The Shaping of Destiny
and Life after Death
GA 157a
14 December 1915, Berlin
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The Shaping of Destiny and Life after Death, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Wir haben die letzten Betrachtungen hier von einem gewissen Gesichtspunkte her auf das Leben gerichtet, das hinter jenem verläuft, welches für den Menschen in der Alltäglichkeit oder in der gewöhnlichen Wissenschaft abläuft in seinem ihm durch das Erdenwerkzeug, durch das physische Werkzeug vermittelten physischen Bewußtsein. Im Grunde genommen sind ja alle unsere Betrachtungen auf dieses Leben, das unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins verläuft, gewendet. Dennoch versuchen wir, wie das ja in der Geisteswissenschaft sein muß, von den verschiedensten Seiten her diesem Leben nahezukommen.
[ 1 ] In our recent reflections here, we have focused from a certain perspective on the life that unfolds behind the one that takes place for human beings in everyday life or in conventional science, within the physical consciousness mediated to them through the earthly instrument, through the physical body. Essentially, all our reflections are directed toward this life that unfolds beneath the threshold of ordinary consciousness. Nevertheless, as is necessary in Spiritual Science, we attempt to approach this life from a wide variety of angles.
[ 2 ] Während einem Gewißheit gegeben wird in bezug auf die äußere physisch-sinnliche Wirklichkeit einfach durch das Anschauen — der Mensch sagt: Ich weiß, daß etwas ist, wenn ich es gesehen habe —, wird eine Gewißheit über die geistigen Welten auch für denjenigen, der nicht durch besondere Übungen in sie aufzusteigen vermag, dadurch geschaffen, daß man sie von verschiedenen Seiten her beleuchtet erhält. Durch diese Beleuchtungen von verschiedenen Seiten her, die dann zusammenstimmen, kann eine gewisse Gewißheit erlangt werden.
[ 2 ] Whereas certainty regarding external physical-sensory reality is gained simply through observation—a person says: I know that something exists if I have seen it —, certainty regarding the spiritual worlds is also created for those who are unable to ascend into them through special exercises by illuminating them from various angles. Through these illuminations from various angles, which then harmonize, a certain degree of certainty can be attained.
[ 3 ] Ich habe insbesondere darauf aufmerksam gemacht, daß der Mensch in der Welt nicht nur durch dasjenige darinnensteht, was er so überschaut mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, sondern daß unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins ein Leben des Menschen abläuft, welches nicht vom Bewußtsein umfaßt wird, welches allerdings erkennbar wird, wenn der Mensch, wie man sagt, durch die Pforte der Initiation schreitet, welches aber unbewußt bleibt fur das gewöhnliche Menschenleben. Es geht mit dem Ganzen, das der Mensch ist, vieles in der Welt vor — so habe ich mich ausgedrückt —, und dasjenige, wovon man, indem man durch das Leben im physischen Leibe schreitet, weiß, ist nur ein Teil dessen, was eigentlich mit dem Menschen vorgeht. Und alles Bestreben, mit der geistigen Welt in einen Zusammenhang zu kommen, besteht darin, etwas hineinzuschauen in dieses Leben, das unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins verläuft, das heißt durch eine Erweiterung dieses Bewußtseins die Schwelle zu überschreiten und hineinzuschauen eben in das, worin wir ja in der Wirklichkeit stehen, was wir aber nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein überschauen. Und so sagte ich, daß eine gewisse verschiebbare Schwelle ist zwischen dem gewöhnlichen Bewußtsein und demjenigen, was — und das Wort hat ja für uns eine bestimmte Geltung — «unbewußt-bewußt» für den Menschen verläuft.
[ 3 ] I have drawn particular attention to the fact that human beings exist in the world not only through what they perceive with ordinary consciousness, but that beneath the threshold of ordinary consciousness there unfolds a human life that is not encompassed by consciousness, yet which becomes recognizable when the human being, as one says, passes through the gate of initiation, yet remains unconscious to ordinary human life. Much is happening in the world with the whole being that is the human being—as I have put it—and what one knows while passing through life in the physical body is only a part of what is actually happening to the human being. And every endeavor to connect with the spiritual world consists in looking into this life that unfolds beneath the threshold of ordinary consciousness, that is, by expanding this consciousness, to cross the threshold and look into precisely that in which we actually stand, but which we cannot grasp with ordinary consciousness. And so I said that there is a certain shiftable threshold between ordinary consciousness and that which—and the word does indeed have a specific significance for us—proceeds “unconsciously-consciously” for human beings.
[ 4 ] Ich hatte das letzte Mal ein sehr naheliegendes Beispiel angeführt. Der Mensch nimmt sich des Morgens früh etwas vor, das er am Abend ausführen will. Er lebt sozusagen in dem Gedanken, daß er dies am Abend ausführen werde. Mittags passiert irgend etwas, was ihn verhindert, die Sache am Abend auszuführen. Für das gewöhnliche Bewußtsein liegt da vielleicht eines jener Ereignisse vor, die man einen Zufall nennt. Sieht man aber tiefer in das Menschenleben hinein, so entdeckt man in diesem sogenannten Zufall Weisheit, aber eben eine Weisheit, die unter der Schwelle des Bewußtseins liegt. Man kann eigentlich diese Weisheit mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht durchschauen, aber man entdeckt in solchen Fällen sehr häufig, daß, wenn das Hindernis am Mittag nicht eingetreten wäre, der Mensch vielleicht in recht schlimme Lagen gebracht worden wäre dadurch, daß er am Abend das Betreffende unternommen hätte. Ich sagte das letzte Mal, er hätte sich vielleicht am Abend ein Bein gebrochen oder dergleichen. Und sowie man dann den Zusammenhang hat, entdeckt man, daß Weisheit liegt in dem ganzen Verlauf, daß die Seele selbst das Hindernis gesucht, herbeigeführt hat, aber mit Absichten, die unter der Schwelle des Bewutßtseins liegen. Nun, das ist etwas, was ganz hart am gewöhnlichen Bewußtsein noch liegt, aber es weist hinunter in eine Region, der der Mensch angehört, der er angehört mit den verborgenen Teilen seines Wesens, die, nachdem er den physischen Leib abgelegt hat, durch die Pforte des Todes schreiten. Es gehört jenem waltenden Bewußtsein an, von dem wir im Öffentlichen Vortrag gesprochen haben als von einem Zuschauer unserer Willenshandlungen. Dieser Zuschauer ist wirklich immer da. Er lenkt und leitet uns, aber das gewöhnliche Bewußtsein weiß nichts von ihm. Vieles geht da vor, das sich zwischen die Ereignisse, die das gewöhnliche Bewußtsein überschaut, hineinstellt. Und da bereitet sich, wie sich das Lebewesen im Ei vorbereitet, namentlich in alledem, was da zwischen die Ereignisse des Lebens sich hineinstellt, in dem, was unter der Schwelle unseres Bewußtseins vorgeht, dasjenige vor, was wir sein werden, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind.
[ 4 ] Last time, I gave a very obvious example. Early in the morning, a person decides to do something that he intends to carry out in the evening. He lives, so to speak, with the thought that he will carry this out in the evening. At noon, something happens that prevents them from carrying it out in the evening. To the ordinary consciousness, this may appear to be one of those events we call a coincidence. But if one looks more deeply into human life, one discovers wisdom in this so-called coincidence—a wisdom that lies below the threshold of consciousness. One cannot really fathom this wisdom with ordinary consciousness, but in such cases one very often discovers that, had the obstacle not occurred at noon, the person might have been brought into quite dire straits by undertaking the matter in question that evening. I said last time that he might have broken a leg in the evening or something similar. And once one sees the connection, one discovers that there is wisdom in the entire course of events, that the soul itself sought out and brought about the obstacle, but with intentions that lie below the threshold of consciousness. Now, this is something that still lies very close to ordinary consciousness, but it points down into a region to which the human being belongs—to which he belongs with the hidden parts of his being that, after he has shed the physical body, pass through the gate of death. It belongs to that ruling consciousness of which we spoke in the public lecture as a spectator of our acts of will. This spectator is truly always there. It guides and directs us, but ordinary consciousness knows nothing of it. Much is going on there that interposes itself between the events that ordinary consciousness overlooks. And there, just as the living being prepares itself within the egg, namely in all that interposes itself between the events of life, in what takes place beneath the threshold of our consciousness, that which we will become once we have passed through the gate of death is preparing itself.
[ 5 ] Nun müssen wir zusammenklingen lassen etwas, was wir in den letzten Betrachtungen vor unsere Seele geführt haben, mit mancherlei, was uns noch wohlbekannt sein kann aus früheren Betrachtungen. Ich habe oftmals hingewiesen darauf, wie wichtig und wesentlich für den Menschen, insofern er hier im physischen Bewußtsein steckt, das Gedächtnis ist, dieses Gedächtnis, das nicht zerrissen werden darf. Wir müssen bis zu einem gewissen Punkte unseres physischen Erlebens uns zurückerinnern, wenigstens zurückerinnern können, an den Zusammenhang unseres Lebens. Zerreißt dieser Zusammenhang, können wir an bestimmte Ereignisse uns nicht erinnern, so daß wir wenigstens das Bewufßitsein haben, wir waren in der Zeit vorhanden, als diese Ereignisse da waren, so tritt eine bedenkliche Seelenkrankheit ein, auf die ich in den letzten Betrachtungen hier hingewiesen habe. Dieses Erinnern, das gehört zu dem Erleben im physischen Bewußtsein hier. Aber dieses Erinnern ist zugleich in gewissem Sinne ein Schleier, der uns zudeckt diejenigen Ereignisse, die ich jetzt eigentlich meine und die hinter dem gewöhnlichen Bewußtsein stehen, die eben hinter jenem Schleier stehen, der von der fortlaufenden Erinnerung gewoben wird. Bedenken Sie nur einmal: Wir sind zuerst ein Kind; da durchlaufen wir gewisse Bewußtseinszeiten, an die wir uns nicht zurückerinnern. Dann kommt der Zeitpunkt, bis zu dem wir uns immer im späteren Leben zurückerinnern können. Da ist eine geschlossene Erinnerungsreihe, da wissen wir unser Ich bis zu einem Zeitpunkt zurückzuerfassen, der eben im zweiten, dritten, vierten Lebensjahr, bei manchen Menschen auch später, im gewöhnlichen Leben eintritt. Wenn wir so in uns zurückschauen, wenn wir in uns hineinschauen, dann trifft unser seelischer Blick zunächst auf diese Erinnerung, und insofern wir hier ein physischer Mensch sind, leben wir innerlich eigentlich in diesen Erinnerungen. Wir könnten gar nicht von unserem Ich sprechen, wenn wir nicht in diesen Erinnerungen leben würden. Wer sich selbst betrachtet, erkennt dieses. Indem er in sich hineinschaut, schaut er eigentlich in den Umfang seiner Erinnerungen hinein. Er blickt also gleichsam auf das Tableau seiner Erinnerungen. Wenn auch nicht alles in diesen Erinnerungen auftaucht, was wir erlebt haben, so wissen wir, es könnten Erinnerungen auftauchen bis zu dem charakterisierten Zeitpunkte hin, und wir müssen sogar voraussetzen, daß wir mit unserem Ich wirklich bewußt bei all diesen Erinnerungen dabeigewesen sind und Erinnerungen haben behalten können. Wäre das nicht, so wäre der Zusammenhang unseres Ich zerstört und eine Seelenkrankheit eingetreten. Aber hinter dem, was wir da in der Erinnerung bemerken, liegt gerade dasjenige, was mit dem Geistesauge gesehen, mit dem Geistesohr gehört wird. So daß es richtig ist, was ich schon im Öffentlichen Vortrage angeführt habe: Die Kraft, die wir sonst zur Erinnerung brauchen, die verwenden wir, wenn wir in die geistige Welt hineinschauen, eben zum Hineinschauen in die geistige Welt. Das bedingt nicht, daß man sein Gedächtnis verliert, wenn man sich das geistige Schauen erringt, aber es bedingt das, was ich charakterisiert habe im öffentlichen Vortrag, nämlich daß man nicht in derselben Weise erinnerungsmäßig lebt, nicht das, was man geistig erschaut, wirklich immer überblicken kann, sondern daß man es immer wieder und wiederum schauen muß und immer wieder aufs neue schauen muß.
