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How does one Develop an Understanding of the Spiritual World
The influx of spiritual impulses from the world of the deceased
GA 154

26 April 1914, Berlin

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2. Robert Hamerling, Ein Dichter und ein Denker und ein Mensch

2. Robert Hamerling, Ein Dichter und ein Denker und ein Mensch

[ 1 ] Es war am 15. Juli 1889. Da stand ich mit dem Dichter Rosegger und dem österreichischen Bildhauer Hans Brandstetter auf dem Friedhof zu St. Leonhard bei Graz, als in das Grab hinabgesenkt wurde die Leiche des österreichischen Dichters Robert Hamerling. Robert Hamerling war nach unsäglichen, man darf sagen, jahrzehntelang dauernden Leiden, die sich zuletzt bis zur Unerträglichkeit gesteigert hatten, einige Tage vorher von dem physischen Plan abgerufen worden. Die Leiche lag vorher aufgebahrt im kleinen, so wunderschönen Stiftinghaus an der Peripherie der österreichisch-steierischen Stadt Graz. Hamerling lag da, das heißt die irdische Form, die verlassen war von dieser großen Seele, lag da, ein wunderbares Abbild in ihrer Form von einem Leben, das gerungen hat nach den höchsten Höhen des Geistes. So ausdrucksvoll, so sprechend war diese nur den irdischen Elementen übriggebliebene Form, aber auch so sehr der Abdruck der unsäglichen Leiden, die diese Dichterseele in diesem Leben hat erfahren müssen! — Damals sah man in der Umgebung derjenigen, welche die nächsten Leidtragenden waren, ein kleines Mädchen, zehnjährig, das Mündel Robert Hamerlings, welches durch seine vielversprechende, damals vielversprechende Kindlichkeit die letzten Jahre des Dichters so sehr erfrischt und verschönt hat, jenes Mädchen, dem der Dichter jene Verse gewidmet hat, die im Grunde genommen so unendlich tief hineinführen in die Stimmung Robert Hamerlings in seinen letzten Lebensjahren. Und weil sie so tief hineinführen in das, was in Hamerlings Seele war, so gestatten Sie, daß ich gerade diese Verse gleich hier vorlese.

[ 1 ] Es war am 15. Juli 1889. Da stand ich mit dem Dichter Rosegger und dem österreichischen Bildhauer Hans Brandstetter auf dem Friedhof zu St. Leonhard bei Graz, als in das Grab hinabgesenkt wurde die Leiche des österreichischen Dichters Robert Hamerling. Robert Hamerling war nach unsäglichen, man darf sagen, jahrzehntelang dauernden Leiden, die sich zuletzt bis zur Unerträglichkeit gesteigert hatten, einige Tage vorher von dem physischen Plan abgerufen worden. Die Leiche lag vorher aufgebahrt im kleinen, so wunderschönen Stiftinghaus an der Peripherie der österreichisch-steierischen Stadt Graz. Hamerling lag da, das heißt die irdische Form, die verlassen war von dieser großen Seele, lag da, ein wunderbares Abbild in ihrer Form von einem Leben, das gerungen hat nach den höchsten Höhen des Geistes. So ausdrucksvoll, so sprechend war diese nur den irdischen Elementen übriggebliebene Form, aber auch so sehr der Abdruck der unsäglichen Leiden, die diese Dichterseele in diesem Leben hat erfahren müssen! — Damals sah man in der Umgebung derjenigen, welche die nächsten Leidtragenden waren, ein kleines Mädchen, zehnjährig, das Mündel Robert Hamerlings, welches durch seine vielversprechende, damals vielversprechende Kindlichkeit die letzten Jahre des Dichters so sehr erfrischt und verschönt hat, jenes Mädchen, dem der Dichter jene Verse gewidmet hat, die im Grunde genommen so unendlich tief hineinführen in die Stimmung Robert Hamerlings in seinen letzten Lebensjahren. Und weil sie so tief hineinführen in das, was in Hamerlings Seele war, so gestatten Sie, daß ich gerade diese Verse gleich hier vorlese.

An B. (ertha)

Kind, das nun harmlos gaukelt wie ein Falter
Vorbei am Kranken, Schmerzgefolterten,
Wenn heimgehn du mich sahst nach langem Leid,
Gedenke meiner nicht im Braus der Jugend:
Nur flüchtig würdest meiner du gedenken;
Auch nicht im Liebes—, Eh’— und Mutterglücke:
Nur matt im Trubel wäre dein Erinnern.
Mit sechzig Jahren erst gedenke meiner:
Des armen, kranken Mannes, den du gesehen
So Jahr für Jahr auf seinem Schmerzenslager,
Und der, von unabläß’ger Qual gefoltert,
Mühselig ächzend wen’ges nur gesprochen,
Der nichts dir war und nichts dir konnte sein.
Mit sechzig Jahren, Kind, gedenke seiner:
Dann denkst du sinnend seiner, lange sinnend,
Und spätes, tiefes Mitleid überkommt dich
Mit dem, der ausruht längst von aller Qual.
Und eine Träne quillt dir aus dem Aug’
Als Totenopfer für den längst Verblichenen,
Der nichts dir war und nichts dir konnte sein.

An B. (ertha)

Kind, das nun harmlos gaukelt wie ein Falter
Vorbei am Kranken, Schmerzgefolterten,
Wenn heimgehn du mich sahst nach langem Leid,
Gedenke meiner nicht im Braus der Jugend:
Nur flüchtig würdest meiner du gedenken;
Auch nicht im Liebes—, Eh’— und Mutterglücke:
Nur matt im Trubel wäre dein Erinnern.
Mit sechzig Jahren erst gedenke meiner:
Des armen, kranken Mannes, den du gesehen
So Jahr für Jahr auf seinem Schmerzenslager,
Und der, von unabläß’ger Qual gefoltert,
Mühselig ächzend wen’ges nur gesprochen,
Der nichts dir war und nichts dir konnte sein.
Mit sechzig Jahren, Kind, gedenke seiner:
Dann denkst du sinnend seiner, lange sinnend,
Und spätes, tiefes Mitleid überkommt dich
Mit dem, der ausruht längst von aller Qual.
Und eine Träne quillt dir aus dem Aug’
Als Totenopfer für den längst Verblichenen,
Der nichts dir war und nichts dir konnte sein.

[ 2 ] Man braucht nicht die Lage des Dichters zu schildern, der diese Zeilen schreiben konnte, die so mächtig sprechen von dem Leiden, man darf sagen, der ganzen zweiten Hälfte seines Lebens. Die Welt hat sich allerlei erzählt, schon als Hamerling einen großen Teil seines Lebens ans Bett gefesselt war, von einem sybaritischen Leben, das der Dichter des «Ahasver» führen sollte; es wurde sogar erzählt, daß er in einem prunkvollen Hause in Graz lebe, daß er sich vergnüge an einer ganzen Anzahl von Mädchen, welche griechische Tänze aufführen müßten Tag für Tag und dergleichen. Das alles konnte erzählt werden in den Tagen seiner Krankheit, die den Dichter ans Bett fesselte, in Zeiten, wo draußen die herrlichste Sonne leuchtete. Er mußte in seinem kleinen Stübchen im Bette liegen, wenn er wußte, daß draußen die Sonne über die grünen Fluren hinschien, in der herrlichen Natur, wo er sich so gern vergnügte, wenn er nur irgendeine kurze Zeit hatte, die er außer dem Bette zubringen konnte. Und diese herrliche Sonne, sie leuchtete gar so schön, als wir am 15. Juli 1889 den Verstorbenen zur letzten Ruhestätte brachten. Es wird selten ein Leben geben, das, in einer solchen Weise äußerlich zugebracht, so sehr mit jeder Fiber der Seele dem ergeben sein konnte, was das Große, das Schöne, das Gigantische, das Herrliche, das Freudige in der Welt ist.

