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The Spiritual Unification of Humanity
through the Christ Impulse
GA 165

26 December 1915, Dornach

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The Spiritual Unification of Humanity through the Christ Impulse, tr. SOL
  1. Die geistige Vereinigung der Menschheit durch den Christus-Impuls

Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Wir haben zwei Weihnachtsspiele an unserer Seele vorüberziehen lassen. Wir dürfen vielleicht den Gedanken aufwerfen: Ist das eine Weihnachtsspiel und das andere Weihnachtsspiel in demselben Sinne der großen Menschheitsangelegenheit gewidmet, die uns in diesen Tagen so lebendig vor der Seele steht? Grundverschieden, ganz verschieden sind die beiden Spiele voneinander. Man kann sich kaum etwas Verschiedeneres denken, das dem gleichen Gegenstande gewidmet ist, als die beiden Spiele. Wenn wir das erste Spiel betrachten: es atmet in allen seinen Teilen wunderbarste Einfachheit, kindliche Einfachheit. Seelentiefe ist darinnen, aber überall durchatmet, durchlebt von kindlichster Einfachheit. Das zweite Spiel bewegt sich auf den Höhen des äußeren physischen Daseins. Gleich wird daran gedacht, daß der Christus Jesus als ein König in die Welt eintritt. Gegenübergestellt wird er dem andern König, dem Herodes. Dann wird gezeigt, daß zwei Welten sich vor uns auftun: diejenige, die im guten Sinne die Menschheit weiterentwickelt, die Welt, der der Christus Jesus dient, und die andere Welt, der Ahriman und Luzifer dienen, und die repräsentiert ist durch das teuflische Element. Ein kosmisches, ein kosmisch-geistiges Bild im höchsten Sinne des Wortes! Der Zusammenhang der Menschheitsentwickelung mit der Sternenschrift tritt uns gleich vor die Augen. Nicht das einfache, primitive Hirten-Hellsehen, das einen «Himmelsschein» findet, das man in den einfachsten Verhältnissen finden kann, sondern jene Entzifferung der Sternenschrift, zu der alle Weisheit der vergangenen Jahrhunderte notwendig ist und aus der man enträtselt, was da kommen soll. Hereinleuchtet in unsere Welt dasjenige, was aus andern Welten kommt. In den Traum- und Schlafzuständen wird dasjenige, was geschehen soll, gelenkt und geleitet, kurz, überall Okkultismus und Magie das ganze Spiel durchdringend.

[ 1 ] We have let two Christmas plays pass before our eyes. Perhaps we may raise the question: Are these two Christmas plays, in the same sense, dedicated to the great human cause that stands so vividly before our minds these days? The two plays are fundamentally different—completely different from one another. It is hard to imagine anything more different, dedicated to the same subject, than these two plays. If we consider the first play: it exudes, in all its parts, the most wonderful simplicity—childlike simplicity. There is depth of soul within it, but it is permeated throughout, lived through, by the most childlike simplicity. The second play moves on the heights of external, physical existence. One is immediately reminded that Christ Jesus enters the world as a king. He is contrasted with the other king, Herod. Then it is shown that two worlds open up before us: the one that, in the best sense, further develops humanity—the world that Christ Jesus serves—and the other world, which Ahriman and Lucifer serve, and which is represented by the diabolical element. A cosmic, a cosmic-spiritual image in the highest sense of the word! The connection between human development and the writing of the stars immediately becomes clear to us. Not the simple, primitive clairvoyance of shepherds, which perceives a “glow in the heavens”—the kind found in the simplest of circumstances—but rather that deciphering of the writing of the stars which requires all the wisdom of past centuries and from which one unravels what is to come. That which comes from other worlds shines into our world. In the states of dreaming and sleep, what is to happen is guided and directed; in short, occultism and magic permeate the entire process.

