The Connection Between
the Living and the Dead
GA 168
26 October 1916, St. Gallen
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The Connection Between the Living and the Dead, tr. SOL
6. Die Lebenslüge der heutigen Kulturmenschheit
6. The Great Lie of Contemporary Civilization
[ 1 ] In unserer Literatur liegt uns heute schon ein reiches, ausführliches Material vor, aus dem wir uns unterrichten können über die verschiedenen Tatsachen, welche die Geisteswissenschaft heute in der Lage ist, aus den übersinnlichen Welten herunterzuholen, und unsere Zweige sind in der Lage, mit Hilfe dieses Materials zu arbeiten. Daher wird es sich empfehlen, wenn wir bei Gelegenheiten des persönlichen Zusammentreffens auch darüber reden, wie dieses Material im Verhältnis zu unserem Seelenleben sich stellen mag, wie wir es ins Leben einführen, wie wir selber im Leben dadurch Erfrischung, Erhöhung, Erkraftung haben können, kurz, es wird sich empfehlen, wenn wir gewissermaßen mehr die Angelegenheiten unserer geistigen Bewegung bei solchen Gelegenheiten ins Auge fassen, weil wir ja der Natur der Sache nach nur seltener persönlich zusammentreffen können.
[ 1 ] Our literature already provides us today with a wealth of detailed material from which we can learn about the various facts that spiritual science is now able to bring down from the supersensible worlds, and our branches are able to work with the help of this material. Therefore, it would be advisable for us, on occasions when we meet in person, to also discuss how this material relates to our inner life, how we can integrate it into our lives, and how we ourselves can find refreshment, upliftment, and renewal through it—in short, it would be advisable for us, so to speak, to focus more on the affairs of our spiritual movement on such occasions, since, by the very nature of things, we are rarely able to meet in person.
[ 2 ] Viele von Ihnen werden bemerken, daß sie heute noch, indem sie sich vertiefen in Geisteswissenschaft oder Anthroposophie, mannigfaltige Schwierigkeiten haben. Nicht wahr, man findet sich zunächst durch die Bedürfnisse seiner Seele in die Geisteswissenschaft hinein dadurch, daß die Seele über die wichtigsten Lebensrätsel Fragen stellen muß. Man findet sich namentlich in die Geisteswissenschaft hinein, wenn man das heutige Leben mit alldem, was es geben kann, betrachtet, und sieht, wie wenig die verschiedenen geistigen Richtungen, seien sie nun religiöse, seien sie wissenschaftliche, wirklich im tieferen Sinne befriedigende Antworten auf die großen Rätselfragen des Lebens geben können. Und dann, wenn man sich also durch seinen Erkenntnisdrang, durch seine Erkenntnissehnsucht hineingefunden hat in diese geisteswissenschaftliche Bewegung, wenn man sich eine Zeitlang vertieft hat in das, was bis heute herausgeholt ist an Erkenntnissen aus den geistigen Welten, dann kommen wirklich oftmals Schwierigkeiten, Schwierigkeiten der mannigfaltigsten Art. Sie sind ja bei jedem anders, daher sind sie nicht gerade leicht mit wenigen Worten zu beschreiben. Oftmals sagen unsere Freunde: Dadurch, daß ich mich hineingefunden habe in die Geisteswissenschaft, habe ich zwar etwas außerordentlich Wertvolles, etwas Bedeutungsvolles für das Leben erlangt; allein, es hat mich auch in einer gewissen Weise isoliert, hat mich herausgerissen aus den Anschauungen, aus der Gemeinschaft der übrigen Menschen, es hat mir gewissermaßen auch das Leben schwierig gemacht. Besonders stark fühlen das diejenigen, welche gerade mit ihrem geistigen Streben naturgemäß abhängig sind von der Meinung der Außenwelt. Dadurch entstehen wirklich die mannigfaltigsten Schwierigkeiten.
[ 2 ] Many of you will notice that even today, as you delve into spiritual science or anthroposophy, you encounter a variety of difficulties. Isn’t it true that one is initially drawn into spiritual science by the needs of one’s soul, because the soul must ask questions about the most important mysteries of life? One is drawn to spiritual science in particular when one looks at life today—with all that it entails—and sees how little the various spiritual movements, whether religious or scientific, can truly provide satisfying answers in a deeper sense to the great mysteries of life. And then, once one has found one’s way into this spiritual science movement through one’s thirst for knowledge and one’s yearning for insight—once one has immersed oneself for a time in the insights that have been gleaned from the spiritual worlds to date—difficulties often arise, difficulties of the most varied kinds. They are, of course, different for everyone, so they are not exactly easy to describe in a few words. Our friends often say: “Although I have found my way into spiritual science and thereby gained something extraordinarily valuable, something meaningful for life, it has also, in a certain way, isolated me; it has torn me away from the views and the community of other people; in a sense, it has also made life difficult for me.” This is felt particularly strongly by those who, by the very nature of their spiritual striving, are dependent on the opinion of the outside world. This truly gives rise to the most diverse difficulties.
[ 3 ] Bei anderen Freunden, nachdem sie sich eine Zeitlang in die Geisteswissenschaft vertieft haben, tritt etwas, man möchte sagen, wie Geängstigtheit auf, etwas, was bange macht, bange macht vor allerlei Fragen: wie man mit dem Leben fertig werden könne und so weiter. — Viele von Ihnen haben sich gewiß ähnliche Fragen aufwerfen müssen. Solche Fragen sind oftmals Gefühls- und Empfindungsfragen. Von solchen Schwierigkeiten im inneren Seelenleben möchte ich in der heutigen Betrachtung ausgehen.
[ 3 ] Among other friends, after they have immersed themselves in spiritual science for a while, something arises—one might say—that resembles anxiety, something that fills them with apprehension, apprehension about all sorts of questions: how to cope with life and so on. — Many of you have certainly had to grapple with similar questions. Such questions are often matters of feeling and emotion. I would like to begin today’s reflection with these difficulties in our inner spiritual life.
[ 4 ] Den rechten Zusammenhang dieser mannigfaltigen Empfindungen, die bei jedem anders sein können, die wirklichen Zusammenhänge, die sieht man zuweilen nicht richtig ein. Man muß nämlich immer bedenken: Wir stehen heute als Menschen, die sich nach den anthroposophischen Wahrheiten hingezogen fühlen, noch wie ein recht kleines Häuflein da. Wir stehen inmitten des Lebenskampfes, der außerhalb unserer Kreise mit Mitteln geführt wird, die scharf von den unsrigen verschieden sind. Und derjenige, der sich nur ein wenig besinnt auf alles dasjenige, was Anthroposophie sein will für das Leben, wird schon bemerken können, wie grundverschieden die Ziele des Denkens, des Fühlens, des Wollens unter dem Einflusse der anthroposophischen Ideen werden von den Zielen, die sich eben der weitaus überwiegende Teil der Menschheit heute setzt. Und da Gedanken, Gefühle wirkliche Tatsachen sind, so müssen wir einsehen, daß unser kleines Häuflein, das heißt jeder einzelne von uns, damit drinnensteht in einer noch verhältnismäßig gering angeschwollenen Kraftmasse gegenüber den man kann geradezu sagen in den meisten Fällen völlig entgegengesetzten Gedanken, Empfindungen und Fühlungen der übrigen Menschheit. Wenn auch die Lebensschwierigkeiten, die für uns auftreten, die mannigfaltigsten Formen annehmen und nicht gleich zeigen, daß sie mit dem, was ich jetzt geschildert habe, zusammenhängen, so hängen sie eben doch mit dem zusammen; und wir müssen versuchen, uns vor die Seele zu führen, wie wir mit solchen Schwierigkeiten fertig werden, mit den Schwierigkeiten, die sich geradezu ergeben dadurch, daß man treu und hingebungsvoll zur Sache der Anthroposophie hält, dadurch aber in Kollisionen mit der übrigen Welt kommt.
[ 4 ] The true connections between these diverse feelings—which can vary from person to person—are sometimes not fully understood. For we must always bear in mind that today, as people drawn to the anthroposophical truths, we are still only a very small group. We are in the midst of the struggle for existence that is being waged outside our circles with means that are sharply different from our own. And anyone who reflects even a little on all that anthroposophy seeks to be for life will be able to see how fundamentally different the goals of thinking, feeling, and willing—under the influence of anthroposophical ideas—are from the goals that the vast majority of humanity sets for itself today. And since thoughts and feelings are real facts, we must realize that our small group—that is, each and every one of us—is thus situated within a mass of power that is still relatively small compared to the thoughts, perceptions, and feelings of the rest of humanity, which, one might even say, are in most cases completely opposed to our own. Even if the difficulties in life that we face take on the most varied forms and do not immediately reveal that they are connected to what I have just described, they are nevertheless connected to it; and we must try to bring to the forefront of our consciousness how we cope with such difficulties—the difficulties that arise precisely from remaining faithful and devoted to the cause of anthroposophy, and thereby coming into conflict with the rest of the world.
[ 5 ] Wie gesagt, die Dinge verschleiern sich, und sie zeigen nicht immer das rechte Gesicht. Dasjenige, was wir uns selbst gewissermaßen als ein Heilmittel in die Seele einführen müssen, um immer mehr und mehr innere Harmonie zu finden, trotz des Widerspruches der äußeren Welt, wodurch wir die Seele stark machen müssen, daß sie gewachsen ist dem, was in ihr an Beängstigendem, als Disharmonien oftmals auftritt, das ist: eine klare, richtige Anschauung über das Verhältnis, in dem derjenige, der sich zur Anthroposophie bekennt oder sich für sie interessiert, zu der übrigen Menschheit steht. Klare, scharfe Gedanken sich über diese Sache machen, das reinigt unsere Seele so, daß wir auch stark sein können, wenn äußere widerspruchsvolle Mächte uns bedrängen. Wenn man sich die Sache so innerhalb eines engen Horizontes überdenkt, könnte man sagen: Ja was hilft es mir schon, wenn ich nun wirklich klar bin über dasjenige, was Anthroposophie von der übrigen Welt trennt? Dadurch gestalten sich doch meine Lebensverhältnisse nicht anders! — So zu denken wäre ein Irrtum; denn die Lebensverhältnisse, sie gestalten sich vielleicht nicht von heute auf morgen anders durch klare Gedanken, einsichtgebende Gedanken, aber jene Stärke, welche wir durch solche klaren Gedanken gerade in der Richtung gewinnen, die jetzt angedeutet worden ist, diese klaren Gedanken, sie stärken uns nach und nach so, daß sie in der Tat unsere Lebensverhältnisse ändern. Nur finden wir manchmal noch nicht die Möglichkeit, wirklich klare, scharfe und daher genügend starke Gedanken in dieser Richtung zu entwickeln.
[ 5 ] As I said, things are veiled, and they do not always reveal their true nature. What we must, in a sense, instill in our souls as a remedy in order to find more and more inner harmony, despite the contradictions of the outer world—which we must use to strengthen the soul so that it is equal to the frightening elements within it that often manifest as disharmony—is this: a clear, correct understanding of the relationship between those who profess or are interested in anthroposophy and the rest of humanity. Forming clear, sharp thoughts about this matter purifies our soul in such a way that we can also remain strong when conflicting external forces beset us. If one considers the matter within such a narrow horizon, one might say: “Well, what good does it do me if I am now truly clear about what separates anthroposophy from the rest of the world? It doesn’t change my life circumstances any! — To think this way would be a mistake; for while life circumstances may not change overnight as a result of clear, insightful thoughts, the very strength we gain through such clear thoughts—precisely in the direction just indicated—gradually fortifies us to the point where they do, in fact, transform our life circumstances. It’s just that sometimes we still can’t find a way to develop truly clear, sharp, and therefore sufficiently strong thoughts in this direction.
[ 6 ] In bezug auf dasjenige, was wir durch Geisteswissenschaft oder Anthroposophie uns erringen wollen und was wir nicht nur für uns, sondern für die Welt erringen wollen — und wir müssen uns das einmal als einen dieser klaren Gedanken vor die Seele führen —, lebt die heutige Kulturmenschheit in einer furchtbaren, mehr oder weniger bewußten oder unbewußten Lüge darinnen, und die Wirkung dieser Lüge innerhalb der Kulturmenschheit ist eine ungeheuere. Damit ist eigentlich etwas sehr Bedeutungsvolles gesagt, und wir wollen uns gerade diesen Punkt einmal etwas mehr zur Klarheit bringen.
[ 6 ] With regard to what we seek to attain through spiritual science or anthroposophy—and what we seek to attain not only for ourselves but for the world as well—and we must keep this as one of those clear thoughts before our souls—today’s civilized humanity lives in a terrible lie, more or less conscious or unconscious, and the effect of this lie within civilized humanity is immense. This actually says something very significant, and let us try to clarify this point a little more.
[ 7 ] Man kann wohl kaum als wirklich denkender Mensch mit völlig gesundem Verstande dasjenige ansehen, was heute als allgemeine Kultur existiert in der sogenannten kultivierten Welt, ohne darüber klarzuwerden, daß dieser Kultur vieles fehlt, daß diese Kultur vor allen Dingen keine für sich selber ausreichenden Lebensimpulse hat. Dabei aber ist vieles von weit ausschweifenden Idealen in dieser Kultur. Was gibt es nicht alles in unserer Zeit an Idealen, wie die Menschen das nennen, für was alles werden Vereine, Verbindungen gegründet, die sich Programme machen, durch welche Programme diese oder jene Ideale ausgedrückt werden sollen! Das alles ist ungeheuer gut gemeint, ist so gemeint, daß man sagen kann: Diejenigen Menschen, die sich zu kleineren oder größeren Verbindungen zusammentun aus allen Kreisen und Schichten des Lebens unter dem Eindrucke dieser oder jener Ideale, wollen von ihrem Gesichtspunkte aus Gutes, und die Gesinnung dieser Menschen ist voll zu achten. Aber diese Menschen leben zumeist unter dem hemmenden Einfluß einer gewissen, aus unbewußter Zaghaftigkeit, unbewußter spiritueller Feigheit kommenden Beschränkung gerade dem Wichtigsten gegenüber, das die Menschheit heute braucht. Wir sagen: das Wichtigste! Was die Menschheit heute braucht, ist spirituelles Erkennen und das Hereinführen in unser Leben von gewissen geistigen Einsichten.
