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Christ and the Human Soul
On the Meaning of Life
Theosophical Morality
Anthroposophy and Christianity
GA 155

28 May 1912, Norrköping

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Theosophische Moral I

Theosophical Morality I

[ 1 ] Wir haben, folgend einem Impulse, der sich mir ergeben hat, und über den vielleicht noch weiter zu sprechen sein dürfte, in diesen Tagen zu betrachten eines der wichtigsten, eines der bedeutendsten Gebiete unserer theosophischen Lebensanschauung. Es ist ja nicht selten, daß uns der Vorwurf gemacht wird, daß wir uns so gerne erheben in der Betrachtung weit entfernt liegender kosmischer Entwickelungen in ihrem Zusammenhange mit dem Menschen, daß wir uns in die Gebiete geistiger Welten gern erheben, indem wir so entfernte Ereignisse der Vergangenheit und so weit ausblickende Perspektiven der Zukunft allzuoft nur betrachten, und fast außer acht lassen dasjenige Gebiet, welches den Menschen am allernächsten liegen müßte: das Gebiet menschlicher Moral und menschlicher Ethik.

[ 1 ] Following an impulse that occurred to me—and which may well warrant further discussion—we are now examining one of the most important, one of the most significant areas of our theosophical worldview. It is, after all, not uncommon for us to be accused of being so eager to elevate ourselves in our contemplation of distant cosmic developments and their connection to humanity, of being so eager to ascend into the realms of spiritual worlds, that we all too often merely observe such distant events of the past and such far-reaching perspectives of the future, and almost neglect the very realm that ought to be closest to humanity: the realm of human morality and human ethics.

[ 2 ] An dem, was da so oftmals gesagt wird, wenn uns der Vorwurf gemacht wird, daß wir dieses wichtigste Gebiet menschlichen Seelen- und menschlichen sozialen Lebens weniger berührten als jenes eben weiter abliegende Gebiet, an dem ist richtig, daß dieses Gebiet, das Gebiet menschlicher Moral, uns das allerwesentlichste sein muß. Was aber gesagt werden muß gegenüber diesem Vorwurfe, das ist, daß wir uns diesem Gebiete, gerade wenn wir die ganze Bedeutung und Tragweite theosophischen Lebens und theosophischer Gesinnung in uns empfinden, nur in heiligster Scheu nähern dürfen, so daß wir uns bewußt sind, daß, wenn es im richtigen Sinne betrachtet sein will, es den Menschen so nahe berührt als nur irgend möglich und die ernstlichste, die allerwürdigste Vorbereitung erfordert.

[ 2 ] Regarding what is so often said when we are accused of addressing this most important realm of human spiritual and social life less than that more remote realm—it is true that this realm, the realm of human morality, must be the most essential to us. But what must be said in response to this accusation is that, precisely because we feel within ourselves the full significance and scope of theosophical life and theosophical attitude, we may approach this realm only with the most sacred reverence, so that we are conscious that, if it is to be regarded in the proper sense, it touches human beings as closely as is possible and requires the most serious, the most worthy preparation.

[ 3 ] Der Vorwurf, der gegen uns von jener Seite in der eben charakterisierten Art erhoben wird, könnte vielleicht in die folgenden Worte gekleidet werden. Es könnte gesagt werden: Wozu lange Weltbetrachtungen? Wozu Erzählungen über viele Reinkarnationen vieler Wesen, über die komplizierten Verhältnisse des Karma, wenn doch das Allerwichtigste im Leben dasjenige ist, was ein auf der Höhe dieses Lebens angekommener Weiser seinen Bekennern immer und immer wiederholte, als er nach einem reichen Weisheitsleben, schon krank und schwach, sich tragen lassen mußte: Kinder, liebet einander. So sprach bekanntlich der Apostel, der Evangelist Johannes im höchsten Alter, und oft und oft ist es betont worden, daß mit diesen drei Worten: Kinder, liebet einander! der Extrakttiefster sittlicher Lebensweisheit gegeben ist. Und es könnte da mancher sagen: Wozu also alles andere, wenn das Gute, wenn die hehren sittlichen Ideale in einer so einfachen Weise erfüllt werden können, wie es im Sinne dieser Worte des Evangelisten Johannes ist?

[ 3 ] The accusation leveled against us by that side in the manner just described could perhaps be put into the following words. One might say: Why engage in lengthy reflections on the world? Why tell stories about the many reincarnations of many beings, about the complicated workings of karma, when the most important thing in life is what a sage who had reached the pinnacle of this life repeated over and over again to his followers as he, after a life rich in wisdom, already sick and weak, had to be carried away: Children, love one another. As is well known, this is what the Apostle, the Evangelist John, said in his advanced age, and it has often been emphasized that these three words—Children, love one another!—constitute the very essence of the deepest moral wisdom. And some might say: What, then, is the point of everything else, if goodness, if the noble moral ideals, can be fulfilled in such a simple way, as is the meaning of these words of the Evangelist John?

[ 4 ] Eines berücksichtigt man nicht, wenn man aus der ganz richtigen, oben angeführten Tatsache die Behauptung herleitet, daß es für die Menschen genügte zu wissen, daß sie einander lieben sollen. Eines berücksichtigt man dabei nicht, nämlich den Umstand, daß derjenige, der so als ein Zeuge angeführt wird für diese Worte, diese eben am Ende eines reichen Weisheitslebens gesprochen hat, am Ende eines Lebens, welches in sich faßte die Niederschrift des tiefsten, bedeutungsvollsten Evangeliums, und daß der, der sie gesprochen hat, diese Worte, erst dann sich das Recht gab sie zu sprechen, nachdem er dieses reiche Weisheitsleben, das zu so großen und gewaltigen Ergebnissen geführt hat, hinter sich hatte. Ja, wer ein Leben wie er hinter sich hat, der darf alles dasjenige, was Menschenseelen fühlen können bei den tiefen Weisheiten, die im Johannes-Evangelium stehen, zusammenfassen in die eben angeführten Worte als seiner Weisheit letzten Schluß, der aus unergründlichen Seelentiefen hineinfließt in die Tiefen auch anderer Herzen und anderer Seelen. Wer aber nicht in einer solchen Lage ist, der muß sich eben das Recht, in so einfacher Weise die höchsten sittlichen Wahrheiten auszusprechen, erst dadurch holen, daß er sich in die Gründe der Weltgeheimnisse vertieft. So trivial der viel wiederholte Satz ist: Wenn zwei dasselbe sagen, so ist es doch nicht dasselbe, er gilt in ganz besonderem Maße für das eben Angeführte. Wenn irgend jemand, der einfach ablehnen will, etwas über die Weltgeheimnisse zu wissen und von ihnen zu verstehen, sagt: Es ist doch so einfach, das höchste moralische Leben zu charakterisieren, und die Worte gebraucht: Kinder, liebet einander, so ist das eben etwas anderes, als wenn der Evangelist Johannes diese Worte sagt, und noch dazu am Ende eines so reichen Weisheitslebens. Deshalb sollte gerade derjenige, der diese Worte des Evangelisten Johannes versteht, einen ganz anderen Schluß daraus ziehen, als gewöhnlich daraus gezogen wird. Er sollte den Schluß daraus ziehen, daß man zunächst über solch tief bedeutsame Worte zu schweigen hat, und daß man sie erst aussprechen darf, wenn man die nötige Vorbereitung, die nötige Reife dazu sich erworben hat.

[ 4 ] There is one thing that is overlooked when deriving the assertion—based on the entirely correct fact mentioned above—that it was enough for people to know that they should love one another. One thing is overlooked here, namely the fact that the one cited as a witness to these words spoke them at the end of a life rich in wisdom, at the end of a life that encompassed the writing of the deepest, most meaningful Gospel, and that the one who spoke them only granted himself the right to speak these words after he had lived through this life of profound wisdom, which led to such great and mighty results. Yes, whoever has a life like his behind them may summarize all that human souls can feel in response to the profound wisdom found in the Gospel of John into the words just cited as the final conclusion of his wisdom, which flows from unfathomable depths of the soul into the depths of other hearts and other souls as well. But whoever is not in such a position must first earn the right to express the highest moral truths in such a simple way by delving into the foundations of the world’s mysteries. As trivial as the oft-repeated saying is—“When two people say the same thing, it is not the same”—it applies in a very special way to what has just been stated. If anyone who simply wishes to refuse to know or understand anything about the mysteries of the world says, “It is so simple to characterize the highest moral life,” and uses the words, “Children, love one another,” this is quite different from when the Evangelist John speaks these words, and moreover at the end of such a life rich in wisdom. That is why precisely the one who understands these words of the evangelist John should draw a very different conclusion from them than is usually drawn. He should conclude that one must first remain silent about such profoundly significant words, and that one may only speak them once one has acquired the necessary preparation and maturity for doing so.

[ 5 ] Aber nun, nachdem wir dieses wie eine ganz gewiß manchem doch recht zu Herzen gehende Aussage gemacht haben, wird sich etwas ganz anderes in unserer Seele ergeben, was von einer unendlich tiefgreifenden Bedeutung ist. Der Mensch wird sich sagen: Ja, es mag schon so sein, daß die moralischen Prinzipien in ihrer tiefsten Bedeutung erst am Ende aller Weisheit begriffen werden können, brauchen tut sie der Mensch aber immer. Wie könnte es denn dann in der Welt überhaupt möglich sein, irgendeine moralische Gemeinschaft, ein soziales Werk zu fördern, wenn man warten müßte mit der Erkenntnis der höchsten moralischen Prinzipien bis ans Ende des Weisheitsstrebens. Das Notwendigste für das menschliche Zusammenleben ist die Moral, und nun behauptet da jemand, daß die moralischen Prinzipien erst am Ende des Weisheitsstrebens zu erlangen sind. Da könnte allerdings mancher sagen, daß er verzweifeln möchte an der weisheitsvollen Einrichtung der Welt, wenn das so wäre, wenn das, was man am notwendigsten braucht, erst am Ende des menschlichen Strebens erreicht werden könnte.

