The Connection Between
the Living and the Dead
GA 168
26 October 1916, St. Gallen
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten
6. Die Lebenslüge der heutigen Kulturmenschheit
6. Die Lebenslüge der heutigen Kulturmenschheit
[ 1 ] In unserer Literatur liegt uns heute schon ein reiches, ausführliches Material vor, aus dem wir uns unterrichten können über die verschiedenen Tatsachen, welche die Geisteswissenschaft heute in der Lage ist, aus den übersinnlichen Welten herunterzuholen, und unsere Zweige sind in der Lage, mit Hilfe dieses Materials zu arbeiten. Daher wird es sich empfehlen, wenn wir bei Gelegenheiten des persönlichen Zusammentreffens auch darüber reden, wie dieses Material im Verhältnis zu unserem Seelenleben sich stellen mag, wie wir es ins Leben einführen, wie wir selber im Leben dadurch Erfrischung, Erhöhung, Erkraftung haben können, kurz, es wird sich empfehlen, wenn wir gewissermaßen mehr die Angelegenheiten unserer geistigen Bewegung bei solchen Gelegenheiten ins Auge fassen, weil wir ja der Natur der Sache nach nur seltener persönlich zusammentreffen können.
[ 1 ] In unserer Literatur liegt uns heute schon ein reiches, ausführliches Material vor, aus dem wir uns unterrichten können über die verschiedenen Tatsachen, welche die Geisteswissenschaft heute in der Lage ist, aus den übersinnlichen Welten herunterzuholen, und unsere Zweige sind in der Lage, mit Hilfe dieses Materials zu arbeiten. Daher wird es sich empfehlen, wenn wir bei Gelegenheiten des persönlichen Zusammentreffens auch darüber reden, wie dieses Material im Verhältnis zu unserem Seelenleben sich stellen mag, wie wir es ins Leben einführen, wie wir selber im Leben dadurch Erfrischung, Erhöhung, Erkraftung haben können, kurz, es wird sich empfehlen, wenn wir gewissermaßen mehr die Angelegenheiten unserer geistigen Bewegung bei solchen Gelegenheiten ins Auge fassen, weil wir ja der Natur der Sache nach nur seltener persönlich zusammentreffen können.
[ 2 ] Viele von Ihnen werden bemerken, daß sie heute noch, indem sie sich vertiefen in Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, mannigfaltige Schwierigkeiten haben. Nicht wahr, man findet sich zunächst durch die Bedürfnisse seiner Seele in die Geisteswissenschaft hinein dadurch, daß die Seele über die wichtigsten Lebensrätsel Fragen stellen muß. Man findet sich namentlich in die Geisteswissenschaft hinein, wenn man das heutige Leben mit alldem, was es geben kann, betrachtet, und sieht, wie wenig die verschiedenen geistigen Richtungen, seien sie nun religiöse, seien sie wissenschaftliche, wirklich im tieferen Sinne befriedigende Antworten auf die großen Rätselfragen des Lebens geben können. Und dann, wenn man sich also durch seinen Erkenntnisdrang, durch seine Erkenntnissehnsucht hineingefunden hat in diese geisteswissenschaftliche Bewegung, wenn man sich eine Zeitlang vertieft hat in das, was bis heute herausgeholt ist an Erkenntnissen aus den geistigen Welten, dann kommen wirklich oftmals Schwierigkeiten, Schwierigkeiten der mannigfaltigsten Art. Sie sind ja bei jedem anders, daher sind sie nicht gerade leicht mit wenigen Worten zu beschreiben. Oftmals sagen unsere Freunde: Dadurch, daß ich mich hineingefunden habe in die Geisteswissenschaft, habe ich zwar etwas außerordentlich Wertvolles, etwas Bedeutungsvolles für das Leben erlangt; allein, es hat mich auch in einer gewissen Weise isoliert, hat mich herausgerissen aus den Anschauungen, aus der Gemeinschaft der übrigen Menschen, es hat mir gewissermaßen auch das Leben schwierig gemacht. Besonders stark fühlen das diejenigen, welche gerade mit ihrem geistigen Streben naturgemäß abhängig sind von der Meinung der Außenwelt. Dadurch entstehen wirklich die mannigfaltigsten Schwierigkeiten.
[ 2 ] Viele von Ihnen werden bemerken, daß sie heute noch, indem sie sich vertiefen in Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, mannigfaltige Schwierigkeiten haben. Nicht wahr, man findet sich zunächst durch die Bedürfnisse seiner Seele in die Geisteswissenschaft hinein dadurch, daß die Seele über die wichtigsten Lebensrätsel Fragen stellen muß. Man findet sich namentlich in die Geisteswissenschaft hinein, wenn man das heutige Leben mit alldem, was es geben kann, betrachtet, und sieht, wie wenig die verschiedenen geistigen Richtungen, seien sie nun religiöse, seien sie wissenschaftliche, wirklich im tieferen Sinne befriedigende Antworten auf die großen Rätselfragen des Lebens geben können. Und dann, wenn man sich also durch seinen Erkenntnisdrang, durch seine Erkenntnissehnsucht hineingefunden hat in diese geisteswissenschaftliche Bewegung, wenn man sich eine Zeitlang vertieft hat in das, was bis heute herausgeholt ist an Erkenntnissen aus den geistigen Welten, dann kommen wirklich oftmals Schwierigkeiten, Schwierigkeiten der mannigfaltigsten Art. Sie sind ja bei jedem anders, daher sind sie nicht gerade leicht mit wenigen Worten zu beschreiben. Oftmals sagen unsere Freunde: Dadurch, daß ich mich hineingefunden habe in die Geisteswissenschaft, habe ich zwar etwas außerordentlich Wertvolles, etwas Bedeutungsvolles für das Leben erlangt; allein, es hat mich auch in einer gewissen Weise isoliert, hat mich herausgerissen aus den Anschauungen, aus der Gemeinschaft der übrigen Menschen, es hat mir gewissermaßen auch das Leben schwierig gemacht. Besonders stark fühlen das diejenigen, welche gerade mit ihrem geistigen Streben naturgemäß abhängig sind von der Meinung der Außenwelt. Dadurch entstehen wirklich die mannigfaltigsten Schwierigkeiten.
[ 3 ] Bei anderen Freunden, nachdem sie sich eine Zeitlang in die Geisteswissenschaft vertieft haben, tritt etwas, man möchte sagen, wie Geängstigtheit auf, etwas, was bange macht, bange macht vor allerlei Fragen: wie man mit dem Leben fertig werden könne und so weiter. — Viele von Ihnen haben sich gewiß ähnliche Fragen aufwerfen müssen. Solche Fragen sind oftmals Gefühls- und Empfindungsfragen. Von solchen Schwierigkeiten im inneren Seelenleben möchte ich in der heutigen Betrachtung ausgehen.
[ 3 ] Bei anderen Freunden, nachdem sie sich eine Zeitlang in die Geisteswissenschaft vertieft haben, tritt etwas, man möchte sagen, wie Geängstigtheit auf, etwas, was bange macht, bange macht vor allerlei Fragen: wie man mit dem Leben fertig werden könne und so weiter. — Viele von Ihnen haben sich gewiß ähnliche Fragen aufwerfen müssen. Solche Fragen sind oftmals Gefühls- und Empfindungsfragen. Von solchen Schwierigkeiten im inneren Seelenleben möchte ich in der heutigen Betrachtung ausgehen.
[ 4 ] Den rechten Zusammenhang dieser mannigfaltigen Empfindungen, die bei jedem anders sein können, die wirklichen Zusammenhänge, die sieht man zuweilen nicht richtig ein. Man muß nämlich immer bedenken: Wir stehen heute als Menschen, die sich nach den anthroposophischen Wahrheiten hingezogen fühlen, noch wie ein recht kleines Häuflein da. Wir stehen inmitten des Lebenskampfes, der außerhalb unserer Kreise mit Mitteln geführt wird, die scharf von den unsrigen verschieden sind. Und derjenige, der sich nur ein wenig besinnt auf alles dasjenige, was Anthroposophie sein will für das Leben, wird schon bemerken können, wie grundverschieden die Ziele des Denkens, des Fühlens, des Wollens unter dem Einflusse der anthroposophischen Ideen werden von den Zielen, die sich eben der weitaus überwiegende Teil der Menschheit heute setzt. Und da Gedanken, Gefühle wirkliche Tatsachen sind, so müssen wir einsehen, daß unser kleines Häuflein, das heißt jeder einzelne von uns, damit drinnensteht in einer noch verhältnismäßig gering angeschwollenen Kraftmasse gegenüber den man kann geradezu sagen in den meisten Fällen völlig entgegengesetzten Gedanken, Empfindungen und Fühlungen der übrigen Menschheit. Wenn auch die Lebensschwierigkeiten, die für uns auftreten, die mannigfaltigsten Formen annehmen und nicht gleich zeigen, daß sie mit dem, was ich jetzt geschildert habe, zusammenhängen, so hängen sie eben doch mit dem zusammen; und wir müssen versuchen, uns vor die Seele zu führen, wie wir mit solchen Schwierigkeiten fertig werden, mit den Schwierigkeiten, die sich geradezu ergeben dadurch, daß man treu und hingebungsvoll zur Sache der Anthroposophie hält, dadurch aber in Kollisionen mit der übrigen Welt kommt.
[ 4 ] Den rechten Zusammenhang dieser mannigfaltigen Empfindungen, die bei jedem anders sein können, die wirklichen Zusammenhänge, die sieht man zuweilen nicht richtig ein. Man muß nämlich immer bedenken: Wir stehen heute als Menschen, die sich nach den anthroposophischen Wahrheiten hingezogen fühlen, noch wie ein recht kleines Häuflein da. Wir stehen inmitten des Lebenskampfes, der außerhalb unserer Kreise mit Mitteln geführt wird, die scharf von den unsrigen verschieden sind. Und derjenige, der sich nur ein wenig besinnt auf alles dasjenige, was Anthroposophie sein will für das Leben, wird schon bemerken können, wie grundverschieden die Ziele des Denkens, des Fühlens, des Wollens unter dem Einflusse der anthroposophischen Ideen werden von den Zielen, die sich eben der weitaus überwiegende Teil der Menschheit heute setzt. Und da Gedanken, Gefühle wirkliche Tatsachen sind, so müssen wir einsehen, daß unser kleines Häuflein, das heißt jeder einzelne von uns, damit drinnensteht in einer noch verhältnismäßig gering angeschwollenen Kraftmasse gegenüber den man kann geradezu sagen in den meisten Fällen völlig entgegengesetzten Gedanken, Empfindungen und Fühlungen der übrigen Menschheit. Wenn auch die Lebensschwierigkeiten, die für uns auftreten, die mannigfaltigsten Formen annehmen und nicht gleich zeigen, daß sie mit dem, was ich jetzt geschildert habe, zusammenhängen, so hängen sie eben doch mit dem zusammen; und wir müssen versuchen, uns vor die Seele zu führen, wie wir mit solchen Schwierigkeiten fertig werden, mit den Schwierigkeiten, die sich geradezu ergeben dadurch, daß man treu und hingebungsvoll zur Sache der Anthroposophie hält, dadurch aber in Kollisionen mit der übrigen Welt kommt.
[ 5 ] Wie gesagt, die Dinge verschleiern sich, und sie zeigen nicht immer das rechte Gesicht. Dasjenige, was wir uns selbst gewissermaßen als ein Heilmittel in die Seele einführen müssen, um immer mehr und mehr innere Harmonie zu finden, trotz des Widerspruches der äußeren Welt, wodurch wir die Seele stark machen müssen, daß sie gewachsen ist dem, was in ihr an Beängstigendem, als Disharmonien oftmals auftritt, das ist: eine klare, richtige Anschauung über das Verhältnis, in dem derjenige, der sich zur Anthroposophie bekennt oder sich für sie interessiert, zu der übrigen Menschheit steht. Klare, scharfe Gedanken sich über diese Sache machen, das reinigt unsere Seele so, daß wir auch stark sein können, wenn äußere widerspruchsvolle Mächte uns bedrängen. Wenn man sich die Sache so innerhalb eines engen Horizontes überdenkt, könnte man sagen: Ja was hilft es mir schon, wenn ich nun wirklich klar bin über dasjenige, was Anthroposophie von der übrigen Welt trennt? Dadurch gestalten sich doch meine Lebensverhältnisse nicht anders! — So zu denken wäre ein Irrtum; denn die Lebensverhältnisse, sie gestalten sich vielleicht nicht von heute auf morgen anders durch klare Gedanken, einsichtgebende Gedanken, aber jene Stärke, welche wir durch solche klaren Gedanken gerade in der Richtung gewinnen, die jetzt angedeutet worden ist, diese klaren Gedanken, sie stärken uns nach und nach so, daß sie in der Tat unsere Lebensverhältnisse ändern. Nur finden wir manchmal noch nicht die Möglichkeit, wirklich klare, scharfe und daher genügend starke Gedanken in dieser Richtung zu entwickeln.
[ 5 ] Wie gesagt, die Dinge verschleiern sich, und sie zeigen nicht immer das rechte Gesicht. Dasjenige, was wir uns selbst gewissermaßen als ein Heilmittel in die Seele einführen müssen, um immer mehr und mehr innere Harmonie zu finden, trotz des Widerspruches der äußeren Welt, wodurch wir die Seele stark machen müssen, daß sie gewachsen ist dem, was in ihr an Beängstigendem, als Disharmonien oftmals auftritt, das ist: eine klare, richtige Anschauung über das Verhältnis, in dem derjenige, der sich zur Anthroposophie bekennt oder sich für sie interessiert, zu der übrigen Menschheit steht. Klare, scharfe Gedanken sich über diese Sache machen, das reinigt unsere Seele so, daß wir auch stark sein können, wenn äußere widerspruchsvolle Mächte uns bedrängen. Wenn man sich die Sache so innerhalb eines engen Horizontes überdenkt, könnte man sagen: Ja was hilft es mir schon, wenn ich nun wirklich klar bin über dasjenige, was Anthroposophie von der übrigen Welt trennt? Dadurch gestalten sich doch meine Lebensverhältnisse nicht anders! — So zu denken wäre ein Irrtum; denn die Lebensverhältnisse, sie gestalten sich vielleicht nicht von heute auf morgen anders durch klare Gedanken, einsichtgebende Gedanken, aber jene Stärke, welche wir durch solche klaren Gedanken gerade in der Richtung gewinnen, die jetzt angedeutet worden ist, diese klaren Gedanken, sie stärken uns nach und nach so, daß sie in der Tat unsere Lebensverhältnisse ändern. Nur finden wir manchmal noch nicht die Möglichkeit, wirklich klare, scharfe und daher genügend starke Gedanken in dieser Richtung zu entwickeln.
[ 6 ] In bezug auf dasjenige, was wir durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie uns erringen wollen und was wir nicht nur für uns, sondern für die Welt erringen wollen — und wir müssen uns das einmal als einen dieser klaren Gedanken vor die Seele führen —, lebt die heutige Kulturmenschheit in einer furchtbaren, mehr oder weniger bewußten oder unbewußten Lüge darinnen, und die Wirkung dieser Lüge innerhalb der Kulturmenschheit ist eine ungeheuere. Damit ist eigentlich etwas sehr Bedeutungsvolles gesagt, und wir wollen uns gerade diesen Punkt einmal etwas mehr zur Klarheit bringen.
[ 6 ] In bezug auf dasjenige, was wir durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie uns erringen wollen und was wir nicht nur für uns, sondern für die Welt erringen wollen — und wir müssen uns das einmal als einen dieser klaren Gedanken vor die Seele führen —, lebt die heutige Kulturmenschheit in einer furchtbaren, mehr oder weniger bewußten oder unbewußten Lüge darinnen, und die Wirkung dieser Lüge innerhalb der Kulturmenschheit ist eine ungeheuere. Damit ist eigentlich etwas sehr Bedeutungsvolles gesagt, und wir wollen uns gerade diesen Punkt einmal etwas mehr zur Klarheit bringen.
[ 7 ] Man kann wohl kaum als wirklich denkender Mensch mit völlig gesundem Verstande dasjenige ansehen, was heute als allgemeine Kultur existiert in der sogenannten kultivierten Welt, ohne darüber klarzuwerden, daß dieser Kultur vieles fehlt, daß diese Kultur vor allen Dingen keine für sich selber ausreichenden Lebensimpulse hat. Dabei aber ist vieles von weit ausschweifenden Idealen in dieser Kultur. Was gibt es nicht alles in unserer Zeit an Idealen, wie die Menschen das nennen, für was alles werden Vereine, Verbindungen gegründet, die sich Programme machen, durch welche Programme diese oder jene Ideale ausgedrückt werden sollen! Das alles ist ungeheuer gut gemeint, ist so gemeint, daß man sagen kann: Diejenigen Menschen, die sich zu kleineren oder größeren Verbindungen zusammentun aus allen Kreisen und Schichten des Lebens unter dem Eindrucke dieser oder jener Ideale, wollen von ihrem Gesichtspunkte aus Gutes, und die Gesinnung dieser Menschen ist voll zu achten. Aber diese Menschen leben zumeist unter dem hemmenden Einfluß einer gewissen, aus unbewußter Zaghaftigkeit, unbewußter spiritueller Feigheit kommenden Beschränkung gerade dem Wichtigsten gegenüber, das die Menschheit heute braucht. Wir sagen: das Wichtigste! Was die Menschheit heute braucht, ist spirituelles Erkennen und das Hereinführen in unser Leben von gewissen geistigen Einsichten.
[ 7 ] Man kann wohl kaum als wirklich denkender Mensch mit völlig gesundem Verstande dasjenige ansehen, was heute als allgemeine Kultur existiert in der sogenannten kultivierten Welt, ohne darüber klarzuwerden, daß dieser Kultur vieles fehlt, daß diese Kultur vor allen Dingen keine für sich selber ausreichenden Lebensimpulse hat. Dabei aber ist vieles von weit ausschweifenden Idealen in dieser Kultur. Was gibt es nicht alles in unserer Zeit an Idealen, wie die Menschen das nennen, für was alles werden Vereine, Verbindungen gegründet, die sich Programme machen, durch welche Programme diese oder jene Ideale ausgedrückt werden sollen! Das alles ist ungeheuer gut gemeint, ist so gemeint, daß man sagen kann: Diejenigen Menschen, die sich zu kleineren oder größeren Verbindungen zusammentun aus allen Kreisen und Schichten des Lebens unter dem Eindrucke dieser oder jener Ideale, wollen von ihrem Gesichtspunkte aus Gutes, und die Gesinnung dieser Menschen ist voll zu achten. Aber diese Menschen leben zumeist unter dem hemmenden Einfluß einer gewissen, aus unbewußter Zaghaftigkeit, unbewußter spiritueller Feigheit kommenden Beschränkung gerade dem Wichtigsten gegenüber, das die Menschheit heute braucht. Wir sagen: das Wichtigste! Was die Menschheit heute braucht, ist spirituelles Erkennen und das Hereinführen in unser Leben von gewissen geistigen Einsichten.
