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Myths and Legends
Occult Signs and Symbols
GA 101

21 October 1907 p.m., Berlin

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Myths and Legends, Occult Signs and Symbols, tr. SOL
  1. Mythen und Sagen, Okkulte Zeichen und Symbole, 2nd ed.

4. Germanische Sagen

4. Germanic Legends

[ 1 ] An mehreren Montagen wurde hier im Besant-Zweige versucht, die okkulte Grundlage der germanischen Mythen ein wenig zu charakterisieren, und am letzten Montag dann auch mit einer Erweiterung des ganzen Mythenstoffes begonnen, wie er sich in einem breiten geistigen Gürtel herübererstreckt von Persien durch den Osten von Europa und durch Europa selber. Es würde heute vielleicht nicht angemessen sein, gerade dort fortzufahren, weil viele derjenigen unserer Freunde, die heute anwesend sind, damals nicht anwesend waren. Und so soll versucht werden, den heutigen Vortrag mehr selbständig zu gestalten; es soll versucht werden, ohne die Voraussetzungen der beiden letzten Vorträge, einiges aus dem Kreise der europäischen Mythen im allgemeinen vorzubringen. Dadurch natürlich sind wir heute bei unserer Betrachtung darauf angewiesen, manches sehr aphoristisch zu behandeln.

[ 1 ] On several Mondays here at the Besant Branch, we have attempted to outline the occult foundations of Germanic myths, and last Monday we began to expand on the entire body of mythological material as it stretches across a broad cultural belt from Persia through Eastern Europe and across Europe itself. It might not be appropriate to continue from that point today, because many of our friends who are present today were not present at that time. And so we shall attempt to structure today’s lecture more independently; we shall attempt to present some aspects of European mythology in general without relying on the premises of the last two lectures. Consequently, of course, we are compelled today to treat certain matters in a very aphoristic manner.

[ 2 ] Erinnern möchte ich, daß die Zwölfzahl der oberen Götter, die nur die doppelte Sechszahl ist, so wie wir sie das letztemal in den Amshaspands gefunden haben, auch in der germanischen Götterzahl wiederkehrt, jene Götterzahl, die wir vor acht Tagen in ihrer Bedeutung kennengelernt haben. Wir wollen heute nur einzelne Götter, und von diesen nur einzelne Eigenschaften herausheben, um zu zeigen, welches die okkulten Grundlagen solcher Götter und solcher göttlichen Eigenschaften sind. Wir haben die Verwandtschaft der germanischen Mythologie mit der persischen erkannt. Wir haben wiedergefunden, wie in der drüben in Asien entstandenen Mythologie dasselbe dargestellt wird wie in den mitteleuropäischen Mythen. In den Kräften der sechs Amshaspands erkannten wir wieder die zwölf Nervenpaare, die von unserem Haupte ausgehen, und in den achtundzwanzig Izards erkannten wir die Kräfte, die von unserem Rückgrat ausgehen.

[ 2 ] I would like to remind you that the number twelve among the higher gods—which is simply twice the number six, as we saw last time in the Amshaspands—also recurs in the number of Germanic gods, a number whose significance we explored eight days ago. Today we will focus only on individual gods, and of these, only on specific attributes, in order to demonstrate the occult foundations of such gods and such divine attributes. We have recognized the kinship between Germanic mythology and Persian mythology. We have discovered that the mythology originating over in Asia depicts the same things as the Central European myths. In the powers of the six Amshaspands, we recognized the twelve pairs of nerves emanating from our head, and in the twenty-eight Izards, we recognized the forces emanating from our spine.

[ 3 ] Sie alle wissen, daß in diesen germanischen Götterkreis hineingehört Wotan-Odin als eine Art oberster Gott; ferner haben wir Thor und seine Tochter, die Truth, in ihrer okkulten Bedeutung gezeigt; und wir haben Tyr berührt, der eine Art von Schlachtengottheit, ein Kriegsgott, aber ein sonderbarer Kriegsgott war, und der in gewisser Weise dem südlicheren Mars oder Ares entspricht; er entspricht ihm bis zu dem Grade, daß auch der Dienstag als Tyrstag oder Tiustag diesem Gott geweiht ist. Aber es ist sonderbar, es wird uns von anderen Geistwesen erzählt, die eine gewisse Rolle spielen in den Vorgängen, die sich zwischen den germanischen Göttern abspielen, und es wird da ein merkwürdiger Gott, oder sagen wir eine Götterfamilie, die des Loki, in eine bestimmte Beziehung gerade zu dem Tyr gebracht. Sie wissen — und die okkulte Grundlage ist den Mitgliedern des Besant-Zweiges ausgeführt worden —, daß dieser Loki, der dasteht neben den anderen nordischen Göttern, abstammt von jenen Feuermächten, deren südlichen Ursprung wir charakterisiert haben. Während die nordischen Götter abstammen aus der Verbindung des Feuerelementes von Süden und des kalten nebligen Elementes von Norden, haben wir in Loki einen älteren Gott oder wenigstens einen Sprößling einer älteren Gottheit vor uns, eine Art von Feuergott. Wir können also sagen, jener Loki, der soviel Feindschaft gegenüber den anderen Göttern entwickelt, gehört einem älteren Geschlechte geistiger Wesenheiten an, die die Herrschaft für eine Weile abtreten mußten an solche, zu denen Wotan, Tyr und Thor gehören. Daher hat er ihnen Feindschaft angekündigt und lebt im Kriege mit den Asen, mit jenen Göttern, die erst zur Herrschaft gekommen sind, als die atlantischen Menschen sich herausentwickelten aus den früheren Zuständen und sich herüberentwickelten zu den nachatlantischen Menschen; da haben die Asen ihre Bedeutung. Aus viel früheren Zeiten stammen diejenigen Geistwesenheiten, zu denen Loki gehört. Unter anderen hat dieser Loki von seiner dem Riesengeschlechte entstammenden Gattin Angrboda drei Nachkommen ganz merkwürdiger Art, den Fenriswolf, die Midgardschlange und Hel, die Göttin der Unterwelt. Diese drei Wesen, die also zurückverfolgt werden können bis in die früheren Zeiten, müssen von den neuen Göttern, den Asen, erst gebändigt werden, damit sich die neuen Bewußtseinszustände in der Menschheit entwickeln können. Die Midgardschlange wird bekanntlich dadurch gebändigt, daß sie in das Meer hinuntergewiesen und um die Kontinente herumgelegt wird, so daß sie sich in den Schwanz beißt und nichts vermag für die Zeit, während welcher die neuen Götter, die Asen, herrschen, die die früheren Götter abgelöst haben. Der Fenriswolf wird durch allerlei Mittel gebändigt und gefesselt, aber gerade dadurch kommt eine gewisse Beziehung heraus zwischen dem Gott Tyr, dem herrischen Kriegs- oder Schlachtengott, und seiner Familie und Loki. Der Gott Tyr muß eine Hand dem Fenriswolf in den Rachen hineinstecken, damit dieser sich fesseln läßt, und verliert dadurch seine rechte Hand. Das ist ein sehr bemerkenswerter Zug der germanischen Mythe, der nur aus dem Okkultismus heraus verstanden werden kann. Wir wollen nachher einmal diese Hand des Tyr aufsuchen und wollen sehen, wo sie eigentlich steckt. Die Hel aber wurde in die Unterwelt nach Niflheim oder Nebelheim verwiesen, wo zu ihr kommen müssen alle diejenigen, die nicht auf dem Schlachtfelde gefallen sind. Diejenigen, die auf dem Schlachtfeld fallen, werden mit dem Göttergeschlecht vereinigt; ihnen erscheint mit dem Tode die Walküre und bringt sie hinauf zu den Asen selber. Sie haben einen ehrenvollen Tod. Anders geht es denen, die den sogenannten $trohtod gestorben sind, die einer Krankheit oder der Altersschwäche zum Opfer gefallen sind; sie müssen hinunter in das Reich der Hel, bei welcher Sorgen, Entbehrung, Hunger und Qual herrschen. Die Toten also, die den Strohtod gestorben sind, waren nicht zu brauchen für das Reich der Asen, sie wurden zu Hel verwiesen, damit es Ruhe gibt während der Herrschaft der Asen. Auf diese Weise sind die Kinder des Loki von der Herrschaft der Asen abgesperrt worden. Loki selber aber wurde von den Göttern überlistet und gefangen, als er sich in einen Lachs verwandelt hatte. Er wurde an drei Felsplatten geschmiedet und erlitt große Qualen.