[ 7 ] It is hardly possible for a truly thinking person of sound mind to view what exists today as “general culture” in the so-called civilized world without realizing that this culture lacks many things—and, above all, that it lacks the vital impulses necessary to sustain itself. Yet this culture is full of far-reaching ideals. What a variety of ideals there are in our time—as people call them—for which associations and organizations are founded, drawing up programs through which these or those ideals are to be expressed! All of this is done with the best of intentions—so much so that one can say: Those people who come together in smaller or larger associations from all walks of life, inspired by this or that ideal, wish to do good from their own perspective, and the convictions of these people deserve our full respect. But these people mostly live under the inhibiting influence of a certain limitation—arising from unconscious timidity and unconscious spiritual cowardice—precisely with regard to the most important thing that humanity needs today. We say: the most important thing! What humanity needs today is spiritual knowledge and the introduction of certain spiritual insights into our lives.
[ 8 ] Das war ja eine große Frage gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts. Sie wissen, daß es geistige Gesetze gibt, Gesetze über die geistigen Welten. Davon wußten zu allen Zeiten gewisse Menschen, und es gab selbstverständlich auch im Laufe des 19. Jahrhunderts, als Geisteswissenschaft noch nicht in der Form aufgetreten ist, wie sie jetzt auftritt, sogenannte okkulte Gesellschaften, die dieses Namens mehr oder weniger würdig waren, welche auf die verschiedenste Weise okkulte Wahrheiten, geistige Wahrheiten pflegen wollten, welche auch eine bestimmte Einsicht hatten, was geistige Wahrheiten für die Welt bedeuten. Nun, gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts war in bezug auf die tiefsten Impulse der neueren Menschheitsentwickelung eine Krisis eingetreten. Diese Krisis bestand in einem besonderen Hochkommen des Materialismus auf allen Gebieten, auf dem Gebiete des Erkennens, auf dem Gebiete des Lebens. Der Materialismus erlangte eine Hochflut. Wir wissen ja, daß zahlreiche Menschen auftraten, die aus dem naturwissenschaftlichen Materialismus heraus eine umfassende Weltanschauung begründen wollten. Aber dieser theoretische Materialismus wäre noch gar nicht einmal das Verderblichste gewesen; sondern der praktische Materialismus, der Materialismus, der sich hineinlebt namentlich in das ethische und in das soziale Leben und in das religiöse Fühlen der Menschen, das ist der, welcher die Menschheit im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer Krisis geführt hat. Und diejenigen, die noch etwas wußten eben aus den angedeuteten, mehr oder weniger des Namens würdigen okkulten Gesellschaften, die lenkten daher namentlich von der Mitte des 19. Jahrhunderts an ihre Aufmerksamkeit darauf, wie man abhelfen könnte dem um sich greifenden Materialismus. Man sagte sich in gewissen Kreisen, die geisteswissenschaftliche Einsicht hatten — nur noch nicht jene, die allein wirksam sein kann und die in der Form angestrebt wird, die wir in aller Bescheidenheit anzustreben versuchen —, diejenigen also, die eine altüberlieferte oder sonst irgendwie unzeitgemäße geisteswissenschaftliche Einsicht in die Entwickelung der Menschheit hatten, die fragten sich: Wie helfen wir ab demjenigen, was wie ein Unheil heraufdämmert über die neuere Menschheit durch den Materialismus? — Und sie sagten sich: Wir helfen dem dadurch ab, daß wir den Menschen den Beweis liefern, daß ebenso wie sinnliche Tatsachen in unserer Umgebung sind, so sind auch geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten in unserer Umgebung. — Aber, ich möchte sagen die Menschen waren nur eingewöhnt in das experimentelle Denken und in das äußere Erfahren und Wahrnehmen. Und so wußten diese Menschen mit geisteswissenschaftlichen Einsichten, die solche Sorgen hatten wie die angedeuteten, keinen anderen Rat, als die geistige Welt ebenso zu beweisen, wie man die Naturvorgänge der äußeren Sinneswelt beweist. Und so wurde denn alles mögliche probiert. Und wir sehen auftauchen im Laufe des 19. Jahrhunderts Bewegungen, welche darauf gerichtet sind, die Menschen zu überzeugen von dem Dasein einer geistigen Welt. Die gröbste, möchte ich sagen, dieser Bewegungen ist die spiritistische Bewegung. Während Gelehrte heute in die verhältnismäßig leicht durchschaubaren Methoden unserer Geisteswissenschaft schwer sich hineinfinden, haben sich wirklich brillante Gelehrte des 19. Jahrhunderts mit dem Spiritismus ganz ernsthaftig beschäftigt.
[ 8 ] That was indeed a major question, especially throughout the 19th century. You know that there are spiritual laws—laws governing the spiritual worlds. Certain people have known about these at all times, and of course, even during the 19th century—when spiritual science had not yet emerged in the form it takes today—there were so-called occult societies, some of which were more or less worthy of that name, that sought in various ways to cultivate occult truths and spiritual truths, and that also possessed a certain understanding of what spiritual truths mean for the world. Now, precisely in the middle of the 19th century, a crisis had arisen with regard to the deepest impulses of recent human development. This crisis consisted in a particular rise of materialism in all areas—in the realm of knowledge and in the realm of life. Materialism reached a peak. We know, of course, that numerous people emerged who sought to establish a comprehensive worldview based on scientific materialism. But this theoretical materialism would not even have been the most pernicious; rather, it was practical materialism—the materialism that permeates, in particular, ethical and social life as well as people’s religious feelings—that led humanity into a crisis in the course of the 19th century. And those who still possessed some knowledge—drawn from the aforementioned occult societies, which were more or less worthy of the name—therefore turned their attention, particularly from the middle of the 19th century onward, to how one might counteract the rampant materialism. In certain circles that possessed spiritual-scientific insight—though not yet the kind that alone can be effective and that is pursued in the form we, in all modesty, strive to achieve—those, that is, who held an insight into the development of humanity that was based on ancient tradition or was otherwise somehow out of step with the times, asked themselves: How can we counteract what is looming like a calamity over modern humanity through materialism? — And they said to themselves: We can counteract this by providing people with proof that, just as there are sensory facts in our environment, there are also spiritual facts and spiritual beings in our environment. — But, I would say, people were simply accustomed to experimental thinking and to external experience and perception. And so these people, with their spiritual-scientific insights and the concerns I have indicated, knew of no other recourse than to prove the spiritual world in the same way that one proves the natural processes of the external sensory world. And so all manner of approaches were tried. And we see movements emerge in the course of the 19th century that are aimed at convincing people of the existence of a spiritual world. The crudest, I would say, of these movements is the spiritualist movement. While scholars today find it difficult to come to terms with the relatively transparent methods of our spiritual science, truly brilliant scholars of the nineteenth century engaged quite seriously with spiritualism.
[ 9 ] Nun, der Spiritismus hat die Eigenrümlichkeit, daß er auf äußerliche Weise wirken sollte durch etwas, das man gewissermaßen vor die äußeren Sinne hinstellen kann wie ein chemisches oder physikalisches Experiment. Zum großen Teil ist diese Methode, die nachbilden will die Geisteswissenschaft der Naturwissenschaft, heute schon — zum großen Teile, sage ich — bankerott, und es wird sich immer mehr und mehr zeigen, daß sie bankerott werden muß, denn man kann selbstverständlich den Geist nicht von den Leuten mit Händen greifen lassen, bildlich gesprochen. Daher hat vieles von dem, was durch allerlei geheimnisvolle Machinationen von gewissen sogenannten okkulten Gesellschaften im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage getrieben worden ist, eher das geisteswissenschaftliche Forschen in Mißkredit gebracht, als daß es dieses gestützt hätte. Und wir sehen daher, daß gerade bei den bestgesinnten Menschen, welche Einsicht haben, namentlich in sozialer Beziehung, aber auch sonst in bezug auf die praktische Lebensführung, gar vieles zu geschehen hat von der Gegenwart an und in die Zukunft. Bei Menschen, die solches einsehen, sehen wir, wie sie geradezu einen gewissen Schreck bekommen, wenn man davon spricht, daß die wichtigsten Impulse, welche unsere Zeit und die nächste Zukunft braucht, von wahrem Geist-Erkennen kommen müssen, von der Einsicht, daß wirkliche geistige Kräfte und geistige Wesenheiten in der menschlichen Umgebung sind wie sinnliche Tatsachen und sinnliche Wesenheiten. Einen wahren Schreck bekommen die Leute, die es gut meinen mit dem Fortschritt der Menschheit. Lassen Sie mich zunächst ein Beispiel hinstellen. An solchen Beispielen, die sich mit umfassenden Lebenserscheinungen beschäftigen, können wir gerade viel lernen. Wenn wir unseren Blick hinwenden zu einer großen Bewegung, dann zeigt sich uns an dieser großen Bewegung auch deutlich, worauf wir im kleinen, jeder einzelne von uns, eigentlich täglich stoßen.
[ 9 ] Well, spiritualism has the peculiarity that it is supposed to work in an external way through something that can, so to speak, be presented to the external senses, much like a chemical or physical experiment. To a large extent, this method—which seeks to model spiritual science after natural science—is already, today, largely—I say largely—a failure, and it will become increasingly clear that it is bound to fail, for one cannot, of course, allow people to grasp the spirit with their hands, figuratively speaking. Consequently, much of what has been carried out through all manner of mysterious machinations by certain so-called occult societies throughout the 19th century and up to the present day has served to discredit spiritual scientific research rather than to support it. And so we see that, especially among the most well-meaning people who possess insight—particularly in social matters, but also in other aspects of practical life—a great deal must happen from the present onward and into the future. We see that people who recognize this are downright startled when it is suggested that the most important impulses our time and the near future need must come from true spiritual insight—from the realization that real spiritual forces and spiritual beings exist in the human environment just as surely as sensory facts and sensory beings do. People who have humanity’s best interests at heart are genuinely startled. Let me first present an example. We can learn a great deal from such examples, which deal with broad aspects of life. When we turn our gaze to a major movement, this movement also clearly reveals to us what each of us, on a small scale, actually encounters on a daily basis.
[ 10 ] Ein recht bedeutender Mann, der es mit den sozialen Fortschrittsimpulsen der Menschheit wahrhaftig ehrlich meinte, ist am Tage vor dem Ausbruch dieses unseligen Weltkrieges in Paris ermordet worden: Jaurès. Jaurès ist gewiß gerade auf dem Boden des sozialen Strebens eine der ehrlichsten Persönlichkeiten der Gegenwart gewesen, und er war auch einer derjenigen, die mit allem menschlichen Erkennen danach strebten, Einsicht zu gewinnen in die gegenwärtigen Lebensverhältnisse und in die Gründe, durch die sie sich immer mehr ad absurdum, immer mehr und mehr zur Verarmung und Verelendung auf geistigem und materiellem Gebiet der Menschheit führen. Und er hat mit all seinen Kräften danach gestrebt, Ideen, Gedanken zu finden, die er den Menschen übermitteln wollte, damit im gemeinsamen Streben die großen Lebensfragen der Gegenwart einigermaßen ihrer Lösung entgegengehen können. Gerade an solchen Persönlichkeiten wie Jaurès kann man viel lernen, denn man lernt am meisten, wenn man die großen Mängel, die man gerade in unserer Gegenwart vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus sehen muß, über die man sich klare Gedanken machen muß, nicht an kleinen, sondern an großen Persönlichkeiten ins Auge faßt, bei denen man vor allen Dingen von ihrer lauteren Gesinnung und ihrem ehrlichen Erkenntnisstreben und auch von einer gewissen zeitgemäßen Einsichtsfähigkeit überzeugt sein kann. Man gewinnt ungeheuer viel mehr, wenn man die Schäden unserer Zeit prüft an Menschen, die man achtet und hochschätzt, als wenn man sie prüfen will an Menschen, die man weniger achtet, weil man ihnen nicht im höchsten Sinne wohlwollende und gute Gesinnung zuschreiben kann. Solchen Menschen nun, die alles, was sie an Denken, Fühlen und Wollen hatten, widmeten dem Menschheitsdienste, dem Dienste, der geleistet werden muß in der Erhebung der Menschheit zu einem höheren sozialen Niveau, solchen Menschen wie Jaurès wird es außerordentlich schwer — und er ist wahrhaftig keine Ausnahme, sondern die besten Menschen unserer Zeit sehen wir in dieser Schwierigkeit —, solchen Menschen wird es wahrhaftig schwer, zu reden über Dinge wie unsere Geisteswissenschaft. Und gerade diese sehr begabten Menschen würden doch erst dasjenige wirken können für die Menschheit, was sie wirken wollen, wenn sie sagen könnten: Alles dasjenige, was ich mit meinen gewöhnlichen Denk- und wissenschaftlichen Mitteln erreichen kann, das liefert mir doch nur Impulse, die zu schwach sind, um wirklich das Leben zu ergreifen; ich muß einsehen, daß alle diese Impulse, die ich der Menschheit auf meinem Wege liefern will, ohne Boden dastehen. Ich muß mir erst einen Boden schaffen, ich muß durchdringen und durchströmen dasjenige, was ich bisher geglaubt habe, mit der tieferen Fundierung von seiten der Geisteswissenschaft her. Ich muß geistige Tatsachen, wirkliche geistige Tatsachen anerkennen.
[ 10 ] A truly significant man who was genuinely committed to humanity’s drive for social progress was assassinated in Paris the day before the outbreak of this ill-fated world war: Jaurès. Jaurès was certainly one of the most sincere figures of our time, particularly in the realm of social progress, and he was also one of those who, drawing on all human understanding, strove to gain insight into current living conditions and into the reasons why they are increasingly leading humanity to absurdity and to ever greater impoverishment and degradation, both intellectually and materially. And he strove with all his might to find ideas and thoughts that he wished to convey to people, so that, through a shared endeavor, the great questions of life in the present might move somewhat toward their solution. It is precisely from personalities such as Jaurès that one can learn a great deal, for one learns most when one confronts the great shortcomings—which, especially in our present time, must be viewed from the perspective of the spiritual sciences and about which one must form clear thoughts—not in small figures but in great ones, in whom one can be convinced above all of their sincere disposition, their honest quest for knowledge, and also a certain capacity for insight appropriate to the times. One gains immeasurably more by examining the ills of our time in people whom one respects and holds in high esteem than by attempting to examine them in people whom one respects less, because one cannot attribute to them a benevolent and good disposition in the highest sense. For such people—who have devoted all their thinking, feeling, and willing to the service of humanity, to the service that must be rendered in raising humanity to a higher social level—for people like Jaurès, it becomes extraordinarily difficult—and he is truly no exception; rather, we see the best people of our time facing this difficulty— it is truly difficult for such people to speak about things like our spiritual science. And yet it is precisely these highly gifted people who would be able to accomplish for humanity what they wish to accomplish only if they could say: Everything I can achieve with my ordinary intellectual and scientific means provides me only with impulses that are too weak to truly take hold of life; I must realize that all these impulses I wish to offer humanity in my own way stand on no foundation. I must first create a foundation for myself; I must permeate and infuse what I have believed until now with the deeper foundation provided by spiritual science. I must acknowledge spiritual facts—real spiritual facts.
