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The Rudolf Steiner Archive

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The Gospel of St. John
GA 103

29 May 1908, Hamburg

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Neunter Vortrag

Ninth Lecture

[ 1 ] Sie haben während der ganzen Zeit unserer Vorträge gesehen, in welcher Weise wir uns zu der Urkunde, die man das Johannes-Evangelium nennt, stellen, wenn wir auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen. Sie haben gesehen, daß es sich nicht darum handelt, irgendwelche Wahrheiten über die geistigen Welten aus jener Urkunde heraus zu gewinnen, sondern zu zeigen, wie, unabhängig von allen menschlichen und anderen Urkunden, die Möglichkeit vorhanden ist, in die geistige Welt einzudringen, genau ebenso, wie wenn man heute Mathematik lernen würde, man es unabhängig von jedem Urkundenbuch täte, durch das uns zuerst im Laufe der Menschheitsentwickelung dieser oder jener Teil der Mathematik mitgeteilt worden ist. Was wissen diejenigen, die anfangen, zum Beispiel in der Schule die einfache elementare Geometrie zu lernen, die jeder heute aus sich selbst, aus der Geometrie selbst heraus lernt, von der Geometrie des Euklid, von jenem Urkundenbuch, in dem sozusagen zum ersten Male diese elementare Geometrie der Menschheit mitgeteilt worden ist! Haben aber dann die Menschen die Geometrie durch sich selbst gelernt, dann können sie um so besser dieses Urkundenbuch in seinem Wesen und seiner Bedeutung würdigen. Dies soll uns immer mehr zeigen, daß man aus dem Geistesleben selbst heraus jene Wahrheiten gewinnen kann, welche von diesem Geistesleben handeln. Und wenn man sie gefunden hat und dann wiederum hingewiesen wird zu den geschichtlichen Urkunden, dann findet man in ihnen wieder, was man sozusagen schon weiß. Dadurch kommt man zu einer richtigen Würdigung, zu einer wahren menschlichen Würdigung dieser Urkunden.

[ 1 ] Throughout our lectures, you have seen how we approach the text known as the Gospel of John when we stand on the ground of spiritual science. You have seen that the point is not to extract any truths about the spiritual worlds from that text, but to show how—independent of all human and other texts—the possibility exists to penetrate the spiritual world, just as one would learn mathematics today one would do so independently of any textbook through which this or that part of mathematics was first communicated to us in the course of human development. What do those who are just beginning to learn, for example, simple elementary geometry in school—which everyone today learns on their own, from geometry itself—know about Euclid’s geometry, about that text in which, so to speak, this elementary geometry was first communicated to humanity! But once people have learned geometry on their own, they are all the better able to appreciate this “book of records” in its essence and significance. This should show us more and more that one can gain, from within the spiritual life itself, those truths that pertain to that spiritual life. And once one has found them and is then referred back to the historical documents, one finds in them once again what one already knows, so to speak. In this way, one arrives at a proper appreciation—a truly human appreciation—of these documents.

[ 2 ] Wir haben im Laufe der Vorträge gesehen, daß das Johannes-Evangelium dadurch wahrhaftig nicht an Wert verliert; wir haben gesehen, daß dadurch die Achtung und die Schätzung der Urkunden für den, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, durchaus nicht geringer wird als bei denen, die sich von vornherein auf den Boden einer solchen Urkunde stellen. Ja, wir haben gesehen, daß die tiefsten Lehren über das Christentum, die wir ebensogut die allgemeinen Weisheitslehren nennen könnten, uns wiederum entgegentreten im Johannes-Evangelium. Und wir haben gesehen, wenn wir so diesen tiefen Sinn der christlichen Lehre erfassen, daß wir dann erst begreifen können, warum Christus gerade in einer ganz bestimmten Zeit, im Beginne unserer Zeitrechnung, in die Menschheitsentwickelung eintreten mußte. Wir haben gesehen, wie in der nachatlantischen Zeit sich nach und nach diese Menschheit heraufentwickelt hat. Wir haben darauf hingewiesen, wie nach der atlantischen Flut eine erste große nachatlantische Kulturepoche da war in der uralt-indischen Kultur. Wir haben darauf hingewiesen, wie diese uralt-indische Kultur dadurch zu charakterisieren ist, daß die Gemüter der Menschen beherrscht waren von Sehnsucht und Erinnerung. Wir haben charakterisiert, worin die Erinnerung, die Sehnsucht bestand. Die Erinnerung bestand darin, daß lebendige Überlieferungen geblieben waren von einer der atlantischen Flut vorangehenden Zeitepoche der Menschheit, in der der Mensch vermöge seiner Natur und Wesenheit noch eine Art dämmerhaften hellseherischen Zustandes hatte, durch den er hineinblicken konnte in die geistige Welt, so daß ihm die geistige Welt durch das Erlebnis, durch die Erfahrung bekannt war, wie der heutigen Menschheit die vier Reiche der Natur, das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich und das Menschenreich, bekannt sind. Wir haben gesehen, wie in dieser Zeit vor der atlantischen Flut eine so scharfe Trennung noch nicht war zwischen dem Bewußtseinszustand während des Tageslebens und dem Bewußtseinszustand während des Nachtlebens. Wenn der Mensch damals abends in Schlaf versunken war, waren seine inneren Erlebnisse nicht so unbewußt und dunkel wie heute; sondern wenn ihm untertauchten die Bilder des Tageslebens, gingen ihm auf die Bilder des geistigen Lebens, und er war jetzt innerhalb der Dinge der geistigen Welt. Und wenn er des Morgens wiederum untertauchte in seinem physischen Leib, sanken herunter ins Dunkel die Erlebnisse und Wahrheiten der göttlich-geistigen Welt, und um ihn herum stiegen auf die Bilder der heutigen Wirklichkeit, der heutigen Reiche der Mineralien, Pflanzen, Tiere und so weiter. Jene scharfe Grenze zwischen nächtlicher Bewußtlosigkeit und täglichem Wachen entstand erst nach der atlantischen Flut, in unserer nachatlantischen Zeit. Da war der Mensch in einer gewissen Weise — was die unmittelbare Wahrnehmung betraf — abgeschnitten von der geistigen Wirklichkeit und immer mehr herausgesetzt in die rein physische Wirklichkeit. Die Erinnerung allein war geblieben, daß es ein anderes Reich, ein Reich geistiger Wesenheiten und geistiger Vorgänge gibt, und an diese Erinnerung hatte sich geknüpft die Sehnsucht der Gemüter, durch irgendwelche Ausnahmezustände wieder hineinzusteigen in diese Reiche, aus denen der Mensch heruntergestiegen war. Diese Ausnahmezustände wurden nur wenigen Auserwählten zuteil, den Eingeweihten, denen in den Mysterienstätten die inneren Sinne geöffnet wurden, so daß sie hineinblicken konnten in die geistige Welt. Sie konnten Kunde und Zeugnis ablegen vor den anderen, die nicht imstande waren, hinauszuschauen, daß die geistigen Welten Wirklichkeit waren. Yoga war in der uralt-indischen Kultur der Prozeß, durch den der Mensch sich zurückversetzte in den alten dämmerhaften hellseherischen Zustand. Waren dann einzelne Ausnahmenaturen initiiert oder eingeweiht worden, dann wurden sie dadurch die Führer der Menschheit, die Zeugen der geistigen Welt.

