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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophy's Response
to Universal Questions
GA 108

23 November 1908, Vienna

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2. Was ist Selbsterkenntnis?

2. What is Self-Knowledge?

[ 1 ] Wir haben vorgestern hier ein im eminentesten Sinne okkultes Thema behandelt, einen Ausblick gehalten in die höheren Welten. Wir haben dann gestern im öffentlichen Vortrag uns damit beschäftigt, durch welche Methode und Verrichtung der Mensch in die Lage kommt, die in seiner Seele schlummernden Fähigkeiten und Kräfte so zu erwecken, daß ihm nach und nach die Erkenntnis dieser höheren Welten möglich wird. Das Thema, das uns heute obliegen wird, steht in einem gewissen inneren Zusammenhange mit den beiden, und es steht in einer gewissen Beziehung auch mit allem anthroposophischen Streben. Nicht nur, daß in der Theorie so oftmals der Ausspruch gehört wird, daß eigentlich die anthroposophische Geisteswissenschaft nichts anderes sei als eine umfassende, universelle Selbsterkenntnis des Menschen, eine Selbsterkenntnis des Menschen so, daß ihm aufgeht der tiefste Grund, das tiefste Wesen des eigenen Ich und sich mit ihm Welterkenntnis erschließt. Aber nicht nur, sage ich, daß Sie diesen Ausspruch oftmals in der theosophischen Literatur und auch sonst finden können, sondern wahre, echte Selbsterkenntnis ist auch dasjenige, was wie eine Begleiterscheinung parallel laufen muß allem wirklichen Forschen auf dem Gebiete der höheren Welten, parallel laufen muß aller Entwickelung der inneren Seelenkräfte. Das «Erkenne dich selbst», dieser uralte Menschheitsspruch, bedeutet viel, sehr viel gerade für den Anthroposophen. Nun wollen wir heute das, was man im geisteswissenschaftlichen Sinne Selbsterkenntnis nennen kann, betrachten auf den verschiedensten Stufen der menschlichen Entwickelung. Wir wollen ausgehen von der gewöhnlichsten, alltäglichsten Selbsterkenntnis und wollen aufsteigen bis zu jener Selbsterkenntnis, die Welterkenntnis im anthroposophischen Sinne genannt werden kann, und wir wollen bei allen einzelnen Dingen, die wir zu besprechen haben, das, was man «geheimwissenschaftlich» nennen könnte, die okkulte Seite, durchaus mit berücksichtigen.

[ 1 ] The day before yesterday, we discussed a topic that is occult in the truest sense of the word—we offered a glimpse into the higher worlds. Then, in yesterday’s public lecture, we examined the methods and practices through which a person can awaken the abilities and powers slumbering within their soul, so that, little by little, they may gain knowledge of these higher worlds. The topic we will address today is intrinsically connected to both of these, and it is also related in a certain way to all anthroposophical endeavors. Not only is it often said in theory that anthroposophical spiritual science is, in fact, nothing other than a comprehensive, universal self-knowledge of the human being—a self-knowledge that reveals to the individual the deepest foundation and essence of their own “I,” thereby opening up knowledge of the world— But I say that not only can you often find this statement in theosophical literature and elsewhere, but true, genuine self-knowledge is also that which must run parallel—like a concomitant phenomenon—to all genuine research in the realm of the higher worlds, and must run parallel to all development of the inner soul forces. “Know thyself,” this ancient saying of humanity, means a great deal—indeed, a very great deal—especially for the anthroposophist. Today, let us consider what can be called self-knowledge in the spiritual-scientific sense at the various stages of human development. Let us begin with the most ordinary, everyday form of self-knowledge and ascend to that self-knowledge which can be called world-knowledge in the anthroposophical sense; and in all the individual points we have to discuss, let us certainly take into account what might be called the “esoteric” aspect, the occult side.

[ 2 ] Selbsterkenntnis ist nun um so wichtiger innerhalb der anthroposophischen Weltanschauung zu besprechen, als sie, richtig verstanden, das Höchste einschließen kann, um was es sich im anthroposophischen Streben handeln kann, falsch verstanden, etwas außerordentlich Gefährliches werden kann. Falsch verstandene Selbsterkenntnis ist dasjenige, was insbesondere im Anfang des geisteswissenschaftlichen Strebens von der wahren Bahn, die uns in der Anthroposophie vorgezeichnet wird, eher ab- als hinführt. Goethe, der in vieler Beziehung auf diesem Felde durchaus bewandert war, sagte einmal, daß er schon ein gewisses Mißtrauen habe gegen den Ausdruck Selbsterkenntnis, daß dieser etwas bedeute, was Menschen vertreten, die im Grunde genommen in irgendeiner Art durch falsche Melancholie, Selbstbetäubung, in ein ganz unrichtiges Fahrwasser hineingekommen sind. Und dies ist eine durchaus richtige Ausdrucksweise. Wir haben ja auf geisteswissenschaftlichem Felde immer wieder Gelegenheit, die komplizierte Menschennatur ins Auge zu fassen, wenn wir uns erinnern an dasjenige, was wir alle wissen: daß wir in anthroposophischer Hinsicht den Menschen gliedern in den physischen Leib, in das, was wir den Ätherleib, den Astralleib und den eigentlichen Ich-Träger nennen. Und wenn wir ins Auge fassen, daß im Grunde dasjenige, was wir das Selbst nennen, mit allen diesen Gliedern der Menschennatur zu tun hat, so werden wir leicht dazu kommen, daß Selbsterkenntnis etwas außerordentlich Kompliziertes ist.

[ 2 ] Self-knowledge is all the more important to discuss within the anthroposophical worldview because, when properly understood, it can encompass the highest goal of anthroposophical striving, but when misunderstood, it can become something extraordinarily dangerous. Misunderstood self-knowledge is precisely what, especially at the beginning of spiritual scientific endeavor, tends to lead us away from—rather than toward—the true path laid out for us in anthroposophy. Goethe, who was thoroughly well-versed in this field in many respects, once said that he already harbored a certain distrust of the term “self-knowledge,” that it signified something espoused by people who, fundamentally speaking, have strayed into a completely erroneous course through some form of false melancholy or self-numbness. And this is an entirely accurate way of putting it. In the field of spiritual science, we repeatedly have the opportunity to contemplate the complex nature of the human being when we recall what we all know: that, from an anthroposophical perspective, we divide the human being into the physical body, the etheric body, the astral body, and the actual “I-bearer.” And when we consider that, fundamentally, what we call the self is connected to all these aspects of human nature, we will readily conclude that self-knowledge is something extraordinarily complex.

[ 3 ] Um die einfachste, niederste Art der Selbsterkenntnis gleich vorwegzunehmen, erinnern wir uns daran, daß wir bei diesen vier Gliedern der menschlichen Natur allerdings unterscheiden müssen - je nach dem gegenwärtigen Verhältnisse dieser Glieder - den wachenden und den traumlos schlafenden Menschen, daß wir sagen müssen, daß beim schlafenden Menschen der physische und der Ätherleib verlassen sind vom Astralleib und dem Ich-Träger und die beiden letzteren außerhalb des Leibes sind. Wir wissen aber gleichzeitig, daß für den gegenwärtigen Menschheitszyklus normal ist, daß das Ich des Menschen nur dann seiner selbst bewußt werden kann, wenn es sich der physischen Organe bedient, um auf dem physischen Plan die Wahrnehmungen zu machen. $o sprechen wir zwar im geisteswissenschaftlichen Sinne von einem Ich-Träger, der dauert durch diejenigen Zustände hindurch, die wir als den bewußtlosen Schlaf bezeichnen. Wir müssen aber von diesem Ich-Träger sagen, daß er die heutige Seite des Bewußtseins und Selbstbewußtseins nur entwickeln, also ins unmittelbare Beobachtungsfeld hereinbekommen kann, wenn er sich der physischen Organe bedient, also am Morgen wieder hineinsteigt in den physischen und Ätherleib. Da haben wir das für den heutigen Menschen normale Selbstbewußtsein vor uns, und wir müssen uns fragen: Was ist das Wesen dieses Selbstbewußtseins auf der niedersten Stufe? - Besser aber ist die Frage noch bezeichnet, wenn wir so sagen: Wie kommt der Mensch dazu, dasjenige zu erkennen, das vom Morgen bis zum Abend in seinem physischen Leibe wohnt und sich der physischen Organe bedient, wie kommt der Mensch zu einer Erkenntnis des Wesens des Ganzen oder des Selbst? - Leicht kann da geglaubt werden, daß der Mensch nun in sein Inneres blicken muß, daß er sozusagen sich selbst erforschen muß. Da kommen wir nun an alle möglichen Arten der Selbsterkenntnis, die da gepflogen und angeraten werden. Zum Beispiel soll der Mensch beobachten, was er tut, was seine Eigenschaften sind und seine Fehler, er soll hineinbrüten in sein Inneres und zu erkennen suchen, wieviel er wert sei, wie tüchtig er zu dieser oder jener Handlung sei und dergleichen. Hier beginnen schon die Gefahren der falsch verstandenen Selbsterkenntnis, und darum müssen wir von den Gefahren sprechen. Wir haben ja immer im Auge, daß der Mensch versuchen soll, hinaufzukommen in die höheren Welten. Wir wissen auch, daß dieses Hinaufsteigen etwas ist, was aus dem Menschen etwas ganz anderes macht, als er heute ist, und deshalb ist es natürlich, daß da manche Hindernisse in den Weg treten. Durch falsche Selbsterkenntis wird der Aufstieg ebenso gefahrvoll, wie er erst möglich wird durch eine richtige Selbsterkenntnis. Diese Art Selbsterkenntnis, die man eher ein Bebrüten seines alltäglichen Ich nennen möchte, ein Achtgeben auf seine Fehler, ist eine falsche und eine Gefahr, die den Menschen tatsächlich eher zurückwirft, weil nämlich der umfassende Maßstab für das Urteil fehlt.

