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Christ and the Human Soul
On the Meaning of Life
Theosophical Morality
Anthroposophy and Christianity
GA 155

15 July 1914, Norrköping

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Christus und die menschliche Seele III

Lecture Three

[ 1 ] Einer derjenigen Begriffe, die uns aufstoßen müssen, wenn die Rede ist von den Beziehungen des Christus zur menschlichen Seele, ist zweifellos der Begriff von Schuld und Sünde. Wir wissen ja, welch einschneidende Bedeutung die Begriffe von Schuld und Sünde haben etwa im Christentum des Paulus. Wir müssen allerdings sagen, unser gegenwärtiges Zeitalter ist wenig geneigt, ein wirklich tiefes inneres Verständnis zu haben für den weiteren Zusammenhang auch, der uns bei Paulus entgegentritt zwischen den Begriffen Schuld und Sünde und Tod und Unsterblichkeit. Aber das liegt im Materialismus unserer Zeit begründet. Wir brauchen uns nur an die Worte zu erinnern, die ich in der ersten Betrachtung, die ich hier anstellte, gesagt habe: daß ja eine Unsterblichkeit der Menschenseele ohne die Fortsetzung des Bewußtseins hinaus in die Zustände nach dem Tode keine wahre Unsterblichkeit bedeuten würde. Eine Beendigung des Bewußtseins mit dem Tode würde gleichbedeutend sein mit der Tatsache, die man dann annehmen müßte: daß eben der Mensch eigentlich nicht unsterblich sei. Denn des Menschen Wesenheit unbewußt fortbestehend nach dem Tode würde bedeuten, daß das Allerwichtigste, das, was den Menschen zum Menschen macht, nach dem Tode nicht bestehen würde. Und eine unbewußte Menschenseele, die den Tod überdauern würde, würde ja sozusagen nicht viel mehr bedeuten als die Summe von Atomen, welche auch der Materialismus annimmt, die bleiben sollen, auch wenn der menschliche Leib zerstört wird.

[ 1 ] One of the concepts which must occur to us when we speak of the relation of Christ to the human soul is undoubtedly that of sin and guilt. We know what an incisive significance it had in the Christianity of St. Paul. Our present age, however, is not well adapted for gaining a really deep inner understanding of the wider connections between the concepts “death and sin” and “death and immortality” which are to be found in Paul's writings. That cannot be expected in our materialistic times. Let us recall what I said in the first lecture of this course, that there can be no true immortality of the human soul without a continuation of consciousness after death. An ending of consciousness with death would be equivalent to the fact, which would then have to be accepted, that man is not immortal. An unconscious continuance of man's being after death would mean that the most important part of him, that which makes him a man, would not exist after death. An unconscious human soul surviving after death would not mean much more than the sum of atoms which, as materialism recognizes, remain even when the human body is destroyed.

[ 2 ] Für Paulus stand eben noch felsenfest, daß man von Unsterblichkeit nur reden könne bei Aufrechterhaltung des individuellen Bewußtseins. Und da er das individuelle Bewußtsein von Sünde und Schuld abhängig denken mußte, so konnte Paulus selbstverständlich denken: Wenn des Menschen Bewußtsein umnebelt wird nach dem Tode von Sünde und Schuld oder von den Folgen von Sünde und Schuld, wenn also das Bewußtsein nach dem Tode gestört wird von Sünde und Schuld, so bedeutet das, daß Sünde und Schuld den Menschen wirklich töten, den Menschen als Seele töten, als Geist töten. Weit entfernt davon ist natürlich das materialistische Bewußtsein unserer Zeit, auch dasjenige vieler philosophischen Forscher der Gegenwart, die zufrieden sind, von einem Fortleben der Menschenseele zu sprechen oder sprechen zu können, während menschliche Unsterblichkeit nur identifiziert werden darf mit bewußtem Fortbestehen der Menschenseele nach dem Tode.

[ 2 ] For Paul, it was an unshakable conviction that it is possible to speak of immortality only if individual consciousness is maintained. And since he had to regard the individual consciousness as subject to sin and guilt, he would naturally think: If a man's consciousness is obscured or disturbed after death by sin and guilt, or by their results, this signifies that sin and guilt really kill man—they kill him as soul, as spirit. The materialistic consciousness of our time of course is remote from that. Many modern philosophical thinkers are content to speak of a continuance of the life of the human soul, whereas the immortality of man can be identified only with a continuing conscious existence of the human soul after death.

[ 3 ] Nun entsteht ja gewiß, insbesondere für die anthroposophische Weltanschauung, leicht eine Schwierigkeit. Um auf diese Schwierigkeit zu kommen, braucht man nur aufmerksam zu machen auf das gegenseitige Verhältnis der Begriffe «Schuld und Sünde» und «Karma». Das wird ja von manchen Anthroposophen so erledigt, daß sie einfach sagen: Wir glauben an Karma, das heißt: eine Schuld, die ein Mensch in irgendeiner Verkörperung begeht, die trägt er mit, mit seinem Karma, und trägt sie später ab; es wird also im Verlauf der Inkarnationen ein Ausgleich geschaffen. — Und nun beginnt hier die Schwierigkeit. Die Anthroposophen sagen dann leicht: Wie kann das vereinbar sein mit dem als christlich angenommenen Begriff zum Beispiel von der Sündenvergebung durch Christus? Und dennoch wiederum, mit wahrem Christentum ist der Begriff der Sündenvergebung durchaus verbunden. Man braucht zum Beispiel nur an das eine zu denken: Christus am Kreuz, zwischen den beiden Verbrechern. Der Verbrecher links spottet über Christus: «Wenn Du Gott sein willst, hilf Dir und uns!» (Lukas 23, 39) Der Verbrecher rechts sagt darauf: der andere solle nicht so sprechen, denn sie beide hätten eben ein Schicksal mit dem Kreuzestod verdient, das ihren Taten angemessen sei, der aber sei unschuldig und müsse das gleiche Schicksal erleben. Und es fügt hinzu der Verbrecher rechts: «Wenn Du in deinem Reiche bist, dann gedenke meiner.» Und es antwortet ihm Christus: « Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.» (Lukas 23, 42 u. 43) Dieses Wort läßt sich gewiß aus den Evangelien nicht einfach wegleugnen, auch nicht wegdisputieren, sondern es ist ein wichtiges, ein bedeutungsvolles Wort. Der Anthroposoph hat nun die Schwierigkeit, die ihm aus der Frage entsteht: Wenn der Verbrecher rechts dasjenige, was er angestellt hat, mit seinem Karma abzuwaschen hat, was soll es dann heißen, daß Christus, gleichsam ihm verzeihend, ihm vergebend sagt: «Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein» ? Der Anthroposoph kann sagen: Der Verbrecher rechts wird mit seinem Karma seine Schuld abzuwaschen haben wie der Verbrecher links.

[ 3 ] Here, certainly, a difficulty may easily arise, especially for the anthroposophical world-view. To approach this difficulty we need only look at the opposition between the concept of guilt and sin and the concept of Karma. Many anthroposophists get over this simply by saying: “We believe in Karma, meaning a debt which a man contracts in any one of his incarnations; he bears this debt with him, as part of his Karma, and discharges it later; so, in the course of incarnations, a compensation is brought about.” Here the difficulty begins. These people then easily say: “How can this be reconciled with the Christian acceptance of the forgiveness of sins through Christ?” and yet the idea of the forgiveness of sins is intimately bound up with true Christianity. We need think of one example: Christ on the Cross between the two malefactors. The malefactor on the left hand mocks at Christ: “If thou wilt be God, help thyself and us!” The malefactor on the right says that the other ought not to speak thus, for both had merited their fate of crucifixion, the just award of their deeds; whereas He was innocent and yet had to experience the same fate. And the malefactor on the right went on to say: “Think of me when thou art in thy kingdom.” And Christ answered him: “Verily I say unto thee, today thou shalt be with me in Paradise.” It is not permissible merely to gainsay these words or to omit them from the Gospel, for they are very significant. The difficulty for anthroposophists arises from the question: If this malefactor on the right has to wash away the Karma he has incurred, what does it mean when Christ, as though pardoning and forgiving him, says: “Today thou shalt be with me in Paradise”? An objector may say that the malefactor on the right will have to wash away his Karmic debt, even as the one on the left.

[ 4 ] Warum wird da durch Christus ein Unterschied gemacht zwischen dem Verbrecher rechts und dem Verbrecher links? Es ist ganz zweifellos, daß hier für die anthroposophische Karma-Auffassung eine Schwierigkeit vorliegt. Diese Schwierigkeit ist auch nicht leicht zu lösen; sie löst sich aber, wenn man gerade mit geisteswissenschaftlicher Forschung tiefer in das Christentum hineinschürft, wenn man tiefer hineinzukommen versucht in das Christentum. Und ich will jetzt von einer ganz anderen Seite her die Sache angreifen, von einer Seite, deren Wesen Ihnen zwar schon bekannt ist, die uns aber doch nahebringen kann eigentümliche Verhältnisse, die da vorliegen.