[ 2 ] We have seen in the course of these lectures that the Gospel of John truly loses none of its value as a result; we have seen that, for those who stand on the ground of spiritual science, the respect and esteem for the documents are by no means any less than for those who, from the outset, stand on the ground of such a document. Indeed, we have seen that the deepest teachings about Christianity—which we might just as well call the general teachings of wisdom—are once again presented to us in the Gospel of John. And we have seen that when we grasp this profound meaning of Christian teaching in this way, only then can we understand why Christ had to enter human evolution at a very specific time, at the beginning of our era. We have seen how, in the post-Atlantean era, humanity gradually developed. We have pointed out how, after the Atlantean Flood, there was a first great post-Atlantean cultural epoch in the ancient Indian culture. We have pointed out how this ancient Indian culture is characterized by the fact that people’s minds were dominated by longing and memory. We have described what this memory and longing consisted of. These memories consisted of living traditions that had survived from an epoch of human history preceding the Atlantean Flood, in which human beings, by virtue of their nature and being, still possessed a kind of dim, clairvoyant state through which they could glimpse into the spiritual world—so that the spiritual world was known to them through lived experience, just as the four kingdoms of nature— the mineral kingdom, the plant kingdom, the animal kingdom, and the human kingdom. We have seen how, in this time before the Atlantean Flood, there was not yet such a sharp distinction between the state of consciousness during the day and the state of consciousness during the night. When people in those days sank into sleep in the evening, their inner experiences were not as unconscious and obscure as they are today; rather, as the images of daily life receded, the images of spiritual life arose within them, and they were now immersed in the realities of the spiritual world. And when, in the morning, they re-emerged into their physical body, the experiences and truths of the divine-spiritual world sank back into the darkness, and around them rose the images of present-day reality—the present-day realms of minerals, plants, animals, and so on. That sharp boundary between nighttime unconsciousness and daytime wakefulness arose only after the Atlantean Flood, in our post-Atlantean era. Then, in a certain sense—as far as immediate perception was concerned—human beings were cut off from spiritual reality and increasingly exposed to purely physical reality. All that remained was the memory that there is another realm—a realm of spiritual beings and spiritual processes—and linked to this memory was the longing of the soul to re-enter, through some exceptional states of consciousness, those realms from which humankind had descended. These exceptional states were granted only to a select few—the initiates—whose inner senses were opened in the mystery temples, enabling them to glimpse into the spiritual world. They were able to bear witness to the others, who were unable to look beyond their physical limits, that the spiritual worlds were real. In ancient Indian culture, yoga was the process through which human beings transported themselves back to the ancient, twilight-like state of clairvoyance. When exceptional individuals were initiated or consecrated, they thereby became the guides of humanity, the witnesses to the spiritual world.

[ 3 ] Unter dem Eindruck dieser Sehnsucht und Erinnerung bildete sich eben innerhalb der uralt-indischen, vorvedischen Kultur vorzüglich jene Stimmung aus, welche in der äußeren Wirklichkeit Maja oder Illusion sah. Man sagte sich: Die wahre Wirklichkeit ist doch nur in der geistigen Welt, in die wir uns nur durch einen Ausnahmezustand, durch Yoga, zurückversetzen können. Diese Welt der geistigen Wesen und Vorgänge ist wirklich, was der Mensch mit seinen Augen sieht, ist unwirklich, ist Illusion, ist Maja!

[ 3 ] Under the influence of this longing and memory, a particular mindset took shape within the ancient Indian, pre-Vedic culture—one that viewed external reality as māyā, or illusion. People said to themselves: True reality exists only in the spiritual world, to which we can return only through an exceptional state—through yoga. This world of spiritual beings and processes is real; what humans see with their eyes is unreal, is illusion, is Maya!

[ 4 ] Das war die erste religiöse Grundempfindung in der nachatlantischen Zeit, und Yoga war die erste Form der Einweihung in der nachatlantischen Zeit. Da war zunächst noch nichts vom Begreifen der eigentlichen Mission der nachatlantischen Zeit. Denn es war nicht die Mission der Menschheit, die Wirklichkeit, die wir die Sinnlichkeit nennen, als Maja, als Illusion, anzusehen, sie zu fliehen und ihr fremd zu werden; sondern eine andere Mission hatte die nachatlantische Menschheit: immer mehr und mehr die physische Wirklichkeit zu erobern, Herr zu werden über die Welt der physischen Erscheinungen. Aber es ist auch durchaus begreiflich, daß die Menschheit, die zuerst hineinversetzt wurde in diesen physischen Plan, im Anfange das, was früher kaum innerhalb der geistigen Wirklichkeit auftauchte und das sie jetzt allein wahrnehmen konnte, für Maja oder Illusion hielt. Niemals aber durfte diese Stimmung gegenüber der Wirklichkeit bleiben. Nicht durfte diese Auffassung der physischen Wirklichkeit als einer Illusion der Lebensnerv der nachatlantischen Zeit bleiben. Und wir sahen, wie Stück für Stück die nachatlantische Menschheit sich in den verschiedenen Kulturepochen erobert hat den Zusammenhang mit der physischen Wirklichkeit.

[ 4 ] That was the first fundamental religious sentiment in the post-Atlantean era, and yoga was the first form of initiation in the post-Atlantean era. At first, there was still no understanding of the actual mission of the post-Atlantean era. For it was not humanity’s mission to regard reality—what we call the sensory world—as Maya, as an illusion, to flee from it, and to become estranged from it; rather, post-Atlantean humanity had a different mission: to conquer physical reality more and more, to become master of the world of physical phenomena. But it is also entirely understandable that humanity, having first been placed within this physical plane, initially regarded as Maya or illusion that which had previously scarcely appeared within spiritual reality and which it could now perceive on its own. Yet this attitude toward reality could never be allowed to persist. This conception of physical reality as an illusion could not be allowed to remain the lifeblood of the post-Atlantean era. And we saw how, step by step, post-Atlantean humanity, throughout the various cultural epochs, established a connection with physical reality.

[ 5 ] In jener Kultur, die wir die urpersische nennen - denn das, was die Geschichte kennt unter der persischen und der Zarathustra-Kultur, sind die letzten Nachklänge dessen, was hier gemeint ist -, in dieser zweiten Kulturepoche sahen wir die Menschen den ersten Schritt tun, um hinauszuwachsen aus dem alten indischen Prinzip und sich die physische Wirklichkeit zu erobern. Noch ist nirgends eine liebevolle Versenkung in die physische Wirklichkeit da, auch nirgends etwas wie ein Studium der physischen Welt. Aber es ist doch schon mehr da als in der alten indischen Kultur. Sogar das, was bis in die spätere Zeit geblieben ist von dieser altindischen Kultur, zeigt uns noch die Nachklänge jener Stimmung, die die physische Wirklichkeit als Illusion ansieht. Daher hätte niemals unsere gegenwärtige Kultur hervorgehen können aus dieser indischen Kultur. Alle Weisheit richtete innerhalb der indischen Kultur den Blick hinweg von der physischen Welt und blickte hinauf in die geistigen Welten, die als Erinnerung vorhanden waren, und unwert erschien ihr das Studium und die Bearbeitung der physischen Wirklichkeit. Daher konnte niemals das eigentliche indische Prinzip eine für unsere irdische Welt brauchbare Wissenschaft hervorbringen; niemals hätte es jene Beherrschung der Naturgesetze hervorbringen können, die heute die Grundlage unserer Kultur bildet. Alles das hätte niemals aus dem alten Indertum hervorgehen können. Denn wozu die Kräfte einer Welt kennenlernen, die doch nur auf Täuschung beruht! Wenn das später anders geworden ist auch in der indischen Kultur, so ist das nicht aus ihr hervorgeflossen, sondern ist späteren fremden Einflüssen entsprungen.

[ 5 ] In that culture we call the proto-Persian—for what history knows as the Persian and Zoroastrian cultures are merely the final echoes of what is meant here—in this second cultural epoch, we saw humanity take the first step toward moving beyond the old Indian principle and mastering physical reality. Nowhere yet is there a loving immersion in physical reality, nor anywhere anything resembling a study of the physical world. But there is already more there than in the ancient Indian culture. Even what has survived into later times from this ancient Indian culture still shows us the echoes of that mindset that regards physical reality as an illusion. Therefore, our present-day culture could never have emerged from this Indian culture. Within Indian culture, all wisdom turned its gaze away from the physical world and looked up toward the spiritual worlds, which existed as a memory; and the study and exploration of physical reality seemed worthless to them. Therefore, the true Indian principle could never have produced a science useful for our earthly world; it could never have produced that mastery of the laws of nature which today forms the foundation of our culture. None of this could ever have emerged from ancient Indian civilization. For what is the point of learning about the forces of a world that is based solely on illusion! Even if this later changed within Indian culture as well, it did not flow from within it, but arose from later foreign influences.

