How does one Develop an Understanding of the Spiritual World
The influx of spiritual impulses from the world of the deceased
GA 154
26 April 1914, Berlin
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How Does one Develop an Understanding of the Spiritual World?, tr. SOL
2. Robert Hamerling, Ein Dichter und ein Denker und ein Mensch
2. Robert Hamerling: A Poet, a Thinker, and a Human Being
[ 1 ] Es war am 15. Juli 1889. Da stand ich mit dem Dichter Rosegger und dem österreichischen Bildhauer Hans Brandstetter auf dem Friedhof zu St. Leonhard bei Graz, als in das Grab hinabgesenkt wurde die Leiche des österreichischen Dichters Robert Hamerling. Robert Hamerling war nach unsäglichen, man darf sagen, jahrzehntelang dauernden Leiden, die sich zuletzt bis zur Unerträglichkeit gesteigert hatten, einige Tage vorher von dem physischen Plan abgerufen worden. Die Leiche lag vorher aufgebahrt im kleinen, so wunderschönen Stiftinghaus an der Peripherie der österreichisch-steierischen Stadt Graz. Hamerling lag da, das heißt die irdische Form, die verlassen war von dieser großen Seele, lag da, ein wunderbares Abbild in ihrer Form von einem Leben, das gerungen hat nach den höchsten Höhen des Geistes. So ausdrucksvoll, so sprechend war diese nur den irdischen Elementen übriggebliebene Form, aber auch so sehr der Abdruck der unsäglichen Leiden, die diese Dichterseele in diesem Leben hat erfahren müssen! — Damals sah man in der Umgebung derjenigen, welche die nächsten Leidtragenden waren, ein kleines Mädchen, zehnjährig, das Mündel Robert Hamerlings, welches durch seine vielversprechende, damals vielversprechende Kindlichkeit die letzten Jahre des Dichters so sehr erfrischt und verschönt hat, jenes Mädchen, dem der Dichter jene Verse gewidmet hat, die im Grunde genommen so unendlich tief hineinführen in die Stimmung Robert Hamerlings in seinen letzten Lebensjahren. Und weil sie so tief hineinführen in das, was in Hamerlings Seele war, so gestatten Sie, daß ich gerade diese Verse gleich hier vorlese.
[ 1 ] It was July 15, 1889. I was standing in the cemetery at St. Leonhard near Graz with the poet Rosegger and the Austrian sculptor Hans Brandstetter when the body of the Austrian poet Robert Hamerling was lowered into the grave. Robert Hamerling had been called from the physical plane a few days earlier, following unspeakable suffering—one might say lasting for decades—which had ultimately intensified to the point of becoming unbearable. The body had previously been laid out in the small, exquisite Stiftinghaus on the outskirts of the Austrian-Styrian city of Graz. Hamerling lay there—that is, the earthly form, now abandoned by this great soul, lay there—a marvelous reflection in its form of a life that had striven for the highest heights of the spirit. So expressive, so eloquent was this form, left only to the earthly elements, yet also so deeply imprinted with the unspeakable sufferings that this poet’s soul had to endure in this life! — At that time, one could see among those who were the closest to bear the burden, a little girl, ten years old, Robert Hamerling’s ward, who, through her promising—at that time, so promising—childishness, had so greatly refreshed and brightened the poet’s final years; that girl to whom the poet dedicated those verses that, in essence, lead so infinitely deep into the mood of Robert Hamerling in his final years. And because they delve so deeply into what was in Hamerling’s soul, please allow me to read these very verses right here.
An B. (ertha)
Kind, das nun harmlos gaukelt wie ein Falter
Vorbei am Kranken, Schmerzgefolterten,
Wenn heimgehn du mich sahst nach langem Leid,
Gedenke meiner nicht im Braus der Jugend:
Nur flüchtig würdest meiner du gedenken;
Auch nicht im Liebes—, Eh’— und Mutterglücke:
Nur matt im Trubel wäre dein Erinnern.
Mit sechzig Jahren erst gedenke meiner:
Des armen, kranken Mannes, den du gesehen
So Jahr für Jahr auf seinem Schmerzenslager,
Und der, von unabläß’ger Qual gefoltert,
Mühselig ächzend wen’ges nur gesprochen,
Der nichts dir war und nichts dir konnte sein.
Mit sechzig Jahren, Kind, gedenke seiner:
Dann denkst du sinnend seiner, lange sinnend,
Und spätes, tiefes Mitleid überkommt dich
Mit dem, der ausruht längst von aller Qual.
Und eine Träne quillt dir aus dem Aug’
Als Totenopfer für den längst Verblichenen,
Der nichts dir war und nichts dir konnte sein.
To B. (ertha)
Child, now fluttering harmlessly like a butterfly
Past the sick, the pain-tormented,
When you saw me returning home after long suffering,
Do not remember me in the fervor of youth:
You would remember me only fleetingly;
Nor in the happiness of love, marriage, and motherhood:
Your memory would be but a faint echo in the turmoil.
Only when you are sixty years old, remember me:
Of the poor, sick man whom you saw
Year after year on his bed of suffering,
And who, tortured by unceasing torment,
Spoke but little, groaning with effort,
Who was nothing to you and could be nothing to you.
At sixty years of age, child, remember him:
Then you will think of him thoughtfully, thinking long and hard,
And late, deep compassion will overcome you
For him who has long since rested from all torment.
And a tear will well up from your eye
As an offering to the long-dead,
Who was nothing to you and could be nothing to you.
[ 2 ] Man braucht nicht die Lage des Dichters zu schildern, der diese Zeilen schreiben konnte, die so mächtig sprechen von dem Leiden, man darf sagen, der ganzen zweiten Hälfte seines Lebens. Die Welt hat sich allerlei erzählt, schon als Hamerling einen großen Teil seines Lebens ans Bett gefesselt war, von einem sybaritischen Leben, das der Dichter des «Ahasver» führen sollte; es wurde sogar erzählt, daß er in einem prunkvollen Hause in Graz lebe, daß er sich vergnüge an einer ganzen Anzahl von Mädchen, welche griechische Tänze aufführen müßten Tag für Tag und dergleichen. Das alles konnte erzählt werden in den Tagen seiner Krankheit, die den Dichter ans Bett fesselte, in Zeiten, wo draußen die herrlichste Sonne leuchtete. Er mußte in seinem kleinen Stübchen im Bette liegen, wenn er wußte, daß draußen die Sonne über die grünen Fluren hinschien, in der herrlichen Natur, wo er sich so gern vergnügte, wenn er nur irgendeine kurze Zeit hatte, die er außer dem Bette zubringen konnte. Und diese herrliche Sonne, sie leuchtete gar so schön, als wir am 15. Juli 1889 den Verstorbenen zur letzten Ruhestätte brachten. Es wird selten ein Leben geben, das, in einer solchen Weise äußerlich zugebracht, so sehr mit jeder Fiber der Seele dem ergeben sein konnte, was das Große, das Schöne, das Gigantische, das Herrliche, das Freudige in der Welt ist.
