The Connection Between Man
and the Elemental World
GA 158
9 April 1912, Helsinki
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The Connection Between Man and the Elemental World, tr. SOL
Öffentlicher Vortrag
Public Lecture
[ 1 ] Vor allen Dingen darf ich Sie um Entschuldigung bitten, wenn ich den Vortrag, den ich zu halten habe, nicht in einer der hier landesüblichen Sprachen halten kann. Es entspricht die Tatsache, daß dieser Vortrag gehalten wird, dem Wunsche der Freunde unserer Theosophischen Gesellschaft, für welche ich hierher gerufen worden bin, eine Reihe von Vorträgen vierzehn Tage hindurch zu halten, und welche die Meinung hatten, daß die Möglichkeit bestehe, innerhalb dieser Zeit auch die zwei angekündigten öffentlichen Vorträge einzufügen. Damit hängtesnatürlich zusammen, daß ich weiter werde um Entschuldigung bitten müssen, wenn mancher der Namen und manche der Bezeichnungen, die gerade aus dem Volksepos der Finnen entlehnt sind, vielleicht von mir, als der Sprache unkundig, nicht ganz richtig ausgesprochen werden. In die Geisteswissenschaft selber wird uns allerdings erst der Vortrag am nächsten Freitag hineinführen können. Die Betrachtung des heutigen Abends wird vielmehr eine Art Nachbargebiet betreffen, welches in eine geisteswissenschaftliche Beleuchtung gerückt werden kann. Allerdings von einem Gebiet soll die Rede sein, das im allertiefsten Sinn des Wortes zu den interessantesten der menschlichen geschichtlichen Betrachtung, des menschlichen geschichtlichen Nachdenkens gehört.
[ 1 ] First and foremost, I must ask your forgiveness for not being able to deliver the lecture I am to give in one of the languages commonly spoken here. The fact that this lecture is being given corresponds to the wish of the friends of our Theosophical Society, for whom I have been called here to give a series of lectures over a period of fourteen days, and who believed that it would be possible to include the two announced public lectures within this time frame. This naturally means that I will have to ask for your forgiveness if some of the names and terms, which are borrowed directly from the Finnish national epic, are perhaps not pronounced quite correctly by me, as I am unfamiliar with the language. It is, however, only next Friday’s lecture that will be able to introduce us to Spiritual Science itself. Rather, this evening’s discussion will concern a kind of adjacent field that can be illuminated from a perspective of Spiritual Science. To be sure, we shall be speaking of a field that, in the deepest sense of the word, belongs to the most interesting areas of human historical observation and human historical reflection.
[ 2 ] Volksepen! Wir brauchen nur an einige der bekannteren Volksepen zu denken, an die Epen Homers, welche griechische Volksepen geworden sind, an die mitteleuropäische Nibelungensage und endlich an Kalewala, und sogleich wird uns aufleuchten, daß wir durch diese Volksepen tiefer in Menschenseelen und in Menschenstreben hineingeführt werden als durch irgendeine geschichtliche Forschung, so hineingeführt werden, daß uns wichtige alte Zeiten lebendig, wie gegenwärtig vor die Seele hingerückt werden, aber in einer Weise, daß sie in unmittelbarer Gegenwart uns wie die Schicksale und das Leben gegenwärtiger, um uns herum lebender Menschen berühren. Wie ungewiß und dämmerhaft sind uns geschichtlich diejenigen Zeiten des alten griechischen Volkes, von dem uns die Homerischen Epen erzählen, und wie schauen wir hinein, wenn wir den Inhalt der Ilias, der Odyssee auf uns wirken lassen, in die Seelen jener Menschen, die für die gewöhnliche Geschichtsbetrachtung eigentlich vollständig entrückt sind. Kein Wunder, daß die Betrachtung der Volksepen für diejenigen, die sich wissenschaftlich oder literarisch damit beschäftigen, etwas Rätselhaftes hat. Wir brauchen nur auf eine Tatsache in bezug auf die alten griechischen Epen hinzuweisen, die ein geistvoller Betrachter der Ilias in einem sehr schönen, erst vor wenigen Jahren erschienenen Buch über Homers Ilias wiederholt geäußert hat. Ich meine Herman Grimm, den Neffen des großen germanischen Mythen-, Sagen- und Sprachforschers Jakob Grimm. Indem Herman Grimm die Gestalten und Tatsachen der Ilias auf sich wirken ließ, fühlte er sich immer wieder und wieder veranlaßt zu sagen: Oh, dieser Homer — wir brauchen heute nicht einzugehen auf die Frage nach der Persönlichkeit des Homer — scheint, wenn er irgend etwas schildert, das einem Handwerk, einer Kunst entlehnt ist, wie wenn er Fachmann in diesem Handwerk, in dieser Kunst wäre. Schildert er eine Schlacht, einen Kampf, so scheint er völlig bekannt zu sein mit all den strategischen und militärischen Grundsätzen, die innerhalb der Kriegsführung in Betracht kommen. — Mit Recht weist Herman Grimm darauf hin, daß ein strenger Richter in solchen Dingen ein Bewunderer der sachlichen Schlachtenschilderung Homers war, nämlich Napoleon, ein Mann, der zweifellos berechtigt war, ein Urteil darüber zu fällen, ob aus dem Geist Homers heraus das Militärische unmittelbar sachgemäß und lebendig vor unsere Seele hingestellt wird oder nicht. Vom allgemein menschlichen Standpunkt aus wissen wir, wie die Gestalten plastisch, wie wenn wir sie unmittelbar vor dem physischen Auge hätten, durch Homer vor unsere Seele hingestellt werden.
[ 2 ] Folk epics! We need only think of some of the better-known folk epics: the epics of Homer, which have become Greek folk epics; the Central European Nibelungen saga; and finally the Kalevala, and it will immediately dawn on us that these folk epics lead us deeper into the human soul and human aspirations than any historical research, leading us in such a way that important ancient times are brought vividly before our minds, as if they were present, but in a way that touches us in the immediate present just as the fates and lives of people living around us today do. How uncertain and dimly lit those times of the ancient Greek people, of which the Homeric epics tell us, appear to us historically; and how deeply do we peer into the souls of those people—who are, in fact, completely removed from ordinary historical observation—when we allow the content of the Iliad and the Odyssey to take effect upon us. No wonder that the study of these national epics holds something of a mystery for those who engage with them scientifically or literarily. We need only point to a fact regarding the ancient Greek epics that a perceptive observer of the Iliad has repeatedly expressed in a very beautiful book on Homer’s Iliad, published only a few years ago. I am referring to Herman Grimm, the nephew of the great Germanic mythologist, folklorist, and linguist Jakob Grimm. As Herman Grimm allowed the characters and events of the Iliad to take hold of him, he felt compelled time and again to say: Oh, this Homer—we need not delve today into the question of Homer’s personality—seems, whenever he describes anything borrowed from a craft or an art, as if he were an expert in that craft or art. When he describes a battle or a fight, he seems to be thoroughly familiar with all the strategic and military principles that come into play in warfare. — Herman Grimm rightly points out that a strict judge in such matters was an admirer of Homer’s factual battle descriptions, namely Napoleon, a man who was undoubtedly qualified to judge whether the military aspects are presented to our minds in a directly appropriate and vivid manner through the spirit of Homer or not. From a generally human standpoint, we know how vividly the figures are presented to our minds by Homer, as if we had them right before our physical eyes.
[ 3 ] Wie ist es mit einem solchen Volksepos, wie erweist es sich dauernd durch die verschiedenen Zeiten? Denn wahrhaftig, derjenige, der die Verhältnisse unbefangen beobachtet, wird nicht den Eindruck erhalten, daß künstliche Veranstaltungen der Menschheit, etwa eine künstliche pädagogische Zucht, das Interesse der Jahrhunderte bis in unsere Tage herein an der Ilias und Odyssee immer wieder festgehalten haben. Dieses Interesse ist ein selbstverständliches, ist ein allgemein menschliches. Nur geben uns diese Volksepen in einem gewissen Sinne eine Aufgabe an die Hand, stellen uns sogleich, wenn wir sie betrachten wollen, eine ganz bestimmte, man möchte sagen interessante Aufgabe. Sie wollen nämlich in allen ihren Einzelheiten ganz genau genommen werden. Wir fühlen es sogleich, daß uns etwas unverständlich wird in den Inhalten solcher Volksepen, wenn wir sie etwa so lesen wollen, wie wir irgendein modernes Kunstwerk, einen modernen Roman oder dergleichen lesen. Wir fühlen gleich bei den ersten Zeilen der Ilias, daß Homer genau spricht. Was schildert er uns? Er sagt es uns im Beginn. Mancherlei weiß man aus andern Darstellungen, die nicht in der Ilias enthalten sind, über Ereignisse, die sich nach rückwärts anschließen an die Tatsachen der Iliade. Homer will uns nur schildern, was er in der ersten Zeile prägnant sagt: den Zorn des Achill. Und wenn wir nun die ganze Iliade durchgehen und unbefangen betrachten, so müssen wir sagen: Nichts ist in Wahrheit darin, was nicht so bezeichnet werden kann, daß es auftritt als Tatsache, die da folgt aus dem Zorn des Achill. — Und weiter eine eigentümliche Tatsache wiederum gleich im Beginn der Iliade. Homer beginnt nicht etwa einfach mit den Tatsachen, er beginnt auch nicht mit irgendeiner persönlichen Meinung, sondern er beginnt mit etwas, was gerade eine moderne Zeit vielleicht als Phrase nehmen möchte, beginnt damit, daß er sagt: Singe mir, o Muse, von dem Zorne des Achill! — Und je tiefer wir eindringen in dieses Volksepos, desto klarer wird es uns, daß wir gar nicht Sinn und Geist und Bedeutung desselben verstehen können, wenn wir dieses Wort im Beginne nicht ernst nehmen. Dann aber müssen wir uns fragen: Was bedeutet es eigentlich?
[ 3 ] What about such a national epic; how does it stand the test of time? For truly, anyone who observes the circumstances impartially will not get the impression that artificial human endeavors—such as artificial pedagogical training—have repeatedly sustained the interest of the centuries in the Iliad and the Odyssey right up to the present day. This interest is a natural one, a universally human one. It is only that these epic poems, in a certain sense, present us with a task; they immediately, the moment we wish to consider them, set before us a very specific—one might say interesting—task. For they demand to be taken quite literally in all their details. We immediately sense that something becomes incomprehensible to us in the content of such epic poems if we attempt to read them in the same way we might read any modern work of art, a modern novel, or the like. We sense right from the first lines of the Iliad that Homer speaks precisely. What is he describing to us? He tells us at the beginning. We know various things from other accounts, not contained in the Iliad, about events that follow the facts of the Iliad. Homer wants only to describe to us what he succinctly states in the first line: the wrath of Achilles. And if we now go through the entire Iliad and consider it impartially, we must say: There is truly nothing in it that cannot be described as arising from the wrath of Achilles. — And furthermore, a peculiar fact again right at the beginning of the Iliad. Homer does not simply begin with the facts, nor does he begin with some personal opinion, but rather he begins with something that a modern age might perhaps dismiss as a cliché; he begins by saying: Sing to me, O Muse, of the wrath of Achilles! — And the deeper we delve into this folk epic, the clearer it becomes to us that we cannot possibly understand its meaning, spirit, and significance if we do not take this opening line seriously. But then we must ask ourselves: What does it actually mean?
[ 4 ] Und nun die Art der Darstellung, die ganze Art, wie die Ereignisse vor unsere Seele hingebracht werden! Es waren für viele, nicht nur fachmännische, wissenschaftliche Betrachter, sondern auch für künstlerisch umfassende Geister wie Herman Grimm, eine Frage diese Worte: O singe mir, Muse, von dem Zorne des Achill. — Eine Frage, die ihnen tief zu Herzen ging. Wie spielen in dieser Ilias, geradeso wie im Nibelungenlied oder in Kalewala, die Taten geistig-göttlicher Wesenheiten zusammen — in Homers Dichtungen zunächst die Taten und Absichten und Leidenschaften der olympischen Götter — mit den Taten und Absichten und Leidenschaften von Menschen, die, wie Achill, in einem gewissen Sinne dem gewöhnlichen Menschlichen fernstehen, und wiederum mit den Leidenschaften und Absichten und Taten von Menschen, die dem gewöhnlichen Menschlichen schon naheliegen wie Odysseus oder wie Agamemnon? Wenn dieser Achill vor unsere Seele hintritt, so erscheint er uns gegenüber den Menschen, mit denen er zusammenlebt, einsam. Wir fühlen sehr bald im Fortgang der Ilias, daß wir in Achill eine Persönlichkeit vor uns haben, die eigentlich über ihre innersten Angelegenheiten mit all den andern Helden nicht recht sprechen kann. Homer führt uns auch vor, wie Achill seine eigentlichen Herzensangelegenheiten mit göttlich-geistigen Wesenheiten auszumachen hat, die nicht dem Menschenreiche angehören, wie er einsam dem Menschenreiche gegenübersteht durch den ganzen Fortgang der Iliade und wiederum nahesteht übersinnlichen, überirdischen Mächten. Und dabei wiederum das Sonderbare, daß, wenn wir all unser menschliches Fühlen in die Art und Weise von Denken und Empfinden, wie wir sie uns im Kulturprozeß erobert haben, zusammennehmen und den Blick hinlenken nach diesem Achill, er uns dann so erscheint, daß wir oftmals sagen müssen: Wie egoistisch, wie persönlich! — Eine Wesenheit, in deren Seele göttlich-geistige Impulse hereinspielen, sie handelt ganz aus dem unmittelbar Persönlichen heraus. Eine lange Zeit hindurch nimmt ein für die Griechen so wichtiger Krieg, wie der trojanische Sagenkrieg, nur dadurch seinen Fortgang, gewinnt die besonderen Episoden, welche die Iliade schildert, daß Achill für sich dasjenige ausmacht, was er persönlich auszumachen hat mit Agamemnon. Und immer sehen wir, daß überirdische Mächte hereinspielen. Wir sehen Zeus, Apollo, Athene die Impulse austeilen, sozusagen die Menschen an ihre Plätze hinstellen. Es war immer sonderbar, bevor die Aufgabe an mich kam, vom Standpunkt der Geisteswissenschaft an diese Dinge heranzutreten, wie ein sehr geistvoller Mann, mit dem ich das Glück hatte, oftmals persönlich auch über diese Dinge zu verhandeln, wie Herman Grimm mit diesen Dingen sich zurechtfand. Er hat es nicht nur in seinen Schriften, sondern oftmals im persönlichen Gespräche, und da noch viel genauer, ausgesprochen. Er sagte: Wenn wir nur das zusammennehmen, was an historischen Mächten und Impulsen in der Menschheitsentwickelung spielt, dann kommen wir nicht zurecht mit dem, was da lebt und schafft namentlich in den großen Volksepen. Daher wurde für Herman Grimm, den geistvollen Betrachter der Iliade und der Volksdichtungen überhaupt, etwas, was über die gewöhnlichen Bewußtseinskräfte des Menschen, über Verstand, Vernunft, Sinnesanschauung, über das gewöhnliche Gefühl hinausgeht, zu einer realen Macht, zu einer Macht, die schöpferisch ist ebenso wie die andern historischen Impulse. Herman Grimm sprach von einer durch die Menschheitsentwickelung durchgehenden realen schöpferischen Phantasie, sprach von einer Phantasie so, wie man von einer Wesenheit, von einer Realität spricht, von etwas, was für die Menschen waltete und was ihnen im Anfang der Zeiten, die wir beobachten können, im Werden der einzelnen Völker mehr sagen konnte als das, was die gewöhnlichen Seelenkräfte dem Menschen sagen. Wie das Hereinleuchten einer Welt, die sich nicht in den gewöhnlichen menschlichen Seelenkräften erschöpft, so sprach Herman Grimm immer die schöpferische Phantasiie an, die damit für ihn etwa die Rolle einer Mitschöpferin beim Menschenwerdeprozeß bekam.
