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The Present and the Past in the Human Spirit
GA 167

18 April 1916, Berlin

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The Present and the Past in the Human Spirit, tr. SOL
  1. Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste

6. Osterbetrachtung

6. Easter Reflection

[ 1 ] Eine Osterbetrachtung anzustellen in dem Sinne, wie man das tun könnte in anderen Zeiten, das scheint wohl in dieser schweren Zeit nicht so ohne weiteres möglich. Dennoch sei heute auf einiges hingewiesen, was im Zusammenhange mit dem herannahenden Feste in unsere Gedanken hereinkommen kann. Wir haben ja von dem, was im Grunde genommen gar sehr mit dem Osterfeste oder auch mit dem Kultus des Osterfestes zusammenhängt, manches gerade in den verflossenen Vorträgen gesprochen, trotzdem wir gar nicht hingewiesen haben auf die Beziehung zum Osterfest. Wir haben davon gesprochen, wie die Kultur der Menschheit, die Kulturentwickelung der Menschheit, insoferne sie geistig ist, durchsetzt wird von dem, was wir nannten allerlei Brüderschaften, welche ihren Zusammenhalt in symbolischen Handlungen zum Ausdruck bringen, die entnommen sind gewissen imaginativen Vorstellungen. Das bedeutsamste Symbolum solcher Verbrüderungen ist ja dasjenige, das zusammenhängt mit dem Todes- und dem Auferstehungsgedanken. Immer wieder und wiederum zeigt es sich, daß solche Verbrüderungen den Gedanken des menschlichen Todes und den Auferstehungsgedanken so zusammenbringen, daß aus beiden zusammen der Unsterblichkeitsgedanke hervorgeht. Die Dinge, die dabei zu besprechen sind, gelten vielen als Geheimnisse der entsprechenden Brüderschaften; allein es gibt eine so reiche Literatur über diese Dinge, in der so ausführlich alles dasjenige, was der Kultus dieser Brüderschaften, wenigstens an Bildern, enthält, dargestellt wird, daß) man sehr weitgehend heute sprechen kann über dasjenige, was die symbolischen Vorstellungen dieser Brüderschaften sind, ohne irgendwie einem Geheimnisse dieser Brüderschaften nahezutreten. Man kann wirklich die Dinge, die da zu besprechen sind, in unzähligen Büchern lesen.

[ 1 ] Reflecting on Easter in the same way one might in other times does not seem readily possible during these difficult times. Nevertheless, let us today point out a few things that may come to mind in connection with the approaching holiday. After all, we have discussed many things in our recent lectures that are, in essence, very closely connected to the Easter festival or to the observance of Easter, even though we did not specifically mention the connection to Easter. We have spoken of how human culture—the cultural development of humanity, insofar as it is spiritual—is permeated by what we have called various brotherhoods, which express their cohesion through symbolic acts drawn from certain mental images. The most significant symbol of such brotherhoods is, of course, the one connected with the ideas of death and resurrection. Time and again, it becomes evident that such brotherhoods bring together the idea of human death and the idea of resurrection in such a way that the idea of immortality emerges from their union. The matters to be discussed here are regarded by many as secrets of the respective brotherhoods; yet there is such a wealth of literature on these subjects—in which everything that the cult of these brotherhoods contains, at least in terms of imagery, is described in such detail—that one can speak quite extensively today about the symbolic mental images of these brotherhoods without in any way infringing upon their secrets. One can indeed read about the matters to be discussed in countless books.

[ 2 ] Als ein Mittelpunkts-Symbolum, könnte man sagen, wird gezeigt, wie durch irgendwelche Umstände, durch irgendwelche Tatsachen ein Mensch zum Tode geführt wird, ein Mensch stirbt und begraben wird. Bei den meisten dieser Verbrüderungen wird diejenige menschliche Persönlichkeit, an die man dieses Symbolum anknüpft, als diejenige des Hieram genommen, so daß man dasjenige, was mit diesem Symbolum zusammenhängt, auch die Hieram-Legende nennt. Anknüpfend also an den Namen Hieram, des Baumeisters des Königs Salomo, der nach der Legende mit dem König Salomo zusammen den Salomonischen Tempel gebaut haben soll und dann durch gewisse feindliche, ihm untergebene Leute getötet worden ist, wird symbolisch sein Tod, sein Sterben gezeigt. Es wird gezeigt, wie er begraben wird, und die Darstellung wird gebracht bis zu einer gewissen Auferstehung aus dem Grabe, einem Hervorgehen des Hieram aus dem Grabe. Man will durch dieses Symbolum in einer umfassenderen, oder, ich möchte sagen, in einer eindringlicheren Weise den Unsterblichkeitsgedanken zur Seele tragen, als dies durch Theorien möglich ist. Man will in einem die unbewußten Kräfte des Menschen ergreifenden Symbolum oder in einer Imagination zeigen, wie das Durchgehen durch den Tod und die Wiederauferstehung ist.

[ 2 ] As a central symbol, one might say, it shows how, through certain circumstances or events, a person is led to death, dies, and is buried. In most of these brotherhoods, the human figure to whom this symbol is linked is taken to be Hieram, so that what is associated with this symbol is also called the Hieram legend. Thus, drawing on the name of Hieram, King Solomon’s master builder—who, according to legend, is said to have built the Temple of Solomon together with King Solomon and was then killed by certain hostile people under his command—his death and passing are symbolically depicted. It shows how he is buried, and the depiction extends to a certain resurrection from the grave—Hieram emerging from the grave. Through this symbol, the aim is to convey the idea of immortality to the soul in a more comprehensive, or, I would say, more powerful way than is possible through theories. The aim is to show, through a symbol that grips the unconscious forces of the human being or through an imagination, what it is like to pass through death and resurrection.

[ 3 ] Nun, wenn man bedenkt, daß also vorgeführt wird in dem Tempel dieser Brüderschaften, in den Logen dieser Brüderschaften das Sterben, das Auferstehen des Hieram, so haben wir ja da schon den Zusammenhang mit dem Ostergedanken. Sie wissen ja, daß im katholischen Kultus auch eine solche symbolische Darstellung stattfindet, daß die Festlichkeiten des Gründonnerstags vorübergehen, daß der Karfreitag dann die Festlichkeit in sich schließt, symbolisch den Christus Jesus in das Grab zu legen. Dann hat man es mit dem im Grabe liegenden Christus Jesus durch den Karfreitag, den Karsamstag hindurch zu tun, bis nach den neueren Gewohnheiten am Karsamstag abends die Auferstehung gefeiert wird, das heißt, der Christus wiederum dem Grab entnommen und im Umgange als der auferstandene Christus gefeiert wird. Wenn man die Handlung, die sich da im Kultus, namentlich im katholischen Kultus abspielt, ins Auge faßt, so hat man es ja zunächst als mit einer symbolischen Handlung auch wirklich mit nichts anderem zu tun, als mit demjenigen, was in okkulten Brüderschaften die Grablegung und die Wiederauferstehung des Hieram zu bedeuten hat. Sie sehen also, der Ostergedanke steht in einer gewissen Beziehung in dem Mittelpunkte dieser okkulten Verbrüderungen. Der Sinn, der mit dieser Zeremonie verbunden wird, ist der, daß der Mensch durch das Anblicken dieser symbolischen Handlung tiefer in seine Seele eingehe, daß er gewissermaßen die in seiner Seele befindlichen tieferen Kräfte aufruft, die im gewöhnlichen Bewußtsein nicht vorhanden sind. Nicht wahr, eine solche symbolische Handlung würde ja keine Bedeutung haben, wenn man nicht voraussetzen könnte, daß tief unten, wohin das Bewußtsein nicht reicht, in der menschlichen Seele Kräfte sitzen. Solche Kräfte muß ja annehmen, wer es ernst nimmt mit demjenigen in der menschlichen Leistungsfähigkeit, das nicht aus dem gewöhnlichen Bewußtsein stammen kann, wer es zum Beispiel nur ernst nimmt mit der Kunst. Wir sprechen in der Kunst davon, daß dasjenige, was den Künstler bekräftigt, Kunstwerke hervorzubringen oder sie zu reproduzieren, auch nicht aus den gewöhnlich bewußten Kräften der Seele stammen kann, sondern daß es aus dem Unterbewußten hinaufbrodelt und erst in das Bewußte hineinkommt. Daher ist es ja beim Künstler so, daß für ihn eher störend ist alles dasjenige, was Regeln sind, nach denen er sich richten soll. Er kann sich nicht nach Regeln richten. Er muß sich richten nach dem, was elementar in seiner Seele beflügelt die Kräfte, die er braucht. Er kann sogar vielleicht erst hinterher sich einlassen auf eine gewisse Erklärung desjenigen, was dem zugrunde liegt, was in seiner Seele schafft.

[ 3 ] Well, when one considers that the death and resurrection of Hieram are reenacted in the temples of these brotherhoods, in the lodges of these brotherhoods, we already see the connection to the idea of Easter. As you know, a similar symbolic representation also takes place in the Catholic liturgy: the festivities of Holy Thursday come to an end, and Good Friday then encompasses the ceremony of symbolically laying Christ Jesus in the tomb. Then, through Good Friday and Holy Saturday, we are concerned with Christ Jesus lying in the tomb, until—according to more recent customs—the Resurrection is celebrated on the evening of Holy Saturday; that is, Christ is once again taken from the tomb and celebrated in the procession as the risen Christ. If one considers the ritual that takes place here, particularly in the Catholic liturgy, one sees that, as a symbolic act, it has nothing to do with anything other than what the burial and resurrection of the Hieram signify in occult brotherhoods. So you see, the idea of Easter stands, in a certain sense, at the very center of these occult brotherhoods. The meaning associated with this ceremony is that, by witnessing this symbolic act, a person may delve deeper into their soul, so to speak, and call upon the deeper forces within their soul that are not present in ordinary consciousness. After all, such a symbolic act would have no meaning if one could not assume that deep within the human soul—where ordinary consciousness does not reach—there are forces at work. Anyone who takes seriously that aspect of human achievement which cannot stem from ordinary consciousness—for example, anyone who takes art seriously—must assume the existence of such forces. In art, we speak of how that which empowers the artist to create or reproduce works of art cannot, either, stem from the soul’s ordinarily conscious forces, but rather bubbles up from the subconscious and only then enters into consciousness. That is why, for the artist, all the rules he is supposed to follow are rather disruptive. He cannot follow rules. He must be guided by what fundamentally stirs within his soul the forces he needs. Perhaps only afterward can he engage with a certain explanation of what underlies the creative process within his soul.