[ 2 ] There is no need to describe the circumstances of the poet who was able to write these lines, which speak so powerfully of the suffering—one might say—of the entire second half of his life. The world had all sorts of stories circulating, even when Hamerling was confined to his bed for a large part of his life, about a sybaritic life that the author of “Ahasver” was said to lead; it was even said that he lived in a magnificent house in Graz, that he amused himself with a whole host of girls who had to perform Greek dances day after day, and the like. All of this could be said during the days of his illness, which confined the poet to his bed, at times when the most glorious sun was shining outside. He had to lie in bed in his little room, knowing that outside the sun was shining over the green meadows, in the magnificent nature where he so loved to enjoy himself whenever he had even a brief moment to spend away from his bed. And this glorious sun shone so beautifully as we laid the deceased to rest on July 15, 1889. Rarely will there be a life that, while spent in such an outward manner, could be so devoted with every fiber of the soul to what is great, beautiful, gigantic, glorious, and joyful in the world.
[ 3 ] Ich erinnere mich einer Szene, wo ich in Wien mit einem jungen Musiker zusammensaß, der sehr befreundet mit Hamerling war. Dieser junge Musiker war im Grunde genommen ein armer Mensch, der früh einem Seelenleid erlag. Er war ein tiefer Pessimist, der nie müde wurde, über das Leben zu klagen. Und da er Hamerling so liebte, so hätte er es so gern gehabt, wenn er sich hätte auf den Dichter Robert Hamerling berufen können, wenn er über das Leben klagte. Aber einmal war es, daß der gute junge Musiker den Dichter Hamerling wieder einmal als Pessimisten aufrufen wollte. Und ich konnte ein Zeitungsblatt herbeirufen — wir saßen zusammen in einem Cafe —, in welchem ein kleines Gelegenheitsgedicht von Hamerling, «Persönliche Bitte» überschrieben, enthalten war, und es dem jungen Musiker zeigen:
[ 3 ] I remember a scene in which I was sitting in Vienna with a young musician who was a close friend of Hamerling’s. This young musician was, in essence, a poor soul who succumbed to mental anguish at an early age. He was a profound pessimist who never tired of lamenting life. And since he loved Hamerling so much, he would have loved to be able to refer to the poet Robert Hamerling whenever he complained about life. But on one occasion, the good young musician wanted once again to invoke the poet Hamerling as a pessimist. And I was able to produce a newspaper—we were sitting together in a café—which contained a short occasional poem by Hamerling, titled “Personal Request,” and show it to the young musician:
Persönliche Bitte
Sagt, ich mache schlechte Verse —
Sagt, ich stehle Silberlöffel —
Sagt, ich sei kein guter Deutscher,
Weil aus notgedrungner Rücksicht
Der Diät kein Judenfleisch ich
Und kein Slawenfleisch genieße —
Oder ich verrate Östreich,
Weil den Bismarck ich besinge —
Sagt, daß mich der Gram verzehre,
Weil man mich zu selten lobt,
Und zuweilen schnöd verlästert —
Aber Eines, bitt’ ich, Eines
Saget nicht: daß Pessimist ich —
Daß in meinem Sang das letzte
Wort hat die blasiert-moderne,
Blöde, stumpfe Daseinsunlust!
Pessimist wär’ drum der Dichter,
Weil er sich ergeht in Klagen?
Just weil ihm so schön die Welt
Und so reizend scheint das Leben,
Wird er schmerzlich es bedauern,
Wenn versagt ihm blieb sein Anteil.
Soll, wer klagt, schon Pessimist sein,
Dann ist Pessimist auch jener,
Welchem ein O weh entfuhr,
Als ein Zahn ihm ward gerissen!
Glaubt den Rezensenten alles,
Nur nicht, daß ich Pessimist!
Dieses Wort haß ich — mir duftet’s
Wie nach seiner letzten Silbe.
A Personal Request
Say I write bad poetry—
Say I steal silver spoons—
Say I am not a good German,
Because out of necessary consideration
I do not eat Jewish meat
Nor Slavic meat—
Or that I betray Austria,
Because I sing of Bismarck—
Say that grief consumes me,
Because I am praised too rarely,
And am sometimes cruelly slandered —
But one thing, I beg you, one thing
Do not say: that I am a pessimist —
That in my song the final
Word belongs to the smugly modern,
Stupid, dull aversion to life!
Would the poet therefore be a pessimist,
Because he indulges in lamentations?
Precisely because the world seems so beautiful to him
And life so charming,
He will regret it bitterly,
If his share were denied him.
Must whoever laments be a pessimist,
then a pessimist is also he,
from whom an “O woe” escaped,
when a tooth was pulled!
Believe the critics everything,
just not that I am a pessimist!
I hate this word—to me it smells
just like its last syllable.
[ 4 ] Die Stimmung Hamerlings charakterisieren doch auch solche Worte, Worte, welche zeigen, wie man im tiefsten Schmerze stöhnen und leben kann, wie er — er hat das an Rosegger geschrieben — gerade lebte in der Zeit, in welcher etwa diese «Persönliche Bitte» geschrieben sein kann. Er schrieb an Rosegger: «Ich fürchte nicht, Pessimist zu werden, aber ich fürchte, da ich manchmal auch nur wenige Augenblicke den immer fortdauernden Schmerzen abgewinnen kann, wahnsinnig oder blödsinnig zu werden!» Wahnsinnig oder blödsinnig zu werden konnte er fürchten, aber nicht konnte er befürchten, Pessimist zu werden, er, der seinen Dichterzug durch die Welt begonnen hat mit den Worten, die wahrhaft wie ein ganzes Lebensprogramm wirken. Denn, als Robert Hamerling seine erste größere Dichtung «Venus im Exil» in die Welt schickte, da trug sie das Motto:
[ 4 ] Hamerling’s state of mind is also characterized by such words—words that show how one can groan and live in the depths of pain, just as he—as he wrote to Rosegger—was living at the very time when this “Personal Request” might have been written. He wrote to Rosegger: “I do not fear becoming a pessimist, but I fear, since I can sometimes find relief from the ever-persisting pain for only a few moments, that I might go mad or become senile!” He might have feared going mad or becoming foolish, but he could not have feared becoming a pessimist—he who began his poetic journey through the world with words that truly seem like a program for a whole life. For when Robert Hamerling sent his first major poem, “Venus in Exile,” out into the world, it bore the motto:
Zieh’ hin, ein heiliger Bote,
Und sing’ in freudigen Tönen
Vom tagenden Morgenröte,
Vom kommenden Reiche der Schönen.
Go forth, O holy messenger,
And sing in joyful tones
Of the dawning morning light,
Of the coming realm of beauty.
