How does one Develop an Understanding of the Spiritual World
The influx of spiritual impulses from the world of the deceased
GA 154
25 May 1914, Paris
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The Presence of the Dead on the Spiritual Path, tr. Arnim
5. Das Hereinwirken der geistigen Welt in unser Dasein
The Presence of the Dead in Our Life
[ 1 ] Vor allen Dingen, meine lieben Freunde, lassen Sie mich meine herzliche Freude ausdrücken darüber, daß wir am heutigen Tage hier in diesem Zweige der Anthroposophischen Gesellschaft uns wiederfinden können. Ich erinnere mich dabei des schönen Nachklingens unseres vorjährigen Zusammenseins, und ebenso aufrichtig und herzlich, wie dieses Nachklingen war, ebenso aufrichtig und herzlich ist die Begrüßung, mit der ich die heutigen Betrachtungen beginnen möchte.
[ 1 ] First of all, my dear friends, I want to say that I am very glad we are meeting here at this branch of the Anthroposophical Society today. I remember with great pleasure our meeting last year, and my greeting at the beginning of this lecture is as sincere and heartfelt as that memory.1See Rudolf Steiner, Die Welt des Geistes und ihr Hereinragen in das physische Dasein, Vol. 150 in the Collected Works, (Dornach, Switzerland: Rudolf Steiner Verlag, 1972), lecture of May 5, 1913. There are no transcripts of the lectures of May 4 and 9, 1913, in Paris.
[ 2 ] Sprechen möchte ich heute über einen Gegenstand, welcher tiefinnerlich zusammenhängt mit dem Grundnerv unserer anthroposophischen Bewegung. All dasjenige, was wir vorzubringen vermögen innerhalb unserer spirituellen Bewegung, beruht auf jenen Forschungen, die man hellsichtige Forschungen nennen kann. Und wenn es auch durchaus immer wieder betont werden muß, daß von den anthroposophischen Wahrheiten vorzugsweise unser Herz, unser Gemüt getroffen werden, so darf doch eben nicht außer acht gelassen werden, daß dasjenige, was auf unsere Herzen, auf unser Gemüt innerhalb dieser Bewegung wirken soll, seine Grundlage in dieser hellsichtigen Forschung hat. Hellsichtige Forschung ist der Ausdruck einer anderen Verfassung des menschlichen Seelenlebens, als diejenige ist, die den Alltag beherrscht. Scheinbar führt sie uns zunächst fort von demjenigen, was uns als Menschen so naheliegt im alltäglichen Leben. In Wahrheit aber führt uns diese hellsichtige Forschung gerade in den Mittelpunkt des wahrhaft menschlichen Lebens. Nun möchte ich heute nicht sprechen über die Wege zur hellsichtigen Forschung, die schon angedeutet sind in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», sondern ich möchte sprechen über die Eigentümlichkeiten jener Seelenverfassung, jener Stimmung der Menschenseele, die unter dem Eindruck der hellsichtigen Forschung entstehen müssen. Festhalten müssen wir, daß ja in der Tat die Wege zur hellsichtigen Forschung dahin führen, daß der Mensch sich innerhalb ihrer wirklich als ein ganz anderes Wesen fühlt, als er sich sonst im Leben fühlt. Will man dasjenige, was um die Menschenseele herum ist, wenn diese Menschenseele hellsehend wird, mit einer Erscheinung des gewöhnlichen Lebens vergleichen, so kann man es höchstens mit den Erscheinungen des Traumes, die aber wie ein Surrogat des Hellsehens sind. Wir erinnern uns, daß wir im Traume leben und weben in einer Bilderwelt, welche sich so darstellt, daß darin, wenn wir sie genau betrachten, uns nichts erscheinen kann von dem, was wir nennen «das Berührungsgefühl mit einem äußeren Gegenstand», und daß uns zunächst in dem gewöhnlichen Falle des Traumes nichts erscheint, was wir vergleichen können mit unserem gewöhnlichen Ich-Bewußtsein. Wenn uns im 'Traume doch etwas erscheint von unserem Ich, so erscheint es uns als von uns getrennt, wie ein äußeres Wesen. Wir treten unserem Ich wie einem anderen Wesen gegenüber, so daß man sprechen kann von einer Verdoppelung des Ich, wobei man aber im 'Traume nur das herausgetretene Ich wahrnimmt, nicht das subjektive Ich. Alles dasjenige, was zu widersprechen scheint dem eben Gesagten, rührt davon her, daß die meisten Menschen vom Traume nur aus der Erinnerung wissen und in der Erinnerung nicht genau festhalten können die Tatsache, daß im wirklichen Träumen das subjektive Ich ausgelöscht ist.
[ 2 ] Today I want to talk about a subject closely connected with the core of our anthroposophical movement. All the results of our spiritual movement are based on research that may be called clairvoyant. While I have often emphasized that our heart, mind, and feelings are primarily affected by anthroposophical truths, we cannot ignore that these truths depend on clairvoyant research, which is an expression of a soul condition different from that of everyday life. It appears to lead us away from the things that seem so important to us in daily life, but in reality, clairvoyant research leads us right into the heart of truly human life. Today, I do not want to speak about the paths to clairvoyant research since I have already described them in Knowledge of the Higher Worlds and Its Attainment.2Rudolf Steiner, Knowledge of the Higher Worlds and Its Attainment, repr., (Hudson, NY: Anthroposophic Press 1986). Rather, I would like to characterize the condition and mood of soul that develops as a consequence of this research. Indeed we must bear in mind that if we follow the paths to clairvoyant research, we will feel completely different from our usual self. What happens to our soul when it becomes clairvoyant can be compared with our dreams, which are like surrogate clairvoyance. When we dream, we live in a world of images, which contains nothing of what we call “the sensation of touching an object outside us.” In our dreams there is usually nothing we can compare with normal ego consciousness. If any aspect of our ego does appear in our dreams, it seems to be separate from us, almost like another being outside us. We face our ego like a separate entity. Thus, we can speak of a doubling of the ego. However, in dreams we perceive only the part of ourselves that has separated, not the subjective ego. All statements apparently contradicting what I have just said can be traced to the fact that most people know of their dreams only from memory, and cannot remember that in the actual dream the subjective ego was extinguished.
[ 3 ] Dieselben Eigenschaften, die dadurch entstehen, daß das Berührungsgefühl und das subjektive Ich ausgelöscht sind im Traum, dieselben Eigenschaften hat zunächst das Feld, das Bilderfeld der hellsichtigen Forschung. Wenn der Hellseher sich erinnert an die Erfahrungen des Hellsehens, so muß er das Gefühl haben in der Erinnerung, daß die Realitäten des Hellsehens durchlässig sind, daß man sie durchgreifen kann, nicht daß sie Widerstand leisten wie ein physischer Gegenstand. Und bezüglich des Ich-Gefühls: In der physischen Welt haben wir das Ich-Gefühl dadurch, daß wir wissen: Ich stehe da, der Gegenstand ist außer mir. — In dem Felde der hellsichtigen Beobachtung sind wir in dem Gegenstand drinnen, wir trennen uns nicht, wir scheiden uns nicht von den Gegenständen des hellsichtigen Feldes. Diese Eigentümlichkeit des hellsichtigen Feldes hat die ganz bestimmte Folge, daß die einzelnen Objekte nicht feststehen wie die abgegrenzten Gegenstände des physischen Feldes, sondern in fortwährender Bewegung und Verwandlung sind. Die Gegenstände des physischen Feldes sind dadurch fest, daß wir sie berühren können, daß sie uns Grenzen setzen. Solche Grenzen setzen uns die Objekte des hellsichtigen Feldes nicht. Dasjenige, welches bewirkt, daß unser Ich zusammenfließt mit den Objekten des hellsichtigen Feldes, das bewirkt nun, daß alles, was uns auf dem physischen Plan als ein Ich entgegentritt, das heißt der Mensch selbst, im hellsichtigen Felde, wenn er auftritt, uns außerordentliche Vorsicht der Beobachtung notwendig macht. Ich will den zunächst bedeutungsvollsten Fall ins Auge fassen, daß wir auf dem hellsichtigen Felde, durch die entwickelten hellsichtigen Fähigkeiten, einem verstorbenen Menschen gegenübertreten. Wenn wir einem verstorbenen Menschen entgegentreten, so kann dies so geschehen, daß uns zunächst, wie ein mit großer Lebhaftigkeit auftretendes Traumbild, die Gestalt des verstorbenen Menschen im hellsichtigen Felde entgegentritt, so wie wir ihn uns vorstellen oder vorzustellen haben, als er noch lebte. Dies ist aber nicht etwa der gewöhnliche Fall, sondern dies ist der äußerste Ausnahmefall.
[ 3 ] The images of clairvoyant research resemble dreams because in both the sense of touch and the subjective ego are absent. A clairvoyant recalling his or her experiences must feel that the clairvoyant reality is permeable and, unlike physical objects, offers no resistance to touch. In the physical world we have ego awareness because we know: I am here, the object is outside me. However, in clairvoyant perception we are inside the object, not separated from what we perceive. Consequently, the individual objects are not fixed and distinct as physical ones, but are in continuous movement and transformation. Objects in the physical world are fixed because we can touch them and because they offer us boundaries, which objects of clairvoyant perception do not have. The same thing that causes our ego to fuse with the objects of clairvoyant perception also forces us to be very careful when we encounter what we call in the physical world another ego, another human being. Let us first look at what happens when we encounter a person who has died through our clairvoyant faculties. Such an encounter can come about when the figure of the deceased approaches us in clairvoyant perception like a very vivid dream image, looking every bit as we remember the person looked in life. However, this is not the usual type of such encounters, but a rare exception.