[ 4 ] So müssen wir annehmen, daß in der Seele viele andere verborgene Kräfte walten, die in das Bewußtsein nicht heraufspielen. Wir sprechen davon, wie wir das jetzt oftmals getan haben, daß das astralische Leben des Menschen ein viel, viel breiteres, viel weiteres ist, als das bewußte Ichleben des Menschen, und daß aus dem astralen Leben des Menschen diese Kräfte heraufspielen in das bewußte Ich-Erleben, daß sie also da unten vorhanden sind. Es gibt in unserer Zeit schon sehr viele Menschen, welche sich nach und nach so angepaßt haben an das äußere rein materielle Leben und in diesem äußeren rein materiellen Leben ihr ganzes Heil suchen, daß sie auch im Seelenleben im Grunde genommen nur dasjenige noch in der Gewohnheit haben, was mit dem äußeren materiellen Leben zusammenhängt. Und das ist das Bewußte. Denn unser jetziges bewußtes Erdenleben soll sich unter dem Einfluß des Materiellen ausbilden und ist an das materielle Leben gebunden. Ich habe es deshalb oft betont, daß dasjenige, was in unserem Bewußtsein leben will unter dem Einflusse der äußeren Umgebung, nicht durch die Todespforte geht, sondern, nachdem der Mensch durch die Todespforte gegangen ist, nur in der Erinnerung des anderen Ichs weiterleben kann, das dann aufglänzt, wenn der Mensch durch die Todespforte gegangen ist. Also da unten in den unterbewußten Tiefen, da waltet sonst ein Leben, wenn der Mensch sich nicht so erzogen hat für das bloß äußere materielle Leben, wie das bei vielen Menschen der Gegenwart schon der Fall ist. Und man kann ja den Unterschied sehr wohl bemerken. Menschen, welche sich nur für das äußere materielle Leben erzogen haben, werden, wenn man ihnen ein solches Symbolum vorführt, wie das Sterben und Auferstehen des Hieram, sogar vielleicht lachen darüber, es komisch finden, so daß es ihnen als eine überflüssige Sache erscheint. Diejenigen aber, die mit den unterbewußten Seelenkräften, mit denen, die wir als waltend im Astralischen finden, etwas empfinden, werden im tiefsten Sinn ergriffen von dem Symbolum und rufen aus ihrer Seele herauf diejenigen Fähigkeiten, die verstehen können die Unsterblichkeit, während die gewöhnlichen, an das physische Leben gebundenen Kräfte diese Unsterblichkeit nicht verstehen können.

[ 4 ] We must therefore assume that many other hidden forces are at work in the soul that do not come to the surface of consciousness. We speak—as we have done so often—of how a person’s astral life is much, much broader and more extensive than their conscious “I” life, and that these forces rise from a person’s astral life into their conscious “I” experience; in other words, they are present there below. In our time, there are already very many people who have gradually adapted themselves so completely to external, purely material life—and who seek their entire salvation in this external, purely material life—that, even in their soul life, they have, in essence, retained only those habits that are connected with external, material life. And that is the conscious realm. For our present conscious earthly life is meant to develop under the influence of the material world and is bound to material life. I have therefore often emphasized that what seeks to live in our consciousness under the influence of the external environment does not pass through the gate of death, but—after a person has passed through the gate of death—can only continue to live on in the memory of the other “I,” which then shines forth once the person has passed through the gate of death. So down there in the depths of the subconscious, a different kind of life prevails—unless a person has trained themselves solely for the external, material life, as is already the case with many people today. And one can certainly perceive the difference. People who have trained themselves solely for external, material life will, when presented with a symbol such as the death and resurrection of Hieram, perhaps even laugh at it, find it funny, so that it appears to them as something superfluous. But those who are attuned to the subconscious soul forces—those we find at work in the astral realm—will be deeply moved by the symbol and will summon from within their souls the faculties capable of understanding immortality, whereas the ordinary forces bound to physical life cannot comprehend this immortality.

[ 5 ] Nun hat sich bei dem Osterfest noch etwas erhalten von dem, was im Urbewußtsein der Menschheit überhaupt mit dem Festesgedanken verbunden war. Wir haben auch das schon öfter besprochen. Wann halten wir denn heute noch das Osterfest? Die materialistisch gesinnten Menschen haben ja schon vielfach dasjenige, was mit dem Osterfest in bezug auf seine Festsetzung verbunden ist, überwinden wollen. Denn diese materialistisch gesinnten Menschen finden, daß das unbequem ist, wenn man ein solches Fest einmal Anfang April oder Ende April, Ende März und so weiter feiern soll, und es soll nach diesen Menschen der Gegenwart ein für allemal festgesetzt werden, daß etwa der erste Sonntag im April der Ostersonntag sei, damit man endlich weiß, wie man die Kontobücher in entsprechender Weise einzurichten hat, und nicht einmal diese Daten in den Kontobüchern überspringen muß, weil das Osterfest Ende März liegt, oder andere Daten in den Kontobüchern überspringen muß, weil das Osterfest zu einer anderen Zeit fällt. Die materialistische Gesinnung hängt nämlich durchaus mit den Kontobüchern zusammen, das dürfen wir nicht vergessen, wobei nicht so sehr etwas gegen die Kontobücher gesagt sein soll, aber selbstverständlich sehr viel gegen die materialistische Gesinnung. Denn es kann etwas an sich sehr gut sein, aber dasjenige, was mit ihm zusammenhängt, braucht nicht immer sich danach richten zu müssen.

[ 5 ] Now, something has been preserved in the Easter celebration of what was originally associated with the very idea of the festival in humanity’s primordial consciousness. We have discussed this many times before. When, then, do we still celebrate Easter today? Materialistically minded people have, after all, often sought to do away with the very thing associated with Easter regarding its date. For these materialistically minded people find it inconvenient to have to celebrate such a festival at the beginning of April or the end of April, the end of March, and so on, and according to these people of today, it should be fixed once and for all that, say, the first Sunday in April is Easter Sunday, so that one finally knows how to organize the ledgers accordingly and does not even have to skip these dates in the ledgers because Easter falls at the end of March, or have to skip other dates in the ledgers because Easter falls at a different time. For the materialistic mindset is, in fact, closely tied to the ledgers—we must not forget that—though this is not so much a criticism of the ledgers themselves, but of course very much a criticism of the materialistic mindset. For something may be very good in and of itself, but what is connected to it does not always have to conform to it.

[ 6 ] Nun ist ja vorläufig noch — es wird schon anders werden — das Bewußtsein vorhanden, daß das Osterfest eben nicht auf den ersten Sonntag des April fallen soll, sondern es ist das Bewußtsein vorhanden, daß das Osterfest eingerichtet wird nach gewissen kosmischen Voraussetzungen, nach der gegenseitigen Stellung von Sonne und Mond. Sie fühlen es ja, wenn Sie jetzt bei einem klaren Himmel abends gehen,was es bedeutet für das menschliche Gemüt, daß Vollmond vom Himmel herunterglänzt. An dem Sonntage nach dem ersten Frühlingsvollmond, das heißt nach jenem Vollmonde, der nach dem Frühlingsanfang, nach dem 21. März fällt, wird das Osterfest gefeiert. Also die Festsetzung des Zeitpunktes für das Osterfest hängt ab von den Verhältnissen der Sonnen- und Mondenstellung. Das heißt, hier auf der Erde wird ein Fest begangen, das abhängig gemacht wird von kosmischen Zusammenhängen.

[ 6 ] For the time being, at least—though this will change—there is still an awareness that Easter is not supposed to fall on the first Sunday in April, but rather that it is determined by certain cosmic conditions, by the relative positions of the sun and the moon. You can feel it, after all, when you walk outside on a clear evening—what it means for the human spirit when the full moon shines down from the sky. Easter is celebrated on the Sunday following the first full moon of spring—that is, the full moon that occurs after the beginning of spring, after March 21. So the determination of the date for Easter depends on the positions of the Sun and the Moon. In other words, here on Earth we celebrate a festival that is determined by cosmic relationships.

[ 7 ] Was erklärt eigentlich die menschliche Seele, indem sie eine solche Festsetzung des Osterfestes vornimmt? Sie erklärt implicite damit: hier auf dieser Erde soll nicht alles nach bloß irdischen Verhältnissen geregelt sein, sondern es soll wenigstens dasjenige, was die Seele am tiefsten berührt, sich richten auch nach außerirdischen Verhältnissen. Hinschauen soll der Mensch auf das Symbolum der Unsterblichkeit: Grablegung und Auferstehung. Der Gedanke der Unsterblichkeit des Lebendigen, des Durchgehens der Seele durch die Todespforte, das soll dem Menschen im Bilde vorgeführt werden, sei es im Kultusbilde, wie im katholischen Kultus, sei es mehr im Gedanken, wie in anderen Konfessionen — darauf kommt es ja für die heutige Zeit schon weniger an. Aber indem der Mensch dieses Bild von der Grablegung und Auferstehung in seiner Seele walten läßt, soll dieses Bild so walten, daß, wenn die Seele dieses Bild in sich hat, die Zeit ist, in welcher Sonne und Mond in der entsprechenden Konstellation gestanden haben, wie es eben aus der Kalendereinteilung ja immer ersichtlich ist. Ein Protest der menschlichen Seele, daß der Hinblick auf ein so wichtiges Symbolum sich nicht bloß unter irdischen Umständen vollziehen soll! Eine Anerkennung, daß dieser Hinblick auf dieses Symbolum gebunden sein soll an kosmische, an außerirdische Verhältnisse!

[ 7 ] What, in fact, is the human soul expressing by establishing the date of Easter in this way? It is thereby implicitly stating: here on this earth, not everything should be governed by merely earthly circumstances; rather, at least that which touches the soul most deeply should also be guided by otherworldly circumstances. Humanity is to look upon the symbol of immortality: burial and resurrection. The idea of the immortality of life, of the soul’s passage through the gate of death—this is to be presented to humanity in an image, whether in a liturgical image, as in the Catholic liturgy, or more in thought, as in other denominations—though that is of less importance in today’s world. But as human beings allow this image of burial and resurrection to take hold in their souls, it should do so in such a way that, when the soul holds this image within itself, it corresponds to the time when the sun and moon were in the appropriate constellation, as is always evident from the calendar division. A protest from the human soul that the contemplation of such an important symbol should not take place merely under earthly circumstances! A recognition that this contemplation of this symbol should be bound to cosmic, to extraterrestrial conditions!

[ 8 ] Liegt diesem Gedanken, so dürfen wir fragen, eine Wirklichkeit zugrunde? Wir sind nur zu wenig geneigt, durch die Verführungen und Versuchungen der materialistischen Zeit heute, überhaupt den Gedanken der wahren Wirklichkeit zu fassen. Die Menschen werden sich heute ja, je materialistischer sie sind, desto mehr dem Wahne hingeben, daß sie die wahre Wirklichkeit ins Auge fassen. Warum sind denn die Menschen solche Materialisten? Aus dem Grunde sind sie es, weil sie dasjenige, was nicht materiell ist, nicht Wirklichkeit nennen. Gerade aus dem Wahn heraus, daß sie die Wirklichkeit erfassen, sind die Leute heute materialistisch gesinnt. Gewiß, und dennoch, im Grunde betrachtet, in Wahrheit betrachtet, muß man sagen, daß durch nichts der Mensch so sehr von der Wirklichkeit wirklich abgelenkt wird, als durch den Materialismus. Ein einfacher Gedanke kann uns das klar machen. Sie sitzen jetzt alle hier und hören dasjenige an, was ich spreche. Nun, dasjenige, was ich jetzt eben gesprochen habe, ist ja noch nicht so arg wie manches, was ich in anderen Vorträgen gesprochen habe, ich meine arg für den materialistisch Denkenden. Denken Sie sich nun Sie alle ersetzt durch recht materialistische Denker, sagen wir zum Beispiel aus dem Monistenbund. Würde nicht, ganz real betrachtet, in diesem Saale etwas ganz anderes vorgehen durch Menschenseelen, wenn hier lauter Monistenbündler jetzt zuhörten statt Ihrer? Warum denn? Wenn Sie auf die Realitäten schauen, auf dasjenige, was in den Seelen lebt, müssen Sie doch zugeben: Ganz anderes würde vorgehen, wenn hier lauter Monistenbündler säßen. Warum denn? Nun, Sie werden ja zugeben, rein abstrakt-hypothetisch, nicht in Wirklichkeit, könnte man ja auch sagen: es hätte Sie Ihr Karma führen können, statt hierher, in irgend einen Monistenbund. Es hat Sie nicht dahin geführt, deshalb ist das Ganze selbstverständlich hypothetisch und eine unwirkliche Annahme. Aber man könnte sie in abstracto doch machen, diese Annahme. Dann würde es aber doch wirklich nicht zu viel gesagt sein, wenn behauptet wird, es hörte in Ihren Leibern etwas ganz anderes zu, als jetzt zuhört, da Sie schon anderes aus unserer Geisteswissenschaft aufgenommen haben. Wahrhaftig, dasjenige, was wir im Laufe des Lebens entwickeln, das hört mit zu, das klingt immer mit au. Und man darf sagen, mit vielen oder den meisten von Ihnen hört dasjenige mit zu, was in Ihrer Seele sich eingelebt hat im Verlaufe der Zeit, die Sie mit der Strömung der Geisteswissenschaft verlebt haben. Der Mensch wird durch dasjenige, was er lebt, was er erlebt, fortwährend etwas anderes. So in abstracto von dem Menschen im allgemeinen zu sprechen, ist eine Unwirklichkeit. Es ist gar kein Wirklichkeitsgedanke, von dem Menschen im allgemeinen zu sprechen. Sobald man auf die Realitäten geht, kommt man darauf, wie unwirklich man eigentlich ist, wenn man dasjenige nur betrachtet, was heute der Mensch so vielfach im Auge hat, wenn er vom Menschen spricht: wenn er als Anthropologe spricht, nicht als Anthroposoph.