[ 3 ] You all know that Wotan-Odin belongs to this pantheon of Germanic gods as a kind of supreme deity; furthermore, we have discussed Thor and his daughter, Truth, in their occult significance; and we have touched upon Tyr, who was a kind of battle deity, a god of war, but a peculiar god of war, and who in a certain sense corresponds to the more southern Mars or Ares; he corresponds to him to such an extent that even Tuesday, as Tyr’s Day or Tius’ Day, is dedicated to this god. But it is strange; we are told of other spiritual beings who play a certain role in the events unfolding among the Germanic gods, and a peculiar god—or let us say a family of gods, that of Loki—is brought into a specific relationship precisely with Tyr. You know—and the occult basis has been explained to the members of the Besant branch—that this Loki, who stands alongside the other Norse gods, descends from those fire powers whose southern origin we have characterized. While the Norse gods descend from the union of the fire element of the South and the cold, misty element of the North, in Loki we have before us an older god, or at least a scion of an older deity, a kind of fire god. We can therefore say that this Loki, who harbors so much hostility toward the other gods, belongs to an older race of spiritual beings who had to cede their rule for a time to those to whom Wotan, Tyr, and Thor belong. Hence he has declared war on them and lives at war with the Aesir, with those gods who only came to power when the Atlantean people evolved out of their earlier states and developed into the post-Atlantean people; that is where the Aesir have their significance. Those spiritual beings to which Loki belongs originate from much earlier times. Among other things, this Loki has three offspring of a most peculiar nature by his wife Angrboda, who is of the race of giants: the Fenris Wolf, the Midgard Serpent, and Hel, the goddess of the underworld. These three beings, who can thus be traced back to earlier times, must first be subdued by the new gods, the Aesir, so that the new states of consciousness can develop within humanity. As is well known, the Midgard Serpent is subdued by being cast into the sea and coiled around the continents, so that it bites its own tail and is powerless for the duration of the reign of the new gods, the Aesir, who have replaced the earlier gods. The Fenris Wolf is subdued and bound by various means, but precisely through this, a certain relationship emerges between the god Tyr, the imperious god of war or battle, and his family and Loki. The god Tyr must thrust one hand into the Fenriswolf’s maw so that it may be bound, and thereby loses his right hand. This is a very remarkable feature of Germanic mythology, which can only be understood through the lens of occultism. We shall later seek out this hand of Tyr and see where it actually is. Hel, however, was banished to the underworld, to Niflheim or Nebelheim, where all those who have not fallen on the battlefield must go to her. Those who fall on the battlefield are united with the race of gods; upon their death, the Valkyrie appears to them and brings them up to the Aesir themselves. They have an honorable death. The fate is different for those who have died a so-called “natural death,” who have fallen victim to illness or old age; they must descend into the realm of Hel, where sorrow, deprivation, hunger, and torment reign. Thus, the dead who died a natural death were of no use to the realm of the Aesir; they were banished to Hel so that there might be peace during the reign of the Aesir. In this way, the children of Loki were barred from the rule of the Aesir. Loki himself, however, was outwitted and captured by the gods when he had transformed himself into a salmon. He was chained to three rock slabs and suffered great torment.

[ 4 ] Alle diese Sagen gewinnen eine besondere Färbung dadurch, daß über all dieses Götterdasein der Asen ein merkwürdiger tragischer Zug ausgegossen ist, von dem wir öfter gesprochen haben. Diejenigen, die die Vorträge über die nordische Mythologie gehört haben, wissen, daß in den Einweihungsstätten der nordischen Mysterien dieser tragische Zug durchaus gewaltet hat. Er wurde auch in die Göttersagen hineinverpflanzt. In steter Sorge vor ihrem Untergang leben die nordischen Götter, die Asen, denn sie wissen, daß einstmals ihr Reich zu Ende gehen wird. Immer tritt uns da ein tragischer Zug entgegen, der uns sagt, warum dieses Reich zu Ende gehen wird. Dieser tragische Zug ist der, daß seit dem Beginn von Krieg und Unfrieden auf der Erde die Keime gelegt sind zu dem, was einstmals der große verheerende Weltenbrand sein wird, wo sich alles wieder losmachen wird, was die Götter einst gefesselt hatten, wo der Fenriswolf, die Midgardschlange und Loki selbst befreit sein und den Asen den Untergang bereiten werden. Ein besonders hervorragender Geist aus dem Feuergebiete wird kommen, Sutur, und seiner Macht werden die Asen weichen müssen. Die Götterdämmerung wird da sein, und aus dem Weltenbrande des Alten wird die neue Welt erstehen. Wiederum ein merkwürdiger Zug ist es, den uns die Sage mitteilt: Wenn der Fenriswolf los sein wird, wird er den Rachen so weit aufsperren, daß der Oberkiefer bis in den Himmel ragt und der Unterkiefer in der Erde stecken wird; sein Hauch wird die ganze Welt verbrennen.

[ 4 ] All these legends take on a special character because a peculiar tragic element pervades the entire existence of the Aesir, a point we have often discussed. Those who have heard the lectures on Norse mythology know that this tragic element was certainly present in the initiation sites of the Norse mysteries. It was also incorporated into the legends of the gods. The Norse gods, the Aesir, live in constant fear of their downfall, for they know that one day their realm will come to an end. We are constantly confronted by a tragic element that tells us why this realm will come to an end. This tragic element is that, ever since the beginning of war and strife on Earth, the seeds have been sown for what will one day be the great, devastating Ragnarök, when everything the gods once bound will be set loose again, when the Fenrir wolf, the Midgard Serpent, and Loki himself will be freed and bring about the downfall of the Aesir. A particularly outstanding spirit from the realm of fire will come, Sutur, and the Aesir will have to yield to his power. The twilight of the gods will be upon us, and from the world-fire of the Old World, the new world will arise. Once again, the saga tells us of a strange feature: When the Fenris Wolf is unleashed, he will open his jaws so wide that his upper jaw will reach up to the heavens and his lower jaw will be buried in the earth; his breath will burn the entire world.

[ 5 ] Diese Sagenwelt kennen Sie alle. Und diese Züge, die wir eben angeführt haben, wollen wir jetzt einmal ihrer okkulten Grundlage nach betrachten. Dabei werden wir uns noch einmal erinnern der Tatsache, daß die Asen, jene Götter also, zu denen Wotan, Tyr und Thor gehören, ihre Herrschaft angetreten haben, weltbeherrschende Mächte geworden sind, nachdem der Mensch in der spätatlantischen Zeit den Übergang gefunden hat von einem früheren hellseherischen Bewußtseinszustand, wo er noch hat hineinsehen können in die geistige Welt, zu dem nachatlantischen Zustand, wo er nur mehr in der Sinnenwelt, in der Welt der äußerlich, physisch sichtbaren Tatsachen war. Wir wissen, daß gerade an dem Punkte der Erde, wo sich Wärme und Kälte berührt haben, sich das erste Häuflein Menschen gebildet hat, das nach Osten hinüber gezogen ist und die nachatlantische Kultur begründet hat. Wir wissen, daß die alte Atlantis ein Land war, in welchem die Luft noch ganz erfüllt war von Dunstund Nebelmassen, von weit ausgebreiteten Wasserdämpfen. Wenn wir die ersten Zeiten der Atlantis durchforschen würden, so würden wir zwei Regionen erkennen: im Norden dichte kühlere Wasserdämpfe und von Süden heraufsteigend heiße Wasserdämpfe. Die Atlantier hatten eine ganz besondere Erinnerung an diese Zeit. Das tritt uns entgegen in dem Teil der Sage, der darauf anspielt, daß das kalte Nordische zusammengestoßen ist mit dem heißen Südlichen. Durch diesen Ausgleich der Kräfte konnte, wie ich gezeigt habe, jene Atmosphäre entstehen, aus der sich herauserhoben hat dasjenige, was die nachatlantische Geistigkeit wurde. Dasjenige, was die alten Atlantier hatten, die geistige Wahrnehmung, das ist von den Menschen gewichen; es ist zu den Göttern gekommen. Die Götter haben natürlich das alte Hellsehen bewahrt, aber sie können nur mehr von außen zu den Menschen sprechen und auf sie wirken, weil die Menschen selber ja kein Hellsehen mehr hatten. Was die Menschen früher selbst gehabt haben, das Hellsehen, das schrieben sie jetzt nur noch den Göttern zu, die fern von ihnen, über ihnen wohnen.

[ 5 ] You are all familiar with this mythological world. And let us now examine the occult foundations of the characteristics we have just mentioned. In doing so, we will recall the fact that the Aesir—that is, the gods to whom Wotan, Tyr, and Thor, began their reign and became world-ruling powers after humanity, in the late Atlantean era, made the transition from an earlier clairvoyant state of consciousness—in which it could still perceive the spiritual world—to the post-Atlantean state, in which it existed solely in the sensory world, the world of outwardly, physically visible facts. We know that it was precisely at that point on Earth where heat and cold met that the first small group of people formed, who migrated eastward and founded the post-Atlantean culture. We know that ancient Atlantis was a land in which the air was still entirely filled with mists and fog, with vast expanses of water vapor. If we were to explore the earliest times of Atlantis, we would recognize two regions: in the north, dense, cooler water vapor, and rising from the south, hot water vapor. The Atlanteans had a very special memory of this time. This is reflected in the part of the legend that alludes to the cold North colliding with the hot South. Through this balancing of forces, as I have shown, that atmosphere could arise from which emerged what became post-Atlantean spirituality. That which the ancient Atlanteans possessed—spiritual perception—has departed from human beings; it has gone to the gods. The gods, of course, have preserved the old clairvoyance, but they can now only speak to and influence human beings from the outside, because human beings themselves no longer possessed clairvoyance. What human beings once possessed themselves—clairvoyance—they now attributed solely to the gods, who dwell far from them, above them.

[ 6 ] Erinnern wir uns nun, wie nach und nach die schweren Nebelmassen der alten Atlantis heruntergezogen sind, wie die Atlantis durch große Wassermassen überflutet worden ist, und wie nach und nach das Physische heraustrat aus der sich reinigenden Luft. Erinnern wir uns, wie nun das entstand, was es vorher niemals gegeben hat, was erst entstehen konnte, als die Regengüsse herunterströmten und allmählich die Luft klar wurde: es erhob sich der Regenbogen. Der Regenbogen war eine Erscheinung, die die Menschen zum ersten Mal sahen mit dem Untergang der Atlantis. Indem dahinschwand das alte Hellsehen der Menschen, sahen sie zum ersten Mal aufsteigen den Regenbogen, der die Brücke bilden mußte zwischen ihnen und den Göttern. Das ist die Brücke Bifröst. Alles das haben die Menschen wirklich gesehen, und in den Sagen ist nur wiedergegeben, was sie gesehen haben.