[ 5 ] Now we must bring together what we have brought before our souls in our recent reflections with various things that may still be familiar to us from earlier reflections. I have often pointed out how important and essential memory is for human beings, insofar as they are here in physical consciousness—this memory that must not be torn apart. We must, up to a certain point in our physical experience, recall—or at least be able to recall—the context of our lives. If this connection is severed, if we cannot remember certain events—so that we at least have the awareness that we were present in time when these events occurred—then a serious spiritual illness sets in, to which I have referred in recent reflections here. This remembering is part of the experience within physical consciousness here. But this remembering is at the same time, in a certain sense, a veil that conceals from us those events I am actually referring to now—events that lie beyond ordinary consciousness, that lie precisely behind that veil woven by continuous memory. Just consider this: We are first a child; during that time we pass through certain stages of consciousness that we cannot recall. Then comes the point up to which we can always recall in later life. There is a closed series of memories; there we are able to trace our “I” back to a point that occurs in ordinary life during the second, third, or fourth year of life, or later for some people. When we look back within ourselves in this way, when we look into ourselves, our soul’s gaze first encounters this memory, and insofar as we are physical human beings here, we actually live inwardly within these memories. We could not speak of our ego at all if we did not live within these memories. Anyone who observes themselves recognizes this. By looking within themselves, they are actually looking into the scope of their memories. They are thus, as it were, gazing upon the tableau of their memories. Even if not everything we have experienced appears in these memories, we know that memories could emerge up to the specified point in time, and we must even assume that we were truly present with our “I” in all these memories and were able to retain them. If this were not the case, the coherence of our “I” would be destroyed and a mental illness would have set in. But behind what we perceive there in memory lies precisely that which is seen with the spiritual eye and heard with the spiritual ear. So that what I have already stated in the public lecture is correct: the power we otherwise need for memory, we use, when we look into the spiritual world, precisely for looking into the spiritual world. This does not mean that one loses one’s memory when one attains spiritual vision, but it does mean what I described in the public lecture, namely that one does not live in the same way through memory, that one cannot truly always grasp what one beholds spiritually, but that one must look at it again and again and must look at it anew each time.
[ 6 ] Ich habe oftmals gesagt: Wenn jemand wirklich aus der geistigen Welt heraus einen Vortrag hält, so kann er ihn nicht aus der Erinnerung heraus halten, wie man über etwas anderes redet, sondern es muß immer aus der geistigen Welt neu geschöpft werden, es muß dasjenige, was im Denken lebt, immer wieder erzeugt werden. Der Geist, die Seele müssen tätig sein, müssen immer wieder neu erzeugen in einem solchen Falle. Wenn der geistig Schauende wirklich in die geistige Welt hineinsieht, so wird ihm dasjenige, was ihm sonst der Schleier der Erinnerung ist, zu einem durchsichtigen Schleier, zu etwas, durch das er hindurchsieht. Er sieht gleichsam durch die Kraft, die ihm sonst die Erinnerung bildet, hindurch und sieht da in die geistige Welt hinein. Wenn man streng und energisch seine Übungen macht, so merkt man, daß, wenn man im gewöhnlichen Leben sein Denken braucht, indem man die Dinge, die Ereignisse der Welt auf sich wirken läßt, daß einen dann der Leib als ein physisches Instrument unterstützt, damit man die Dinge wirklich vorstellen kann; und dann bleibt die Vorstellung, unterstützt durch die Tätigkeit des physischen Leibes, als Erinnerung in uns. Wenn man in die geistige Welt hineinkommt, muß man immer tätig sein, um die Vorstellung immer von neuem hervorzurufen. Eine unausgesetzte Tätigkeit beginnt, wenn man an dem Punkte ankommt, den ich im öffentlichen Vortrag charakterisiert habe, wenn man nun warten kann, bis die Geheimnisse der geistigen Welt sich eröffnen. Aber man muß: mittun! Wie, wenn man etwas zeichnet, man immerzu mittun muß, um etwas durch die Zeichnung auszudrücken, so muß man, indem die geistige Welt sich enthüllt, die Imagination immer tätig miterzeugen. Sie erzeugt sich aus der objektiven Wirklichkeit heraus, aber man muß bei diesem Erzeugen der Vorstellungen dabeisein. Dann kommt man allerdings auf diese Weise zunächst hinein in etwas, was sich fortwährend abspielt mit dem Menschen, mit dem zwiefachen Menschen, den ich auch schon angedeutet habe, der in uns verborgen ist, der da lebt innerhalb unserer physischen Hülle und unter der Schwelle unseres gewöhnlichen physischen Bewußtseins. An diesen Menschen knüpft man an. Da merkt man: Hier in der physischen Welt ist man so verknüpft mit der Welt, daß man auf einem festen Boden steht, so verknüpft, daß man andere Dinge der Außenwelt sieht, sich bewegt zwischen diesen anderen Dingen, daß man in ein gewisses Verhältnis zu Menschen kommt, denen man dieses oder jenes tut, von denen einem das oder jenes angetan wird. In der fortlaufenden Auffassung desjenigen, was wir so entwickeln, liegt dieses Leben, das wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein umfassen. Aber es liegt ein anderes Leben dem zugrunde, eine Gesetzmäßigkeit, die wir mit diesem gewöhnlichen Bewußtsein nicht überschauen, in die wir aber hineingestellt sind, wenn wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen in unserem Ich und Astralleibe sind. Doch da ist unser Bewußtsein so herabgedämpft, daß wir mit den gewöhnlichen Sinnen nicht überschauen können, wie wir in einer Welt des Geistes stehen, die sich abspielt, die fortwährend um uns herum lebt, aber die sich hineinverwebt als ein Unsinnlich-Unsichtbares in das Sinnlich-Sichtbare. Diese Welt müssen wir durchaus eben als eine geistige auffassen, wir müssen sie nicht denken gleichsam als ein Duplikat, als etwas bloß Feineres gegenüber der physisch-sinnlichen Welt, sondern wir müssen sie denken als ein Geistiges.
[ 6 ] I have often said: When someone truly gives a lecture from the spiritual world, they cannot do so from memory, as one might speak about something else; rather, it must always be newly created from the spiritual world; what lives in thought must be generated anew again and again. The spirit and the soul must be active; they must constantly recreate in such a case. When the spiritual seer truly looks into the spiritual world, what is otherwise the veil of memory becomes a transparent veil, something through which he sees. He sees, as it were, through the power that otherwise constitutes his memory, and looks into the spiritual world. If one performs one’s exercises rigorously and energetically, one notices that when one uses one’s thinking in ordinary life—by allowing the things and events of the world to take effect upon oneself—the body then supports one as a physical instrument so that one can truly form mental images; and then the mental image, supported by the activity of the physical body, remains within us as a memory. When one enters the spiritual world, one must always be active in order to continually evoke the mental image anew. An unceasing activity begins when one reaches the point I described in the public lecture, when one can now wait until the mysteries of the spiritual world reveal themselves. But one must: participate! Just as, when one draws something, one must constantly participate in order to express something through the drawing, so, as the spiritual world reveals itself, one must actively co-create the mental image. It arises from objective reality, but one must be present in this creation of the mental images. Then, in this way, one first enters into something that is constantly taking place with the human being, with the twofold human being whom I have already alluded to, who is hidden within us, who lives there within our physical shell and beneath the threshold of our ordinary physical consciousness. It is to this human being that one connects. There one realizes: Here in the physical world, one is so connected to the world that one stands on solid ground, so connected that one sees other things in the external world, moves among these other things, and enters into a certain relationship with people to whom one does this or that, and from whom one receives this or that. In the ongoing perception of what we thus develop lies this life that we encompass with ordinary consciousness. But there lies another life underlying it, a lawfulness that we cannot grasp with this ordinary consciousness, yet into which we are placed when we are in our ego and astral body from falling asleep until waking up. Yet our consciousness is so subdued there that we cannot perceive with our ordinary senses how we stand within a world of the spirit that unfolds, that lives continuously around us, but which weaves itself as a non-sensory, invisible element into the sensory, visible world. We must indeed conceive of this world as a spiritual one; we must not think of it, as it were, as a duplicate, as something merely finer than the physical-sensory world, but we must think of it as a spiritual reality.
[ 7 ] Nun habe ich ja öfters darauf aufmerksam gemacht, welches die Gründe sind, daß gerade in unserer Zeit herausgeholt werden muß aus dem Borne aller menschlichen Erkenntnis dasjenige, was sich also, wie wir es treiben, auf die geistige Welt bezieht. Wahrhaftig, nicht nur aus der Tatsache, daß da Geistesforscher auftreten, die über die geistige Welt zu erzählen haben, sondern aus dem ganzen Verlauf unseres Kulturlebens — ich habe von verschiedenen Gesichtspunkten darauf aufmerksam gemacht — ist zu ersehen, daß eine gewisse Sehnsucht der Menschen besteht, diese verborgene Seite des menschlichen Lebens wirklich an die Seelen herankommen zu lassen, etwas von diesen verborgenen Seiten des Lebens zu wissen. Ich habe ja auch schon Erscheinungen im wissenschaftlichen und im sonstigen Leben angeführt, die zeigen, wie diese Sehnsucht lebt in der Gegenwart.
[ 7 ] I have often pointed out the reasons why, especially in our time, we must draw from the wellspring of all human knowledge that which, as we pursue it, relates to the spiritual world. Truly, not only from the fact that there are spiritual researchers who have something to say about the spiritual world, but from the entire course of our cultural life—I have pointed this out from various perspectives—it can be seen that there is a certain longing among people to truly allow this hidden side of human life to reach their souls, to know something of these hidden aspects of life. I have, after all, already cited phenomena in scientific and other spheres of life that show how this longing is alive in the present.
[ 8 ] Ich möchte heute in unsere Betrachtung ein ganz besonderes Beispiel einfügen, aus dem wir ersehen können, daß es schon Menschen gibt in unserer Zeit, die gewissermaßen rühren an diese Geheimnisse des Daseins, die etwas ahnen und wissen von diesen Geheimnissen des Daseins, die aber eben nicht wollen, aus Gründen, die ich nachher auch charakterisieren will, in der Weise eingehen auf diese Geheimnisse des Daseins, wie wir das durch unsere Geisteswissenschaft versuchen. Wenn man diese Dinge so bespricht, daß man sie gewissermaßen so ein wenig in der Schwebe läßt, daß man den Leuten auch die Türe offen läßt: Nun, ihr braucht ja die Sache nicht zu glauben, ihr braucht nicht darüber zu denken, daß das eine wirkliche Welt ist! — dann kommt man mit diesen Dingen leichter an die Menschen heran. Und davon gibt es in unserer Zeit viele Beispiele. Ich habe sie angeführt. Ich will heute ein besonderes Beispiel noch anführen, gerade in bezug auf dieses Kapitel. Ich will einfügen in diese Betrachtung einige Bemerkungen über eine wirklich außerordentlich bedeutsame Novelle aus der deutschen Literatur der jüngsten Vergangenheit, ich möchte sagen, über eine Perle der deutschen Novellistik. In dieser Novelle, sie heißt «Hofrat Eysenhardt», die wirklich eine der besten Novellen ist, die wir innerhalb der neueren deutschen Literatur haben, wird in einer ganz außerordentlich wunderbaren Weise eine, nur eine einzige Persönlichkeit charakterisiert, nämlich der Hofrat Eysenhardt selber. Dieser Hofrat Eysenhardt, der in Wien lebt — es wird sehr genau angegeben, wann er geboren ist: «Dr. Franz Ritter von Eysenhardt war einige Jahre vor dem Ausbruch der Revolution von 1848 zu Wien geboren» — wird Jurist, später Vorsitzender des Landesgerichts; er wird einer der bedeutendsten Juristen seines Landes. Er ist gefürchtet bei denjenigen Menschen, die irgend etwas mit dem Gericht zu tun haben. Er ist beliebt bei denjenigen Menschen, die seine Vorgesetzten sind, denn er ist ein ganz ausgezeichneter Kriminalist. Er hat eine Dialektik, die imstande ist, jeden zu verurteilen, könnte man sagen, der nur irgendwie in seine Fangarme kommt. Er bringt jeden in ein Kreuzfeuer in den Verhören, und er weiß mit einer gewissen Anteillosigkeit am menschlichen Leben sein — man kann in diesem Falle sagen sein «Objekt» — zu peinigen, so daß es sich verstrickt in alle möglichen Fallen, die ihm eben gelegt werden. Dabei ist der Hofrat Eysenhardt, so äußerlich im Leben, ein ganz merkwürdiger Mensch. Er hat nicht viel Begabung, sein Menschlich-Seelisches an andere Menschen anzuschließen. Er ist für das menschliche Leben eine Art Einsiedler. Er gibt sehr viel darauf, in einer gewissen Weise korrekt und tadellos im äußeren Leben dazustehen. Er ist kurz angebunden jedem Untergebenen gegenüber. Er ist freundlich nicht nur, sondern tief höflich jedem Vorgesetzten gegenüber. Ja, ich könnte Ihnen noch viele Eigenschaften anführen; er ist das Muster eines Hofrates. Nun wollen wir nicht auf diese sonstigen Eigenschaften eingehen — diese sind zum Beispiel wunderbar geschildert im Spiegel einer Erzählung eines seiner Untergebenen in der Novelle —, wir wollen aber gleich hinweisen darauf, daß er einmal ausersehen war, einen bedeutungsvollen Prozeß zu führen gegen einen merkwürdigen Menschen, der Markus Freund heißt. Dieser Markus Freund hatte für ähnliche Vergehen geringerer Art als dasjenige, dessen er jetzt angeklagt war, schon Vorstrafen auf sich. Es stellte sich aber für den Untersuchungsrichter, der die Voruntersuchung machte, diesmal gar nicht die Möglichkeit heraus, es zu einer Verurteilung zu bringen. Aber der Hofrat Eysenhardt brachte es zu einer Verurteilung. Und in einem Schriftstück, das dann der Hofrat selber verfaßte, zu einem Zweck, den ich Ihnen gleich nennen werde, schildert er dann selber die Art und Weise, wie sich jener Markus Freund benommen hat während oder namentlich nach der Verurteilung. Also, ich will nur die Stelle lesen, wie sich der Markus Freund bei der Verurteilung benommen hatte:
[ 8 ] Today I would like to include in our discussion a very special example from which we can see that there are already people in our time who, in a sense, touch upon these mysteries of existence, who sense and know something of these mysteries of existence, but who simply do not wish, for reasons I will describe later, to engage with these mysteries of existence in the way we attempt to do through our Spiritual Science. If one discusses these things in such a way that one leaves them, so to speak, a little up in the air, that one also leaves the door open for people: Well, you don’t have to believe it, you don’t have to think of it as a real world! — then it becomes easier to reach people with these things. And there are many examples of this in our time. I have cited them. Today I would like to cite one particular example, specifically in relation to this chapter. I would like to include in this discussion a few remarks about a truly extraordinarily significant novella from recent German literature; I would say, about a gem of German novella writing. In this novella, titled “Hofrat Eysenhardt”—which is truly one of the finest novellas we have in modern German literature—a single character is portrayed in an extraordinarily wonderful way: Hofrat Eysenhardt himself. This Hofrat Eysenhardt, who lives in Vienna—his date of birth is specified very precisely: “Dr. Franz Ritter von Eysenhardt was born in Vienna a few years before the outbreak of the 1848 Revolution”—becomes a lawyer, later president of the Regional Court; he becomes one of the most prominent lawyers in his country. He is feared by those who have anything to do with the court. He is popular with his superiors, for he is an excellent criminal investigator. He possesses a dialectic capable of condemning, one might say, anyone who falls into his clutches in any way. He puts everyone in a crossfire during interrogations, and he knows how to torment his “subject”—as one might call it in this case—with a certain callousness toward human life, so that it becomes entangled in all sorts of traps laid for it. Yet Court Councilor Eysenhardt, outwardly in life, is a very peculiar person. He lacks the ability to connect his human and emotional side with other people. He is, in a sense, a hermit when it comes to human life. He places great importance on appearing, in a certain way, proper and impeccable in his outward life. He is curt toward every subordinate. He is not only friendly but deeply courteous toward every superior. Yes, I could cite many more of his characteristics; he is the very model of a court councilor. Now, let us not dwell on these other traits—these are, for example, wonderfully portrayed in the narrative of one of his subordinates in the novella—but let us point out right away that he was once chosen to lead a significant trial against a remarkable man named Markus Freund. This Markus Freund already had a criminal record for similar offenses of a lesser nature than the one of which he was now accused. However, for the investigating judge who conducted the preliminary inquiry, it turned out this time that there was no possibility of securing a conviction. But Court Councilor Eysenhardt managed to secure a conviction. And in a document that the court councilor himself then drafted, for a purpose I will mention to you in a moment, he himself describes the manner in which that Markus Freund behaved during and, in particular, after the sentencing. So, I will just read the passage describing how Markus Freund behaved at the sentencing:
[ 9 ] «Sonst hatte dieser Mann, der überhaupt den für seine Rasse so charakteristischen Familiensinn besaß, eine ganz besondere Zärtlichkeit für eine jüngst geborene Enkelin, von der mit den Zellengenossen zu sprechen er nicht müde ward. Er konnte seine Freilassung, auf welche, obwohl schwerste Verdachtmomente gegen ihn vorlagen, er mit Sicherheit zu rechnen sich den Anschein gab, kaum erwarten, um das Kind wiederzusehen. Markus Freund leugnete hartnäckig und wußte in den Verhören vor dem Untersuchungsrichter jeden der ihn belastenden schwerwiegenden Umstände mit wahrhaft verblüffendem Scharfsinn so aufzuklären, daß der Untersuchungsrichter, ein sonst sehr tüchtiger, wenn auch über Gebühr weichherziger Mann, von Markus Freunds Unschuld vollkommen überzeugt war, als die Schlußverhandlung begann, deren Vorsitz die Person führte, auf welche diese Information sich bezieht.» — Der Hofrat Eysenhardt schreibt das selber, er schreibt in der dritten Person von sich. — «Obwohl Markus Freund auch in der Schlußverhandlung das Äußerste an Scharfsinn leistete und sein Verteidiger eine sehr schöne und rührende, von den Zeitungen nach Gebühr gepriesene Rede hielt, war der Ausgang des Prozesses doch dem vom Untersuchungsrichter und vielleicht vom Angeklagten selbst erwarteten genau entgegengesetzt. Herr Markus Freund wurde von den Geschworenen einstimmig schuldig gesprochen und, da mehrere Vorstrafen und andere erschwerende Umstände vorlagen, zum höchsten Strafsatz von zwanzig Jahren schweren Kerkers verurteilt. Besagte Person» — also die besagte Person ist dieser Hofrat Eysenhardt selber, — «darf ohne Unbescheidenheit diesen Ausgang als einen der größten Triumphe ihrer vieljährigen kriminalistischen Praxis bezeichnen. Denn sicherlich hätten sich die Geschworenen durch die wahrhaft blendenden Sophismen des Markus Freund zu seinen Gunsten einnehmen lassen, obwohl die Volksstimmung damals Menschen seiner Rasse nicht eben günstig war, wenn nicht der Vorsitzende durch seine dem Angeklagten noch überlegene und doch der Fassungskraft der Geschworenen volkstümlich angepaßte Dialektik diese Sophismen in ein Nichts aufzulösen verstanden hätte. Die Wirkung der Verkündigung des Urteils auf den Angeklagten war eine derartige» — das erzählt also immer der Hofrat selber —, «daß gestählte und an solche Auftritte gewöhnte Nerven dazu gehörten, um sich dadurch nicht erschüttern und vielleicht an der Wahrheit und Gerechtigkeit des gefällten Urteils irre machen zu lassen. Zuerst stammelte Markus Freund einige unverständliche, wahrscheinlich hebräische Worte. Dann richtete der anscheinend kaum mittelgroße, gebeugte Mann sich auf, daß er wie groß aussah, die Lider, die seine Augen sonst fast zudeckten, hoben sich empor und ließen das von roten Äderchen durchzogene Weiß der rollenden Augäpfel sehen. Und aus dem verzerrten Munde zischte und geiferte in größter Schnelligkeit eine Reihe gegen den Vorsitzenden gerichteter Verwünschungen und Drohungen hervor, die in dem widerlichen Jargon, in welchem sie hervorgestoßen wurden, hier zu wiederholen, mit der Würde der Justiz kaum im Einklang stünde. Nur der erste Satz: ‹Herr Präsident, Sie wissen so gut wie ich selbst, daß ich unschuldig bin...› sei erwähnt und der letzte: ‹Es wird Ihnen heimgezahlt werden. Aug’ um Auge wird’s Ihnen heimgezahlt werden, warten Sie nur!› Was dazwischen lag, war überaus phantastischen Inhaltes und schien, wofern es überhaupt einen Sinn hatte, darauf hinauszulaufen, er, Markus Freund, habe den hohen Herrn Präsidenten bis auf die Nieren mit seinem Auge geprüft und gefunden, daß der hohe Herr Präsident, wenn er es auch jetzt noch nicht ahne, von einerlei Art sei wie er, der zertretene, aber diesmal unschuldige Markus Freund. Die Justizsoldaten taten alsbald ihre Pflicht, bändigten den Rasenden, dem der Präsident auf der Stelle wegen seines Exzesses die verdiente Disziplinarstrafe zuerkannte. Während die Soldaten, jeder einen der beiden fuchtelnden Arme festhaltend, den Verurteilten wegführten, schlug sein Wüten in Weinen und Schluchzen um. Noch auf dem Korridor vernahm man sein hohles Gewimmer: «Meine arme, arme Kleine, du wirst den Großpapa nie mehr sehen" Die Herren Geschworenen waren durch diesen Vorfall ganz konsterniert und frugen durch ihren Obmann beim Präsidenten an, ob es nicht möglich sei, die Verhandlung sogleich wieder aufzunehmen. Sie hatten, bei mangelnder Gesetzeskenntnis, eben nicht genugsam Erfahrung, um zu wissen, daß derlei Ausbrüche häufiger bei sehr verstockten schuldigen Verbrechern vorkommen als bei unschuldig Verurteilten, die jedoch viel seltener sind als die romanhafte Phantasie des Publikums sich einbildet. Minder entschuldbar dürfte es sein, daß der oben erwähnte weichherzige Untersuchungsrichter, welcher der Schlußverhandlung nebst ihrem widerwärtigen Nachspiel beigewohnt hatte, zum Vorsitzenden beim Hinausgehen, leise den Kopf schüttelnd, die Worte zu sprechen sich herausnahm: «Herr Hofrat, ich beneide Sie nicht um Ihr Talent.»
[ 9 ] “Otherwise, this man, who possessed the strong sense of family so characteristic of his race, had a very special affection for a newborn granddaughter, about whom he never tired of speaking to his cellmates. He could hardly wait for his release—which, despite the gravest suspicions against him, he seemed certain to receive—so that he might see the child again. Markus Freund stubbornly denied the charges and, during the interrogations before the investigating judge, managed to explain away each of the serious incriminating circumstances with truly astonishing acumen, so that the investigating judge, an otherwise very capable, if unduly soft-hearted man, was completely convinced of Markus Freund’s innocence when the final hearing began, presided over by the person to whom this information refers.” — Court Councilor Eysenhardt writes this himself; he writes about himself in the third person. — “Although Markus Freund displayed the utmost acumen even during the final hearing and his defense attorney delivered a very fine and moving speech, duly praised by the newspapers, the outcome of the trial was nevertheless the exact opposite of what the investigating judge—and perhaps the defendant himself—had expected. Mr. Markus Freund was unanimously found guilty by the jury and, given his multiple prior convictions and other aggravating circumstances, sentenced to the maximum penalty of twenty years’ imprisonment. “The person in question”—that is, the person in question is this Court Councilor Eysenhardt himself—“may, without immodesty, describe this outcome as one of the greatest triumphs of his many years of criminal practice. For surely the jury would have been swayed in Markus Freund’s favor by his truly dazzling sophistry, even though public sentiment at the time was not exactly favorable toward people of his kind, had the presiding judge not been able to reduce these sophistries to nothing through his dialectic—which, while still superior to the defendant’s, was nonetheless adapted to the jury’s capacity for comprehension in a folksy manner. The effect of the pronouncement of the verdict on the defendant was such”—so the court councilor himself always recounts—“that nerves of steel, accustomed to such scenes, were required in order not to be shaken by it and perhaps led astray regarding the truth and justice of the verdict rendered. At first, Markus Freund stammered a few incomprehensible words, probably in Hebrew. Then the man, who appeared to be barely of average height and stooped, straightened up so that he looked tall; the eyelids that usually almost covered his eyes lifted, revealing the whites of his rolling eyeballs, streaked with red veins. And from his contorted mouth, a series of curses and threats directed at the presiding judge hissed and dripped forth at breakneck speed; to repeat them here in the repulsive jargon in which they were uttered would hardly be in keeping with the dignity of the judiciary. Only the first sentence: “Mr. President, you know as well as I do that I am innocent...” shall be mentioned, and the last: “You will pay for this. An eye for an eye, you will pay for this, just you wait!” What lay in between was of an exceedingly fantastical nature and seemed, insofar as it had any meaning at all, to amount to the claim that he, Markus Freund, had scrutinized the high and mighty President down to his very kidneys with his own eyes and found that the high and mighty President, even if he did not yet suspect it, was of the same sort as himself, the downtrodden but this time innocent Markus Freund. The court officers immediately did their duty, subduing the raving man, whom the President on the spot sentenced to the deserved disciplinary punishment for his excess. While the officers, each holding one of his flailing arms, led the condemned man away, his rage turned to weeping and sobbing. Even in the corridor, one could hear his hollow whimpering: “My poor, poor little one, you will never see Grandpa again.” The gentlemen of the jury were quite dismayed by this incident and asked the President, through their foreman, whether it might not be possible to resume the proceedings immediately. Lacking legal knowledge and sufficient experience, they did not realize that such outbursts occur more frequently among very obstinate, guilty criminals than among those wrongfully convicted—who, however, are far rarer than the public’s romantic imagination would have it. It is perhaps less excusable that the aforementioned soft-hearted investigating judge, who had attended the final hearing along with its repugnant aftermath, took the liberty of saying to the presiding judge as he was leaving, shaking his head quietly: “Mr. Hofrat, I do not envy you your talent.”