[ 11 ] Sehen Sie, derjenige, der solche geistigen Tatsachen nicht anerkennt und sich allerlei Gedanken macht und Ideale bildet, wie man den Menschenfortschritt heute fördern könne, der gleicht demjenigen, der einen Garten vor sich hat mit vielen Pflanzen, die anfangen, Absterbeerscheinungen zu zeigen, und er tut das, tut jenes, tut vieles, und bemüht sich die ganze Zeit — aber er erreicht nichts. Ja, der einen Pflanze geht es ein bißchen besser, der anderen dafür schlechter, im ganzen wird es nicht besser mit den Pflanzen. Warum wird es nicht besser? Weil vielleicht irgendeine Krankheit die Wurzeln ergriffen hat, die er nicht prüft. So ist es gerade mit dem sozialen Streben solcher Menschen wie Jaurès. Sie geben sich ungeheuer viel Mühe, sie machen auch ungeheuer viel Treffliches mit Bezug auf die Oberfläche, aber sie dringen nicht in die Wurzeln ein, denn in den Wurzeln unseres heutigen Menschheitslebens, da mangelt es an der Anerkennung einer wirklichen geistigen Welt. Und man stelle noch so viele scheinbar recht gut begründete soziale Erkenntnisse auf, sie werden nichts in Wirklichkeit fruchten für die Menschheit, wenn sie nicht gestützt sind auf diejenigen Einsichten, die nur aus der Geisteswissenschaft kommen können. Daher wird ein wirkliches Vorwärtsschreiten der gegenwärtigen Menschheit nur möglich sein, wenn Geisteswissenschaft soweit anerkannt werden kann, daß gerade der für unsere Zeit wichtigste Teil der Geisteswissenschaft: die Anerkennung wirklicher geistiger Wesenheiten und geistiger Kräfte, bei den Menschen auf keine Schwierigkeit mehr stößt, gerade bei den besten Menschen auf keine Schwierigkeit mehr stößt. Machen wir uns nur darüber klare Gedanken, daß die besten Menschen, die von guter Gesinnung sind, gerade dem Wichtigsten in unserer Sache gegenüber Schwierigkeiten haben: der Anerkennung der geistigen Welt als solcher.
[ 11 ] You see, anyone who does not acknowledge such spiritual realities and instead devises all sorts of ideas and ideals about how to promote human progress today is like someone who has a garden in front of them with many plants that are beginning to show signs of dying; they do this, do that, do many things, and strive all the time—but they achieve nothing. Yes, one plant may be doing a little better, while another is doing worse; on the whole, however, the plants are not improving. Why aren’t they improving? Perhaps because some disease has taken hold of the roots, which he fails to examine. This is precisely the case with the social endeavors of people like Jaurès. They put in an enormous amount of effort; they also accomplish an enormous amount of excellent work on the surface, but they do not penetrate to the roots, for in the roots of our present-day human life, there is a lack of recognition of a real spiritual world. And no matter how many seemingly well-founded social insights one may put forward, they will bear no real fruit for humanity unless they are based on those insights that can come only from spiritual science. Therefore, true progress for humanity today will only be possible if spiritual science can be recognized to such an extent that the very aspect of spiritual science most important for our time—the recognition of real spiritual beings and spiritual forces—no longer encounters any resistance among people, especially not among the best of people. Let us simply reflect clearly on the fact that the best people, those of good will, have difficulty precisely with the most important aspect of our cause: the recognition of the spiritual world as such.
[ 12 ] Ich habe drüben in Zürich auf einen Punkt aufmerksam gemacht, der das besonders anschaulich macht. Da ist ein Mensch, der ganz wohlwollend gerade über unsere Geisteswissenschaft gesprochen hat, und sein Gesprochenes auch hat drucken lassen, ein Mann, der vor einer sehr gebildeten Zuhörerschaft einmal den Mut gefaßt hat, dasjenige, was namentlich innerhalb unserer geistigen Bewegung lebt, nicht mehr als bloße Torheit anzusehen. Dieser Mann kann aber auch nicht umhin, haltzumachen gerade vor dem Wichtigsten, vor der Anerkennung der geistigen Welt. Was sagt er? «Wir müssen sie [diese geistige Bewegung], wenigstens in dem um Steiner gesammelten Kreis, vielmehr zu verstehen suchen als eine religiöse Bewegung unter unseren Zeitgenossen, wenn auch nicht ursprünglicher, sondern nur synkretistischer Art, aber doch auf den Grund alles Lebens gerichtet; wir dürfen sie beurteilen als eine Bewegung zur Befriedigung der übersinnlichen Interessen der Menschen, und damit als ein Hinauswachsen über den am Sinnlichen haftenden Realismus; wir dürfen in ihr vor allem eine Bewegung erkennen, welche die Menschen zur Selbstbesinnung auf die sittlichen Probleme, die ihnen gestellt sind, hinweist, und welche auf eine Arbeit zur inneren Wiedergeburt hinzielt aus einem peinlichen Achten auf die Selbsterziehung heraus; man braucht nur das Steinersche Buch zur Einführung in die Theosophie zu lesen, um zu merken, mit welchem Ernste hier der Mensch auf die Arbeit an seiner sittlichen Läuterung und Selbstvervollkommnung gewiesen wird.»
[ 12 ] Over in Zurich, I drew attention to a point that illustrates this particularly well. There is a person who has spoken quite favorably about our spiritual science and even had his remarks published—a man who, before a very educated audience, once mustered the courage to no longer regard what lives specifically within our spiritual movement as mere folly. Yet this man, too, cannot help but stop short of the most important point—the recognition of the spiritual world. What does he say? “We must seek to understand it [this spiritual movement], at least within the circle gathered around Steiner, rather as a religious movement among our contemporaries—albeit not of an original nature, but rather of a syncretic kind, yet directed toward the foundation of all life; we may regard it as a movement aimed at satisfying people’s supersensory interests, and thus as a transcendence of the realism that clings to the sensible world; we may recognize in it, above all, a movement that directs people toward self-reflection on the moral problems they face, and that aims at a process of inner rebirth arising from a painstaking focus on self-education; One need only read Steiner’s book Introduction to Theosophy to realize with what seriousness people are directed here toward the work of their moral purification and self-perfection.”
[ 13 ] Nicht aus irgendeiner Albernheit heraus lese ich Ihnen diese Worte vor, sondern weil wir wirklich mit klarem Blicke auch schauen wollen, wie sich die Außenwelt zu unseren Bestrebungen verhält. Wir sehen, es ist ein wohlwollender Mensch, der zwar unsere Bewegung als eine synkretistische ansieht, weil er sie vor allen Dingen nicht kennt, nicht weiß, wie sie schon deshalb eine durchaus neue Bewegung ist, weil sie auch auf etwas, was in der Welt neu ist, beruht: auf der neuen naturwissenschaftlichen Richtung, die ja ihr Unterbau ist. Darüber kann er eben keine Auskunft geben, weil er es nicht versteht; aber er steht unserer Bewegung wohlwollend gegenüber. Und wenn man nun diesen ganzen Vortrag, den er gehalten hat — «Die Gedankenwelt der Gebildeten» — auf sich wirken läßt, so sieht man: Der Mann denkt nach, daß eine geistige Erziehung des Menschen notwendig ist in unserer Zeit, und er findet in unserer Bewegung einen der Versuche, diese geistige Bewegung der Menschheit zu fördern. Dann aber sagt er, und das ist das Charakteristische: «Sie ist weiter in ihrer auf das Übersinnliche gerichteten Spekulation eine Reaktion gegen den Materialismus; allerdings verliert sie dabei leicht den Boden der Wirklichkeit und versteigt sich in Hypothesen» — er glaubt, die wirklichen geistigen Erkenntnisse seien Hypothesen, nicht Erkenntnisse — «in hellsehende Phantasien, in ein Reich der Träume, so daß sie für die Wirklichkeit der individuellen und sozialen Lebensgestaltung keine genügende Kraft mehr übrig behält.»
[ 13 ] I am not reading these words to you out of some sort of frivolity, but because we truly want to take a clear-eyed look at how the outside world views our endeavors. We see that he is a well-meaning person who, admittedly, regards our movement as syncretistic—primarily because he is unfamiliar with it and does not realize that it is, for that very reason, an entirely new movement, since it is based on something that is new in the world: the new scientific approach, which, after all, forms its foundation. He simply cannot provide any insight into this because he does not understand it; but he is well-disposed toward our movement. And if one now lets this entire lecture he gave—“The World of Ideas of the Educated”—sink in, one sees: The man reflects that a spiritual education of humanity is necessary in our time, and he finds in our movement one of the attempts to promote this spiritual movement of humanity. But then he says—and this is the key point—“In its speculation directed toward the supersensible, it is a reaction against materialism; however, in doing so, it easily loses touch with reality and gets carried away by hypotheses”—he believes that true spiritual insights are hypotheses, not insights—“by clairvoyant fantasies, by a realm of dreams, so that it no longer retains sufficient strength for the reality of individual and social life.”
[ 14 ] Sie sehen, trotzdem er so wohlwollend urteilt, daß er nachher sagt: «Aber immerhin, wir wollen und müssen die Theosophie als eine Korrekturerscheinung im Bildungsgang der Gegenwart registrieren», er fühlt sich gezwungen, haltzumachen vor alledem, ohne das unsere Bewegung gar nicht gedacht werden kann, vor dem, was wir gleich im Anfange bringen: übersinnliche Tatsachen; denn ohne daß der Mensch den Zusammenhang gewinnt mit übersinnlichen Tatsachen, ist die Menschheit aus der Sackgasse, in die sie hineintendiert heute, nicht herauszukriegen. Aber selbst wohlwollende Menschen glauben, daß — während unsere Bewegung gerade den festen Boden unter den Füßen sucht, ohne den alle anderen sozialen Ideale in der Luft hängen — diese Bewegung in das Reich der Träume führt, daß sie gerade in bezug auf die soziale Lebensgestaltung keine «genügende Kraft mehr übrig behält». Wie gesagt, das ist kein Übelwollen aus Mißtrauen, sondern das ist ein aus unbewußter Zaghaftigkeit, unbewußter Mutlosigkeit gegenüber der Anerkennung der geistigen Tatsachen entsprossenes Mißtrauen. Das ist die klare Einsichtslosigkeit oder vielmehr, es ist klar, daß es die Einsichtslosigkeit ist in dasjenige, was gerade Geisteswissenschaft an Fundierung auch des sozialen Strebens leisten kann.
[ 14 ] You see, even though he passes such a favorable judgment—going so far as to say afterward, “But still, we want to and must acknowledge theosophy as a corrective phenomenon in the educational process of the present”— he feels compelled to pause before all that without which our movement cannot even be conceived—before what we present right at the outset: supersensible facts; for unless human beings establish a connection with supersensible facts, humanity cannot escape the dead end into which it is heading today. But even well-meaning people believe that—while our movement is precisely seeking the firm ground beneath our feet, without which all other social ideals hang in the air—this movement leads into the realm of dreams, that it “no longer retains sufficient strength,” particularly with regard to the shaping of social life. As I said, this is not ill will born of mistrust, but rather a mistrust that has sprung from unconscious timidity, from unconscious despondency in the face of acknowledging spiritual realities. This is a clear lack of insight—or rather, it is clear that it is a lack of insight into precisely what spiritual science can contribute as a foundation for social endeavors as well.
[ 15 ] Und so stehen auch Menschen von der Art des Jaurès selbstverständlich heute im Leben darinnen ohne eine Möglichkeit, aus den Gedanken, die sie aufgenommen haben aus ihrer Erziehung, aus ihrer ganzen Zeitgenossenschaft, anzuerkennen, daß alles dasjenige, was physisch geschieht, von geistigen Welten abhängig ist, und daß der Mensch in der Sphäre, in der er berufen ist, in das Leben einzugreifen, zum Beispiel auch in bezug auf das soziale Leben, nur da richtig eingreifen kann, wenn ihm das möglich gemacht ist dadurch, daß er die geistigen Gesetze kennt, mit denen eben die geistige Welt in die physische hereingeführt werden kann. Und daß solche Menschen vor dieser Unmöglichkeit stehen, daß dies wirklich eine bei den besten Menschen der Gegenwart weitverbreitete Zeiterscheinung ist, das bringt die bedeutsamen, zwar unbewußten, aber deshalb nicht minder bedeutsamen Lebenslügen in unser Zeitalter hinein. Man kann diese Lebenslügen geradezu überall abfangen.
[ 15 ] And so even people of Jaurès’s ilk naturally find themselves today in a position where they are unable—based on the ideas they have absorbed through their upbringing and their entire contemporary context—to acknowledge that everything that happens physically is dependent on spiritual worlds, and that human beings, in the sphere in which they are called upon to intervene in life—for example, with regard to social life—can only intervene correctly if they are enabled to do so by knowing the spiritual laws through which the spiritual world can be brought into the physical world. And the fact that such people face this impossibility—that this is truly a widespread phenomenon of our time, even among the best people of the present—brings into our age the significant, albeit unconscious, but no less significant, life lies. One can detect these life lies virtually everywhere.