[ 6 ] Let us now recall how, little by little, the heavy mists of ancient Atlantis descended, how Atlantis was flooded by vast masses of water, and how, little by little, the physical world emerged from the purifying air. Let us recall how that which had never existed before came into being—something that could only emerge as the downpours poured down and the air gradually cleared: the rainbow arose. The rainbow was a phenomenon that people saw for the first time with the downfall of Atlantis. As the ancient clairvoyance of humanity faded away, they saw the rainbow rise for the first time, which was to form the bridge between them and the gods. That is the bridge Bifröst. People truly saw all of this, and the legends merely recount what they saw.

[ 7 ] Was haben die Menschen nun dadurch verloren, daß dies startgefunden hat? Sie haben dasjenige verloren, was ihnen früher die Wasser der Weisheit ringsherum gegeben haben. Als noch die Wasser die Luft erfüllten, da raunten sie den Menschen Weisheit zu. Das Rieseln der Quellen, das Rauschen des Windes, das Plätschern der Wellen — das alles raunte ihnen Weisheit zu. Das alles verstanden die Menschen, alles war ihnen eine Sprache der geistigen Wesenheiten, und das war jetzt wie hinuntergesunken ins Meer, in die Flüsse. Das war eine andere geistige Welt gewesen als die Welt der Asen; das war eine Welt, die in sich noch enthalten hatte die letzten Überreste der menschlichen Herkunft aus dem Geistigen. Hinuntergesunken war alles dasjenige, was die Luft erfüllt hatte, ins Meer. Die Weisheit war heruntergesunken mit den Wassern. Das ist eine wirkliche Tatsache. In den Wassern, die um die Kontinente herumgeschlungen waren und die sich berührten, sahen die alten Vorfahren der mitteleuropäischen Bevölkerung die Midgardschlange. Sie bewahrte die heruntergesunkene alte Weisheit, die die Menschen früher besessen hatten, und die sie jetzt nicht mehr besitzen konnten. Die Kraft des Hellsehens mußte bei den Menschen verschwinden. Niemals hätten die Götter von außen regieren können, solange die Menschen selber noch hellsehend waren. Die Midgardschlange, eine Tochter der Feuergewalten, mußte hinuntergestoßen werden ins Meer.

[ 7 ] What have people lost as a result of this having taken place? They have lost what the waters of wisdom once provided them with all around. When the waters still filled the air, they whispered wisdom to the people. The trickling of the springs, the rustling of the wind, the lapping of the waves—all of this whispered wisdom to them. People understood all of this; to them, it was all a language of spiritual beings, and now it had sunk down into the sea, into the rivers. That had been a different spiritual world than the world of the Aesir; it was a world that still contained within itself the last remnants of humanity’s origin in the spiritual. Everything that had filled the air had sunk down into the sea. Wisdom had sunk down with the waters. This is a real fact. In the waters that encircled the continents and touched one another, the ancient ancestors of the Central European population saw the Midgard Serpent. It preserved the ancient wisdom that had sunk down, which people had once possessed and could no longer possess. The power of clairvoyance had to disappear among humans. The gods could never have ruled from the outside as long as humans themselves were still clairvoyant. The Midgard Serpent, a daughter of the forces of fire, had to be cast down into the sea.

[ 8 ] Der letzte Abkömmling dieser Feuergewalten war Loki. Loki war der Feind der Götter. Er hatte den Menschen gegeben, was noch ihr letztes Hellsehen war: die Midgardschlange, die jetzt gefesselt war. Aber noch etwas hat Loki den Menschen gegeben, noch etwas kam von dem alten ursprünglichen Feuer-Anfange des Menschengeschlechtes im Lande der Lemurier, was sich allerdings erst entwickeln konnte im Lande der Atlantier. Was hatte sich da nach und nach entwickelt, als die Menschen sich vom Hellsehen zum Verstande entwickelten? Die Sprache! Wir haben oft darüber gesprochen. Während der Mensch allmählich den aufrechten Gang lernte — das war in der atlantischen Zeit —, da hat sich auch die Sprache entwickelt, nach und nach hat sie sich entwickelt, so daß sie erst am Ende der atlantischen Zeit fertig war. Als die Atlantier mit dem gut entwickelten Verstande nach dem Osten zogen, da war schon die Sprache entwickelt. Aber diese Sprache war, solange sie die Sprache der Atlantier war, eine einheitliche Sprache, die sich gerichtet hat nach den einheitlichen Lauten der Sprache der Natur selber. Sie war die Nachahmung dessen, was die Atlantier während der Zeit des Hellsehens und Hellhörens herausgehört haben aus den rieselnden Quellen, den brausenden Winden, dem Rauschen der Bäume, dem Rollen des Donners, dem Plätschern der Wellen. Diese Laute haben sie umgesetzt in ihre Sprache, und das war die gemeinsame Sprache der Atlantier. Erst in der nachatlantischen Zeit gliederte und entwickelte sich das, was man den Unterschied nennen kann zwischen den einzelnen Sprachen und Idiomen, den Elementen der verschiedenen Sprachen. Die alte atlantische Sprache, welche aus den Elementen der Natur entnommen war, von jenen Gewalten, mit denen Loki so innig verwoben ist, sie mußte andere Formen annehmen, als jetzt die Asen Herrscher wurden und die Menschen sich in Völker und Stämme teilten. Durch die Trennung der Menschen nach Völkerstämmen und den Kampf der einzelnen Stämme untereinander kam das, was man den Krieg nennt. Um was wurde dieser Krieg geführt? Warum kam er? Dem Menschen wurde durch die Sprache für seine Entwickelung etwas gegeben, wodurch er seine innersten Gefühle nach außen kehren kann. Vom okkulten Standpunkte aus ist das einer der wichtigsten Fortschritte in der Evolution, wenn die Seele dazu kommt, in Tönen ihre eigenen Schmerzen, ihre Freude und Lust nach außen tönen zu lassen. Die Sprache, wenn sie von innen aus artikuliert wird, wenn sie die Seele erklingen läßt, ist etwas, was dem Menschen eine mächtig wirkende Gewalt gibt. Diese Gewalt mußte niedergezwungen werden von den Asen, sonst hätten sie nicht herrschen können. Wodurch zwangen die Asen die alte einheitliche Sprache nieder? Das taten sie dadurch, daß sie die Menschen in verschiedene Stämme und damit in verschiedene Zungen spalteten. Eine gewaltige Macht war die Ungeteiltheit der Sprache — der Fenriswolf. Damit diese Macht sich nicht geltend machen konnte auf dem Schauplatze der Asen, mußten die Asen den Fenriswolf bezähmen, das heißt, sie mußten die Sprache zerstückeln, sie mußten die Sprache verschieden machen, damit sie die Menschen beherrschen konnten. Dadurch schufen sie den Krieg. Der Krieg hängt zusammen mit dieser Verschiedenheit der Sprachen. Aber eiines war notwendig, damit die Asen Herrscher werden konnten: Der Kriegsgott mußte seine Hand hineinstecken in den Rachen des Fenriswolfes, und er mußte seine Hand dabei lassen. Die Hand des Tyr, des Kriegsgottes, steckt als Zunge im Rachen des Fenriswolfes. Es ist die menschliche Zunge, die die verschiedenen Sprachen bewirkt. Die menschliche Zunge mußte sich so formen, daß die alte Einheit der Sprache verlorenging. Es ist die Individualisierung der Sprache, die in dieser tiefen Mythe vom Fenriswolf angedeutet ist. Jegliches Organ wird in der Mythe in irgendeiner Weise mit den Einflüssen der Götter von außen zusammengebracht. Hier haben Sie das Organ der Zunge und die Art, wie bildlich ausgedrückt wird die fortschreitende organische Entwickelung der Menschen.