[ 8 ] Is there, we might ask, any reality underlying this idea? We are simply too reluctant—due to the seductions and temptations of today’s materialistic age—to even grasp the concept of true reality. Indeed, the more materialistic people are today, the more they succumb to the delusion that they are grasping true reality. Why, then, are people such materialists? They are so because they do not call that which is not material “reality.” It is precisely because of the delusion that they are grasping reality that people today are materialistically minded. Certainly, and yet, when viewed from the bottom up, when viewed in truth, one must say that nothing distracts human beings so much from reality as materialism. A simple thought can make this clear to us. You are all sitting here now, listening to what I am saying. Well, what I have just said is not nearly as bad as some of the things I have said in other lectures—I mean, bad from the perspective of the materialist thinker. Now imagine that all of you were replaced by thoroughly materialistic thinkers—let’s say, for example, members of the Monist League. Wouldn’t something entirely different be taking place in this hall, in terms of human souls, if a group of Monist League members were listening here instead of you? Why is that? If you look at the realities—at what lives within the souls—you must admit: something entirely different would be taking place if this room were filled with nothing but members of the Monist League. Why is that? Well, you’ll admit that, purely in the abstract and hypothetically—not in reality—one could also say: your karma could have led you, instead of here, to some Monist League. It did not lead you there, so the whole thing is, of course, hypothetical and an unreal assumption. But one could still make this assumption in the abstract. Then, however, it really would not be an exaggeration to claim that something quite different is at work in your bodies than what is at work now, since you have already absorbed other teachings from our Spiritual Science. Truly, what we develop in the course of our lives is always present; it always resonates within us. And one may say that, for many or most of you, what is present is that which has taken root in your soul over the course of the time you have spent following the current of Spiritual Science. Through what a person lives and experiences, they are constantly becoming something different. To speak in the abstract about human beings in general is an unreality. It is not at all a realistic concept to speak of human beings in general. As soon as one turns to realities, one realizes how unreal one actually is when one considers only what people today so often have in mind when they speak of human beings—when they speak as anthropologists, not as anthroposophists.

[ 9 ] Nun sehen Sie, das ist leicht für Sie zu übersehen und zu beurteilen, was, man möchte sagen, an Ihrer Seele geprägt hat das Geisteswissenschaftliche. Aber an dieser Seele prägt viel mehr, viel, viel anderes prägt an dieser Seele. An den Menschenseelen prägt wahrhaftig vieles, und Sie brauchen nur zu bedenken, daß eben ein Unterbewußtes, ein Astrales, mit der Menschenseele verbunden ist, und Sie werden sich sagen: Was nun von der Welt draußen hineinspielt in die Menschenseele, ohne daß man es weiß, weil es unterbewußt bleibt, ist vielleicht das weitaus Bedeutungsvollste, Kräftigste. Manchmal lassen die Menschen so etwas anklingen von einem leisen Bewußtsein, manchmal auch von einem unendlich liebenswürdigen Bewußtsein davon, daß in ihre Unterseele mancheshereinspielt, das sogar nicht einmal irdisch ist. Wer kennt sie nicht, die liebenswürdigen, schönen Dichtungen, die Liebesdichtungen, die anknüpfen an den Mondenschein und die ein leis-liebenswürdiges Bewußtsein davon verraten, daß die Unterseele, die unbewußte Seele wohl in einem Zusammenhange steht mit dem Nichtirdischen, das vom Mondenlichte, im Mondenlichte erglänzt. Versuchen Sie einmal, mit Ihrer Seele sich zu vergegenwärtigen, wieviel in der Lyrik enthalten ist von den im Mondenschein spazierengehenden Liebesleuten und wie da leise-liebenswürdig anklingt das feine Weben des silbernen Mondenscheins. Und niemand wird behaupten wollen, daß die Menschenseele anzugeben wisse mit ihrem doch nun gewiß in bezug auf solche Sachen groben Oberbewußtsein, was eigentlich durchwebt und durchwallt diese Menschenseele vom Mondenschein herein. Ein ganz grobklotziger Materialist wird natürlich sagen: Na, der Mond hat mit diesen Liebesgefühlen nichts zu tun. — Aber auf solch grobklotzige Einwände wollen wir uns heute nicht weiter einlassen, sondern wollen da doch mehr vertrauen auf das leise-liebenswürdige Ins-Bewußtsein-herauf-Walten derjenigen, die als Liebeslyriker gesungen und gesagt haben. Da ist also, ich möchte sagen, so etwas wie ein Strahl des Hereinleuchtens in das Bewußtsein davon, daß wirklich Kosmisches, Außerirdisches mit dem unterbewußten Weben und Walten der Menschenseele zu tun hat. Und wenn Sie sich erinnern an das am Donnerstag Gesagte und wiederum am Sonnabend öffentlich Gesagte von dem Walten und Weben des Volksseelenelements in das menschliche Seelenleben, dann werden Sie sich ja sagen müssen, daß dieses Volksseelenelement auch viel mehr im Unterbewußtsein waltet als im Bewußtsein. Denn dasjenige, was oftmals über das Walten des Volksseelenelements aus dem Unterbewußten in das bewußte Leben heraufsteigt und in Begriffe gebracht wird, — na, das ist auch danach!

[ 9 ] Now, you see, it is easy for you to overlook this and to judge what, one might say, has been imprinted on your soul by Spiritual Science. But much more—much, much else—is imprinted on this soul. Truly, many things shape the human soul, and you need only consider that a subconscious, an astral realm, is connected to the human soul, and you will say to yourself: What flows into the human soul from the outside world without one’s knowledge—because it remains subconscious—is perhaps by far the most significant and powerful. Sometimes people hint at this through a faint awareness, and sometimes through an infinitely charming awareness, that many things—some of which are not even of an earthly nature—flow into their subconscious. Who is not familiar with those lovely, beautiful poems—the love poems—that draw on the moonlight and reveal a gentle, endearing awareness that the inner soul, the unconscious soul, is indeed connected to the non-earthly realm that shines from the moonlight and in the moonlight? Try, with your soul, to imagine how much of the lovers strolling in the moonlight is contained in poetry, and how the delicate weaving of the silvery moonlight resonates there so softly and charmingly. And no one would dare claim that the human soul, with its—admittedly, in such matters—crude outer consciousness, knows exactly what it is that actually interweaves and surges through this human soul from the moonlight. A thoroughly crude materialist will, of course, say: “Well, the moon has nothing to do with these feelings of love.”—But we do not wish to dwell further today on such crude objections; rather, we want to place more trust in the gentle, charming way in which these feelings rise into consciousness—as expressed by those who have sung and spoken as love poets. So there is, I would say, something like a ray of light shining into our consciousness—the realization that something truly cosmic, something beyond Earth, is connected to the subconscious weaving and working of the human soul. And if you recall what was said on Thursday—and again publicly on Saturday—about the working and weaving of the national soul element into human soul life, then you will have to admit that this national soul element is at work far more in the subconscious than in the conscious mind. For what often rises from the subconscious into conscious life through the influence of the national soul element and is expressed in concepts—well, that is also a result of it!

[ 10 ] Wahrhaftig, in dem, was in den Tiefen unserer Seelen waltet und was nur leise anklingend in das Bewußtsein heraufsteigt, ist gerade dasjenige, was da im astralischen Leibe waltet und webt, das Wichtige, das, was nicht irdisch ist. Und derjenige, dessen Seele geöffnet wird für die Eindrücke der geistigen Welt, der weiß: Unsere Erde ist nicht nur dadurch etwas anderes im Frühling und im Herbste, daß im Frühling die Vegetation herausschießt und im Herbste geerntet wird, sondern der Erdenfleck, der überleuchtet wird vom Mondenlichte, ist etwas anderes als die Erde, wenn sie nicht überleuchtet wird vom Mondenlicht. Wir müssen uns vorstellen, daß ja nicht bloß da oben im Himmelsraum schwebt die silberne Kugel oder die silberne Sichel, sondern daß ein Lichtgewebe um uns ist, das geistig ist, in dem wir selber mit unseren Seelen leben und weben und schwimmen, wie wir mit unserem Körper im Wasser schwimmen, wenn wir das tun. Und anders wird immer dasjenige, was da in der Erde oder um die Erde webt und lebt, je nachdem der Mond in diesem oder jenem Verhältnisse zur Sonne ist.

[ 10 ] Truly, what reigns in the depths of our souls—and what rises only faintly into our consciousness—is precisely that which reigns and weaves within the astral body: the important, the non-earthly. And the one whose soul is opened to the impressions of the spiritual world knows this: Our Earth is not only different in spring and autumn because vegetation sprouts in spring and is harvested in autumn, but the patch of Earth bathed in moonlight is different from the Earth when it is not bathed in moonlight. We must create a mental image in which it is not merely the silver sphere or the silver crescent that floats up there in the heavens, but that there is a web of light around us—a spiritual one—in which we ourselves live, weave, and swim with our souls, just as we swim with our bodies in water when we do so. And whatever weaves and lives within the Earth or around it always changes, depending on the Moon’s position in relation to the Sun.

