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Anthroposophy's Response
to Universal Questions
GA 108

13 November 1908, Munich

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Anthroposophy's Response to Universal Questions, tr. SOL
  1. Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen, 3rd ed.

15. Das Bilden von Begriffen und die Kategorienlehre Hegels

15. The Formation of Concepts and Hegel’s Theory of Categories

[ 1 ] Diese Vorträge über Philosophie, von denen der heutige einer ist, betrachten Sie durchaus nur als Episode, als Einschiebsel. Sie sind da, um sozusagen eine Verbindungsbrücke zu bauen zwischen der anthroposophischen Weltbetrachtung und der rein philosophischen. Ich möchte gerade den heutigen Vortrag so gestalten, daß Sie durch einzelne an die Ausführungen angefügte Bemerkungen werden sehen können, wie die Brücke zu schlagen ist zwischen Philosophie und Anthroposophie, und wie gewisse philosophische Erkenntnisse und Begriffe dem Anthroposophen eigentlich dann, wenn er in die Praxis hineintritt, wichtig werden können. Gleich vorausgeschickt sei etwas, was uns nützlich sein wird, um überhaupt das ganze philosophische Begriffsgebäude in einer richtigen Weise in ein Verhältnis zu bringen zu dem, was uns durch übersinnliche Erfahrung als Mitteilung auf dem Wege der Anthroposophie zukommt.

[ 1 ] Please consider these lectures on philosophy—of which today’s is one—merely as an episode, an interlude. They are intended, so to speak, to build a bridge between the anthroposophical worldview and the purely philosophical one. I would like to structure today’s lecture in such a way that, through individual remarks appended to the exposition, you will be able to see how the bridge between philosophy and anthroposophy can be built, and how certain philosophical insights and concepts can actually become important to the anthroposophist when he or she enters into practice. Let me begin by stating something that will be useful to us in properly relating the entire philosophical conceptual framework to what is communicated to us through supersensible experience on the path of anthroposophy.

[ 2 ] Sie haben, gewissermaßen als Vorbereitung zu den heutigen Ausführungen, die Vorträge über elementare Logik hören können, die von mir während der Generalversammlungszeit gehalten worden sind, und viele von Ihnen haben ja eine gute Vorbereitung durch den Kurs, den unser lieber Herr Walther über Erkenntnistheorie und philosophisches Denken abgehalten hat. Das Denken haben wir da erkannt als das Vermögen, mit einer Begriffstechnik sich der Welt gegenüberzustellen, wir haben es in gewisser Beziehung da charakterisiert, wo wir versuchten, eine Idee zu bekommen von der rein formalen Logik. Wir haben da gesehen, wie wir erst dann vom wirklichen Denken sprechen, wenn dieses in Begriffen abläuft, und wir haben damals streng unterschieden zwischen der Wahrnehmung, der Vorstellung und dem Begriff. Wenn solche Unterscheidung denen, die sonst sehr gern und mit Hingebung an anthroposophischen Auseinandersetzungen teilnehmen, schwierig vorkommen sollte, so soll doch zunächst bedacht werden, daß auf dem Boden der Anthroposophie das erwachsen muß, was wir als Verpflichtung zu einem strengen seelischen Arbeiten erkennen müssen, das sich nicht mit zufällig aufgelesenen Begriffen zufriedenstellt, sondern aufsteigen will zu scharfen und energischen Begriffskonturen.

[ 2 ] As a sort of preparation for today’s remarks, you have had the opportunity to attend the lectures on elementary logic that I delivered during the General Assembly session, and many of you have, of course, been well prepared by the course on epistemology and philosophical thinking taught by our dear Mr. Walther. There we recognized thinking as the capacity to engage with the world through a technique of concepts; we characterized it in a certain sense when we attempted to gain an understanding of purely formal logic. We saw there that we can speak of true thinking only when it proceeds in concepts, and at that time we made a strict distinction between perception, representation, and concept. If such a distinction should seem difficult to those who otherwise participate very willingly and with dedication in anthroposophical discussions, one should first consider that, on the foundation of anthroposophy, there must arise what we must recognize as a commitment to rigorous spiritual work—work that is not satisfied with concepts picked up at random, but seeks to ascend to sharp and energetic conceptual contours.

[ 3 ] Wir haben den Begriff selber als etwas kennengelernt, was rein innerhalb unseres Geistes selbst konstruiert wird, und wir haben uns klar gemacht, daß diese Begriffskonstruktion eine Realität, eine Wahrheit ist, daß alle philosophischen Erörterungen auf halbem, vielleicht auf einem viertel Wege stehenbleiben, die in dem Begriff nur eine durch Abstraktion entstehende Abschattierung dessen sehen, was wir als Vorstellung gewinnen. Der Begriff ist etwas, was nicht aus der Vorstellung durch Abstraktion gewonnen wird, sondern der Begriff ist etwas - und das wurde an mathematischen Figuren, am Begriff des Kreises und dem des Dreiecks klargemacht -, das in innerlicher Konstruktion gewonnen wird.

[ 3 ] We have come to understand the concept itself as something that is constructed purely within our own minds, and we have realized that this construction of the concept is a reality, a truth; that all philosophical discussions that view the concept merely as a shade—arising through abstraction—of what we gain as a representation come to a halt halfway, or perhaps a quarter of the way. The concept is not something derived from the representation through abstraction; rather, the concept is something—as was made clear through mathematical figures, such as the concepts of the circle and the triangle—that is arrived at through an inner construction.

[ 4 ] Um nun ein Bild zu bekommen von der Natur des Begriffes und des Begriffssystems, des Organismus unserer Begriffe, stellen wir uns einmal vor, welches Verhältnis diese Begriffswelt einnimmt auf der einen Seite zu der um uns ausgebreiteten Welt des sinnlich Wahrgenommenen, und auf der anderen Seite zu der Wirklichkeit, die durch übersinnliche Beobachtung uns in der Anthroposophie zukommt. Sie können sich das Gefüge, das Netz von Begriffen, das der Mensch hat - von den mathematischen Größen und Zahlenbegriffen angefangen bis zu den komplizierten Begriffen, mit denen Goethe in seiner «Metamorphose» einen Anfang gemacht hat, die aber in unserer abendländischen Kultur noch ganz in den Anfängen ruhen -, Sie können sich dieses ganze Begriffsnetz wie eine Tafel vorstellen, die die Grenze bildet zwischen der sinnlichen Welt auf der einen und der geistigen Welt auf der anderen Seite. So also können wir uns gerade durch das Begriffsnetz begrenzt denken: auf der einen Seite die Sphäre der übersinnlichen und auf der anderen Seite die Sphäre der sinnlichen Wirklichkeit.

[ 4 ] To gain an understanding of the nature of the concept and the conceptual system—the organism of our concepts—let us imagine the relationship this conceptual world has, on the one hand, to the world of sensory perception that surrounds us, and, on the other hand, to the reality that comes to us through supersensible observation in anthroposophy. You can picture the structure, the network of concepts that human beings possess—ranging from mathematical quantities and numerical concepts all the way to the complex concepts that Goethe began to explore in his Metamorphosis, but which are still in their infancy in our Western culture— You can imagine this entire web of concepts as a barrier that forms the boundary between the sensory world on one side and the spiritual world on the other. Thus, we can conceive of ourselves as bounded precisely by this web of concepts: on one side, the sphere of the supersensible, and on the other, the sphere of sensory reality.

[ 5 ] Wenn der Mensch als sinnlicher Beobachter der Dinge sein Auge oder seine anderen Wahrnehmungsorgane bloß richten würde auf die äußere Umwelt, so würde er bloß Vorstellungen erleben. Es war das gezeigt worden an dem Beispiel: Wenn ein Mensch so weit hinausfahren würde auf ein Meer, daß er um sich nichts anderes sieht als die Meeresoberfläche und eine scheinbare Himmelshalbkugel, gestützt auf diese Meeresoberfläche, dann würde er den Kreis, den er als Horizontlinie um sich hat, durch äußere Wahrnehmung gewonnen haben; er würde die Vorstellung des Kreises sich durch äußere Wahrnehmung gebildet haben. Wenn er dagegen keine solche äußere Wahrnehmung hat, sich bloß im Geiste jenes Bild konstruiert, das entsteht, wenn alle Punkte einer Linie, von einem festen Punkte, dem Mittelpunkte, gleich weit entfernt sind, dann hat er - im Gegensatz zur Vorstellung - den Begriff des Kreises. So könnten wir auch andere mathematische Begriffe, zum Beispiel den Begriff des Quadrats, des Dreiecks, des Vierkants, der Ellipse, der Hyperbel und so weiter innerlich konstruieren. Wir könnten noch weiter gehen, und wir könnten uns endlich erheben zu einer wirklichen Erkenntnis der Goetheschen Morphologie, zu den Begriffen der Organik, zum Urtier, zur Urpflanze, deren Begriffe ebenso entstanden sind wie der Begriff des Kreises, und die - wie Goethe sagt ebenso angewendet werden können, wie die mathematischen Formeln.