[ 8 ] The last descendant of these fiery forces was Loki. Loki was the enemy of the gods. He had given humanity what remained of their last clairvoyance: the Midgard Serpent, which was now bound. But Loki gave humanity something else as well; something else came from the ancient, primordial fire-origin of the human race in the land of the Lemurians, though it could only develop in the land of the Atlanteans. What had developed there little by little as humans evolved from clairvoyance to reason? Language! We have often spoken of this. As humanity gradually learned to walk upright—this was during the Atlantean era—language also developed; it developed little by little, so that it was not fully formed until the end of the Atlantean era. When the Atlanteans, with their well-developed intellect, migrated eastward, language was already developed. But as long as it was the language of the Atlanteans, it was a unified language that was modeled on the unified sounds of nature itself. It was an imitation of what the Atlanteans had heard during the time of clairvoyance and clairaudience from the trickling springs, the roaring winds, the rustling of the trees, the rumbling of thunder, and the lapping of the waves. They translated these sounds into their language, and that was the common language of the Atlanteans. It was not until the post-Atlantean era that what might be called the differences between individual languages and idioms—the elements of the various languages—began to take shape and develop. The ancient Atlantean language, which was drawn from the elements of nature, from those forces with which Loki is so intimately intertwined, had to take on different forms as the Aesir became rulers and humanity divided into peoples and tribes. Through the separation of humanity into tribes and the conflict among the individual tribes, what is called war arose. What was this war fought over? Why did it come about? Through language, humanity was given something for its development that allows it to express its innermost feelings outwardly. From an occult standpoint, this is one of the most important advances in evolution: when the soul is able to express its own pain, joy, and desire outwardly through sound. Language, when articulated from within, when it gives voice to the soul, is something that endows humanity with a powerful force. This force had to be subdued by the Aesir; otherwise, they could not have ruled. How did the Aesir subdue the ancient unified language? They did so by dividing humanity into different tribes and thus into different tongues. The undivided unity of language was a mighty power—the Fenris Wolf. To prevent this power from asserting itself on the Aesir’s stage, the Aesir had to tame the Fenris Wolf; that is, they had to fragment the language, they had to make the language diverse, so that they could rule over humanity. In doing so, they created war. War is connected to this diversity of languages. But one thing was necessary for the Aesir to become rulers: the god of war had to thrust his hand into the jaws of the Fenriswolf, and he had to leave his hand there. The hand of Tyr, the god of war, is in the Fenriswolf’s jaws as a tongue. It is the human tongue that gives rise to the various languages. The human tongue had to take such a form that the old unity of language was lost. It is the individualization of language that is hinted at in this profound myth of the Fenriswolf. In the myth, every organ is in some way linked to the external influences of the gods. Here you have the organ of the tongue and the way in which the progressive organic development of human beings is expressed figuratively.

[ 9 ] Noch etwas anderes kam, als die Atlantier allmählich vorbereitet wurden für die spätere nachatlantische Epoche. Es waren ja die einzelnen Bewußtseinszustände des Menschen ganz anders zur Zeit der alten Atlantis als heute. Wir haben schon davon gesprochen, daß noch ein gewisser Grad von Hellsehen vorhanden war; das aber bewirkte, daß der Atlantier nicht den Unterschied zwischen Schlafzustand und Wachzustand kannte, wie wir ihn heute kennen. Der grofe Unterschied zwischen Schlafzustand und Wachzustand ist eigentlich erst in der nachatlantischen Zeit entstanden. Natürlich bereitete sich das langsam vor, aber die Vorbereitung gab nur die Anlage zu dem, was der Wechsel zwischen Wachen und Schlafen in der nachatlantischen Zeit bedeutete.

[ 9 ] Something else also came about as the Atlanteans were gradually being prepared for the later post-Atlantean epoch. After all, the individual states of human consciousness were quite different in the time of ancient Atlantis than they are today. We have already mentioned that a certain degree of clairvoyance still existed; but this meant that the Atlantean did not know the difference between the sleeping state and the waking state as we know it today. The distinct difference between the sleeping state and the waking state actually only emerged in the post-Atlantean era. Of course, this was a slow process, but this preparation merely laid the groundwork for what the alternation between waking and sleeping came to mean in the post-Atlantean era.

[ 10 ] Der alte Atlantier träumte am Tage und träumte in der Nacht. Die Träume der Nacht entsprachen mehr der Wirklichkeit als die Träume des heutigen Menschen. Und die Träume des Tages waren ein wirkliches Wahrnehmen der geistigen Welt, die um den atlantischen Menschen herum lebte, namentlich in der ersten Zeit der Atlantis. Dadurch aber, daß dieser strenge Wechsel eingetreten ist zwischen dem wachen Tagesbewußtsein und dem vollständig bewußtlosen Schlafzustand, gewann eigentlich erst das seine volle Bedeutung, was zusammenhängt mit der Beziehung des astralischen _ Leibes zu den anderen Leibern. Die menschlichen Krankheiten in ihrer heutigen Form gewannen erst ihre Bedeutung in der nachatlantischen Zeit. In der ersten atlantischen Zeit gab es diese Krankheiten noch nicht; dann wurde es nach und nach ärger und ärger mit den Krankheiten, die die Menschen bekamen. Sie wissen ja alle, welchen gesundenden Einfluß der astralische Leib ausübt, wenn er während des Schlafes außerhalb des physischen Leibes ist. Nun war zwar der Astralleib während der atlantischen Zeit nicht mehr ganz außerhalb, aber er war doch zum größten Teil mehr draußen als beim heutigen Menschen, daher konnte er auch noch fortwährend seinen gesundenden Einfluß ausüben. Gerade durch das Eindringen des Astralleibes in den Ätherleib und den physischen Leib kamen ganz neue, andere Verhältnisse zwischen dem Astralleib, dem Ätherleib und dem physischen Leib zustande, und dadurch wurden die Krankheiten erzeugt, die wir heute kennen. Die Krankheiten gewannen ihre Bedeutung erst, als der Astralleib nicht mehr auch bei Tage am physischen Leib arbeiten konnte.

[ 10 ] The ancient Atlantean dreamed by day and dreamed by night. The dreams of the night corresponded more closely to reality than the dreams of modern humans. And the dreams of the day were a genuine perception of the spiritual world that lived around the Atlantean people, particularly in the early days of Atlantis. However, it was only through the onset of this sharp distinction between waking daytime consciousness and the completely unconscious state of sleep that the relationship between the astral body and the other bodies truly came into its own. Human diseases in their present form only gained their significance in the post-Atlantean era. In the early Atlantean period, these diseases did not yet exist; then, little by little, the illnesses afflicting people grew worse and worse. You all know, of course, what a healing influence the astral body exerts when it is outside the physical body during sleep. Now, although the astral body was no longer entirely outside the physical body during the Atlantean era, it was still, for the most part, more outside than in modern humans; therefore, it was still able to continuously exert its healing influence. It was precisely through the astral body’s penetration into the etheric body and the physical body that entirely new, different relationships between the astral body, the etheric body, and the physical body came into being, and this is what gave rise to the diseases we know today. Diseases only gained significance when the astral body could no longer work on the physical body during the day as well.

[ 11 ] Wieder ist das in der Mythe ausgedrückt. Nur wer auf dem Schlachtfelde fällt, stirbt so, daß er nicht den Mächten der Unterwelt verfällt; er ist noch zugehörig den höheren Mächten, er darf hinauf zu den Göttern nach Walhall. Die anderen aber, die den Mächten der Krankheiten unterliegen, sie müssen hinunter zur Hel, die auf der einen Seite schwarz und auf der anderen Seite weiß ist, was ja deutlich den Wechsel zwischen den Bewußtseinszuständen des Tages und der Nacht ausdrückt. Damit retten sich die Asen, daß sie nur diejenigen mit hinaufnehmen, die durch den Tod auf dem Schlachtfelde sich mit der astralischen Welt vereinigen können, während die anderen hinuntergehen müssen zur Hel, welche sie führt in ihre Reiche. Das ist ein tiefer Zug der nordischen Sage, und auch dieser Zug ist durchaus aus den Tatsachen heraus genommen.

[ 11 ] Once again, this is expressed in the myth. Only those who fall on the battlefield die in such a way that they do not fall prey to the powers of the underworld; they still belong to the higher powers and are allowed to ascend to the gods in Valhalla. The others, however, who succumb to the powers of disease, must descend to Hel, which is black on one side and white on the other, clearly expressing the alternation between the states of consciousness of day and night. Thus the Aesir save themselves by taking up only those who, through death on the battlefield, can unite with the astral world, while the others must go down to Hel, who leads them into her realms. This is a profound aspect of Norse mythology, and this aspect, too, is entirely grounded in reality.

[ 12 ] Nun ist in allen Sagen, welchen der Okkultismus zugrundeliegt und alle wirklich großen Sagen sind ja aus den Geheimschulen hervorgegangen —, immer auch Prophetie enthalten. Wir haben auch hier einen Hinweis auf einen zukünftigen Zustand in der Menschheits- und Erdenentwickelung. Nur eine Zeitlang wird der Mensch damit behaftet sein, daß er nur die äußere Sinneseswelt sieht. Selbständig wird er wiederum aufsteigen zu derjenigen Anschauung, welche er ursprünglich hatte. Hellsehend war er in ferner Vergangenheit, heruntersteigen mußte er zur physischen Wahrnehmung, um selbstbewußt zu werden, und er wird wieder hinaufsteigen zu hellseherischem Schauen. Merkwürdig stimmt das mit der ganzen Konstitution des Menschen überein. Sie wissen ja — wenigstens diejenigen von Ihnen, welche die früheren Vorträge mitgemacht haben —, Sie wissen, daß die Sage die Begabung mit dem Nervensystem, überhaupt mit der Fähigkeit, die äußeren Dinge so wahrzunehmen, wie sie der heutige Mensch wahrnimmt, zuschreibt dem Einströmen der göttlichen Mächte durch die Tore der Sinne. Sie haben in Ihren Sinnen nun aber einen ganz merkwürdigen Unterschied, der hier in der Sage in grandioser Weise wiederkehrt. Wenn Sie den Sinn des Gehörs nehmen: sein Werkzeug ist ein einzelnes Organ, er ist lokalisiert im Ohr; wenn Sie den Sinn des Gesichtes nehmen: sein Werkzeug, sein Organ ist lokalisiert im Auge; wenn Sie den Sinn des Geruches nehmen: sein Werkzeug ist lokalisiert in den Schleimhäuten der Nase; der Geschmack ist in der Zunge und im Gaumen lokalisiert. Nun nehmen wir aber den Gefühlssinn, den Sinn für Wärme; wo ist denn dieser lokalisiert? Er ist über den ganzen Leib ausgedehnt. Er unterscheidet sich ganz wesentlich von den anderen, lokalisierten Sinnen. Das, wodurch der Mensch die Wärme wahrnimmt, ist merkwürdig unterschieden von den anderen Sinneswerkzeugen.