[ 11 ] Diese Sonne steht nach dem 21. März in einem ganz anderen Verhältnisse zur Erde als vor dem 21. März. Und dasjenige, was uns als Sonnenlicht vom Monde auf die Erde zurückgestrahlt wird, ist daher nach dem 21. März etwas ganz anderes als dasjenige, was vorher zurückgestrahlt wird. Der erste Vollmond nach Frühlingsbeginn, der die erste Stärke der wiedererstandenen, der wieder auferstandenen Sonne uns zurückgibt, ist etwas anderes, als jeder andere Vollmond. Unser Astralisches also wäre nicht dasselbe, wenn es, sagen wir, im Dezember auf das Symbolum der Grablegung und Auferstehung hinblicken würde, als wenn es in der Woche nach Frühlings-Vollmond hinblickt: etwas ganz anderes ist unsere Seele in dieser Zeit. Wenn unsere Seele im Kleinen schon etwas anderes ist dadurch, daß wir etwas Geisteswissenschaft aufgenommen haben und nicht Monistenbündler sind, so ist unsere Seele dann etwas wesentlich anderes im Mondenlichte nach der Frühlings-Sonnenwende, als, sagen wir, nach der Winter-Sonnenwende. Unsere Seele kann daher etwas anderes erleben zu dieser Zeit, als zu einer anderen Zeit. O meine lieben Freunde, wenn der Mensch nur bedenken möchte, was er eigentlich ist, womit er eigentlich zusammenhängt! Der Mensch würde dann mit einer ungeheuren Pietät von dem Göttlichen in sich selber sprechen. Und das Sprechen von dem Göttlichen in sich selber würde ihn gerade nicht hochmütig, sondern recht bescheiden machen, da dann über ihn kommen würde der Gedanke: Was, was ist eigentlich in der Welt alles notwendig, damit dieses Wesen, als das er selber sich erscheint, in der Welt dasteht.

[ 11 ] After March 21, the Sun is in a completely different relationship to the Earth than it was before March 21. And the sunlight that is reflected back to Earth from the Moon is therefore, after March 21, something entirely different from what was reflected before. The first full moon after the beginning of spring, which reflects back to us the initial power of the reborn, the resurrected Sun, is different from any other full moon. Our astral nature, then, would not be the same if, say, in December it were to look toward the symbol of the burial and resurrection as it is when it looks toward the week following the spring full moon: our soul is something entirely different during this time. If our soul is already somewhat different on a small scale simply because we have taken in some Spiritual Science and are not followers of monism, then our soul is essentially different in the moonlight after the spring equinox than, say, after the winter solstice. Our soul can therefore experience something different at this time than at any other time. O my dear friends, if only human beings would pause to consider what they actually are, and with what they are actually connected! They would then speak of the divine within themselves with immense reverence. And speaking of the divine within oneself would not make one arrogant, but rather quite humble, for the thought would then come to them: What, what is actually necessary in the world for this being—as they themselves appear to be—to exist in the world?

[ 12 ] Wenn Geisteswissenschaft heute auftritt, so ist es neben vielen anderen Gründen auch aus diesem heraus, daß der Gesichtskreis der Menschen wieder erweitert werde, der so eingeschränkt worden ist unter der materialistischen Entwickelung. Erweitert wird wirklich das Denken, das Empfinden, das Wollen, das Fühlen der Seele, wenn man die Gedanken der Geisteswissenschaft in wirklichem, echtem Sinne aufnimmt. Man macht sich heute nur viel zu wenig klar, daß die materialistische Entwickelung wirklich nicht bloß dasjenige gebracht hat, was man den Materialismus nennt, sondern daß diese materialistische Entwickelung noch ganz anderes gebracht hat, gebracht hat vor allen Dingen, ich möchte sagen, die Verkürzung des Gedankenlebens. Die Gedanken sind alle klein geworden; sie müssen wieder groß werden. Es muß wiederum die Möglichkeit entstehen unter den Menschen, die Dinge in großen Zusammenhängen zu sehen. Ich möchte, daß man fühlt, daß bei alledem, was zusammenhängt zum Beispiel mit denjenigen Künsten, wo der Mensch selber mit als Material wirkt — und das ist ja schließlich der Fall fast bei allen Künsten —, zu einem tieferen Verständnisse wirklich führen kann ein solcher Gedanke, wie er aus der Geisteswissenschaft heraus am letzten Sonnabend klar gemacht worden ist. Denken Sie sich einmal, wenn dem Menschen wiederum klar werden kann, wie er eigentlich aus zwei Gliedern besteht: aus dem Haupte, das auf einer viel späteren Entwickelungsstufe steht, das gewissermaßen schon mehr verhärtet ist als der übrige Organismus, der auf einer weniger weitgehenden Entwickelungsstufe steht. Denken Sie, was daraus alles hervorgeht für das Zusammenwirken dieses außer dem Haupte befindlichen menschlichen Organismus mit dem Organismus des Hauptes selber. Wenn wir eine Hand bewegen, führen wir eben eine Bewegung aus. Ja, diesen Händen liegt der Ätherleib zugrunde, der führt diese Bewegung mit aus. Was geschieht, wenn ich Handbewegungen mache? Ich habe es hier schon einmal auseinandergesetzt: Die Hände, die physischen Hände und die Ätherhände, führen die gleichen Bewegungen aus. Wenn ich denke, so führen der linke und der rechte Hirnlappen als Ätherkopf auch Bewegungen aus, die ganz ähnlich sind den Handbewegungen. Aber das Physische wird gefesselt, ist in der festen Hirnschale eingeschlossen, ist ein gefesselter Prometheus. Und darauf beruht das Denken. Würde nicht durch äußere Fesselung, sondern durch organische Fesselung der Mensch schon jetzt so sein, wie er sein wird, wenn die Erde einmal zugrunde gegangen und der Jupiter da sein wird, wo seine Arme ebenso gefesselt sein werden wie jetzt sein Hirnlappen ist, so würde auch von der Bewegung der Hände das zurückbleiben, was Denken ist.

[ 12 ] When Spiritual Science emerges today, it is—among many other reasons—also for the purpose of broadening people’s horizons once again, horizons that have become so narrow under the influence of materialistic development. Thinking, perception, volition, and the soul’s feelings are truly broadened when one takes in the ideas of Spiritual Science in a genuine, authentic sense. People today simply do not realize nearly enough that materialistic development has not merely brought about what is called materialism, but that this materialistic development has also brought about something quite different—above all, I would say, the narrowing of intellectual life. Thoughts have all become small; they must become great again. The possibility must once more arise among people to see things in broad contexts. I would like people to feel that, in everything connected, for example, with those arts in which the human being himself acts as a material—and this is, after all, the case in almost all arts—such a thought as was clarified last Saturday from the perspective of Spiritual Science can truly lead to a deeper understanding. Just imagine, if people could once again realize how they actually consist of two parts: the head, which is at a much later stage of development and is, in a sense, already more rigid than the rest of the organism, which is at a less advanced stage of development. Think of all that this implies for the interaction between this part of the human organism—which lies outside the head—and the organism of the head itself. When we move a hand, we are performing a movement. Indeed, these hands are underpinned by the etheric body, which helps carry out this movement. What happens when I make hand movements? I have already explained this here before: The hands—the physical hands and the etheric hands—perform the same movements. When I think, the left and right cerebral hemispheres, as the etheric head, also perform movements that are very similar to hand movements. But the physical aspect is bound; it is enclosed within the solid skull; it is a bound Prometheus. And this is the basis of thinking. If human beings were not bound by external restraints but by organic restraints—if they were already now as they will be once the Earth has perished and Jupiter is in a position where their arms will be just as bound as their cerebral hemispheres are now—then what constitutes thinking would also remain from the movement of the hands.

[ 13 ] Aber ich will an einem viel konkreteren Beispiel Ihnen zeigen, was Ihnen gerade vielleicht aus unserer Zeitgeschichte heraus einiges klar machen kann: wie bei den besten Menschen unseres Zeitalters die Gedanken kurz gemacht worden sind, so daß man wirklich mit . dem Gedanken im Raum und in der Zeit nur mehr Kurzes übersieht, während dasjenige, was wir vor allem brauchen, ist, daß die Gedanken wiederum groß werden, daß sie wiederum vieles überschauen können. Ich will es Ihnen an einem Beispiel klar machen.

[ 13 ] But I want to use a much more concrete example to show you something that might help clarify a few things for you in light of our contemporary history: just as the thoughts of the finest people of our age have been reduced to brevity, so that one can really only grasp brief glimpses of thought in space and time, whereas what we need above all is for thoughts to become grand again, so that they can once more take in the big picture. I’d like to illustrate this with an example.

[ 14 ] Sehen Sie, vor seinem Selbstbewußtsein war Eduard von Hartmann, der Philosoph des Unbewußten, gar kein materialistischer Denker, er hielt sich durchaus nicht für einen Materialisten. Aber darauf kommt es weniger an, sondern darauf kommt es an, ob unsere Denkgewohnheiten materialistisch sind. Man kann eine ganz idealistische Philosophie begründen, und kann dennoch ganz materialistische Denkgewohnheiten haben, und diese Denkgewohnheiten bewirken dann, ob man kurztragende oder weittragende Gedanken hat. Nun, Eduard von Hartmann hat unter anderem, nämlich unter vielem verdienstlichen Philosophischen, auch mancherlei Politisches geschrieben, und ich darf Eduard von Hartmann hier anführen, weil er als politischer Schriftsteller — er wurde wirklich zu seiner Zeit als politischer Schriftsteller sehr geschätzt — im eminentesten Sinne das war, was man nennen muß einen allerbesten deutschen, ja preußischen Patrioten. Das war Eduard von Hartmann. Niemand wird zweifeln können, daß Eduard von Hartmann dieses war, der zum Beispiel gewisse Briefe, die ja auch veröffentlicht sind, von ihm liest, worin er schreibt von dem Jahre 1866: Und wenn der Dänische Krieg und dasjenige, was darauf folgt, zunächst unglücklich verlaufen müßte, — ich glaube, daß Preußen die Vorherrschaft bekommen muß innerhalb Deutschlands, einfach weil es eine Notwendigkeit ist der IdeenEntwickelung. — Also, ich meine, man kann Eduard von Hartmann in dem Sinne als einen allerinnerlichst gesinnten Patrioten nennen. Nun hat er so in den achtziger Jahren, 1889, über die allgemeine europäische Weltlage sehr schöne Aufsätze geschrieben. Sie wurden dazumal viel gelesen und unterlagen ja selbstverständlich dem Schicksal, dem heute alles, was geschrieben wird, unterliegt, ob es gut ist, ob schlecht: Die Dinge werden gelesen und vergessen. Heute werden diese Dinge, glaube ich, schon nicht mehr viel gelesen, die Eduard von Hartmann vor mehr als dreißig Jahren geschrieben hat. Er ging als Politiker nicht von abstrakten Ideen aus — das hat man auch anerkannt bei ihm —, nicht von allerlei Idealismen, sondern er war — Sie können das in unzähligen Rezensionen, die über seine politischen Bücher erschienen sind dazumal, lesen — im eminentesten Sinne das, was man realpolitisch nennt, das heißt ein Mensch, der mit den realen Verhältnissen gerechnet hat. Nun selbstverständlich, so weittragend waren Eduard von Hartmanns Gedanken, daß er sich vorgestellt hat die Konstellation der verschiedenen Großmächte Europas: Deutschlands, Österreichs, Italiens, Frankreichs, Englands, Rußlands, das alles, dazwischen die verschiedenen kleineren neutralen Staaten, und er hat nichts unterlassen, um genaue Studien hinter sich zu haben, wenn er einen Aufsatz geschrieben hat über die verschiedenen politischen Interessen dieser einzelnen Staaten. Nun hat er sich eine Idee gemacht in einem bemerkenswerten Aufsatz, der aus dem Jahre 1888 stammt — 1889 ist er schon in Buchform erschienen —, hat sich Vorstellungen gemacht, wie die für Europa beste politische Konstellation sein müßte. Ich setzte voraus, daß er ein guter, nicht nur deutscher, sondern sogar preußischer Patriot war, also selbstverständlich vom Standpunkte des preußischen Patrioten aus gesprochen hatte. Da hat er denn als das Beste für Deutschland und Europa hinzustellen versucht an Bündnissen, die sich entwickeln müßten, und das Heil von Deutschland und von Europa, mit einem möglichst mächtigen Deutschland darinnen, hat er gesehen in der Entstehung eines Bündnisses: Schweiz, Belgien, Holland unter englischer Führung als ein gemeinsamer Neutralitätsbund, der am allersichersten dasjenige hervorbringen müßte, was gerade ein deutsch-preußischer Patriot ersehnen und erhoffen kann — 1889!