[ 5 ] But now, having made this statement—which is sure to strike a chord with many—something quite different will arise in our souls, something of infinitely profound significance. People will say to themselves: Yes, it may well be that moral principles, in their deepest sense, can only be understood at the end of all wisdom, but people always need them. How, then, could it be possible at all in the world to promote any kind of moral community or social endeavor if one had to wait until the end of the pursuit of wisdom to grasp the highest moral principles? Morality is the most essential thing for human coexistence, and yet here someone claims that moral principles can only be attained at the end of the quest for wisdom. Indeed, some might say that they would despair of the wise order of the world if that were the case—if what is most necessary could only be attained at the end of human striving.

[ 6 ] Die Antwort auf das, was hiermit charakterisiert worden ist, geben uns reichlich die Tatsachen des Lebens. Sie brauchen nur zwei Tatsachen des Lebens zusammenzustellen, die Ihnen zweifellos recht gut in der einen oder anderen Form bekannt sind, und Sie werden gleich sehen, daß sowohl das eine richtig sein kann, daß wir zu den höchsten moralischen Prinzipien und ihrem Verständnis erst beim Abschluß des Weisheitsstrebens gelangen, wie auch das andere, daß die Sachen, die eben angedeutet worden sind, moralische und soziale Gemeinschaften und Werke, ohne Moral nicht bestehen können. Sie werden das gleich einsehen, wenn Sie sich zwei Tatsachen vor die Seele rücken, die Ihnen in der einen oder anderen Form ganz gewiß bekannt sind. Oder wer hätte nicht schon gesehen, wie ein intellektuell hoch entwickelter Mensch, vielleicht sogar ein solcher, der nicht bloß äußere Wissenschaftlichkeit mit einem klugen und intellektuellen Erfassen in sich aufgenommen hat, sondern der auch theoretisch und praktisch viel von okkulten und von spirituellen Wahrheiten begriffen hat, gar kein besonders moralischer Mensch ist. Wer hätte nicht schon gesehen, daß kluge, geistig hoch entwickelte Menschen auf moralische Abwege gekommen sind? Und wer hätte die andere Tatsache nicht erlebt, an der wir so unendlich viel lernen können, daß er zum Beispiel eine Kinderfrau kennengelernt hat mit eng begrenztem Horizonte, mit geringer Intellektualitäit und wenigen Erkenntnissen, die nicht etwa ihre eigenen Kinder, sondern, in fremden Diensten stehend, anderer Leute Kinder, eines nach dem anderen, erzog von den ersten Wochen des physischen Daseins an, mitgewirkt hat an deren Erziehung und bis vielleicht zu ihrem Tode alles, was sie hatte, für diese Kinder geopfert hat in einer absolut liebevollen Weise, in der selbstlosesten Hingabe, die sich nur denken läßt. Und wäre irgend jemand an die Frau herangekommen mit moralischen Prinzipien, gewonnen an den allerhöchsten Weisheitsschätzen, wahrscheinlich hätte sie sich gar nicht besonders für diese moralischen Prinzipien interessiert. Wahrscheinlich würde sie sie höchst unverständlich und nutzlos gefunden haben. Aber, was sie moralisch gewirkt hat, das bewirkt mehr als eine bloße Anerkennung, das bewirkt oft in einem solchen Falle, daß wir uns in Ehrfurcht beugen vor dem, was aus dem Herzen ins Leben strömt und unendlich viel Gutes schafft.

[ 6 ] The facts of life provide us with ample answers to what has been described here. You need only bring together two facts of life, which you are undoubtedly quite familiar with in one form or another, and you will immediately see that both of the following can be true: that we only attain the highest moral principles and their understanding upon completing the pursuit of wisdom, and that the things just mentioned—moral and social communities and works—cannot exist without morality. You will see this immediately if you bring to mind two facts that are certainly familiar to you in one form or another. Or who has not already seen how an intellectually highly developed person—perhaps even one who has not merely absorbed external scholarship with a clever and intellectual grasp, but who has also understood much, both theoretically and practically, of occult and spiritual truths—is by no means a particularly moral person. Who has not already seen that intelligent, spiritually highly developed people have strayed onto the wrong moral path? And who has not experienced the other fact from which we can learn so much—that, for example, they have met a nanny with a narrow horizon, limited intellect, and few insights, who, while not raising her own children but working in the service of others, raised other people’s children, one after another, from the first weeks of their physical existence, contributed to their upbringing, and perhaps until her death sacrificed everything she had for these children in an absolutely loving manner, with the most selfless devotion imaginable. And if anyone had approached this woman with moral principles, drawn from the highest treasures of wisdom, she probably would not have been particularly interested in these moral principles at all. She would likely have found them utterly incomprehensible and useless. But what she has achieved morally has a greater impact than mere recognition; in such a case, it often causes us to bow in awe before what flows from the heart into life and creates infinite good.

[ 7 ] Tatsachen solcher Art beantworten Rätsel des Lebens oft viel klarer als theoretische Auseinandersetzungen, denn wir sagen uns, daß die weisheitsvolle Schöpfung, die weisheitsvolle Evolution nicht gewartet hat, bis die Menschen die moralischen Prinzipien erfunden haben, um moralisches Handeln, moralisches Wirken der Welt mitzuteilen. Deshalb müssen wir sagen: Es ist eben zunächst, wenn wir absehen von den unmoralischen Handlungen, deren Grund wir noch im Laufe dieser Vorträge kennen lernen werden, doch etwas vorhanden, was als ein göttliches Erbteil in der menschlichen Seele liegt, gegeben als ursprüngliche Moralität, die man nennen könnte instinktive Moralität, und die es der Menschheit schon möglich macht zu warten, bis die moralischen Prinzipien ergründet werden können.

[ 7 ] Facts of this kind often shed much clearer light on life’s mysteries than theoretical debates, for we tell ourselves that wise creation, wise evolution, did not wait for humans to invent moral principles before imbuing the world with moral action and moral influence. Therefore, we must say: Setting aside immoral actions—the reasons for which we will come to understand in the course of these lectures—there is indeed something present in the human soul that can be regarded as a divine inheritance, given as an original morality that one might call instinctive morality, and which already enables humanity to wait until moral principles can be fully understood.

[ 8 ] Aber es ist vielleicht ganz unnötig, sich viel Sorge zu machen wegen der Ergründung der moralischen Prinzipien. Könnte man denn nicht vielleicht sagen, daß es am besten sei, wenn die Menschen sich ihren ursprünglichen moralischen Instinkten überlassen und sich nicht verwirren durch theoretische Auseinandersetzungen über die Moral? Daß auch dieses nicht der Fall ist, das sollen gerade diese Vorträge zeigen; sie sollen zeigen, daß wir zum mindesten in demjenigen Menschheitszyklus, in dem wir uns gegenwärtig befinden, theosophische Moral suchen müssen, daß theosophische Moral eine Aufgabe sein muß, welche sich ergibt als eine Frucht unseres gesamten theosophischen Strebens und unserer theosophischen Wissenschaft.

[ 8 ] But perhaps it is quite unnecessary to worry too much about exploring moral principles. Could one not perhaps say that it would be best for people to rely on their original moral instincts and not allow themselves to be confused by theoretical debates about morality? That this is not the case either is precisely what these lectures are intended to demonstrate; they are intended to show that, at least in the cycle of humanity in which we currently find ourselves, we must seek theosophical morality, that theosophical morality must be a task that arises as the fruit of our entire theosophical striving and our theosophical science.

[ 9 ] Ein neuzeitlicher Philosoph, der gewiß auch im Norden nicht unbekannte Schopenhauer, hat neben manchem recht Irrtümlichen, das seine Philosophie enthält, einen sehr richtigen Satz ausgesprochen gerade in bezug auf die Prinzipien der Moral, nämlich: Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer. Recht wahr ist dieser Ausspruch, denn es gibt eigentlich kaum etwas Leichteres, als in einer Weise, die zu den allernächsten Prinzipien des menschlichen Fühlens und Empfindens geht, auszusagen, was der Mensch tun oder lassen soll, damit er ein guter Mensch sei. Zwar beleidigt es sogar manche Seele, wenn behauptet wird, daß das leicht sei. Aber es ist einmal leicht, und derjenige, der das Leben, der die Welt kennt, wird auch nicht bezweifeln, daß wohl kaum über irgend etwas so viel gesprochen worden ist als über die richtigen Grundsätze des sittlichen Handelns. Und insbesondere das eine ist auch wahr, daß man im Grunde genommen die allermeiste Zustimmung bei seinen Mitmenschen findet, wenn man von diesen allgemeinen Grundsätzen sittlichen Handelns spricht. Es tut so wohl, möchte man sagen, den zuhörenden Gemürern und man fühlt so sehr, daß man da unbedingt übereinstimmen kann mit dem, was der Redner sagt, wenn er die allerallgemeinsten Grundsätze moralischen Verhaltens des Menschen vorbringt.

[ 9 ] Schopenhauer, a modern philosopher who is certainly no stranger to the North, has—amidst the many errors contained in his philosophy—uttered a very true statement specifically regarding the principles of morality, namely: It is easy to preach morality, but difficult to justify it. This statement is quite true, for there is actually hardly anything easier than to declare, in a manner that appeals to the very deepest principles of human feeling and sensibility, what a person should or should not do in order to be a good person. Admittedly, it even offends some people when it is claimed that this is easy. But it is indeed easy, and anyone who knows life, who knows the world, will not doubt that hardly anything has been discussed as much as the correct principles of moral conduct. And one thing in particular is also true: that, fundamentally speaking, one finds the greatest possible agreement among one’s fellow human beings when speaking of these general principles of moral conduct. It feels so good, one might say, to the listening crowd, and one feels so strongly that one can absolutely agree with what the speaker says when he presents the most universal principles of human moral conduct.