[ 5 ] If human beings, as sensory observers of things, were to direct their eyes or other organs of perception solely toward the external environment, they would experience nothing but representations. This had been demonstrated using the following example: If a person were to sail so far out to sea that he saw nothing around him but the surface of the sea and an apparent hemisphere of the sky resting upon that surface, then he would have derived the circle surrounding him—which he perceives as the horizon—through external perception; he would have formed the idea of the circle through external perception. If, on the other hand, they have no such external perception but merely construct in their mind the image that arises when all points on a line are equidistant from a fixed point—the center—then they have—in contrast to the mental image—the concept of a circle. In this way, we could also construct other mathematical concepts internally—for example, the concept of the square, the triangle, the quadrilateral, the ellipse, the hyperbola, and so on. We could go even further, and we could finally rise to a true understanding of Goethe’s morphology, to the concepts of organic form, to the primordial animal, to the primordial plant—concepts that arose in the same way as the concept of the circle and which, as Goethe says, can be applied just as effectively as mathematical formulas.

[ 6 ] Wenn der Mensch so an die sinnliche Wirklichkeit herantritt, wird er finden, daß diese sinnliche Wirklichkeit übereinstimmt mit dem, was er sich als Begriff konstruiert hat. Er kann zum Beispiel finden, daß sein innerlich konstruierter Begriff des Kreises zusammenfällt mit dem Kreis, der sich der sinnlichen Beobachtung ergibt durch das Hinausfahren aufs Meer. Er fängt dann an zu verstehen, was sich ihm in der Wahrnehmung darbietet im Vergleich zu dem, was er sich selbst als Begriff gebildet hat. Begriffe werden also nicht durch Wahrnehmung gewonnen. Das ist ein Vorurteil, das heute sehr verbreitet ist. Begriffe werden gewonnen durch innerliche Konstruktion. Der Begriff ist sozusagen dasjenige, wozu der Mensch kommt, gerade wenn er absieht von aller äußeren, sinnlichen Wirklichkeit. Und nun kann er zusammenwirken lassen, was er innerlich konstruiert hat, mit dem, was sich ihm äußerlich als sinnliche Wirklichkeit darstellt. Damit hätten wir fixiert die Stellung des Begriffsnetzes zu der äuReren, sinnlichen Wirklichkeit. Jetzt aber müssen wir uns auch fragen: Wie ist die Stellung unseres Begriffsnetzes zu der übersinnlichen Wirklichkeit? - Zunächst ist es nicht anders als bei der sinnlichen Wirklichkeit. Wenn jemand - durch die öfters hier besprochenen Methoden des Hellsehens - sich die übersinnliche Wirklichkeit eröffnet und nun mit seinen Begriffen an diese Wirklichkeit herantritt, so wird er ebenso dieses Begriffsnetz zusammenfallend finden mit der übersinnlichen Wirklichkeit. Genau ebenso werden die übersinnlichen Tatsachen und Wesen, nur von der anderen Seite her, auf sein Begriffsnetz wirken, und er wird es damit zusammenfallend finden. So daß wir sagen können: Es werfen gewissermaßen die übersinnlichen Wirklichkeiten ihre Strahlen auf das Begriffsnetz, wie auf der anderen Seite die sinnliche Wirklichkeit dies tut. Am Begriffsnetz treffen sich sinnliche und übersinnliche Wirklichkeit.

[ 6 ] When a person approaches sensory reality in this way, he will find that this sensory reality corresponds to the concept he has constructed for himself. For example, they may find that their internally constructed concept of a circle coincides with the circle that presents itself to sensory observation when sailing out to sea. They then begin to understand what is presented to them in perception in comparison to what they have formed for themselves as a concept. Concepts are therefore not derived from perception. This is a prejudice that is very widespread today. Concepts are derived through inner construction. The concept is, so to speak, what a person arrives at precisely when he turns away from all external, sensory reality. And now he can bring into interaction what he has constructed internally with what presents itself to him externally as sensory reality. With this, we have established the relationship of the network of concepts to external, sensory reality. But now we must also ask ourselves: What is the relationship of our network of concepts to supersensible reality? — At first glance, it is no different than with sensory reality. If someone—through the methods of clairvoyance frequently discussed here—opens themselves to supersensible reality and now approaches this reality with their concepts, they will likewise find this conceptual network to coincide with supersensible reality. In exactly the same way, the supersensible facts and beings will act upon his conceptual framework—only from the other side—and he will find it to coincide with them. Thus we can say: In a sense, the supersensible realities cast their rays upon the conceptual framework, just as, on the other side, sensory reality does. Sensory and supersensible reality meet at the conceptual framework.

[ 7 ] Damit haben wir noch nicht die Frage beantwortet, woher in unserer Seele das Begriffsnetz selber kommt. Diese Frage wollen wir heute sozusagen als Tatsache hinstellen, denn die Antwort auf diese Frage kann sich eigentlich nur durch geduldiges Verfolgen des logisch-metaphysischen Weges ergeben, den wir, wenn wir diese Vorträge fortsetzen können, vielleicht noch zusammen gehen können. Wir werden dann immer mehr und mehr in die übersinnliche Realität hineinkommen. Heute wollen wir uns durch ein Bild klarmachen, woher dieses Begriffsnetz, von dem der Mensch weiß, daß er es gewissermaßen im Geiste innerlich spinnt - gestatten Sie den Ausdruck -, woher dieses Begriffsnetz eigentlich stammt. Wir können es uns am besten dadurch klarmachen, wenn wir uns das Bild eines Schattens, der an die Wand geworfen wird, vorstellen. Wenn Sie sehen, daß die Hand ein Schattenbild an die Wand wirft, so werden Sie sagen: Wenn die Hand nicht da wäre, so würde auch das Schattenbild nicht entstehen. Das Schattenbild ist seinem Urbilde ähnlich, aber es hat eine besondere Eigentümlichkeit, es ist eigentlich nichts! Denn gerade weil die Hand das Licht abhält, dadurch, daß an die Stelle des Lichtes das Nicht-Licht tritt, dadurch entsteht das Schattenbild. Also durch Auslöschung das Lichtes durch die Hand entsteht das Schattenbild. Genau ebenso entstehen unsere Begriffe in Wirklichkeit. Wir meinen nur, daß wir sie aus uns herausspinnen. Sie entstehen dadurch, daß hinter unserer denkenden Seele die übersinnliche Wirklichkeit steht und auf diese Seele ihre Schattenbilder wirft. Und der Begriff ist eigentlich nichts anderes als das Auslöschen der übersinnlichen Wirklichkeit auf der Wand unserer Seele. Und weil unsere Begriffe den Urbildern der übersinnlichen Welt ähnlich sind - wie das Schattenbild der Hand seinem Urbilde ähnlich ist -, darum sind die Begriffe etwas, was im Menschen eine Ahnung hervorrufen kann von den übersinnlichen Wirklichkeiten. Daß der Mensch meint, das Begriffsnetz aus sich herauszuspinnen, kommt daher, weil er zunächst keine Anschauung hat von dieser übersinnlichen Welt. Aber sie ist da und wirkt, sie wirft ihre Schattenbilder. Wo sie auftrifft auf die Wahrnehmung des Sinnlichen, da entstehen diese Schattenbilder, und die Begriffe sind nichts anderes als diese Schattenbilder. Wir haben also in den Begriffen keine übersinnliche Wirklichkeit, ebensowenig, wie wir im Schattenbilde der Hand die Hand selbst haben, aber wir haben sozusagen Schattenbilder davon. Damit haben wir das Begriffsnetz sozusagen als die Grenze zwischen sinnlicher und übersinnlicher Wirklichkeit definiert, dabei aber erkannt, daß die Begriffe nicht aus der sinnlichen, sondern aus der übersinnlichen Welt in die Seele einströmen. So ist die Tatsache.