[ 4 ] And now the style of presentation, the very way in which the events are brought before our minds! For many—not only expert, scholarly observers, but also artistically perceptive minds such as Herman Grimm—these words posed a question: “O sing to me, Muse, of the wrath of Achilles.”—A question that touched them deeply. How do the deeds of spiritual-divine beings interact in this Iliad—just as in the Nibelungenlied or the Kalevala—in Homer’s poems, first and foremost the deeds, intentions, and passions of the Olympian gods—with the deeds, intentions, and passions of humans who, like Achilles, are in a certain sense removed from ordinary humanity, and, in turn, with the passions, intentions, and deeds of people who are already close to ordinary humanity, such as Odysseus or Agamemnon? When this Achilles steps before our soul, he appears to us as lonely in comparison to the people with whom he lives. We very soon sense, as the Iliad unfolds, that in Achilles we have before us a personality who cannot really speak about his innermost affairs with all the other heroes. Homer also shows us how Achilles must settle the true matters of his heart with divine-spiritual beings who do not belong to the human realm, how he stands alone in relation to the human realm throughout the entire course of the Iliad, and yet is close to supernatural, otherworldly powers. And yet there is something peculiar about this: when we gather all our human feeling into the mode of thinking and feeling that we have acquired through the cultural process, and turn our gaze toward this Achilles, he then appears to us in such a way that we often have to say: How selfish, how self-centered! — A being into whose soul divine-spiritual impulses flow, yet who acts entirely out of the immediate personal. For a long time, a war as important to the Greeks as the legendary Trojan War proceeds solely because of this; the specific episodes described in the Iliad arise from the fact that Achilles defines for himself what he personally has to settle with Agamemnon. And we always see that supernatural powers are at work. We see Zeus, Apollo, and Athena dispensing the impulses, so to speak, placing the people in their proper places. It was always strange, before the task fell to me to approach these things from the standpoint of Spiritual Science, to see how a very spiritual man, with whom I had the good fortune to discuss these matters personally on many occasions—Herman Grimm—came to terms with them. He expressed this not only in his writings but often in personal conversations, and there even more precisely. He said: If we take into account only the historical forces and impulses at play in human development, then we cannot make sense of what lives and creates there, particularly in the great national epics. Thus, for Herman Grimm, the insightful observer of the Iliad and of folk poetry in general, something that transcends the ordinary powers of human consciousness—intellect, reason, sensory perception, and ordinary feeling—became a real power, a power that is just as creative as the other historical impulses. Herman Grimm spoke of a real creative imagination running through the development of humanity, spoke of an imagination in the same way one speaks of an entity, of a reality, of something that reigned over human beings and that, at the dawn of the ages we can observe, in the becoming of individual peoples, could tell them more than what the ordinary powers of the soul tell human beings. Like the dawning of a world that is not exhausted in the ordinary human powers of the soul, Herman Grimm always addressed the creative imagination, which thus took on for him the role of a co-creator in the process of human becoming.
[ 5 ] Aber nun ist es eigentümlich, wenn wir diesen Kampfplatz der Iliade, diese Darstellung des Zornes des Achill betrachten mit all dem Hereinspielen übersinnlicher göttlich-geistiger Mächte, dann kommt man doch nicht zurecht mit einer solchen Betrachtung, wie sie Herman Grimm angestellt hat, und gerade in seinem Buche über die Iliade finden wir manches Wort der Resignation, das uns zeigt, wie der gewöhnliche Standpunkt, den man heute literarisch oder wissenschaftlich einnehmen kann, nicht mit diesen Dingen zurechtkommt. Wozu kommt Herman Grimm gegenüber der Ilias, auch gegenüber der Nibelungensage? Er kommt dazu, anzunehmen, daß den historischen Dynastien, Herrschergeschlechtern, andere vorangegangen sind. So denkt Herman Grimm tatsächlich, man möchte sagen, buchstäblich. So denkt er daran, daß etwa Zeus mit seinem ganzen Umkreis eine Art Herrschergeschlecht darstellt, das dem Herrschergeschlecht, dem Agamemnon angehört, vorangegangen sei. Er denkt also sozusagen die Menschheitsgeschichte in einer gewissen Einförmigkeit, denkt sich in den in der Ilias oder der Nibelungensage dargestellten Göttern oder Heroen uralte Menschen, welche die späteren Menschen nur dadurch darzustellen wagten, daß sie ihre Taten, ihre Charaktere in das Kleid des übermenschlichen Mythos kleideten. Es gibt vieles, mit dem man sich nicht zurechtfinden kann, wenn man eine solche Voraussetzung zugrunde legt, so vor allen Dingen die besondere Art des Eingreifens der Götter gerade bei Homer. Ich bitte Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, nur das eine zu nehmen: Thetis, die Mutter des Achill, Athene, andere Göttergestalten, wie greifen sie ein in die Ereignisse von Troja? So greifen sie ein, daß sie die Gestalt von sterblichen Menschen annehmen, diese gleichsam begeistern, diese hinführen zu ihren Taten. Sie erscheinen also nicht selber, sondern durchdringen lebendige Menschen. Lebendige Menschen figurieren nicht nur wie ihre Stellvertreter, sondern wie die Hüllen, die von unsichtbaren Mächten durchdrungen werden, die nicht in eigener Gestalt, nicht in eigener Wesenheit auf dem Kampfplatz erscheinen können. Es wäre doch sonderbar, anzunehmen, daß uralte Menschen der gewöhnlichen Art so dargestellt werden sollten, daß sie die stellvertretenden Menschen aus dem sterblichen Geschlecht wie zu ihrer Hülle nehmen müßten. Das ist nur eine der Hindeutungen, die uns alle beweisen können, daß wir in dieser Art nicht zurechtkommen mit den alten Volksepen.
[ 5 ] But now it is curious: when we consider this battlefield of the Iliad, this depiction of Achilles’ wrath with all the interplay of supernatural, divine-spiritual forces, we cannot come to terms with an interpretation such as that offered by Herman Grimm, and it is precisely in his book on the Iliad that we find many words of resignation, which show us how the conventional standpoint one might adopt today, whether literary or scholarly, cannot cope with these matters. What does Herman Grimm conclude regarding the Iliad, and also regarding the Nibelungen saga? He comes to assume that the historical dynasties, the ruling houses, were preceded by others. This is indeed how Herman Grimm thinks—one might say, literally. He conceives of Zeus, for example, with his entire entourage, as representing a kind of ruling house that preceded the ruling house to which Agamemnon belongs. He thus conceives, so to speak, the history of humanity in a certain uniformity, imagining the gods or heroes depicted in the Iliad or the Nibelungen saga as ancient humans whom later generations dared to portray only by clothing their deeds and characters in the garb of the superhuman myth. There is much that one cannot make sense of if one takes such a premise as a basis, above all the particular manner in which the gods intervene, especially in Homer. I ask you, my esteemed audience, to consider just one thing: Thetis, the mother of Achilles, Athena, and other divine figures—how do they intervene in the events of Troy? They intervene by taking on the form of mortal humans, inspiring them, as it were, and leading them to their deeds. They do not appear in person, but rather permeate living humans. Living humans serve not merely as their representatives, but as vessels permeated by invisible powers that cannot appear on the battlefield in their own form or essence. It would be strange, after all, to assume that ancient people of the ordinary kind should be portrayed in such a way that they would have to take mortal humans as their vessels. This is just one of the indications that can prove to us all that we cannot make sense of the ancient folk epics in this way.
[ 6 ] Ebensowenig aber kommen wir zurecht, wenn wir etwa die Gestalten des Nibelungenliedes nehmen, jenen Siegfried aus Xanten am Niederrhein, der nach Worms an den Burgunderhof hinversetzt wird, dort wirbt um Kriemhilde, die Schwester des Gunther, und wiederum für Gunther wirbt, durch seine besonderen Eigenschaften aber nur um Brunhilde werben kann. Und wie merkwürdig werden uns solche Gestalten wie Brunhilde aus Isenland, wie Siegfried, geschildert. Siegfried wird so geschildert, daß er das sogenannte Nibelungengeschlecht überwunden hat, daß er da den Nibelungenschatz erworben, erobert hat. Durch das, was er sich durch den Sieg über die Nibelungen erworben hat, bekommt er ganz besondere Eigenschaften, die im Epos dadurch ausgedrückt werden, daß gesagt wird, er könne sich unsichtbar machen, er sei unverwundbar in gewisser Beziehung, er habe außerdem Kräfte, die der gewöhnliche Gunther nicht hat, denn dieser kann Brunhilde, die sich nicht von einem gewöhnlichen Sterblichen besiegen läßt, nicht erwerben. Durch seine besonderen Kräfte, die er als der Besitzer des Nibelungenhortes hat, besiegt Siegfried Brunhilde, und wiederum dadurch, daß er die Kräfte verbergen kann, die er entfaltet, ist er in der Lage, Brunhilde dem Gunther, seinem Schwager, zuzuführen. Und da finden wir, wie Kriemhilde und Brunhilde, die wir dann gleichzeitig am Burgunderhof erleben, zwei ganz verschiedene Charaktere sind, Charaktere, in die offenbar Dinge hereinspielen, die mit den gewöhnlichen menschlichen Seelenkräften nicht zu erklären sind. Dadurch kommen sie in Streit, dadurch kommt es auch, daß Brunhilde den getreuen Dienstmann Hagen verleiten kann, Siegfried zu töten. Das wieder weist uns auf einen Zug hin, der so merkwürdig gerade in der mitteleuropäischen Sage auftritt. Siegfried hat höhere, übermenschliche Kräfte. Diese übermenschlichen Kräfte hat er durch den Besitz des Nibelungenhortes. Sie machen ihn zuletzt nicht zu einer unbedingt sieghaften Gestalt, sondern zu einer Gestalt, die tragisch vor uns steht. Ein Verhängnis sind zugleich für den Menschen die Kräfte, die Siegfried durch den Nibelungenhort hat. Noch sonderbarer werden die Dinge, wenn wir die damit verwandte nordische Sage von Sigurd, dem Drachentöter, dazunehmen, aber aufklärend wirkt dies. Da tritt uns Sigurd, der nichts anderes ist als Siegfried, gleich entgegen als der Besieger desDrachens, der gerade dadurch den Nibelungenhort von einem alten Zwergengeschlecht erwirbt. Und Brunhilde tritt uns entgegen als eine Gestalt von übermenschlicher Natur, als eine Walkürengestalt.
[ 6 ] Nor do we fare any better if we take, for example, the characters from the Nibelungenlied, that Siegfried from Xanten on the Lower Rhine, who is sent to Worms to the Burgundian court, woos Kriemhilde, Gunther’s sister, there, and in turn woos Gunther, but due to his particular qualities can only woo Brunhilde. And how strangely such characters as Brunhilde of Isenland and Siegfried are portrayed to us. Siegfried is portrayed as having overcome the so-called Nibelung clan, having acquired and conquered the Nibelung treasure. Through what he has gained by defeating the Nibelungs, he acquires very special qualities, which are expressed in the epic by the statement that he can make himself invisible, that he is invulnerable in a certain sense, and that he also possesses powers that ordinary Gunther does not have, for the latter cannot win Brunhilde, who will not allow herself to be defeated by an ordinary mortal. Through his special powers, which he possesses as the owner of the Nibelung hoard, Siegfried defeats Brunhilde, and again, because he can conceal the powers he unleashes, he is able to bring Brunhilde to Gunther, his brother-in-law. And there we find that Kriemhilde and Brunhilde, whom we then encounter simultaneously at the Burgundian court, are two very different characters—characters in whom factors clearly come into play that cannot be explained by ordinary human spiritual powers. This leads them into conflict, and it is also why Brunhilde is able to persuade the loyal retainer Hagen to kill Siegfried. This, in turn, points to a trait that appears so strikingly in Central European legend. Siegfried possesses higher, superhuman powers. He derives these superhuman powers from his possession of the Nibelung hoard. Ultimately, they do not make him an unquestionably victorious figure, but rather a figure who stands before us as a tragic figure. At the same time, the powers that Siegfried possesses through the Nibelung hoard are a curse for humanity. Things become even stranger when we add the related Norse legend of Sigurd, the dragon-slayer, but this serves to clarify matters. Here Sigurd, who is none other than Siegfried, immediately appears to us as the slayer of the dragon, who thereby acquires the Nibelung hoard from an ancient race of dwarves. And Brunhilde appears to us as a figure of superhuman nature, as a Valkyrie figure.
[ 7 ] Wir sehen also, daß zwei Arten, in Europa diese Dinge darzustellen, existieren. Die eine Art, welche unmittelbar alles an das Göttlich-Übersinnliche anknüpft, welche uns noch zeigt, wie in Brunhilde etwas gemeint ist, was unmittelbar der übersinnlichen Welt angehört, und die andere Art, welche die Sage vermenschlicht hat. Aber wir können dennoch erkennen, wie auch in dieser Art überall das Durchklingen des Göttlichen zu finden ist.
[ 7 ] We see, then, that there are two ways of portraying these things in Europe. One way, which directly links everything to the divine and supernatural, which still shows us how Brunhilde represents something that belongs directly to the supernatural world, and the other way, which has humanized the legend. But we can nevertheless recognize how, even in this version, the resonance of the divine can be found everywhere.
