even the flesh into the process of redemption. We must redeem everything around us, all creatures.

[ 43 ] Der fünfte Schritt ist die Versenkung in den Zusammenhang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Ein großer Okkultist des Mittelalters, den man erst lesen lernen muß, hat ein schönes Bild gebraucht, um die Beziehung zwischen dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos darzulegen. Paracelsus hat gesagt: Ihr seht da die einzelnen Buchstaben. Der Mensch ist das Wort, das aus Buchstaben zusammengesetzt ist. So hat man in der ganzen Natur einen ausgebreiteten Menschen und im Menschen die zusammengesetzte Natur zu sehen. — Paracelsus nannte zum Beispiel den Cholerakranken Arsenicus, weil in ihm dieselben Kräfte wirksam sind wie im Arsenik.

[ 43 ] The fifth step is to delve into the connection between the microcosm and the macrocosm. A great occultist of the Middle Ages—whose works one must first learn to read—used a beautiful image to illustrate the relationship between the macrocosm and the microcosm. Paracelsus said: “You see the individual letters there. Man is the word composed of letters. Thus, one must see a human being spread out throughout all of nature, and nature itself composed within man.” — Paracelsus, for example, called the choleric patient “Arsenicus” because the same forces are at work within him as in arsenic.

[ 44 ] Nun geht das aber weiter. Wenn sich der Mensch ganz stark auf : einen ganz bestimmten Teil des Inneren konzentriert, nämlich auf den Punkt zwischen den Augenbrauen - was natürlich nur ein Anhaltspunkt ist —, hat er ein ganz bestimmtes Erlebnis, das ihn in die inneren Geschehnisse in der großen Welt hineinführt. Diese entsprechen nämlich dem, was zwischen den Augen mikrokosmisch enthalten ist. So muß die Entsprechung zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos Stück für Stück weiter erlebt werden. Durch die Versenkung in sein Inneres muß der Schüler die Außenwelt kennenlernen.

[ 44 ] But it goes further than that. When a person concentrates very intensely on a very specific part of their inner being—namely, the point between the eyebrows (which, of course, is only a point of reference)—they have a very specific experience that leads them into the inner happenings of the greater world. These correspond, in fact, to what is contained microcosmically between the eyes. Thus, the correspondence between the macrocosm and the microcosm must be experienced step by step. Through immersion in his inner self, the student must come to know the outer world.

[ 45 ] Auf der sechsten und siebenten Stufe wächst der Rosenkreuzerschüler mit der ganzen Welt zusammen. Er erlangt eine wirkliche Erkenntnis von dem, was draußen in der Welt ist. Im gleichen Maße wächst sein Gefühl und seine ganze Seele mit der Außenwelt zusammen. Das ist jener Zustand, der Gottseligkeit genannt wird. Dann wird der Erdenleib sein Leib. Damit ist das erreicht, was man das Aufgehen im All nennt. — Es ist ein langer Weg einer bestimmten geistigen Schulung. Wer ihn durchgemacht hat, wird ein Bote der geistigen Welt, der aus Erfahrung spricht.

[ 45 ] On the sixth and seventh levels, the Rosicrucian student becomes one with the entire world. He attains a true understanding of what exists out there in the world. To the same extent, his feelings and his entire soul merge with the external world. This is the state known as godliness. Then the earthly body becomes his own body. With this, what is called “merging with the universe” is achieved. — It is a long path of specific spiritual training. Whoever has undergone it becomes a messenger of the spiritual world who speaks from experience.