[ 8 ] Das war ja eine große Frage gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts. Sie wissen, daß es geistige Gesetze gibt, Gesetze über die geistigen Welten. Davon wußten zu allen Zeiten gewisse Menschen, und es gab selbstverständlich auch im Laufe des 19. Jahrhunderts, als Geisteswissenschaft noch nicht in der Form aufgetreten ist, wie sie jetzt auftritt, sogenannte okkulte Gesellschaften, die dieses Namens mehr oder weniger würdig waren, welche auf die verschiedenste Weise okkulte Wahrheiten, geistige Wahrheiten pflegen wollten, welche auch eine bestimmte Einsicht hatten, was geistige Wahrheiten für die Welt bedeuten. Nun, gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts war in bezug auf die tiefsten Impulse der neueren Menschheitsentwickelung eine Krisis eingetreten. Diese Krisis bestand in einem besonderen Hochkommen des Materialismus auf allen Gebieten, auf dem Gebiete des Erkennens, auf dem Gebiete des Lebens. Der Materialismus erlangte eine Hochflut. Wir wissen ja, daß zahlreiche Menschen auftraten, die aus dem naturwissenschaftlichen Materialismus heraus eine umfassende Weltanschauung begründen wollten. Aber dieser theoretische Materialismus wäre noch gar nicht einmal das Verderblichste gewesen; sondern der praktische Materialismus, der Materialismus, der sich hineinlebt namentlich in das ethische und in das soziale Leben und in das religiöse Fühlen der Menschen, das ist der, welcher die Menschheit im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer Krisis geführt hat. Und diejenigen, die noch etwas wußten eben aus den angedeuteten, mehr oder weniger des Namens würdigen okkulten Gesellschaften, die lenkten daher namentlich von der Mitte des 19. Jahrhunderts an ihre Aufmerksamkeit darauf, wie man abhelfen könnte dem um sich greifenden Materialismus. Man sagte sich in gewissen Kreisen, die geisteswissenschaftliche Einsicht hatten — nur noch nicht jene, die allein wirksam sein kann und die in der Form angestrebt wird, die wir in aller Bescheidenheit anzustreben versuchen —, diejenigen also, die eine altüberlieferte oder sonst irgendwie unzeitgemäße geisteswissenschaftliche Einsicht in die Entwickelung der Menschheit hatten, die fragten sich: Wie helfen wir ab demjenigen, was wie ein Unheil heraufdämmert über die neuere Menschheit durch den Materialismus? — Und sie sagten sich: Wir helfen dem dadurch ab, daß wir den Menschen den Beweis liefern, daß ebenso wie sinnliche Tatsachen in unserer Umgebung sind, so sind auch geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten in unserer Umgebung. — Aber, ich möchte sagen die Menschen waren nur eingewöhnt in das experimentelle Denken und in das äußere Erfahren und Wahrnehmen. Und so wußten diese Menschen mit geisteswissenschaftlichen Einsichten, die solche Sorgen hatten wie die angedeuteten, keinen anderen Rat, als die geistige Welt ebenso zu beweisen, wie man die Naturvorgänge der äußeren Sinneswelt beweist. Und so wurde denn alles mögliche probiert. Und wir sehen auftauchen im Laufe des 19. Jahrhunderts Bewegungen, welche darauf gerichtet sind, die Menschen zu überzeugen von dem Dasein einer geistigen Welt. Die gröbste, möchte ich sagen, dieser Bewegungen ist die spiritistische Bewegung. Während Gelehrte heute in die verhältnismäßig leicht durchschaubaren Methoden unserer Geisteswissenschaft schwer sich hineinfinden, haben sich wirklich brillante Gelehrte des 19. Jahrhunderts mit dem Spiritismus ganz ernsthaftig beschäftigt.
[ 8 ] Das war ja eine große Frage gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts. Sie wissen, daß es geistige Gesetze gibt, Gesetze über die geistigen Welten. Davon wußten zu allen Zeiten gewisse Menschen, und es gab selbstverständlich auch im Laufe des 19. Jahrhunderts, als Geisteswissenschaft noch nicht in der Form aufgetreten ist, wie sie jetzt auftritt, sogenannte okkulte Gesellschaften, die dieses Namens mehr oder weniger würdig waren, welche auf die verschiedenste Weise okkulte Wahrheiten, geistige Wahrheiten pflegen wollten, welche auch eine bestimmte Einsicht hatten, was geistige Wahrheiten für die Welt bedeuten. Nun, gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts war in bezug auf die tiefsten Impulse der neueren Menschheitsentwickelung eine Krisis eingetreten. Diese Krisis bestand in einem besonderen Hochkommen des Materialismus auf allen Gebieten, auf dem Gebiete des Erkennens, auf dem Gebiete des Lebens. Der Materialismus erlangte eine Hochflut. Wir wissen ja, daß zahlreiche Menschen auftraten, die aus dem naturwissenschaftlichen Materialismus heraus eine umfassende Weltanschauung begründen wollten. Aber dieser theoretische Materialismus wäre noch gar nicht einmal das Verderblichste gewesen; sondern der praktische Materialismus, der Materialismus, der sich hineinlebt namentlich in das ethische und in das soziale Leben und in das religiöse Fühlen der Menschen, das ist der, welcher die Menschheit im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer Krisis geführt hat. Und diejenigen, die noch etwas wußten eben aus den angedeuteten, mehr oder weniger des Namens würdigen okkulten Gesellschaften, die lenkten daher namentlich von der Mitte des 19. Jahrhunderts an ihre Aufmerksamkeit darauf, wie man abhelfen könnte dem um sich greifenden Materialismus. Man sagte sich in gewissen Kreisen, die geisteswissenschaftliche Einsicht hatten — nur noch nicht jene, die allein wirksam sein kann und die in der Form angestrebt wird, die wir in aller Bescheidenheit anzustreben versuchen —, diejenigen also, die eine altüberlieferte oder sonst irgendwie unzeitgemäße geisteswissenschaftliche Einsicht in die Entwickelung der Menschheit hatten, die fragten sich: Wie helfen wir ab demjenigen, was wie ein Unheil heraufdämmert über die neuere Menschheit durch den Materialismus? — Und sie sagten sich: Wir helfen dem dadurch ab, daß wir den Menschen den Beweis liefern, daß ebenso wie sinnliche Tatsachen in unserer Umgebung sind, so sind auch geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten in unserer Umgebung. — Aber, ich möchte sagen die Menschen waren nur eingewöhnt in das experimentelle Denken und in das äußere Erfahren und Wahrnehmen. Und so wußten diese Menschen mit geisteswissenschaftlichen Einsichten, die solche Sorgen hatten wie die angedeuteten, keinen anderen Rat, als die geistige Welt ebenso zu beweisen, wie man die Naturvorgänge der äußeren Sinneswelt beweist. Und so wurde denn alles mögliche probiert. Und wir sehen auftauchen im Laufe des 19. Jahrhunderts Bewegungen, welche darauf gerichtet sind, die Menschen zu überzeugen von dem Dasein einer geistigen Welt. Die gröbste, möchte ich sagen, dieser Bewegungen ist die spiritistische Bewegung. Während Gelehrte heute in die verhältnismäßig leicht durchschaubaren Methoden unserer Geisteswissenschaft schwer sich hineinfinden, haben sich wirklich brillante Gelehrte des 19. Jahrhunderts mit dem Spiritismus ganz ernsthaftig beschäftigt.
[ 9 ] Nun, der Spiritismus hat die Eigenrümlichkeit, daß er auf äußerliche Weise wirken sollte durch etwas, das man gewissermaßen vor die äußeren Sinne hinstellen kann wie ein chemisches oder physikalisches Experiment. Zum großen Teil ist diese Methode, die nachbilden will die Geisteswissenschaft der Naturwissenschaft, heute schon — zum großen Teile, sage ich — bankerott, und es wird sich immer mehr und mehr zeigen, daß sie bankerott werden muß, denn man kann selbstverständlich den Geist nicht von den Leuten mit Händen greifen lassen, bildlich gesprochen. Daher hat vieles von dem, was durch allerlei geheimnisvolle Machinationen von gewissen sogenannten okkulten Gesellschaften im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage getrieben worden ist, eher das geisteswissenschaftliche Forschen in Mißkredit gebracht, als daß es dieses gestützt hätte. Und wir sehen daher, daß gerade bei den bestgesinnten Menschen, welche Einsicht haben, namentlich in sozialer Beziehung, aber auch sonst in bezug auf die praktische Lebensführung, gar vieles zu geschehen hat von der Gegenwart an und in die Zukunft. Bei Menschen, die solches einsehen, sehen wir, wie sie geradezu einen gewissen Schreck bekommen, wenn man davon spricht, daß die wichtigsten Impulse, welche unsere Zeit und die nächste Zukunft braucht, von wahrem Geist-Erkennen kommen müssen, von der Einsicht, daß wirkliche geistige Kräfte und geistige Wesenheiten in der menschlichen Umgebung sind wie sinnliche Tatsachen und sinnliche Wesenheiten. Einen wahren Schreck bekommen die Leute, die es gut meinen mit dem Fortschritt der Menschheit. Lassen Sie mich zunächst ein Beispiel hinstellen. An solchen Beispielen, die sich mit umfassenden Lebenserscheinungen beschäftigen, können wir gerade viel lernen. Wenn wir unseren Blick hinwenden zu einer großen Bewegung, dann zeigt sich uns an dieser großen Bewegung auch deutlich, worauf wir im kleinen, jeder einzelne von uns, eigentlich täglich stoßen.
[ 9 ] Nun, der Spiritismus hat die Eigenrümlichkeit, daß er auf äußerliche Weise wirken sollte durch etwas, das man gewissermaßen vor die äußeren Sinne hinstellen kann wie ein chemisches oder physikalisches Experiment. Zum großen Teil ist diese Methode, die nachbilden will die Geisteswissenschaft der Naturwissenschaft, heute schon — zum großen Teile, sage ich — bankerott, und es wird sich immer mehr und mehr zeigen, daß sie bankerott werden muß, denn man kann selbstverständlich den Geist nicht von den Leuten mit Händen greifen lassen, bildlich gesprochen. Daher hat vieles von dem, was durch allerlei geheimnisvolle Machinationen von gewissen sogenannten okkulten Gesellschaften im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage getrieben worden ist, eher das geisteswissenschaftliche Forschen in Mißkredit gebracht, als daß es dieses gestützt hätte. Und wir sehen daher, daß gerade bei den bestgesinnten Menschen, welche Einsicht haben, namentlich in sozialer Beziehung, aber auch sonst in bezug auf die praktische Lebensführung, gar vieles zu geschehen hat von der Gegenwart an und in die Zukunft. Bei Menschen, die solches einsehen, sehen wir, wie sie geradezu einen gewissen Schreck bekommen, wenn man davon spricht, daß die wichtigsten Impulse, welche unsere Zeit und die nächste Zukunft braucht, von wahrem Geist-Erkennen kommen müssen, von der Einsicht, daß wirkliche geistige Kräfte und geistige Wesenheiten in der menschlichen Umgebung sind wie sinnliche Tatsachen und sinnliche Wesenheiten. Einen wahren Schreck bekommen die Leute, die es gut meinen mit dem Fortschritt der Menschheit. Lassen Sie mich zunächst ein Beispiel hinstellen. An solchen Beispielen, die sich mit umfassenden Lebenserscheinungen beschäftigen, können wir gerade viel lernen. Wenn wir unseren Blick hinwenden zu einer großen Bewegung, dann zeigt sich uns an dieser großen Bewegung auch deutlich, worauf wir im kleinen, jeder einzelne von uns, eigentlich täglich stoßen.
[ 10 ] Ein recht bedeutender Mann, der es mit den sozialen Fortschrittsimpulsen der Menschheit wahrhaftig ehrlich meinte, ist am Tage vor dem Ausbruch dieses unseligen Weltkrieges in Paris ermordet worden: Jaurès. Jaurès ist gewiß gerade auf dem Boden des sozialen Strebens eine der ehrlichsten Persönlichkeiten der Gegenwart gewesen, und er war auch einer derjenigen, die mit allem menschlichen Erkennen danach strebten, Einsicht zu gewinnen in die gegenwärtigen Lebensverhältnisse und in die Gründe, durch die sie sich immer mehr ad absurdum, immer mehr und mehr zur Verarmung und Verelendung auf geistigem und materiellem Gebiet der Menschheit führen. Und er hat mit all seinen Kräften danach gestrebt, Ideen, Gedanken zu finden, die er den Menschen übermitteln wollte, damit im gemeinsamen Streben die großen Lebensfragen der Gegenwart einigermaßen ihrer Lösung entgegengehen können. Gerade an solchen Persönlichkeiten wie Jaurès kann man viel lernen, denn man lernt am meisten, wenn man die großen Mängel, die man gerade in unserer Gegenwart vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus sehen muß, über die man sich klare Gedanken machen muß, nicht an kleinen, sondern an großen Persönlichkeiten ins Auge faßt, bei denen man vor allen Dingen von ihrer lauteren Gesinnung und ihrem ehrlichen Erkenntnisstreben und auch von einer gewissen zeitgemäßen Einsichtsfähigkeit überzeugt sein kann. Man gewinnt ungeheuer viel mehr, wenn man die Schäden unserer Zeit prüft an Menschen, die man achtet und hochschätzt, als wenn man sie prüfen will an Menschen, die man weniger achtet, weil man ihnen nicht im höchsten Sinne wohlwollende und gute Gesinnung zuschreiben kann. Solchen Menschen nun, die alles, was sie an Denken, Fühlen und Wollen hatten, widmeten dem Menschheitsdienste, dem Dienste, der geleistet werden muß in der Erhebung der Menschheit zu einem höheren sozialen Niveau, solchen Menschen wie Jaurès wird es außerordentlich schwer — und er ist wahrhaftig keine Ausnahme, sondern die besten Menschen unserer Zeit sehen wir in dieser Schwierigkeit —, solchen Menschen wird es wahrhaftig schwer, zu reden über Dinge wie unsere Geisteswissenschaft. Und gerade diese sehr begabten Menschen würden doch erst dasjenige wirken können für die Menschheit, was sie wirken wollen, wenn sie sagen könnten: Alles dasjenige, was ich mit meinen gewöhnlichen Denk- und wissenschaftlichen Mitteln erreichen kann, das liefert mir doch nur Impulse, die zu schwach sind, um wirklich das Leben zu ergreifen; ich muß einsehen, daß alle diese Impulse, die ich der Menschheit auf meinem Wege liefern will, ohne Boden dastehen. Ich muß mir erst einen Boden schaffen, ich muß durchdringen und durchströmen dasjenige, was ich bisher geglaubt habe, mit der tieferen Fundierung von seiten der Geisteswissenschaft her. Ich muß geistige Tatsachen, wirkliche geistige Tatsachen anerkennen.
[ 10 ] Ein recht bedeutender Mann, der es mit den sozialen Fortschrittsimpulsen der Menschheit wahrhaftig ehrlich meinte, ist am Tage vor dem Ausbruch dieses unseligen Weltkrieges in Paris ermordet worden: Jaurès. Jaurès ist gewiß gerade auf dem Boden des sozialen Strebens eine der ehrlichsten Persönlichkeiten der Gegenwart gewesen, und er war auch einer derjenigen, die mit allem menschlichen Erkennen danach strebten, Einsicht zu gewinnen in die gegenwärtigen Lebensverhältnisse und in die Gründe, durch die sie sich immer mehr ad absurdum, immer mehr und mehr zur Verarmung und Verelendung auf geistigem und materiellem Gebiet der Menschheit führen. Und er hat mit all seinen Kräften danach gestrebt, Ideen, Gedanken zu finden, die er den Menschen übermitteln wollte, damit im gemeinsamen Streben die großen Lebensfragen der Gegenwart einigermaßen ihrer Lösung entgegengehen können. Gerade an solchen Persönlichkeiten wie Jaurès kann man viel lernen, denn man lernt am meisten, wenn man die großen Mängel, die man gerade in unserer Gegenwart vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus sehen muß, über die man sich klare Gedanken machen muß, nicht an kleinen, sondern an großen Persönlichkeiten ins Auge faßt, bei denen man vor allen Dingen von ihrer lauteren Gesinnung und ihrem ehrlichen Erkenntnisstreben und auch von einer gewissen zeitgemäßen Einsichtsfähigkeit überzeugt sein kann. Man gewinnt ungeheuer viel mehr, wenn man die Schäden unserer Zeit prüft an Menschen, die man achtet und hochschätzt, als wenn man sie prüfen will an Menschen, die man weniger achtet, weil man ihnen nicht im höchsten Sinne wohlwollende und gute Gesinnung zuschreiben kann. Solchen Menschen nun, die alles, was sie an Denken, Fühlen und Wollen hatten, widmeten dem Menschheitsdienste, dem Dienste, der geleistet werden muß in der Erhebung der Menschheit zu einem höheren sozialen Niveau, solchen Menschen wie Jaurès wird es außerordentlich schwer — und er ist wahrhaftig keine Ausnahme, sondern die besten Menschen unserer Zeit sehen wir in dieser Schwierigkeit —, solchen Menschen wird es wahrhaftig schwer, zu reden über Dinge wie unsere Geisteswissenschaft. Und gerade diese sehr begabten Menschen würden doch erst dasjenige wirken können für die Menschheit, was sie wirken wollen, wenn sie sagen könnten: Alles dasjenige, was ich mit meinen gewöhnlichen Denk- und wissenschaftlichen Mitteln erreichen kann, das liefert mir doch nur Impulse, die zu schwach sind, um wirklich das Leben zu ergreifen; ich muß einsehen, daß alle diese Impulse, die ich der Menschheit auf meinem Wege liefern will, ohne Boden dastehen. Ich muß mir erst einen Boden schaffen, ich muß durchdringen und durchströmen dasjenige, was ich bisher geglaubt habe, mit der tieferen Fundierung von seiten der Geisteswissenschaft her. Ich muß geistige Tatsachen, wirkliche geistige Tatsachen anerkennen.