[ 10 ] Aber mit moralischen Lehren, mit moralischen Predigten ist noch keine Moral begründet. Wirklich nicht. Wenn nämlich mit moralischen Lehren, mit moralischen Predigten Moral überhaupt begründet werden könnte, dann gäbe es heute sicherlich keine unmoralischen Handlungen mehr; dann müßte die ganze Menschheit von moralischen Handlungen, man möchte schon sagen, nur so triefen, denn es hat ja jeder ganz zweifellos oft und oft und immer wieder Gelegenheit gehabt, die schönsten moralischen Grundsätze zu hören, insbesondere deshalb zu hören, weil sie so gern gepredigt werden. Aber zu wissen, was man tun soll, was das moralisch Richtige ist, das ist das Allerwenigste auf moralischem Boden. Das Allerwichtigste auf moralischem Boden dagegen ist, daß in uns Impulse leben können, welche durch ihre innere Stärke, ihre innere Gewalt in moralische Handlungen sich umsetzen, welche also nach außen hin moralisch sich ausleben. Das tun bekanntlich moralische Predigten oder die Resultate moralischer Predigten durchaus nicht. Das aber heißt Moral begründen, wenn der Mensch hingeführt wird zu den Quellen, aus denen er jene Impulse nehmen muß, aus denen ihm die Kräfte zuteil werden, die zum moralischen Handeln führen.

[ 10 ] But moral teachings and moral sermons do not establish morality. Not at all. For if morality could indeed be established through moral teachings and moral sermons, then there would certainly be no immoral acts today; then all of humanity would be, one might say, simply dripping with moral actions, for everyone has undoubtedly had the opportunity time and again to hear the most beautiful moral principles—especially because they are so often preached. But knowing what one ought to do, what is morally right, is the very least of it on moral ground. The most important thing in the realm of morality, on the other hand, is that impulses may live within us which, through their inner strength, their inner power, are transformed into moral actions—actions that thus manifest themselves morally outwardly. As is well known, moral sermons or the results of moral sermons do not do this at all. But that is what it means to ground morality: when a person is led to the sources from which they must draw those impulses, from which they receive the powers that lead to moral action.

[ 11 ] Wie schwer diese Kräfte zu finden sind, das zeigt uns die einfache Tatsache, daß es eigentlich wirklich unzählige Male versucht worden ist, von philosophischer Seite zum Beispiel eine Ethik, eine Moral zu begründen. Wieviel verschiedene Antworten gibt es nicht in der Welt auf die Frage: Was ist das Gute? oder: Was ist die Tugend? Schreiben Sie sich einmal zusammen, was gesagt haben die Philosophen, von Plato und Aristoteles angefangen, durch die Epikuräer, die Stoiker, die Neuplatoniker, die ganze Reihe herauf bis in die neuzeitlichen philosophischen Anschauungen hinein; schreiben Sie sich einmal all das zusammen, was da gesagt worden ist, ich will nur sagen von Plato bis Herbert Spencer, über die Natur und das Wesen des Guten und der Tugend, und Sie werden sehen, wieviel verschiedene Ansätze gemacht worden sind, um zu den Quellen des moralischen Lebens, zu den Quellen der moralischen Impulse vorzudringen.

[ 11 ] Just how difficult it is to find these forces is shown by the simple fact that countless attempts have actually been made, from a philosophical perspective, to establish an ethics or a moral code. How many different answers are there in the world to the question: What is good? or: What is virtue? Try writing down what the philosophers have said, starting with Plato and Aristotle, through the Epicureans, the Stoics, the Neoplatonists, the whole line up to modern philosophical views; write down everything that has been said—I’ll just mention from Plato to Herbert Spencer—about the nature and essence of the good and of virtue, and you will see how many different approaches have been taken to penetrate to the sources of moral life, to the sources of moral impulses.

[ 12 ] Die Vorträge, die ich hier halten will, sollen Ihnen zeigen, daß in der Tat erst die okkulte Vertiefung des Lebens, das Eindringen in die okkulten Geheimnisse des Lebens es möglich macht, nicht bloß zu moralischen Lehren, sondern zu moralischen Impulsen, zu den moralischen Quellen des Lebens vorzudringen.

[ 12 ] The lectures I intend to give here are meant to show you that it is indeed only through an occult deepening of life—through penetrating the occult mysteries of life—that it becomes possible to go beyond mere moral teachings and reach moral impulses, the moral sources of life.

[ 13 ] Da allerdings zeigt uns ein einziger Blick, daß dies Moralische in der Welt durchaus nicht immer so einfach sich darlebt, als man von einem gewissen bequemen Standpunkte aus glauben möchte. Lassen wir für einige Zeit dasjenige, was man heute unter dem Moralischen anspricht, zunächst außer acht und betrachten wir das Leben der Menschen einmal auf solchen Gebieten, auf denen wir vielleicht für eine moralische Lebensanschauung viel gewinnen können.

[ 13 ] However, a single glance shows us that this moral aspect of the world is by no means always as straightforward as one might like to believe from a certain comfortable vantage point. Let us for a moment set aside what is commonly understood today as “moral” and instead consider human life in those areas where we might gain much for a moral outlook on life.

[ 14 ] Unter den mancherlei Dingen, die uns der Okkultismus schon gebracht hat, wird die Erkenntnis, daß bei den verschiedenen Völkern in den verschiedenen Erdgebieten die mannigfaltigsten Anschauungen, die mannigfaltigsten Impulse sich geltend gemacht haben, nicht das Geringste sein. Vergleichen wir einmal zwei zunächst weit voneinander abstehende Menschheitsgebiete. Gehen wir zurück in das ehrwürdige Leben des alten Indiens und betrachten wir, wie es sich nach und nach entwickelt hat bis in die neuesten Zeiten herauf; denn Sie wissen ja, für keines der Gebiete des eigentlichen Lebens auf der Erde, die uns bekannt sind, gilt in so hohem Maße wie für Indien die Tatsache, daß dasjenige, was Charakteristikum uralter Zeiten war, sich erhalten hat bis in die neuesten Zeiten herauf. Für kein Gebiet gilt das mehr als für das Leben innerhalb der indischen und einiger anderen asiatischen Kulturen. Bis in die neuesten Zeiten herauf haben sich die Gefühle, die Empfindungen, die Gedanken, die Anschauungen erhalten, die wir schon finden in diesen Volksgebieten in ururalten Zeiten. Das ist das Eindrucksvolle, daß sich in diesen Kulturen erhalten hat ein Abglanz uralter Zeiten, daß, wenn wir das betrachten, was sich bis in unsere Zeit herein erhalten hat, wir sozusagen in die alten Zeiten zugleich hineinschauen.

[ 14 ] Among the many things that occultism has already revealed to us, the realization that the most diverse views and impulses have made themselves felt among the various peoples in different regions of the world is by no means the least significant. Let us compare two regions of humanity that at first glance seem far apart. Let us go back to the venerable life of ancient India and consider how it has gradually developed right up to the present day; for, as you know, in none of the regions of actual life on Earth known to us does the fact apply to such a high degree as it does to India: that which was characteristic of ancient times has been preserved right up to the present day. This applies to no region more than to life within Indian and certain other Asian cultures. Right up to the present day, the feelings, sensations, thoughts, and views that we already find in these cultural regions in ancient times have been preserved. What is striking is that a reflection of ancient times has been preserved in these cultures; that when we look at what has been preserved right up to our own time, we are, so to speak, looking into the ancient times at the same time.

[ 15 ] Nun kommen wir aber mit konkreten, bestimmten Volksgebieten nicht weit, wenn wir etwa von vornherein nur unseren eigenen moralischen Maßstab anlegen. Deshalb wollen wir heute das, was man über die moralischen Dinge dieser Zeiten sagen könnte, zunächst ausgeschlossen sein lassen und nur fragen: Was hat sich herausgebildet aus diesen charakteristischen Eigentümlichkeiten der uralten, ehrwürdigen indischen Kultur?

[ 15 ] However, we will not get very far when dealing with specific, distinct ethnic groups if, for example, we apply only our own moral standards from the outset. Therefore, let us set aside for now whatever might be said about the moral issues of our time and simply ask: What has emerged from these characteristic features of the ancient, venerable Indian culture?

[ 16 ] Zunächst finden wir da, aufs höchste verehrt, aufs höchste geheiligt, dasjenige, was man nennen kann die Andacht, die Hingabe an das Geistige. Und um so mehr geheiligt und gewürdigt finden wir diese Hingabe an das Geistige, je mehr der Mensch in der Lage ist, in sich selbst Einkehr zu halten, still in sich zu leben und das Beste, was in ihm ist, abgesehen von aller Wirksamkeit in der äußeren Welt, abgesehen von allem, was der Mensch sein kann auf dem physischen Plane, hinzulenken zu den Urgründen der geistigen Welten. Als höchste Pflicht sehen wir diese andächtige Hinlenkung der Seele zu den Urgründen des Daseins bei denjenigen, welche zur obersten Kaste des indischen Lebens gehört haben oder gehören, bei den Brahminen. Alles, was sie tun, alle ihre Impulse sind hingeordnet nach dieser Andacht; und es gibt nichts, was das sittliche Empfinden und Fühlen dieser Menschen tiefer beeindruckt, als diese Hinlenkung nach dem Göttlich-Geistigen in einer alles Physische vergessenden Andacht, in einer intensiv tiefen Selbstbeobachtung und Selbstentäußerung. Und wie das sittliche Leben dieser Menschen von dem eben Bezeichneten durchdrungen wird, das können Sie aus der anderen Tatsache ersehen, daß diejenigen, welche, namentlich in älteren Zeiten, anderen Kasten angehört haben, es als selbstverständlich ansehen, daß die Kaste der Andacht, die Kaste des religiösen und rituellen Lebens als etwas Ehrwürdiges und Ausgesondertes betrachtet wird. So war das ganze Leben durchzogen von diesen eben charakterisierten Impulsen der Hinlenkung auf das Göttlich-Geistige. Das ganze Leben stand in dem Dienste dieser Hinlenkung, und mit allgemeinen Moralprinzipien, die irgendeine Philosophie begründet, kann man das nicht verstehen, um was es sich hier handelt. Man kann es nicht verstehen aus dem Grunde, weil in den Zeiten, in denen im alten Indien sich diese Dinge entwickelt haben, sie zunächst bei anderen Völkern unmöglich gewesen sind. Diese Impulse brauchten das Temperament, den Grundcharakter gerade dieses Volkes, damit sie sich in dieser Intensität entwickeln konnten. Dann gingen sie im Verlaufe der äußeren Kulturströmung von da aus und verbreiteten sich über die übrige Erde hin. Wenn wir das, was unter dem Göttlich-Geistigen gemeint ist, verstehen wollen, so müssen wir zu dieser Urquelle gehen.