[ 4 ] Why is a difference made by Christ between the malefactor on the right and the one on the left? There is no doubt at all that here the anthroposophical conception of Karma meets a difficulty that is not easy to solve. It can be solved, however, when we try to probe more deeply into Christianity by means of spiritual science. And now I shall approach the subject from quite another side, a side already known to you, but it can bring certain remarkable circumstances to light.

[ 5 ] Erinnern Sie sich nur einmal, meine lieben Freunde, wie wir oftmals sprechen von Luzifer und Ahriman, und erinnern Sie sich dabei, wie in meinen Mysteriendramen Luzifer und Ahriman dargestellt sind. In dem Augenblick, wo man beginnt, ich möchte sagen, menschlich-anthropomorphistisch die Sache anzusehen und einfach aus Luzifer so eine Art inneren und aus Ahriman eine Art äußeren Verbrecher macht, in diesem Augenblick wird man schwer zurechtkommen; denn vergessen wir nur nicht, daß gesagt werden muß, daß Luzifer neben dem Bringer des Übels und so weiter in die Welt, des inneren Übels, das durch die Leidenschaften entsteht, auch der Bringer der Freiheit ist, daß Luzifer eine wichtige Rolle spielt im Weltenganzen. Ebenso muß von Ahriman gesagt werden, daß er eine wichtige Rolle spielt im Weltenganzen. Wir haben es ja, als begonnen wurde zuerst mehr über Luzifer und Ahriman zu sprechen, erlebt, daß Anthroposophen in einer gewissen Weise unruhig geworden sind. Sie haben auf der einen Seite, ich möchte sagen, noch solch ein Nachgefühl von dem, was man immer aus Luzifer gemacht hat: daß das eigentlich ein schrecklicher Verbrecher in der Welt ist, vor dem man sich nur hüten müsse. In dieses Gefühl gegenüber Luzifer kann natürlich der Anthroposoph nicht so ohne weiteres einstimmen, weil er Luzifer eine wichtige Rolle zuerteilen muß im Weltenganzen. Und dennoch wiederum, man muß Luzifer hinstellen als einen Gegner der fortschreitenden Götter, als einen Geist also, der den Schöpfungsplan in einer gewissen Weise durchkreuzt, als einen Feind derjenigen Götter, die wir eigentlich verehren müssen. Wir schreiben also im Grunde genommen, wenn wir so über Luzifer sprechen, einem Götterfeind eine wichtige Rolle zu im Weltenganzen. Und in ähnlicher Weise müssen wir es ja auch bei Ahriman machen.

[ 5 ] You know how often we speak of Lucifer and Ahriman, and how Lucifer and Ahriman are represented in my Mystery Plays. If one begins to consider the matter in a human-anthropomorphic sense and simply makes of Lucifer a kind of inner and Ahriman a kind of outer criminal, there will be difficulty in getting on; for we must not forget that Lucifer, besides being the bringer of evil into the world, the inner evil that arises through the passions, is also the bringer of freedom. Lucifer plays an important role in the universe, and so does Ahriman. When we began to speak more of Lucifer and Ahriman, our experience was that many of those associated with us became uneasy; they still had a feeling of what people have always thought of Lucifer—that he is a fearful criminal to the world, against whom one must defend oneself. Naturally, an anthroposophist cannot go all the way with this feeling, for he has to assign to Lucifer an important role in the universe; and yet again, Lucifer must be regarded as an opponent of the progressive gods, as an enemy who crosses the creative plan of those gods to whom reverence is rightly due. Thus, when we speak of Lucifer in this way, we are ascribing an important role in the universe to an enemy of the gods. And we must do the same for Ahriman.

[ 6 ] Es ist begreiflich auf der einen Seite, daß nun das menschliche Gemüt kommt und sagt: Ja, was soll ich nun eigentlich mit diesem Luzifer und mit Ahriman anfangen; soll ich sie nun hassen oder lieben ? Ich weiß nicht recht, was ich mit ihnen anfangen soll! — Woher kommt das alles? Nun, wenn man von Luzifer und Ahriman spricht, dann muß doch deutlich werden aus der Art, wie man über sie spricht, daß man von ihnen spricht als von Wesen, die eigentlich in ihrer ganzen Eigentümlichkeit nicht dem physischen Plan angehören, die gewissermaßen ihre Mission und Aufgabe in der Welt haben außerhalb des physischen Planes, in den geistigen Welten. Insbesondere das letztemal bei den Münchener Vorträgen habe ich stark hervorgehoben, daß das Wesen dieser Sache darinnen liegt, daß Luzifer und Ahriman ihre ihnen von den fortschreitenden Göttern zuerteilte Rolle in den geistigen Welten haben, und daß eine Diskrepanz, eine Disharmonie nur auftritt, wenn sie ihre Rolle hineintragen in den physischen Plan und sich Rechte anmaßen, die ihnen eigentlich nicht zugeteilt sind. Aber wir müssen uns zu einem bequemen, meine lieben Freunde, zu dem die menschliche Seele sich nicht gerne bequemt, wenn man über diese Dinge redet, nämlich dazu, daß unser Urteil, unser menschliches Urteil, wie wir es fällen, eigentlich wirklich nur für den physischen Plan gilt, und daß dieses Urteil, wie es für den physischen Plan richtig ist, nicht einfach übertragen werden kann auf die höheren Welten. Deshalb müssen wir uns ja langsam und allmählich in die Anthroposophie hineinfinden, um unser Urteil zu erweitern, um unsere ganze Begriffsund Ideenwelt zu erweitern. Deshalb können die materialistisch denkenden Menschen der Gegenwart, trotzdem alles an der Anthroposophie zu begreifen ist, sie so schwer begreifen, weil sie ihr Urteil nicht erweitern wollen, sondern stehenbleiben wollen bei dem Urteil, das für den physischen Plan gilt.

[ 6 ] From this point of view it is easy to understand the human feeling that leads a person to ask: “What is the right attitude to adopt towards Lucifer and Ahriman; am I to love them or to hate them? I really don't know what to do about them.” How does all this come about? It should be quite clear from the way in which one speaks of Lucifer and Ahriman that they are Beings who by their whole nature do not belong to the physical plane but have their mission and task in the Cosmos outside the physical plane, in the spiritual worlds. In the lectures given in Munich in the summer of 1913 [Eight lectures with the title The Secrets of the Threshold], I laid particular emphasis on the fact that the progressive gods have assigned to Lucifer and Ahriman roles in the spiritual world; and that discrepancy and disharmony appear only when they bring down their activities into the physical plane and arrogate to themselves rights which are not allotted to them. But we must submit to one fact which the human soul does not readily accept when these matters are under consideration, and it is this: Our human judgment holds good only for the physical plane, and—right as it may be for the physical plane—it cannot be simply transferred to the higher worlds. We must therefore gradually accustom ourselves in Anthroposophy to widen our judgments and our world of concepts and ideas. It is because materialistically minded men of the present day do not want to widen their judgment, but instead prefer to keep to judgments which hold good for the physical plane, that they have such difficulty in understanding Anthroposophy, although it is all perfectly intelligible.

[ 7 ] Wenn wir sagen: Eine Macht tritt der anderen feindlich gegenüber, so ist es ganz richtig, wenn man auf dem physischen Plan stehen bleiben will, zu sagen: Feindschaft ist etwas Ungehöriges, etwas, was nicht sein soll. Aber dasselbe gilt nicht für die höheren Plane. Da muß das Urteil sich erweitern. Damit die Welt in ihrer Gänze möglich ist, ist — ebenso wie zum Beispiel auf dem Gebiet der Elektrizität positive und negative Elektrizität notwendig ist — auch geistige Gegnerschaft notwendig. Notwendig ist es, daß sich die Geister gegenüberstehen. Hier wird wahr das Wort des Heraklit, daß nicht nur die Liebe, sondern auch der Streit das Weltall konstituiert. Nur wenn auf die Menschenseele Luzifer wirkt und durch die Menschenseele in die physische Welt der Streit hineingetragen wird, dann ist dieser Streit unrecht. Aber es gilt nicht mehr dasselbe für die höheren Welten; da ist auch Gegnerschaft der Geister etwas, was zum ganzen Gefüge, zur ganzen Evolution der Welt dazugehört. Das heißt, wir müssen, sobald wir in die höhere Welt hinaufkommen, andere Maßstäbe anlegen, andere Färbungen des Urteils uns zu eigen machen. Daher ist es so schockierend, wie oftmals über Luzifer und Ahriman gesprochen werden muß, auf der einen Seite sie als Göttergegner hinstellend und auf der anderen Seite sie hinstellend wiederum so, daß sie im ganzen Gang der Weltenordnung notwendig sind.

[ 7 ] If we say, “one power is hostile to another”, then on the physical plane it is quite right to say, “enmity is improper, it ought not to exist”. But the same thing does not hold good for the higher planes. There, judgment must be widened. Just as in the realm of electricity positive and negative electricity are necessary, so is spiritual hostility necessary in order that the universe may exist in its entirety; it is necessary that the spirits should oppose one another. Here is the truth in the saying of Heracleitos, that strife as well as love constitutes the universe. It is only when Lucifer works upon the human soul, and when through the human soul strife is brought into the physical world, that strife is wrong. But this does not hold good for the higher worlds; there, the hostility of the spirits is an element that belongs to the whole structure, the whole evolution, of the universe. This implies that as soon as we come into the higher worlds we must adopt other standards, other colorings for our judgments. That is why there is often a feeling of shock when we speak of Lucifer and Ahriman on the one hand as the opponents of the gods, and on the other hand as being necessary for the whole course of the cosmic order.