[ 10 ] Nun war also der Markus Freund eingesperrt worden, und der Hofrat lebte zunächst weiter. Aber wie er weiterlebte und was nun geschah, das erzählt er nun auch in seiner Auseinandersetzung. Lange Zeit also, müssen wir uns vorstellen, ziemlich lange Zeit ist verflossen, und der Gefangene war festgesetzt worden. Nun geschah das Folgende:
[ 10 ] So Markus Freund had been imprisoned, and the court councilor continued to live his life for the time being. But how he went on living and what happened next is what he now recounts in his account. We must create a mental image of a long time—a rather long time—having passed, and the prisoner having been detained. Now the following happened:
[ 11 ] «Ganz so wie die in Rede stehende Person» — also das ist der Hofrat selber, der das weiter erzählt — «in jenem Augenblicke ihn gesehen hatte, als er jene Fluche und Drohungen mit vor Wut entstelltem Gesicht gegen sie ausstieß, ganz so stand, als sie in der Nacht vom 18. auf den 19.März um zwei Uhr plötzlich unmotiviert aufwachte, der längst vergessene Markus Freund vor ihren Gedanken.»
[ 11 ] “Just like the person in question” — that is, the court councilor himself, who recounts this — “had seen him at that very moment when, with a face contorted with rage, he hurled those curses and threats at her, standing just as he had when she suddenly woke up without reason at two o’clock in the night of March 18–19, with the long-forgotten Markus Freund on her mind.”
[ 12 ] Also der Hofrat wacht in der Nacht vom 18. auf den 19. März um zwei Uhr nachts plötzlich auf und hat den Eindruck, im Gedanken stunde ihm der Markus Freund vor der Seele.
[ 12 ] So, in the night of March 18–19, the court councilor suddenly woke up at two o'clock in the morning and had the impression that Markus Freund was standing before his soul in his mind.
[ 13 ] «Und während besagte Person im Starrkrampf regungslos dalag, rekapitulierte ihre Phantasie blitzschnell das oben ausführlich Erzählte. Sie war sich dabei nicht deutlich bewußt, ob sie in den dazwischenliegenden Jahren niemals oder immer an diese Ereignisse gedacht hatte. Beides erschien ihr richtig in jenem Moment, da das Entsetzen ihr die Denkkraft lahmte.»
[ 13 ] “And while the person in question lay motionless in a state of rigidity, her imagination rapidly replayed the events described in detail above. She was not entirely sure whether she had thought of these events at all, or constantly, in the intervening years. Both seemed true to her at that moment, as horror paralyzed her ability to think.”
[ 14 ] Also, er wacht auf, Hofrat Eysenhardt, mitten aus dem Schlafe heraus, muß an den Markus Freund denken, muß sich rekapitulieren dasjenige, was sich abgespielt hat, weiß nicht, ob er öfter oder gar nicht an die Sache gedacht hatte.
[ 14 ] So, Hofrat Eysenhardt wakes up in the middle of the night, thinks of Markus Freund, tries to piece together what happened, and isn’t sure whether he had thought about the matter often or not at all.
[ 15 ] «Während gedachte Person so mit klopfenden Pulsen lag, und ihre alsbald auftauchende Absicht, das Licht auf dem Nachttisch anzuzünden, nicht auszuführen vermochte» — also er konnte die Hände nicht bewegen —, «war ihr, als poche etwas ganz leise an die Zimmertüre, oder vielmehr, es war mehr ein zaghaftes Scharren, als ob ein Hündchen um Einlaß bettele. Unwillkürlich stieß gedachte Person die Frage hervor: Wer ist da? Weder erfolgte eine Antwort, noch öffnete sich die Türe, aber gedachte Person hatte doch die deutliche Empfindung, als sei etwas hereingeschlüpft, und ein schwaches Knistern ging durch die Parketten, quer durch das Zimmer von der Türe zum Bett, als ob dieses unsichtbare Etwas näher käme und endlich dicht bei gedachter Person stehen bliebe. Wenigstens hatte diese das nicht genauer beschreibbare Gefühl fremder Anwesenheit, und zwar nicht etwa ein allgemeines, nicht bestimmt individualisiertes, sondern ihr war, als müsse das Etwas, das neben ihrem Bette stand, eben jener Markus Freund sein, dessen plötzlich aufzuckendes Erinnerungsbild sie soeben aus tiefem Schlafe aufgerissen hatte. Sie hatte sogar die Empfindung, als beuge sich das unsichtbare Etwas über ihr Gesicht. Sei es nun, daß gedachte Person inzwischen, ohne sich dessen bewußt zu sein, wieder einzuschlafen begonnen hatte und schon träumte, wobei bekanntlich nicht selten die Menschen, von denen man träumt, ineinander, ja sogar mit dem Traumenden selbst verschwimmen, sei es, daß gewisse überspannte Ideen Schopenhauers über die geheime Identität aller Individuen als Nachwirkung der Abendlektüre der letzten Tage sich in ihr regten, jedenfalls zuckte gedachter Person der sinnlose Gedanke durch den Kopf, daß sie selbst und jener Markus Freund im Grunde doch der nämliche Mensch sei, und wie zur Bestätigung dieser unsinnigen, jeder Logik widersprechenden Annahme wiederholte sie, ob nur rein innerlich oder hörbar und mit Bewegung ihrer Sprechorgane, weiß sie nicht, die oben zitierten Flüche und Drohungen jenes Markus Freund, so weit wie sie ihr noch erinnerlich waren, und zwar mit dem Entsetzen erregenden Gefühl, daß jene Flüche eben jetzt einzutreffen begonnen hätten. Falls gedachte Person, was nicht unmöglich ist, geschlafen und geträumt haben sollte, wachte sie unter diesem fürchterlichen Eindruck wieder auf und zündete das Licht an. Die Taschenuhr auf dem Nachtkästchen zeigte zehn Minuten nach zwei Uhr. Im Zimmer war alles wie sonst, obwohl Möbel, Wände und Bilder gedachter Person wie fremd erschienen und sie einiger Zeit und eines Trunkes Wasser bedurfte, um sich wieder einigermaßen in dem sie umgebenden Raum und in sich selbst zurechtzufinden.»
[ 15 ] “While the person in question lay there with a pounding heart, unable to carry out her sudden impulse to turn on the lamp on the nightstand” — that is, he could not move his hands —, “it seemed to her as if something were tapping very softly on the door, or rather, it was more of a timid scratching, as if a little dog were begging to be let in. Instinctively, the person in question blurted out the question: Who’s there? There was neither an answer nor did the door open, but the person in question nevertheless had the distinct sensation that something had slipped inside, and a faint crackling ran through the parquet floor, across the room from the door to the bed, as if this invisible something were drawing nearer and finally coming to a halt right beside the person in question. At least she had this indescribable feeling of a strange presence—not a general, undifferentiated one, but rather it seemed to her that the something standing beside her bed must be none other than Markus Freund, whose sudden, fleeting image in her memory had just torn her from a deep sleep. She even had the sensation that the invisible something was bending over her face. Be it that the person in question had in the meantime, without being aware of it, begun to fall asleep again and was already dreaming, whereby, as is well known, it is not uncommon for the people one dreams of to merge into one another, or even merge with the dreamer himself; or perhaps certain far-fetched ideas of Schopenhauer’s regarding the secret identity of all individuals—a lingering effect of her evening reading over the past few days—were stirring within her; in any case, the senseless thought flashed through the mind of the person in question that she herself and that Markus Freund were, after all, essentially the same person, and as if to confirm this nonsensical assumption, which contradicted all logic, she repeated—whether purely inwardly or audibly and with the movement of her vocal organs, she does not know—the curses and threats of that Markus Freund cited above, as far as she could still recall them, and with the horrifying feeling that those curses had just now begun to come true. If the person in question, which is not impossible, had been sleeping and dreaming, she woke up under this terrible impression and lit the lamp. The pocket watch on the nightstand showed ten minutes past two. Everything in the room was as usual, although the furniture, walls, and pictures seemed strange to her, and she needed some time and a drink of water to find her bearings again, both in the room around her and within herself.”
[ 16 ] Also das erzählt er. Er erzählt: Zuerst im Gedanken hat er den Markus Freund vor sich. Dann hat er diese — sagen wir, diese Vision. Nun ließ aber das, so erzählt er weiter, einigen Eindruck in ihm zurück, einen Eindruck, der ihn zunächst veranlaßte, den Hofrat Eysenhardt, etwas bebend in das Landesgericht zu gehen und sich vorzunehmen, sich die Akten, die sich auf den Markus Freund beziehen sollten, noch einmal geben zu lassen. Er kam nie recht dazu. Aber es geschah etwas anderes. Hofrat Eysenhardt ist eigentlich immer ein ganz freigeistig gesinnter Mensch gewesen. Er erzählt nur, daß ihm dies passiert ist. Wir werden gleich sehen, warum er das erzählt. Ja, er findet es sogar etwas lächerlich und unwurdig, daß er etwas darauf gegeben hat:
[ 16 ] So that’s what he says. He says: At first, he pictures Markus Freund in his mind. Then he has this—let’s call it—this vision. But this, he continues, left quite an impression on him—an impression that initially prompted him to go, somewhat trembling, to the regional court to see Hofrat Eysenhardt and resolve to have the files pertaining to Markus Freund handed over to him once again. He never quite got around to it. But something else happened. Court Councilor Eysenhardt has actually always been a very free-spirited person. He merely recounts that this happened to him. We will soon see why he tells this story. Indeed, he even finds it somewhat ridiculous and unworthy that he attached any importance to it:
[ 17 ] «Umsonst hielt sich gedachte Person das Unwürdige und Lächerliche ihres Betragens vor. Ihre vormals eiserne Willenskraft war und blieb in dieser Hinsicht wie gelähmt. Sie reichte kaum mehr aus, um die inneren Martern, die sie mit sich herumtrug, den Kollegen und Untergebenen wenigstens einigermaßen zu verhehlen. Eines Vormittags glaubte gedachte Person aus einer Gruppe von richterlichen Funktionären, die in einem dunklen Korridor in lebhaftem Gespräch beisammenstanden, im Vorbeigehen den Namen «Markus Freund; zu vernehmen.»
[ 17 ] “It was in vain that the person in question reproached herself for the unworthiness and ridiculousness of her behavior. Her once iron will was, and remained, as if paralyzed in this regard. It was barely enough to conceal, at least to some extent, the inner torments she carried within from her colleagues and subordinates. One morning, as she passed by a group of judicial officials standing together in a dark corridor engaged in lively conversation, the person in question thought she heard the name ‘Markus Freund’.”
[ 18 ] Also, er war eines Tages in das Landesgericht gegangen — er hatte sich eigentlich nie getraut, diese Akten wieder vorzunehmen —, und er hört, daß im Korridor einige Leute sprechen, und im Vorbeigehen hört er den Namen Markus Freund.
[ 18 ] So, one day he had gone to the state court—he had never really dared to look at those files again—and he heard some people talking in the hallway, and as he walked by, he heard the name Markus Freund.
[ 19 ] «Da dieser Mensch und dieser Name ihr allmählig zur Zwangsidee geworden war, die ihr nirgends und niemals Ruhe ließ}, hielt sie eine Selbsttäuschung für nicht ausgeschlossen» — also er glaubt sogar, er höre durch eine Selbsttäuschung den Namen Markus Freund —, «blieb stehen und fragte: «Von wem sprechen die Herren?» «Von Markus Freund, von Ihrem Markus Freund, Herr Hofrat, entsinnen Sie sich nicht mehr? antwortete einer der Herren, der zufällig der weichherzige Untersuchungsrichter war, welcher damals jene übereilte Äußerung getan hatte. «Von Markus Freund? Was ist mit ihm?» Gedachter Person stand der Atem still. «Nun, gestorben ist er; Gott sei Dank, jetzt ist er erlöst, der arme Teufel, antwortete der Weichherzige. «Gestorben? Wann?» «Vor drei oder vier Wochen ungefähr, sagte der Gefragte. «Hier, Landesgerichtsrat N. muß es ja wissen.» «In der Nacht vom 18. auf den 19. März dieses Jahres um zwei Uhr, sagte der Landesgerichtsrat.»
[ 19 ] “Since this man and this name had gradually become an obsession for her, one that gave her no peace anywhere or at any time, she did not rule out the possibility of self-deception”—in other words, he even believes he hears the name Markus Freund as a result of self-deception—“she stopped and asked: ‘Who are you gentlemen speaking of?’ ‘Of Markus Freund, of your Markus Freund, Mr. Hofrat, don’t you remember?’ replied one of the gentlemen, who happened to be the soft-hearted investigating judge who had made that hasty remark back then. ‘Of Markus Freund? What has become of him?’ The man in question held his breath. ‘Well, he has died; thank God, now he is at peace, the poor devil,” replied the soft-hearted man. “Died? When?” “About three or four weeks ago,” said the man in question. “Here, Regional Court Judge N. must know.” “At two o’clock in the night of March 18–19 of this year,” said the Regional Court Judge.”