[ 16 ] First of all, we find there, revered and sanctified above all else, what might be called devotion—the dedication to the spiritual. And the more a person is able to turn inward, to live quietly within themselves, and to direct the best that is within them—apart from all activity in the outer world, apart from everything a person can be on the physical plane—toward the sources of the spiritual worlds, the more we find this devotion to the spiritual sanctified and honored. We see this devout turning of the soul toward the depths of existence as the highest duty among those who have belonged or belong to the highest caste of Indian life, the Brahmins. Everything they do, all their impulses, are ordered toward this devotion; and there is nothing that more deeply impresses the moral sensibility and feeling of these people than this turning toward the Divine-Spiritual in a devotion that forgets all that is physical, in an intensely deep self-observation and self-renunciation. And how the moral life of these people is permeated by what has just been described, you can see from the further fact that those who, especially in earlier times, belonged to other castes, regard it as self-evident that the caste of devotion, the caste of religious and ritual life, is viewed as something venerable and set apart. Thus, the whole of life was permeated by these impulses, just described, of orientation toward the divine-spiritual. The whole of life was in the service of this orientation, and one cannot understand what is at stake here through the general moral principles upon which any philosophy is founded. One cannot understand it for the reason that, in the times when these things developed in ancient India, they were initially impossible among other peoples. These impulses required the temperament, the fundamental character of this very people, in order to develop with such intensity. Then, in the course of the outward cultural currents, they spread from there across the rest of the earth. If we wish to understand what is meant by the divine-spiritual, we must go to this original source.

[ 17 ] Und jetzt wenden wir den Blick weg von diesem Volkstum und wenden ihn zu einem anderen. Wenden wir ihn nach dem europäischen Gebiete. Lenken wir den Blick zu den europäischen Völkern in den Zeiten, als noch nicht das Christentum eingedrungen war in die europäische Kultur, als es eben anfing einzudringen. Ihnen allen ist bekannt, daß gleichsam dem Christentum, das von Osten und Süden her nach Europa eindrang, sich entgegenlegte das europäische Volkstum mit ganz bestimmten Impulsen, mit ganz bestimmten inneren Werten und Kräften. Und wer die Geschichte der Einführung des Christentums in Europa, in Mitteleuropa und auch hier im Norden, studiert, namentlich wer sie mit okkulten Mitteln studiert, der weiß, was es auf dem einen oder anderen Gebiete gekostet hat, um mit diesem oder jenem christlichen Impulse den Ausgleich zu finden mit dem, was von Nord- und Mitteleuropa dem Christentum entgegengebracht worden ist.

[ 17 ] And now let us turn our attention away from this culture and turn it to another. Let us turn it to the European continent. Let us turn our gaze to the European peoples in the times when Christianity had not yet penetrated European culture, when it was just beginning to do so. You are all aware that, as it were, the European folk culture opposed Christianity—which was penetrating Europe from the east and south—with very specific impulses, with very specific inner values and forces. And anyone who studies the history of the introduction of Christianity in Europe, in Central Europe, and also here in the North—especially those who study it through occult means—knows what it cost in one region or another to find a balance between this or that Christian impulse and what was offered to Christianity from Northern and Central Europe.

[ 18 ] Und fragen wir jetzt, wie wir gefragt haben beim indischen Volkstum, welches die hervorragendsten sittlichen Impulse waren, was da von den Völkern, deren Nachkommen die gegenwärtige europäische Bevölkerung namentlich des Nordens, Mitteleuropas und Englands ist, als moralisch Gutes, als moralisches Erbstück entgegengebracht worden ist dem Christentum. Wir brauchen nur eine einzige der Haupttugenden zu nennen, und sogleich wissen wir, daß wir etwas recht Charakteristisches für diese nordische Bevölkerung, für die mitteleuropäische Bevölkerung sagen. Wir brauchen nur das Wort Tapferkeit, Starkmut zu sagen, das Eintreten mit der ganzen persönlichen Menschenkraft, um in der physischen Welt zu verwirklichen, was der Mensch aus seinen innersten Impulsen heraus wollen kann, dann haben wir die allerhauptsächlichsten Tugenden genannt, die entgegengebracht wurden von den Europäern dem Christentum. Und die anderen Tugenden sind im Grunde genommen — wir finden dieses um so mehr, je weiter wir in die alten Zeiten zurückgehen — die Folgen dieser Tugenden.

[ 18 ] And let us now ask, as we did regarding Indian folklore, what were the most outstanding moral impulses, and what was contributed to Christianity by the peoples—whose descendants make up the current European population, particularly in the North, Central Europe, and England—as moral goodness, as a moral legacy. We need only name a single one of the cardinal virtues, and immediately we know that we are speaking of something quite characteristic of this Nordic population, of the Central European population. We need only say the word “bravery,” “courage”—the commitment with all one’s personal human strength to realize in the physical world what a person can will from their innermost impulses—and then we have named the most principal virtues that were offered by the Europeans to Christianity. And the other virtues are, in essence—and we find this all the more true the further back we go in time—the consequences of these virtues.

[ 19 ] Betrachten wir den eigentlichen Starkmut, die eigentliche Tapferkeit nach einigen ihrer Grundeigenschaften, so finden wir, daß sie besteht aus einer inneren Lebensfülle, die ausgeben kann. Das ist es, was uns in alten Zeiten, gerade bei den europäischen Völkern am meisten auffällt. Solch ein Mensch, wie er der alten europäischen Bevölkerung angehört, hat in sich mehr, als er für seinen persönlichen Gebrauch bedarf. Aber er gibt aus das Mehr, weil er den Impuls dazu hat, das auszugeben. Er folgt ganz instinktiv dem Impulse, das, was er zuviel hat, auszugeben. Man möchte sagen: Mit nichts mehr war der alte europäische Norden verschwenderischer als mit seinem moralischen Überfluß, mit seiner Tüchtigkeit, seiner Tauglichkeit, Lebensimpulse in den physischen Plan hinausströmen zu lassen. Es war wirklich so, wie wenn die Menschen der europäischen Urzeit, jeder einzelne, mitbekommen hätte eine ganz bestimmte Fülle von Kraft, die mehr bedeutete, als der Mensch für seinen persönlichen Gebrauch bedurfte, von der er ausströmen hat können, mit der er verschwenderisch hat sein können, die er hat verwenden können zu seinen kriegerischen Taten, zu den Taten jener uralten Tugend, welcher die neuere Zeit unter den Untugenden zu nennenden menschlichen Eigenschaften einen Platz gegeben hat; die er verwendet hat zum Beispiel zu dem, was man bezeichnet hat als Großmut. Handeln aus Großmut, das ist wieder etwas, was so charakteristisch ist für die uralte europäische Bevölkerung, wie charakteristisch ist das Handeln aus Andacht für die uralt indische Bevölkerung.

[ 19 ] If we examine true fortitude, true bravery, in terms of some of its fundamental characteristics, we find that it consists of an inner vitality that is capable of giving. This is what strikes us most in ancient times, particularly among the European peoples. Such a person, as found among the ancient European population, possesses within himself more than he needs for his personal use. But he gives away the surplus because he has the impulse to do so. He instinctively follows the impulse to give away what he has in excess. One might say: In nothing was the ancient European North more wasteful than in its moral abundance, in its ability, its capacity, to let life forces flow out into the physical realm. It was truly as if the people of prehistoric Europe, every single one, had been endowed with a very specific abundance of strength that meant more than what a person needed for personal use—strength they could let flow out, with which they could be wasteful, which they could use for their acts of war, for the deeds of that ancient virtue that modern times have placed among the human qualities to be called vices; which they used, for example, for what has been termed magnanimity. Acting out of magnanimity is, once again, something as characteristic of the ancient European population as acting out of devotion is of the ancient Indian population.

[ 20 ] Mit Prinzipien, mit theoretischen Moralgrundsätzen hätte man der europäischen Bevölkerung der Urzeiten nicht dienen können, denn sie hätte wenig Verständnis dafür bewiesen. Einem Menschen der europäischen Urzeit moralische Predigten zu halten, das wäre so gewesen, wie wenn man einem Menschen, der das Rechnen nicht liebt, den Rat geben wollte, er solle mit aller Präzision aufschreiben seine Einnahmen und Ausgaben. Wenn er das nicht liebt, dann bedarf es nur des einzigen Umstandes, daß er das Aufschreiben nicht nötig hat, daß er also genug besitzt, um ausgeben zu können. Dann kann er das sorgfältige Rechnungführen vermeiden, wenn er einen unerschöpflichen Quell hat. Es ist ein nicht unerheblicher Umstand, er gilt theoretisch durchaus mit Beziehung auf das, was der Mensch für das Leben wert hält, mit Beziehung auf die persönliche Tüchtigkeit, auf das persönliche Eintreten. Für die Einrichtung der Welt gilt das von den moralischen Gefühlen der alten europäischen Bevölkerungen. Jeder hatte sozusagen sein göttliches Erbstück mitbekommen, fühlte sich voll davon und gab aus, gab aus im Dienste des Stammes, im Dienste der Familie, im Dienste auch größerer Volkszusammenhänge. So wurde gewirkt, so wurde gewirtschaftet, so wurde gearbeitet.

[ 20 ] Principles and theoretical moral tenets would not have served the European population of prehistoric times, for they would have shown little understanding of them. To preach morality to a person of prehistoric Europe would have been like advising someone who dislikes arithmetic to write down their income and expenses with the utmost precision. If they dislike it, then the only requirement is that they have no need to write it down—that is, that they possess enough to be able to spend. Then he can avoid meticulous record-keeping if he has an inexhaustible source. This is no trivial matter; theoretically, it applies fully to what a person values in life, to personal competence, and to personal commitment. This applies to the moral sentiments of the ancient European peoples as they shaped the world. Everyone had, so to speak, received their divine inheritance, felt filled by it, and spent, spent in the service of the tribe, in the service of the family, and in the service of larger communal contexts. This is how they acted, how they managed their affairs, how they worked.