[ 8 ] Also es muß vor allen Dingen das ins Auge gefaßt werden, daß der Mensch mit der Weltenordnung in Kollision kommt, wenn er das Urteil, das für den physischen Plan gilt, für die höheren Welten gültig sein läßt.

[ 8 ] Hence we must, above all things, hold firmly in our minds that a man comes into collision with the cosmic order if he allows a judgment which holds good for the physical plane to hold good for the higher worlds also.

[ 9 ] Nun, das ist aber gerade der Grundnerv, der immer betont worden ist: daß der Christus als Christus nicht zu den anderen Wesen des physischen Planes gehört, daß von dem Augenblick an, als die Johannestaufe im Jordan eintritt, ein Wesen, das vorher nicht auf der Erde war, ein Wesen, das nicht zu den irdischen Wesen gehört, in die Leiblichkeit des Jesus von Nazareth eingezogen ist. Wir haben es also zu tun in dem Christus mit einem Wesen, das mit Recht zu den Jüngern sagen konnte: «Ich bin von oben, ihr aber seid von unten» (Johannes 8, 23), das heißt: Ich bin aus dem himmlischen Reich, ihr aus dem irdischen Reich. Und nun nehmen wir dasjenige, was daraus folgt. Was daraus folgt, ist dieses: Was irdisches Urteil ist, was ganz berechtigt ist als irdisches Urteil, was jeder auf der Erde fällen muß als Urteil, sofern er ein Erdenwesen ist, muß das auch das Urteil jenes kosmischen Wesens sein, das in den Jesusleib als Christus eingezogen ist? Jenes Wesen, das bei der Taufe im Jordan in den Jesusleib eingezogen ist, das hat nicht ein irdisches, das hat ein himmlisches Urteil, das muß anders urteilen, als Menschen urteilen müssen.

[ 9 ] Now the root of the whole matter, which must again and again be emphasized, is that the Christ, as Christ, does not belong with the other beings of the physical plane. From the moment of the Baptism in the Jordan, a Being who had not previously existed on Earth, a Being who does not belong to the order of Earth-beings, entered into the corporeality of Jesus of Nazareth. Thus in Christ we are concerned with a Being who could truly say to the disciples: “I am from above, but ye are from below”, which means: “I am a Being of the kingdom of Heaven, ye are of the kingdom of Earth.” And now let us consider the consequences of this. Must an earthly judgment that is entirely justifiable as such, and that everyone on Earth must maintain, be also the judgment of that Cosmic Being who, as Christ, entered the Jesus body? That Being who passed into the body of Jesus at the Baptism in the Jordan applies not an earthly but a heavenly judgment. He must judge differently from men.

[ 10 ] Und nun nehmen wir das ganze Schwergewicht des Wortes, das da auf Golgatha gesprochen wird. Der Verbrecher links glaubt nicht daran, daß mit dem Christus nicht nur eine irdische Wesenheit da ist, sondern eine Wesenheit eines besonderen Reiches, das nicht das irdische Reich ist. Dem Verbrecher rechts aber kommt unmittelbar vor dem Tode das Bewußtsein: Dein Reich, o Christus, ist ein anderes; gedenke meiner, wenn Du in Deinem Reiche bist. In diesem Augenblick zeigt der Verbrecher rechts, daß er eine Ahnung davon hat, daß der Christus zu einem anderen Reiche gehört, wo ganz andere Urteilskraft herrscht als auf der Erde. Da kann der Christus antworten, aus dem Bewußtsein heraus, daß er in seinem Reich steht: Wahrlich, dadurch daß du etwas ahnst von meinem Reiche, wirst du am heutigen Tage — nämlich mit dem Tode — mit mir in meinem Reiche sein. Da haben wir den Hinweis auf die überirdische ChristusKraft, die hinaufzieht die menschliche Individualität in ein geistiges Reich. Irdisches Urteil, menschliches Urteil muß selbstverständlich sagen: In bezug auf das Karma wird der Verbrecher rechts seine Schuld abzutragen haben wie der Verbrecher links. — Aber für das himmlische Urteil gilt ein anderes. Das ist aber erst der Anfang der Sache, denn selbstverständlich können Sie nun sagen: Ja, dann steht einfach das himmlische Urteil mit dem irdischen Urteil in Widerspruch. Wie kann der Christus verzeihen, wo das irdische Urteil eine karmische Gerechtigkeit fordert?

[ 10 ] And now let us consider the whole import of the words spoken on Golgotha. The malefactor on the left believes that in the Christ merely an earthly being is present, not a Being whose realm is beyond the earthly kingdom. But just before death there comes to the consciousness of the malefactor on the right: “Thy kingdom, O Christ, is another; think of me when thou art in Thy kingdom.” At this moment the malefactor on the right shows that he has a dim idea of the fact that Christ belongs to another kingdom, where a power of judgment quite different from that obtaining on the Earth holds sway. Then, out of the consciousness that He stands in His kingdom, Christ can answer: “Verily, because thou hast some dim foreboding of my kingdom, this day (that is, with death) thou shalt be with me in my kingdom.” This indicates the super-earthly Christ power that draws up the human individuality into a spiritual kingdom. Earthly judgment, human judgment, must of course say: “As regards the Karma, the right-hand malefactor will have to make compensation for his guilt, even as the one on the left.” For heavenly judgment, however, something else holds good. But that is only the beginning of the matter, for of course it might now be said: “Yes, then the judgment of Heaven contradicts that of the Earth. How can Christ forgive where earthly judgment demands karmic justice?”

[ 11 ] Ja, meine lieben Freunde, dies ist eine schwierige Frage; wir wollen sie aber doch in der Betrachtung des heutigen Abends einmal uns näherbringen. Aber ich mache ausdrücklich darauf aufmerksam, daß wir damit eine der allerschwierigsten Fragen der okkulten Wissenschaft streifen. Wir müssen nämlich eine Unterscheidung machen, welche die menschliche Seele nicht gerne machen wird, weil sie nicht gern bis in die letzten Konsequenzen einer Betrachtung mitgeht aus dem Grunde, weil einige Schwierigkeiten vorliegen. Also ich mache darauf aufmerksam, daß wir eine schwierige Betrachtung haben werden, und daß Sie vielleicht notwendig haben werden, dasjenige, was gesagt wird, oftmals in der Seele herumzudrehen, um auf die Sache eigentlich zu kommen.

[ 11 ] This is indeed a difficult question, but we will try to approach it more closely in the course of this lecture. I lay special emphasis on the fact that we are touching here on one of the most difficult questions of occult science. We must make a distinction which the human soul does not willingly make, because it does not like following out the matter to its ultimate consequences, and there are indeed some difficulties in so doing. We shall find it, as I have said, a difficult subject, and you will perhaps have to turn the question over in your minds many times in order to get at its real essence.

[ 12 ] Wir müssen zunächst eine Unterscheidung machen. Wir müssen das eine betrachten, was sich in einer objektiven Gerechtigkeit im Karma vollzieht. Da müssen wir uns ganz klar darüber sein, daß der Mensch allerdings seinem Karma unterworfen ist, daß er dasjenige, was er als Unrecht getan hat, karmisch auszugleichen hat. Und bei tieferem Nachdenken wird der Mensch eigentlich nicht anders wollen, als daß es so sei. Denn nehmen Sie an, irgend jemand habe ein Unrecht getan. In dem Augenblick, wo er dieses Unrecht tun konnte, ist er unvollkommener, als wenn er es nicht getan hätte, und er kann den Grad von Vollkommenheit, den er hatte, bevor er das Unrecht tat, erst wiedererringen, wenn er das Unrecht ausgleicht. Er muß also wünschen, das Unrecht auszugleichen, denn nur indem man es ausgleicht, indem man den Ausgleich erarbeitet, schafft man sich den Grad von Vollkommenheit, den man vorher hatte, bevor man die Tat vollbracht hat. So können wir um unserer eigenen Vervollkommnung willen gar nichts anderes wünschen, als daß das Karma als objektive Gerechtigkeit bestehe. Es kann also im Grunde genommen vor der Auffassung der menschlichen Freiheit gar nicht der Wunsch entstehen, es solle uns irgendwelche Sünde vergeben werden etwa in dem Sinne, daß wir zum Beispiel heute einem Menschen die Augen ausstechen und uns dann diese Sünde vergeben wird, wir dann diese Sünde in unserem Karma nicht mehr abzutragen brauchen. Ein Mensch, der einem anderen die Augen aussticht, ist unvollkommener als ein Mensch, der es nicht getan hat, und im weiteren Karma muß das eintreten, daß er eine entsprechende Guttat dafür tut; dann erst ist er wiederum in sich der Mensch, der er war, bevor er die Tat vollbracht hat. Also es kann im Grunde genommen gar nicht der Gedanke aufkommen, wenn man wirklich über das Wesen des Menschen nachdenkt, daß, wenn man einem Menschen die Augen aussticht, einem das vergeben wird und daß dann das Karma etwa ausgeglichen wäre. So hat es mit dem Karma durchaus seine Richtigkeit, daß uns gewissermaßen kein Heller nachgelassen wird, daß wir alles bezahlen müssen.