[ 20 ] Also, es wird uns erzählt: Hofrat Eysenhardt hatte den Markus Freund verurteilt. Er war längst eingesperrt. In der Nacht vom 18. auf den 19. März wacht er auf, hat ihn in Gedanken zuerst vor sich, hat dann die Vision seines Eintretens, bekommt eine heillose Angst, will sich die Akten geben lassen, läßt aber Wochen darüber vergehen. Endlich erlauscht er ein Gespräch, wodurch er erfährt, daß Markus Freund in derselben Minute gestorben ist, wo ihm erscheint, zuerst wie sich einschleichend wie ein Pudelchen, der verstorbene Markus Freund. Nun, um das Ganze zu verstehen, muß man zu dem schon Gesagten hinzunehmen den Schluß der Novelle. Denn der Schluß der Novelle zeigt, daß nun der Hofrat durch die Verhältnisse getrieben wird, und zwar durch Verhältnisse, von denen man gar nicht voraussetzen sollte, daß er dazu getrieben werden könnte —, daß er dazu getrieben wird, gerade als Vorsitzender eines ganz besonders wichtigen Spionageprozesses, in Zusammenhang zu kommen mit Persönlichkeiten, in welchem Zusammenhange er, durch einen dunklen Instinkt geleitet, genau das Verbrechen begeht, wegen dessen er Markus Freund verurteilt hat. Er hatte also, als er durch seine Leidenschaftlichkeit später in dieses Verbrechen hereingerissen, dieses Verbrechen hinter sich hatte, Gelegenheit, sich jetzt in ganz besonderer Weise zu erinnern an dasjenige, was der Markus Freund gesprochen hat nach seiner Verurteilung: «Es wird Ihnen heimgezahlt werden, Auge um Auge, warten Sie nur. Auge um Auge wird es Ihnen heimgezahlt werden!»
[ 20 ] So, we are told: Court Councilor Eysenhardt had sentenced Markus Freund. He had long since been imprisoned. On the night of March 18–19, he wakes up, first picturing him in his mind, then having a vision of him entering; he is seized by a terrible fear, wants to have the files brought to him, but lets weeks go by. Finally, he overhears a conversation through which he learns that Markus Freund died at the very moment the deceased Markus Freund appeared to him, at first creeping up like a little poodle. Now, to understand the whole thing, one must add the conclusion of the novella to what has already been said. For the conclusion of the novella shows that the court councilor is now driven by circumstances, and specifically by circumstances from which one would not at all expect him to be driven—that he is driven, precisely as the presiding judge of a particularly important espionage trial, to come into contact with certain individuals, in the context of which he, guided by a dark instinct, commits exactly the crime for which he had convicted Markus Freund. Thus, having been swept up into this crime later by his passion and having committed it, he now had the opportunity to recall in a very special way what Markus Freund had said after his conviction: “It will be repaid to you, an eye for an eye, just wait. An eye for an eye, it will be repaid to you!”
[ 21 ] Der Hofrat hatte also unter der Schwelle des Bewußtseins etwas erlebt, was zusammenhängt in der genugsam angedeuteten Weise mit seinen Handlungen in der vorhergehenden Zeit, was aber auch in einer merkwürdig geheimnisvollen Weise zusammenhängt mit der Erfüllung desjenigen, was der Verstorbene ihm angedroht hat. Ja, es hängt in einer noch tieferen Weise zusammen. Derjenige, der die Novelle geschrieben hat, schreibt in der Ichform, so, als ob ihm mancherlei erzählt worden wäre von diesem Hofrat Eysenhardt, und er erzählt, wie er ein Gespräch gehabt hat mit einem Untergebenen — es wurde das schon früher in dieser Novelle vorgeführt. Dieser Untergebene ist ein merkwürdig scharfsinniger, philosophisch angelegter Mensch, er sagt: Dieser Hofrat ist gerade deshalb so begabt, auf den Grund der Dinge zu gehen, weil er zu all diesen Dingen selber viel Anlage hat; und da dringt er am allertiefsten, wozu er seine besonderen Anlagen hat. Das wird in der Novelle erzählt. Nun ist interessant, daß ja der Gedanke auftaucht im Hofrat, in dieser Nacht um zwei Uhr, vom 18. auf den 19. März: Du bist so etwas wie eine Einheit mit diesem Markus Freund. Diese Einheit, dieses Zusammenstecken der Bewußtseine, das kommt ihm da vor die Seele, er hat einen Durchblick auf einen Zusammenhang, der unter der Schwelle des gewöhnlichen Lebens liegt. Der wird ihm eröffnet. Er wird ihm selbstverständlich nicht eröffnet, wie er jedem eröffnet wird, aber er wird ihm eröffnet.
[ 21 ] The court councilor had thus experienced, on a subconscious level, something that was connected—in the manner sufficiently hinted at—to his actions in the preceding period, but which was also connected, in a strangely mysterious way, to the fulfillment of what the deceased had threatened him with. Indeed, it is connected in an even deeper way. The author of the novella writes in the first person, as if he had been told various things about this Court Councillor Eysenhardt, and he recounts how he had a conversation with a subordinate—this was already depicted earlier in the novella. This subordinate is a remarkably astute, philosophically inclined man; he says: This court councilor is so gifted at getting to the bottom of things precisely because he himself has a great aptitude for all these things; and he delves deepest into those areas where he has his particular aptitudes. This is recounted in the novella. Now it is interesting that the thought arises in the court councilor, at two o’clock that night, from March 18 to 19: You are something of a unity with this Markus Freund. This unity, this merging of consciousnesses, comes to his mind; he has a glimpse of a connection that lies beneath the threshold of ordinary life. It is revealed to him. Of course, it is not revealed to him in the same way it is revealed to everyone else, but it is revealed to him.
[ 22 ] Nun ist interessant, daß der Dichter dieser Novelle alle Bausteine zusammengetragen hat, um die Handlung verständlich zu machen. Und da müssen wir denn auch noch vor unsere Seele stellen dasjenige, was der Dichter anführt als vorangehend dieser Vision in der Nacht, die der Hofrat hatte. Der Hofrat war eigentlich ein robuster Mann. Wie gesagt, viele Eigenschaften ließen sich anführen, die ihn zeigen würden als einen zwar sich nicht seelisch ins Leben hineinfindenden Menschen, aber als einen Menschen, der mit einer gewissen Brutalität seinen Weg geht, und dem lag auch eine gewisse innere Gesundheit zugrunde. Nur wie durch ein äußeres Symptom wurde der Mann, der nie an sich irre geworden war, der immer von sich überzeugt war, an sich irre. Er entdeckte nämlich, daß ein Zahn locker geworden war und daß er ihn einfach mit den Fingern herausnehmen konnte. Da ging ihm der Gedanke durch den Kopf: Jetzt geht es abwärts mit dem Leben; jetzt fängt etwas an, abzubauen. Und der Gedanke ging ihm durch den Kopf: So verlierst du also Stück für Stück von deinem Organismus. Aber das wäre nicht das Schlimme gewesen, sondern das Schlimme war, daß er von diesem Augenblicke an — er merkte das nur nicht so — spintisierte über seinen eigenen Abbau, wie er nun wiederum in seinem eigenen Brief schreibt, wo er sich wie eine dritte Person beschreibt —, das Schlimme war, daß sein Gedächtnis zurückging. Und weil ihm sein Gedächtnis eine solche Hilfe war bei allen Berufsarbeiten, die er in solcher Weise ausüben mußte und ausgeübt hatte, so bekam er eine gewisse Angst vor dem Leben. Und er merkte wirklich, wie er sich an gewisse Dinge nicht mehr erinnern konnte, an die er früher sich so leicht erinnert hatte, wie er früher alles so beisammen hatte.
[ 22 ] It is interesting to note that the author of this novella has brought together all the elements necessary to make the plot comprehensible. And so we must also consider what the author presents as preceding the vision the court counselor had that night. The court councilor was actually a robust man. As I said, many characteristics could be cited that would show him not as a man who found his way into life emotionally, but as a man who goes his own way with a certain brutality, and underlying that was a certain inner health. Yet, as if through an external symptom, the man who had never lost his mind, who had always been convinced of himself, began to lose his mind. For he discovered that a tooth had become loose and that he could simply pull it out with his fingers. Then the thought crossed his mind: Now life is going downhill; now something is starting to break down. And the thought crossed his mind: So this is how you lose your body, piece by piece. But that would not have been the worst part; rather, the worst part was that from that moment on—though he didn’t quite realize it—he began to dwell on his own decline, as he now writes in his own letter, where he describes himself as a third person—the worst part was that his memory was failing. And because his memory had been such a help to him in all the professional work he had to do and had done in that way, he began to feel a certain fear of life. And he really noticed how he could no longer remember certain things that he had once remembered so easily, how he had once had everything so well organized.
[ 23 ] Denken Sie, wie interessant es ist, daß der Novellist zusammenbringt diese Möglichkeit, ein ganz partielles Hellsehen zu haben, mit dem Herabgehen des Gedächtnisses! Dann wird das Gedächtnis wieder besser. Und dann kommt er dazu, dieses aufzuschreiben. Und er erinnert sich: Du warst so. Als Freigeist kann er nichts anderes denken, als daß das ganz krankhafte Erscheinungen seien. Na, und da denkt er sich: Ich bin ja eigentlich vor der Gefahr, verrückt zu werden. Das liegt ja natürlich in der Natur des Freigeistes. Und er schämt sich, da jemand um Rat zu fragen. Deshalb will er seine Stellung dazu benützen, um in der dritten Person zu schreiben und es dann als ein Dokument, bei dem man nicht weiß, wer es ist, irgendeinem Irrenarzt vorzulegen, der ihm ein Urteil über diese gedachte Person gibt. Auf diese Weise will er herausbekommen, was der Irrenarzt denkt. Und dadurch kommt es heraus; dieses Dokument benützt der Novellist, um über das Seelenleben dieses Menschen etwas mitzuteilen.
[ 23 ] Just think how interesting it is that the novelist combines this ability to have a very limited form of clairvoyance with a decline in memory! Then his memory improves again. And then he gets around to writing it down. And he remembers: You were like that. As a free spirit, he can think of nothing else but that these are entirely pathological phenomena. Well, and then he thinks to himself: I am actually in danger of going mad. That is, of course, in the nature of the free spirit. And he is ashamed to ask anyone for advice. That is why he wants to use his position to write in the third person and then present it as a document—where the author remains unknown—to some psychiatrist, who will give him a diagnosis regarding this imagined person. In this way, he wants to find out what the psychiatrist thinks. And through this, it becomes clear; the novelist uses this document to reveal something about this man’s inner life.