[ 7 ] This does not yet answer the question of where the network of concepts itself comes from within our soul. Today we will, so to speak, treat this question as a given, for the answer to it can really only emerge through patiently following the logical-metaphysical path that we may yet be able to walk together, if we are able to continue these lectures. We will then delve deeper and deeper into the supersensory reality. Today we want to use an image to clarify where this web of concepts—which human beings know they weave, so to speak, inwardly in the mind—where this web of concepts actually comes from. We can best understand this by imagining the image of a shadow cast onto a wall. When you see that a hand casts a shadow on the wall, you will say: If the hand were not there, the shadow would not arise either. The shadow resembles its original form, but it has a peculiar characteristic—it is actually nothing! For it is precisely because the hand blocks the light—by allowing non-light to take the place of light—that the shadow arises. Thus, the shadow image arises through the hand’s obstruction of the light. This is exactly how our concepts actually arise. We merely think that we spin them out of ourselves. They arise because the supersensible reality stands behind our thinking soul and casts its shadow images upon that soul. And the concept is actually nothing other than the projection of the supersensible reality onto the wall of our soul. And because our concepts resemble the archetypes of the supersensible world—just as the shadow of the hand resembles its archetype—concepts are something that can evoke in a person a sense of the supersensible realities. The fact that people believe they spin the web of concepts out of themselves stems from the fact that they initially have no direct perception of this supersensible world. But it is there and at work; it casts its shadows. Wherever it encounters the perception of the sensible world, these shadows arise, and the concepts are nothing other than these shadows. Thus, we do not have a supersensible reality in the concepts, any more than we have the hand itself in the shadow of the hand, but we have, so to speak, shadows of it. We have thus defined the network of concepts, so to speak, as the boundary between sensory and supersensory reality, while at the same time recognizing that concepts flow into the soul not from the sensory world but from the supersensory world. Such is the fact.

[ 8 ] Nun müssen wir uns fragen: Wie kann der Mensch denn eigentlich zu wirklichen Begriffen kommen, auch wenn er keine Anschauung hat von der übersinnlichen Wirklichkeit? Wenn er bloß die äußere sinnliche Wirklichkeit hätte und sie anschauen würde, würde er bloß zu Vorstellungen kommen, niemals zu Begriffen. Begriffe müssen in der Seele konstruiert werden und hinzukommen zu den Vorstellungen, die die äußere, sinnliche Wirklichkeit gibt. Man kann durchaus in Begriffen leben und doch nicht in die übersinnliche Wirklichkeit hinaufsteigen. Der Seher, der in die übersinnliche Wirklichkeit hinaufsteigen kann, kann aber in der Tat leichter zu einer vollständigen Begriffswelt kommen, weil er die Kräfte kennenlernt, die hereinströmen und die Begriffe hervorrufen. Den geisteswissenschaftlichen Anhaltspunkt zu dem, was ich jetzt einmal philosophisch sage, haben Sie in meinem Buche «Theosophie», wo von dem Devachan gesprochen wird, wo über das devachanische Leben der Schattenbilder genau abgehandelt wird. Der Mensch kommt zu dem Begriffsnetz dadurch, daß er die Begriffe förmlich auf sich herunterströmen läßt. Für den Seher ist es so, daß er zu den Urbildern hinaufschauen kann, da wo die Realität ist. Wie ist es nun für den Menschen möglich, sich ein Begriffsnetz zu schaffen, der [nicht selbst zu der übersinnlichen Wirklichkeit aufschauen kann]? Der größte Teil der Menschen ist ja nur in der Mathematik zu reinen Begriffen gekommen. Die meisten Menschen meinen, daß man nur zu Begriffen kommen könne, wenn man Wahrnehmungen hat, aus diesen Vorstellungsbilder [gewinnt], von der Vorstellung die Wahrnehmung abzieht und dann das Allgemeine, den Begriff, findet, also durch Abstraktion. Das ist natürlich nicht die Entstehung des Begriffs. Selbst denkende Leute sind sich über dieses Bilden des Begriffes im Unklaren.

[ 8 ] Now we must ask ourselves: How can human beings actually arrive at true concepts, even if they have no insight into supersensible reality? If they had only external, sensory reality and were to contemplate it, they would arrive only at images, never at concepts. Concepts must be constructed within the soul and added to the images provided by external, sensory reality. It is entirely possible to live in concepts and yet not ascend into the supersensible reality. The seer, however, who can ascend into the supersensible reality, can in fact more easily arrive at a complete world of concepts, because he comes to know the forces that flow in and give rise to the concepts. You will find the spiritual-scientific basis for what I am now saying in philosophical terms in my book Theosophy, where the Devachan is discussed and the devachanic life of the shadow-images is dealt with in detail. A person arrives at the web of concepts by literally allowing the concepts to flow down upon them. For the seer, it is the case that he can look up to the archetypes, where reality lies. How, then, is it possible for a person who [cannot himself look up to supersensible reality] to create a network of concepts for himself? After all, the majority of people have only arrived at pure concepts through mathematics. Most people believe that one can arrive at concepts only by having perceptions, deriving mental images from them, subtracting perception from the mental image, and then finding the general, the concept—that is, through abstraction. This, of course, is not how a concept arises. Even independent thinkers are unclear about how concepts are formed.

[ 9 ] Als ich in meiner «Philosophie der Freiheit» versuchte, die Notwendigkeit des Konstruierens der Begriffe klarzumachen, konnte ich etwas sehr Eigentümliches erleben. Sie finden in meiner «Philosophie der Freiheit» in gegensätzlicher Anlehnung an Spencer ausgeführt, wie es eine ganz ungenügende philosophische Betrachtungsweise ist, wenn man versucht, den Begriff des Begriffes nur von der äußeren, sinnlichen Tatsachenwelt ausgehend zu bilden.

[ 9 ] When I attempted in my Philosophy of Freedom to clarify the necessity of constructing concepts, I had a very peculiar experience. In my Philosophy of Freedom, drawing on Spencer’s ideas in a contrary way, I explain how it is a wholly inadequate philosophical approach to attempt to form the concept of a concept solely on the basis of the external, sensory world of facts.

[ 10 ] «Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden. Das geht schon aus dem Umstande hervor, daß der heranwachsende Mensch sich langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen bildet, die ihn umgeben. Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt.

[ 10 ] “The concept cannot be derived from observation. This is evident from the fact that a growing person only slowly and gradually forms concepts of the objects that surround him. The concepts are added to the observation.

[ 11 ] Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart, Herbert Spencer, schildert den geistigen Prozeß, den wir gegenüber der Beobachtung vollziehen, folgendermaßen:

[ 11 ] Herbert Spencer, a widely read contemporary philosopher, describes the mental process we undergo in response to observation as follows:

[ 12 ] «Wenn wir an einem Septembertag durch die Felder wandelnd, wenige Schritte vor uns ein Geräusch hören und an der Seite des Grabens, von dem es herzukommen schien, das Gras in Bewegung sehen, so werden wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren, was das Geräusch und die Bewegung hervorbrachte. Bei unserer Annäherung flattert ein Rebhuhn in den Graben, und damit ist unsere Neugierde befriedigt: wir haben, was wir eine Erklärung der Erscheinungen nennen. Diese Erklärung läuft, wohlgemerkt, auf folgendes hinaus: weil wir im Leben unendlich oft erfahren haben, daß eine Störung der ruhigen Lage kleiner Körper die Bewegung anderer zwischen ihnen befindlicher Körper begleitet, und weil wir deshalb die Beziehungen zwischen solchen Störungen und solchen Bewegungen verallgemeinert haben, so halten wir diese besondere Störung für erklärt, sobald wir finden, daß sie ein Beispiel eben dieser Beziehung darbietet.» Genauer besehen stellt sich die Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben ist. Wenn ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den Begriff für diese Beobachtung. Dieser Begriff erst weist mich über das Geräusch hinaus. Wer nicht weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch und gibt sich damit zufrieden. Durch mein Nachdenken aber ist mir klar, daß ich ein Geräusch als Wirkung aufzufassen habe. Also erst wenn ich den Begriff der Wirkung mit der Wahrnehmung des Geräusches verbinde, werde ich veranlaßt, über die Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach der Ursache zu suchen. Der Begriff der Wirkung ruft den der Ursache hervor, und ich suche dann nach dem verursachenden Gegenstande, den ich in der Gestalt des Rebhuhns finde. Diese Begriffe, Ursache und Wirkung, kann ich aber niemals durch bloße Beobachtung, und erstrecke sie sich auf noch so viele Fälle, gewinnen. Die Beobachtung fordert das Denken heraus, und erst dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne Erlebnis an ein anderes anzuschließen.

[ 12 ] “If, while walking through the fields one day in September, we hear a sound a few steps ahead of us and see the grass moving along the side of the ditch from which it seemed to come, we will probably head toward that spot to find out what caused the sound and the movement. As we approach, a partridge flutters into the ditch, and with that our curiosity is satisfied: we have what we call an explanation of the phenomena. This explanation, mind you, boils down to the following: because we have experienced countless times in life that a disturbance in the静止 state of small bodies is accompanied by the movement of other bodies situated among them, and because we have therefore generalized the relationships between such disturbances and such movements, we consider this particular disturbance to be explained as soon as we find that it provides an example of precisely this relationship.” On closer inspection, the matter presents itself quite differently from how it is described here. When I hear a sound, I first seek the concept corresponding to this observation. It is this concept that points me beyond the sound itself. Anyone who does not think further simply hears the sound and is satisfied with that. Through my reflection, however, it becomes clear to me that I must conceive of a sound as an effect. Thus, only when I connect the concept of effect with the perception of the sound am I prompted to go beyond the individual observation and search for the cause. The concept of effect gives rise to that of cause, and I then search for the causative object, which I find in the form of the partridge. However, I can never arrive at these concepts—cause and effect—through mere observation, no matter how many instances I examine. Observation challenges thought, and it is thought alone that shows me the way to connect one individual experience to another.