[ 5 ] Und so war er im Grunde genommen sein ganzes Leben lang. Es prägt sich einem allerdings tief eine Szene ein, an die man erinnert werden muß, wenn man Hamerling, den österreichischen Dichter, in seiner ganzen Eigenart so recht verstehen will. Es ist einige Monate, einige Wochen vor seinem Tode gewesen, da übersiedelte er aus seiner Wohnung in der Stadt Graz — in der Straße, die damals Realschulstraße genannt war, die jetzt Hamerlingstraße heißt — in sein kleines Sommerhäuschen, das so lauschig gelegen war an der Peripherie der Stadt. Zwei Dienstmänner mußten den Kranken heruntertragen, drei Etagen hoch, so hoch war seine Wohnung gelegen. Mehrmals war er einer Ohnmacht nahe. Aber zu beiden Seiten hatte er, umwunden von einem breiten Band, das ihm stolagleich vom Hals herunterhing, zwei Pakete hängen, die eingewickelten Manuskripte seines letzten Werkes, der «Atomistik des Willens». Es ist charakteristisch für die Art, wie dieser Dichter lebte, und was er liebte. Nicht einen Augenblick wollte er dieses Manuskript seines philosophischen Werkes aus seinen Händen in andere Hände geben! So krank war er, daß er von zwei Dienstmännern heruntergetragen werden mußte, aber bewahren wollte er sich das, worin er lebte. Und jetzt wurde er heruntergetragen und hinausgefahren nach dem Stiftinghaus, bei schönstem Sonnenschein, und stöhnte: Ach, wie angenehm, so zu fahren, nur nicht so krank, nicht so krank! — Aber aus dieser äußeren Lebenslage heraus arbeitete eine Seele, ein Geist, der zugewendet war allem Großen, Schönen, allem Geistigen in der Welt, arbeitete so aus der Quelle des Großen, Schönen, Geistigen heraus, daß uns im Grunde genommen nur ganz natürlich klingt, was er über die pessimistische Stimmung sagte, was aber zugleich so klingt, daß uns in Hamerling ein Geist erscheint, der eine lebendige Dokumentation des Kosmos ist dafür, daß in jeder menschlichen Lage möglich ist der Sieg der Geisteskräfte im Menschen über die auch noch so sehr widerstrebenden materiellen und sinnlichen Kräfte.
[ 5 ] And that is essentially how he was his entire life. However, one scene remains deeply etched in one’s memory—a scene one must recall if one wishes to truly understand Hamerling, the Austrian poet, in all his uniqueness. It was a few months, a few weeks before his death, when he moved from his apartment in the city of Graz—on the street that was then called Realschulstraße, which is now called Hamerlingstraße—to his little summer cottage, which was so cozily situated on the outskirts of the city. Two servants had to carry the sick man down three flights of stairs; that is how high his apartment was situated. Several times he was on the verge of fainting. But on either side, wrapped in a wide ribbon that hung down from his neck like a sash, he had two bundles hanging: the wrapped manuscripts of his last work, *Atomistik des Willens*. It is characteristic of the way this poet lived and what he loved. Not for a single moment did he want to hand this manuscript of his philosophical work from his own hands into another’s! He was so ill that he had to be carried down by two servants, yet he wanted to keep what he lived for. And now he was carried down and driven out to the Stiftinghaus, in the most beautiful sunshine, and groaned: “Ah, how pleasant to ride like this, only not so sick, not so sick!” — But out of this external situation, a soul, a spirit turned toward all that is great, beautiful, and spiritual in the world, worked from the source of the great, beautiful, and spiritual, that what he said about the pessimistic mood sounds, in essence, quite natural to us; yet at the same time it sounds such that in Hamerling a spirit appears to us who is a living testament to the cosmos, proving that in every human situation the victory of the spiritual forces within man over the material and sensual forces—no matter how strongly they resist—is possible.
[ 6 ] Neunundfünfzig Jahre vorher, also im Jahre 1830, war Robert Hamerling im österreichischen Waldviertel geboren, in jenem österreichischen Waldviertel, das durch seine eigentümliche Naturkonfiguration so sehr — und zumal wohl noch mehr als heute, wo es auch schon durchkreuzt ist von Eisenbahnen — dazu geeignet ist, die Seelen, wenn sie aufgeweckt sind, in sich selbst zu konzentrieren, die Seelen in sich selbst zu vertiefen. Es ist im Grunde genommen eine von der Kultur ziemlich verlassene Gegend, dieses Waldviertel, obwohl eine dorther stammende, in dem diesseits der Leitha gelegenen Österreich, weit und breit berühmte Persönlichkeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt hat. Diese Persönlichkeit ist jetzt wohl vergessen, lebt aber wahrscheinlich wenigstens noch in der Umgebung des Waldviertels in der Erinnerung der Leute, in zahlreichen Sagen des Volkes nach. Ich muß sagen, ich habe von der Berühmtheit dieser Persönlichkeit oftmals erzählen hören, denn meine beiden Eltern stammten aus dem Waldviertel, und so konnte ich den Nachklang dieser eigentümlichen Berühmtheit wenigstens hören, der charakteristisch ist für die ganze kulturfremde Stimmung des Waldviertels. Diese berühmte Persönlichkeit war nämlich einer der «berühmtesten» Raubmörder jener Zeit: der Grasel. Berühmter als alle, die aus dem Waldviertel hervorgegangen waren, ist sicher dieser Grasel.
[ 6 ] Fifty-nine years earlier, in 1830, Robert Hamerling was born in the Austrian Waldviertel, that part of the Waldviertel whose unique natural landscape was so well suited—and perhaps even more so than today, when it is already crisscrossed by railroads — is suited to concentrating the souls within themselves, to deepening the souls within themselves, once they are awakened. It is, in essence, a region largely neglected by civilization, this Waldviertel, although a figure hailing from there—in the part of Austria situated on this side of the Leitha—who was famous far and wide lived there in the first half of the 19th century. This figure is now likely forgotten, but probably lives on at least in the memory of the people in the Waldviertel region, in numerous folk legends. I must say, I have often heard stories about the fame of this figure, for both my parents came from the Waldviertel, and so I was at least able to hear the echoes of this peculiar fame, which is characteristic of the entire culturally isolated atmosphere of the Waldviertel. This famous figure was, in fact, one of the “most famous” robbers and murderers of that time: Grasel. Grasel is certainly more famous than anyone else who has come from the Waldviertel.
[ 7 ] Hamerling hat noch in seinen späteren Jahren einmal einiges über das Waldviertel geschrieben, und ich möchte nur ganz wenige Zeilen von dem vorlesen, was er über das Waldviertel geschrieben hat, von seinem Heimatlande, in dem er in dem ersten Jahrzehnt oder in den ersten fünfzehn Jahren seines Lebens aufgewachsen ist. Ich will es vorlesen, weil ich glaube, daß durch solche Schilderung viel mehr Streiflichter auf das geworfen werden, was Hamerling ist, als durch irgendeine professorale Charakterisierung. So schreibt er: «Ich weiß nicht, wieviel die Erbauung einer Eisenbahn, welche das Waldviertel berührt, an der Weltabgeschiedenheit desselben geändert hat. Im Jahre 1867 war das Erscheinen eines Fremden dort noch ein Ereignis. Kam ein solcher zu Fuß oder zu Wagen des Weges, so blieben die pflügenden Rinder auf dem Felde stehen, um mit seitwärts gewendeten Köpfen die neue Erscheinung anzuglotzen. Der Bauer machte einige schwache Versuche, sie mit der Geißel anzutreiben — vergebens; am Ende tat er wie sie, und der Pflug rastete, bis der Fremde hinter dem nächsten Hügel oder Wäldchen verschwunden war. Auch das ein Bild von idyllischer Stimmung!»