[ 14 ] You see, in his own view, Eduard von Hartmann—the philosopher of the unconscious—was not at all a materialist thinker; he certainly did not consider himself a materialist. But that is less important; what matters is whether our habits of thought are materialistic. One can establish an entirely idealistic philosophy and yet have entirely materialistic habits of thought, and these habits of thought then determine whether one’s ideas are short-sighted or far-reaching. Now, Eduard von Hartmann wrote, among other things—namely, alongside much commendable philosophical work—various political works as well, and I may cite Eduard von Hartmann here because, as a political writer—he was indeed highly esteemed in his time as a political writer—he was, in the most eminent sense, what one must call a very best German, indeed Prussian, patriot. That was Eduard von Hartmann. No one can doubt that Eduard von Hartmann was this, as anyone who reads, for example, certain letters of his—which have, in fact, been published—in which he writes about the year 1866: And even if the Danish War and what follows it were to turn out unfavorably at first—I believe that Prussia must attain supremacy within Germany, simply because it is a necessity for the development of ideas.—So, I mean, one can call Eduard von Hartmann, in this sense, a patriot of the most deeply felt kind. Now, back in the 1880s, in 1889, he wrote some very fine essays on the general European situation. They were widely read at the time and, of course, were subject to the same fate that everything written today is subject to, whether it is good or bad: things are read and then forgotten. Today, I believe, these works—which Eduard von Hartmann wrote more than thirty years ago—are no longer read very much. As a politician, he did not proceed from abstract ideas—a fact that was widely acknowledged about him—nor from all sorts of idealism; rather, he was—as you can read in the countless reviews that appeared at the time regarding his political books—in the most eminent sense what is called a “realist,” that is, a person who took real circumstances into account. Now, of course, Eduard von Hartmann’s thoughts were so far-reaching that he had a mental image of Europe’s various great powers—Germany, Austria, Italy, France, England, Russia, and so on—with the various smaller neutral states in between, and he spared no effort to conduct thorough research whenever he wrote an essay on the various political interests of these individual states. In a remarkable essay dating from 1888—which was already published in book form in 1889—he set forth his mental images of what the best political constellation for Europe should be. I assumed that he was a true patriot—not merely German, but even Prussian—and thus, naturally, had spoken from the standpoint of a Prussian patriot. He therefore sought to present as the best course for Germany and Europe the alliances that would need to develop, and he saw the salvation of Germany and Europe—with Germany as powerful as possible within it—in the formation of an alliance: Switzerland, Belgium, and the Netherlands under English leadership as a common neutral alliance, which would most certainly bring about precisely what a German-Prussian patriot could long for and hope for—in 1889!

[ 15 ] Die Schweiz, Belgien, Holland, vereinigt unter englischer Führung! Nun bitte ich Sie, die Sache doch mit vollem Ernste anzusehen und dasjenige damit zu vergleichen, was die Leute heute schon sagen müssen, nachdem nur das eine, ich möchte sagen, halb zustande gekommen war vor diesen kriegerischen Ereignissen: Belgien unter Englands Führung! Eduard von Hartmann ersehnte Belgien und die Schweiz und Holland unter englischer Führung! Es ist interessant, an einem solchen konkreten Beispiel zu sehen — und wenn man die Gebiete des Lebens nehmen würde, so würde man unzählige Beispiele für diese und ähnliche Verhältnisse aufzählen können —, wie gescheite Menschen vor dreißig Jahren gedacht haben und sich zu fragen: was denken gescheite Menschen heute? Sie sind ja alle gescheit, die Menschen, selbstverständlich! Aber wieviel umfaßt denn solch ein gescheiter Gedanke? Wie lange ist er richtig? Und kommt es nicht bei einem Gedanken doch darauf an, daß man mit dem Gedanken in der Realität, in der Wirklichkeit drinnen steht, daß der Gedanke wirklich so ist, daß er unser Handeln, unser ganzes Sein in der Welt tragen kann? Sie merken, was ich sagen will: Die ganze Entwickelung, die man als Zeitalter des Materialismus schildern kann, die bringt den Menschen kurze Ge danken, Gedanken, die, wenn sie sich auf Zeitverhältnisse beziehen, vielleicht kaum für zwei, drei Jahrzehnte irgendwie gültig sind. Man darf diese Methode der kurzen Gedanken nur nicht anwenden, wenn die Menschen genötigt sind, längere Zeiträume ins Auge zu fassen. Solche politischen Urteile, wie die von Eduard von Hartmann, braucht man ja nach dreißig Jahren vielleicht nicht mehr anzuschauen, wenn man ein Buch über Eduard von Hartmann schreibt, nicht wahr? Denn es werden heute schon ziemlich viele Bücher geschrieben, ohne daß man alles dasjenige zu Rate zieht, was man zu Rate ziehen sollte.

[ 15 ] Switzerland, Belgium, and the Netherlands, united under English leadership! Now I ask you to consider this matter with the utmost seriousness and to compare it with what people are already saying today, even though only one—I would say half—of these things had come to pass before these warlike events: Belgium under English leadership! Eduard von Hartmann longed to see Belgium, Switzerland, and the Netherlands under English leadership! It is interesting to see, using such a concrete example—and if one were to consider the various spheres of life, one could list countless examples of these and similar situations—how intelligent people thought thirty years ago, and to ask oneself: what do intelligent people think today? They are all intelligent, of course! But how much does such an intelligent thought actually encompass? How long does it remain valid? And doesn’t it ultimately come down to this with a thought: that one stands within reality, within the actual world with that thought, that the thought is truly such that it can sustain our actions, our entire existence in the world? You see what I mean: the entire development—which can be described as the age of materialism—brings people short-lived thoughts, thoughts that, when they relate to temporal circumstances, are perhaps valid for no more than two or three decades. One simply must not apply this method of short-lived thoughts when people are compelled to consider longer time periods. After all, political judgments such as those of Eduard von Hartmann may no longer need to be considered thirty years from now when writing a book about Eduard von Hartmann, right? For even today, quite a few books are being written without consulting everything that ought to be consulted.

[ 16 ] Nun aber, auf einem anderen Gebiete sind die Menschen sehr genötigt, auf eine längere Dauer der Urteile zu achten. Das ist zum Beispiel bei den Heilmitteln. Bei den Heilmitteln geht es nicht so leicht wie bei den politischen Beurteilungen der Lage. Und dennoch: Der medizinisch gut durchgebildete Philosoph Lotze hat mit vollem Rechte ausgesprochen, daß die Begeisterung, die für ein Heilmittel sich geltend macht, in der Regel fünf Jahre dauert, wenn dieses Heilmittel in der heutigen Zeit gefunden wird, und daß dann nicht nur die Begeisterung schwindet, sondern auch sehr bald jener ungeheure Kultus, der mit dem betreffenden Heilmittel getrieben wird. Das merken die Menschen schon etwas mehr als bei politischen Beurteilungen. Und Gustav Theodor Fechner, der ein geistreicher Mann war, hat in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts eine recht interessante Abhaudlung geschrieben. Dazumal war nämlich auch gerade ein neues Heilmittel aufgekommen, das Jod, Jodin, wie man sagte, und man hat allmählich angefangen, unzählige Krankheiten aufzuzählen, die durch Jodin geheilt werden können. Da hat denn Gustav Theodor Fechner eine nette Abhandlung geschrieben, in der er nach allen Regeln der Wissenschaft zu beweisen versuchte, daß der Mond aus Jodin bestehe, daß man also nur eine Methode brauche, das Mondenlicht einzufangen, dann würde man dieses Allheilmittel in einer wunderbaren Weise überall verwerten können. Gustav Theodor Fechner war, wie Sie wissen, später der Begründer einer naturwissenschaftlich gedachten Ästhetik, war der Begründer der Psychophysik, war überhaupt ein ausgezeichneter Physiker. Also wir dürfen ihn nicht unter die vertrakten Theosophen rechnen, nicht wahr? Fechner wird ja sogar von Leuten, die mit anderthalb Füßen in den Monistenbünden darinnen stehen, ernst genommen; die mit beiden Füßen darinnen stehen, nehmen ihn schon nicht mehr ernst. Überall zeigt sich eben eine gewisse Kürze des Urteils, ein gewisses Leben in Begriffen, die nicht weittragend sind.

[ 16 ] However, in another field, people are compelled to take a longer-term view when forming judgments. This is the case, for example, with remedies. With remedies, things are not as straightforward as with political assessments of the situation. And yet: Lotze, a philosopher with a thorough medical education, quite rightly observed that the enthusiasm surrounding a new remedy generally lasts five years if that remedy is discovered in the present day, and that not only does the enthusiasm fade, but so does—very soon—the immense cult surrounding the remedy in question. People are somewhat more aware of this than they are with political assessments. And Gustav Theodor Fechner, who was a man of wit, wrote a rather interesting treatise in the 1820s. At that time, a new remedy had just emerged—iodine, or “iodin,” as it was called—and people gradually began to list countless diseases that could be cured by iodine. So Gustav Theodor Fechner wrote a charming treatise in which he attempted, according to all the rules of science, to prove that the moon consists of iodine—that is, that one need only find a way to capture the moonlight, and then this panacea could be utilized everywhere in a marvelous way. Gustav Theodor Fechner was, as you know, later the founder of a scientifically conceived aesthetics, the founder of psychophysics, and an outstanding physicist in general. So we must not count him among the eccentric theosophists, must we? Fechner is even taken seriously by people who have one and a half feet in the monist movements; those with both feet in them no longer take him seriously. Everywhere, a certain narrowness of judgment is evident, a certain life in concepts that lack breadth.

[ 17 ] Insbesondere ist das der Fall, wenn man die Wissenschaft im heutigen Sinne mit derselben Methode heraufgehoben findet von dem, was eigentliche Naturwissenschaft ist, in das Geisteswissenschaftliche, das heißt in das, was man heute geisteswissenschaftlich nennt. Ja, da ist es ganz trostlos, und das einzige Mittel für die Menschen, diese Trostlosigkeit nicht zu bemerken, besteht darin, daß sie immer nur den einen Schriftsteller kennen lernen oder ein paar, die im gleichen Sinne schreiben und gar nicht das Riesenchaos wahrnehmen, das zum Beispiel entsteht, wenn man für dasselbe Gebiet ein paar Schriftsteller, Forscher, wie sie sich auch nennen, ins Auge faßt. Wenn Sie für dasjenige Gebiet, was man Völkerpsychologie oder Rassenpsychologie nennt, die hervorragendsten Schriftsteller wirklich einmal nehmen und nebeneinander lesen, da werden Sie — verzeihen Sie den harten Ausdruck — Augen machen, ungeheure Augen machen! So zum Beispiel kann man finden, daß die Menschen, indem sie eben die Denkweise, die heute gültig ist, auf die verschiedenen Völker Europas anwenden, indem sie rein wissenschaftlich — selbstverständlich «objektiv» — die Bevölkerung Mitteleuropas schildern, sie schildern als abstammend von den Germanen. Nun schildern sie die Germanen als mit allen möglichen Eigenschaften ausgestattet. Dann schildert, sagen wir, ein Franzose die Franzosen. Man hat ihm weisgemacht, daß diese zum Teil von den alten Kelten abstammen; da schildert er die Kelten. Und dann vergleicht man und findet, daß derjenige, der Mitteleuropa und in Mitteleuropa die Germanen beschreibt, dieselben Eigenschaften den Germanen zuschreibt, die der Franzose den alten Kelten zuschreibt. Das einzige, was die Leute nicht wissen, das ist, daß innerhalb Mitteleuropas viel mehr Keltentum lebt als innerhalb Westeuropas im Franzosentum, viel mehr Keltenelement. Das wissen nur die Menschen nicht.