[ 6 ] Der altpersischen Kultur steht die äußere physische Wirklichkeit zunächst als ein Arbeitsfeld gegenüber. Noch wie der Ausdruck einer feindlichen Gottheit wird sie angesehen, aber schon ist die Hoffnung ersprossen, daß man dieses materielle Feld der Wirklichkeit mit Hilfe der Lichtgottheit durchdringen kann, ganz in ein von geistigen Mächten und guten Göttern durchdrungenes verwandeln kann. So spürt der Anhänger der persischen Kultur schon ein wenig die Realität der physischen Welt. Zwar betrachtet er sie noch als Gebiet des Gottes der Finsternis, aber er hat doch die Hoffnung, daß er in sie einverleiben kann die Kräfte der guten Götter.

[ 6 ] To ancient Persian culture, external physical reality initially appears as a field of work. It is still viewed as the manifestation of a hostile deity, but hope has already sprung up that this material realm of reality can be penetrated with the help of the god of light and completely transformed into one permeated by spiritual powers and benevolent gods. Thus, the adherent of Persian culture already senses, to some extent, the reality of the physical world. Although they still regard it as the domain of the god of darkness, they nevertheless harbor the hope that they can incorporate the powers of the good gods into it.

[ 7 ] Und weiter geht die Menschheit dann hinüber in die Kulturepoche, die ihren geschichtlichen Ausdruck fand in der babylonisch-assyrisch-chaldäisch-ägyptischen Kultur. Und wir haben gesehen, wie es kam, daß der Sternenhimmel dem Menschen nicht mehr Maja war, sondern etwas, in dessen Schriftzügen man lesen konnte. In dem, was für die Inder noch Maja war, in den Bahnen und dem Glanz der Sterne, sieht der Angehörige der dritten Kulturepoche den Ausdruck der Ratschlüsse und Absichten göttlich-geistiger Wesenheiten. Man lebt sich allmählich hinein in die Gesinnung, daß die äußere Wirklichkeit nicht Täuschung ist, sondern eine Offenbarung, eine Manifestation der göttlich-geistigen Wesenheiten. Und in der ägyptischen Kultur fängt man an, das, was man aus der Sternenschrift herausliest, auf die Einteilung der Erde selbst anzuwenden. Warum wurden die Ägypter die Lehrmeister der Geometrie? Weil sie glaubten, daß man durch den Gedanken, der die Erde abteilt, die Materie auch bezwingen kann und daß sich umformen läßt die Materie, die der Geist des Menschen erfassen kann. — So allmählich durchdrang eine spätere Menschheit diese materielle Welt, die zuerst als Maja angesehen war, mit dem Geist, der immer mehr und mehr auch in des Menschen Innerem auftauchte.

[ 7 ] And so humanity moves on into the cultural epoch that found its historical expression in Babylonian-Assyrian-Chaldean-Egyptian culture. And we have seen how it came to be that the starry sky was no longer “Maya” for human beings, but rather something whose inscriptions could be read. In what was still “maya” for the Indians—the paths and brilliance of the stars—the people of the third cultural epoch see the expression of the decisions and intentions of divine-spiritual beings. They gradually come to embrace the conviction that external reality is not an illusion, but a revelation, a manifestation of divine-spiritual beings. And in Egyptian culture, people began to apply what they read from the “writing of the stars” to the division of the Earth itself. Why did the Egyptians become the masters of geometry? Because they believed that through the thought that divides the Earth, matter can also be conquered, and that matter—which the human spirit can grasp—can be transformed. — Thus, gradually, later humanity permeated this material world—which was initially regarded as Maya—with the spirit that was emerging more and more within the human being as well.

[ 8 ] Wir haben gesehen, daß eigentlich erst in der späteren atlantischen Zeit die Menschen in die Lage gekommen sind, das Ich oder «Ich-bin» zu empfinden. Denn solange die Menschen die geistigen Bilder sahen, waren sie sich auch klar, daß sie selbst der geistigen Welt angehörten, selbst ein Bild unter Bildern waren. Jetzt kam die Erfassung des Geistes im Innern. Betrachten wir jetzt zu dem, was wir heute ein wenig wiederholt haben, die Entwickelung des eigenen Inneren des Menschen.

[ 8 ] We have seen that it was not until the later Atlantean period that human beings were actually able to perceive the “I” or “I am.” For as long as human beings saw spiritual images, they were also clearly aware that they themselves belonged to the spiritual world, that they themselves were an image among images. Now came the realization of the spirit within. Let us now consider, in light of what we have briefly reviewed today, the development of the human being’s inner self.

[ 9 ] Solange in der atlantischen Zeit der Mensch hinausgesehen hat in einer Art träumerischen, hellseherischen Bewußtseins, hat er eigentlich nicht recht achtgegeben auf sein Inneres. Da war die Innenwelt, die mit dem Ich oder «Ich-bin» umfaßt wird, für ihn noch nicht etwas in scharfen Konturen Gezeichnetes. In demselben Maße, als die geistige Welt entschwand, wurde der Mensch sich seiner eigenen Geistigkeit bewußt. In der altindischen Kultur war gegenüber der eigenen Geistigkeit noch eine sonderbare Stimmung. Man sagte: Wollen wir in die geistige Welt eindringen, uns über die Illusion erheben, dann müssen wir uns selbst verlieren in der geistigen Welt, müssen möglichst auslöschen das «Ich-bin» und aufgehen in dem All-Geist, in dem Brahman. - So war es insbesondere bei der alten Einweihung ein Verlieren des Persönlichen. Ein unpersönliches Aufgehen in der geistigen Welt ist vor allem das, was die älteste Form der Einweihung auszeichnet.

[ 9 ] As long as, during the Atlantean epoch, human beings looked outward in a kind of dreamlike, clairvoyant state of consciousness, they did not really pay much attention to their inner world. The inner world, encompassed by the “I” or “I am,” was not yet something clearly defined for them. To the same extent that the spiritual world receded, human beings became aware of their own spirituality. In ancient Indian culture, there was still a peculiar attitude toward one’s own spirituality. It was said: If we wish to penetrate the spiritual world and rise above illusion, then we must lose ourselves in the spiritual world; we must, as far as possible, extinguish the “I-am” and merge into the Universal Spirit, into Brahman. - Thus, especially in ancient initiation, there was a losing of the personal. An impersonal merging into the spiritual world is, above all, what characterizes the oldest form of initiation.

[ 10 ] Das war zum Beispiel nicht mehr so in der dritten Kulturepoche. Denn bis zur dritten Kulturepoche entwickelte sich das Selbstbewußtsein des Menschen immer stärker. Immer mehr wurde sich der Mensch im Innern seines Ichwesens bewußt. Indem man die Materie ringsherum liebgewann, sich in sie vertiefte mit den Gesetzen, die der menschliche Geist selbst ausdachte, die nicht in irgendeinem dämmerhaften Traumzustand gewonnen waren, wurde man seines Ich immer mehr gewahr, bis dieses Persönlichkeitsbewußtsein im alten Ägyptertum auf einem gewissen Höhepunkte angelangt war. In diesem Persönlichkeitsbewußtsein war aber noch etwas vorhanden, was es zugleich als etwas Niederes erscheinen ließ, als etwas, was nun wiederum gebunden war und aufging in der äußeren Welt, was keine Möglichkeit hatte, den Zusammenhang mit dem zu gewinnen, aus dem man herausgeboren war. Zwei Grundstimmungen der Menschheitsentwickelung müssen wir vor unsere Seele hinmalen, wenn wir den ganzen Hergang der Sache begreifen wollen.