[ 12 ] To start with, we must make a distinction. We must first consider how, through Karma, objective justice is fulfilled. Here we must clearly understand that a man is certainly subject to his Karma; he has to make karmic compensation for unjust deeds, and if we think more deeply about it, we can see that he will not really wish it otherwise. For suppose a man has done another person wrong; in the moment of doing so he is further from fulfillment than he was before, and he can recover the lost ground only by making compensation for his unjust act. He must wish to make compensation, for only by so doing can he bring himself back to the stage he had reached before committing the act. Thus for the sake of our own progress we are bound to wish that Karma should be there as objective justice. When we grasp the true meaning of human freedom, we can have no wish that a sin should be so forgiven us that we would no longer need to pay it off in our Karma. For example, a man who puts out the eyes of another is more imperfect that one who does not, and in his later Karma it must come to pass that he does a correspondingly good deed, for only then will he be inwardly again the man he was before he committed the sin. So if we rightly consider the nature of man, we cannot suppose that when a man has put out the eyes of another it will be forgiven him, and that Karma will be in some way adjusted. Hence there is rightness in the fact that we are not excused a farthing of our Karma, but must pay our debts in full.

[ 13 ] Aber es gibt ja noch etwas anderes gegenüber der Schuld. Die Schuld, die wir auf uns laden, die Sünde, die wir auf uns laden, die ist ja nicht bloß unsere Tatsache, das müssen wir jetzt unterscheiden, sondern sie ist eine objektive Weltentatsache, sie ist etwas auch für die Welt. Dasjenige, was wir verbrochen haben, das gleichen wir in unserm Karma aus; aber daß wir einem die Augen ausgestochen haben, das ist geschehen, das hat sich wirklich vollzogen, und wenn wir, sagen wir, in der jetzigen Inkarnation einem Menschen die Augen ausstechen und dann in der nächsten Inkarnation etwas tun, was dieses ausgleicht, so bleibt das doch für den objektiven Weltengang bestehen, daß wir vor soundsoviel Jahrhunderten einem die Augen ausgestochen haben. Das ist eine objektive Tatsache im Weltenganzen. Für uns gleichen wir sie später aus. Den Makel, den wir uns selbst zugefügt haben, gleichen wir im Karma aus, aber die objektive Weltentatsache, die bleibt bestehen, die können wir nicht auslöschen dadurch, daß wir von uns selbst die Unvollkommenheit nehmen.

[ 13 ] But something else comes in. The guilt, the sins, with which we are laden are not merely our own affair; they are an objective cosmic fact which means something for the universe also. That is where the distinction must be made. The crimes we have committed are compensated through our Karma, but the act of putting out another person's eyes is an accomplished fact. If we have, let us say, put out someone's eyes in a present incarnation, and then in the next incarnation we do something that makes compensation for this act, yet for the objective course of the universe the fact will remain that so many hundred years ago we put out someone's eyes. That is an objective fact in the universe. As far as we are concerned, we make compensation for it later. The stain that we have personally contracted is adjusted in our Karma, but the objective fact remains—we cannot efface that by removing our own imperfection.

[ 14 ] Wir müssen unterscheiden die Folgen einer Sünde für uns selbst, und die Folgen einer Sünde für den objektiven Weltengang.

[ 14 ] We must discriminate between the consequences of a sin for ourselves, and the consequences of a sin for the objective course of the world.

[ 15 ] Das ist außerordentlich wichtig, daß wir diese Unterscheidung machen. Und nun darf ich vielleicht eine okkulte Betrachtung einfügen, welche die Sache etwas verständlicher machen kann.

[ 15 ] It is highly important that we should make this distinction. And I may now perhaps introduce an occult observation that will make the matter clearer.

[ 16 ] Wenn man anblickt die Zeit der Menschheitsentwickelung seit dem Mysterium von Golgatha, und man kommt, ohne durchdrungen zu sein mit der Christus-Wesenheit, an die Akasha-Chronik heran, so wird man sehr leicht irre — sehr leicht wird man irre. Denn in dieser Akasha-Chronik zeigen sich Aufzeichnungen, die sehr häufig nicht stimmen mit dem, was man in der karmischen Evolution der einzelnen Menschen findet. Ich meine das Folgende: Nehmen wir an, im Jahre 733 meinetwillen habe irgendein Mensch gelebt und habe dazumal eine schwere Schuld auf sich geladen. Nun untersucht man die AkashaChronik, zunächst ohne daß man irgend etwas von einer Verbindung hat mit dem Christus. Und siehe da, man kann die betreffende Schuld nicht finden in der Akasha-Chronik. Geht man aber jetzt auf den Menschen ein, der weiter gelebt hat, und untersucht sein Karma, dann findet man: Ja, auf dieses Menschen Karma ist noch etwas, was er abzutragen hat; das müßte an einem bestimmten Zeitpunkt in der Akasha-Chronik darinnen stehen; es steht aber nicht darinnen.

[ 16 ] If one surveys the course of human evolution since the Mystery of Golgotha and approaches the Akashic Record without being permeated with the Christ Being, it is easy, very easy indeed, to be led into error, for one will find records which very often do not coincide with the karmic evolution of the individuals concerned. For example, let us suppose that in, say, the year 733 some man lived and incurred heavy guilt. The person now examining the Akashic Record may at first have no connection with the Christ Being. And behold—the man's guilt cannot be found in the Akashic Record.

[ 17 ] Wenn man das Karma untersucht, sieht man: Ja, er hat es abzutragen, man müßte in jener Inkarnation die Schuld in der AkashaChronik finden, sie steht aber nicht darinnen. Welch ein Widerspruch! Eine ganz objektive Tatsache, die in zahlreichen Fällen sich ergeben kann. Ich kann heute einem Menschen begegnen. Wenn es mir durch Gnade gegeben wird, etwas zu wissen über sein Karma, so kann ich vielleicht finden, daß irgendein Unglück oder ein Schicksalsschlag, der ihn trifft, auf seinem Karma steht, daß es der Ausgleich ist für eine frühere Schuld. Gehe ich der Sache nach in frühere Inkarnationen und prüfe, was er dazumal gemacht hat, so sehe ich in der AkashaChronik diese Tatsache nicht verzeichnet. Woher kommt denn das?

[ 17 ] Examination of the Karma of this man in a later incarnation reveals that there is something still in his Karma which he has to wipe out. That must have existed in the Akashic Record at a certain point of time, but it is no longer there. A strange contradiction! This is an objective fact which may occur in many cases. I may meet a man today, and if through grace I am permitted to know something about his Karma, I may perhaps find that some misfortune or stroke of fate that has fallen on him stands in his Karma, that it is an adjustment of earlier guilt. If I turn to his earlier incarnations and examine what he did then, I do not find his guilty deed registered in the Akashic Record. How does this come about?

[ 18 ] Das kommt davon her, daß der Christus tatsächlich auf sich genommen hat die objektive Schuld. In dem Augenblick, wo ich mich mit dem Christus durchdringe, wo ich mit dem Christus die AkashaChronik durchforsche, finde ich die Tatsache! Christus hat sie in sein Reich genommen und trägt sie als Wesenheit weiter, so daß, wenn ich von Christus absehe, ich sie nicht finden kann in der AkashaChronik. Man muß sich diesen Unterschied merken:

[ 18 ] The reason is that Christ has taken upon Himself the objective debt. In the moment that I permeate myself with Christ, I discover the deed when I examine the Akashic Record. Christ has taken it into His kingdom and He bears it further, so that when I look away from Christ I cannot find it in the Akashic Record.

[ 19 ] Es bleibt bestehen die karmische Gerechtigkeit, aber in bezug auf die Wirkungen einer Schuld in der geistigen Welt tritt der Christus ein, der diese Schuld in sein Reich hinübernimmt und weiterträgt.

[ 19 ] This distinction must be kept clearly in mind: karmic justice remains, but Christ intervenes in the effects of the guilt in the spiritual world. He takes over the debt into His kingdom and bears it further.

[ 20 ] Der Christus ist derjenige, der in der Lage ist, weil er einem anderen Reiche angehört, unsere Schulden und unsere Sünden in der Welt zu tilgen, sie auf sich zu nehmen.

[ 20 ] Christ is that Being who, because He is of another kingdom, is able to blot out in the world our debts and our sins, taking them upon Himself.

[ 21 ] Wie sagt dann also im Grunde genommen der Christus am Kreuze auf Golgatha zu dem Verbrecher links? Er spricht es ja nicht aus, aber daß er nicht spricht, darin liegt es; er sagt dem Verbrecher zu seiner Linken: Was du getan hast, es wird weiterwirken auch in der geistigen, nicht bloß in der physischen Welt. — Dem Verbrecher zu seiner Rechten aber sagt der Christus: «Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.» Das heißt: Ich bin bei deiner Tat; du wirst ja durch dein Karma später das für dich zu tun haben, was die Tat für dich bedeutet. Aber was die Tat für die Welt bedeutet — wenn es trivial ausgedrückt werden darf —, das ist meine Sache! sagt der Christus. — Es ist allerdings eine sehr wichtige Unterscheidung, die wir da machen, und die Sache hat nicht nur eine Bedeutung für die Zeit nach dem Mysterium von Golgatha, sondern auch für die Zeit vor dem Mysterium von Golgatha.

