Occult Reading and Occult Hearing
GA 156
7 October 1914, Dornach
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Occult Reading and Occult Hearing, tr. SOL
Zeiten der Erwartung
Times of Anticipation
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Wir werden den heutigen Abend mit der Vorlesung einiger nachgelassener, also noch nicht gedruckter Gedichte unseres lieben Freundes Christian Morgenstern beginnen, und daran sollen sich noch einige Gedichte aus dem zuletzt erschienenen Bande anschließen. Dann wird eine musikalische Darbietung folgen, und danach werden wir vor unseren Augen Bilder unseres Baues vorüberrollen lassen; darauf folgt wiederum eine musikalische Nummer. Und für diejenigen Freunde, die dann noch dableiben wollen, werde ich zum Schlusse einige Betrachtungen anstellen, in die ich einen kurzen Hinweis auf das Wesen unserer Eurythmie einfügen werde, aus dem Grunde, weil einige Freunde, insbesondere aus der Schweiz, den Wunsch ausgesprochen haben, etwas über das Wesen der Eurythmie zu hören.
[ 1 ] My dear friends! We will begin this evening with a reading of some posthumous—that is, as yet unpublished—poems by our dear friend Christian Morgenstern, followed by a few poems from his most recently published volume. Then there will be a musical performance, after which we will watch images of our building unfold before our eyes; this will be followed by another musical number. And for those friends who wish to stay a while longer, I will conclude with a few reflections, into which I will include a brief reference to the nature of our eurythmy, because some friends, particularly from Switzerland, have expressed a desire to hear something about the nature of eurythmy.
[ 2 ] Meine lieben Freunde! Immer wieder und wiederum die Gelegenheit zu ergreifen, Christian Morgensterns Dichtungen — insbesondere diejenigen, die ihm selber so am Herzen lagen in der letzten Zeit seines physischen Lebens, in der er so innig mit uns verbunden war vor unsere Seelen zu führen, erscheint uns einerseits als heilige Pflicht, andererseits zugleich als etwas, was wirklich innig verbunden ist mit dem ganzen Wesen und der ganzen Art unserer geisteswissenschaftlichen Strömung in der Gegenwart. Darf man doch ohne weiteres sagen, daß Christian Morgensterns Art und Weise, sich einzuleben in das, was Geisteswissenschaft der Welt verkünden will, wirklich auch in spirituellem Sinne segensreich geworden ist für unsere Bewegung, die ja doch erst am Anfange ihres Werdens steht.
[ 2 ] My dear friends! To seize the opportunity again and again to bring Christian Morgenstern’s poetry—especially those works that were so dear to his own heart in the final days of his physical life, when he was so intimately connected with us—before our souls seems to us, on the one hand, a sacred duty, and on the other, something that is truly and intimately connected with the entire essence and nature of our Spiritual Science movement in the present. For one may certainly say that Christian Morgenstern’s way of immersing himself in what Spiritual Science seeks to proclaim to the world has truly become a blessing in a spiritual sense for our movement, which is, after all, still only at the beginning of its development.
[ 3 ] Die meisten der hier versammelten Freunde wissen ja aus verschiedenen Zyklen und einzelnen Vorträgen, die in den allerletzten Monaten da und dort von mir gehalten worden sind, daß zu meinen bedeutsamsten okkulten Erlebnissen der letzten Zeit das Zusammensein mit Christian Morgenstern nach seinem Tode gehört. Und ich habe ja nicht zurückgehalten gerade mit demjenigen Erlebnis, welches in Zusammenhang mit Christian Morgenstern so bedeutungsvoll ist für den Segen, der unserer Bewegung aus den geistigen Welten erfließt: daß sich zu unserer Bewegung ein Dichter finden konnte, der mit dieser Bewegung seine Seele so innig verband, daß gewissermaßen zu den Elementen seines jetzigen Wesens in den geistigen Welten jenes kosmische Tableau gehört, welches — mit den Mitteln der geistigen Welt eben, und zugleich wie einen Bestandteil Christian Morgensterns — offenbart die Wahrheit desjenigen, was wir zu erkennen und zu lehren haben. Ja, meine lieben Freunde, das ist etwas außerordentlich Bedeutsames, das ist etwas, was in ungeheurer Weise Vertrauen einflößen kann zu der inneren Wahrheit, aber auch zu der inneren Triebkraft unserer Bewegung. Wir wissen, daß mit Christian Morgensterns eigener Wesenheit jetzt verbunden ist etwas wie das Zusammenströmen des spirituellen kosmischen Alls. So wie man in einem großen Tableau eines Malers, eines wirklichen Malers auf dem physischen Plane, vieles von den Geheimnissen der physischen Welt zusammengeströmt erschaut, so ist in der geistigen Welt weil da der Mensch nicht nur seine Fähigkeiten hinzugeben hat an das, was sie darbietet, sondern sein ganzes Wesen —, so ist das ganze Wesen Christian Morgenstern verbunden mit diesem, ich möchte sagen, kosmischen Gemälde, in dem er jetzt lebt. Und es gehört zu den erschütterndsten Erlebnissen, die man haben kann, wenn man sieht, daß er in der geistigen Welt jetzt erst mit seinem echten wahren Wesen lebt. Es gehört zu den erschütterndsten Erlebnissen, wenn man sieht, wie diese Menschenwesenheit in der physischen Welt hier in die mannigfaltigsten Hemmnisse eingeschlossen lebte, und wie sie nun — erahnbar, erlebbar für die, die diesen Menschen lieben — sich frei entfalten kann in der geistigen Welt. Es ist erschütternd, wie wir eine solche Wesenheit erst dann voll kennen lernen können, wenn wir sie erfassen in ihrer Bedeutung nach dem Tode.
[ 3 ] Most of the friends gathered here know, from various lecture cycles and individual talks I have given here and there over the past few months, that one of my most significant occult experiences of recent times has been my time spent with Christian Morgenstern after his death. And I have not held back, particularly regarding that experience which, in connection with Christian Morgenstern, is so significant for the blessing that flows to our movement from the spiritual worlds: that our movement was able to find a poet who connected his soul so intimately with this movement that, in a sense, that cosmic tableau belongs to the elements of his present being in the spiritual worlds—a tableau which, through the means of the spiritual world itself and at the same time as an integral part of Christian Morgenstern, reveals the truth of what we are to recognize and teach. Yes, my dear friends, this is something extraordinarily significant; it is something that can instill immense confidence in the inner truth, but also in the inner driving force of our movement. We know that something like the confluence of the spiritual cosmic universe is now connected to Christian Morgenstern’s own being. Just as one beholds in a large tableau by a painter—a true painter on the physical plane—much of the mysteries of the physical world flowing together, so in the spiritual world—because there the human being must surrender not only his abilities to what it offers, but his entire being—so the entire being of Christian Morgenstern is connected to this, I might say, cosmic painting in which he now lives. And it is one of the most deeply moving experiences one can have to see that he now lives in the spiritual world with his true, authentic being. It is one of the most moving experiences to see how this human being lived here in the physical world, confined within the most manifold obstacles, and how he can now—as can be sensed and experienced by those who love him—unfold freely in the spiritual world. It is deeply moving that we can only come to fully know such a being when we grasp its significance after death.
[ 4 ] So erscheint mir heute nach seinem Tode Christian Morgenstern als geistiger Führer von vielen Menschen, die in kurz verflossenen Zeiten der geistigen Entwickelung der Menschheit hinaufgegangen sind in die geistigen Welten, die dadurch eine ungeheure Förderung erfahren, daß sie in der physischen Welt in gewissem Sinne ausgestattet waren mit inneren Sehnsuchten nach den geistigen Welten und sie doch nicht finden konnten. Sie brachten diese Sehnsucht hinauf. Wir haben ja von diesen Sehnsuchten gesprochen am Tage der Grundsteinlegung in Anlehnung an eine bestimmte Persönlichkeit: an Herman Grimm. Ich habe gezeigt, wie nahe er der Erfassung der geistigen Welt gewesen war, und diese doch nicht hatte finden können. Für ihn und manche andere bedeutet es eine ungeheure Förderung, daß — in Menschenworten ausgedrückt — sie jetzt überzeugt sein können von dem, was sie suchten und nicht finden konnten: dadurch überzeugt sein können, daß sie es vor sich haben in der Seele Christian Morgensterns. Nicht als ob sie es sonst nicht finden könnten in der geistigen Welt; aber es ist etwas anderes, es so vor sich zu haben. Das ist der ungeheuere Segen davon, daß Christian Morgenstern sich mit dem Geist unserer Bewegung verbunden hat und so die Möglichkeit hatte, ihn hinaufzutragen, so daß diejenigen Wesenheiten Anthroposophie in der geistigen Welt sehen können, die Sehnsucht hatten, so etwas kennenzulernen.
[ 4 ] Today, after his death, Christian Morgenstern appears to me as the spiritual guide of many people who, in the brief periods of humanity’s spiritual development that have now passed, ascended into the spiritual worlds—worlds that receive immense benefit from the fact that these people were, in a certain sense, endowed in the physical world with an inner longing for the spiritual worlds, yet were unable to find them. They brought this longing with them. We spoke of these longings on the day of the laying of the foundation stone, referring to a specific personality: Herman Grimm. I have shown how close he had come to grasping the spiritual world, and yet had been unable to find it. For him and many others, it is an immense blessing that—to put it in human terms—they can now be convinced of what they sought and could not find: that they can be convinced of having it before them in the soul of Christian Morgenstern. Not that they could not otherwise find it in the spiritual world; but it is something else to have it before them in this way. This is the immense blessing of Christian Morgenstern having connected himself with the spirit of our movement and thus having had the opportunity to carry it upward, so that those beings in the spiritual world who longed to know such a thing can now see anthroposophy there.
[ 5 ] Ich mußte gerade im Verkehr mit Christian Morgenstern nach seinem Tode oft zweier Tatsachen gedenken. Die eine schließt sich an an einen der größten Repräsentanten des modernen Geisteslebens, an Goethe. Nun, wir kennen ja alle Goethe als den Dichter des «Faust», als einen der wahrsten Dichter aller Zeiten, weil er das, was er im «Faust» dargestellt hat, in der eigenen Seele durchkämpft und durchlitten hat. Sie wissen ja alle, daß der zweite Teil des «Faust» schließt mit dem Hinaufgehen des Faust in die geistigen Welten. Das hatte Goethe darzustellen, aber zu Goethes Zeiten war nicht die Möglichkeit vorhanden, die Bilder zu finden, die der Wahrheit, wie sie heute gesehen werden muß, entsprechen. Und es macht in gewisser Beziehung einen tragischen Eindruck, wenn wir ein Gespräch Goethes mit Eckermann lesen, in dem er von den Schwierigkeiten spricht, die er hatte, als er daran ging, den zweiten Teil des «Faust» zu vollenden, und dieses Hinaufgehen des Faust in die höheren Welten anschaulich zu machen. Da sagt er:
[ 5 ] In my correspondence with Christian Morgenstern after his death, I was often reminded of two facts. One of them relates to one of the greatest representatives of modern intellectual life, Goethe. Well, we all know Goethe as the author of *Faust*, as one of the truest poets of all time, because he fought through and suffered through in his own soul what he portrayed in *Faust*. You all know, of course, that the second part of “Faust” concludes with Faust’s ascent into the spiritual worlds. That is what Goethe had to portray, but in Goethe’s time it was not possible to find the images that correspond to the truth as it must be seen today. And in a certain sense, it makes a tragic impression when we read a conversation between Goethe and Eckermann in which he speaks of the difficulties he faced when he set out to complete the second part of *Faust* and to bring Faust’s ascent into the higher worlds to life. There he says:
[ 6 ] «Übrigens werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es mit der geretteten Seele nach oben geht, sehr schwer zu machen war, und daß ich bei so übersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen, mich sehr leicht im Vagen hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen durch die scharf umrissenen christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen eine wohltätig beschränkende Form und Festigkeit gegeben hätte.»