[ 10 ] This was no longer the case, for example, in the third cultural epoch. For up until the third cultural epoch, human self-awareness had been developing ever more strongly. Human beings became increasingly aware of the inner essence of their “I.” By growing fond of the material world around them and immersing themselves in it through the laws that the human spirit itself had devised—laws that were not derived from some twilight dream state—people became increasingly aware of their “I,” until this sense of personality reached a certain peak in ancient Egyptian culture. Yet within this sense of personality there was still something that made it appear, at the same time, as something inferior—something that was now bound once more and absorbed into the external world, something that had no possibility of regaining a connection with that from which one had been born. We must paint two fundamental moods of human development before our soul if we are to comprehend the entire course of events.

[ 11 ] Wir müssen uns einmal erinnern, wie die Menschen der atlantischen Zeit und der altindischen Zeit danach gelechzt haben, die Persönlichkeit abzustreifen. Die Atlantier konnten das, weil es für sie selbstverständlich war, daß sie eben jede Nacht die Persönlichkeit abstreiften und in einem Geisterlande lebten. Die Inder konnten es, weil ihre Einweihungs-Prinzipien sie hinaufführten durch Yoga ins Unpersönliche. Ruhen in dem allgemein Göttlichen war das, was man wollte. Das Ruhen in einem Allgemeinen war in einem letzten Ausläufer der Menschheit geblieben: in dem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit mit den Generationen, in dem Bewußtsein, daß man herausgeboren war aus einer Geschlechtsfolge, daß man als einzelner Mensch zusammenhing mit seinem Blute durch die Generationen bis zum Urahn hinauf. Das war die Stimmung, die sich herausgebildet hatte aus jener alten Stimmung, die sich geistig geborgen fühlte in einem Geistig-Göttlichen. So war es gekommen, daß diejenigen Menschen, die eine normale Entwickelung durchgemacht hatten, in der dritten Kulturepoche anfingen, sich zu empfinden als einzelne Menschen, aber zu gleicher Zeit sich geborgen wußten in einem Ganzen, in einem Göttlich-Geistigen, daß sie sich angliederten durch die Blutsverwandtschaft an die ganze Vorfahren-Linie und daß der Gott für sie lebte in dem durch die Generationen hinfließenden Blute.

[ 11 ] We must recall how the people of the Atlantean era and the ancient Indian era that followed yearned to shed their personalities. The Atlanteans were able to do this because it was a matter of course for them that they shed their personalities every night and lived in a spirit realm. The Indians were able to do it because their principles of initiation led them upward through yoga into the impersonal. Resting in the universal Divine was what they sought. This resting in the universal had survived in one final remnant of humanity: in the awareness of belonging to the generations, in the awareness that one was born from a lineage, that as an individual one was connected by blood through the generations all the way back to one’s forefathers. This was the mood that had emerged from that ancient mood, which felt spiritually at home in a spiritual-divine realm. Thus it came to pass that those people who had undergone a normal development began, in the third cultural epoch, to perceive themselves as individual human beings, yet at the same time felt secure within a whole, within a divine-spiritual realm; they felt connected through blood kinship to the entire line of ancestors, and God lived for them in the blood flowing through the generations.

[ 12 ] Wir haben dann gesehen, wie innerhalb desjenigen Volkes, das die Bekennerschaft des Alten Testamentes bildet, sich ein gewisser Vollkommenheitsgrad dieser Stimmung ausbildete. «Ich und der Vater Abraham sind eins», das heißt, der einzelne fühlte sich geborgen in dem ganzen Zusammenhange bis hinauf zum Vater Abraham. Das war ungefähr auch, was die Grundstimmung aller damals normal entwickelten Volksstämme ausmachte, aller Volksstämme der dritten Kulturepoche. Aber nur der Bekennerschaft des Alten Testamentes war prophetisch vorherverkündet worden, daß es noch etwas geistig Tieferes gäbe als die göttliche Vaterschaft, die durch das Blut der Generationen rinnt. Und auf den großen Moment in der Evolution der Menschheit, wo das prophetisch vorherverkündet worden ist, haben wir hingewiesen. Als Moses den Ruf hört: «Sage, wenn du meinen Namen verkünden wirst, der <«Ich-bin> habe dir das gesagt!», da ertönt zum erstenmal die Kunde und Offenbarung des Logos, des Christus. Da wurde prophetisch zum ersten Male verkündet für die, die es begreifen konnten, daß in dem Gotte nicht nur das lebt, was im Blutzusammenhange steht, sondern daß in ihm lebt ein rein Geistiges. Wie Prophetie war es, was durch das Alte Testament ging.

[ 12 ] We then saw how, within the people who constitute the Old Testament community of believers, a certain degree of perfection in this sentiment developed. “I and Father Abraham are one”—that is, the individual felt secure within the entire context, all the way back to Father Abraham. That was also, more or less, what constituted the basic sentiment of all the normally developed tribes of that time—all the tribes of the third cultural epoch. But it was only to the Old Testament community of believers that it had been prophetically foretold that there was something spiritually deeper than the divine fatherhood that flows through the blood of generations. And we have pointed to the great moment in human evolution when this was prophetically foretold. When Moses hears the call: “Say, when you proclaim my name, ‘I Am’ has told you this!”—then, for the first time, the message and revelation of the Logos, of Christ, resounds. There, for the first time, it was prophetically proclaimed to those who could comprehend it that what lives in God is not merely what is connected by blood, but that something purely spiritual lives within Him. It was prophecy that ran through the Old Testament.

[ 13 ] Wer war es denn eigentlich — diese Frage ist es, an die wir uns nunmehr etwas halten wollen -, wer war es denn, der damals dem Moses zum ersten Male seinen Namen durch die Prophetie verkündete? Da haben wir wiederum eine Stelle, wo die Ausleger des Johannes-Evangeliums ganz oberflächlich zu Werke gehen und nicht anerkennen wollen, daß man diese Urkunden so gründlich wie möglich durchgehen muß. — Wer war der, der prophetisch seinen Namen verkündigte, dem man den Namen «Ich-bin» geben muß? Wer war es?

[ 13 ] Who was it, after all—this is the question we now wish to focus on—who was it who first revealed his name to Moses through prophecy at that time? Here again we have a passage where the interpreters of the Gospel of John take a very superficial approach and refuse to acknowledge that these documents must be examined as thoroughly as possible. — Who was the one who prophetically revealed his name, the one to whom the name “I Am” must be given? Who was it?

[ 14 ] Wir kommen darauf, wenn wir ordentlich und mit Ernst und Würde eine Stelle des Johannes-Evangeliums erfassen. Es ist die Stelle, die wir finden im i2.Kapitel von Vers 37 an. Da weist der Christus Jesus hin auf die Erfüllung eines Spruches des Propheten Jesaias, auf die Vorhersagung, mit dem Hinweise, daß die Juden nicht glauben wollen an den Christus Jesus. Jesus selber weist dabei hin auf Jesaias:

[ 14 ] We come to this when we carefully and with seriousness and dignity examine a passage from the Gospel of John. It is the passage found in chapter 2, beginning with verse 37. There, Christ Jesus points to the fulfillment of a saying by the prophet Isaiah—the prophecy—noting that the Jews refuse to believe in Christ Jesus. Jesus himself refers to Isaiah:

«Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstocket, daß sie mit den Augen nicht sehen, noch mit dem Herzen vernehmen, und sich bekehren, und ich ihnen hülfe.

Solches sagte Jesaias, da er seine Herrlichkeit sah, und redete mit ihm.» (12, 40-41)

“He has blinded their eyes and hardened their hearts, so that they cannot see with their eyes or hear with their hearts and turn, and I would heal them.

