Occult Reading and Occult Hearing
GA 156
26 December 1914, Dornach
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Occult Reading and Occult Hearing, tr. SOL
Weihnachtsfeier I
Christmas Celebration I
[ 1 ] Mit scharfen Zügen wird sich vielen Seelen die Erinnerung gerade an dieses Weihnachtsfest einprägen, denn es ist wohl kaum ein schärferer Gemütskontrast zu denken als der, welcher sich ergibt, wenn wir unsere Seele erheben zu der Stimme, die den Hirten ertönte, darstellend einen ewigen Wahrspruch für alle menschliche Erhebung der nachchristlichen Zeit:
[ 1 ] The memory of this very Christmas will be etched in the minds of many with vivid clarity, for there is scarcely a sharper contrast of mood to imagine than that which arises when we lift our souls to the voice that resounded to the shepherds, representing an eternal truth for all human exaltation in the post-Christian era:
Göttliche Offenbarung in den Höhen
Und Friede den Menschen auf Erden,
Die eines guten Willens sind
Divine Revelation in the Heavens
And peace to people on earth,
Who are of good will
[ 2 ] wenn wir unsere Seelen erheben zu dem «Friede den Menschen auf Erden» und die heutige Tatsache betrachten, dasjenige, was wir ausgebreitet finden über den Horizont eines großen Teiles der gebildeten Welt.
[ 2 ] When we lift our souls to the words “Peace on earth to people of good will” and consider the reality of today—that which we find spread across the horizon of a large part of the civilized world.
[ 3 ] Gerade um dieses Kontrastes willen wird ein lange in der Erinnerung bleibendes Wahrzeichen für die Menschenherzen der Erde das nun erlebte Weihnachtsfest sein. Können wir doch gewiß, wenn wir dasjenige wahren, was wir unaufhörlich zu wahren haben auf dem Felde unseres geisteswissenschaftlichen Denkens — innere Herzensaufrichtigkeit und innere Seelenwahrhaftigkeit —, können wir doch wahrlich dieses Weihnachtsfest nicht mit denselben Gefühlen begehen, wie wir andere Weihnachtsfeste begangen haben. Denn anregen muß es uns zu tiefem Nachdenken, anregen muß es uns ganz besonders zu dem, was sich uns aus unserer geisteswissenschaftlichen Vertiefung heraus als Idee für die Menschenzukunft ergibt, zu dem, was Menschenherzen zurückführen kann zu Zeiten, die der unsrigen nicht ähnlich sind.
[ 3 ] It is precisely because of this contrast that the Christmas we have just experienced will remain a lasting symbol in the hearts of people around the world. For if we uphold what we must ceaselessly uphold in the realm of our Spiritual Science thinking—inner sincerity of heart and inner truthfulness of soul—we truly cannot celebrate this Christmas with the same feelings as we have celebrated other Christmases. For it must inspire us to deep reflection; it must inspire us especially to that which emerges from our contemplation of Spiritual Science as an idea for humanity’s future—to that which can lead human hearts back to times unlike our own.
[ 4 ] Wir haben im Laufe der Jahre gar manches in unsere Seele eingeschrieben, das uns hinweisen kann auf die Art von Seelenverfassung, welche solche Zeiten herbeiführte. Was ist es denn, wovon wir fühlen müssen, daß es auch noch der Gegenwart so sehr fehlt? Wenn wir dasjenige, was oftmals das Herz unserer Betrachtungen gebildet hat, uns vor das Seelenauge rufen, dann werden wir sehen: es fehlt in den Tiefen der menschlichen Seele doch noch die Wahrheitserkenntnis davon, was in die Welt gezogen ist an dem Tage, dessen Erinnerung wir in dieser Winterweihenacht jedes Jahr begehen.
[ 4 ] Over the years, we have engraved many things in our souls that can point to the state of mind that brought about such times. What, then, is it that we feel is still so sorely lacking in the present? If we summon to the eye of our soul that which has so often formed the heart of our reflections, then we will see: in the depths of the human soul, there is still a lack of true understanding of what entered the world on that day whose memory we commemorate every year on this holy winter night.
[ 5 ] Das ganz Bedeutungsvolle, das ganz Tiefe, das geschehen ist in der Zeit, an die uns diese Winterweihenacht erinnert, es ist wahrhaftig nicht umsonst tief bedeutsam ausgedrückt in dem Sprüche, den die Erdenmenschheit ja auch, man möchte sagen, als den eindringlichsten angesehen hat, eben in dem Sprüche:
[ 5 ] That which is truly significant, that which is truly profound, that which took place in the time of which this Christmas Eve reminds us—it is indeed not without reason that it is expressed with such profound significance in the saying that humanity has, one might say, regarded as the most poignant, namely in the saying:
Göttliche Offenbarung in den Höhen
Und Friede den Menschen auf Erden,
Die eines guten Willens sind.
Divine Revelation in the Heavens
And peace to people on earth,
Who are of good will.
[ 6 ] Das Einfachste, es ist oftmals für die Menschenherzen das am schwersten Verständliche, und so einfach dieser Spruch uns erklingt, so tun wir doch recht, wenn wir uns immer klarer und klarer machen, daß alle kommenden Zeiten des Erdendaseins fähig sein werden, diesen Spruch gerade immer tiefer und tiefer zu verstehen, sich immer mehr und mehr in seine bedeutsamen Worte hineinzuleben.
[ 6 ] The simplest things are often the hardest for the human heart to understand, and as simple as this saying may sound to us, we do well to make it ever clearer to ourselves that all future generations of earthly existence will be capable of understanding this saying ever more deeply and of immersing themselves ever more fully in its meaningful words.
[ 7 ] Nicht umsonst ist am populärsten geworden aus der geheimnisvollen Geschichte des Erscheinens des Christus Jesus auf Erden die Erscheinung des in der Weihnachtsweihenacht in das Erdenleben eintretenden Jesuskindes. Haben wir doch damit die Möglichkeit, etwas vor die Menschenseele hinzustellen, das liebevoll aufgenommen wird, auch von dem Herzen des noch kleinsten Kindes, sofern dieses Kind die äußeren Sinneseindrücke, wenn auch vielleicht noch nicht einmal mit Worten, empfangen kann — und das doch zugleich etwas ist, was so tief sich hineinsenkt in diejenigen Seelengründe, wo die Liebe am sanftesten und zugleich am stärksten wärmend den Menschen durchwellt.
[ 7 ] It is no coincidence that, of all the mysterious stories surrounding the appearance of Christ Jesus on earth, the most popular has become that of the infant Jesus entering earthly life on Christmas Eve. For this gives us the opportunity to present something to the human soul that is received with love, even by the heart of the smallest child, provided that this child can receive the external sensory impressions—even if perhaps not yet in words— — and yet is at the same time something that sinks so deeply into those depths of the soul where love flows through the human being most gently and at the same time with the strongest warmth.
[ 8 ] Wahrhaftig, die Erdenmenschheit ist noch nicht viel weiter als bei der kindlichen Auffassung des Christus Jesus-Geheimnisses, und Epoche über Epoche wird noch vergehen müssen, bis die Menschenseele wiederum jene Stärke gewinnt, durch welche sie die ganze Größe des beginnenden Mysteriums von Golgatha in sich aufzunehmen vermag. So sei denn dieses Mal nicht eine Weihnachtsbetrachtung wie in anderen Jahren angestellt, sondern einiges vor Ihre Seelen gebracht, das uns hinweisen kann darauf, wie manches uns noch fehlt von jener Tiefe, die notwendig ist, um das Mysterium von Golgatha so recht in unseren Seelen aufleuchten zu lassen.
[ 8 ] Truly, humanity on Earth has not yet progressed much beyond a childlike understanding of the mystery of Christ Jesus, and epoch after epoch will still have to pass before the human soul regains the strength through which it can take in the full magnitude of the unfolding Mystery of Golgotha. So let us not offer a Christmas reflection this time as in other years, but rather present to your souls something that can point out to us how much we still lack of that depth which is necessary to allow the Mystery of Golgotha to truly shine forth in our souls.