[ 3 ] To begin with the simplest, most basic form of self-knowledge, let us remember that, when considering these four aspects of human nature, we must indeed distinguish —depending on the current relationship between these elements—between the waking human being and the one in dreamless sleep; that we must say that in the sleeping human being, the physical and etheric bodies are separated from the astral body and the ego-bearer, and that the latter two are outside the body. At the same time, however, we know that it is normal for the current human cycle that the human ego can become conscious of itself only when it makes use of the physical organs to make perceptions on the physical plane. Thus, in the spiritual-scientific sense, we speak of an “I-bearer” that persists through those states we call unconscious sleep. However, we must say of this “I-bearer” that it can develop the present aspect of consciousness and self-consciousness—that is, bring it into the immediate field of observation—only when it makes use of the physical organs, that is, when it re-enters the physical and etheric bodies in the morning. Here we have before us the self-consciousness that is normal for human beings today, and we must ask ourselves: What is the nature of this self-consciousness at its lowest level? — But the question is better phrased if we say: How does a person come to recognize that which dwells in their physical body from morning to evening and makes use of the physical organs; how does a person come to a recognition of the nature of the whole, or of the self? —It is easy to believe that a person must now look within, that they must, so to speak, explore themselves. This brings us to all manner of self-knowledge that are practiced and recommended. For example, a person is supposed to observe what they do, what their characteristics and faults are; they are to delve into their inner self and seek to recognize how much they are worth, how capable they are of this or that action, and the like. Here already begin the dangers of misunderstood self-knowledge, and that is why we must speak of these dangers. We always keep in mind that a person should strive to ascend into the higher worlds. We also know that this ascent is something that transforms a person into something entirely different from what they are today, and therefore it is only natural that certain obstacles arise along the way. Through false self-knowledge, the ascent becomes just as perilous as it is made possible in the first place by true self-knowledge. This kind of self-knowledge—which one might rather call a brooding over one’s everyday “I,” a focusing on one’s faults—is false and constitutes a danger that actually tends to set a person back, precisely because the comprehensive standard for judgment is lacking.

[ 4 ] Wenn der Mensch durch eine gewöhnliche Erwägung seiner Vorzüge und Fehler sagt: Das hast du richtig gemacht, das hast du unrichtig gemacht, da mußt du dich bessern -, setzt das voraus, daß er einen Maßstab habe, nach dem er sich richten kann. Dieser Maßstab wird sozusagen auch zu einem Wertmesser für dasjenige, was der Mensch auch in der Zukunft darstellen wird. Und auf diese Art wird der Mensch eigentlich niemals über sich selbst hinauskommen, und das ist gerade das, was der Anthroposoph sich immer vorzusagen hat: Nicht stehenbleiben, sondern immer und immer, Schritt für Schritt über diesen Punkt hinauskommen. - Ein Ausspruch, der beherzigt werden sollte, ist: Alles, was du in bezug auf Entwickelung der Seele unternimmst und was dich auf dem Lebenspfade vorwärts bringt, ist gut getan; alles, was dich auf dem Punkte erhält, ist im Grunde genommen für deine Seele ein Verlust. - Keine Selbsterkenntnis, die den Menschen dahin treibt, daß er in Reue zerknirscht ist oder ihn zu einer Selbstbefriedigung führt, kann den Menschen vorwärts bringen. Wenn wir nur eine Möglichkeit gewinnen wollen, einzusehen, worauf es ankommt, müssen wir uns die Frage vorlegen: Wovon hängt denn der eigentliche Mensch gewöhnlich ab? Sie werden sich leicht hineinversetzen in den Gedanken: Wie wäre es denn mit meinen Vorstellungen, meinen Empfindungen und Gefühlen, wenn diese Individualität, die ja von Inkarnation zu Inkarnation gegangen ist und von Inkarnation zu Inkarnation gehen wird, wie wäre es, wenn diese Individualität nicht, sagen wir, vor so und soviel Jahren in Wien geboren wäre, sondern fünfzig Jahre früher etwa in Moskau? Was würde diese Individualität dann für einen Inhalt haben; welche Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen, Gedanken und Ideen würden dann diese Individualität durchziehen und ihr den eigentümlichen Grundton geben? Ganz andere! Sie kommen am leichtesten dazu, sich das ganz genau vorzustellen, wenn Sie einmal darüber reflektieren, wie vom Morgen bis zum Abend Ihre Vorstellungen und Empfindungen laufen, wieviel bei diesen abhängt davon, wann und wo Sie in die Welt geraten sind. Versuchen Sie, sich einmal genau eine Rechnung zu machen, ziehen Sie vom Inneren der Seele alles ab, was bedingt ist von dem Wann und Wo der Geburt. Alle diese Vorstellungen werfen Sie aus dem Seelenleben hinaus. Versuchen Sie einmal darüber nachzudenken, was dann noch bleibt, und versuchen Sie vor allen Dingen noch nachzudenken, wieviele von diesen Vorstellungen, die vom Morgen bis zum Abend durch die Seele ziehen, überhaupt Gültigkeit und Wert haben außer durch Ort und Zeit Ihres Lebens zwischen Geburt und Tod. Da werden Sie sehen, wie bedeutsam es ist für das Ich, wohl darauf zu achten, wie weit es unter den Einflüssen des Wann und Wo steht. Das lernen Sie nicht erkennen dadurch, daß Sie in Ihr Inneres hineinbrüten, sondern das lernen Sie erkennen durch eine gute Berücksichtigung des Dichterspruches: Willst du dich selbst betrachten, lerne dich durch die anderen kennen! - durch die Umgebung. Und so werden wir in eigenartiger Weise vom Bebrüten der Seele ab- und dazu geführt, daß wir sagen: Wir müssen, um unser Ich kennenzulernen, uns ein offenes Auge, einen offenen Sinn schaffen für die Eigenart des Weltinhalts, in den wir nach Wann und Wo hineingeboren sind. Je mehr wir uns bemühen, diesen offenen Sinn zu haben für die Außenwelt, für das, was um uns ist, desto mehr kommen wir im geisteswissenschaftlichen Sinne zu dem, was wir auf diesem niedersten Gebiete Selbsterkenntnis nennen können.