[ 8 ] Und nun werfen wir von diesen Sagen, von diesen Volksepen den Blick in jenes Gebiet herüber, von dem ich wahrhaftig nur als ein solcher sprechen darf, der die Dinge von außen ansehen kann, nur so, wie man sie erkennen kann, wenn man die betreffende Sprache nicht spricht. Das bitte ich in Erwägung zu ziehen, daß ich über alles das, was dem Westeuropäer in Kalewala entgegentritt, nur so sprechen kann wie derjenige, welcher den geistigen Gehalt, die großen, gewaltigen Gestalten ins Auge faßt und dem selbstverständlich äußerlich die zweifellos vorhandenen Feinheiten des Epos entgehen müssen, die dann erst herauskommen, wenn man die Sprache wirklich beherrscht, in der dasselbe abgefaßt ist. Aber auch bei einer solchen Betrachtung, wie eigentümlich tritt uns da entgegen die Dreiheit in den drei, ja,man ist eigentlich in Verlegenheit, einen Namen zu gebrauchen, man kann nicht sagen Götter, man kann nicht sagen Heroen, sagen wir also in den drei Wesenheiten: Wäinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen. Eine merkwürdige Sprache sprechen diese Gestalten, wenn wir sie in ihren Charakteren miteinander vergleichen, eine Sprache, aus der wir deutlich erkennen, die Dinge, die uns gesagt werden sollen, gehen über das hinaus, was mit den gewöhnlichen menschlichen Seelenkräften ausgerichtet werden kann. Wachsen doch, wenn wir sie nur äußerlich betrachten, diese drei Gestalten ins Ungeheuerliche. Und doch wieder, was das Eigentümliche ist, indem sie ins Ungeheuerliche wachsen, steht uns jeder einzelne Zug plastisch vor Augen, so daß wir nirgends irgendwie das Gefühl haben, das Ungeheuerliche sei ein Groteskes, ein Paradoxes, überall haben wir das Gefühl, selbstverständlich muß das, was gesagt werden soll, in übermenschlicher Größe, in übermenschlicher Bedeutung auftreten. Und dann: welch Rätselhaftes im Inhalt. Etwas, was unsere Seele anspornt, an das Allermenschlichste zu denken, das aber doch wiederum über all das hinausgeht, was gewöhnliche Seelenkräfte fassen können. Ilmarinen, den man oftmals den Schmied, den über alles kunstvollen Schmied nennt, schmiedet für ein Gebiet, in dem sozusagen ältere Brüder der Menschheit oder wenigstens primitivere Menschen wohnen als die Finnen, für irgendein fremdes Gebiet auf Anstiften des Wäinämöinen den Sampo. Und wir sehen diese merkwürdige Sache zunächst, daß sich fern von dem Schauplatz, auf dem sich die Tatsachen abspielen, von denen die Rede ist, mancherlei zuträgt, daß da Zeit vergeht, und wir sehen, wie nach einer bestimmten Zeit Wäinämöinen und Ilmarinen wiederum veranlaßt werden, das zurückzuholen, was ihnen in der Fremde geblieben ist, den Sampo. Wer die eigentümliche Geistessprache, die aus diesem Schmieden des Sampo, aus diesem Entfernthalten und Wiedergewinnen desselben spricht, auf sich wirken läßt, hat unmittelbar den Eindruck — wie gesagt, ich bitte zu berücksichtigen, daß ich sozusagen als Fremder spreche und daher nur von dem Eindruck eines solchen sprechen kann —, daß das Wesentlichste, das Bedeutungsvollste in dieser grandiosen Dichtung doch das Schmieden, das Fernhalten und das spätere Wiedererringen des Sampo ist.
[ 8 ] And now, from these legends, from these folk epics, let us turn our gaze to that region, about which I can truly speak only as one who views things from the outside, only in the way one can perceive them when one does not speak the language in question. Please bear in mind that I can speak of everything that Western Europeans encounter in the Kalevala only in the same way as one who grasps the spiritual content, the great, mighty figures, and who, of course, must miss the undoubtedly present subtleties of the epic, which only emerge when one truly masters the language in which it is written. But even from such a perspective, how peculiar is the triad that confronts us in the three—indeed, one is actually at a loss to use a name; one cannot say “gods,” one cannot say “heroes”—so let us say in the three beings: Väinämöinen, Ilmarinen, and Lemminkäinen. These figures speak a strange language when we compare their characters with one another—a language from which we clearly recognize that the things intended to be told to us go beyond what can be accomplished with ordinary human powers of the soul. For, if we consider them merely from the outside, these three figures grow into the monstrous. And yet again, what is peculiar is that as they grow into monstrous proportions, every single feature stands vividly before our eyes, so that nowhere do we have the feeling that the monstrous is grotesque or paradoxical; everywhere we have the feeling that, of course, what is to be said must appear in superhuman grandeur, in superhuman significance. And then: what mystery in the content. Something that spurs our soul to think of the most human of things, yet which in turn transcends all that ordinary powers of the soul can grasp. Ilmarinen, often called the smith, the supremely artistic smith, forges the Sampo for a land inhabited, so to speak, by humanity’s elder brothers or at least by people more primitive than the Finns—for some foreign land, at the instigation of Wäinämöinen. And we first observe this curious thing: that far from the scene where the events in question are unfolding, various things are taking place, that time passes there, and we see how, after a certain time, Wäinämöinen and Ilmarinen are once again compelled to retrieve what has remained with them in the foreign land—the Sampo. Anyone who allows the peculiar spiritual language that speaks from this forging of the Sampo, from this parting with and regaining of it, to take effect upon them, immediately has the impression—as I said, please bear in mind that I am speaking, so to speak, as an outsider and can therefore speak only of the impression of such a thing—that the most essential, the most significant aspect of this magnificent epic is, after all, the forging, the keeping at a distance, and the subsequent regaining of the Sampo.
[ 9 ] Was mich ganz besonders merkwürdig berührt an Kalewala, ist der Schluß. Ich habe gehört, daß es Menschen gibt, welche glauben, daß dieser Schluß vielleicht eine spätere Hinzufügung sei. Für mein Gefühl gehört gerade dieser Schluß von Mariata und ihrem Sohn, dieses Hereinspielen eines ganz merkwürdigen Christentums — ich sage ausdrücklich eines ganz merkwürdigen Christentums — zu dem Ganzen. Es bekommt Kalewala dadurch, daß dieser Schluß da ist, eine ganz besondere Nuance, eine Färbung, die uns die Sache sozusagen erst recht verständlich machen kann. Ich darf sagen, daß für mein Gefühl eine so zarte, wunderbar unpersönliche Darstellung des Christentums überhaupt sich nirgends findet als am Schluß von Kalewala. Losgelöst ist das christliche Prinzip von allem Ortlichen. Das Hinkommen von Mariata zu Herodes, der uns in Kalewala als Rotus entgegentritt, ist so unpersönlich gefaßt, daß man kaum an irgendeine Ortlichkeit oder Persönlichkeit in Palästina erinnert wird. Ja, man wird, darf man sagen, nicht einmal im allergeringsten an den historischen Christus Jesus erinnert. Als eine intimste Herzenssache der Menschheit finden wir am Schlusse von Kalewala das Eindringen der edelsten Kulturperle der Menschheit in die finnische Kultur zart angedeutet. Und damit verknüpft ist der tragische Zug, der so unendlich tief wiederum auf unsere Seele wirken kann, daß Wäinämöinen in dem Augenblick, da das Christentum einzieht, wo der Sohn der Mariata getauft wird, Abschied nimmt von seinem Volk, um in eine unbestimmte Örtlichkeit zu gehen, zurücklassend seinem Volk nur den Inhalt und die Macht dessen, was er aus seiner Sangeskunst heraus zu erzählen wußte über die uralten Geschehnisse, welche das Historische dieses Volkes einschließt. Dieses Zurückziehen des Wäinämöinen gegenüber dem Sohn von Mariata erscheint mir so bedeutsam, daß man darin das lebendige Zusammenspiel von alldem sehen möchte, was auf dem Grund des finnischen Volkes, der finnischen Volksseele waltete, waltete von uralten Zeiten her in dem Moment, als das Christentum in Finnland Einlaß fand. Wie dieses uralt Waltende sich verhielt zu dem Christentum, ist so, daß man alles, was da in den Seelen spielte, mit einer wunderbaren Intimität fühlen kann. Das sage ich als etwas, von dessen Objektivität ich mir bewußt bin, das ich niemand zur Freude, niemand zur Schmeichelei sagen möchte. Wir Westeuropäer haben durch dieses Volksepos gerade eines der wunderbarsten Beispiele, wie in unmittelbarer Gegenwart die Glieder eines Volkes mit ihrer ganzen Seele leibhaftig vor uns stehen, so daß man durch Kalewala die finnische Seele in Westeuropa in einer Weise kennenlernt, daß man mit ihr völlig vertraut werden kann.
[ 9 ] What strikes me as particularly strange about the Kalevala is the ending. I have heard that there are people who believe this ending may be a later addition. To my mind, it is precisely this ending involving Mariata and her son, this introduction of a very peculiar form of Christianity—and I emphasize, a very peculiar form of Christianity—that belongs to the whole. The presence of this ending gives the Kalevala a very special nuance, a tone that, so to speak, makes the whole thing all the more understandable to us. I may say that, in my view, such a delicate, wonderfully impersonal portrayal of Christianity is found nowhere else but at the end of the Kalevala. The Christian principle is detached from all local context. Mariata’s arrival at Herod’s court—who appears to us in the Kalevala as Rotus—is rendered so impersonally that one is scarcely reminded of any locality or personality in Palestine. Indeed, one is not even in the slightest reminded of the historical Jesus Christ. As one of humanity’s most intimate matters of the heart, we find at the end of the Kalevala a delicate hint of the penetration of humanity’s noblest cultural pearl into Finnish culture. And linked to this is the tragic trait that can in turn affect our souls so infinitely deeply: that at the very moment Christianity enters, when the son of Mariata is baptized, takes his leave of his people to go to an unknown place, leaving his people only the content and power of what he knew how to recount through his art of song about the ancient events that comprise the history of this people. This withdrawal of Wäinämöinen in the presence of Mariata’s son seems to me so significant that one might wish to see in it the living interplay of all that reigned at the very core of the Finnish people, of the Finnish folk-souls—reigning there from time immemorial—at the very moment when Christianity found its way into Finland. The way this ancient force related to Christianity is such that one can feel everything that was at play in the souls with a wonderful intimacy. I say this as something of which I am conscious of its objectivity, which I do not wish to say to please anyone, nor to flatter anyone. Through this national epic, we Western Europeans have precisely one of the most wonderful examples of how, in the immediate present, the members of a people stand before us in the flesh with their whole soul, so that through the Kalevala one comes to know the Finnish soul in Western Europe in such a way that one can become completely familiar with it.
[ 10 ] Dies alles — warum habe ich es gesagt? Gesagt habe ich es, um zu charakterisieren, wie in den Volksepen etwas spricht, was durch gewöhnliche menschliche Seelenkräfte, selbst wenn man von der Phantasie als einer realen Macht spricht, nicht erklärt werden kann. Und wenn auch manchem das, was gesagt wird, nur wie eine Hypothese klingt,so darf da vielleicht das, was Geisteswissenschaft über das Wesen dieser Volksepen zu sagen hat, an diese Betrachtung über die Volksepen angeführt werden. Gewiß, ich bin mir bewußt, daß mit dem, was ich zu sagen habe, heute in unserer Gegenwart noch etwas getroffen ist, wozu die wenigsten Menschen ihre Zustimmung geben können. Von vielen wird es vielleicht wie eine Träumerei, wie eine Phantasterei angesehen werden; einige aber werden es wenigstens neben andern Hypothesen, die über das Werden der Menschheit aufgestellt werden, annehmen. Für denjenigen aber, der so in die Geisteswissenschaft eindringt, wie ich mir das im nächsten Vortrag zu schildern gestatten werde, wird nicht von einer Hypothese, sondern von einem wirklichen Forschungsergebnis, das sich neben andere wissenschaftliche Forschungsergebnisse hinstellen kann, gesprochen. Fremd klingen die Dinge, über die gesprochen werden muß, aus dem Grunde, weil gerade jene Wissenschaftlichkeit, welche heute glaubt, ganz fest auf dem Boden des Tatsächlichen, des Wahren zu stehen, des einzig Erreichbaren, sich nur auf das beschränkt, was äußere Sinne wahrnehmen, was der an die Sinne und das Gehirn gebundene Verstand von den Dingen erkunden kann. Und es gilt deshalb heute vielfach für unwissenschaftlich, wenn von einer Forschungsmethode gesprochen wird, welche zu andern Kräften der Seele greift, denen es möglich ist, in das Übersinnliche und in das Hereinspielen des Übersinnlichen in das Sinnliche zu schauen. Durch diese Forschungsmethode, durch Geisteswissenschaft, wird man nicht bloß zu der abstrakten Phantasie geführt, zu welcher Herman Grimm den Volksepen gegenüber geführt worden ist, sondern man wird zu etwas geführt, das weit über die Phantasie hinausgeht, was einen ganz andern Seelen- oder Bewußtseinszustand darstellt, als ihn der Mensch in dem gegenwärtigen Zeitpunkt seiner Entwickelung haben kann. Und so werden wir durch Geisteswissenschaft in einer ganz andern Weise zur menschlichen Vorzeit zurückgeführt als etwa durch die gewöhnliche Wissenschaft.
[ 10 ] All of this—why did I say it? I said it to describe how there is something in the folk epics that cannot be explained by ordinary human mental faculties, even if one speaks of the imagination as a real power. And even if to some what is said sounds merely like a hypothesis, perhaps what Spiritual Science has to say about the nature of these folk epics may be brought into this consideration of the folk epics. Certainly, I am aware that what I have to say still touches upon something today, in our present time, to which very few people can give their assent. Many may regard it as a daydream, as a flight of fancy; but some will at least accept it alongside other hypotheses put forward regarding the evolution of humanity. For those, however, who delve into Spiritual Science in the way I shall describe in the next lecture, we are not speaking of a hypothesis, but of a genuine research result that can stand alongside other scientific findings. The things that must be spoken of sound strange for the very reason that the scientific approach which today believes itself to stand firmly on the ground of the factual, the true—the only attainable—restricts itself solely to what the external senses perceive, to what the intellect, bound to the senses and the brain, can ascertain about things. And that is why it is often considered unscientific today to speak of a research method that draws upon other powers of the soul, which are capable of looking into the supersensible and into the interplay of the supersensible with the sensible. Through this research method, through Spiritual Science, one is not merely led to the abstract imagination to which Herman Grimm was led in regard to folk epics, but one is led to something that goes far beyond imagination, representing a state of soul or consciousness entirely different from that which human beings can possess at the present stage of their development. And so, through Spiritual Science, we are led back to human prehistory in a completely different way than, for example, through ordinary science.