[ 13 ] Wenn man von einer «streng objektiven Wissenschaft» fordert, daß sie ihren Inhalt nur der Beobachtung entnehme, so muß man zugleich fordern, daß sie auf alles Denken verzichte. Denn dieses geht seiner Natur nach über das Beobachtete hinaus.» [«Philosophie der Freiheit» Seite 58/59 der 14. Auflg. 1978]

[ 13 ] If one demands that a “strictly objective science” derive its content solely from observation, one must at the same time demand that it renounce all thinking. For thinking, by its very nature, goes beyond what is observed.” [“Philosophy of Freedom,” pp. 58–59 of the 14th ed., 1978]

[ 14 ] Wenn man den Spencerschen Gedankengang verfolgen würde, so würde man dahin kommen, daß Begriffe nur durch Herauskristallisieren des Allgemeinen aus dem Besonderen der Beobachtungen entstehen. So lange ich mich dem Geräusch gegenüber nur so verhalte, wie Spencer es beschreibt, kann ich gar nicht zu einer Erkennntnis kommen. Es muß noch etwas hinzukommen.

[ 14 ] If one were to follow Spencer’s line of thought, one would conclude that concepts arise only through the crystallization of the general from the particular details of observations. As long as I respond to a sound only in the way Spencer describes, I cannot arrive at any understanding at all. Something else must be added.

[ 15 ] Von diesem Buche habe ich damals unter anderem auch ein Autorenexemplar einem sehr bedeutenden Philosophen der Gegenwart verehrt, der mir dann schrieb, er hätte so viel zu sagen über den Inhalt des Buches, daß er dies nicht in einem Brief schreiben wolle, er hätte vielmehr alle seine Bemerkungen an den Rand geschrieben. Bei diesem betreffenden Satz, wo es sich um den Begriff des Geräusches handelt, hat er an den Rand geschrieben: «Das tut der Hase sicher nicht!» - und sandte mir das Buch zurück. Nun handelt es sich aber bei einer solchen Untersuchung ja nicht um die Philosophie des Hasen, sondern um die des Menschen. [Lücke in der Nachschrift.]

[ 15 ] At the time, I also presented an author’s copy of this book to a very prominent contemporary philosopher, who then wrote to me saying that he had so much to say about the book’s content that he did not want to write it all in a letter; instead, he had written all his comments in the margins. In the margin of the relevant sentence—which deals with the concept of sound—he wrote: “The hare certainly doesn’t do that!”—and sent the book back to me. However, such an investigation is not about the philosophy of the hare, but rather that of humans. [Gap in the postscript.]

[ 16 ] Wir müssen uns darüber klar werden, daß unsere Seele imstande sein muß, auch dann das Begriffsnetz zu gewinnen, wenn sie nicht in der Lage ist, es aus der unmittelbaren Anschauung der Welt vor sich zu haben. So kann sie es nicht gewinnen, daß sie an äußere Wahrnehmungen und daraus gebildete Vorstellungen sich anlehnt. Niemals würde die Seele zu Begriffen kommen, wenn sie bloß in die äußere Wahrnehmung hinaus den Blick richten und daraus Vorstellungen bilden würde. Die Methoden, auch wenn sie die wissenschaftlichsten Methoden sind, die man anwendet, um durch äußere Erfahrung sich Vorstellungen zu bilden über die Welt, diese Methoden alle können nicht dazu dienen, um in der Menschenseele das Begriffsnetz innerlich selber zu konstruieren.

[ 16 ] We must realize that our soul must be capable of forming a network of concepts even when it is not in a position to have it before it through the immediate perception of the world. Thus, it cannot form this network by relying on external perceptions and the ideas derived from them. The soul would never arrive at concepts if it were to merely direct its gaze outward toward external perception and form ideas from it. The methods—even if they are the most scientific methods used to form ideas about the world through external experience—cannot serve to enable the human soul to construct the network of concepts internally on its own.

[ 17 ] Es muß also eine Methode geben, dieauf der einen Seite unabhängig ist von der äußeren Beobachtung und auf der anderen Seite auch unabhängig ist von der hellseherischen Beobachtung. Denn die Menschenseele soll ja, wie wir voraussetzen, schon Begriffe sich bilden können, bevor sie zum Hellsehen aufsteigt. [Lücke in der Nachschrift.]

[ 17 ] There must therefore be a method that is, on the one hand, independent of external observation and, on the other hand, also independent of clairvoyant observation. For, as we assume, the human soul should already be able to form concepts before it ascends to clairvoyance. [Gap in the postscript.]

[ 18 ] Er bewegt sich also von einem Begriff zum anderen, er bleibt im Felde der Begriffe und kann sich nun vom einen Begriff zum anderen bewegen innerhalb des Begriffsnetzes. Daß das stattfinden kann, daß sich die Seele von einem Begriff zum anderen bewegt, macht notwendig, daß wir eine Methode voraussetzen, die nichts zu tun hat mit der äußeren sinnlichen Beobachtung und nichts mit der hellseherischen Beobachtung, die nur zur Verifizierung dienen soll.

[ 18 ] He thus moves from one concept to another; he remains within the realm of concepts and can now move from one concept to another within the network of concepts. For this to be possible—for the soul to move from one concept to another—we must assume a method that has nothing to do with external sensory observation and nothing to do with clairvoyant observation, which is intended only for verification.

[ 19 ] Dieses Bewegen in reinen Begriffen nennt man nun im Sinne des großen Philosophen Hegel die «dialektische Methode», wobei der Mensch nur in Begriffen lebt und sich fähig macht, einen Begriff aus dem anderen hervorgehen, gleichsam hervorwachsen zu lassen. So lebt der Mensch in einer Sphäre, in der er absieht von der äußeren, sinnlichen Welt, und wo er absieht von dem, was hinter ihr steht, von der übersinnlichen Welt. Es bewegt sich die Seele von Begriff zu Begriff, und die Kraft, die ihn forttreibt von Begriff zu Begriff, läßt den einen Begriff aus dem anderen hervorgehen. Diese Methode nennt man die dialektische Methode, die Methode des sich selbst bewegenden Begriffes.

[ 19 ] This process of thinking in pure concepts is called, in the sense of the great philosopher Hegel, the “dialectical method,” whereby human beings live solely in concepts and enable themselves to allow one concept to emerge from another, as it were, to grow out of it. Thus, human beings live in a sphere in which they turn away from the external, sensory world, and from what lies beyond it—the supersensory world. The soul moves from concept to concept, and the force that drives it forward from concept to concept causes one concept to emerge from another. This method is called the dialectical method, the method of the self-moving concept.

[ 20 ] Damit haben wir hingewiesen auf das, was die Seele tut, indem sie sich in ihrem Begriffsnetz weiterbewegt. Sie spinnt Begriff an Begriff an - wir werden gleich Genaueres uns darunter vorstellen können im Sinne der dialektischen Methode. Diese dialektische Methode führt die Seele von Begriff zu Begriff. Wir werden sehen, daß wir irgendwo ansetzen müssen bei diesen sich selbst fortbewegenden Begriffen, dann aber werden wir weiter von Begriff zu Begriff geführt. Was müßte denn dabei herauskommen? Wenn so die Seele irgendwo anfängt, einen Begriff herauszusetzen, und dann Begriff aus Begriff hervorwachsen läßt, dann würde sie die Summe aller Begriffe konstruieren, sie würde die Summe aller im Weltall sowohl nach unten an die sinnliche Welt als auch nach oben an die übersinnliche Welt angepaßten Begriffe auf diese Weise sich bilden.

[ 20 ] We have thus pointed out what the soul does as it moves forward within its network of concepts. It weaves concept upon concept—we will soon be able to imagine this in more detail in terms of the dialectical method. This dialectical method leads the soul from concept to concept. We will see that we must start somewhere with these self-propelling concepts, but then we will be led onward from concept to concept. What, then, should result from this? If the soul begins somewhere by positing a concept and then allows concepts to grow out of one another, it would construct the sum of all concepts; in this way, it would form the sum of all concepts adapted to the universe—both downward to the sensory world and upward to the supersensory world.