[ 12 ] Now, all legends based on occultism—and all truly great legends have, after all, emerged from the mystery schools—always contain prophecy. Here, too, we have a reference to a future state in the development of humanity and the Earth. Only for a time will human beings be limited to perceiving only the outer sensory world. They will once again ascend of their own accord to the perception they originally possessed. In the distant past, they were clairvoyant; they had to descend to physical perception in order to become self-aware, and they will ascend once more to clairvoyant vision. This is remarkably consistent with the entire constitution of the human being. You know—at least those of you who have attended the earlier lectures—you know that the legend attributes the endowment of the nervous system, and indeed the very ability to perceive external things as modern humans do, to the inflow of divine powers through the gates of the senses. But there is a very remarkable distinction within your senses, one that recurs here in the legend in a magnificent way. If you take the sense of hearing: its instrument is a single organ, located in the ear; if you take the sense of sight: its instrument, its organ, is located in the eye; if you take the sense of smell: its instrument is located in the mucous membranes of the nose; the sense of taste is located in the tongue and the palate. But now let us take the sense of sensation, the sense of warmth; where is this located? It is spread throughout the entire body. It differs quite significantly from the other, localized senses. That by which humans perceive warmth is remarkably distinct from the other sensory organs.

[ 13 ] Nehmen wir diesen Sinn der Sage, daß durch die einzelnen menschlichen Sinnesorgane einziehen die Gewalten der Götter. Da müssen wir uns sagen: Die Gewalten, die leben in der Tonwelt, ziehen ein in den Menschen durch das Ohr; die Gewalten, die leben in der Lichtwelt, ziehen ein durch das Auge, und so weiter. Aber die Gewalten, die in der alles belebenden und durchdringenden Wärme leben, sie erfüllen den ganzen Menschen, sie haben den ganzen Menschen zu ihrem Organ, das sie wahrnimmt. Als der Mensch hervorging aus dem Schoße der Gottheit am Anfange seiner Entwickelung, da war das ganz anders. Da hatte der Mensch noch keine Sinne zum Wahrnehmen der Umwelt. Zuerst bildete sich bei ihm aus jenes eigentümliche Gefühlsorgan, das man zu Unrecht ein Auge nennen würde, jenes Organ bildete sich aus den Ausstrahlungen und Einströmungen in die oberen Schichten seines Wesens. Dieses Organ war eine Fortsetzung des Menschen nach außen; Sie können heute noch beim Kinde die weiche Stelle in der Schädeldecke fühlen, wo dieses Organ herausragte, gleichsam das Loch, das offen war, wo diese Strömungen einzogen. Dieses Organ war damals der lokalisierte Wärmesinn, der jetzt über den ganzen Körper des Menschen verbreitet ist. Der Mensch hatte dieses Organ im alten Lemurien, dem heißen Feuerlande. Er konnte es benützen, es kündigte ihm an, wohin er gehen konnte, er konnte damit fühlen, ob ihm die Temperatur zuträglich war oder nicht. Heute ist dieses Organ zusammengeschrumpft und zur Zirbeldrüse geworden. In der Zukunft wird das, was heute ausgebreitet ist über den ganzen Leib, auf einer höheren Stufe wiederum umgewandelt erscheinen, es wird lokalisiert sein in einem bestimmten anderen Organ.

[ 13 ] Let us take this meaning of the legend: that the powers of the gods enter through the individual human sense organs. We must then say to ourselves: the powers that dwell in the world of sound enter the human being through the ear; the powers that dwell in the world of light enter through the eye, and so on. But the forces that dwell in the warmth that animates and permeates all things—they fill the whole human being; they have the whole human being as their organ of perception. When the human being emerged from the bosom of the Deity at the beginning of their development, things were quite different. At that time, the human being had no senses with which to perceive the environment. First, that peculiar organ of sensation—which one would wrongly call an eye—formed within him; that organ formed from the out-radiations and inflows into the upper layers of his being. This organ was an extension of the human being outward; even today, you can feel the soft spot on a child’s skull where this organ protruded, as it were, the opening through which these currents flowed in. This organ was, at that time, the localized sense of warmth that is now spread throughout the entire human body. Human beings possessed this organ in ancient Lemuria, the land of fiery heat. They could use it; it told them where they could go, and they could use it to sense whether the temperature was agreeable to them or not. Today this organ has shrunk and become the pineal gland. In the future, what is now spread throughout the entire body will appear transformed again on a higher level; it will be localized in a specific other organ.

[ 14 ] Sie sehen das in der Mythe ausgedrückt durch die Herrschaft des Sutur in der Region des Südens, in Lemuria. Die Gewalt des Feuers ist repräsentiert durch Sutur. Sie sehen in der Mythe angedeutet, wie Sutur unter die Herrschaft der anderen Götter, der Asen, kommt, deren Gewalt in den Menschen einströmt durch die lokalisierten Sinne. Doch Sutur wird wiederkommen und herrschen an der Stelle der Asen. Der Mensch wird zurückkommen zu den Urgewalten des Feuers, und der Wärmesinn wird nicht mehr ausgebreitet sein über den ganzen Leib, sondern wiederum lokalisiert sein in einem Organ. Wunderbar gibt die Sage das wieder, was auch den Tatsachen entspricht, die wir durch die Geisteswissenschaft kennen. Was der Mensch zurückbehalten hat von jener alten Feuerwelt, von jener Feuer- und Wärmeumgebung, die er mit seinen alten Organen wahrgenommen hat, was ist es? Es ist nicht der Sutur selber. Denn um dieses Gebiet zu beleben, in dem der Sutur war, brauchte der Mensch sein altes Organ, das Gefühlsorgan, das wie eine Laterne von seinem Kopfe herausragte. Es ist jener «Nachkomme» des alten Gefühlssinnes, der die Schicksale des ganzen menschlichen Leibes erleben muß, der ganz mit dem Schicksal des Menschen verwoben ist, und das ist der Sohn des Sutur, Loki. Loki ist gefesselt an den dreifachen Felsen des menschlichen Hauptes, des menschlichen Rumpfes und der menschlichen Glieder, so daß er sich nicht rühren kann und deshalb allen menschlichen Qualen und Leiden ausgesetzt ist.

[ 14 ] You see this expressed in the myth through the rule of Sutur in the southern region, in Lemuria. The power of fire is represented by Sutur. You see hinted at in the myth how Sutur comes under the rule of the other gods, the Aesir, whose power flows into humans through the localized senses. Yet Sutur will return and reign in the place of the Aesir. Humanity will return to the primal forces of fire, and the sense of warmth will no longer be spread throughout the entire body, but will again be localized in an organ. The legend wonderfully reflects what also corresponds to the facts we know through Spiritual Science. What has humanity retained from that ancient world of fire, from that environment of fire and warmth that it perceived with its ancient organs? What is it? It is not Sutur himself. For to animate this realm in which Sutur existed, humanity needed its ancient organ, the organ of feeling, which protruded from its head like a lantern. It is that “descendant” of the old sense of feeling who must experience the fates of the entire human body, who is completely interwoven with the fate of humanity, and that is the son of Sutur, Loki. Loki is bound to the threefold rock of the human head, the human torso, and the human limbs, so that he cannot move and is therefore exposed to all human torments and sufferings.

[ 15 ] Das führt Sie noch tiefer hinein in diese Welt der germanischen Mythen, die von einer schier undurchdringlichen Tiefe sind. Man muß wirklich sehr tief schürfen, um zu durchschauen, welcher Art zum Beispiel der Enthusiasmus war, der einen Künstler wie Richard Wagner ergriff und zu seinem Schaffen trieb. Niemals soll behauptet werden, daß Richard Wagner etwa die einzelnen Sagen in einer solchen Weise hätte spezifizieren können, wie es durch den Okkultismus geschieht. Aber die geistigen Mächte, die hinter ihm standen und ihn inspirierten, die lenkten und leiteten seine künstlerischen Inspirationen so, daß seine Kunst der schönste Ausdruck wurde für das, was der Mythe zugrundeliegt. Das ist das Große, daß man an dem Kunstwerk nicht sieht, was dahintersteht, alles ist ausgeflossen in Ton und Wort. Ein merkwürdiger Instinkt — wenn man es trivial benennen will, sonst müßte man es künstlerische Inspiration nennen — waltet in Richard Wagner. Es war wie ein geistiges Hören jener alten Sprachweisen, die in ihm aufstiegen. Er empfand jene ältesten Sprachweisen sehr gut und [das veranlaßte ihn], nicht in dem Endreim zu bleiben, denn der gehört einer späteren Stufe, einer Verstandesstufe an, sondern jene Stufe der Sprachentwickelung zu wählen, die ein Nachklang ist der dahinrauschenden Wogen, die herausplätscherten aus dem Nebel der alten Atlantis: das ist die Alliteration, der Stabreim, der für den, der es empfinden kann, wiederholt im Ton, was die Musik der Wellen genannt werden kann.