[ 11 ] Die gewöhnliche Wissenschaft ist es heute gewöhnt, rückblickend das Werden der Menschheit so zu betrachten, daß das, was wir heute Menschen nennen, sich nach und nach aus niedrigeren, tierähnlichen Geschöpfen heraus entwickelt hat. Geisteswissenschaft stellt sich nicht etwa dieser modernen Forschung kampfgerüstet gegenüber, sondern erkennt völlig das Große und Gewaltige der Errungenschaften dieser Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts an, das Bedeutungsvolle des Gedankens einer Umwandlung der tierischen Formen von dem Unvollkommensten zum Vollkommenen und einen Anschluß der äußeren Menschenform an die vollkommenste tierische Form. Aber sie kann bei einer solchen Betrachtung des Menschenwerdens, des Werdens der Organismen überhaupt, nicht stehenbleiben, die sich etwa darstellen würde, wenn man mit einem äußeren sinnlichen Blick dasjenige überschauen könnte, was sich im Laufe des Erdengeschehens in der organischen Welt bis zum Menschen herauf vollzogen hat. Für die Geisteswissenschaft steht heute der Mensch neben der tierischen Welt da. Wir erblicken in der Welt, die uns umgibt, die verschieden geformten tierischen Gestalten. Wir erblicken über die Erde hin ausgebreitet das in einer gewissen Weise einheitliche Menschengeschlecht. Wir haben auch in der Geisteswissenschaft einen unbefangenen Blick dafür, wie in der äußeren Form alles für die Verwandtschaft des Menschen mit den übrigen Organismen spricht, aber wir können in der Geisteswissenschaft, wenn wir das Werden der Menschheit rückwärts verfolgen, nicht so zurückgehen, daß wir in einer grauen Vorzeit etwa unmittelbar hineinlaufen lassen den Strom der Menschheit in die tierische Entwickelungsreihe. Wir finden nämlich, wenn wir von der Gegenwart in die Vergangenheit zurückgehen, daß wir nirgends unmittelbar die gegenwärtige Menschengestalt, den gegenwärtigen Menschen aus irgendeiner Tierform, die wir wiederum aus der Gegenwart kennen, anreihen dürfen.
[ 11 ] Conventional science today is accustomed to viewing the evolution of humanity retrospectively, in such a way that what we now call human beings is seen as having gradually developed from lower, animal-like creatures. Spiritual Science does not oppose this modern research with hostility, but fully acknowledges the greatness and power of the achievements of 19th-century natural science, the significance of the idea of a transformation of animal forms from the most imperfect to the most perfect, and a connection between the outer human form and the most perfect animal form. But it cannot remain at such a view of human evolution—or of the evolution of organisms in general—as might present itself if one could survey with an external, sensory gaze what has unfolded in the course of Earth’s history within the organic world up to the point of human emergence. For Spiritual Science today, humanity stands alongside the animal world. We see in the world around us the variously shaped animal forms. We see the human race, in a certain sense unified, spread out across the earth. In Spiritual Science, too, we have an unbiased view of how everything in the outer form speaks to the kinship of human beings with the rest of the organisms; but in Spiritual Science, when we trace the development of humanity backward, we cannot go so far back as to have the stream of humanity flow directly into the animal line of development in some distant prehistory. For we find, when we go back from the present into the past, that nowhere can we directly link the present human form, the present human being, to any animal form that we in turn know from the present.
[ 12 ] Wenn wir in der Menschheitsentwickelung zurückgehen, dann finden wir zunächst, man möchte sagen, bis zu immer primitiveren Formen beim Menschen die Seelenkräfte ausgebildet, die Verstandes- und Gemüts- und Willenskräfte, die wir auch in der Gegenwart haben. Dann kommen wir zurück bis in graue Vorzeiten, von denen uns alte Dokumente nur spärlich erzählen. Selbst da, wo wir so weit zurückgehen können wie bei den Ägyptern oder den vorderasiatischen Völkern, werden wir überall in ein uraltes Menschentum zurückgeführt, welches zwar in einer gewissen Beziehung primitiver, aber auch großartiger dieselben Kräfte, Gemüts-, Verstandes- und Willenskräfte hat, die allerdings erst gegen die Gegenwart herein ihre jetzige Ausbildung gefunden haben, die wir aber als wichtigste Menschheitsimpulse, als wichtigste geschichtliche Impulse erblicken, soweit wir eben die Menschheit zunächst, indem wir diese ihre gegenwärtige Seele in Betracht ziehen, zurückverfolgen können. Da finden wir nirgends die Möglichkeit, auch den am weitesten zurückliegenden Menschenschlag etwa in eine besondere Verwandtschaft mit den heutigen tierischen Formen zu stellen. Dies, was so Geisteswissenschaft für sich behaupten muß, erkennen heute selbst schon denkende Naturforscher an. Aber indem wir weiter zurückgehen und betrachten, wie doch die menschliche Seele sich ändert, wenn wir vergleichen, wie gegenwärtig ein Mensch, sagen wir, wissenschaftlich oder sonst denkt, wie er seinen Verstand anwendet und seine Gemütskräfte wirken, wenn wir das zurückverfolgen — oh, wir können es ziemlich genau verfolgen —: in einer bestimmten Zeit leuchtete es zuerst in der Menschheit auf. Wir möchten sagen: In dem 6., 7. vorchristlichen Jahrhundert leuchtete es auf. Die gesamte Konfiguration des gegenwärtigen Fühlens und Denkens reicht eigentlich nicht weiter zurück als in jene Zeiten, von denen uns als den Zeiten der ersten griechischen Naturphilosophie erzählt wird.
[ 12 ] If we look back at human evolution, we find that—one might say—even in the most primitive forms of humanity, the soul forces—the powers of intellect, feeling, and will—that we possess today were already present. Then we go back to ancient times, about which old documents tell us very little. Even where we can go back as far as to the Egyptians or the peoples of the Near East, we are led everywhere back to an ancient humanity which, while in a certain sense more primitive, also possessed the same powers— emotional, intellectual, and volitional powers, which, however, have only found their present form in the modern era, yet which we regard as the most important human impulses, as the most important historical impulses, insofar as we can trace humanity back—by considering its present soul—as far as we can. Nowhere do we find any possibility of placing even the most ancient human race in any special kinship with today’s animal forms. This, which Spiritual Science must assert for itself, is already recognized today even by thinking natural scientists. But as we go further back and observe how the human soul changes—when we compare how a person today, let us say, thinks scientifically or in other ways, how they apply their intellect and how their emotional faculties function—when we trace this back—oh, we can trace it quite precisely—: at a certain time, it first dawned upon humanity. We might say: It dawned in the 6th and 7th centuries B.C. The entire configuration of present-day feeling and thinking actually does not extend further back than those times of which we are told as the times of early Greek natural philosophy.
[ 13 ] Wenn wir weiter zurückkommen und unbefangenen Blick genug haben, finden wir, ohne noch die Geisteswissenschaft zu berühren, daß nicht nur alles gegenwärtige wissenschaftliche Denken aufhört nach rückwärts hin, sondern daß die menschliche Seele überhaupt in einer ganz andern Verfassung ist, in einer viel unpersönlicheren Verfassung, aber auch in einer solchen Verfassung, daß wir ihre Kräfte viel mehr als instinktiv ansprechen müssen. Nicht etwa so, wie wenn wir sagen wollten, daß von dieser Zeit die Menschen aus solchen Instinkten heraus gehandelt hätten wie die heutigen Tiere, aber jene Leitung durch Vernunft und Verstand, wie sie heute vorhanden ist, war nicht da. Dafür aber war eine gewisse instinktive, unmittelbare Sicherheit bei den Menschen da. Sie handelten aus unmittelbaren, elementaren Impulsen heraus, sie kontrollierten nicht durch den an das Gehirn gebundenen Verstand. Da finden wir allerdings, daß in der menschlichen Seele diejenigen Kräfte ungemischt noch walten, die wir heute abgesondert als Verstandeskräfte haben, und jene Kräfte, die wir heute sorgfältig von den Verstandes- und zur Wissenschaft führenden Kräften absondern, die Phantasiekräfte. Phantasie, Verstand und Vernunft, sie wirken in jenen alten Zeiten durcheinander. Je weiter wir zurückgehen, desto mehr finden wir, daß wir gar nicht mehr das, was da in der Seele der Menschen waltete, was da ungetrennt als Phantasie und Verstand wirkte, so ansprechen dürfen, wie wir heute eine Seelenkraft bezeichnen, wenn wir sie Phantasie nennen. Wir wissen heute ganz genau, wenn wir von der Phantasie sprechen, so sprechen wir von einer Seelenkraft, deren Ausdrücke wir nicht wiederum wirklich anwenden dürfen, denen wir nicht Realität zuschreiben dürfen. Der moderne Mensch ist sorgsam in dieser Sache, er hütet sich wohl, dasjenige, was ihm die Phantasie gibt, zusammenzumischen mit dem, was die Logik der Vernunft ihm sagt. Sehen wir auf das, was der Geist der Menschen in jenen vorhistorischen Zeiten äußert, bevor Phantasie und Verstand abgesondert auftreten, dann fühlen wir in den Seelen eine ursprüngliche, elementare, instinktive Kraft walten. Wir können in ihr Merkmale der heutigen Phantasie finden, aber das, was — wenn wir den Ausdruck gebrauchen — Phantasie damals der menschlichen Seele gab, hatte etwas mit einer Wirklichkeit, mit einer Realität zu tun. Die Phantasie war noch nicht Phantasie, sie war noch — ich darf mich nicht scheuen, den Ausdruck unmittelbar zu gebrauchen — hellsichtige Kraft, war noch ein besonderes Seelenvermögen, war die Gabe der Seele, durch die der Mensch Dinge sah, Tatsachen sah, die ihm heute in seiner Entwickelungsepoche, wo Verstand und Vernunft sich besonders ausbilden sollen, verborgen sind. Tiefer hinunter drangen jene Kräfte, die nicht Phantasie, sondern hellsichtige Kraft waren, in verborgene Kräfte und verborgene Daseinsformen, die hinter der sinnlichen Welt liegen. Das ist das, wozu uns eine unbefangene Betrachtung führen muß, daß, wenn wir rückläufig die Menschheitsentwickelung betrachten, wir uns sagen müssen: Wahrhaftig, wir müssen das Wort Evolution, Entwickelung, ernst nehmen.
[ 13 ] If we go further back and have a sufficiently unbiased perspective, we find—without even touching on the Spiritual Science—that not only does all present-day scientific thinking cease as we go backward, but that the human soul is in a completely different state altogether, in a much more impersonal state, but also in such a state that we must appeal to its powers much more instinctively. Not in the sense that we would say that people in those times acted out of such instincts as today’s animals do, but rather that the guidance through reason and intellect, as it exists today, was not present. Instead, however, there was a certain instinctive, immediate certainty among people. They acted out of immediate, elementary impulses; they did not exercise control through the intellect bound to the brain. There, however, we find that the forces we now have as separate intellectual faculties still reign unadulterated in the human soul, alongside those forces we now carefully distinguish from the intellectual faculties and those leading to science—the powers of imagination. Imagination, intellect, and reason all intermingle in those ancient times. The further back we go, the more we find that we can no longer speak of what reigned in the human soul—what acted there undivided as imagination and intellect—in the same way we designate a soul force today when we call it imagination. We know quite clearly today that when we speak of imagination, we are speaking of a soul force whose expressions we must not, in turn, apply in a literal sense, to which we must not ascribe reality. Modern people are careful in this matter; they are well on guard against mixing what imagination gives them with what the logic of reason tells them. If we look at what the human spirit expressed in those prehistoric times, before imagination and intellect appeared as separate entities, we sense a primal, elemental, instinctive force at work in the souls. We can find in it features of today’s imagination, but what—if we may use the term—imagination gave to the human soul back then had something to do with a reality, with a reality. Imagination was not yet imagination; it was still—I must not shy away from using the term directly—clairvoyant power, a special faculty of the soul, the soul’s gift through which human beings saw things, saw facts that are hidden from them today in this epoch of development, where intellect and reason are to be particularly cultivated. Those powers, which were not imagination but clairvoyant power, penetrated deeper into hidden forces and hidden forms of existence that lie beyond the sensory world. This is what an unbiased observation must lead us to: that when we look back at human development, we must say to ourselves: Truly, we must take the word ‘evolution’ seriously.