[ 2 ] Grundverschieden sind die beiden Spiele. Das erste tritt uns entgegen, man darf wirklich sagen: in kindlicher Einfachheit und Einfalt. Doch, wie unendlich mahnend ist es, wie unendlich fühlsam. Aber fassen wir zunächst einmal bloß den Hauptgedanken ins Auge. Diejenige menschliche Wesenheit, die das Gefäß für den Christus vorbereiten soll, tritt in die Welt herein. Ihr Eintritt in die Welt soll vorgeführt werden, vorgeführt werden dasjenige, was der Jesus ist für die Menschen, in deren Daseinskreis er eintritt. Ja, meine lieben Freunde, so ohne weiteres hat diese Idee, diese Vorstellung keineswegs diejenigen Kreise erobert, innerhalb welcher dann mit Inbrunst, mit Hingebung solche Spiele angehört worden sind wie dieses. Derjenige, von dem ich Ihnen öfter gesprochen habe, Karl Julius Schröer, gehörte im 19. Jahrhundert zu den ersten Sammlern von Weihnachtsspielen. Er hat die Weihnachtsspiele gesammelt in Westungarn, die Oberuferer Spiele, von Preßburg ostwärts, und er hat die Art und Weise studieren können, wie diese Spiele dort im Volke lebten und webten. Und das ist sehr, sehr bezeichnend, wenn man so sieht, wie diese Spiele sich von Generation zu Generation handschriftlich vererbten, und wie sich, nicht etwa, wenn Weihnachten nahe war, sondern wenn Weihnachten in der Zeit von fern heranrückte, diejenigen, die im Dorfe hierfür geeignet gefunden wurden, vorbereiteten, um diese Spiele darzustellen. Dann sieht man, wie innig verbunden mit dem Inhalt dieser Spiele das ganze Jahreskreislaufleben derjenigen Leute war, in deren Dorfkreisen solche Spiele aufgeführt wurden. Die Zeit, in der zum Beispiel Schröer in der Mitte des 19. Jahrhunderts diese Spiele dort gesammelt hat, war schon die Zeit, in der sie anfingen in der Art auszusterben, wie sie gepflogen worden sind bis dahin. Schon viele Wochen bevor Weihnachten heranrückte, mußten im Dorfe diejenigen Buben und Mädchen zusammengesucht werden, welche geeignet waren, solche Spiele darzustellen. Und sie mußten sich vorbereiten. Die Vorbereitung bestand aber nicht etwa bloß im Auswendiglernen und im Einüben desjenigen, was das Spiel enthält, um es darzustellen, sondern die Vorbereitung bestand darin, daß diese Buben und Mädel die ganze Lebensweise, die äußere Lebensweise änderten. Von der Zeit an, wo sie sich vorbereiteten, durften sie nicht mehr Wein trinken, nicht mehr Alkohol zu sich nehmen. Sie durften nicht mehr, wie es sonst auf dem Dorfe üblich ist, am Sonntag raufen. Sie mußten sich ganz sittsam betragen, sie mußten sanft und mild werden, durften sich nicht mehr blutigschlagen und durften mancherlei anderes nicht, was sonst in Dörfern, besonders in jenen Zeiten, ganz gang und gäbe war. Da bereiteten sie sich durch die innere Stimmung der Seele auch moralisch vor. Und dann war es wirklich, wie wenn sie etwas Heiliges herumtrügen im Dorfe, wenn sie ihre Spiele aufführten.

[ 2 ] The two plays are fundamentally different. The first one comes to us—and one can truly say—with childlike simplicity and innocence. Yet how infinitely solemn it is, how infinitely poignant. But let us first consider only the main idea. The human being who is to prepare the vessel for Christ enters the world. Her entry into the world is to be presented—a presentation of what Jesus is to the people into whose sphere of existence he enters. Yes, my dear friends, this mental image, this idea, has by no means easily won over those circles within which plays such as this one have been listened to with fervor and devotion. The man of whom I have spoken to you often, Karl Julius Schröer, was one of the first collectors of Christmas plays in the 19th century. He collected the Christmas plays in western Hungary—the Oberufer plays, from Pressburg eastward—and was able to study the way in which these plays lived and were woven into the fabric of the people’s lives there. And this is very, very telling when one sees how these plays were passed down from generation to generation in handwritten form, and how—not just when Christmas was near, but as Christmas approached from afar—those in the village deemed suitable for the task would prepare to perform these plays. Then one sees how intimately connected the entire annual cycle of life of those people—in whose village communities such plays were performed—was with the content of these plays. The time when, for example, Schröer collected these plays there in the mid-19th century was already the time when they were beginning to die out in the manner in which they had been practiced up to that point. Many weeks before Christmas approached, the village had to gather the boys and girls who were suitable for performing such plays. And they had to prepare. However, the preparation did not consist merely of memorizing and rehearsing the content of the play in order to perform it; rather, it involved these boys and girls changing their entire way of life—their outward behavior. From the time they began preparing, they were no longer allowed to drink wine or consume any alcohol. They were no longer allowed to roughhouse on Sundays, as was otherwise customary in the village. They had to behave very demurely; they had to become gentle and mild; they were no longer allowed to beat each other bloody, nor were they allowed to do many other things that were otherwise quite common in villages, especially in those days. In this way, they also prepared themselves morally through the inner state of their souls. And then it truly was as if they were carrying something sacred around the village when they performed their plays.