[ 21 ] Alle solche Begriffe, die durch Sich-selbst-Bewegen, durch Selbsthervorgehen eines Begriffes aus einem anderen gebildet werden und uns darstellen dabei, was sowohl der sinnlichen Welt angepaßt ist wie auch der übersinnlichen Welt, alle solche Begriffe nennt man im weitesten Umfange des Wortes «Kategorien». Kategorien sind also diejenigen Begriffe, welche durch die dialektische Methode, also durch Hervorwachsen eines Begriffes aus dem anderen, gewonnen werden. So ist also im Grunde genommen das ganze Begriffsnetz zusammmengesetzt aus Kategorien. Man könnte ebensogut sagen, alle Begriffe sind Kategorien, wie man sagen könnte, alle Kategorien sind Begriffe. Man ist freilich gewöhnt worden, den Begriff «Kategorien» für die Hauptbegriffe anzuwenden, für die Knotenpunkte, für die wichtigsten, die Stammbegriffe, namentlich weil die formale Logik immer angeknüpft hat an Aristoteles, der [als erster von Kategorien gesprochen und zehn solcher «Knotenpunkte» angegeben hat]. Im strengen Sinne kann man aber die Worte «Begriff» und «Kategorie» wechselweise gebrauchen, so daß wir die Summe aller unserer Begriffe - wenn wir richtige Begriffskonstruktionen vor uns haben, das heißt, wenn die Begriffe innerlich konstruiert und fortgebildet sind durch Selbstbewegung, wenn die Begriffe aus sich selbst herausgewachsen sind - die «Kategorienlehre» nennen können. Und das, was Hegel im ersten Teil seiner Philosophie die «Wissenschaft der Logik» nennt - Logik, von Logos herkommend, was ja auch Begriff heißt -, ist eigentlich eine Kategorienlehre. Wenn wir nur einzelne Begriffe bilden, so haben wir nicht alle Kategorien, wenn wir aber innerlich das Begriffsnetz spinnen, jeden Begriff an die richtige Stelle setzen im Gesamtorganismus der Begriffe, dann haben wir alle Kategorien. Nun hat ja Hegel selber schon gesagt: Wenn man so den ganzen Umfang des Begriffsnetzes feststelle, so habe man darin den Inhalt der Welt, wie er im Gedanken der göttlichen Wesenheit vor der Erschaffung der Welt ist. - Da wir die Begriffe in der Welt darinnen finden, müssen sie ursprünglich hineingelegt worden sein. Wenn wir den Begriffen nachgehen, so finden wir darin die Gedanken der Gottheit. Wenn wir richtig denken in innerlichem [Konstruieren] nach dialektischer Methode, so finden wir im Begriffsinhalt, im Kategorien-Inhalt die Welt.

[ 21 ] All such concepts that are formed through self-movement—through the emergence of one concept from another—and thereby represent to us what corresponds to both the sensible world and the supersensible world; all such concepts are called “categories” in the broadest sense of the word. Categories are thus those concepts that are obtained through the dialectical method—that is, through the emergence of one concept from another. Thus, fundamentally, the entire network of concepts is composed of categories. One might just as well say that all concepts are categories as one might say that all categories are concepts. Of course, we have become accustomed to applying the term “categories” to the main concepts—the nodal points, the most important ones, the root concepts—namely because formal logic has always drawn on Aristotle, who [was the first to speak of categories and to specify ten such “nodal points”]. In the strict sense, however, the terms “concept” and “category” can be used interchangeably, so that we can call the sum of all our concepts—“the doctrine of categories”—provided we are dealing with proper conceptual constructions, that is, when the concepts are internally constructed and developed through self-movement, when the concepts have grown out of themselves. And what Hegel calls the “Science of Logic” in the first part of his philosophy—logic, derived from logos, which also means “concept”—is actually a theory of categories. If we form only individual concepts, we do not have all the categories; but if we weave the network of concepts internally, placing each concept in its proper place within the overall organism of concepts, then we have all the categories. Now, Hegel himself has already said: If one thus determines the entire scope of the web of concepts, one has within it the content of the world as it exists in the thought of the divine essence before the creation of the world. - Since we find the concepts within the world, they must have been originally placed there. When we trace the concepts, we find within them the thoughts of the Deity. If we think correctly through inner [construction] according to the dialectical method, we find the world in the content of the concepts, in the content of the categories.

[ 22 ] Ich kann heute nicht auf die geschichtliche Entwickelung der Kategorienlehre eingehen, wie Aristoteles sie ausgebildet hat und wie Kant sie weiter ausgebildet hat, ich will aber zu dem, wie der große Meister der Kategorienlehre, Hegel, die Begriffslehre ausgebildet hat, etwas sagen. Hegel ist heute vielleicht der am wenigsten verstandene Philosoph. Man erkennt das in der akademischen Literatur; was da über Hegel geschrieben wird, ist geradezu furchtbar. So sagt man heute immer noch, was man schon zu seinen Lebzeiten gesagt hat: er wolle aus den Begriffen heraus die ganze Welt entwickeln. Ein besonders gescheiter Herr war der Leipziger Philosoph Wilhelm Traugott Krug, der eine ganze Bibliothek von philosophischen Schriften geschrieben hat. Er verstand Hegel so, als ob er die Welt aus den Begriffen herausspinnen wolle, zum Beispiel aus dem Begriff die Rose deduzieren, ableiten wolle, aus einer Idee. Da sagte Krug einmal spitz gegen Hegel, er möge doch einmal aus dem Begriff seine Schreibfeder deduzieren. Hegel antwortete: «Herr Krug hat in diesem und zugleich nach anderer Seite hin ganz naiven Sinne einst die Naturphilosophie aufgefordert, das Kunststück zu machen, nur seine Schreibfeder zu deducieren. Man hätte ihm etwa zu dieser Leistung und respectiven Verherrlichung seiner Schreibfeder Hoffnung machen können, wenn dereinst die Wissenschaft so weit vorgeschritten und mit allem Wichtigern im Himmel und auf Erden in der Gegenwart und Vergangenheit im Reinen sey, daß es nichts Wichtigeres mehr zu begreifen gebe.»

[ 22 ] I cannot go into the historical development of the theory of categories today—as Aristotle formulated it and as Kant further developed it—but I would like to say a few words about how Hegel, the great master of the theory of categories, developed the theory of concepts. Hegel is perhaps the least understood philosopher today. This is evident in the academic literature; what is written about Hegel there is downright terrible. For instance, people still say today what was already said during his lifetime: that he wanted to develop the entire world out of concepts. One particularly clever gentleman was the Leipzig philosopher Wilhelm Traugott Krug, who wrote an entire library of philosophical works. He understood Hegel as though he wanted to spin the world out of concepts—for example, to deduce the concept of the rose from a concept, from an idea. Krug once pointedly remarked to Hegel that he should try deducing his quill pen from a concept. Hegel replied: “In this regard—and in other respects as well—Mr. Krug, in a quite naive sense, once challenged natural philosophy to perform the feat of deducing nothing but his quill pen. One might have given him hope of achieving this feat—and of the corresponding glorification of his quill pen—if science were someday to have advanced so far and to have come to terms with all that is important in heaven and on earth, in the present and the past, that there would be nothing more important left to comprehend.”

[ 23 ] Es ist für den Anthroposophen außerordentlich wichtig, sich in diese reinen Begriffe hineinzuarbeiten, durch die man von Stufe zu Stufe [das gesamte Begriffsnetz gewinnt]. Es ist außerordentlich nützlich und stellt eine außerordentlich fruchtbare Meditation dar, in den kristallklaren Begriffen Hegels zu leben, es ist ein wichtiges Erziehungsmittel für die Seele. Zugleich ist es ein Erziehungsmittel gegen alle Lässigkeit und Lottrigkeit der Begriffe, die werden gründlich ausgetrieben durch die Hegelsche Dialektik. Wenn man den Geist an der Hegelschen Dialektik trainiert hat, so hat man bei der Lektüre von Büchern moderner Schriftsteller häufig den Eindruck lottriger Begriffe.

[ 23 ] It is of extraordinary importance for the anthroposophist to immerse themselves in these pure concepts, through which one gradually [gains the entire network of concepts]. It is extraordinarily useful and constitutes an extraordinarily fruitful form of meditation to live within Hegel’s crystal-clear concepts; it is an important means of education for the soul. At the same time, it is a means of education against all carelessness and sloppiness in concepts, which are thoroughly eradicated by Hegelian dialectics. Once one has trained the mind in Hegel’s dialectic, one often gets the impression of sloppy concepts when reading books by modern writers.