[ 7 ] In his later years, Hamerling wrote a bit about the Waldviertel, and I would like to read just a few lines from what he wrote about the Waldviertel, his homeland, where he grew up during the first decade or the first fifteen years of his life. I want to read it because I believe that such a description sheds much more light on who Hamerling is than any professorial characterization. He writes: “I do not know how much the construction of a railroad passing through the Waldviertel has changed its seclusion from the world. In 1867, the appearance of a stranger there was still an event. If such a person came along the path on foot or by carriage, the plowing oxen would stop in the field to stare at the new arrival with their heads turned sideways. The farmer made a few feeble attempts to drive them on with his whip—in vain; in the end, he did as they did, and the plow came to a standstill until the stranger had disappeared behind the next hill or grove. What an idyllic scene!”
[ 8 ] Aber wie eine Seele herauswächst aus der Umgebung, wie eine Individualität wird, das zeigt sich uns ganz besonders an Hamerling. Der Sohn eines armen Webers war er. Und als Hamerling noch nicht einmal das «Ich» aussprechen konnte, wurden die Eltern aus dem Hause fortgejagt, weil sie ganz verarmt waren. Der Vater mußte in die Fremde ziehen, die Mutter blieb mit dem kleinen Hamerling in dem Schönauer Waldviertel zurück. Da erlebte das Kind die Schönheiten des Waldviertels. Und dem späteren Hamerling blieb aus jener Zeit eine Szene im Gedächtnis zurück, von der er glaubte, daß er durch jenes Erlebnis eigentlich sein Wesen gewonnen hat. Als siebenjähriger Knabe stieg er einmal einen Hügel hinunter. Es war am Abend, im Westen ging die Sonne hinunter. Goldig kam es ihm aus dem goldenen Sonnenschein entgegen, und was in Hamerlings Augen aus dem goldigen Schein herausglänzte, schildert er in der folgenden Weise: «Zu den bedeutsamsten, aber freilich am schwersten mitteilbaren Erinnerungen meiner Knabenzeit gehören die oft seltsamen Stimmungen, die teils als lebhafte Eindrücke und Anregungen des Moments, meist vom Naturleben um mich her ausgehend, teils als wache Träume und Ahnungen durch die Seele des umherschweifenden Knaben zogen. Der Mystiker Jakob Böhme erzählte von sich, daß der höhere Sinn, das mystische Geistesleben auf wunderbare Weise in dem Momente bei ihm erweckt worden sei, als er sich träumend in den Anblick einer im hellen Sonnenlicht funkelnden zinnernen Schüssel versenkte. Vielleicht hat jeder geistigeMensch so eine Jakob Böhmesche Zinnschüssel irgendwelcher Art gehabt, von welcher seine eigentliche innere Erweckung sich herschreibt. Ich erinnere mich sehr lebhaft an einen gewissen Abend, an welchem mir — ich mochte sieben Jahre zählen —, als ich einen Bergabhang herunterging, der Sonnenuntergang im Westen wie eine Wunder- und Geistererscheinung entgegenleuchtete und mein Gemüt mit einer unvergeßlich-merkwürdigen Stimmung, mit einer Ahnung erfüllte, die mir heute wie eine Berufung erscheint und in welcher mein ganzes künftiges Geschick sich spiegelte. Ich eilte mit gehobener Brust einem unbekannten Ziel entgegen und zugleich lag eine Schwermut über meiner Seele, daß ich hätte weinen mögen. Wäre jener Moment ein aus seinen nächsten Bedingungen erklärlicher, nicht in seiner Art einziger gewesen, er hätte sich gewiß nicht so unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.»
[ 8 ] But how a soul grows out of its surroundings and becomes an individual is particularly evident in Hamerling. He was the son of a poor weaver. And before Hamerling could even say “I,” his parents were driven from their home because they had fallen into utter poverty. His father had to move away, while his mother remained in the Schönau Waldviertel with little Hamerling. There, the child experienced the beauties of the Waldviertel. And from that time, a scene remained in the memory of the future Hamerling, which he believed had actually shaped his very being. As a seven-year-old boy, he once walked down a hill. It was evening; the sun was setting in the west. A golden glow met him from the golden sunlight, and what shone out of that golden radiance in Hamerling’s eyes, he describes as follows: “Among the most significant, though admittedly the most difficult to convey, memories of my boyhood are the often strange moods that passed through the soul of the wandering boy—partly as vivid impressions and inspirations of the moment, mostly arising from the natural world around me, and partly as waking dreams and premonitions. The mystic Jakob Böhme recounted that the higher sense, the mystical life of the spirit, was miraculously awakened in him at the very moment when, as if in a dream, he became absorbed in the sight of a pewter bowl sparkling in the bright sunlight. Perhaps every spiritual person has had a Jakob Böhme-like pewter bowl of some kind, from which their actual inner awakening derives. I remember very vividly a certain evening when—I must have been seven years old— as I was walking down a mountain slope, the sunset in the west shone out toward me like a miraculous and ghostly apparition and filled my mind with an unforgettable, strange mood, with a premonition that today seems to me like a calling and in which my entire future destiny was reflected. I hurried toward an unknown destination with my chest held high, and at the same time a melancholy lay upon my soul that made me want to weep. Had that moment been one that could be explained by its immediate circumstances, rather than being unique in its kind, it certainly would not have etched itself so indelibly into my memory.”
[ 9 ] So war es in des Dichters siebentem Jahre, so war es, als die dichterische und die Geistesmuse ihm nahte. Dazumal wurde, man möchte sagen, aus dem Kosmos selber heraus in diese Seele der Keim gelegt zu allem, was dann aus ihr wurde. Es ist schön, wenn Hamerling einer solchen Erscheinung, wie einem Wunder, das der Kosmos selber mit ihm angestellt hatte, seine dichterische Berufung zuschreibt.
[ 9 ] Such was the case in the poet’s seventh year; such was the case when the muse of poetry and the spirit drew near to him. At that time, one might say, the seed of all that would later blossom from within him was planted in his soul by the cosmos itself. It is beautiful when Hamerling attributes his poetic calling to such an apparition, as if it were a miracle that the cosmos itself had wrought upon him.