[ 3 ] Aber nur langsam und allmählich kam das so. Gewiß, in vielen Dörfern Mitteleuropas war im 19. Jahrhundert solche Stimmung, war die Stimmung, daß man zu Weihnachten mit diesen Spielen etwas Heiliges entgegennahm. Aber man kann nur noch vielleicht ins 18. Jahrhundert zurückgehen und noch ein bißchen weiter, und diese Stimmung wird immer unheiliger — unheiliger. Diese Stimmung war nicht etwa von Anfang an da, da diese Spiele in das Dorf kamen, durchaus nicht von Anfang an da, sondern sie stellte sich erst im Laufe der Zeit heraus und ein. Es gab schon Zeiten, man braucht nicht einmal gar so weit zurückzugehen, da konnte man noch anderes finden. Da konnte man finden, wie sich das Dorf, da oder dort in Mitteleuropa, versammelte, und wie hereingebracht wurde eine Wiege, in der das Kind lag, in der ein Kindchen lag, keine Krippe, eine Wiege, in der das Kind lag, und dazu allerdings das schönste Mädchen des Dorfes — schön mußte Maria sein! —, aber ein häßlicher Joseph, ein urhäßlich aussehender Joseph! Dann wurde eine ähnliche Szene aufgeführt, wie Sie sie heute auch haben sehen können. Aber vor allen Dingen: da verkündet wurde, daß der Christus kommt, kam die ganze Gemeinde vor, und ein jeder trat auf die Wiege. Vor allen Dingen wollte ein jeder auf die Wiege etwas getreten und das Christkind auch geschaukelt haben, darum handelte es sich allen, und sie machten einen ungeheuren Krakeel, der ausdrücken sollte, daß der Christ in die Welt gekommen ist. Und in manche solche älteren Spiele ist eine fürchterliche Verspottung des Joseph eingestreut, der immer als ein tättelicher Greis in diesen Zeiten dargestellt worden ist, den man auslachte.

[ 3 ] But this came about only slowly and gradually. Certainly, in many villages of Central Europe in the 19th century, there was such a sentiment—the sentiment that at Christmas, through these games, people were receiving something sacred. But if one goes back perhaps to the 18th century and a little further still, this sentiment becomes increasingly less sacred—less sacred. This sentiment was not present from the very beginning, when these plays first came to the village—by no means from the very beginning—but rather it only emerged and took hold over time. There were indeed times—one need not even go that far back—when one could still find something different. Back then, one could see how the village, here or there in Central Europe, would gather, and how they would bring in a cradle in which the child lay—not a manger, but a cradle—and alongside it, of course, the most beautiful girl in the village—Mary had to be beautiful!—but an ugly Joseph, a truly hideous-looking Joseph! Then a scene similar to the one you saw today was performed. But above all: when it was announced that the Christ was coming, the entire congregation came forward, and everyone stepped onto the cradle. Above all, everyone wanted to step on the cradle and rock the Christ Child; that was what it was all about, and they made a tremendous racket, meant to express that the Christ had come into the world. And in many of these older plays, there is a terrible mockery of Joseph, who in those days was always portrayed as a feeble old man whom people laughed at.