This is what Isaiah said when he saw His glory and spoke with Him.” (12:40–41)

[ 15 ] Jesaias «redete mit ihm»! Mit wem redete Jesaias? Es wird hingewiesen auf die Stelle, die da heißt:

[ 15 ] Isaiah “spoke to him”! To whom did Isaiah speak? Reference is made to the passage that reads:

«Des Jahres, da der König Usia starb, sahe ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl, und sein Saum füllete den Tempel.» (Jesaias 6, 1)

“In the year that King Uzziah died, I saw the Lord seated on a high and exalted throne, and the hem of his robe filled the temple.” (Isaiah 6:1)

[ 16 ] Wen sah Jesaias? Das wird uns hier im Johannes-Evangelium klar gesagt: Christus sah er! Im Geistigen war er immer zu sehen, und Sie werden es nicht mehr unbegreiflich finden, wenn die Geheimwissenschaft darauf hinweist, daß derjenige, den Moses sah, als er ihm das Wort des «Ich-bin» als seinen Namen ankündigte, dieselbe Wesenheit war, die dann als Christus auf der Erde erschien. Der eigentliche «Geist Gottes» des Altertums ist kein anderer als der Christus, so daß wir hier an einer der Stellen der religiösen Urkunden stehen, wo es dem, der nicht ordentlich zu Werke geht, besonders schwer wird, klar zu sehen. Denn klar muß man hier besonders deshalb sehen, weil mit den Worten «Vater», «Sohn» und «Heiliger Geist» die sonderbarsten Verwechselungen vorgekommen sind. Es ist ja immer so gewesen, daß äußerlich im Exoterischen diese Worte in der mannigfaltigsten Weise gerade deshalb gebraucht worden sind, um den eigentlichen esoterischen Sinn nicht gleich hervorleuchten zu lassen. Hat man im Sinne des alten Judentums von dem «Vater» gesprochen, so sprach man zunächst von jenem Vater, der durch das Blut der Generationen hinunterrann, materiell. Sprach man so, wie hier Jesaias von dem «Herrn» gesprochen hat, von dem, der sich geistig offenbarte, so sprach man ebenso von dem Logos wie im Johannes-Evangelium. Und nichts anderes will der Schreiber des Johannes-Evangeliums sagen als: Der, der immer im Geistigen gesehen werden konnte, der ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet! -— Wenn wir uns nun klargeworden sind, daß auch im Alten Testamente in einer gewissen Beziehung vom Christus gesprochen wird, so werden wir auch begreifen, in welcher Weise das alte hebräische Volk in unsere Entwickelung hineingestellt wird. Aus dem Ägyptertum wächst das althebräische Prinzip heraus. Da hebt es sich ab von dem Hintergrund des ägyptischen Prinzips.

[ 16 ] Who did Isaiah see? This is clearly stated here in the Gospel of John: he saw Christ! He was always to be seen in the spiritual realm, and you will no longer find it incomprehensible when esoteric science points out that the one whom Moses saw when he announced to him the word “I Am” as his name was the same being who then appeared on earth as Christ. The true “Spirit of God” of antiquity is none other than Christ, so that we are here at one of those passages in the religious texts where it becomes particularly difficult for those who do not approach the matter properly to see clearly. For one must see clearly here above all because the most peculiar confusions have arisen regarding the words “Father,” “Son,” and “Holy Spirit.” It has always been the case that, outwardly in the exoteric realm, these words have been used in the most varied ways precisely to prevent the true esoteric meaning from shining through immediately. When one spoke of the “Father” in the sense of ancient Judaism, one was speaking first and foremost of that Father who flowed down through the blood of the generations, in a material sense. When one spoke, as Isaiah does here, of the “Lord”—that is, of the One who revealed Himself spiritually—one was speaking just as much of the Logos as in the Gospel of John. And the writer of the Gospel of John means nothing other than this: The One who could always be seen in the spiritual realm became flesh and dwelt among us! — Now that we have realized that even in the Old Testament there is, in a certain sense, talk of the Christ, we will also understand in what way the ancient Hebrew people are placed within our own development. The ancient Hebrew principle emerges from Egyptian culture. There it stands out against the backdrop of the Egyptian principle.

[ 17 ] So also sehen wir, wie der normale Gang der Menschheitsentwickelung so fortschreitet, wie wir das gestern beschrieben haben. Die erste Kultur in der nachatlantischen Zeit ist die uralt-indische, die zweite die urpersische, die dritte die babylonisch-assyrisch-chaldäisch-ägyptische Kultur, dann folgt die vierte, die griechisch-lateinische Epoche, und die fünfte ist unsere jetzige Kulturepoche. Bevor die vierte Epoche beginnt, geht wie ein geheimnisvoller Zweig aus der dritten Epoche dasjenige Volk mit seinen Traditionen hervor, das den Boden abgibt für das Christentum. Wenn wir das alles zusammenfassen, was wir in unseren Vorträgen gewonnen haben, werden wir es noch begreiflicher finden, daß in die vierte Kulturepoche hineinfallen mußte die Erscheinung des Christus.

[ 17 ] Thus we see how the normal course of human development proceeds, just as we described yesterday. The first culture of the post-Atlantean era is the ancient Indian culture; the second is the ancient Persian culture; the third is the Babylonian-Assyrian-Chaldean-Egyptian culture; this is followed by the fourth, the Greco-Latin epoch; and the fifth is our present cultural epoch. Before the fourth epoch begins, a people with its own traditions emerges—like a mysterious offshoot of the third epoch—that provides the foundation for Christianity. If we summarize everything we have gained from our lectures, we will find it even more understandable that the appearance of the Christ had to fall within the fourth cultural epoch.

[ 18 ] Wir haben schon hervorgehoben, daß in der vierten Epoche der Mensch so weit gekommen war, daß er seine eigene Geistigkeit, sein Ich verobjektiviert hinausgestellt hat in die Welt. Wir sehen, wie der Mensch allmählich die Materie durchdringt mit seinem eigenen Geiste, mit seinem Ich-Geist. Wir sehen die Werke der griechischen Plastiker, der griechischen Dramatiker, wo der Mensch das, was er sein seelisches Eigentum nennt, sich verkörpert vor die Seele hinstellt. Wir sehen weiter in der römischen Welt, wie das, was der Mensch ist, auch in sein Bewußtsein kommt und wie er das fixiert für die äußere Welt im «Jus», wenn auch eine vertrackte Rechtswissenschaft das verhüllt. Für den tieferen Kenner der Jurisprudenz ist es klar, daß das eigentliche Recht, das den Menschen als Rechtssubjekt betrachtet, erst in dieser vierten Kulturepoche entstanden ist. Da war sich der Mensch so weit seiner eigenen Persönlichkeit bewußt, daß er sich erst als ein eigentlicher Staatsbürger fühlte. Noch im Griechentum fühlte sich der einzelne Mensch als ein Glied des ganzen Stadt-Staates. Wichtiger war es, Athener zu sein als ein einzelner Mensch. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn man sagt: Ich bin ein Römer - als: Ich bin ein Athener. Wenn man sagt: Ich bin ein Römer — weist man darauf hin, daß man als einzelner Mensch, als Bürger des Staates einen Wert hat, einen Willen hat. Da würde man auch nachweisen können, daß zum Beispiel die Entstehung des Begriffes «Testament» erst in dieser Zeitepoche möglich geworden ist; denn das ist ein römischer Begriff. Erst da hatte der Mensch seinen Willen so persönlich gemacht, so individualisiert, daß er auch noch über den Tod hinaus mit seinem Willen wirken wollte. Die Dinge, die man in der Geisteswissenschaft zu sagen hat, stimmen bis aufs einzelne mit den wirklichen Tatsachen überein.

[ 18 ] We have already emphasized that by the fourth epoch, humanity had progressed to the point where it had objectified and projected its own spirituality—its “I”—out into the world. We see how humanity gradually permeates matter with its own spirit, with the spirit of the “I.” We see the works of the Greek sculptors and playwrights, in which human beings present what they call their “spiritual property” as embodied forms before the soul. We see further, in the Roman world, how what a human being is also enters into their consciousness and how they fix this for the external world in the “Jus,” even if a convoluted legal science obscures it. For the deeper connoisseur of jurisprudence, it is clear that true law—which regards the human being as a legal subject—only emerged in this fourth cultural epoch. By then, human beings had become so aware of their own personality that they first began to feel themselves as true citizens. Even in ancient Greece, the individual still felt himself to be a member of the entire city-state. It was more important to be an Athenian than to be an individual. But it is something entirely different to say, “I am a Roman,” than to say, “I am an Athenian.” When one says, “I am a Roman,” one is pointing out that, as an individual, as a citizen of the state, one has value and one has a will. One could also demonstrate, for example, that the concept of a “will” only became possible in this historical epoch; for that is a Roman concept. It was only then that human beings had made their will so personal, so individualized, that they wished their will to continue to have an effect even beyond death. The things that are said in spiritual science correspond down to the smallest detail with the actual facts.