[ 11 ] Sehen Sie, derjenige, der solche geistigen Tatsachen nicht anerkennt und sich allerlei Gedanken macht und Ideale bildet, wie man den Menschenfortschritt heute fördern könne, der gleicht demjenigen, der einen Garten vor sich hat mit vielen Pflanzen, die anfangen, Absterbeerscheinungen zu zeigen, und er tut das, tut jenes, tut vieles, und bemüht sich die ganze Zeit — aber er erreicht nichts. Ja, der einen Pflanze geht es ein bißchen besser, der anderen dafür schlechter, im ganzen wird es nicht besser mit den Pflanzen. Warum wird es nicht besser? Weil vielleicht irgendeine Krankheit die Wurzeln ergriffen hat, die er nicht prüft. So ist es gerade mit dem sozialen Streben solcher Menschen wie Jaurès. Sie geben sich ungeheuer viel Mühe, sie machen auch ungeheuer viel Treffliches mit Bezug auf die Oberfläche, aber sie dringen nicht in die Wurzeln ein, denn in den Wurzeln unseres heutigen Menschheitslebens, da mangelt es an der Anerkennung einer wirklichen geistigen Welt. Und man stelle noch so viele scheinbar recht gut begründete soziale Erkenntnisse auf, sie werden nichts in Wirklichkeit fruchten für die Menschheit, wenn sie nicht gestützt sind auf diejenigen Einsichten, die nur aus der Geisteswissenschaft kommen können. Daher wird ein wirkliches Vorwärtsschreiten der gegenwärtigen Menschheit nur möglich sein, wenn Geisteswissenschaft soweit anerkannt werden kann, daß gerade der für unsere Zeit wichtigste Teil der Geisteswissenschaft: die Anerkennung wirklicher geistiger Wesenheiten und geistiger Kräfte, bei den Menschen auf keine Schwierigkeit mehr stößt, gerade bei den besten Menschen auf keine Schwierigkeit mehr stößt. Machen wir uns nur darüber klare Gedanken, daß die besten Menschen, die von guter Gesinnung sind, gerade dem Wichtigsten in unserer Sache gegenüber Schwierigkeiten haben: der Anerkennung der geistigen Welt als solcher.
[ 11 ] Sehen Sie, derjenige, der solche geistigen Tatsachen nicht anerkennt und sich allerlei Gedanken macht und Ideale bildet, wie man den Menschenfortschritt heute fördern könne, der gleicht demjenigen, der einen Garten vor sich hat mit vielen Pflanzen, die anfangen, Absterbeerscheinungen zu zeigen, und er tut das, tut jenes, tut vieles, und bemüht sich die ganze Zeit — aber er erreicht nichts. Ja, der einen Pflanze geht es ein bißchen besser, der anderen dafür schlechter, im ganzen wird es nicht besser mit den Pflanzen. Warum wird es nicht besser? Weil vielleicht irgendeine Krankheit die Wurzeln ergriffen hat, die er nicht prüft. So ist es gerade mit dem sozialen Streben solcher Menschen wie Jaurès. Sie geben sich ungeheuer viel Mühe, sie machen auch ungeheuer viel Treffliches mit Bezug auf die Oberfläche, aber sie dringen nicht in die Wurzeln ein, denn in den Wurzeln unseres heutigen Menschheitslebens, da mangelt es an der Anerkennung einer wirklichen geistigen Welt. Und man stelle noch so viele scheinbar recht gut begründete soziale Erkenntnisse auf, sie werden nichts in Wirklichkeit fruchten für die Menschheit, wenn sie nicht gestützt sind auf diejenigen Einsichten, die nur aus der Geisteswissenschaft kommen können. Daher wird ein wirkliches Vorwärtsschreiten der gegenwärtigen Menschheit nur möglich sein, wenn Geisteswissenschaft soweit anerkannt werden kann, daß gerade der für unsere Zeit wichtigste Teil der Geisteswissenschaft: die Anerkennung wirklicher geistiger Wesenheiten und geistiger Kräfte, bei den Menschen auf keine Schwierigkeit mehr stößt, gerade bei den besten Menschen auf keine Schwierigkeit mehr stößt. Machen wir uns nur darüber klare Gedanken, daß die besten Menschen, die von guter Gesinnung sind, gerade dem Wichtigsten in unserer Sache gegenüber Schwierigkeiten haben: der Anerkennung der geistigen Welt als solcher.
[ 12 ] Ich habe drüben in Zürich auf einen Punkt aufmerksam gemacht, der das besonders anschaulich macht. Da ist ein Mensch, der ganz wohlwollend gerade über unsere Geisteswissenschaft gesprochen hat, und sein Gesprochenes auch hat drucken lassen, ein Mann, der vor einer sehr gebildeten Zuhörerschaft einmal den Mut gefaßt hat, dasjenige, was namentlich innerhalb unserer geistigen Bewegung lebt, nicht mehr als bloße Torheit anzusehen. Dieser Mann kann aber auch nicht umhin, haltzumachen gerade vor dem Wichtigsten, vor der Anerkennung der geistigen Welt. Was sagt er? «Wir müssen sie [diese geistige Bewegung], wenigstens in dem um Steiner gesammelten Kreis, vielmehr zu verstehen suchen als eine religiöse Bewegung unter unseren Zeitgenossen, wenn auch nicht ursprünglicher, sondern nur synkretistischer Art, aber doch auf den Grund alles Lebens gerichtet; wir dürfen sie beurteilen als eine Bewegung zur Befriedigung der übersinnlichen Interessen der Menschen, und damit als ein Hinauswachsen über den am Sinnlichen haftenden Realismus; wir dürfen in ihr vor allem eine Bewegung erkennen, welche die Menschen zur Selbstbesinnung auf die sittlichen Probleme, die ihnen gestellt sind, hinweist, und welche auf eine Arbeit zur inneren Wiedergeburt hinzielt aus einem peinlichen Achten auf die Selbsterziehung heraus; man braucht nur das Steinersche Buch zur Einführung in die Theosophie zu lesen, um zu merken, mit welchem Ernste hier der Mensch auf die Arbeit an seiner sittlichen Läuterung und Selbstvervollkommnung gewiesen wird.»
[ 12 ] Ich habe drüben in Zürich auf einen Punkt aufmerksam gemacht, der das besonders anschaulich macht. Da ist ein Mensch, der ganz wohlwollend gerade über unsere Geisteswissenschaft gesprochen hat, und sein Gesprochenes auch hat drucken lassen, ein Mann, der vor einer sehr gebildeten Zuhörerschaft einmal den Mut gefaßt hat, dasjenige, was namentlich innerhalb unserer geistigen Bewegung lebt, nicht mehr als bloße Torheit anzusehen. Dieser Mann kann aber auch nicht umhin, haltzumachen gerade vor dem Wichtigsten, vor der Anerkennung der geistigen Welt. Was sagt er? «Wir müssen sie [diese geistige Bewegung], wenigstens in dem um Steiner gesammelten Kreis, vielmehr zu verstehen suchen als eine religiöse Bewegung unter unseren Zeitgenossen, wenn auch nicht ursprünglicher, sondern nur synkretistischer Art, aber doch auf den Grund alles Lebens gerichtet; wir dürfen sie beurteilen als eine Bewegung zur Befriedigung der übersinnlichen Interessen der Menschen, und damit als ein Hinauswachsen über den am Sinnlichen haftenden Realismus; wir dürfen in ihr vor allem eine Bewegung erkennen, welche die Menschen zur Selbstbesinnung auf die sittlichen Probleme, die ihnen gestellt sind, hinweist, und welche auf eine Arbeit zur inneren Wiedergeburt hinzielt aus einem peinlichen Achten auf die Selbsterziehung heraus; man braucht nur das Steinersche Buch zur Einführung in die Theosophie zu lesen, um zu merken, mit welchem Ernste hier der Mensch auf die Arbeit an seiner sittlichen Läuterung und Selbstvervollkommnung gewiesen wird.»
[ 13 ] Nicht aus irgendeiner Albernheit heraus lese ich Ihnen diese Worte vor, sondern weil wir wirklich mit klarem Blicke auch schauen wollen, wie sich die Außenwelt zu unseren Bestrebungen verhält. Wir sehen, es ist ein wohlwollender Mensch, der zwar unsere Bewegung als eine synkretistische ansieht, weil er sie vor allen Dingen nicht kennt, nicht weiß, wie sie schon deshalb eine durchaus neue Bewegung ist, weil sie auch auf etwas, was in der Welt neu ist, beruht: auf der neuen naturwissenschaftlichen Richtung, die ja ihr Unterbau ist. Darüber kann er eben keine Auskunft geben, weil er es nicht versteht; aber er steht unserer Bewegung wohlwollend gegenüber. Und wenn man nun diesen ganzen Vortrag, den er gehalten hat — «Die Gedankenwelt der Gebildeten» — auf sich wirken läßt, so sieht man: Der Mann denkt nach, daß eine geistige Erziehung des Menschen notwendig ist in unserer Zeit, und er findet in unserer Bewegung einen der Versuche, diese geistige Bewegung der Menschheit zu fördern. Dann aber sagt er, und das ist das Charakteristische: «Sie ist weiter in ihrer auf das Übersinnliche gerichteten Spekulation eine Reaktion gegen den Materialismus; allerdings verliert sie dabei leicht den Boden der Wirklichkeit und versteigt sich in Hypothesen» — er glaubt, die wirklichen geistigen Erkenntnisse seien Hypothesen, nicht Erkenntnisse — «in hellsehende Phantasien, in ein Reich der Träume, so daß sie für die Wirklichkeit der individuellen und sozialen Lebensgestaltung keine genügende Kraft mehr übrig behält.»
[ 13 ] Nicht aus irgendeiner Albernheit heraus lese ich Ihnen diese Worte vor, sondern weil wir wirklich mit klarem Blicke auch schauen wollen, wie sich die Außenwelt zu unseren Bestrebungen verhält. Wir sehen, es ist ein wohlwollender Mensch, der zwar unsere Bewegung als eine synkretistische ansieht, weil er sie vor allen Dingen nicht kennt, nicht weiß, wie sie schon deshalb eine durchaus neue Bewegung ist, weil sie auch auf etwas, was in der Welt neu ist, beruht: auf der neuen naturwissenschaftlichen Richtung, die ja ihr Unterbau ist. Darüber kann er eben keine Auskunft geben, weil er es nicht versteht; aber er steht unserer Bewegung wohlwollend gegenüber. Und wenn man nun diesen ganzen Vortrag, den er gehalten hat — «Die Gedankenwelt der Gebildeten» — auf sich wirken läßt, so sieht man: Der Mann denkt nach, daß eine geistige Erziehung des Menschen notwendig ist in unserer Zeit, und er findet in unserer Bewegung einen der Versuche, diese geistige Bewegung der Menschheit zu fördern. Dann aber sagt er, und das ist das Charakteristische: «Sie ist weiter in ihrer auf das Übersinnliche gerichteten Spekulation eine Reaktion gegen den Materialismus; allerdings verliert sie dabei leicht den Boden der Wirklichkeit und versteigt sich in Hypothesen» — er glaubt, die wirklichen geistigen Erkenntnisse seien Hypothesen, nicht Erkenntnisse — «in hellsehende Phantasien, in ein Reich der Träume, so daß sie für die Wirklichkeit der individuellen und sozialen Lebensgestaltung keine genügende Kraft mehr übrig behält.»
[ 14 ] Sie sehen, trotzdem er so wohlwollend urteilt, daß er nachher sagt: «Aber immerhin, wir wollen und müssen die Theosophie als eine Korrekturerscheinung im Bildungsgang der Gegenwart registrieren», er fühlt sich gezwungen, haltzumachen vor alledem, ohne das unsere Bewegung gar nicht gedacht werden kann, vor dem, was wir gleich im Anfange bringen: übersinnliche Tatsachen; denn ohne daß der Mensch den Zusammenhang gewinnt mit übersinnlichen Tatsachen, ist die Menschheit aus der Sackgasse, in die sie hineintendiert heute, nicht herauszukriegen. Aber selbst wohlwollende Menschen glauben, daß — während unsere Bewegung gerade den festen Boden unter den Füßen sucht, ohne den alle anderen sozialen Ideale in der Luft hängen — diese Bewegung in das Reich der Träume führt, daß sie gerade in bezug auf die soziale Lebensgestaltung keine «genügende Kraft mehr übrig behält». Wie gesagt, das ist kein Übelwollen aus Mißtrauen, sondern das ist ein aus unbewußter Zaghaftigkeit, unbewußter Mutlosigkeit gegenüber der Anerkennung der geistigen Tatsachen entsprossenes Mißtrauen. Das ist die klare Einsichtslosigkeit oder vielmehr, es ist klar, daß es die Einsichtslosigkeit ist in dasjenige, was gerade Geisteswissenschaft an Fundierung auch des sozialen Strebens leisten kann.
[ 14 ] Sie sehen, trotzdem er so wohlwollend urteilt, daß er nachher sagt: «Aber immerhin, wir wollen und müssen die Theosophie als eine Korrekturerscheinung im Bildungsgang der Gegenwart registrieren», er fühlt sich gezwungen, haltzumachen vor alledem, ohne das unsere Bewegung gar nicht gedacht werden kann, vor dem, was wir gleich im Anfange bringen: übersinnliche Tatsachen; denn ohne daß der Mensch den Zusammenhang gewinnt mit übersinnlichen Tatsachen, ist die Menschheit aus der Sackgasse, in die sie hineintendiert heute, nicht herauszukriegen. Aber selbst wohlwollende Menschen glauben, daß — während unsere Bewegung gerade den festen Boden unter den Füßen sucht, ohne den alle anderen sozialen Ideale in der Luft hängen — diese Bewegung in das Reich der Träume führt, daß sie gerade in bezug auf die soziale Lebensgestaltung keine «genügende Kraft mehr übrig behält». Wie gesagt, das ist kein Übelwollen aus Mißtrauen, sondern das ist ein aus unbewußter Zaghaftigkeit, unbewußter Mutlosigkeit gegenüber der Anerkennung der geistigen Tatsachen entsprossenes Mißtrauen. Das ist die klare Einsichtslosigkeit oder vielmehr, es ist klar, daß es die Einsichtslosigkeit ist in dasjenige, was gerade Geisteswissenschaft an Fundierung auch des sozialen Strebens leisten kann.
[ 15 ] Und so stehen auch Menschen von der Art des Jaurès selbstverständlich heute im Leben darinnen ohne eine Möglichkeit, aus den Gedanken, die sie aufgenommen haben aus ihrer Erziehung, aus ihrer ganzen Zeitgenossenschaft, anzuerkennen, daß alles dasjenige, was physisch geschieht, von geistigen Welten abhängig ist, und daß der Mensch in der Sphäre, in der er berufen ist, in das Leben einzugreifen, zum Beispiel auch in bezug auf das soziale Leben, nur da richtig eingreifen kann, wenn ihm das möglich gemacht ist dadurch, daß er die geistigen Gesetze kennt, mit denen eben die geistige Welt in die physische hereingeführt werden kann. Und daß solche Menschen vor dieser Unmöglichkeit stehen, daß dies wirklich eine bei den besten Menschen der Gegenwart weitverbreitete Zeiterscheinung ist, das bringt die bedeutsamen, zwar unbewußten, aber deshalb nicht minder bedeutsamen Lebenslügen in unser Zeitalter hinein. Man kann diese Lebenslügen geradezu überall abfangen.
[ 15 ] Und so stehen auch Menschen von der Art des Jaurès selbstverständlich heute im Leben darinnen ohne eine Möglichkeit, aus den Gedanken, die sie aufgenommen haben aus ihrer Erziehung, aus ihrer ganzen Zeitgenossenschaft, anzuerkennen, daß alles dasjenige, was physisch geschieht, von geistigen Welten abhängig ist, und daß der Mensch in der Sphäre, in der er berufen ist, in das Leben einzugreifen, zum Beispiel auch in bezug auf das soziale Leben, nur da richtig eingreifen kann, wenn ihm das möglich gemacht ist dadurch, daß er die geistigen Gesetze kennt, mit denen eben die geistige Welt in die physische hereingeführt werden kann. Und daß solche Menschen vor dieser Unmöglichkeit stehen, daß dies wirklich eine bei den besten Menschen der Gegenwart weitverbreitete Zeiterscheinung ist, das bringt die bedeutsamen, zwar unbewußten, aber deshalb nicht minder bedeutsamen Lebenslügen in unser Zeitalter hinein. Man kann diese Lebenslügen geradezu überall abfangen.
[ 16 ] Stellen wir uns, weil es ein typischer Fall ist, den Fall Jaurès vor Augen. Da stand ein Mensch vor der übrigen Menschheit, welcher mit allen Mitteln sozialen Erkennens nach einer Verbesserung desjenigen suchte, was er in richtiger Art so erkannte, daß es die Menschen nur in eine Sackgasse führen muß. Da steht ein Mensch vor der übrigen Menschheit, der, um die nötigen Einsichten auf diesem Gebiet zu erlangen, sich wirklich bekanntmacht mit allen historischen Tatsachen, der die Geschichte vergangener Zeiten studiert und aus den Tatsachen früherer Zeiten lernen will, was in der Gegenwart geschehen kann, damit Fehler, die sich als deutliche Fehler in früheren sozialen Menschheitsversuchen gezeigt haben, vermieden werden können. In all seinem Streben nun ist Jaurès, so wie andere, in die Unmöglichkeit versetzt, in wirklicher realer Weise eine geistige Welt anzuerkennen, in wirklicher realer Weise anzuerkennen, daß durch die Menschen fortwährende Ströme des geistigen Lebens aus der spirituellen Welt herunterfließen in diese Welt. Einer der schönen Aufsätze, die Jaurès geschrieben hat, handelt über die Beziehungen, welche bestehen zwischen Sozialismus und Patriotismus im Jaurèsschen Sinne. Da versucht Jaurès zu zeigen, wie die geschichtlichen Dinge in die Menschheitsentwickelung eingreifen, in der Menschheitsentwickelung wirken. Nachdem er verschiedenes sich vor die Seele geführt hat, was gewirkt hat im Römischen Reich, um daran zu lernen, wie in der Gegenwart gewirkt werden soll, was gewirkt hat in der griechischen Welt, um daran zu lernen, wie gewirkt werden soll zu anderen Zeiten, nachdem er verschiedenes wirklich mit einem außerordentlich gründlichen Erkenntnisdrang sich vor die Seele gestellt hat, da führt er sich auch ein Kapitel aus der neueren Zeit vor die Seele. Ein merkwürdiges Kapitel ist in diesem Buche Jaurès’, das über das Proletariat und den Patriotismus handelt, und es ist interessant, gerade dieses kleine Kapitel sich einmal vorzuführen, um zu sehen, was bei den besten Menschen unserer Umgebung eigentlich heute in den Seelen vorgeht.