[ 6 ] “By the way, you will admit that the conclusion, where the saved soul ascends, was very difficult to write, and that, with such supernatural, almost unimaginable things, I could very easily have lost myself in vagueness had I not given my poetic intentions a beneficially restrictive form and firmness through the sharply defined Christian-ecclesiastical figures and mental images.”
[ 7 ] Wir wissen, daß Goethe zu diesen überkommenen. christlich-kirchlichen Formen greifen mußte, daß er den Übergang der Seele in die übersinnliche Welt in diese Formen einkleiden mußte. Wir wissen aber auch, daß in ihm die Sehnsucht lebte nach dem, was wir heute versuchen in neuen Formen zu bringen, in Formen, die unserer Zeit angemessen sind.
[ 7 ] We know that Goethe had to resort to these traditional Christian-ecclesiastical forms, that he had to clothe the soul’s transition into the supersensible world in these forms. But we also know that within him lived a longing for what we are now attempting to express in new forms, in forms appropriate to our time.
[ 8 ] Da ist es von unendlicher Bedeutung, daß unsere Bewegung gleich am Anfange einen Dichter gefunden hat wie Christian Morgenstern, der in der Lage war, alles, was diese Bewegung ihm geben konnte, unmittelbar zu übertragen in persönliche Empfindungen, die uns insbesondere so warm, so herrlich liebevoll entgegentönen aus seinen nachgelassenen Dichtungen. Daß es ihm möglich war, gleich am Anfange unserer Bewegung das, was sie geben konnte, in das Persönliche so unmittelbar, so elementar aufzunehmen, das ist von ungeheurer Bedeutung, weil Christian Morgenstern alles Persönliche in eine überpersönliche Sphäre hinaufgehoben hat, die mit den Ausgangspunkten unserer Bewegung zusammenhängt. Daß so etwas möglich ist, das hängt wahrhaftig zusammen mit dem Vertrauen, das man in unsere Bewegung haben kann.
[ 8 ] It is of infinite importance that our movement found, right from the very beginning, a poet like Christian Morgenstern, who was able to translate everything this movement could offer him directly into personal feelings, which resonate with us so warmly and so wonderfully lovingly, especially in his posthumously published poems. The fact that he was able, right from the very beginning of our movement, to absorb what it had to offer into the personal realm so directly, so fundamentally, is of immense significance, because Christian Morgenstern elevated everything personal into a transpersonal sphere that is connected to the starting points of our movement. That such a thing is possible is truly connected to the trust one can have in our movement.
[ 9 ] Die andere Tatsache, deren ich immer gedenken muß in diesen Tagen, ist die folgende: Ich habe einmal in einem Berliner Vortrag darauf aufmerksam gemacht, daß ich ein Gespräch hatte mit Herman Grimm, der so nahe war all den Sehnsuchten, die zu einem Verständnis der übersinnlichen Welten nach unserer Art führen. In dem Gespräch versuchte ich diese Dinge zu berühren. Er hatte dafür nur eine abwehrende Bewegung; er wollte das nicht an sich herankommen lassen. Es hatte etwas tief Erschütterndes, dieses eigentümliche Verhalten gerade Herman Grimms zu der für unsere Zeit ureigenen Form des Geisteslebens zu sehen, Herman Grimms, den ich nennen möchte: den akkreditierten Statthalter Goethes für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Alle Bestrebungen unserer Bewegung gehen dahin, gerade solche Geister, die jetzt in der geistigen Welt sind, hinzuweisen auf das, was Christian Morgenstern ihnen sagen kann.
[ 9 ] The other fact I cannot help but think of these days is the following: I once pointed out in a lecture in Berlin that I had a conversation with Herman Grimm, who was so attuned to all the longings that lead to an understanding of the supersensible worlds in our own way. In that conversation, I tried to touch upon these matters. He merely made a defensive gesture; he did not want to let that come near him. There was something deeply unsettling about seeing this peculiar behavior, especially from Herman Grimm, toward the form of spiritual life so characteristic of our time—Herman Grimm, whom I would like to call Goethe’s accredited representative for the second half of the 19th century. All the efforts of our movement are directed toward pointing out to precisely such spirits, who are now in the spiritual world, what Christian Morgenstern can say to them.
[ 10 ] Sie sehen also, wie wir das, was wir als unsere Verbindung, als unser Verhältnis, unsere Liebe zu Christian Morgenstern empfinden, in überpersönliche Sphären zu heben suchen. Ich habe versucht, Ihnen das in einigen Worten anzudeuten.
[ 10 ] So you see how we seek to elevate what we perceive as our connection, our relationship, and our love for Christian Morgenstern to a transcendent realm. I have tried to convey this to you in a few words.
[ 11 ] Wenn Sie mit Ihrem Gefühl verfolgen, was Ihnen jetzt vorgetragen werden soll, so werden Sie durch die Worte Christian Morgensterns auf eine andere Art noch empfinden, was er unserer ganzen Bewegung ist und noch werden wird. An einer Stelle besonders wird man sich mit Rücksicht auf die Ereignisse dieser Tage tief im Herzen berührt fühlen. Wenn auch Christian Morgenstern selbstverständlich, als er das Gedichtchen schrieb, einen ganz anderen Krieg meinte, als derjenige ist, den wir heute erleben müssen, so geht es doch angesichts der Ereignisse der heutigen Tage tief zu Herzen, was gerade dies eine kleine Gedichtchen enthält.
[ 11 ] If you listen with your heart to what is about to be recited to you, Christian Morgenstern’s words will help you feel, in a different way, what he means to our entire movement and what he will come to mean. There is one passage in particular that will touch your heart deeply in light of the events of these days. Even though Christian Morgenstern, of course, had a very different war in mind when he wrote this little poem than the one we are forced to endure today, the message contained in this very short poem still strikes a deep chord in light of current events.
[ 12 ] So werden wir jetzt zunächst daran gehen, bevor ich diese Betrachtungen fortsetze, etwas aus den nachgelassenen Gedichten unseres lieben Freundes Christian Morgenstern zu hören.
[ 12 ] So, before I continue with these reflections, let us first listen to a few of the posthumous poems by our dear friend Christian Morgenstern.
[ 13 ] Rezitation durch Marie Steiner-von Sivers «Aus den nachgelassenen Gedichten von Christian Morgenstern». Es ist nicht festgehalten, welche Gedichte vorgetragen wurden, aber sicherlich waren darunter die beiden folgenden:
[ 13 ] Recitation by Marie Steiner-von Sivers from *Aus den nachgelassenen Gedichten von Christian Morgenstern* (From the Posthumous Poems of Christian Morgenstern). It is not recorded which poems were recited, but the following two were certainly among them:
Anthroposophie
Oh Welt, — du armer Mensch,
der du nicht weißt,
was hier inmitten deiner
sich begibt.Die wahre Größe dieser wirren Zeit
wird hier lebendig menschhaft dargelebt,
ein Stück erhabenster Geschichte rollt
hier vor uns ab — und wir sind mit in ihm!O große Welt, du armer Muttermensch
die (wieder einmal — o du Träumerin!)
nicht weiß, nicht ahnt,
was sich in ihr gebiert.(1911)
ICH
Ich schaue zu, wie sich die alte Welt
in mir erhebt und immer wieder streitet,
und wie die neue sanft darübergleitet,
so wechselweis verdüstert und erhellt.Ich schaue zu. Wie endigt wohl der Krieg?
Wird sich der trübe Rauch zu Boden schlagen
und morgendliche Klarheit drüber tagen?
ICH schaut mir zu. Vielleicht ruft dies dem Sieg.(1909)
Anthroposophy
O world, — you poor human being,
who do not know,
what is taking place here
in the midst of you.The true greatness of these turbulent times
is brought to life here in a truly human way,
a chapter of the most sublime history unfolds
here before us—and we are part of it!O great world, you poor mother-human
who (once again—O you dreamer!)
knows not, suspects not,
what is being born within you.(1911)
I
I watch as the old world
rises within me and struggles again and again,
and as the new one glides gently over it,
alternately darkening and illuminating it.I watch. How will the war end?
Will the gloomy smoke settle to the ground
and morning clarity dawn over it?
I watch myself. Perhaps this heralds victory.(1909)
[ 14 ] Musik. Vorführung von Bildern des Goetheanum-Baues. Musik
[ 14 ] Music. Presentation of images of the Goetheanum building. Music
[ 15 ] Meine lieben Freunde! Vielleicht haben Sie schon aus mancherlei, das hier und auch an anderen Orten auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft gesprochen worden ist — auch aus den einleitenden Worten über unseren lieben Freund Christian Morgenstern —, entnommen, daß mir etwas darauf ankommt, alle unsere Bestrebungen, also auch das, was an unsere Bestrebungen sich angliedert, als ein Ganzes, als etwas Einheitliches zu nehmen, und daß es mir namentlich darauf ankommt, daß dieses ganze, das der Menschheitsevolution wie ein Impuls zu einer neuen Geisteskultur einverleibt werden soll, sich wirklich anschließt an die Sehnsuchten, an die Hoffnungen, an die Erwartungen der Geisteskultur der unmittelbar verflossenen Zeit. Ich habe das ja insbesondere hier bei der Feier zum Gedenken der Grundsteinlegung unseres Baues zu betonen versucht. Man sollte also unsere Geisteswissenschaft und ihre Bestrebungen, neben anderem auch das, was als Bilder unseres Baues eben vor Ihren Augen abgerollt ist, und endlich das, was als Eurythmie sich einleben soll in unseren Kulturzusammenhang, betrachten als ein einheitliches Ganzes, aber auch als etwas, was nicht nur für sich ein Ganzes ist, sondern sich anschließt an etwas, das man erwartet hat. Und wenn ich vorhin versuchte, mit ein paar Worten eine Linie zu ziehen von Goethe bis zu Christian Morgenstern über Herman Grimm, so sollte dies nur ein zweifaches Beispiel dafür sein, wie auf der einen Seite in der Menschheitsentwickelung wirklich Veranlassung dazu gegeben ist, daß man in einem tieferen Optimismus an einen Fortgang der Menschheitsentwickelung glauben darf, auf der anderen Seite aber auch dafür, daß geistige Faktoren, geistige Impulse fortwährend in die Menschheitsentwickelung eingreifen. Ich habe versucht, vor ihre Seelen zu führen, wie Goethe am Schlusse seines «Faust» den Aufstieg Fausts in die geistigen Welten darstellen mußte mit alten christlich-katholischen Formen, und ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie in dem Dichter Christian Morgenstern jemand zu uns gefunden hat, der den Anfang damit gemacht hat, das geistige Leben, die übersinnlichen Welten, in neue Formen zu prägen, wie es für den Menschen der Gegenwart notwendig ist. Aus manchem der nachgelassenen Gedichte, aus manchen dieser Worte werden Sie wiederum vernommen haben, wie Dichtung sich vereinigen kann, innigst sich vereinigen kann mit dem, was das von uns gemeinte geistige Leben will: daß ein neues Verhältnis gefunden werde zwischen dem Leben des Menschen auf dem physischen Plane und seinem Angeknüpftsein an die geistigen Welten, und wie geistige Faktoren in die Fortentwickelung der Menschheit eingreifen. Ich versuchte es klar zu machen, indem ich auszusprechen wagte, was unter wahren Anthroposophen ausgesprochen werden darf: daß Herman Grimm, der genannt werden darf der akkreditierte Statthalter Goethes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gewissermaßen das, was er auf Erden im physischen Leibe nicht finden konnte, nun finden darf im Anblick dessen, was Christian Morgenstern schon jetzt in die geistigen Welten hinaufzutragen in der Lage war. Da sehen wir das Zusammenwirken des Geistigen mit dem physischen Menschheitsfortgang.