[ 24 ] Einen Ausgangspunkt muß man freilich haben, man muß bei irgendetwas anfangen. Das muß natürlich nur der einfachste Begriff sein, der den geringsten Inhalt und den größten Umfang hat. Aus der formalen Logik ergibt sich, warum der Inhalt des Begriffs im Gegensatz zum Umfang ist. Der Begriff, der den geringsten Inhalt und den größten Umfang hat, ist der Begriff des Seins. Er ist in der Tat derjenige Begriff, der im ganzen Umkreis unserer Welt anwendbar ist, er hat den größten Umfang und den geringsten Inhalt. Wenn wir vom Sein schlechtweg sprechen, ist nichts ausgesagt von der Art des Seins. Von dem Begriff des Seins geht Hegel aus. Nun frägt es sich: Wie kommt man hinaus über diesen Begriff des Seins? Wir können nicht stehenbleiben bei diesem Begriff, sonst bekommen wir kein Begriffssystem. Wir müssen die Möglichkeit haben, ein Begriffssystem zu gewinnen, indem wir Begriff aus Begriff herauswachsen lassen. Wie finden wir einen Anhaltspunkt dazu? Diesen Anhaltspunkt finden wir eben in der dialektischen Methode, und zwar wenn wir uns darüber klar werden, wie ein jeder Begriff in sich selber noch etwas anderes enthält, als das, als was er zunächst erscheint. Es ist mit dem Begriff wie mit einer Wurzel. Die Wurzel enthält eigentlich die ganze Pflanze, die noch nicht herausgewachsen, sondern noch in ihr drinnen ist. Wenn wir die Wurzel anschauen, haben wir noch nicht alles, was da ist. Die Pflanze selber, die drin ist in der Wurzel, sehen wir nicht. Wenn wir nur mit äußeren Augen die Wurzel anschauen, sehen wir gerade nicht, was die Pflanze aus der Wurzel heraustreibt. So steckt auch in jedem Begriff etwas drin, was aus ihm herauswachsen kann, ebenso wie in der Wurzel etwas steckt, was aus ihr herauswachsen kann, und zwar steckt im Begriff des Seins das Gegenteil, das Nichts drin. Wenn wir den Begriff des Seins fassen, so umfaßt er alles Mögliche, was in der sinnlichen und in der übersinnlichen Welt auftauchen kann. Dadurch, daß er alles umfaßt, umfaßt er zugleich das «Nichts». Das «Nichts» steckt darinnen im «Sein», es sproßt heraus aus dem «Sein». Wenn wir das «Sein» innerlich betrachten, so sehen wir hier schon den Begriff des «Nichts» aus dem Begriff des «Seins» herauswachsen. Wenn wir uns eine Vorstellung von dem Begriff des Nichts machen wollen, so ist das ebenso schwer als es wichtig ist. Viele Leute, auch Philosophen, werden sagen, es sei überhaupt unmöglich, sich von dem Nichts eine Vorstellung zu machen. Das ist aber etwas, was innerhalb der Begriffswelt für den Anthroposophen ungeheuer wichtig ist, und es wird eine Zeit kommen, wenn die Anthroposophie mehr eingehen wird auf die Begriffe, da wird viel davon abhängen, daß gerade der Begriff des «Nichts» in der richtigen Weise gefaßt wird. Es leidet die Theosophie daran, daß der Begriff des «Nichts» unklar gefaßt wird. Deshalb ist ja die Theosophie zu einer Art «Emanationslehre» geworden, [Lücke in der Nachschrift] so als ob das Spätere aus dem Früheren hervorgegangen sei.

[ 24 ] Of course, one must have a starting point; one must begin with something. Naturally, this must be the simplest concept, the one with the least content and the greatest extension. Formal logic explains why the content of a concept is in contrast to its extension. The concept that has the least content and the greatest extension is the concept of being. It is, in fact, the concept that is applicable throughout the entire scope of our world; it has the greatest extension and the least content. When we speak of being in the abstract, nothing is said about the nature of being. Hegel takes the concept of being as his starting point. Now the question arises: How do we move beyond this concept of Being? We cannot remain at this concept; otherwise, we will not obtain a system of concepts. We must have the possibility of developing a system of concepts by allowing concepts to grow out of other concepts. How do we find a starting point for this? We find this starting point precisely in the dialectical method, namely when we realize how every concept contains within itself something other than what it initially appears to be. A concept is like a root. The root actually contains the entire plant, which has not yet grown out of it but is still inside it. When we look at the root, we do not yet see everything that is there. We do not see the plant itself, which is inside the root. If we look at the root only with our physical eyes, we do not see what the plant is pushing out of the root. In the same way, there is something within every concept that can grow out of it, just as there is something within the root that can grow out of it; specifically, the concept of being contains its opposite—nothingness—within it. When we grasp the concept of being, it encompasses everything possible that can appear in the sensible and supersensible worlds. Because it encompasses everything, it simultaneously encompasses “nothingness.” “Nothingness” is contained within “Being”; it sprouts forth from “Being.” When we contemplate “Being” inwardly, we can already see the concept of “Nothingness” growing out of the concept of “Being.” If we wish to form a conception of the concept of Nothingness, this is as difficult as it is important. Many people, including philosophers, will say that it is utterly impossible to form a concept of “Nothing.” But this is something that is immensely important within the conceptual world for the anthroposophist, and a time will come when anthroposophy will delve more deeply into concepts; much will depend on the concept of “Nothing” being grasped in the correct way. Theosophy suffers from the fact that the concept of “nothingness” is defined unclearly. That is why Theosophy has become a kind of “doctrine of emanation,” [gap in the postscript] as if what came later had emerged from what came before.

[ 25 ] Denken Sie sich selbst einer äußeren Wirklichkeit gegenübergestellt, zum Beispiel zwei Menschen, und betrachten Sie diese nach einem Gesichtspunkt, der nur von Ihnen selbst abhängt. Und betrachten Sie zum Beispiel zwei Menschen, einen großen und einen kleinen, und denken Sie sich etwas über sie aus, bilden Sie sich einen Begriff, der nie gefaßt worden wäre, wenn Sie ihnen nicht gegenübergetreten wären. Es ist ganz gleich, was Sie sich da über diese beiden Menschen denken, aber der Begriff wäre nicht gefaßt worden, wenn sie Ihnen nicht gegenübergetreten wären. Nehmen wir an, die beiden hätten in Amerika gelebt, dann wären Sie als Europäer ihnen niemals begegnet. Dadurch aber, daß Sie ihnen begegnet sind, ist der Begriff «groß» und «klein» in Ihnen aufgetaucht. Es liegt also nicht an Ihnen, daß sich der Begriff des großen und des kleinen Menschen gebildet hat; Sie werden in sich selbst nichts finden, das zu Ihrem Begriff von «groß» und «klein» hätte führen müssen. Auf der anderen Seite werden Sie die Urgründe, die zu dem Begriff hätten führen müssen, auch in den beiden Menschen nicht finden. Sie mußten erst den beiden Menschen gegenübertreten. So also liegt es nicht an Ihnen, was sich da als Begriff gebildet hat, und es liegt auch nicht an dem großen oder kleinen Menschen; es ist etwas, was rein durch die Beziehung der Dinge zueinander, durch ihre Konstellation herbeigeführt worden ist. Jetzt aber wird dieser Begriff, der aus dem Nichts entstanden ist, ein Faktor, der in Ihnen fortwirkt. Sie können es sich nicht anders denken, als daß dieser Begriff aus dem Nichts durch die Beziehung der Dinge zueinander, durch die Konstellation hervorgehen kann. Aus der Beziehung, aus der Konstellation bildet so eine fortwährende Kraft etwas heraus, was dann fortwirkt. Das heißt, es entsteht ein Etwas aus dem Nichts. Das Nichts ist so durchaus ein reeller Faktor im Weltengeschehen, und Sie können dieses Weltengeschehen nie begreifen, wenn Sie das Nichts in dieser realen Bedeutung nicht erfaßt haben. Sie würden auch den Begriff des «Nirwana» besser verstehen, wenn Sie einen klaren Begriff vom Nichts hätten, wenn Sie einmal über den Begriff des Nichts meditiert hätten, was etwas durchaus Wirksames ist.