[ 10 ] Wegen der Verarmung der Eltern mußte der Knabe aufgezogen werden in dem Zisterzienserkloster Zwettl. Er mußte dafür, daß er dort den ersten Gymnasialunterricht erhielt, im Chor der Sängerknaben des Klosters mitsingen. Hamerling war damals zwischen zehn und vierzehn Jahren, als er in diesem Kloster war. Er hatte sich innig angeschlossen an eine merkwürdige Persönlichkeit in diesem Kloster, an den Pater Hugo Traumihler. Der Pater Traumihler war ein Asket, eine Persönlichkeit, ganz ergeben mystischer Versenkung und asketisch strengem Leben. Man kann sich denken, wie der Knabe, in dem im Grunde genommen damals schon der Durst nach der Schönheit des Weltalls lebte, aber doch der Drang nach Vertiefung der Seele immer rege war, angeregt werden konnte von den inneren Erlebnissen, die der eigenartige Pater Traumihler ihm erzählen konnte von dem inneren Versenken in die Herz- und Seelengeheimnisse eines Mystikers, eines Mystikers sehr elementarer, primitiver Art, der aber einen großen Eindruck auf die Seele Hamerlings machte. Aber man kann Hamerling nicht als Dichter schildern, wenn man nicht hinweist auf das, was in ihm so einzig groß war: die Sehnsucht, ein großer Mensch zu sein. Als er später einmal, nachdem er längst aus dem Waldviertel weg war, wieder eine Reise dorthin machte, da fragten die Leute, die wußten, daß er von dort stammte, was er denn werden wolle. Aber Hamerling hatte sich, obwohl er bereits weit die Zwanzig überschritten hatte, nicht überlegt, was er werden wollte. Und da fiel ihm auf, daß man in diesen Jahren an die Frage herantritt: Was willst du werden? — Und er mußte sich immer sagen: Ja, was ich werden will, das kann ich den Leuten doch nicht sagen, denn das verstehen sie nicht. Denn wenn ich gefragt werde: Was willst du werden? — so möchte ich antworten: Ich will ein Mensch werden! — Und so hat er denn manchmal gesagt, er wolle Philologe werden, manchmal, er wolle Astronom werden oder dergleichen. Das verstanden die Leute. Aber daß man die Absicht haben kann — Hamerling war damals schon ein studierter junger Mann —, ein Mensch zu werden, das hätten sie nicht verstehen können.
[ 10 ] Due to his parents’ poverty, the boy had to be raised at the Cistercian monastery in Zwettl. In exchange for receiving his first secondary education there, he was required to sing in the monastery’s choir of young boys. Hamerling was between ten and fourteen years old at the time he was at this monastery. He had formed a close bond with a remarkable figure in the monastery, Father Hugo Traumihler. Father Traumihler was an ascetic, a man wholly devoted to mystical contemplation and a life of strict asceticism. One can imagine how the boy, who even then was already, deep down, thirsting for the beauty of the universe, yet in whom the urge for spiritual deepening was always alive, could be inspired by the inner experiences that the peculiar Father Traumihler could recount to him—of the inner immersion into the heart and soul secrets of a mystic, a mystic of a very elemental, primitive sort, who nevertheless made a profound impression on Hamerling’s soul. But one cannot describe Hamerling as a poet without pointing out what was so uniquely great in him: the longing to be a great man. When he later, long after he had left the Waldviertel, made a return trip there, the people who knew he was from there asked him what he wanted to become. But Hamerling, although he was already well past twenty, had not yet decided what he wanted to become. And it struck him that in those years people approach the question: What do you want to become? — And he always had to tell himself: Yes, what I want to become, I can’t tell people that, because they wouldn’t understand. For when I am asked: “What do you want to be?”—I would like to answer: “I want to become a human being!”—And so he would sometimes say he wanted to become a philologist, sometimes that he wanted to become an astronomer or the like. People understood that. But that one could have the intention—Hamerling was already a college-educated young man at the time—of becoming a human being, that they could not have understood.
[ 11 ] Nun würde viel zu erzählen sein über den Werdegang des Dichters Hamerling, und vor allem wäre darüber viel zu sprechen, wie sich in seine Seele herauflebt ein dreifaches. Das erste, was in ihm ganz lebendig wurde, war das, was er später in seiner «Atomistik des Willens» in die einfachen Worte gefaßt hat: daß die Griechen das Weltall mit «Kosmos» benannt haben, was zusammenhängt mit Schönheit. Das war ihm bezeichnend für den griechischen Geist; denn seine Seele war trunken von der Schönheit, die das Weltall durchpulst. Und die Menschheit wieder trunken zu erblicken von der Schönheit, das war alles, was sein Herz ersehnte und was er in dichterische Töne ausgießen wollte. Und so strebte in ihm alles nach der Schönheit hin, nach der schönheitstrunkenen griechischen Welt, und er sah so vieles, was in das Menschenleben eingezogen ist, was sich wie ein trüber Flor hinüberzieht über das, was gewollt ist in der Natur, über das, was gewollt ist von der Natur in Schönheit. Und Schönheit war für Hamerling eins mit Geistigkeit. So drang denn oft sein Blick hinaus über alles, was er von dem Griechentum wußte, und sah zugleich mit Wehmut hinein in die moderne Kultur, für die er dichten wollte. Dichten aber wollte er für diese moderne Kultur, um in sie hineinzusenken alle die Töne, welche die Menschen wieder aufmuntern können, Schönheit und Geistigkeit in das Leben hineinzutragen, um so wieder zu einem glücklichen Erdendasein zu kommen. Unmöglich war es für Hamerling, daß man von einer Diskrepanz zwischen Welt und Schönheit im Menschenleben sprechen könnte. Daß das Schöne das Leben durchdringen müßte, daß das Schöne auf der Welt leben müsse, das war es, was ihn ganz und gar begeisterte, wofür er auch am liebsten ganz und gar gelebt hätte, von Jugend auf. Das war wie ein Instinkt in seiner Seele. Aber er mußte sich hineinleben in so manches, was ihm zeigte, wie sich die moderne Zeit hindurchringen mußte durch vielfaches, was im Leben die Ideale durchkreuzt.
[ 11 ] There is much to be said about the life of the poet Hamerling, and above all, there is much to be said about how a threefold reality came to life within his soul. The first thing that came fully alive within him was what he later expressed in simple terms in his “Atomistics of the Will”: that the Greeks named the universe “cosmos,” a term associated with beauty. To him, this was characteristic of the Greek spirit; for his soul was intoxicated by the beauty that pulses through the universe. And to see humanity once again intoxicated by beauty—that was all his heart longed for and what he wished to pour out in poetic tones. And so everything within him strove toward beauty, toward the beauty-intoxicated Greek world, and he saw so much that has crept into human life, that hangs like a gloomy veil over what is intended in nature, over what is intended by nature in beauty. And for Hamerling, beauty was one with spirituality. Thus his gaze often reached beyond all that he knew of Greek culture, and at the same time looked with melancholy into the modern culture for which he wished to write poetry. But he wished to write poetry for this modern culture in order to infuse it with all the tones that could lift people’s spirits again, to bring beauty and spirituality into life, and thus to return to a happy existence on earth. It was impossible for Hamerling to conceive of a discrepancy between the world and beauty in human life. That beauty must permeate life, that beauty must live in the world—this was what inspired him completely, for which he would have loved to live entirely, from his youth onward. It was like an instinct in his soul. But he had to immerse himself in many things that showed him how modern times had to struggle through the many things in life that thwart ideals.