[ 19 ] So war der Mensch immer mehr zur Durchdringung der Materie mit seinem Geiste gekommen. Aber auch später zeigt sich das immer mehr. Die vierte Zeitepoche ist die, wo der Mensch das, was er in seinem Geiste erfaßt, restlos der Materie einverleibt. In der ägyptischen Pyramide sehen Sie noch, wie Geist und Materie miteinander ringen, wie sich das im Geiste Erfaßte noch nicht voll in der Materie ausdrückt. Im griechischen Tempel drückt sich aus der ganze Wendepunkt in der nachatlantischen Zeit. Für den, der etwas davon versteht, gibt es sogar keine bedeutendere, keine vollendetere Architektur als die griechische, die der reinste Ausdruck ist der inneren Raumgesetzlichkeit. Die Säule ist ganz als Träger gedacht, und was auf der Säule liegt, ist ganz und gar so empfunden worden, daß es getragen werden muß und daß es drückt. Der souveräne, emanzipierte Raumgedanke ist hier beim griechischen Tempel bis in die letzten Konsequenzen durchgeführt. Wenige Menschen haben später noch den Raumgedanken so empfunden wie damals. Es hat allerdings noch Menschen gegeben, die den Raumgedanken haben fühlen können, aber sie haben ihn malerisch gefühlt. Prüfen Sie einmal in der Sixtinischen Kapelle den Raum; stellen Sie sich an die Hinterwand, wo das große Bild des Gerichtes ist, und sehen Sie hinauf: Da werden Sie sehen, wie die Hinterwand schief in die Höhe geht. Sie geht deshalb schief in die Höhe, weil der Ausführer den Raumgedanken gefühlt und nicht so abstrakt gedacht hat wie andere Menschen. Deshalb steht diese Wand so wunderbar im Winkel da. Das heißt, nicht mehr griechisch den Raumgedanken empfinden. Es gibt einen Kunstsinn, der die im Raum verborgenen geheimen Maße empfindet. Architektonisch empfinden heißt nicht, für das Auge, sondern etwas anderes empfinden. Leicht glaubt der Mensch heute: rechts sei ebenso wie links, oben ebenso wie unten und vorn so wie hinten. Wenn der Mensch nur einmal folgendes bedenken wollte: Es gibt Bilder, auf denen sieht man drei, vier oder fünf Engel schweben. Diese können so gemalt sein, daß man im Recht ist zu denken, sie müßten jeden Augenblick herunterfallen. Sie können aber auch so gemalt sein von jemandem, der den wirklichen Raumsinn entwickelt hat, daß er nicht die Möglichkeit gibt, dies zu denken; sie können gar nicht herunterfallen, denn sie tragen sich gegenseitig. Dann hat man die dynamischen Verhältnisse des Raumes dabei malerisch vor sich. Der Grieche hatte sie architektonisch vor sich; er empfand die Horizontale nicht bloß als Linie, sondern er empfand sie als Druckkraft, und er empfand die Säule nicht bloß als Stock, sondern empfand sie als Tragkraft. Dieses Mitfühlen mit den Linien des Raumes, das heißt «den lebendigen Geist geometrisierend fühlen ». Das ist, was Plato gemeint hat, als er den ungeheuren Ausdruck gebrauchte: «Gott geometrisiert fortwährend. » — Diese Linien im Raum sind vorhanden, und danach baute der Grieche seinen Tempel.

[ 19 ] Thus, humanity had increasingly come to permeate matter with its spirit. But this becomes even more evident later on. The fourth epoch is the one in which humanity completely incorporates into matter what it grasps in its spirit. In the Egyptian pyramids, you can still see how spirit and matter struggle with one another, how what is grasped in the spirit is not yet fully expressed in matter. The Greek temple embodies the entire turning point of the post-Atlantean era. For those who understand such things, there is no architecture more significant or more perfect than the Greek, which is the purest expression of the inner laws of space. The column is conceived entirely as a support, and what rests upon the column has been perceived entirely as something that must be supported and that exerts pressure. The sovereign, emancipated concept of space is carried through to its ultimate consequences here in the Greek temple. Few people later on have perceived the concept of space in the same way as they did back then. There have, however, been people who were able to sense the concept of space, but they perceived it in a painterly way. Take a moment to examine the space in the Sistine Chapel; stand at the back wall, where the large painting of the Last Judgment is, and look up: there you will see how the back wall slopes upward at an angle. It rises at an angle because the artist sensed the concept of space and did not think of it as abstractly as other people. That is why this wall stands there at such a wonderful angle. This means no longer perceiving the concept of space in the Greek manner. There is an artistic sensibility that perceives the secret dimensions hidden within space. To perceive architecturally does not mean to perceive for the sake of the eye, but to perceive something else. People today readily assume that right is the same as left, up is the same as down, and front is the same as back. If only people would consider the following: There are paintings in which one sees three, four, or five angels floating. These may be painted in such a way that one is justified in thinking they must fall at any moment. But they may also be painted by someone who has developed a true sense of space, so that one cannot even entertain this thought; they cannot fall at all, for they support one another. Then one has the dynamic relationships of space before one in a painterly way. The Greeks perceived them architecturally; they perceived the horizontal not merely as a line, but as a force of pressure, and they perceived the column not merely as a pole, but as a supporting force. This empathy with the lines of space is what it means to “feel the living spirit through geometry.” This is what Plato meant when he used the extraordinary expression: “God is constantly geometrizing.” — These lines in space exist, and the Greeks built their temples according to them.

[ 20 ] Was ist denn der griechische Tempel? Er ist mit Notwendigkeit ein Wohnhaus des Gottes. Er ist etwas ganz anderes als die heutige Kirche. Die heutige Kirche ist eine Predigtstätte. In dem griechischen Tempel wohnte der Gott selbst darinnen. Die Menschen sind nur zufällig darin, wenn sie bei Gott sein wollen. Wer die Formen des griechischen Tempels versteht, der empfindet einen geheimnisvollen Zusammenhang mit dem im Tempel wohnenden Gott. Da sieht man in den Säulen und dem, was darüber ist, nicht etwas, was der Mensch phantasiert hat, sondern etwas, was der Gott selbst so gemacht hätte, wenn er sich ein Wohnhaus hätte schaffen wollen. Das war das Höchste an Durchdringung von Materie mit Geist.

[ 20 ] What, then, is the Greek temple? It is, by necessity, a dwelling place for the god. It is something entirely different from today’s church. Today’s church is a place of preaching. In the Greek temple, the god himself dwelt within it. People are there only by chance, when they wish to be with God. Whoever understands the forms of the Greek temple feels a mysterious connection with the God dwelling within it. There, one sees in the columns and what is above them not something that humans have imagined, but something that God Himself would have made if He had wanted to create a dwelling place for Himself. That was the highest degree of the interpenetration of matter and spirit.

[ 21 ] Vergleichen Sie einmal den griechischen Tempel mit einer gotischen Kirche. Es soll nichts gegen die Gotik gesagt sein, denn sie steht von einem anderen Gesichtspunkt aus auf einer höheren Stufe. Bei der gotischen Kirche sehen Sie, wie dasjenige, was in ihren Formen zum Ausdruck kommt, eigentlich gar nicht gedacht und gar nicht empfunden werden kann ohne die andächtige Menge. In den Bogenformen der Gotik liegt für den, der das empfinden kann, etwas, was er überhaupt gar nicht anders empfinden kann, als indem er sich sagt: Wenn da nicht die andächtige Menge darinnen ist und die Hände so in Bogenform zusammenschließt, ist das Ganze nicht vollständig. Die gotische Kirche ist nicht bloß das Wohnhaus Gottes, sondern zu gleicher Zeit der Versammlungsort der zum Gotte betenden Menge. So überschreitet die Menschheit wiederum den Höhepunkt ihrer eigenen Entwickelung in einer gewissen Weise. Wir sehen, wie das, was innerhalb des griechischen Raumsinnes wunderbar empfunden ist in den Linien des Raumes, in den Säulen und Balken, später in Dekadenz gekommen ist. Eine Säule, die nicht trägt, die nur als dekoratives Motiv da ist, ist für das griechische Empfinden keine Säule. Es steht alles in der menschlichen Evolution im absoluten Einklang. Die griechische Kulturepoche war die schönste Durchdringung des in sich entdeckten Bewußtseins der Menschheit und dessen, was draußen im Raume als das Göttliche empfunden wurde. Der Mensch war ganz und gar zusammengewachsen mit der physisch-sinnlichen Welt in dieser Kulturepoche.