[ 4 ] Es kann der Fall eintreten, daß sich uns nähert im hellsichtigen Felde ein Toter, und daß dieser Tote irgendeine Gestalt annimmt eines Lebenden oder eines anderen Toten, die nicht seine Gestalt ist. Die Gestalt, in der uns ein Toter entgegentritt, ist zunächst überhaupt nicht maßgebend für die Identifikation des betreffenden Toten. Es kann der Fall vorkommen, daß ein Toter sich uns nähert und wir haben einen anderen Toten besonders lieb gehabt, oder wir stehen in einem besonders freundschaftlichen Verhältnis zu einem Lebenden; dann kann der Tote, der uns entgegentritt, die Gestalt dieses Toten oder des Lebenden annehmen. Von diesem Gesichtspunkte aus fehlen uns zunächst alle Mittel, durch welche wir auf dem physischen Plan die Identifikation eines Ich mit einer Gestalt erkennen. Dasjenige, was uns dann helfen kann, wirklich uns zurechtzufinden, das ist, zunächst vorauszusetzen, daß die Gestalt gar nicht maßgebend ist, sondern daß uns in dieser oder jener Gestalt eben irgendein Wesen erscheint, und dann darauf zu merken, was dieses Wesen tut, welche Handlungen es vollbringt. Und es wird sich, wenn wir in aller Ruhe uns dem Bilde hingeben, die Konsequenz zeigen, daß nach alledem, was wir wissen von der betreffenden Gestalt, diese Gestalt nicht so handeln kann, wie sie auf dem hellsichtigen Felde handelt. Ein Widerspruch zwischen der Gestalt und der Handlungsweise wird uns sehr häufig entgegentreten. Und wenn wir mit unserem Fühlen mitgehen mit der Handlungsweise, ganz unbeschadet des Eindrucks der Gestalt, dann taucht aus den Tiefen unserer Seele ein Gefühl herauf, welches uns die Spur weist zu dem Wesen, um das es sich eigentlich handelt. Halten wir fest, daß es ein aus den Tiefen der Seele heraufdringendes Gefühl ist, das uns leitet, denn das ist außerordentlich wichtig. Dasjenige, was uns auf dem hellsichtigen Felde als Gestalt erscheint, die etwa ähnlich sein könnte einer physischen Gestalt, das kann so unähnlich sein dem Wesen, das wirklich erscheint, wie die Zeichen, die auf dem Papier für das Wort «Haus» stehen, un-ähnlich sind dem wirklichen Haus. Aber ebenso wie wir, wenn wir auf dem Papier die Zeichen, die das Wort «Haus» zusammensetzen, sehen, wie wir dann nicht unsere Aufmerksamkeit auf die Zeichen richten und nicht beschreiben die Formen der Buchstaben, sondern über die Form der Buchstaben, dadurch daß wir lesen können, zu der Vorstellung der Form des Hauses kommen, so eignen wir uns beim wirklichen Weg zum Hellsehen die Möglichkeit an, von der Gestalt zu dem wirklichen Wesen hinzugehen. Aus diesem Grunde spricht man im wahren Sinne des Wortes vom Lesen der okkulten Schrift, das heißt, vom innerlich lebendigen Hinausgehen über dasjenige, was die Vision ist zu dem, was die Vision ausdrückt, aber real ausdrückt, wie die Schrift ausdrückt die Realitäten.
[ 4 ] Another possibility is that we clairvoyantly perceive a dead person who has taken on the form of either a living or another dead individual, and thus does not appear in his own form. The appearance of the deceased, then, is of very little relevance in identifying him. Perhaps we were particularly fond of another dead person or have a particularly close friendship with a living one; the deceased approaching us can then take on the form of either of those other individuals. In other words, we lack all the usual means of identifying the ego and appearance of a person in the physical world. It will help us find our way to remember that the appearance or form is not at all important; a being is meeting us in one form or another, and we need to note what this being does. If we take our time and carefully observe the image before us, we will realize that, based on everything we know about the individual in question, this person could not act the way he does in the clairvoyant sphere; his actions are totally out of character. We will often encounter a contradiction between the person appearing to us and his actions. If we allow our feelings to accompany these actions, ignoring the individual's appearance, we will get a sense in the depths of our soul telling us what being we are actually dealing with. Let me repeat that we are guided by a feeling that rises up from the depths of our soul, for that is very important. The individual's appearance in the clairvoyant sphere seems to resemble a physical figure but can be as different from the being really present as the signs for the word “house” are from the actual house. Since we can read, we do not concentrate on the signs that make up the word “house” and do not describe the shape of the letters, but instead we get right to the concept “house.” In the same way, we learn in true clairvoyance to move from the figure we perceive to the actual being. That is why we speak of reading the occult script, in the true sense of the word. That is, we move inwardly and actively from the vision to the reality it expresses just as written words express a reality.
[ 5 ] Es ist nun natürlich, daß wir uns fragen müssen: Wodurch eignen wir uns diese Fähigkeit an des Hinausgehens über die Gestalt, über die unmittelbare Vision? Wir eignen uns diese Fähigkeit vor allem dadurch an, daß wir ins Auge fassen neue Vorstellungen, neue Begriffe, die wir brauchen, wenn wir das hellsichtige Feld verstehen wollen, neue Vorstellungen gegenüber den Vorstellungen, die wir für das physische Feld haben. Auf dem physischen Feld ist dort ein Gegenstand oder ein Wesen, und indem wir es wahrnehmen, sagen wir mit Recht: Ich nehme das Wesen, ich nehme den Gegenstand wahr, ich nehme ihn wahr. So nehmen wir wahr die Wesen des Pflanzen-, des Mineral-, des Tierreiches, des physischen Menschenreiches, so nehmen wir wahr Wolken, Berge, Flüsse, Sterne, Sonne und Mond. Dieses Gefühl, das ausgedrückt wird in den Worten: Ich nehme wahr —, erfährt eine Umänderung, eine Verwandlung, wenn wir uns auf das hellsichtige Feld begeben.
[ 5 ] How can we develop this ability to go beyond the appearance, the immediate vision? We do so, above all, by looking at new ideas and concepts we will need if we want to understand the clairvoyant sphere—new, that is, in contrast to the ideas we use in the physical world. In the physical world we look at an object or a being and say, quite rightly, I perceive that being, that object. We perceive the plant, mineral, and animal kingdoms, the realm of physical human beings, as well as clouds, mountains, rivers, stars, sun, and moon. The feeling expressed in the words “I perceive” undergoes a transformation when we enter the clairvoyant sphere.
[ 6 ] Ich will versuchen, durch einen Vergleich, der etwas grob klingen mag, klarzumachen, was mit dem eben Gesagten gemeint ist. Versetzen wir uns in das Wesen einer Pflanze und in ihr Verhältnis zu uns, wenn wir die Pflanze wahrnehmen. Wenn die Pflanze bewußt sprechen könnte, müßte sie sagen: Ich werde von den Menschen angeschaut, ich werde von den Menschen wahrgenommen. — Wir sagen: Ich nehme die Pflanze wahr. — Die Pflanze müßte von ihrem Bewußtsein aus sagen: Ich werde von den Menschen wahrgenommen. — Und dieses Gefühl des Wahrgenommenwerdens, des Angeschautwerdens, dieses Gefühl müssen wir uns gegenüber den Wesen des hellsichtigen Feldes aneignen. Wenn wir zum Beispiel sprechen von den Wesenheiten der ersten Hierarchie über uns, der Hierarchie der Angeloi, so müssen wir uns klar sein, daß es, genau gesprochen, nicht richtig ist, zu sagen: Ich nehme einen Engel wahr —, sondern wir müssen sagen: Wir fühlen, ein Engel nimmt uns wahr, oder nimmt mich wahr. — Wie wir sagen: Die Sonne geht auf und bewegt sich um den Horizont —, trotzdem wir, als innerhalb der Kopernikanischen Weltanschauung stehend, überzeugt sind, daß die Sonne stillsteht, daß die Sonne sich nicht bewegt, wie wir in diesen unseren Worten widersprechen dem, was wir denken, so können wir gewiß auch sagen für die gewöhnliche Sprache: Ich sehe einen Engel. — In Wahrheit ist es nicht richtig. In Wahrheit müssen wir sagen: Ich fühle mich von einem Engel gesehen oder geschaut. — Der Ausdruck: Das Wesen eines Engels oder das Wesen eines Toten ruht auf mir, für mich fühlbar —, ist ein richtiger Ausspruch vom Standpunkt des Hellsehers. Die Dinge begreift man vielleicht am leichtesten durch Beispiele. Es sei deshalb ein Beispiel aus der wirklich hellsichtigen Beobachtung hier angeführt.
[ 6 ] Let me try to explain this with an analogy, though it may sound simplistic. If you were a plant, how would you relate to people perceiving you? If this plant had consciousness and could speak, it would have to say: People look at me, I am perceived by them. Of course, we say: I perceive the plant, but at its level of consciousness, the plant would have to say that it was perceived by human beings. It is this feeling of being perceived, being looked at, we must acquire in relation to the beings of the clairvoyant sphere. For example, concerning the beings of the first hierarchy, the angels, we must be aware that strictly speaking it is not correct to say “I perceive an angel,” but we have to say “I feel an angel perceiving me.” Based on our Copernican world view, we know full well that the sun does not move. Nevertheless, we say that it rises and moves across the sky, thus contradicting our better knowledge. Similarly, in everyday language we can say that we see an angel. But that is not the truth. We would actually have to say that we feel ourselves seen or perceived by an angel. If we said we experience the being of an angel or of a dead person and can feel it, we would speak the truth from the clairvoyant point of view. Perhaps an example from clairvoyant observation will help you understand this.
[ 7 ] Im Beginn unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit, es ist jetzt mehr als ein Jahrzehnt her, arbeitete mit uns kurze Zeit eine uns sehr liebe, uns freundschaftlich zugetane Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit war ausgestattet nicht nur mit einem enthusiastischen Inneren für dasjenige, was wir damals im Beginne der geisteswissenschaftlichen Bewegung ihr geben konnten, sondern auch ausgestattet mit einem tiefen künstlerischen Gefühl und Empfinden und einer bedeutungsvollen künstlerischen Auffassung. Diese Persönlichkeit, man mußte sie liebgewinnen, ich möchte sagen, mit einer Liebe, die man objektiv nennen kann, wegen der bei ihr charakterisierten Eigenschaften. Sie verließ dann, nachdem sie verhältnismäßig kurze Zeit mit uns gearbeitet hatte und sich einen wirklich großen Teil unserer damaligen geisteswissenschaftlichen Ergebnisse angeeignet hatte, den physischen Plan. Es ist nicht nötig, daß ich nun die nächsten vier bis fünf Jahre nach dem Tode der betreffenden Persönlichkeit in bezug auf sie berühre, sondern ich will gleich erzählen von demjenigen, was vorging, nachdem vier bis fünf Jahre nach dem physischen Tod der betreffenden Persönlichkeit verflossen waren. Es kam das Jahr 1909, in dem wir begannen in München mit unseren Mysterienspielen, die wir beginnen konnten zu unserer großen Freude mit den «Kindern des Luzifer» unseres hochverehrten Edouard Schuré. Wie man auch denken mag über das gut oder schlecht, wie wir diese Mysterienspiele damals und dann im Laufe der Jahre aufgeführt haben, wir mußten sie aufführen, wie wir sie eben aufgeführt haben. Was ich aber sagen darf, das ist, daß wir unter den Verhältnissen, unter denen die Aufführungen geleistet werden mußten, einen Impuls aus der spirituellen Welt, auch für das Künstlerische, das wir verbinden wollten mit den Aufführungen, brauchten. Nun kann ich Ihnen die bestimmteste Versicherung geben, daß schon damals, 1909, aber insbesondere immer bedeutsamer und bedeutsamer in den nachfolgenden Jahren, ich von neuem immer fühlte einen bestimmten spirituellen Impuls, wenn ich daran ging, das Szenische und die ganze Einrichtung der betreffenden Aufführungen zu arrangieren. Wir wollen uns noch durch folgendes verständigen. Wenn man irgend etwas zu tun hat auf dem physischen Plan, so braucht man dazu nicht nur die Geisteskraft, die Talente, sondern man braucht auch seine Muskeln zur Arbeit auf dem physischen Plan. Diese Muskeln sind etwas, was uns objektiv zu Hilfe kommt, etwas, was uns gegeben ist im Gegensatz zu den Geisteskräften, in denen wir selbst darinnen leben. Bei demjenigen nun, wo Spirituelles in Betracht kommt, brauchen wir, so wie wir zum physischen Handeln Muskelkraft brauchen, spirituelle Kräfte, die aus der geistigen Welt herauskommen und sich mit unseren eigenen Kräften verbinden. In dem Falle, den ich angeführt habe, war es so, daß mit zunehmenden Jahren für die künstlerische Ausgestaltung der Münchner Spiele immer mehr und mehr in das, was ich selbst zu tun hatte, was ich zu tun hatte für meine Mitarbeiter, hineinfloß der Impuls, der ausging von der vorher angeführten Persönlichkeit, die seit dem Jahre 1904 den physischen Plan verlassen hat. Wollte ich richtig ausdrücken, um was es sich handelt, so hatte ich mir zu sagen: In deine Intentionen, in deine Verrichtungen fließt herein der Impuls, der von dieser Persönlichkeit vom spirituellen Plan herunterkommt. Sie ist die Schutzpatronin desjenigen, um was es sich dabei handelt.