[ 16 ] Stellen wir uns, weil es ein typischer Fall ist, den Fall Jaurès vor Augen. Da stand ein Mensch vor der übrigen Menschheit, welcher mit allen Mitteln sozialen Erkennens nach einer Verbesserung desjenigen suchte, was er in richtiger Art so erkannte, daß es die Menschen nur in eine Sackgasse führen muß. Da steht ein Mensch vor der übrigen Menschheit, der, um die nötigen Einsichten auf diesem Gebiet zu erlangen, sich wirklich bekanntmacht mit allen historischen Tatsachen, der die Geschichte vergangener Zeiten studiert und aus den Tatsachen früherer Zeiten lernen will, was in der Gegenwart geschehen kann, damit Fehler, die sich als deutliche Fehler in früheren sozialen Menschheitsversuchen gezeigt haben, vermieden werden können. In all seinem Streben nun ist Jaurès, so wie andere, in die Unmöglichkeit versetzt, in wirklicher realer Weise eine geistige Welt anzuerkennen, in wirklicher realer Weise anzuerkennen, daß durch die Menschen fortwährende Ströme des geistigen Lebens aus der spirituellen Welt herunterfließen in diese Welt. Einer der schönen Aufsätze, die Jaurès geschrieben hat, handelt über die Beziehungen, welche bestehen zwischen Sozialismus und Patriotismus im Jaurèsschen Sinne. Da versucht Jaurès zu zeigen, wie die geschichtlichen Dinge in die Menschheitsentwickelung eingreifen, in der Menschheitsentwickelung wirken. Nachdem er verschiedenes sich vor die Seele geführt hat, was gewirkt hat im Römischen Reich, um daran zu lernen, wie in der Gegenwart gewirkt werden soll, was gewirkt hat in der griechischen Welt, um daran zu lernen, wie gewirkt werden soll zu anderen Zeiten, nachdem er verschiedenes wirklich mit einem außerordentlich gründlichen Erkenntnisdrang sich vor die Seele gestellt hat, da führt er sich auch ein Kapitel aus der neueren Zeit vor die Seele. Ein merkwürdiges Kapitel ist in diesem Buche Jaurès’, das über das Proletariat und den Patriotismus handelt, und es ist interessant, gerade dieses kleine Kapitel sich einmal vorzuführen, um zu sehen, was bei den besten Menschen unserer Umgebung eigentlich heute in den Seelen vorgeht.
[ 16 ] Let us consider the case of Jaurès, since it is a typical example. There stood a man before the rest of humanity who, using every means of social understanding, sought to improve what he correctly recognized as something that could only lead people into a dead end. Here stands a man before the rest of humanity who, in order to gain the necessary insights in this area, truly familiarizes himself with all historical facts, who studies the history of past times and seeks to learn from the facts of earlier eras what can be done in the present, so that mistakes—which have proven to be clear errors in humanity’s earlier social experiments—can be avoided. In all his endeavors, however, Jaurès—like others—is placed in the impossible position of being unable to acknowledge, in a truly real sense, a spiritual world; of being unable to acknowledge, in a truly real sense, that through human beings, continuous streams of spiritual life flow down from the spiritual world into this world. One of the fine essays Jaurès wrote deals with the relationships that exist between socialism and patriotism in the Jaurèsian sense. In it, Jaurès attempts to show how historical events intervene in human development and exert an influence upon it. After reflecting on various aspects of what shaped the Roman Empire—in order to learn from it how to act in the present—and what shaped the Greek world—in order to learn from it how to act in other eras, after he has truly brought various matters before his mind with an extraordinarily thorough thirst for knowledge, he then also presents a chapter from more recent times. There is a remarkable chapter in this book by Jaurès that deals with the proletariat and patriotism, and it is interesting to examine this very short chapter in order to see what is actually going on in the souls of the best people around us today.
[ 17 ] Es kommt Jaurès in diesem Kapitel darauf an, zu zeigen, daß im neueren sozialen Fortschritt nicht der Grundbesitz die Hauptsache ist, sondern die Industrie und so weiter, aber auf diese Dinge werden wir uns nicht einlassen; das Wichtige ist, daß er hier gezwungen ist, hinzuweisen auf die Persönlichkeit der Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orleans. Nun denken Sie sich, ein Mann, der ganz in den Ideen der Gegenwart lebt, weist hin auf die Jungfrau von Orleans, eine Persönlichkeit, von der jeder, der die neuere Geschichte kennt, weiß — das wird jeder, der objektiv die Tatsache erkennt, zugeben müssen —, daß die Karte Europas einfach heute eine ganz andere sein würde, wenn sie nicht eingegriffen hätte. Das sieht natürlich auch Jaurès ein. Er sagt:
[ 17 ] In this chapter, Jaurès aims to show that, in recent social progress, land ownership is not the main factor, but rather industry and so on; however, we will not delve into these matters; what is important is that he is compelled here to point to the figure of Joan of Arc, the Maid of Orléans. Now just imagine: a man who lives entirely in the ideas of the present refers to the Maid of Orléans, a figure about whom anyone familiar with recent history knows—and anyone who objectively acknowledges the facts must admit—that the map of Europe today would simply be entirely different had she not intervened. Jaurès, of course, recognizes this as well. He says:
[ 18 ] «Jeanne d’Arc erfüllt ihre Mission und opfert sich dem Heil des Vaterlandes in einem Frankreich, dem Grund und Boden nicht mehr die einzige Lebenskraft bedeuten; die Gemeinden spielten bereits eine große Rolle, Ludwig der Heilige hatte die Handwerksbriefe und das Gildenrecht sanktioniert und feierlich verkünden lassen, die Pariser Revolutionen unter den Regierungen Karls V. und Karls VI. hatten das handeltreibende Bürgertum und die Handwerkerschaft als neue Mächte auf den Plan treten sehen, die Hellsichtigsten unter jenen, die das Königreich reformieren wollten, träumten von einem Bündnis zwischen Bürgertum und Bauernstand gegen Gesetzlosigkeit und Willkür; in diesem modernen Frankreich, das bald darauf der ‹Bürgerkönig› — der Sohn des armen Herrschers, den Jeanne d’Arc zu retten im Begriffe stand — regieren sollte, in diesem vielfältigen, durchbildeten und verfeinerten Land, dem die zarten literarischen Schmerzen jenes Charles d’Orléans nahegingen, dessen Gefangenschaft das Herz des guten Lothringen rührte, in dieser Gesellschaft, die alles eher als ländlich war, erschien Jeanne d’Arc. Sie war ein schlichtes Landmädchen, das die Schmerzen und Nöte der Bauern, die sie umgaben, gesehen hatte, dem aber alle diese Bedrängnisse nur ein nahe gerücktes Beispiel des erhabenen und größeren Leides bedeuteten, welches das geplünderte Königtum und die überfallene Nation erduldeten. In ihrer Seele und in ihrem Denken spielt kein Ort, kein Grundbesitz eine Rolle; sie blickt über die lothringischen Felder hinweg. Ihr Bauernherz ist größer als alles Bauerntum. Es schlägt für die fernen guten Städte, die der Fremdling umzingelt. Auf den Feldern leben, bedeutet nicht, notwendigerweise in den Fragen des Ackerbodens aufzugehen. Im Lärm und Getriebe der Städte wäre Jeannes Traum sicherlich weniger frei, weniger kühn und umfassend gewesen. Die Einsamkeit beschützte die Kühnheit ihres Denkens, und sie erlebte die große vaterländische Gemeinschaft viel stärker, da ihre Phantasie ohne Verwirrung den stillen Horizont mit einem Schmerz und einer Hoffnung erfüllen konnte, die darüber hinausgingen. Nicht der Geist bäuerlicher Auflehnung erfüllte sie; sie wollte ein ganzes großes Frankreich befreien, um es späterhin dem Gottesdienst, der Christenheit und Gerechtigkeit zu weihen. Ihr Ziel erscheint ihr so hoch und gottgefällig, daß sie, um es zu erreichen, später den Mut findet, sich sogar der Kirche zu widersetzen und sich auf eine Offenbarung zu berufen, die hoch über jeder anderen Offenbarung stehe.»
[ 18 ] “Joan of Arc fulfills her mission and sacrifices herself for the salvation of her homeland in a France where the land was no longer the sole source of vitality; the communes were already playing a major role, and Louis the Saint had sanctioned and solemnly proclaimed the craft charters and guild laws, the Parisian revolutions under the reigns of Charles V and Charles VI had seen the merchant bourgeoisie and the artisan class emerge as new forces; the most far-sighted among those who wished to reform the kingdom dreamed of an alliance between the bourgeoisie and the peasantry against lawlessness and arbitrariness; in this modern France, which the ‘Citizen King’ — the son of the poor ruler whom Joan of Arc was about to save — was soon to reign; in this diverse, cultured, and refined country, which was touched by the tender literary sorrows of that Charles d’Orléans, whose captivity moved the heart of the good Lorraine; in this society, which was anything but rural, Joan of Arc appeared. She was a simple country girl who had witnessed the sorrows and hardships of the peasants around her, yet to whom all these tribulations were merely a close-at-hand example of the sublime and greater suffering endured by the plundered monarchy and the ravaged nation. In her soul and in her thoughts, no place, no estate plays a role; she gazes out beyond the fields of Lorraine. Her peasant heart is greater than all peasantry. It beats for the distant, noble cities that the foreign invader has surrounded. Living in the fields does not necessarily mean being absorbed in matters of the soil. Amid the noise and bustle of the cities, Jeanne’s dream would certainly have been less free, less bold, and less far-reaching. Solitude protected the boldness of her thinking, and she experienced the great patriotic community much more intensely, since her imagination could, without confusion, fill the silent horizon with a pain and a hope that transcended it. It was not the spirit of peasant rebellion that filled her; she wanted to liberate all of France in order to later consecrate it to the worship of God, to Christianity, and to justice. Her goal seemed so lofty and pleasing to God that, in order to achieve it, she later found the courage to even defy the Church and invoke a revelation that stood far above any other revelation.”
[ 19 ] Da sehen wir einen Menschen, der verurteilt ist, weil er im materialistischen Denken der Gegenwart drinnensteht, nur auf Grundlage materialistischer Prinzipien sozusagen zu denken, der aber gezwungen ist, weil er zugleich historisch ehrlich sein will, auf diese merkwürdige Erscheinung der Jungfrau von Orleans hinzuweisen und sie in einem so hohen Grade ernst zu nehmen, wie wir das aus seinen Worten erkennen. Also vor Jaurès steht die ganze historische Bedeutung der Jeanne d’Arc. Aber nun fragen wir uns: Was kann schließlich — möge das vielleicht sogar persönlich für Jaurès zu weit getrieben sein, wenn wir das behaupten, aber für viele andere, die in Jaurès’ Geist handeln, ist das ganz gewiß nicht zu weit getrieben —, was kann für einen solchen Menschen, der in einer solchen sozialen Anschauung drinnen lebt wie Jaurès, Jeanne d’Arc in Wirklichkeit anderes sein als jemand, der durch eine gewisse religiöse Ekstase, der man ja nicht, wenn man ein vernünftiger Mensch bleiben will, nachstreben soll, zu den Impulsen gekommen ist, zu denen sie nun schon einmal gekommen ist? Ganz gewiß werden diese Leute dasjenige nicht erkennen, was uns aus der Geisteswissenschaft klar sein muß: daß in einer Zeit, in der noch nicht die modern entwickelte Geist-Erkenntnis, wie wir sie heute haben, erreicht werden konnte, aus den geistigen Welten Ströme geistigen Lebens durch solche mehr oder weniger unterbewußt wirkenden Persönlichkeiten wie die Jungfrau von Orleans hereinwirkten, daß sie ein Medium war, zwar nicht für Menschen, von denen Medien in der neueren Zeit so vielfach mißbraucht werden, sondern für göttlichgeistige Welten, die hineinwirken wollten in die physische Erdenwelt. Daß dasjenige, was von der Jungfrau von Orleans kam, mehr wert war, als was die anderen aus ihren menschlichen Einsichten heraus mitteilen wollten und konnten, das mußte anerkannt werden. Daß die geistige Welt durch diese Jeanne d’Arc sprach, das konnten selbstverständlich solche Leute nicht anerkennen. Und dennoch müssen sie, wenn sie von den wirklichen Tatsachen reden, von solchen Menschen wie der Jungfrau von Orleans reden, sie sogar anerkennen, sie müssen also dasjenige, was geschieht — bedenken Sie das nur: dasjenige, was geschieht —, zurückführen auf Persönlichkeiten, deren Geistesleben sie nicht anerkennen, deren Geistesleben sie ganz gewiß nicht nachstreben möchten.
[ 19 ] Here we see a man who is condemned because, immersed as he is in the materialistic thinking of the present, he is compelled—so to speak—to think solely on the basis of materialistic principles; yet, because he also wishes to be historically honest, he is forced to point out this remarkable phenomenon of the Maid of Orleans and to take her as seriously as we can discern from his words. Thus, the full historical significance of Joan of Arc stands before Jaurès. But now we ask ourselves: What can ultimately—and while this may perhaps be taking things too far, even personally, for Jaurès if we assert this, for many others who act in Jaurès’s spirit it is certainly not taking things too far—what can there be for such a person, who lives within a social worldview like Jaurès’s, what could Joan of Arc really be other than someone who, through a certain religious ecstasy—which, if one wishes to remain a rational person, one should not strive for—came to the impulses to which she had, in fact, already come? Certainly, these people will not recognize what must be clear to us from spiritual science: that in an age when the modern, developed understanding of the spirit, as we have it today, had not yet been attained, streams of spiritual life flowed in from the spiritual worlds through such more or less subconsciously active personalities as the Maid of Orleans; that she was a medium, not for the kind of people by whom mediums have so often been abused in more recent times, but for divine-spiritual worlds that wished to influence the physical world of the Earth. It had to be acknowledged that what came from the Maid of Orleans was of greater value than what others, drawing on their human insights, were able or willing to communicate. Of course, such people could not acknowledge that the spiritual world spoke through this Joan of Arc. And yet, when they speak of the actual facts, they must speak of people such as the Maid of Orleans; they must even acknowledge them. Thus, they must attribute what happens—just consider this: what happens—to personalities whose spiritual life they do not acknowledge, whose spiritual life they certainly do not wish to strive toward.
[ 20 ] Das ist, wenn man dies auch heute noch nicht zugeben will — man kann sich auch betäuben gegenüber dieser Tatsache —, das ist nichts als tiefste Lebenslüge. Das ist wirkliche Lebenslüge, und ich charakterisiere Ihnen damit nur einen Fall von jener Lebenslüge, die überall heute durch unser soziales Leben pulsiert, und die darauf zurückzuführen ist, daß die Menschen dasjenige, was wirklich ist, was das Allerwirklichste ist, nicht anerkennen, es aber wie ein Faktum ansehen müssen durch das, was die neuere Geistesentwickelung heraufbringt. Lügen sind nun auch Tatsachen, und sie wirken demgemäß. Und wenn es auch durchaus wohlgesinnte, ernst strebende, bedeutende Menschen sind, wie Jaurès — da sie durch die Zeitverhältnisse gebunden sind in solcher Lebenslüge, kann dasjenige, was von ihnen kommt, dennoch nicht befreiend für die Menschheit wirken.
[ 20 ] Even if people still refuse to admit this today—and it is possible to turn a blind eye to this fact—this is nothing but the deepest lie of life. This is a true lie of life, and I am merely describing to you one instance of that lie of life which pulsates throughout our social life today, and which stems from the fact that people do not acknowledge what is truly real—what is most real of all—yet must regard it as a fact because of what recent intellectual developments have brought to light. Lies are, after all, facts as well, and they have a corresponding effect. And even if they are well-meaning, earnestly striving, significant people, such as Jaurès—since they are bound by the circumstances of the times to such a lie of life, what comes from them cannot, nevertheless, have a liberating effect on humanity.