[ 2 ] Man braucht nicht die Lage des Dichters zu schildern, der diese Zeilen schreiben konnte, die so mächtig sprechen von dem Leiden, man darf sagen, der ganzen zweiten Hälfte seines Lebens. Die Welt hat sich allerlei erzählt, schon als Hamerling einen großen Teil seines Lebens ans Bett gefesselt war, von einem sybaritischen Leben, das der Dichter des «Ahasver» führen sollte; es wurde sogar erzählt, daß er in einem prunkvollen Hause in Graz lebe, daß er sich vergnüge an einer ganzen Anzahl von Mädchen, welche griechische Tänze aufführen müßten Tag für Tag und dergleichen. Das alles konnte erzählt werden in den Tagen seiner Krankheit, die den Dichter ans Bett fesselte, in Zeiten, wo draußen die herrlichste Sonne leuchtete. Er mußte in seinem kleinen Stübchen im Bette liegen, wenn er wußte, daß draußen die Sonne über die grünen Fluren hinschien, in der herrlichen Natur, wo er sich so gern vergnügte, wenn er nur irgendeine kurze Zeit hatte, die er außer dem Bette zubringen konnte. Und diese herrliche Sonne, sie leuchtete gar so schön, als wir am 15. Juli 1889 den Verstorbenen zur letzten Ruhestätte brachten. Es wird selten ein Leben geben, das, in einer solchen Weise äußerlich zugebracht, so sehr mit jeder Fiber der Seele dem ergeben sein konnte, was das Große, das Schöne, das Gigantische, das Herrliche, das Freudige in der Welt ist.

[ 3 ] Ich erinnere mich einer Szene, wo ich in Wien mit einem jungen Musiker zusammensaß, der sehr befreundet mit Hamerling war. Dieser junge Musiker war im Grunde genommen ein armer Mensch, der früh einem Seelenleid erlag. Er war ein tiefer Pessimist, der nie müde wurde, über das Leben zu klagen. Und da er Hamerling so liebte, so hätte er es so gern gehabt, wenn er sich hätte auf den Dichter Robert Hamerling berufen können, wenn er über das Leben klagte. Aber einmal war es, daß der gute junge Musiker den Dichter Hamerling wieder einmal als Pessimisten aufrufen wollte. Und ich konnte ein Zeitungsblatt herbeirufen — wir saßen zusammen in einem Cafe —, in welchem ein kleines Gelegenheitsgedicht von Hamerling, «Persönliche Bitte» überschrieben, enthalten war, und es dem jungen Musiker zeigen:

[ 3 ] Ich erinnere mich einer Szene, wo ich in Wien mit einem jungen Musiker zusammensaß, der sehr befreundet mit Hamerling war. Dieser junge Musiker war im Grunde genommen ein armer Mensch, der früh einem Seelenleid erlag. Er war ein tiefer Pessimist, der nie müde wurde, über das Leben zu klagen. Und da er Hamerling so liebte, so hätte er es so gern gehabt, wenn er sich hätte auf den Dichter Robert Hamerling berufen können, wenn er über das Leben klagte. Aber einmal war es, daß der gute junge Musiker den Dichter Hamerling wieder einmal als Pessimisten aufrufen wollte. Und ich konnte ein Zeitungsblatt herbeirufen — wir saßen zusammen in einem Cafe —, in welchem ein kleines Gelegenheitsgedicht von Hamerling, «Persönliche Bitte» überschrieben, enthalten war, und es dem jungen Musiker zeigen:

Persönliche Bitte

Sagt, ich mache schlechte Verse —
Sagt, ich stehle Silberlöffel —
Sagt, ich sei kein guter Deutscher,
Weil aus notgedrungner Rücksicht
Der Diät kein Judenfleisch ich
Und kein Slawenfleisch genieße —
Oder ich verrate Östreich,
Weil den Bismarck ich besinge —
Sagt, daß mich der Gram verzehre,
Weil man mich zu selten lobt,
Und zuweilen schnöd verlästert —
Aber Eines, bitt’ ich, Eines
Saget nicht: daß Pessimist ich —
Daß in meinem Sang das letzte
Wort hat die blasiert-moderne,
Blöde, stumpfe Daseinsunlust!
Pessimist wär’ drum der Dichter,
Weil er sich ergeht in Klagen?
Just weil ihm so schön die Welt
Und so reizend scheint das Leben,
Wird er schmerzlich es bedauern,
Wenn versagt ihm blieb sein Anteil.
Soll, wer klagt, schon Pessimist sein,
Dann ist Pessimist auch jener,
Welchem ein O weh entfuhr,
Als ein Zahn ihm ward gerissen!
Glaubt den Rezensenten alles,
Nur nicht, daß ich Pessimist!
Dieses Wort haß ich — mir duftet’s
Wie nach seiner letzten Silbe.

Persönliche Bitte

Sagt, ich mache schlechte Verse —
Sagt, ich stehle Silberlöffel —
Sagt, ich sei kein guter Deutscher,
Weil aus notgedrungner Rücksicht
Der Diät kein Judenfleisch ich
Und kein Slawenfleisch genieße —
Oder ich verrate Östreich,
Weil den Bismarck ich besinge —
Sagt, daß mich der Gram verzehre,
Weil man mich zu selten lobt,
Und zuweilen schnöd verlästert —
Aber Eines, bitt’ ich, Eines
Saget nicht: daß Pessimist ich —
Daß in meinem Sang das letzte
Wort hat die blasiert-moderne,
Blöde, stumpfe Daseinsunlust!
Pessimist wär’ drum der Dichter,
Weil er sich ergeht in Klagen?
Just weil ihm so schön die Welt
Und so reizend scheint das Leben,
Wird er schmerzlich es bedauern,
Wenn versagt ihm blieb sein Anteil.
Soll, wer klagt, schon Pessimist sein,
Dann ist Pessimist auch jener,
Welchem ein O weh entfuhr,
Als ein Zahn ihm ward gerissen!
Glaubt den Rezensenten alles,
Nur nicht, daß ich Pessimist!
Dieses Wort haß ich — mir duftet’s
Wie nach seiner letzten Silbe.

[ 4 ] Die Stimmung Hamerlings charakterisieren doch auch solche Worte, Worte, welche zeigen, wie man im tiefsten Schmerze stöhnen und leben kann, wie er — er hat das an Rosegger geschrieben — gerade lebte in der Zeit, in welcher etwa diese «Persönliche Bitte» geschrieben sein kann. Er schrieb an Rosegger: «Ich fürchte nicht, Pessimist zu werden, aber ich fürchte, da ich manchmal auch nur wenige Augenblicke den immer fortdauernden Schmerzen abgewinnen kann, wahnsinnig oder blödsinnig zu werden!» Wahnsinnig oder blödsinnig zu werden konnte er fürchten, aber nicht konnte er befürchten, Pessimist zu werden, er, der seinen Dichterzug durch die Welt begonnen hat mit den Worten, die wahrhaft wie ein ganzes Lebensprogramm wirken. Denn, als Robert Hamerling seine erste größere Dichtung «Venus im Exil» in die Welt schickte, da trug sie das Motto:

[ 4 ] Die Stimmung Hamerlings charakterisieren doch auch solche Worte, Worte, welche zeigen, wie man im tiefsten Schmerze stöhnen und leben kann, wie er — er hat das an Rosegger geschrieben — gerade lebte in der Zeit, in welcher etwa diese «Persönliche Bitte» geschrieben sein kann. Er schrieb an Rosegger: «Ich fürchte nicht, Pessimist zu werden, aber ich fürchte, da ich manchmal auch nur wenige Augenblicke den immer fortdauernden Schmerzen abgewinnen kann, wahnsinnig oder blödsinnig zu werden!» Wahnsinnig oder blödsinnig zu werden konnte er fürchten, aber nicht konnte er befürchten, Pessimist zu werden, er, der seinen Dichterzug durch die Welt begonnen hat mit den Worten, die wahrhaft wie ein ganzes Lebensprogramm wirken. Denn, als Robert Hamerling seine erste größere Dichtung «Venus im Exil» in die Welt schickte, da trug sie das Motto:

Zieh’ hin, ein heiliger Bote,
Und sing’ in freudigen Tönen
Vom tagenden Morgenröte,
Vom kommenden Reiche der Schönen.

Zieh’ hin, ein heiliger Bote,
Und sing’ in freudigen Tönen
Vom tagenden Morgenröte,
Vom kommenden Reiche der Schönen.