[ 21 ] Compare the Greek temple with a Gothic church. This is not meant as a criticism of the Gothic style, for from a different perspective it stands on a higher level. In the Gothic church, you can see how what is expressed in its forms cannot actually be conceived or felt at all without the devout congregation. In the arched forms of Gothic architecture, there is something—for those who can sense it—that they simply cannot perceive in any other way than by saying to themselves: If the devout congregation were not there inside, clasping their hands together in an arched shape, the whole would not be complete. The Gothic church is not merely the dwelling place of God, but at the same time the gathering place for the congregation praying to God. Thus, humanity once again transcends the pinnacle of its own development in a certain sense. We see how what was wonderfully sensed within the Greek sense of space—in the lines of space, in the columns and beams—later fell into decadence. A column that does not bear weight, that exists only as a decorative motif, is not a column in the Greek sense. Everything in human evolution is in absolute harmony. The Greek cultural epoch was the most beautiful fusion of humanity’s self-discovered consciousness and that which was perceived as the divine out there in space. In this cultural epoch, human beings had grown entirely together with the physical-sensory world.

[ 22 ] Es ist einfach Unsinn, wenn heutige Gelehrte das, was frühere Zeiten empfunden haben, verdunkeln wollen. Im geisteswissenschaftlichen Sinne sehen wir die vierte Epoche der nachatlantischen Zeit an als diejenige, in welcher der Mensch ganz und gar im Einklange steht mit der ihn umgebenden Welt. Diese Zeit, wo der Mensch wie zusammengewachsen war mit der äußeren Wirklichkeit, war allein geeignet, zu begreifen, daß das Göttliche in einem einzelnen Menschen erscheinen kann. Jede frühere Zeit hätte alles andere eher begriffen als das; jede frühere Zeit hätte so empfunden, daß das Göttliche viel zu hoch und erhaben sei, als daß es in einer physischen Menschengestalt erscheinen könne. Bewahren wollte man das Göttliche gerade vor der physischen Gestalt. «Du sollst dir kein Bildnis machen!» (2. Mose 20, 4), mußte deshalb gerade dem Volke gesagt werden, das die Idee des Gottes in seiner geistigen Gestalt erfassen sollte. Aus solchen Anschauungen heraus entwickelte sich dieses Volk, und aus seinem Schoße erwuchs die Christus-Idee, die Idee, daß das Geistige im Fleische erscheinen sollte. Dazu wurde dieses Volk ausersehen; und da hinein, in die vierte der nachatlantischen Epochen, mußte das Christus-Ereignis fallen.

[ 22 ] It is simply nonsense for today’s scholars to try to obscure what people in earlier times perceived. From the perspective of spiritual science, we regard the fourth epoch of the post-Atlantean era as the one in which human beings are completely in harmony with the world around them. This era, when human beings were, as it were, fused with external reality, was the only one capable of comprehending that the Divine could appear in a single human being. Any earlier era would have understood anything else before that; any earlier era would have felt that the Divine was far too high and exalted to appear in a physical human form. The divine was to be preserved precisely from taking on a physical form. “You shall not make for yourself an image!” (Exodus 20:4) therefore had to be said specifically to the people who were to grasp the idea of God in His spiritual form. This people developed out of such views, and from its midst arose the idea of Christ—the idea that the spiritual should appear in the flesh. This people was chosen for this purpose; and it was within this context—in the fourth of the post-Atlantean epochs—that the Christ event had to take place.

[ 23 ] Deshalb zerfällt für das christliche Bewußtsein das ganze Menschenwerden in eine vorchtistliche und in eine nachchristliche Zeit. Der Gott-Mensch konnte nur in einer bestimmten Zeit von dem Menschen begriffen werden. Und so sehen wir, wie das Johannes-Evangelium anknüpft im vollen Bewußtsein und in der Gesinnung an das, was, wenn ich ein triviales Wort gebrauchen darf, unmittelbar zeitgemäß war, unmittelbar aus dem Zeitbewußtsein heraus stammte. Ganz von selbst machte es sich daher — sozusagen wie etwas innerlich Verwandtes —, daß die Gedankenbilder, dutch die der Schreiber des Johannes-Evangeliums das größte Ereignis der Weltgeschichte zu begreifen versuchte, ihm am besten ausgedrückt erschienen in griechischen Gedankenformen. Und nach und nach wuchs das ganze christliche Empfinden in diese Gedankenformen hinein. Wir werden sehen, wie mit dem Fortschreiten dann so etwas wie die Gotik entstehen mußte, weil das Christentum allerdings dazu berufen war, wiederum über die Materie hinauszuführen. Aber entstehen konnte es nur da, wo man so weit hineingeraten war in die Materie, daß man sie noch nicht überschätzte, noch nicht darin untergesunken war wie in unserem Zeitalter, aber sie doch zu durchgeistigen und zu durchdringen vermochte.

[ 23 ] Therefore, for the Christian consciousness, the entire process of human becoming is divided into a pre-Christian and a post-Christian era. The God-man could only be understood by human beings at a specific time. And so we see how the Gospel of John, in full awareness and in spirit, ties in with what—if I may use a trivial term—was immediately contemporary, stemming directly from the consciousness of the times. It therefore happened quite naturally—as something intrinsically related, so to speak—that the mental images through which the writer of the Gospel of John sought to grasp the greatest event in world history seemed to him best expressed in Greek forms of thought. And little by little, the entire Christian sensibility grew into these forms of thought. We shall see how, as things progressed, something like the Gothic style was bound to emerge, because Christianity was indeed called upon to lead people beyond the material world once again. But it could only arise where people had become so deeply immersed in the material world that they did not yet overestimate it, nor had they yet sunk into it as we have in our own age, yet were still able to spiritualize and penetrate it.

[ 24 ] So denke ich, zeigt sich uns aus dem ganzen geistigen Hergang der Menschheit heraus die Entstehung des Christentums als etwas durchaus Notwendiges. Wenn wir nunmehr begreifen wollen, welche Gestalt das Christentum nach und nach annehmen mußte, welche Gestalt ihm prophetisch von einer solchen Individualität wie dem Schreiber des Johannes-Evangeliums vorhergesagt wird, müssen wir im nächsten Vortrag auf einige wesentliche und wichtige Begriffe Rücksicht nehmen.

[ 24 ] Thus, I believe, the entire intellectual history of humanity reveals to us that the emergence of Christianity was an absolutely necessary development. If we now wish to understand the form that Christianity gradually had to take—the form prophetically foretold by a figure such as the author of the Gospel of John—we must consider several essential and important concepts in the next lecture.

[ 25 ] Gezeigt ist worden, daß man alles buchstäblich nehmen, aber erst den Buchstaben wirklich verstehen muß. Es ist nicht einerlei, daß nirgends der Name «Johannes» vorkommt, sondern immer geredet wird von dem Jünger, «den der Herr lieb hatte». Wir haben gesehen, welches Geheimnis sich dahinter verbirgt, und daß dies von tiefer Bedeutung ist. - Nun wollen wir noch einen anderen Ausdruck betrachten, einen Ausdruck, der es uns unmittelbar möglich machen wird, anzuknüpfen an die nachfolgenden Entwickelungsperioden des Christentums.