[ 15 ] My dear friends! Perhaps you have already gathered from various things that have been said here and elsewhere in the field of Spiritual Science—including the introductory remarks about our dear friend Christian Morgenstern—that it is important to me to view all our endeavors, and thus also that which is connected to our endeavors, as a whole, as something unified, and that it is particularly important to me that this whole, which is to be incorporated into human evolution as an impulse toward a new spiritual culture, truly connects with the longings, the hopes, and the expectations of the spiritual culture of the immediately preceding era. I have, in fact, sought to emphasize this especially here at the ceremony commemorating the laying of the foundation stone of our building. One should therefore regard our Spiritual Science and its endeavors—including, among other things, what has just unfolded before your eyes in the form of images of our building, and finally what is to take root in our cultural context as eurythmy—as a unified whole, but also as something that is not merely a whole in itself, but connects to something that has been anticipated. And when I tried earlier to draw a line in a few words from Goethe to Christian Morgenstern via Herman Grimm, this was intended merely as a twofold example of how, on the one hand, human development truly provides grounds for believing with a deeper optimism in the progress of human development, but on the other hand also demonstrates that spiritual factors and spiritual impulses continually intervene in human development. I have tried to bring before your souls how, at the end of his *Faust*, Goethe had to depict Faust’s ascent into the spiritual worlds using old Christian-Catholic forms, and I have pointed out how, in the poet Christian Morgenstern, we have found someone who has begun to shape spiritual life and the supersensible worlds into new forms, as is necessary for people of the present day. From some of the posthumous poems, from some of these words, you will have heard once again how poetry can unite, can unite most intimately, with what the spiritual life we have in mind desires: that a new relationship be found between human life on the physical plane and its connection to the spiritual worlds, and how spiritual factors intervene in the further development of humanity. I attempted to make this clear by daring to say what may be said among true anthroposophists: that Herman Grimm, who may be called Goethe’s accredited representative in the second half of the 19th century, may now, in a sense, find what he could not find on earth in the physical body, in the vision of what Christian Morgenstern was already able to carry up into the spiritual worlds. There we see the interplay of the spiritual with the physical progress of humanity.
[ 16 ] Und suchen wir denn nicht, meine lieben Freunde, mit alle dem, was in unserem Bau sich ausspricht, nach einer neuen Form der alten Schönheit? Denn Schönheit bedeutet noch viel mehr, als was man gewöhnlich mit dieser Idee, mit diesem Begriff verbindet. Man muß nur sich klarmachen, wie mannigfaltig geartet der Menschheitsfortschritt ist, wenn man gewahr werden will, was es zu bedeuten hat, daß in irgendeinem Zeitalter, wie das unsrige eines ist, neue Formen. der Schönheit, neue Formen der ganzen menschlichen Seelenstimmung hervortreten sollen. Es muß dazu kommen, daß aus den Impulsen der Geisteswissenschaft, wie wir sie meinen, etwas sich heraus entwickelt, was einen Fortschritt gegenüber dem Früheren bedeutet, was noch hinausgeht über das, was selbst Goethe im «Faust» wollen konnte. Wir müssen so etwas erhoffen. Konnte doch Goethe, als er die Sehnsucht empfand, sich in Schönheit zu vertiefen, nichts anderes machen, als nach Rom zu gehen, um die griechische Schönheit in der Seele nachzuerleben. Konnte doch im Grunde genommen das ganze 19. Jahrhundert nichts anderes tun, als nach Rom zu gehen, um die griechische Schönheit nachzuerleben. Aber das Zeitalter ist gekommen, wo man nicht bloß nach Rom gehen, nicht bloß in klassische griechische Schönheitsformen sich vertiefen, sondern wo man in geistige Welten hineingehen muß, um aus den geistigen Welten heraus neue Schönheitsformen zu finden. Und Wert muß darauf gelegt werden, daß das verflossene Zeitalter gewissermaßen dürstete nach solchem Herannahen einer Epoche geistigen Erlebens. Mehr als die Gegenwart es ahnt, drückt sich das gerade in einem solchen Geiste aus, wie es Herman Grimm war, dieser Statthalter des Goetheanismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht um über Herman Grimm etwas zu sagen, sondern um an seinem Beispiel zu zeigen, was von dem Geistesleben unserer Gegenwart erwartet wird, möchte ich dieses Glied, Herman Grimm, einfügen in die Entwickelung der Menschheit, wie sie sich vollzogen hat von Goethe bis zu uns herüber, die wir uns betrachten dürfen als wirklich in dem drinnen lebend und strebend, was im Grunde genommen auch Goethe im Innersten seines Herzens, im Innersten seiner Seele wollte. Mannigfaltig und nur tieferer Betrachtung zugänglich ist die Art, wie das Geistesleben in der Evolution der Menschheit fortschreitet.
[ 16 ] And are we not, my dear friends, seeking—through everything that finds expression in our building—a new form of the old beauty? For beauty means much more than what is usually associated with this idea, with this concept. One need only realize how manifold the nature of human progress is if one wishes to grasp what it means that in any age, such as ours, new forms of beauty, new forms of the entire human mood, are to emerge. It must come to pass that, from the impulses of Spiritual Science as we understand it, something develops that represents progress over what came before, something that goes even beyond what even Goethe could have intended in *Faust*. We must hope for something like this. After all, when Goethe felt the longing to immerse himself in beauty, he could do nothing else but go to Rome to relive Greek beauty in his soul. After all, the entire 19th century could do nothing else but go to Rome to relive Greek beauty. But the age has come when one must not merely go to Rome, not merely immerse oneself in classical Greek forms of beauty, but when one must enter into spiritual worlds in order to find new forms of beauty emerging from those spiritual worlds. And it must be emphasized that the past age, so to speak, thirsted for such an approach of an epoch of spiritual experience. More than the present realizes, this is expressed precisely in a spirit such as that of Herman Grimm, this standard-bearer of Goetheanism in the second half of the 19th century. Not to say anything about Herman Grimm, but to show by his example what is expected of the spiritual life of our present, I would like to insert this link, Herman Grimm, into the development of humanity as it has unfolded from Goethe down to us, who may consider ourselves truly living and striving within what, in the deepest sense, Goethe himself desired in the innermost part of his heart and soul. The manner in which spiritual life progresses in the evolution of humanity is manifold and accessible only to deeper contemplation.
[ 17 ] Sie wissen, ich erwähne Persönliches nur, wenn eine sachliche Veranlassung dazu da ist. Ich muß jetzt manchesmal, wenn ich die Gedanken auf die Evolution der Menschheit lenke, eines schwachen Versuches gedenken, den ich als ganz junger Mensch machte. Es war diese Schrift das zweite, was von mir überhaupt gedruckt worden ist. Ich versuchte dazumal — kindlich selbstverständlich, denn ich war ja erst 23 oder 24 Jahre alt — jenen Fortschritt mir klarzumachen von dem, was Shakespearesche Gestalten sind, zu dem, was der Goethesche Faust ist. Durch Shakespeare ist etwas geschaffen worden, was gerade in seinem Zeitalter geschaffen werden mußte, in dem Menschen nur dargestellt werden konnten als Menschentypen, in einer solchen Art und Weise, daß die Art, wie sie dargestellt sind, unmittelbar eine Entfaltung ihrer inneren Seelenkräfte zeigt. Der Fortschritt im Goetheschen «Faust» liegt darin, daß Goethe nicht die einzelnen Gestalten als einzelne Typen hingestellt hat — wie Hamlet, Lear, Macbeth und so weiter bei Shakespeare —, sondern den Faust als den Menschen unseres Zeitalters. Faust kann man nur einmal in eine Dichtung hineinstellen; das, was Shakespeare zu geben hatte, konnte in vielen Menschentypen vor die Menschen hingestellt werden. Man muß so die Vielfältigkeit des menschlichen Geisteslebens in der Evolution ins Auge fassen, daß in jedem Zeitalter gerade das geschehen muß, was als das Charakteristische dieses Zeitalters sich ausspricht.
[ 17 ] You know that I only mention personal matters when there is a factual reason to do so. Now, whenever I turn my thoughts to the evolution of humanity, I am sometimes reminded of a feeble attempt I made as a very young man. That essay was the second thing of mine ever to be published. At that time—childishly, of course, for I was only 23 or 24 years old—I tried to make clear to myself the progress from what Shakespeare’s characters are to what Goethe’s Faust is. Through Shakespeare, something was created that had to be created precisely in his age, in which human beings could only be portrayed as human types, in such a way that the manner of their portrayal directly reveals an unfolding of their inner soul forces. The progress in Goethe’s *Faust* lies in the fact that Goethe did not present the individual characters as individual types—as in Hamlet, Lear, Macbeth, and so on in Shakespeare—but rather presented Faust as the human being of our age. Faust can be placed in a work of poetry only once; what Shakespeare had to offer could be presented to people through many human types. One must thus view the diversity of human spiritual life in evolution in such a way that in every age, precisely what must happen is what expresses itself as the characteristic of that age.
[ 18 ] Und wenn wir heute suchen, so recht eine Seelenstimmung, so recht ein tiefes Gefühl zu finden vom Angegliedertsein der Menschenseele an die höheren Hierarchien, so ist das wirklich — so wie es uns in der Geisteswissenschaft entgegentritt — in einem gewissen Sinne die Erfüllung von Erwartungen, von Erwartungen, die so da waren in der Menschheitsentwickelung, daß man sagen kann: Gerade solche repräsentative Geister wie Herman Grimm drückten in ihrer Art tiefste Sehnsucht aus nach etwas, worauf sie warteten, und was so gegeben werden muß, wie wir heute schildern die höheren Hierarchien und ihr Verhältnis zum Menschen. Sehen Sie, am tiefsten, so recht am seelenhaftesten, man möchte sagen am seelenkernkräftigsten konnte das ein Geist wie Herman Grimm ausdrücken. Und gerade an ihm zeigt sich immer wiederum, wo wir seine Bücher auch aufschlagen, wie mit seiner Persönlichkeit die Erwartung der Geisteswissenschaft verbunden ist, die von ihm aber, als sie ihm flüchtig entgegentrat, nicht verstanden werden konnte. Es mußte eben erst so etwas eintreten, wie es nach Christian Morgensterns Tod da war.
[ 18 ] And when we seek today to find a true spiritual mood, a truly deep feeling of the human soul’s connection to the higher hierarchies, this is truly—as it appears to us in Spiritual Science—in a certain sense the fulfillment of expectations, of expectations that have been present in human development to such an extent that one can say: It was precisely such representative figures as Herman Grimm who, in their own way, expressed the deepest longing for something they were waiting for—and which must be given in the way we describe today the higher hierarchies and their relationship to humanity. You see, at the deepest level, in the most soulful way—one might say with the greatest power of the soul’s core—a spirit like Herman Grimm was able to express this. And it is precisely in him that we see, time and again, wherever we open his books, how the expectation of Spiritual Science is linked to his personality—an expectation that he, however, could not understand when it fleetingly met him. Something like what occurred after Christian Morgenstern’s death simply had to happen first.