[ 24 ] Sie sehen, wir haben hier ein sehr schönes künstlerisches Produkt, das im Grunde wirklich auf solche Elemente hinweist, von denen man sprechen muß in der Geisteswissenschaft, gerade auf diejenigen Elemente, auf die man aus dem Zusammenhang zwischen dem Gedächtnis, zwischen der Erinnerungsfähigkeit und diesem Hineinschauen in die geistigen Welten, zu sprechen kommt. Sehr schön macht das der Novellist, daß er das Gedächtnis herabgestimmt sein läßt in dem Augenblick, wo dann einige Fetzen, möchte man sagen, über diese geheimnisvollen Zusammenhänge hervorkommen für den Betreffenden. Und merkwürdig, sehr merkwürdig ist die ganze Erzählung, indem sie Stück für Stück so verfaßt ist, daß man sieht, der Autor sagt sich: Es gibt solche Zusammenhänge hinter dem Leben. Aber er kleidet es in novellistische Form. Die Novelle ist sehr feinsinnig geschrieben, wie sie nur ein philosophischer Geist schreiben kann. Sie ist geschrieben von dem langjährigen Direktor des Hamburger Schauspielhauses, der dann Direktor des Wiener Burgtheaters wurde, Alfred Freiherr von Berger. Die Novelle gehört tatsächlich nicht nur zu dem weitaus Besten, was Berger geschrieben hat, sondern sie gehört wirklich zu den Perlen der deutschen novellistischen Literatur. Das sage ich selbstverständlich nicht aus dem Grunde, weil diese Novelle ein Thema enthält, das uns naheliegt, sondern aus dem Grunde, weil wirklich nur ein feinsinniger Mensch eine so feinsinnige Beobachtung haben kann in einer scheinbar abnormen Sache. Rein vom künstlerischen Gesichtspunkte aus meine ich dasjenige, was ich über den Wert der Novelle sage. Diese Novelle ist wirklich so geschrieben, daß jeder, der sie liest, das Bewußtsein hat: Der Mann schreibt eine Novelle, aber er möchte eigentlich lieber eine Biographie des Hofrates Eysenhardt schreiben, denn er schreibt wirklich so, daß man nie ein anderes Gefühl bekommt, wenn man diese wunderbar realistische Schilderung liest, als daß der gute Berger einen Mann kennenlernte, der wirklich einen solchen Verlauf seines Lebens hatte. Nun muß man sagen: Wie nahe liegt einem Menschen, wie diesem Alfred Freiherr von Berger, wie nahe liegt es ihm, an die geistige Welt heranzutreten, durch Geisteswissenschaft wirklich diese Zusammenhänge kennenzulernen! Wie unendlich bedeutungsvoll müßte es für diesen Berger gewesen sein, die Geisteswissenschaft so kennenzulernen, daß er sich zum Beispiel hätte sagen können: Dieser Hofrat, indem er den Markus Freund wie durchleuchtet und in diesem Falle unschuldig verurteilt hat, wie wird er nun zu leben haben in der Zeit, die unmittelbar folgt auf das Durchgehen durch die Pforte des Todes, in dem, was wir das Kamaloka immer genannt haben? Ich habe gesagt: Da muß der Mensch leben in der Wirkung seiner Taten, in dem, was die Taten für eine Bedeutung haben in dem anderen, in bezug auf welchen sie ausgeführt werden. Was der Hofrat bei der Gerichtsverhandiung getan hat, daran hat er gewiß seine ungeheure Befriedigung gehabt, gerade an seiner großen Dialektik. Er hat seine große Befriedigung gehabt, die sich ja ausdrückte in dem Satze, daß er sagte: Er könne sich zum Verdienst anrechnen, gegen die Sophismen des Angeklagten aufgekommen zu sein und zugleich eine Sprache gesprochen zu haben, die die Geschworenen zur Verurteilung gebracht hat, trotzdem sie gleich hinterher die Gerichtsverhandlung wieder aufgenommen hätten, als sie die Wirkung des Urteilsspruches auf den Angeklagten sahen. Das ist das eine, von seiten des Hofrates angesehen. Von seiten des Markus Freund angesehen liegt die Sache so, daß wir sagen müssen: Wir sehen die Wirkung des Urteilsspruches auf ihn. In dem muß ja — in dem, was Wirkung auf die Seele des Markus Freund war —, der Hofrat im Kamaloka leben. Und ein Spiegelbild, ein Bild hiervon, eröffnet sich eben in dem Augenblick, wo Markus Freund durch die Pforte des Todes schreitet. So eröffnet sich ihm dieses Bild, daß er jetzt sieht: Er ist identisch, er ist eins mit diesem Markus Freund; er sieht sich in diesen Markus Freund hinein, er fühlt sich in ihn hinein. Wir sehen: einen Vorgeschmack des Kamaloka hat der Hofrat. Er hat ihn so stark, daß er nicht nur dasjenige, was da vorgegangen ist, jetzt erlebt, sondern daß sich in ihm nun weiter etwas anspinnt, was mit der ganzen Sache zusammenhängt, unter der Schwelle seines Bewußtseins. Jeder einzelne Zug ist da von Bedeutung. Ich sagte Ihnen, er hat das Gedächtnis eine Weile verloren gehabt, da hat sich ihm dieser Fetzen der geistigen Welt enthüllt. Aber jetzt kommt eine Zeit, wo er neuerdings mit einer großen natürlichen Gedächtniskraft ausgestattet ist; das Gedächtnis ist bei ihm wieder hergestellt, während er diesen Spionageprozeß führt. Aber gerade im Verlauf dieses Spionageprozesses wird er zu dem gleichen Verbrechen getrieben, wegen dem er den Markus Freund verurteilte durch seine Dialektik. Die Kraft, die früher aus dem Gedächtnis hervorging, hat sich verwandelt in die Kraft der Instinkte, und er wird jetzt getrieben. Er sieht jetzt nicht den Zusammenhang, der sich wiederum unter der Schwelle des Bewußtseins abspielt zwischen dem, was er jetzt tut, und demjenigen, was er Markus Freund zugeschrieben hat. Das führt dazu, daß der Hofrat Eysenhardt, als er sieht, was ihm passiert ist, dann gerade an dem Abend, der vorangeht der Schlußverhandlung des Prozesses, in dem er seinen höchsten Triumph feiern sollte, in sein Büro geht:
[ 24 ] As you can see, we have here a truly beautiful work of art that essentially points to precisely those elements that must be addressed in Spiritual Science—namely, the elements that arise from the connection between memory, the capacity to recall, and this insight into the spiritual worlds. The novelist does this very beautifully by allowing memory to be subdued at the very moment when, one might say, a few fragments of these mysterious connections emerge for the person concerned. And the entire narrative is remarkable, very remarkable, in that it is composed, piece by piece, in such a way that one sees the author saying to himself: There are such connections behind life. But he clothes it in the form of a novella. The novella is written with great subtlety, as only a philosophical mind can write. It was written by the long-time director of the Hamburg Schauspielhaus, who later became director of the Vienna Burgtheater, Alfred Freiherr von Berger. The novella is indeed not only among the very best that Berger has written, but it truly belongs to the gems of German novella literature. I say this, of course, not because this novella deals with a subject close to our hearts, but because truly only a subtle person can make such a subtle observation in a seemingly abnormal situation. From a purely artistic point of view, this is what I mean when I speak of the novella’s value. This novella is truly written in such a way that everyone who reads it feels: The man is writing a novella, but he would actually rather write a biography of Court Councillor Eysenhardt, for he writes in such a way that, when reading this wonderfully realistic portrayal, one never gets any other feeling than that good old Berger met a man who truly lived such a life. Now one must say: How natural it is for a person like Alfred Freiherr von Berger to approach the spiritual world, to truly come to know these connections through Spiritual Science! How infinitely significant it must have been for this Berger to come to know Spiritual Science in such a way that he could have said to himself, for example: This court counselor, having, as it were, scrutinized Markus Freund and in this case wrongfully condemned him—how will he now have to live in the time immediately following his passing through the gate of death, in what we have always called the Kamaloka? I have said: There the human being must live in the effect of his deeds, in the significance those deeds hold for the other person in relation to whom they were performed. What the court counselor did during the trial certainly gave him immense satisfaction, precisely because of his great dialectical skill. He derived great satisfaction from this, which was expressed in the statement he made: that he could count it as a merit to have stood up against the defendant’s sophistry and at the same time to have spoken in a way that led the jury to a conviction, even though they resumed the trial immediately afterward when they saw the effect of the verdict on the defendant. That is one aspect, as seen from the Court Councillor’s perspective. From Markus Freund’s perspective, the matter stands such that we must say: We see the effect of the verdict on him. In that—in what had an effect on Markus Freund’s soul—the Court Councillor must live in the Kamaloka. And a mirror image, a reflection of this, opens up precisely at the moment when Markus Freund steps through the gate of death. Thus this image opens up to him, so that he now sees: He is identical, he is one with this Markus Freund; he sees himself within this Markus Freund, he feels himself within him. We see: the court councilor has a foretaste of the Kamaloka. He experiences it so intensely that he not only relives what has happened there, but something else is now unfolding within him, connected to the whole matter, beneath the threshold of his consciousness. Every single detail is significant here. I told you that he had lost his memory for a while; that is when this fragment of the spiritual world was revealed to him. But now a time is coming when he is once again endowed with a great natural power of memory; his memory is restored while he is conducting this espionage trial. Yet precisely in the course of this espionage trial, he is driven to commit the very same crime for which he condemned Markus Freund through his dialectic. The power that once sprang from his memory has transformed into the power of instincts, and he is now driven by them. He no longer sees the connection—which is again unfolding beneath the threshold of consciousness—between what he is now doing and what he attributed to Markus Freund. This leads to the point where, upon realizing what has happened to him, Court Councilor Eysenhardt goes into his office on the very evening preceding the final hearing of the trial in which he was to celebrate his greatest triumph:
«In seinem Büro angekommen, dessen Schlüssel er bei sich trug, zündete Eysenhardt die zwei Kerzen auf dem Schreibtisch an, wusch sich vorerst Hände, Gesicht und Haar, dann vertauschte er seinen Zivilanzug mit seiner Amtsuniform und ging längere Zeit auf und ab. Hierauf öffnete er die oberste Seitenlade seines Schreibtisches und entnahm ihr nebst einem Päckchen Patronen einen neuen Revolver, den er wahrscheinlich in der ärgsten Zeit seiner Nervenzerrüttung gekauft hatte. Er lud sorgfältig alle Kammern, dann holte er aus dem Papierschrank einen Bogen Amtspapier und schrieb:
Im Namen seiner Majestät des Kaisers!
Ich habe ein schweres Verbrechen begangen und fühle mich unwürdig, fürderhin mein Amt auszuüben und überhaupt weiter zu leben. Ich habe selbst die härteste Strafe über mich verhängt und werde sie in der nachsten Minute mit eigener Hand an mir vollstrek ken. m Eysenhardt
Wien, am 10. Juni 1901.
Schrift und Unterschrift verriet keine Spur auch nur leisesten Zitterns.»
“Upon arriving at his office, the key to which he carried with him, Eysenhardt lit the two candles on his desk, washed his hands, face, and hair, then changed out of his civilian suit into his official uniform and paced back and forth for quite some time. He then opened the top drawer of his desk and took out, along with a packet of cartridges, a new revolver, which he had likely purchased during the worst period of his nervous breakdown. He carefully loaded all the chambers, then took a sheet of official paper from the filing cabinet and wrote:
In the name of His Majesty the Emperor!
I have committed a grave crime and feel unworthy to continue performing my duties or to go on living at all. I have imposed the harshest punishment upon myself and will carry it out with my own hand in the very next minute. m Eysenhardt
Vienna, June 10, 1901.
“The handwriting and signature betrayed not even the slightest tremor.”
[ 25 ] Am nächsten Morgen wurde er tot aufgefunden.
[ 25 ] The next morning, he was found dead.
[ 26 ] Es ist ein ganz merkwürdiger Zusammenhang in der Novelle geschildert, und wir müssen sagen, daf3 der Verfasser ganz geeignet gewesen wäre, einzusehen, welcher Zusammenhang besteht zwischen dem, was sich hier im gewöhnlichen Bewußtsein abspielt, und demjenigen, was unter der Schwelle des Bewußtseins vorgeht, das heißt die geistigen Ereignisse zu sehen, in die der Mensch hineinverstrickt ist. Nicht wahr, von außen sieht man eben nur das, was in der physischen Welt geschehen ist: daß der Hofrat den Markus Freund verurteilt hat und so weiter. Wäre das nicht passiert gerade in dem Alter, in dem der Hofrat also brüchig werden konnte und das Gedächtnis verlor, so hätte er nicht diesen Fetzen der geistigen Welt gesehen. Er hätte sich ihm nicht erschlossen. Da wäre alles unterbewußt geblieben. Gerade eine solche Novelle wird ja sozusagen von dem Gesichtspunkte aus in die Welt geschickt: Ja, es gibt etwas hinter dem Leben, und es drängt sich in besonderen Fällen sehr klar auf. Aber will man den Menschen in konkreter Weise davon sprechen, dann ist ihnen das unangenehm. An solche Realität wirklich heranzutreten, ist ihnen unangenehm. Also erzählt man es ihnen als Novelle, da brauchen sie nicht daran zu glauben, da können sie sich dabei amüsieren; dann geht es.
[ 26 ] A very strange connection is described in the novella, and we must say that the author would have been quite capable of understanding the connection between what takes place here in ordinary consciousness and what occurs beneath the threshold of consciousness—that is, of seeing the spiritual events in which human beings are entangled. Isn’t it true that from the outside one sees only what has happened in the physical world: that the court councilor condemned Markus Freund, and so on. Had this not happened precisely at the age when the court councilor was becoming frail and losing his memory, he would not have seen this fragment of the spiritual world. It would not have revealed itself to him. Everything would have remained subconscious. It is precisely such a novella that is, so to speak, sent out into the world from this perspective: Yes, there is something behind life, and in certain cases it imposes itself very clearly. But if one wants to speak to people about it in a concrete way, then it is unpleasant for them. To truly confront such a reality is uncomfortable for them. So one tells it to them as a novella; they don’t have to believe in it, they can simply enjoy it; then it works.