[ 9 ] Wir haben gerade im Laufe des letzten Jahres öfter gesprochen davon, wie wir eigentlich auf unserem geisteswissenschaftlichen Boden nicht den Eintritt nur eines Jesuskindes, sondern zweier Jesuskinder zu feiern haben. Und es darf gesagt werden, daß damit, daß sich uns durch geisteswissenschaftliche Betrachtung dieses Geheimnis von den zwei Jesuskindern geoffenbart hat, der schwache Anfang gemacht worden ist zu einem neuen Verständnisse des Mysteriums von Golgatha. Langsam und allmählich nur konnte dieses Mysterium von Golgatha die Menschengemüter ergreifen. Wie es eingezogen ist in diese Menschengemüter, das kann sich vor unsere Seelen hinstellen, wenn wir zum Beispiel einen Blick darauf werfen, daß gewissermaRen dasjenige, was sich die heutige Christenmenschheit erkämpft hat in der Anschauung des Weihnachtskindes, sich durchringen mußte, von Osten nach Westen gehend, durch andere Auffassungen von einem göttlichen Mittler zwischen den höchsten göttlich-geistigen Wesenheiten und der menschlichen Seele.
[ 9 ] Over the past year, we have spoken frequently about how, within the context of Spiritual Science, we are called to celebrate not just the coming of one infant Jesus, but of two. And it may be said that, in and through Spiritual Science contemplation, the revelation of this mystery of the two infant Jesuses has marked the tentative beginning of a new understanding of the Mystery of Golgotha. Only slowly and gradually could this Mystery of Golgotha take hold of human minds. As it has taken root in these human minds, can be brought before our souls when we, for example, consider that, in a sense, what today’s Christian humanity has fought to achieve in its conception of the Christmas Child had to struggle its way through, moving from East to West, through other conceptions of a divine mediator between the highest divine-spiritual beings and the human soul.
[ 10 ] Auch darauf haben wir schon öfter den Blick geworfen, daß parallelgehend mit dem Strome christlichen Lebens von Osten nach Westen ein anderer Offenbarungsstrom ging, mehr im Norden, nordwärts vom Schwarzen Meer, der Donau entlang aufwärts bis zum Rhein herüber, bis nach Westeuropa hinein. Jener Dienst, den wir kennen als den Mithrasdienst, er ist verschwunden in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeit. Aber in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechung hatte er in Europa ebenso viele Herzen ergriffen wie das Christentum selber, hatte sich tief eingeprägt und sich verbreitet in den Gegenden Mittel- und Osteuropas. Mithras erschien denen, die sich zu ihm bekannten, ebenso hehr und groß als der göttliche Mittler, der heruntergestiegen ist aus geistigen Höhen in das Erdendasein herein, wie den Christen der Christus erschien. Ebenso hören wir, wie das Hereintreten des Mithras in das Erdendasein in der Winterweihenacht des kürzesten Tages gefeiert worden ist; ebenso hören wir, daß er verborgen in einer Höhle geboren worden ist, daß Hirten zuerst seine Offenbarung hörten. Der Sonntag wurde ihm, ebenso wie andere christliche Festtage, geweiht.
[ 10 ] We have also often noted that, running parallel to the current of Christian life flowing from east to west, there was another stream of revelation—more to the north, north of the Black Sea, flowing upstream along the Danube to the Rhine, and on into Western Europe. That cult, which we know as the cult of Mithras, disappeared in the first centuries of the Christian era. But in the first centuries of the Christian era, it had captured as many hearts in Europe as Christianity itself, had made a deep impression, and had spread throughout the regions of Central and Eastern Europe. To those who professed their faith in him, Mithras appeared just as noble and great as the divine Mediator who descended from spiritual heights into earthly existence, just as Christ appeared to the Christians. Likewise, we hear how Mithras’ entry into earthly existence was celebrated on the winter solstice, the shortest day of the year; likewise, we hear that he was born hidden in a cave, that shepherds were the first to hear his revelation. Sunday was consecrated to him, just as other Christian feast days were.
[ 11 ] Und wenn wir fragen: Was ist das Charakteristische an dem Herabsteigen dieser Mithrasgestalt?, so müssen wir sagen: So wie der Christus vorgestellt wurde in dem Jesus, so konnte der Mithras nicht vorgestellt werden. Das Bewußtsein war vorhanden, daß, wenn man ihn äußerlich abbildete, eine bildhafte Vorstellung von ihm machte, daß man dann nur eine äußere symbolische Vorstellung habe. Denn der wahre Mithras war nur zu schauen von denen, die hellseherisches Schauen hatten. Zwar wurde er vorgestellt als Mittler zwischen den Geistern der höheren Hierarchien und der Menschenseele; aber nicht so wurde er vorgestellt, daß er sich in einem Menschen verkörpert habe. Vorgestellt wurde er als herabsteigend zur Erde, doch in seiner wahren Wesenhaftigkeit — nicht im Bilde, wo alle ihn sehen konnten, sondern in seiner wahren Wesenhaftigkeit — nur sichtbar für die Initiierten, für diejenigen, die hellseherisches Schauen hatten. Daß diejenige göttlich-geistige Wesenheit, die als Mittler vorzustellen ist zwischen den Geistern der höheren Hierarchien und der Menschenseele, in einem Erdenleibe selber sich verkörpert, diese Vorstellung war im Mithrasdienste noch nicht vorhanden. Denn der Mithrasdienst fußte noch darauf, daß altes primitives Hellsehen bei einer großen Anzahl von Menschen vorhanden war. |
[ 11 ] And if we ask: What is characteristic of the descent of this figure of Mithras?, we must say: Just as Christ had a mental image in Jesus, so Mithras could not have been represented. There was an awareness that if one depicted him externally, creating a pictorial mental image of him, one would then have only an external, symbolic mental image. For the true Mithras could be seen only by those who possessed clairvoyant vision. Although he was presented as a mediator between the spirits of the higher hierarchies and the human soul, but he did not have a mental image in which he was presented as having incarnated in a human being. He was presented as descending to earth, yet in his true essence—not in an image where all could see him, but in his true essence—visible only to the initiates, to those who possessed clairvoyant vision. The mental image that the divine-spiritual being, who is to be conceived as a mediator between the spirits of the higher hierarchies and the human soul, incarnates in an earthly body itself—this image was not yet present in the Mithraic cult. For the Mithraic cult was still based on the fact that ancient, primitive clairvoyance was present in a large number of people. |
[ 12 ] Wenn wir den Weg, den der Mithrasdienst von Osten nach Westen ging, untersuchen, so finden wir, wie unter den Menschen, die Mithrasdiener wurden, eine große Anzahl von solchen war, die selber schauen konnten in jenen Zwischenzuständen zwischen Schlafen und Wachen, wo die Seele nicht im Träumen, sondern in geistiger Wirklichkeit lebt, das wirkliche Herabsteigen des Mithras von Äon zu Äon, von Etappe zu Etappe, aus den geistigen Welten bis zur Erde hin. Und die andern wurden mitgerissen von diesen Sehern. Zeugnis ablegen konnten viele davon, daß den Menschen ein solcher Mittler, aber ein Mittler zu den geistigen Welten gegeben sei.
[ 12 ] If we examine the path that the cult of Mithras took from East to West, we find that among the people who became Mithraic priests, there were a great many who themselves could perceive, in those intermediate states between sleeping and waking—where the soul lives not in dreams but in spiritual reality—the actual descent of Mithras from Aeon to Aeon, from stage to stage, from the spiritual worlds down to Earth. And the others were swept along by these seers. Many of them were able to bear witness that such a mediator—but a mediator to the spiritual worlds—had been given to humanity.
[ 13 ] Was man als Mithraskultus hatte, war eben eine äußere, mehr oder weniger bildhafte Darstellung dessen, was die Seher schauten. Was ist es eigentlich, was uns in diesem Mithrasdienst entgegentritt? Wir dürfen nicht glauben — das geht aus unserer ganzen Weltanschauung hervor —, daß von dem Christus erst etwas gewußt wird seit dem Mysterium von Golgatha. Als denjenigen Geist, der kommen wird für die Menschheit, haben ihn die Eingeweihten der Mysterien und deren Schüler auch in den vorchristlichen Zeiten wohl gekannt. Die Eingeweihten haben auf ihn hingewiesen als den hohen Sonnengeist, den sie von den geistigen Höhen herabkommend schauten, der sich der Erde nahte, um in der Erde seine Wohnung aufzuschlagen. Als den Künftigen, als den Kommenden haben sie ihn bezeichnet. Ste haben ihn gewußt im Geiste und haben ihn herabsteigend geschaut.