[ 21 ] Nun haben wir hier zwei Menschheitsgebiete bezeichnet, die recht sehr voneinander verschieden sind, denn das Andachtsgefühl, wie es beim Indier zu Hause war, das fehlte der europäischen Bevölkerung absolut. Deshalb war es dem Christentum so schwer, dieses Andachtsgefühl der europäischen Bevölkerung zu bringen. Ganz andere Voraussetzungen waren da.

[ 21 ] We have now identified two areas of human civilization that are quite different from one another, for the sense of devotion that was so deeply ingrained among the Indians was completely absent among the European population. That is why it was so difficult for Christianity to instill this sense of devotion in the European population. The circumstances there were entirely different.

[ 22 ] Und nun, nachdem wir diese Dinge vor unsere Augen hingestellt haben, fragen wir uns einmal, abgesehen von allen Einwendungen eines moralischen Begriffs, nach dem moralischen Effekt. Da bedarf es nicht vieler Überlegung, um zu wissen, daß dieser moralische Effekt da, wo die beiden Weltanschauungen und Gesinnungsrichtungen in ihrer reinsten Form sich getroffen haben, ein unendlich großer war. Unendliches ist der Welt gegeben worden durch dasjenige, was nur hat errungen werden können dadurch, daß ein Volkstum vorhanden war wie das alte indische, mit der Hinordnung alles Empfindens nach der Andacht, mit der Hinlenkung zum Höchsten. Aber Unendliches ist auch der Welt gegeben worden, das könnte man mit Einzelheiten belegen, durch das, was die Tapferkeit, der Starkmut der europäischen Menschen der älteren vorchristlichen Zeit bewirken sollte. Beide Dinge mußten zusammenwirken, und beide Dinge gaben den moralischen Effekt, von dem wir sehen werden, wie er heute noch fortwirkt und wie er heute nicht nur einem Teile der Menschheit, sondern der ganzen Menschheit von beiden Seiten zugute gekommen ist, wie er lebt in allem, was die Menschheit als Höchstes betrachtet, sowohl der Effekt aus dem Indiertum als auch der Effekt aus dem uralten Germanentum.

[ 22 ] And now, having set these things before our eyes, let us ask ourselves—setting aside all objections based on moral concepts—about the moral effect. It does not take much thought to realize that this moral effect was infinitely great where the two worldviews and schools of thought met in their purest form. The infinite has been given to the world through that which could only have been achieved by the existence of a people such as the ancient Indians, with the orientation of all feeling toward devotion, with the turning toward the Highest. But the infinite has also been given to the world—as one could demonstrate in detail—through what the bravery and fortitude of the European people of the earlier pre-Christian era were to bring about. Both of these things had to work together, and both produced the moral effect that we shall see continues to have an impact today and has benefited not only a part of humanity but all of humanity from both sides; we shall see how it lives on in everything that humanity regards as the highest, both the effect of Indian culture and the effect of ancient Germanic culture.

[ 23 ] Können wir so ohne weiteres nun sagen, dasjenige, was diesen moralischen Effekt für die Menschheit hat, sei das Gute? Das dürfen wir ohne Zweifel sagen. In beiden Kulturströmungen muß es das Gute sein, und es muß irgendein Ding sein, was wir als das Gute bezeichnen können. Aber wenn wir sagen sollen: Was ist das Gute? so stehen wir wieder vor einer Rätselfrage. Was ist das Gute, das gewirkt hat in dem einen und in dem anderen Falle?

[ 23 ] Can we simply say that whatever has this moral effect on humanity is the good? We can say this without a doubt. In both cultural currents, it must be the good, and it must be something that we can designate as the good. But if we are to ask, “What is the good?” we are once again faced with a riddle. What is the good that has brought about this effect in both cases?

[ 24 ] Ich möchte Ihnen nicht moralische Predigten halten, denn das betrachte ich nicht als meine Aufgabe. Ich betrachte es vielmehr als meine Aufgabe, die Tatsachen Ihnen vorzuführen, welche zu einer theosophischen Moral führen. Daher habe ich Ihnen zunächst zwei Systeme bekannter Tatsachen angeführt, von denen ich nichts anderes zu berücksichtigen bitte, als daß die Tatsache der Andacht und die Tatsache der Starkmut moralische Effekte für die Kulturentwickelung der Menschheit haben.

[ 24 ] I do not wish to preach to you, for I do not consider that to be my task. Rather, I consider it my task to present to you the facts that lead to a theosophical morality. Therefore, I have first presented you with two systems of known facts, regarding which I ask you to consider nothing other than that the fact of devotion and the fact of fortitude have moral effects on the cultural development of humanity.

[ 25 ] Nun wenden wir den Blick zu noch anderen Zeiten. Sie werden, wenn Sie unser gegenwärtiges Leben mit seinen sittlichen Impulsen in Betracht ziehen, sich selbstverständlich sagen: Wir können heute nicht so sein, wenigstens nicht in Europa, wie das reinste Ideal des Indiertums es erfordert, denn man kann nicht europäische Kultur mit indischer Andacht pflegen. Aber ebensowenig wäre es möglich, dasjenige, was heute unsere Kultur ist, mit der alten, aufs höchste zu preisenden Starkmut-Tugend der europäischen Bevölkerung zu erreichen. Und ohne weiteres zeigt sich uns, daß in den Tiefen der moralischen Empfindung der europäischen Bevölkerung noch etwas anderes liegt. Wir müssen also noch etwas anderes aufsuchen, um beantworten zu können die Frage: Was ist das Gute? Was ist die Tugend?

[ 25 ] Now let us turn our attention to other times. When you consider our present life with its moral impulses, you will naturally say to yourselves: We cannot be today—at least not in Europe—as the purest ideal of Indianism requires, for one cannot cultivate European culture with Indian devotion. But it would be just as impossible to achieve what our culture is today with the ancient virtue of fortitude—so highly praised—of the European people. And it is immediately apparent to us that there lies something else in the depths of the European people’s moral sensibility. We must therefore seek something else in order to answer the question: What is the good? What is virtue?

[ 26 ] Ich habe öfter darauf hingewiesen, daß wir zu unterscheiden haben diejenige Epoche, die wir den griechisch-lateinischen, den vierten nachatlantischen Kulturzeitraum nennen, und diejenige, die wir nennen den fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, in dem wir gegenwärtig leben. Eigentlich soll das, was ich zu sagen habe in bezug auf das moralische Wesen, die Entstehung des fünften nachatlantischen Kulturzeitraums charakterisieren. Beginnen wir mit einer Sache, die Sie zunächst für anfechtbar halten können, da sie aus der Welt der Dichtung, der Welt der Sage genommen ist. Aber sie ist doch bezeichnend für die Art und Weise, wie neue moralische Impulse wirksam geworden sind, wie sie hineingeflossen sind in die Menschen, als nach und nach die Entwickelung unseres fünften nachatlantischen Kulturzeitraums einsetzte,

[ 26 ] I have often pointed out that we must distinguish between the epoch we call the Greco-Latin, or fourth post-Atlantean, cultural period, and the one we call the fifth post-Atlantean cultural period, in which we are currently living. In fact, what I have to say regarding the moral being is intended to characterize the emergence of the fifth post-Atlantean cultural epoch. Let us begin with something that you may initially find questionable, since it is taken from the world of poetry, the world of legend. But it is nevertheless indicative of the way in which new moral impulses have taken effect, how they have flowed into people as the development of our fifth post-Atlantean cultural epoch gradually began,

[ 27 ] Es gab einen Dichter, der gelebt hat Ende des zwölften und Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. Er starb im Jahre 1213 und heißt Hartmann von Aue. Dieser Dichter hat ganz aus der Denkweise und den Tatsachen der damaligen Zeit heraus seine bedeutendste Dichtung geschaffen, und zwar aus der Anschauung heraus, die dazumal im Volke überall gelebt hat: die Dichtung «Der arme Heinrich». Diese Dichtung drückt im eminentesten Sinne aus, wie man in gewissen Kreisen und Volksgebieten dazumal über gewisse moralische Impulse dachte. In dieser Dichtung ist folgendes enthalten: Da lebte der arme Heinrich als ein reicher Ritter, denn ursprünglich war er kein armer Heinrich, sondern ein wohlbestallter Rittersmann, der aber außer acht ließ, daß die sinnenfälligen Dinge des physischen Planes hinfällig, vergänglich sind, der also in den Tag hineinlebte und dadurch sich so schnell als möglich schlimmes Karma schaffte. Daher wird er befallen von dem, was man damals nannte die Miselsucht, eine Art Aussatz, und da er zu den berühmtesten Ärzten der ganzen damaligen Welt geht und keiner ihm helfen kann, so gibt er sein Leben verloren und verkauft seine Güter. Unter die Menschen konnte er mit seiner Krankheit nicht gehen. Er lebte daher abseits von ihnen einsam auf einem Meierhofe, treu gepflegt von einem alten ergebenen Diener, der den Wirtschaftshof führte, und dessen Tochter. Eines Tages wird der Tochter und überhaupt der Familie des ganzen Wirtschaftshofes die Kunde zuteil, daß nur eines helfen kann dem Ritter, der dieses Schicksal hat. Kein Arzt, keine Arznei kann ihm helfen, nur wenn eine reine Jungfrau in Liebe ihr Leben für ihn opfert, sollte eine Gesundung wieder möglich sein. Trotz aller Ermahnungen der Eltern und des Ritters Heinrich selber kommt etwas über die Tochter, das sie glauben macht, daß sie es wäre, die sich opfern müsse. Da begibt sich die Tochter nach Salerno, der berühmtesten medizinischen Schule der damaligen Zeit. Nicht schreckt sie zurück vor dem, was die Ärzte von ihr verlangen. Sie ist bereit, ihr Leben zu opfern. Der Ritter läßt es aber nicht so weit kommen, er verhindert es und zieht mit ihr nach Hause. Aber die Dichtung erzählt uns, daß der Ritter, als er nach Hause kam, wirklich nach und nach gesund zu werden begann und daß er dann mit derjenigen, die seine Erlöserin hat werden wollen, noch lange Zeit lebte und einen glücklichen Lebensabend hatte.