[ 19 ] Ich traf einmal mit Herman Grimm anläßlich seines Besuches im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar zusammen. Da sprach er davon, wie er sich die Evolution der Menschheit vorstellte, daß ihm Geschichte nicht eine Aufzählung dessen sei, was gewöhnlich als Geschichte aufgezeichnet ist; ihm sei Geschichte eine Evolution geistiger Kräfte. Aber er konnte sich nur dazu erheben, sie eine Geschichte der Phantasiearbeit der Menschen zu nennen. Daß es Imaginationen in der Menschheitsentwickelung gibt, die unbewußt in die Menschheit einfließen und sich umsetzen in menschliche Tätigkeit, daß es Inspirationen und Intuitionen in der Geschichte gibt, das konnte ihm nicht aufgehen. «Phantasiearbeit der Völker» war ihm das. Er konnte nicht dazu kommen, das rein Äußerliche, Tatsächliche der Maja, das er «Phantasiearbeit der Völker» nannte, abzulösen durch dasjenige, was sich im menschlichen Geiste darbieten muß, wenn er den Aufstieg aus der physischen Welt in die geistige finden will. Man wird wirklich erst später verstehen, was es für das 19. Jahrhundert bedeutete, wenn Herman Grimm sagte: Was kann uns das, wie die Geschichte Julius Cäsar wiedergegeben hat, besonders interessieren? Julius Cäsar — meint Herman Grimm — interessiert mich viel mehr, wie er von Shakespeare dargestellt ist. Das ist wahrer, historischer als alles, was in der Geschichtsschreibung dargestellt ist. — Immer wieder verwies er darauf, wie gern er Tacitus liest, aus dem Grunde, weil dieser ein Mensch war, der aus der Seele heraus lebendig zu machen und ins Geistige zu verwandeln wußte, was er zu schildern hatte. Aus solchen Vorstellungen heraus entstand dann ein so wunderbarer Gedanke wie der, den Herman Grimm in den neunziger Jahren niedergeschrieben hat, und der in seinem Homer-Buche steht, ein Gedanke, der wirklich so recht wie eine Erwartung dessen dasteht, was als Kunde von den Hierarchien kommen soll: «Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen.»
[ 19 ] I once met with Herman Grimm during his visit to the Goethe-Schiller Archive in Weimar. There he spoke of his mental image of the evolution of humanity, explaining that history was not, for him, a mere enumeration of what is usually recorded as history; rather, history was, for him, an evolution of spiritual forces. But he could only bring himself to call it a history of humanity’s imaginative work. He could not grasp that there are imaginations in human development that flow unconsciously into humanity and are translated into human activity, that there are inspirations and intuitions in history. “The imaginative work of peoples” was what it was to him. He could not bring himself to replace the purely external, factual aspect of maya—which he called “the imaginative work of peoples”—with that which must present itself in the human spirit if it is to find the ascent from the physical world into the spiritual. One will truly understand only later what it meant for the 19th century when Herman Grimm said: What can particularly interest us in the way history has portrayed Julius Caesar? Julius Caesar—says Herman Grimm—interests me far more as he is portrayed by Shakespeare. That is truer, more historical than anything presented in historiography. — Time and again he pointed out how much he enjoyed reading Tacitus, for the reason that Tacitus was a man who knew how to bring to life from the depths of his soul and transform into the spiritual realm whatever he had to describe. From such mental images arose a thought as wonderful as the one Herman Grimm wrote down in the 1890s, which appears in his book on Homer—a thought that truly stands as an anticipation of what is to come as a message from the hierarchies: “Human beings, as a totality, recognize themselves as subject to an invisible court of judgment enthroned as if in the clouds; they regard it as a misfortune not to be permitted to stand before it, and they seek to align their inner conflicts with its judicial proceedings.”
[ 20 ] Ein wunderbares Bild von dem in den Wolken thronenden Gerichtshofe, unter dem sich die Völker wissen! Lebt darin nicht alle Sehnsucht nach den Hierarchien, nach Erkenntnis dessen, was die Hierarchien für die Menschheit sind?
[ 20 ] What a wonderful image of the Court of Justice enthroned in the clouds, beneath which the peoples know they stand! Does this not embody all longing for hierarchies, for an understanding of what hierarchies mean for humanity?
[ 21 ] So waren in der neueren Geistesentwickelung Geister heraufgekommen, welche in ihrer geschichtlichen Auffassung so etwas hatten wie eine Art Verwandlungsfähigkeit, so daß auch hier solche Geister wie vor der Pforte desjenigen stehen, was Geisteswissenschaft will. Eine richtige Vorstellung davon, daß wirklich etwas zur Weltentwickelung hinzugekommen ist dadurch, daß Herman Grimm, so wie er es tat, gesprochen hat über Michelangelo, über Raffael, über Tacitus, Shakespeare, Voltaire und über Homer, wird die Menschheit erst durch die Geisteswissenschaft lernen, und diesen Gedanken an die wesenhafte Entwickelung in der Welt auch im Herzen empfinden. Und wenn Sie sich erinnern, was Herman Grimm über den Christus gesagt hat, so haben Sie da wieder etwas wie eine Erwartung dessen, was Geisteswissenschaft über den Christus sagt. So haben Sie wieder eine Probe davon, worauf es mir wirklich sehr ankommt, wenn wir das Hereintreten der Geisteswissenschaft ins heutige Leben ins Auge fassen: darzustellen, wie Geisteswissenschaft kommt als Erfüllung von vielem, was erwartet worden ist. 1895 erschien das Buch, worin von dem «in den Wolken thronenden Gerichtshofe» gesprochen wird. Da fühlt man sich wirklich in innigem Anschluß an das, was da war, wenn man dann von einer Stufenfolge der Hierarchien sprechen darf; da ist das Bild ins Geistige übersetzt, das die innere Wahrheit der Sache wiedergibt.
[ 21 ] Thus, in the recent development of the spirit, minds have emerged whose historical perspective possesses a kind of adaptability, so that even here such minds stand at the threshold of what Spiritual Science seeks. Humanity will only learn through Spiritual Science a true mental image of the fact that something has truly been added to the development of the world through the way Herman Grimm spoke about Michelangelo, Raphael, Tacitus, Shakespeare, Voltaire, and Homer, and will also feel this idea of the essential development in the world in their hearts. And if you recall what Herman Grimm said about Christ, you have there again something like an anticipation of what Spiritual Science says about Christ. Thus you have another example of what is truly very important to me when we consider the entry of Spiritual Science into contemporary life: to show how Spiritual Science comes as the fulfillment of much that has been anticipated. In 1895 the book was published in which the “court of judgment enthroned in the clouds” is spoken of. There one truly feels a deep connection to what was there, when one may then speak of a succession of hierarchical levels; there the image is translated into the spiritual, reflecting the inner truth of the matter.
[ 22 ] Und selbst von dieser inneren Verwandlungsfähigkeit zeigten sich schon die Ansätze. Denn so wie Herman Grimm zum Beispiel gesprochen hat über Michelangelo, Raffael, über Homer, Tacitus, Shakespeare, über Voltaire gerade in der Zeit des deutsch-französisischen Krieges im Jahre 1870, die Art und Weise, wie er in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts lebendig zu machen gewußt hat die Schriften Emersons, zeigt uns etwas von der Verwandlungsfähigkeit, zu der der ernste Teil der Menschheit hinstrebt, und die nun ihre Erfüllung in der Geisteswissenschaft finden kann. Und Geisteswissenschaft muß eben gerade das geben, was für jeden Menschen das Allerpersönlichste werden kann, so daß das menschliche Fühlen das weiteste wird, das allerweiteste, aber dafür auch das allerintensivste.
[ 22 ] And even the first signs of this inner capacity for transformation were already evident. For just as Herman Grimm, for example, spoke of Michelangelo, Raphael, Homer, and Tacitus, Shakespeare, and Voltaire—especially during the Franco-Prussian War of 1870—and the way he was able to bring Emerson’s writings to life in the 1850s, all show us something of the capacity for transformation toward which the serious part of humanity strives, and which can now find its fulfillment in Spiritual Science. And Spiritual Science must provide precisely that which can become the most personal thing for every human being, so that human feeling becomes the broadest, the broadest of all, but in return also the most intense of all.
[ 23 ] Man möchte wirklich sagen: Gerade an einem solchen repräsentativen Geiste wie Herman Grimm — mit dem ich immer mehr und mehr unseres Freundes Christian Morgensterns Wirken für die geistige Welt in Zusammenhang bringen zu können glaube — zeigt sich das Hinstreben nach dem Spirituellen, und es ist wichtig, an diesen Tatsachen nicht vorüberzugehen. Ein vierjähriges Kind war Herman Grimm, als Goethe starb, dreiundsiebzigjährig ist er am 16. Juni 1901 in Berlin gestorben. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hat er so mitgelebt, daß er gleichsam in seiner Persönlichkeit vereint sich zeigen mußte mit alle dem, was an Impulsen der Schönheit von Goethe in die Menschheit ausgeflossen ist.
[ 23 ] One really feels like saying: It is precisely in a figure as representative as Herman Grimm—whom I increasingly believe I can connect to our friend Christian Morgenstern’s work for the spiritual world—that the striving for the spiritual is evident, and it is important not to overlook these facts. Herman Grimm was a four-year-old child when Goethe died; he himself died in Berlin on June 16, 1901, at the age of seventy-three. He lived through the second half of the 19th century in such a way that his personality, as it were, had to unite with all the impulses of beauty that flowed from Goethe into humanity.
[ 24 ] In wunderbarer Weise sieht man gerade in Herman Grimm diese Tendenz der Menschheit nach dem Geistigen hin, dieses Herausbilden eines Organs für das Verständnis des Geistigen. Und ich muß immer wieder und wiederum, gerade wenn ich den Kulturwert unserer Eurythmie bedenke — ja, vielleicht darf ich so sagen —, an den äußeren Gestus im Leben Herman Grimms denken. Ich muß immer wieder schauen, wie bei Herman Grimm im äußeren Gestus alles eins war, und nicht jene Disharmonie vorhanden war, die ja insbesondere innerhalb des materialistischen Lebens auftritt, wo man so gar nicht sieht, wo das Geistige in das Körperliche übergeht. Es ist um aus der Haut zu fahren, wenn man all die modernen Sportgeschichten wie zum Beispiel Fußball und so weiter sieht, wie sie den Menschen mechanisieren und ihm nichts von dem einfügen, was in ihm geistig ist, so sehr man sich das auch einbildet. Alles, was man da anstrebt, ist ja ein Hohn auf das Geistige, so gut es auch gemeint ist. Demgegenüber erscheint eine Gestalt wie Herman Grimm, bei dem alles Äußere im Einklang ist mit dem Seelischen, als etwas Einheitliches: die Art, wie er gegangen ist, selbst, daß er immer einen Zylinder trug, gehört zum Ganzen seiner Persönlichkeit, die Art, wie er die Hände bewegt hat, die Art, wie er gesprochen hat, die Art, wie er sich in Bozen aufgehalten hat, wenn er an seinem HomerBuche schrieb, wie er an dem Homer-Buche nur schreiben konnte, wenn er in Bozen den Frühling erwartete. Es stimmt alles so schön zusammen; wie er am Homer-Buche schreibt, wie er bei abnehmendem Tage hinausgeht und in Bozen in den Anlagen die wunderbare Statue Walthers von der Vogelweide anschaut, wie er sie bis in den Gestus hinein zu schildern weiß, wie er zu schildern weiß den wunderbaren Marmor, der aus den Steinbrüchen in der Nähe von Bozen kommt, und wie er anzugliedern weiß alles, was er schafft, alles, was er tut, an das Geistesleben, in dem er drinnensteht.