[ 13 ] What was known as the Mithras cult was simply an external, more or less pictorial representation of what the seers beheld. What is it, actually, that we encounter in this Mithras cult? We must not believe—as is evident from our entire worldview—that anything was known about Christ until the Mystery of Golgotha. The initiates of the Mysteries and their disciples knew him well even in pre-Christian times as the Spirit who would come for humanity. The initiates pointed to him as the high Sun Spirit, whom they saw descending from the spiritual heights, approaching the Earth to take up his dwelling there. They designated him as the Future One, as the One to Come. They knew him in spirit and saw him descending.
[ 14 ] Dann trat ein das Mysterium von Golgatha. Wir wissen, was es bedeutet. Wir wissen, daß durch dieses Mysterium von Golgatha der Geist, durch den die Erde ihren Sinn bekommen hat, in einen Menschenleib gezogen ist. Wir wissen, wie seither dieser Geist mit der Erde verbunden ist, und wir wissen auch, wie die Menschheit sich entwickeln soll, um in gar nicht so ferner Zukunft auch wieder im Geiste zu schauen den Christus, der durch das Mysterium von Golgatha sein eigenes Leben mit dem Leben der Erdenmenschheit vereinigt hat. Wir sprechen nichts Uneigentliches aus, wenn wir sagen: Dasjenige, was die alten Eingeweihten an den verschiedenen Orten oder Pflegestätten des Geistigen geschaut haben, das ist seither zu erkennen als durchdringend, durchwellend, durchpulsend, durchwebend das Erdenleben.
[ 14 ] Then came the Mystery of Golgotha. We know what it means. We know that through this Mystery of Golgotha, the Spirit through which the Earth has received its meaning entered a human body. We know how this Spirit has been connected to the Earth ever since, and we also know how humanity must develop so that, in the not-too-distant future, it may once again behold in the Spirit the Christ who, through the Mystery of Golgotha, united His own life with the life of humanity on Earth. We are not speaking inappropriately when we say: What the ancient initiates beheld in the various places or sanctuaries of the spiritual has since been recognized as permeating, flowing through, pulsing through, and weaving through earthly life.
[ 15 ] Aber so war es, daß sich immer mehr und mehr verlieren mußte für das hellseherische Erkennen, mit diesem hellseherischen Erkennen selber, das Hinaufschauen in die geistigen Sphären, um den Christus zu schauen, nachdem er heruntergestiegen war auf die Erde zu denjenigen, die da auf der Erde erkennen sollten, daß die Erde nicht nur menschliche Liebe birgt, sondern durchpulst ist von göttlicher Liebe, die sich immer mehr als höchster Schatz der Erdenmenschen offenbaren will. So recht sollten die Menschen empfinden, daß sie in ihrem Erdenhause das große Geschenk der kosmischen Liebe, den Christus, von dem Gotte, den man den Vatergott nennt, empfangen haben; so recht sollten sie ihn kennenlernen als das Wesen, das fortan mit den Taten, mit dem ganzen Sinn der Erdenevolution verbunden sein soll; so recht sollten sie ihn kennenlernen in seinem Leben, von dem ersten Atemzuge als Kind bis zu der größten Tat durch das Mysterium von Golgatha, die Menschenherzen offenbart werden kann.
[ 15 ] But it was thus that more and more had to be lost to clairvoyant perception, along with this very perception itself—the gazing upward into the spiritual spheres to behold the Christ— after He had descended to Earth to those who were to recognize there that the Earth not only harbors human love, but is permeated by divine love, which increasingly seeks to reveal itself as the highest treasure of Earth’s inhabitants. People should truly feel that in their earthly home they have received from God, whom we call the Father God, the great gift of cosmic love, Christ; they should truly come to know him as the being who is henceforth to be connected with the deeds, with the very meaning of earthly evolution; they should truly come to know him in his life, from his first breath as a child to the greatest deed through the Mystery of Golgotha, which can be revealed to human hearts.
[ 16 ] Noch war es uns ja möglich, im Laufe der letzten Zeit jene Lücke durch das Fünfte Evangelium auszufüllen, welche in den vier anderen Evangelien geblieben ist. Ja, es ist unserer Zeit beschieden worden, noch genauer, man möchte sagen, jeden Schritt dieses Gotteslebens auf Erden kennen zu lernen. Und weil die Menschen also gleichsam ganz vertraut werden sollten mit dem Christus Jesus als einem ihrer Brüder, als einem solchen, der aus den weiten geistigen Reichen in das enge Erdental gezogen ist aus Liebe zu den Menschen, weil die Menschen ihn so kennenlernen sollten in vertrautester, intimster Erkenntnis, deshalb mußten eine Weile die Erkenntnis- und Liebekräfte des menschlichen Gemütes gesammelt werden, um in rein menschlich-göttlicher Gedrungenheit, möchte ich sagen, anzuschauen dasjenige, was sich abspielte unter den Menschen als der Anfang einer neuen, der christlichen Zeit. Dazu aber mußte die Kraft im Menschen gleichsam ganz hinkonzentriert und hingelenkt werden auf das Leben des Christus Jesus, und mußte abgelenkt werden eine Zeitlang von dem Hinaufblicken zu den geistigen Sphären auf dasjenige, was eingezogen ist in das Kind von Bethlehem, was heruntergestiegen ist aus den kosmischen Höhen.
[ 16 ] In recent times, we have indeed been able to fill the gap left in the other four Gospels through the Fifth Gospel. Yes, it has been granted to our time—more precisely, one might say—to come to know every step of this divine life on earth. And because people were thus to become, as it were, quite familiar with Christ Jesus as one of their brothers, as one who came down from the vast spiritual realms into the narrow valley of the earth out of love for humanity, because people were to come to know him in the most familiar, most intimate way, therefore the powers of knowledge and love in the human mind had to be gathered for a time, so that, in a purely human-divine intensity, I might say, they might behold that which was taking place among humanity as the beginning of a new, Christian era. But for this, the power within humanity had to be, as it were, entirely concentrated and directed toward the life of Christ Jesus, and had to be diverted for a time from gazing upward toward the spiritual spheres to that which had entered into the Child of Bethlehem, which had descended from the cosmic heights.
[ 17 ] Heute aber leben wir in der Zeit, in welcher der Blick sich wieder weiten muß, wenn Menschenfortschritt und Menschenheil wirklich die Erde beherrschen sollen. Weiten muß sich dasjenige, was der Christus in dem Leibe des Jesus von Nazareth war, zu dem, was er ist: zu dem Leben der Erde herabsteigend aus göttlich-geistigen Höhen.
[ 17 ] Today, however, we live in a time when our vision must broaden once more if human progress and human salvation are truly to rule the earth. That which Christ was in the body of Jesus of Nazareth must expand into what he is: life descending to the earth from divine-spiritual heights.
[ 18 ] Man möchte sagen: Der Mithrasdienst war etwas wie eine letzte, starke Erinnerung an den noch nicht zur Erde gekommenen, aber herabsteigenden Christus. Dann aber war es der Menschheit beschieden, den Christus immer inniger in das Gemüt aufzunehmen, so daß das Aufnehmen bis in das kleinste Kind hinein möglich war, aber in der Weise, daß neben diesem, mit diesem zusammen lief ein Abfluten der alten Art, hinaufzuschauen mit hellseherischem Blick zu den Höhen, aus denen Christus herabgestiegen ist, durch deren Anschauung wir erkennen, daß der Christus ein kosmisches Wesen ist, aus dessen Anschauen wir auch nur wissen, welchen Wert er für das enge Erdental hat. Langsam und allmählich flutete ab dieses hellseherische Hinaufschauen in kosmische Weiten, in denen Christus als kosmisches Wesen den Menschen erscheinen kann. Ein starker Anklang noch an das alte Wissen von dem überirdischen Christus war der Mithrasdienst.
[ 18 ] One might say: The cult of Mithras was something like a final, powerful reminder of the Christ who had not yet come to earth but was descending. But then it was destined for humanity to take the Christ ever more deeply into their hearts, so that this reception became possible even in the smallest child, but in such a way that, alongside this, and in conjunction with it, there was a waning of the old way of looking up with a clairvoyant gaze toward the heights from which Christ descended—through the vision of which we recognize that Christ is a cosmic being, and from the contemplation of which we alone know what value he holds for the narrow valley of the Earth. Slowly and gradually, this clairvoyant gazing upward into cosmic expanses—in which Christ, as a cosmic being, can appear to humanity—faded away. The cult of Mithras was still a strong echo of the ancient knowledge of the super-earthly Christ.