[ 21 ] What is it that Christ on the Cross of Golgotha really conveys to the malefactor on the left? He does not utter it, but in the fact that He does not utter it, lies its essence. He conveys to the malefactor on the left: What thou has done will continue to work in the spiritual world, and not merely in the physical world. To the malefactor on the right He says: “Today thou shalt be with me in Paradise.” This means: “I am beside thine act; through thy Karma thou wilt have later on to do for thyself all that the act signifies for thee, but what the act signifies for the universe, that”—if I may use a trivial expression—“is my concern.” That is what Christ says. The distinction made here is certainly an important one, and significant not only for the time after the Mystery of Golgotha, but also for the time before the Mystery of Golgotha.

[ 22 ] Eine Anzahl unserer Freunde werden sich erinnern, daß ich darauf aufmerksam gemacht habe in früheren Vorträgen, wie das keine bloße Legende ist, daß der Christus wirklich nach dem Tode zu den Toten heruntergegangen ist. Dadurch hat er aber auch etwas getan für die Seelen, die Schuld und Sünde in vorhergehenden Zeiten auf sich geladen haben. Der Irrtum tritt nun auch ein, wenn man sich der Akasha-Chronik widmet und die Zeit der Erdenentwickelung vor dem Mysterium von Golgatha durchforscht, ohne von dem Christus durchdrungen zu sein. Man wird dann überall in der Akasha-Chronik auf Irrtümer stoßen. Mich hat es daher gar nicht gewundert, daß zum Beispiel Leadbeater, der von Christus gar nichts weiß in Wirklichkeit, zu den abstrusesten Behauptungen kam über die Erdenentwickelung in seinem Buche «Der Mensch, woher und wohin». Denn erst das Durchdrungensein mit dem Christus-Impuls macht die Seele fähig, die Dinge wirklich zu sehen, wie sie sind, die sich hingeordnet haben in der Erdenentwickelung — auch vor dem Mysterium von Golgatha — auf dieses Mysterium von Golgatha.

[ 22 ] Some of our friends will remember that in earlier lectures I have called attention to the fact that Christ really did descend to the dead after His death; this is not a mere legend. He thereby accomplished something also for the souls who in previous ages had laden themselves with guilt and sins. Error now comes in if a man, without being permeated with Christ, investigates in the Akashic Record the time before the Mystery of Golgotha. He will continually make errors in his reading of the Akashic Record. Hence, for example, I was not at all surprised that Leadbeater, who in reality knows nothing about Christ, should have made the most abstruse statements concerning the evolution of the Earth in his book, Man: How, Whence and Whither. For only through permeation with the Christ Impulse is the soul capable of really seeing things as they are, and how they have been regulated in the evolution of the Earth on the basis of the Mystery of Golgotha, though they occurred before it.

[ 23 ] Karma ist eine Angelegenheit der aufeinanderfolgenden Inkarnationen des Menschen. Dasjenige, was die karmische Gerechtigkeit bedeutet, muß mit dem Urteil gesehen werden, das unser irdisches Urteil ist. Dasjenige, was der Christus tut für die Menschheit, das muß mit einem Urteil gemessen werden, das anderen Welten als der Erdenwelt angehört. Und wenn das nicht so wäre? Wenn das nicht so wäre? Gedenken wir des Erdenendes einmal, gedenken wir der Zeit, wann die Menschen ihre irdischen Inkarnationen werden durchgemacht haben. Gewiß wird das eintreten, daß alles bezahlt sein muß bis auf den letzten Heller. Die menschlichen Seelen werden ihr Karma in einer gewissen Weise ausgeglichen haben müssen. Aber stellen wir uns einmal vor, daß alle Schuld bestehen geblieben wäre in der Erde, daß alle Schuld wirken würde in der Erde. Dann würden am Ende der Erdenzeit die Menschen ankommen mit ihrem ausgeglichenen Karma, aber die Erde wäre nicht bereit, sich zum Jupiter hinüberzuentwickeln und die ganze Erdenmenschheit wäre da ohne Wohnplatz, ohne die Möglichkeit, sich hinüberzuentwickeln zum Jupiter. Daß die ganze Erde sich mitentwickelt mit den Menschen, das ist die Folge der Tat des Christus. Alles dasjenige, was für die Erde sich anhäufen würde als Schuld, das würde die Erde in die Finsternis stoßen, und wir würden keinen Planeten haben zur Weiterentwickelung. Für uns selbst können wir im Karma sorgen, nicht aber für die ganze Menschheit und nicht für dasjenige, was in der Erdenevolution mit der ganzen Menschheitsevolution zusammenhängt.

[ 23 ] Karma is an affair of the successive incarnations of man. The significance of karmic justice must be looked at with our earthly judgment. That which Christ does for humanity must be measured by a judgment that belongs to worlds other than this Earth-world. And suppose that were not so? Let us think of the end of the Earth, of the time when men will have passed through their earthly incarnations. Most certainly it will come to pass that all debts will have to be paid to the last farthing. Human souls will have had to balance their Karma in a certain way. But let us imagine that all guilt had continued to exist in the Earth-world, that all guilt would go on working there. Then at the end of the Earth period human beings would be there with their Karma balanced, but the Earth would not be ready to develop into the Jupiter condition; the whole of Earth humanity would be there without a dwelling place, without the possibility of developing onwards to Jupiter. The fact that the whole Earth develops along with man is a result of the Deed of Christ. All the guilt and debt that would otherwise have piled up would cast the Earth into darkness, and we should have no planet for our further evolution. In our Karma we can take care of ourselves, but not of humanity as a whole, and not of that which in Earth-evolution is connected with the whole evolution of humanity.

[ 24 ] So seien wir uns denn klar darüber, daß das Karma zwar nicht von uns genommen wird, wohl aber, daß getilgt werden unsere Schulden und Sünden für die Erdenentwickelung durch dasjenige, was eingetreten ist durch das Mysterium von Golgatha. Nun müssen wir uns ja natürlich klar sein, daß das alles selbstverständlich nicht dem Menschen zufließen kann ohne sein Zutun, daß es ihm nicht zufließen kann ohne seine Mitwirkung. Und das wird uns ja sogar in der Rede am Kreuz von Golgatha, die ich angeführt habe, recht klärlich vorgeführt. Es wird uns recht deutlich vorgeführt, wie der Verbrecher zur Rechten in seine Seele aufnimmt eine Ahnung von einem überirdischen Reich, in dem es anders zugeht als in dem bloß irdischen Reich. Der Mensch muß sich erfüllen in seiner Seele mit dem Substanzgehalt der Christus-Wesenheit; er muß gleichsam von dem Christus in seine Seele etwas aufgenommen haben, so daß der Christus in ihm wirksam ist und ihn hinaufträgt in ein Reich, in dem der Mensch zwar nicht die Macht hat, sein Karma unwirksam zu machen, aber in dem durch den Christus das geschieht, daß unsere Schuld und unsere Sünden getilgt werden für die Außenwelt.

[ 24 ] So let us realize that Karma will not be taken from us, but that our debts and sins will be wiped out from the Earth-evolution through what has come in with the Mystery of Golgotha. Now we must, of course, realize clearly that all this cannot be bestowed on man without his cooperation—i.e., cannot be his unless he does something. And that is clearly brought before us in the utterance from the Cross of Golgotha which I have quoted. It is very definitely shown to us how the soul of the malefactor on the right received a dim idea of a super-sensible kingdom wherein things proceed otherwise than in the mere earthly kingdom. Man must fill his soul with the substance of the Christ Being; he must, as it were, have taken something of the Christ into his soul, so that Christ is active in him and bears him into a kingdom where man has, indeed, no power to make his Karma ineffective, but where it comes to pass through Christ that our debts and sins are blotted out from our external world.

[ 25 ] Bildlich ist das im Grunde genommen wunderbar selbst in der Malerei dargestellt worden. Wem möchte nicht einen großen Eindruck machen der Christus als Richter des « Jüngsten Gerichtes» zum Beispiel auf einem solchen Bilde, wie das von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle ist? Was liegt denn eigentlich dem zugrunde? Nun, nehmen wir nicht die tiefe esoterische Tatsache, sondern das Bildliche, das sich da vor unsere Seele hinstellt. Da sehen wir die Gerechten und sehen die Sünder. Es gäbe eine Möglichkeit, dieses Bild noch anders darzustellen, als es Michelangelo tut als Christ, nämlich die Möglichkeit, daß die Menschen am Erdenende oder nach dem Erdenende sehen würden ihr Karma, daß sie sich sagen würden: Ja, mein Karma habe ich zwar ausgetilgt, aber da stehen überall im Geistigen geschrieben auf ehernen Tafeln meine Schulden, und die Schulden bedeuten Schwere für die Erde, sie müssen die Erde vernichten. Für mich habe ich es ausgeglichen, aber da steht es überall. — Es wäre aber keine Wahrheit; es könnte so dastehen, aber es wäre keine Wahrheit. Denn dadurch, daß der Christus auf Golgatha gestorben ist, wird der Mensch nicht sehen seine Schuldentafeln, sondern er wird den sehen, der sie übernommen hat; sehen wird er vereinigt in der Wesenheit des Christus alles dasjenige, was sonst ausgebreitet wäre in der AkashaChronik. Der Christus steht statt der Akasha-Chronik vor ihm, er hat das alles auf sich genommen.