[ 25 ] Imagine yourself confronted with an external reality—for example, two people—and observe them from a perspective that depends solely on you. And consider, for example, two people—one tall and one short—and form an idea about them; create a concept that would never have been formed if you had not encountered them. It doesn’t matter what you think about these two people, but the concept would not have been formed if you had not encountered them. Suppose the two had lived in America; then, as a European, you would never have encountered them. But because you did encounter them, the concepts of “tall” and “short” arose within you. It is therefore not up to you that the concept of the “great” and the “small” person has formed; you will find nothing within yourself that would have led to your concept of “great” and “small.” On the other hand, you will not find the underlying causes that should have led to this concept in those two people either. You first had to encounter them. Thus, it is not up to you what has formed as a concept here, nor is it up to the “great” or “small” person; it is something that has been brought about purely by the relationship of things to one another, by their constellation. Now, however, this concept, which arose out of nothing, becomes a factor that continues to exert an influence within you. You cannot conceive of it any other way than that this concept can emerge out of nothing through the relationship of things to one another, through their constellation. From this relationship, from this constellation, a continuous force thus shapes something that then continues to exert an influence. That is to say, something arises out of nothing. Nothingness is thus a very real factor in world events, and you can never comprehend these world events if you have not grasped nothingness in this real sense. You would also understand the concept of “nirvana” better if you had a clear concept of nothingness, if you had ever meditated on the concept of nothingness, which is something quite effective.

[ 26 ] Wir haben also aus dem Begriff des Seins den Begriff des Nichts herausgesponnen. Den nächsten Begriff findet man nun dadurch, daß man diese beiden Begriffe miteinander verbindet. Wenn man «Sein» und «Nichtsein» miteinander verbindet, entsteht das «Werden». Das «Werden» ist ein reicherer Begriff, der die beiden anderen schon in sich enthält. «Werden» ist ein fortwährender Übergang von Nichtsein zu Sein, das Vorhergehende vergeht, das Folgende entsteht. So haben Sie in dem Begriff «Werden» das Spiel der beiden Begriffe «Sein» und «Nichts». Von dem Begriff des Werdens ausgehend kommen Sie dann zu dem Begriff «Dasein». Es ist das, was als das Nächste an das Werden sich anschließt: das Starrwerden des Werdens ist das «Dasein», ein abgeschlossenes Werden. Dem «Dasein» muß ein Werden vorangehen. Was haben wir nun davon, wenn wir solche vier Begriffe innerlich uns ausgestaltet und sie so gewonnen haben? Wir haben sehr viel davon. Wir denken nun bei dem Begriff des Werdens nichts anderes, als was wir hier als Inhalt das Begriffs kennengelernt haben. Wir müssen alles ausschließen, was nicht zu dem Begriff gehört. Wer richtig dialektisch geschult ist, der hat, wenn von «Werden» gesprochen wird, in diesem Begriff nichts anderes als das Ineinanderspielen von «Sein» und «Nichts». Wenn der dialektisch geschulte Denker vom «Werden» spricht, so ist das ein ebenso bestimmter Begriff, wie wenn er von dem Begriff «Dreieck» spricht. So ist die Dialektik gerade die wunderbarste Zucht des Denkens.

[ 26 ] We have thus derived the concept of nothingness from the concept of being. The next concept is found by combining these two concepts. When one combines “being” and “non-being,” “becoming” emerges. “Becoming” is a richer concept that already contains the other two within itself. “Becoming” is a continuous transition from non-being to being; what precedes it passes away, and what follows it comes into being. Thus, in the concept of “becoming,” you have the interplay of the two concepts “being” and “nothing.” Starting from the concept of becoming, you then arrive at the concept of “existence.” It is what follows immediately after becoming: the solidification of becoming is “existence,” a completed becoming. “Existence” must be preceded by becoming. What do we gain, then, when we have internally developed these four concepts and arrived at them in this way? We gain a great deal. When we think of the concept of “becoming,” we now think of nothing other than what we have come to know here as the content of the concept. We must exclude everything that does not belong to the concept. Anyone who is properly trained in dialectics, when speaking of “becoming,” sees in this concept nothing other than the interplay of “being” and “nothing.” When the dialectically trained thinker speaks of “becoming,” it is just as specific a concept as when he speaks of the concept of “triangle.” Thus, dialectics is precisely the most wonderful discipline of thought.

[ 27 ] Sein -> Nichts -> Werden -> Dasein

[ 27 ] Being -> Nothingness -> Becoming -> Existence

[ 28 ] Wir haben hier schon vier aufeinanderfolgende Kategorien ausgebildet, die Kategorien «Sein», «Nichts», «Werden» und «Dasein». Nun könnten wir weitergehen und könnten aus dem Begriff «Dasein» alle möglichen Begriffe heraussprießen lassen, und wir würden ein reichgegliedertes Begriffssystem aus dem Begriff «Dasein» nach der einen Linie erhalten. Wir können aber auch in anderer Weise vorgehen. Das «Sein» läßt Begriffe nach zwei Seiten aus sich herauswachsen. Es ist etwas sehr Fruchtbares. Es ist etwas da, was vor dem Hineinschießen des Seins in die Realität schon da ist. Es ist der reine Gedanke des Seins schon gegeben, bevor das Sein aus dem Gedanken hinausgeschossen ist in die Realität. In dem Augenblick, wo das Sein in sich selbst wird, in sich selbst Inhalt wird, in dem Augenblick müssen wir das, was wir dann erfassen, als das «Wesen» bezeichnen, so daß wir auf diese Weise aus dem Begriff «Sein» den Begriff «Wesen» gebildet haben. Wir haben also auf der einen Seite aus dem Begriff «Sein» die Begriffe «Nichts», «Werden», «Dasein» gebildet, und auf der anderen Seite aus dem Begriff «Sein» den Begriff «Wesen».

[ 28 ] We have already developed four consecutive categories here: the categories “Being,” “Nothing,” “Becoming,” and “Existence.” Now we could go further and let all manner of concepts sprout from the concept of “Existence,” and we would obtain a richly structured conceptual system from the concept of “Existence” along this one line. But we can also proceed in a different way. “Being” allows concepts to grow out of it in two directions. It is something very fruitful. There is something that is already there before Being bursts into reality. The pure thought of Being is already given before Being has burst out of thought into reality. At the moment when Being becomes itself, when it becomes content in itself, at that moment we must designate what we then grasp as “essence,” so that in this way we have formed the concept of “essence” from the concept of “Being.” Thus, on the one hand, we have derived the concepts of “nothing,” “becoming,” and “existence” from the concept of “Being,” and on the other hand, we have derived the concept of “essence” from the concept of “Being.”

[ 29 ] Sein -> Wesen

[ 29 ] His -> nature

[ 30 ] Das Wesen ist das in sich aufgehaltene Sein, das sich selber durchdringende Sein. Sie bekommen am leichtesten einen Begriff vom «Wesen» einer Sache, wenn Sie nachdenken, was wesentlich und was unwesentlich an der Sache ist. Das Wesen ist das im Inneren arbeitende Sein, daß überhaupt durch Arbeit sich erhärtende Sein. Das bezeichnen wir als das «Wesen». Wir sprechen vom «Wesen» des Menschen, wenn wir seine höheren Glieder mit den niederen zusammen anführen, und wir betrachten den Begriff des «Wesens» als den sich unmittelbar an das «Sein» angliedernden Begriff.

[ 30 ] Essence is being held within itself, being that permeates itself. The easiest way to grasp the “essence” of a thing is to consider what is essential and what is inessential about it. Essence is the Being at work within, the Being that is strengthened through work itself. We refer to this as “essence.” We speak of the “essence” of a human being when we consider both their higher and lower faculties together, and we regard the concept of “essence” as the concept directly linked to “Being.”

[ 31 ] Aus dem Begriff «Wesen» gewinnen Sie [organisch als nächsten] den Begriff der «Erscheinung», das Sich-nach-außen-hin-Manifestieren, das Gegenteil des «Wesens», das Gegenteil dessen, was das Wesen in sich hat. «Wesen» und «Erscheinung» sind zwei kontradiktorische Begriffe, die sich ähnlich zueinander verhalten wie die Begriffe «Sein» und «Nichts». Wenn wir nun die beiden Begriffe «Wesen» und «Erscheinung» miteinander verbinden, so bekommen wir die Erscheinung, die das Wesen wiederum selbst in sich enthält. [Lücke in der Nachschrift.] Es ist in gewisser Beziehung ein Widerspruch zwischen innerem Wesen und äußerer Erscheinung. Wenn aber inneres Wesen überfließt in Erscheinung, so daß die Erscheinung selbst das Wesen enthält, so sprechen wir von «Wirklichkeit».

[ 31 ] From the concept of “essence,” you derive [organically as the next step] the concept of “appearance”—the manifestation outward—the opposite of “essence,” the opposite of what the essence contains within itself. “Essence” and “appearance” are two contradictory concepts that relate to one another in a manner similar to the concepts of “being” and “nothingness.” If we now combine the two concepts of “essence” and “appearance,” we obtain the appearance that, in turn, contains the essence within itself. [Gap in the postscript.] In a certain sense, there is a contradiction between inner essence and outer appearance. But when inner essence overflows into appearance, so that the appearance itself contains the essence, we speak of “reality.”