[ 14 ] Daß die Menschheit in der Gegenwart, in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden sozusagen zu ihren sie heute so hochbringenden Vernunft- und Verstandeskräften gekommen ist, das ist ein Entwickelungsergebnis. Diese Seelenkräfte haben sich aus andern heraus entwickelt. Und während diese unsere gegenwärtigen Seelenkräfte auf das beschränkt sind, was sich in der äußeren Sinneswelt darbietet, sah eine ursprüngliche Menschheit, die allerdings auf Wissenschaft im heutigen Sinn, auf Verstandesgebrauch im heutigen Sinn verzichten mußte, sah eine ursprüngliche menschliche Seelenkraft auf dem Grund aller einzelnen Völker in Untergründe des Daseins hinein, in ein Gebiet, das als ein übersinnliches hinter dem Sinnlichen liegt. Hellseherische Kräfte waren bei allen Völkern einstmals den menschlichen Seelen eigen, und aus diesen hellseherischen Kräften heraus haben sich erst die gegenwärtigen menschlichen Verstandes- und Vernunftkräfte, hat sich die gegenwärtige Art zu denken und zu fühlen gebildet. Jene Seelenkräfte, die wir in einer gewissen Weise als hellseherische Kräfte ansprechen dürfen, waren nun so, daß der Mensch zugleich fühlte: Ich bin es nicht selbst, der da in mir denkt, in mir fühlt. — Der Mensch fühlte sich wie hingegeben mit seiner ganzen Körperlichkeit und auch mit seinem Seelenwesen an höhere, übersinnliche Kräfte, die in ihm wirkten und lebten. So fühlte sich der Mensch wie ein Gefäß, durch das übersinnliche Kräfte selbst sprachen. Wenn man das bedenkt, dann begreift man auch den Sinn der Fortentwickelung der Menschheit. Die Menschen wären unselbständige Wesen geblieben, die sich nur als Gefäße, als Hüllen von Mächten und Wesenheiten hätten fühlen können, wenn sie nicht zum eigentlichen Verstandes- und Vernunftgebrauch vorgeschritten wären. Selbständiger ist der Mensch geworden durch Verstandes- und Vernunftgebrauch, zugleich aber auch für eine Weile der Entwickelung von der geistigen Welt in gewisser Beziehung abgeschnitten, abgeschnitten von den übersinnlichen Untergründen des Daseins. In der Zukunft wird das wieder anders werden. Je weiter wir zurückgehen, desto tiefer sieht durch die hellseherischen Kräfte die menschliche Seele in die Untergründe des Daseins hinein, sieht hinein, wie aus diesen Untergründen des Daseins auch diejenigen Kräfte hervorgegangen sind, die am Menschen selber in vorhistorischer Zeit gearbeitet haben, bis in einen Zeitpunkt hinein, in dem alle Verhältnisse der Erde noch ganz anders waren als heute, wo sie so waren, daß die Formen der Lebewesen viel beweglicher, viel mehr einer Art von Metamorphose unterworfen waren als heute. So müssen wir weit von dem, was man gegenwärtige menschliche Kulturzeit nennt, zurückgehen, müssen nebeneinander Menschenwerden und tierisches Werden verfolgen. Und viel weiter zurückliegend, als man heute gewöhnlich glaubt, ist die Abtrennung der tierischen Form von der menschlichen. Die tierischen Formen sind dann erstarrt, sind unbeweglicher geworden in einer Zeit, in der die menschliche Form noch durchaus weich und biegsam war und geformt und geprägt werden konnte von dem, was innerlich seelisch erlebt wurde. Da kommen wir allerdings im Menschenwerden in eine Zeit zurück, bis zu der das heutige Bewußtsein nicht reicht, aber für die noch ein anderes Bewußtsein in der Seele vorhanden war, das im Zusammenhang mit den hellseherischen Kräften steht, die eben charakterisiert worden sind. Ein solches Bewußtsein, das auf die Vergangenheit hinblicken konnte und die Menschheitsentwickelung im Herkommen aus der Vergangenheit schon in völliger Abtrennung von allem tierischen Leben sah, sah auch, wie die menschlichen Kräfte walteten, aber noch in lebendigem Zusammenhang mit den übersinnlichen Kräften, die da hereinspielten. Es sah dasjenige, was in den Zeiten, in denen zum Beispiel die Homerischen Epen entstanden sind, nur noch als ein alter Nachklang vorhanden war, und was in noch früheren Zeiten in einem viel erhöhteren Maße vorhanden war. Wenn wir hinter Homer zurückgingen, so fänden wir, daß die Menschen hellseherisches Bewußtsein hatten, das sich an menschliche vorgeschichtliche Ereignisse gleichsam erinnerte und in der Erinnerung den Hergang bei der Menschwerdung zu erzählen vermochte. Zu Homers Zeiten war dann die Sache schon so, daß man fühlte, das alte hellseherische Bewußtsein war im Schwinden, aber man fühlte noch, daß es da war. Das war eine Zeit, in der nicht der Mensch als selbständiges egoistisches Wesen von sich aus sprach, sondern in der aus ihm heraussprachen Götter, übersinnlich geistige Kräfte. So müssen wir es ernst nehmen, wenn Homer nicht von sich spricht, sondern wenn er sagt: Singe mir, o Muse, von dem Zorn des Achill! Singe in mir, höheres Wesen, Wesen, das durch mich spricht, das von mir Besitz ergreift, indem ich singe und sage. — Eine Realität ist diese erste Zeile bei Homer. Hingewiesen werden wir also nicht auf alte Herrscherdynastien, die im gewöhnlichen Sinne unserer jetzigen Menschheit ähnlich sind, sondern hingewiesen werden wir durch Homer selber darauf, daß es in der Urzeit andere Menschen gegeben hat, Menschen, in denen das Übersinnliche lebte. Und Achill ist durchaus noch eine Persönlichkeit aus der Übergangszeit vom alten Hellsehen zu der modernen Anschauungsweise, die wir schon bei Agamemnon, die wir bei Nestor und Odysseus finden, die aber dann weitergeführt wird zu einer höheren Anschauung. Nur dadurch begreifen wir Achill, wenn wir wissen, daß Homer in ihm einen Angehörigen der alten Menschheit hinstellen will, der in einer Zeit lebte, die zwischen jener Zeit liegt, wo die Menschen noch unmittelbar zu den alten Göttern hinaufreichten und der gegenwärtigen Menschheitszeit, die etwa mit Agamemnon beginnt.
[ 14 ] The fact that humanity has, in the present day, over the last few centuries and millennia, so to speak, developed the powers of reason and intellect that have elevated it to its current level is the result of evolution. These soul powers have evolved from others. And while our present soul powers are limited to what presents itself in the outer sensory world, a primal humanity—which, admittedly, had to do without science in the modern sense and the use of intellect in the modern sense—saw, at the root of all individual peoples, into the depths of existence, into a realm that lies beyond the sensory as a supersensory realm. Clairvoyant powers were once inherent in the human souls of all peoples, and it was out of these clairvoyant powers that the present-day human powers of intellect and reason, and the present-day way of thinking and feeling, first took shape. Those soul powers, which we may in a certain sense refer to as clairvoyant powers, were such that the human being simultaneously felt: It is not I myself who thinks and feels within me. — The human being felt as if surrendered, with his entire physicality and also with his soul being, to higher, supersensible powers that worked and lived within him. Thus, human beings felt like vessels through which supersensible forces spoke. When one considers this, one also understands the meaning of humanity’s further development. Human beings would have remained dependent beings who could have felt themselves only as vessels, as shells of powers and beings, had they not progressed to the actual use of intellect and reason. Human beings have become more independent through the use of intellect and reason, but at the same time have been cut off for a time from the spiritual world in a certain sense, cut off from the supersensible foundations of existence. In the future, this will change again. The further back we go, the deeper the human soul sees into the foundations of existence through clairvoyant powers, seeing how from these foundations of existence also emerged those forces that worked within human beings themselves in prehistoric times, right up to a point in time when all conditions on Earth were still quite different from today, when they were such that the forms of living beings were much more mobile, much more subject to a kind of metamorphosis than they are today. Thus we must go far back from what is called the present age of human culture, and must trace the development of humanity alongside that of the animal. And the separation of the animal form from the human form lies much further back than is commonly believed today. The animal forms then became rigid, became less mobile at a time when the human form was still quite soft and pliable and could be shaped and molded by what was experienced inwardly in the soul. Here, however, we return in the process of human becoming to a time beyond the reach of present-day consciousness, but for which another consciousness still existed in the soul—one connected to the clairvoyant powers just described. Such a consciousness, which could look back to the past and already saw human development emerging from the past in complete separation from all animal life, also saw how human powers were at work, yet still in a living connection with the supersensible forces that were at play there. It saw that which, in the times when, for example, the Homeric epics arose, was present only as an old echo, and which had been present to a much greater degree in even earlier times. If we were to go back beyond Homer, we would find that people possessed a clairvoyant consciousness that, as it were, remembered prehistoric human events and was able to recount the course of human evolution from memory. By Homer’s time, the situation was such that people sensed the old clairvoyant consciousness was fading, yet they still felt its presence. This was an era in which it was not the human being who spoke as an independent, egoistic entity of his own accord, but rather gods and supersensory spiritual forces spoke through him. So we must take it seriously when Homer does not speak of himself, but when he says: Sing to me, O Muse, of the wrath of Achilles! Sing within me, higher being, being that speaks through me, that takes possession of me as I sing and speak. — This first line in Homer is a reality. We are thus not being referred to ancient ruling dynasties that resemble our present-day humanity in the ordinary sense, but rather, through Homer himself, we are being pointed to the fact that in primeval times there were other human beings, human beings in whom the supersensible lived. And Achilles is certainly still a figure from the transitional period between ancient clairvoyance and the modern way of seeing, which we already find in Agamemnon, which we find in Nestor and Odysseus, but which is then carried forward to a higher way of seeing. Only in this way can we understand Achilles, when we know that Homer intends to portray him as a member of the ancient humanity who lived in a time lying between the era when humans still reached directly up to the ancient gods and the present age of humanity, which begins roughly with Agamemnon.
[ 15 ] Ebenso werden wir auf eine menschliche Vorzeit in der mitteleuropäischen Nibelungensage hingewiesen. Das zeigt uns die ganze Darstellung dieses Epos. Wir haben es da zwar schon zu tun mit Menschen unserer Gegenwart in gewisser Beziehung, aber mit solchen Menschen unserer Gegenwart, die sich noch etwas herüberbewahrt haben aus der Zeit des alten Hellsehens. All die Eigenschaften, die von Siegfried angeführt werden, daß er sich unsichtbar machen kann, daß er Kräfte hat, durch die er Brunhilde überwindet, welche ein gewöhnlicher Sterblicher nicht überwinden kann, all das zeigt uns neben dem andern, was uns von ihm mitgeteilt wird, daß wir in ihm einen Menschen haben, der wie in einer inneren menschlichen Erinnerung die Errungenschaften der alten Seelenkräfte, die mit Hellsichtigkeit und dem Verbundensein mit der Natur verknüpft waren, in das gegenwärtige Menschentum herübergetragen hat. An welchem Übergang steht Siegfried? Das zeigt uns Brunhildes Verhältnis zu Kriemhilde, der Frau des Siegfried. Es kann hier nicht näher ausgeführt werden, was die beiden Gestalten bedeuten. Aber wir kommen zurecht mit all diesen Sagen, wenn wir mit den Gestalten, die uns vorgeführt werden, bildliche Darstellungen für innere hellseherische oder erinnerte hellseherische Verhältnisse sehen. So dürfen wir in Siegfrieds Verhältnis zu Kriemhilde sein Verhältnis zu seinen eigenen Seelenkräften sehen, die in ihm walten. Seine Seele ist gewissermaßen eine Übergangsseele, und zwar dadurch, daß Siegfried sich mit dem Nibelungenschatz, das heißt, mit den hellseherischen Geheimnissen der alten Zeit noch etwas in die neue Zeit herüberbringt, was ihn aber zugleich für seine Gegenwart ungeeignet macht. So konnten leben mit diesem Nibelungenhort, das heißt mit den alten hellseherischen Kräften, die Menschen der alten Zeit. Die Erde hat ihre Bedingungen geändert. Dadurch ist Siegfried, der in seiner Seele noch einen Nachklang der alten Zeit trägt, nicht mehr hineinpassend in die Gegenwart, dadurch wird er zu einer tragischen Gestalt. Wie kann sich die Gegenwart zu dem verhalten, was für Siegfried noch lebendig ist? Für ihn ist noch etwas von den alten hellseherischen Kräften lebendig, denn als er überwunden wird, bleibt Kriemhilde zurück. Ihr wird der Nibelungenhort gebracht, sie kann ihn anwenden. Wir erfahren, daß ihr später durch Hagen der Nibelungenhort genommen wird. Wir können sehen, daß auch Brunbhilde in gewisser Weise in der Lage ist, mit den alten hellseherischen Kräften zu arbeiten. Dadurch steht sie denjenigen Menschen entgegen, die in die damalige Gegenwart hineingepaßt sind: Gunther und seinen Brüdern, Gunther vor allem, für den Brunhilde nichts übrig hat. Warum das? Nun, wir wissen aus der Sage, daß Brunhilde eine Art Walkürengestalt ist: also wiederum etwas in der menschlichen Seele, und zwar dasjenige, mit dem sich in alten Zeiten durch die hellseherischen Kräfte der Mensch noch vereinigen konnte, das sich aber zurückgezogen hat vom Menschen, unbewußt geworden ist und mit dem sich der Mensch so, wie er gegenwärtig im Verstandeszeitalter lebt, erst nach dem Tod vereinigen kann. Daher die Vereinigung mit der Walküre im Moment des Todes. Die Walküre ist die Personifikation der lebendigen Seelenkräfte, die im gegenwärtigen Menschen sind, jener Seelenkräfte, bis zu denen das alte hellseherische Bewußtsein hinkam, die aber der gegenwärtige Mensch erst erlebt, wenn er durch die Pforte des Todes tritt. Da wird er erst mit dieser Seele, die in Brunhilde dargestellt wird, vereint. Weil Kriemhilde noch etwas weiß von der alten Hellseherzeit und den Kräften, welche die Seele durch das alte Hellsehen empfängt, wird sie zu einer Gestalt, deren Zorn geschildert wird, wie in der Ilias der Zorn des Achilles. Das wird uns hinlänglich angedeutet, daß die Menschen, die in alten Zeiten noch mit hellseherischen Kräften begabt waren, nicht kontrollierten mit dem Verstand, nicht den Verstand walten ließen, sondern unmittelbar aus ihren elementarsten, intensivsten Impulsen heraus wirkten. Daher das Persönliche, das unmittelbar Egoistische, sowohl bei Kriemhilde wie bei Achill.
[ 15 ] Similarly, the Central European Nibelungen saga points to a prehistoric human era. This is evident throughout the entire narrative of this epic. We are, of course, dealing here with people of our own time in a certain sense, but with people of our time who have preserved something from the era of ancient clairvoyance. All the qualities attributed to Siegfried—that he can make himself invisible, that he possesses powers through which he overcomes Brunhilde, which an ordinary mortal cannot overcome— all of this, along with the other things told to us about him, shows us that in him we have a human being who, as if from an inner human memory, has carried over into present-day humanity the achievements of the ancient soul powers that were linked to clairvoyance and a connection with nature. At what transition point does Siegfried stand? This is shown to us by Brunhilde’s relationship to Kriemhilde, Siegfried’s wife. It cannot be elaborated upon here in detail what the two figures signify. But we can make sense of all these legends if we see in the figures presented to us pictorial representations of inner clairvoyant or remembered clairvoyant conditions. Thus we may see in Siegfried’s relationship to Kriemhilde his relationship to his own soul forces, which are at work within him. His soul is, so to speak, a transitional soul, in that Siegfried, through the Nibelung treasure—that is, through the clairvoyant mysteries of ancient times—brings something over into the new age, which at the same time renders him unsuited to his present time. Thus were the people of ancient times able to live with this Nibelung hoard, that is, with the ancient clairvoyant powers. The earth has changed its conditions. Consequently, Siegfried, who still carries an echo of the ancient times in his soul, no longer fits into the present; this makes him a tragic figure. How can the present relate to what is still alive for Siegfried? For him, something of the old clairvoyant powers is still alive, for when he is overcome, Kriemhilde remains. The Nibelung treasure is brought to her; she can make use of it. We learn that later, Hagen takes the Nibelung treasure from her. We can see that Brunhilde, too, is in a certain sense capable of working with the old clairvoyant powers. In this way, she stands in opposition to those people who fit into the present of that time: Gunther and his brothers, Gunther above all, for whom Brunhilde has no regard. Why is that? Well, we know from the saga that Brunhilde is a kind of Valkyrie figure: that is, something within the human soul—specifically, that aspect with which, in ancient times, human beings could still unite through clairvoyant powers, but which has since withdrawn from humanity, become unconscious, and with which human beings, as they currently live in the age of the intellect, can only unite after death. Hence the union with the Valkyrie at the moment of death. The Valkyrie is the personification of the living soul forces that are within modern human beings—those soul forces that the ancient clairvoyant consciousness was able to reach, but which modern human beings experience only when they pass through the gate of death. Only then is he united with this soul, which is represented in Brunhilde. Because Kriemhilde still knows something of the old clairvoyant age and the powers that the soul receives through ancient clairvoyance, she becomes a figure whose wrath is depicted, as in the Iliad the wrath of Achilles. This sufficiently indicates to us that the people who in ancient times were still endowed with clairvoyant powers did not control themselves with the intellect, did not let the intellect prevail, but acted directly out of their most elemental, most intense impulses. Hence the personal, the immediately egoistic, in both Kriemhilde and Achilles.