[ 25 ] This has been wonderfully represented in painting. There is no one upon whom a picture such as “Christ as Judge at the Last Judgment”, by Michelangelo in the Sistine Chapel, can fail to make a deep impression. What really underlies such a picture? Let us take, not the deep esoteric fact, but the picture that is here presented to our souls. We see the righteous and the sinners. It would have been possible to present this picture differently from the way in which Michelangelo, as a Christian, has painted it. There was the possibility that at the end of the Earth, men, seeing their Karma, might have said to themselves: “Yes, I have indeed wiped off my Karma, but everywhere in the spiritual, written on tablets of brass, are my guilt and my sins, and they weigh heavily on the Earth; they will destroy the Earth. As far as I am concerned I have made compensation, but there the guilt stands, everywhere.” That would not, however, be the truth. For through the fact of Christ's death upon Golgotha, men will not see the tablets of their guilt and sin, but they will see Him who has taken them upon himself; they will see, united with the Being of Christ, all that would otherwise be spread out in the Akashic Record. In place of the Akashic Record, the Christ stands before them, having taken all upon Himself.

[ 26 ] Wir sehen da in tiefe Geheimnisse des Erdenwerdens hinein. Aber was ist notwendig, um den wahren Tatbestand zu durchschauen auf diesem Gebiet? Das ist notwendig, daß die Menschen die Möglichkeit haben, gleichgültig ob sie Sünder oder Gerechte sind, auf den Christus hinzuschauen, daß sie keine leere Stelle da sehen, wo der Christus stehen soll. Der Zusammenhang mit dem Christus ist notwendig. Und selbst dieser Verbrecher zur Rechten bezeugt uns in seiner Rede seinen Zusammenhang mit dem Christus. Und wenn der Christus denjenigen, die in seinem Geiste wirken, gewissermaßen den Auftrag gegeben hat, Sünden zu vergeben, so ist damit nie und nimmer gemeint, Karma zu beeinträchtigen, wohl aber ist damit gemeint, daß gerettet wird das Erdenreich für denjenigen, der mit dem Christus in Beziehung steht, vor den Folgen, den geistigen Folgen der Schuld und Sünde, die objektive Tatsachen sind, auch wenn sie im späteren Karma ausgeglichen worden sind.

[ 26 ] We are looking into deep secrets of the Earth's existence. But what is necessary in order to fathom the true state of things in this domain? It is this: that men, no matter whether they are righteous or sinful, should have the possibility of looking upon Christ, that they should not look upon an empty place where the Christ should stand. The connection with Christ is necessary, and the malefactor on the right shows us his connection with Christ by what he says. And although the Christ has given to those who work in His spirit the behest to forgive sins, this never means encroaching upon Karma. What it does mean is that the earthly kingdom will be rescued for those who stand in relationship to Christ, rescued from the spiritual consequences of guilt and sin, which are objective facts even when a later Karma has made compensation for them.

[ 27 ] Was bedeutet es für die menschliche Seele, wenn im Auftrage Christi derjenige spricht, der sprechen darf: «Deine Sünden sind dir vergeben» (Matthäus 9, 2)? Das heißt, der Betreffende weiß zu bekräftigen: Du hast zwar deinen karmischen Ausgleich zu erwarten, aber deine Schuld und Sünde wandte der Christus um, so daß du später nicht das ungeheure Leid zu tragen hast, zurückzuschauen auf deine Schuld so, daß du damit ein Stück Erdendasein vernichtet hast. — Der Christus tilgt sie aus. Dazu aber ist ein gewisses Bewußtsein notwendig, welches gefordert wird, welches der, der die Sünden vergeben will, der Sündenvergeber, fordern darf: Bewußtsein der Schuld und Bewußtsein dessen, daß der Christus die Schuld auf sich nehmen kann. Dann bedeutet eine kosmische Tatsache der Ausspruch: «Deine Sünden sind dir vergeben», und nicht eine karmische Tatsache.

[ 27 ] What does it signify for the human soul when one who may so speak says in the name of Christ: “Thy sins are forgiven thee?” It means that he is able to assert: “Thou hast indeed to await thy karmic settlement; but Christ has transformed thy guilt and sin so that later thou mayest not have the terrible sorrow of looking back upon thy guilt and seeing that through it thou hast destroyed a part of the Earth's existence.” Christ blots it out. But a certain consciousness is necessary, and those who would forgive sins may rightly demand it—a consciousness of the guilt, and consciousness that Christ has the power to take it upon Himself. For the saying: “Thy sins are forgiven thee” denotes a cosmic fact and not a karmic fact.

[ 28 ] Der Christus zeigt an einer Stelle so wunderbar, daß es uns tief, tief ins Herz hineinschneidet, wie er zu dieser Frage steht. Denjenigen, die verdammend vor ihn mit der Ehebrecherin kommen — wir malen uns hin in der Seele diese Szene, wie sie vor ihn die Ehebrecherin bringen (Johannes 8, 1-11) —, mit zweierlei tritt ihnen der Christus entgegen: mit dem einen, daß er in die Erde hineinschreibt, mit dem anderen, daß er vergibt, daß er überhaupt nicht urteilt, nicht verdammt. Warum schreibt er in die Erde hinein? Weil das Karma wirkt, weil das Karma die objektive Gerechtigkeit ist. Für die Ehebrecherin kann ihre Tat nicht ausgelöscht werden, Christus schreibt sie in die Erde hinein. Anders ist es aber mit der geistigen, mit der nicht-irdischen Folge; die nimmt der Christus auf sich. «Er vergibt» heißt nicht, daß er sie austilgt im absoluten Sinn, sondern daß er auf sich nimmt die Folgen desjenigen, was objektiv getan ist.

[ 28 ] Christ shows His relation to this so wonderfully in a certain passage—so wonderfully that it penetrates deep, deep into our hearts. Let us call up in our souls the scene where the woman taken in adultery comes before Him, with those who were condemning her. They bring the woman before Him and in two different ways Christ meets them. He writes in the Earth; and He forgives, He does not judge; He does not condemn. Why does He write in the Earth? Because Karma works, because Karma is objective justice. For the adulteress, her act cannot be obliterated. Christ writes it in the Earth. But with the spiritual, the not-earthly consequence, it is otherwise. Christ takes upon Himself the spiritual consequence. “He forgives” does not mean that He blots out in the absolute sense, but that He takes upon Himself the consequences of the objective act.

[ 29 ] Nun denken wir einmal, was es für dieMenschenseelebedeutet, wenn sie sich sagen kann: Ja, ich habe dieses oder jenes in der Welt getan. Es beeinträchtigt meine Fortentwickelung nicht, denn ich bleibe nicht so unvollkommen wie ich war, als ich die Tat begangen habe. Ich darf meine Vollkommenheit im weiteren Verlauf meines Karma wieder erringen, indem ich die Tat ausgleiche. Aber ungeschehen kann ich sie ja nicht machen für die Erdenentwickelung. — Unsägliches Leid müßte man mittragen, wenn nicht ein Wesen mit der Erde sich verbunden hätte, welches das, was von uns nicht mehr abgeändert werden kann, für die Erde ungeschehen machte. Dieses Wesen ist der Christus. Nicht subjektives Karma, aber die geistigen objektiven Wirkungen der Taten, der Schuld, die nimmt er uns ab. Das ist dasjenige, was wir, wie gesagt, in unserem Gemüt weiterverfolgen müssen. Dann werden wir es erst verstehen, daß der Christus im Grunde genommen diejenige Wesenheit ist, die mit der ganzen Menschheit im Zusammenhang steht, mit der ganzen Erdenmenschheit; denn die Erde ist um der Menschheit willen da. Also auch mit der ganzen Erde steht der Christus im Zusammenhang. Und das ist des Menschen Schwäche, die eingetreten ist infolge der luziferischen Verführung, daß der Mensch zwar imstande ist, sich subjektiv im Karma zu erlösen, daß er aber nicht imstande wäre, die Erde mitzuerlösen. Das vollbringt das kosmische Wesen, der Christus.

[ 29 ] Now let us think of all that it signifies when the human soul is able to say to itself: “Yes, I have done this or that in the world. It does not impair my evolution, for I do not remain as imperfect as I was when I committed the deed; I am permitted to overcome that imperfection in the further course of my Karma by making compensation for the deed. But I cannot undo it for the Earth-evolution.” Man would have to bear unspeakable suffering if a Being had not united Himself with the Earth, a Being who undoes for the Earth that which we cannot change. This Being is the Christ. He takes away from us, not subjective Karma, but the objective spiritual effects of the acts, the guilt. That is what we must follow up in our hearts, and then for the first time we shall understand that Christ is in truth that Being who is bound up with the whole of Earth-humanity. For the Earth is there for the sake of mankind, and so Christ is connected also with the whole Earth. It is a weakness of man, as a consequence of the Luciferic temptation, that although he is indeed able to redeem himself subjectively through Karma, he cannot redeem the Earth at the same time. That is accomplished by the Cosmic Being, the Christ.