[ 7 ] More than ten years ago, at the beginning of our work with spiritual science, a dear friend of ours worked with us for a short time.3Steiner here refers to the actress Maria von Strauch-Spettini, 1847–1904. See Lecture Two, note 7. This individual possessed not only enthusiasm for what we could give her in the early stages of spiritual science, but also a profound artistic sensitivity and understanding. One could not help but love this person, a love that may well be described as objective because of her qualities. Having worked with us for a relatively short time and having learned a great deal about the results of spiritual science, she left the physical world. There is no need to go into the next four or five years after her death, so let me get directly to what happened after that. In 1909, we presented our mystery plays in Munich, preceded, to our great delight, by Children of Lucifer by our highly respected friend Edouard Schuré.4Edouard Schuré, French writer. His play Children of Lucifer was performed in German in Munich on August 22, 1909, under Rudolf Steiner's direction. See Steiner The East in the Light of the West and Schuré, Children of Lucifer, both in one volume, (Blauvelt NY: Spiritual Science Library, 1986). Whatever you may think about the way the plays were produced then and later, we had to present them the way we did. The circumstances under which we had to work on the performances were such that we needed an impulse from the spiritual world, an impulse that also included the artistic aspect we wanted to incorporate. Now, I can assure you that even at that time, in 1909, and even more so in later years, I always felt a specific spiritual impulse as I was working on the arrangements for the performances. You see, when we have work to do in the physical world, we need not only intellect and skills but also the strength of our muscles. Our muscles objectively help us; they are given to us, unlike the intellectual capacities we ourselves dwell in. Now, in dealing with matters of the spirit we need forces from the spiritual world to combine with our own, just as we need the strength of our muscles for physical action. In the case I mentioned, the impulse from the individual who had left the physical world in 1904 entered more and more into our artistic work on the Munich plays. To describe what happened, I would have to say the impulses from this individual came down from the spirit plane and flowed into my intentions, into my work. She was the patron of our work.
[ 8 ] So fühlen wir richtig, auch gegenüber einer verstorbenen Persönlichkeit, wenn wir uns bewußt sind: Ihr geistiges Auge — der Ausdruck sei erlaubt —, ihre Kräfte ruhen auf uns, sie fließen in unsere Kräfte ein, sie sehen uns an, sie handeln in uns herein. — Um solch ein geistiges Faktum in der richtigen Weise zu erleben, dazu ist vor allen Dingen notwendig eine ganz bestimmte Art von Selbstlosigkeit und Liebefähigkeit. Deshalb hob ich hervor, daß man die betreffende Persönlichkeit wegen ihrer Eigenschaften gleichsam objektiv lieben konnte, sie heben mußte, weil sie so war. Eine subjektive Liebe, eine Liebe, die aus den persönlichen Bedürfnissen hervorgeht und die leicht egoistisch sein kann, eine solche Liebe kann unter Umständen uns hindern, das richtige Verhältnis zu einer solchen toten Persönlichkeit zu finden. Und der Unterschied der richtigen Liebe, der selbstlosen Liebe, die wir solch einem verstorbenen Wesen entgegenbringen, von der selbstsüchtigen Liebe, der tritt wirklich in der hellsichtigen Erfahrung zutage.
[ 8 ] We develop the right feelings toward the dead if we become aware that their spiritual gaze—if I may use that expression—and their powers focus on us; they look at us, act in us, and add to our strength. To experience such a spiritual fact in the right way, we need to develop a very specific type of selflessness and a capacity for love. That is why I stressed that one could love that person objectively, as it were, because of her qualities; one had to love her because she was as she was. A subjective love, a love arising out of personal needs, can easily be egotistical and can potentially keep us from finding the right relationship to such a dead individual. The difference between the right love, the selfless love we have for such a person, and selfish love becomes perfectly obvious in clairvoyant experience.
[ 9 ] Nehmen wir an, solch eine Persönlichkeit sollte uns nach ihrem Tode helfen und wir könnten nicht eine wirklich selbstlose Liebe zu ihr aufbringen, dann würde die Strömung, die von ihr ausgeht, indem sie ihr geistiges Auge und ihren geistigen Willen auf uns richtet, wie brennen, sie würde ein für uns stechendes, brennendes Gefühl in der Seele erzeugen. Wenn wir eine wirklich selbstlose Liebe aufbringen und bewahren können, die wir einem Toten entgegenbringen, dann kommt die Strömung, der gleichsam geistige Blick, der von einer solchen Persönlichkeit ausgeht, wie warme Milde über unsere Seele, und die warme Milde gießt sich in dasjenige, was wir denken, in dasjenige, was wir vorstellen, fühlen und wollen. Und in diesem Fühlen erkennt man die verstorbene Persönlichkeit, nicht an der unmittelbaren Gestalt, denn sie kann eine Gestalt annehmen, die uns gerade naheliegt und sich durch diese naheliegende Gestalt ausdrückt. Die Gestalten, in denen uns die Wesen der höheren Welt erscheinen — und ein Toter ist nach dem Tode ein Wesen eben der höheren, der geistigen Welt —, diese Gestalt hängt ab von unserer subjektiven Beschaffenheit, von dem, was wir gewohnt sind zu sehen, zu denken, zu fühlen. Die Art, wie wir dem Wesen, das in der Gestalt sich ausdrückt, gegenüber fühlen, empfinden, wie wir aufnehmen das, was von dem Wesen ausgeht, das ist die Realität. Wie auch immer die Jungfrau von Orleans sprechen konnte von den Gestalten, in denen ihr die Wesen der höheren Welt erschienen, der Okkultist, der die Dinge zu untersuchen in der Lage ist, weiß, daß hinter diesen Gestalten immer der Genius der französischen Nation war.
[ 9 ] Let us assume such a person would want to help us after her death, but we cannot develop true selfless love for her. Her spiritual gaze, her spiritual will streaming toward us would then be like a burning sensation, causing a piercing, burning feeling in our soul. If we can feel and maintain a selfless love, this stream, her spiritual gaze as it were, flows into our soul like a feeling of warm mildness and pours itself into our thoughts, imagination, feeling, and willing. It is out of this feeling that we recognize who the dead person is and not on the basis of his or her appearance, because the dead may manifest in the guise of a person we feel close to at the moment. The form in which the beings of the higher world appear to us—and after death we are all beings of a higher, spiritual world—depends on our subjective nature, on what we habitually see, think, and feel. The reality is what we feel for the being manifest before us, how we receive what comes to us from this being. Regardless of what Joan of Arc said about the appearance of the higher beings in her visions, the occultist who is able to investigate these things knows that it was always the genius of the French nation who stood behind them.5Joan of Arc, 1412–1431, French national heroine and saint.
[ 10 ] Ich habe Ihnen geschildert, wie man lernt fühlen, wie der Blick der geistigen Wesen auf einem ruht, wie ihr Wille sich in unsere eigene Seele hineinergießt. Indem man dieses lernt, lernt man dasjenige, was für das Hellsehen analog ist dem physischen Lesenlernen. Jemand, der nichts anderes wollte, als seine Visionen beschreiben, der wäre gleich einem Menschen, der die Form der Buchstaben auf dem Papier beschriebe und nicht auf dasjenige hinwiese, was er durch die Buchstaben und Worte liest. Sie sehen daraus, wie unendlich nahe es liegt, gegenüber den Erfahrungen des hellsichtigen Feldes vorurteilsvoll zu sein. Denn das nächste ist natürlich, daß man den Hauptwert darauf legt, die Form der Vision zu beschreiben, während tatsächlich es darauf ankommt, was hinter dem Schleier des Visionären liegt und sich durch die Bilder der Visionen zum Ausdruck bringt. So ist es notwendig, sich vorzustellen, daß die Seele eintaucht, indem sie sich okkult entwickelt, in ganz bestimmte Stimmungen, innere Verfassungen, die sich unterscheiden von den Stimmungen und Verfassungen des gewöhnlichen Lebens. Wir können sagen: In dem Augenblick, wo wir durch unsere okkulten Übungen soweit sind, daß die Berührung, die für den physischen Plan charakteristisch ist, aufhört, und daß aufhört charakteristisch zu sein die Gestalt für das Ich des betreffenden Wesens, daß in dem Augenblick wir in der Welt sind, in der wir fähig werden, die Hierarchie der Angeloi wahrzunehmen und die Hierarchie, wir können auch sagen die Hierarchien, der verstorbenen Menschen wahrzunehmen. Eine Veränderung erfährt dann, wenn das Berührungsgefühl und die Identifizierung des Ich durch die Gestalt aufhört, unser Denken, unser Leben in Gedanken. Gedanken in dem Sinne, wie wir sie hier in der physischen Welt haben, haben wir dann gar nicht mehr. Jeder Gedanke nimmt in dieser Welt die Form einer Elementarwesenheit an, wird Wesenheit. In der physischen Welt widersprechen sich die Gedanken oder stimmen miteinander überein. In der Welt, in die wir da eintreten, bekämpfen sich die Gedanken als wirkliche Wesenheiten. Sie lieben einander oder sie hassen einander. Wir leben uns sogleich hinein in eine Welt vieler Gedankenwesen. Und dasjenige, wofür wir gewohnt sind, das Wort «Leben» zu gebrauchen, das fühlen wir wirklich darinnen in den lebendigen Gedanken, die Lebewesen sind. Leben und Gedanken haben sich miteinander verbunden, während in der physischen Welt Leben und Gedanken vollständig voneinander getrennt sind. Wenn man als physischer Mensch spricht, jemandem seine Gedanken mitteilt, dann hat man das Gefühl: Deine Gedanken kommen aus deiner Seele heraus, du mußt dich im Moment an deine Gedanken erinnern. Wenn man als Okkultist spricht, wirklich als Okkultist spricht, nicht bloß aus der Erinnerung mitteilt das, was man erlebt hat, so muß man das Gefühl haben: Deine Gedanken kommen als lebendige Wesen herauf, und du mußt froh sein, wenn im richtigen Moment du begnadet wirst, daß der Gedanke herankommt als ein wirkliches Wesen.