[ 24 ] In a wonderful way, one sees in Herman Grimm this human tendency toward the spiritual, this development of an organ for understanding the spiritual. And time and again, especially when I consider the cultural value of our eurythmy—yes, perhaps I may put it that way—think of the outward gestures in Herman Grimm’s life. I must look again and again at how, in Herman Grimm’s outward gestures, everything was one, and there was none of that disharmony that arises especially within materialistic life, where one cannot see at all where the spiritual merges into the physical. It is enough to drive one mad when one sees all these modern sports, such as soccer and so on, how they mechanize people and fail to instill in them anything of what is spiritual within them, no matter how much one imagines otherwise. Everything one strives for there is, after all, a mockery of the spiritual, however well-intentioned it may be. In contrast, a figure like Herman Grimm, in whom everything external is in harmony with the soul, appears as a unified whole: the way he walked, even the fact that he always wore a top hat, is part of the whole of his personality—the way he moved his hands, the way he spoke, the way he spent his time in Bolzano while writing his book on Homer, how he could only write that book on Homer while awaiting spring in Bolzano. It all fits together so beautifully; how he writes on the Homer book, how he goes out as the day wanes and gazes at the wonderful statue of Walther von der Vogelweide in the gardens of Bolzano, how he knows how to describe it right down to its gestures, how he knows how to describe the wonderful marble that comes from the quarries near Bolzano, and how he knows how to connect everything he creates, everything he does, to the intellectual life in which he is immersed.
[ 25 ] Manches getraue ich mich selbst zu beurteilen, da ich selbst eine Zeitlang nahe war einer Arbeitsstätte deutschen Geisteslebens. Ich war von 1889 bis 1897 in Weimar an der Goetheschen Arbeitsstätte, mit der auch Herman Grimm verbunden war. Gerade da konnte man empfinden, wie Goethe der König des Geisteslebens war und Herman Grimm sein von den geistigen Mächten akkreditierter Statthalter. Man konnte empfinden bei Herman Grimm, wie er alles, was da anknüpfte an Goethe, in eine geistige Harmonie von Gesten einzufassen versuchte. Es war sein Bestreben, Goethe geistig zu nehmen. Es war gewissermaßen sein Bestreben, den verstorbenen, aber in seinen Impulsen fortlebenden Goethe anzuerkennen als webend und lebend in dem Geistesleben, in dem man sich selber drinnen fühlte. Es war der Anfang dessen, wie wir heute fühlen, daß die Verstorbenen mit uns innig verbunden sind, und daß sie gleichsam nur in anderer Form mit uns leben, als bevor sie durch die Pforte des Todes geschritten sind. Es bestand das Bestreben, alle einzelnen Phasen, alle einzelnen Momente des Lebens zu einem Gestus zusammenzufassen, mit einem geistigen Gestus.
[ 25 ] There are some things I feel confident judging for myself, since I myself spent some time close to a center of German intellectual life. From 1889 to 1897, I was in Weimar at Goethe’s center of activity, with which Herman Grimm was also associated. It was precisely there that one could sense how Goethe was the king of intellectual life and Herman Grimm his governor, accredited by the spiritual powers. One could sense in Herman Grimm how he sought to frame everything connected to Goethe within a spiritual harmony of gestures. It was his endeavor to grasp Goethe spiritually. It was, so to speak, his endeavor to acknowledge the deceased Goethe—who lived on through his impulses—as weaving and living within the spiritual life in which one felt oneself to be immersed. It was the beginning of what we feel today: that the departed are intimately connected with us, and that they live with us, as it were, only in a different form than before they passed through the gate of death. There was an endeavor to synthesize all the individual phases, all the individual moments of life, into a single gesture—a spiritual gesture.
[ 26 ] Ich glaube ganz sicher, meine lieben Freunde, daß vielleicht manches mich schon damals geführt hätte auf dasjenige, was in der Geisteswissenschaft zu leisten ist, aber nicht auf das, was unsere Eurythmie darbietet, wenn ich nicht damals gerade diesem Geistesleben so nahegestanden hätte, wenn ich nicht mit angesehen hätte, daß — in der Art, wie es damals sein konnte — das Bestreben bestand, etwas herbeizurufen, was geistig ist und sich in der Außenwelt zugleich wirklich auslebt, in der Außenwelt wirklich da ist. Natürlich ist alles das ein großer karmischer Zusammenhang, kein Zufall. Es ist etwas wie eine innere Eurythmie in der Art, wie Herman Grimm das Leben hat nehmen wollen: so wie er die wunderbare Verwandlungsfähigkeit hatte, um als ganz junger Mensch Emerson so in die deutsche Kultur hereinzunehmen, wie er in kein anderes Land hereingenommen worden ist, wie er darauf aufmerksam machte, daß Emerson mehr gelesen werden sollte, weil er die beste Seite des Amerikanismus darstellte, wie er Voltaire, wie er Michelangelo, wie er Raffael auferstehen ließ, und auch Goethe, über den er seine wunderbaren Vorlesungen hielt im Beginne der siebziger Jahre an der Berliner Universität. Den Gelehrten war manches nicht recht an diesen Vorlesungen. Aber in jedem Gedanken, in jedem Wort, in jedem Satz dieser Vorlesungen lebt Goethe; da ist er wieder darinnen, ist mit seinem eigenen Geiste darinnen. Und dem Leben rings umher wollte wirklich Herman Grimm mit seinem Buche «Goethe» etwas geben. Es war ein einzigartiges Ereignis, daß Goethe, der physisch seit 1832 tot war, der fast vergessen war, gerade durch Herman Grimm in den siebziger Jahren wieder auflebte.
[ 26 ] I am quite certain, my dear friends, that certain things might have already guided me back then toward what needs to be accomplished in Spiritual Science, but not to what our eurythmy offers, had I not been so close to that spiritual life at the time, had I not witnessed that—in the way things were back then—there was an aspiration to bring forth something that is spiritual and at the same time truly manifests itself in the outer world, truly exists in the outer world. Of course, all of this is part of a great karmic connection, not a coincidence. It is something like an inner eurythmy in the way Herman Grimm sought to embrace life: just as he possessed the wonderful ability to adapt, enabling him, as a very young man, to introduce Emerson into German culture in a way that no other country had ever done, just as he drew attention to the fact that Emerson should be read more because he represented the best side of Americanism, just as he brought Voltaire, Michelangelo, and Raphael to life, and also Goethe, on whom he gave his wonderful lectures in the early 1870s at the University of Berlin. The scholars found much to object to in these lectures. But in every thought, in every word, in every sentence of these lectures, Goethe lives; there he is again within them, present with his own spirit. And Herman Grimm truly wanted to give something to the life around him with his book *Goethe*. It was a unique event that Goethe, who had been physically dead since 1832 and had been almost forgotten, was revived in the 1870s precisely through Herman Grimm.
[ 27 ] Aber nun, weil ich von dem einheitlichen Gestus sprach, möchte ich doch darauf hinweisen, wie Herman Grimm immer bestrebt war, alle Dinge in einem großen Zusammenhang zu sehen, wie er in dieser Beziehung wirklich einmal Lehrmeister zu werden vermag für alle diejenigen, die den Übergang suchen vom Geistesleben des 19. Jahrhunderts zum Geistesleben der Anthroposophie. Goethe ist etwas für die Menschheit Universelles; Herman Grimm macht aufmerksam in den «Beiträgen zur Culturgeschichte», wie Goethe gleich irdisch universell wurde, nachdem er durch die Pforte des Todes in die geistige Welt eingetreten war. Eine schöne Stelle aus einer Vorlesung Carlyles aus dem Jahre 1838 zitiert Herman Grimm: «Wenn ein Mann wie Goethe in einer Epoche auftritt, welche Epoche es auch sei: seine Erscheinung ist das Größte, was in ihrem Verlauf sich ereignen kann. Er ist die Mitte. Von ihm geht aller geistige Einfluß aus. Bei ihm muß es heißen wie bei Shakespeare: Keiner war da wie er, bevor er kam. Er war nicht wie Shakespeare, aber dieselbe Klarheit, derselbe Geist der Duldung, dieselbe Tiefe menschlichen Wesens walteten in Beiden.»
[ 27 ] But now, since I spoke of the unified gesture, I would like to point out how Herman Grimm always strove to see all things in a larger context, how in this regard he is truly capable of becoming a teacher for all those who seek the transition from the spiritual life of the 19th century to the spiritual life of anthroposophy. Goethe is something universal for humanity; in his “Beiträge zur Culturgeschichte,” Herman Grimm draws attention to how Goethe became universally earthly immediately after he had entered the spiritual world through the gate of death. Herman Grimm quotes a beautiful passage from a lecture by Carlyle from the year 1838: “When a man like Goethe appears in an epoch, whatever that epoch may be: his appearance is the greatest thing that can happen in its course. He is the center. All spiritual influence emanates from him. Of him, as of Shakespeare, it must be said: There was no one like him before he came. He was not like Shakespeare, but the same clarity, the same spirit of tolerance, the same depth of human nature reigned in both.”
[ 28 ] Es wird mit einem solchen Wort zugleich auf das Universelle hingewiesen, auf das, was einschneidet in alle menschlichen Verhältnisse, was uns den Dichter, was uns den Geisteshelden nicht so erscheinen läßt, daß er nur in den Wolken thront, sondern so, daß er wirklich eingreift in die geistigen Verhältnisse. So war im ganzen Bewußtsein Herman Grimms über Goethe etwas gegeben, was wirklich geeignet war, Goethes Geist so universell zu nehmen, daß Goethe ihm erscheinen konnte wie der geistige Kaiser, der Kaiser des Geisteslebens. Und in anderer Weise, meine lieben Freunde, als man das sonst in der Welt gewohnt ist, spricht sich aus bei so jemandem wie Herman Grimm die freie Persönlichkeit, das ganze freie Walten der Persönlichkeit, die Selbstsicherheit. Man darf wirklich sagen: In Herman Grimm lebt etwas, was ihn die äußeren Verhältnisse nehmen ließ, wie sie zu nehmen sind, auf der anderen Seite ihn aber immer fußen ließ auf dem, was er als sein Geistesleben in sich hatte; und alle weltlichen Verhältnisse beurteilte er nach der Sicherheit dieses Geisteslebens.
[ 28 ] Such a word simultaneously points to the universal—to that which permeates all human relationships, which does not allow us to view the poet or the intellectual hero as merely enthroned in the clouds, but rather as one who truly intervenes in intellectual life. Thus, in Herman Grimm’s entire consciousness regarding Goethe, there was something that was truly capable of grasping Goethe’s spirit so universally that Goethe could appear to him as the spiritual emperor, the emperor of spiritual life. And in a way, my dear friends, that is different from what one is otherwise accustomed to in the world, the free personality, the full free exercise of personality, and self-assurance find expression in someone like Herman Grimm. One may truly say: In Herman Grimm lives something that allowed him to take external circumstances as they must be taken, yet on the other hand always kept him grounded in what he held within himself as his spiritual life; and he judged all worldly circumstances according to the security of this spiritual life.