[ 27 ] There was a poet who lived at the end of the twelfth and the beginning of the thirteenth century. He died in 1213 and was named Hartmann von Aue. This poet created his most significant work of poetry entirely out of the mindset and realities of his time, specifically from the perspective that was widespread among the people at that time: the poem “Poor Henry.” This poem expresses, in the most profound sense, how certain moral impulses were viewed in certain circles and regions at that time. This poem contains the following: There lived Poor Henry as a wealthy knight, for originally he was not Poor Henry, but a well-endowed knight who, however, disregarded the fact that the tangible things of the physical plane are fleeting and transient; he thus lived for the moment and thereby accumulated bad karma as quickly as possible. Consequently, he is afflicted by what was then called “Miselsucht,” a kind of leprosy, and since he goes to the most famous doctors in the entire world of that time and none can help him, he gives up on life and sells his estate. He could not go out among people with his illness. He therefore lived apart from them, in solitude on a farmstead, faithfully cared for by an old, devoted servant who managed the farm, and by the servant’s daughter. One day, the daughter—and indeed the entire family of the farmstead—received word that only one thing could help the knight who had suffered this fate. No doctor, no medicine can help him; only if a pure virgin sacrifices her life for him out of love might recovery be possible again. Despite all the warnings from her parents and from Knight Heinrich himself, something comes over the daughter that makes her believe she is the one who must make the sacrifice. So the daughter sets out for Salerno, the most famous medical school of the time. She does not shrink from what the doctors demand of her. She is ready to sacrifice her life. The knight, however, does not let it come to that; he prevents it and takes her home with him. But the poem tells us that when the knight returned home, he truly began to recover little by little, and that he then lived for a long time with the one who had wanted to be his savior, enjoying a happy twilight of life.

[ 28 ] Ja, Sie können sagen: Zunächst ist das eine Dichtung, und wir brauchen nicht wörtlich an die Tatsachen, die da mitgeteilt sind, zu glauben. Aber die Sache wird schon anders, wenn wir das, was Hartmann von Aue, der mittelalterliche Dichter, dazumal in seinem «Armen Heinrich» gedichtet hat, vergleichen mit etwas, was wirklich geschehen ist, wie wir gut wissen, mit dem Leben eines Ihnen wohlbekannten Menschen und den Taten desselben. Ich meine, wenn wir das, was darstellen hat wollen Hartmann von Aue, vergleichen mit dem Leben des damals in Italien lebenden, im Jahre 1182 geborenen Franz von Assisi.

[ 28 ] Yes, you might say: First of all, this is a work of fiction, and we don’t have to take the facts presented there at face value. But the matter takes on a different light when we compare what Hartmann von Aue, the medieval poet, wrote in his “Poor Henry” with something that actually happened, as we well know, in the life of a person well known to you and his deeds. I mean, if we compare what Hartmann von Aue intended to portray with the life of Francis of Assisi, who was born in 1182 and lived in Italy at that time.

[ 29 ] Nun lassen wir einmal, um zu charakterisieren, was da, wie konzentriert in der einen Persönlichkeit des Franz von Assisi, an Moralisch-Persönlichem vor sich geht, die Sache so vor unserer Seele vorüberziehen, wie sie sich dem Okkultisten darstellt, selbst wenn wir für närrisch und abergläubisch gehalten werden sollten. Nehmen wir die Dinge ernst, weil sie in jener Übergangszeit auch so ernst gewirkt haben.

[ 29 ] Now, in order to characterize what is taking place—in such a concentrated form within the single personality of Francis of Assisi—in terms of moral and personal development, let us allow the matter to pass before our minds as it appears to the occultist, even if we are to be regarded as foolish and superstitious. Let us take these things seriously, because they also appeared so serious during that transitional period.

[ 30 ] Wir wissen, daß Franz von Assisi der Sohn des italienischen, in Frankreich viel herumreisenden und Geschäfte treibenden Kaufmanns Bernardone und seiner Frau war. Wir wissen auch, daß der Vater des Franz von Assisi ein auf äußerliches Ansehen viel gebender Mensch war. Die Mutter war eine den frommen "Tugenden und feinen Charaktereigenschaften des Herzens zugängliche, andächtige, ihren religiösen Empfindungen lebende Frau. Die Dinge, die nun umspielen in Form von Sagen die Geburt des Franz von Assisi und sein Leben, entsprechen durchaus okkulten Tatsachen. Wenn auch okkulte Tatsachen häufig von der Geschichte in Bilder und Legenden gehüllt werden, so entsprechen diese Legenden aber doch okkulten Tatsachen. So ist es durchaus wahr, daß einer ganzen Anzahl von Personen, bevor Franz von Assisi geboren wurde, wie eine visionäre Offenbarung, wie ein Wissen, eine Erkenntnis zugekommen ist, daß eine wichtige Persönlichkeit werde geboren werden. Herausgehoben ist von der äußeren Geschichte aus der großen Anzahl von Personen, die das geträumt haben, das heißt die in prophetischer Vision gesehen haben, daß eine wichtige Persönlichkeit geboren werden wird, herausgehoben ist da die heilige Hildegard. — Ich betone hier nochmals die Wahrheit der aus den Erforschungen der Akasha-Chronik zu rechtfertigenden Tatsachen. — Sie träumte, daß ihr erschien ein Weib mit einem zerschundenen, blutüberströmten Antlitz und daß dieses Weib zu ihr sagte: Die Vögel haben ihre Nester hier auf der Erde, die Füchse haben ihre Höhlen auf der Erde, ich aber habe in der Gegenwart nichts, nicht einmal einen Stab, auf den ich mich stützen kann. Als Hildegard erwachte von diesem Traume, da wußte sie, daß die wahre Gestalt des Christentums mit dieser Persönlichkeit gemeint ist. Und so träumten noch viele andere Persönlichkeiten. Diese Persönlichkeiten sahen dazumal aus dem, was sie wissen konnten, daß die äußere Einrichtung und Institution der Kirche nicht ein Behälter, eine Hülle für das wirkliche Christentum sein konnte. Das sahen sie ein.

[ 30 ] We know that Francis of Assisi was the son of Bernardone, an Italian merchant who traveled extensively and conducted business in France, and his wife. We also know that Francis of Assisi’s father was a man who placed great importance on outward appearances. His mother was a devout woman, open to the pious “virtues and fine qualities of the heart,” who lived according to her religious feelings. The stories that now surround the birth and life of Francis of Assisi in the form of legends correspond entirely to occult facts. Although occult facts are often cloaked by history in images and legends, these legends do correspond to occult facts. Thus, it is entirely true that, before Francis of Assisi was born, a number of people received—as if through a visionary revelation, as a kind of knowledge or insight—the realization that an important personality was to be born. From the external history, among the large number of people who dreamed this—that is, who saw in a prophetic vision that an important figure would be born—Saint Hildegard stands out. — I emphasize here once again the truth of the facts that can be substantiated by research into the Akashic Records. — She dreamed that a woman appeared to her with a battered, blood-streaked face, and that this woman said to her: “The birds have their nests here on earth, the foxes have their dens on earth, but I have nothing at present, not even a staff on which to lean.” When Hildegard awoke from this dream, she knew that the true form of Christianity was meant by this figure. And so many other figures had similar dreams. These figures realized at that time, from what they could know, that the external structure and institution of the Church could not be a vessel, a shell for true Christianity. They understood this.

[ 31 ] Ein Pilger, wieder haben wir eine wahre Tatsache vor uns, kehrte einstmals, als der Vater des Franz von Assisi in Handelsgeschäften in Frankreich war, in dem Hause von Donna Pica, der Mutter des Franz von Assisi, ein und sagte ihr direkt: In diesem Hause, wo Überfluß ist, darfst du das Kind, das du erwartest, nicht zur Welt bringen! Du mußt es gebären im Stalle, denn es muß liegen auf Stroh, um seinem Meister nachzufolgen ! Diese Aufforderung ist wirklich an die Mutter des Franz von Assisi ergangen, und es ist keine Legende, sondern Wahrheit, daß die Mutter, weil der Vater auf Geschäftsreisen in Frankreich war, dieses auch ausführen konnte, so daß die Geburt des Franz von Assisi sichtatsächlich im Stalle und auf Stroh vollzogen hat.

[ 31 ] A pilgrim—and here we have another true story—once stopped by the home of Donna Pica, the mother of Francis of Assisi, while Francis’s father was away on business in France, and said to her directly: In this house, where there is abundance, you must not give birth to the child you are expecting! You must give birth to him in a stable, for he must lie on straw to follow in his Master’s footsteps! This request was truly made to the mother of Francis of Assisi, and it is no legend but the truth that, because his father was on a business trip in France, she was able to do so, so that the birth of Francis of Assisi actually took place in a stable and on straw.

[ 32 ] Und auch das andere ist wahr: In den keineswegs so bevölkerten Ort kam, nachdem das Kind einige Zeit alt war, ein sonderbarer Mensch, ein Mann, der niemals vorher gesehen worden war und niemals später in dem Orte wiedergesehen wurde. Er zog wiederholt durch die Straßen und sagte: Ein wichtiger Mensch ist in dieser Stadt geboren worden. In jener Zeit haben die Leute, die noch ein gutes visionäres Leben führen konnten, auch Glocken läuten gehört während der Geburt des Franz von Assisi.

[ 32 ] And the other part is true as well: After the child had been born for some time, a strange man arrived in that by no means densely populated town—a man who had never been seen there before and was never seen there again. He walked repeatedly through the streets, saying, “An important person has been born in this town.” At that time, the people who were still able to lead a life of deep spiritual insight also heard bells ringing during the birth of Francis of Assisi.