[ 15 ] This takes you even deeper into this world of Germanic myths, which possess a depth that is almost impenetrable. One really has to dig very deep to understand, for example, the nature of the enthusiasm that seized an artist like Richard Wagner and drove him to create. It should never be claimed that Richard Wagner could have specified the individual legends in the manner that occultism does. But the spiritual forces that stood behind him and inspired him guided and directed his artistic inspirations in such a way that his art became the most beautiful expression of what underlies the myth. That is the greatness of it: one does not see in the work of art what lies behind it; everything has flowed out into sound and word. A remarkable instinct—if one wishes to call it that trivially, otherwise one would have to call it artistic inspiration—prevails in Richard Wagner. It was as if he spiritually heard those ancient modes of speech that arose within him. He sensed those most ancient modes of speech very keenly, and [this prompted him] not to remain in end-rhyme, for that belongs to a later stage, a stage of the intellect, but to choose that stage of linguistic development which is an echo of the surging waves that splashed forth from the mist of ancient Atlantis: that is alliteration, the assonance that, for those who can perceive it, repeats in sound what might be called the music of the waves.

[ 16 ] In der germanischen Sage wird prophezeit, daß die Götterdämmerung heraufkommen muß, weil das entstanden ist, was die Kriege sind. Weil Tyr eine Hand verloren hat im Rachen des Woltfes, entwickelten sich die Keime zum späteren Untergang der Götter. Auf den Zustand, wo die Menschen sich wiederum verstehen werden, wo sie nicht mehr durch Sprachen getrennt sein werden, weist der prophetische Ausblick der germanischen Sage von der Götterdämmerung hin. Es spricht uns die Sage davon, daß, nachdem die atlantiische Bevölkerung nach Osten gezogen war, sie sich zerspaltete und zersplitterte. Etwas von der alten Atlantis haben sich nur jene Völkerschaften bewahrt, die von der mongolischen Rasse abstammen, und die unter Etzel oder Attila — Atli, dem Atlantier — herübergekommen sind. Sie haben sich einzig und allein das Lebenselement der Atlantier bewahrt, während die anderen Völkerschaften, die zurückgeblieben waren in Europa, sich durch Spaltung aus der alten Blutsgemeinschaft herausentwickelt haben und in Kriege der einzelnen Stämme untereinander zerfallen sind. So also leben diese Völker im Westen immer in Spaltungen, in Kriegen. Sie können dem Anprall des mongolischen Elementes, das die alten atlantischen Lebensgrundlagen noch bewahrt hat, wenig widerstehen. Der Zug Attilas oder Etzels wird nicht aufgehalten durch die germanischen Stämme, denn die einzelnen Stämme sind etwas, was Attila nicht imponieren kann, der sich seinen alten großen Geist bewahrt hat — eine Art Monotheismus. Das, was sich ihm als einzelne Stämme entgegenstellte, das konnte ihn nicht aufhalten. Ein merkwürdiger Zug in der Sage ist nun, daß Attila sofort zur Umkehr bewogen wird, als ihm dasjenige entgegentrat, was über die Blutsverwandtschaft hinausgeht, als ihm das Christentum entgegentrat, personifiziert in dem damaligen Papste. Da sah Attila die geistigen Gewalten, welche die Menschen wiederum einigen werden, und das ist das, wovor sich der atlantische Eingeweihte beugt. Das Christentum soll vorbereitend sein für jenen Zustand der Menschheit, wo Sutur wieder erscheint und, unabhängig von den Differenzierungen der Menschen in einzelne Stämme, der Welt den Frieden bringen wird. So kam den Menschen der damaligen Zeit das Christentum vor wie eine erste Ankündigung der Götterdämmerung und der Wiederkehr der alten Zeiten, wo die Menschen noch nicht uneinig, nicht durch Kriege gespalten und zerklüftet waren. So empfand man das Christentum insbesondere in den allerersten Jahrhunderten seiner Ausbreitung, als noch nicht das Christentum von Rom her verkündet wurde, sondern als es von Norden und Westen herüberkam durch christliche geheime Gesellschaften, die von England und Irland, später auch von Frankreich ausgingen, und die vollständig unabhängig waren von der äußeren Gewalt Roms. Erst Winfried, Bonifatius war es, der aus der Schar jener westlichen Geheimschüler ausgetreten ist und seinen Frieden mit Rom gemacht hat, wodurch das Christentum dann allmählich die besondere Färbung der römisch-christlichen Kirche hat annehmen können.

[ 16 ] In Germanic legend, it is prophesied that the Twilight of the Gods must come to pass because wars have arisen. Because Tyr lost a hand in the jaws of the wolf, the seeds of the gods’ eventual downfall were sown. The prophetic vision of the Germanic legend of the twilight of the gods points to a state in which people will once again understand one another, no longer separated by language. The legend tells us that after the Atlantean population had migrated eastward, it split and fragmented. Only those peoples descended from the Mongolian race, who came over under Etzel or Attila—Atli, the Atlantean—have preserved something of the old Atlantis. They have preserved solely the vital element of the Atlanteans, while the other peoples who remained in Europe developed out of the old blood community through division and disintegrated into wars among the individual tribes. Thus, these peoples in the West always live in divisions, in wars. They can offer little resistance to the onslaught of the Mongolian element, which has still preserved the ancient Atlantean foundations of life. Attila’s or Etzel’s advance is not halted by the Germanic tribes, for the individual tribes are something that cannot impress Attila, who has preserved his ancient, great spirit—a kind of monotheism. What stood against him as individual tribes could not stop him. A curious feature of the legend is that Attila is immediately moved to turn back when he encounters that which transcends blood kinship, when he encounters Christianity, personified in the Pope of that time. There Attila saw the spiritual powers that will unite humanity once more, and that is what the Atlantean initiate bows down before. Christianity is meant to be a preparation for that state of humanity in which Sutur will reappear and, regardless of the differentiation of people into individual tribes, will bring peace to the world. Thus, to the people of that time, Christianity appeared as a first herald of the twilight of the gods and the return of the old times, when people were not yet divided, not yet split and fractured by wars. This is how Christianity was perceived, especially in the very first centuries of its spread, when it was not yet proclaimed from Rome, but came from the north and west through Christian secret societies originating in England and Ireland, and later also from France, and which were completely independent of the external power of Rome. It was Winfried, Boniface, who broke away from the ranks of those Western students of occultism and made peace with Rome, whereby Christianity was then gradually able to take on the distinctive character of the Roman Catholic Church.

[ 17 ] So sehen wir, welche Gewalten bei der Ausbreitung des Christentums hereinwirkten aus der Erinnerung an eine alte Zeit und als prophetische Hindeutung auf eine spätere Zukunft. Was zuerst im Christentum in Mitteleuropa auftrat, das waren die Empfindungsgehalte, die damals in jenen Menschen lebten und die Anschauung jener Menschen erfüllten, die zu den Geheimschulen gehörten, und die aus den Geheimschulen heraus belehrt und befruchtet worden sind.

[ 17 ] Thus we see the forces at work in the spread of Christianity, emerging from the memory of ancient times and serving as a prophetic hint of a future yet to come. What first appeared in Christianity in Central Europe were the emotional contents that lived within those people at the time and filled the worldview of those who belonged to the mystery schools and who had been taught and inspired by them.

[ 18 ] Wir wollen einmal eine Weile stillestehen bei dieser Phase der mitteleuropäischen Geistesentwickelung und wollen uns vergegenwärtigen, wie der Zustand Europas damals war, als die alte Götterwelt — die in den germanischen Sagen geschildert ist — nach und nach unterging in der Dämmerung, welche hervorgerufen wurde durch die religiöse Welt des Christentums. Wie einen Vorboten der großen Götterdämmerung empfand man das Heraufkommen des Christentums, jener Götterdämmerung, die dereinst die Gewalten der alten Götter hinwegfegen wird. Das Verblassen der alten Götterwelt brachte das Christentum, den Untergang der alten Götter selbst wird die große Götterdämmerung bringen, die dann als Realität das bringen wird, was das Christentum nur als Glauben brachte. So empfand man.

[ 18 ] Let us pause for a moment at this phase of Central European spiritual development and recall what the state of Europe was like at that time, when the old world of the gods—as depicted in Germanic legends—gradually faded into the twilight brought about by the religious world of Christianity. The rise of Christianity was perceived as a harbinger of the great twilight of the gods, that twilight which will one day sweep away the powers of the old gods. Christianity brought about the fading of the old pantheon; the downfall of the old gods themselves will be brought about by the great twilight of the gods, which will then bring to reality what Christianity brought only as faith. That is how it was perceived.