[ 21 ] Ja, da stehen wir darinnen in einer gegenwärtigen Lebenstatsache, die wir klar und deutlich, die wir in aller Tiefe auf unsere Seelen müssen wirken lassen. Wir müssen den Mut haben, mit klarer Einsicht hinzuschauen auf solche Lebenslügen, und wir müssen aus diesem klaren Hinschauen die Kraft finden, uns aufrechtzuerhalten gegenüber alldem, was von allen Seiten einströmt, und was doch von der einen oder anderen Seite her manchmal sehr maskiert und kaschiert aus dieser Lebenslüge herausstammt. Was können Menschen, die in einer solchen Lebenslüge stehen, an wirklicher innerer Einsicht über die Zusammenhänge des Menschenlebens denn eigentlich gewinnen? Sie müssen sich denken: Ach, da treten solche sonderbaren Käuze auf, die Beziehungen haben wollen zu den geistigen Welten wie die Jungfrau von Orleans, und man muß ihnen sogar historische Bedeutung zuschreiben; aber man muß doch das wahrhaftig nicht als ein Beispiel hinstellen, dem man nachstreben soll, damit man auch irgendwie geistige Kräfte in die physische Welt einführen könne! — Es wird zwar noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen, bis weitere Kreise von Menschen die ganze schwerwiegende Tatsache einsehen und anerkennen, von der wir also gesprochen haben. Heute haben auch die Naturwissenschafter schon die Allüren angenommen, die dazumal der Jungfrau von Orleans gegenüber die Theologen angenommen haben. Denn dasjenige, auf das Jaurès da zuletzt aufmerksam macht, das gehört zur tiefen Tragik dieser Erscheinung der Jungfrau von Orleans dazumal. Die Theologen sagten damals: Das, was die da als ihre geistigen Welterkenntnisse auskramt, das stimmt nicht überein mit dem, was wir erkennen durch unsere Theologie! — Das war dazumal auf theologischem Gebiete aus derselben Gesinnung geflossen, aus der heute schon nach verhältnismäßig kürzerer Zeit, als es bei der Theologie der Fall war, die naturwissenschaftlichen Leute sprechen. Die Jungfrau von Orleans hat dazumal denjenigen, die von der Theologie her sie beurteilten und die da sagten, sie müsse aus den Heiligen Büchern ihre Wunder und ihre Mission rechtfertigen, geantwortet: Im Buche Gottes steht mehr geschrieben als in all euern Büchern! — Das ist ein historisches Wort. Das ist aber auch ein Wort, das heute noch Gültigkeit hat. Denn es kann vom Standpunkte der Geisteswissenschaft allen Einwänden erwidert werden, theologischen und naturwissenschaftlichen Einwänden: In dem Buche der geistigen Welten steht mehr geschrieben als alles dasjenige, was sich die Widersacher träumen lassen. — Und Jaurès fügt hinzu zu diesen Worten: «Ein wunderbares Wort, das in gewisser Beziehung im Gegensatz zur Bauernseele steht, deren Glauben vor allem im Herkommen wurzelt. Wie fern ist das alles von dem dumpfen engherzig-beschränkten Patriotismus des Grundbesitzes! Jeanne aber vernimmt die göttlichen Stimmen ihres Herzens, indem sie zu den strahlenden und sanften Himmelshöhen aufblickt.»
[ 21 ] Yes, here we stand in the midst of a reality of life that we must allow to take effect clearly and distinctly, and in all its depth, upon our souls. We must have the courage to look at such life lies with clear insight, and from this clear observation we must find the strength to stand firm in the face of everything that pours in from all sides—and which, after all, sometimes originates from this life lie, albeit heavily disguised and concealed from one side or another. What real inner insight into the interconnections of human life can people who are caught up in such a life lie actually gain? They must think to themselves: Oh, there are these strange eccentrics who want to have a connection to the spiritual worlds, like the Maid of Orleans, and one must even attribute historical significance to them; but surely one really need not hold this up as an example to be emulated, so that one might somehow introduce spiritual forces into the physical world! — Much water will certainly still flow down the Rhine before wider circles of people come to understand and acknowledge the grave reality of which we have spoken. Today, even natural scientists have adopted the same airs and graces that theologians once displayed toward the Maid of Orleans. For what Jaurès points out here at the end is part of the profound tragedy of the Maid of Orleans’s appearance back then. The theologians said at the time: “What she is presenting as her spiritual insights into the world does not correspond to what we recognize through our theology!” — That statement flowed at the time in the field of theology from the very same mindset from which, today—after a relatively shorter period of time than was the case with theology—the natural scientists speak. At that time, the Maid of Orleans replied to those who judged her from a theological standpoint and who said she must justify her miracles and her mission from the Holy Scriptures: “There is more written in the Book of God than in all your books!” — That is a historic statement. But it is also a statement that remains valid today. For from the standpoint of spiritual science, all objections—whether theological or scientific—can be countered: “There is more written in the Book of the spiritual worlds than all that the adversaries could ever dream of.”—And Jaurès adds to these words: “A wondrous statement that, in a certain sense, stands in contrast to the peasant soul, whose faith is rooted above all in tradition.” How far removed all this is from the dull, narrow-minded, and limited patriotism of the landowning class! But Jeanne hears the divine voices of her heart as she looks up toward the radiant and gentle heights of heaven.”
[ 22 ] Ja, in dem Munde unserer Mitwelt klingt gewiß eine solche Anerkennung ganz gut; aber was ist sie im Munde selbst der Besten in aller unserer Mitwelt? Eine Anerkennung von etwas, das sie doch mehr oder weniger für eine Dichtung halten, für eine Dichtung, die das Leben mehr oder weniger schön machen kann, der sie aber keine Realität zugestehen. Und das macht die Lebenslüge!
[ 22 ] Yes, such recognition certainly sounds quite good coming from our contemporaries; but what is it, even when spoken by the very best among them? It is recognition of something they more or less regard as fiction—a fiction that can make life more or less beautiful, but to which they deny any reality. And that is what constitutes the lie of life!
[ 23 ] So sehen wir, daß wir Klarheit brauchen über das Vorhandensein dieser Lebenslüge. Sie tritt uns in ihren Wirkungen überall, überall entgegen, und sie verhindert heute, daß Geisteswissenschaft schon den Einfluß gewinnt, den sie eigentlich haben müßte, Aber immer mehr und mehr Menschen werden nicht nur theoretisch die Einsichten gewinnen müssen in die Geisteswissenschaft, sondern auch die starke innere Kraft werden sie finden müssen, um Geisteswissenschaft in die einzelnen Verzweigungen des Lebens einzuführen. Auf den verschiedensten Lebensgebieten könnte man das nachweisen. Und wiederum kann man sagen, daß sich hier die wahren Tatsachen maskieren. Denn scheinbar kann man gegen all das, was da von der Geisteswissenschaft gesagt wird, wiederum etwas einwenden. Nehmen wir ein Lebensgebiet, das noch am ehesten, möchte man sagen, von der Menschheit goutiert wird aus dem einfachen Grunde, weil es dem äußeren Heile sehr nahe liegt. Sehen Sie, Geisteswissenschaft könnte ungeheuer segensreich wirken, wenn sich die Menschen zu der Einsicht herbeiließen, ein wenig die medizinischen Fakultäten, die Medizin, die Arzneikunde von dieser Geisteswissenschaft beeinflussen zu lassen. Denn immer mehr und mehr hat es die moderne naturwissenschaftliche Entwickelung dazu gebracht, daß die Medizin selber einen materialistischen Charakter angenommen hat. Gewiß, durch diesen materialistischen Charakter hat sie auch sehr Segensreiches bewirkt, und man braucht nur hinzuweisen auf die außerordentlich großen Fortschritte, die auf dem Gebiete der Chirurgie gemacht worden sind, um immerhin manche Berechtigung zu finden, wenn das immer wieder und wiederum gesagt wird, was ich auch sage: daß man die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft bewundern muß. Aber es gibt andere, nicht minder wichtige Seiten des medizinischen Erkennens und der medizinischen Kunst, welche unter der materialistischen Richtung ungeheuer leiden, und welche nur dadurch einer segensreichen Zukunft werden entgegengehen können, daß man geisteswissenschaftliches Erkennen in die betreffenden Untersuchungen einführt.
[ 23 ] Thus we see that we need clarity regarding the existence of this “life lie.” Its effects confront us everywhere, and today it prevents spiritual science from gaining the influence it ought to have. But more and more people will not only have to gain theoretical insights into spiritual science, but will also have to find the strong inner strength to introduce spiritual science into the various branches of life. This could be demonstrated in the most diverse areas of life. And yet again, one can say that the true facts are being masked here. For, on the surface, it seems possible to raise objections against everything that spiritual science has to say. Let us take an area of life that, one might say, is most highly valued by humanity for the simple reason that it is very closely related to physical health. You see, spiritual science could have an immensely beneficial effect if people were willing to allow medical schools, medicine, and pharmacology to be influenced to some extent by this spiritual science. For modern scientific development has increasingly led to medicine itself taking on a materialistic character. Certainly, this materialistic character has also brought about many blessings, and one need only point to the extraordinarily great advances that have been made in the field of surgery to find some justification, at any rate, for the repeated assertion—which I, too, make—that one must admire the recent advances in natural science. But there are other, no less important aspects of medical knowledge and the art of medicine that suffer immensely under the materialistic approach, and which can only look forward to a promising future if spiritual scientific insight is introduced into the relevant research.
[ 24 ] Durch solches geisteswissenschaftliches Erkennen werden Zusammenhänge im menschlichen Organismus erkannt, für die die heutige medizinische Wissenschaft nur die Einzelheiten kennt. Gewiß, von einsichtigeren Forschern werden solche Dinge oftmals instinktiv geahnt; aber dadurch kann der Fortschritt nicht schnell genug geschehen, und man kann sagen: Würde nicht eine solche phantastische Ablehnung alles Geisteswissenschaftlichen gerade auf medizinischem Gebiete herrschen, und würde die Medizin nicht danach streben, monopolisiert zu werden als eine Macht von den entsprechenden Behörden und Regierungen, so würde zum Heile der Menschheit aus der Geisteswissenschaft heraus gerade auf medizinischem Gebiete Ungeheures geleistet werden können. Da können Sie sagen: Nun, nichts hindert ja einen Geistesforscher, diese Fortschritte herbeizuführen! — Da maskieren sich eben die Dinge, denn das ist eben nicht wahr. Der materialistische Betrieb, wie er heute herrscht, hindert in der Tat die Geistesforschung, einzugreifen. Denn das ist ein ganz falscher Glaube, daß der Geistesforscher, der die Dinge heute durchschaut, einem einzelnen Menschen helfen kann in allen Fällen. Er wird daran gehindert durch den äußeren materialistischen Betrieb der Medizin, und wird immer mehr und mehr gehindert werden, wenn der materialistische Betrieb der Medizin noch längere Zeit fortdauert. Man kann zum Geistesforscher auf medizinischem Gebiete nicht sagen: Hier ist Rhodus, hier tanze —, weil ihm zum Tanzen nicht die Beine freigemacht sind. Gewiß, es werden in anerkennenswerter Weise allerlei Bestrebungen getrieben, welche sich gegen den herrschenden Materialismus in der Medizin auflehnen; aber diese Bestrebungen sind alle ungenügend, weil vor allen Dingen die Einsicht fehlt, daß man nicht bloß der materialistischen Medizin etwas entgegensetzen muß, sondern daß man vor allen Dingen notwendig hat, mit dem zu arbeiten — aber im geisteswissenschaftlichen Sinne —, was die moderne Medizin sich erworben hat: nämlich die Hilfsmittel, die man gerade auf diesem Gebiete äußerlich braucht. Aber die Menschheit würde sehr erstaunen, was anderes herauskommen würde, wenn man mit geisteswissenschaftlichen Anschauungen heute in die Kliniken, in die Seziersäle treten und in alle die anderen Hilfsquellen und Hilfsmittel des medizinischen Betriebes geisteswissenschaftliche Anschauung hineintragen würde. Aber in dieser Richtung müssen auch die Bestrebungen gehen. Nicht auf die Mißachtung der materialistischen Medizin, sondern darauf müssen die Bestrebungen gehen, daß in diesen materialistischen Betrieb hineingetragen werden muß die Geisteswissenschaft. Und vorher kann man auch im einzelnen nicht helfen. Die Zusammenhänge, warum das nicht sein kann, die können nicht in einem so kurzen Vortrag erörtert werden; aber es ist so. So könnte gerade auf einem Gebiete, das auch dem äußeren menschlichen Heile so nahe liegt, bei einiger Vorurteilslosigkeit ungeheuer viel geleistet werden.
[ 24 ] Through such spiritual-scientific insight, connections within the human organism are recognized—connections of which modern medical science is aware only in detail. Certainly, more perceptive researchers often intuit such things instinctively; but this does not allow progress to occur quickly enough, and one might say: If such a fanciful rejection of everything related to spiritual science did not prevail, particularly in the field of medicine, and if medicine were not striving to be monopolized as a power by the relevant authorities and governments, then, for the benefit of humanity, tremendous achievements could be made through spiritual science, particularly in the field of medicine. You might say: Well, nothing prevents a spiritual researcher from bringing about these advances! — But that is precisely where things are being misrepresented, for that is simply not true. The materialistic system, as it prevails today, does in fact prevent spiritual research from intervening. For it is a completely false belief that the spiritual researcher, who sees through things today, can help an individual in every case. He is hindered by the external materialistic structure of medicine, and will be hindered more and more if this materialistic structure of medicine continues for much longer. One cannot say to the spiritual researcher in the field of medicine: “Here is Rhodus, here dance”—because his legs have not been freed to dance. Certainly, all sorts of commendable efforts are being made to rebel against the prevailing materialism in medicine; but these efforts are all insufficient, because above all there is a lack of insight into the fact that one must not merely oppose materialistic medicine, but that it is above all necessary to work with—but in the spiritual-scientific sense—what modern medicine has acquired: namely, the tools that are objectively needed in this very field. But humanity would be very surprised at what different results would emerge if, today, one were to enter clinics and dissection rooms with spiritual-scientific perspectives and to infuse all the other resources and tools of medical practice with a spiritual-scientific outlook. Yet efforts must also be directed in this direction. Our efforts must not be directed toward disregarding materialistic medicine, but rather toward bringing spiritual science into this materialistic system. And until then, we cannot help in specific cases either. The reasons why this cannot be done cannot be discussed in such a short lecture; but that is the case. Thus, precisely in a field so closely related to the physical healing of human beings, an immense amount could be accomplished with a little open-mindedness.