[ 33 ] Eine ganze Reihe von Erscheinungen könnte noch angeführt werden. Wir begnügen uns aber mit diesen, die nur dazu angeführt werden, um zu zeigen, wie bedeutsam alles aus der geistigen Welt heraus konzentriert war gegenüber der Erscheinung einer einzelnen Persönlichkeit der damaligen Zeit. Besonders interessant wird uns das alles, wenn wir noch etwas anderes betrachten. Die Mutter hatte den besonderen Gedanken: Johannes soll das Kind heißen. Daher wurde ihm auch der Name Johannes beigelegt. Erst als der Vater von Frankreich zurückkam, gab er, aus seiner Gesinnung heraus, weil er gute Geschäfte dort gemacht hatte, seinem Sohn den Namen Franziskus. Ursprünglich hieß das Kind aber Johannes.

[ 33 ] A whole series of events could still be cited. We will, however, content ourselves with these, which are mentioned only to show how significantly everything from the spiritual world was focused on the appearance of a single personality of that time. All of this becomes particularly interesting to us when we consider something else as well. The mother had a specific idea: the child should be named John. That is why he was given the name John. It was only when the father returned from France that he, in keeping with his own mindset—because he had done good business there—gave his son the name Francis. Originally, however, the child was named John.

[ 34 ] Nun brauchen wir nur einzelnes hervorzuheben aus dem Leben dieses sonderbaren Menschen, vor allen Dingen seine Jugendzeit. Was tritt uns in Franz von Assisi für ein Mensch entgegen, wenn wir ihn als Knaben betrachten ? Es tritt uns, wie uns das bei den vielen Völkermischungen nach den Einwanderungen von Norden her nicht aufzufallen braucht, ein Mensch entgegen, der sich ausnimmt wie ein Nachkomme des alten germanischen Rittertums. Tapfer, kriegerisch, von dem Ideale erfüllt, mit den Kriegswaffen Ruhm und Ehre zu erwerben, das war es, was sich wie ein Erbstück bei ihm ergab, was wie eine Rasseneigenschaft in der einzelnen Persönlichkeit des Franz von Assisi vorhanden war. Mehr äußerlich, möchte man sagen, treten bei ihm diejenigen Eigenschaften auf, die in einer mehr seelischen, herzhaften Art im alten Germanentum da waren; denn nichts anderes wurde da Franz von Assisi als das, was man einen Verschwender nennt. Verschwenderisch verfuhr er mit den reichen Gütern des Vaters, des damaligen reichen Handelsherrn. Wohin er ging, die Güter, die Früchte der Arbeit seines Vaters, verschwendete er reichlich. Er hatte alle Hände voll übrig für alle seine Kameraden und seine Spielgenossen. Kein Wunder, daß er bei den kindlichen Kriegszügen von seinen Kameraden immer zum Anführer gewählt wurde und daß er dann so heranwuchs, daß man in ihm etwas sah wie einen richtigen kriegerischen Knaben. Als solcher war er auch in der ganzen Stadt bekannt. Zwischen den Knaben der Ortschaften Assisi und Perugia gab es allerlei Streitigkeiten. Daran nahm er nun auch Anteil, und es ereignete sich, daß er mit seinen Kameraden gefangen genommen und gefangen gehalten wurde. Er war es nun, der nicht nur die Gefangenschaft ritterlich ertrug, sondern auch alle anderen aufmunterte, auszuhalten in ritterlicher Weise, bis sie nach einem Jahre wieder nach Hause gehen konnten. Und als ein im Dienste der Ritterlichkeit notwendiger Kriegszug gegen Neapel unternommen werden sollte, da ereignete es sich, daß diesem jungen Menschen eine Traumvision erschien. Er sah einen großen Palast. Darinnen waren überall Schilder und Waffen. Er sah etwas von einem Gebäude, in welchem überall Stücke von Waffen aufbewahrt waren. Diesen Traum hatte er, der nur allerlei Tuche im Geschäfte und im Hause seines Vaters gesehen hatte. Er sagte sich daher: Das ist die Aufforderung an dich, ein Kriegsmann zu werden! und er entschloß sich daraufhin, sich dem Kriegszuge gegen Neapel anzuschließen. Schon auf dem Hinwege, und noch mehr als er sich dem Kriegszuge angeschlossen hatte, bekam er spirituelle Eindrücke, spirituelle Impressionen. Er hörte etwas wie eine Stimme, die sprach: Nun gehe nicht weiter, du hast das für dich bedeutsame Traumbild falsch gedeutet. Gehe zurück nach Assisi, und du wirst vernehmen, wie du es richtig zu deuten hast.

[ 34 ] Now we need only highlight a few aspects of this remarkable man’s life, especially his youth. What kind of person do we see in Francis of Assisi when we consider him as a boy? We see—as we need not fail to notice amid the many ethnic mixtures following the migrations from the north—a person who appears to be a descendant of the old Germanic knighthood. Brave, warlike, filled with the ideal of gaining glory and honor through the weapons of war—this was what emerged in him like an heirloom, what was present in the individual personality of Francis of Assisi as a racial trait. More outwardly, one might say, those qualities appear in him that were present in the old Germanic world in a more spiritual, heartfelt manner; for Franz von Assisi became nothing other than what one calls a spendthrift. He squandered the rich estates of his father, the wealthy merchant of that time. Wherever he went, he lavishly squandered the goods, the fruits of his father’s labor. He had more than enough to spare for all his comrades and playmates. No wonder that in the childish skirmishes he was always chosen as leader by his comrades, and that he then grew up in such a way that people saw in him something of a true warrior boy. As such, he was also known throughout the city. There were all sorts of disputes between the boys from the towns of Assisi and Perugia. He took part in these as well, and it happened that he was captured along with his comrades and held prisoner. It was he who not only bore his captivity with chivalry but also encouraged all the others to endure it in a chivalrous manner until they could return home after a year. And when a military campaign against Naples—necessary in the service of chivalry—was to be undertaken, it so happened that this young man had a vision in a dream. He saw a great palace. Inside, there were shields and weapons everywhere. He saw something of a building in which pieces of weapons were stored everywhere. He had this dream, though he had only ever seen all sorts of cloth in his father’s shop and home. He therefore said to himself: This is the call for you to become a soldier! And he consequently decided to join the campaign against Naples. Already on the way there, and even more so after he had joined the military campaign, he received spiritual impressions. He heard something like a voice that said: “Do not go any further; you have misinterpreted the dream image that is significant to you. Return to Assisi, and you will learn how to interpret it correctly.”

[ 35 ] Er folgte diesen Worten, ging zurück nach Assisi, und siehe da, er hatte etwas wie ein inneres Zwiegespräch mit einem Wesen, das spirituell zu ihm sprach und ihm sagte: Nicht im äußeren Dienst hast du zu suchen deine Ritterschaft. Du bist bestimmt, alle Kräfte, welche du anwenden kannst, umzugestalten zu Kräften des Seelischen, umzugestalten als Waffen, die du seelisch gebrauchen sollst. Alle Waffen, die dir erschienen sind im Palaste, bedeuten dir seelisch-geistige Waffen des Erbarmens, des Mitleids und der Liebe. Alle Schilder bedeuten dir die Vernunft, die du anzuwenden hast, um festzustehen gegenüber den Mühsalen eines in Erbarmen, Mitleid und Liebe zugebrachten Lebens. — Nachher folgte eine kurze, wenn auch nicht ungefährliche Krankheit, von der er aber genas. Danach ergab sich für ihn etwas wie eine Rückschau auf das ganze frühere Leben, in der er mehrere Tage lebte. Wie umgeschmiedet war der ganze Rittersmann, der in seinen kühnsten Träumen sich nur danach gesehnt hatte, ein Kriegsheld zu werden, zu einem Manne, der nun alle moralischen Impulse des Erbarmens, des Mitleids und der Liebe bis in das letzte hinein suchte. Alle Kräfte, die er im Dienste des physischen Planes verwenden wollte, waren umgewandelt zu moralischen Impulsen des inneren Lebens.

[ 35 ] He heeded these words, returned to Assisi, and lo and behold, he experienced something like an inner dialogue with a being who spoke to him spiritually and said: It is not in outward service that you must seek your knighthood. You are destined to transform all the powers you can muster into spiritual powers, to transform them into weapons that you are to use spiritually. All the weapons that appeared to you in the palace signify spiritual weapons of mercy, compassion, and love. All the shields signify to you the reason you must apply to stand firm in the face of the hardships of a life lived in mercy, compassion, and love. — This was followed by a brief, though not without danger, illness, from which he recovered. Afterward, he experienced something like a retrospective on his entire past life, in which he lived for several days. How transformed was the entire knight, who in his wildest dreams had longed only to become a war hero, into a man who now sought to the very end all the moral impulses of mercy, compassion, and love. All the powers he had intended to use in the service of the physical plane had been transformed into moral impulses of the inner life.

[ 36 ] Da sehen wir, wie gewissermaßen in einer einzelnen Persönlichkeit ein moralischer Impuls ausgelöst wird. Es ist nicht bedeutungslos, daß wir gerade einen großen moralischen Impuls betrachten, denn wenn auch der einzelne nicht immer zu den höchsten Höhen der moralischen Impulse sich aufschwingen kann, lernen kann man von ihnen doch nur da, wo die Impulse sich radikal aussprechen und wo wir sie wirken sehen in ihrer größten Macht. Gerade wenn wir unsere Aufmerksamkeit richten auf das Radikale, und das Kleine in dem Lichte betrachten, das uns aus dem Radikalen, dem Großen erscheint, kommen wir zu einer richtigen Anschauung über die moralischen Impulse des Lebens.

[ 36 ] Here we see how, in a sense, a moral impulse is triggered within a single individual. It is not insignificant that we are considering a great moral impulse, for even if the individual cannot always rise to the highest heights of moral impulses, one can only learn from them where the impulses express themselves radically and where we see them at work in their greatest power. It is precisely when we focus our attention on the radical, and view the small in the light that shines upon us from the radical, the great, that we arrive at a true understanding of the moral impulses of life.