[ 16 ] Stellen wir uns, weil es ein typischer Fall ist, den Fall Jaurès vor Augen. Da stand ein Mensch vor der übrigen Menschheit, welcher mit allen Mitteln sozialen Erkennens nach einer Verbesserung desjenigen suchte, was er in richtiger Art so erkannte, daß es die Menschen nur in eine Sackgasse führen muß. Da steht ein Mensch vor der übrigen Menschheit, der, um die nötigen Einsichten auf diesem Gebiet zu erlangen, sich wirklich bekanntmacht mit allen historischen Tatsachen, der die Geschichte vergangener Zeiten studiert und aus den Tatsachen früherer Zeiten lernen will, was in der Gegenwart geschehen kann, damit Fehler, die sich als deutliche Fehler in früheren sozialen Menschheitsversuchen gezeigt haben, vermieden werden können. In all seinem Streben nun ist Jaurès, so wie andere, in die Unmöglichkeit versetzt, in wirklicher realer Weise eine geistige Welt anzuerkennen, in wirklicher realer Weise anzuerkennen, daß durch die Menschen fortwährende Ströme des geistigen Lebens aus der spirituellen Welt herunterfließen in diese Welt. Einer der schönen Aufsätze, die Jaurès geschrieben hat, handelt über die Beziehungen, welche bestehen zwischen Sozialismus und Patriotismus im Jaurèsschen Sinne. Da versucht Jaurès zu zeigen, wie die geschichtlichen Dinge in die Menschheitsentwickelung eingreifen, in der Menschheitsentwickelung wirken. Nachdem er verschiedenes sich vor die Seele geführt hat, was gewirkt hat im Römischen Reich, um daran zu lernen, wie in der Gegenwart gewirkt werden soll, was gewirkt hat in der griechischen Welt, um daran zu lernen, wie gewirkt werden soll zu anderen Zeiten, nachdem er verschiedenes wirklich mit einem außerordentlich gründlichen Erkenntnisdrang sich vor die Seele gestellt hat, da führt er sich auch ein Kapitel aus der neueren Zeit vor die Seele. Ein merkwürdiges Kapitel ist in diesem Buche Jaurès’, das über das Proletariat und den Patriotismus handelt, und es ist interessant, gerade dieses kleine Kapitel sich einmal vorzuführen, um zu sehen, was bei den besten Menschen unserer Umgebung eigentlich heute in den Seelen vorgeht.
[ 17 ] Es kommt Jaurès in diesem Kapitel darauf an, zu zeigen, daß im neueren sozialen Fortschritt nicht der Grundbesitz die Hauptsache ist, sondern die Industrie und so weiter, aber auf diese Dinge werden wir uns nicht einlassen; das Wichtige ist, daß er hier gezwungen ist, hinzuweisen auf die Persönlichkeit der Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orleans. Nun denken Sie sich, ein Mann, der ganz in den Ideen der Gegenwart lebt, weist hin auf die Jungfrau von Orleans, eine Persönlichkeit, von der jeder, der die neuere Geschichte kennt, weiß — das wird jeder, der objektiv die Tatsache erkennt, zugeben müssen —, daß die Karte Europas einfach heute eine ganz andere sein würde, wenn sie nicht eingegriffen hätte. Das sieht natürlich auch Jaurès ein. Er sagt:
[ 17 ] Es kommt Jaurès in diesem Kapitel darauf an, zu zeigen, daß im neueren sozialen Fortschritt nicht der Grundbesitz die Hauptsache ist, sondern die Industrie und so weiter, aber auf diese Dinge werden wir uns nicht einlassen; das Wichtige ist, daß er hier gezwungen ist, hinzuweisen auf die Persönlichkeit der Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orleans. Nun denken Sie sich, ein Mann, der ganz in den Ideen der Gegenwart lebt, weist hin auf die Jungfrau von Orleans, eine Persönlichkeit, von der jeder, der die neuere Geschichte kennt, weiß — das wird jeder, der objektiv die Tatsache erkennt, zugeben müssen —, daß die Karte Europas einfach heute eine ganz andere sein würde, wenn sie nicht eingegriffen hätte. Das sieht natürlich auch Jaurès ein. Er sagt:
[ 18 ] «Jeanne d’Arc erfüllt ihre Mission und opfert sich dem Heil des Vaterlandes in einem Frankreich, dem Grund und Boden nicht mehr die einzige Lebenskraft bedeuten; die Gemeinden spielten bereits eine große Rolle, Ludwig der Heilige hatte die Handwerksbriefe und das Gildenrecht sanktioniert und feierlich verkünden lassen, die Pariser Revolutionen unter den Regierungen Karls V. und Karls VI. hatten das handeltreibende Bürgertum und die Handwerkerschaft als neue Mächte auf den Plan treten sehen, die Hellsichtigsten unter jenen, die das Königreich reformieren wollten, träumten von einem Bündnis zwischen Bürgertum und Bauernstand gegen Gesetzlosigkeit und Willkür; in diesem modernen Frankreich, das bald darauf der ‹Bürgerkönig› — der Sohn des armen Herrschers, den Jeanne d’Arc zu retten im Begriffe stand — regieren sollte, in diesem vielfältigen, durchbildeten und verfeinerten Land, dem die zarten literarischen Schmerzen jenes Charles d’Orléans nahegingen, dessen Gefangenschaft das Herz des guten Lothringen rührte, in dieser Gesellschaft, die alles eher als ländlich war, erschien Jeanne d’Arc. Sie war ein schlichtes Landmädchen, das die Schmerzen und Nöte der Bauern, die sie umgaben, gesehen hatte, dem aber alle diese Bedrängnisse nur ein nahe gerücktes Beispiel des erhabenen und größeren Leides bedeuteten, welches das geplünderte Königtum und die überfallene Nation erduldeten. In ihrer Seele und in ihrem Denken spielt kein Ort, kein Grundbesitz eine Rolle; sie blickt über die lothringischen Felder hinweg. Ihr Bauernherz ist größer als alles Bauerntum. Es schlägt für die fernen guten Städte, die der Fremdling umzingelt. Auf den Feldern leben, bedeutet nicht, notwendigerweise in den Fragen des Ackerbodens aufzugehen. Im Lärm und Getriebe der Städte wäre Jeannes Traum sicherlich weniger frei, weniger kühn und umfassend gewesen. Die Einsamkeit beschützte die Kühnheit ihres Denkens, und sie erlebte die große vaterländische Gemeinschaft viel stärker, da ihre Phantasie ohne Verwirrung den stillen Horizont mit einem Schmerz und einer Hoffnung erfüllen konnte, die darüber hinausgingen. Nicht der Geist bäuerlicher Auflehnung erfüllte sie; sie wollte ein ganzes großes Frankreich befreien, um es späterhin dem Gottesdienst, der Christenheit und Gerechtigkeit zu weihen. Ihr Ziel erscheint ihr so hoch und gottgefällig, daß sie, um es zu erreichen, später den Mut findet, sich sogar der Kirche zu widersetzen und sich auf eine Offenbarung zu berufen, die hoch über jeder anderen Offenbarung stehe.»
[ 18 ] «Jeanne d’Arc erfüllt ihre Mission und opfert sich dem Heil des Vaterlandes in einem Frankreich, dem Grund und Boden nicht mehr die einzige Lebenskraft bedeuten; die Gemeinden spielten bereits eine große Rolle, Ludwig der Heilige hatte die Handwerksbriefe und das Gildenrecht sanktioniert und feierlich verkünden lassen, die Pariser Revolutionen unter den Regierungen Karls V. und Karls VI. hatten das handeltreibende Bürgertum und die Handwerkerschaft als neue Mächte auf den Plan treten sehen, die Hellsichtigsten unter jenen, die das Königreich reformieren wollten, träumten von einem Bündnis zwischen Bürgertum und Bauernstand gegen Gesetzlosigkeit und Willkür; in diesem modernen Frankreich, das bald darauf der ‹Bürgerkönig› — der Sohn des armen Herrschers, den Jeanne d’Arc zu retten im Begriffe stand — regieren sollte, in diesem vielfältigen, durchbildeten und verfeinerten Land, dem die zarten literarischen Schmerzen jenes Charles d’Orléans nahegingen, dessen Gefangenschaft das Herz des guten Lothringen rührte, in dieser Gesellschaft, die alles eher als ländlich war, erschien Jeanne d’Arc. Sie war ein schlichtes Landmädchen, das die Schmerzen und Nöte der Bauern, die sie umgaben, gesehen hatte, dem aber alle diese Bedrängnisse nur ein nahe gerücktes Beispiel des erhabenen und größeren Leides bedeuteten, welches das geplünderte Königtum und die überfallene Nation erduldeten. In ihrer Seele und in ihrem Denken spielt kein Ort, kein Grundbesitz eine Rolle; sie blickt über die lothringischen Felder hinweg. Ihr Bauernherz ist größer als alles Bauerntum. Es schlägt für die fernen guten Städte, die der Fremdling umzingelt. Auf den Feldern leben, bedeutet nicht, notwendigerweise in den Fragen des Ackerbodens aufzugehen. Im Lärm und Getriebe der Städte wäre Jeannes Traum sicherlich weniger frei, weniger kühn und umfassend gewesen. Die Einsamkeit beschützte die Kühnheit ihres Denkens, und sie erlebte die große vaterländische Gemeinschaft viel stärker, da ihre Phantasie ohne Verwirrung den stillen Horizont mit einem Schmerz und einer Hoffnung erfüllen konnte, die darüber hinausgingen. Nicht der Geist bäuerlicher Auflehnung erfüllte sie; sie wollte ein ganzes großes Frankreich befreien, um es späterhin dem Gottesdienst, der Christenheit und Gerechtigkeit zu weihen. Ihr Ziel erscheint ihr so hoch und gottgefällig, daß sie, um es zu erreichen, später den Mut findet, sich sogar der Kirche zu widersetzen und sich auf eine Offenbarung zu berufen, die hoch über jeder anderen Offenbarung stehe.»
[ 19 ] Da sehen wir einen Menschen, der verurteilt ist, weil er im materialistischen Denken der Gegenwart drinnensteht, nur auf Grundlage materialistischer Prinzipien sozusagen zu denken, der aber gezwungen ist, weil er zugleich historisch ehrlich sein will, auf diese merkwürdige Erscheinung der Jungfrau von Orleans hinzuweisen und sie in einem so hohen Grade ernst zu nehmen, wie wir das aus seinen Worten erkennen. Also vor Jaurès steht die ganze historische Bedeutung der Jeanne d’Arc. Aber nun fragen wir uns: Was kann schließlich — möge das vielleicht sogar persönlich für Jaurès zu weit getrieben sein, wenn wir das behaupten, aber für viele andere, die in Jaurès’ Geist handeln, ist das ganz gewiß nicht zu weit getrieben —, was kann für einen solchen Menschen, der in einer solchen sozialen Anschauung drinnen lebt wie Jaurès, Jeanne d’Arc in Wirklichkeit anderes sein als jemand, der durch eine gewisse religiöse Ekstase, der man ja nicht, wenn man ein vernünftiger Mensch bleiben will, nachstreben soll, zu den Impulsen gekommen ist, zu denen sie nun schon einmal gekommen ist? Ganz gewiß werden diese Leute dasjenige nicht erkennen, was uns aus der Geisteswissenschaft klar sein muß: daß in einer Zeit, in der noch nicht die modern entwickelte Geist-Erkenntnis, wie wir sie heute haben, erreicht werden konnte, aus den geistigen Welten Ströme geistigen Lebens durch solche mehr oder weniger unterbewußt wirkenden Persönlichkeiten wie die Jungfrau von Orleans hereinwirkten, daß sie ein Medium war, zwar nicht für Menschen, von denen Medien in der neueren Zeit so vielfach mißbraucht werden, sondern für göttlichgeistige Welten, die hineinwirken wollten in die physische Erdenwelt. Daß dasjenige, was von der Jungfrau von Orleans kam, mehr wert war, als was die anderen aus ihren menschlichen Einsichten heraus mitteilen wollten und konnten, das mußte anerkannt werden. Daß die geistige Welt durch diese Jeanne d’Arc sprach, das konnten selbstverständlich solche Leute nicht anerkennen. Und dennoch müssen sie, wenn sie von den wirklichen Tatsachen reden, von solchen Menschen wie der Jungfrau von Orleans reden, sie sogar anerkennen, sie müssen also dasjenige, was geschieht — bedenken Sie das nur: dasjenige, was geschieht —, zurückführen auf Persönlichkeiten, deren Geistesleben sie nicht anerkennen, deren Geistesleben sie ganz gewiß nicht nachstreben möchten.
[ 19 ] Da sehen wir einen Menschen, der verurteilt ist, weil er im materialistischen Denken der Gegenwart drinnensteht, nur auf Grundlage materialistischer Prinzipien sozusagen zu denken, der aber gezwungen ist, weil er zugleich historisch ehrlich sein will, auf diese merkwürdige Erscheinung der Jungfrau von Orleans hinzuweisen und sie in einem so hohen Grade ernst zu nehmen, wie wir das aus seinen Worten erkennen. Also vor Jaurès steht die ganze historische Bedeutung der Jeanne d’Arc. Aber nun fragen wir uns: Was kann schließlich — möge das vielleicht sogar persönlich für Jaurès zu weit getrieben sein, wenn wir das behaupten, aber für viele andere, die in Jaurès’ Geist handeln, ist das ganz gewiß nicht zu weit getrieben —, was kann für einen solchen Menschen, der in einer solchen sozialen Anschauung drinnen lebt wie Jaurès, Jeanne d’Arc in Wirklichkeit anderes sein als jemand, der durch eine gewisse religiöse Ekstase, der man ja nicht, wenn man ein vernünftiger Mensch bleiben will, nachstreben soll, zu den Impulsen gekommen ist, zu denen sie nun schon einmal gekommen ist? Ganz gewiß werden diese Leute dasjenige nicht erkennen, was uns aus der Geisteswissenschaft klar sein muß: daß in einer Zeit, in der noch nicht die modern entwickelte Geist-Erkenntnis, wie wir sie heute haben, erreicht werden konnte, aus den geistigen Welten Ströme geistigen Lebens durch solche mehr oder weniger unterbewußt wirkenden Persönlichkeiten wie die Jungfrau von Orleans hereinwirkten, daß sie ein Medium war, zwar nicht für Menschen, von denen Medien in der neueren Zeit so vielfach mißbraucht werden, sondern für göttlichgeistige Welten, die hineinwirken wollten in die physische Erdenwelt. Daß dasjenige, was von der Jungfrau von Orleans kam, mehr wert war, als was die anderen aus ihren menschlichen Einsichten heraus mitteilen wollten und konnten, das mußte anerkannt werden. Daß die geistige Welt durch diese Jeanne d’Arc sprach, das konnten selbstverständlich solche Leute nicht anerkennen. Und dennoch müssen sie, wenn sie von den wirklichen Tatsachen reden, von solchen Menschen wie der Jungfrau von Orleans reden, sie sogar anerkennen, sie müssen also dasjenige, was geschieht — bedenken Sie das nur: dasjenige, was geschieht —, zurückführen auf Persönlichkeiten, deren Geistesleben sie nicht anerkennen, deren Geistesleben sie ganz gewiß nicht nachstreben möchten.
[ 20 ] Das ist, wenn man dies auch heute noch nicht zugeben will — man kann sich auch betäuben gegenüber dieser Tatsache —, das ist nichts als tiefste Lebenslüge. Das ist wirkliche Lebenslüge, und ich charakterisiere Ihnen damit nur einen Fall von jener Lebenslüge, die überall heute durch unser soziales Leben pulsiert, und die darauf zurückzuführen ist, daß die Menschen dasjenige, was wirklich ist, was das Allerwirklichste ist, nicht anerkennen, es aber wie ein Faktum ansehen müssen durch das, was die neuere Geistesentwickelung heraufbringt. Lügen sind nun auch Tatsachen, und sie wirken demgemäß. Und wenn es auch durchaus wohlgesinnte, ernst strebende, bedeutende Menschen sind, wie Jaurès — da sie durch die Zeitverhältnisse gebunden sind in solcher Lebenslüge, kann dasjenige, was von ihnen kommt, dennoch nicht befreiend für die Menschheit wirken.
[ 20 ] Das ist, wenn man dies auch heute noch nicht zugeben will — man kann sich auch betäuben gegenüber dieser Tatsache —, das ist nichts als tiefste Lebenslüge. Das ist wirkliche Lebenslüge, und ich charakterisiere Ihnen damit nur einen Fall von jener Lebenslüge, die überall heute durch unser soziales Leben pulsiert, und die darauf zurückzuführen ist, daß die Menschen dasjenige, was wirklich ist, was das Allerwirklichste ist, nicht anerkennen, es aber wie ein Faktum ansehen müssen durch das, was die neuere Geistesentwickelung heraufbringt. Lügen sind nun auch Tatsachen, und sie wirken demgemäß. Und wenn es auch durchaus wohlgesinnte, ernst strebende, bedeutende Menschen sind, wie Jaurès — da sie durch die Zeitverhältnisse gebunden sind in solcher Lebenslüge, kann dasjenige, was von ihnen kommt, dennoch nicht befreiend für die Menschheit wirken.