[ 4 ] Wie sind denn diese Spiele, die solcher Art waren, eigentlich in das Volk gekommen? Nun, wir müssen uns natürlich erinnern, daß die erste Form der größten, gewaltigen Erdenidee, des Erscheinens des Christus Jesus auf der Erde, die Idee des durch den Tod gegangenen Heilands war, desjenigen, der durch den Tod das für die Erde gewonnen hat, was wir den Sinn der Erde nennen. DasLeiden des Christus war es zunächst, das im ersten Christentum in die Welt gekommen ist. Und dem leidenden Christus wurden ja die Opfer dargebracht in den verschiedenen Handlungen, die im Kreislauf des Jahres sich vollzogen. Aber nur ganz langsam und allmählich eroberte sich das Kind die Welt. Der sterbende Heiland eroberte sich zuerst die Welt, langsam und allmählich erst das Kind. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Liturgie lateinisch war, daß die Leute nichts verstanden. Vom Meßopfer, das Weihnachten festgesetzt war, fing man allmählich an, den Leuten — außer dem Meßopfer, das zu Weihnachten dreimal gehalten wird — noch etwas anderes zu zeigen. Vielleicht doch nicht so ganz mit Unrecht — wenn auch nicht auf ihn selbst, so auf Anhänger von ihm —, wird die Idee, in der Weihnachtsnacht das Jesus-Geheimnis den Gläubigen zu zeigen, auf Franz von Assisi zurückgeführt, der aus einer gewissen Opposition gegen die alten Kirchenformen und den alten Kirchengeist überhaupt seine ganze Lehre und sein ganzes Wesen gehalten hat. Und da sehen wir allmählich, langsam, wie der gläubigen Gemeinde zu Weihnachten etwas geboten werden sollte, was mit dem großen Mysterium der Menschheit, mit dem Herabkommen des Christus Jesus auf die Erde zusammenhing. Zuerst stellte man eine Krippe auf und machte bloß Figuren. Nicht durch Menschen stellte man es dar, sondern man machte Figuren: das Kindlein und Joseph und Maria — aber plastisch. Allmählich ersetzte man das durch Priester, die sich verkleideten, und die das in der einfachsten Weise darstellten. Und erst vom 13., 14. Jahrhundert ab begann innerhalb der Gemeinden äußerlich diejenige Stimmung, die man etwa dadurch bezeichnen könnte, daß die Leute sich sagten: Wir wollen auch etwas verstehen von dem, was wir da sehen, wir wollen in die Sache eindringen. Und da fingen die Leute an, zuerst einzelne Teile mitspielen zu dürfen in dem, was zuerst nur von der Geistlichkeit gespielt war. Nun muß man natürlich das Leben in der Mitte des Mittelalters kennen, um zu begreifen, wie dasjenige, was mit dem Heiligsten zusammenhing, zugleich in einer solchen Weise genommen wird, wie ich es angedeutet habe. Das war damals durchaus möglich aus einem Entgegenkommen der Stimmung, daß die Gemeinde des Dorfes, die ganze Gemeinde, sagen konnte: Ich habe auch mit dem Fuß an der Wiege, wo der Christus geboren worden ist, ein wenig geschaukelt! — aus dem Entgegenkommen dieser Stimmung. Es ließe sich in diesem und in vielem andern ausdrücken, in dem Singen dabei, das sich zum Teil bis zum Jodeln steigerte, in alldem, das sich begeben hatte. Aber dasjenige, was in der Sache lebte, hatte in sich selber die Stärke, man möchte fast sagen, aus einem Profanen, aus einem Profanieren des Weihnachtsgedankens, zum Heiligsten selber sich umzubilden. Und die Idee des in der Welt erscheinenden Kindes eroberte sich das Allerheiligste in den Herzen der einfachsten Menschen.

[ 4 ] How did these kinds of games actually come to be among the people? Well, we must of course remember that the first form of the greatest, most powerful idea on Earth—the appearance of Christ Jesus on Earth—was the idea of the Savior who had passed through death, the one who, through death, won for the Earth what we call the meaning of the Earth. It was the suffering of Christ that first came into the world in early Christianity. And offerings were indeed made to the suffering Christ in the various rituals that took place throughout the cycle of the year. But only very slowly and gradually did the Child conquer the world. The dying Savior conquered the world first; only slowly and gradually did the Child. We must not forget that the liturgy was in Latin, that the people understood nothing. Beginning with the Mass of the Nativity, which was celebrated at Christmas, people were gradually shown something else—in addition to the Mass of the Nativity, which is celebrated three times at Christmas. Perhaps not entirely without reason—if not for him personally, then for his followers—the idea of revealing the mystery of Jesus to the faithful on Christmas night is attributed to Francis of Assisi, who based his entire teaching and very being on a certain opposition to the old forms of the Church and the old spirit of the Church in general. And there we see, gradually and slowly, how the faithful congregation was to be offered something at Christmas that was connected to the great mystery of humanity, to the coming of Christ Jesus to earth. At first, a manger was set up and figures were simply made. It was not portrayed by people, but figures were made: the infant, Joseph, and Mary—but in three dimensions. Gradually, this was replaced by priests who dressed up and portrayed the scene in the simplest way possible. And it was not until the 13th and 14th centuries that a certain mood began to emerge within the congregations—one that might be described as people saying to one another: “We want to understand something of what we are seeing here; we want to delve into the matter.” And so people began, at first, to be allowed to play individual parts in what had previously been performed only by the clergy. Of course, one must be familiar with life in the Middle Ages to understand how matters related to the most sacred were at the same time approached in the manner I have indicated. At that time, this was entirely possible thanks to a spirit of openness that allowed the village community—the entire community—to say: “I, too, rocked the cradle a little with my foot where Christ was born!”—thanks to that spirit of openness. This could be expressed in this and in many other ways—in the singing that took place, which at times escalated into yodeling, in everything that had transpired. But what was alive in the event had the strength within itself—one might almost say—to transform itself from something profane, from a desecration of the Christmas idea, into the most sacred thing itself. And the idea of the child appearing in the world conquered the most sacred place in the hearts of the simplest of people.