[ 29 ] So tritt der Moment auf, wo, man möchte sagen, in seiner vornehm stillen Art Herman Grimm dazu kommen konnte, einen höchsten Moment darin zu erblicken, wenn ein Monarch der äußeren Welt huldigt dem geistigen Kaiser. Das ist auch ein Gestus dieser Welt, von unsagbarer Bedeutung. Ich weiß, daß viele sich daran gestoßen haben, aber man muß die Dinge in ihrem tieferen Zusammenhang nehmen. Viele haben sich daran gestoßen, daß Herman Grimm ein Faktum erwähnt, das ihm passiert ist am Christabend 1876. Aber dieses Faktum ist deshalb bezeichnend, weil es an einen Punkt führt, wo in der neueren Zeit ein Mensch dasteht, der es als natürlich empfindet, wenn ein Monarch der äußeren Welt huldigt dem geistigen Kaiser. So erscheint es mir als ungeheuer charakteristisch für das neuere Geistesleben, wenn Herman Grimm in seinen «Beiträgen zur Deutschen Culturgeschichte» erzählt, wie am Christabend 1876 bei ihm folgender Brief des deutschen Kaisers Wilhelm 1. abgegeben wurde:
[ 29 ] Thus comes the moment when, one might say, in his dignified, quiet manner, Herman Grimm was able to perceive a supreme moment in the act of a monarch of the outer world paying homage to the spiritual emperor. This, too, is a gesture of this world, of ineffable significance. I know that many have taken offense at this, but one must consider things in their deeper context. Many have taken issue with the fact that Herman Grimm mentions an incident that happened to him on Christmas Eve 1876. But this incident is significant because it points to a point in modern times where a person stands who finds it natural for a monarch of the outer world to pay homage to the spiritual emperor. Thus, it strikes me as tremendously characteristic of modern spiritual life when Herman Grimm recounts in his *Beiträge zur Deutschen Culturgeschichte* how, on Christmas Eve 1876, the following letter from the German Emperor Wilhelm I was delivered to him:
«Die Durchsicht Ihres Buches «Goethe», von welchem Sie Mir unter dem 20. vorigen Monats ein Exemplar vorgelegt haben, hat Mir sehr angenehme Eindrücke gewährt. Es ist Ihnen gelungen, dem lichtvollen Bilde des großen Dichters noch manchen lebenswarmen Zug feinfühlig einzufügen und für das Verständnis der Beziehungen zwischen den äußeren Vorgängen seines Lebens und seinen Werken neue Gesichtspunkte zu gewinnen. Indem Ich Mich überzeugt halte, daß die unmittelbar vor dem Weihnachtsfeste den Verehrern des Dichters gespendete sinnige Gabe als eine wertvolle Bereicherung der Goethe-Literatur anerkannt werden wird, danke Ich Ihnen freundlichst für den Genuß, welchen Ich persönlich aus dem Buche geschöpft habe.
Berlin, den 24. Dezember 1876.
Wilhelm.»
“My review of your book *Goethe*, a copy of which you presented to me on the 20th of last month, has left me with very pleasant impressions. You have succeeded in sensitively adding many warm, lifelike touches to the luminous portrait of the great poet and in gaining new perspectives for understanding the connections between the external events of his life and his works. As I am convinced that this thoughtful gift, presented to the poet’s admirers just before Christmas, will be recognized as a valuable addition to Goethe scholarship, I thank you most sincerely for the pleasure I personally derived from the book.
Berlin, December 24, 1876.
Wilhelm.»
[ 30 ] Schöne Worte sagt Herman Grimm im Anschluß an den Empfang dieses Briefes; denn es freute sich ein Geist wie Herman Grimm über die Beziehung zwischen dem geistigen und dem weltlichen Leben. Und in diesem Lichte sah er auch Goethe und seine Zeit, suchte er sich hinaufzuranken zu dem, was vielen Menschen entgeht. Und so konnte es denn kommen, daß Herman Grimm, anschließend an diesen Brief, eine schöne, eine merkwürdige Schilderung gab des Zusammenfließens des geistigen Lebens mit dem Leben der äußeren Welt des 19. Jahrhunderts. Er sagt: «Von Weimar aus» — denn Weimar war für Herman Grimm die erste Hauptstadt des deutschen Geisteslebens; ich weiß es und freute mich oft darüber — «Von Weimar aus waren die Grundlinien der geistigen Fortentwickelung Deutschlands so fest gezogen worden, daß Goethes Anschauungen der natürliche Maßstab blieben. Und als im Drange der nationalen politischen Bedürfnisse Shakespeare neben ihm neu emporstieg, war dieser wie eine nur angehängte Provinz des Goetheschen Reiches. Denn Schlegel hatte Shakespeare in Goethes Deutsch in Goethes Auftrage gleichsam übertragen, und Goethe und Shakespeare vereinigten sich wie zu einer gemeinsam wirkenden Macht» etc. etc.
[ 30 ] Herman Grimm speaks beautifully in response to receiving this letter; for a mind like Herman Grimm’s took great delight in the relationship between the spiritual and the secular life. And it was in this light that he also viewed Goethe and his era, striving to rise to what many people fail to grasp. And so it came to pass that, following this letter, Herman Grimm offered a beautiful, remarkable description of the convergence of intellectual life with the life of the external world in the 19th century. He says: “From Weimar”—for Weimar was, for Herman Grimm, the first capital of German intellectual life; I know this and have often rejoiced in it—“From Weimar, the basic lines of Germany’s intellectual development had been so firmly drawn that Goethe’s views remained the natural standard. And when, in the wake of national political needs, Shakespeare rose anew alongside him, the latter was like a mere appended province of the Goethean empire. For Schlegel had, as it were, translated Shakespeare into Goethe’s German on Goethe’s behalf, and Goethe and Shakespeare united as if into a single, jointly acting power,” etc., etc.
[ 31 ] Und nun folgen die schönen Worte: «Und so faßte der Kaiser Goethe auf. Goethe war seiner Epoche nicht nur der große Dichter, der große Denker, sondern es verband sich der Glanz historischer fürstlicher Höhe mit seiner Person. Ich erinnere an den Schluß des obigen Schreibens, wo der Kaiser des persönlichen Genusses gedenkt, den er aus dem Buche gezogen. Worin bestand dieser? Kaum in etwas, das dessen literarischem Werte zugute käme. Ich wüßte nicht, daß der Kaiser im Gespräche Goethe jemals erwähnt hätte, er hatte sich aber, wie mir erzählt wurde, aus dem Buche vorlesen lassen. Ich erblicke darin die Betätigung eines Gefühles bei ihm, das nicht bloß mit Interesse an Goethe bezeichnet werden dürfte. Goethe war eine hingegangene Macht, die Anspruch auf die Teilnahme des deutschen Kaisers besaß. So etwas wie die Inhaber des höchsten italienischen Ordens «Cousins du Roi» sind.»
[ 31 ] And now come the beautiful words: “And so the Emperor embraced Goethe. Goethe was not only the great poet and thinker of his era, but the splendor of historical princely grandeur was also associated with his person. I recall the conclusion of the above letter, where the Emperor reflects on the personal pleasure he derived from the book. What did this consist of? Hardly anything that would enhance its literary value. I am not aware that the Emperor ever mentioned Goethe in conversation, but, as I was told, he had passages from the book read to him. I see in this the expression of a feeling on his part that should not be described merely as an interest in Goethe. Goethe was a departed power who had a claim to the German Emperor’s attention. Something like the holders of the highest Italian order, the “Cousins du Roi.”
[ 32 ] Wie versteht Herman Grimm zu zeigen, wie das geistige Leben alles ergreift, und er selber ist ein solcher repräsentativer Geist. Er sagt weiter: «Nicht seiner Siege, seiner politischen Erfolge erinnerte man sich zuerst, sondern dessen, was Friedliches im Kaiser lag. Seiner Milde. Seiner gleichabwägenden Gerechtigkeit. Es ist wunderbar, wie im Urteil der Völker selbst bei kriegerischen Fürsten und Gewalthabern zuletzt das immer das meiste Licht empfängt, was sie für die friedliche Entwickelung taten. Wie bei Friedrich dem Großen und Napoleon die bewundernde Betrachtung ihrer organisatorischen Tätigkeit die ihrer kriegerischen Taten bereits überwiegt.»
[ 32 ] Herman Grimm masterfully demonstrates how intellectual life permeates everything, and he himself is such a representative spirit. He goes on to say: “It was not his victories or his political successes that were first remembered, but rather the peaceful qualities inherent in the emperor. His gentleness. His balanced justice. It is wonderful how, in the judgment of peoples, even in the case of warlike princes and rulers, what they did for peaceful development ultimately receives the most attention. As with Frederick the Great and Napoleon, the admiring view of their organizational activities already outweighs that of their military deeds.”
[ 33 ] So sehen wir das Geistesleben der neueren Zeit sich in einen einheitlichen Gestus stellen mit demjenigen, was das andere, das äußere Leben ist. Herman Grimm wußte, daß er in Zeiten der Erwartung lebte. Schön spricht er das in den folgenden Worten aus:
[ 33 ] Thus we see the spiritual life of modern times aligning itself in a unified gesture with that which constitutes the other, the external life. Herman Grimm knew that he was living in times of anticipation. He expresses this beautifully in the following words:
[ 34 ] «Goethes Zeitalter ist mit dem Jahrhundert, dem es den Namen gibt, im Untergehen begriffen. Wir begeistern uns für das Vergangene nicht mehr bloß, weil es vergangen ist. Mag heute mit noch so viel Mitteln gegraben und gesucht werden, mögen die Fundberichte der Altertumsforscher noch so emphatisch von der Wichtigkeit neuester Entdeckungen reden: der Goethesche Blick ruht nicht mehr darauf, unter dem der ausgewühlte Marmor früher in Geist verwandelt wurde. Und auch das Publikum fehlt, das früher an den geheimnisvollen Wert der in diesen Fundstücken schlummernden Gedanken glaubte.» — «Das Goethesche Zeitalter ist vorüber! Goethe selbst aber? Hat das nach ihm genannte Jahrhundert alle Goetheschen Gedanken gekannt? Hier stehen wir einer neuen historischen Erfahrung gegenüber.» — «Die Strahlen des noch im Leben stehenden Goethe hatten das deutsche Land erleuchtet, als der Krieg gegen Napoleon I. vollbracht war und das befreite Volk sich im eigenen Hause einzurichten begann, im guten Glauben, als müsse der sieghafte Geist auch dafür ausreichen. Solange die lebten, welche damals noch mitgetan hatten, regierte ein unantastbares Vertrauen auf die Kraft höherer geistiger Arbeit. Die Jahre der Erniedrigung, welche den Befreiungskriegen folgten, konnten es nicht erschüttern. Noch war dieser Geist in den maßgebenden Kreisen lebendig, als ich vor zwanzig Jahren meine Vorlesungen über Goethe hielt. Schon aber bildeten doch die die Übermacht damals, die von der Wissenschaft im hergebrachten Sinne nicht Förderndes mehr erwarteten. Wissenschaft, wie wir Alten den Begriff fassen, beruhte auf unbegrenzter Anerkennung des in griechischer und lateinischer Sprache Überlieferten.» Und so weiter.
[ 34 ] “Goethe’s age is in decline, along with the century to which it gives its name. We no longer take delight in the past simply because it is past. No matter how much we dig and search today, no matter how emphatically the reports of archaeologists speak of the importance of the latest discoveries: the Goethean gaze no longer rests upon them, under which the selected marble was once transformed into spirit. And the audience is also missing, the audience that once believed in the mysterious value of the thoughts slumbering within these artifacts.” — “The Goethean age is over! But what of Goethe himself? Did the century named after him truly grasp all of Goethe’s ideas? Here we are faced with a new historical experience.” — “The rays of Goethe, who was still alive, had illuminated the German land when the war against Napoleon I was over and the liberated people began to settle into their own homes, in good faith, believing that the victorious spirit must suffice for this as well. As long as those who had participated in those days were still alive, an unshakable trust in the power of higher intellectual work prevailed. The years of humiliation that followed the wars of liberation could not shake it. This spirit was still alive in the influential circles when I gave my lectures on Goethe twenty years ago. Yet even then, those who no longer expected anything from science in the traditional sense were already in the majority. “Science, as we older people understand the term, was based on the unlimited recognition of what had been handed down in the Greek and Latin languages.” And so on.
[ 35 ] Jetzt geht es dazu über, daß man immer mehr und mehr sieht, wie herankommt das Zeitalter der Erwartung, das in Herman Grimm einen letzten repräsentativen Geist findet.
[ 35 ] Now we are seeing more and more clearly how the age of expectation is approaching, an age that finds its ultimate representative spirit in Herman Grimm.
[ 36 ] «Das zwanzigste Jahrhundert wird vielleicht die Entdeckung machen, daß von Goethe das voraus gewußt worden sei, was es einst für sich erreicht haben wird, und sogar das, was es noch erstrebt. Man wird die Stellen seiner Werke bezeichnen, wo das ausgesprochen sei. Immer breiter werden die Zeiträume sich ausdehnen, welche die einander folgenden Generationen von Goethe trennen. Was aber tut ein Jahrhundert mehr oder weniger für das Verhältnis der sich weiter entwickelnden Menschheit zu Homer oder Shakespeare? Ihre Kraft, in die Seelen einzudringen, nimmt immer mehr zu. Mit ihnen wird Goethe einmal als Gestirn für sich die Menschheit begleiten.»