[ 21 ] Ja, da stehen wir darinnen in einer gegenwärtigen Lebenstatsache, die wir klar und deutlich, die wir in aller Tiefe auf unsere Seelen müssen wirken lassen. Wir müssen den Mut haben, mit klarer Einsicht hinzuschauen auf solche Lebenslügen, und wir müssen aus diesem klaren Hinschauen die Kraft finden, uns aufrechtzuerhalten gegenüber alldem, was von allen Seiten einströmt, und was doch von der einen oder anderen Seite her manchmal sehr maskiert und kaschiert aus dieser Lebenslüge herausstammt. Was können Menschen, die in einer solchen Lebenslüge stehen, an wirklicher innerer Einsicht über die Zusammenhänge des Menschenlebens denn eigentlich gewinnen? Sie müssen sich denken: Ach, da treten solche sonderbaren Käuze auf, die Beziehungen haben wollen zu den geistigen Welten wie die Jungfrau von Orleans, und man muß ihnen sogar historische Bedeutung zuschreiben; aber man muß doch das wahrhaftig nicht als ein Beispiel hinstellen, dem man nachstreben soll, damit man auch irgendwie geistige Kräfte in die physische Welt einführen könne! — Es wird zwar noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, bis weitere Kreise von Menschen die ganze schwerwiegende Tatsache einsehen und anerkennen, von der wir also gesprochen haben. Heute haben auch die Naturwissenschafter schon die Allüren angenommen, die dazumal der Jungfrau von Orleans gegenüber die Theologen angenommen haben. Denn dasjenige, auf das Jaurès da zuletzt aufmerksam macht, das gehört zur tiefen Tragik dieser Erscheinung der Jungfrau von Orleans dazumal. Die Theologen sagten damals: Das, was die da als ihre geistigen Welterkenntnisse auskramt, das stimmt nicht überein mit dem, was wir erkennen durch unsere Theologie! — Das war dazumal auf theologischem Gebiete aus derselben Gesinnung geflossen, aus der heute schon nach verhältnismäßig kürzerer Zeit, als es bei der Theologie der Fall war, die naturwissenschaftlichen Leute sprechen. Die Jungfrau von Orleans hat dazumal denjenigen, die von der Theologie her sie beurteilten und die da sagten, sie müsse aus den Heiligen Büchern ihre Wunder und ihre Mission rechtfertigen, geantwortet: Im Buche Gottes steht mehr geschrieben als in all euern Büchern! — Das ist ein historisches Wort. Das ist aber auch ein Wort, das heute noch Gültigkeit hat. Denn es kann vom Standpunkte der Geisteswissenschaft allen Einwänden erwidert werden, theologischen und naturwissenschaftlichen Einwänden: In dem Buche der geistigen Welten steht mehr geschrieben als alles dasjenige, was sich die Widersacher träumen lassen. — Und Jaurès fügt hinzu zu diesen Worten: «Ein wunderbares Wort, das in gewisser Beziehung im Gegensatz zur Bauernseele steht, deren Glauben vor allem im Herkommen wurzelt. Wie fern ist das alles von dem dumpfen engherzig-beschränkten Patriotismus des Grundbesitzes! Jeanne aber vernimmt die göttlichen Stimmen ihres Herzens, indem sie zu den strahlenden und sanften Himmelshöhen aufblickt.»
[ 21 ] Ja, da stehen wir darinnen in einer gegenwärtigen Lebenstatsache, die wir klar und deutlich, die wir in aller Tiefe auf unsere Seelen müssen wirken lassen. Wir müssen den Mut haben, mit klarer Einsicht hinzuschauen auf solche Lebenslügen, und wir müssen aus diesem klaren Hinschauen die Kraft finden, uns aufrechtzuerhalten gegenüber alldem, was von allen Seiten einströmt, und was doch von der einen oder anderen Seite her manchmal sehr maskiert und kaschiert aus dieser Lebenslüge herausstammt. Was können Menschen, die in einer solchen Lebenslüge stehen, an wirklicher innerer Einsicht über die Zusammenhänge des Menschenlebens denn eigentlich gewinnen? Sie müssen sich denken: Ach, da treten solche sonderbaren Käuze auf, die Beziehungen haben wollen zu den geistigen Welten wie die Jungfrau von Orleans, und man muß ihnen sogar historische Bedeutung zuschreiben; aber man muß doch das wahrhaftig nicht als ein Beispiel hinstellen, dem man nachstreben soll, damit man auch irgendwie geistige Kräfte in die physische Welt einführen könne! — Es wird zwar noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, bis weitere Kreise von Menschen die ganze schwerwiegende Tatsache einsehen und anerkennen, von der wir also gesprochen haben. Heute haben auch die Naturwissenschafter schon die Allüren angenommen, die dazumal der Jungfrau von Orleans gegenüber die Theologen angenommen haben. Denn dasjenige, auf das Jaurès da zuletzt aufmerksam macht, das gehört zur tiefen Tragik dieser Erscheinung der Jungfrau von Orleans dazumal. Die Theologen sagten damals: Das, was die da als ihre geistigen Welterkenntnisse auskramt, das stimmt nicht überein mit dem, was wir erkennen durch unsere Theologie! — Das war dazumal auf theologischem Gebiete aus derselben Gesinnung geflossen, aus der heute schon nach verhältnismäßig kürzerer Zeit, als es bei der Theologie der Fall war, die naturwissenschaftlichen Leute sprechen. Die Jungfrau von Orleans hat dazumal denjenigen, die von der Theologie her sie beurteilten und die da sagten, sie müsse aus den Heiligen Büchern ihre Wunder und ihre Mission rechtfertigen, geantwortet: Im Buche Gottes steht mehr geschrieben als in all euern Büchern! — Das ist ein historisches Wort. Das ist aber auch ein Wort, das heute noch Gültigkeit hat. Denn es kann vom Standpunkte der Geisteswissenschaft allen Einwänden erwidert werden, theologischen und naturwissenschaftlichen Einwänden: In dem Buche der geistigen Welten steht mehr geschrieben als alles dasjenige, was sich die Widersacher träumen lassen. — Und Jaurès fügt hinzu zu diesen Worten: «Ein wunderbares Wort, das in gewisser Beziehung im Gegensatz zur Bauernseele steht, deren Glauben vor allem im Herkommen wurzelt. Wie fern ist das alles von dem dumpfen engherzig-beschränkten Patriotismus des Grundbesitzes! Jeanne aber vernimmt die göttlichen Stimmen ihres Herzens, indem sie zu den strahlenden und sanften Himmelshöhen aufblickt.»
[ 22 ] Ja, in dem Munde unserer Mitwelt klingt gewiß eine solche Anerkennung ganz gut; aber was ist sie im Munde selbst der Besten in aller unserer Mitwelt? Eine Anerkennung von etwas, das sie doch mehr oder weniger für eine Dichtung halten, für eine Dichtung, die das Leben mehr oder weniger schön machen kann, der sie aber keine Realität zugestehen. Und das macht die Lebenslüge!
[ 22 ] Ja, in dem Munde unserer Mitwelt klingt gewiß eine solche Anerkennung ganz gut; aber was ist sie im Munde selbst der Besten in aller unserer Mitwelt? Eine Anerkennung von etwas, das sie doch mehr oder weniger für eine Dichtung halten, für eine Dichtung, die das Leben mehr oder weniger schön machen kann, der sie aber keine Realität zugestehen. Und das macht die Lebenslüge!
[ 23 ] So sehen wir, daß wir Klarheit brauchen über das Vorhandensein dieser Lebenslüge. Sie tritt uns in ihren Wirkungen überall, überall entgegen, und sie verhindert heute, daß Geisteswissenschaft schon den Einfluß gewinnt, den sie eigentlich haben müßte, Aber immer mehr und mehr Menschen werden nicht nur theoretisch die Einsichten gewinnen müssen in die Geisteswissenschaft, sondern auch die starke innere Kraft werden sie finden müssen, um Geisteswissenschaft in die einzelnen Verzweigungen des Lebens einzuführen. Auf den verschiedensten Lebensgebieten könnte man das nachweisen. Und wiederum kann man sagen, daß sich hier die wahren Tatsachen maskieren. Denn scheinbar kann man gegen all das, was da von der Geisteswissenschaft gesagt wird, wiederum etwas einwenden. Nehmen wir ein Lebensgebiet, das noch am ehesten, möchte man sagen, von der Menschheit goutiert wird aus dem einfachen Grunde, weil es dem äußeren Heile sehr nahe liegt. Sehen Sie, Geisteswissenschaft könnte ungeheuer segensreich wirken, wenn sich die Menschen zu der Einsicht herbeiließen, ein wenig die medizinischen Fakultäten, die Medizin, die Arzneikunde von dieser Geisteswissenschaft beeinflussen zu lassen. Denn immer mehr und mehr hat es die moderne naturwissenschaftliche Entwickelung dazu gebracht, daß die Medizin selber einen materialistischen Charakter angenommen hat. Gewiß, durch diesen materialistischen Charakter hat sie auch sehr Segensreiches bewirkt, und man braucht nur hinzuweisen auf die außerordentlich großen Fortschritte, die auf dem Gebiete der Chirurgie gemacht worden sind, um immerhin manche Berechtigung zu finden, wenn das immer wieder und wiederum gesagt wird, was ich auch sage: daß man die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft bewundern muß. Aber es gibt andere, nicht minder wichtige Seiten des medizinischen Erkennens und der medizinischen Kunst, welche unter der materialistischen Richtung ungeheuer leiden, und welche nur dadurch einer segensreichen Zukunft werden entgegengehen können, daß man geisteswissenschaftliches Erkennen in die betreffenden Untersuchungen einführt.
[ 23 ] So sehen wir, daß wir Klarheit brauchen über das Vorhandensein dieser Lebenslüge. Sie tritt uns in ihren Wirkungen überall, überall entgegen, und sie verhindert heute, daß Geisteswissenschaft schon den Einfluß gewinnt, den sie eigentlich haben müßte, Aber immer mehr und mehr Menschen werden nicht nur theoretisch die Einsichten gewinnen müssen in die Geisteswissenschaft, sondern auch die starke innere Kraft werden sie finden müssen, um Geisteswissenschaft in die einzelnen Verzweigungen des Lebens einzuführen. Auf den verschiedensten Lebensgebieten könnte man das nachweisen. Und wiederum kann man sagen, daß sich hier die wahren Tatsachen maskieren. Denn scheinbar kann man gegen all das, was da von der Geisteswissenschaft gesagt wird, wiederum etwas einwenden. Nehmen wir ein Lebensgebiet, das noch am ehesten, möchte man sagen, von der Menschheit goutiert wird aus dem einfachen Grunde, weil es dem äußeren Heile sehr nahe liegt. Sehen Sie, Geisteswissenschaft könnte ungeheuer segensreich wirken, wenn sich die Menschen zu der Einsicht herbeiließen, ein wenig die medizinischen Fakultäten, die Medizin, die Arzneikunde von dieser Geisteswissenschaft beeinflussen zu lassen. Denn immer mehr und mehr hat es die moderne naturwissenschaftliche Entwickelung dazu gebracht, daß die Medizin selber einen materialistischen Charakter angenommen hat. Gewiß, durch diesen materialistischen Charakter hat sie auch sehr Segensreiches bewirkt, und man braucht nur hinzuweisen auf die außerordentlich großen Fortschritte, die auf dem Gebiete der Chirurgie gemacht worden sind, um immerhin manche Berechtigung zu finden, wenn das immer wieder und wiederum gesagt wird, was ich auch sage: daß man die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft bewundern muß. Aber es gibt andere, nicht minder wichtige Seiten des medizinischen Erkennens und der medizinischen Kunst, welche unter der materialistischen Richtung ungeheuer leiden, und welche nur dadurch einer segensreichen Zukunft werden entgegengehen können, daß man geisteswissenschaftliches Erkennen in die betreffenden Untersuchungen einführt.
[ 24 ] Durch solches geisteswissenschaftliches Erkennen werden Zusammenhänge im menschlichen Organismus erkannt, für die die heutige medizinische Wissenschaft nur die Einzelheiten kennt. Gewiß, von einsichtigeren Forschern werden solche Dinge oftmals instinktiv geahnt; aber dadurch kann der Fortschritt nicht schnell genug geschehen, und man kann sagen: Würde nicht eine solche phantastische Ablehnung alles Geisteswissenschaftlichen gerade auf medizinischem Gebiete herrschen, und würde die Medizin nicht danach streben, monopolisiert zu werden als eine Macht von den entsprechenden Behörden und Regierungen, so würde zum Heile der Menschheit aus der Geisteswissenschaft heraus gerade auf medizinischem Gebiete Ungeheures geleistet werden können. Da können Sie sagen: Nun, nichts hindert ja einen Geistesforscher, diese Fortschritte herbeizuführen! — Da maskieren sich eben die Dinge, denn das ist eben nicht wahr. Der materialistische Betrieb, wie er heute herrscht, hindert in der Tat die Geistesforschung, einzugreifen. Denn das ist ein ganz falscher Glaube, daß der Geistesforscher, der die Dinge heute durchschaut, einem einzelnen Menschen helfen kann in allen Fällen. Er wird daran gehindert durch den äußeren materialistischen Betrieb der Medizin, und wird immer mehr und mehr gehindert werden, wenn der materialistische Betrieb der Medizin noch längere Zeit fortdauert. Man kann zum Geistesforscher auf medizinischem Gebiete nicht sagen: Hier ist Rhodus, hier tanze —, weil ihm zum Tanzen nicht die Beine freigemacht sind. Gewiß, es werden in anerkennenswerter Weise allerlei Bestrebungen getrieben, welche sich gegen den herrschenden Materialismus in der Medizin auflehnen; aber diese Bestrebungen sind alle ungenügend, weil vor allen Dingen die Einsicht fehlt, daß man nicht bloß der materialistischen Medizin etwas entgegensetzen muß, sondern daß man vor allen Dingen notwendig hat, mit dem zu arbeiten — aber im geisteswissenschaftlichen Sinne —, was die moderne Medizin sich erworben hat: nämlich die Hilfsmittel, die man gerade auf diesem Gebiete äußerlich braucht. Aber die Menschheit würde sehr erstaunen, was anderes herauskommen würde, wenn man mit geisteswissenschaftlichen Anschauungen heute in die Kliniken, in die Seziersäle treten und in alle die anderen Hilfsquellen und Hilfsmittel des medizinischen Betriebes geisteswissenschaftliche Anschauung hineintragen würde. Aber in dieser Richtung müssen auch die Bestrebungen gehen. Nicht auf die Mißachtung der materialistischen Medizin, sondern darauf müssen die Bestrebungen gehen, daß in diesen materialistischen Betrieb hineingetragen werden muß die Geisteswissenschaft. Und vorher kann man auch im einzelnen nicht helfen. Die Zusammenhänge, warum das nicht sein kann, die können nicht in einem so kurzen Vortrag erörtert werden; aber es ist so. So könnte gerade auf einem Gebiete, das auch dem äußeren menschlichen Heile so nahe liegt, bei einiger Vorurteilslosigkeit ungeheuer viel geleistet werden.
[ 24 ] Durch solches geisteswissenschaftliches Erkennen werden Zusammenhänge im menschlichen Organismus erkannt, für die die heutige medizinische Wissenschaft nur die Einzelheiten kennt. Gewiß, von einsichtigeren Forschern werden solche Dinge oftmals instinktiv geahnt; aber dadurch kann der Fortschritt nicht schnell genug geschehen, und man kann sagen: Würde nicht eine solche phantastische Ablehnung alles Geisteswissenschaftlichen gerade auf medizinischem Gebiete herrschen, und würde die Medizin nicht danach streben, monopolisiert zu werden als eine Macht von den entsprechenden Behörden und Regierungen, so würde zum Heile der Menschheit aus der Geisteswissenschaft heraus gerade auf medizinischem Gebiete Ungeheures geleistet werden können. Da können Sie sagen: Nun, nichts hindert ja einen Geistesforscher, diese Fortschritte herbeizuführen! — Da maskieren sich eben die Dinge, denn das ist eben nicht wahr. Der materialistische Betrieb, wie er heute herrscht, hindert in der Tat die Geistesforschung, einzugreifen. Denn das ist ein ganz falscher Glaube, daß der Geistesforscher, der die Dinge heute durchschaut, einem einzelnen Menschen helfen kann in allen Fällen. Er wird daran gehindert durch den äußeren materialistischen Betrieb der Medizin, und wird immer mehr und mehr gehindert werden, wenn der materialistische Betrieb der Medizin noch längere Zeit fortdauert. Man kann zum Geistesforscher auf medizinischem Gebiete nicht sagen: Hier ist Rhodus, hier tanze —, weil ihm zum Tanzen nicht die Beine freigemacht sind. Gewiß, es werden in anerkennenswerter Weise allerlei Bestrebungen getrieben, welche sich gegen den herrschenden Materialismus in der Medizin auflehnen; aber diese Bestrebungen sind alle ungenügend, weil vor allen Dingen die Einsicht fehlt, daß man nicht bloß der materialistischen Medizin etwas entgegensetzen muß, sondern daß man vor allen Dingen notwendig hat, mit dem zu arbeiten — aber im geisteswissenschaftlichen Sinne —, was die moderne Medizin sich erworben hat: nämlich die Hilfsmittel, die man gerade auf diesem Gebiete äußerlich braucht. Aber die Menschheit würde sehr erstaunen, was anderes herauskommen würde, wenn man mit geisteswissenschaftlichen Anschauungen heute in die Kliniken, in die Seziersäle treten und in alle die anderen Hilfsquellen und Hilfsmittel des medizinischen Betriebes geisteswissenschaftliche Anschauung hineintragen würde. Aber in dieser Richtung müssen auch die Bestrebungen gehen. Nicht auf die Mißachtung der materialistischen Medizin, sondern darauf müssen die Bestrebungen gehen, daß in diesen materialistischen Betrieb hineingetragen werden muß die Geisteswissenschaft. Und vorher kann man auch im einzelnen nicht helfen. Die Zusammenhänge, warum das nicht sein kann, die können nicht in einem so kurzen Vortrag erörtert werden; aber es ist so. So könnte gerade auf einem Gebiete, das auch dem äußeren menschlichen Heile so nahe liegt, bei einiger Vorurteilslosigkeit ungeheuer viel geleistet werden.
[ 25 ] Und mit Bezug auf die brennenden sozialen Fragen, da würde sich herausstellen, daß zwar noch viele Versuche gemacht werden, dieses oder jenes auf sozialem Gebiete zu verbessern, diese oder jene Lebensbedingung zu verbessern; aber alle diese Versuche werden scheitern. Erst dann, wenn man dazu kommen wird, so wie man der Mathematik oder der Geometrie ihre Axiome zugrunde legt, die geisteswissenschaftlichen Axiome auch der sozialen Erkenntnis zugrunde zu legen, erst dann wird man wirklich wirksame Mittel finden.
[ 25 ] Und mit Bezug auf die brennenden sozialen Fragen, da würde sich herausstellen, daß zwar noch viele Versuche gemacht werden, dieses oder jenes auf sozialem Gebiete zu verbessern, diese oder jene Lebensbedingung zu verbessern; aber alle diese Versuche werden scheitern. Erst dann, wenn man dazu kommen wird, so wie man der Mathematik oder der Geometrie ihre Axiome zugrunde legt, die geisteswissenschaftlichen Axiome auch der sozialen Erkenntnis zugrunde zu legen, erst dann wird man wirklich wirksame Mittel finden.