[ 12 ] Hamerling machte dann als Student mit das Jahr 1848. Und er, der selbst die freiheitliche Bewegung mitmachte, wurde wegen dieses «großen Verbrechens» vor die Polizei geführt und wie viele, die damals in Wien die freiheitliche Bewegung mitgemacht hatten, einer besonderen Strafe zugeführt. Sie wurden nämlich zu dem Barbier geführt, und es wurden ihnen die Haare geschnitten zum Zeichen dafür, daß man ein «Demokrat» war, wenn man über das Polizeimaß des Erlaubten hinausgegangen war. Das andere, was damals nicht erlaubt war — wir haben heute doch schon in dieser Beziehung einen Fortschritt, denn heute werden einem nicht die Haare abgeschnitten, weil man freiheitlich gesinnt ist —, das war, einen breitkrämpigen Hut zu tragen, der galt wieder als ein Zeichen einer demokratischen Gesinnung, sondern man mußte eine sogenannte «Angströhre» tragen, den Zylinderhut. Der war polizeilich vollständig berechtigt. Durch dieses und manch anderes noch mußte sich Hamerling hindurchwinden. Als ein kleines Zeichen dafür, wie sich die Welt zu dem großen Dichter verhielt, sei nur noch das eine angeführt, wovon ich glaube, daß sich daraus eine bessere Charakterisierung ergibt als durch ein abstraktes Charakterisieren.
[ 12 ] As a student, Hamerling took part in the events of 1848. And he, who had himself been involved in the liberal movement, was brought before the police for this “great crime” and, like many others in Vienna who had participated in the liberal movement at the time, was subjected to a special punishment. They were taken to the barber, and their hair was cut as a sign that one was a “democrat” if one had gone beyond the police’s limits of what was permitted. The other thing that was not permitted back then—we have certainly made progress in this regard today, for today one’s hair is not cut off simply for holding liberal views—was wearing a wide-brimmed hat, which was again considered a sign of democratic sentiment; instead, one was required to wear a so-called “tube of fear,” the top hat. This was fully justified by the police. Hamerling had to navigate his way through this and many other such obstacles. As a small indication of how the world treated this great poet, let me cite just one more example, which I believe provides a better characterization than an abstract description.
[ 13 ] Es war, als Hamerling seine Universitätsjahre absolviert hatte und nun die Lehramtsprüfung ablegen sollte. In bezug auf Griechisch, Lateinisch und Mathematik bestand er die Prüfung gut. Geradezu glänzend ist das Zeugnis, das ihm über Griechisch und Lateinisch ausgestellt wurde. Dann aber lesen wir, daß er zwar vorgegeben hatte, einige Bücher über Grammatik gelesen zu haben, aber was er in der Prüfung gezeigt hatte, das hatte nicht darauf hingewiesen, daß er sich gründlich mit der deutschen Sprache und ihrem Studium befaßt hatte. Ein solches Zeugnis wurde einem Manne ausgestellt, der durch das ganz Eigenartige, durch das Einzigartige seines Stiles, die deutsche Sprache so unendlich bereichert hat!
[ 13 ] It was after Hamerling had completed his university studies and was now about to take the teacher certification exam. He passed the exam with good grades in Greek, Latin, and mathematics. The report card he received for Greek and Latin was nothing short of brilliant. But then we read that, although he had claimed to have read several books on grammar, what he demonstrated in the exam did not indicate that he had thoroughly engaged with the German language and its study. Such a report was issued to a man who, through the very peculiarity, through the uniqueness of his style, has so infinitely enriched the German language!
[ 14 ] Aus dem Jahre 1851 möchte ich noch ein Erlebnis Hamerlings hervorheben. In jener Zeit lernte er eine Familie kennen, und er wäre einmal dort gern bei einem Abendfest geblieben, aber er konnte nicht dabei sein. Da wurde ihm aber von der Tochter des Hauses ein Gläschen Punsch in seine kleine Studentenstube hinübergeschickt. Und wie wurde ihm? Es wurde ihm so, daß er plötzlich den Drang bekam, Papier und Bleistift zu nehmen, und da fühlte er sich plötzlich in einer anderen Welt. Zuerst sah er, wie in einem großen 'Tableau eingezeichnet, Bilder der Weltgeschichte. Dann gingen diese Bilder über in ein Chaos von Blüten, Moder, Blut, Molchen, Goldfrüchten, blauen Augen, Harfenklängen, Verwüstungen des Lebens, Kanonendonner und streitende Menschen. Historische Szenen abwechselnd mit Blüten und Salamandern, dann, wie sich herauskristallisierend aus dem Ganzen, eine bleiche, ernste Gestalt mit eindringlichen Augen. Der Anblick dieser Gestalt brachte Hamerling zu sich. Er schaute auf sein Papier. Und auf seinem Papier stand, was, bevor die Vision aufgetreten war, nicht darauf gestanden hat, der Name Ahasver, und unten der Plan zu einer Dichtung «Ahasver».
[ 14 ] I would like to highlight another experience Hamerling had in 1851. At that time, he got to know a family, and on one occasion he would have liked to stay for an evening party there, but he was unable to attend. But then the daughter of the house sent a small glass of punch over to his little student room. And how did he feel? He felt such that he suddenly had the urge to take paper and pencil, and then he suddenly felt as if he were in another world. At first he saw, as if drawn in a large tableau, images of world history. Then these images gave way to a chaos of blossoms, mold, blood, newts, golden fruits, blue eyes, harp music, the ravages of life, cannon fire, and quarreling people. Historical scenes alternated with blossoms and salamanders, then, as if crystallizing out of the whole, a pale, serious figure with piercing eyes. The sight of this figure brought Hamerling to his senses. He looked at his paper. And on his paper stood what had not been there before the vision appeared: the name Ahasver, and below it the outline for a poem titled “Ahasver.”