[ 10 ] I described how we can feel the gaze of spiritual beings resting upon us and their will flowing into our souls. To learn this is analogous to learning to read on the physical plane. Those who merely want to describe their visions would be like people describing the shape of the letters on a page rather than their meaning. This shows you how easy it is to have preconceived notions about the experiences in the spiritual realm. Naturally, it seems most obvious to attach great importance to the description of what the vision looked like. However, what really matters is what lies behind the veil of perception and is expressed in the images of the vision. Thus, in the course of occult development, the soul immerses itself in specific moods and inner states different from those of our everyday life. We have entered the world of the hierarchy of angels and the hierarchy, or we could also say hierarchies, of the dead as soon as our occult exercises have brought us to the stage where the sense of touch characteristic of the physical world no longer exists, and where a person's appearance is no longer characteristic of the I concerned. Then our thinking changes and we no longer have thoughts in the sense we have them here in the physical world. In that world, every thought takes on the form of an elemental being. In the physical world, our thoughts can agree or contradict each other. In this other world we enter, thoughts encounter other thoughts as real beings, either loving or hating each other. We begin to feel our way into a world of many thought beings. And in those living thought beings, we really feel what we usually call “life.” Here life and thinking are united, whereas they are completely separate in the physical world. When we speak on the physical plane and tell our thoughts to someone, we have the feeling that our thoughts come from our soul, that we have to remember them at this particular moment. Speaking as a true occultist and not someone who just tells his experiences from memory, we will feel that our thoughts arise as living beings. We must be glad if we are blessed at the right moment with the approach of a thought as a real being.
[ 11 ] Um die Sache klarzumachen, will ich zweierlei anführen. Redet man als physischer Mensch aus seinen Gedanken heraus, so wird man, wenn man zum Beispiel als Vortragender einen Vortrag zum dreißigsten Male hält, leichter reden, als man geredet hat, wie man ihn zum ersten Male hielt. Indem man als Okkultist redet, müssen immer die Gedanken wirklich herankommen, und sie verlassen einen wieder. Und genau wie ein Mensch, der uns das dreißigste Mal besucht, jedesmal dieselbe Arbeit verrichten muß, wie er, wenn er uns dreißigmal besucht, auch dreißigmal den Weg machen muß, so muß der Gedanke, den wir das dreißigste Mal mitteilen als lebendigen Gedanken, dreißigmal an uns herankommen, herankommen genau wie beim ersten Male, und die Erinnerung nützt uns dabei nicht das geringste.
[ 11 ] When you express your thoughts in the physical world, for example, as a lecturer, you will find it easier to give a talk for the thirtieth time than you did the first time. If, however, you speak as an occultist, thoughts always have to approach you and then depart again. Just as someone paying you the thirtieth visit had to make his way to you thirty times, the living thought we express for the thirtieth time has to come to us thirty times as it did the first time; our memory is of absolutely no use here.
[ 12 ] Wenn man als physischer Mensch seine Gedanken äußert, und es ist unter den Zuhörern in irgendeiner Ecke jemand, der denkt: Ich mag den Unsinn, den der da redet, nicht, ich hasse ihn —, so wird einen physischen Menschen das nicht besonders beirren. Man hat vielleicht so und so oft seine Gedanken vorbereitet und spricht sie aus, ganz gleichgültig, ob in irgendeiner Ecke jemand mit guten oder schlimmen Gedanken sitzt. Wenn man als Okkultist seine Gedanken herankommen läßt, so kann es wohl sein, daß der Gedanke aufgehalten wird von irgend jemand, der ihn haßt, oder von jemand, der den Redner haßt. Und es müssen dann erst überwunden werden die Kräfte, mit denen der Gedanke zum Beispiel in demselben Raum zurückgehalten wird, weil man es mit einem lebendigen Wesen zu tun hat und nicht mit einem abstrakten Gedanken.
[ 12 ] If you express an idea on the physical level and someone is sitting in a corner thinking, “I don't like that nonsense, I hate it,” you will not be particularly bothered by it. You have prepared your ideas and present them regardless of the positive or negative thoughts of someone in the audience. But if as an esotericist you let thoughts approach you, they could be delayed and kept away by someone who hates them or who hates the speaker. And the forces blocking that thought must be overcome because we are dealing with living beings and not merely with abstract ideas.
[ 13 ] Ich führe diese beiden Dinge an, um zu zeigen, wie man sofort untertaucht, wenn man ins hellsichtige Feld hineinkommt, in ein lebendiges Leben und Weben der Gedanken. Die Gedanken sind wie aus dem Subjektiven herausgegangen, und man selbst ist aus sich herausgegangen und lebt draußen, ich möchte sagen, in der weiten Welt. Indem man in dieser Welt der lebenden und webenden Gedanken lebt, ist man in der Welt der Hierarchie der Angeloi und man könnte sagen: Wie unsere physische Welt überall erfüllt ist von Luft, wohin wir auch gehen, so ist diese Welt der Hierarchie der Angeloi überall erfüllt von jener milden Wärme, die vorhin erwähnt worden ist und die ausströmt von den Wesen der Hierarchie der Angeloi. Wenn wir uns durch unsere innere Entwickelung dieser Art zu der Möglichkeit erheben, zu leben in der geistigen Atmosphäre strömender Milde, so, kann man sagen, kann man auf der eigenen Seele ruhen fühlen die geistigen Augen der Hierarchie der Angeloi.
[ 13 ] These two examples show that as soon as we enter the sphere of clairvoyance, we are immersed in living and weaving thoughts. It is as if these thoughts are no longer subjective and as if you yourself are no longer within yourself, as if you are living outside in the wide world. When you are in this world of living and weaving thoughts, you are in the hierarchy of angels. And just as our physical world is everywhere filled with air, the world of the hierarchy of angels is filled with the mild warmth I spoke about earlier that the beings of this hierarchy pour out. When our inner development has brought us to the stage where we can live in this spiritual atmosphere of streaming mildness, we feel the spiritual eyes of the hierarchy of angels resting on our souls.
[ 14 ] Versuchen wir noch von einer anderen Seite dieselbe Sache zu charakterisieren. In unserem physischen Leben haben wir Ideale. Wir denken diese Ideale in Abstraktionen. Indem wir sie denken, fühlen wir uns verpflichtet, ihnen zu folgen. Sobald wir in das Feld der hellsichtigen Beobachtung eintreten, gibt es nicht abstrakte Ideale. Die abstrakten Ideale sind dort lebende Wesen, die Wesen der Hierarchie der Angeloi. Diese Ideale fließen, man möchte sagen, auf uns mit Wärme blickend, durch den geistigen Raum in der Gestalt eines Wesens der Hierarchie der Angeloi.
[ 14 ] Now, in our earthly life, we have certain ideals and think about them abstractly. As we think of them, we feel obligated to pursue these ideals. In the clairvoyant sphere, however, there are no abstract ideals. There ideals are living beings of the hierarchy of angels and flow through spiritual space, looking at us with warmth.
[ 15 ] In der physischen Welt können wir vielleicht ein Ideal haben, wir können wissen davon, aber wir können uns dieses Wissens nicht bedienen, sondern werden vielleicht durch Leidenschaft, durch Gefühl, durch Empfindung veranlaßt, uns um das Ideal gleichsam herumzudrücken. In der Welt des hellsichtigen Feldes ist das anders. Wenn wir irgendein Ideal, von dem wir wissen können, nicht beachten, so fühlen wir: Ein auf uns ruhender geistiger Blick eines Wesens der Hierarchie der Angeloi macht uns einen Vorwurf, und der Vorwurf brennt. So ist die Nichtbeachtung eines Ideals in der geistigen Welt eine reale Tatsache, die Tatsache, daß uns ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi einen Vorwurf macht. Und die Eigentümlichkeit in der Welt, von der ich jetzt gesprochen habe, ist die, daß wir, durch das Ruhen des geistigen Blickes eines solchen Wesens aus der Hierarchie der Angeloi auf uns, den Vorwurf fühlen. Indem wir von dem Wesen angeschaut werden, fühlen wir den Vorwurf. Das Anschauen ist zugleich das Fühlen des Vorwurfes. Sie sehen daraus, daß ein Weg, um in die Welt der Hierarchie der Angelo: hineinzukommen, der sein kann, Idealen gegenüber real fühlen zu lernen. Halten wir unser Bewußtsein nur auf dem physischen Plan, so werden wir in der folgenden Weise denken: Ich finde, dies ist irgendein Ideal, das ich erkannt habe, aber ich bin zu bequem, ihm zu folgen. Wenn ich ihm nicht folge, nun, dann ist nichts geschehen. — Nehmen wir an, wir lernen anders fühlen, so fühlen, daß, wenn wir von irgendeinem Ideal wissen und, ohne daß irgendwie eine andere Konsequenz eintritt als diese, daß wir ihm nicht gefolgt sind, wir uns sagen: Folgst du diesem Ideal nicht, so ist die Welt, nachdem du ihm nicht gefolgt bist, anders geworden, als sie wäre, wenn du ihm gefolgt wärest. — Gewöhnen wir uns an, in der Nichtbefolgung unserer Ideale etwas Wirkliches zu sehen und verwandeln wir dies in ein reales Gefühl, dann sind wir auf dem Wege in die Hierarchie der Angeloi hinein. So zeigt sich uns in der Möglichkeit der Umwandlung unserer Empfindung, der Verlebendigung unserer Empfindungen, die Möglichkeit, mit der Seele hineinzuwachsen in die höheren Welten.
[ 15 ] In the physical world, we may have ideals, know them well, and yet we may not do anything to apply them. Our emotions, and perhaps passions, can tempt us to shirk them. However, if we knowingly ignore an ideal in the clairvoyant sphere, we feel the spiritual gaze of a being of the hierarchy of angels directed at us with reproach, and this reproach burns. In the spiritual world, ignoring an ideal is thus a reality, and a being of the hierarchy of angels reproaches us. Their gaze makes us feel the reproach; it is the reproach we feel. You see, learning to develop a real feeling for ideals is one way of entering the world of the hierarchy of angels. Limiting our consciousness to the physical plane may lead us to think that nothing will happen if we are too lazy to act on our ideals. However, we can learn to feel that if we do not act on an ideal, then, regardless of other consequences, the world becomes different from what it would have been had we followed our ideal. We are on the way to the hierarchy of angels when we begin to see that not acting on our ideals is something real, and when we can transform this insight into a genuine feeling. Transforming and vitalizing our feelings allows our souls to grow into the higher worlds.