[ 26 ] Und so leben wir in einer Welt, der gegenüber vor allen Dingen unsere eigene Seele, wenn wir von Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ergriffen werden, radikal andere Gedanken und Empfindungen entgegenbringen muß. Wir leben gewissermaßen in einer Atmosphäre, die an uns die Anforderung einer starken Kraftentfaltung, eines starken Sich-Aufrechterhaltens verlangt. Und das sind die tieferen Gründe, warum wir oftmals verzagt werden können, uns einsam fühlen können, warum vielleicht der eine oder andere dadurch, daß er sich zur Geisteswissenschaft bekennt, mit dem Leben nicht leicht fertig wird. Aber wenn wir die klare Einsicht haben, wie groß dasjenige ist, in das wir uns hineinstellen im ganzen Menschheitszusammenhang, und wie es heute nur als etwas Kleines erscheint, weil wir noch im Anfange stehen, können wir auch diese Stärke finden, können sie dann wirklich finden. Alles Große in der Menschheitsentwickelung namentlich muß einen kleinen Anfang nehmen.
[ 26 ] Und so leben wir in einer Welt, der gegenüber vor allen Dingen unsere eigene Seele, wenn wir von Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ergriffen werden, radikal andere Gedanken und Empfindungen entgegenbringen muß. Wir leben gewissermaßen in einer Atmosphäre, die an uns die Anforderung einer starken Kraftentfaltung, eines starken Sich-Aufrechterhaltens verlangt. Und das sind die tieferen Gründe, warum wir oftmals verzagt werden können, uns einsam fühlen können, warum vielleicht der eine oder andere dadurch, daß er sich zur Geisteswissenschaft bekennt, mit dem Leben nicht leicht fertig wird. Aber wenn wir die klare Einsicht haben, wie groß dasjenige ist, in das wir uns hineinstellen im ganzen Menschheitszusammenhang, und wie es heute nur als etwas Kleines erscheint, weil wir noch im Anfange stehen, können wir auch diese Stärke finden, können sie dann wirklich finden. Alles Große in der Menschheitsentwickelung namentlich muß einen kleinen Anfang nehmen.
[ 27 ] Ich möchte auch hier, wie ich es in Zürich dieser Tage getan habe, darauf hinweisen, wie im ganzen Denken unserer Gegenwartsmenschen Beschränkendes, Unlogisches, Unzusammenhängendes lebt. Das kommt davon her, weil in der neueren Entwickelung die Naturwissenschaft wie verblendend gewirkt hat für diese neuere Menschheit. Diese Naturwissenschaft hat eben großartige, bewunderungswürdige Resultate mit Bezug auf die äußere Sinnenwelt hervorgebracht, und da fühlten sich diejenigen Menschen, die früher das Geistesgut der Menschheit verwaltet haben, ich möchte sagen zurückgedrängt, immer mehr und mehr zurückgedrängt. Insbesondere gewissen Theologen ist es dabei nicht gut gegangen. Es ist unrichtig, wenn man einfach dasjenige, was die Menschen als Theologie heraufgebracht haben durch die Menschheitsentwickelung, von vornherein ablehnt. In dieser Theologie stecken tiefe, bedeutsame Grundwahrheiten auch über die menschliche Seele; wenn sie auch erst näher beleuchtet werden müssen durch die Geisteswissenschaft in vieler Beziehung, es stecken Grundwahrheiten darinnen. Nur weil sie nicht so vertreten werden, wie es dem Bedürfnisse der heutigen Menschheit entspricht, muß heute in dem denkenden Menschen und in der fühlenden Seele die Sehnsucht nach einer Antwort der geisteswissenschaftlichen Frage entstehen. Aber die Theologen, die nicht mitwollen mit einer solchen geisteswissenschaftlichen Bestrebung, die kamen in einen merkwürdigen Zustand hinein: sie hatten Wahrheiten, aber diese Wahrheiten waren auf nichts anwendbar, denn die anderen Wissenschaften hatten ihnen die Objekte für diese Wahrheiten weggenommen. Die Theologen hatten Wahrheiten über die Seele — aber die Seele wurde ihnen von der Naturwissenschaft weggenommen. Und nun spricht die Theologie in Worten vielleicht Wahrheiten aus, aber sie kümmert sich nicht um die Objekte; die Objekte will sie sogar von der Naturwissenschaft ruhig untersuchen lassen, denn die Theologen sind in vieler Beziehung zu bequem, um nun wirklich es mit der Naturwissenschaft aufzunehmen. Und das ist das, was wir als bedeutsam in der Geisteswissenschaft sehen müssen: daß diese Geisteswissenschaft es mit der Naturwissenschaft vollständig aufnimmt, sich einläßt in all dasjenige, was die Naturwissenschaft sich erworben hat, und mitspricht, indem sie die geisteswissenschaftlichen Prinzipien hinzufügt zu dem naturwissenschaftlichen Betriebe. Die Theologen wollten das nicht tun; sie sind gerade manchmal da, wo es darauf ankommt, mitzutun, die Objekte zu halten, von einer ganz merkwürdigen Gesinnung beseelt.
[ 27 ] Ich möchte auch hier, wie ich es in Zürich dieser Tage getan habe, darauf hinweisen, wie im ganzen Denken unserer Gegenwartsmenschen Beschränkendes, Unlogisches, Unzusammenhängendes lebt. Das kommt davon her, weil in der neueren Entwickelung die Naturwissenschaft wie verblendend gewirkt hat für diese neuere Menschheit. Diese Naturwissenschaft hat eben großartige, bewunderungswürdige Resultate mit Bezug auf die äußere Sinnenwelt hervorgebracht, und da fühlten sich diejenigen Menschen, die früher das Geistesgut der Menschheit verwaltet haben, ich möchte sagen zurückgedrängt, immer mehr und mehr zurückgedrängt. Insbesondere gewissen Theologen ist es dabei nicht gut gegangen. Es ist unrichtig, wenn man einfach dasjenige, was die Menschen als Theologie heraufgebracht haben durch die Menschheitsentwickelung, von vornherein ablehnt. In dieser Theologie stecken tiefe, bedeutsame Grundwahrheiten auch über die menschliche Seele; wenn sie auch erst näher beleuchtet werden müssen durch die Geisteswissenschaft in vieler Beziehung, es stecken Grundwahrheiten darinnen. Nur weil sie nicht so vertreten werden, wie es dem Bedürfnisse der heutigen Menschheit entspricht, muß heute in dem denkenden Menschen und in der fühlenden Seele die Sehnsucht nach einer Antwort der geisteswissenschaftlichen Frage entstehen. Aber die Theologen, die nicht mitwollen mit einer solchen geisteswissenschaftlichen Bestrebung, die kamen in einen merkwürdigen Zustand hinein: sie hatten Wahrheiten, aber diese Wahrheiten waren auf nichts anwendbar, denn die anderen Wissenschaften hatten ihnen die Objekte für diese Wahrheiten weggenommen. Die Theologen hatten Wahrheiten über die Seele — aber die Seele wurde ihnen von der Naturwissenschaft weggenommen. Und nun spricht die Theologie in Worten vielleicht Wahrheiten aus, aber sie kümmert sich nicht um die Objekte; die Objekte will sie sogar von der Naturwissenschaft ruhig untersuchen lassen, denn die Theologen sind in vieler Beziehung zu bequem, um nun wirklich es mit der Naturwissenschaft aufzunehmen. Und das ist das, was wir als bedeutsam in der Geisteswissenschaft sehen müssen: daß diese Geisteswissenschaft es mit der Naturwissenschaft vollständig aufnimmt, sich einläßt in all dasjenige, was die Naturwissenschaft sich erworben hat, und mitspricht, indem sie die geisteswissenschaftlichen Prinzipien hinzufügt zu dem naturwissenschaftlichen Betriebe. Die Theologen wollten das nicht tun; sie sind gerade manchmal da, wo es darauf ankommt, mitzutun, die Objekte zu halten, von einer ganz merkwürdigen Gesinnung beseelt.
[ 28 ] Einer, der in gewissen Kreisen als ein ganz außerordentlicher Theologe gilt, sowohl als Professor, der er früher war, wie auch als Seelsorger, der hat ein Büchelchen geschrieben, in dem er religiöse Vorträge wiedergibt; und in diesem Büchelchen spricht er so Gedanken aus, an denen man ihn merkwürdig belauschen kann. Man sieht da in die Seele eines bedeutenden Menschen der Gegenwart hinein — ja, ich kann nicht anders sagen, man wird zuweilen umgeworfen von dem, was als Gedankenform heute ein bedeutender Mensch zutage fördern kann! Da spricht zum Beispiel gleich in der ersten Vorlesung dieser berühmte, bedeutende Mann davon, daß man an die Naturwissenschaft herangehen müsse und den natürlichen Menschen hergeben müsse; nur den Menschen der Freiheit dürfe man behalten als Theologe. Aber eben die Freiheit wird zum bloßen Wort in diesem Sinne! Sagt er denn da nicht: alles an Inhalt der Seele ließe er an die Naturwissenschaft überweisen? — Nun hat er nichts zurückbehalten als eine Worte-Weisheit — und er gibt sogar einen recht niedlichen Grund an, warum er diese Gesinnung hat; er sagt nämlich ganz trocken, daß er diese Gesinnung hat. Also ein Theologe, der in diesen Vorträgen die modernste Gestalt des Christentums seinen Zuhörern schildern wollte, der sagt gleich im ersten Vortrage: «Der Mensch, wie er uns in der Zoologie entgegentritt, der zweibeinige, aufrecht wandelnde, mit dem fein ausgebildeten Rückgrat und Gehirn ausgestattete homo sapiens, ist ebenso gut wie irgend ein anderes organisches oder anorganisches Gebilde Bestandteil der Natur, ist aus derselben Masse, denselben Energien, denselben Atomen zusammengesetzt, von derselben Kraft durchwirkt und durchwaltet; jedenfalls ist das ganze körperliche Leben des Menschen, mag es noch so verwickelt sein, in seiner ganzen Zusammensetzung naturwissenschaftlich bestimmt, gesetzmäßig geordnet wie alles andere lebendige und unlebendige Wesen der Natur. Es besteht insoweit gar kein Unterschied zwischen dem Menschen und einer Qualle, einem Wassertropfen oder einem Sandkorn.»
[ 28 ] Einer, der in gewissen Kreisen als ein ganz außerordentlicher Theologe gilt, sowohl als Professor, der er früher war, wie auch als Seelsorger, der hat ein Büchelchen geschrieben, in dem er religiöse Vorträge wiedergibt; und in diesem Büchelchen spricht er so Gedanken aus, an denen man ihn merkwürdig belauschen kann. Man sieht da in die Seele eines bedeutenden Menschen der Gegenwart hinein — ja, ich kann nicht anders sagen, man wird zuweilen umgeworfen von dem, was als Gedankenform heute ein bedeutender Mensch zutage fördern kann! Da spricht zum Beispiel gleich in der ersten Vorlesung dieser berühmte, bedeutende Mann davon, daß man an die Naturwissenschaft herangehen müsse und den natürlichen Menschen hergeben müsse; nur den Menschen der Freiheit dürfe man behalten als Theologe. Aber eben die Freiheit wird zum bloßen Wort in diesem Sinne! Sagt er denn da nicht: alles an Inhalt der Seele ließe er an die Naturwissenschaft überweisen? — Nun hat er nichts zurückbehalten als eine Worte-Weisheit — und er gibt sogar einen recht niedlichen Grund an, warum er diese Gesinnung hat; er sagt nämlich ganz trocken, daß er diese Gesinnung hat. Also ein Theologe, der in diesen Vorträgen die modernste Gestalt des Christentums seinen Zuhörern schildern wollte, der sagt gleich im ersten Vortrage: «Der Mensch, wie er uns in der Zoologie entgegentritt, der zweibeinige, aufrecht wandelnde, mit dem fein ausgebildeten Rückgrat und Gehirn ausgestattete homo sapiens, ist ebenso gut wie irgend ein anderes organisches oder anorganisches Gebilde Bestandteil der Natur, ist aus derselben Masse, denselben Energien, denselben Atomen zusammengesetzt, von derselben Kraft durchwirkt und durchwaltet; jedenfalls ist das ganze körperliche Leben des Menschen, mag es noch so verwickelt sein, in seiner ganzen Zusammensetzung naturwissenschaftlich bestimmt, gesetzmäßig geordnet wie alles andere lebendige und unlebendige Wesen der Natur. Es besteht insoweit gar kein Unterschied zwischen dem Menschen und einer Qualle, einem Wassertropfen oder einem Sandkorn.»
[ 29 ] Theologische Vorlesungen, Vorlesungen eines Theologen, eines Seelsorgers! Aber nicht nur in bezug auf das Körperliche spricht dieser Theologe so, sondern er sagt weiter: «Die seelischen Funktionen, welche der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise zugänglich sind, unterliegen einer ebenso strengen Gesetzmäßigkeit wie die körperlichen Vorgänge; und die Empfindungen, die wir haben, sowie die Vorstellungen, die wir bilden, sind uns durch die Natur ebenso gut aufgezwungen» — bitte: die Empfindungen und Vorstellungen! — «wie die Nervenprozesse, die zu Lust- und Unlustempfindungen führen. Sie sind ebenso gut mechanische Vorstellungen wie die einer Dampfmaschine.»
[ 29 ] Theologische Vorlesungen, Vorlesungen eines Theologen, eines Seelsorgers! Aber nicht nur in bezug auf das Körperliche spricht dieser Theologe so, sondern er sagt weiter: «Die seelischen Funktionen, welche der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise zugänglich sind, unterliegen einer ebenso strengen Gesetzmäßigkeit wie die körperlichen Vorgänge; und die Empfindungen, die wir haben, sowie die Vorstellungen, die wir bilden, sind uns durch die Natur ebenso gut aufgezwungen» — bitte: die Empfindungen und Vorstellungen! — «wie die Nervenprozesse, die zu Lust- und Unlustempfindungen führen. Sie sind ebenso gut mechanische Vorstellungen wie die einer Dampfmaschine.»
[ 30 ] Sie sehen, die Seele schlüpft so hin zu den Naturforschern, und der Theologe behält nur die alte theologische Worthülse, für die er Phrasen aufbringt; denn die letzten Seiten, die letzten Vorlesungen bestehen nun nur noch aus Phrasen, um das, was behandelt ist, mit theologischen Worthülsen zu umhüllen. Aber er gibt die Gesinnung an, warum er denn heute so freigebig ist in der Hingabe der Objekte. Und da ertappt man doch eine ganz merkwürdige Gesinnung: denken Sie, er sagt, die Theologen müssen so handeln, wie er handelt, man müsse sogar noch weitergehen, sagt er: «Diese naturgesetzliche Bestimmtheit des Menschen betrifft nicht nur seine körperlichen, sondern auch seine seelischen Funktionen. Das war es immer, was wir Theologen nicht zugeben wollten,» — nur er ist darüber hinaus, er ist höher gestiegen, er gibt es nun zu — «weil wir den naturwissenschaftlichen Seelenbegriff mit dem theologischen verwechselten und unangenehme Folgen daraus für den Glauben befürchteten.»
[ 30 ] Sie sehen, die Seele schlüpft so hin zu den Naturforschern, und der Theologe behält nur die alte theologische Worthülse, für die er Phrasen aufbringt; denn die letzten Seiten, die letzten Vorlesungen bestehen nun nur noch aus Phrasen, um das, was behandelt ist, mit theologischen Worthülsen zu umhüllen. Aber er gibt die Gesinnung an, warum er denn heute so freigebig ist in der Hingabe der Objekte. Und da ertappt man doch eine ganz merkwürdige Gesinnung: denken Sie, er sagt, die Theologen müssen so handeln, wie er handelt, man müsse sogar noch weitergehen, sagt er: «Diese naturgesetzliche Bestimmtheit des Menschen betrifft nicht nur seine körperlichen, sondern auch seine seelischen Funktionen. Das war es immer, was wir Theologen nicht zugeben wollten,» — nur er ist darüber hinaus, er ist höher gestiegen, er gibt es nun zu — «weil wir den naturwissenschaftlichen Seelenbegriff mit dem theologischen verwechselten und unangenehme Folgen daraus für den Glauben befürchteten.»
[ 31 ] Aber jetzt ist er so weit, daß er keine unangenehmen Folgen mehr für den Glauben befürchtet, die er zugibt! Dann sagt er: «Diese entstehen aber gerade dann, wenn man die Wissenschaft nicht zu ihrem vollen Resultat kommen läßt;». Also er sagt jetzt: Geben wir nun schon dieser Wissenschaft nach, sonst hat sie noch unangenehme Folgen! Sonst hat sie eklige Folgen, diese Wissenschaft. — Und dann ertappen wir ihn in nun wirklich merkwürdigstem Glanze: «denn man verscherzt sich dann das Zutrauen denkender Menschen.»
[ 31 ] Aber jetzt ist er so weit, daß er keine unangenehmen Folgen mehr für den Glauben befürchtet, die er zugibt! Dann sagt er: «Diese entstehen aber gerade dann, wenn man die Wissenschaft nicht zu ihrem vollen Resultat kommen läßt;». Also er sagt jetzt: Geben wir nun schon dieser Wissenschaft nach, sonst hat sie noch unangenehme Folgen! Sonst hat sie eklige Folgen, diese Wissenschaft. — Und dann ertappen wir ihn in nun wirklich merkwürdigstem Glanze: «denn man verscherzt sich dann das Zutrauen denkender Menschen.»
[ 32 ] Da haben Sie das, was der große Theologe heute anstrebt! Die Menschen sind auf allen diesen Wegen, die ich Ihnen heute geschildert habe — die besten —, zu jenen Empfindungen gekommen, mit denen sie ihr Zutrauen uns zuwenden, wenn wir vom Geistigen sprechen; das soll man sich nur nicht verscherzen, und deshalb nur ja nicht die wirkliche innere Seelenkraft anwenden, die auf dem Boden einer geistigen Einsicht stehen könnte! — Wir sehen: Wenn wir die Leute ertappen in dem, was heute, sagen wir ihr innerstes Wesen durchzieht, wenn wir nicht gedankenlos an solchen Dingen vorübergehen, dann stellen sich die Leute heute merkwürdig heraus. Darüber müssen wir klare Einsichten haben. Wir müssen uns aus diesen klaren Einsichten heraus nicht wundern, daß, wenn solche Gedanken von den heute zu der religiösen, zu der geistigen Erziehung der Menschheit amtlich Berufenen gezüchtet werden, wir es schwierig haben, mit dem radikal Entgegengesetzten uns in die Welt hineinzustellen.