[ 19 ] Nun versetzen wir uns einmal in diese Stimmung, die da war. Die Stämme der Goten, der Franken und so weiter, sie alle standen einerseits unter dem Eindruck der heranbrausenden Mongolenstämme, des Hunnenkönigs Attila oder Etzel, und auf der anderen Seite unter dem Eindruck des sich allmählich ausbreitenden Christentums. Durch die Ereignisse, die wir charakterisiert haben, waren sie in verschiedene Stämme zerklüftet; sie sprachen in verschiedenen Zungen, sie waren zerfallen untereinander. Im Grunde genommen hat sich von allen diesen Stämmen eigentlich nur einer erhalten, der Frankenstamm; er ist geblieben, dem Namen und der Bedeutung nach. Was erinnert noch an all die Stämme, die da herumgezogen sind, als höchstens die Geschichte: Langobarden, Ost- und Westgoten, Cherusker, Heruler und so weiter? Der Frankenstamm hat eigentlich den Sieg über die anderen Stämme davongetragen. Wie mußte man aber innerhalb derjenigen Stämme empfinden, die dazumal im Aussterben, im Untergang begriffen waren? Gerade in den Geheimschulen und bei den Wissenden dieser aussterbenden Stämme waren diese Empfindungen am allerlebendigsten. Betrachten wir einmal einen solchen Stamm, wie es die Westgoten waren. Im nördlichen Spanien und im südlichen Frankreich hausten sie, wenn sie auch einstmals weit nach Osten hinübergezogen waren — wie Sie wissen, war der Zug nach dem Westen ja nur ein Rückzug. Die Fähigkeiten, die sie hatten, waren noch ein Nachwirken der alten atlantischen Zeit. Als diese Stämme von Osten nach Westen herübergezogen waren, hatten sie während ihrer Wanderschaft die alten Fähigkeiten verloren, aber es lebte noch als ein Nachklingen jener alten Fähigkeiten ein gewisses Hellsehen in den Menschen. Nicht mehr waren diese Menschen durchaus hellsehend, aber in gewissen Zeiten konnten sie noch hineinsehen in die geistigen Welten. Das empfanden sie aber oftmals schon als etwas Unbekanntes, Drückendes, und dafür tauchte der Name «Alp» auf. Alp — was ist das für ein Wesen? Es ist ein astralisches Wesen, das man empfand, aber nicht mehr recht kannte, das man in den atlantischen Zeiten, den Zeiten des alten Schauens und Hellsehens gekannt hatte, und das jetzt wie ein Eindringling in die Welt erschien, wie auch die Truth, die wir das letztemal kennengelernt haben. Dennoch empfanden manche Menschen es als das Hereinblicken einer höheren, der astralischen Welt in die physische. Gerade bei solchen Stämmen, die sich nicht hineinschicken konnten in die neuen Verhältnisse, empfand man, «wenn der Alp kam und drückte», daß man da in die höheren Welten hineinschauen konnte. Bei allen Stämmen, insbesondere bei den Goten, aber auch bei den Burgundern und anderen deutschen Stämmen, gab es immer einzelne — und sie wurden als in Beziehung zu göttlichen Mächten stehend angesehen —, die solchen Ausnahmezuständen standhalten und sie deuten konnten als das Hereinragen der astralischen Welt in die physische. Ein solcher war der Gotenkönig Alphard, der genannt wird in jenen Zeiten, wo die Goten das südliche Frankreich bewohnten. Er war König von Aquitanien und herrschte dort in jener Zeit, als Attila seinen Zug von Osten nach Westen unternahm. Dieses Alphards Sohn war der sagenhafte Walther des Walthariliedes. Es stellt uns so recht den Übergang dar von jener Zeit, wo die Menschen von ihren Vätern her noch etwas wußten von den alten Fähigkeiten und von dem Zusammenhängen der alten Stämme. Wie Stamm und Stämme zusammengehörten in alter Zeit — die Väter wußten es; daher hatte der Vater des Walther, Alphard, längst besprochen mit dem König des Burgunderlandes, daß dessen Tochter Hildegund die Frau des Walther werden sollte, um die drohende Kluft zwischen den Völkern zu überbrücken. Aber die Stämme waren nicht imstande, dem Anprall der Hunnen zu widerstehen, welche noch die alten Lebenskräfte besaßen, die ihnen selbst abhanden gekommen waren. Daher müssen hinunterwandern als Geiseln an den Hof des Hunnenkönigs Etzel: Walther, der Sohn Alphards, Hildegund, die Tochter des Burgunderkönigs, und als Geisel vom Frankenhofe Hagen von Tronje. Weil Gunther, der Sohn des Frankenkönigs Gibich, noch nicht als Geisel gegeben werden konnte, mußte der Sprößling aus dem alten Tronje-Stamm, Hagen, als Geisel gegeben werden. Wir brauchen den Inhalt des Walthariliedes nicht weiter zu erzählen. Am Hofe des Königs Etzel zeichnen sie sich aus als tüchtige Recken, aber eines können sie nicht: sie konnten sich wohl das erobern, was den Menschen zum Ich erhebt, aber das, was die Iche wieder zum Frieden bringt, das konnten sie sich nicht aneignen, das war ihnen unmöglich. Jeder einzelne war an seinem Platze tüchtig, daher sind sie tüchtige Recken selbst im Feindesland, am Hofe des Etzel oder Attila. Als aber Gunther die Herrschaft im Frankenreiche antrat und nicht mehr mit Etzel Freundschaft hielt, da konnten sie nicht mehr standhalten, sie mußten fliehen. Nun tritt etwas höchst Merk würdiges auf. Es gibt eine ältere Fassung des Walthariliedes, da kämpft Walther, nachdem er geflohen ist mit Hildegund, gegen die nacheilenden Hunnen. Diese Fassung stammt aus dem Frankenlande. Wir haben dann noch eine spätere Fassung, von der gestern gesprochen worden ist, die hervorgeht aus rein christlichen Intentionen; sie wurde zuletzt in die Form gebracht im 10. Jahrhundert durch Ekkehard I., Mönch des Klosters von St. Gallen. Beide Fassungen unterscheiden sich wesentlich voneinander. Die ältere Fassung ging hervor aus dem Frankenlande. Sie stammt von solchen, die beeinflußt sind von derjenigen Strömung, in der noch immer als christliche Geheimströmung das ursprüngliche Christentum lebt, das lehren wollte: Wendet euch den neuen Anschauungen zu, und ihr werdet das überwinden, was in euch selbst noch steckt von jenem alten, das euch leibhaftig entgegentritt in den Hunnen. — Dieses. Interesse konnte nur einer haben, der aus dem Frankenstamme kam. Dieses Interesse hatte aber derjenige nicht mehr, der die Sage im Kloster von St. Gallen umdeutete zur Unterweisung für Christen. Er hatte ein anderes Ziel; er wollte den Leuten sagen: Wenn ihr bei den alten Zuständen bleibt, dann werdet ihr euch selber aufzehren. — Er zeigte ihnen anschaulich, wie sie sich selber aufzehren. Und in der Tat, nicht die Hunnen sind es, die sie aufzehren. Als Walther mit Hildegund zurückkommt in ihr Land, ist es Gunther selbst, der ihnen mit Hagen von Tronje entgegentritt. Jetzt sind es die drei Vertreter germanischer Stämme selbst, die sich im Kampfe untereinander zerfleischen, so daß auf dem Schlachtfelde liegenbleiben das Bein des einen, das Auge des anderen und die Hand des dritten. Walther wurde die Hand abgeschlagen, Gunther das Bein, und Hagen verlor ein Auge. Wohl wußte der, der die Sage so niedergeschrieben hat, warum er demjenigen, der von Alphard abstammte, gerade die Hand abschlagen läßt. Ihn stellt er hin als den Repräsentanten für den Zwist der Stämme und Völker untereinander. Das Abschlagen der Hand soll an das erinnern, was dem Kriegsgott Tyr selbst passiert ist. Wo Stämme in Streit geraten, büßt der einzelne die Hand ein. Dieses Motiv wirkt fort bis zu Götz von Berlichingen hinunter, der ja auch seine Hand verliert; es ist derselbe Zug, der in der germanischen Mythe sich zeigt. Also wollte Ekkehard seinen Leuten sagen: Bleibt ihr bei diesen alten Anschauungen, dann zerfleischt ihr euch selber, denn der Zwist ist in euch hineingetragen. Was euch verbinden kann, ist der christliche Geist. — Er stellt ihnen so recht das Bild vor die Seele hin, vor dem sie lernen sollten, Abscheu zu haben. Das war die christliche Intention des Ekkehard.