[ 37 ] Aber, was ist nun mit Franz von Assisi geschehen? Es ist unnötig, die Kämpfe auseinanderzusetzen, die er mit seinem Vater gehabt hat, als er zu einer ganz anderen Art, zu einer ganz anderen Methode der Verschwendung überging. Die Verschwendung, bei der auch das Haus des Vaters zur Geltung kam, weil es durch diese Verschwendung des Sohnes zur Berühmtheit und zum Ansehen gekommen war, die verstand der Vater noch; nicht aber verstand er, daß der Sohn nach seiner Umwandlung seine besten Kleider von sich warf bis auf das Notwendigste und sie dem gab, der sie brauchte. Er konnte es nicht begreifen, als seinen Sohn die Anwandlung überkam, in der er sich sagte: Merkwürdig, wie wenig geachtet diejenigen sind, durch welche die christlichen Impulse im Abendlande so Großes erhalten haben. Danach pilgerte Franz von Assisi nach Rom und eine große Summe Geldes legte er nieder an den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus. Diese Dinge verstand der Vater nicht. Ich brauche nicht zu schildern die Kämpfe, die es da gab, ich brauche nur anzudeuten, daß sich für Franz von Assisi darin zusammengedrängt haben die ganzen moralischen Impulse. Die so zusammengedrängten Impulse hatten dann in Seelisches umgewandelt die Tapferkeit. Sie hatten sich so entwickelt, daß sie eine besondere Verstärkung erfuhren in den Meditationen und ihm erschienen als das Kreuz mit dem Crucifixus daran. In diesen Zuständen fühlte er eine innere, persönliche Beziehung zu dem Kreuze und zu dem Christus, und davon kamen ihm dann die Kräfte, durch die er so ins Unermeßliche steigern konnte die moralischen Impulse, die ihn jetzt durchströmten.

[ 37 ] But what, then, became of Francis of Assisi? There is no need to go into detail about the conflicts he had with his father when he turned to a completely different kind—a completely different method—of extravagance. The extravagance in which his father’s house also played a part—since it had gained fame and prestige through his son’s extravagance—his father could still understand; but he could not understand that, after his transformation, his son cast aside his finest clothes, keeping only the bare necessities, and gave them to those who needed them. He could not comprehend it when his son was overcome by the impulse in which he said to himself: “How strange that those through whom Christian impulses have achieved such greatness in the West are so little respected.” After that, Francis of Assisi made a pilgrimage to Rome and laid down a large sum of money at the tombs of the Apostles Peter and Paul. The father did not understand these things. I need not describe the struggles that took place there; I need only suggest that all the moral impulses were concentrated within Francis of Assisi. These concentrated impulses had then transformed courage into a spiritual quality. They had developed in such a way that they received a special strengthening in his meditations and appeared to him as the cross with the Crucified One upon it. In these states, he felt an inner, personal connection to the cross and to Christ, and from this came the strength through which he was able to elevate to such immeasurable heights the moral impulses that now flowed through him.

[ 38 ] Eine merkwürdige Verwertung fand er für das, was jetzt in ihm sich entwickelte. In der damaligen Zeit waren nämlich die Schrecken des Aussatzes tatsächlich über viele europäische Länder hereingebrochen. Das äußere Kirchenbekenntnis fand für diese Aussätzigen, die damals so zahlreich waren, eine merkwürdige Art von Heilungsprozeß. Es ließ nämlich der Priester diese Aussätzigen zu sich kommen und sagte dann zu ihnen: Du bist nun einmal mit dieser Krankheit geschlagen in diesem Leben; aber gerade dadurch, daß du jetzt für das Leben verloren bist, bist du für Gott gewonnen, du bist gottgeweiht. Dann aber wurde er hinausgeschickt in von Menschen entfernte Stätten, wo er in der angedeuteten Weise einsam und verlassen sein Leben beschließen mußte.

[ 38 ] He found a curious application for what was now developing within him. At that time, the horrors of leprosy had indeed swept across many European countries. The outward confession of the Church found a curious kind of healing process for these lepers, who were so numerous at the time. The priest would have these lepers come to him and then say to them: “You have been struck by this disease in this life; but precisely because you are now lost to life, you have been won for God—you are consecrated to God.” But then he was sent out to places far from people, where he had to end his life in solitude and abandonment in the manner described.

[ 39 ] Ich will keinen Tadel aussprechen über diese Kur. Man wußte keine andere, keine bessere. Aber Franz von Assisi wußte eine bessere. Und aus diesem Grunde wird es erwähnt, weil es uns aus den unmittelbaren Erfahrungen heraus leiten wird zu den moralischen Quellen. Sie werden schon sehen in den nächsten Tagen, warum wir diese Dinge durchnehmen. Nun, sie führten Franz von Assisi gerade dazu, alle die Aussätzigen überall aufzusuchen, nichts zu scheuen im Umgang mit diesen Leuten. Und tatsächlich, was nichts von all den Mitteln der damaligen Zeit heilen konnte, was notwendig machte, daß man die Leute aus der menschlichen Gesellschaft ausstieß, das heilte in zahlreichen Fällen Franz von Assisi, weil er sich an diese Leute heranmachte, allerdings mit den Kräften, die er hatte in seinen moralischen Impulsen, die ihn vor nichts zurückschrecken ließen, ihm vielmehr den Mut gaben, nicht nur sorgfältig zu reinigen die einzelnen wunden Stellen, die an solchen Menschen vorhanden waren, sondern mit den letzteren zu leben, sie intensiv zu pflegen, ja sie zu küssen und sie zu durchströmen mit seiner Liebe. — Es ist nicht bloß eine Dichtung, wie die Heilung des armen Heinrich durch die Tochter des treuen Dieners: es ist damit ausgedrückt, was in der damaligen Zeit in zahlreichen Fällen geschehen ist durch die historisch wohlbekannte Persönlichkeit des Franz von Assisi. Und legen Sie sich zurecht dasjenige, was da geschehen ist. Geschehen ist, daß in einem Menschen wie Franz von Assisi vorhanden war ein ungeheurer Fonds psychischen Lebens als etwas, was wir gefunden haben in der alten europäischen Bevölkerung als Starkmut und Tapferkeit, die sich umgewandelt haben in GeistigSeelisches und die hinterher geistig-seelisch gewirkt haben. Wie in den alten Zeiten das, was da gewirkt hatte als Großmut und Tapferkeit, zur persönlichen Verschwendung geführt hatte und sich noch bei Franz von Assisi in seiner jugendlichen Verschwendungssucht zeigte, so führte es ihn jetzt dazu, daß er ein Verschwender an moralischen Kräften wurde. Er strotzte von moralischer Kraft, und es ging in der Tat über dasjenige, was er in sich hatte, auf diejenigen, denen er seine Liebe zuwandte.

[ 39 ] I do not wish to criticize this treatment. No other, no better method was known. But Francis of Assisi knew of a better one. And that is why it is mentioned here, because it will lead us, through direct experience, to the moral sources. You will see in the coming days why we are going through these things. Well, they led Francis of Assisi precisely to seek out all the lepers everywhere, to shy away from nothing in his dealings with these people. And indeed, what none of the remedies of that time could heal—what made it necessary to cast these people out of human society—Francis of Assisi healed in numerous cases, because he approached these people, though with the strength he drew from his moral impulses, which made him shrink from nothing, but rather gave him the courage not only to carefully cleanse the individual sores present on such people, but to live with them, to care for them intensely, indeed to kiss them and to fill them with his love. — It is not merely a work of fiction, like the healing of Poor Henry by the daughter of the faithful servant: it expresses what actually happened in numerous cases at that time through the historically well-known figure of Francis of Assisi. And do take to heart what happened there. What happened was that in a person like Francis of Assisi there was an immense reservoir of psychic life—something we have found in the ancient European population as fortitude and bravery—which was transformed into spiritual-soul qualities and subsequently exerted a spiritual-soul influence. Just as in ancient times what had worked as magnanimity and bravery had led to personal extravagance and was still evident in Francis of Assisi’s youthful profligacy, so it now led him to become a squanderer of moral forces. He was brimming with moral strength, and it indeed flowed from what he possessed within himself to those to whom he directed his love.

[ 40 ] Fühlen Sie ganz, daß darin eine Realität ist, eine ebensolche Realität, wie sie in der Luft ist, die wir einatmen und ohne die wir nicht leben können. Eine ebensolche Realität ist es, was durch alle Glieder des Franz von Assisi und von da in alle Herzen strömte, denen er sich widmete, denn Franz von Assisi verschwendete eine Fülle von Kräften, die von ihm ausströmten. Und es ist dieses etwas, was in das ganze, reife Leben von Europa ein- und zusammengeströmt ist, was sich in Seelisches verwandelt hat und so gleichsam gewirkt hat in der Wirklichkeit draußen.

[ 40 ] Feel deeply that there is a reality in this, a reality just as real as the air we breathe and without which we cannot live. It is a reality just like that which flowed through every limb of Francis of Assisi and from there into all the hearts to which he devoted himself, for Francis of Assisi lavished a wealth of energies that radiated from him. And it is this very thing that has flowed into and through the entire, mature life of Europe, that has been transformed into the spiritual and has thus, as it were, taken effect in the reality outside.

[ 41 ] Versuchen Sie über diese Tatsachen, die vielleicht zunächst scheinbar nichts mit den aktuellen moralischen Fragen zu tun haben, nachzudenken. Versuchen Sie zu erfassen, was in dem liegt, was indische Andacht und nordischer Starkmut ist. Versuchen Sie die Heilwirkung solcher moralischen Kräfte, die von Franz von Assisi angewendet wurden, einmal zu überdenken. Dann werden wir morgen sprechen können über das, was reale moralische Impulse sind, und wir werden sehen, daß es nicht nur Worte, sondern Realitäten sind, die in der Seele schaffen und Moral begründen.

[ 41 ] Try to reflect on these facts, which at first glance may seem to have nothing to do with current moral issues. Try to grasp the essence of Indian devotion and Nordic fortitude. Try to reflect on the healing power of such moral forces as those employed by Francis of Assisi. Then tomorrow we will be able to speak about what real moral impulses are, and we will see that it is not merely words but realities that create in the soul and establish morality.