[ 19 ] Dann sehen wir, wie gleichsam allmählich abflutet, abnimmt die hellseherische Erkenntnis, wie selbst für diejenigen, die noch hellseherische Erkenntnis im alten Stile haben, ein Abfluten der hellseherischen Fähigkeiten eintritt, und wie mit diesem Abfluten auch die Möglichkeit aufhört, den Christus ganz in seiner wahren Wesenheit zu erkennen. Man erkennt ihn in seiner wahren Wesenheit, wenn man ihn nicht nur in seinem irdischen, menschlichen Wirken, sondern in seiner ganzen himmlischen Glorie erkennt.
[ 19 ] Then we see how, as it were, clairvoyant perception gradually ebbs away and diminishes; how even for those who still possess clairvoyant perception in the old style, a waning of clairvoyant abilities sets in; and how, with this waning, the possibility of recognizing Christ fully in his true essence also ceases. One recognizes him in his true essence when one recognizes him not only in his earthly, human work, but in his entire heavenly glory.
[ 20 ] Immer mehr schwand aber die Möglichkeit, Christus neben dem irdischen Dasein in seiner Himmelsglorie zu sehen. Wir sehen, wie das, was im Mithrasdienst noch lebte, schon abgeschwächt erscheint — trotz der hehren Größe, welche die entsprechende Lehre in sich birgt — in demjenigen, dessen Namen wir auch öfter erwähnt haben: in dem Begründer des Manichäismus. Mani weist uns auf den Jesus hin, aber es ist nicht ein solcher Hinweis, wie er bei dem einfachen, primitiven, gläubigen Gemüte ist, weil in diesem Geiste, der das Manichäertum begründete, noch altes Hellsehen war. Es ist aber auch noch nicht dasjenige, was der Gegenwart werden kann in bezug auf die Auffassung des Mysteriums von Golgatha. Der Christus Jesus ist für Mani ein Wesen, das nicht wirklich irdische menschliche Leiblichkeit angenommen hat, sondern nur in einem Scheinleibe, in einem ätherischen Leibe auf Erden gelebt hat. Wir sehen das Ringen ‚.im Manichäertum zum Begreifen des Mysteriums von Golgatha. Warum findet dieses Ringen statt? Weil es dem Begründer des Manichäertums noch möglich war, zu schauen in geistige Höhen, zu sehen, wie das geistige Wesen, das Christus-Wesen heruntersteigt. Aber es war noch nicht die Möglichkeit vorhanden, wirklich einzusehen, wie in die irdische Welt eindringt dieses geistige Wesen, wie es wirklich in einem menschlichen Leibe Wohnung nimmt. Ein Ringen der Seele war erst notwendig, bevor dieses volle Verständnis möglich war.
[ 20 ] However, the possibility of seeing Christ in his heavenly glory alongside his earthly existence gradually faded. We see how what was still alive in the cult of Mithras already appears weakened—despite the noble grandeur inherent in the corresponding doctrine—in the one whose name we have also mentioned frequently: in the founder of Manichaeism. Mani points us to Jesus, but it is not the kind of reference found in the simple, primitive, devout mind, because in this spirit, which founded Manichaeism, there was still ancient clairvoyance. Yet it is also not yet what can become the present reality with regard to the understanding of the Mystery of Golgotha. For Mani, Christ Jesus is a being who did not truly assume an earthly human body, but lived on earth only in a semblance of a body, in an etheric body. We see the struggle within Manichaeism to comprehend the Mystery of Golgotha. Why does this struggle take place? Because the founder of Manichaeism was still able to gaze into spiritual heights, to see how the spiritual being, the Christ-being, descends. But the possibility did not yet exist to truly perceive how this spiritual being enters the earthly world, how it truly takes up residence in a human body. A struggle of the soul was first necessary before this full understanding was possible.
[ 21 ] Wir sehen auch wiederum die Lehre der Manichäer sich ausbreiten von Osten nach Westen, eine Lehre, welche auf der einen Seite noch hinblickt zu dem göttlichen Geiste, der herniedersteigt, hinblickt auf alles dasjenige, was die alte Weltanschauung noch hatte: zu schauen nicht nur nach den physischen Wesen, die sich den menschlichen Sinnesaugen bieten, sondern zu den Wesen, die als Sternenwesen durch das Weltenall ziehen. Andererseits durchdrang die Zusammenkettung des menschlichen Schicksals, des menschlichen Lebens mit diesem kosmischen Leben die Seele des Manichäers. Tief wurzelte sich in ihm ein die Frage: Wie ist vereinbar das Böse, das im Menschenleben waltet, mit der Wirkung des guten Gottes? Tief, tief hineingeschaut in das Rätsel des Bösen hat das Manichäertum. Aber dieses Rätsel des Bösen kann uns doch nur in seiner Tiefe vor das Seelenauge treten, wenn wir es im Zusammenhange mit dem Mysterium von Golgatha aufzufassen in der Lage sind, wenn wir das Mysterium von Golgatha durchdringen mit dem Rätsel des Bösen, wie es auch der Manichäismus erstrebte. Daher das Ringen der Überreste alter hellseherischer Erkenntnis mit dem Problem des Bösen, mit dem Rätsel des Bösen im Manichäertum.
[ 21 ] We also see the Manichaean doctrine spreading from east to west, a doctrine that, on the one hand, still looks back to the divine Spirit who descends, and to all that the old worldview still held: to look not only at the physical beings that present themselves to the human senses, but also at the beings that move through the cosmos as celestial beings. On the other hand, the interconnection of human destiny, of human life, with this cosmic life permeated the soul of the Manichean. Deeply rooted within him was the question: How is the evil that reigns in human life compatible with the workings of the good God? Manichaeism has looked deeply, deeply into the riddle of evil. But this mystery of evil can only truly appear before the eye of the soul in its full depth if we are able to grasp it in connection with the Mystery of Golgotha, if we penetrate the Mystery of Golgotha with the mystery of evil, just as Manichaeism also sought to do. Hence the struggle of the remnants of ancient clairvoyant knowledge with the problem of evil, with the mystery of evil in Manichaeism.
[ 22 ] Und wahrhaftig, gerade diejenigen, welche am tiefsten und intensivsten berufen waren, ihre Seelen hinzugeben an das Verständnis des Mysteriums von Golgatha, sie haben gerungen mit dem, was noch hereinleuchtete in die neueren Zeiten von den Überresten der alten hellseherischen Erkenntnis. Wir brauchen nur zu denken an einen großen Lehrer des Abendlandes, den heiligen Augustinus. Bevor er sich durchgerungen hatte zu der Erkenntnis des paulinischen Christentums, war er hingegeben an die Lehre der Manichäer. Einen größeren Eindruck machte es ihm noch, wenn er vernehmen konnte, daß heruntergestiegen war das göttliche Mittlerwesen aus göttlich-geistigen Sphären von Äon zu Äon. Dieses geistige Schauen überleuchtet auch für Augustinus in den ersten Zeiten seines Ringens noch die Erkenntnis, wie in einem fleischlichen Leibe der Christus auf der Erde Wohnung genommen hat, und wie sich mit dem Mysterium von Golgatha das Rätsel des Bösen löst. Ergreifend ist es, zu schauen, wie Augustinus mit Faustus, dem berühmten Bischof der Manichäer, Zwiesprache hält und eigentlich nur dadurch, daß dieser Bischof nicht den nötigen Eindruck auf ihn machen kann, sich wegwendet von dem Manichäertum und sich dann dem paulinischen Christentum zuwendet.
[ 22 ] And truly, it was precisely those who were most deeply and intensely called to devote their souls to understanding the mystery of Golgotha who struggled with what still shone through into more recent times from the remnants of the ancient clairvoyant knowledge. We need only think of a great teacher of the West, Saint Augustine. Before he had brought himself to the realization of Pauline Christianity, he was devoted to the teachings of the Manicheans. It made an even greater impression on him when he heard that the divine Mediator had descended from divine-spiritual spheres from Aeon to Aeon. This spiritual vision still overshadows, even for Augustine in the early days of his struggle, the realization of how Christ took up residence on earth in a physical body, and how the mystery of Golgotha resolves the enigma of evil. It is moving to see how Augustine engages in dialogue with Faustus, the famous bishop of the Manichaeans, and how, precisely because this bishop fails to make the necessary impression on him, he turns away from Manichaeism and then turns to Pauline Christianity.