[ 16 ] Wir können, indem wir unsere Anstrengung des esoterischen Übens weiter fortsetzen, auch in eine höhere Welt noch hinaufwachsen, in die Welt der Hierarchie der Archangeloi. Dem Engel gegenüber fühlen wir, wenn wir ihm nicht folgen, seinen Vorwurf; dem Archangelos gegenüber fühlen wir nicht nur seinen Vorwurf, sondern wir fühlen von ihm ausgehend eine wirkliche Wirkung auf unser eigenes Wesen. Wir können wirklich sagen: Indem wir selbst mit unseren Gedanken und Empfindungen leben in der Welt, die der Hierarchie der Archangeloi angehört, wirkt durch unser Wesen hindurch die Stärke, die Kraft der Archangeloi. — Ich will auch diesen Fall wiederum durch ein Beispiel dem Verständnis nahezubringen versuchen.
[ 16 ] Through continued esoteric training, we can rise to an even higher level, that of the hierarchy of archangels. If we ignore the angels, we feel reproach. With the archangels we feel reproach as well as a real effect on our being. The strength and power of the archangels works through our I when we live in their world.
[ 17 ] In den letzten Monaten verloren wir, durch das Hinweggehen vom physischen Plan, einen uns außerordentlich lieben Freund. Der Betreffende, ein tiefer, intimer Dichter, fand sich im Laufe der letzten Zeiten, es waren nahezu fünf Jahre, rasch so weit in unsere anthroposophische Weltauffassung hinein, daß in schöner Weise uns widerklang in seinen intimen Dichtungen der letzten Jahre dasjenige, was er erfühlen konnte eben aus unserer Weltanschauung heraus. Er kämpfte in der ganzen Zeit, im Grunde seitdem er uns angehört und schon früher, mit einem siechen, verfallenden Leibe. Und je mehr der physischeLeibsiech wurde, _ desto mehr lebten sich in seine Seele Dichtungen ein, die unserer Weltanschauung entsprachen. Nach seinem Hinweggang von dem physischen Plan zeigt sich nun das Folgende. Da die Zeit kurz ist, die verflossen, seitdem diese Persönlichkeit den physischen Plan verlassen hat, kann man im Grunde genommen nicht einmal von einem deutlich vorhandenen Bewußtsein bei dieser Individualität sprechen. Trotzdem zeigen sich die ersten Stadien seiner Entwickelung für die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in einer ganz eigenartigen Weise. Der Astralleib, der herausgezogen ist aus dem physischen Leibe, der nun in der geistigen Welt lebt, zeigt in sich die wunderbarsten Tableaux der kosmischen Entwickelung, wie wir sie durch die Geisteswissenschaft kennenlernen können. Aus dem siechen physischen Leibe hat sich herausgezogen ein Astralleib, der bald nach dem Tode, man kann sagen vergleichsweise, so aufleuchtete, daß man auf dem hellsichtigen Felde in ihm ein vollständiges Bild der kosmischen Entwickelung vor sich hatte. Um verständlich zu machen, wie die Sache gemeint ist, möchte ich einen Vergleich gebrauchen. Man kann ein großer Schätzer der Natur sein, man kann alles bewundern, was in der Natur, was in der äußeren physischen Wirklichkeit um uns ausgebreitet ist, und doch gern zu einem wirklich schönen Gemälde gehen, das aus einer anderen Seele heraus dasjenige wieder erschafft, was man draußen in weitem Umfange in der Natur sieht. In ähnlicher Weise kann man das hellsichtige Feld um sich herum haben mit all seinen Geheimnissen und doch innerlich erhoben sein dadurch, daß man aus einem menschlichen Astralleibe, aus einer menschlichen Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist, noch einmal aufleuchten sieht, ich möchte sagen, wie in einem kosmischen Kunstwerk aufleuchten sieht das, was man auf dem hellsichtigen Felde anschaut. Wenn man nun fragt: Wodurch hat sich einimprägniert dem Astralleibe in diesem Falle dasjenige, was er uns zeigt nach dem Tode, seiner selbst jetzt noch unbewußt, später auch ihm bewußt werdend? — so bekommt man die Antwort: Dadurch, daß, während er seine eigene anthroposophische Entwickelung durchmachte, in seine dichterisch-verklärten anthroposophischen Gedanken und Ideen hineinarbeiteten die Wesenheiten aus der Hierarchie der Archangeloi.
[ 17 ] For example, a few months ago we lost a very dear friend when he left the physical plane. A profound poet, he had quickly found his way into the anthroposophical world view in the last five years, and the feelings it evoked in him are beautifully reflected in his recent poetry.6Morgenstern, see Lecture Two, note 8. From the time he joined us, and even before that, he had been struggling with an infirm and deteriorating body. The more his body deteriorated, the more his soul was filled with poetry that reflected our world view. Only a short time has elapsed since his death, and so one cannot yet say that this individual possesses a clearly existing consciousness. Nevertheless, the first stages of his development in the existence after death can be seen. The astral body, now separated from the physical and living in the spiritual world, reveals the most wonderful tableaux of cosmic development as we understand it in spiritual science. Having left the deteriorated physical body, the astral body has become so illuminated, comparatively speaking, that it can present the clairvoyant observer with a complete picture of cosmic evolution. Let me use an analogy to explain what I mean. We can love nature and admire it, and still appreciate a beautiful painting that recreates what we have seen in nature. Similarly, we can be uplifted when what we have seen in the clairvoyant sphere lights up again, as a cosmic painting, so to speak, in an astral body of a person who has died. The astral body of our departed friend reveals after death what it absorbed, at first unconsciously but later also consciously, in the course of his anthroposophical development when the beings of the hierarchy of archangels worked actively on the poetical transformation of his anthroposophical thoughts and ideas.
[ 18 ] Wir können unsere eigenen Fortschritte, die wir machen dadurch, daß wir uns okkult entwickeln, Fortschritte in der Mystik nennen, denn diese Fortschritte sind zunächst innere Fortschritte der Seele. Wir bringen uns, aus unserer gewöhnlichen Persönlichkeit heraus, in eine andere Verfassung unserer Individualität, unseres ganzen Wesens hinein. Stufenweise bringen wir uns in eine andere Verfassung hinein. Dieses innerliche Fortschreiten, dieses immer weiter- und weiterkommen der Seele, man kann es mystischen Fortschritt der Seele nennen, wie es innerlich zunächst erlebt scheint. Was aber innerliche Mystik ist, ist nicht bloß diese Mystik, sondern in dem Augenblick, in dem man sich entwickelt hat zum Wahrnehmen der aus der geistigen Welt herabschauenden Milde, in diesem Augenblick ist man objektiv in der Welt der Angeloi drinnen, es offenbart sich die Welt der Angeloi. Und in dem Augenblick, in dem man erkennen lernt, wie reale Wirkungen von Stärke, von Kraft in uns hineinkommen, in dem Augenblick sind wir in der Welt der Archangeloi darinnen. So bedeutet jede Stufe eines innerlichen mystischen Fortschrittes das Versetztsein in eine andere Welt. Wir können nicht eine bestimmte Stufe mystischer Entwickelung im Inneren erreichen, ohne in eine andere Welt versetzt zu werden.
[ 18 ] Our progress in our esoteric development can be called mystical, because it is initially the inner progress of the soul. We transform our ordinary personality and gradually reach a new state. This step-by-step growth of the soul is mystical progress because at first it is experienced inwardly. As soon as we can perceive the mildness looking down from the spiritual world, we are objectively in the world of the angels, which reveals itself to us. And as soon as we can recognize that real forces of strength and power enter into us, we are in the realm of the archangels. With each stage of inner mystical progress we have to enter another world.
[ 19 ] Nur wenn wir nicht hineinbringen das, was bezeichnet worden ist als Selbstlosigkeit in diesem Sinn, so geschieht etwas anderes. Nehmen wir zum Beispiel an, wir arbeiten an uns, wir erreichen die Stufe einer solchen Entwickelung, durch die wir durch unsere inneren Fähigkeiten in der Welt der Angeloi leben können. Aber wir sind Selbstlinge, Egoisten, wir sind lieblose Menschen geblieben, dann tragen wir unser für die physische Welt bestimmtes Selbst in die Welt der Angeloi herein. Und anstatt daß wir dann ruhen fühlen den milden Blick und den milden Willen der Angeloi auf uns, fühlen wir diejenigen geistigen Mächte, die durch uns selbst aufsteigen können, die, statt von außen auf uns zu schauen, durch uns aus ihrer, nennen wir es Unterwelt heraus, frei werden, indem wir in eine höhere Welt hinaufgehoben werden. Statt daß uns die Welt der Angeloi überschattet oder überleuchtet besser gesagt, kommt aus uns heraus die entsprechende Welt luziferischer Wesenheiten. Und wenn wir uns unter denselben Bedingungen in die Welt der Archangeloi hinaufleben, so daß wir zwar die Stufe mystischer Entwickelung erreicht haben, durch die wir drinnenstehen können in der Welt der Archangeloi, aber ohne das Gefühl zu entwickeln, durch Gnade empfangen zu wollen die Einflüsse der geistigen Welt, dann tragen wir wiederum unser Selbst hinauf in die Welt der Archangeloi. Und statt daß uns dann innerhalb dieser Welt die Archangeloi durchkraften, durchimprägnieren mit ihren Kräften, statt dessen steigen aus uns heraus und sind um uns herum die Wesenheiten der ahrimanischen Welt, die Welt des Ahriman.
[ 19 ] However, if we fail to develop selflessness and reach the stage of living in the world of the angels while remaining selfish and unloving, then we carry the self intended for the physical world into their realm. Instead of feeling the mild gaze and will of the angels upon us, we feel that other spiritual powers are able to ascend through us. Instead of gazing at us from outside, they have been released by us, shall we say, from their underworld while we were raised to a higher world. Instead of being overshadowed, or rather illuminated, by the world of the angels, we experience the luciferic beings that emerge from us. Then, if we reach the stage of mystical development allowing us to enter the world of the archangels—without, however, having first developed the wish to receive by grace the influences of the spiritual world, we carry our self up into their realm. As a result, instead of being strengthened and imbued with the power of the archangels, the beings of the ahrimanic world emerge from us and surround us. At first glance, the idea that the world of Lucifer appears in the realm of the angels and the world of Ahriman in that of the archangels seems terrible. However, there is really nothing awful about this. Lucifer and Ahriman are in any case higher beings than we are. Lucifer can be described as an archangel left behind at an earlier stage of evolution, Ahriman as a spirit of personality also left behind at an earlier stage.