[ 25 ] Und mit Bezug auf die brennenden sozialen Fragen, da würde sich herausstellen, daß zwar noch viele Versuche gemacht werden, dieses oder jenes auf sozialem Gebiete zu verbessern, diese oder jene Lebensbedingung zu verbessern; aber alle diese Versuche werden scheitern. Erst dann, wenn man dazu kommen wird, so wie man der Mathematik oder der Geometrie ihre Axiome zugrunde legt, die geisteswissenschaftlichen Axiome auch der sozialen Erkenntnis zugrunde zu legen, erst dann wird man wirklich wirksame Mittel finden.
[ 25 ] And with regard to the pressing social issues, it would become apparent that, although many attempts are still being made to improve this or that in the social sphere, or to improve this or that living condition, all these attempts will fail. Only when we come to base social understanding on the axioms of the humanities—just as we base mathematics or geometry on their axioms—will we find truly effective means.
[ 26 ] Und so leben wir in einer Welt, der gegenüber vor allen Dingen unsere eigene Seele, wenn wir von Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ergriffen werden, radikal andere Gedanken und Empfindungen entgegenbringen muß. Wir leben gewissermaßen in einer Atmosphäre, die an uns die Anforderung einer starken Kraftentfaltung, eines starken Sich-Aufrechterhaltens verlangt. Und das sind die tieferen Gründe, warum wir oftmals verzagt werden können, uns einsam fühlen können, warum vielleicht der eine oder andere dadurch, daß er sich zur Geisteswissenschaft bekennt, mit dem Leben nicht leicht fertig wird. Aber wenn wir die klare Einsicht haben, wie groß dasjenige ist, in das wir uns hineinstellen im ganzen Menschheitszusammenhang, und wie es heute nur als etwas Kleines erscheint, weil wir noch im Anfange stehen, können wir auch diese Stärke finden, können sie dann wirklich finden. Alles Große in der Menschheitsentwickelung namentlich muß einen kleinen Anfang nehmen.
[ 26 ] And so we live in a world to which, above all else, our own soul—when we are moved by spiritual science or anthroposophy—must respond with radically different thoughts and feelings. We live, so to speak, in an atmosphere that demands of us a strong exertion of energy, a strong ability to hold our ground. And these are the deeper reasons why we can often become disheartened, why we can feel lonely, and why perhaps one or the other, by professing a commitment to spiritual science, finds it difficult to cope with life. But if we have a clear understanding of how great is that into which we are placing ourselves within the context of all humanity, and how it appears today to be only a small thing because we are still in the beginning, then we can also find this strength—we can truly find it. Everything great in human development, in particular, must have a small beginning.
[ 27 ] Ich möchte auch hier, wie ich es in Zürich dieser Tage getan habe, darauf hinweisen, wie im ganzen Denken unserer Gegenwartsmenschen Beschränkendes, Unlogisches, Unzusammenhängendes lebt. Das kommt davon her, weil in der neueren Entwickelung die Naturwissenschaft wie verblendend gewirkt hat für diese neuere Menschheit. Diese Naturwissenschaft hat eben großartige, bewunderungswürdige Resultate mit Bezug auf die äußere Sinnenwelt hervorgebracht, und da fühlten sich diejenigen Menschen, die früher das Geistesgut der Menschheit verwaltet haben, ich möchte sagen zurückgedrängt, immer mehr und mehr zurückgedrängt. Insbesondere gewissen Theologen ist es dabei nicht gut gegangen. Es ist unrichtig, wenn man einfach dasjenige, was die Menschen als Theologie heraufgebracht haben durch die Menschheitsentwickelung, von vornherein ablehnt. In dieser Theologie stecken tiefe, bedeutsame Grundwahrheiten auch über die menschliche Seele; wenn sie auch erst näher beleuchtet werden müssen durch die Geisteswissenschaft in vieler Beziehung, es stecken Grundwahrheiten darinnen. Nur weil sie nicht so vertreten werden, wie es dem Bedürfnisse der heutigen Menschheit entspricht, muß heute in dem denkenden Menschen und in der fühlenden Seele die Sehnsucht nach einer Antwort der geisteswissenschaftlichen Frage entstehen. Aber die Theologen, die nicht mitwollen mit einer solchen geisteswissenschaftlichen Bestrebung, die kamen in einen merkwürdigen Zustand hinein: sie hatten Wahrheiten, aber diese Wahrheiten waren auf nichts anwendbar, denn die anderen Wissenschaften hatten ihnen die Objekte für diese Wahrheiten weggenommen. Die Theologen hatten Wahrheiten über die Seele — aber die Seele wurde ihnen von der Naturwissenschaft weggenommen. Und nun spricht die Theologie in Worten vielleicht Wahrheiten aus, aber sie kümmert sich nicht um die Objekte; die Objekte will sie sogar von der Naturwissenschaft ruhig untersuchen lassen, denn die Theologen sind in vieler Beziehung zu bequem, um nun wirklich es mit der Naturwissenschaft aufzunehmen. Und das ist das, was wir als bedeutsam in der Geisteswissenschaft sehen müssen: daß diese Geisteswissenschaft es mit der Naturwissenschaft vollständig aufnimmt, sich einläßt in all dasjenige, was die Naturwissenschaft sich erworben hat, und mitspricht, indem sie die geisteswissenschaftlichen Prinzipien hinzufügt zu dem naturwissenschaftlichen Betriebe. Die Theologen wollten das nicht tun; sie sind gerade manchmal da, wo es darauf ankommt, mitzutun, die Objekte zu halten, von einer ganz merkwürdigen Gesinnung beseelt.
[ 27 ] Here, too, as I have done in Zurich these past few days, I would like to point out how the thinking of people today is permeated by narrow-mindedness, illogicality, and incoherence. This stems from the fact that, in recent developments, the natural sciences have had a dazzling effect on this newer generation of humanity. These natural sciences have indeed produced magnificent, admirable results with regard to the external sensory world, and as a result, those who previously stewarded humanity’s spiritual heritage felt—I would say—pushed back, increasingly pushed back. Certain theologians, in particular, have fared poorly in this regard. It is incorrect to simply reject from the outset what people have developed as theology throughout human evolution. This theology contains deep, significant fundamental truths, including truths about the human soul; even if these truths must first be illuminated more closely by spiritual science in many respects, fundamental truths are indeed contained within them. Simply because these truths are not presented in a way that meets the needs of humanity today, a longing for an answer to the questions posed by spiritual science must arise in the thinking person and in the feeling soul. But the theologians who are unwilling to go along with such an esoteric scientific endeavor found themselves in a peculiar situation: they had truths, but these truths were inapplicable to anything, for the other sciences had taken away the objects upon which these truths were based. Theologians had truths about the soul—but the soul had been taken away from them by the natural sciences. And now theology may express truths in words, but it pays no attention to the objects; it is even willing to let the natural sciences quietly investigate the objects, for theologians are, in many respects, too complacent to truly engage with the natural sciences. And this is what we must recognize as significant in spiritual science: that this spiritual science fully engages with natural science, immerses itself in all that natural science has acquired, and contributes by adding spiritual-scientific principles to the work of natural science. Theologians did not want to do this; precisely when it matters most to participate, they are sometimes animated by a very peculiar mindset.
[ 28 ] Einer, der in gewissen Kreisen als ein ganz außerordentlicher Theologe gilt, sowohl als Professor, der er früher war, wie auch als Seelsorger, der hat ein Büchelchen geschrieben, in dem er religiöse Vorträge wiedergibt; und in diesem Büchelchen spricht er so Gedanken aus, an denen man ihn merkwürdig belauschen kann. Man sieht da in die Seele eines bedeutenden Menschen der Gegenwart hinein — ja, ich kann nicht anders sagen, man wird zuweilen umgeworfen von dem, was als Gedankenform heute ein bedeutender Mensch zutage fördern kann! Da spricht zum Beispiel gleich in der ersten Vorlesung dieser berühmte, bedeutende Mann davon, daß man an die Naturwissenschaft herangehen müsse und den natürlichen Menschen hergeben müsse; nur den Menschen der Freiheit dürfe man behalten als Theologe. Aber eben die Freiheit wird zum bloßen Wort in diesem Sinne! Sagt er denn da nicht: alles an Inhalt der Seele ließe er an die Naturwissenschaft überweisen? — Nun hat er nichts zurückbehalten als eine Worte-Weisheit — und er gibt sogar einen recht niedlichen Grund an, warum er diese Gesinnung hat; er sagt nämlich ganz trocken, daß er diese Gesinnung hat. Also ein Theologe, der in diesen Vorträgen die modernste Gestalt des Christentums seinen Zuhörern schildern wollte, der sagt gleich im ersten Vortrage: «Der Mensch, wie er uns in der Zoologie entgegentritt, der zweibeinige, aufrecht wandelnde, mit dem fein ausgebildeten Rückgrat und Gehirn ausgestattete homo sapiens, ist ebenso gut wie irgend ein anderes organisches oder anorganisches Gebilde Bestandteil der Natur, ist aus derselben Masse, denselben Energien, denselben Atomen zusammengesetzt, von derselben Kraft durchwirkt und durchwaltet; jedenfalls ist das ganze körperliche Leben des Menschen, mag es noch so verwickelt sein, in seiner ganzen Zusammensetzung naturwissenschaftlich bestimmt, gesetzmäßig geordnet wie alles andere lebendige und unlebendige Wesen der Natur. Es besteht insoweit gar kein Unterschied zwischen dem Menschen und einer Qualle, einem Wassertropfen oder einem Sandkorn.»
[ 28 ] A man who is regarded in certain circles as an exceptionally outstanding theologian—both as a professor, which he used to be, and as a pastor—has written a little book in which he recounts religious lectures; and in this little book, he expresses thoughts that offer a remarkable glimpse into his mind. One gets a glimpse into the soul of a significant contemporary figure—indeed, I can’t put it any other way: one is sometimes overwhelmed by the kind of thought patterns that a significant figure can bring to light today! For example, right in the first lecture, this famous, significant man speaks of the need to approach the natural sciences and to relinquish the natural human being; as a theologian, one may retain only the human being of freedom. But freedom itself becomes a mere word in this sense! Does he not say there that he would transfer the entire content of the soul to the natural sciences? — Now he has retained nothing but a wisdom of words—and he even gives a rather charming reason for holding this view; namely, he states quite matter-of-factly that this is his view. So here is a theologian who, in these lectures, sought to describe the most modern form of Christianity to his audience, yet who says right in the very first lecture: “Man, as he appears to us in zoology—the bipedal, upright-walking homo sapiens, endowed with a finely developed spine and brain—is just as much a part of nature as any other organic or inorganic entity; he is composed of the same matter, the same energies, the same atoms, and is permeated and governed by the same force; in any case, the entire physical life of human beings, however complex it may be, is, in its entirety, determined by the natural sciences and ordered by laws, just like every other living and non-living entity in nature. In this respect, there is no difference whatsoever between human beings and a jellyfish, a drop of water, or a grain of sand.”
[ 29 ] Theologische Vorlesungen, Vorlesungen eines Theologen, eines Seelsorgers! Aber nicht nur in bezug auf das Körperliche spricht dieser Theologe so, sondern er sagt weiter: «Die seelischen Funktionen, welche der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise zugänglich sind, unterliegen einer ebenso strengen Gesetzmäßigkeit wie die körperlichen Vorgänge; und die Empfindungen, die wir haben, sowie die Vorstellungen, die wir bilden, sind uns durch die Natur ebenso gut aufgezwungen» — bitte: die Empfindungen und Vorstellungen! — «wie die Nervenprozesse, die zu Lust- und Unlustempfindungen führen. Sie sind ebenso gut mechanische Vorstellungen wie die einer Dampfmaschine.»
[ 29 ] Theological Lectures, lectures by a theologian, a pastor! But this theologian does not speak this way only in reference to the physical; he goes on to say: “The mental functions that are accessible to the scientific method are subject to laws just as strict as those governing physical processes; and the sensations we experience, as well as the ideas we form, are just as much imposed on us by nature”—note: the sensations and ideas! — “as the neural processes that lead to sensations of pleasure and displeasure. They are just as much mechanical concepts as those of a steam engine.”
[ 30 ] Sie sehen, die Seele schlüpft so hin zu den Naturforschern, und der Theologe behält nur die alte theologische Worthülse, für die er Phrasen aufbringt; denn die letzten Seiten, die letzten Vorlesungen bestehen nun nur noch aus Phrasen, um das, was behandelt ist, mit theologischen Worthülsen zu umhüllen. Aber er gibt die Gesinnung an, warum er denn heute so freigebig ist in der Hingabe der Objekte. Und da ertappt man doch eine ganz merkwürdige Gesinnung: denken Sie, er sagt, die Theologen müssen so handeln, wie er handelt, man müsse sogar noch weitergehen, sagt er: «Diese naturgesetzliche Bestimmtheit des Menschen betrifft nicht nur seine körperlichen, sondern auch seine seelischen Funktionen. Das war es immer, was wir Theologen nicht zugeben wollten,» — nur er ist darüber hinaus, er ist höher gestiegen, er gibt es nun zu — «weil wir den naturwissenschaftlichen Seelenbegriff mit dem theologischen verwechselten und unangenehme Folgen daraus für den Glauben befürchteten.»
[ 30 ] You see, the soul slips away toward the natural scientists, and the theologian retains only the old theological empty phrase, for which he comes up with clichés; for the final pages, the final lectures, now consist solely of clichés designed to cloak what has been discussed in theological empty phrases. But he reveals the mindset behind why he is so generous today in surrendering these subjects. And there one does catch a very peculiar mindset: just think, he says, theologians must act as he does; one must even go further, he says: “This natural-law-based determinacy of human beings concerns not only their physical functions but also their mental functions. “That is what we theologians have always refused to admit”—but he has moved beyond that; he has risen higher, and now he admits it—“because we confused the scientific concept of the soul with the theological one and feared unpleasant consequences for the faith.”