[ 4 ] When a person, through a routine assessment of their strengths and weaknesses, says, “You did that right, you did that wrong, you need to improve there”—this presupposes that they have a standard by which to measure themselves. This standard also becomes, so to speak, a measure of value for what a person will embody in the future. And in this way, a person will never truly transcend themselves—and this is precisely what the anthroposophist must always remind themselves: not to stand still, but to move beyond this point, step by step, time and again. - A saying that should be taken to heart is: Everything you undertake with regard to the development of the soul and that moves you forward on the path of life is well done; everything that keeps you stuck at a certain point is, in essence, a loss for your soul. - No self-knowledge that drives a person to be consumed by remorse or leads them to self-satisfaction can move them forward. If we wish to gain even a glimmer of insight into what really matters, we must ask ourselves: On what does the true human being usually depend? You will easily put yourself in this line of thought: What would become of my perceptions, my sensations, and my feelings if this individuality—which has, after all, passed from incarnation to incarnation and will continue to do so—had not, let us say, been born in Vienna so many years ago, but rather fifty years earlier in Moscow, for example? What kind of content would this individuality then have? What sensations, feelings, perceptions, thoughts, and ideas would then permeate this individuality and give it its distinctive underlying tone? Entirely different ones! You can most easily imagine this very precisely if you reflect on how your perceptions and sensations unfold from morning to evening, and how much of this depends on when and where you came into the world. Try to take a close look at this for yourself: strip away from the innermost depths of your soul everything that is conditioned by the when and where of your birth. Cast all these notions out of your inner life. Try to think about what remains after that, and above all, try to consider how many of these ideas—which pass through the soul from morning to night—have any validity or value at all apart from the time and place of your life between birth and death. Then you will see how important it is for the “I” to pay close attention to the extent to which it is subject to the influences of time and place. You do not learn to recognize this by brooding over your inner self, but rather by giving due consideration to the poet’s saying: “If you wish to contemplate yourself, learn to know yourself through others!”—through your surroundings. And so, in a peculiar way, we are led away from brooding over the soul and toward the realization that, in order to get to know our “I,” we must cultivate an open eye and an open mind for the unique character of the world into which we were born, with its specific time and place. The more we strive to maintain this open sensibility toward the external world—toward what surrounds us—the more we arrive, in the spiritual-scientific sense, at what we might call self-knowledge in this most basic realm.

[ 5 ] Lernen wir durch freien Blick sozusagen die ganze Tonfärbung unserer eigenen Zeit kennen; versuchen wir einmal, uns klarzumachen, wie in der mannigfachsten Weise uns zur Verfügung steht das Eigenartige unseres Zeitalters, unseres Ortes, in dem wir leben. Höchst eigenartig ist diese Selbsterkenntnis, die uns hinweist von unserem Selbst auf unsere Umgebung. Lernen wir diese unsere Außenwelt kennen, versuchen wir in ihren Geist einzudringen, das zu erforschen, was uns herauskristallisiert hat, dann werden wir wie ein Spiegelbild unser Ich erkennen. Das ist ein objektiver Weg. Das Hineinschauen in sich selbst ist eine Gefahr. Man soll die Ursachen erkennen, warum man so und so ist. Die kann man in der Umgebung kennenlernen; dadurch werden wir von uns abgelenkt. Da haben wir also zunächst das, was uns die Fähigkeit gibt, uns zu erkennen, soweit wir ein Ich sind, das sich des physischen Organs bedient, um mit seiner Mitwelt zu leben.

[ 5 ] Let us, as it were, come to know the entire tonal character of our own time by looking freely; let us try to realize how the distinctive qualities of our age and the place where we live are available to us in the most manifold ways. This self-knowledge—which directs us from our own selves to our surroundings—is most peculiar. Let us get to know this outer world of ours; let us try to penetrate its spirit, to explore what has shaped us—then we will recognize our true selves as if in a mirror image. This is an objective path. Looking inward is dangerous. One should recognize the reasons why one is the way one is. These can be discovered in one’s surroundings; in doing so, we are distracted from ourselves. So here, then, is what gives us the ability to recognize ourselves, insofar as we are a “self” that makes use of the physical body to live in harmony with the world around us.

[ 6 ] Nun bedient sich dieses Ich des Organs des Ätherleibes, des Lebensleibes, desjenigen feinen Organismus, der dem anthroposophischen Geisteswissenschafter seiner Beschaffenheit nach ganz geläufig ist, der den physischen Leib durchzieht und der ein fortwährender Kämpfer ist gegen den Zerfall des physischen Leibes. Das Selbst nun, wenn es morgens untertaucht in den physischen und in den Ätherleib, wirkt im heutigen Menschheitszyklus in beiden Leibern, also auch im Ätherleib. Da kommt dabei nicht dasjenige in Betracht, was Ort und Zeit, das Wann und Wo aus uns machen, sondern da kommt mehr in Betracht. Am Ätherleibe hängt noch etwas ganz anderes, was in gewisser Beziehung noch tiefer mit unserem Selbst verknüpft ist, was schon hinausgeht über Geburt und Tod. Da kommen wir dann zu dem, was in einer gewissen Beziehung dieses Selbst mit sich bringt, was von früher herstammt und in die Zukunft hineinreicht, was dieses Selbst schon hat, wenn es in einem physischen Leibe verkörpert wird. Äußerlich angesehen, indem man einfach den Menschen oberflächlich betrachtet, stellt sich besonders am Ätherleibe dasjenige dar, was wir als Talente, Anlagen, besondere Fähigkeiten des Selbst zu bezeichnen haben, und hier sind wir schon in einer gewissen Beziehung auf einem schwierigeren Gebiete der Selbsterkenntnis. Obwohl sie gegen das, was auf den höheren Stufen der höheren Entwickelung Selbsterkenntnis ist, eine verhältnismäRig noch niedere Stufe ist, wird der Mensch auch da nicht weit kommen, wenn er hineinbrütet in sein Inneres und sich klarwerden will: Welches sind deine Talente und Fähigkeiten?

[ 6 ] Now this “I” makes use of the organ of the etheric body, the life body—that subtle organism whose nature is well known to the anthroposophical spiritual scientist, which pervades the physical body, and which is a constant fighter against the decay of the physical body. Now, when the Self immerses itself in the physical and etheric bodies in the morning, it acts in both bodies—including the etheric body—during the current human cycle. What is at stake here is not what place and time—the “when” and “where”—make of us, but something more. Attached to the etheric body is something quite different, which is, in a certain sense, even more deeply connected to our Self—something that already transcends birth and death. This brings us to what, in a certain sense, this Self brings with it—that which originates from the past and extends into the future, and which this Self already possesses when it is embodied in a physical body. Viewed from the outside—by simply observing a person superficially—it is particularly in the etheric body that what we must describe as talents, aptitudes, and special abilities of the self manifests itself; and here we are already, in a certain sense, in a more challenging realm of self-knowledge. Although this is still a relatively low stage compared to what self-knowledge entails at the higher levels of development, a person will not get very far even here if they brood over their inner self and try to clarify: What are your talents and abilities?

[ 7 ] Es würde heute zu weit führen, aus dem Wesen des Menschen heraus die Begründung zu geben zu dem, was ich jetzt sagen werde. Es lauern da der Selbsterkenntnis die schlimmsten Feinde auf, wenn der Mensch beginnt, sich klarwerden zu wollen über seine Talente und Fähigkeiten durch Selbstbebrütung. Gerade da muß er seine Betrachtungen von sich heraus auf die Umgebung, vom Persönlichen auf das Unpersönliche hinüberziehen. Da haben wir die Betrachtung nunmehr zu lenken, wo es auf das Gebiet des Ätherleibes geht, auf unsere Zusammengehörigkeit mit dieser oder jener Rasse. Da haben wir uns zu fragen, zu welchem Gliede der Menschheit gehörst du eigentlich? Und wir sollen uns bemühen, die Eigenart dieser Menschheitsgruppe, zu der wir gehören durch Familie, Rasse, Volk, im Vergleich mit den universellen Eigenschaften des ganzen Menschengeschlechts zu erforschen. Lernen wir also kennen dasjenige, was sich in der Vererbungslinie hindurchzieht, was vom Urgroßvater auf den Großvater und so weiter sich fortentwickelt, und was das Selbst innerhalb dieser Vererbungslinie eigentümlich färbt, was also nicht zusammenhängt direkt mit Wann und Wo, sondern zusammenhängt mit tieferen Grundgesetzen des Menschendaseins, lernen wir diese Eigentümlichkeiten kennen, dann werden wir wiederum den richtigen Hintergrund finden, um dann erst zu sehen, wie sich unser eigenes Selbst von diesem Hintergrunde abhebt. Aber jedes Selbstbebrüten des Selbst vor Betrachtung dieses Hintergrundes ist vom Übel. So also verlangt zwar die Anthroposophie von uns eine unbequemere Art der Selbsterkenntnis als diejenige ist, die oft phrasenhaft gemeint ist, aber auf eine andere Weise kommt man eben nicht zu einer wirklichen Selbsterkenntnis, weil der Maßstab fehlt, weil man nur in einen eigenen Punkt hineinbrütet und keinen Vergleichungsmaßstab hat.