[ 20 ] Es scheint zunächst recht schrecklich zu sein, wenn man sagt: Die Welt Luzifers erscheint auf dem Plan der Angeloi, die Welt Ahrimans erscheint auf dem Plan der Archangeloi. Allein in Wirklichkeit ist diese Tatsache durchaus nichts Schreckliches. Luzifer und Ahriman sind unter allen Umständen höhere Wesenheiten als der Mensch selbst. Luzifer ist ein Wesen, das wir bezeichnen können als einen auf einer früheren Stufe zurückgebliebenen Erzengel, Ahriman ein Wesen, das wir bezeichnen können als einen auf einer früheren Stufe zurückgebliebenen Geist der Persönlichkeit. Das Schreckliche besteht nicht darin, daß wir Luzifer und Ahriman begegnen, sondern es tritt dann ein, wenn wir ihnen begegnen und sie nicht erkennen. Luzifer begegnen in der Welt der Angeloi, bedeutet tatsächlich dem Geist der Schönheit, dem Geist der Freiheit zu begegnen. Aber alles hängt davon ab, daß wir in dem Moment, wo wir eintreten in die Welt der Angeloi, wirklich auch wahrnehmen können Luzifer und seine Scharen. Ebenso ist es in der Welt der Archangeloi für Ahriman. Schrecklich ist das Heraussetzen Luzifers und Ahrimans in den höheren Welten nur dann, wenn wir sie nicht erkennen, indem wir sie heraussetzen, wenn sie also uns beherrschen, ohne daß wir sie bewußt uns gegenüber haben. Darauf kommt es an, daß wir sie bewußt gegenüber haben. So modifiziert sich die Ansicht, die man leicht über Luzifer und Ahriman haben kann, wenn man die Voraussetzungen anschaut, die wir heute geliefert haben. Nehmen wir nun an, wir hätten uns durch unsere mystische Entwickelung zum Felde der Angeloi hinaufentwickelt und wären fähig geworden, in der Welt der Angeloi wirklich drinnen zu leben. Wenn wir nun wirklich fruchtbaren Okkultismus treiben wollen auf dem Feld der Angeloi, so müssen wir in dem Augenblick, wo wir erwarten, die Angeloi ruhen mit ihrem geistigen Blick auf uns, fragen: Wo ist Luzifer? — Der muß da sein! Denn, wenn wir nicht antworten können auf die Frage: Wo ist Luzifer? — dann ist er in uns. Er muß aber außer uns sein in diesem Felde, wir müssen ihm gegenüberstehen. Darauf kommt es an. Nicht bloß um die Fakten hervorzuheben, die ich hervorgehoben habe in bezug auf Luzifer und Ahriman, in bezug auf Angeloi und Archangeloi, sondern um eine Eigentümlichkeit in der Offenbarung der höheren Welt auseinanderzusetzen, habe ich das Betreffende ausgeführt. Vom Gesichtspunkte des physischen Planes aus gesprochen, kann man leicht dazu verführt sein zu sagen: Luzifer und Ahriman sind böse Mächte. Sobald man in die höhere Welt eindringt, hat dieses Wort: Luzifer und Ahriman seien böse Mächte — keine Bedeutung mehr. Luzifer und Ahriman müssen da sein auf dem hellsichtigen Felde, wie die Angeloi und die Archangeloi da sein müssen. Nun besteht aber in der Tat ein gewisser Unterschied in dem Gewahrwerden der Angeloi und Archangeloi und dem Gewahrwerden Luzifers und Ahrimans. Ich habe ausgeführt: Die Engel nehmen wir wahr, indem wir ihre Gestalt nicht maßgebend für sie ansehen, sondern ihre in uns einfließende Milde. Die Archangeloi nehmen wir wahr wiederum, indem wir nicht ihre Gestalt als das Maßgebende wahrnehmen, sondern indem wir lassen ihre Stärke, ihre Kraft in unser Gefühl, in unseren Willen einströmen. Luzifer und Ahriman, die sind in der geistigen Welt wie Gestalten, Gestalten, die nur ins Geistige übersetzt sind, die nicht Berührung liefern, aber wie Gestalten, die man ansprechen kann als vergeistigte Wiederholungen der physischen Welt. Sie sehen daraus, daß es wichtig ist, uns anzueignen in unserer mystischen hellsichtigen Entwickelung nicht nur die Fähigkeit, Gestalten zu sehen in der höheren Welt, sondern das Bewußtsein zu entwickeln: Du wirst beschaut, auf dir ruht höherer Wille. Dieses letztere Bewußtsein muß hinzukommen zu dem Bewußtsein, hellsichtig Gestalten zu sehen.
[ 20 ] The terrible thing is not that we encounter Lucifer and Ahriman, but that we encounter them without recognizing them for who they are. Encountering Lucifer in the world of the angels really means encountering the spirit of beauty, the spirit of freedom. But the all-important thing is that we recognize Lucifer and his hosts as soon as we enter the world of the angels. The same is true of Ahriman in the realm of the archangels. Lucifer and Ahriman unleashed in the higher worlds is terrible only if we do not recognize them as we release them, because then they control us without our knowledge. It is important that we face them consciously. When we have advanced in our mystical development to the level of living in the world of the angels and want to continue there with really fruitful occultism, we have to look for Lucifer as soon as we expect the spiritual gaze of the angels to rest on us. Lucifer must be present—and if we cannot find him, he is within us. But it is very important that Lucifer is outside us in this realm, so that we can face him. These facts about Lucifer and Ahriman, angels and archangels, explain the nature of revelation in the higher worlds. From our viewpoint in the physical world, we are easily led to believe that Lucifer and Ahriman are evil powers. But when we enter the higher world, this no longer has any meaning. In the clairvoyant sphere, Lucifer and Ahriman have to be present just as much as the angels and archangels. However, we do not perceive them the same way. We identify the angels and archangels not by their appearance, but we know the angels by the mildness that flows from them into us, and recognize the archangels by allowing their strength and power to flow into our feeling and will. Lucifer and Ahriman appear to us as figures, merely transposed into the spiritual world; we cannot touch them, but we can approach them as spiritual projections of the physical world. Clearly, it is important that we learn in our mystical clairvoyant development to see forms in the higher world and to be aware that we are seen, that a higher will focuses on us.
[ 21 ] Sie sehen daraus, daß nicht bloß in der Aneignung der Clairvoyance, in der Aneignung desjenigen, was man oftmals Hellsehertum nennt, die Höherentwickelung besteht, sondern in der Aneignung einer bestimmten Seelenverfassung, einer bestimmten Seelenstimmung, eines bestimmten Verhältnisses zu den Wesen der höheren Welt. Und der Entwickelung der visionären Fähigkeiten muß die andere hier angedeutete Entwickelung der Seele zu einer anderen Verfassung, zu einer anderen Stimmung durchaus parallel gehen. Wir müssen daraus ersehen, daß wir unter allen Umständen lernen müssen nicht nur das Schauen in der höheren Welt, sondern das Lesen in der höheren Welt, das Lesen nicht pedantisch gemeint wie etwas, was man elementar erlernen kann, sondern wie etwas, in das man sich hineinlebt, indem man Umwandlungen seiner Gefühle und Empfindungen durchmacht, so wie es angedeutet wurde. Daher ist es wichtig, wirklich festzuhalten, daß in dem Augenblick, wo das Hellsehen beginnt und man dadurch zur Offenbarung höherer Welten hinaufsteigt, wirklich eine Art Spaltung der Persönlichkeit stattfindet. Die eine Persönlichkeit, die man auf dem physischen Plan ist, die läßt man zurück. Man ist nun eine andere Persönlichkeit, indem man hinaufsteigt in eine höhere Welt. Und so wie wir angeschaut werden in der höheren Welt von den Wesenheiten der höheren Hierarchien, wie wir wahrgenommen werden von den Wesen der höheren Hierarchien, so schauen wir unsere gewöhnliche Persönlichkeit von unserem höheren Gesichtspunkt aus selbst an. Wir schauen, indem wir mit dem höheren Wesen aus dem niederen Wesen herausgegangen sind, als höheres Wesen unser niederes Wesen an. So daß wir gut tun, wenn wir irgend etwas Gültiges für die höheren Welten aussprechen wollen, zu warten, bis wir in die Lage kommen, zu sagen: Das bist du, den du selbst da siehst in deinem hellsichtigen Felde, das bist du. — Dieses «Das bist du» entspricht auf dem höheren Plane dem «Das bin ich» auf dem physischen Plane. Dieses «Das bin ich», verwandelt sich auf dem höheren Plan in das «Das bist du». Es ist eigentlich mehr gesagt mit dem eben Ausgesprochenen, als man gewöhnlich denkt. Versetzen Sie sich einmal in den Fall, Sie blickten von Ihrem heutigen Gesichtspunkt zurück auf den Zeitpunkt, wo Sie acht oder dreizehn oder fünfzehn Jahre alt waren, und Sie versuchten, ein kleines Stück Ihres Lebens aus der Erinnerung zu rekonstruieren aus dem achten, dem dreizehnten oder dem fünfzehnten Jahre. Stellen Sie sich lebhaft vor dieses Zurückblicken in Ihre eigene Gedankenwelt, indem Sie die Erinnerungen aus der Gedankenwelt zurückkonstruieren. Nun vergegenwärtigen Sie sich das Gefühl, das Sie gegenüber diesem acht- oder dreizehn- oder fünfzehnjährigen Knaben oder Mädchen, der oder das Sie selbst waren, nun haben. Vergegenwärtigen Sie sich lebhaft Ihr gegenwärtiges Gefühl gegenüber diesen vergangenen Erlebnissen. Sobald man von dem physischen Plan in die höhere Welt hinaufkommt, wird der Augenblick, in dem wir unmittelbar jetzt leben, sogleich eine solche Erinnerung, wie die eben charakterisierte. Man schaut auf das, was man auf dem physischen Plan jetzt ist und auf das, was man noch werden kann in dem Rest seines physischen Lebens, so zurück, wie Sie zurückschauen von dem jetzigen Gesichtspunkt aus auf die Erlebnisse im achten, dreizehnten, fünfzehnten Jahr. Es ist durchaus wahr: Was wir fühlen, was wir denken, was wir vorstellen, was wir handeln auf dem physischen Plan, in dem Augenblick, wo wir die höhere Welt betreten, ist das alles, was wir zusammenfassen unter unserem Selbst auf dem physischen Plan, eine Erinnerung. Wir schauen herunter auf den physischen Plan und sind uns, sobald wir in der höheren Welt leben, eine Erinnerung geworden. Und wie wir auseinanderhalten einen gegenwärtigen Standpunkt unseres Erlebens von einem längst verflossenen, so müssen wir auseinanderhalten dasjenige, was wir erleben in höheren Welten und dasjenige, was wir erleben auf dem physischen Plan. Denken Sie sich, es würde jemand, der vierzig Jahre alt ist, sich lebhaft erinnern an die Seelenstimmung, an die Fähigkeiten, die er hatte als achtjähriger Knabe, als achtjähriges Mädchen. Er würde ein Buch lesen und, während er als Vierzigjähriger liest, würde er mittendrin beginnen, sich so zu dem Buch zu verhalten, als wenn er acht Jahre alt wäre. Das wäre ein Durcheinandermischen der beiden Stimmungen der Seele, der beiden Seelenverfassungen, und Sie haben ein Analogon für das, was entsteht, wenn jemand vermischt seine Seelenverfassung für den physischen Plan mit dem, was seine Seelenverfassung sein muß für die andere Welt.