[ 16 ] Insbesondere interessant wird die ganze Sache in der Betrachtung der Volksepen, wenn wir zu den angeführten Volksepen Kalewala hinzunehmen. Wir werden zeigen können, heute kann das wegen der Kürze der Zeit bloß angedeutet werden, daß Geisteswissenschaft in unserer Gegenwart nur deshalb auf die alten hellseherischen Zustände der Menschheit hinweisen kann, weil es möglich wird, heute wiederum — allerdings in einer erhöhteren Weise, vom Verstand durchdrungen, nicht traumhaft — die hellseherischen Zustände durch geistige Schulung hervorzurufen. Der Mensch der Gegenwart wächst allmählich wieder in ein Zeitalter hinein, in dem aus den Tiefen der menschlichen Seele verborgene Kräfte, die wiederum ins Übersinnliche hineinweisen — allerdings nunmehr geführt von Vernunft, nicht unkontrolliert von dieser —, herauswachsen werden, wo diese Menschen ins übersinnliche Gebiet hinaufweisen werden, so daß wir die Gebiete wieder kennenlernen werden, von denen uns die alten Volksepen aus dem dumpfen Bewußtsein der alten Zeiten heraus sprechen. Daher können wir sagen: Man lernt erkennen, daß es möglich ist, eine Offenbarung der Welt zu gewinnen, nicht bloß durch die äußeren Sinne, sondern durch etwas Übersinnliches, das dem äußeren physischen Menschenleib zugrunde liegt.
[ 16 ] The whole matter becomes particularly interesting when considering folk epics, especially if we add the Kalevala to the list of folk epics mentioned. We will be able to show—though today, due to time constraints, we can only hint at this—that Spiritual Science in our present age can point to humanity’s ancient clairvoyant states only because it is now possible once again—albeit in a higher form, permeated by the intellect, not dreamlike—to evoke these clairvoyant states through spiritual training. Modern humanity is gradually growing back into an age in which hidden powers from the depths of the human soul—which in turn point toward the supersensible, though now guided by reason rather than unchecked by it— where these people will point upward into the supersensible realm, so that we will come to know once more the realms of which the ancient folk epics speak to us from the dim consciousness of bygone times. Therefore, we can say: One comes to recognize that it is possible to gain a revelation of the world, not merely through the external senses, but through something supersensory that underlies the external physical human body.
[ 17 ] Es gibt Methoden — von denen soll dann im nächsten Vortrag gesprochen werden —, durch die der Mensch das geistige übersinnliche Innere, was heute so oftmals abgeleugnet wird, von dem sinnlichen äußeren Leib unabhängig machen kann, so daß der Mensch nicht in einem bewußtlosen Zustand lebt wie etwa im Schlaf, wenn er von seinem Leibe unabhängig wird, sondern daß er Geistiges um sich herum wahrnimmt. Dadurch zeigt das moderne Hellsehen dem Menschen die Möglichkeit, erkennend in einem höheren, übersinnlichen Leib zu leben, der wie ein Gefäß den gewöhnlichen Sinnenleib ausfüllt. Man nennt ihn in der Geisteswissenschaft den ätherischen oder Ätherleib. Dieser Atherleib ruht in unserem Sinnenleib drinnen. Durch ihn kommen wir, wenn wir ihn innerlich von dem physisch-sinnlichen Leib loslösen, auch heute in jenen Zustand des Wahrnehmens, durch den wir übersinnliche Tatsachen gewahr werden. Zweierlei übersinnlicher Tatsachen werden wir gewahr. Erstens werden wir dessen gewahr im Beginn dieses hellseherischen Zustandes, wenn wir anfangen zu wissen, wir sehen nicht mehr durch unseren physischen Leib, wir hören nicht mehr durch unseren physischen Leib, denken auch nicht mehr durch das an den physischen Leib gebundene Gehirn. Da wissen wir zunächst von aller äußeren Welt noch nichts. — Ich erzähle Ihnen Tatsachen, deren genauere Begründung erst im nächsten Vortrage möglich ist. — Dafür führt uns aber die erste Stufe des Hellsehens um so mehr zu einer Anschauung unseres eigenen Atherleibes. Wir sehen ein übersinnliches Leibliches der menschlichen Natur, das dieser zugrunde liegt und das wir nicht anders ansprechen können als etwas, das wirkt und schafft wie eine Art von innerem Baumeister, innerem Werkmeister, das unseren physischen Leib lebendig durchdringt. Und dann werden wir des Folgenden gewahr.
[ 17 ] There are methods—which will be discussed in the next lecture—by which a person can make the spiritual, supersensory inner being, which is so often denied today, independent of the physical, outer body, so that the person does not live in an unconscious state, as in sleep, when they become independent of their body, but rather perceives the spiritual around them. In this way, modern clairvoyance shows human beings the possibility of living consciously in a higher, supersensible body that fills the ordinary physical body like a vessel. In Spiritual Science, this is called the etheric body. This etheric body rests within our physical body. Through it, when we detach it inwardly from the physical body, we enter even today into that state of perception through which we become aware of supersensible realities. We become aware of two kinds of supersensible facts. First, we become aware of this at the beginning of this clairvoyant state, when we begin to realize that we no longer see through our physical body, we no longer hear through our physical body, nor do we think through the brain bound to the physical body. At that point, we know nothing yet of the external world. — I am telling you facts whose more precise explanation will only be possible in the next lecture. — But the first stage of clairvoyance leads us all the more to a perception of our own etheric body. We see a supersensible physical aspect of human nature that underlies it and that we can only describe as something that acts and creates like a kind of inner architect, an inner master builder, that permeates our physical body with life. And then we become aware of the following.
[ 18 ] Wir werden gewahr, daß das, was wir da an uns selber wahrnehmen, was wir als das eigentliche Lebendige unseres Ätherleibes an uns selber wahrnehmen, auf der einen Seite beschränkt, modifiziert wird durch unseren physischen Leib, daß es gleichsam nach der physischen Seite hin eingekleidet wird. Indem der Ätherleib auskleidet Augen und Ohren, auskleidet das physische Gehirn, gehören wir gewissermaßen dem irdischen Element an. Dadurch nehmen wir wahr, wie unser ätherischer Leib zum speziellen einzelnen, egoistischen Menschen wird, der in die Hülle seines physischen Leibes eingegliedert ist. Auf der andern Seite aber nehmen wir wahr, wie unser ätherischer Leib uns gerade wiederum in jene Regionen hineinführt, wo wir unpersönlich einem Höheren, Übersinnlichen gegenüberstehen, etwas, was nicht wir sind, was aber in uns mit voller Gegenwart vorhanden ist, was als geistige übersinnliche Macht und Kraft durch uns hindurch wirkt. Dadurch zerfällt für uns dann in der geisteswissenschaftlichen Betrachtung das innere Seelenleben in drei Glieder, die in drei äußere Leibeshüllen wie eingeschlossen sind, diese ausfüllend. Wir leben zunächst mit unserer Seele so, daß wir in ihr dasjenige erleben, was unsere Augen sehen, unsere Ohren hören, unsere Sinne überhaupt ergreifen können, was unser Verstand begreifen kann. Wir leben mit unserer Seele in unserem physischen Leibe. Insofern unsere Seele im physischen Leibe lebt, nennen wir sie in der Geisteswissenschaft die Bewußtseinsseele, weil erst durch das vollständige Einleben in den physischen Leib im Laufe des Menschenwerdens es möglich geworden ist, daß der Mensch zum IchBewußtsein aufgerückt ist. Dann lernt insbesondere der moderne Hellseher auch kennen das Leben der Seele in demjenigen, was wir Ätherleib genannt haben. Da lebt die Seele so im Ätherleib, daß sie zwar ihre Kräfte hat, daß da aber die Seelenkräfte so wirken, daß wir nicht sagen können, unsere persönlichen Kräfte sind es. Es sind allgemeine Menschheitskräfte, Kräfte, durch die wir den gesamten verborgenen Tatsachen der Natur viel näherstehen. Insofern die Seele diese Kräfte in einer äußeren Hülle, eben in dem Atherleib wahrnimmt, sprechen wir von der Verstandes- oder Gemütsseele als einem zweiten Seelenglied. So daß, ebenso wie wir die Bewußtseinsseele in der Hülle des physischen Leibes eingeschlossen finden, wir die Verstandes- oder Gemütsseele in dem ätherischen Leib eingeschlossen haben. Und dann haben wir einen noch feineren Leib, durch den wir hinaufragen in die übersinnliche Welt. Alles das, was wir innerlich erleben als unsere ureigensten Geheimnisse, zugleich als das, was heute dem Bewußtsein verborgen ist und was in der Zeit des alten Hellsehens als die Werdekräfte empfunden wurde im menschlichen Entwickelungsprozeß, was so empfunden wurde, als ob man zurückschauen könnte in die Ereignisse grauer Vorzeiten, alles das schreiben wir der Empfindungsseele zu, schreiben es dieser so zu, daß sie in dem feinsten menschlichen Leib eingeschlossen ist, in dem, was wir — bitte, stoßen Sie sich nicht an dem Ausdruck, nehmen Sie ihn als Terminus technicus — den astralischen Leib nennen. Es ist der Wesensteil des Menschen, der gleichsam dem Menschen dasjenige an das äußere Irdische anknüpft, was inspirierend hereinwirkt in sein Inneres, was er nicht durch die äußeren Sinne wahrnehmen kann, auch nicht wahrnehmen kann, wenn er durch sein eigenes Inneres in den Ätherleib hineinsieht, sondern was er wahrnimmt, wenn er von sich selber, von dem Ätherleib unabhängig wird und verbunden ist mit den Kräften seines Ursprungs.
[ 18 ] We become aware that what we perceive in ourselves—what we perceive as the actual living essence of our etheric body—is, on the one hand, limited and modified by our physical body; that it is, as it were, clothed in the physical aspect. In that the etheric body lines the eyes and ears, lines the physical brain, we belong, so to speak, to the earthly element. Through this we perceive how our etheric body becomes the specific, individual, egoistic human being who is incorporated into the shell of his physical body. On the other hand, however, we perceive how our etheric body leads us precisely back into those regions where we stand, impersonally, before a Higher, supersensible reality—something that is not us, yet is fully present within us, working through us as a spiritual, supersensible power and force. Thus, in the perspective of Spiritual Science, our inner soul life breaks down into three parts, which are as it were enclosed within three outer bodily shells, filling them out. We live with our soul in such a way that we experience within it what our eyes see, our ears hear, what our senses can grasp in general, and what our intellect can comprehend. We live with our soul in our physical body. Insofar as our soul lives in the physical body, we call it the consciousness soul in Spiritual Science, because it is only through the complete settling into the physical body in the course of human development that it has become possible for the human being to ascend to ego-consciousness. Then, in particular, the modern clairvoyant also comes to know the life of the soul in what we have called the etheric body. There the soul lives in the etheric body in such a way that, while it possesses its own powers, these soul forces operate in a manner such that we cannot say they are our personal powers. They are general human powers, forces through which we are much closer to the entire hidden reality of nature. Insofar as the soul perceives these forces within an outer shell—namely, the etheric body—we speak of the intellectual or emotional soul as a second soul member. So that, just as we find the conscious soul enclosed within the shell of the physical body, we have the intellectual or emotional soul enclosed within the etheric body. And then we have an even finer body through which we reach up into the supersensible world. All that which we experience inwardly as our most intimate secrets, at the same time as that which is hidden from consciousness today and which, in the era of ancient clairvoyance, was perceived as the forces of becoming in the human process of development—what was perceived as if one could look back into the events of ancient times— all of this we attribute to the feeling soul, attributing it to it in such a way that it is enclosed within the finest human body, within what we—please do not take offense at the expression, but take it as a technical term—call the astral body. It is the part of the human being that, as it were, connects the human being to the outer earthly realm—that which works inspiringly into his inner being, which he cannot perceive through the outer senses, nor can perceive even when looking into the etheric body through his own inner being, but which he perceives when he becomes independent of himself, of the etheric body, and is connected with the forces of his origin.
[ 19 ] So haben wir die Empfindungsseele im astralischen Leib, die Verstandes- oder Gemütsseele im ätherischen Leib und die Bewußtseinsseele im physischen Leib. In den Zeiten des alten Hellsehens waren diese Dinge mehr oder weniger instinktiv bewußt den Menschen, denn sie sahen in sich hinein, sie sahen dieses dreigliedrige Seelenwesen. Nicht daß sie sich verstandesmäßig die Seele zergliedert hätten, aber indem sie ein hellseherisches Bewußtsein hatten, stand vor ihnen die dreigliedrige Menschenseele: die Empfindungsseele im astralischen, die Verstandes- oder Gemütsseele im ätherischen und die Bewußtseinsseele im physischen Leibe. Indem sie zurückblickten, sahen sie, wie das Äußere des Menschen, die äußere Gestalt, als das Tierische längst verhärter war, sich aus dem herausentwickelte, was uns heute in seinem Ergebnis als dreifache Seelenkräfte entgegentritt. Da empfanden sie, daß diese dreifache Gliederung aus übersinnlichen schöpferischen Mächten herausgeboren ist. Sie empfanden, daß die Empfindungsseele aus übersinnlichen schöpferischen Mächten herausgeboren ist, die dem Menschen den astralischen Leib gaben, jenen Leib, den er nicht nur hat wie seinen ätherischen und physischen Leib zwischen Geburt und Tod, sondern den er mitnimmt, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, und den er schon hatte, bevor er durch die Geburt ins Dasein trat. So sahen die alten Hellseher die Empfindungsseele verbunden mit dem astraliischen Leibe und das, was sozusagen aus den geistigen Welten inspirierend auf den Menschen wirkt und seinen astralischen Leib schafft, als die eine schöpferische Kraft, die den Menschen aus dem Weltganzen heraus bildet. Und als eine zweite schöpferische Kraft sahen sie das, was wir heute im Ergebnis der Verstandes- oder Gemütsseele haben und was den ätherischen Leib schafft so, daß dieser ätherische Leib alle äußeren Substanzen, alle äußeren Materien umwandelt, so daß sie die physische Menschengestalt im menschlichen, nicht im tierischen Sinn durchdringen können. Den schöpferischen Geist für den ätherischen Leib, der in seinen Ergebnissen in unserer Verstandesseele auftritt, sahen die alten Hellseher als eine übermenschliche kosmische Macht hereinwirken, etwa wie im Magnetismus in die physische Materie herein, so in den Menschen herein. Sie sahen hinauf in die geistigen Welten, sahen eine göttlich-geistige Macht, welche den ätherischen Leib des Menschen zimmert, schmiedet, so daß dieser ätherische Leib der Werkmeister, der Baumeister wird, der die äußere Materie umgestaltet, sie gleichsam durcheinanderbringt, sie pulverisiert, mahlt, so daß das, was sonst als Materie vorhanden ist, im Menschen sich gliedert und der Mensch die menschlichen Fähigkeiten bekommt. Die alten Hellseher sahen, wie diese schöpferische Kraft alle Materie in kunstvoller Weise umschafft, so daß sie menschliche Materie werden konnte. Dann wiederum sahen sie auf das Dritte, auf die Bewußtseinsseele, die den egoistischen Menschen eigentlich macht, welche die Umwandlung von dem physischen Leib ist, und sie schrieben diejenigen Kräfte, welche in diesem physischen Leibe walten, einzig und allein der Vererbungslinie zu, dem, was von Vater und Mutter, von Großvater und Urgroßvater abstammt, kurz, was Ergebnis der menschlichen Liebeskräfte, der menschlichen Fortpflanzungskräfte ist. Darin sahen sie die dritte schöpferische Macht. Die Macht der Liebe wirkt von Generation zu Generation.