[ 15 ] Das ist das Eigentümliche an Hamerling, daß er ein selten tiefes Interesse hatte für alles, was die Menschenseele bewegen kann in ihren Höhen und Tiefen, vereinigt mit, man möchte sagen, einer Trunkenheit für das Schöne. Daher war es auch, daß es als so glücklich für ihn bezeichnet werden müßte, daß er während einer Zeit von zehn Jahren ein Gymnasiallehreramt in Triest innehatte und diese Zeit an der herrlichen Adria zubringen und dann die Ferien in dem benachbarten Venedig erleben konnte, Dieses Venedig lernte er kennen, so kennen, daß er in späteren Jahren noch die einzelnen Winkel und Gäßchen wußte, die er immer wieder und wieder an den schönen Abenden abgelaufen war, Da leuchtete ihm die Natur entgegen, Schönheit, südliche Schönheit, wonach seine Seele so sehr dürstete. Diese südliche Schönheit, sie blüht noch heraus aus den Dichtungen, die, wie unter seinen Erstlingswerken, schon die eigenartige Begabung Robert Hamerlings anzeigen als dem «Sangesgruß von der Adria». Dann kam seine Dichtung «Venus im Exil», Venus nicht bloß gedacht als die Verkörperung irdischer Liebe, sondern als die Trägerin der Schönheit, die durch den Kosmos waltet und webt, die aber für die heutige Menschheit wie im Exil ist. Und aus dem Exil Schönheit und Liebe zu befreien, das betrachtete Robert Hamerling als seine dichterische Sehnsucht, Dichtersehnsucht. Daher dieses Ihnen vorgelesene Motto:
[ 15 ] What is remarkable about Hamerling is that he had a rare and profound interest in everything that can stir the human soul in its highs and lows, combined with—one might say—an intoxication with beauty. That is also why it must be considered such a stroke of good fortune for him that, for a period of ten years, he held a position as a high school teacher in Trieste and was able to spend that time on the magnificent Adriatic and then enjoy his vacations in neighboring Venice, He came to know this Venice so intimately that in later years he still remembered the individual corners and alleyways he had walked time and again on those beautiful evenings. There, nature shone out to him—beauty, southern beauty—for which his soul so deeply yearned. This southern beauty still blossoms forth from the poems which, as in his early works, already reveal Robert Hamerling’s unique talent, such as the “Song of Greeting from the Adriatic.” Then came his poem “Venus in Exile,” Venus conceived not merely as the embodiment of earthly love, but as the bearer of beauty that reigns and weaves through the cosmos, yet remains, as it were, in exile for humanity today. And to liberate beauty and love from this exile—this Robert Hamerling regarded as his poetic yearning, the yearning of a poet. Hence this motto read to you:
Zieh’ hin, ein heiliger Bote,
Und sing’ in freudigen Tönen
Vom tagenden Morgenröte,
Vom kommenden Reiche der Schönen.
Go forth, O holy messenger,
And sing in joyful tones
Of the dawning morning light,
Of the coming realm of beauty.
[ 16 ] Aber diese Hamerling-Seele konnte nicht vom «tagenden Morgenröte, vom kommenden Reiche der Schönen» singen, ohne hineinzublicken in alle Untergründe der Menschenseele. Und wie sich diese Untergründe der Menschenseele vor Robert Hamerling hinstellten, die Vision über Ahasver hat es gezeigt. Dichterisch stand sie immer wieder und wieder vor seiner Seele, bis er dichterische Gestaltung für die Persönlichkeit des Ahasver fand. So trat sie ihm vor die Seele, daß ihm Ahasver der im Leben gebliebene Keim wurde, der durch das ganze Menschenleben geht als die Personifikation einer menschlichen Individualität, die dem Leben entfliehen möchte und nicht kann, einer menschlichen Individualität, die dann gegenübergestellt wird der Gestalt des Nero in Rom, jener Gestalt, die das Leben immer sucht und es in der sinnlichen Überfülle nicht finden kann, die daher immer suchen muß.
[ 16 ] But this soul of Hamerling could not sing of the “dawning morning light, of the coming realm of beauty” without delving into all the depths of the human soul. And the vision of Ahasver revealed how these depths of the human soul presented themselves to Robert Hamerling. Poetically, it stood before his soul again and again until he found a poetic form for the personality of Ahasver. Thus it appeared before his soul in such a way that Ahasver became for him the seed that remained in life, passing through the whole of human existence as the personification of a human individuality that wishes to escape life but cannot, a human individuality that is then contrasted with the figure of Nero in Rome, that figure who always seeks life and cannot find it in the sensual abundance, and who must therefore always seek.
[ 17 ] Man sieht, wie die Gegensätze des Lebens an Robert Hamerling herantraten. Das zeigt sich dann noch mehr in seiner Dichtung «Der König von Sion», worin er eine Gestalt schildert, die den Mitmenschen wieder geistiges Heil aus den geistigen Höhen herunterholen will, dabei aber in die menschliche Schwäche verfällt, in die Sinnlichkeit und so weiter. Wie sich die Gegensätze des Lebens berühren, das trat immer wieder vor die Seele Hamerlings. Und er wollte es dichterisch verkörpern. Griechenland stand vor seiner Seele auf, wie er es wieder herstellen wollte. In seiner «Aspasia» schildert er es, jenes Griechenland, wie er es sich vorstellte, schildert das Land seiner Sehnsucht, die Welt des Schönen mit allem, was die Welt des Schönen auch als ihre Schattenseiten an sich tragen kann. Ein wunderbares kulturhistorisches Gedicht wird, als ein Roman in drei Teilen, «Aspasia». Daß man Robert Hamerling nicht verstehen konnte, mir trat es symptomatisch entgegen, wie ich in einem alten Winkel zusammentraf mit einem Menschen, aus dessen Augen Mißgunst strahlte, um dessen Mund Häßlichkeit sich ausdrückte. — Selbstverständlich, nicht körperliche Häßlichkeit soll damit gemeint sein, denn die kann sogar im höchsten Maße schön sein. — Dieser Mensch war einer der bissigsten Kritiker der «Aspasia». Er nahm sich gleichsam so aus, wie der «häßlichste Mensch» dem schönheitstrunkenen Dichter gegenüber, und es ist begreiflich, daß die bissige Seele den schönheitstrunkenen Dichter nicht verstehen konnte!
[ 17 ] One can see how the contradictions of life confronted Robert Hamerling. This is even more evident in his poem “The King of Zion,” in which he portrays a figure who seeks to bring spiritual salvation down from the spiritual heights to his fellow human beings, but in doing so succumbs to human weakness, sensuality, and so on. How the contrasts of life intersect was a recurring theme in Hamerling’s mind. And he sought to embody it poetically. Greece stood before his soul, as he wished to restore it. In his “Aspasia,” he depicts it—that Greece as he had a mental image of it—depicting the land of his longing, the world of beauty with all that the world of beauty may also carry within itself as its dark sides. “Aspasia” becomes a wonderful cultural-historical poem, a novel in three parts. That Robert Hamerling could not be understood struck me as symptomatic when, in a secluded corner, I encountered a man whose eyes radiated envy and whose mouth expressed ugliness. — Of course, this does not refer to physical ugliness, for that can even be beautiful to the highest degree. — This person was one of the most scathing critics of “Aspasia.” He behaved, as it were, just as the “ugliest person” would toward the poet intoxicated by beauty, and it is understandable that the scathing soul could not understand the poet intoxicated by beauty!