[ 23 ] Dann sehen wir immer mehr abfluten dasjenige, was wir nennen können die Erkenntnis des überirdischen Christus, wie er war vor dem Mysterium von Golgatha; und im Grunde genommen schwindet erst mit dem Heraufkommen der neuen Zeit, des fünften nachatlantischen Zeitraums, vollständig dahin däs, was die Überreste des alten hellseherischen Erkennens waren. Diese alte hellseherische Erkenntnis kannte noch den himmlischen Christus neben dem irdischen Christus. Fühlen konnte man natürlich diesen himmlischen Christus auch noch in den Anfängen des Christentums, aber anschauen, erkennend anschauen, wie er heruntersteigt, das war nur dem alten, hellseherischen Erkennen möglich. Uns muß es tief berühren, wenn wir vernehmen, wie in den ersten Zeiten der Ausbreitung des Christentums diejenigen, die ihre Erkenntnis noch aus dem alten Hellsehertum genommen haben, den Christus sich vergegenwärtigen wollten: wie sie, um den Christus zu erkennen, nicht bloß nach Bethlehem hinblickten, sondern in die Himmelssphären schauten, um zu sehen, wie er von da heruntersteigt, den Menschen das Heil zu bringen.
[ 23 ] Then we see what we might call the knowledge of the super-earthly Christ—as he was before the Mystery of Golgotha—fading away more and more; and, in essence, it is only with the advent of the new era, the fifth post-Atlantean epoch, that what remained of the old clairvoyant knowledge completely vanishes. This ancient clairvoyant knowledge still recognized the heavenly Christ alongside the earthly Christ. Of course, one could still sense this heavenly Christ even in the early days of Christianity, but to behold him, to behold him with recognition as he descends—that was possible only through the ancient, clairvoyant knowledge. We must be deeply moved when we hear how, in the early days of the spread of Christianity, those who still drew their knowledge from the old clairvoyant tradition sought to visualize Christ: how, in order to recognize Christ, they did not merely look toward Bethlehem, but gazed into the heavenly spheres to see him descending from there to bring salvation to humanity.
[ 24 ] Wir wissen, daß neben dem Mithrasdienst, neben dem Manichäertum im Abendlande die Gnosis vorhanden war. Auch diese wollte verbinden, wenigstens soweit sie christliche Gnosis war, das Herabsteigen des Christus aus göttlichen Sphären von Äon zu Äon mit dem Erkennen des irdischen Lebenslaufes des Christus Jesus. Und dann ist es ergreifend, zu sehen, wie das menschliche Gemüt sich immer mehr und mehr konzentrieren will auf die Anschauung des bloß irdischen Lebens des Christus Jesus. Ergreifend ist es, zu sehen, wie dieses einfache menschliche Gemüt, das nicht das alte Hellsehen hat, um das Leben Jesu darzustellen, sich fast fürchtet vor der grandiosen Vorstellung, die man haben mußte für den aus Himmelshöhen herabsteigenden Christus. Ganz betäubt von den Vorstellungen, die noch die Gnosis hatte, sind die ersten Christen. Sie fürchteten sich vor diesen Vorstellungen.
[ 24 ] We know that, alongside the cult of Mithras and Manichaeism, Gnosticism was present in the West. Gnosticism, too—at least insofar as it was Christian Gnosticism—sought to connect the descent of Christ from the divine spheres, from Aeon to Aeon, with an understanding of the earthly life of Christ Jesus. And then it is moving to see how the human mind increasingly seeks to focus on the vision of the purely earthly life of Christ Jesus. It is moving to see how this simple human mind, which lacks the old clairvoyance needed to depict the life of Jesus, is almost afraid of the grandiose mental image one must have had of Christ descending from the heights of heaven. The first Christians were completely overwhelmed by the mental images that Gnosticism still held. They were afraid of these mental images.
[ 25 ] Bis in unsere Zeit geht bei denen, die zwar im tiefsten Gemüt berührt sind vom Mysterium von Golgatha, aber sich nicht aufschwingen können zu jenem Geist-Erkennen, eine gewisse Furcht, das Gemüt könne in ein Chaos hineinkommen, wenn es sich erhebt in die Zeiten, in denen man sehen kann, was an geistiger Erkenntnis in den Lehren der Gnostiker wohnt. Uns aber berührt das, was noch die Gnostiker sagen konnten über den Himmels-Christus neben dem irdischen Christus, gar sehr. Ich möchte sagen, es wird unser Seelenblick keineswegs stumpfer für das irdische Leben des Christus Jesus, wenn er hinaufgezogen wird jetzt durch neues Hellsehen zu geistigen Höhen, wo der himmlische Christus zu finden ist, und von wo er herabgestiegen ist. Dann berührt es uns so tief, wenn die Gnosis erzählt: «Jesus sprach:
[ 25 ] Even today, among those who are deeply moved in their innermost being by the Mystery of Golgotha but cannot rise to that spiritual insight, there remains a certain fear that the soul might descend into chaos if it ascends to the times when one can see what spiritual insight dwells in the teachings of the Gnostics. But we are deeply moved by what the Gnostics were still able to say about the heavenly Christ alongside the earthly Christ. I would like to say that our soul’s vision of the earthly life of Christ Jesus is by no means dulled when he is now drawn up through new clairvoyance to spiritual heights where the heavenly Christ is to be found, and from whence he descended. Then it touches us so deeply when the Gnostics recount: “Jesus said:
Sieh hin, o Vater,
Wie dies Wesen auf der Erde,
Aller Übel Ziel und Opfer,
Fern von deinem Hauche irrt.
Sieh, das bitt’re Chaos flieht es,
Ratlos, wie’s hindurch soll finden.
Darum sende mich, o Vater!
Siegeltragend steig ich abwärts,
Der Äonen Zahl durchschreit ich,
Jede heilge Kunde deut ich,
Zeige dann der Götter Bildnis.
Und so schenk ich euch
Des heiligen Weges
Tief verborgne Kunde:
«Gnosis> heißt sie nun für euch.»
Behold, O Father,
How this being on Earth,
The target and victim of all evil,
Wanders far from your breath.
Behold, it flees the bitter chaos,
At a loss as to how to find its way through.
Therefore send me, O Father!
Bearing the seal, I descend,
Through the ages I stride,
Every sacred message I interpret,
Then reveal the image of the gods.
And so I bestow upon you
The deeply hidden message
Of the sacred path:
“Gnosis,” it is now called for you.”
[ 26 ] Wir fühlen, daß die neue Geisteswissenschaft uns wiederum dahin führen muß, daß wir um das Christus-Ereignis herumweben können in unserer Anschauung die geistige Aura, die aus Gründen, die wir schon oftmals erörtert haben und auf welche wir auch heute wieder hindeuten mußten, für die Menschheit eine Zeitlang verlorengehen mußte. Wir müssen es langsam und allmählich tun. Wir müssen gewissermaßen das, was uns die Geisteswissenschaft zu offenbaren vermag, so zu fassen suchen, daß das menschliche Gemüt, das heute noch weit von der Geisteswissenschaft entfernt ist, es zu fassen vermag.
[ 26 ] We feel that the new Spiritual Science must lead us once again to the point where we can weave around the Christ event, in our perception, the spiritual aura that—for reasons we have often discussed and to which we had to refer again today—had to be lost to humanity for a time. We must do this slowly and gradually. We must, so to speak, seek to grasp what Spiritual Science is able to reveal to us in such a way that the human mind, which is still far removed from Spiritual Science today, is able to grasp it.
[ 27 ] Darum wurde versucht, im Grunde genommen die ganze anthroposophische Weisheit von dem Christus-Ereignis, namentlich von der Weihenacht und ihrer Verbindung mit dem menschlichen Gemüt, in einfache Worte zu fassen, die Ihnen auch hier vorgeführt worden sind:
[ 27 ] That is why an attempt was made to express, in simple terms, the entire anthroposophical wisdom concerning the Christ event—specifically, the Night of the Epiphany and its connection to the human soul—which has also been presented to you here:
Im Seelenaug’ sich spiegelt
Der Welten Hoffnungslicht,
Dem Geist ergebne Weisheit
Im Menschenherzen spricht:
Des Vaters ew’ge Liebe
Den Sohn der Erde sendet,
Der gnadevoll dem Menschenpfade
Die Himmelshelle spendet.