[ 5 ] Das ist das Wunderbare gerade bei diesen Spielen, von deren Art das erste eines war, daß sie nicht einfach so da waren, wie sie jetzt uns erscheinen, sondern so geworden sind: Frommheit in der Stimmung erst entfaltend aus Unfrommheit heraus, durch die Gewalt desjenigen, was sie darstellen! Das Kind mußte erst die Herzen erobern, mußte erst Einlaß finden in die Herzen. Durch dieses, was in ihm selber heilig war, heiligte es die Herzen, die ihm zuerst in Grobheit und in Ungezähmtheit begegneten. Das ist das Wunderbare in der Entwickelungsgeschichte dieser Spiele, wie überhaupt Stück für Stück das ChristGeheimnis die Herzen und die Seelen noch sich erobern hat müssen Stück für Stück. Und einiges von diesem Stück für Stück Eroberten wollen wir uns dann noch morgen vor die Seele führen. Heute möchte ich nur noch sagen: Nicht umsonst bemerkte ich, wie mahnend auch das Einfachste in dem ersten Spiel dasteht — mahnend.

[ 5 ] That is precisely what is so wonderful about these plays—the first of which was of this kind—that they did not simply exist as they now appear to us, but came to be this way: piety in the atmosphere first unfolding out of impiety, through the power of what they depict! The Child first had to conquer hearts; first had to find a way into them. Through that which was holy within the Child itself, it sanctified the hearts that initially met it with coarseness and untamedness. That is what is so wonderful about the history of the development of these plays—just as, in general, the Mystery of Christ had to conquer hearts and souls bit by bit, piece by piece. And tomorrow we will bring some of these step-by-step conquests to mind. Today I would just like to say: It is not for nothing that I noticed how even the simplest element in the first play stands as a reminder—a reminder.

[ 6 ] Wie gesagt, langsam und allmählich trat dasjenige, was mit dem Christus-Geheimnis in die Welt gekommen ist, in die Herzen und in die Seelen der Menschen ein. Und es ist eigentlich so: Je weiter man in der Überlieferung der verschiedenen Christ-Geheimnisse zurückgeht, desto mehr sieht man, daß die Ausdrucksform eine gehobene ist, eine geistig gehobene. Ich möchte sagen, in ein «im Kosmischen Aussprechen» kommt man hinein, je weiter man zurückkommt. Wir haben schon einiges davon in unsere Betrachtungen einfließen lassen, und auch im vorigen Weihnachtsvortrage hier habe ich gezeigt, wie die gnostischen Ideen verwendet worden sind, um das tiefe Christus-Geheimnis zu verstehen. Aber selbst wenn wir noch in den späteren Zeiten des Mittelalters dies oder jenes verfolgen, so finden wir, wie noch in der Mitte des Mittelalters gerade in den damaligen Weihnachtsdichtungen etwas von dem vorhanden ist, was später weggeblieben ist: eine Betonung des urchristlichen Gedankens, daß der Christus hinuntersteigt aus Weltenweiten, aus Geisteshöhen. Wir finden es im 11., 12. Jahrhunderte, wenn wir zum Beispiel ein solches Weihnachtslied vor unsere Seele führen:

[ 6 ] As I said, what came into the world with the Mystery of Christ slowly and gradually entered the hearts and souls of human beings. And the fact is: the further back one goes in the tradition of the various Christ mysteries, the more one sees that the form of expression is a lofty one, a spiritually elevated one. I would say that the further back one goes, the more one enters into a “cosmic mode of expression.” We have already incorporated some of this into our reflections, and in my previous Christmas lecture here I also showed how Gnostic ideas were used to understand the profound mystery of Christ. But even when we trace this or that in the later periods of the Middle Ages, we find that, even in the middle of the Middle Ages—precisely in the Christmas poetry of that time—there is still present something that was later lost: an emphasis on the early Christian idea that Christ descends from the vastness of the worlds, from the heights of the spirit. We find this in the 11th and 12th centuries when, for example, we bring a Christmas carol such as this before our soul:

Des menschgewordnen Gottessohnes Ehre
Verkünden fröhlich jauchzend Himmelsheere,
Und laut erschallet aus des Hirten Mund
Die frohe Kunde.

«Preis in der Höhe! und den Menschen Friede!»
So tönet es in feierlichem Liede;
Mit Staunen wird von Menschen heut’ gesehen,
Was nie geschehen.

Der Himmel hell erglänzt im neuen Sterne;
Von ihm geleitet, kommen aus der Ferne
Die Weisen, und begrüßen mit Entzücken,
Den sie erblicken.

Mit ihm ist neu die Wahrheit nun geboren.
Ersetzt ist, was durch Sünde war verloren;
Es blühen herrlicher im Gnadenlichte
Des Segens Früchte.

Der Vorzeit Ahndung hat sich nun erschlossen,
Seitdem der Erde diese Frucht entsprossen,
Die Leben und Erquickung uns gewähret,
Und ewig nähret.

Gekommen ist, in unser Fleisch gekleidet,
Der gute Hirt, der alle Völker weidet;
Gewohnt hat er, wie wir, in Pilgerhütten,
Für uns gelitten.

Heil nun der Erde, die sein Licht erblicker!
Durch ihn für Zeit und Ewigkeit beglücker,
Weih’ jeder ihm, dem Retter, Dank und Liebe
Mit reinem Triebe.

Hilf, Christus, selbst uns dein Gesetz vollbringen,
Laß gute Taten uns durch dich gelingen,
Daß einst bei dir des ew’gen Lebens Krone
Auch uns belohne!

The glory of the Son of God made man
Is joyfully proclaimed by the heavenly hosts,
And from the shepherd’s mouth resounds loudly
The good news.

“Glory to God in the highest! And on earth peace to people!”
So it resounds in a solemn song;
With wonder, people today behold
What has never happened before.

The sky shines brightly with a new star;
Guided by it, from afar come
The Magi, and with delight they greet
The one they behold.

With Him, the truth is now reborn.
What was lost through sin has been restored;
The fruits of blessing
bloom more beautifully in the light of grace.

The mystery of the past has now been revealed,
Ever since this fruit sprang from the earth,
Which grants us life and refreshment,
And nourishes us eternally.

He came, clothed in our flesh,
The Good Shepherd who tends all nations;
He lived, like us, in pilgrims’ huts,
And suffered for us.

Hail to the earth that beholds his light!
Through him, the bringer of joy for time and eternity,
Let everyone offer thanks and love to him, the Savior,
With pure devotion.

Help us, Christ, to keep Your law ourselves,
Let us succeed in doing good deeds through You,
So that one day, with You, the crown of eternal life
May also reward us!

[ 7 ] So war der Ton, der herunterklang von denjenigen, die noch etwas verstanden hatten von der ganzen kosmischen Bedeutung des ChristGeheimnisses.

[ 7 ] Such was the tone that resonated from those who still understood something of the cosmic significance of the Christian mystery.

[ 8 ] Oder ein anderes Weihnachtsgedicht auf das Weihnachtsfest gab es aus der Mitte des Mittelalters, etwas später als die Karolingerzeit:

[ 8 ] Or another Christmas poem about the Christmas season from the middle of the Middle Ages, a little later than the Carolingian period:

Der Gottessohn, von Ewigkeit erzeugt, der unsichtbar und ohne Ende,
Durch den des Himmels und der Erde Bau, und alles, was da wohnt, erschaffen,
Durch den der Tage und der Stunden Lauf vorübergeht und wiederkehrt;
Den stets die Engel in der Himmelsburg in vollharmonischem Gesange preisen,
Hat sich, von aller Erbschuld frei, mit schwachem Leib bekleidet,
Den aus Maria Er, der Jungfrau, nahm, die Schuld des ersten Vaters Adam,
Sowie die Lüsternheit der Mutter Eva zu vernichten.
Der heutige glorreiche Tag erhab’nen Glanzes zeugt, daß nun der Sohn,
Die wahre Sonne, durch des Lichtes Strahl die alte Finsternis der Welt zerstreute.
Nun wird die Nacht erhellt vom Lichte jenes neuen Sternes,
Der einst den himmelskund’gen Blick der Magier in Staunen setzte,
Und sieh’, den Hirten leuchtet jener Schein, die da geblendet wurden
Vom hehren Glanz der himmlischen Bewohner.
O Gottesmutter, freue dich, die du bei der Geburt von einer Engelschar,
Die Gottes Lob besingt, bedienet wirst.
O Christus, du des Vaters einz’ger Sohn, der unsertwegen die Natur
Des Menschen angenommen, so erquicke du die deinen, die hier flehen.
O Jesus, höre mild die Bitten jener, derer du Dich anzunehmen dich gewürdigt hast,
Um sie, O Gottessohn, teilhaft zu machen deiner Gottheit.

The Son of God, begotten from eternity, invisible and without end,
Through whom the heavens and the earth were created, along with all that dwells therein,
Through whom the course of days and hours passes and returns;
Whom the angels in the heavenly city ever praise in perfectly harmonious song,
Having, free from all original sin, clothed Himself in a frail body,
Which He took from Mary, the Virgin, to destroy the sin of the first father, Adam,
As well as the lust of the mother, Eve.
Today’s glorious day, with its sublime splendor, testifies that now the Son,
the true Sun, has dispelled the world’s ancient darkness with the rays of His light.
Now the night is illuminated by the light of that new star,
which once filled the astronomical gaze of the Magi with wonder,
And behold, that light shines upon the shepherds, who were once blinded
By the sublime splendor of the heavenly inhabitants.
O Mother of God, rejoice, you who at your birth are attended by a host of angels,
Who sing God’s praise.
O Christ, you, the only Son of the Father, who for our sake took on human nature
Of man for our sake, refresh your own who pray here.
O Jesus, graciously hear the pleas of those whom you have deigned to take as your own,
That you, O Son of God, may make them partakers of your divinity.

[ 9 ] Das ist der Ton, der, ich möchte sagen, von den Höhen der mehr theologisch gefärbten Gelehrsamkeit hinuntertönt ins Volk.

[ 9 ] This is the voice that, I would say, resounds down from the heights of more theologically oriented scholarship to the people.

[ 10 ] Nun hören wir auch ein wenig den Ton, der zur Weihnacht aus dem Volk selbst erklang, wenn eine Seele sich fand, die des Volkes Empfin den wiedergab:

[ 10 ] Now let us also listen a little to the voice that rang out from the people themselves at Christmas, when a soul was found to give voice to the people’s feelings:

Er ist gewaltic unde starc,
der ze winnaht geborn wart:
Daz ist der heilige Knist.
jâ lobt in allez daz dir ist
Niewan der tiefel eine
dur sînen grôzen ubermuot
Sô wart ime diu helle ze teile.

In der helle ist michel unrät
swer dâ heimuote hât,
Din sunne schîner nie sö licht,
der mâne hilfet in niht,
Noh der liiechte sterne,
jâ müet in allez daz er siht,
jâ waer er dâ ze himel alsô gerne.

In himelrich ein hûs stât,
ein guldin wec dar în gât,
ie siule die sint mermelîn,
die zieret unser trehtîn
Mit edelem gesteine:
dâ enkumt nieman în,
er ensî vor allen sünden alsô reine.

Swer gerne zuo der kilchen gât
und âne nît dâ stât,
Der mac wol vrôlîchen leben,
den wirt ze jungest gegeben
Der Engel gemeine,
wol im daz er ie wart:
ze himel ist daz Leben alsô reine.

Ich hân gedienet lange
leider einem Manne
Der in der helle umbe gât
der brüevet mîne missetät,
Sin lôn der ist boese.
Hilf mich heiliger geist,
daz ich mich von sîner vancnisse loese.

He is mighty and strong,
who was born in winter:
That is the Holy Child.
Yes, let all praise you
For never has the devil
Through his great arrogance
Been cast out of heaven.

In the light, Michel is lost
for he longs for home,
The sun never shines so brightly,
the moon offers no help,
nor do the bright stars,
yes, he must rely on whatever he sees,
yes, he would so gladly be up there in heaven.

In heaven there stands a house,
with a golden gate there,
its pillars are made of marble,
which adorn our threshold
with precious stones:
no one may enter there,
unless they are pure from all sins.