[ 5 ] Und so war er im Grunde genommen sein ganzes Leben lang. Es prägt sich einem allerdings tief eine Szene ein, an die man erinnert werden muß, wenn man Hamerling, den österreichischen Dichter, in seiner ganzen Eigenart so recht verstehen will. Es ist einige Monate, einige Wochen vor seinem Tode gewesen, da übersiedelte er aus seiner Wohnung in der Stadt Graz — in der Straße, die damals Realschulstraße genannt war, die jetzt Hamerlingstraße heißt — in sein kleines Sommerhäuschen, das so lauschig gelegen war an der Peripherie der Stadt. Zwei Dienstmänner mußten den Kranken heruntertragen, drei Etagen hoch, so hoch war seine Wohnung gelegen. Mehrmals war er einer Ohnmacht nahe. Aber zu beiden Seiten hatte er, umwunden von einem breiten Band, das ihm stolagleich vom Hals herunterhing, zwei Pakete hängen, die eingewickelten Manuskripte seines letzten Werkes, der «Atomistik des Willens». Es ist charakteristisch für die Art, wie dieser Dichter lebte, und was er liebte. Nicht einen Augenblick wollte er dieses Manuskript seines philosophischen Werkes aus seinen Händen in andere Hände geben! So krank war er, daß er von zwei Dienstmännern heruntergetragen werden mußte, aber bewahren wollte er sich das, worin er lebte. Und jetzt wurde er heruntergetragen und hinausgefahren nach dem Stiftinghaus, bei schönstem Sonnenschein, und stöhnte: Ach, wie angenehm, so zu fahren, nur nicht so krank, nicht so krank! — Aber aus dieser äußeren Lebenslage heraus arbeitete eine Seele, ein Geist, der zugewendet war allem Großen, Schönen, allem Geistigen in der Welt, arbeitete so aus der Quelle des Großen, Schönen, Geistigen heraus, daß uns im Grunde genommen nur ganz natürlich klingt, was er über die pessimistische Stimmung sagte, was aber zugleich so klingt, daß uns in Hamerling ein Geist erscheint, der eine lebendige Dokumentation des Kosmos ist dafür, daß in jeder menschlichen Lage möglich ist der Sieg der Geisteskräfte im Menschen über die auch noch so sehr widerstrebenden materiellen und sinnlichen Kräfte.

[ 5 ] Und so war er im Grunde genommen sein ganzes Leben lang. Es prägt sich einem allerdings tief eine Szene ein, an die man erinnert werden muß, wenn man Hamerling, den österreichischen Dichter, in seiner ganzen Eigenart so recht verstehen will. Es ist einige Monate, einige Wochen vor seinem Tode gewesen, da übersiedelte er aus seiner Wohnung in der Stadt Graz — in der Straße, die damals Realschulstraße genannt war, die jetzt Hamerlingstraße heißt — in sein kleines Sommerhäuschen, das so lauschig gelegen war an der Peripherie der Stadt. Zwei Dienstmänner mußten den Kranken heruntertragen, drei Etagen hoch, so hoch war seine Wohnung gelegen. Mehrmals war er einer Ohnmacht nahe. Aber zu beiden Seiten hatte er, umwunden von einem breiten Band, das ihm stolagleich vom Hals herunterhing, zwei Pakete hängen, die eingewickelten Manuskripte seines letzten Werkes, der «Atomistik des Willens». Es ist charakteristisch für die Art, wie dieser Dichter lebte, und was er liebte. Nicht einen Augenblick wollte er dieses Manuskript seines philosophischen Werkes aus seinen Händen in andere Hände geben! So krank war er, daß er von zwei Dienstmännern heruntergetragen werden mußte, aber bewahren wollte er sich das, worin er lebte. Und jetzt wurde er heruntergetragen und hinausgefahren nach dem Stiftinghaus, bei schönstem Sonnenschein, und stöhnte: Ach, wie angenehm, so zu fahren, nur nicht so krank, nicht so krank! — Aber aus dieser äußeren Lebenslage heraus arbeitete eine Seele, ein Geist, der zugewendet war allem Großen, Schönen, allem Geistigen in der Welt, arbeitete so aus der Quelle des Großen, Schönen, Geistigen heraus, daß uns im Grunde genommen nur ganz natürlich klingt, was er über die pessimistische Stimmung sagte, was aber zugleich so klingt, daß uns in Hamerling ein Geist erscheint, der eine lebendige Dokumentation des Kosmos ist dafür, daß in jeder menschlichen Lage möglich ist der Sieg der Geisteskräfte im Menschen über die auch noch so sehr widerstrebenden materiellen und sinnlichen Kräfte.

[ 6 ] Neunundfünfzig Jahre vorher, also im Jahre 1830, war Robert Hamerling im österreichischen Waldviertel geboren, in jenem österreichischen Waldviertel, das durch seine eigentümliche Naturkonfiguration so sehr — und zumal wohl noch mehr als heute, wo es auch schon durchkreuzt ist von Eisenbahnen — dazu geeignet ist, die Seelen, wenn sie aufgeweckt sind, in sich selbst zu konzentrieren, die Seelen in sich selbst zu vertiefen. Es ist im Grunde genommen eine von der Kultur ziemlich verlassene Gegend, dieses Waldviertel, obwohl eine dorther stammende, in dem diesseits der Leitha gelegenen Österreich, weit und breit berühmte Persönlichkeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt hat. Diese Persönlichkeit ist jetzt wohl vergessen, lebt aber wahrscheinlich wenigstens noch in der Umgebung des Waldviertels in der Erinnerung der Leute, in zahlreichen Sagen des Volkes nach. Ich muß sagen, ich habe von der Berühmtheit dieser Persönlichkeit oftmals erzählen hören, denn meine beiden Eltern stammten aus dem Waldviertel, und so konnte ich den Nachklang dieser eigentümlichen Berühmtheit wenigstens hören, der charakteristisch ist für die ganze kulturfremde Stimmung des Waldviertels. Diese berühmte Persönlichkeit war nämlich einer der «berühmtesten» Raubmörder jener Zeit: der Grasel. Berühmter als alle, die aus dem Waldviertel hervorgegangen waren, ist sicher dieser Grasel.

[ 6 ] Neunundfünfzig Jahre vorher, also im Jahre 1830, war Robert Hamerling im österreichischen Waldviertel geboren, in jenem österreichischen Waldviertel, das durch seine eigentümliche Naturkonfiguration so sehr — und zumal wohl noch mehr als heute, wo es auch schon durchkreuzt ist von Eisenbahnen — dazu geeignet ist, die Seelen, wenn sie aufgeweckt sind, in sich selbst zu konzentrieren, die Seelen in sich selbst zu vertiefen. Es ist im Grunde genommen eine von der Kultur ziemlich verlassene Gegend, dieses Waldviertel, obwohl eine dorther stammende, in dem diesseits der Leitha gelegenen Österreich, weit und breit berühmte Persönlichkeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt hat. Diese Persönlichkeit ist jetzt wohl vergessen, lebt aber wahrscheinlich wenigstens noch in der Umgebung des Waldviertels in der Erinnerung der Leute, in zahlreichen Sagen des Volkes nach. Ich muß sagen, ich habe von der Berühmtheit dieser Persönlichkeit oftmals erzählen hören, denn meine beiden Eltern stammten aus dem Waldviertel, und so konnte ich den Nachklang dieser eigentümlichen Berühmtheit wenigstens hören, der charakteristisch ist für die ganze kulturfremde Stimmung des Waldviertels. Diese berühmte Persönlichkeit war nämlich einer der «berühmtesten» Raubmörder jener Zeit: der Grasel. Berühmter als alle, die aus dem Waldviertel hervorgegangen waren, ist sicher dieser Grasel.

[ 7 ] Hamerling hat noch in seinen späteren Jahren einmal einiges über das Waldviertel geschrieben, und ich möchte nur ganz wenige Zeilen von dem vorlesen, was er über das Waldviertel geschrieben hat, von seinem Heimatlande, in dem er in dem ersten Jahrzehnt oder in den ersten fünfzehn Jahren seines Lebens aufgewachsen ist. Ich will es vorlesen, weil ich glaube, daß durch solche Schilderung viel mehr Streiflichter auf das geworfen werden, was Hamerling ist, als durch irgendeine professorale Charakterisierung. So schreibt er: «Ich weiß nicht, wieviel die Erbauung einer Eisenbahn, welche das Waldviertel berührt, an der Weltabgeschiedenheit desselben geändert hat. Im Jahre 1867 war das Erscheinen eines Fremden dort noch ein Ereignis. Kam ein solcher zu Fuß oder zu Wagen des Weges, so blieben die pflügenden Rinder auf dem Felde stehen, um mit seitwärts gewendeten Köpfen die neue Erscheinung anzuglotzen. Der Bauer machte einige schwache Versuche, sie mit der Geißel anzutreiben — vergebens; am Ende tat er wie sie, und der Pflug rastete, bis der Fremde hinter dem nächsten Hügel oder Wäldchen verschwunden war. Auch das ein Bild von idyllischer Stimmung!»