[ 17 ] This is particularly the case when one finds that science, in the modern sense, has been elevated—using the same method—from what is actually natural science into the realm of Spiritual Science, that is, into what is today called Spiritual Science. Yes, the situation is quite bleak, and the only way for people to avoid noticing this bleakness is for them to become acquainted with only one writer—or a few who write in the same vein—and thus fail to perceive the immense chaos that arises, for example, when one considers a few writers or researchers—whatever they may call themselves—within the same field. If you were to actually take the most outstanding writers in the field known as ethnic psychology or racial psychology and read them side by side, you would—forgive the harsh expression—be amazed, utterly amazed! For example, one can find that people, by applying the way of thinking that is prevalent today to the various peoples of Europe, and by describing the population of Central Europe in a purely scientific—and, of course, “objective”—manner, portray them as descended from the Germanic peoples. Now they describe the Germanic peoples as endowed with all sorts of characteristics. Then, let’s say, a Frenchman describes the French. He has been led to believe that the French are partly descended from the ancient Celts; so he describes the Celts. And then one compares the two and finds that the person describing Central Europe—and within Central Europe, the Germanic peoples—attributes to the Germanic peoples the very same characteristics that the Frenchman attributes to the ancient Celts. The only thing people don’t know is that there is much more of a Celtic spirit alive within Central Europe than there is within Western Europe in the French spirit—much more of a Celtic element. It’s just that people don’t know this.

[ 18 ] Ja, man trifft noch viel gelungenere Einzelheiten. Da könnte ich Ihnen einen heute vielgenannten Völkerbeschreiber anführen. Nicht wahr, die Leute führen ja auch Beispiele einzelner Menschen an, insoferne sie aus diesem oder jenem Volkstume stammen. Da kommt zum Beispiel ein solcher Volksbeschreiber auf Byron zu sprechen. Er liebt Byron, das sieht man, aber nicht um etwas anderem willen als darum, weil er Byron ansieht und sagt: So wie Byron ist, sieht man, daß er eigentlich gar kein Engländer war, sondern eigentlich ein Deutscher. — Es steht ernsthaft in einem Buch über Volkspsychologie! Ein ganzer Deutscher ist Byron! Ein anderer, der wahrscheinlich Byron nicht so gern hat, schaut sich auch den Byron an, ist auch Volksseelen-Beobachter, von Beruf sogar, nennt sich solcher. Der findet: Byron ist so abstoßend, weil er ein Kelte ist. Es ist ein ganzer Kelte!

[ 18 ] Yes, one can find even more successful examples. I could cite a folklorist who is often mentioned these days. Isn’t that right? People do cite examples of individual figures, insofar as they stem from this or that folk tradition. For example, such a folklorist might bring up Byron. He loves Byron—that’s clear—but for no other reason than that he looks at Byron and says: “The way Byron is, you can see that he wasn’t really an Englishman at all, but actually a German.” — It’s actually written in a book on national psychology! Byron is a true German! Another person, who probably doesn’t like Byron very much, also looks at Byron; he, too, is an observer of folk-souls—even by profession—and calls himself such. He finds that Byron is so repulsive because he is a Celt. He is a true Celt!

[ 19 ] Ich könnte Ihnen unzählige solche Beispiele anführen, wo die Begriffe wirklich zeigen, wie wenig tragend sie sind. Wirklich, man kann sehen, wie wenig tragend die Begriffe sind, die an der heutigen sogenannten sicheren naturwissenschaftlichen Methode gewonnen werden, wenn sie heraufgetragen werden ins geistige Leben. Und denken Sie nur einmal, wie notwendig es dann ist, daß auf diesem Gebiete einmal der Geist einschlägt. Aber wie lange wird es dauern, bis man eine Seelenwissenschaft hat von der Art, wie ich versuchte, sie dem Ideale nach am letzten Donnerstag zu schildern. Und dennoch: nur eine solche Seelenwissenschaft kann verständlich machen, was eigentlich in Europa waltet, und kann auch die Verständigung bringen, die notwendig ist, wenn die Kultur Europas weitergehen soll.

[ 19 ] I could cite countless examples like this, where the concepts truly reveal how little substance they have. Indeed, one can see how little substance the concepts derived from today’s so-called reliable scientific method have when they are carried over into spiritual life. And just think for a moment how necessary it is, then, for the spirit to make its mark in this field. But how long will it take before we have a science of the soul of the kind I tried to describe in ideal terms last Thursday? And yet: only such a science of the soul can make understandable what is actually prevailing in Europe, and can also bring about the mutual understanding that is necessary if European culture is to continue.

[ 20 ] Es ist ja vieles in den letzten Kriegsmonaten geschrieben worden. Nun, ich weiß nicht, ob das Lesen die richtige Verwendung ist für alles dasjenige, was da geschrieben worden ist; aber unter dem mancherlei Guten, das ja auch geschrieben worden ist, dem relativ Guten, sind die Bücher des Schweden Kjellen. Da finden Sie ein ganz gutes Urteil im Zusammenhang mit dem, was gegenwärtig geschieht, ein allgemeineres Urteil, das dahin geht, daß man etwa dahin zusammenfassen kann: Wir haben es nach und nach in der Menschheitsentwickelung zu einer ungeheuer intensiven materiellen Kultur gebracht. Die lebt sich überall aus. Und nun wahrhaftig, der Geisteswissenschafter hat, wie ich oftmals sagte, keine irgendwie geartete Notwendigkeit, dieses Große der äußeren materiellen Kultur nicht anzuerkennen und zu betonen. Aber wenn man damit vergleicht dasjenige, was die Menschen an geistigen Werten hervorgebracht haben, so muß man sagen: Mit diesen geistigen Werten diese intensive materielle Kultur irgendwie zu bezwingen, zu beherrschen, ist ganz unmöglich. Und das ist das größte Leid unserer Zeit: die Unfähigkeit der Beherrschung desjenigen, was die materielle Kultur heraufgebracht hat, durch geistige Werte. Da muß Geisteswissenschaft die notwendigen Empfindungen und Gefühle wirklich erzeugen, die dahin gehen, daß man einsieht: Gegen die großen geistigen Gesetze der Weltenordnung läßt sich nicht sündigen! Die waltende Wahrheit fordert ihre Rechte. Man denke sich irgendein Gebiet materiell noch so glänzend ausgerüstet nach allen Richtungen hin und ohne geistige Werte, — dann wird dieses Materielle, sei es ein Staats- oder sonstiges Gebilde, nicht gedeihen können, weil der Gang der Welt so ist, daß jeder Körper eine Seele braucht. Und im einzelnen könnte ich Ihnen dies klar machen. Ich möchte ein Beispiel anführen, das uns vielleicht nahe liegen kann. Nicht wahr, es soll zunächst nichts irgendwie, von dem, was man tun soll oder was man denken soll über das zu Tuende, jetzt berührt werden, aber ich darf doch dieses uns naheliegende Beispiel anführen, zunächst nur, ich möchte sagen, um eben ein uns naheliegendes Beispiel vorzubringen.

[ 20 ] A great deal has been written during the final months of the war. Well, I don’t know if reading is the right way to engage with everything that has been written; but among the various good works—the relatively good ones, that is—are the books by the Swedish author Kjellen. There you will find a very sound assessment in connection with what is currently happening—a more general assessment that can be summarized as follows: In the course of human development, we have gradually brought about an immensely intense material culture. This is playing out everywhere. And truly, as I have often said, the person who practices Spiritual Science has no reason whatsoever not to acknowledge and emphasize the greatness of this external material culture. But when one compares it with what human beings have produced in terms of spiritual values, one must say: It is quite impossible to somehow subdue or master this intense material culture with these spiritual values. And that is the greatest suffering of our time: the inability to control what material culture has brought about through spiritual values. Here, Spiritual Science must truly generate the necessary perceptions and feelings that lead one to realize: One cannot sin against the great spiritual laws of the world order! The prevailing truth demands its rights. Imagine any realm, no matter how splendidly equipped in material terms in every respect, yet devoid of spiritual values—then this material realm, whether a state or any other entity, will not be able to flourish, because the course of the world is such that every body needs a soul. And I could make this clear to you in detail. I would like to cite an example that may be close to home for us. Isn’t it true that, for now, we should not touch on anything at all regarding what one ought to do or what one ought to think about what needs to be done? But I may nevertheless cite this example that is close to home for us—for now, I would say, simply to present an example that is close to home.

[ 21 ] Wir pflegen dasjenige, was uns Geisteswissenschaft ist, innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Diese Anthroposophische Gesellschaft unterscheidet sich von allen anderen Gesellschaften durch mannigfaltige Eigenschaften. Eine solche Gesellschaft, wie andere Vereine es sind, kann die Anthroposophische Gesellschaft, wenigstens unter den jetzigen Verhältnissen, nicht sein. Warum nicht? Aus einem einfachen Grunde! Was machen andere Vereine, wenn sie sich begründen? Sie machen Programme, und auf ein gewisses Programm hin vereinigt man sich, nicht wahr? Man drückt seine Zustimmung zu diesem Programm aus. Wenn man austritt, stimmt man nicht mehr mit dem Programm überein. Wenn sich der ganze Verein auflöst, so tun die Programmpunkte auch niemandem weh, nicht wahr. Man kann zusammengehen, kann wiederum auseinandergehen. Das ist der Fall bei jedem Mechanismus in der Welt. Weismann versuchte einmal, vom naturwissenschaftlichen Standpunkte aus den Organismus zu charakterisieren. Er brachte natürlich nur eine negative Eigenschaft zum Bewußtsein, aber diese negative Eigenschaft stimmt: Was ist ein Lebendiges? fragte Weismann. — Dasjenige, was, wenn es sich auflöst, einen Leichnam zurückläßt. — Es ist natürlich das Lebendige an sich nicht charakterisiert, aber man muß schon sagen, es ist etwas Richtiges daran, daß das Lebendige negativ dadurch charakterisiert ist, daß man einen Leichnam zurückläßt. Unsere Anthroposophische Gesellschaft ist ein Lebendiges wirklich schon dadurch, daß in den Händen unserer Mitglieder so und so viele Zyklen sind, von denen wir zunächst, so, wie die Gesellschaft ist, haben wollen, daß sie Nichtmitglieder in der Regel nicht in die Hände bekommen. Damit ist aber gegeben, daß das Austreten nicht so ohne weiteres geschehen kann, sonst nimmt ja der Betreffende alle Zyklen mit; aber davon will ich gar nicht sprechen. Jetzt kann man die Zyklen schon bei den Antiquaren kaufen! Sie sehen daraus, daß es schon — Beispiele davon sind vorgekommen — ins Auge gefaßt werden muß, daß die Anthroposophische Gesellschaft ein Organismus ist; denn denken Sie sich, wenn sich die Anthroposophische Gesellschaft auflöst, so läßt sie einen Leichnam zurück: die Zyklen sind ja da! Eine andere Gesellschaft, die nach mechanischen Grundsätzen aufgebaut ist, die kann sich auflösen, ohne einen Leichnam zurückzulassen: die Leute gehen auseinander, die Programmpunkte sind ja wirklich kein Leichnam, der zurückbleibt. Wie gesagt, in der jetzigen schweren Zeit kann nicht gedacht werden an Reformen oder an irgendwelche solche Dinge, aber was ich sagen will, ist etwas anderes. Glauben Sie nicht, meine lieben Freunde, daß man nun sagen kann: Nun ja, die Gesellschaft kann ja doch weiter bestehen, warum soll sie nicht weiter bestehen? — Dann besteht sie nicht in Wahrheit, lebt sie nicht in der Wahrheit! Wenn sie unter der Voraussetzung lebt, daß Zyklen nicht bei Antiquaren gekauft werden können, so lebt sie, wenn sie doch dort gekauft werden können, nicht in der Wahrheit, sondern in der Lüge. Das ist ja ganz selbstverständlich. Und für den Betrieb der Geisteswissenschaft ist Wahrheit, absolute Wahrheit notwendig. Darüber kann man sich hinwegsetzen im abstrakten Denken; aber derjenige, der da weiß, wie Wahrheit ein Reales ist, das in der Welt wirkt, der kann sich nicht darüber hinwegsetzen.