[ 19 ] Let us now try to imagine the atmosphere that prevailed at the time. The tribes of the Goths, the Franks, and so on were, on the one hand, under the shadow of the advancing Mongol tribes and the Hun king Attila—or Etzel—and, on the other hand, under the influence of Christianity, which was gradually spreading. Due to the events we have described, they were fragmented into various tribes; they spoke different languages, and they were divided among themselves. In essence, of all these tribes, only one has actually survived: the Frankish tribe; it has remained, in name and in significance. What remains to remind us of all the tribes that roamed the land, other than history itself: the Lombards, the Ostrogoths and Visigoths, the Cherusci, the Heruli, and so on? The Frankish tribe effectively emerged victorious over the other tribes. But how must one have felt within those tribes that were then in the process of dying out, of decline? It was precisely in the secret schools and among the wise ones of these dying tribes that these feelings were most vivid. Let us consider a tribe such as the Visigoths. They dwelt in northern Spain and southern France, even though they had once migrated far to the east—as you know, the move to the west was, after all, merely a retreat. The abilities they possessed were still an aftereffect of the ancient Atlantean era. As these tribes had migrated from east to west, they had lost their ancient abilities during their journey, but a certain clairvoyance still lived on in the people as an echo of those old abilities. These people were no longer fully clairvoyant, but at certain times they could still see into the spiritual worlds. Yet they often perceived this as something unknown and oppressive, and thus the name “Alp” emerged. Alp—what kind of being is that? It is an astral being that people sensed but no longer truly knew, one they had known in Atlantean times, the times of ancient vision and clairvoyance, and which now appeared in the world like an intruder, much like the Truth we encountered last time. Nevertheless, some people perceived it as a glimpse from the higher, astral world into the physical one. Especially among those tribes that could not adapt to the new conditions, people felt, “when the Alp came and pressed down,” that they could glimpse into the higher worlds. Among all tribes, especially the Goths, but also the Burgundians and other Germanic tribes, there were always individuals—and they were regarded as being in connection with divine powers—who could withstand such exceptional states and interpret them as the astral world projecting into the physical. One such figure was the Gothic king Alphard, who is mentioned in those times when the Goths inhabited southern France. He was king of Aquitaine and reigned there at the time when Attila undertook his march from east to west. Alphard’s son was the legendary Walther of the Walthari Song. This truly represents the transition from that time when people still knew something from their fathers about the ancient abilities and the connections between the old tribes. How tribes and clans were connected in ancient times—the fathers knew this; therefore, Walther’s father, Alphard, had long ago agreed with the King of Burgundy that the king’s daughter, Hildegund, should become Walther’s wife, in order to bridge the looming divide between the peoples. But the tribes were unable to withstand the onslaught of the Huns, who still possessed the ancient vitality that the tribes themselves had lost. Therefore, the following must journey down as hostages to the court of the Hun king Etzel: Walther, the son of Alphard; Hildegund, the daughter of the King of Burgundy; and, as a hostage from the Frankish court, Hagen of Tronje. Because Gunther, the son of the Frankish King Gibich, could not yet be given as a hostage, Hagen, the scion of the ancient Tronje clan, had to be given as a hostage. We need not recount the rest of the Walthari Song. At the court of King Etzel, they distinguish themselves as valiant warriors, but there is one thing they cannot do: they were able to acquire what elevates a person to the level of the self, but they could not acquire that which brings the self back to peace; that was impossible for them. Each one was capable in his own right, which is why they are capable warriors even in enemy territory, at the court of Etzel or Attila. But when Gunther assumed rule over the Frankish realm and no longer maintained friendship with Etzel, they could no longer hold their ground; they had to flee. Now something most remarkable occurs. There is an older version of the Walther Song, in which Walther, after fleeing with Hildegund, fights against the pursuing Huns. This version originates from Franconia. We then have a later version, which was discussed yesterday, that stems from purely Christian intentions; it was finally put into its final form in the 10th century by Ekkehard I, a monk of the Abbey of St. Gallen. Both versions differ significantly from one another. The older version originated in Franconia. It comes from those influenced by that current in which original Christianity still lives on as a secret Christian current, which sought to teach: Turn to the new views, and you will overcome what still lies within you of that old order, which confronts you in the flesh in the Huns. — Only someone from the Frankish tribe could have had this interest. But the one who reinterpreted the legend at the monastery of St. Gallen as instruction for Christians no longer had this interest. He had a different goal; he wanted to tell the people: If you cling to the old ways, you will consume yourselves. — He vividly showed them how they consume themselves. And indeed, it is not the Huns who consume them. When Walther returns with Hildegund to their land, it is Gunther himself who confronts them with Hagen von Tronje. Now it is the three representatives of the Germanic tribes themselves who tear each other apart in battle, so that the leg of one, the eye of another, and the hand of the third are left lying on the battlefield. Walther had his hand cut off, Gunther his leg, and Hagen lost an eye. The one who wrote down the saga surely knew why he had the hand of the man descended from Alphard cut off. He portrays him as the representative of the strife among the tribes and peoples. The severing of the hand is meant to recall what happened to the god of war, Tyr, himself. Where tribes come into conflict, the individual pays with his hand. This motif extends all the way down to Götz von Berlichingen, who also loses his hand; it is the same motif that appears in Germanic mythology. Thus Ekkehard wanted to tell his people: If you cling to these old beliefs, you will tear yourselves apart, for strife has taken root within you. What can unite you is the Christian spirit. — He thus vividly presents before their minds the mental image of which they should learn to abhor. That was Ekkehard’s Christian intention.

[ 20 ] Gerade diesem Waltharilied gegenüber muß man sich hüten, irgendwie zu spekulieren oder irgend etwas sonst hineinzulegen. Die einzelnen Züge: Ausschlagen des Auges, Abschlagen der Hand, Abschlagen des Beines und ähnliche Züge sind so, daß in ihnen gleichsam etwas fortwirkt vom Typus und der Form der Sage, und das da wiederkehrt, wo es notwendig erscheint. Mit Recht wurde gestern gesagt, daß es sich bei dem, der dieses Waltharilied geschrieben hat, um einen Eingeweihten handelt. Man muß aber auch betonen, daß es ein christlicher Eingeweihter war, der eine ganz bestimmte christliche Lehre vor die Menschen hinstellen wollte.

[ 20 ] One must be especially careful not to speculate or read anything into this Walthari song. The individual motifs—gouging out the eye, cutting off the hand, severing the leg, and similar motifs—are such that something of the type and form of the legend continues to work within them, and this recurs where it seems necessary. It was rightly said yesterday that the person who wrote this Walthari song was an initiate. But one must also emphasize that he was a Christian initiate who wanted to present a very specific Christian teaching to the people.

[ 21 ] So sehen wir, wie die Geisteswissenschaft aufhellend wirkt in bezug auf diese Erscheinungen des menschlichen Geisteslebens, und wie wir hineinleuchten können in Gebiete, die die heutige Philologie noch recht wenig beherrscht. Und wenn Sie heute morgen gesehen haben, in welcher Art und Weise die Geisteswissenschaft in das alltägliche Leben eingreifen kann, und dazu nehmen, was jetzt ausgeführt worden ist, dann werden Ihnen das Beweise sein können für die innere Wahrheit der aus den höheren Welten heruntergeholten geistigen Tatsachen. Unsere Welt braucht wieder eine solche Vertiefung. Aber Sie sehen daraus auch die Art und Weise, wie wir arbeiten müssen, und daß eine äußere Agitation gar nicht das sein kann, was wirklich die theosophische Weltbewegung in das richtige Fahrwasser bringen kann. Wenn man bloß mit Dogmen kommt und diese den Leuten erklären will, dann haben sie ein volles Recht, uns zu sagen, das sei alles Phantasterei. Erst der, welcher tief eindringt in das, was die theosophische Strömung bieten kann, und der von allen Seiten in sie eindringt, wird allmählich die theosophischen Wahrheiten einsehen. Nicht zu wundern brauchen wir uns, wenn Anhänger materialistischer Strömungen das töricht finden, was wir sagen. Wie sollten sie es anders finden? Und wie sollten wir uns dem Wahne hingeben können, daß Theosophie etwas sein könnte, das man, wie den landläufigen Monismus, durch äußere Propaganda ausbreiten könnte? — Nur durch positive Arbeit, durch die Verbreitung der Lehren, so gut wir es können, nur dadurch kann die Theosophie sich einleben. Selbst wenn wir noch so viele Mißerfolge haben, darf uns das gar nicht behindern und in keiner Weise beirren. Daher kann auch die Theosophische Gesellschaft nichts anderes sein als eine Stätte, innerhalb welcher theosophisch gewirkt wird. Die Gesellschaft kann nie und nimmer die Hauptsache sein; die Hauptsache muß unsere Geisteswissenschaft selbst sein. Vielleicht wird die Gesellschaft sogar nur — um das Nietzsche-Wort zu brauchen, das Sie wohl schon gehört haben — eine «Brücke» und ein «Übergang zu einem Höheren» sein, zu einer freien theosophischen Strömung in der Welt. Gegenwärtig aber brauchen wir diese Stätte, von der aus wir wirken können, und ohne die wir die Geisteswissenschaft nicht in die Welt hineinströmen lassen können. Aber wir müssen uns die freie Auffassung aneignen, die den Menschen und die Sache unterscheidet, und die die Sache höher stellt als jegliche aus äußerer Einrichtung kommende Institution.

[ 21 ] Thus we see how Spiritual Science sheds light on these phenomena of human spiritual life, and how we can shed light on areas that contemporary philology has yet to fully master. And if you have seen this morning the ways in which Spiritual Science can intervene in everyday life, and if you add to that what has just been explained, then these may serve as evidence for you of the inner truth of the spiritual facts brought down from the higher worlds. Our world needs such a deepening once again. But you can also see from this the way in which we must work, and that external agitation cannot possibly be what truly sets the Theosophical World Movement on the right course. If one merely comes with dogmas and tries to explain them to people, then they have every right to tell us that it is all fantasy. Only those who delve deeply into what the theosophical movement has to offer, and who approach it from all angles, will gradually come to understand the theosophical truths. We need not be surprised if adherents of materialistic currents find what we say foolish. How could they see it any other way? And how could we succumb to the delusion that Theosophy might be something that, like conventional monism, could be spread through external propaganda? — Only through positive work, through the dissemination of the teachings to the best of our ability, only through this can Theosophy take root. Even if we suffer countless setbacks, this must not hinder us or deter us in any way. Therefore, the Theosophical Society can be nothing other than a place within which theosophical work is carried out. The Society can never, ever be the main thing; the main thing must be our Spiritual Science itself. Perhaps the Society will even be—to use Nietzsche’s words, which you have likely already heard—a “bridge” and a “transition to something higher,” to a free theosophical current in the world. At present, however, we need this venue from which we can work, and without which we cannot allow Spiritual Science to flow out into the world. But we must adopt the free perspective that distinguishes between the person and the cause, and that places the cause above any institution arising from external organization.

[ 22 ] Damit sind wir am Ende des Programms unseres Zusammenseins angekommen.

[ 22 ] This brings us to the end of our program.