[ 7 ] Hamerling hat noch in seinen späteren Jahren einmal einiges über das Waldviertel geschrieben, und ich möchte nur ganz wenige Zeilen von dem vorlesen, was er über das Waldviertel geschrieben hat, von seinem Heimatlande, in dem er in dem ersten Jahrzehnt oder in den ersten fünfzehn Jahren seines Lebens aufgewachsen ist. Ich will es vorlesen, weil ich glaube, daß durch solche Schilderung viel mehr Streiflichter auf das geworfen werden, was Hamerling ist, als durch irgendeine professorale Charakterisierung. So schreibt er: «Ich weiß nicht, wieviel die Erbauung einer Eisenbahn, welche das Waldviertel berührt, an der Weltabgeschiedenheit desselben geändert hat. Im Jahre 1867 war das Erscheinen eines Fremden dort noch ein Ereignis. Kam ein solcher zu Fuß oder zu Wagen des Weges, so blieben die pflügenden Rinder auf dem Felde stehen, um mit seitwärts gewendeten Köpfen die neue Erscheinung anzuglotzen. Der Bauer machte einige schwache Versuche, sie mit der Geißel anzutreiben — vergebens; am Ende tat er wie sie, und der Pflug rastete, bis der Fremde hinter dem nächsten Hügel oder Wäldchen verschwunden war. Auch das ein Bild von idyllischer Stimmung!»

[ 8 ] Aber wie eine Seele herauswächst aus der Umgebung, wie eine Individualität wird, das zeigt sich uns ganz besonders an Hamerling. Der Sohn eines armen Webers war er. Und als Hamerling noch nicht einmal das «Ich» aussprechen konnte, wurden die Eltern aus dem Hause fortgejagt, weil sie ganz verarmt waren. Der Vater mußte in die Fremde ziehen, die Mutter blieb mit dem kleinen Hamerling in dem Schönauer Waldviertel zurück. Da erlebte das Kind die Schönheiten des Waldviertels. Und dem späteren Hamerling blieb aus jener Zeit eine Szene im Gedächtnis zurück, von der er glaubte, daß er durch jenes Erlebnis eigentlich sein Wesen gewonnen hat. Als siebenjähriger Knabe stieg er einmal einen Hügel hinunter. Es war am Abend, im Westen ging die Sonne hinunter. Goldig kam es ihm aus dem goldenen Sonnenschein entgegen, und was in Hamerlings Augen aus dem goldigen Schein herausglänzte, schildert er in der folgenden Weise: «Zu den bedeutsamsten, aber freilich am schwersten mitteilbaren Erinnerungen meiner Knabenzeit gehören die oft seltsamen Stimmungen, die teils als lebhafte Eindrücke und Anregungen des Moments, meist vom Naturleben um mich her ausgehend, teils als wache Träume und Ahnungen durch die Seele des umherschweifenden Knaben zogen. Der Mystiker Jakob Böhme erzählte von sich, daß der höhere Sinn, das mystische Geistesleben auf wunderbare Weise in dem Momente bei ihm erweckt worden sei, als er sich träumend in den Anblick einer im hellen Sonnenlicht funkelnden zinnernen Schüssel versenkte. Vielleicht hat jeder geistigeMensch so eine Jakob Böhmesche Zinnschüssel irgendwelcher Art gehabt, von welcher seine eigentliche innere Erweckung sich herschreibt. Ich erinnere mich sehr lebhaft an einen gewissen Abend, an welchem mir — ich mochte sieben Jahre zählen —, als ich einen Bergabhang herunterging, der Sonnenuntergang im Westen wie eine Wunder- und Geistererscheinung entgegenleuchtete und mein Gemüt mit einer unvergeßlich-merkwürdigen Stimmung, mit einer Ahnung erfüllte, die mir heute wie eine Berufung erscheint und in welcher mein ganzes künftiges Geschick sich spiegelte. Ich eilte mit gehobener Brust einem unbekannten Ziel entgegen und zugleich lag eine Schwermut über meiner Seele, daß ich hätte weinen mögen. Wäre jener Moment ein aus seinen nächsten Bedingungen erklärlicher, nicht in seiner Art einziger gewesen, er hätte sich gewiß nicht so unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.»

[ 8 ] Aber wie eine Seele herauswächst aus der Umgebung, wie eine Individualität wird, das zeigt sich uns ganz besonders an Hamerling. Der Sohn eines armen Webers war er. Und als Hamerling noch nicht einmal das «Ich» aussprechen konnte, wurden die Eltern aus dem Hause fortgejagt, weil sie ganz verarmt waren. Der Vater mußte in die Fremde ziehen, die Mutter blieb mit dem kleinen Hamerling in dem Schönauer Waldviertel zurück. Da erlebte das Kind die Schönheiten des Waldviertels. Und dem späteren Hamerling blieb aus jener Zeit eine Szene im Gedächtnis zurück, von der er glaubte, daß er durch jenes Erlebnis eigentlich sein Wesen gewonnen hat. Als siebenjähriger Knabe stieg er einmal einen Hügel hinunter. Es war am Abend, im Westen ging die Sonne hinunter. Goldig kam es ihm aus dem goldenen Sonnenschein entgegen, und was in Hamerlings Augen aus dem goldigen Schein herausglänzte, schildert er in der folgenden Weise: «Zu den bedeutsamsten, aber freilich am schwersten mitteilbaren Erinnerungen meiner Knabenzeit gehören die oft seltsamen Stimmungen, die teils als lebhafte Eindrücke und Anregungen des Moments, meist vom Naturleben um mich her ausgehend, teils als wache Träume und Ahnungen durch die Seele des umherschweifenden Knaben zogen. Der Mystiker Jakob Böhme erzählte von sich, daß der höhere Sinn, das mystische Geistesleben auf wunderbare Weise in dem Momente bei ihm erweckt worden sei, als er sich träumend in den Anblick einer im hellen Sonnenlicht funkelnden zinnernen Schüssel versenkte. Vielleicht hat jeder geistigeMensch so eine Jakob Böhmesche Zinnschüssel irgendwelcher Art gehabt, von welcher seine eigentliche innere Erweckung sich herschreibt. Ich erinnere mich sehr lebhaft an einen gewissen Abend, an welchem mir — ich mochte sieben Jahre zählen —, als ich einen Bergabhang herunterging, der Sonnenuntergang im Westen wie eine Wunder- und Geistererscheinung entgegenleuchtete und mein Gemüt mit einer unvergeßlich-merkwürdigen Stimmung, mit einer Ahnung erfüllte, die mir heute wie eine Berufung erscheint und in welcher mein ganzes künftiges Geschick sich spiegelte. Ich eilte mit gehobener Brust einem unbekannten Ziel entgegen und zugleich lag eine Schwermut über meiner Seele, daß ich hätte weinen mögen. Wäre jener Moment ein aus seinen nächsten Bedingungen erklärlicher, nicht in seiner Art einziger gewesen, er hätte sich gewiß nicht so unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.»

[ 9 ] So war es in des Dichters siebentem Jahre, so war es, als die dichterische und die Geistesmuse ihm nahte. Dazumal wurde, man möchte sagen, aus dem Kosmos selber heraus in diese Seele der Keim gelegt zu allem, was dann aus ihr wurde. Es ist schön, wenn Hamerling einer solchen Erscheinung, wie einem Wunder, das der Kosmos selber mit ihm angestellt hatte, seine dichterische Berufung zuschreibt.

[ 9 ] So war es in des Dichters siebentem Jahre, so war es, als die dichterische und die Geistesmuse ihm nahte. Dazumal wurde, man möchte sagen, aus dem Kosmos selber heraus in diese Seele der Keim gelegt zu allem, was dann aus ihr wurde. Es ist schön, wenn Hamerling einer solchen Erscheinung, wie einem Wunder, das der Kosmos selber mit ihm angestellt hatte, seine dichterische Berufung zuschreibt.