[ 19 ] Thus, we have the sensory soul in the astral body, the intellectual or emotional soul in the etheric body, and the conscious soul in the physical body. In the days of ancient clairvoyance, people were more or less instinctively aware of these things, for they looked within themselves and saw this threefold soul being. Not that they had intellectually dissected the soul, but because they possessed a clairvoyant consciousness, the threefold human soul stood before them: the soul of feeling in the astral body, the soul of intellect or emotion in the etheric body, and the soul of consciousness in the physical body. As they looked back, they saw how the outer aspect of the human being, the outer form—which had long since hardened into the animal nature—developed out of what today confronts us in its result as the threefold soul forces. Thereupon they sensed that this threefold structure is born out of supersensible creative powers. They sensed that the feeling soul is born out of supersensible creative powers that gave human beings the astral body—that body which they not only possess, like their etheric and physical bodies, between birth and death, but which they take with them when they pass through the gate of death, and which they already possessed before they entered existence through birth. Thus the ancient clairvoyants saw the feeling soul as connected to the astral body, and that which, so to speak, works inspiringly upon the human being from the spiritual worlds and creates his astral body, as the one creative force that forms the human being out of the whole of the world. And as a second creative force, they saw that which we have today as the result of the intellectual or emotional soul, and which creates the etheric body in such a way that this etheric body transforms all external substances, all external matter, so that they can permeate the physical human form in the human, not the animal, sense. The ancient clairvoyants saw the creative spirit for the etheric body—which manifests in its results within our intellectual soul—as a superhuman cosmic power working its way in, much as magnetism works its way into physical matter, so too into the human being. They looked up into the spiritual worlds and saw a divine-spiritual power that shapes and forges the human etheric body, so that this etheric body becomes the master craftsman, the architect, who transforms external matter, shuffles it about, pulverizes it, and grinds it, so that what otherwise exists as matter is organized within the human being, and the human being acquires human faculties. The ancient clairvoyants saw how this creative power artfully transforms all matter so that it could become human matter. Then again they looked to the third, to the soul of consciousness, which actually makes the egoic human being, which is the transformation of the physical body, and they attributed those forces that reign in this physical body solely to the hereditary line, to what descends from father and mother, from grandfather and great-grandfather, in short, what is the result of human powers of love, of human powers of procreation. In this they saw the third creative power. The power of love works from generation to generation.
[ 20 ] Zu drei Mächten sahen die alten Hellseher hinauf, zu einem schöpferischen Wesen, das unsere Empfindungsseele zuletzt hervorruft, in dem es im Menschen den astralischen Leib gestaltet, der von den übersinnlichen Mächten inspiriert werden kann, weil er der Leib ist, den der Mensch hatte, bevor er ein physisches Wesen durch die Empfängnis wurde, der Leib, welchen der Mensch haben wird, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Dieses Kräftegebilde, können wir besser sagen, dieses gleichsam himmlische Gebilde im Menschen, das dauert, während Ätherleib und physischer Leib vorübergehen, das ist zugleich für die alten Hellseher dasjenige gewesen — das ergab ihnen ihre unmittelbare Erfahrung —, was ins menschliche Leben alle Kultur hereinbringen konnte. Deshalb sahen sie im Bringer des astralischen Leibes jene Macht, die das Göttliche hereinträgt, die selber nur aus dem Dauernden besteht, durch welches das Ewige der Welt hereinsingt und hereintönt. Und die alten Hellseher, denen — ich sage es ungescheut — die Gestalten von Kalewala entsprungen sind, haben die lebendige plastische Ausgestaltung derjenigen Schöpfungsmacht, die uns im Resultat der Empfindungsseele entgegendringt, die das Göttliche in das Menschliche hereininspiriert, hingestellt in Wäinämöinen. Wäinämöinen ist der Schöpfer jenes menschlichen Leibesgliedes, das über Geburt und Tod hinausdauert und das das Himmlische ins Irdische hereinbringt. Und wir sehen die zweite Gestalt in Kalewala: Ilmarinen. Wenn wir zurückgehen auf das alte hellseherische Bewußtsein, dann finden wir, daß Ilmarinen alles das herausschafft, was Abbild ist in seiner lebendigen Gestaltung vom ätherischen Leib aus den Kräften der Erde und aus dem, was nicht der sinnlichen Erde, sondern was den tieferen Kräften der Erde angehört. Wir sehen in Ilmarinen den Bringer desjenigen, was alle Materie umgestaltet, ummahlt. Wir sehen in ihm den Schmied der menschlichen Gestalt. Und wir sehen in dem Sampo den menschlichen Ätherleib, geschmiedet von Ilmarinen aus der übersinnlichen Welt heraus, damit die sinnliche Materie pulverisiert und dann fortgeleitet werden kann von Generation zu Generation, so daß in den Kräften, welche die dritte göttliche übersinnliche Wesenheit gibt, von Generation zu Generation durch die Liebeskräfte die menschliche Bewußtseinsseele im physischen Menschenleib fortwirkt. Diese dritte göttlich-übersinnliche Macht sehen wir in Lemminkäinen. So sehen wir tiefe Geheimnisse der Menschheitsentstehung in dem Schmieden des Sampo, sehen tiefe Geheimnisse aus dem alten hellseherischen Bewußtsein heraus auf dem Grund von Kalewala und blicken so in menschliche Vorzeiten zurück, von denen wir uns sagen dürfen: Nicht war damals das Zeitalter, wo man hätte mit Verstand die Naturerscheinungen zergliedern können. Primitiv war alles, aber im Primitiven lebte die Anschauung dessen, was hinter dem Sinnlichen steht. Nun war es so, daß, wenn diese Leiber des Menschen geschmiedet waren, wenn namentlich der ätherische Leib des Menschen, der Sampo, geschmiedet war, daß das erst eine Weile verarbeitet werden mußte, daß der Mensch nicht sogleich die Kräfte hatte, die ihm dadurch von den übersinnlichen Mächten bereitet waren. Indem der Ätherleib geschmiedet war, muß er erst innerlich sich einleben, wie wenn wir eine Maschine zubereiten, die erst fertig sein muß, gleichsam dann erst völlig ausreifen muß, um in Gebrauch zu treten. In dem Menschenwerden mußten immer — das zeigt sich bei aller Evolution — Zwischenzeiten zwischen dem Schaffen der entsprechenden Glieder und dem Gebrauch derselben sein. So hatte der Mensch seinen ätherischen Leib in ferner Urzeit geschmiedet. Dann kam eine Episode, wo dieser Ätherleib hinunter in die menschliche Natur gesandt ward. Erst später leuchtete er auf als Verstandesseele. Der Mensch lernte seine Kräfte gebrauchen als äußere Naturkräfte, er holte aus seiner eigenen Natur den verborgen gebliebenen Sampo hervor. Wir sehen in einer wunderbaren Weise bildlich dieses Geheimnis des Menschenwerdens in dem Schmieden des Sampo, in dem Verborgensein, in dem Unwirksamsein des Sampo, in der Episode, die zwischen dem Schmieden und Wiederauffinden desselben liegt. Wir sehen den Sampo erst in die menschliche Natur versenkt, dann herausgeholt zu den äußeren Kulturkräften, die erst als primitive Kräfte auftreten, wie sie im zweiten Teil von Kalewala geschildert werden.
[ 20 ] The ancient clairvoyants looked up to three powers, to a creative being that our sentient soul ultimately evokes by forming within the human being the astral body, which can be inspired by the supersensible powers because it is the body that the human being had before becoming a physical being through conception, the body that the human being will have once they have passed through the gate of death. This structure of forces—or rather, this quasi-celestial structure within the human being—endures while the etheric body and the physical body pass away; for the ancient clairvoyants, this was precisely what—as their direct experience revealed—could bring all culture into human life. That is why they saw in the bearer of the astral body that power which brings in the divine, which itself consists only of the enduring, through which the eternal sings and resounds into the world. And the ancient clairvoyants, from whom—I say this without hesitation—the figures of the Kalevala sprang, have set forth in Väinämöinen the living, plastic embodiment of that creative power which, as the result of the feeling soul, reaches out to us, inspiring the divine into the human. Wäinämöinen is the creator of that human limb that endures beyond birth and death and brings the heavenly into the earthly. And we see the second figure in the Kalevala: Ilmarinen. If we go back to the ancient clairvoyant consciousness, we find that Ilmarinen brings forth everything that is an image in its living form from the etheric body, from the forces of the earth, and from that which belongs not to the sensory earth but to the deeper forces of the earth. In Ilmarinen we see the bringer of that which transforms and reshapes all matter. In him we see the smith of the human form. And we see in the Sampo the human etheric body, forged by Ilmarinen from the supersensible world, so that the physical matter may be pulverized and then passed on from generation to generation, so that through the forces bestowed by the third divine supersensible being, the human consciousness-soul continues to work in the physical human body from generation to generation through the forces of love. We see this third divine-supernatural power in Lemminkäinen. Thus we see deep mysteries of the origin of humanity in the forging of the Sampo, we see deep mysteries from the ancient clairvoyant consciousness at the heart of the Kalevala, and we thus look back into human prehistory, of which we may say: That was not an age when one could have analyzed natural phenomena with the intellect. Everything was primitive, but within that primitiveness lived the perception of what lies beyond the sensory. Now it was the case that when these human bodies were forged—specifically when the human etheric body, the Sampo, was forged—this first had to be processed for a while, for the human being did not immediately possess the powers that had been prepared for him by the supersensible forces. Once the etheric body had been forged, it first had to settle in internally, just as when we prepare a machine that must first be completed, and must then, as it were, fully mature before it can be put into use. In the process of becoming human, there always had to be—as is evident throughout all evolution—intervals between the creation of the corresponding members and their use. Thus, in distant primeval times, the human being had forged his etheric body. Then came an episode in which this etheric body was sent down into human nature. Only later did it shine forth as the intellectual soul. Humanity learned to use its powers as external natural forces; it brought forth from its own nature the Sampo that had remained hidden. We see this mystery of becoming human depicted in a wondrous way in the forging of the Sampo, in its hiddenness, in its ineffectiveness, and in the episode that lies between its forging and its rediscovery. We see the Sampo first immersed in human nature, then brought forth into the external forces of culture, which first appear as primitive forces, as described in the second part of the Kalevala.
[ 21 ] So gewinnt alles dann eine tiefe Bedeutung in diesem großen Volksepos, wenn wir in ihm Schilderungen hellseherisch erworbener alter Vorgänge des Menschenwerdens sehen, des Zustandekommens der Menschennatur aus ihren verschiedenen Gliedern. Es war mir, der ich wahrhaftig — ich kann es Ihnen versichern — Kalewala erst lange, lange nachher kennenlernte, nachdem diese Tatsachen vom Werden der menschlichen Natur mir klar vor der Seele standen, eine wunderbare, überraschende Tatsache, gerade in diesem Epos das wiederzufinden, was ich mehr oder weniger theoretisch in meiner «Theosophie» darstellen konnte, die in einer Zeit geschrieben ist, als ich noch keine Zeile von Kalewala kannte. So sehen wir, wie der Menschheit Geheimnisse gerade in dem aufgehen, was Wäinämöinen gibt, er, der Schöpfer der übersinnlichen Inspirationen: die Geschichte von dem Schmieden des Ätherleibes. Aber da ist noch ein anderes Geheimnis verborgen. Ich verstehe, wohlgemerkt, nichts vom Finnischen, ich kann nur aus der Geisteswissenschaft heraus sprechen. Ich würde das Wort Sampo einzig und allein nur dadurch ausdrücken können, daß ich versuchte, ein Wort zu bilden, das auf folgende Weise entstehen könnte: In den Tieren sehen wir den ätherischen Leib so wirksam, daß er der Baumeister für die verschiedensten Gestalten wird, von den unvollkommensten zu den vollkommensten. Im menschlichen Atherleib wurde etwas geschmiedet, was alle diese tierischen Gestalten wie in einer Einheit zusammenfaßt, nur mit der einzigen Ausnahme, daß über die Erde hin der Ätherleib, das heißt der Sampo, geschmiedet wird je nach den klimatischen und andern Verhältnissen, so daß dieser Ätherleib die besonderen Volkscharaktere, die besonderen Volkseigentümlichkeiten in seinen Kräften hat, daß er das eine Volk so und das andere anders gestaltet. Der Sampo ist dasjenige für jedes Volk, was die besondere Gestalt des Atherleibes ausmacht, der gerade diese besondere Volksheit ins Leben setzt, so daß die Glieder dieser Volksheit von demselben Aussehen sind in bezug auf das, was hindurchleuchtet durch ihr Lebendiges und durch ihr Physisches. Insofern das gleiche Aussehen in der menschlichen Gestalt aus dem Ätherischen gezimmert ist, insofern liegen die Kräfte des Atherleibes in dem Sampo. In dem Sampo haben wir also das Symbolum des Zusammenhaltens des finnischen Volkes, dasjenige, was in den Tiefen der Menschlichkeit macht, daß das finnische Volkstum sich gerade in einer bestimmten Gestalt ausgelebt hat.