[ 7 ] It would take us too far afield today to derive the rationale for what I am about to say from the very nature of the human being. The worst enemies of self-knowledge lie in wait there, when a person begins to try to gain clarity about their talents and abilities through self-reflection. It is precisely there that they must shift their reflections from themselves to their surroundings, from the personal to the impersonal. We must now direct our reflections to the realm of the etheric body, to our connection with this or that race. We must ask ourselves: To which branch of humanity do you actually belong? And we should strive to explore the distinctive character of the group of humanity to which we belong—through family, race, and nation—in comparison with the universal characteristics of the entire human race. Let us therefore come to know that which runs through the line of inheritance, that which develops from great-grandfather to grandfather and so on, and what uniquely colors the self within this hereditary line—that is, what is not directly related to when and where, but rather to deeper fundamental laws of human existence—if we come to know these characteristics, then we will in turn find the proper context, and only then will we be able to see how our own self stands out against this background. But any self-absorption prior to considering this background is harmful. Thus, while anthroposophy does indeed demand of us a more uncomfortable form of self-knowledge than that which is often meant in a clichéd sense, there is simply no other way to attain true self-knowledge, because the standard is missing; because one merely broods over one’s own perspective and lacks a benchmark for comparison.

[ 8 ] Nun möchte ich gleich die okkulten Tatsachen anknüpfen. Wir wissen alle, daß dieser Menschenleib umgeben ist von einer Aura, eingebettet ist in diese astrale Aura, die wie eine ovale Wolke dem hellseherischen Bewußtsein sichtbar ist. Dadurch, daß der Mensch in eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort hineingeboren ist, wird das Maß seiner Aura in einer gewissen Weise bestimmt. Ein Mensch, welcher einen sehr geringen Gesichtskreis hat, der also eigentlich in seinem Selbst nur das erleben kann und beurteilen will und nur von den Willensimpulsen leiten lassen will, was ungesehen aus der Umgebung ihn anspornt, der also das Produkt des Wann und Wo ist, der zeigt dem hellseherischen Bewußtsein in seiner Aura etwas Zusammengepreßtes, Gedrücktes. Die Aura ist in diesem Falle nicht groß und reicht nicht weit hinaus über den physischen Leib. Im Augenblick, wo der Mensch seinen Gesichtskreis erweitert, in dem Augenblick, wo er also einen offenen Sinn, ein offenes Auge für die Beobachtung seiner Umgebung entwickelt, sehen wir tatsächlich, wie sich die Aura nach allen Seiten hin vergrößert, wie sie umfassender wird mit Bezug auf die Grenzen des physischen Leibes. Der Mensch wird also innerlich geistig größer dadurch, daß er seinen Horizont in Bezug auf seine Begriffswelt und Gefühlswelt erweitert. Für das hellseherische Bewußtsein zeigt sich das in geradezu auffallender Weise, wie bei Menschen, die ein Echo ihrer Umgebung sind, die Aura klein ist. Wenn aber die Menschen anfangen, ihr Urteil zu einem feineren, unabhängigen zu machen, so daß sie dazu kommen, sich einmal zu unterscheiden von dem Landläufigen, dann sieht das hellseherische Bewußtsein, wie sich die Aura erweitert, wie sie groß wird, wie der Mensch in sich feiner und umfassender wird.

[ 8 ] Now I would like to move on to the occult facts. We all know that the human body is surrounded by an aura, embedded in this astral aura, which is visible to the clairvoyant consciousness as an oval cloud. The fact that a person is born into a specific time and place determines the extent of their aura in a certain way. A person who has a very narrow horizon—who, in essence, can and will experience only what lies within their own self, and who wishes to be guided solely by the impulses of the will that, unseen, spur them on from their surroundings; in other words, who is the product of when and where—reveals to the clairvoyant consciousness something compressed and constricted in their aura. In this case, the aura is not large and does not extend far beyond the physical body. The moment a person broadens their horizon—that is, the moment they develop an open mind and an open eye for observing their surroundings—we can actually see how the aura expands in all directions, becoming more comprehensive in relation to the boundaries of the physical body. A person thus becomes spiritually greater within by expanding their horizons in terms of their conceptual and emotional worlds. To clairvoyant consciousness, this is strikingly evident: in people who are merely an echo of their surroundings, the aura is small. But when people begin to refine their judgment and make it more independent, so that they eventually come to distinguish themselves from conventional thinking, then clairvoyant consciousness sees how the aura expands, how it grows larger, and how the person becomes more refined and comprehensive within themselves.

[ 9 ] So grotesk es für viele klingen mag - Erkenntnis der Umgebung ist der erste Schritt der Selbsterkenntnis. Erkenntnis der Familie, Rasse ist der zweite Schritt. Bei dem Menschen, der in seinen Gefühls- und Willensimpulsen versucht, frei zu werden von dem, in das er hineingestellt ist, in Volk, Rasse, Familie und so weiter, bei ihm sieht das hellseherische Bewußtsein nicht nur, wie die Aura weiter wird, sondern auch wie sie in sich beweglicher wird, Vibrationen erhält, während sie früher tot war, unbeweglich. Nun, damit ist ja schon gesagt, daß - allerdings nicht unmittelbar, aber in einer gewissen Weise - dasjenige, was wir besondere Färbungen und Fähigkeiten nennen, mit dieser Vererbungslinie zusammenhängt.

[ 9 ] As grotesque as it may sound to many—understanding one’s surroundings is the first step toward self-knowledge. Understanding one’s family and race is the second step. In the case of a person who, through the impulses of their emotions and will, attempts to free themselves from the context into which they have been placed—be it a people, a race, a family, and so on—clairvoyant consciousness perceives not only how the aura expands, but also how it becomes more mobile within itself, taking on vibrations, whereas before it was lifeless and immobile. Well, this already indicates that—though not directly, but in a certain way—what we call specific characteristics and abilities is connected to this hereditary line.

[ 10 ] Wie können wir uns nun erheben über dasjenige, was so die Bestimmungsgründe, die Ursachen des inneren Gefüges des Selbst sind? Es ist noch nicht viel erreicht für den Menschen, wenn er sich auf diese Weise erkennt. In bezug auf seine Talente und Fähigkeiten wird in der Regel nicht viel getan sein, wenn sich der Mensch nur eine Vorstellung über Abstammung und Vererbungslinie bildet, da wird er nicht zu einem Herausgehen kommen. Hier kann nur die geisteswissenschaftliche Erfahrung sprechen. Es handelt sich darum, daß aus der geisteswissenschaftlichen Erfahrung gegeben werde das, was den Menschen unabängig macht von Talenten und Fähigkeiten. Dieses Heilmittel sieht dem, was es erreichen soll, gar nicht ähnlich, doch ist es das Heilmittel: Wenn der Mensch versucht, ein warmes, inniges Gefühl sich anzueignen für das, was ihn zunächst wenig interessiert, für das, was ihm Mühe macht, sich dafür zu interessieren, und namentlich, wenn er sein Interesse vielseitig macht, dann wird er seine Individualität aus den ererbten Fähigkeiten herausarbeiten.

[ 10 ] How, then, can we rise above those very factors that determine and shape the inner structure of the self? A person has not yet achieved much by coming to know himself in this way. As far as one’s talents and abilities are concerned, generally little will have been accomplished if one merely forms an idea about ancestry and hereditary lineage; one will not be able to transcend this. Here, only spiritual scientific experience can speak. The point is that spiritual scientific experience must provide what makes a person independent of talents and abilities. This remedy does not resemble at all what it is intended to achieve, yet it is the remedy: When a person tries to cultivate a warm, heartfelt feeling for what initially interests them little—for what they find difficult to take an interest in—and especially when they broaden their interests, then they will develop their individuality out of their inherited abilities.

[ 11 ] Der erste Schritt, die Erkenntnis der Umgebung, wird verhältnismäßig bald vollzogen sein; der zweite - dieses Sich-Erziehen - bildet nur langsam die Talente um. Ja, es muß sogar darauf aufmerksam gemacht werden, daß zuweilen für diese Inkarnation verzichtet werden muß darauf, daß ein Umschaffen der Talente vollzogen werde, aber der Weg wird eingeleitet, und es ist außerordentlich wichtig, daß wir das wirklich versuchen. Dann wird sich dem hellseherischen Bewußtsein sehr bald zeigen, wie die Aura in sich beweglich wird, wie sie vibrierend wird. Wir werden wenigstens in den ersten Anfängen eine Umwandlung unserer eigenen Natur sehen. In dieser nach und nach erfolgenden Selbsterziehung ergibt sich dann ganz von selbst dasjenige, was wir eine unpersönliche Selbsterkenntnis nennen können.