[ 18 ] So war das ganze Streben Robert Hamerlings. Ich hätte viel zu erzählen, wenn ich den ganzen Gang Robert Hamerlings durch die Geschichte wiedergeben wollte. Danton, Robespierre suchte er zu behandeln, bis zu dem Homunkulus hin, worin er das ganze Groteske der modernen Kultur verkörpern wollte. Ich hätte auch viel zu sagen, wenn ich schildern wollte, wie die lyrische Muse Robert Hamerlings auf der einen Seite immer wieder und wieder aus aller Schönheit der Natur, aus allen herrlichen Farben der Natur, anderseits aus allem Geist der Natur die sinnenden Töne zu finden suchte, die seine Dichtungen durchziehen. Und wieder hätte ich viel zu sagen, wenn ich nur andeutend charakterisieren wollte, wie in diesen lyrischen Dichtungen Hamerlings alles das lebt, wodurch die Menschenseele Trost finden kann über das Kleine im Großen, wie ihr aus diesen Dichtungen der unbesiegliche Glaube fließen kann, daß, wie auch die Dämonen der Zwietracht und des Unschönen ihre Herrschaft geltend machen mögen, doch über die Menschenseele das Reich des Schönen kommen kann. Eine Seele war die Seele Hamerlings, die leiden konnte im Leben und die sich freuen konnte mitten im tiefsten, schmerzlichsten Leiden an den Schönheiten der geistigen Wirksamkeit, die um sich schauen konnte die Disharmonien des Tages und tief innerlich versenkt sein konnte, wenn der Sternenhimmel über den Gewässern aufging, in die Schönheiten der Nacht. In sinnvolle Töne konnte Hamerling diese Stimmung fließen lassen.
[ 18 ] Such was the essence of Robert Hamerling’s entire endeavor. I would have much to say if I were to recount the full course of Robert Hamerling’s journey through history. He sought to portray figures like Danton and Robespierre, right up to the Homunculus, in which he aimed to embody the full grotesqueness of modern culture. I would also have much to say if I were to describe how Robert Hamerling’s lyrical muse sought, on the one hand, time and again from all the beauty of nature, from all the magnificent colors of nature, and on the other hand, from all the spirit of nature, to find the contemplative tones that pervade his poetry. And again, I would have much to say if I were to even hint at how, in these lyrical poems of Hamerling, everything lives that through which the human soul can find comfort in the small within the great, how from these poems the invincible faith can flow that, no matter how the demons of discord and ugliness may assert their dominion, the realm of beauty can still come upon the human soul. Hamerling’s soul was one that could suffer in life and yet rejoice, even in the midst of the deepest, most painful suffering, in the beauties of spiritual activity; a soul that could look around at the disharmonies of the day and, when the starry sky rose above the waters, be deeply immersed, inwardly, in the beauties of the night. Hamerling was able to let this mood flow into meaningful tones.
[ 19 ] Wovon ich gern eine Vorstellung hervorgerufen hätte durch Worte, die Hamerling mehr symptomatisch charakterisieren wollten, das ist, daß Robert Hamerling erscheint wie der Dichter aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, der das Bewußtsein der besseren Zukunft der Menschheit unbesiegbar in sich trägt, weil er ganz durchdrungen ist von der Wahrheit der Schönheit im Weltall, daß er der Dichter ist, der zugleich schildern kann, wie der Geist im Menschen Sieger werden kann über alles, was an materiellen Hemmnissen und Hindernissen gegen die geistige Natur des Menschen heranrückt. Nur durch einzelne Züge in Hamerlings Leben wollte ich dieses charakterisieren.
[ 19 ] The mental image I would have liked to create through words intended to characterize Hamerling more symptomatically is that Robert Hamerling appears as the poet of the last third of the 19th century who carries within himself an unshakable conviction of a better future for humanity, because he is completely imbued with the truth of beauty in the universe, that he is the poet who can simultaneously depict how the spirit within man can triumph over all the material obstacles and hindrances that stand in the way of man’s spiritual nature. I wanted to characterize this solely through individual aspects of Hamerling’s life.
[ 20 ] Man versteht Hamerling, den Dichter, nicht, wenn man nicht darauf hinweist, wie dieser Hamerling sein ganzes Leben lang daran gehangen hat, sich die Frage zu beantworten: Wie werde ich ein Mensch? — Alles, was er geschaffen hat, hat menschliche Größe, nicht immer gleich dichterische Größe, denn die dichterische Größe ist bei Hamerling erst eine Folge seiner menschlichen Größe. Es war für Hamerlings Seele immer so, daß es, wenn er dahin, dorthin sah und Disharmonien im Leben erblickte, wie ein unbesieglicher Drang in seiner Seele lebte, die dazugehörige Harmonie zu finden, zu finden, wie sich alles Häßliche auflösen muß vor dem rechten Blick der Menschennatur in Schönheit. Ich möchte, weil dies so charakteristisch ist für Hamerling, ein kleines, unbedeutendes Gedichtchen zum Schluß vorlesen, das in der Anlage, im Gedanken seiner ersten Jugend eigentlich entsprossen ist, das aber, wenn auch in primitiver dichterischer Einfachheit, die Stimmung charakterisiert, die durch sein ganzes Leben gegangen ist.
[ 20 ] One cannot understand Hamerling, the poet, without pointing out how, throughout his entire life, he was preoccupied with answering the question: How do I become a human being? — Everything he created possesses human greatness, though not always poetic greatness, for in Hamerling’s case, poetic greatness is merely a consequence of his human greatness. It was always the case for Hamerling’s soul that whenever he looked here and there and saw disharmony in life, an invincible urge lived within his soul to find the corresponding harmony, to discover how all that is ugly must dissolve into beauty before the true gaze of human nature. Because this is so characteristic of Hamerling, I would like to read a small, insignificant little poem at the end, one that actually sprang from the spirit and thoughts of his earliest youth, but which, even in its primitive poetic simplicity, characterizes the mood that ran through his entire life.
Löwe und Rose
Es trat auf eine rote
Rose der Löw’ im Zorn;
Da blieb ihm in der Pfote
Der zarten Blume Dorn.Es schwoll, es schmerzte die Pranke,
Der grimme Löw’ ist tot;
Frisch labt sich am Morgentranke
Des 'Taus die Rose rot!Sei noch so fein das Feine,
Das Grobe noch so grob,
Das Feine, Zarte, Reine,
Das Schöne siegt doch ob!
The Lion and the Rose
In his rage, the lion
Stepped on a red rose;
And in his paw
The delicate flower’s thorn remained.His paw swelled and ached,
The fierce lion is dead;
Freshly refreshed by the morning dew
The rose is red!No matter how fine the fine,
No matter how coarse the coarse,
The fine, the tender, the pure,
Beauty still prevails!
[ 21 ] Das war Hamerlings Stimmung — das geht aus allem, was er geschaffen hat, hervor —, die sein ganzes Leben durchzog:
[ 21 ] That was Hamerling’s spirit—as is evident from everything he created—which permeated his entire life:
Sei noch so fein das Feine,
Das Grobe noch so grob,
Das Feine, Zarte, Reine,
Das Schöne siegt doch ob!
No matter how fine the fine,
No matter how coarse the coarse,
The fine, the delicate, the pure,
Beauty prevails in the end!