[ 32 ] Da haben Sie das, was der große Theologe heute anstrebt! Die Menschen sind auf allen diesen Wegen, die ich Ihnen heute geschildert habe — die besten —, zu jenen Empfindungen gekommen, mit denen sie ihr Zutrauen uns zuwenden, wenn wir vom Geistigen sprechen; das soll man sich nur nicht verscherzen, und deshalb nur ja nicht die wirkliche innere Seelenkraft anwenden, die auf dem Boden einer geistigen Einsicht stehen könnte! — Wir sehen: Wenn wir die Leute ertappen in dem, was heute, sagen wir ihr innerstes Wesen durchzieht, wenn wir nicht gedankenlos an solchen Dingen vorübergehen, dann stellen sich die Leute heute merkwürdig heraus. Darüber müssen wir klare Einsichten haben. Wir müssen uns aus diesen klaren Einsichten heraus nicht wundern, daß, wenn solche Gedanken von den heute zu der religiösen, zu der geistigen Erziehung der Menschheit amtlich Berufenen gezüchtet werden, wir es schwierig haben, mit dem radikal Entgegengesetzten uns in die Welt hineinzustellen.
[ 33 ] Wir müssen uns immer wieder vorhalten, welcher Sache wir eigentlich im ganzen Menschheitszusammenhange dienen dadurch, daß wir den verführerischen Gedanken der Menschheit, die heute von solcher Seite kommen, diejenigen gegenüberstellen, die allein fruchtbar sein können. Und ein solcher Gedanke vermag uns immer selbst in der stärksten Depression wiederum zu erheben, wiederum kraftvoll zu machen. Solcher Gedanke ist in jeder Sekunde unseres Lebens durchaus wichtig, und es ist wichtig, daß wir die Geisteswissenschaft so betreiben, daß wir für das äußere Leben sie so wenig wie möglich zeigen, aber sie so stark und intensiv in uns aufnehmen, daß wir selbst gegenüber den Prüfungen, die sie uns auferlegt, die Kraft haben, uns zu sagen: sie müssen da sein! — Da uns unser Karma zu ihr geführt hat, wollen wir auch das auf uns nehmen, was sie uns als Prüfung auferlegen kann. Denn die widerstrebenden Kräfte sind heute in der Welt der Geisteswissenschaft gegenüber ungeheuer schwierig, und die Menschen wissen es im Grunde gar nicht. Denn selbstverständlich ahnt jener Mann von alldem, was eigentlich das Wesen des Denkens und Empfindens ist und was man nur enthüllen kann, wenn man den klaren Blick von der Geisteswissenschaft aus in das ganze Verderbliche, Zerstörerische eines solchen Denkens gewinnt, von dem allem ahnt der Mann gar nichts! Deshalb kann ihm auch keine Schuld zugeschrieben werden, kann er nicht mißachtet werden, sondern eine solche Tatsache muß man ganz objektiv hinnehmen wie ein Erdbeben, wie einen Vulkanausbruch, die auch zerstörerisch in der Menschheit wirken — wenn auch auf einem kleinen Gebiet — mit äußeren physischen Mitteln. Der Mann kann aber wirklich nicht denken. Und damit ist er nur ein Beispiel für die bedeutendsten Leute der Gegenwart, die nicht denken können. Er kann nicht denken! Stellen Sie sich vor, er sagt: Den Körper des Menschen geben wir selbstverständlich der Naturwissenschaft ab, das geht ja nicht anders; denn was sollen wir Theologen damit machen? Nicht wahr, wir können den Körper nicht untersuchen. — Daß, wenn man den Geist wirklich untersucht, dieser Geist Mitaufbauer des Körpers ist, daß man also gar nicht den Körper absondern kann und ihn so verschenken kann, wie das gestern im öffentlichen Vortrag ausgeführt wurde, davon hat dieser Mann keine Ahnung. Er verschenkt den Körper; aber er verschenkt die Seele auch — denn sie empfindet praktisch wie eine Dampfmaschine —, er behält nur, wie er ausdrücklich sagt, für die Theologie zurück den «Menschen als Freiheit». Den «Menschen als Natur», den verschenkt er sogar großmütig; den «Menschen als Freiheit» behält er zurück. Aber nun, nachdem er den Menschen als Freiheit zurückbehalten hat, sagt er freilich: «Der Mensch als Natur verliert als Naturbestandteil seine Selbständigkeit und Freiheit; alles was er erlebt, erleidet er, muß er durchaus nach dem Gesetz der Natur erleiden.»
[ 33 ] Wir müssen uns immer wieder vorhalten, welcher Sache wir eigentlich im ganzen Menschheitszusammenhange dienen dadurch, daß wir den verführerischen Gedanken der Menschheit, die heute von solcher Seite kommen, diejenigen gegenüberstellen, die allein fruchtbar sein können. Und ein solcher Gedanke vermag uns immer selbst in der stärksten Depression wiederum zu erheben, wiederum kraftvoll zu machen. Solcher Gedanke ist in jeder Sekunde unseres Lebens durchaus wichtig, und es ist wichtig, daß wir die Geisteswissenschaft so betreiben, daß wir für das äußere Leben sie so wenig wie möglich zeigen, aber sie so stark und intensiv in uns aufnehmen, daß wir selbst gegenüber den Prüfungen, die sie uns auferlegt, die Kraft haben, uns zu sagen: sie müssen da sein! — Da uns unser Karma zu ihr geführt hat, wollen wir auch das auf uns nehmen, was sie uns als Prüfung auferlegen kann. Denn die widerstrebenden Kräfte sind heute in der Welt der Geisteswissenschaft gegenüber ungeheuer schwierig, und die Menschen wissen es im Grunde gar nicht. Denn selbstverständlich ahnt jener Mann von alldem, was eigentlich das Wesen des Denkens und Empfindens ist und was man nur enthüllen kann, wenn man den klaren Blick von der Geisteswissenschaft aus in das ganze Verderbliche, Zerstörerische eines solchen Denkens gewinnt, von dem allem ahnt der Mann gar nichts! Deshalb kann ihm auch keine Schuld zugeschrieben werden, kann er nicht mißachtet werden, sondern eine solche Tatsache muß man ganz objektiv hinnehmen wie ein Erdbeben, wie einen Vulkanausbruch, die auch zerstörerisch in der Menschheit wirken — wenn auch auf einem kleinen Gebiet — mit äußeren physischen Mitteln. Der Mann kann aber wirklich nicht denken. Und damit ist er nur ein Beispiel für die bedeutendsten Leute der Gegenwart, die nicht denken können. Er kann nicht denken! Stellen Sie sich vor, er sagt: Den Körper des Menschen geben wir selbstverständlich der Naturwissenschaft ab, das geht ja nicht anders; denn was sollen wir Theologen damit machen? Nicht wahr, wir können den Körper nicht untersuchen. — Daß, wenn man den Geist wirklich untersucht, dieser Geist Mitaufbauer des Körpers ist, daß man also gar nicht den Körper absondern kann und ihn so verschenken kann, wie das gestern im öffentlichen Vortrag ausgeführt wurde, davon hat dieser Mann keine Ahnung. Er verschenkt den Körper; aber er verschenkt die Seele auch — denn sie empfindet praktisch wie eine Dampfmaschine —, er behält nur, wie er ausdrücklich sagt, für die Theologie zurück den «Menschen als Freiheit». Den «Menschen als Natur», den verschenkt er sogar großmütig; den «Menschen als Freiheit» behält er zurück. Aber nun, nachdem er den Menschen als Freiheit zurückbehalten hat, sagt er freilich: «Der Mensch als Natur verliert als Naturbestandteil seine Selbständigkeit und Freiheit; alles was er erlebt, erleidet er, muß er durchaus nach dem Gesetz der Natur erleiden.»
[ 34 ] Also diese Freiheit verliert der Mensch durch seine Natur. Und nun denken Sie sich einmal, was eigentlich dieser Theologe noch zurückbehält! Erst sagt er: den Menschen als Natur, den gibt er der Natur und behält sich den Menschen als Freiheit zurück; dann konstatiert er aber: der Mensch als Natur, der ist so, daß er als Naturbestandteil seine Selbständigkeit und Freiheit verliert, und «alles, was er erlebt, erleidet er, muß er durchaus nach dem Gesetz der Natur erleiden». Nun hat er ja überhaupt nichts mehr! Man kann sich also nicht wundern, daß er dann im weiteren nur in Phrasen redet. Aber davon merkt der gute Mann nichts, und er ist ein typisches Beispiel dafür, wie die bedeutendsten Menschen heute nichts merken von der Diskontinuität der Gedanken, die heute wirkt. Die Menschheit ist eben heute in einem Entwickelungsstadium angekommen, wo dasjenige, was Denken sein soll über das physische Leben, befruchtet werden muß durch diejenigen Gedanken, die sich auch auf die geistige Welt beziehen; sonst werden an allen Stellen diese Gedanken abreißen, die sich auf die physische Welt beziehen, weil die Menschen, die heute mitreden, mit den einfachsten Tatsachen der Weltzusammenhänge nicht bekannt sind.
[ 34 ] Also diese Freiheit verliert der Mensch durch seine Natur. Und nun denken Sie sich einmal, was eigentlich dieser Theologe noch zurückbehält! Erst sagt er: den Menschen als Natur, den gibt er der Natur und behält sich den Menschen als Freiheit zurück; dann konstatiert er aber: der Mensch als Natur, der ist so, daß er als Naturbestandteil seine Selbständigkeit und Freiheit verliert, und «alles, was er erlebt, erleidet er, muß er durchaus nach dem Gesetz der Natur erleiden». Nun hat er ja überhaupt nichts mehr! Man kann sich also nicht wundern, daß er dann im weiteren nur in Phrasen redet. Aber davon merkt der gute Mann nichts, und er ist ein typisches Beispiel dafür, wie die bedeutendsten Menschen heute nichts merken von der Diskontinuität der Gedanken, die heute wirkt. Die Menschheit ist eben heute in einem Entwickelungsstadium angekommen, wo dasjenige, was Denken sein soll über das physische Leben, befruchtet werden muß durch diejenigen Gedanken, die sich auch auf die geistige Welt beziehen; sonst werden an allen Stellen diese Gedanken abreißen, die sich auf die physische Welt beziehen, weil die Menschen, die heute mitreden, mit den einfachsten Tatsachen der Weltzusammenhänge nicht bekannt sind.
[ 35 ] Wir wissen, daß die Menschen heute in einer Übergangsperiode sind. Nicht in dem oberflächlichen Sinne reden wir, in dem man jetzt von Übergangsperioden spricht, sondern in einem anderen Sinne. Wir sind eben in jenen Übergangsperioden, in denen die alten atavistisch-hellseherischen Instinkte erstorben sind und in denen bewußtes Eintreten in die geistigen Welten erlangt werden muß. Das ist eine für den Geistesforscher offenbare Tatsache. Aber jene alten atavistisch-hellseherischen Fähigkeiten, die die Menschen gehabt haben, haben ihnen auch wirksame Gedanken gegeben, insoferne sie in ihrer Kulturepoche sie gebraucht haben. Die Geschichte berichtet nur wenig von dem Großartigen, das die chaldäische Kulturepoche oder die ägyptische Kulturepoche hatte an in das Menschenleben eingreifenden Gedanken. Mögen sie heute für unsere Kritik noch so wenig bestehen können, für ihre Zeit haben sie bestanden. Eingreifende Gedanken — unsere Zeit muß wieder Gedanken gewinnen, die fähig sind, in die Wirklichkeit einzugreifen! Aber das kann sie nur, wenn sie ebenso von der geistigen Welt befruchtet wird, wie die alten Zeiten von der geistigen Welt befruchtet worden sind. Doch auf unbewußte Weise werden die Menschen heute nicht befruchtet. Daher muß Bewußtsein eintreten, wenn geisteswissenschaftliche Erkenntnis wirklich von den Menschen anerkannt werden soll. Und wir haben selbst bei diesem Manne, dem man so leicht nachweisen kann, daß er von den ärgsten Schäden der Gedankenlosigkeit unserer Zeit ergriffen ist, daß er einen unermeßlichen Schaden stiftet dadurch, daß er so viele Leute ansteckt mit seiner Gedankenlosigkeit, auch an ihm hat man keinen übelwollenden Menschen; man hat sogar einen einsichtigen Menschen vor sich, nämlich einen, der eben jene Einsicht hat, die man in unserer Zeit haben kann, wenn man nicht in einer gewissen Beziehung vorschreiten kann zur wirklichen geistigen Welt, in dem Sinne, wie ich gesagt habe, daß selbst Menschen wie Jaurès nicht vorschreiten können. Aber auch solche Menschen wie der, welcher diese religiösen Vorlesungen gehalten hat, auch solche Menschen wissen, daß die Menschheit heute in gewisser Beziehung vor einer Sackgasse steht, daß man so nicht weiter kann mit dem Denken, Fühlen und Wollen, welches die alten Gesinnungen, die alten Weltanschauungselemente gegeben haben. Und er weiß auch, daß das in der neueren Zeit zu dem Materialismus geführt hat, und er weiß, daß die Dinge anders werden müssen. Und er ist im Grunde genommen auch gar nicht wenig radikal, denn er redet davon, daß das 19. Jahrhundert die Menschen dazu gebracht hat, daß man solche Begriffe habe wie Sportismus, Komfortismus, Mammonismus. Von allen diesen Dingen, die gewisse Schattenseiten sind des Materialismus, von allen diesen Dingen redet der Mann, und er ist durchaus bereit zu sagen: Sportismus, Komfortismus, Mammonismus, so wie sie im 19. Jahrhundert heraufgekommen sind, sie müssen bekämpft werden. Allein, was er so sagt, es bleibt bei ihm Phrase, denn, am Ende des ersten Vortrages — man traut seinen Augen, man traut seinen Erkenntniskräften nicht — steht das Folgende. Folgendes kann heute von einem bedeutenden, berühmten Mann ausgesprochen werden. Er sagt zunächst ganz richtig: Alle die Dinge, die da geschehen, sollen eine andere Bewertung erfahren, «sie dürfen nicht mehr Endziel sein. Es darf keinen Kaufmann mehr geben, für den der Gelderwerb Selbstzweck ist; Lebensgenuß darf nicht mehr Inhalt des Lebens werden; es darf keine Menschen mehr geben, die nur ihrer Gesundheit leben.»
[ 35 ] Wir wissen, daß die Menschen heute in einer Übergangsperiode sind. Nicht in dem oberflächlichen Sinne reden wir, in dem man jetzt von Übergangsperioden spricht, sondern in einem anderen Sinne. Wir sind eben in jenen Übergangsperioden, in denen die alten atavistisch-hellseherischen Instinkte erstorben sind und in denen bewußtes Eintreten in die geistigen Welten erlangt werden muß. Das ist eine für den Geistesforscher offenbare Tatsache. Aber jene alten atavistisch-hellseherischen Fähigkeiten, die die Menschen gehabt haben, haben ihnen auch wirksame Gedanken gegeben, insoferne sie in ihrer Kulturepoche sie gebraucht haben. Die Geschichte berichtet nur wenig von dem Großartigen, das die chaldäische Kulturepoche oder die ägyptische Kulturepoche hatte an in das Menschenleben eingreifenden Gedanken. Mögen sie heute für unsere Kritik noch so wenig bestehen können, für ihre Zeit haben sie bestanden. Eingreifende Gedanken — unsere Zeit muß wieder Gedanken gewinnen, die fähig sind, in die Wirklichkeit einzugreifen! Aber das kann sie nur, wenn sie ebenso von der geistigen Welt befruchtet wird, wie die alten Zeiten von der geistigen Welt befruchtet worden sind. Doch auf unbewußte Weise werden die Menschen heute nicht befruchtet. Daher muß Bewußtsein eintreten, wenn geisteswissenschaftliche Erkenntnis wirklich von den Menschen anerkannt werden soll. Und wir haben selbst bei diesem Manne, dem man so leicht nachweisen kann, daß er von den ärgsten Schäden der Gedankenlosigkeit unserer Zeit ergriffen ist, daß er einen unermeßlichen Schaden stiftet dadurch, daß er so viele Leute ansteckt mit seiner Gedankenlosigkeit, auch an ihm hat man keinen übelwollenden Menschen; man hat sogar einen einsichtigen Menschen vor sich, nämlich einen, der eben jene Einsicht hat, die man in unserer Zeit haben kann, wenn man nicht in einer gewissen Beziehung vorschreiten kann zur wirklichen geistigen Welt, in dem Sinne, wie ich gesagt habe, daß selbst Menschen wie Jaurès nicht vorschreiten können. Aber auch solche Menschen wie der, welcher diese religiösen Vorlesungen gehalten hat, auch solche Menschen wissen, daß die Menschheit heute in gewisser Beziehung vor einer Sackgasse steht, daß man so nicht weiter kann mit dem Denken, Fühlen und Wollen, welches die alten Gesinnungen, die alten Weltanschauungselemente gegeben haben. Und er weiß auch, daß das in der neueren Zeit zu dem Materialismus geführt hat, und er weiß, daß die Dinge anders werden müssen. Und er ist im Grunde genommen auch gar nicht wenig radikal, denn er redet davon, daß das 19. Jahrhundert die Menschen dazu gebracht hat, daß man solche Begriffe habe wie Sportismus, Komfortismus, Mammonismus. Von allen diesen Dingen, die gewisse Schattenseiten sind des Materialismus, von allen diesen Dingen redet der Mann, und er ist durchaus bereit zu sagen: Sportismus, Komfortismus, Mammonismus, so wie sie im 19. Jahrhundert heraufgekommen sind, sie müssen bekämpft werden. Allein, was er so sagt, es bleibt bei ihm Phrase, denn, am Ende des ersten Vortrages — man traut seinen Augen, man traut seinen Erkenntniskräften nicht — steht das Folgende. Folgendes kann heute von einem bedeutenden, berühmten Mann ausgesprochen werden. Er sagt zunächst ganz richtig: Alle die Dinge, die da geschehen, sollen eine andere Bewertung erfahren, «sie dürfen nicht mehr Endziel sein. Es darf keinen Kaufmann mehr geben, für den der Gelderwerb Selbstzweck ist; Lebensgenuß darf nicht mehr Inhalt des Lebens werden; es darf keine Menschen mehr geben, die nur ihrer Gesundheit leben.»