[ 31 ] Aber jetzt ist er so weit, daß er keine unangenehmen Folgen mehr für den Glauben befürchtet, die er zugibt! Dann sagt er: «Diese entstehen aber gerade dann, wenn man die Wissenschaft nicht zu ihrem vollen Resultat kommen läßt;». Also er sagt jetzt: Geben wir nun schon dieser Wissenschaft nach, sonst hat sie noch unangenehme Folgen! Sonst hat sie eklige Folgen, diese Wissenschaft. — Und dann ertappen wir ihn in nun wirklich merkwürdigstem Glanze: «denn man verscherzt sich dann das Zutrauen denkender Menschen.»
[ 31 ] But now he has reached the point where he no longer fears any unpleasant consequences for faith—consequences he himself admits exist! Then he says: “But these arise precisely when one does not allow science to reach its full conclusion;” So he is now saying: Let’s give in to this science now, otherwise it will still have unpleasant consequences! Otherwise, this science will have dreadful consequences. — And then we catch him in a truly remarkable light: “for then one forfeits the trust of thinking people.”
[ 32 ] Da haben Sie das, was der große Theologe heute anstrebt! Die Menschen sind auf allen diesen Wegen, die ich Ihnen heute geschildert habe — die besten —, zu jenen Empfindungen gekommen, mit denen sie ihr Zutrauen uns zuwenden, wenn wir vom Geistigen sprechen; das soll man sich nur nicht verscherzen, und deshalb nur ja nicht die wirkliche innere Seelenkraft anwenden, die auf dem Boden einer geistigen Einsicht stehen könnte! — Wir sehen: Wenn wir die Leute ertappen in dem, was heute, sagen wir ihr innerstes Wesen durchzieht, wenn wir nicht gedankenlos an solchen Dingen vorübergehen, dann stellen sich die Leute heute merkwürdig heraus. Darüber müssen wir klare Einsichten haben. Wir müssen uns aus diesen klaren Einsichten heraus nicht wundern, daß, wenn solche Gedanken von den heute zu der religiösen, zu der geistigen Erziehung der Menschheit amtlich Berufenen gezüchtet werden, wir es schwierig haben, mit dem radikal Entgegengesetzten uns in die Welt hineinzustellen.
[ 32 ] There you have it: what the great theologian strives for today! Through all these paths—the best ones—that I have described to you today, people have arrived at those feelings with which they place their trust in us when we speak of the spiritual; we must not forfeit that trust, and therefore we must certainly not apply the true inner strength of the soul that could be grounded in spiritual insight! — We see: When we catch people in what, let us say, pervades their innermost being today—when we do not thoughtlessly pass over such things—then people today reveal themselves in a remarkable way. We must have clear insights into this. Based on these clear insights, we should not be surprised that, when such thoughts are fostered by those officially charged today with the religious and spiritual education of humanity, we find it difficult to step into the world with the radically opposite perspective.
[ 33 ] Wir müssen uns immer wieder vorhalten, welcher Sache wir eigentlich im ganzen Menschheitszusammenhange dienen dadurch, daß wir den verführerischen Gedanken der Menschheit, die heute von solcher Seite kommen, diejenigen gegenüberstellen, die allein fruchtbar sein können. Und ein solcher Gedanke vermag uns immer selbst in der stärksten Depression wiederum zu erheben, wiederum kraftvoll zu machen. Solcher Gedanke ist in jeder Sekunde unseres Lebens durchaus wichtig, und es ist wichtig, daß wir die Geisteswissenschaft so betreiben, daß wir für das äußere Leben sie so wenig wie möglich zeigen, aber sie so stark und intensiv in uns aufnehmen, daß wir selbst gegenüber den Prüfungen, die sie uns auferlegt, die Kraft haben, uns zu sagen: sie müssen da sein! — Da uns unser Karma zu ihr geführt hat, wollen wir auch das auf uns nehmen, was sie uns als Prüfung auferlegen kann. Denn die widerstrebenden Kräfte sind heute in der Welt der Geisteswissenschaft gegenüber ungeheuer schwierig, und die Menschen wissen es im Grunde gar nicht. Denn selbstverständlich ahnt jener Mann von alldem, was eigentlich das Wesen des Denkens und Empfindens ist und was man nur enthüllen kann, wenn man den klaren Blick von der Geisteswissenschaft aus in das ganze Verderbliche, Zerstörerische eines solchen Denkens gewinnt, von dem allem ahnt der Mann gar nichts! Deshalb kann ihm auch keine Schuld zugeschrieben werden, kann er nicht mißachtet werden, sondern eine solche Tatsache muß man ganz objektiv hinnehmen wie ein Erdbeben, wie einen Vulkanausbruch, die auch zerstörerisch in der Menschheit wirken — wenn auch auf einem kleinen Gebiet — mit äußeren physischen Mitteln. Der Mann kann aber wirklich nicht denken. Und damit ist er nur ein Beispiel für die bedeutendsten Leute der Gegenwart, die nicht denken können. Er kann nicht denken! Stellen Sie sich vor, er sagt: Den Körper des Menschen geben wir selbstverständlich der Naturwissenschaft ab, das geht ja nicht anders; denn was sollen wir Theologen damit machen? Nicht wahr, wir können den Körper nicht untersuchen. — Daß, wenn man den Geist wirklich untersucht, dieser Geist Mitaufbauer des Körpers ist, daß man also gar nicht den Körper absondern kann und ihn so verschenken kann, wie das gestern im öffentlichen Vortrag ausgeführt wurde, davon hat dieser Mann keine Ahnung. Er verschenkt den Körper; aber er verschenkt die Seele auch — denn sie empfindet praktisch wie eine Dampfmaschine —, er behält nur, wie er ausdrücklich sagt, für die Theologie zurück den «Menschen als Freiheit». Den «Menschen als Natur», den verschenkt er sogar großmütig; den «Menschen als Freiheit» behält er zurück. Aber nun, nachdem er den Menschen als Freiheit zurückbehalten hat, sagt er freilich: «Der Mensch als Natur verliert als Naturbestandteil seine Selbständigkeit und Freiheit; alles was er erlebt, erleidet er, muß er durchaus nach dem Gesetz der Natur erleiden.»
[ 33 ] We must constantly remind ourselves of the cause we are actually serving within the broader context of humanity by countering the seductive ideas facing humanity today—which come from such quarters—with those that alone can bear fruit. And such a thought is capable of lifting us up again, even in the deepest depression, and restoring our strength. Such a thought is absolutely essential in every second of our lives, and it is important that we pursue spiritual science in such a way that we reveal as little of it as possible to the outside world, yet absorb it so strongly and intensely within ourselves that, even in the face of the trials it imposes on us, we have the strength to say to ourselves: they must be there! — Since our karma has led us to it, let us also accept whatever it may impose upon us as a trial. For the opposing forces in the world today are immensely difficult for spiritual science to contend with, and people are, deep down, completely unaware of this. For, of course, that man has no inkling of what the very essence of thinking and feeling actually is—and what can only be revealed when one gains a clear perspective, from the standpoint of spiritual science, on the entire pernicious and destructive nature of such thinking—of all this, the man has absolutely no inkling! Therefore, no blame can be attributed to him, nor can he be disregarded; rather, one must accept such a fact quite objectively, like an earthquake or a volcanic eruption, which also have a destructive effect on humanity—albeit in a small area—through external physical means. But the man really cannot think. And in that sense, he is merely an example of the most prominent people of our time who cannot think. He cannot think! Imagine him saying: “We naturally leave the human body to the natural sciences; there’s no other way, after all; for what are we theologians supposed to do with it? We cannot examine the body, can we?” — This man has no idea that, when one truly examines the spirit, this spirit is a co-builder of the body—that one therefore cannot separate the body at all and simply give it away, as was explained yesterday in the public lecture. He gives away the body; but he gives away the soul as well—for it functions practically like a steam engine—and he reserves only, as he explicitly states, “man as freedom” for theology. He even generously gives away “man as nature”; he reserves “man as freedom.” But now, having reserved man as freedom, he naturally says: “Man as nature loses his independence and freedom as a component of nature; everything he experiences, he endures, and he must endure it entirely according to the law of nature.”
[ 34 ] Also diese Freiheit verliert der Mensch durch seine Natur. Und nun denken Sie sich einmal, was eigentlich dieser Theologe noch zurückbehält! Erst sagt er: den Menschen als Natur, den gibt er der Natur und behält sich den Menschen als Freiheit zurück; dann konstatiert er aber: der Mensch als Natur, der ist so, daß er als Naturbestandteil seine Selbständigkeit und Freiheit verliert, und «alles, was er erlebt, erleidet er, muß er durchaus nach dem Gesetz der Natur erleiden». Nun hat er ja überhaupt nichts mehr! Man kann sich also nicht wundern, daß er dann im weiteren nur in Phrasen redet. Aber davon merkt der gute Mann nichts, und er ist ein typisches Beispiel dafür, wie die bedeutendsten Menschen heute nichts merken von der Diskontinuität der Gedanken, die heute wirkt. Die Menschheit ist eben heute in einem Entwickelungsstadium angekommen, wo dasjenige, was Denken sein soll über das physische Leben, befruchtet werden muß durch diejenigen Gedanken, die sich auch auf die geistige Welt beziehen; sonst werden an allen Stellen diese Gedanken abreißen, die sich auf die physische Welt beziehen, weil die Menschen, die heute mitreden, mit den einfachsten Tatsachen der Weltzusammenhänge nicht bekannt sind.
[ 34 ] So man loses this freedom through his nature. And now just imagine what this theologian is actually holding back! First he says: man as nature—he gives that to nature and reserves man as freedom for himself; but then he states: man as nature is such that, as a component of nature, he loses his independence and freedom, and “everything he experiences, he suffers; he must suffer it entirely according to the law of nature.” Now he has absolutely nothing left! So it’s no wonder that he then goes on to speak only in platitudes. But the good man doesn’t notice any of this, and he is a typical example of how even the most prominent people today are oblivious to the discontinuity in thought that is at work today. Humanity has now reached a stage of development where what is supposed to be thinking about physical life must be enriched by thoughts that also relate to the spiritual world; otherwise, the thoughts relating to the physical world will break down in every respect, because the people who have a say today are unfamiliar with even the simplest facts of how the world works.
[ 35 ] Wir wissen, daß die Menschen heute in einer Übergangsperiode sind. Nicht in dem oberflächlichen Sinne reden wir, in dem man jetzt von Übergangsperioden spricht, sondern in einem anderen Sinne. Wir sind eben in jenen Übergangsperioden, in denen die alten atavistisch-hellseherischen Instinkte erstorben sind und in denen bewußtes Eintreten in die geistigen Welten erlangt werden muß. Das ist eine für den Geistesforscher offenbare Tatsache. Aber jene alten atavistisch-hellseherischen Fähigkeiten, die die Menschen gehabt haben, haben ihnen auch wirksame Gedanken gegeben, insoferne sie in ihrer Kulturepoche sie gebraucht haben. Die Geschichte berichtet nur wenig von dem Großartigen, das die chaldäische Kulturepoche oder die ägyptische Kulturepoche hatte an in das Menschenleben eingreifenden Gedanken. Mögen sie heute für unsere Kritik noch so wenig bestehen können, für ihre Zeit haben sie bestanden. Eingreifende Gedanken — unsere Zeit muß wieder Gedanken gewinnen, die fähig sind, in die Wirklichkeit einzugreifen! Aber das kann sie nur, wenn sie ebenso von der geistigen Welt befruchtet wird, wie die alten Zeiten von der geistigen Welt befruchtet worden sind. Doch auf unbewußte Weise werden die Menschen heute nicht befruchtet. Daher muß Bewußtsein eintreten, wenn geisteswissenschaftliche Erkenntnis wirklich von den Menschen anerkannt werden soll. Und wir haben selbst bei diesem Manne, dem man so leicht nachweisen kann, daß er von den ärgsten Schäden der Gedankenlosigkeit unserer Zeit ergriffen ist, daß er einen unermeßlichen Schaden stiftet dadurch, daß er so viele Leute ansteckt mit seiner Gedankenlosigkeit, auch an ihm hat man keinen übelwollenden Menschen; man hat sogar einen einsichtigen Menschen vor sich, nämlich einen, der eben jene Einsicht hat, die man in unserer Zeit haben kann, wenn man nicht in einer gewissen Beziehung vorschreiten kann zur wirklichen geistigen Welt, in dem Sinne, wie ich gesagt habe, daß selbst Menschen wie Jaurès nicht vorschreiten können. Aber auch solche Menschen wie der, welcher diese religiösen Vorlesungen gehalten hat, auch solche Menschen wissen, daß die Menschheit heute in gewisser Beziehung vor einer Sackgasse steht, daß man so nicht weiter kann mit dem Denken, Fühlen und Wollen, welches die alten Gesinnungen, die alten Weltanschauungselemente gegeben haben. Und er weiß auch, daß das in der neueren Zeit zu dem Materialismus geführt hat, und er weiß, daß die Dinge anders werden müssen. Und er ist im Grunde genommen auch gar nicht wenig radikal, denn er redet davon, daß das 19. Jahrhundert die Menschen dazu gebracht hat, daß man solche Begriffe habe wie Sportismus, Komfortismus, Mammonismus. Von allen diesen Dingen, die gewisse Schattenseiten sind des Materialismus, von allen diesen Dingen redet der Mann, und er ist durchaus bereit zu sagen: Sportismus, Komfortismus, Mammonismus, so wie sie im 19. Jahrhundert heraufgekommen sind, sie müssen bekämpft werden. Allein, was er so sagt, es bleibt bei ihm Phrase, denn, am Ende des ersten Vortrages — man traut seinen Augen, man traut seinen Erkenntniskräften nicht — steht das Folgende. Folgendes kann heute von einem bedeutenden, berühmten Mann ausgesprochen werden. Er sagt zunächst ganz richtig: Alle die Dinge, die da geschehen, sollen eine andere Bewertung erfahren, «sie dürfen nicht mehr Endziel sein. Es darf keinen Kaufmann mehr geben, für den der Gelderwerb Selbstzweck ist; Lebensgenuß darf nicht mehr Inhalt des Lebens werden; es darf keine Menschen mehr geben, die nur ihrer Gesundheit leben.»