[ 21 ] You see, higher development does not consist merely in acquiring clairvoyant faculties, but in developing a certain state of soul, a certain attitude or relationship to the beings of the higher world. This new attitude and state of soul must be developed hand in hand with the training of our clairvoyant faculties. In other words, we must learn not only to see in the spiritual world but also to read in it. Reading is not meant here in the narrow sense of a simple learning process, but as something we acquire through transforming our feelings and sensations. It is important to keep in mind that a split of our personality occurs when clairvoyance begins, and we reach a revelation of the higher worlds. Our earthly personality is left behind, and a new one is acquired on ascending into a higher world. And just as the beings of the higher hierarchies look at us in the higher world, so we perceive our own ordinary personality from a higher perspective. Our higher self discards the lower one and observes it. So, to make valid statements about the higher worlds we had better wait until we are able to say: That is you; the person you see in your clairvoyant vision is yourself. “That is you” on the higher level corresponds to “this is I” on the physical one. Now remember when you were eight or thirteen or fifteen years old and try to reconstruct from your memory a small part of your life at that time. Try to recall as vividly as possible your thinking in those years. Then concentrate on your current feelings about the girl or boy you were at eight, thirteen, or fifteen. As soon as we move from the physical level to the higher world, the present moment we live in now becomes a memory of the kind we have just recalled. We look back at our current existence on the physical level and at what we may still become during the remainder of our physical life in the same way you look back to your experiences at eight, thirteen, or fifteen from your vantage point in the present moment. Everything we consider part of ourselves on the physical level, such as our feelings, thoughts, ideas, and actions, becomes a memory as soon as we enter the higher world. We look down at the physical world and become a memory to ourselves when we live in the higher world. We have to keep our experiences in the higher worlds separate from those in the physical realm, just as we distinguish between our present situation and an earlier one. Imagine a person who is forty years old and vividly remembers the feelings and abilities he or she had as an eight-year-old boy or girl. For instance, the person might be reading a book now, at the age of forty, and all of a sudden he or she begins to relate to the book as an eight-year-old would. That would be a confusion of the two attitudes, the two states of soul, and is analogous to what happens when we confuse our state of soul on the physical level with what is required in the higher worlds.
[ 22 ] Dasjenige, was ich eben gesagt habe, hat natürlich durchaus nichts zu tun damit, daß jedem vorurteilsfreien Menschen verständlich ist das, was geschildert wird aus den höheren Welten, daß wir nicht bloß an das Geschilderte glauben müssen, sondern daß es uns verständlich sein kann, wenn wir wirklich vorurteilslos an es herangehen. Denn wenn jemand sagen würde: Wie kann man denn mit den Begriffen, mit den Gedanken und Vorstellungen des physischen Planes die höheren Welten schildern, da sie doch ganz verschieden sind von den Gedanken und Vorstellungen des physischen Planes? — so wäre ein solcher Einwand geradeso wertvoll, wie wenn jemand sagen würde: Ja, du willst in mir eine gewisse Vorstellung hervorbringen und schreibst mir auf «H-a-u-s». Da kann ich mir nichts dabei vorstellen. Willst du, daß ich mir etwas vorstelle, so mußt du mir ein Haus herantragen. — Aber wir charakterisieren doch auch eine physische Tatsache, ein physisches Ding durch etwas, was gar nichts mit der betreffenden Tatsache und dem Ding zu tun hat. Ebenso charakterisieren wir vollständig zutreffend durch das, was wir auf dem physischen Plan verstehen können, das, was Tatsachen des geistigen Planes sind. Was aber notwendige Konsequenz der in der heutigen Auseinandersetzung gegebenen Tatsachen ist, das ist, daß wir uns klarwerden: Wir können nicht mit den Begriffen und Vorstellungen, die wir gewöhnlich haben, verstehen dasjenige, was in der höheren Welt vorhanden ist, sondern wir müssen uns andere Begriffe, andere Vorstellungen wirklich aneignen. Wir müssen unser Vorstellungsleben bereichern, wenn wir die höheren Welten verstehen wollen. Das ist ungeheuer wichtig, daß wir aufmerksam sind auf die Tatsache: Sobald uns in ehrlicher Weise die höhere Welt dargestellt wird, muß der Darsteller wirklich unser Begriffsvermögen über die Alltäglichkeit hinausführen; er muß uns andere Begriffe geben, aber Begriffe, die durchaus verständlich sind auf dem physischen Plan.
[ 22 ] Of course, this has nothing to do with the fact that every unbiased person can understand what I say about the higher worlds; in other words, we do not merely have to believe these descriptions, but we can understand them if we approach them without preconceived ideas. People may object that we cannot describe the higher worlds with concepts, thoughts, and ideas from the physical world because the former are completely different from the latter. This objection makes as much sense as saying that we cannot give people an idea of what we mean by writing h-o-u-s-e; for them to understand that concept, we have to bring them a house. We talk about physical facts and objects by means totally independent of the object or fact. So we can also describe phenomena of the spiritual world with what we understand on the physical plane. However, we cannot understand the higher worlds with our everyday concepts and ideas, but need to acquire others and expand our thinking. People who honestly tell us about the higher world must also extend our concepts beyond our everyday life; they must give us concepts that are new and different and yet comprehensible on the physical plane.
[ 23 ] Sehen Sie, darin liegt eine Schwierigkeit im Verstehen der eigentlichen Geisteswissenschaft, des wirklich ernst gemeinten Okkultismus, daß die Menschen sich so schwer bequemen, ihr Begriffsvermögen zu bereichern. Sie möchten mit den Begriffen, die sie schon haben, ohne neue Begriffe zu erzeugen, die höhere Welt, oder das, was aus ihr geoffenbart ist, verstehen. Es wird leicht in unserer materialistischen Zeit vorkommen, daß jemand, der von okkulten Welten spricht, einfach die Vorstellung erweckt, als ob diese okkulte Welt nur notwendig mache, daß man ein geistiges Feld anblickt, in dem ja die Gestalten etwas dünner, etwas nebuloser sind wie in der physischen Welt, aber doch ähnlich, nur nebelhaft zerflatternd. Das wird manchem unbequem erscheinen, daß von dem Okkultisten, der es ernst meint mit der Sache, verlangt wird, man solle nicht nur eine Anweisung annehmen, wie man einen Engel wahrnimmt, sondern man solle umdenken und für den Engel den Begriff anwenden: Du wirst von ihm angeschaut, er ruht mit seinem geistigen Blick auf dir. — Ich kann daher sagen: Mystische Entwickelung, was objektiv bedeutet Hinaufsteigen in die höhere Welt, ist untrennbar von einer Bereicherung, von einem Inhaltvollerwerden unserer Vorstellungen, unserer Empfindungen, unserer gesamten Seelenimpulse. Wir dürfen nicht so arm bleiben in unserem Vorstellungsleben, wie wir für den physischen Plan sein können, wenn wir die höheren Welten verstehen wollen.
[ 23 ] People find it difficult to understand genuine spiritual science and serious esotericism because they are so reluctant to expand their concepts. They want to understand the higher world and its revelations with the ideas they already have and don't want to create new ones. When people in our materialistic age hear lectures on the spiritual world, they believe all too easily that the esoteric world can be understood simply by looking at it. They think the shapes there may be slightly more delicate and more nebulous than in the physical world, but similar nevertheless. It may seem inconvenient to some that the serious occultist is expected to do more than merely follow instructions on how to see angels. A change in thinking is necessary, and the concept “angel” must include that we are perceived by them, that their spiritual gaze is focused on us. Mystical development, or ascending to the higher worlds, cannot be separated from enriching and giving greater scope to our ideas, feelings, and soul impulses. To understand the higher worlds, we must not let our life of ideas remain as impoverished as it is on the physical plane.
[ 24 ] Damit nach dieser Richtung, ich möchte sagen, eine okkulte Hilfe geschaffen werde, ergab sich die Notwendigkeit, in einem geradezu neuen Stil einmal den bescheidenen Bau aufzuführen, den wir unserer Geistesrichtung in Dornach erbauen können. Dieser Bau ist natürlich durchaus nicht dasjenige, was uns etwa als das Ideal eines solchen Baues vorschweben könnte, er ist ein bescheidener Anfang, weil uns nur bescheidene Mittel zur Verfügung stehen, trotzdem unsere Freunde, eine geringe Zahl unserer Freunde, alles getan haben, was sie aus ihren Kräften heraus tun konnten zu diesem Bau.
[ 24 ] To provide esoteric help for this enrichment, we are constructing our modest building in Dornach in a completely new style. That building is, of course, nowhere near the ideal, but it is a humble beginning. After all, we have only limited means at our disposal, despite the fact that our friends have done everything within their power for this project.