[ 32 ] Wesen -> Erscheinung -> Wirklichkeit

[ 32 ] Essence -> Appearance -> Reality

[ 33 ] Kein dialektisch geschulter Mensch wird vom Begriff der «Wirklichkeit» anders sprechen, als daß er sagt: In dem Begriff der Wirklichkeit lebt Erscheinung, die durchdrungen ist vom Wesen. - Das Zusammenfließen von «Wesen» und «Erscheinung» ergibt den Begriff «Wirklichkeit». So muß also alles Sprechen über die Wirklichkeit durchdrungen sein von jenen Begriffen.1Lückenhafter Text in den Nachschriften, siehe Hinweis.

[ 33 ] No one trained in dialectics will speak of the concept of “reality” in any other way than by saying: In the concept of reality, appearance lives, permeated by essence. — The convergence of “essence” and “appearance” yields the concept of “reality.” Thus, all discourse on reality must be permeated by these concepts.1Incomplete text in the manuscripts; see note.

[ 34 ] Wir können nun noch weitergehen und zu noch reicheren Begriffen aufsteigen. Da kommen wir dazu, zu sagen: «Wesen» ist das «Sein», das in sich selber ist, das in sich selber zu sich gekommen ist, das sich manifestiert hat. - Wenn nun dieses Sein nicht nur sich selber manifestiert, sondern dieses Sein außerdem noch seine Linien hinzieht zu der Umgebung, sozusagen im Innern nicht nur sich selber ausdrückt, sondern noch etwas anderes auszudrücken versucht, dann bekommen wir auf dialektischem Wege den Begriff des «Begriffs» selber. So daß wir aufsteigen vom «Sein» durch das «Wesen» zum «Begriff».

[ 34 ] We can now go even further and ascend to even richer concepts. This leads us to say: “Essence” is “Being” that is in itself, that has come to itself within itself, that has manifested itself. - If this Being not only manifests itself, but also extends its lines to the surrounding world—that is, if it expresses not only itself internally but also attempts to express something else—then we arrive, through dialectical reasoning, at the concept of the “concept” itself. Thus, we ascend from “Being” through “Essence” to the “Concept.”

[ 35 ] Sein -> Wesen -> Begriff

[ 35 ] Its -> Essence -> Concept

[ 36 ] Erinnern Sie sich jetzt, was ich gesagt habe von dem Begriff aus dem rein Formal-Logischen heraus. Wenn wir unser eigenes «Wesen» betrachten, so gilt das für uns, es waltet in uns. Wenn wir aber den «Begriff» in uns walten lassen, so haben wir etwas in ihm, was nach außen weist und das andere, die Außenwelt, umspannt. So haben wir also durch innere Konstruktion vom «Sein» durch das «Wesen» zum «Begriff» vorschreiten können.

[ 36 ] Now recall what I said about the concept from a purely formal-logical perspective. When we consider our own “essence,” it applies to us; it prevails within us. But when we allow the “concept” to prevail within us, we have something in it that points outward and encompasses the other—the external world. Thus, through an inner construction, we have been able to proceed from “being” through “essence” to the “concept.”

[ 37 ] Sein -> Nichts -> Werden -> Dasein

[ 37 ] Being -> Nothingness -> Becoming -> Existence

[ 38 ] und aus

[ 38 ] and from

[ 39 ] Wesen -> Erscheinung -> Wirklichkeit

[ 39 ] Essence -> Appearance -> Reality

[ 40 ] Wenn wir nun ebenso, wie wir aus haben hervorgehen lassen, weiteres aus dem «Begriff» hervorgehen lassen, so bekommen wir folgendes: Wir haben jetzt gesehen, wie formal-logisch in der Schlußfigur der «Begriff» waltet. Da bleibt der Begriff in sich selber. Jetzt aber kann er aus sich herausgehen, und wir sprechen dann von einem Begriff, der uns die Natur der Dinge wiedergibt. Wir kommen zur «Objektivität». Im Gegensatz zu den subjektiven Begriffen, die der Denktechnik unterliegen, haben wir nun objektive Begriffe. Wie «Erscheinung» zu «Wesen», so verhält sich «Objektivität» zu «Begriffs. Nur dann hat man den Begriff «Objektivität» wirklich erfaßt, wenn man ihn in dieser Weise aus dem «Begriff» hervorgehend denkt. Und nun, wenn wir «Begriff» mit «Objektivität» verbinden, kommen wir zu dem, was ein uns innerlicher Begriff ist, was aber zugleich seine eigene Realität in sich enthält, was zugleich subjektiver Begriff ist und als solcher objektiv ist. Das ist die «Idee». So wie sich die «Wirklichkeit» zur «Erscheinung» verhält, so verhält sich die «Idee» zur «Objektivität».

[ 40 ] If we now derive further concepts from the “concept” in the same way that we have derived the previous ones, we arrive at the following: We have now seen how the “concept” operates formally and logically in the figure of reasoning. There, the concept remains within itself. But now it can step outside itself, and we then speak of a concept that reflects the nature of things to us. We arrive at “objectivity.” In contrast to subjective concepts, which are subject to the techniques of thought, we now have objective concepts. Just as “appearance” relates to “essence,” so does “objectivity” relate to “concept.” One has truly grasped the concept of “objectivity” only when one conceives of it in this way, emerging from the “concept.” And now, when we connect “concept” with “objectivity,” we arrive at what is an inner concept for us, yet one that simultaneously contains its own reality within itself—one that is at once a subjective concept and, as such, objective. This is the “idea.” Just as “reality” relates to “phenomenon,” so does the “idea” relate to “objectivity.”

[ 41 ] Begriff -> Objektivität -> Idee

[ 41 ] Concept -> Objectivity -> Idea

[ 42 ] Da haben Sie ein kleines Beispiel, wie wir in der Dialektik Begriffe aus dem Urstammbegriff «Sein» herauswachsen lassen können. Wir hätten so noch viele andere Begriffe aus dem «Sein» herausbilden können.

[ 42 ] Here is a small example of how, in dialectics, we can derive concepts from the root concept of “Being.” We could have derived many other concepts from “Being” in this way.

[ 43 ] So sehen wir, wie sich durch die Bewegung der Begriffe diese durchsichtige, diamantklare, kristallene, geistige Begriffswelt ergibt, und daß der Mensch mit dieser an genauen Begriffen geschulten Erkenntnisfähigkeit ausgerüstet erst wieder an die sinnliche Welt herantreten soll. Dann zeigt es sich, wie die in der Dialektik gewonnenen Begriffe sich decken auf der einen Seite mit der sinnlichen und auf der anderen Seite mit der übersinnlichen Wirklichkeit, und wie der Mensch kommt zu der Konkordanz zwischen Begriff und Wirklichkeit, in welcher das wahre Erkennen erst besteht.

[ 43 ] Thus we see how, through the movement of concepts, this transparent, diamond-clear, crystalline, spiritual world of concepts emerges, and that only when equipped with this faculty of cognition—trained in precise concepts—should human beings once again approach the sensory world. It then becomes evident how the concepts derived through dialectics correspond, on the one hand, to sensuous reality and, on the other, to supersensuous reality, and how human beings arrive at the harmony between concept and reality in which true knowledge first exists.

[ 44 ] Manche Menschen sagen: Da kommen wir in eine Welt, die kalt und frostig ist. Ich möchte deshalb zum Schluß ein kleines Erlebnis erzählen. Ich hatte vor vielen Jahren auch graphische Statik zu studieren, eine sehr abstrakte Wissenschaft ... Es werden da nur in Linien die möglichen Bewegungen und Gleichgewichte verfolgt. Aber ich kannte einen Menschen, der sie mit einer unendlichen Begeisterung vortrug, wenn er an der Tafel eine Linie zog, während die anderen Studenten schliefen und meistens auch der Lehrer schlief. Ich habe schon Leute lyrische Gedichte vortragen hören, die nicht diese Begeisterung hatten. Das sind eben Menschen, die nicht so fühlen können wie Novalis, der die Mathematik ein großes Gedicht nennt. Die Mathematik ist eine Möglichkeit, uns eine Ahnung davon zu geben, wie man die Begriffswelt in schöner Klarheit und hellem Licht fühlen kann.

[ 44 ] Some people say: We’re entering a world that’s cold and frosty. So I’d like to conclude by sharing a little story. Many years ago, I had to study graphical statics, a very abstract science… It involves tracing possible movements and states of equilibrium using only lines. But I knew someone who presented it with boundless enthusiasm whenever he drew a line on the blackboard, while the other students were asleep—and most of the time, the teacher was asleep too. I’ve even heard people recite lyric poetry who lacked that enthusiasm. These are simply people who cannot feel the way Novalis did, who called mathematics a great poem. Mathematics is a way of giving us a glimpse of how one can experience the world of concepts with beautiful clarity and bright light.