Reflected in the eye of the soul
Is the light of hope for the world,
Wisdom surrendered to the Spirit
Speaks in the human heart:
The Father’s eternal love
Sends the Son to Earth,
Who graciously bestows upon the human path
The light of heaven.
[ 28 ] Hoffentlich werden Zeiten kommen für die irdische Evolution, in denen mehr, viel mehr und mit deutlicheren Worten gesprochen werden kann über das Geheimnis von Golgatha, mit einfachen Worten für die ganze Welt; in denen ausgesprochen werden kann für die ganze Menschheit dasjenige, was die Geisteswissenschaft der Menschheit auch über das Mysterium von Golgatha zu sagen hat.
[ 28 ] Hopefully, there will come a time in the course of earthly evolution when more—much more—can be said, in clearer terms, about the mystery of Golgotha, using simple language accessible to the whole world; a time when what Spiritual Science has to say to humanity about the mystery of Golgotha can be expressed for the benefit of all humankind.
[ 29 ] Wir sehen ja, wie gerade bis zum Ende des vierten, sogar bis zum Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes, das alte hellseherische Erkennen so abflutet, daß die letzten Reste, die den Menschenseelen noch gegeben sind, der Verachtung anheimfallen. Wir sehen dieses erschütternd verkörpert in derjenigen Gestalt, welche in Europa auftritt — viel weiter verbreitet, als man denkt — gerade bei dem Abfluten des vierten nachatlantischen Zeitraumes, in der Gestalt des volkstümlichen Abenteurers — denn ein Abenteurer istergeworden —, der noch tragen kann die zeitgemäßen letzten Reste der hellsehertschen Erkenntnis in demjenigen, den das Volksbuch nennt: «Magister Georgius Sabellicus, Faustus junior, fons necromanticorum, astrologus, magus secundus, chiromanticus, aeromanticus, pyromanticus, in hydra arte secundus.» So lautet der vollständige Titel jenes Faustus, der dann im 16. Jahrhundert als Repräsentant des völlig abklingenden alten Hellsehens dasteht, desjenigen Faust, der noch einen Blick in die geistigen Welten hinein hatte, wenn er auch schon chaotisch war, dieser Blick.
[ 29 ] We can see, after all, how right up to the end of the fourth, and even into the beginning of the fifth post-Atlantean epoch, the old clairvoyant knowledge ebbs away to such an extent that the last remnants still granted to human souls fall into disrepute. We see this poignantly embodied in the figure who appears in Europe—much more widespread than one might think —precisely as the fourth post-Atlantean epoch ebbs away, in the form of the folk adventurer—for an adventurer has become such—who can still bear the last remnants of clairvoyant knowledge appropriate to the times in the one whom the folk book calls: “Magister Georgius Sabellicus, Faustus junior, fons necromanticorum, astrologus, magus secundus, chiromanticus, aeromanticus, pyromanticus, in hydra arte secundus.” Such is the full title of that Faustus, who then stands in the 16th century as a representative of the old clairvoyance that was completely fading away, of that Faust who still had a glimpse into the spiritual worlds, even if that glimpse was already chaotic.
[ 30 ] Dann kommt das herauf mit der neueren Zeit, daß es der Menschenseele nicht mehr gegeben ist, wenn sie sich wie in den alten Zeiten passiv in gewisse. Zustände versetzt, geistig zu schauen, sondern in der sie passiv nur das Sinnliche schauen kann und das, was der Verstand aus dem Sinnlichen kombinieren kann. Die ganze Tragik des letzten geistigen Schauens ist in den einfachen Mitteilungen über den Faustus junior zum Ausdruck gekommen. Im Grunde genommen nennt er sich schon in seinen Titeln so, daß wir erkennen können, er ist gleichsam der letzte Ausläufer derjenigen, die noch hineinschauen konnten in die Sphären, aus denen der Christus heruntergestiegen ist. Er nannte sich Faustus junior mit deutlicher Anspielung auf den alten Faust, den Manichäer Bischof Faustus, den Lehrer des Augustinus, der noch das besaß, nach dem Augustinus sich gesehnt hatte; denn die Schriften des Augustinus waren niemals so sehr verbreitet in Europa als in der Zeit, in der die Sagen von Faustus junior entstanden sind. Und er nannte sich Magus secundus, anspielend auf den Magus primus, der für diejenigen, die hineinschauen in diese Verhältnisse, auch noch dasteht als einer, der mit hellseherischem Blick hinausschaute, hinaufragte zu den Himmelssphären, vor dem sich aber fürchteten diejenigen, die nur anerkennen wollten, nur sich konzentrieren wollten auf das irdische Leben des Christus Jesus. Auf den alten Simon Magus, den Magus primus, weist Faustus damit hin, indem er sich nennt Magus secundus. Aber noch auf einen anderen weist er uns hin, von dem wir aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen ja auch wissen, wie sein Blick hinaufgerichtet war in die geistige Welt, um zu schauen in den geistigen Sphären. «In hydra arte secundus» nennt er sich noch, hinweisend auf Pythagoras, der in der damaligen Zeit auf diesem Felde der Kunst der Primus genannt worden ist.
[ 30 ] Then, with the advent of modern times, it is no longer possible for the human soul—when it passively places itself in certain states, as in ancient times—to perceive spiritually; rather, in this state it can only passively perceive the sensory world and what the intellect can deduce from it. The entire tragedy of the final spiritual vision is expressed in the simple accounts of Faustus Junior. Essentially, he already names himself in his titles in such a way that we can recognize he is, as it were, the last offshoot of those who could still look into the spheres from which Christ descended. He called himself Faustus Junior with a clear allusion to the old Faust, the Manichaean bishop Faustus, the teacher of Augustine, who still possessed what Augustine had longed for; for Augustine’s writings were never as widely circulated in Europe as they were during the time when the legends of Faustus Junior arose. And he called himself Magus Secundus, alluding to Magus Primus, who, for those who look into these matters, still stands as one who gazed out with clairvoyant vision, reaching up toward the celestial spheres, but whom those feared who wished only to acknowledge, only to concentrate on the earthly life of Christ Jesus. Faustus thus alludes to the ancient Simon Magus, the Magus primus, by calling himself Magus secundus. But he also points us to another figure, of whom we know from our observations in Spiritual Science that his gaze was directed upward into the spiritual world to look into the spiritual spheres. He also calls himself “In hydra arte secundus,” referring to Pythagoras, who in that era was called the Primus in this field of art.
[ 31 ] Wir sehen die letzte verglimmende Abendröte dessen, was altes Hellsehen war, und wir sehen, wie den Menschen schon unverständlich wird dieses alte Hellsehen. Ja, es hat sich wirklich erfüllt das, was uns so ergreifend in der Faust-Sage dargestellt worden ist: wie sich Augustinus sehnt nach dem Faustus senior, und wie er dann mit der Lehre des Faustus senior bekannt wird, wie uns gesagt wird, durch einen alten Mann und Arzt. Ebenso tritt uns, übertragen auf moderne Verhältnisse, Faustus junior entgegen in der Volkssage. Auch der alte Mann erscheint da wieder, der ihn warnt, aber Faustus junior hat seinen Pakt schon geschlossen; seine Erbschaft übergibt er dem Doktor Wagner.
[ 31 ] We see the last fading glow of what used to be clairvoyance, and we see how this ancient clairvoyance is already becoming incomprehensible to people. Yes, what was so movingly portrayed to us in the Faust legend has truly come to pass: how Augustine longs for Faustus the Elder, and how he then becomes acquainted with Faustus the Elder’s teachings, as we are told, through an old man and a physician. Likewise, transposed to modern circumstances, Faustus the Younger appears to us in the folk legend. The old man also appears there again, warning him, but Faustus Junior has already made his pact; he hands over his inheritance to Doctor Wagner.
[ 32 ] Und wahrhaftig, wenn wir die Zeiten überblicken und das, was herübergekommen ist als Anschauung von einer geistigen Welt seit dem Herankommen des fünften nachatlantischen Zeitraumes, so müssen wir sagen: Es ist das dem Doktor Wagner übergebene Erbe. Denn es kommt darauf an, wie man ein solches Erbgut verwalten kann. Bei Faust ist es noch ein Hineinschauen in die geistigen Welten; bei Wagner ist es dasjenige, was nur in Pergamenten kramt, ausschaut nach alten Zeiten, und was im Grunde doch ganz richtig charakterisiert ist mit den Worten: daß man gierig nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn man Regenwürmer findet.