Whoever would like to go to church
and does not stay there,
will surely live a joyful life,
for he will be given, as the youngest,
the company of angels,
and may he always be there:
in heaven, life is so pure.

I have served for a long time
unfortunately, a man
who wandered about in the light
who revealed my misdeeds,
His reward is evil.
Help me, Holy Spirit,
so that I may free myself from his influence.

[ 11 ] Das ist das Gebet, das der einfache Mensch sagte und verstand. Wir haben den Herabklang gelesen, haben jetzt den Hinaufklang.

[ 11 ] This is the prayer that the common person said and understood. We have read the “Descent”; now we have the “Ascent.”

[ 12 ] Ich will versuchen, dieses Weihnachtslied aus dem 12. Jahrhundert etwas wiederzugeben, damit wir sehen, wie auch der einfache Mensch die ganze Größe des Christus faßte und in Zusammenhang mit dem ganzen kosmischen Leben brachte:

[ 12 ] I will try to share this 12th-century Christmas carol so that we can see how even ordinary people grasped the full greatness of Christ and related it to the whole of cosmic life:

[ 13 ] Er ist gewaltig und stark, der zu Weihnacht geboren ward. Das ist der Heilige Christ. Es lobt ihn alles, was da ist, nur nicht ganz allein der Teufel, der durch seinen großen Übermut so war, daß ihm die Hölle zuteil ward. In der Hölle ist michel Unrat — michel ist das alte Wort für groß, mächtig —, in der Hölle ist großer Unrat. Wer da seine Heimat hat, wer also in der Hölle zu Hause ist, der muß wahrnehmen: die Sonne scheint da niemals nicht, der Mond hilft, hellet niemandem, noch die lichten Sterne. Da muß jeder, der etwas sieht, sich sagen, wie schön es wäre, wenn er in den Himmel gehen könnte. Er wäre ganz gern in dem Himmel. Im Himmelreich steht ein Haus. Ein goldner Weg dazu geht. Die Säulen sind Mermel, also von Marmor, geziert mit Edelgestein. Da aber kommt niemand hinein, als der von Sünden ganz rein ist. Wer zu der Kirche geht und da ohne Neid steht, der mag wohl höheres Leben haben, denn es wird immer junges gegeben, das heißt, wenn er zuletzt sein Leben geendet hat. Erinnern Sie sich, ich habe hier einmal das Wort «jüngern» vom Ätherleib eingeführt. Hier haben Sie das in der Volkssprache sogar! Also wenn er «jung» ist gegeben der Engelgemeinde, daß wohl er darauf warten kann, denn im Himmel ist das Leben rein. — Und nun sagt der, der also dieses Weihnachtslied betet: Ich habe gefangen gedient leider einem Mann, der in der Hölle umgeht, der entwickelt hat meine gewisse Tat. Hilf mir, heiliger Christ, daß ich von seinem Gefangse gelöst werde, das heißt: aus dem Gefängnis des Bösen gelöst werde. Also das ist in der Sprache des Volkes:

[ 13 ] He is mighty and strong, the one born at Christmas. This is the Holy Christ. Everything that exists praises him—except for the devil, whose great arrogance led to his being cast into hell. In hell there is “michel” filth—“michel” is the old word for “great,” “mighty”—in hell there is great filth. Whoever has his home there—whoever, in other words, is at home in hell—must realize: the sun never shines there; the moon offers no light to anyone, nor do the bright stars. There, everyone who sees anything must tell himself how wonderful it would be if he could go to heaven. He would very much like to be in heaven. In the Kingdom of Heaven stands a house. A golden path leads to it. The columns are made of marble, adorned with precious stones. But no one may enter there except those who are completely free of sin. Whoever goes to church and stands there without envy may well have a higher life, for a new life is always given—that is, when he has finally ended his life. Remember, I once introduced the word “younger” here in reference to the etheric body. Here you even have it in the vernacular! So if he is “young” when given to the angelic host, he can indeed wait for it, for in heaven life is pure. — And now the one who prays this Christmas carol says: I have, alas, served as a captive to a man who wanders in hell, who has brought about my certain deed. Help me, Holy Christ, that I may be freed from his captivity—that is, freed from the prison of evil. So this is in the language of the people:

Er ist gewaltig und stark,
Der zur Winacht geboren ward...

He is mighty and strong,
He who was born at Christmas...