[ 10 ] Wegen der Verarmung der Eltern mußte der Knabe aufgezogen werden in dem Zisterzienserkloster Zwettl. Er mußte dafür, daß er dort den ersten Gymnasialunterricht erhielt, im Chor der Sängerknaben des Klosters mitsingen. Hamerling war damals zwischen zehn und vierzehn Jahren, als er in diesem Kloster war. Er hatte sich innig angeschlossen an eine merkwürdige Persönlichkeit in diesem Kloster, an den Pater Hugo Traumihler. Der Pater Traumihler war ein Asket, eine Persönlichkeit, ganz ergeben mystischer Versenkung und asketisch strengem Leben. Man kann sich denken, wie der Knabe, in dem im Grunde genommen damals schon der Durst nach der Schönheit des Weltalls lebte, aber doch der Drang nach Vertiefung der Seele immer rege war, angeregt werden konnte von den inneren Erlebnissen, die der eigenartige Pater Traumihler ihm erzählen konnte von dem inneren Versenken in die Herz- und Seelengeheimnisse eines Mystikers, eines Mystikers sehr elementarer, primitiver Art, der aber einen großen Eindruck auf die Seele Hamerlings machte. Aber man kann Hamerling nicht als Dichter schildern, wenn man nicht hinweist auf das, was in ihm so einzig groß war: die Sehnsucht, ein großer Mensch zu sein. Als er später einmal, nachdem er längst aus dem Waldviertel weg war, wieder eine Reise dorthin machte, da fragten die Leute, die wußten, daß er von dort stammte, was er denn werden wolle. Aber Hamerling hatte sich, obwohl er bereits weit die Zwanzig überschritten hatte, nicht überlegt, was er werden wollte. Und da fiel ihm auf, daß man in diesen Jahren an die Frage herantritt: Was willst du werden? — Und er mußte sich immer sagen: Ja, was ich werden will, das kann ich den Leuten doch nicht sagen, denn das verstehen sie nicht. Denn wenn ich gefragt werde: Was willst du werden? — so möchte ich antworten: Ich will ein Mensch werden! — Und so hat er denn manchmal gesagt, er wolle Philologe werden, manchmal, er wolle Astronom werden oder dergleichen. Das verstanden die Leute. Aber daß man die Absicht haben kann — Hamerling war damals schon ein studierter junger Mann —, ein Mensch zu werden, das hätten sie nicht verstehen können.

[ 10 ] Wegen der Verarmung der Eltern mußte der Knabe aufgezogen werden in dem Zisterzienserkloster Zwettl. Er mußte dafür, daß er dort den ersten Gymnasialunterricht erhielt, im Chor der Sängerknaben des Klosters mitsingen. Hamerling war damals zwischen zehn und vierzehn Jahren, als er in diesem Kloster war. Er hatte sich innig angeschlossen an eine merkwürdige Persönlichkeit in diesem Kloster, an den Pater Hugo Traumihler. Der Pater Traumihler war ein Asket, eine Persönlichkeit, ganz ergeben mystischer Versenkung und asketisch strengem Leben. Man kann sich denken, wie der Knabe, in dem im Grunde genommen damals schon der Durst nach der Schönheit des Weltalls lebte, aber doch der Drang nach Vertiefung der Seele immer rege war, angeregt werden konnte von den inneren Erlebnissen, die der eigenartige Pater Traumihler ihm erzählen konnte von dem inneren Versenken in die Herz- und Seelengeheimnisse eines Mystikers, eines Mystikers sehr elementarer, primitiver Art, der aber einen großen Eindruck auf die Seele Hamerlings machte. Aber man kann Hamerling nicht als Dichter schildern, wenn man nicht hinweist auf das, was in ihm so einzig groß war: die Sehnsucht, ein großer Mensch zu sein. Als er später einmal, nachdem er längst aus dem Waldviertel weg war, wieder eine Reise dorthin machte, da fragten die Leute, die wußten, daß er von dort stammte, was er denn werden wolle. Aber Hamerling hatte sich, obwohl er bereits weit die Zwanzig überschritten hatte, nicht überlegt, was er werden wollte. Und da fiel ihm auf, daß man in diesen Jahren an die Frage herantritt: Was willst du werden? — Und er mußte sich immer sagen: Ja, was ich werden will, das kann ich den Leuten doch nicht sagen, denn das verstehen sie nicht. Denn wenn ich gefragt werde: Was willst du werden? — so möchte ich antworten: Ich will ein Mensch werden! — Und so hat er denn manchmal gesagt, er wolle Philologe werden, manchmal, er wolle Astronom werden oder dergleichen. Das verstanden die Leute. Aber daß man die Absicht haben kann — Hamerling war damals schon ein studierter junger Mann —, ein Mensch zu werden, das hätten sie nicht verstehen können.

[ 11 ] Nun würde viel zu erzählen sein über den Werdegang des Dichters Hamerling, und vor allem wäre darüber viel zu sprechen, wie sich in seine Seele herauflebt ein dreifaches. Das erste, was in ihm ganz lebendig wurde, war das, was er später in seiner «Atomistik des Willens» in die einfachen Worte gefaßt hat: daß die Griechen das Weltall mit «Kosmos» benannt haben, was zusammenhängt mit Schönheit. Das war ihm bezeichnend für den griechischen Geist; denn seine Seele war trunken von der Schönheit, die das Weltall durchpulst. Und die Menschheit wieder trunken zu erblicken von der Schönheit, das war alles, was sein Herz ersehnte und was er in dichterische Töne ausgießen wollte. Und so strebte in ihm alles nach der Schönheit hin, nach der schönheitstrunkenen griechischen Welt, und er sah so vieles, was in das Menschenleben eingezogen ist, was sich wie ein trüber Flor hinüberzieht über das, was gewollt ist in der Natur, über das, was gewollt ist von der Natur in Schönheit. Und Schönheit war für Hamerling eins mit Geistigkeit. So drang denn oft sein Blick hinaus über alles, was er von dem Griechentum wußte, und sah zugleich mit Wehmut hinein in die moderne Kultur, für die er dichten wollte. Dichten aber wollte er für diese moderne Kultur, um in sie hineinzusenken alle die Töne, welche die Menschen wieder aufmuntern können, Schönheit und Geistigkeit in das Leben hineinzutragen, um so wieder zu einem glücklichen Erdendasein zu kommen. Unmöglich war es für Hamerling, daß man von einer Diskrepanz zwischen Welt und Schönheit im Menschenleben sprechen könnte. Daß das Schöne das Leben durchdringen müßte, daß das Schöne auf der Welt leben müsse, das war es, was ihn ganz und gar begeisterte, wofür er auch am liebsten ganz und gar gelebt hätte, von Jugend auf. Das war wie ein Instinkt in seiner Seele. Aber er mußte sich hineinleben in so manches, was ihm zeigte, wie sich die moderne Zeit hindurchringen mußte durch vielfaches, was im Leben die Ideale durchkreuzt.

[ 11 ] Nun würde viel zu erzählen sein über den Werdegang des Dichters Hamerling, und vor allem wäre darüber viel zu sprechen, wie sich in seine Seele herauflebt ein dreifaches. Das erste, was in ihm ganz lebendig wurde, war das, was er später in seiner «Atomistik des Willens» in die einfachen Worte gefaßt hat: daß die Griechen das Weltall mit «Kosmos» benannt haben, was zusammenhängt mit Schönheit. Das war ihm bezeichnend für den griechischen Geist; denn seine Seele war trunken von der Schönheit, die das Weltall durchpulst. Und die Menschheit wieder trunken zu erblicken von der Schönheit, das war alles, was sein Herz ersehnte und was er in dichterische Töne ausgießen wollte. Und so strebte in ihm alles nach der Schönheit hin, nach der schönheitstrunkenen griechischen Welt, und er sah so vieles, was in das Menschenleben eingezogen ist, was sich wie ein trüber Flor hinüberzieht über das, was gewollt ist in der Natur, über das, was gewollt ist von der Natur in Schönheit. Und Schönheit war für Hamerling eins mit Geistigkeit. So drang denn oft sein Blick hinaus über alles, was er von dem Griechentum wußte, und sah zugleich mit Wehmut hinein in die moderne Kultur, für die er dichten wollte. Dichten aber wollte er für diese moderne Kultur, um in sie hineinzusenken alle die Töne, welche die Menschen wieder aufmuntern können, Schönheit und Geistigkeit in das Leben hineinzutragen, um so wieder zu einem glücklichen Erdendasein zu kommen. Unmöglich war es für Hamerling, daß man von einer Diskrepanz zwischen Welt und Schönheit im Menschenleben sprechen könnte. Daß das Schöne das Leben durchdringen müßte, daß das Schöne auf der Welt leben müsse, das war es, was ihn ganz und gar begeisterte, wofür er auch am liebsten ganz und gar gelebt hätte, von Jugend auf. Das war wie ein Instinkt in seiner Seele. Aber er mußte sich hineinleben in so manches, was ihm zeigte, wie sich die moderne Zeit hindurchringen mußte durch vielfaches, was im Leben die Ideale durchkreuzt.