[ 11 ] The first step—becoming aware of one’s surroundings—will be accomplished relatively quickly; the second—this process of self-education—transforms one’s talents only slowly. Indeed, it must even be pointed out that sometimes, for the sake of this incarnation, one must forgo a complete transformation of one’s talents; yet the path is set in motion, and it is extraordinarily important that we truly strive toward this. Then the clairvoyant consciousness will very soon perceive how the aura becomes dynamic within itself, how it begins to vibrate. We will see, at least in the very beginning, a transformation of our own nature. In this gradual process of self-education, what we might call an impersonal self-knowledge then arises quite naturally.

[ 12 ] Nun kommen wir zum dritten wichtigen Gebiete. Wir kommen nun dazu, dasjenige an unserem Selbst zu betrachten, was dieses Selbst auslebt dadurch, daß es in einem Astralleibe steckt, in dem Träger von Lust und Schmerz, von Leidenschaften und so weiter. Dieser Astralleib ist im traumlosen Schlaf aus dem physischen und Ätherleibe herausgehoben. Der gewöhnliche Mensch hat den Astralleib niemals bewußt abgetrennt vom physischen und Ätherleibe. Das hellseherische Bewußtsein kann es, aber das normale Bewußtsein kann es nicht. Welches Gesetzmäßige in der Menschennatur wird nun gerade sein Charakteristisches in dem astralen Leibe ausleben? Da lebt dasjenige im Selbst sich aus, was wir nennen das Karma, dasjenige, was Eigenart des Selbst oder der Individualität ist, was nicht nur in der Vererbungslinie sich fortentwickelt, sondern was von Inkarnation zu Inkarnation geht, was also zusammenhängt mit eigenen Taten, mit den eigenen Erlebnissen der Seele durch Inkarnationen hindurch. Was der Mensch erlebt durch seine Körper, das also, was als ein Gesetz von Ursache und Wirkung rein geistiger Art sich auslebt, das kommt bei der dritten Stufe der Selbsterkenntnis in Betracht.

[ 12 ] Now we come to the third important area. We now come to consider that aspect of our self which manifests itself through the astral body—the vehicle of pleasure and pain, of passions, and so on. During dreamless sleep, this astral body is separated from the physical and etheric bodies. The ordinary person has never consciously separated the astral body from the physical and etheric bodies. Clairvoyant consciousness can do this, but normal consciousness cannot. Which aspect of human nature, governed by natural laws, will now manifest its characteristic features in the astral body? It is there that what we call karma plays out within the Self—that which is the distinctive nature of the Self or individuality, which not only develops through the line of inheritance but also passes from incarnation to incarnation, and is thus connected to one’s own deeds and the soul’s own experiences throughout incarnations. What a person experiences through their bodies—that is, what plays out as a law of cause and effect of a purely spiritual nature—comes into consideration at the third stage of self-knowledge.

[ 13 ] Es fragt sich nun: Kann der Mensch etwas tun, um auf diesem Gebiete zu einer Selbsterkenntnis zu kommen? Ich konnte bei einer Fragenbeantwortung darauf hindeuten, wie schwierig es im jetzigen Menschheitszyklus ist, auch nur zu begreifen, wie die Wirkung des Karma ist. Ich habe gesagt, es sei beispielsweise in dem Karma eines Menschen vorgezeichnet, daß er in einer Zeit, etwa in vierzehn Tagen, eine Reise machen muß. Nun nimmt er sich aber vor, daß er in drei Wochen etwas tun müsse, weil er das Karma nicht schaut, weil er nichts davon weiß. Dazu nun richtet er alles, bis er die Nachricht erhält, daß er die Reise jetzt unternehmen muß. Nun kommen die zwei Richtungslinien miteinander in Kollision. Das, was er getan hat, kommt in Widerspruch mit seiner Karmalinie. Sie sehen daraus, daß sich dem Karma immer Neues angliedert. Dadurch verstärken und verketten sich die Karmalinien. Damit nun soll gesagt sein, daß der Mensch in seiner normalen Entwickelung den Weg des Selbst, des Ich, schwer ermessen kann, insofern diese Karmaverkettung in Betracht kommt; denn wenn er nicht ein hellseherisches Bewußtsein von einer hohen Entwickelung hat, kann er nicht wissen, was in seinem Karma liegt.

[ 13 ] The question now arises: Can a person do anything to gain self-knowledge in this area? In answering a question, I was able to point out how difficult it is in the current cycle of humanity to even comprehend the effect of karma. I said, for example, that it is predetermined in a person’s karma that he must take a trip at a certain time—say, in about fourteen days. But he resolves to do something in three weeks because he does not see his karma; he knows nothing about it. He then arranges everything accordingly until he receives the news that he must undertake the trip now. Now the two courses of action collide with one another. What he has done contradicts his karmic path. From this you can see that new elements are constantly being added to karma. As a result, the karmic paths intensify and become intertwined. This is to say that, in his normal development, a person can hardly fathom the path of the Self, of the “I,” insofar as this chain of karma is concerned; for unless he possesses a clairvoyant consciousness of a high degree of development, he cannot know what lies within his karma.

[ 14 ] Nun handelt es sich darum: Kann im normalen Leben Selbsterkenntnis bis zu diesem Punkte errungen werden? Da muß ich Ihnen nun gleich jenes Mittel angeben, welches die geisteswissenschaftliche Erfahrung uns gibt, welches dem Menschen sozusagen möglich macht, dasjenige nicht zu übersehen, was karmisch richtig ist, und in einem gewissen Momente das Richtige zu vollziehen. Es ist eine ganz falsche Auffassung, der man zeitweilig begegnet, nämlich, daß der Mensch durch das Karma unfrei sei. Karma macht nicht unfrei. Eben vermöge seiner Freiheit kann der Mensch alle Augenblicke etwas tun, was Karma erzeugt. Das Karma schließt also nicht aus, daß die karmische Linie verwoben, hin und her verknüpft werden kann. Kann nun der Mensch etwas tun, um sich in eine gewisse Beziehung zu seinem Karma zu stellen, in einer Weise, daß er diesem Karma nicht gar zu sehr entgegenwirkt und dadurch neue Ursachen legt, die ihn statt vorwärts nur zurück bringen? Da gibt es eines, was so wirkt, daß der Mensch immer mehr und mehr in die Richtung hineinkommt, die seine Karmalinie einhalten will, und zwar gibt es da etwas, was in den Kreisen, die die anthroposophische Weltanschauung pflegen, ja immer geübt und besprochen wird. Es ist gerade dasjenige, was sich als Gesinnung in der Seele ergibt unter dem Einfluß einer Weltanschauung wie die anthroposophische. Das ist dasjenige, was den Menschen in das Karma immer mehr hineinbringt. Wir müssen uns in der anthroposophischen Weise richtig einstellen; die Bequemlinge, die nur davon sprechen, daß der Mensch sich in sich vertiefen soll, den Gott in sich suchen soll, werden den Menschen wenig weiter führen auf seiner Bahn, sondern dasjenige gerade bringt ihn weiter, was ihn von seiner Person wegführt, was ihm eine Weltanschauung gibt, die ihm übersinnliche Weltanschauung möglich macht. Alles, was uns in der Anthroposophie geboten wird, läßt uns hineinschauen in die übersinnlichen Geschehnisse. Zunächst kann der Mensch wohl nicht selbst Hellseher sein; er muß hinnehmen, was ihm von hellseherischen Forschern gesagt wird. Es ist auch nicht geradezu notwendig, daß er Hellseher sein muß, geradesowenig wie einer gleich das Teleskop oder Mikroskop zur Hand nehmen muß. Dasjenige, was der Forscher auf diesem Gebiete mitteilt, ist durchaus durch eine vorurteilslose Logik zu erfassen. Der Mensch muß sich sozusagen selbst zu einem Instrumente machen, um selbst auf übersinnlichem Gebiete forschen zu können; eingesehen kann aber alles werden, ohne daß man selbst ein Instrument werden muß.