[ 27 ] Dasjenige, meine lieben Freunde, was die Menschen abhält von der geistigen Welt, das ist nun auch etwas, was sie nicht kennen. Nach zwei Richtungen hin geht ja sozusagen der Weg in die geistige Welt hinein. Nach der einen Richtung hin, indem wir, ich möchte sagen, den Schleier der Natur durchstoßen und aufsuchen dasjenige, was hinter den Erscheinungen der äußeren Natur liegt. Und nach der anderen Seite, indem wir den Schleier des eigenen Seelenlebens durchstoßen und suchen, was hinter dem eigenen Seelenleben liegt. Die gewöhnlichen Philosophien, die suchen gewiß auch hinter die Gründe des Daseins zu kommen, suchen die Weltenrätsel zu lösen. Aber, wie machen sie das? Nun, sie beobachten die Natur entweder unmittelbar oder durch Experimente, und dann denken sie nach. Aber indem man diese Begriffe, die man sich durch dieses Wissen aus der Natur erworben hat, durcheinanderpuddelt, und immer wieder und wiederum durcheinanderpuddelt, und bald so, bald so verschränkt, kommt man zwar zu einer Philosophie, aber zu nichts, was mit der wahren Wirklichkeit draußen zusammenhängt. Durch Nachdenken desjenigen, was sich einem darbietet, Kommt man nie hinter den Schleier des Daseins. Ich habe es im öffentlichen Vortrag dargestellt: Dasjenige, was unsere ewigen Kräfte sind, das ist tätig, indem es uns erst das Werkzeug herstellt, und mit dem Werkzeug kommen wir zu dem, was uns das bloße Bewußtsein gibt. Ja, aber wenn wir uns so das gewöhnliche Bewußtsein bilden, so müssen wir das Werkzeug benützen. Wenn wir dann in die Erfahrung des gewöhnlichen Bewußtseins eintreten, da ist alles schon fertig, was die ewigen Kräfte in uns machen. Nicht durch Nachdenken kommen wir hinter die Geheimnisse der Natur, sondern auf eine ganz andere Weise. Wenn wir durch Meditation, wie ich es im öffentlichen Vortrag beschrieben habe, dahin kommen, daß wir uns im Denken erstarken und daß uns dann wie durch Gnade entgegenkommt die Offenbarung der geistigen Welt, dann schauen wir ganz anders die Natur an. O, ganz anders! Und auch das Menschenleben schauen wir ganz anders an. Dann treten wir vor diese Natur auch hin, und irgendeinen Vorgang oder ein Ding oder ein Ereignis, das uns entgegentritt, das fassen wir auf. Aber wir haben zugleich das Bewußtsein: Bevor du eigentlich die Rose angeschaut hast, ist schon etwas geschehen. Du siehst ja erst die Vorstellung, die Wahrnehmung, aber die Wahrnehmung hat sich erst gebildet. Darin steckt das Geistige, in dem Wahrnehmen; darin steckt die Erinnerung, die Erinnerung an ein Vordenken. Darin liegt das Geheimnis, auf das man kommt durch die Geistesforschung.
[ 27 ] What keeps people from the spiritual world, my dear friends, is something they simply do not know. The path into the spiritual world leads in two directions, so to speak. In one direction, by, I might say, piercing the veil of nature and seeking what lies behind the phenomena of external nature. And in the other direction, by piercing the veil of our own soul life and seeking what lies behind our own soul life. Ordinary philosophies certainly also seek to get to the bottom of the reasons for existence, to solve the world’s mysteries. But how do they do that? Well, they observe nature either directly or through experiments, and then they reflect on it. But by jumbling together these concepts acquired through this knowledge of nature, and jumbling them together again and again, and intertwining them this way and that, one does indeed arrive at a philosophy, but at nothing connected to true reality out there. By reflecting on what presents itself to us, one never gets behind the veil of existence. I have explained this in a public lecture: That which constitutes our eternal powers is active in that it first creates the tool for us, and with the tool we arrive at what mere consciousness provides us. Yes, but when we form our ordinary consciousness in this way, we must use the tool. When we then enter into the experience of ordinary consciousness, everything that the eternal forces within us create is already complete. It is not through thinking that we uncover the mysteries of nature, but in a completely different way. When, through meditation—as I described in the public lecture—we reach a point where we strengthen ourselves in thought and the revelation of the spiritual world then comes to meet us as if by grace, we view nature in a completely different way. Oh, quite differently! And we also view human life quite differently. Then we step out into nature, and we grasp whatever process or thing or event that meets us. But at the same time we are aware: before you actually looked at the rose, something had already happened. You first see the mental image, the perception, but the perception has only just formed. The spiritual lies within that perception; within it lies the memory, the memory of a prior thought. Therein lies the mystery that one discovers through spiritual research.
[ 28 ] Nicht wahr, der Philosoph schaut die Rose an; dann philosophiert er durch Nachdenken. Derjenige, der hinter das Geheimnis der Rose kommen will, darf nicht nachdenken; da geschieht doch nichts. Sondern er schaut die Rose an und wird sich bewußt: Bevor sie ihm überhaupt zum sinnlichen Bewußtsein kommt, hat sich schon ein Prozeß abgespielt. Das erscheint ihm wie eine — ja, wie eine Erinnerung, die dem Anschauen vorangegangen ist. Dieses, daß sich uns etwas wie Erinnerung ergibt, wovon wir wissen: Das hast du getan, bevor du die sinnliche Anschauung gehabt hast —, das in bezug auf die äußere Natur Vordenken, das unbewußt bleibt und das dann heraufgeholt wird wie eine Erinnerung: das ist es, worauf es ankommt. Durch kein Nachdenken kommt man hinter die Geheimnisse der Natur, sondern durch Vordenken. Ebensowenig kommt man hinter die Geheimnisse desjenigen, was Inhalt der Seele ist, anders, als daß man zu jenem Zuschauer, von dem ich gesprochen habe, wirklich hinkommt. Sehen Sie, das sind die Wege, durch die wir heute in die geistige Welt hineindringen können.
[ 28 ] Isn't it true that the philosopher looks at the rose; then he philosophizes by thinking. The one who wants to get to the bottom of the rose’s mystery must not think; nothing happens there. Instead, he looks at the rose and becomes aware: Before it even enters his sensory consciousness, a process has already taken place. This appears to him as a—yes, as a memory that preceded the act of looking. This fact that something like a memory arises within us, of which we know: You did this before you had the sensory perception—this, in relation to external nature, is forethought, which remains unconscious and is then brought to the surface like a memory: that is what matters. No amount of thinking can penetrate the mysteries of nature; rather, it is through pre-thinking. Nor can one penetrate the mysteries of what constitutes the content of the soul in any other way than by truly becoming that spectator of whom I have spoken. You see, these are the paths through which we can penetrate the spiritual world today.
[ 29 ] Wenn Sie sich erinnern, daß in der Novelle dem Hofrat Eysenhardt gerade ein Fetzen der geistigen Welt zur Anschauung kommt, nachdem er den Abbau an sich wahrgenommen hat, so werden Sie darin eine eigentümliche Illustrierung finden desjenigen, was ich vorgetragen habe: Wenn man durch die Übung des Denkens dahin kommt, daß das Denken so weit erkraftet ist, daß man die geistige Welt sehen kann, dann kommt man zunächst auch in den Abbau hinein, in dasjenige, was mit dem Tode zusammenhängt. Die Mystiker aller Zeiten haben es ausgedrückt dadurch, daß sie sagten: «An die Pforte des Todes herankommen», das heißt an alles dasjenige, was sich im Menschenleben als Abbauendes darstellt. Und so kommen wir also darauf, wenn wir wirklich die Meditation bis zu dem Punkte getrieben haben, daß wir das Initiations-Ereignis erlangt haben: Du stehst an der Pforte des Todes; du weißt, da ist an dir etwas, was seit deiner Geburt oder Empfängnis an dir waltet, das sich dann zusammensummiert und zur Erscheinung des Todes, zur Wegnehmung des physischen Leibes wird. Da sagt man sich: Aber das alles, was zum Tode führt, es ist herausgegangen aus der geistigen Welt. Was aus der geistigen Welt herausgegangen ist, es hat sich vereinigt mit dem, was durch die Vererbungssubstanz gekommen ist. Wir sehen den Menschen hier in der physischen Welt stehen und sagen uns: Was uns in seinem Antlitz entgegentritt, was uns durch seine Worte spricht, alles, was er als physischer Mensch tut, es ist der Ausdruck desjenigen, was sich durch seinen letzten Tod und durch seine letzte Geburt vorbereitet hat in der geistigen Welt. Da lebt sein Seelisches drinnen. Aber wir können aus dem ganzen Sinn der Auseinandersetzung entnehmen: Das, was von der Menschenseele lebt zwischen Tod und neuer Geburt, das zieht die Kräfte an aus der geistigen Welt, um in dieser Inkarnation zwischen Geburt und Tod an dem Menschen zu bilden, etwas zu bilden, was eben der Mensch ist. Und dann ist das wirklich so — wenn Sie sich erinnern, wie ich das im öffentlichen Vortrag dargestellt habe —: Indem in der Meditation im Denken der Wille erkraftet wird, kann erlebt werden, wie sich der Keim entwickelt, der nun wiederum durch die Pforte des Todes geht und sich vorbereitet in der geistigen Welt zu einer weiteren Inkarnation, so daß im Menschen dieser ewige Bildungsprozeß ist: Aus der geistigen Welt kommt heraus das Seelisch-Geistige, bildet sich diesen Menschen hier. In diesem Menschen entsteht, anfangs wie ein Punkt, dasjenige, was nun hier im Leben als der Keim entsteht, der wiederum durch die Pforte des Todes geht, um gleichsam die Entwickelung fortzusetzen. So daß, wenn wir den Menschen hier haben, das sich wirklich so zeigt: Wie er vor uns steht, so ist er aus der geistigen Welt heraus als Mensch geschaffen. Mit dem, was die Eltern geben können, vereinigte sich das, was aus der geistigen Welt heraus kam. Solange er in der geistigen Welt war, war er inmitten der geistigen Mächte, so wie er hier inmitten der Naturkräfte ist im physischen Leibe. Er war inmitten der geistigen Mächte, mit denen zusammen er sich vorbereitete auf diese Inkarnation. Es ist wirklich so, wenn wir den Menschen vor uns sehen in einer Inkarnation, wie ich es im zweiten Mysteriendrama, in «Die Prüfung der Seele» dargestellt habe: Ganze Götterwelten wirken, um den Menschen darzustellen; zwischen dem Tod und einer neuen Geburt wirken geistige Kräfte, um den Menschen in das Dasein hineinzustellen. Dieser Mensch hier ist das Ziel gewisser geistiger Kräfte, die zwischen Tod und neuer Geburt wirken.
[ 29 ] If you recall that in the novella, Court Councillor Eysenhardt catches just a glimpse of the spiritual world after he has perceived the process of decay itself, you will find in this a peculiar illustration of what I have just described: When, through the practice of thinking, one reaches a point where one’s thinking has become so powerful that one can see the spiritual world, then one first enters into decay as well—into that which is connected with death. Mystics of all ages have expressed this by saying: “To approach the gate of death,” that is, to all that which presents itself in human life as a process of decay. And so we come to this: when we have truly driven meditation to the point where we have attained the event of initiation, you stand at the gate of death; you know that there is something within you that has been at work since your birth or conception, which then sums itself up and becomes the appearance of death, the taking away of the physical body. Then one says to oneself: But all that which leads to death has come forth from the spiritual world. That which has come forth from the spiritual world has united with that which has come through the hereditary substance. We see the human being standing here in the physical world and say to ourselves: What meets us in his face, what speaks to us through his words, everything he does as a physical human being—it is the expression of that which has been prepared in the spiritual world through his last death and his last birth. That is where his soul life dwells. But we can gather from the whole meaning of this discussion: that which lives in the human soul between death and new birth draws forces from the spiritual world to form in this incarnation, between birth and death, something within the human being—something that is precisely what a human being is. And then it is truly so—if you recall how I described this in the public lecture—: As the will is strengthened in thought during meditation, one can experience how the seed develops, which now in turn passes through the gate of death and prepares itself in the spiritual world for a further incarnation, so that within the human being there is this eternal process of formation: the soul-spiritual emerges from the spiritual world and forms this human being here. Within this human being, initially like a point, arises that which now emerges here in life as the germ, which in turn passes through the gate of death to continue its development, as it were. So that when we have the human being here, this is truly how it appears: just as he stands before us, so is he created as a human being from the spiritual world. What came out of the spiritual world united with what the parents could give. As long as he was in the spiritual world, he was in the midst of the spiritual powers, just as he is here in the midst of the forces of nature in the physical body. He was in the midst of the spiritual powers, together with whom he prepared himself for this incarnation. It is truly the case that when we see the human being before us in an incarnation, as I depicted in the second Mystery Drama, *The Trial of the Soul*: entire worlds of the gods work to bring the human being into being; between death and a new birth, spiritual forces work to place the human being into existence. This human being here is the goal of certain spiritual forces that work between death and a new birth.