[ 30 ] Und jetzt begreifen wir, warum manche Theosophen so gar nicht verstehen können, daß das Christentum mit der Karma-Idee völlig in Einklang steht. Das sind die Theosophen, die hineintragen in die Theosophie den vollsten Egoismus, einen höheren Egoismus; die es zwar nicht aussprechen, aber die im Grunde genommen doch fühlen und denken: Wenn ich mich nur in meinen Karma selbst erlöse, was geht mich dann die ganze Welt an; die mag machen, was sie will! Und diese Theosophen sind zufrieden, wenn sie nur von dem karmischen Ausgleich sprechen können. Aber damit ist es nicht getan. Der Mensch wäre ein rein luziferisches Wesen, wenn er nur an sich denken würde. Der Mensch ist ein Glied der ganzen Welt, und der Mensch muß hingebungsvoll gegenüber der ganzen Welt denken. So muß er darüber denken, daß er zwar sich selbst für sich egoistisch erlösen kann durch das Karma, daß er aber nicht das ganze Erdensein miterlösen könnte. Da tritt der Christus ein. Und in dem Augenblick, wo wir uns entschließen, nicht nur an unser Ich zu denken, müssen wir an etwas anderes noch denken als an unser Ich. Aber an was müssen wir denken? An den Christus in mir, wie Paulus sagt. Dann sind wir eben mit ihm mit dem ganzen Erdensein verbunden, dann denken wir nicht an unsere Selbsterlösung, sondern wir sagen: Nicht ich und meine Selbsterlösung — nicht ich, sondern der Christus in mir und die Erdenerlösung!

[ 30 ] And now we understand why many anthroposophists cannot realize that Christianity is in full accord with the idea of Karma. They are people who bring into Anthroposophy the most intense egoism, a super-egoism; certainly they do not put it into words, but still they really think and feel: “If I can only redeem myself through my Karma, what does the world matter to me? Let it do what it will!” These anthroposophists are quite satisfied if they can speak of karmic adjustment. But there is a great deal more to be done. Man would be a purely Luciferic being if he were to think only of himself. Man is a member of the whole world, and he must think about it in the sense that he can indeed be egotistically redeemed through his Karma, but is not able to redeem the whole Earth-existence. Here the Christ enters. At the moment when we decide not to think only of our ego, we must think about something other than our ego. Of what must we think? Of the “Christ in me”, as Paul says; then indeed we are united with Him in the whole Earth-existence. We do not then think of our self-redemption, but we say: “Not I and my own redemption—not I, but the Christ in me and the redemption of the Earth.”

[ 31 ] Meine lieben Freunde! Man muß wahrhaftig eigentlich recht wenig christlichen Sinn haben, wenn man das Christentum so interpretiert, wie es viele machen, die da glauben, sich echte Christen nennen zu dürfen, und die andere, zum Beispiel anthroposophische Christen, verketzern. Man muß dazu wenig christlichen Sinn haben. Es darf ja vielleicht die Frage erlaubt sein: Ist es denn wirklich christlich, zu denken, daß ich alles tun darf und der Christus eigentlich nur in die Welt gekommen ist, um mir das alles abzunehmen, um mir meine Sünde zu vergeben, so daß ich mit meinem Karma, mit meiner Sünde nichts mehr zu tun habe? Ich glaube, es ist ein anderes Wort anwendbar auf eine solche Denkweise als das Wort «christlich»; vielleicht wäre das Wort «bequem» besser als das Wort «christlich». Bequem wäre es ja allerdings, wenn man bloß zu bereuen hätte, und ausgelöscht wäre dadurch für sein ganzes späteres Karma alles das, was man in der Welt verbrochen hat. Nein, aus dem Karma ist es nicht ausgelöscht, aber davon kann es ausgelöscht werden, wohin wir wegen der menschlichen Schwäche, durch die luziferische Verführung, nicht selbst dringen können: von der Erdenentwickelung. Und das tut der Christus. Dieses Leid wird uns genommen mit der Sündenerlösung: daß wir für ewige Zeiten der ganzen Erdenentwickelung eine objektive Schuld zugefügt haben. Dafür müssen wir natürlich ein ernstes Interesse haben. Dann aber, wenn wir die Sache so auffassen, dann wird sich wahrhaftig auch in vielen anderen Dingen ein kräftiger Ernst verbinden mit einer echten, wahren Christus-Auffassung. Ein tiefer Ernst wird sich mit ihr verbinden, und manches wird abfallen von mancher Christus-Auffassung, das demjenigen, der den ganzen Ernst der Christus-Auffassung in seine Seele nimmt, geradezu als eine Art Frivolität und Zynismus erscheinen könnte. Denn alles, alles, was heute gesprochen worden ist und was Punkt für Punkt gerade mit wichtigsten Stellen aus dem Neuen Testament belegt werden kann, das spricht uns ja dafür: Alles das, was uns der Christus ist, ist er uns dadurch, daß er nicht ein Wesen ist wie andere Menschen, sondern ein Wesen, das von oben, das heißt aus dem Kosmos, bei der Johannestaufe im Jordan in die menschliche Erdenentwickelung eingeflossen ist. Alles spricht für die kosmische Natur des Christus, Und wer im tiefen Sinne auffaßt, wie der Christus sich stellt zu Sünde und Schuld, der möchte so sagen: Es mußte, eben weil der Mensch im Laufe des Erdendaseins seine Schuld nicht tilgen konnte für die ganze Erde, ein kosmisches Wesen heruntersteigen, daß es doch möglich gemacht werde, daß die Erdenschuld getilgt werde.

[ 31 ] Many believe they may call themselves true Christians, and yet they speak of others—anthroposophical Christians, for instance—as heretics. There is very little true Christian feeling here. The question may perhaps be permitted: “Is it really Christian to think that I may do whatever I like and that Christ came into the world in order to take it all away from me and to forgive my sins, so that I need have nothing more to do with my Karma, with my sins?” I think there is another word more applicable to such a way of thinking than the word “Christian”; perhaps the word “convenient” would be better. “Convenient” it would certainly be if a man had only to repent, and then all the sins he had committed in the world were obliterated from the whole of his later Karma. The sin is not blotted out from Karma; but it can be blotted out from the Earth-evolution, and this it is that man cannot do because of the human weakness that results from the Luciferic temptation. Christ accomplishes this. With the remission of sins we are saved from the pain of having added an objective debt to the Earth-evolution for all eternity. Only, of course, we must have a serious interest in this. When we have this true understanding of Christ, a greater earnestness will manifest itself in many other ways as well. Many elements will fall away from those conceptions of Christ which may well seem full of triviality and cynicism to the man whose soul has absorbed the Christ-conception in all seriousness. For all that has been said today, and it can be proved point by point from the most significant passages of the New Testament, tells us that everything Christ is for us derives from the fact that He is not a Being like other men, but a Being who, from above—that is, from out of the Cosmos—entered into Earth-evolution at the baptism by John in Jordan. Everything speaks for the cosmic nature of Christ. And he who deeply grasps Christ's attitude towards sin and debt may speak thus: “Because man in the course of the Earth's existence could not blot out his guilt for the whole Earth, a Cosmic Being had to descend in order that the Earth's debt might be discharged.”

[ 32 ] Wahres Christentum kann gar nicht anders, als den Christus als ein kosmisches Wesen ansehen. Dann aber werden wir in unserer Seele tief, tief durchdrungen werden von dem, was eigentlich die Worte bedeuten: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Denn dann strahlt von dieser Erkenntnis in unsere Seele etwas über, was ich nicht anders bezeichnen kann, als mit den Worten: Wenn ich mir erlaube zu sagen «Nicht ich, sondern der Christus in mir», so gestehe ich mir in diesem Augenblick, daß ich der Erdensphäre enthoben werde, daß in mir etwas lebt, was für den Kosmos Bedeutung hat, daß ich gewürdigt werde als Mensch, in meiner Seele etwas zu tragen, was außerirdisch ist, wie ich in meiner Anlage von Saturn, Sonne und Mond her ein außerirdisches Wesen in mir trage.

[ 32 ] True Christianity must needs regard Christ as a Cosmic Being. It cannot do otherwise. Then, however, our soul will be deeply permeated by what is meant in the words, “Not I, but Christ in me.” For then from this knowledge there radiates into our soul something that I can express only in these words: “When I am able to say, ‘Not I, but Christ in me’, in that moment I acknowledge that I shall be raised from the Earth-sphere, that in me there lives something that has significance to the Cosmos, and that I am counted worthy, as man, to bear a super-earthly element in my soul, just as I bear within me a super-earthly being in all that has entered into me from Saturn, Sun and Moon evolutions.”