[ 46 ] Diesen Weg kann heute jeder gehen - dem Prinzip nach wohl jeder. Bei manchem dauert es lange, bei manchem kürzere Zeit. Einer der besten Theosophen, der verstorbene Subba Rou, hat gerade über die Zeit, deretwegen so viel gefragt wird, gesagt: Es ist richtig, daß der eine siebzig Inkarnationen, ein anderer sieben Inkarnationen, wieder ein anderer siebzig Jahre oder auch sieben Jahre gebraucht hat; es hat schon solche gegeben, die es in sieben Monaten, und manche, die es in sieben Tagen erreicht haben, je nach dem Karma aus den verflossenen Erdenleben her. -— Beginnt man, den Weg zu gehen, so muß man Geduld und Ausdauer haben und sich klar darüber sein, daß man großen Gefahren ausgesetzt ist, wenn man nicht vorher eine gute Charakterschulung durchgemacht hat. Ersehen Sie dies aus einem Gleichnis: Nehmen Sie eine grüne Flüssigkeit, die aus einer blauen und einer gelben gemischt ist. Wenn Sie nun ein chemisches Mittel beisetzen, sind Sie imstande, die blaue von der gelben Flüssigkeit zu trennen. Früher haben Sie von den Eigenschaften der beiden nun getrennten Flüssigkeiten nichts gesehen. Jetzt kehren sie die Eigenschaften hervor. So ist es auch beim Menschen. Das Hohe und das Niedere sind untereinander gemischt. Das Niedere ist durch die beigemischten höheren Kräfte behütet davor, sich in ganzer Intensität auszuwirken. Nun trennen Sie die Teile durch Ihre Übungen. Da kann man erleben, daß jemand, der bis dahin einigermaßen leidlich war, boshaft und verschlagen wird und noch ganz andere schlechte Eigenschaften hervorkehrt. Hierüber muß man sich klar sein. Verhütet kann eine solche Gefahr unter allen Umständen werden, wenn bestimmte Vorübungen gemacht werden, durch welche der Schüler auf eine gewisse innere charaktervolle Moral gestellt wird.

[ 46 ] Anyone can follow this path today—in principle, certainly anyone. For some, it takes a long time; for others, a shorter time. One of the greatest theosophists, the late Subba Rou, said the following about the time—a subject about which so many questions are asked: It is true that one person has needed seventy incarnations, another seven incarnations, yet another seventy years or even seven years; there have been some who achieved it in seven months, and some who achieved it in seven days, depending on the karma from past earthly lives. — When one begins to walk the path, one must have patience and perseverance and be fully aware that one is exposed to great dangers if one has not first undergone proper character training. Consider this through a parable: Take a green liquid made by mixing a blue one and a yellow one. If you now add a chemical agent, you will be able to separate the blue liquid from the yellow one. Previously, you could not discern the properties of the two now-separated liquids. Now their properties become apparent. So it is with human beings. The higher and the lower are intermingled. The lower is protected by the higher forces mixed in from exerting its full intensity. Now you separate the parts through your exercises. One may observe that someone who was previously reasonably decent becomes malicious and devious and brings out entirely different negative traits. One must be clear about this. Such a danger can be prevented under all circumstances if certain preliminary exercises are performed, through which the student is grounded in a certain inner moral character.

[ 47 ] Erstens muß er sich die Fähigkeit aneignen, seine Gedanken strenge zu kontrollieren. Er muß sich üben, einen Gedanken lange in den Mittelpunkt des Seelenlebens zu stellen, je intensiver, desto besser. Der Übende muß beim Gegenstand bleiben und alle Gedanken daran reihen. Diese Übung muß täglich wenigstens fünf Minuten lang vorgenommen werden. Je mehr, desto besser, nur darf man sich nicht damit übernehmen.

[ 47 ] First, he must develop the ability to exercise strict control over his thoughts. He must practice keeping a single thought at the center of his inner life for a long time; the more intensely, the better. The practitioner must stay focused on the object and link all thoughts to it. This exercise must be performed daily for at least five minutes. The more, the better—but one must not overdo it.

[ 48 ] Erforderlich ist zweitens die Initiative der Handlung. Diese besteht darin, daß der Schüler eine Handlung täglich ganz aus ureigener Initiative vollzieht. Es genügt, wenn es eine ganz kleine, unbedeutende Handlung ist, zum Beispiel Blumen zu begießen. Nach einiger Zeit nimmt man sich wieder eine andere Handlung vor.

[ 48 ] Second, the action must be initiated by the student. This involves the student performing an action every day entirely on his or her own initiative. It is sufficient if the action is very small and insignificant, such as watering flowers. After some time, the student takes on another action.

[ 49 ] Drittens muß man Herr über Lust und Leid werden. Das «himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt» muß aufhören. Dadurch wird man feiner und empfänglicher, aber man muß selbst der Herr sein, und nicht die Empfindungen dürfen es sein.

[ 49 ] Third, one must become the master of pleasure and pain. The “ecstatic joy one moment, deep sorrow the next” must come to an end. This makes one more refined and receptive, but one must be the master oneself—not the emotions.