[ 14 ] The question now is: Can self-knowledge be attained to this extent in everyday life? Here I must immediately point out to you the means provided by spiritual scientific experience, which makes it possible, so to speak, for a person not to overlook what is karmically right and to carry out what is right at a certain moment. It is a completely mistaken view, one that is occasionally encountered, namely, that human beings are unfree because of karma. Karma does not make one unfree. Precisely by virtue of their freedom, human beings can do something at every moment that creates karma. Karma, therefore, does not preclude the possibility that the karmic line can be interwoven and linked back and forth. Can a person do anything to position themselves in a certain relationship to their karma—in such a way that they do not counteract this karma too strongly and thereby create new causes that, instead of moving them forward, only hold them back? There is one thing that works in such a way that a person moves more and more in the direction that their karmic line intends, and indeed, there is something that is constantly practiced and discussed in circles that cultivate the anthroposophical worldview. It is precisely that which arises as a disposition in the soul under the influence of a worldview such as the anthroposophical one. This is what draws a person ever more deeply into their karma. We must attune ourselves properly in the anthroposophical way; the complacent souls who speak only of how a person should delve into themselves, should seek God within themselves, will lead people little further along their path; rather, it is precisely that which leads them away from their own person—that which gives them a worldview that makes the supersensible possible—that carries them forward. Everything offered to us in anthroposophy allows us to look into supersensible events. At first, a person cannot, of course, be a clairvoyant themselves; they must accept what is told to them by clairvoyant researchers. Nor is it strictly necessary for them to be a clairvoyant, any more than one must immediately pick up a telescope or a microscope. What the researcher in this field communicates can certainly be grasped through unbiased logic. A person must, so to speak, make himself an instrument in order to be able to conduct research in the supersensible realm; yet everything can be understood without one’s having to become an instrument oneself.

[ 15 ] Wenn so der Anthroposoph sich ein Bild macht, wie es in den höheren Welten aussieht, wie es zugeht hinter den sinnlichen Tatsachen, dann bleibt das nicht ohne Wirkung für sein ganzes Gemütsund Empfindungsleben. Das müssen wir uns einmal recht in die Seele sprechen, daß wir uns nicht hingeben der bequemen Ausrede: es komme nicht darauf an, daß man viel lerne, sondern daß man diese oder jene moralischen Prinzipien habe. - Es ist einmal so, daß in der anthroposophischen Geisteswissenschaft das Lernen nicht erspart werden kann und daß derjenige auf dem Holzwege ist, der sagt: Was kümmert mich jene Theorie von höheren Welten und so weiter? Gewiß kommt es auf die anthroposophische Gesinnung an; das ist eine selbstverständliche Bedingung; aber so wie ein Ofen das Zimmer warm macht, wenn er geheizt wird, weil Brennmaterial hineingelegt und entzündet worden ist, so auch ist es mit dem Menschen. Aber wenn Sie dem Ofen nur predigen, nur sagen: Lieber Ofen, deine Pflicht ist, das Zimmer warm zu machen -, so wird er das Zimmer nicht wärmen. Predigen Sie den Menschen immer nur, es sei ihre Pflicht zu lieben und so weiter, so wird wenig daraus werden. Es nützt wenig, daß wir uns als Moralprediger hinstellen, denn alles Moralpredigen läßt die Menschheit so, wie sie ist. Wenn Sie den Ofen heizen, macht er das Zimmer warm. Geben Sie ihm die Feuerung, dann wird sie die Veranlassung zur Wärme des Zimmers werden. Geben Sie dem Menschen die Weltanschauung, die ihm die Anthroposophie geben kann über die übersinnlichen Tatsachen, dann folgt dasjenige, was im ersten Grundsatz der Theosophischen Gesellschaft enthalten ist - die allgemeine Verbrüderung -, ganz notwendig. Anthroposophische Gesinnung muß sein, aber das immer zu wiederholen, hilft nichts. Sie tritt sicher auf in der Gestalt, als welche sie wirksam ist für die Welt, wenn sich die Erkenntnis der höheren Welt, die übersinnliche Welterkenntnis erschließt. Wie die Pflanzen sich der einen Sonne erschließen, ebenso streben alle, die nach dieser Welterkenntnis streben, der einen Zentralsonne zu, und alle die anderen Folgen ergeben sich von selbst. So ist anthroposophische Gesinnung, wie sie sich aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis ergibt.

[ 15 ] When the anthroposophist forms a picture of what the higher worlds are like, of what goes on behind sensory reality, this does not fail to have an effect on his entire emotional and sensory life. We must take this to heart once and for all, so that we do not succumb to the convenient excuse: it does not matter whether one learns much, but rather that one holds to this or that moral principle. — The fact is that in anthroposophical spiritual science, learning cannot be dispensed with, and anyone who says: “What do I care about that theory of higher worlds and so on? Certainly, the anthroposophical attitude is what matters; that is a self-evident condition; but just as a stove warms the room when it is heated—because fuel has been placed inside and set alight—so it is with human beings. But if you merely preach to the stove, merely say, “Dear stove, your duty is to warm the room”—it will not warm the room. If you always just preach to people that it is their duty to love and so on, little will come of it. It is of little use for us to set ourselves up as moral preachers, for all moral preaching leaves humanity just as it is. When you stoke the stove, it warms the room. If you feed it fuel, that will be the cause of the room’s warmth. If you give people the worldview that anthroposophy can offer regarding supersensible realities, then what is contained in the first principle of the Theosophical Society—universal brotherhood—will follow quite naturally. An anthroposophical attitude is necessary, but merely repeating this over and over again is of no help. It will certainly manifest itself in the form in which it is effective for the world when knowledge of the higher world—super-sensory knowledge of the world—is revealed. Just as plants turn toward the one sun, so too do all who strive for this knowledge of the world turn toward the one central sun, and all other consequences follow of their own accord. Thus is the anthroposophical attitude, as it arises from spiritual scientific knowledge.

[ 16 ] Das ist dasjenige, was dem Menschen möglich macht, im Sinne seines Karma dann von selbst zu leben. Es handelt sich also nunmehr darum, daß der Mensch dazu kommt, die anthroposophische Lehre in die Tatsachen umzusetzen. Es ist notwendig, soll Karma nicht eine abstrakte Idee bleiben, soll sie wirksam werden, daß man daran geht, diese Karmaidee probeweise in das Leben einzuführen, probeweise wenigstens, weil man schon der Mannigfaltigkeit und der Unruhe unseres alltäglichen Lebens wegen nicht ständig in Selbstbeobachtung bleiben kann. Es ist not wendig, daß man sich die Frage vorlegt, was heißt das: karmisch denken?

[ 16 ] This is what enables a person to live in accordance with their karma of their own accord. The task now, therefore, is for people to begin putting the anthroposophical teachings into practice. If karma is not to remain an abstract idea but is to become effective, it is necessary to begin introducing this idea of karma into life on a trial basis—at least on a trial basis—because, given the diversity and turmoil of our everyday lives, we cannot remain in a state of constant self-observation. It is necessary to ask ourselves: What does it mean to think karmically?

[ 17 ] Nehmen wir einen radikalen Fall als Beispiel an: Jemand hat einem anderen - mir zum Beispiel - eine Ohrfeige versetzt. Was heißt in einem solchen Falle «karmisch denken»? Ich war in einem früheren Leben da, der andere auch. Ich habe vielleicht damals, in dem früheren Leben, ihm zu seiner jetzigen Handlungsweise die Ursache gegeben, ihn dazu gedrängt, ihn erst gleichsam abgerichtet dazu. Ich will nicht theoretisieren, ich will eine Hypothese aufstellen, die eine Lebenshypothese werden soll. Gibt er mir nun den Schlag, wenn ich so denke? Nein, er gibt ihn mir gar nicht. Ich selbst gebe ihn mir, denn ich habe ihn selbst dahin gestellt auf den Platz, ich habe die Hand, die er gegen mich aufhob, selbst erhoben.

[ 17 ] Let’s take a radical case as an example: Someone has slapped another person—me, for example. What does it mean to “think karmically” in such a case? I was there in a past life, and so was the other person. Perhaps back then, in that past life, I provided the cause for his current behavior—I urged him on, so to speak, and even trained him for it. I don’t want to theorize; I want to propose a hypothesis that will become a hypothesis of life. Does he strike me now, if I think this way? No, he doesn’t strike me at all. I inflict it upon myself, for I have placed him there myself; I have raised the very hand that he raised against me.

[ 18 ] Nunmehr kann das Weitere nur die Erfahrung geben, und die gibt folgendes: Wenn der Mensch versucht, ernsthaft so die Karmaidee ins Auge zu fassen, ab und zu solch eine Frage zu stellen, in vollem Ernste und in voller Würde, wird er tatsächlich sehen, daß er einen Erfolg davon hat. Das kann Ihnen kein Mensch beweisen. Sie müssen es sich selbst beweisen, indem Sie es tun. Da werden Sie sehen, daß tatsächlich Ihr inneres Leben ein ganz anderes wird, Sie bekommen ganz andere Gefühle, Willensimpulse über das Leben, und ein ganz anderes inneres Leben zeigt seine Konsequenzen; es wird sich zeigen an einer ganz anderen Stelle. Wo Sie großen Schmerz, Enttäuschungen erfahren hätten, nehmen Sie den Schmerz ruhig hin; Sie sind äquilibriert deswegen, weil Sie das so getan und gedacht haben. Es tritt die Folge ein, daß über das ganze Seelenleben eine merkwürdige Ruhe kommt, eine Art gesetzmäßigen Erfassens der Geschehnisse, keineswegs eines fatalistischen.