[ 33 ] Und eine ungeheure Bedeutung wird übergehen in das Bewußtsein des Menschen, durchchristet zu sein. Und er wird verbinden mit diesem Paulinischen Ausspruch «Nicht ich, sondern der Christus in mir» auch das Gefühl, daß er nun tiefsten, tiefsten Ernst machen muß gegenüber seiner innerlichen Verantwortlichkeit dem Christus gegenüber. Das aber wird die Anthroposophie in das Christus-Bewußtsein hineinbringen, daß dieses Verantwortlichkeitsgefühl auftritt, daß wir nicht bei jeder Gelegenheit uns herausnehmen zu sagen: Ja, ich habe das ja geglaubt, und weil ich es geglaubt habe, durfte ich es auch sagen. — Unser materialistisches Zeitalter geht immer weiter in diesem «Ich war davon überzeugt und deshalb durfte ich es sagen !» Aber ist es denn nicht eine Schändung des Christus in uns, eine neuerliche Kreuzigung des Christus in uns, wenn wir so kurzfühlend sind, daß wir daraufhin, daß wir irgend etwas in irgendeinem Momente glauben, wir es hinausschreien in die Welt, oder hinausschreiben in die Welt, ohne es untersucht zu haben?

[ 33 ] The consciousness of being permeated with Christ will become of immense importance. And with St. Paul's saying, “Not I, but Christ in me”, a man will connect the feeling that his inner responsibility to Christ must be taken in deep, deep earnestness. Anthroposophy will bring into the Christ-consciousness this feeling of responsibility in such a way that we shall not presume on every occasion to say: “I thought so, and because I thought so, I had a right to say it.” Our materialistic age is carrying this further and further. “I was convinced of this, and therefore I had a right to say it.” But is it not a profanation of the Christ in us, a fresh crucifixion of the Christ in us, that at any moment when we believe something or other, we cry it out to the world, or send it out into the world in writing, without having investigated it?

[ 34 ] Das Gefühl wird entstehen in der Menschheit, wenn sie es ernst nimmt mit dem Christus, daß man sich dieses Christus, der in uns lebt, würdig erweisen soll dadurch, daß man es immer gewissenhafter und gewissenhafter nimmt mit diesem Christus, diesem kosmischen Prinzip in uns.

[ 34 ] When the full significance of Christ comes home to mankind, the individual will feel that he must be more and more conscientious, must prove himself worthy of Christ, this Cosmic Principle, within him.

[ 35 ] Ja, man kann es recht gerne glauben, daß diejenigen den Christus nicht als kosmisches Prinzip nehmen wollen, die bei jeder Gelegenheit ihr Vergehen bereuen wollen, erst hübsch lügen über die Mitmenschen, und dann austilgen möchten diese Lügen. Derjenige, der sich des Christus in seiner Seele würdig erweisen will, der wird erst prüfen, ob er eine Sache sagen darf, auch wenn er augenblicklich von ihr überzeugt ist.

[ 35 ] It may be readily believed that those who do not want to receive Christ as a Cosmic Principle, but are ready at every opportunity to repent an offence, will first tell all kinds of lies about their fellow men and will then want to wipe out the lies. Anyone who wishes to give worthy proof of the Christ in his soul will first ask himself whether he ought to say a certain thing, even though he may for the moment be convinced of it.

[ 36 ] Vieles wird sich ändern, wenn eine wahre Christus-Auffassung in die Welt kommt. Alle die unzähligen Leute, die heute schreiben — oder mit schmutziger Druckerschwärze Papier verunstalten —, indem sie flink hinschreiben das, was sie nicht wissen, die werden sich klar werden darüber, daß sie damit den Christus in der menschlichen Seele schänden. Und aufhören wird die Entschuldigung: Ja, ich habe es so geglaubt, ich habe es im guten Glauben gesagt. Der Christus will nicht bloß den «guten Glauben», der Christus will die Menschen in die Wahrheit leiten. Selbst hat er gesagt: «Die Wahrheit wird euch frei machen!» (Johannes 8, 32) Wo aber hätte der Christus einmal gesagt, daß es möglich ist, wenn man in seinem Sinne denkt, dies oder jenes, ohne daß man etwas weiß, in die Welt hinauszuschreien und hinauszuschreiben?

[ 36 ] Many things will be changed when a true conception of Christ comes into the world. All those countless people today who write, or disfigure paper with printer's ink, because they briskly write down things of which they have no knowledge, will come to realize that by so doing they are putting the Christ in the human soul to shame. And then the excuse will cease: “Well, I thought it was so, I said it in good faith.” Christ wants more than “good faith”; Christ would fain lead men to the truth. He Himself has said, “The truth will make you free.” But where has Christ ever said that it is possible for anyone who is thinking in His sense to shout out or put forth in writing something or other of which he really knows nothing?

[ 37 ] Vieles wird anders werden! Gewiß wird ein großer Teil unseres heutigen Schrifttums nicht weiter existieren können, wenn die Menschen von dem Grundsatze ausgehen, sich würdig zu erweisen des Wortes «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Aber der Krebsschaden unserer Niedergangskultur wird ausgelöscht sein, wenn aufhören werden die Stimmen zu sprechen, die leichthin, ohne reale Überzeugung alles in die Welt hinausschreien, weißes Papier verunzieren mit Druckerschwärze, indem sie etwas hinausschreiben, ohne daß sie sich davon überzeugt haben, ob es der Wahrheit entspricht.

[ 37 ] Much indeed will be changed! A great deal of modern writing will be ruled out when people proceed from the principle of proving themselves worthy of the saying: “Not I, but Christ in me.” The cancer of our decadent civilization will be rooted out when silence falls on those voices which, without real conviction, cry everything out into the world, or cover paper with printer's ink irresponsibly, without being first convinced that they are speaking the truth.

[ 38 ] Haben wir ja gerade auf diesem Gebiet auch vieles in der theosophischen Bewegung und in bezug auf die theosophische Bewegung erleben müssen. Und wie leicht ist man bei der Hand mit der Entschuldigung: «Ja, der oder die Betreffende waren eben in dem entsprechenden Augenblick davon überzeugt!»

[ 38 ] Not translated

[ 39 ] Als was erweist sich oftmals eine solche «Überzeugung», meine lieben Freunde? Als der größte Leichtsinn, als die purste Frivolität! Wahrhaftig nicht aus einem persönlichen Grunde, sondern aus dem Ernst der Lage darf vielleicht auch darauf aufmerksam gemacht werden, daß es keine Entschuldigung gibt, wenn an wichtiger Stelle vor der Theosophischen Gesellschaft von der Präsidentin dieser Gesellschaft die frivole Unwahrheit hingestellt wird von dem Jesuitenmärchen. Gewiß, es kann längst abgetan sein, aber zur Charakteristik der Tatsache darf wohl noch einmal darauf hingewiesen werden. Nachträglich haben die Leute gesagt: Die Präsidentin habe es ja zurückgenommen nach wenig Wochen! Um so schlimmer, wenn man an verantwortungsvoller Stelle etwas hinausposaunt, was man in wenigen Wochen zurücknehmen muß, denn da beginnt die Weltbeurteilung und nicht die persönliche Beurteilung.

[ 39 ] Not translated

[ 40 ] Und fügen wir auch eine solche Erkenntnis hinzu zu jener Unterscheidung, die wir treffen müssen zwischen dem subjektiven, im Ego des Menschen sich abspielenden Karma und dem, was wir als ein Objektives bezeichnen können. Da soll kein Wort verloren werden: es muß jeder Mensch den Schaden, den er mit sich angerichtet hat, auch wieder ausgleichen. Da haben wir nicht hineinzureden, da nehmen wir den Tatbestand, wie Christus ihn nahm bei der Ehebrecherin: er schrieb die Sünde in die Erde. Darauf aber muß aufmerksam gemacht werden, daß der Egoismus überwunden werden muß auf dem Gebiet der geisteswissenschaftlichen Bewegung. Da muß man sich klar sein, daß nicht nur subjektive Beurteilung, sondern eine objektive Beurteilung gegenüber der Welt notwendig ist.

[ 40 ] Not translated

[ 41 ] Dasjenige, was man in einem gewissen Sinne christliches Gewissen nennen kann, das wird, wenn der Christus immer mehr und mehr einzieht in die Seelen, auch einziehen; das wird einziehen, wenn die Seelen sich der Anwesenheit des Christus bewußt werden, wenn das Paulus-Wort wahr wird: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»

[ 41 ] The “Christian conscience”, as we may call it in a certain sense, will arise in increasing measure as human souls become more and more conscious of the presence of Christ, and the saying of Paul becomes true: “Not I, but Christ in me!”

[ 42 ] Immer mehr und mehr wird in die Seelen hineinziehen das Bewußtsein, daß man nicht nur sagen soll, was man glaubt, sondern, daß man zu prüfen hat an den objektiven Tatsachen das, was man sagt.

[ 42 ] More and more will souls be imbued with the consciousness that a man ought not to say merely what he “thinks”, but must prove the objective truth of what he says.

[ 43 ] Der Christus wird der Seele sein ein Lehrer der Wahrheit, ein Lehrer der höheren Verantwortlichkeit. Damit wird er die Seelen durchdringen, wenn die Seelen immer mehr und mehr das ganze Schwergewicht des Wortes: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», spüren werden.

[ 43 ] Christ will be for the soul a teacher of truth, a teacher of the highest sense of responsibility. In these ways He will permeate souls when they come to experience the whole import of the saying: “Not I, but Christ in me.”