[ 12 ] Hamerling machte dann als Student mit das Jahr 1848. Und er, der selbst die freiheitliche Bewegung mitmachte, wurde wegen dieses «großen Verbrechens» vor die Polizei geführt und wie viele, die damals in Wien die freiheitliche Bewegung mitgemacht hatten, einer besonderen Strafe zugeführt. Sie wurden nämlich zu dem Barbier geführt, und es wurden ihnen die Haare geschnitten zum Zeichen dafür, daß man ein «Demokrat» war, wenn man über das Polizeimaß des Erlaubten hinausgegangen war. Das andere, was damals nicht erlaubt war — wir haben heute doch schon in dieser Beziehung einen Fortschritt, denn heute werden einem nicht die Haare abgeschnitten, weil man freiheitlich gesinnt ist —, das war, einen breitkrämpigen Hut zu tragen, der galt wieder als ein Zeichen einer demokratischen Gesinnung, sondern man mußte eine sogenannte «Angströhre» tragen, den Zylinderhut. Der war polizeilich vollständig berechtigt. Durch dieses und manch anderes noch mußte sich Hamerling hindurchwinden. Als ein kleines Zeichen dafür, wie sich die Welt zu dem großen Dichter verhielt, sei nur noch das eine angeführt, wovon ich glaube, daß sich daraus eine bessere Charakterisierung ergibt als durch ein abstraktes Charakterisieren.

[ 12 ] Hamerling machte dann als Student mit das Jahr 1848. Und er, der selbst die freiheitliche Bewegung mitmachte, wurde wegen dieses «großen Verbrechens» vor die Polizei geführt und wie viele, die damals in Wien die freiheitliche Bewegung mitgemacht hatten, einer besonderen Strafe zugeführt. Sie wurden nämlich zu dem Barbier geführt, und es wurden ihnen die Haare geschnitten zum Zeichen dafür, daß man ein «Demokrat» war, wenn man über das Polizeimaß des Erlaubten hinausgegangen war. Das andere, was damals nicht erlaubt war — wir haben heute doch schon in dieser Beziehung einen Fortschritt, denn heute werden einem nicht die Haare abgeschnitten, weil man freiheitlich gesinnt ist —, das war, einen breitkrämpigen Hut zu tragen, der galt wieder als ein Zeichen einer demokratischen Gesinnung, sondern man mußte eine sogenannte «Angströhre» tragen, den Zylinderhut. Der war polizeilich vollständig berechtigt. Durch dieses und manch anderes noch mußte sich Hamerling hindurchwinden. Als ein kleines Zeichen dafür, wie sich die Welt zu dem großen Dichter verhielt, sei nur noch das eine angeführt, wovon ich glaube, daß sich daraus eine bessere Charakterisierung ergibt als durch ein abstraktes Charakterisieren.

[ 13 ] Es war, als Hamerling seine Universitätsjahre absolviert hatte und nun die Lehramtsprüfung ablegen sollte. In bezug auf Griechisch, Lateinisch und Mathematik bestand er die Prüfung gut. Geradezu glänzend ist das Zeugnis, das ihm über Griechisch und Lateinisch ausgestellt wurde. Dann aber lesen wir, daß er zwar vorgegeben hatte, einige Bücher über Grammatik gelesen zu haben, aber was er in der Prüfung gezeigt hatte, das hatte nicht darauf hingewiesen, daß er sich gründlich mit der deutschen Sprache und ihrem Studium befaßt hatte. Ein solches Zeugnis wurde einem Manne ausgestellt, der durch das ganz Eigenartige, durch das Einzigartige seines Stiles, die deutsche Sprache so unendlich bereichert hat!

[ 13 ] Es war, als Hamerling seine Universitätsjahre absolviert hatte und nun die Lehramtsprüfung ablegen sollte. In bezug auf Griechisch, Lateinisch und Mathematik bestand er die Prüfung gut. Geradezu glänzend ist das Zeugnis, das ihm über Griechisch und Lateinisch ausgestellt wurde. Dann aber lesen wir, daß er zwar vorgegeben hatte, einige Bücher über Grammatik gelesen zu haben, aber was er in der Prüfung gezeigt hatte, das hatte nicht darauf hingewiesen, daß er sich gründlich mit der deutschen Sprache und ihrem Studium befaßt hatte. Ein solches Zeugnis wurde einem Manne ausgestellt, der durch das ganz Eigenartige, durch das Einzigartige seines Stiles, die deutsche Sprache so unendlich bereichert hat!

[ 14 ] Aus dem Jahre 1851 möchte ich noch ein Erlebnis Hamerlings hervorheben. In jener Zeit lernte er eine Familie kennen, und er wäre einmal dort gern bei einem Abendfest geblieben, aber er konnte nicht dabei sein. Da wurde ihm aber von der Tochter des Hauses ein Gläschen Punsch in seine kleine Studentenstube hinübergeschickt. Und wie wurde ihm? Es wurde ihm so, daß er plötzlich den Drang bekam, Papier und Bleistift zu nehmen, und da fühlte er sich plötzlich in einer anderen Welt. Zuerst sah er, wie in einem großen 'Tableau eingezeichnet, Bilder der Weltgeschichte. Dann gingen diese Bilder über in ein Chaos von Blüten, Moder, Blut, Molchen, Goldfrüchten, blauen Augen, Harfenklängen, Verwüstungen des Lebens, Kanonendonner und streitende Menschen. Historische Szenen abwechselnd mit Blüten und Salamandern, dann, wie sich herauskristallisierend aus dem Ganzen, eine bleiche, ernste Gestalt mit eindringlichen Augen. Der Anblick dieser Gestalt brachte Hamerling zu sich. Er schaute auf sein Papier. Und auf seinem Papier stand, was, bevor die Vision aufgetreten war, nicht darauf gestanden hat, der Name Ahasver, und unten der Plan zu einer Dichtung «Ahasver».

[ 14 ] Aus dem Jahre 1851 möchte ich noch ein Erlebnis Hamerlings hervorheben. In jener Zeit lernte er eine Familie kennen, und er wäre einmal dort gern bei einem Abendfest geblieben, aber er konnte nicht dabei sein. Da wurde ihm aber von der Tochter des Hauses ein Gläschen Punsch in seine kleine Studentenstube hinübergeschickt. Und wie wurde ihm? Es wurde ihm so, daß er plötzlich den Drang bekam, Papier und Bleistift zu nehmen, und da fühlte er sich plötzlich in einer anderen Welt. Zuerst sah er, wie in einem großen 'Tableau eingezeichnet, Bilder der Weltgeschichte. Dann gingen diese Bilder über in ein Chaos von Blüten, Moder, Blut, Molchen, Goldfrüchten, blauen Augen, Harfenklängen, Verwüstungen des Lebens, Kanonendonner und streitende Menschen. Historische Szenen abwechselnd mit Blüten und Salamandern, dann, wie sich herauskristallisierend aus dem Ganzen, eine bleiche, ernste Gestalt mit eindringlichen Augen. Der Anblick dieser Gestalt brachte Hamerling zu sich. Er schaute auf sein Papier. Und auf seinem Papier stand, was, bevor die Vision aufgetreten war, nicht darauf gestanden hat, der Name Ahasver, und unten der Plan zu einer Dichtung «Ahasver».