[ 21 ] We cultivate what we understand as Spiritual Science within the Anthroposophical Society. This Anthroposophical Society differs from all other societies in many ways. The Anthroposophical Society cannot be a society like other associations—at least not under the current circumstances. Why not? For one simple reason! What do other associations do when they are founded? They draw up programs, and people unite around a specific program, don’t they? They express their agreement with that program. When someone resigns, they no longer agree with the program. If the entire association dissolves, the program points don’t harm anyone, do they? People can come together, and they can go their separate ways again. That is the case with every mechanism in the world. Weismann once attempted to characterize the organism from a scientific standpoint. Of course, he brought only one negative characteristic to light, but this negative characteristic is accurate: “What is a living thing?” asked Weismann. — That which, when it disintegrates, leaves behind a corpse. — Of course, this does not characterize the living in and of itself, but one must admit there is some truth to the idea that the living is negatively characterized by the fact that it leaves behind a corpse. Our Anthroposophical Society is truly a living entity simply because our members possess a certain number of cycles, which—given the nature of the Society—we wish, for the time being, to keep out of the hands of non-members as a rule. This, however, means that resignation cannot happen so easily; otherwise, the person in question would take all the cycles with them—but I do not wish to speak of that at all. Now you can already buy the cycles at second-hand bookstores! You can see from this that we must already—and examples of this have occurred—take into account that the Anthroposophical Society is an organism; for just imagine: if the Anthroposophical Society were to dissolve, it would leave a corpse behind—the cycles are still there! Another society, one structured according to mechanical principles, can dissolve without leaving a corpse behind: the people go their separate ways; the program items are certainly not a corpse that remains. As I said, in these difficult times, we cannot think of reforms or anything of that sort, but what I want to say is something else. Do not believe, my dear friends, that one can now say: “Well, society can continue to exist after all—why shouldn’t it continue to exist?”—For then it does not truly exist; it does not live in truth! If it lives on the premise that cycles cannot be purchased from antiquarian booksellers, then—if they can in fact be purchased there—it does not live in truth, but in a lie. That goes without saying. And for the practice of Spiritual Science, truth—absolute truth—is necessary. One can disregard this in abstract thinking; but the one who knows how truth is a reality that acts in the world cannot disregard it.

[ 22 ] Das ist nun auch etwas, was in unsere Seelen hereinzieht, wenn Geisteswissenschaft in uns zur Empfindung wird, daß jeder Gedanke so gefühlt wird, wie er in der Wirklichkeit drinnen steht, während das abstrakte Denken, das dem Materialismus entspricht, wirklich sich nicht darum kümmert, wie ein Gedanke in der Wirklichkeit drinnensteht. Aber man macht ja wirklich eigentümliche Erfahrungen, wenn man versucht, Gedanken niederzuschreiben, sagen wir, die in der Wirklichkeit leben. Was macht man heute damit für Erfahrungen? Man macht die Erfahrungen, daß die Leute sie höchstens noch so nehmen, wie andere Gedanken, die zum Beispiel in der Zeitung stehen. Nicht wahr, sie brauchen ja nicht gleich einen solchen Realitätswert zu haben, wie ein langer Leitartikel des «Piccolo della Sera», der mir einmal in die Hand gekommen ist, der sich lang, lang ergossen hat über irgendeine Tatsache. Man konnte lesen und so recht — Entrüstung war es ja wohl, was man sich aneignen konnte, durch drei Spalten; und dann las man weiter: da war die ganze Sache dementiert! Man brauchte nicht einmal zu warten bis zum nächsten Abend auf das Dementi, es war im selben Blatt! Es braucht nicht so weit zu gehen, aber, wie gesagt, das Äußerste, was einem heute passieren kann, wenn man versucht, wahrhafte Gedanken, das heißt nicht nur solche Gedanken, von denen man glaubt, sondern von denen man weiß, daß sie im Wahren walten, hinzustellen, ist, daß die höchstens so genommen werden wie andere Sachen auch. Man liest sie so, wie man Zeitungen liest, die ja doch zumeist innerhalb 24 Stunden — zumeist — nur gelten. Ja, dieses Bewußtsein von der Verantwortung, mit seinen Gedanken drinnen zu leben in der Wirklichkeit, das ist etwas, was mit Geisteswissenschaft kommen muß. Und wenn der Ernst unserer Zeit uns zu etwas ermahnen soll, so ist es schon auch dieses: sich für seine Gedanken verantwortlich zu fühlen. Das alles, meine lieben Freunde, zeigt, wie eingeschränkt das Denken wird, wenn es sich nur auf das Bewußte, das ja zunächst an das Materielle gebunden ist, einschränken soll. Daher dürfen wir uns nicht verwundern, wenn diejenigen Kulturströmungen im Entwickelungsgange der Menschheit, welche tiefer eingreifen sollen als dasjenige, was das Alltagsleben ist, auch mit anderem rechnen wollen als mit dem, was nur auf das gewöhnliche Bewußtsein wirkt. Und so ist es immer gewesen mit den tieferen religiösen Kulturimpulsen. Warum kam denn in die Entwickelungsgeschichte der Menschheit so etwas hinein wie der Osterkultus? Und warum wurde denn dieser Osterkultus in Zusammenhang gebracht mit der Kosmologie, mit demjenigen, was sich draußen in den weiten Himmelsräumen abspielt zwischen Sonne und Mond? Weil der Mensch, wenn er nur auf die Erlebnisse der Erde beschränkt wäre, verfallen würde in die alleräußerste Kurzsichtigkeit sowohl im Denken wie im Fühlen wie im Wollen. Nur dadurch kann der Mensch größere Umschau erhalten für das Leben, kann seine Gedanken weiter machen, daß er in der richtigen Weise nun nicht nur sein physisches Ichbewußtsein eingliedert den irdischen Erlebnissen, sondern sein astralisches Unterbewußtsein eingliedert den großen kosmischen Ereignissen.

[ 22 ] This is also something that draws into our souls when Spiritual Science becomes a feeling within us—that every thought is felt exactly as it exists in reality, whereas abstract thinking, which corresponds to materialism, really does not care how a thought exists in reality. But one really does have peculiar experiences when one tries to write down thoughts—let’s say—that live in reality. What kind of experiences does one have with them today? One finds that people, at most, treat them just like any other thoughts, such as those found in the newspaper. Isn’t that right? After all, they don’t necessarily have to have the same “reality value” as a long editorial in the Piccolo della Sera that once fell into my hands, which went on and on at great length about some fact or other. You could read it—and what you really took away from it was probably indignation—across three columns; and then you read on: the whole thing had been denied! You didn’t even have to wait until the next evening for the denial—it was in the same paper! It doesn’t have to go that far, but, as I said, the worst that can happen to you today if you try to present true thoughts—that is, not just thoughts you believe to be true, but those you know to be true—is that they’ll be taken, at most, just like anything else. People read them the same way they read newspapers, which, after all, are usually valid for only 24 hours—usually. Yes, this awareness of responsibility—of living within reality through one’s thoughts—is something that must come with Spiritual Science. And if the gravity of our times is to admonish us to anything, it is precisely this: to feel responsible for one’s thoughts. All of this, my dear friends, shows how limited thinking becomes when it is confined solely to the conscious, which is, after all, initially bound to the material. Therefore, we should not be surprised that those cultural currents in the course of human development—which are meant to penetrate more deeply than everyday life—also seek to take into account factors beyond what merely affects ordinary consciousness. And so it has always been with the deeper religious cultural impulses. Why, then, did something like the Easter cult enter the history of human development? And why was this Easter cult associated with cosmology—with what takes place out there in the vast expanses of the heavens between the sun and the moon? Because if human beings were limited solely to earthly experiences, they would fall into the most extreme short-sightedness in their thinking, feeling, and willing. Only in this way can human beings gain a broader perspective on life and expand their thoughts—by correctly integrating not only their physical sense of self into earthly experiences, but also their astral subconscious into the great cosmic events.

[ 23 ] Wenn der allerwichtigste Gedanke, der Gedanke an die Unsterblichkeit, an den Kosmos angegliedert wird, so hat das in religiöser Beziehung wahrhaftig seinen guten Untergrund. Denn würde der Mensch nur aus demjenigen stammen, was irdisch ist, er würde niemals den Gedanken der Unsterblichkeit überhaupt fassen. Wäre der Mensch, wozu ihn der bloße Materialismus in der Naturwissenschaft machen will, so ein höher ausgebildeter Affe, es gäbe nichts in ihm, was auf diesen Gedanken der Unsterblichkeit käme.

[ 23 ] If the most important thought of all—the thought of immortality—is linked to the cosmos, this truly has a solid foundation in religious terms. For if human beings were derived solely from what is earthly, they would never even conceive of the idea of immortality. If human beings were, as mere materialism in the natural sciences would have us believe, merely highly evolved apes, there would be nothing within them that could give rise to this idea of immortality.