[ 25 ] It has been shown that one must take everything literally, but first one must truly understand the letter. It is significant that the name “John” does not appear anywhere, but that the text always refers to the disciple “whom the Lord loved.” We have seen what mystery lies behind this, and that it is of profound significance. — Now let us consider another expression, one that will enable us to connect directly with the subsequent periods of development in Christianity.

[ 26 ] Im Johannes-Evangelium wird gewöhnlich übersehen, wie von der «Mutter Jesu» gesprochen wird. Wenn man den gewöhnlichen Durchschnittschristen fragen wird: Wer ist die Mutter Jesu? wird er antworten: Die Mutter Jesu ist Maria! Und mancher wird sogar glauben, daß im Johannes-Evangelium so etwas steht, wie daß die Mutter des Jesus Maria heißt. Nirgends steht im Johannes-Evangelium etwas davon, daß die Mutter Jesu «Maria» heißt. Es steht überall, wo davon die Rede ist, mit einer vollen Absichtlichkeit, deren Bedeutung wir kennenlernen werden, nur die «Mutter Jesu». Im Ka pitel der Hochzeit zu Kana heißt es: «Und die Mutter Jesu war da» (2, 1); und später wird gesagt: «Seine Mutter spricht zu den Dienern » (2, 5). Niemals der Name « Maria ». Und wo sie uns wieder entgegentritt, wo wir den Erlöser am Kreuze sehen, wird gesagt im Johannes-Evangelium:

[ 26 ] In the Gospel of John, the way the “Mother of Jesus” is referred to is usually overlooked. If you ask the average Christian, “Who is the mother of Jesus?” they will answer, “The mother of Jesus is Mary!” And some will even believe that the Gospel of John states something to the effect that Jesus’ mother is named Mary. Nowhere in the Gospel of John does it say that Jesus’ mother is named “Mary.” Everywhere it is mentioned—with a deliberate intent whose significance we will come to understand—it refers only to the “mother of Jesus.” In the chapter on the wedding at Cana, it says: “And the mother of Jesus was there” (2:1); and later it says: “His mother said to the servants” (2:5). Never is the name “Mary” mentioned. And when she appears before us again, as we see the Savior on the cross, the Gospel of John says:

«Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleophas Weib, und Maria von Magdala.» (19, 25)

“Standing by the cross of Jesus were his mother, his mother’s sister—Mary, the wife of Clopas—and Mary Magdalene.” (19:25)

[ 27 ] Klar und deutlich ist da gesagt, wer am Kreuze steht: Die Mutter war da, dann deren Schwester, die des Kleophas Weib war und Maria hieß, und die Maria von Magdala. Wenn jemand etwas nachdenkt, wird er sich sagen: Es ist doch sonderbar, daß die beiden Schwestern Maria heißen! Das ist heute nicht gebräuchlich. -— Und damals war es das auch nicht. Und da der Schreiber des Johannes-Evangeliums die Schwester Maria nennt, so ist es klar, daß die Mutter Jesu nicht Maria hieß. Im griechischen Worttext steht klar und deutlich: Unten stand «seine Mutter und seiner Mutter Schwester, die des Kleophas Weib war, Maria, und die Maria von Magdala.» - Da entsteht für eine würdige Auffassung die Frage: Wer ist die Mutter des Jesus? Und da streifen wir an eine der größten Fragen des Johannes-Evangeliums: Wer ist der eigentliche Vater des Jesus? Wer ist die Mutter?

[ 27 ] It is stated clearly and unambiguously who was standing at the cross: The mother was there, then her sister—who was the wife of Cleophas and was named Mary—and Mary of Magdala. If one thinks about it, one will say to oneself: It is strange, after all, that both sisters are named Mary! That’s not common today.—And it wasn’t back then either. And since the writer of the Gospel of John names the sister Mary, it’s clear that Jesus’ mother was not named Mary. The Greek text states clearly and unambiguously: “Standing below were ‘his mother and his mother’s sister, who was the wife of Cleophas, named Mary, and Mary Magdalene.’” - This raises a question for a serious consideration: Who is the mother of Jesus? And here we touch upon one of the greatest questions of the Gospel of John: Who is the actual father of Jesus? Who is the mother?

[ 28 ] Wer ist der Vater? - Kann man denn überhaupt fragen? Nicht nur im Sinne des Johannes-Evangeliums, sondern im Sinne des LukasEvangeliums können Sie fragen. Denn es gehört eine besondere Gedankenlosigkeit dazu, nicht zu sehen, wie bei der Verkündigung gesagt wird:

[ 28 ] Who is the father? — Is it even permissible to ask such a question? You may ask this question not only in the context of the Gospel of John, but also in the context of the Gospel of Luke. For it takes a special kind of thoughtlessness not to see what is said in the Annunciation:

«Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten, und das, was von dir geboren wird, wird Gottes Sohn heißen.» (Lukas 1, 35)

“The Holy Spirit will come upon you, and the power of the Most High will overshadow you; therefore, the child to be born will be called the Son of God.” (Luke 1:35)

[ 29 ] Selbst im Lukas-Evangelium wird darauf hingewiesen, daß der Vater des Jesus der Heilige Geist ist. Das ist buchstäblich aufzufassen, und diejenigen Theologen, die das nicht anerkennen, können das Evangelium eben nicht lesen. Und so müssen wir die große Frage hinstellen: Wie stehen mit alledem, was wir gehört haben, die Worte «Ich und der Vater sind eins», «Ich und der Vater Abraham sind eins», «Bevor Abraham war, war «Ich-bin>» in Einklang? Wie bringt man mit alledem die unleugbare Tatsache in Harmonie, daß die Evangelien in dem «Heiligen Geist» das Vater-Prinzip sehen? Und wie haben wir im Sinne des Johannes-Evangeliums über das MutterPrinzip zu denken?

[ 29 ] Even the Gospel of Luke points out that Jesus’ Father is the Holy Spirit. This is to be taken literally, and those theologians who do not acknowledge this simply cannot read the Gospel. And so we must pose the big question: Given all that we have heard, how do the words “I and the Father are one,” “I and Father Abraham are one,” and “Before Abraham was, ‘I Am’ was” fit together? How can we reconcile all of this with the undeniable fact that the Gospels see the “Holy Spirit” as the Father principle? And how should we think about the Mother principle in light of the Gospel of John?

[ 30 ] Damit Sie morgen recht vorbereitet kommen im Geiste mit der Formulierung dieser Fragen, soll außerdem noch hingewiesen werden darauf, daß im Lukas-Evangelium eine Art Generationenfolge gegeben wird, daß uns da gesagt wird, daß Jesus getauft wurde von Johannes, daß er anfing zu lehren im dreißigsten Jahre und daß gesagt wird, er sci der Sohn der Maria und «des Josef, der war ein Sohn Eli» und so weiter, und nun folgt die ganze Generationenreihe. Verfolgen Sie sie; Sie werden sehen, daß sie hinaufgeht bis zu Adam. Und dann folgt etwas ganz Eigentümliches, es stehen die Worte da: «der war Gottes.» (Lukas 3, 23-38)

[ 30 ] So that you may come tomorrow well prepared in spirit to formulate these questions, it should also be noted that the Gospel of Luke provides a sort of genealogy, telling us that Jesus was baptized by John, that he began teaching at the age of thirty, and that it is stated, he is the son of Mary and “of Joseph, who was a son of Eli,” and so on, and then the entire genealogy follows. Follow it; you will see that it goes all the way back to Adam. And then something quite peculiar follows—the words there say: “who was of God.” (Luke 3:23–38)

[ 31 ] Genau ebenso wie hinaufgewiesen wird vom Sohn zum Vater, so wird von Adam zu Gott verwiesen im Lukas-Evangelium. Eine solche Stelle müssen wir ganz ernst nehmen! Dann haben wir ungefähr die Fragen zusammen, die uns morgen in das Zentrum des JohannesEvangeliums führen sollen.

[ 31 ] Just as the Son points to the Father, so too does Adam point to God in the Gospel of Luke. We must take such a passage very seriously! Then we will have gathered together the questions that will lead us tomorrow to the heart of the Gospel of John.