[ 18 ] From here on, only experience can provide further insight, and it reveals the following: When a person seriously attempts to grapple with the concept of karma in this way—asking such a question from time to time, with complete sincerity and dignity—he will indeed see that he benefits from it. No one can prove this to you. You must prove it to yourself by doing it. Then you will see that your inner life actually becomes quite different; you will experience entirely different feelings and impulses of will regarding life, and a completely different inner life will reveal its consequences—it will manifest itself in an entirely different way. Where you would have experienced great pain and disappointment, you will calmly accept the pain; you are balanced because you have acted and thought in this way. The result is that a remarkable calm descends upon your entire inner life—a kind of lawful comprehension of events, by no means a fatalistic one.

[ 19 ] Das ist auch der Weg, den man einschlagen muß, wenn man nach und nach die Karmaidee, das Wahrhalten dieser Idee zur Gewißheit ausbilden will. Gegen die Karmaidee läßt sich streiten. Wer Gründe vorbringen will, der kann es. Man kann auch theoretisch so etwas nicht beweisen, sondern nur durch die Probe, und da gibt Ihnen die Erfahrung dasjenige, was dabei herauskommt. Die Erfahrung gibt, wenn sie intensiv wird, die Mittel, Karma zunächst zu begreifen. Dann merkt man aus der Gruppierung der Dinge, daß es wirklich etwas ist, was in den Dingen liegt, so wie man merkt, ob man ein Phantasiebild hat, oder ob man die Wirklichkeit des Bügelstahls hat, wenn man ihn angreift. So muß die Erfahrung selbst jene Zusammenfassung der Tatsachen des Lebens geben, wodurch wir nach und nach unsere Willkür, unsere inneren Willensimpulse eingliedern in unser Karma. Diese Arbeit unseres Lebens, die kompliziert ist, ist etwas, was zu den besten Mitteln zur Erreichung einer dritten Stufe der wahren Selbsterkenntnis gehört. Dadurch lernen Sie nach und nach fühlen, was der Niederschlag im gegenwärtigen aus dem früheren Leben ist.

[ 19 ] This is also the path one must take if one wishes to gradually develop the idea of karma—and the belief in this idea—into certainty. One can argue against the idea of karma. Anyone who wants to present arguments can do so. Such a thing cannot be proven theoretically, but only through testing, and experience will reveal the outcome. When experience becomes intense, it provides the means to grasp karma initially. Then, from the way things are grouped together, one realizes that there really is something inherent in them—just as one realizes whether one is holding a figment of the imagination or the reality of a piece of iron when one touches it. Thus, experience itself must provide that synthesis of life’s facts through which we gradually integrate our arbitrariness and our inner impulses of will into our karma. This work of our lives, though complicated, is one of the best means of attaining a third stage of true self-knowledge. Through it, you gradually learn to sense what in your present life is the repercussion of your past life.

[ 20 ] Diese Erkenntnis ist nicht so billig wie ein Hineinbrüten, weil sie doch wieder erst von der Umgebung zu sich kommen muß. Es handelt sich vor allem darum, aus sich herauszugehen, selbst bei der höchsten Selbsterkenntnis, die Welterkenntnis ist. Fichte hat gesagt: Die meisten Menschen würden sich lieber für ein Stück Lava im Monde, als für ein Ich halten. - Da lernt man das Ich mehr in seinem punktuellen Dasein, mehr als einen Punkt kennen. Dieses Ich erkennt man als ein punktuelles Abbild der ganzen Welt. In diesem Sinne ist Selbsterkenntnis, wenn man will, Gotteserkenntnis, nicht im pantheistischen Sinne, sondern wie ein Tropfen von gleicher Substanz und Wesenheit ist mit dem ganzen Meere. Und wie er infolge der Wesensgleichheit das Wesen und die Art des ganzen Meeres erkennen läßt, so ist der Mensch von dem gleichen Wesen mit der Gottheit, die er erkennen kann; aber keinem würde es einfallen, den Tropfen für das Meer zu erklären. Wir können Substanz und Wesenheit des Göttlichen wie die des Meeres aus dem Tropfen erkennen, aber kein Mensch wird sich vermessen zu sagen, mir genügt die Erkenntnis des Tropfens; und sicher wird jeder sagen, mir ist es zu tun um die Erkenntnis des Meeres, und das geschieht, wenn Sie darauf herumfahren. Sie lernen also insbesondere das Göttliche erkennen, wenn Sie den Tropfen des Göttlichen in sich, in Ihrem Inneren erfassen, aber Sie lernen dasjenige, wovon das in Ihrem Inneren wieder nur ein Tropfen oder Funke ist, nicht anders kennen, als indem Sie sich selbstlos in die großen übersinnlichen Welten in höchster Art vertiefen. Wollen wir uns selbst erkennen, müssen wir ganz aus uns herausgehen und müssen die übersinnlichen Welten in der allertiefsten Art erforschen.

[ 20 ] This insight is not as simple as brooding over it, because it must still come from the environment. Above all, it is a matter of stepping outside oneself—even at the highest level of self-knowledge, which is knowledge of the world. Fichte said: Most people would rather consider themselves a piece of lava on the moon than an “I.”—There, one comes to know the “I” more in its punctate existence, more than just a point. One recognizes this “I” as a punctate reflection of the entire world. In this sense, self-knowledge is, if you will, knowledge of God—not in the pantheistic sense, but like a drop that is of the same substance and essence as the entire sea. And just as the drop, by virtue of this essential sameness, reveals the essence and nature of the entire sea, so too is man of the same essence as the divinity he can perceive; but it would never occur to anyone to declare the drop to be the ocean. We can recognize the substance and essence of the Divine, just as we do that of the ocean, from the drop, but no one would presume to say, “Knowledge of the drop is enough for me”; and surely everyone would say, “What matters to me is knowledge of the ocean,” and that happens when you sail across it. You therefore learn to recognize the Divine in particular when you grasp the drop of the Divine within yourself, in your innermost being; but you cannot come to know that of which what is within you is again only a drop or a spark, except by immersing yourself selflessly in the great supersensible worlds in the highest possible way. If we wish to know ourselves, we must step completely outside of ourselves and explore the supersensible worlds in the deepest possible way.

[ 21 ] Für die dritte Stufe möge das von Reinkarnation und Karma Gesagte genügen. Für die höchste Selbsterkenntnis müssen wir erringen die Erkenntnis des großen kosmischen Zusammenhanges unserer Erde; denn wir sind ein Teil unserer Erde, wie ein Finger ein Teil des ganzen Organismus ist. Der Finger gibt sich nicht der Illusion hin, daß er eine selbständige Wesenheit ist; schneiden Sie ihn ab, und er ist kein Finger mehr. Könnte er auf ihrem Organismus herumgehen, dann könnte er sich wie der Mensch der Illusion hingeben, daß er ein selbständiger Organismus sei. Der Mensch bedenkt nicht, daß, wenn Sie ihn einige Meilen über die Erde hinaufheben, er kein Mensch mehr ist. Der Mensch ist ein Glied im Erdorganismus, die Erde wieder ein Glied im Kosmos. Dies können wir nur erschauen, wenn wir den Grund des kosmischen Zusammenhanges erfassen. Alles Nachdenken über das Selbst ohne umfassende Welterkenntnis, ohne zu begreifen, wie das Ich alle vorhandengewesenen Ereignisse brauchte, ist umsonst; ohne das zu überblicken, können wir nicht zu einer Erkenntnis gelangen, auch nicht des Ich-Selbst. Wir kommen zu einer Erkenntnis des Tag-Ich, wenn wir die Umgebung nach Wann und Wo untersuchen. Die Erkenntnis, wie sich das Ich im Ätherleibe auslebt, finden wir, wenn wir die Vererbungslinie betrachten. Die Erkenntnis, wie das Ich sich im Astralleibe auslebt, finden wir, wenn wir das Karma leben, und die letzte Erkenntnis, wenn wir uns Welterkenntnis verschaffen; denn da ist ausgebreitet, was zusammengedrängt im punktuellen Ich des Menschen ist. Welterkenntnis ist Selbsterkenntnis.