[ 30 ] Sehen Sie, das hat eine gewisse wissenschaftliche Richtung, aber eine geisteswissenschaftliche Richtung, immer gewußt und zum Ausdruck gebracht. Immer wieder und wiederum hat zum Beispiel ein bedeutender Mensch dies, was ich eben jetzt dargestellt habe, zum Ausdruck gebracht, indem er sagte: «Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes» Er wollte sagen: Während wir in der geistigen Welt drinnen sind, mit der göttlichen Welt verwoben sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, bereiten wir uns zu unserer Leiblichkeit vor. Die ist das Ende der Wege Gottes. Er hat nur nicht dazufügen können den andern Satz: In der Leiblichkeit bereitet sich ein neuer Anfang vor, der dann wiederum durch den Tod hindurchgeht und zu einer neuen Inkarnation führt. Dieser Ausspruch: «Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes», bildet gewissermaßen sogar das Leitmotiv aller Werke, die ein sehr bedeutender Mensch vor jetzt fast hundert Jahren geschrieben hat, der immer wiederum darauf aufmerksam gemacht hat, daß das menschliche Wissen, die menschliche Erkenntnis Wege nehmen muß, um diese geistigen Zusammenhänge zu erkennen: Christoph Oetinger. Auch Oetinger wollte in seiner Art die Theosophie darstellen. Richard Rothe hat schöne Worte am Schluß der Vorrede zu einem Buche über Oetinger geschrieben. Er wollte zum Ausdruck bringen, daß in älteren Zeiten die Menschen spirituelle Wege gesucht haben, aber in ihrer Art, und daß die Zeit kommen werde und nicht mehr ferne liege, in welcher mit vollem wissenschaftlichem Bewußtsein ergriffen wird dasjenige, was man eigentlich immer gesucht hat. Rothe sagt: «Was die Theosophie eigentlich will, das ist bei den älteren Theosophen oft schwer zu erkennen. Und was die Hauptsache ist, wenn sie nur erst einmal eigentliche Wissenschaft geworden ist und also auch deutlich bestimmte Resultate abgesetzt hat, so werden diese schon nach und nach in die allgemeine Überzeugung übergehen... Doch dies ruht im Schoße der Zukunft, der wir nicht vorgreifen wollen.» So Richard Rothe, der Heidelberger Professor, über den Theosophen Christoph Oetinger, im November 1847.
[ 30 ] You see, a certain branch of science—specifically the Spiritual Science—has always known and expressed this. Time and again, for example, a prominent figure has expressed what I have just described by saying: “Physicality is the end of God’s ways.” What he meant was: While we are in the spiritual world, interwoven with the divine world between death and a new birth, we prepare ourselves for our physicality. That is the end of God’s ways. He was simply unable to add the other sentence: In physicality, a new beginning is prepared, which then passes through death again and leads to a new incarnation. This statement: “Physicality is the end of God’s ways,” in a sense even forms the leitmotif of all the works written nearly a hundred years ago by a very significant person who repeatedly drew attention to the fact that human knowledge and human insight must take certain paths to recognize these spiritual connections: Christoph Oetinger. Oetinger, too, wanted to present theosophy in his own way. Richard Rothe wrote beautiful words at the end of the preface to a book about Oetinger. He wanted to express that in earlier times people sought spiritual paths, but in their own way, and that the time would come—and was not far off—when what one had actually always sought would be grasped with full scientific awareness. Rothe says: “What theosophy actually aims for is often difficult to discern in the older theosophists. And what is most important is that, once it has become a true science and has thus produced clearly defined results, these will gradually become part of the general consensus... Yet this lies in the bosom of the future, which we do not wish to anticipate.” So says Richard Rothe, the Heidelberg professor, regarding the theosophist Christoph Oetinger, in November 1847.
[ 31 ] Dasjenige, was gesucht wird durch die Geisteswissenschaft, hat es immer gegeben, nur in anderer Weise. Heute obliegt es dem Menschen, auf die Art es zu suchen, wie es eben in unserer Zeit gesucht werden muß. Und oft habe ich es ausgeführt: Das naturwissenschaftliche Denken ist heute an einen Punkt gekommen, wo aus der naturwissenschaftlichen Gesinnung gerade eine wissenschaftliche Form gesucht werden muß für dasjenige, was als Wissenschaft in der Theosophie aller Zeiten lebte. Und wenn nun Rothe als Herausgeber Oetingers sagt, daß dasjenige, was er meint, so anzusprechen ist: «Doch dies ruht im Schoße der Zukunft» — dasjenige, was im Jahre 1847 Zukunft war, es ist heute unbedingt zur Gegenwart erreift. Wir stehen heute vor einer Zeit, wo wir nachweisen können denn es war nur ein Beispiel, das ich heute vorgebracht habe mit der Novelle «Hofrat Eysenhardt» von Alfred von Berger —, daß die Menschenseelen wirklich reif sind, heranzukommen an die geistigen Wahrheiten, und daß sie nur nicht den Mut haben, wirklich diese geistigen Wahrheiten zu ergreifen.
[ 31 ] What Spiritual Science seeks has always existed, only in a different form. Today it is up to humanity to seek it in the way that it must be sought in our time. And I have often explained: Scientific thinking has now reached a point where, from the scientific mindset, a scientific form must be sought for that which has lived as science in theosophy throughout the ages. And when Rothe, as Oetinger’s editor, says that what he means should be expressed as: “Yet this lies in the bosom of the future”—what was the future in 1847 has now undoubtedly matured into the present. We are now facing a time when we can demonstrate—for it was only an example I presented today with the novella “Hofrat Eysenhardt” by Alfred von Berger—that human souls are truly ripe to approach spiritual truths, and that they simply lack the courage to truly grasp these spiritual truths.
[ 32 ] Nach zwei Seiten hin, sagte ich, führt der Weg in die geistigen Welten hinein, indem hinter den Schleier der Natur geschaut wird. Warum schreiten die Menschen so schwer hinein, auch diejenigen, die sich angewöhnt haben, wissenschaftlich zu denken, und nur das wissenschaftliche Denken zu einer innerlichen Handhabe erheben müßten in der geschilderten Weise? Warum? Sie sagen, daß der Mensch Erkenntnisgrenzen hat: Ignorabimus! Und warum wollen sie nicht in die geistige Welt? Ja, das liegt eben schon hinter der Schwelle des Bewußtseins. Innerhalb des Bewußtseins führt man sogenannte logische Gründe dafür an, daß man nicht in die geistige Welt hineinkönne, logische Gründe, wie sie hinlänglich bekannt sind. Unter diesen logischen Gründen liegt erst der wahre innere Grund: die Furcht vor der geistigen Welt. Die kommt nicht in das Bewußtsein herauf, aber die Furcht vor der geistigen Welt hält die Menschen ab, die unbewußte, unterbewußte Furcht. Würde man sich nur mit dem Dasein der unbewußten Furcht bekannt machen, und wie das alles, was man sich einredet, nur eine Maske ist für dasjenige, was in Wahrheit Furcht ist, man würde sehr vieles erkennen. Das ist das eine. Das andere ist: Sobald man in die geistige Welt hineinkommt, wird man erfaßt, so wie man selber die Gedanken erfaßt, von den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Man wird gleichsam ein Gedanke in der geistigen Welt. Dagegen sträubt sich innerlich das Seelische. Es fürchtet sich davor, hingenommen zu werden von der geistigen Welt. Wiederum eine Art Furcht, eine Art ohnmächtiger Furcht davor, sich ergreifen zu lassen von der geistigen Welt, so wie man, wenn man durch die Geburt hineinkommt in die physische Welt, ergriffen wird von den physischen Kräften. Furcht nach außen und Scheu vor einer gewissen Ohnmacht im Ergriffenwerden von der geistigen Welt — das ist es, was die Menschen zurückhält von der geistigen Welt. Das ist es, warum sie, wie dieser Berger in seiner Novelle, manchmal so plätschern wollen in den Wellen der geistigen Welt, aber wollen, daß das, ich möchte sagen, unverbindlich sei, und nicht den Mut haben, wirklich heranzukommen an das Ergreifen der geistigen Welten, was wahrhaftig durch die Ihnen oftmals geschilderten inneren Experimente geschehen kann, wie das Ergreifen der Naturgeheimnisse durch die äußeren Experimente geschehen kann.
[ 32 ] I said that the path leads into the spiritual worlds by looking beyond the veil of nature. Why do people find it so difficult to enter there, even those who have become accustomed to thinking scientifically and who need only elevate scientific thinking to an inner tool in the manner described? Why? They say that human knowledge has its limits: Ignorabimus! And why do they not want to enter the spiritual world? Yes, that lies just beyond the threshold of consciousness. Within consciousness, so-called logical reasons are cited for why one cannot enter the spiritual world—logical reasons that are well known. Beneath these logical reasons lies the true inner reason: the fear of the spiritual world. It does not rise up into consciousness, but the fear of the spiritual world holds people back—the unconscious, subconscious fear. If one were only to become acquainted with the existence of this unconscious fear, and how everything one tells oneself is merely a mask for what is in truth fear, one would recognize very much. That is one thing. The other is: As soon as one enters the spiritual world, one is grasped—just as one grasps thoughts oneself—by the beings of the higher hierarchies. One becomes, as it were, a thought in the spiritual world. The soul resists this inwardly. It fears being taken in by the spiritual world. Again, a kind of fear, a kind of helpless fear of being seized by the spiritual world, just as one is seized by physical forces when one enters the physical world through birth. Fear of the outside world and a shyness toward a certain powerlessness in being taken over by the spiritual world—that is what holds people back from the spiritual world. That is why they, like this Berger in his novella, sometimes want to splash about in the waves of the spiritual world, but want that I might say, be non-committal, and do not have the courage to truly approach the apprehension of the spiritual worlds, which can truly occur through the inner experiments often described to you, just as the apprehension of the secrets of nature can occur through outer experiments.
[ 33 ] Wenn Sie zu dem, was ich gesagt habe, hinzunehmen dasjenige, was ich ausgeführt habe in einem der öffentlichen Vorträge über den Zusammenhang zwischen den genialischen Kräften, die auftreten im Leben, und zwischen den frühen Toden, die dadurch herbeigeführt werden, daß dem Menschen sein Leib genommen wird — ich sagte, durch eine Kugel oder auf andere Weise, zum Beispiel auf dem Schlachtfelde —, wenn Sie sich erinnern an dasjenige, was ich ausgeführt habe, daß, wenn Erfindungskräfte, geniale Kräfte im Menschen auftreten, diese die Wirkung sind jener Vorgänge, die geschehen, wenn dem Menschen sein physischer Leib abgenommen wird, dann haben Sie da auch etwas, was unter der Schwelle des Bewußtseins bleibt. Aber es liegt in dem Mut, in der ganzen Art und Weise, wie der Mensch sich für eine große Zeiterscheinung aufopfert, ein instinktiver Ausdruck für etwas, was unter der Schwelle des Bewußtseins liegt und so den Menschen nicht in seiner vollen Art zum Bewußtsein kommen kann. In unserer Zeit jedoch besteht der Impuls in der Menschheitsentwickelung, daß dasjenige, was unter der Schwelle des Bewußtseins liegt, bis zu einem gewissen Grade hinaufgetragen wird in dieses Bewußtsein, so daß der Mensch davon wissen könne. Und in diesem Sinne meine ich es immer, wenn ich darauf hinweise, daf3 gerade auch in den großen Ereignissen unserer Zeit, in all dem, was sich oberhalb [der Schwelle] des Bewußtseins abspielt, bedeutsame unterbewußte Vorgänge liegen und daß niemals erschöpft sein wird durch dasjenige, was der äußere Geschichtsforscher von diesen gegenwärtigen Ereignissen erfassen kann, was diese Ereignisse in den großen Zusammenhang der Menschheitsentwickelung hineinstellt. Mehr als jemals ist das Unterbewußte beteiligt an demjenigen, was in unserer Gegenwart geschieht. Und deshalb darf gerade der Geistesforscher darauf hinweisen, wie eine künftige Zeit, um im richtigen Lichte des Weltzusammenhanges unsere bedeutsamen geschichtlichen gegenwärtigen Ereignisse zu schauen, auf den geistigen Untergrund hinweisen wird. Auch von diesem Gesichtspunkte aus stellt sich uns immer wieder und wiederum vor die Seele, was wir zum Schlusse der Betrachtung immer wieder gesagt haben:
[ 33 ] If you add to what I have said what I explained in one of my public lectures regarding the connection between the forces of genius that arise in life and the early deaths brought about by the fact that a person’s body is taken from them—I said, by a bullet or in some other way, for example on the battlefield —, if you recall what I explained—that when inventive powers, genius-like powers, arise in a human being, these are the result of the processes that occur when a person’s physical body is taken from them—then you also have something there that remains below the threshold of consciousness. But there lies in the courage, in the whole manner in which a human being sacrifices himself for a great historical event, an instinctive expression of something that lies below the threshold of consciousness and thus cannot come to consciousness in its full form. In our time, however, the impulse in human development is that what lies below the threshold of consciousness is, to a certain degree, brought up into this consciousness so that the human being can become aware of it. And this is what I always mean when I point out that precisely in the great events of our time, in all that takes place above the threshold of consciousness, there lie significant subconscious processes, and that what the external historian can grasp of these present events will never exhaust what places these events within the larger context of human development. More than ever, the subconscious is involved in what is happening in our present. And that is why the spiritual researcher, in particular, must point out how a future era, in order to view our significant historical present-day events in the proper light of the world context, will point to the spiritual underpinning. From this perspective as well, what we have repeatedly stated at the conclusion of our reflections comes before our souls time and again:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht—
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
From the courage of the fighters,
From the blood of the battles,
From the suffering of the forsaken,
From the sacrifices of the people
The fruit of the spirit grows—
Guiding souls with spiritual awareness
Toward the realm of the spirit.