[ 24 ] Wie kurz die Gedanken der Naturforscher auf diesem Gebiete übrigens sind, wenn sie philosophisch werden wollen, dafür kann ich Ihnen auch ein schönes kleines Beispiel geben: Ich schlug vor einigen Tagen ein Buch auf, in dem einer sich — er ist vielleicht nicht in einem Monistenbund, aber er könnte es sein — im Sinne der Monistenbündnisse in materialistischem Sinne über den Zusammenhang des Menschen mit den Affen ausspricht; nicht in dem Sinne, wie es ja berechtigt ist und wie wir dies oftmals selbst getan haben. Der sagt da in einer seiner Abhandlungen gleich im Anfange, er könnte Beweise anführen, daß Reisende in gewissen Gegenden gekommen sind, wo durch Kultur-Verkommnis die Menschen so tief heruntergekommen sind, daß sie dieselben Instinkte und Triebe haben wie die Affen. Nun, wenn man das erlebt, sagt er, daß die Menschen heruntersinken können bis zur Affenhaftigkeit, wenn die Menschen sich bis zum Affen entwickeln können in ihrem Gebaren, dann ist es doch logisch gegeben, selbstverständlich, daß sich aus dem Affen auch der Mensch entwickeln kann. Selbstverständlich, Logik! Es ist doch ganz klar, nicht wahr: Wenn der Mensch älter wird, wird aus einem Kinde ein Greis, das kann man, ohne daß man Reisen macht, ersehen. In demselben Sinne wird der Mensch aus einem Kind ein Greis, wie da, nicht wahr, durch Kultur-Verkommnis der Mensch bis zur Affenhaftigkeit heruntersinkt. Und ebenso logisch, wie es dann ist zu sagen: Wenn der Mensch zum Affen werden kann, warum soll nicht aus dem Affen auch ein Mensch werden? — ebenso könnte man mit derselben Logik sagen: Wenn das Kind zum Greise wird, warum sollte nicht wiederum aus einem Greise ein Kind werden? Die Logik ist genau dieselbe. Das Schlimme ist ja nicht bloß das, daß die Leute solche Logik ausbilden, sondern das wird alles gelesen, und man merkt nicht, welches ganz ausgewalzte Blech eigentlich diesen Dingen zugrunde liegt.

[ 24 ] Incidentally, I can give you a nice little example of just how limited the natural scientists’ thinking is in this area when they try to get philosophical: A few days ago, I opened a book in which someone—he may not be a member of a monist society, but he could be—expresses views in line with the monist societies, in a materialistic sense, regarding the connection between humans and apes; not in the sense that is, of course, justified and as we ourselves have often done. Right at the beginning of one of his treatises, he says he could cite evidence that travelers have come across certain regions where, due to cultural degeneration, people have sunk so low that they possess the same instincts and drives as apes. Well, if one witnesses this—he says—that humans can sink to the level of apes, if humans can evolve to behave like apes, then it follows logically, of course, that humans can also evolve from apes. Of course—logic! It’s quite clear, isn’t it: As a person grows older, a child becomes an old man—you can see that without even traveling. In the same sense, a person goes from being a child to an old man, just as—don’t you see—through cultural degeneration, a person sinks down to the level of an ape. And just as logical as it is to say, “If humans can become apes, why shouldn’t apes also become humans?”—so too, using the same logic, one could say, “If a child becomes an old man, why shouldn’t an old man, in turn, become a child?” The logic is exactly the same. The worst part is not merely that people develop such logic, but that all of this is read, and people fail to realize what a completely flattened sheet of metal actually underlies these ideas.

[ 25 ] Wenn der Mensch eben wirklich nur mit den irdischen Verhältnissen zusammenhängen würde, wenn dasjenige, was in ihm ist, nur von der Erde wäre, dann würde er auf den Gedanken der Unsterblichkeit nicht kommen. Man kann nun — sei es durch Geisteswissenschaft, sei es auf andere Weise — den Menschen zusammenbringen mit dem Kosmos, mit demjenigen, was außerirdisch ist; dann kann der Unsterblichkeitsgedanke in ihm erblühen. Man kann auch kommen und sagen: Alles Faseln über außerirdische Verhältnisse ist doch nur reine Phantasterei. Das kann man; aus der geistigen Auffassung des Menschen kann man herausbringen das Geistige. Das versucht ja dasjenige, was monistischer Materialismus ist, heute genügend auf allen möglichen Gebieten. Aber aus der Seele des Menschen kann man es nicht herausbringen, denn der Mensch ist nicht bloß von Erde, ist nicht bloß aus irdischen Verhältnissen. Lassen Sie daher die Wissenschaft und die Geistesrichtung weiterleben, die den Menschen nur zu Gedanken und Gefühlen und Empfindungen über Irdisches bringt, dann lebt in seiner Tiefe dennoch dasjenige, was an übersinnlichen Kräften vorhanden ist, nur muß er es zurückdrängen. Dann wird dasjenige zustande kommen nach und nach, was die Kulturkrankheit des zurückgedrängten Spirituellen in der menschlichen Seele ist.

[ 25 ] If human beings were truly connected only to earthly conditions, if what is within them came solely from the Earth, then they would never conceive of the idea of immortality. One can now—whether through Spiritual Science or by other means—bring human beings into connection with the cosmos, with that which is extraterrestrial; then the idea of immortality can blossom within them. One can also come along and say: All this rambling about extraterrestrial conditions is nothing but pure fantasy. One can do that; one can remove the spiritual from humanity’s spiritual perception. That is precisely what monistic materialism is attempting today, to a sufficient degree, in all manner of fields. But one cannot remove it from the human soul, for human beings are not merely of the earth; they do not consist solely of earthly conditions. Therefore, let science and the school of thought that leads people only to thoughts, feelings, and sensations about earthly matters continue to exist; then what is present in the depths of the human soul in the form of supersensible powers will still live on, though the person must repress it. Then, little by little, what constitutes the cultural illness of the repressed spiritual in the human soul will come to pass.

[ 26 ] Die Zeiten sind ernst und wir können nicht genug in unserer Seele den Ernst der Zeit empfangen. Aber nur dann empfangen wir im richtigen Sinne dasjenige, was in diesem Ernst der Zeit walten soll, wenn wir nicht bloß an das Äußere denken, was geschehen soll durch die harten Prüfungen in unserer jetzigen Zeit, sondern wenn wir daran denken, wie dasjenige, was geschehen soll, zugleich sein muß ein Merkzeichen einer geistigen Erhöhung des ganzen Menschengeschlechts.

[ 26 ] These are serious times, and we cannot fully grasp the gravity of the situation in our hearts. But we will only truly grasp what is to prevail in this gravity of the times if we do not merely think of the external events that are to unfold through the harsh trials of our present age, but if we consider how what is to happen must at the same time be a sign of the spiritual elevation of the entire human race.

[ 27 ] Nur wenn aus diesen schweren Zeiten das hervorgeht, daß wenigstens eine geringe Anzahl von Menschen durchdrungen ist von dem Bewußtsein: Es bedarf die Menschheit der Vergeistigung —, kann aus dieser schweren Prüfungszeit dasjenige werden, was im Sinne des Weltengeistes ist. Nicht ohne dieses, wie auch die Dinge ausgehen sonst, aber mit diesem — wie auch die Dinge ausgehen — wird für die Menschheit Gutes ersprießen.

[ 27 ] Only if these difficult times reveal that at least a small number of people are imbued with the awareness that humanity needs spiritualization—can this time of severe trial become what is in accordance with the World Spirit. Not without this—no matter how things turn out otherwise—but with this—no matter how things turn out—good will spring forth for humanity.

[ 28 ] Wir fassen Geisteswissenschaft nur, wenn wir in ihr sehen nicht nur, wie ich oft gesagt habe, eine Weihnachts-, sondern auch eine Osterverkündigung, dahingehend, daß wir begreifen, was eigentlich mit dem Gedanken an die Unsterblichkeit für das ganze Wesen des Menschen zusammen erschaut werden muß. Nur dann können wir die Unsterblichkeit fassen, wenn wir das Unsterbliche im Menschen ergreifen. Fichte, Hegel und viele andere, sie haben schon gewußt: Die Menschenseele wird nicht erst unsterblich, wenn sie durch den Tod gegangen ist, sie ist unsterblich und ist als Unsterbliches in uns zu finden; daher eine Wissenschaft gesucht werden muß, welche außer dem sterblichen Leibe die unsterbliche Seele des Menschen ins geistige, ins seelische Auge faßt.

[ 28 ] We can only grasp Spiritual Science if we see in it not only, as I have often said, a Christmas message, but also an Easter message—in the sense that we come to understand what must actually be perceived together with the idea of immortality for the whole being of the human being. Only then can we grasp immortality if we grasp the immortal in the human being. Fichte, Hegel, and many others already knew this: The human soul does not become immortal only after it has passed through death; it is immortal and can be found within us as that which is immortal; therefore, we must seek a science that, beyond the mortal body, grasps the immortal soul of the human being with the spiritual, the soulful eye.

[ 29 ] Es ist ganz natürlich, daß unter dem Glanze der naturwissenschaftlichen Entwickelung in den letzten vier Jahrhunderten die Betrachtungen des geistigen Lebens zurückgehen mußten, und mit der Betrachtung des geistigen Lebens ist die Hinneigung zum Geistigen auch aus der äußeren Welt gewichen. Aber es muß eine Zeit wiederkommen, wo jener Hieram oder, wie wir sagen: jener Teil des Christus, der immer da ist und uns von dem Übersinnlichen spricht, wieder aufersteht, nachdem er in der Karwochenzeit der Kulturentwickelung begraben war. Wahrhaftig, fassen wir den Gedanken, daß damals, als der große Kopernikus, als der große Kepler erschienen sind und Galilei und sie alle, welche zunächst die Gedanken der Menschen hinlenken mußten auf die äußere Welt, daß damals ein Welten-Gründonnerstag war, und ein Karfreitag folgte. Begraben wurde diese Anschauung von dem Unsterblichen. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, wo der Welten-Ostersonntag kommen muß und wo gefeiert werden muß jene heilige Auferstehungsfeier des menschlichen Seelen- und Geisteswissens. Es geziemt uns wohl, Karwochenstimmung in unserer jetzigen Zeit zu haben. Aber nur, wenn wir die Kraft haben, uns für den Welten-Ostersonntag auch zu rüsten, dann werden wir innerhalb unseres Seelenerlebens dieKultushandlungauch vollziehen können, die äußerlich als Osterkultus-Handlung vielfach da ist. Schwarze Trauerstimmung in den Karwochentagen: die Priester tragen schwarze Trauerstimmung, schwarze Trauerkleider, weil da der Leichnam des gestorbenen Christus im Grabe ruht. Dann folgt die Auferstehung: Freundliches helles Frühlingsgewand ersetzt die schwarze Trauerkleidung in dem Moment, wo an die Stelle des Grabesgedankens der Auferstehungsgedanke tritt. Es ziemt uns heute, Trauer zu tragen in unserer Seele. Aber rüsten wir uns, damit wir geistig Osterkleidung tragen dürfen, wenn die Zeiten wiederum andere sein werden.

[ 29 ] It is only natural that, in the glow of scientific progress over the last four centuries, reflections on spiritual life have had to recede, and with these reflections, the inclination toward the spiritual has also faded from the external world. But a time must come again when that Hieram—or, as we say, that part of Christ who is always present and speaks to us of the supersensible—will rise again, after having been buried during the “Holy Week” of cultural development. Truly, let us grasp the thought that back then, when the great Copernicus, the great Kepler, Galileo, and all those who initially had to direct people’s thoughts toward the external world appeared—that back then there was a cosmic Maundy Thursday, followed by a Good Friday. This view of the immortal was buried. But now the time has come when the cosmic Easter Sunday must dawn, and when that sacred celebration of the resurrection of human soul and spiritual knowledge must be observed. It is indeed fitting for us to have a Holy Week atmosphere in our present time. But only if we have the strength to prepare ourselves for the universal Easter Sunday will we be able to perform, within our inner spiritual experience, the ritual that is outwardly present in many forms as the Easter service. A somber, mournful atmosphere during Holy Week: the priests wear black mourning garments because the body of the deceased Christ rests in the tomb. Then comes the Resurrection: bright, cheerful spring attire replaces the black mourning garments the moment the thought of the Resurrection takes the place of the thought of the tomb. It is fitting for us today to wear mourning in our souls. But let us prepare ourselves so that we may wear the garments of Easter in spirit when times change once again.