[ 25 ] Wenn wir die Baustile nehmen, die sich im dritten, im vierten und in unserem jetzigen fünften nachatlantischen Zeitraum bis jetzt ergeben haben, so sind sie dadurch charakterisiert, daß sie gleichsam in ihren spirituellen Impulsen haben dasjenige, was die Menschheit im Verständnis bis zu dem physischen Plan herunterführen sollte. Der ägyptische Baustil hat zunächst durch seine geometrische Form, durch seine Lapidarform den ersten Anstoß gegeben zum Herunterführen des menschlichen Geistes auf den physischen Plan. Der griechische und der römische Baustil, sie sind wie eine Vermählung der Seele und des Geistes mit dem Ätherkörper und dem physischen Leib, wie etwas, bei dem Seele und Geist auf der einen Seite, Ätherkörper und physischer Leib auf der anderen Seite sich, wie völlig im Gleichgewicht haltend, ineinanderfügen. Der gotische Baustil ist die erste Bestrebung, sich zu erheben in den aufsteigenden Spitzbogen und alledem, was dazugehört, von dem physischen Plan wiederum in die geistige Welt hinauf. Der nächste Fortschritt, der sich ergeben muß, wenn Geisteswissenschaft wirklich sozusagen gebaut vor uns dastehen soll, muß darin bestehen, daß wir lebendig machen das, was ich vorhin beschrieben habe als die lebende, webende Gedankenform selbst, die sich im Raume ergießt und sich im Raume ausgießt so, daß uns räumlich gegenübersteht, was die Imagination, die Inspiration aus der geistigen Welt heraus unmittelbar gibt. Daher sind alle Formen des Dornacher Baues so, daß man nirgends bei ihnen in materialistischer Weise fragen kann: Was gibt es für sie in dieser oder jener Welt für Symbole? —, sondern man muß sie als solche selbst nehmen, wie sie da sind, da sie nur, in den Raum hinausergossen, die unmittelbaren geistigen Erlebnisse selbst sind. Und es ist versucht, alles dasjenige, was geistig erschaut und empfunden werden kann, wirklich in die künstlerische Form aufzulösen. Fragt daher jemand: Was bedeutet diese oder jene Form? — so versteht er den Bau nicht, denn jede Form bedeutet nur sich selbst, wie die menschliche Hand oder der menschliche Kopf nur sich selbst bedeuten und nicht etwas anderes. Wir müssen es in demselben Augenblick als ein völliges Mißverständnis unseres Wollens auffassen in bezug auf unsere Stellung zum Okkultismus, wenn jemand auftreten würde mit einer solchen Frage. Denn glücklich werden wir uns schätzen, wenn wir den alten Unfug der Theosophen überwunden haben, der bei jedem Märchen, bei jeder Gestalt, bei jedem Mythus fragt: Was bedeutet dieses, was bedeutet das? — Unsere Formen sind alle real in der geistigen Welt, sie sind wirklich in der geistigen Welt vorhanden und bedeuten daher nur sich selbst und nichts anderes, sie sind keine Symbole, sondern geistige Realitäten. Sie finden, wenn Sie den ganzen Bau durchschauen, nirgends ein Pentagramm, nirgends die Form eines Pentagramms, nirgends die Veranlassung zu fragen: Was bedeutet diese oder jene Form? Höchstens ganz dezent angedeutet, könnte man an einer Stelle ein Pentagramm hineinsehen, aber nur mit demselben Recht, wie Sie in jeder fünfblättrigen Pflanze ein Pentagramm hineinsehen können. Und wenn uns jemand fragen würde: Was bedeuten unsere vierzehn Säulen — die nicht im Pentagramm erbaut sind, sondern aus ästhetischen Gründen fünfkantig sind —, was bedeuten sie, die Säulen, die einen großen Kuppelbau tragen, und die zwölf Säulen, die eine kleinere Kuppel tragen, was bedeuten diese Säulen? — Wenn uns jemand fragen könnte: Was bedeuten diese außer dem, daß sie eine in der geistigen Welt als solche wahrnehmbare Raumproportion bedeuten —, dann müßten wir die Gegenfrage stellen: In welcher Zeit des Materialismus leben wir heute, daß man selbst das spirituell Gewollte im Kleide des Materialistischen darstellen soll?
[ 25 ] The spiritual impulses behind the building styles that developed in the third, the fourth, and in the current fifth post-Atlantean epoch included the task of guiding humanity to knowledge of the physical world. For example, Egyptian architecture initiated this development with its succinct geometrical forms. Greco-Roman architecture is like a marriage of soul and spirit with etheric and physical body. Here soul and spirit on the one hand and etheric body and physical body on the other connect in a state of complete equilibrium. The rising, pointed arches of the Gothic style are the first architectural attempt to rise again from the physical into the spiritual world. If anthroposophy is to be represented in a building the next step must be to bring to life the living and weaving thought patterns themselves, flowing, and pouring into space. Then we will see in physical form what Imagination and Inspiration reveal directly of the spiritual world. That is why the forms of the Dornach building are such that it is pointless to ask in materialist fashion what they symbolize and what their shapes stand for. They have to be taken on their own merit, since they are nothing more than immediate spiritual experiences poured out into spatial forms. We have attempted to transform everything that can be seen and experienced in the spirit into artistic form. So if people ask what a form stands for, they have misunderstood the building; for every form signifies only itself, just as our hands or head stand only for themselves and nothing else. Such a question also indicates a complete misunderstanding of our position in regard to occultism. We will be glad to leave behind the old theosophical nonsense of examining every fairy tale, every figure, and every myth for what it signifies and symbolizes. All our forms really exist in the spiritual world and therefore express only themselves and nothing else. They are not symbols, but spiritual realities. You will not find a single pentagram throughout the building, no form of a pentagram, nothing to make you wonder what this or that form means. At most, there is one place where subtle forms could be interpreted as a pentagram, but so can every five-petaled flower. People may ask what our fourteen pillars mean, which are not shaped as pentagrams, but are five-sided for aesthetic reasons. They may wonder what the pillars supporting the cupolas mean besides representing spatial relations perceptible in the spiritual world. In reply we can only point out how materialistic our age is when even spiritual intentions must be clothed in materialist garments.
[ 26 ] Unseren Bau wird man verstehen, wenn man sich herbeiläßt zu fragen: Was stellt er dar? — nicht: Was bedeutet er? Was ist er? — und nicht: Was symbolisiert er? — Und unseren Bau wird man verstehen, wenn man wissen wird, daß es am besten ist, keines der gebräuchlichen Worte anzuwenden, sondern um ein wenig dem Verständnis in unserer materialistischen Zeit aufzuhelfen, von alten Wortbildern abzusehen. Seien wir uns klar, daß die Geisteswissenschaft höchstens eine Synthesis anderer Religionen sein kann. Die alten Religionen haben Tempel gebaut, die Geisteswissenschaft baut nicht einen Tempel, sondern dasjenige, was aus ihren eigenen Essenzen heraus selbst folgt; wofür es am besten ist, erst nach und nach sich ein Verständnis zu bilden, start daß man bei dem Grundsatz bleibt, auch hier alte Worte auf dieses Neue anzuwenden.
[ 26 ] Our building will be understood if people stop asking what it symbolizes and instead think about what it is. They will understand our building when they realize it is better not to use any of the usual terms and the old verbal images to help our materialist age comprehend it. Spiritual science can at most be a synthesis of religions; unlike the ancient religions, it does not build temples, but rather a structure that expresses its innermost nature. This building can only be understood gradually, and only if we do not apply old words to this new development.
[ 27 ] Meine lieben Freunde, eine Bitte sei ausgesprochen. Wir wissen sehr gut, daß wir nur in der allerbescheidensten, in der allerelementarsten und primitivsten Weise das erreichen können in Dornach, was uns vorschwebt. Aber um das eine möchten wir bitten: daß versucht werde, wirklich aus der ganzen Gesinnung und dem Sinne unserer Geisteswissenschaft heraus diesen bescheidenen Anfang einer doch neuen Sache zu begreifen — sonst möchte einem schier, ich möchte sagen, das Herz abbrechen —, doch zu begreifen, was wirklich mit Opfern in diesem bescheidenen Anfang erstrebt wird.
[ 27 ] We know only too well that we can realize our intentions in Dornach only in the most modest, rudimentary way. But I ask only that you make a real effort to understand this humble beginning from the perspective and significance of our spiritual science. Try to understand what this simple beginning, paid for with considerable sacrifices, is aiming at. Any other attitude would be most disheartening.
[ 28 ] Mit großen Worten und pomphaften Redensarten ist genug auf dem Felde dessen, was man als okkulte Bewegung bezeichnet, herumgeworfen worden. Wir möchten das eine nur: daß man lernt zu sagen, daß, selbst wenn in fünfzig Jahren nichts von den einzelnen Formen bestehen kann, in der wir dieses oder jenes aussprechen, man sagen möchte von unserer Bewegung: Das hatte sie in jeder Faser angestrebt: grundwahr und grundehrlich zu sein. — Und je bescheidener, je einfacher, aber dann vielleicht um so sachlicher das, was wir wollen, besprochen wird, desto besser ist der Sache gedient. Jedes Wort und jede Bezeichnung zuviel oder gar von der Art, daß es hineinschlägt in die alte bequeme Begriffsform, schadet unsäglich demjenigen, was wir — verzeihen Sie das Wort — in ehrlicher Weise anstreben wollen. Wenn man uns in dieser Weise versteht, dann wird vielleicht einigermaßen die Stimmung hergestellt, die wir brauchen, wenn wir, frühestens im Dezember, wirklich in die Lage kommen sollten, ohne allen Pomp, ohne alle Attitüden und äußeres Aufsehen unseren bescheidenen Bau zu eröffnen, denn die entsprechende Stimmung wird nur dadurch hervorgerufen, daß man wirklich nur auf das, was wir wollen, hinschaut, gleichgültig auch wenn es keine Sensation in unserer materialistischen Zeit erregt.
[ 28 ] Enough grand words and pompous phrases have been bandied about in the so-called occult movement. All we want is that even if our way of expressing things no longer exists fifty years from now, people will still say of our movement that it endeavored with every fiber to be totally sincere and honest. And the more modestly and simply, but thus perhaps the more objectively, we discuss what we wish to do, the better we serve our cause. Every word that is superfluous or returns to the old, convenient concepts does untold damage to what we are striving to achieve—please excuse me for saying this—honestly. If people understand us in this way, then perhaps the mood will arise that we need if we are really, in December at the earliest, to inaugurate our modest building without pomp and fuss.7Due to complications and delays caused by World War I (1914–1918), the building neared completion only in 1920. The inauguration ceremony never took place because of the fire that destroyed the Goetheanum. A “provisional inauguration” took place on September 26, 1920, on the eve of the first event held in the building, the “first anthroposophical academic course,” which lasted from September 27 to October 16, 1920. The mood we need will be there only if we concentrate on our goals, even if we do not create a stir in our materialist age.
[ 29 ] Nehmen Sie auch die letzten Worte, die ich gesagt habe, als herausgesprochen aus dem ernst gemeinten Geist unserer spirituellen Bewegung, als dasjenige, was notwendig ist unserer Seele, wenn diese spirituelle Bewegung wirklich Wurzel fassen soll in unserer Zeit. Und notwendig ist es, daß eine ehrliche spirituelle Bewegung, die in wahrhaftiger Weise das mystische Leben der Seele fördert und die Offenbarungen der höheren Welten möglich macht, daß eine solche spirituelle Bewegung sich hineinergießt in unsere materialistische Zeit. Dann, wenn unsere Freunde verstehen diesen Sinn, diese Gesinnung unserer spirituellen Bewegung, dann allein werden wir, aber auch nur dann allein, die Aufgabe, die uns von den weisen, führenden Individualitäten der Geisteswelt gestellt ist, erfüllen können.
[ 29 ] Please accept these words in the spirit of the serious intentions of our movement. They must fill our souls if this spiritual impulse is really to take root in our age. There is a real need for an honest spiritual movement that truly promotes the mystical life of the soul and allows revelations of the higher worlds to flow into this materialist age. Only when our friends understand this purpose and attitude of our spiritual movement, then and only then shall we be able to fulfill the task given us by the wise, guiding individualities in the spiritual world.
[ 30 ] Aufbauend auf demjenigen, was ich versuchte heute Ihnen auseinanderzusetzen, werde ich mir dann übermorgen erlauben, über den Fortschritt der Erkenntnis des Christus im Laufe der Zeiten zu sprechen und über die Stellung unserer Bewegung in der Christus-Frage.
[ 30 ] Based on what I have tried to explain today, I will speak to you the day after tomorrow about the progress in our understanding of Christ through the ages and about the position of our movement concerning the Christ.8Rudolf Steiner, Vorstufen zum Mysterium von Golgotha, Vol. 152 in the Collected Works, (Dornach, Switzerland: Rudolf Steiner Verlag, 1964), Lecture of May 27, 1914.