[ 36 ] “The twentieth century may discover that Goethe had foreseen what it would one day achieve on its own, and even what it still strives for. People will point to the passages in his works where this is expressed. The time periods separating successive generations from Goethe will grow ever wider. But what difference does a century or so make to the relationship of an ever-evolving humanity to Homer or Shakespeare? Their power to penetrate the soul grows ever stronger. Alongside them, Goethe will one day accompany humanity as a star in his own right.”
[ 37 ] Man möchte sagen, nach Geist, nach Vergeistigung strebt alles in diesem Manne. So hat er die Erwartung, und so bringt er uns das Vertrauen bei, das echte Vertrauen, das wahre Vertrauen, daß wir nicht etwas geben, was aus äußerer Willkür entsprungen ist, sondern das, was die Menschheit braucht, was sie erwartet hat. Das ist etwas ungeheuer Wichtiges. Und auch das Universelle der Geisteswissenschaft ist es, was schon in dieser Erwartung lebt. Deshalb darf ich noch einmal auf das hinweisen, was Herman Grimm in seinem Homer-Buche sagt:
[ 37 ] One might say that everything in this man strives toward the spirit, toward spiritualization. This is his expectation, and this is how he instills in us that genuine trust, that true trust—that we are not offering something born of external caprice, but rather what humanity needs, what it has been waiting for. This is something immensely important. And it is also the universality of Spiritual Science that already lives within this expectation. That is why I must once again point to what Herman Grimm says in his book on Homer:
[ 38 ] «Die Menschen als Totalität anerkennen sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern. Ich habe das Gefühl, als sei Homers Ziel gewesen, den Kampf der Völker vor Troja so zu fassen, als habe diese in äußerster Vergangenheit liegende Bewegung einst eine Fülle von Nationen umgriffen, deren sittliches Bewußtsein ein gemeinsames war und innerhalb deren um die führende Stellung gekämpft ward. Sie gleichen unserer Epoche darin. Nicht äußere zufällige Gewalt oder zufällige Protektion göttlicher Mächte, sondern die Berechtigung, die der Charakter gewährt, geben in der Ilias die Entscheidung.»
[ 38 ] “Human beings, as a whole, recognize themselves as subject to an invisible court of justice enthroned as if in the clouds; they regard it as a misfortune not to be permitted to stand before it, and they seek to align their disputes with its judicial proceedings. With anxious effort, they seek justice here. How hard the French of today strive to present the war against Germany they are planning as a moral imperative, the recognition of which they demand from other nations, indeed from the Germans themselves. I have the feeling that Homer’s aim was to portray the struggle of the peoples before Troy as though this movement, lying in the most distant past, had once encompassed a multitude of nations whose moral consciousness was a common one and within which a struggle for the leading position was waged. In this they resemble our own era. It is not external, fortuitous force or the fortuitous protection of divine powers, but the justification granted by character that determines the outcome in the Iliad.”
[ 39 ] — Eine schöne Stelle, eine wunderschöne Stelle!
[ 39 ] — What a lovely spot, a truly beautiful spot!
[ 40 ] «Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft.
[ 40 ] “The solidarity of all people’s moral convictions is today the Church that unites us all. We are searching more passionately than ever for a visible expression of this community.
[ 41 ] Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier bereits nicht mehr. Wir fühlen, daß der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte. Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizuführen, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, daß Friede zu halten unser aller heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.» So sagt Herman Grimm in Europas Mitte im Jahre 1895.
[ 41 ] All truly serious endeavors of the masses have but this one goal. The division between nations no longer exists here. We feel that no national distinction prevails when it comes to the ethical worldview. We would all sacrifice ourselves for our fatherland; but we are far from longing for or bringing about the moment when this could happen through war. The assurance that maintaining peace is our most sacred wish is no lie. “Peace on earth and goodwill toward men” permeates us.” So says Herman Grimm in the heart of Europe in 1895.
[ 42 ] Meine lieben Freunde! Es strebte schon die Menschheit danach, das Leben in Einklang zu bringen mit den geistigen Welten, sie strebte danach, eine Gemeinschaft wie die unsrige zu finden. Und es gab Bestrebungen, welche sich in der richtigen Weise zu stellen verstanden zu allen Völkern der Erde und zum Frieden der Menschheit, welche Ausdruck zu geben verstanden der Gesinnung, der auch Ausdruck geben wollte Homer nach Herman Grimms Ansicht für die griechischen Völker: daß ihnen Frieden lieber ist als Krieg. Und so sollte die Menschheit einmal kennenlernen, bei wie vielen als innig mit der Seele verbundene Gesinnung lebte, was ich bei Herman Grimm geschildert habe, wie es das Bestreben gab, aus einem Gusse das Leben zu erhalten, und wie überraschend daher das Hereinbrechen dieses Krieges, der von solcher Gesinnung wirklich nicht gewollt war, gekommen ist.
[ 42 ] My dear friends! Humanity has long sought to bring life into harmony with the spiritual worlds; it has sought to find a community like ours. And there were endeavors that knew how to position themselves correctly toward all the peoples of the earth and toward the peace of humanity, endeavors that knew how to give expression to the sentiment that, in Herman Grimm’s view, Homer also sought to express for the Greek peoples: that they prefer peace to war. And so humanity was to come to know how deeply the sentiment I have described in Herman Grimm was connected to the soul of so many, how there was an aspiration to maintain life as a unified whole, and how surprising, therefore, was the outbreak of this war, which was truly not desired by such a sentiment.
[ 43 ] Und eine Erfüllung der Erwartung soll es auch sein, wenn die ich möchte sagen — Ausläufer unserer geistigen Bewegung eben durchaus aus dem Ganzen unseres Geisteslebens herausgeschöpft sein sollen. So ist es mit unserer Eurythmie, die nicht verwechselt werden darf mit irgendeiner der aus dem materialistischen Zeitalter hervorgegangenen körperlichen, sportlichen, turnerischen oder tänzerischen Bestrebungen, sondern die vielmehr herausgegriffen ist aus unseren geistigen Bestrebungen, damit die Menschen gerade auch in dieser Sphäre erfahren können im unmittelbarsten, innigsten Erleben, wie der Geist wirkt. Ich habe schon von verschiedenen Seiten her gezeigt, wie man zu dieser Eurythmie gekommen ist. Das Bestreben bestand, der Menschheit etwas zu geben, was, ich möchte sagen, auch schon in einem äußerlichen Sinn den Geist der Evolution zeigt. Das konnte man nur, wenn man sich klar war darüber, daß wir im unmittelbaren Leben auch in einer Welt der Formen leben, und daß das Vorwärtsschreiten ein Hineindringen in die Welt der Bewegung ist. Die Welt der Formen beherrscht unseren physischen Leib, die Welt der Bewegung beherrscht unseren Ätherleib. Es müssen nun gefunden werden die Bewegungen, die dem Ätherleib eingeboren sind. Es muß der Mensch angeleitet werden, dasjenige in Gesten, in Bewegungen des physischen Leibes zum Ausdruck zu bringen, was dem Ätherleib natürlich ist.
[ 43 ] And it should also be a fulfillment of the expectation that—as I would like to say—the offshoots of our spiritual movement should indeed be drawn entirely from the whole of our spiritual life. Such is the case with our eurythmy, which must not be confused with any of the physical, athletic, gymnastic, or dance endeavors that have emerged from the materialistic age, but which is rather drawn from our spiritual endeavors so that people may experience, especially in this sphere, in the most direct and intimate way, how the spirit works. I have already shown from various angles how this eurythmy came about. The aim was to give humanity something that, I would say, even in an outward sense reveals the spirit of evolution. This was only possible if one was clear about the fact that in our immediate life we also live in a world of forms, and that moving forward is a penetration into the world of movement. The world of forms governs our physical body; the world of movement governs our etheric body. Now the movements that are inherent to the etheric body must be discovered. Human beings must be guided to express in gestures and movements of the physical body that which is natural to the etheric body.
[ 44 ] Sie werden in den letzten Vorträgen über «Okkultes Lesen und okkultes Hören» gesehen haben, daß im Weltenall, im kosmischen Werden, etwas liegt von regelmäßiger Bewegung. Das überträgt sich auf den menschlichen Ätherleib. Unsere materialistische Kultur der Gegenwart, aus der sich Geister wie Herman Grimm heraussehnten, hat dazu geführt, daß man gar kein Verständnis dafür hat, daß der Mensch sich nur dann richtig in äußeren Formen bewegen kann, wenn er nicht so «dalkerte» — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck Bewegungen dabei hat wie beim Sport, beim modernen Turnen oder beim Fußballspielen, sondern wenn er in sich verfolgt die Bewegungen, die in naturgemäßer Weise seinem Ätherleibe eingeboren sind, wenn man anfängt, die Bewegungen des Ätherleibes in die Bewegungen des physischen Leibes hineinzutragen, wenn der Ätherleib fortlebt in den Bewegungen des physischen Leibes. Das wird versucht in der Eurythmie. Es wird sich herausstellen, daß der Mensch in seinen Bewegungen wirklich ein Zwischenglied ist zwischen den kosmischen Buchstaben, den kosmischen Lauten und dem, was wir selbst gebrauchen in den menschlichen Lauten und Buchstaben in unseren Dichtungen.
[ 44 ] You will have seen in the recent lectures on “Occult Reading and Occult Hearing” that there is a certain regularity of movement in the universe, in cosmic becoming. This carries over into the human etheric body. Our present-day materialistic culture, from which spirits like Herman Grimm yearned to escape, has led to a complete lack of understanding that a person can only move properly in external forms when they do not “strut about” — forgive the trivial expression — as in sports, modern gymnastics, or soccer, but when they follow within themselves the movements that are naturally inherent in their etheric body, when one begins to carry the movements of the etheric body into the movements of the physical body, when the etheric body lives on in the movements of the physical body. This is what is attempted in eurythmy. It will become apparent that, in his movements, the human being is truly a link between the cosmic letters, the cosmic sounds, and what we ourselves use in the human sounds and letters of our poetry.
[ 45 ] Ganz sicherlich wird in dieser Eurythmie eine neue Kunst entstehen. Diese Kunst ist für jeden Menschen. Und man möchte, daß die Menschheit ergriffen würde von Verständnis für diese Kunst, so daß sie wirklich schon betrieben würde bei den Kindern, angefangen von den kleinsten, wo sich ja schon jene innigste Freude daran herausgestellt hat, bis zu den größten Kindern, auch bis zu solchen von siebzig, achtzig und neunzig Jahren. Immer ist es gut, wenn der Mensch verstehen lernt, in physische Bewegungen das umzusetzen, was dem Ätherleib natürlich und eingeboren ist. Es ist wie selbstverständlich im geistigen Leben, daß das, was man dichterisch sagen kann, seine Interpretation finden kann in jenen Bewegungen, die unsere Eurythmie bringt.
[ 45 ] There is no doubt that a new art will emerge from this eurythmy. This art is for everyone. And one would like humanity to be moved by an understanding of this art, so that it might truly be practiced even among children—beginning with the very youngest, in whom such deep joy in it has already been revealed, all the way up to the oldest children, and even those aged seventy, eighty, and ninety. It is always good when people learn to translate into physical movements what is natural and innate to the etheric body. It is only natural in spiritual life that what can be expressed poetically can find its interpretation in the movements that our eurythmy brings.