[ 50 ] Viertens ist die Positivität notwendig. Was darunter zu verstehen ist, wird eine persische Legende von Christus Jesus besagen. Christus ging mit einigen seiner Jünger des Weges. Da lag am Wegesrande ein krepierter Hund, der schon in Verwesung übergegangen war. Die Jünger wandten sich ab und sprachen: Wie häßlich ist das Tier! - Christus aber blieb stehen und sagte: Seht nur, welche schönen Zähne das Tier hat! — Es ist also in dem Häßlichsten noch Schönes, in dem Bösesten noch Gutes, im Kleinen noch Großes zu suchen und zu finden. Überall muß die positive Eigenschaft gesucht werden.

[ 50 ] Fourth, positivity is necessary. A Persian legend about Jesus Christ will explain what this means. Christ was walking along the road with some of his disciples. There, lying by the roadside, was a dead dog that had already begun to decompose. The disciples turned away and said, “How ugly this animal is!” But Christ stopped and said, “Just look at what beautiful teeth this animal has!” — Thus, even in the ugliest things there is beauty to be sought and found; even in the worst, there is good; and even in the smallest, there is greatness. The positive quality must be sought everywhere.

[ 51 ] Fünftens muß die absolute Unbefangenheit allen neuen Eindrükken gegenüber erworben werden, Unbefangenheit im höchsten Maße. Die Menschen pflegen zu sagen: Das hab ich noch nie gehört, noch nie gesehen, das glaube ich nicht! — Im weitesten Umfange muß man sich abgewöhnen, von Unmöglichkeiten zu sprechen. Man muß im Herzen eine Kammer haben, in welcher man beispielsweise die Möglichkeit offen läßt, daß der Kirchturm wirklich schief steht, wenn jemand sagt, der Kirchturm sei schief. Wenigstens für möglich muß man halten, was man hört.

[ 51 ] Fifth, one must cultivate absolute open-mindedness toward all new impressions—open-mindedness to the highest degree. People tend to say: “I’ve never heard that before, never seen that before—I don’t believe it!” — To the greatest extent possible, one must break the habit of speaking of impossibilities. One must have a space in one’s heart where, for example, one leaves open the possibility that the church tower really is leaning when someone says it is. At the very least, one must consider what one hears to be possible.

[ 52 ] Die sechste Stufe besteht in der Harmonisierung der fünf Eigenschaften.

[ 52 ] The sixth stage consists of harmonizing the five qualities.

[ 53 ] Dann hat der Schüler in seinem Inneren eine so starke Natur entwickelt, daß er geschützt ist gegen das, was ihm sonst die okkulte Schulung anhaben könnte. Diese okkulte Schulung darf man nicht dadurch abtun, daß man sagt: Ich will nur einen ethischen Nutzen haben. — Wenn man in die höheren Welten eindringen will, muß man den angedeuteten Weg gehen. Der Weg der höchsten Erkenntnis ist zugleich der Weg des höchsten Mitleides. Durch die Erkenntnis muß man zum Mitleid gelangen, nicht durch Phrasen. Alle, die voll Mitleid umherstehen, können bei einem Beinbruch nicht helfen, bis auf den einen, der weiß, was er tun soll, und der es richtig macht. Wenn man in der Theosophie bloß predigt, dann ist es so, wie wenn man sich hinstellt vor den Ofen und zu ihm spricht: Deine Pflicht ist, das Zimmer warm zu machen. — Ebenso ist es, wenn man Menschen sagt, sie sollen Bruderliebe üben. Wie man in den Ofen Holz legen und es anzünden muß, so muß man den Menschen das geben, wodurch sich die Seelen verbinden in der großen Brüderschaft, und das ist Erkenntnis. Die wahre Erkenntnis ist das Brennmaterial zum großen Bruderbunde der Menschheit. Heute ist die Zeit des Materialismus, der es dahin gebracht hat, daß sich die Menschen getrennt haben.

[ 53 ] Then the student has developed such a strong inner nature that he is protected against what occult training might otherwise do to him. One must not dismiss this occult training by saying, “I only want to derive ethical benefit from it.” — If one wishes to penetrate the higher worlds, one must follow the path indicated. The path of the highest knowledge is at the same time the path of the highest compassion. One must arrive at compassion through knowledge, not through empty phrases. All those who stand by full of compassion cannot help with a broken leg, except for the one who knows what to do and does it correctly. If one merely preaches in theosophy, it is like standing in front of the stove and saying to it, “Your duty is to warm the room.” — It is the same when one tells people to practice brotherly love. Just as one must put wood in the stove and light it, so one must give people that which unites souls in the great brotherhood, and that is knowledge. True knowledge is the fuel for the great brotherhood of humanity. Today is the age of materialism, which has led to people becoming separated.