[ 32 ] And truly, when we look back over the ages and consider what has come down to us as a vision of the spiritual world since the dawn of the fifth post-Atlantean epoch, we must say: It is the legacy entrusted to Dr. Wagner. For what matters is how one can manage such a legacy. In Faust, it is still a glimpse into the spiritual worlds; in Wagner, it is that which merely rummages through parchments, looks back to ancient times, and which is, after all, quite correctly characterized by the words: that one digs greedily for treasures and is glad when one finds earthworms.
[ 33 ] Das ist die matertalistische Weltanschauung unserer neueren Zeit, und es ist kein Wunder, daß in dieser materialistischen Weltanschauung alle Anschauung von dem Himmels-Christus verlorengegangen ist, ja, daß heute noch immer Furcht vorhanden ist vor der Erweiterung des Bildes, auf das sich die Erdenkräfte konzentrieren sollten bis heute. Aber wir wissen auch: die Erdenmenschheit müßte alles Verständnis für dieses Bild wahrhaft verlieren, wenn sie nicht zu weben vermag, durch eine neue, geistige Anschauung, eine neue Aura um das so ergreifende Bild von dem Weihnachtskinde und von seinem Werden durch dreißig und drei Erdenjahre. Die Geisteswissenschaft wird berufen sein — die Seelen, welche sich ernstlich mit Geisteswissenschaft beschäftigen, werden es verspüren, daß sie dazu berufen ist —, den Blick der Menschengemüter wieder zu schärfen neben dem irdischen Christus für den Himmels-Christus. Denn dann wird der Christus erkannt werden für alle künftigen Erdenzeiten so, daß er niemals wieder verlorengehen kann dem Menschenfortschritt und dem Menschenheil.
[ 33 ] This is the materialistic worldview of our modern age, and it is no wonder that within this materialistic worldview all conception of the Heavenly Christ has been lost—indeed, that even today there remains a fear of expanding the image upon which the forces of the Earth have been concentrated up to the present day. But we also know: humanity on Earth would truly lose all understanding of this image if it were unable to weave, through a new, spiritual perspective, a new aura around the so moving image of the Christ Child and of his development over thirty-three Earth years. Spiritual Science will be called upon—and those souls who seriously engage with Spiritual Science will sense that they are called upon to do so—to sharpen the gaze of human minds once more, alongside the earthly Christ, toward the heavenly Christ. For then Christ will be recognized for all future earthly ages in such a way that He can never again be lost to human progress and human salvation.
[ 34 ] Wenn die Weisheit wieder hinaufdringen wird in geistige Höhen, wo in göttlichen Sphären auch das Feuer der Liebe brennt, dann wird die Menschenseele wahrhaftig nicht wieder verlieren all das Wunderbare, all das in tiefste Liebeskräfte Hineindringende, was Menschen gewinnen können durch den Christus Jesus. Aber Unendliches wird dazugewonnen werden. Es wird dazugewonnen werden, was dazugewonnen werden muß, wenn die Menschheitsentwickelung in der entsprechenden Weise weitergehen soll.
[ 34 ] When wisdom once again ascends to spiritual heights, where the fire of love also burns in the divine spheres, then the human soul will truly never again lose all that is wondrous, all that penetrates into the deepest forces of love—which human beings can gain through Christ Jesus. But the infinite will be gained. That which must be gained will be gained if the development of humanity is to continue in the appropriate manner.
[ 35 ] Das aber, was wir heute zu sagen vermögen, es ist wahrhaft so trotzdem sich schon eröffnet haben die neuzeitlichen Quellen einer neuen Geisteserkenntnis —, daß man es gut im Symbolum des Weihnachtsfestes begeht. Wer sich so recht einlebt in das, was heute noch unser geisteswissenschaftliches Erkennen ist, dessen Seele überkommt tiefe, tiefe Demut. Denn nur ahnen dürfen wir, was die Geisteswissenschaft einstmals in der Zukunft für die Menschheit werden soll, denn was wir heute von ihr zu erkennen vermögen, es kann sich nur verhalten zu dem, was einstmals der Menschheit geschenkt werden wird, wenn viele, viele Zeit noch verflossen sein wird, wie das ganz junge Weihnachtskind zu dem erwachsenen Christus Jesus.
[ 35 ] Yet what we are able to say today—and this is truly so, even though the modern sources of a new spiritual understanding have already begun to open up—is that it is well to celebrate it in the spirit of the Christmas festival. Whoever truly immerses themselves in what is still our knowledge of Spiritual Science today will be overcome by a deep, deep humility. For we can only guess at what Spiritual Science is destined to become for humanity in the future; for what we are able to recognize of it today can only stand in relation to what will one day be given to humanity, when many, many years have passed, just as the very young Christmas Child stands in relation to the adult Christ Jesus.
[ 36 ] Wir haben wirklich heute in unserer neubeginnenden Geisteswissenschaft erst noch das Kind. Daher ist das Weihnachtsfest so recht unser Fest, und wir verspüren, daß wir gegenüber dem, was als Menschenlicht walten kann in der Erdenentwickelung, heute leben in tiefer, finsterer Winternacht, und daß wir wirklich stehen mit unserem heutigen Wissen vor dem, was sich uns in tiefer Winterfinsternis der Erdenentwickelung offenbart, wie einstmals die Hirten gestanden haben vor dem Christuskinde, das sich ihnen zuerst offenbarte. Gegenüber dem Verständnis von dem Christus Jesus können wir uns heute so recht fühlen wie die damaligen Hirten und so recht bitten die Quellen des geistigen Lebens, die immer mehr und mehr fließen mögen den Menschen, so recht, recht bitten, sie mögen immer mehr und mehr wahrmachen göttliche Offenbarung in den geistigen Höhen, und jenen Frieden geben, den diese Offenbarung den Menschengemütern geben kann, die wirklich guten Willens sind. Wie ein Wahrzeichen erscheint uns dann wohl gerade dieses Weihnachtsfest. Wir wissen noch wenig von dem, was die Welt einstmals als Geisteswissenschaft haben wird. Wir ahnen, was noch kommen mag, wir ahnen es in tiefer Demut. Aber das Wenige, wenn wir es so recht in unser Herz eindringen lassen wollen, ach, wie kommt es uns dann vor!
[ 36 ] In our nascent Spiritual Science, we are truly still in the infancy of our journey. That is why Christmas is truly our festival, and we feel that, in relation to what can reign as human light in the development of the Earth, we are living today in a deep, dark winter night, and that with our present knowledge we truly stand before what reveals itself to us in the deep winter darkness of the Earth’s development, just as the shepherds once stood before the Christ Child who first revealed Himself to them. In the face of our understanding of Christ Jesus, we can feel today just as the shepherds of that time did, and we can truly, earnestly pray that the springs of spiritual life may flow ever more abundantly to humanity; we can truly, earnestly pray that they may ever more fully bring to life the divine revelation in the spiritual heights, and bestow that peace which this revelation can give to human hearts that are truly of good will. How very much this Christmas then appears to us as a symbol. We still know little of what the world will one day have as Spiritual Science. We sense what may yet come; we sense it in deep humility. But that little—if we are willing to let it truly penetrate our hearts—oh, how it then appears to us!
[ 37 ] Ein Blick über das heutige europäische Erdenrund, meine lieben Freunde: Wie denken die Völker über einander? Wie suchen die Völker jedes bei dem andern die Schuld für dasjenige, was geschieht! Schreibt sich uns die Geist-Erkenntnis wahrhaft ins Gemüt ein, oh, dann werden wir die Schuld verstehen, die da gesucht wird von dem einen Volke bei dem andern, von der einen Nation bei der andern. Wahrhaftig, diese Schuld hat jemand, der recht, recht international ist, der seine Schritte von Nation zu Nation lenkt. Aber man redet von ihm nur in den Kreisen derer, in deren Herzen ein wenig Geisteswissenschaft eingezogen ist. Da reden wir von Ahriman, dem so recht internationalen Wesen, das im Bunde mit Luzifer die wahre Schuld hat. Aber man findet ihn nicht, wenn man immer den Blick hinwendet zu den andern, sondern nur, wenn man die Wege zur Erkenntnis sucht durch Selbsterkenntnis. Da hinunter in die chaotischen Tiefen geht es. Dann fühlen wir ihn, diesen Ahriman. Aber wenn wir ihn recht erkennen und ihn im Zusammenhange erkennen lernen mit dem, was uns das Mysterium von Golgatha sein kann: die Verkündigung der Offenbarung der Weisheit in den Höhen und des Friedens in den Tiefen des Erdentales, dann erst verspüren wir, was das ganze Feuer der Liebe ist, die von dem Mysterium von Golgatha ausstrahlen kann, und die nicht Grenzen kennt, die aufgerichtet sind zwischen Nationen und Völkern.