[ 15 ] Das ist das Eigentümliche an Hamerling, daß er ein selten tiefes Interesse hatte für alles, was die Menschenseele bewegen kann in ihren Höhen und Tiefen, vereinigt mit, man möchte sagen, einer Trunkenheit für das Schöne. Daher war es auch, daß es als so glücklich für ihn bezeichnet werden müßte, daß er während einer Zeit von zehn Jahren ein Gymnasiallehreramt in Triest innehatte und diese Zeit an der herrlichen Adria zubringen und dann die Ferien in dem benachbarten Venedig erleben konnte, Dieses Venedig lernte er kennen, so kennen, daß er in späteren Jahren noch die einzelnen Winkel und Gäßchen wußte, die er immer wieder und wieder an den schönen Abenden abgelaufen war, Da leuchtete ihm die Natur entgegen, Schönheit, südliche Schönheit, wonach seine Seele so sehr dürstete. Diese südliche Schönheit, sie blüht noch heraus aus den Dichtungen, die, wie unter seinen Erstlingswerken, schon die eigenartige Begabung Robert Hamerlings anzeigen als dem «Sangesgruß von der Adria». Dann kam seine Dichtung «Venus im Exil», Venus nicht bloß gedacht als die Verkörperung irdischer Liebe, sondern als die Trägerin der Schönheit, die durch den Kosmos waltet und webt, die aber für die heutige Menschheit wie im Exil ist. Und aus dem Exil Schönheit und Liebe zu befreien, das betrachtete Robert Hamerling als seine dichterische Sehnsucht, Dichtersehnsucht. Daher dieses Ihnen vorgelesene Motto:

[ 15 ] Das ist das Eigentümliche an Hamerling, daß er ein selten tiefes Interesse hatte für alles, was die Menschenseele bewegen kann in ihren Höhen und Tiefen, vereinigt mit, man möchte sagen, einer Trunkenheit für das Schöne. Daher war es auch, daß es als so glücklich für ihn bezeichnet werden müßte, daß er während einer Zeit von zehn Jahren ein Gymnasiallehreramt in Triest innehatte und diese Zeit an der herrlichen Adria zubringen und dann die Ferien in dem benachbarten Venedig erleben konnte, Dieses Venedig lernte er kennen, so kennen, daß er in späteren Jahren noch die einzelnen Winkel und Gäßchen wußte, die er immer wieder und wieder an den schönen Abenden abgelaufen war, Da leuchtete ihm die Natur entgegen, Schönheit, südliche Schönheit, wonach seine Seele so sehr dürstete. Diese südliche Schönheit, sie blüht noch heraus aus den Dichtungen, die, wie unter seinen Erstlingswerken, schon die eigenartige Begabung Robert Hamerlings anzeigen als dem «Sangesgruß von der Adria». Dann kam seine Dichtung «Venus im Exil», Venus nicht bloß gedacht als die Verkörperung irdischer Liebe, sondern als die Trägerin der Schönheit, die durch den Kosmos waltet und webt, die aber für die heutige Menschheit wie im Exil ist. Und aus dem Exil Schönheit und Liebe zu befreien, das betrachtete Robert Hamerling als seine dichterische Sehnsucht, Dichtersehnsucht. Daher dieses Ihnen vorgelesene Motto:

Zieh’ hin, ein heiliger Bote,
Und sing’ in freudigen Tönen
Vom tagenden Morgenröte,
Vom kommenden Reiche der Schönen.

Zieh’ hin, ein heiliger Bote,
Und sing’ in freudigen Tönen
Vom tagenden Morgenröte,
Vom kommenden Reiche der Schönen.

[ 16 ] Aber diese Hamerling-Seele konnte nicht vom «tagenden Morgenröte, vom kommenden Reiche der Schönen» singen, ohne hineinzublicken in alle Untergründe der Menschenseele. Und wie sich diese Untergründe der Menschenseele vor Robert Hamerling hinstellten, die Vision über Ahasver hat es gezeigt. Dichterisch stand sie immer wieder und wieder vor seiner Seele, bis er dichterische Gestaltung für die Persönlichkeit des Ahasver fand. So trat sie ihm vor die Seele, daß ihm Ahasver der im Leben gebliebene Keim wurde, der durch das ganze Menschenleben geht als die Personifikation einer menschlichen Individualität, die dem Leben entfliehen möchte und nicht kann, einer menschlichen Individualität, die dann gegenübergestellt wird der Gestalt des Nero in Rom, jener Gestalt, die das Leben immer sucht und es in der sinnlichen Überfülle nicht finden kann, die daher immer suchen muß.

[ 16 ] Aber diese Hamerling-Seele konnte nicht vom «tagenden Morgenröte, vom kommenden Reiche der Schönen» singen, ohne hineinzublicken in alle Untergründe der Menschenseele. Und wie sich diese Untergründe der Menschenseele vor Robert Hamerling hinstellten, die Vision über Ahasver hat es gezeigt. Dichterisch stand sie immer wieder und wieder vor seiner Seele, bis er dichterische Gestaltung für die Persönlichkeit des Ahasver fand. So trat sie ihm vor die Seele, daß ihm Ahasver der im Leben gebliebene Keim wurde, der durch das ganze Menschenleben geht als die Personifikation einer menschlichen Individualität, die dem Leben entfliehen möchte und nicht kann, einer menschlichen Individualität, die dann gegenübergestellt wird der Gestalt des Nero in Rom, jener Gestalt, die das Leben immer sucht und es in der sinnlichen Überfülle nicht finden kann, die daher immer suchen muß.

[ 17 ] Man sieht, wie die Gegensätze des Lebens an Robert Hamerling herantraten. Das zeigt sich dann noch mehr in seiner Dichtung «Der König von Sion», worin er eine Gestalt schildert, die den Mitmenschen wieder geistiges Heil aus den geistigen Höhen herunterholen will, dabei aber in die menschliche Schwäche verfällt, in die Sinnlichkeit und so weiter. Wie sich die Gegensätze des Lebens berühren, das trat immer wieder vor die Seele Hamerlings. Und er wollte es dichterisch verkörpern. Griechenland stand vor seiner Seele auf, wie er es wieder herstellen wollte. In seiner «Aspasia» schildert er es, jenes Griechenland, wie er es sich vorstellte, schildert das Land seiner Sehnsucht, die Welt des Schönen mit allem, was die Welt des Schönen auch als ihre Schattenseiten an sich tragen kann. Ein wunderbares kulturhistorisches Gedicht wird, als ein Roman in drei Teilen, «Aspasia». Daß man Robert Hamerling nicht verstehen konnte, mir trat es symptomatisch entgegen, wie ich in einem alten Winkel zusammentraf mit einem Menschen, aus dessen Augen Mißgunst strahlte, um dessen Mund Häßlichkeit sich ausdrückte. — Selbstverständlich, nicht körperliche Häßlichkeit soll damit gemeint sein, denn die kann sogar im höchsten Maße schön sein. — Dieser Mensch war einer der bissigsten Kritiker der «Aspasia». Er nahm sich gleichsam so aus, wie der «häßlichste Mensch» dem schönheitstrunkenen Dichter gegenüber, und es ist begreiflich, daß die bissige Seele den schönheitstrunkenen Dichter nicht verstehen konnte!

[ 17 ] Man sieht, wie die Gegensätze des Lebens an Robert Hamerling herantraten. Das zeigt sich dann noch mehr in seiner Dichtung «Der König von Sion», worin er eine Gestalt schildert, die den Mitmenschen wieder geistiges Heil aus den geistigen Höhen herunterholen will, dabei aber in die menschliche Schwäche verfällt, in die Sinnlichkeit und so weiter. Wie sich die Gegensätze des Lebens berühren, das trat immer wieder vor die Seele Hamerlings. Und er wollte es dichterisch verkörpern. Griechenland stand vor seiner Seele auf, wie er es wieder herstellen wollte. In seiner «Aspasia» schildert er es, jenes Griechenland, wie er es sich vorstellte, schildert das Land seiner Sehnsucht, die Welt des Schönen mit allem, was die Welt des Schönen auch als ihre Schattenseiten an sich tragen kann. Ein wunderbares kulturhistorisches Gedicht wird, als ein Roman in drei Teilen, «Aspasia». Daß man Robert Hamerling nicht verstehen konnte, mir trat es symptomatisch entgegen, wie ich in einem alten Winkel zusammentraf mit einem Menschen, aus dessen Augen Mißgunst strahlte, um dessen Mund Häßlichkeit sich ausdrückte. — Selbstverständlich, nicht körperliche Häßlichkeit soll damit gemeint sein, denn die kann sogar im höchsten Maße schön sein. — Dieser Mensch war einer der bissigsten Kritiker der «Aspasia». Er nahm sich gleichsam so aus, wie der «häßlichste Mensch» dem schönheitstrunkenen Dichter gegenüber, und es ist begreiflich, daß die bissige Seele den schönheitstrunkenen Dichter nicht verstehen konnte!