[ 21 ] For the third stage, what has been said about reincarnation and karma should suffice. For the highest self-knowledge, we must attain an understanding of the great cosmic connection of our Earth; for we are a part of our Earth, just as a finger is a part of the whole organism. The finger does not succumb to the illusion that it is an independent entity; cut it off, and it is no longer a finger. If it could walk around on your organism, then it could, like a human being, succumb to the illusion that it is an independent organism. Human beings do not consider that if you lift them a few miles above the Earth, they are no longer human beings. Human beings are a link in the Earth’s organism, and the Earth, in turn, is a link in the cosmos. We can only perceive this if we grasp the basis of the cosmic connection. All reflection on the self without a comprehensive understanding of the world—without comprehending how the “I” has needed all past events—is in vain; without this overview, we cannot arrive at any insight, not even regarding the “I”-self. We come to an understanding of the daytime “I” when we examine our surroundings in terms of when and where. We find the understanding of how the “I” expresses itself in the etheric body when we consider the line of heredity. We gain insight into how the “I” expresses itself in the astral body when we live out our karma, and the ultimate insight when we acquire knowledge of the world; for there is spread out what is condensed within the human being’s point-like “I.” Knowledge of the world is self-knowledge.

[ 22 ] Wenn Sie sich dasjenige genau vor die Seele führen, was in den Aufsätzen «Aus der Akasha-Chronik» über die Entwickelung der Erde geschildert wird, was scheinbar ganz fremd für die Seele ist, wie es zuletzt mit Notwendigkeit zur heutigen Konfiguration hinführt, dann haben Sie Selbsterkenntnis durch Welterkenntnis! So führt uns die Selbsterkenntnis immer weiter und weiter aus uns heraus, immer zum Unpersönlichen. Wie durch Anwendung des Karma im Leben die Aura heller und lichter wird, so wird durch die eigentliche Erkenntnis der kosmischen Zusammenhänge die Aura kraftvoller und fähig, aus sich heraus ursprünglich freie Impulse zu schaffen. Hier kommen Sie zur Lösung der Frage nach Freiheit und Unfreiheit. Denn Freiheit ist ein Entwickelungsprodukt, und man gelangt zu ihr immer mehr, je mehr man zur Selbsterkenntnis gelangt. Dann kommt man durch eine solche Übung der Selbsterkenntnis im geschilderten Sinne dazu, mancherlei auf dem geisteswissenschaftlichen Felde im richtigen Sinne zu erfassen, sich in die anthroposophische Geistesströmung hineinzufühlen. Mancherlei spukt als Kinderkrankheit in der anthroposophischen Bewegung, das wegfallen muß, namentlich wenn einmal solche Dinge begriffen worden sind, wie sie als Anweisung zur Selbsterkenntnis gegeben wurden. Es wird die unpersönliche Art der anthroposophischen Erkenntnis immer besser erkannt werden. Sie ist ja errungen dadurch, daß sie von denjenigen Forschern gewonnen worden ist, welche nicht allein ihre Seele umgestaltet haben als Instrument der Selbsterkenntnis, sondern auch sie entwickelt haben - wie eben heute erzählt worden ist -, die also dazu gekommen sind, unpersönlich zu erzählen, was die höheren Welten darbieten. Ein erster Grundsatz, der gewonnen werden soll, ist der alte, schöne Grundsatz des griechischen Weisen: Wer zur Wahrheit kommen will, darf der eigenen Meinung nicht achten. - Daher werden Sie die Erfahrung machen, daß derjenige, der wirklich auf geisteswissenschaftlichen Wegen erfahren ist, sagt: Ja, mit Meinungen kann ich nicht dienen; ich kann Beschreibungen geben von Erfahrungen, nicht Regulationsprinzipien, keine Postulate des Handelns, und solche Beschreibungen sollen als Lehren einfließen in die Theorie der Geisteswissenschaft. - Meinungen und Standpunkte muß sich der Geisteswissenschafter abgewöhnen. Er hat keinen Standpunkt, weil alle Anschauungen sind wie Bilder, die von verschiedenen Standpunkten aus entstehen, und die so verschieden sind wie die Menschen, welche die Welt von den verschiedensten Seiten anschauen. Von einer Seite ist das Bild von materialistischer Anschauung, dann von anderen Seiten von einer spirituellen, einer mechanistischen, vitalistischen Anschauung. Das alles sind Anschauungen. Sie nicht nur theoretisch zu erkennen, sondern so zu leben mit einer Weltanschauung, daß sich alle Anschauungen wie Bilder von verschiedenen Seiten ausnehmen, das ist die innere Toleranz, um die es sich handelt. Es soll nicht Meinung und Meinung sich bekämpfen. Dann ergibt sich die innere und aus dieser die äußere Toleranz, die wir brauchen, wenn die Menschheit ihrem Heile in der Zukunft entgegengehen will.

[ 22 ] If you bring to mind exactly what is described in the essays “From the Akashic Records” regarding the evolution of the Earth—which may seem entirely foreign to the soul—and how this ultimately and inevitably leads to today’s configuration, then you will gain self-knowledge through knowledge of the world! In this way, self-knowledge leads us farther and farther out of ourselves, always toward the impersonal. Just as the aura becomes brighter and more luminous through the application of karma in life, so too does it become more powerful through the true understanding of cosmic interrelationships, enabling it to generate impulses that are inherently free from within itself. Here you arrive at the solution to the question of freedom and bondage. For freedom is a product of development, and the more one attains self-knowledge, the more one attains freedom. Then, through such an exercise in self-knowledge in the sense described, one comes to grasp various aspects of the field of spiritual science in the correct sense and to empathize with the anthroposophical spiritual current. Various issues persist as “teething problems” in the anthroposophical movement that must be eliminated, especially once such things have been understood as they were intended—as instructions for self-knowledge. The impersonal nature of anthroposophical knowledge will be recognized more and more clearly. After all, it has been attained through the work of researchers who have not only transformed their souls into instruments of self-knowledge but have also developed them—as was just described today—and who have thus come to describe, in an impersonal way, what the higher worlds reveal. A fundamental principle to be grasped is the old, beautiful principle of the Greek sage: Whoever wishes to arrive at the truth must not attach importance to his own opinion. — Therefore, you will find that those who are truly experienced in the paths of spiritual science say: Yes, I cannot offer opinions; I can provide descriptions of experiences, not regulatory principles, no postulates for action, and such descriptions should flow into the theory of spiritual science as teachings. - The spiritual scientist must unlearn opinions and fixed viewpoints. He has no fixed viewpoint, because all perspectives are like images that arise from different viewpoints and are as varied as the people who view the world from the most diverse angles. From one angle comes the image of the materialistic perspective; from other angles, a spiritual, a mechanistic, or a vitalistic perspective. These are all perspectives. To not only recognize them theoretically, but to live with a worldview such that all perspectives appear as images seen from different sides—that is the inner tolerance at stake here. Opinions should not be pitted against one another. Then inner tolerance arises, and from this, the outer tolerance we need if humanity is to move toward its salvation in the future.

[ 23 ] Auch muß besonderer Wert auf die Einsicht gelegt werden, daß dasjenige, was an Ideen durch die anthroposophische Weltströmung fließt, ein Produkt des Unpersönlichen ist. Dadurch wird man dahin kommen, eines auszuschalten aus der anthroposophischen Bewegung in dem Sinne, wie es in den früheren Zeiten und auch noch heute da ist: Autorität im schlimmen Sinne. Nennen wir das Mikroskop eine Autorität? Es ist eine Notwendigkeit, ein Durchgangspunkt. So müssen auch die Menschen ein Durchgangspunkt werden, aber wir müssen uns erheben zum Unpersönlichen, weil nur durch Menschen in die Welt kommen kann, was kommen soll. Autoritätenglaube ist aus dem anthroposophischen Lexikon zu streichen, und darum gerade gelangen Menschen, die sich in diese Erkenntnis einleben, zu einer Unbefangenheit, so daß sie durch das Persönliche in das Unpersönliche des Weltenganges hineinkommen.

[ 23 ] Special emphasis must also be placed on the understanding that the ideas flowing through the anthroposophical world movement are a product of the impersonal. This will lead us to eliminate one thing from the anthroposophical movement—in the sense that it existed in earlier times and still exists today: authority in the negative sense. Do we call the microscope an authority? It is a necessity, a point of passage. In the same way, human beings must also become a point of passage, but we must rise to the impersonal, because only through human beings can what is meant to come into the world actually come. Belief in authority must be struck from the anthroposophical lexicon, and that is precisely why people who internalize this insight attain a state of impartiality, so that through the personal they enter into the impersonal course of the world.