[ 36 ] Also, er ist sehr radikal. Vom Standpunkte der Geisteswissenschaft werden wir solche radikalen Dinge ganz gewiß nicht hinstellen; wir werden vielmehr die Menschen ihrer eigenen Freiheit überlassen, und wir wissen, daß, wenn sie Karma und Reinkarnation und das übrige, was Geisteswissenschaft gibt, verstehen, so werden sie sich im einzelnen im Leben zurechtfinden. Aber dieser Mann, der weiß, daß die Menschen sich in eine Sackgasse gebracht haben, sagt recht radikal er würde schon anders werden, wenn er Geisteswissenschaft aufnähme —, daß die Menschen nicht mehr Geld verdienen sollen, nicht mehr das Leben genießen sollen, nicht mehr ihrer Gesundheit leben sollen. Ich kam einstmals — das ist ein Fall aus tausenden — in ein Sanatorium, dem ein berühmter Mann vorstand; da waren Nervenkranke darinnen. Ich konnte ganze Scharen Nervenkranke einmal vorbeidefilieren sehen, als sie zum Mittagsmahl gingen. Mir kam vor, daß der allerkränkste, zappligste Nervenkranke — der berühmte Leiter des Krankenhauses selbst war! Aber nun, unser Mann, unser Theologe ist radikal, er sagt: Der Inhalt des Lebens muß ein anderer werden; es darf keiner mehr bloß seiner Gesundheit leben und so weiter. Aber nun die folgenden Zeilen: «Das heißt:» — sagt er, und damit geht es zum Schluß seines Vortrages — «es soll alles bisherige getan werden, es muß aber etwas anderes dabei gedacht werden.»
[ 36 ] Also, er ist sehr radikal. Vom Standpunkte der Geisteswissenschaft werden wir solche radikalen Dinge ganz gewiß nicht hinstellen; wir werden vielmehr die Menschen ihrer eigenen Freiheit überlassen, und wir wissen, daß, wenn sie Karma und Reinkarnation und das übrige, was Geisteswissenschaft gibt, verstehen, so werden sie sich im einzelnen im Leben zurechtfinden. Aber dieser Mann, der weiß, daß die Menschen sich in eine Sackgasse gebracht haben, sagt recht radikal er würde schon anders werden, wenn er Geisteswissenschaft aufnähme —, daß die Menschen nicht mehr Geld verdienen sollen, nicht mehr das Leben genießen sollen, nicht mehr ihrer Gesundheit leben sollen. Ich kam einstmals — das ist ein Fall aus tausenden — in ein Sanatorium, dem ein berühmter Mann vorstand; da waren Nervenkranke darinnen. Ich konnte ganze Scharen Nervenkranke einmal vorbeidefilieren sehen, als sie zum Mittagsmahl gingen. Mir kam vor, daß der allerkränkste, zappligste Nervenkranke — der berühmte Leiter des Krankenhauses selbst war! Aber nun, unser Mann, unser Theologe ist radikal, er sagt: Der Inhalt des Lebens muß ein anderer werden; es darf keiner mehr bloß seiner Gesundheit leben und so weiter. Aber nun die folgenden Zeilen: «Das heißt:» — sagt er, und damit geht es zum Schluß seines Vortrages — «es soll alles bisherige getan werden, es muß aber etwas anderes dabei gedacht werden.»
[ 37 ] Das ist Lebensreform! Denken Sie einmal, das ist Lebensreform eines Menschen, der so tief hineinschaut in dasjenige, was notwendig ist: Alles muß anders werden, das heißt, es soll nichts anders werden, aber über alles soll nur anders gedacht werden: «Das Innerste, das Ziel, den höchsten Wert dürfen diese Dinge nicht darstellen. Erstrebt werden müssen sie mit derselben Energie, bewertet werden» — das heißt: gedacht werden — «müssen sie nach einer anderen Skala als bisher.»
[ 37 ] Das ist Lebensreform! Denken Sie einmal, das ist Lebensreform eines Menschen, der so tief hineinschaut in dasjenige, was notwendig ist: Alles muß anders werden, das heißt, es soll nichts anders werden, aber über alles soll nur anders gedacht werden: «Das Innerste, das Ziel, den höchsten Wert dürfen diese Dinge nicht darstellen. Erstrebt werden müssen sie mit derselben Energie, bewertet werden» — das heißt: gedacht werden — «müssen sie nach einer anderen Skala als bisher.»
[ 38 ] Nun, zu diesen Dingen braucht man nichts hinzuzufügen! Es ist schon notwendig, daß man auf diese Dinge das Augenmerk lenkt; denn sie sind nicht bei einem einzelnen Menschen zu finden, sie sind heute in der ganzen Kulturwelt zu finden. Und dasjenige, was die Menschen in ihrem Schicksale erleben, das rührt von nichts anderem her als von dieser Mangelhaftigkeit im Denken und Empfinden; das ist das Karma dieser Mangelhaftigkeit des Denkens und Empfindens! Darauf muß man zunächst den Sinn richten, und muß mindestens als Geisteswissenschafter die Möglichkeit finden, nicht hinzuhören auf dasjenige, was heute die Welt durchsaust und durchbraust, und was als «höchste Werte» aus anderen Impulsen heraus anerkannt wird; sondern man muß wirklich in dieser Beziehung, ohne daß man sich benebeln läßt durch allerlei andere Gefühle, die heute die Welt regieren und unter deren Einfluß heute so viel gelogen wird, man muß auf diese Hauptsachen hinschauen können; denn diese Dinge haben ihren Einfluß. Wir leben in einer solchen Sphäre — ich habe es schon in Zürich gesagt —, daß dieser Mann, der solches Zeug an die Menschen überliefert, so daß, indem sie ihm zuhören, diese Gedankenbestien sich in die Herzen, in die Gemüter hineinbegeben, sagen darf: «Der Inhalt dieses Büchleins besteht aus 12 Reden, die ich im letzten Winter in ...» — jetzt kommt die Stadt, die ich nicht nennen will — «vor einer mehr als tausendköpfigen Zuhörerschaft gehalten habe.»
[ 38 ] Nun, zu diesen Dingen braucht man nichts hinzuzufügen! Es ist schon notwendig, daß man auf diese Dinge das Augenmerk lenkt; denn sie sind nicht bei einem einzelnen Menschen zu finden, sie sind heute in der ganzen Kulturwelt zu finden. Und dasjenige, was die Menschen in ihrem Schicksale erleben, das rührt von nichts anderem her als von dieser Mangelhaftigkeit im Denken und Empfinden; das ist das Karma dieser Mangelhaftigkeit des Denkens und Empfindens! Darauf muß man zunächst den Sinn richten, und muß mindestens als Geisteswissenschafter die Möglichkeit finden, nicht hinzuhören auf dasjenige, was heute die Welt durchsaust und durchbraust, und was als «höchste Werte» aus anderen Impulsen heraus anerkannt wird; sondern man muß wirklich in dieser Beziehung, ohne daß man sich benebeln läßt durch allerlei andere Gefühle, die heute die Welt regieren und unter deren Einfluß heute so viel gelogen wird, man muß auf diese Hauptsachen hinschauen können; denn diese Dinge haben ihren Einfluß. Wir leben in einer solchen Sphäre — ich habe es schon in Zürich gesagt —, daß dieser Mann, der solches Zeug an die Menschen überliefert, so daß, indem sie ihm zuhören, diese Gedankenbestien sich in die Herzen, in die Gemüter hineinbegeben, sagen darf: «Der Inhalt dieses Büchleins besteht aus 12 Reden, die ich im letzten Winter in ...» — jetzt kommt die Stadt, die ich nicht nennen will — «vor einer mehr als tausendköpfigen Zuhörerschaft gehalten habe.»
[ 39 ] Aber — die Stadt ist ganz gleichgültig — das geht jetzt eben in Tausende! Das muß durchschaut werden. Und es ist schon notwendig, daß man den ganzen Ernst und die ganze Bedeutung einer solchen Betrachtung wirklich sich vor die Seele legt.
[ 39 ] Aber — die Stadt ist ganz gleichgültig — das geht jetzt eben in Tausende! Das muß durchschaut werden. Und es ist schon notwendig, daß man den ganzen Ernst und die ganze Bedeutung einer solchen Betrachtung wirklich sich vor die Seele legt.
[ 40 ] Und nachdem wir vieles herausgeholt haben aus der geistigen Welt, müssen wir erkennen, was dieses aus der geistigen Welt Herausgeholte uns sein muß; dadurch auch erkennen, daß wir gewissermaßen in das Gegenbild derjenigen Weltanschauung hinüberblicken, die heute viel mehr herrschend ist in den Menschen, als wir glauben. Man lebt ja leider heute viel zu gedankenlos! Das ist das so Seelenbeschwerende: Hinschauen zu müssen auf den so weit in der Welt herum — verzeihen Sie, daß das gesagt werden muß, aber wir müssen das klar erkennen — verbreiteten Stumpfsinn, auf die Stumpfheit, in der die Menschheit lebt gegenüber dem, was wirkt und leitet in dem Entwickelungsgange der Menschheit. Wir müssen die nötigen Empfindungsnuancen für die Art von Wahrheit, die in der Geisteswissenschaft steckt, auch dadurch erhalten, daß wir aus der Betrachtung des Gegenbildes diese Empfindungsnuance uns geben lassen. Dasjenige, worauf es ankommt, wird daher nicht bloß sein, daß man nach allerlei schönen Worten sucht, die gut klingen wie von hohen Idealen, die vor die Menschheit hingestellt werden sollen; sondern daß man vor allen Dingen das anerkennt, was die besten unserer Zeitgenossen nicht anerkennen können: daß die geistige Welt es ist, die erschlossen werden muß. Es hat seine guten Gründe — und warum dies so ist, kann nicht ausgeführt werden hier, weil es zu lang sein würde —, es hat seine guten Gründe, daß durch Jahrhunderte hindurch sich die Menschheit gesträubt hat, das Christentum im spirituellen Sinne zu verstehen. In den ersten Jahrhunderten des Christentums gab es eine Gnosis. Sie wissen alle: eine Wiederaufwärmung der Gnosis ist unsere Geisteswissenschaft nicht, aber die Gnosis machte dazumal erst die Anstrengung, um zu einer Geisteswissenschaft zu kommen; sie ist zurückgedrängt worden, denn man wollte nicht im geistigen Licht die christlichen Wahrheiten sehen; dieselbe Tendenz hat sich dann fortgesetzt, sie ist auch im naturwissenschaftlichen Streben eingezogen. Die Menschheit hat auch dadurch einiges gelernt, daß sie die Verständnismöglichkeit gegenüber dem Geistigen durch Jahrhunderte bekämpft hat. Aber nunmehr ist der Zeitabschnitt eingetreten, in welchem zwar denjenigen, die ganz in unserer Gegenwartskultur — die doch Materialismus ist, wenn man es auch nicht zugibt — drinnenstehen, die Anerkennung einer wirklichen geistigen Welt am schwersten wird; also nicht bloß eines verschwommenen Redens von der geistigen Welt, sondern einer anschauenden Erkenntnis von einer geistigen Welt. Wir müssen uns aber klarmachen, daß die Anerkennung dieser geistigen Welt zum Wichtigsten gehört und daß erst dann das übrige kommen kann, dasjenige, was als eine neue Begründung der ethischen, der sozialen, auch der sonstigen praktischen Lebensordnung kommen muß, wenn man durch die Geisteswissenschaft, durch die Anerkennung wirklicher geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten Grundlagen schafft.
[ 40 ] Und nachdem wir vieles herausgeholt haben aus der geistigen Welt, müssen wir erkennen, was dieses aus der geistigen Welt Herausgeholte uns sein muß; dadurch auch erkennen, daß wir gewissermaßen in das Gegenbild derjenigen Weltanschauung hinüberblicken, die heute viel mehr herrschend ist in den Menschen, als wir glauben. Man lebt ja leider heute viel zu gedankenlos! Das ist das so Seelenbeschwerende: Hinschauen zu müssen auf den so weit in der Welt herum — verzeihen Sie, daß das gesagt werden muß, aber wir müssen das klar erkennen — verbreiteten Stumpfsinn, auf die Stumpfheit, in der die Menschheit lebt gegenüber dem, was wirkt und leitet in dem Entwickelungsgange der Menschheit. Wir müssen die nötigen Empfindungsnuancen für die Art von Wahrheit, die in der Geisteswissenschaft steckt, auch dadurch erhalten, daß wir aus der Betrachtung des Gegenbildes diese Empfindungsnuance uns geben lassen. Dasjenige, worauf es ankommt, wird daher nicht bloß sein, daß man nach allerlei schönen Worten sucht, die gut klingen wie von hohen Idealen, die vor die Menschheit hingestellt werden sollen; sondern daß man vor allen Dingen das anerkennt, was die besten unserer Zeitgenossen nicht anerkennen können: daß die geistige Welt es ist, die erschlossen werden muß. Es hat seine guten Gründe — und warum dies so ist, kann nicht ausgeführt werden hier, weil es zu lang sein würde —, es hat seine guten Gründe, daß durch Jahrhunderte hindurch sich die Menschheit gesträubt hat, das Christentum im spirituellen Sinne zu verstehen. In den ersten Jahrhunderten des Christentums gab es eine Gnosis. Sie wissen alle: eine Wiederaufwärmung der Gnosis ist unsere Geisteswissenschaft nicht, aber die Gnosis machte dazumal erst die Anstrengung, um zu einer Geisteswissenschaft zu kommen; sie ist zurückgedrängt worden, denn man wollte nicht im geistigen Licht die christlichen Wahrheiten sehen; dieselbe Tendenz hat sich dann fortgesetzt, sie ist auch im naturwissenschaftlichen Streben eingezogen. Die Menschheit hat auch dadurch einiges gelernt, daß sie die Verständnismöglichkeit gegenüber dem Geistigen durch Jahrhunderte bekämpft hat. Aber nunmehr ist der Zeitabschnitt eingetreten, in welchem zwar denjenigen, die ganz in unserer Gegenwartskultur — die doch Materialismus ist, wenn man es auch nicht zugibt — drinnenstehen, die Anerkennung einer wirklichen geistigen Welt am schwersten wird; also nicht bloß eines verschwommenen Redens von der geistigen Welt, sondern einer anschauenden Erkenntnis von einer geistigen Welt. Wir müssen uns aber klarmachen, daß die Anerkennung dieser geistigen Welt zum Wichtigsten gehört und daß erst dann das übrige kommen kann, dasjenige, was als eine neue Begründung der ethischen, der sozialen, auch der sonstigen praktischen Lebensordnung kommen muß, wenn man durch die Geisteswissenschaft, durch die Anerkennung wirklicher geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten Grundlagen schafft.
[ 41 ] Es war mir eine große Befriedigung, daß wir auch hier in St. Gallen wiederum einmal zusammensein konnten nach längerer Zeit, und ich habe es deshalb gerade am heutigen Tage als meine Aufgabe betrachtet, hinzuzufügen zu dem, was Sie aus unserer Literatur sich aneignen können, einiges von dem, was vielleicht gerade persönlich, von Seele zu Seele, innerhalb unserer Bewegung gesprochen werden muß, damit es im richtigen Sinne verstanden werde. Denn innerhalb unserer Bewegung kommt es nicht bloß darauf an, daß wir in katechismusartiger Weise aufnehmen dies oder jenes aus der Geisteswissenschaft, sondern es kommt darauf an, daß wir das rechte Verhältnis unserer Seele zu den Erkenntnissen aus der geistigen Welt finden. Dann wird Geisteswissenschaft uns nicht bloß eine Wissenschaft sein, dann wird sie uns wahrhaftig ein Lebensweg sein, dann wird sie uns Seelennahrung sein, aber solche Seelennahrung, die uns nicht die geistige Gesundheit und geistige Frische untergräbt, sondern diese im Gegenteil in derjenigen Weise anregt, daß wir uns doch, trotz aller Widerstände der äußeren Welt, deren Natur wir heute zum Teil gesucht haben, in harmonischer Weise in die Welt hineinstellen. Wie man seelisch sich zu Geisteswissenschaft verhalten sollte, davon wollte ich Ihnen heute sprechen. Und wenn es nötig war, Ihnen Zeiterscheinungen, die in solcher Weise vielleicht nur durch die Geisteswissenschaft beleuchtet werden können, vorzuführen, so war das aus dem Grunde, weil nur eine klare, deutliche Einsicht in den Gang der Welt, in der wir leben, uns auch als Bekenner der anthroposophischen Weltanschauung die innere richtige Haltung, Harmonie eben finden lassen kann. Und aus dieser inneren Harmonie wird auch eine Harmonie unseres Lebens hervorgehen. Und daß diese Harmonie unseres Lebens durch Geisteswissenschaft immer mehr und mehr bewirkt werde, das ist ja unser geisteswissenschaftliches Ideal. Im Sinne dieses Ideales wollte ich Ihnen heute einen kleinen Beitrag geben.
[ 41 ] Es war mir eine große Befriedigung, daß wir auch hier in St. Gallen wiederum einmal zusammensein konnten nach längerer Zeit, und ich habe es deshalb gerade am heutigen Tage als meine Aufgabe betrachtet, hinzuzufügen zu dem, was Sie aus unserer Literatur sich aneignen können, einiges von dem, was vielleicht gerade persönlich, von Seele zu Seele, innerhalb unserer Bewegung gesprochen werden muß, damit es im richtigen Sinne verstanden werde. Denn innerhalb unserer Bewegung kommt es nicht bloß darauf an, daß wir in katechismusartiger Weise aufnehmen dies oder jenes aus der Geisteswissenschaft, sondern es kommt darauf an, daß wir das rechte Verhältnis unserer Seele zu den Erkenntnissen aus der geistigen Welt finden. Dann wird Geisteswissenschaft uns nicht bloß eine Wissenschaft sein, dann wird sie uns wahrhaftig ein Lebensweg sein, dann wird sie uns Seelennahrung sein, aber solche Seelennahrung, die uns nicht die geistige Gesundheit und geistige Frische untergräbt, sondern diese im Gegenteil in derjenigen Weise anregt, daß wir uns doch, trotz aller Widerstände der äußeren Welt, deren Natur wir heute zum Teil gesucht haben, in harmonischer Weise in die Welt hineinstellen. Wie man seelisch sich zu Geisteswissenschaft verhalten sollte, davon wollte ich Ihnen heute sprechen. Und wenn es nötig war, Ihnen Zeiterscheinungen, die in solcher Weise vielleicht nur durch die Geisteswissenschaft beleuchtet werden können, vorzuführen, so war das aus dem Grunde, weil nur eine klare, deutliche Einsicht in den Gang der Welt, in der wir leben, uns auch als Bekenner der anthroposophischen Weltanschauung die innere richtige Haltung, Harmonie eben finden lassen kann. Und aus dieser inneren Harmonie wird auch eine Harmonie unseres Lebens hervorgehen. Und daß diese Harmonie unseres Lebens durch Geisteswissenschaft immer mehr und mehr bewirkt werde, das ist ja unser geisteswissenschaftliches Ideal. Im Sinne dieses Ideales wollte ich Ihnen heute einen kleinen Beitrag geben.