[ 18 ] So war das ganze Streben Robert Hamerlings. Ich hätte viel zu erzählen, wenn ich den ganzen Gang Robert Hamerlings durch die Geschichte wiedergeben wollte. Danton, Robespierre suchte er zu behandeln, bis zu dem Homunkulus hin, worin er das ganze Groteske der modernen Kultur verkörpern wollte. Ich hätte auch viel zu sagen, wenn ich schildern wollte, wie die lyrische Muse Robert Hamerlings auf der einen Seite immer wieder und wieder aus aller Schönheit der Natur, aus allen herrlichen Farben der Natur, anderseits aus allem Geist der Natur die sinnenden Töne zu finden suchte, die seine Dichtungen durchziehen. Und wieder hätte ich viel zu sagen, wenn ich nur andeutend charakterisieren wollte, wie in diesen lyrischen Dichtungen Hamerlings alles das lebt, wodurch die Menschenseele Trost finden kann über das Kleine im Großen, wie ihr aus diesen Dichtungen der unbesiegliche Glaube fließen kann, daß, wie auch die Dämonen der Zwietracht und des Unschönen ihre Herrschaft geltend machen mögen, doch über die Menschenseele das Reich des Schönen kommen kann. Eine Seele war die Seele Hamerlings, die leiden konnte im Leben und die sich freuen konnte mitten im tiefsten, schmerzlichsten Leiden an den Schönheiten der geistigen Wirksamkeit, die um sich schauen konnte die Disharmonien des Tages und tief innerlich versenkt sein konnte, wenn der Sternenhimmel über den Gewässern aufging, in die Schönheiten der Nacht. In sinnvolle Töne konnte Hamerling diese Stimmung fließen lassen.

[ 18 ] So war das ganze Streben Robert Hamerlings. Ich hätte viel zu erzählen, wenn ich den ganzen Gang Robert Hamerlings durch die Geschichte wiedergeben wollte. Danton, Robespierre suchte er zu behandeln, bis zu dem Homunkulus hin, worin er das ganze Groteske der modernen Kultur verkörpern wollte. Ich hätte auch viel zu sagen, wenn ich schildern wollte, wie die lyrische Muse Robert Hamerlings auf der einen Seite immer wieder und wieder aus aller Schönheit der Natur, aus allen herrlichen Farben der Natur, anderseits aus allem Geist der Natur die sinnenden Töne zu finden suchte, die seine Dichtungen durchziehen. Und wieder hätte ich viel zu sagen, wenn ich nur andeutend charakterisieren wollte, wie in diesen lyrischen Dichtungen Hamerlings alles das lebt, wodurch die Menschenseele Trost finden kann über das Kleine im Großen, wie ihr aus diesen Dichtungen der unbesiegliche Glaube fließen kann, daß, wie auch die Dämonen der Zwietracht und des Unschönen ihre Herrschaft geltend machen mögen, doch über die Menschenseele das Reich des Schönen kommen kann. Eine Seele war die Seele Hamerlings, die leiden konnte im Leben und die sich freuen konnte mitten im tiefsten, schmerzlichsten Leiden an den Schönheiten der geistigen Wirksamkeit, die um sich schauen konnte die Disharmonien des Tages und tief innerlich versenkt sein konnte, wenn der Sternenhimmel über den Gewässern aufging, in die Schönheiten der Nacht. In sinnvolle Töne konnte Hamerling diese Stimmung fließen lassen.

[ 19 ] Wovon ich gern eine Vorstellung hervorgerufen hätte durch Worte, die Hamerling mehr symptomatisch charakterisieren wollten, das ist, daß Robert Hamerling erscheint wie der Dichter aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, der das Bewußtsein der besseren Zukunft der Menschheit unbesiegbar in sich trägt, weil er ganz durchdrungen ist von der Wahrheit der Schönheit im Weltall, daß er der Dichter ist, der zugleich schildern kann, wie der Geist im Menschen Sieger werden kann über alles, was an materiellen Hemmnissen und Hindernissen gegen die geistige Natur des Menschen heranrückt. Nur durch einzelne Züge in Hamerlings Leben wollte ich dieses charakterisieren.

[ 19 ] Wovon ich gern eine Vorstellung hervorgerufen hätte durch Worte, die Hamerling mehr symptomatisch charakterisieren wollten, das ist, daß Robert Hamerling erscheint wie der Dichter aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, der das Bewußtsein der besseren Zukunft der Menschheit unbesiegbar in sich trägt, weil er ganz durchdrungen ist von der Wahrheit der Schönheit im Weltall, daß er der Dichter ist, der zugleich schildern kann, wie der Geist im Menschen Sieger werden kann über alles, was an materiellen Hemmnissen und Hindernissen gegen die geistige Natur des Menschen heranrückt. Nur durch einzelne Züge in Hamerlings Leben wollte ich dieses charakterisieren.

[ 20 ] Man versteht Hamerling, den Dichter, nicht, wenn man nicht darauf hinweist, wie dieser Hamerling sein ganzes Leben lang daran gehangen hat, sich die Frage zu beantworten: Wie werde ich ein Mensch? — Alles, was er geschaffen hat, hat menschliche Größe, nicht immer gleich dichterische Größe, denn die dichterische Größe ist bei Hamerling erst eine Folge seiner menschlichen Größe. Es war für Hamerlings Seele immer so, daß es, wenn er dahin, dorthin sah und Disharmonien im Leben erblickte, wie ein unbesieglicher Drang in seiner Seele lebte, die dazugehörige Harmonie zu finden, zu finden, wie sich alles Häßliche auflösen muß vor dem rechten Blick der Menschennatur in Schönheit. Ich möchte, weil dies so charakteristisch ist für Hamerling, ein kleines, unbedeutendes Gedichtchen zum Schluß vorlesen, das in der Anlage, im Gedanken seiner ersten Jugend eigentlich entsprossen ist, das aber, wenn auch in primitiver dichterischer Einfachheit, die Stimmung charakterisiert, die durch sein ganzes Leben gegangen ist.

[ 20 ] Man versteht Hamerling, den Dichter, nicht, wenn man nicht darauf hinweist, wie dieser Hamerling sein ganzes Leben lang daran gehangen hat, sich die Frage zu beantworten: Wie werde ich ein Mensch? — Alles, was er geschaffen hat, hat menschliche Größe, nicht immer gleich dichterische Größe, denn die dichterische Größe ist bei Hamerling erst eine Folge seiner menschlichen Größe. Es war für Hamerlings Seele immer so, daß es, wenn er dahin, dorthin sah und Disharmonien im Leben erblickte, wie ein unbesieglicher Drang in seiner Seele lebte, die dazugehörige Harmonie zu finden, zu finden, wie sich alles Häßliche auflösen muß vor dem rechten Blick der Menschennatur in Schönheit. Ich möchte, weil dies so charakteristisch ist für Hamerling, ein kleines, unbedeutendes Gedichtchen zum Schluß vorlesen, das in der Anlage, im Gedanken seiner ersten Jugend eigentlich entsprossen ist, das aber, wenn auch in primitiver dichterischer Einfachheit, die Stimmung charakterisiert, die durch sein ganzes Leben gegangen ist.

Löwe und Rose

Es trat auf eine rote
Rose der Löw’ im Zorn;
Da blieb ihm in der Pfote
Der zarten Blume Dorn.

Es schwoll, es schmerzte die Pranke,
Der grimme Löw’ ist tot;
Frisch labt sich am Morgentranke
Des 'Taus die Rose rot!

Sei noch so fein das Feine,
Das Grobe noch so grob,
Das Feine, Zarte, Reine,
Das Schöne siegt doch ob!

Löwe und Rose

Es trat auf eine rote
Rose der Löw’ im Zorn;
Da blieb ihm in der Pfote
Der zarten Blume Dorn.

Es schwoll, es schmerzte die Pranke,
Der grimme Löw’ ist tot;
Frisch labt sich am Morgentranke
Des 'Taus die Rose rot!

Sei noch so fein das Feine,
Das Grobe noch so grob,
Das Feine, Zarte, Reine,
Das Schöne siegt doch ob!

[ 21 ] Das war Hamerlings Stimmung — das geht aus allem, was er geschaffen hat, hervor —, die sein ganzes Leben durchzog:

[ 21 ] Das war Hamerlings Stimmung — das geht aus allem, was er geschaffen hat, hervor —, die sein ganzes Leben durchzog:

Sei noch so fein das Feine,
Das Grobe noch so grob,
Das Feine, Zarte, Reine,
Das Schöne siegt doch ob!

Sei noch so fein das Feine,
Das Grobe noch so grob,
Das Feine, Zarte, Reine,
Das Schöne siegt doch ob!