[ 37 ] Take a look at the European world today, my dear friends: What do the peoples think of one another? How each people seeks to blame the other for what is happening! If spiritual knowledge truly takes root in our hearts, oh, then we will understand the blame that one people seeks to place on another, that one nation seeks to place on another. Truly, this blame lies with one who is truly, truly international, who directs his steps from nation to nation. But one speaks of him only in the circles of those in whose hearts a little Spiritual Science has taken root. There we speak of Ahriman, that truly international being who, in league with Lucifer, bears the true blame. But one does not find him by always turning one’s gaze toward others, but only by seeking the paths to knowledge through self-knowledge. There, down into the chaotic depths, is where we go. Then we feel him, this Ahriman. But when we truly recognize him and learn to recognize him in connection with what the Mystery of Golgotha can be for us: the proclamation of the revelation of wisdom in the heights and of peace in the depths of the earthly valley, only then do we sense what the full fire of love is, which can radiate from the Mystery of Golgotha, and which knows no boundaries erected between nations and peoples.
[ 38 ] Manches steht bereits in dem, was als Geisteswissenschaft schon vor unsere Seelen getreten ist. Aber blicken wir hin auf dasjenige, was sich vor dieser unserer chaotischen Gegenwart schon geoffenbart hat und was jetzt einen so erschütternd traurig-schmerzlichen Ausdruck gefunden hat, dann finden wir, wie so sehr klein jene Seelenwohnung ist, in der heute wohnen muß das neue Verständnis von dem Weihnachtskinde, das zur Erde gekommen ist. War es mit diesem Weihnachtskinde so, daß es den armen Hirten erscheinen mußte, daß es im Stall geboren werden mußte, verborgen vor dem, was damals die Welt beherrschte — ist es nicht mit dem neuen Verständnis dessen, was mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängt, jetzt wieder so? Ist nicht so unendlich weit von diesem Verständnisse dasjenige entfernt, was draußen in der Welt uns heute erscheint, wie entfernt war die Welt im Beginne unserer Zeitrechnung von dem, was sich enthüllte den Hirten, als sie hörten:
[ 38 ] Much of this is already contained in what has already come before our souls as Spiritual Science. But if we look at what has already been revealed before our chaotic present and what has now found such a deeply sad and painful expression, then we see how very small is that dwelling of the soul in which the new understanding of the Christ Child who came to Earth must dwell today. Was it not the case with this Christ Child that it had to appear to the poor shepherds, that it had to be born in a stable, hidden from what ruled the world at that time—is it not the case again now with the new understanding of what is connected with the Mystery of Golgotha? Is not what appears to us today out in the world infinitely far removed from this understanding, just as the world at the beginning of our era was far removed from what was revealed to the shepherds when they heard: “/p”
Göttliche Offenbarung in den Höhen
Und Friede den Menschen auf Erden,
Die eines guten Willens sind.
Divine Revelation from on High
And peace to people on earth,
Who are of good will.
[ 39 ] Feiern wir, meine lieben Freunde, dieses Weihnachtsfest des erneuerten Christus-Verständnisses in unseren Herzen und in unseren Seelen; fühlen wir uns, wenn wir ein rechtes Weihnachtsfest feiern wollen, gleich jenen Hirten, weit weg von dem, was jetzt die Welt erfüllt. Aber erkennen wir durch das, was uns als Hirten sich offenbart, dasjenige, was damals erkannt werden mußte, erkennen wir die Verheißung einer sicheren Zukunft. Und bauen wir auf in unseren Seelen das Vertrauen zur Erfüllung dieser Verheißung: das Vertrauen dazu, daß dasjenige, was wir heute empfinden wie das Kind, das wir anbeten wollen — das neue Christus-Verständnis ist dieses Kind —, werde wachsen, es werde leben und es werde in nicht zu langer Zeit so heranwachsen, daß sich in ihm verkörpern kann der ätherisch erscheinende Christus, wie sich der Christus verkörpern konnte im fleischlichen Leibe zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Erfüllen wir uns mit dem Lichte, das uns durch das Vertrauen in diese Verheißung bis ins tiefste Seeleninnere erleuchten kann, durchwärmen wir uns mit der Wärme, welche unser Gemüt durchpulsen kann! Wenn wir uns also gegenüber der geistigen Höhe fühlen, in welcher das Licht jener Geisteswelt vor unsere ahnende Seele treten kann, dann allein können wir sicher sein, daß es einmal die Welt erhellen werde.
[ 39 ] Let us celebrate, my dear friends, this Christmas of a renewed understanding of Christ in our hearts and souls; if we wish to celebrate Christmas properly, let us feel like those shepherds, far removed from what now fills the world. But let us recognize, through what is revealed to us as shepherds, that which had to be recognized back then; let us recognize the promise of a secure future. And let us build within our souls the trust in the fulfillment of this promise: the trust that what we feel today—like the child we wish to worship (for this new understanding of Christ is this child)—will grow, that it will live, and that in not too long a time it will grow to such an extent that the Christ, who appears in the etheric realm, may incarnate within it, just as the Christ was able to incarnate in the physical body at the time of the Mystery of Golgotha. Let us fill ourselves with the light that, through trust in this promise, can illuminate us to the very depths of our soul; let us warm ourselves with the warmth that can pulse through our hearts! When we thus feel ourselves in the presence of the spiritual heights where the light of that spiritual world can step before our intuitive soul, then and only then can we be certain that it will one day illuminate the world.
[ 40 ] Wenn wir also denken, begehen wir — gerade in dieser schweren, schmerzlichen Zeit — ein echtes Weihnachtsfest. Denn nicht nur ist die tiefe, finstere Winternacht der Jahreszeit da; es ist über den Völkerhorizont hin das Ergebnis ahrimanischer Finsternis da, wie sie allmählich heraufgezogen ist seit dem Beginne des fünften nachatlantischen Zeitalters. Wie aber die Christus-Verkündigung zuerst nur den Hirten zukommen konnte und dann die Welt immer mehr und mehr erfüllte, so wird immer mehr und mehr die Welt erfüllen auch das neue Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Und Zeiten werden kommen, die als Lichtzeiten auch für die Menschheit ablösen werden die Zeit der Winterfinsternis, in der wir heute leben.
[ 40 ] So when we think, we are celebrating—especially in these difficult, painful times—a true Christmas. For not only is the deep, dark winter night of the season upon us; there is also, across the horizon of humanity, the result of Ahrimanic darkness, as it has gradually descended since the beginning of the fifth post-Atlantean epoch. But just as the Annunciation of Christ could at first reach only the shepherds and then increasingly filled the world, so too will the new understanding of the Mystery of Golgotha increasingly fill the world. And times will come that, as times of light, will also replace for humanity the time of winter darkness in which we live today.
[ 41 ] Fühlen wir uns also als Hirten gegenüber dem, was auch noch ein Kind ist: gegenüber dem neuen Christus-Verständnis, und fühlen wir, daß wir durchpulsen können, in aller Demut durchpulsen können mit einem neuen Sinn den Spruch, der nicht nur ewig währen soll innerhalb des Fortschrittes der Erdenentwickelung, sondern der auch immer bedeutungsvoller werden soll. Vereinigen wir uns mit dem Gemüte, aber mit erhöhtem Bewußtsein, in dieser Weihnachtszeit in dem so verheißungsvollen Wahrspruch:
[ 41 ] Let us therefore feel ourselves to be shepherds toward that which is still a child: toward the new understanding of Christ, and let us feel that we can let the saying pulse through us, in all humility let it pulse through us with a new meaning—a saying that is not only meant to endure eternally within the progress of Earth’s development, but is also meant to become ever more significant. Let us unite, with a light heart but with heightened awareness, during this Christmas season in this so promising saying:
Göttliche Offenbarung in geistigen Höhen,
Friede, Friede immer mehr und mehr
Allen Menschenseelen auf Erden,
Die eines guten Willens sind.
Divine revelation in spiritual heights,
Peace, peace, more and more
To all human souls on Earth,
Who are of good will.