[ 46 ] Ein pädagogisches, ein künstlerisches und ein hygienisches Prinzip drückt sich in der Eurythmie zugleich aus. Ein pädagogisches Prinzip insofern, als der Mensch ja, wenn er heranwächst mit Eurythmie, wenn er von den ersten Kindheitsjahren an Bewegungen im Sinne der Eurythmie gemacht hat, dann mit seinem Leibe Bewegungen ausgeführt hat, welche so wirken, daß, ich möchte sagen, die Götter sich so recht verbunden fühlen mit der Erde. Daher ist sie so recht ein Mittel, die Verbindung herzustellen zwischen den göttlich-geistigen Hierarchien und dem heranwachsenden Kinde.
[ 46 ] Eurythmy embodies an educational, an artistic, and a hygienic principle all at once. It is a pedagogical principle insofar as, when a person grows up with eurythmy—when they have performed movements in the spirit of eurythmy from the earliest years of childhood—they have carried out movements with their body that have such an effect that, I might say, the gods feel truly connected to the earth. That is why it is truly a means of establishing a connection between the divine-spiritual hierarchies and the growing child.
[ 47 ] Für den Okkultisten ist es unmittelbar klar, daß eine materialistische Kultur eine furchtbare Diskrepanz auslöst zwischen dem, was dem Menschen eingeboren ist, und dem, was der Kopf und das Herz oft lernen muß. Ich will damit keine Kritik üben, sondern nur auf eine Tatsache hinweisen. Es gibt eigentlich bisher in der Welt nichts Unnatürlicheres, als daß die Kinder, die heranwachsen, heute ungefähr vom sechsten, siebten Jahre an dasjenige lernen müssen, was sie eben lernen müssen. Ich sage nicht, daß sie es nicht lernen sollen, denn selbstverständlich müssen sie lernen, das bringt die äußere soziale Notwendigkeit mit sich. Aber für die Seelen ist es vielfach so, als wenn man eine naturgemäße Entwickelung des menschlichen Leibes dadurch herbeiführen wollte, daß man den Kindern im sechsten, siebten Jahre die Hände und Beine bricht. So ungefähr macht man es, wenn man die Kinder zwingt, Buchstaben zu lernen, denn für den Menschen sind Lesen- und Schreibenlernen die unnatürlichsten Beschäftigungen, die es gibt. Man muß sie dazu zwingen, obwohl die größte Disharmonie besteht zwischen der Kunst des Lesens und Schreibens und dem, wohin die Seele will. Es ist jammervoll anzuschauen, aber es ist eine Notwendigkeit; es nützt nichts, daß man sich davor verschließt. Aber es wäre so ziemlich alles andere gescheiter in diesem Alter, als die Kinder schreiben und lesen zu lehren. Selbst wenn sie angewiesen würden, aus einfachem Straßendreck Figuren zu machen, so wäre das viel gescheiter. Wir können nur eines tun: Wir können versuchen, den verkümmerten Ätherleib — denn er verkümmert unter den heutigen Notwendigkeiten — sich bewegen zu lassen in den eurythmischen Bewegungen des physischen Leibes, die die Götter wollen. Das soll Eurythmie bieten in pädagogischer Beziehung.
[ 47 ] To the occultist, it is immediately clear that a materialistic culture creates a terrible discrepancy between what is innate in human beings and what the mind and heart often have to learn. I do not mean to offer a criticism here, but merely to point out a fact. In fact, there is nothing more unnatural in the world today than the fact that children, as they grow up, must learn from about the age of six or seven what they simply have to learn. I am not saying that they should not learn it, for of course they must learn it; external social necessity demands it. But for the soul, it is often as if one were trying to bring about the natural development of the human body by breaking the hands and legs of children at the age of six or seven. That is roughly what happens when children are forced to learn letters, for learning to read and write are the most unnatural activities there are for human beings. One must force them to do so, even though there is the greatest disharmony between the art of reading and writing and where the soul wants to go. It is pitiful to behold, but it is a necessity; it does no good to shut oneself off from it. But just about anything else would be wiser at this age than teaching children to read and write. Even if they were instructed to make figures out of simple street dirt, that would be much wiser. There is only one thing we can do: we can try to allow the atrophied etheric body—for it atrophies under today’s necessities—to move through the eurythmic movements of the physical body that the gods desire. This is what eurythmy is meant to offer in an educational context.
[ 48 ] Wenn viele Menschen heute klagen, daß ihnen dies oder jenes weh tue, ohne daß ihnen so recht etwas fehlt, so ist das gar nicht zu verwundern; denn der Mensch versucht heute nicht mehr, wie es die Griechen taten, einen Einklang herzustellen zwischen den äußeren Bewegungen des physischen Leibes und denen des Ätherleibes. Und wenn er es doch tut, so macht er etwas sehr Komisches. Wenn er sich sagt: Es war von den Griechen sehr gescheit, was sie in den Olympischen Spielen gemacht haben, also machen wir das auch, dann ist das wirklich sehr komisch; denn es bedeutet nichts anderes, als wenn zum Beispiel einem Menschen von fünfundzwanzig Jahren es nicht gefallen würde, an einer Universität zu studieren, und er lieber das tun würde, was ein fünf- oder zehnjähriger Knabe macht. Einfach das Griechische in unsere Zeit herüberzunehmen, ist das Lächerlichste, was man tun kann; es ist eine Versündigung am Vertrauen in die Menschheitsentwickelung. Wenn das heute gesucht werden soll, was die Griechen auf ihre Art in den Olympischen Spielen suchten, dann muß Eurythmie sich einleben in die Menschheit, dann müssen die Menschen versuchen, die Gesundheit ihres Leibes von der Seele aus dadurch zu bewirken, daß sie den Ätherleib nicht verkümmern lassen, sondern den physischen Leib die vom Ätherleib geforderten Bewegungen machen lassen. Das ist die hygienische Seite der Eurythmie.
[ 48 ] It is hardly surprising that so many people today complain of aches and pains here and there, even though they are not really lacking anything; for people today no longer attempt, as the Greeks did, to establish harmony between the external movements of the physical body and those of the etheric body. And even if they do try, they end up doing something very strange. If they say to themselves: “What the Greeks did in the Olympic Games was very clever, so let’s do that too,” then that is truly very strange; for it means nothing other than, for example, if a twenty-five-year-old person did not like to study at a university and would rather do what a five- or ten-year-old boy does. Simply carrying over the Greek model into our time is the most ridiculous thing one can do; it is a betrayal of trust in human development. If we are to seek today what the Greeks sought in their own way in the Olympic Games, then eurythmy must take root in humanity; then people must try to bring about the health of their bodies from the soul by not allowing the etheric body to atrophy, but rather by allowing the physical body to perform the movements demanded by the etheric body. That is the hygienic aspect of eurythmy.
[ 49 ] Die künstlerische Bedeutung der Eurythmie wird schon einmal den Menschen aufgehen, wenn man erkennt, wie der Mensch mit seinem ganzen Wesen in das Künstlerische eintauchen muß, wie der Mensch nicht nur der Schöpfer ist von diesem und jenem, sondern wie der Mensch selbst Kunstmittel werden muß; das wird er dadurch, daß er das Künstlerische mit seinem eigenen Leibe ausübt. Und das tut er durch Eurythmie.
[ 49 ] The artistic significance of eurythmy will become clear to people when they realize how a person must immerse their entire being in the artistic process, how a person is not merely the creator of this or that, but how a person must themselves become an artistic medium; they do so by expressing the artistic through their own body. And they do this through eurythmy.
[ 50 ] Eurythmie ist nichts Willkürliches, das etwa aus der gleichen Gesinnung heraus entsprungen wäre wie andere Bestrebungen der Gegenwart. Sie fragt: Welche Bewegungen sind für den Menschen der Gegenwart in bezug auf den Ätherleib die besten in pädagogischer und in hygienischer Beziehung, welche Bewegungen führen am besten zum Verständnis des wahren Künstlerischen und stellen den Menschen am besten hinein in das volle, wahre Leben? Daher glaube ich, daß diese Eurythmie schon populär werden wird in unseren Kreisen, daß sie hingenommen werden wird als dasjenige, was viel, viel helfen kann. Sie können Ihre Kinder gewiß nicht unmittelbar Anthroposophie lehren, aber Eurythmie können sie treiben, und sie werden in ganz anderer Weise dem Leben, dem sie entgegengehen, gewachsen sein, als wenn sie nicht Eurythmie treiben.
[ 50 ] Eurythmy is not something arbitrary that arose from the same mindset as other contemporary endeavors. It asks: Which movements are best for modern people in relation to the etheric body from an educational and hygienic standpoint? Which movements best lead to an understanding of true artistry and best place people within full, true life? Therefore, I believe that this eurythmy will become popular in our circles, that it will be accepted as something that can help a great deal. You certainly cannot teach your children anthroposophy directly, but they can practice eurythmy, and they will be better equipped to face the life that lies ahead of them than if they did not practice eurythmy.
[ 51 ] Meine lieben Freunde! Ich habe in vieler Beziehung schon gesprochen von dem Verhältnis des großen Rundbaues draußen zu dem kleinen, vom Verhältnis dessen, was im großen Raum des Baues ist, zu dem, was im kleinen Raum drinnen ist. Nun könnte jemand fragen: Wie gehen die Formen des kleinen Raumes aus denen des großen Raumes hervor? Die Antwort ist: Es versuche jemand, nach eurythmischen Gesetzen die Formen des großen Raumes des Baues tanzen zu lassen, dann werden die Formen des kleinen Raumes des Baues daraus. Man versuche sich vorzustellen, es vereinige ein Mensch alles das in seinen eurythmischen Bewegungen, was im großen Rundbau zum Ausdruck kommt und tanze das hinein in den kleinen Raum und strahlte aus von da, was er tanzt, dann würde die Zwölfheit der Säulen und die Kuppel des kleinen Raumes von selber daraus.
[ 51 ] My dear friends! I have already spoken in many ways about the relationship between the large rotunda outside and the small one, and about the relationship between what is in the large space of the building and what is in the small space inside. Now someone might ask: How do the forms of the small space emerge from those of the large space? The answer is: Let someone try to make the forms of the building’s large space dance according to the laws of eurythmy; then the forms of the building’s small space will emerge from them. Try to create a mental image of a person uniting in their eurythmic movements everything that is expressed in the large rotunda, dancing it into the small space, and radiating from there what they are dancing; then the twelve columns and the dome of the small space would emerge of their own accord.
[ 52 ] Und dann hoffe ich, daß noch etwas eurythmisch tanzen wird im Bau: das Wort! Das wird eine gute Akustik haben. Kurz, man kann Eurythmie definieren als Erfüllung desjenigen, was nach seinen natürlichen Gesetzen der menschliche Ätherleib verlangt vom Menschen. Daher ist wirklich in dieser Eurythmie etwas gegeben, was zu unserem geistigen Leben dazu gehört, und was aus seiner Ganzheit heraus gedacht ist.
[ 52 ] And then I hope that something else will dance eurythmically within the building: the Word! That will have good acoustics. In short, eurythmy can be defined as the fulfillment of what the human etheric body demands of the human being according to its natural laws. Therefore, there is truly something in this eurythmy that belongs to our spiritual life and that is conceived out of its wholeness.
[ 53 ] Vielleicht nehmen Sie das, was ich damit habe sagen wollen, hin und betrachten es als eine Antwort auf eine Frage, die gerade von vielen schweizerischen Freunden an uns gestellt worden ist. Dasjenige, was ich so definiert habe, können Sie ja in Wirklichkeit dann kennenlernen durch die gewünschten Kurse. Wie bekommt man das Sein in die Ideenwelt hinein?
[ 53 ] Perhaps you will accept what I have tried to convey here and consider it an answer to a question that many Swiss friends have recently asked us. You can, in fact, come to understand what I have defined in this way through the courses you have requested. How does one bring being into the world of ideas?