[ 21 ] Everything in this great national epic thus takes on a profound meaning when we see in it descriptions—gained through clairvoyance—of ancient processes of human becoming, of the emergence of human nature from its various components. It was I, who truly—I can assure you — only became acquainted with the Kalevala long, long after these facts regarding the becoming of human nature had become clear to my soul, a wonderful, surprising fact to find in this very epic what I had been able to present more or less theoretically in my Theosophy, which was written at a time when I did not yet know a single line of the Kalevala. Thus we see how the mysteries of humanity unfold precisely in what Wäinämöinen offers, he, the creator of the supersensible inspirations: the story of the forging of the etheric body. But there is another mystery hidden there. I understand, mind you, nothing of Finnish; I can speak only from the perspective of Spiritual Science. I could express the word Sampo solely by attempting to form a word that might arise in the following way: In animals, we see the etheric body at work to such an extent that it becomes the architect of the most diverse forms, from the most imperfect to the most perfect. In the human etheric body, something was forged that unites all these animal forms as if in a single entity, with the sole exception that above the earth, the etheric body, that is, the Sampo, is forged according to climatic and other conditions, so that this etheric body possesses within its powers the particular national characters and national peculiarities, shaping one people in one way and another in another. The Sampo is, for every people, that which constitutes the particular form of the etheric body, which brings precisely this particular national character to life, so that the members of this national character have the same appearance in regard to what shines through their living being and their physical form. To the extent that the same appearance in the human form is fashioned from the etheric, to that extent the forces of the etheric body lie in the Sampo. In the Sampo, then, we have the symbol of the cohesion of the Finnish people, that which, in the depths of humanity, causes Finnish national character to have expressed itself precisely in a certain form.
[ 22 ] So ist es aber bei jedem Volksepos. Volksepen können nur da entstehen, wo die Kultur noch in die Kräfte des Sampo eingeschlossen ist, in die Kräfte des ätherischen Leibes. Solange die Kultur von den Kräften des Sampo abhängt, so lange trägt das Volk den Stempel dieses Sampo. Dieser Ätherleib trägt daher in der ganzen Kultur den Charakter des Volkstümlichen, des Volksheitlichen. Wann konnte im Laufe des Kulturprozesses ein Bruch in dieses Volkstümliche, in dieses Volksheitliche hineinkommen? Dann konnte er hineinkommen, als etwas in dem menschlichen Kulturprozeß eintrat, das nicht für einen Menschen, für einen Stamm, für ein Volk, sondern für die ganze Menschheit ist, was aus solchen Tiefen der Menschennatur, aus solchen Feinheiten und Intimitäten herausgenommen und dem Kulturprozeß einverleibt ist, daß es für alle Menschen gilt ohne Unterschied der Nationalität, der Rasse und so weiter. Das aber war gegeben, als jene Mächte zu den Menschen sprachen, die nicht zu einem Volk sprachen, sondern zur ganzen Menschheit, jene Mächte, die nur so unpersönlich auch im Sinn der Volksheit, so fein und zart am Ende von Kalewala angedeutet werden, indem der Christus aus Mariata geboren ist. Als Er getauft wird, da verläßt Wäinämöinen das Land, da ist etwas eingetreten, was die besondere Volksheit mit dem Allgemein-Menschlichen zusammenbringt. Und hier an diesem Punkte, wo eines der bedeutendsten, prägnantesten, grandiosesten Volksepen in die Schilderung, in die ganz unpersönliche — erlauben Sie den paradoxen Ausdruck — unpalästinische Schilderung des ChristusImpulses einmündet, wird Kalewala ganz besonders bedeutsam. Da führt sie uns ganz besonders in das hinein, was empfunden werden kann da, wo die Wohltaten, das Glück des Sampo lebendig empfunden werden als fortwirkend durch alles Menschenwerden und im Zusammenwirken zugleich mit der christlichen Idee, mit dem christlichen Impuls. Das ist das unendlich Zarte am Ende von Kalewala. Das ist es auch, was uns so klar erläutert, daß dasjenige, was vor diesem Schluß in Kalewala liegt, der vorchristlichen Zeit angehört. Aber so wahr alles Allgemein-Menschliche nur immerfort bestehen wird, indem es das Individuelle bewahren wird,so wahr werden die einzelnen Volkskulturen, die ihr Wesen aus alten hellseherischen Zuständen der Völker herleiten, fortleben in dem Allgemein-Menschlichen. So wahr wird alles, was Kalewala am Schluß als Christliches andeutet, immerdar sich verbinden, seine besondere Folge behalten durch das ohne Ende Fortwirkende, das angedeutet ist in den Inspirationen von Wäinämöinen. Denn mit Wäinämöinen ist etwas gemeint, das jenem menschlichen Wesensteil angehört, der über Geburt und Tod erhaben ist, der mit dem Menschen durch alles Menschenwerden hindurchschreitet. So stellen uns solche Epen wie Kalewala etwas dar, was unvergänglich ist, was durchdrungen werden kann von dem, was christliche Idee ist, das sich aber geltend machen wird als Individuelles, das immer den Beweis liefern wird, daß das Allgemein-Menschliche, so wie das weiße Sonnenlicht in vielen Farben sich zerteilt, in den vielen Volkskulturen fortleben wird. Und weil dieses Allgemein-Menschliche in dem Wesen der Volksepen das Individuelle durchdringt, das aber in jeden Menschen hineinleuchtet, zu jedem Menschen spricht, deshalb leben die Individualitäten der Völker so sehr in dem Wesen ihrer Volksepen. Deshalb stehen so lebendig vor unseren Augen die Menschen alter Zeiten, die in ihrem Hellsehen das Wesen ihres eigenen Volkstums geschaut haben, wie es uns in allen Volksepen geschildert wird, wie wir es aber doch ganz wunderbar kennenlernen können da, wo die Menschheit in ihren Intimitäten umfaßt wird durch Umstände, wie sie im finnischen Volkstum leben, wo dieses, auf den Tiefen der Seele liegend, so dargestellt wird, daß es gleichsam unmittelbar zusammengestellt werden kann mit dem, was uns wiederum die modernste Geisteswissenschaft über die menschlichen Geheimnisse enthüllen kann.
[ 22 ] But this is true of every national epic. National epics can only arise where culture is still imbued with the forces of the Sampo, the forces of the etheric body. As long as culture depends on the forces of the Sampo, the people bear the stamp of this Sampo. This etheric body therefore imparts a folk-like, national character to the entire culture. When, in the course of the cultural process, could a rupture have occurred in this folk-like, national character? It could have occurred when something entered the human cultural process that is not intended for a single person, a tribe, or a people, but for all of humanity—something drawn from such depths of human nature, from such subtleties and intimacies, and incorporated into the cultural process, that it applies to all people without distinction of nationality, race, and so on. But this was given when those powers spoke to humanity—not to a single people, but to all of humanity—those powers that, however impersonally they may be suggested in the sense of folk tradition, are hinted at so subtly and delicately at the end of the Kalevala, in that Christ was born of Mariata. When He is baptized, Wäinämöinen leaves the land; something has occurred that brings together the particular national character with the universal human condition. And here at this point, where one of the most significant, concise, and magnificent national epics flows into the depiction—into the entirely impersonal, if you will pardon the paradoxical expression, “un-Palestinian” depiction—of the Christ impulse, the Kalevala becomes particularly significant. There it leads us quite specifically into what can be felt where the blessings, the happiness of the Sampo are vividly experienced as continuing to work through all human becoming and, at the same time, in interaction with the Christian idea, with the Christian impulse. That is the infinitely tender quality at the end of the Kalevala. That is also what so clearly explains to us that what lies before this conclusion in the Kalevala belongs to the pre-Christian era. But just as everything universally human will endure only by preserving the individual, so too will the individual folk cultures, which derive their essence from the peoples’ ancient clairvoyant states, live on within the universally human. Just as surely, everything that the Kalevala suggests as Christian at the end will forever remain connected, retaining its special significance through the endlessly continuing influence implied in the inspirations of Väinämöinen. For Wäinämöinen represents something that belongs to that part of the human being which is transcendent of birth and death, which walks with humanity through the entire process of human becoming. Thus, epics such as the Kalevala present to us something that is imperishable, something that can be permeated by the Christian idea, yet which will assert itself as the individual, always providing proof that the universal human, just as white sunlight is split into many colors, will live on in the many folk cultures. And because this universal human element permeates the individual in the essence of folk epics—which, however, shines into every human being and speaks to every human being—the individualities of the peoples live so vividly in the essence of their folk epics. That is why the people of ancient times stand so vividly before our eyes—those who, in their clairvoyance, beheld the essence of their own folk culture, as it is depicted to us in all folk epics, yet which we can come to know in a most wondrous way where humanity is embraced in its innermost depths by circumstances such as those found in Finnish folk culture, where this essence, lying in the depths of the soul, is portrayed in such a way that it can, as it were, be directly brought into connection with what the most modern Spiritual Science can in turn reveal to us about the mysteries of the human soul.
[ 23 ] So aber sind, meine sehr verehrten Anwesenden, zugleich solche Volksepen in ihrem Wesen der lebendige Protest gegen allen Materialismus, gegen alles Herleiten des Menschen aus bloß äußeren materiellen Kräften, materiellen Zuständen, materiellen Wesenheiten. Es berichten uns solche Volksepen, wie insbesondere Kalewala, davon, daß der Mensch seinen Ursprung und Urstand im Geistig-Seelischen hat. Deshalb kann auch eine Erneuerung, eine Wiederbefruchtung alter Volksepen im lebendigsten Sinn der spirituellen, der geistigen Kultur unermeßlich große Dienste leisten. Denn wie Geisteswissenschaft heute überhaupt eine Erneuerung des menschlichen Bewußtseins sein will in der Richtung, daß das Menschentum nicht in der Materie, sondern im Geiste wurzelt, so zeigt uns eine genaue Betrachtung eines solchen Epos wie Kalewala, daß das Beste, was der Mensch hat, auch das Beste, was der Mensch ist, aus dem Geistig-Seelischen stammt. In diesem Sinne war es mir interessant, daß eine der Runen, der Kantelen unmittelbar, ich möchte sagen, Protest erhebt gegen eine Ausdeutung dessen, was in Kalewala vorkommt, in einem materialistischen Sinn. Jenes Instrument, jenes harfenartige, mit dem die alten Sänger von den alten Zeiten sangen, im Bild wird es angedeutet so, wie wenn es aus Materialien der physischen Welt gebildet wäre. Die alten Runen aber protestierten dagegen, protestierten im geisteswissenschaftlichen Sinne, möchte man sagen, dagegen, daß aus Naturprodukten, welche die Sinne schauen können, das Saiteninstrument für Wäinämöinen zusammengefügt war. In Wahrheit, so sagt die alte Rune, stammt aus Geistig-Seelischem das Instrument, worauf der Mensch die Weisen spielt, die ihm unmittelbar aus der geistigen Welt hereinkommen. In diesem Sinn ist die alte Rune ganz im geisteswissenschaftlichen Sinn zu deuten, ein lebendiger Protest gegen die Ausdeutung dessen, wozu der Mensch imstande ist im materialistischen Sinn, eine Hindeutung darauf, daß das, was der Mensch besitzt, was sein Wesen ist und was nur symbolisch ausgedrückt wird in einem solchen Instrument, wie jenes, welches dem Wäinämöinen zugeschrieben wird, daß ein solches Instrument aus dem Geist heraus und damit überhaupt das ganze Wesen des Menschen aus dem Geist heraus stammt. Wie ein Motto für die Gesinnung der Geisteswissenschaft kann sie gelten, die alte finnische Volksrune, die uns in die deutsche Sprache in folgender Weise übersetzt ist, und in welcher ich den Grundton, die Grundnuance dessen, was der Vortrag erläutern wollte an dem Wesen der Volksepen, zusammenfassen kann:
[ 23 ] Yet, my esteemed audience, such national epics are, in their very essence, a living protest against all materialism, against any attempt to derive human existence solely from external material forces, material conditions, and material entities. Such folk epics, particularly the Kalevala, tell us that human beings have their origin and true nature in the spiritual-soul realm. That is why a renewal, a revitalization of old folk epics in the most living sense of spiritual culture, can render immeasurably great service. For just as Spiritual Science today aims to be a renewal of human consciousness in the sense that humanity is rooted not in matter but in the spirit, so a close examination of an epic such as the Kalevala shows us that the best that humanity possesses, and indeed the best that humanity is, originates from the spiritual-soul realm. In this sense, I found it interesting that one of the runes, the kantele itself, I might say, raises a protest against a materialistic interpretation of what appears in the Kalevala. That instrument, that harp-like one with which the ancient singers of olden times sang, is depicted in the illustration as if it were formed from materials of the physical world. The ancient runes, however, protested against this—one might say, in a sense of Spiritual Science—protesting that the stringed instrument for Väinämöinen was assembled from natural products that the senses can perceive. In truth, says the ancient rune, the instrument on which man plays the melodies that come to him directly from the spiritual world originates from the spiritual-soul realm. In this sense, the ancient rune is to be interpreted entirely in the sense of Spiritual Science, a living protest against the interpretation of what human beings are capable of in a materialistic sense, an indication that what human beings possess, what their essence is, and what is expressed only symbolically in an instrument such as that attributed to Wäinämöinen—that such an instrument originates from the spirit, and thus the entire being of the human being originates from the spirit. The old Finnish folk rune, which has been translated into German as follows, can serve as a motto for the spirit of Spiritual Science, and in which I can summarize the fundamental tone, the fundamental nuance of what this lecture sought to elucidate regarding the nature of folk epics:
Falsches sagen die gewißlich
Und befinden sich im Irrtum,
Die da glauben, Wäinämöinen
Hab gezimmert die Kantele,
Unsere schönen Saitenspiele,
Aus den Kinnbacken des Hechtes,
Und daß Saiten er gesponnen
Aus dem Schweif des Hiisi-Rosses.
Sie ist aus der Not gezimmert,
Kummer band dann ihre Teile,
Bittere Sehnsuchtstränen spannen
Und die Leiden ihre Saiten.
They are certainly mistaken
And are in error,
Those who believe that Wäinämöinen
Built the kantele,
Our beautiful stringed instrument,
From the pike’s jaws,
And that he spun the strings
From the tail of Hiisi’s horse.
It was crafted out of necessity,
Grief then bound its parts,
Bitter tears of longing stretched
And suffering its strings.
[ 24 ] So ist alles Wesen nicht aus Materiellem, sondern aus Geistig-Seelischem herausgeboren, so diese alte Volksrune, so wiederum die Geisteswissenschaft, welche sich hineinstellen will in den lebendigen Kulturprozeß unserer Zeit.
[ 24 ] Thus, all being is born not of the material, but of the spiritual and soul-life—so says this ancient folk rune, and so too says Spiritual Science, which seeks to engage with the living cultural process of our time.