[ 35 ] We know that people today are in a transitional period. We are not speaking in the superficial sense in which people now speak of transitional periods, but in a different sense. We are precisely in those transitional periods in which the old atavistic, clairvoyant instincts have died out and in which conscious entry into the spiritual worlds must be attained. This is a fact that is obvious to the spiritual researcher. But those ancient atavistic-clairvoyant abilities that people once possessed also gave them effective thoughts, insofar as they needed them during their respective cultural epochs. History tells us very little of the greatness that the Chaldean or Egyptian cultural epochs possessed in terms of thoughts that intervened in human life. No matter how little they may stand up to our criticism today, they were valid for their time. Transformative thoughts—our age must once again gain thoughts capable of transforming reality! But it can do so only if it is inspired by the spiritual world, just as the ancient times were inspired by the spiritual world. Yet people today are not being inspired in an unconscious way. Therefore, consciousness must take hold if spiritual scientific knowledge is to be truly recognized by people. And even in the case of this man—whom one can so easily demonstrate to be afflicted by the worst effects of our age’s thoughtlessness, and who causes immeasurable harm by infecting so many people with his thoughtlessness—even in him, one does not find a malicious person; one is in fact dealing with a person of insight—namely, one who possesses precisely the kind of insight that is possible in our time when one cannot, in a certain sense, advance toward the true spiritual world, in the sense that I have described—that even people like Jaurès cannot advance. But even people like the one who gave these religious lectures—even such people know that humanity today, in a certain sense, faces a dead end, that we cannot go on in this way with the thinking, feeling, and willing that the old attitudes and the old elements of worldview have provided. And he also knows that this has led to materialism in recent times, and he knows that things must change. And, deep down, he is actually quite radical, for he speaks of how the nineteenth century led people to develop concepts such as “sportism,” “comfortism,” and “mammonism.” This man speaks of all these things—which are certain dark sides of materialism—and he is quite willing to say: “Sports-ism, comfort-ism, mammon-ism, as they emerged in the 19th century, must be combated.” However, what he says remains mere rhetoric, for at the end of the first lecture—one can hardly believe one’s eyes, one doubts one’s own powers of discernment—the following is written. The following can be uttered today by an important, famous man. He begins by stating quite correctly: All these things that are happening must be reevaluated; “they must no longer be the ultimate goal. There must no longer be any businessman for whom the acquisition of money is an end in itself; the enjoyment of life must no longer be the content of life; there must no longer be any people who live solely for their health.”
[ 36 ] Also, er ist sehr radikal. Vom Standpunkte der Geisteswissenschaft werden wir solche radikalen Dinge ganz gewiß nicht hinstellen; wir werden vielmehr die Menschen ihrer eigenen Freiheit überlassen, und wir wissen, daß, wenn sie Karma und Reinkarnation und das übrige, was Geisteswissenschaft gibt, verstehen, so werden sie sich im einzelnen im Leben zurechtfinden. Aber dieser Mann, der weiß, daß die Menschen sich in eine Sackgasse gebracht haben, sagt recht radikal er würde schon anders werden, wenn er Geisteswissenschaft aufnähme —, daß die Menschen nicht mehr Geld verdienen sollen, nicht mehr das Leben genießen sollen, nicht mehr ihrer Gesundheit leben sollen. Ich kam einstmals — das ist ein Fall aus tausenden — in ein Sanatorium, dem ein berühmter Mann vorstand; da waren Nervenkranke darinnen. Ich konnte ganze Scharen Nervenkranke einmal vorbeidefilieren sehen, als sie zum Mittagsmahl gingen. Mir kam vor, daß der allerkränkste, zappligste Nervenkranke — der berühmte Leiter des Krankenhauses selbst war! Aber nun, unser Mann, unser Theologe ist radikal, er sagt: Der Inhalt des Lebens muß ein anderer werden; es darf keiner mehr bloß seiner Gesundheit leben und so weiter. Aber nun die folgenden Zeilen: «Das heißt:» — sagt er, und damit geht es zum Schluß seines Vortrages — «es soll alles bisherige getan werden, es muß aber etwas anderes dabei gedacht werden.»
[ 36 ] Well, he is very radical. From the standpoint of spiritual science, we will certainly not advocate such radical ideas; rather, we will leave people to their own freedom, and we know that if they understand karma, reincarnation, and the rest of what spiritual science has to offer, they will find their way in the details of life. But this man, who knows that people have driven themselves into a dead end, says quite radically that he would change if he embraced spiritual science—that people should no longer earn money, no longer enjoy life, no longer live for their health. I once—and this is just one case among thousands—visited a sanatorium headed by a famous man; there were people with nervous disorders there. I could see whole groups of them parading past as they went to lunch. It struck me that the sickest, most restless of them all—was the famous director of the hospital himself! But now, our man, our theologian, is radical; he says: The content of life must change; no one should live solely for their health anymore, and so on. But now consider the following lines: “That is to say:” — he says, and with that he comes to the end of his lecture — “everything that has been done so far should continue to be done, but something else must be kept in mind.”
[ 37 ] Das ist Lebensreform! Denken Sie einmal, das ist Lebensreform eines Menschen, der so tief hineinschaut in dasjenige, was notwendig ist: Alles muß anders werden, das heißt, es soll nichts anders werden, aber über alles soll nur anders gedacht werden: «Das Innerste, das Ziel, den höchsten Wert dürfen diese Dinge nicht darstellen. Erstrebt werden müssen sie mit derselben Energie, bewertet werden» — das heißt: gedacht werden — «müssen sie nach einer anderen Skala als bisher.»
[ 37 ] That is life reform! Just think about it: this is the life reform of a person who looks so deeply into what is necessary: Everything must change—that is to say, nothing should actually change, but everything should simply be thought of differently: “These things must not represent the innermost essence, the goal, or the highest value. They must be pursued with the same energy, and they must be evaluated”—that is, conceived of—“according to a different scale than before.”
[ 38 ] Nun, zu diesen Dingen braucht man nichts hinzuzufügen! Es ist schon notwendig, daß man auf diese Dinge das Augenmerk lenkt; denn sie sind nicht bei einem einzelnen Menschen zu finden, sie sind heute in der ganzen Kulturwelt zu finden. Und dasjenige, was die Menschen in ihrem Schicksale erleben, das rührt von nichts anderem her als von dieser Mangelhaftigkeit im Denken und Empfinden; das ist das Karma dieser Mangelhaftigkeit des Denkens und Empfindens! Darauf muß man zunächst den Sinn richten, und muß mindestens als Geisteswissenschafter die Möglichkeit finden, nicht hinzuhören auf dasjenige, was heute die Welt durchsaust und durchbraust, und was als «höchste Werte» aus anderen Impulsen heraus anerkannt wird; sondern man muß wirklich in dieser Beziehung, ohne daß man sich benebeln läßt durch allerlei andere Gefühle, die heute die Welt regieren und unter deren Einfluß heute so viel gelogen wird, man muß auf diese Hauptsachen hinschauen können; denn diese Dinge haben ihren Einfluß. Wir leben in einer solchen Sphäre — ich habe es schon in Zürich gesagt —, daß dieser Mann, der solches Zeug an die Menschen überliefert, so daß, indem sie ihm zuhören, diese Gedankenbestien sich in die Herzen, in die Gemüter hineinbegeben, sagen darf: «Der Inhalt dieses Büchleins besteht aus 12 Reden, die ich im letzten Winter in ...» — jetzt kommt die Stadt, die ich nicht nennen will — «vor einer mehr als tausendköpfigen Zuhörerschaft gehalten habe.»
[ 38 ] Well, there’s nothing more to be said about these things! It is indeed necessary to draw attention to these matters; for they are not to be found in any single individual, but are present throughout the entire civilized world today. And what people experience in their destinies stems from nothing other than this deficiency in thinking and feeling; that is the karma of this deficiency in thinking and feeling! One must first direct one’s attention to this, and—at the very least as a scholar of the spiritual sciences—find the ability to turn a deaf ear to what is currently sweeping and raging through the world, and to what is recognized as “highest values” based on other impulses; but one must truly, in this regard—without allowing oneself to be clouded by all manner of other feelings that govern the world today and under whose influence so much lying takes place—be able to look at these fundamental matters; for these things exert their influence. We live in such a sphere—as I have already said in Zurich—that this man, who imparts such material to people so that, as they listen to him, these monsters of thought enter their hearts and minds, can say: “The contents of this little book consist of 12 speeches that I delivered last winter in …” —now comes the city, which I do not wish to name—“before an audience of more than a thousand people.”
[ 39 ] Aber — die Stadt ist ganz gleichgültig — das geht jetzt eben in Tausende! Das muß durchschaut werden. Und es ist schon notwendig, daß man den ganzen Ernst und die ganze Bedeutung einer solchen Betrachtung wirklich sich vor die Seele legt.
[ 39 ] But—the city is completely indifferent—there are thousands of them now! We must see through this. And it is indeed necessary to truly take to heart the full gravity and significance of such a consideration.
[ 40 ] Und nachdem wir vieles herausgeholt haben aus der geistigen Welt, müssen wir erkennen, was dieses aus der geistigen Welt Herausgeholte uns sein muß; dadurch auch erkennen, daß wir gewissermaßen in das Gegenbild derjenigen Weltanschauung hinüberblicken, die heute viel mehr herrschend ist in den Menschen, als wir glauben. Man lebt ja leider heute viel zu gedankenlos! Das ist das so Seelenbeschwerende: Hinschauen zu müssen auf den so weit in der Welt herum — verzeihen Sie, daß das gesagt werden muß, aber wir müssen das klar erkennen — verbreiteten Stumpfsinn, auf die Stumpfheit, in der die Menschheit lebt gegenüber dem, was wirkt und leitet in dem Entwickelungsgange der Menschheit. Wir müssen die nötigen Empfindungsnuancen für die Art von Wahrheit, die in der Geisteswissenschaft steckt, auch dadurch erhalten, daß wir aus der Betrachtung des Gegenbildes diese Empfindungsnuance uns geben lassen. Dasjenige, worauf es ankommt, wird daher nicht bloß sein, daß man nach allerlei schönen Worten sucht, die gut klingen wie von hohen Idealen, die vor die Menschheit hingestellt werden sollen; sondern daß man vor allen Dingen das anerkennt, was die besten unserer Zeitgenossen nicht anerkennen können: daß die geistige Welt es ist, die erschlossen werden muß. Es hat seine guten Gründe — und warum dies so ist, kann nicht ausgeführt werden hier, weil es zu lang sein würde —, es hat seine guten Gründe, daß durch Jahrhunderte hindurch sich die Menschheit gesträubt hat, das Christentum im spirituellen Sinne zu verstehen. In den ersten Jahrhunderten des Christentums gab es eine Gnosis. Sie wissen alle: eine Wiederaufwärmung der Gnosis ist unsere Geisteswissenschaft nicht, aber die Gnosis machte dazumal erst die Anstrengung, um zu einer Geisteswissenschaft zu kommen; sie ist zurückgedrängt worden, denn man wollte nicht im geistigen Licht die christlichen Wahrheiten sehen; dieselbe Tendenz hat sich dann fortgesetzt, sie ist auch im naturwissenschaftlichen Streben eingezogen. Die Menschheit hat auch dadurch einiges gelernt, daß sie die Verständnismöglichkeit gegenüber dem Geistigen durch Jahrhunderte bekämpft hat. Aber nunmehr ist der Zeitabschnitt eingetreten, in welchem zwar denjenigen, die ganz in unserer Gegenwartskultur — die doch Materialismus ist, wenn man es auch nicht zugibt — drinnenstehen, die Anerkennung einer wirklichen geistigen Welt am schwersten wird; also nicht bloß eines verschwommenen Redens von der geistigen Welt, sondern einer anschauenden Erkenntnis von einer geistigen Welt. Wir müssen uns aber klarmachen, daß die Anerkennung dieser geistigen Welt zum Wichtigsten gehört und daß erst dann das übrige kommen kann, dasjenige, was als eine neue Begründung der ethischen, der sozialen, auch der sonstigen praktischen Lebensordnung kommen muß, wenn man durch die Geisteswissenschaft, durch die Anerkennung wirklicher geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten Grundlagen schafft.
[ 40 ] And now that we have drawn much from the spiritual world, we must recognize what this material drawn from the spiritual world is meant to be for us; through this, we must also recognize that we are, in a sense, looking into the antithesis of that worldview which is far more prevalent among people today than we realize. Unfortunately, people today live far too thoughtlessly! That is what weighs so heavily on the soul: having to look upon the dullness so widespread throughout the world—forgive me for having to say this, but we must recognize it clearly—the dullness in which humanity lives in relation to what acts and guides the course of human development. We must also acquire the necessary nuances of feeling for the kind of truth contained in spiritual science by allowing ourselves to be imbued with these nuances through the contemplation of the opposite image. What matters, therefore, will not merely be seeking all sorts of fine words that sound good—as if they were lofty ideals to be held up before humanity—but, above all, recognizing what even the best of our contemporaries cannot recognize: that it is the spiritual world that must be opened up. There are good reasons—and why this is so cannot be explained here, as it would take too long—there are good reasons why, over the centuries, humanity has resisted understanding Christianity in a spiritual sense. In the early centuries of Christianity, there was Gnosticism. As you all know, our spiritual science is not a revival of Gnosticism, but Gnosticism was, at that time, the first to make the effort to arrive at a spiritual science; it was suppressed because people did not want to see Christian truths in the light of the spirit; this same tendency then continued and also found its way into scientific endeavors. Humanity has also learned a great deal from having fought against the possibility of understanding the spiritual realm for centuries. But now we have entered a period in which it is indeed most difficult for those who are fully immersed in our contemporary culture—which is, after all, materialistic, even if people do not admit it—to acknowledge the existence of a real spiritual world; that is, not merely vague talk of a spiritual world, but a direct, intuitive knowledge of a spiritual world. We must, however, realize that the recognition of this spiritual world is of the utmost importance, and that only then can the rest follow—that which must emerge as a new foundation for the ethical, social, and other practical aspects of life—when foundations are laid through spiritual science, through the recognition of real spiritual facts and spiritual beings.
[ 41 ] Es war mir eine große Befriedigung, daß wir auch hier in St. Gallen wiederum einmal zusammensein konnten nach längerer Zeit, und ich habe es deshalb gerade am heutigen Tage als meine Aufgabe betrachtet, hinzuzufügen zu dem, was Sie aus unserer Literatur sich aneignen können, einiges von dem, was vielleicht gerade persönlich, von Seele zu Seele, innerhalb unserer Bewegung gesprochen werden muß, damit es im richtigen Sinne verstanden werde. Denn innerhalb unserer Bewegung kommt es nicht bloß darauf an, daß wir in katechismusartiger Weise aufnehmen dies oder jenes aus der Geisteswissenschaft, sondern es kommt darauf an, daß wir das rechte Verhältnis unserer Seele zu den Erkenntnissen aus der geistigen Welt finden. Dann wird Geisteswissenschaft uns nicht bloß eine Wissenschaft sein, dann wird sie uns wahrhaftig ein Lebensweg sein, dann wird sie uns Seelennahrung sein, aber solche Seelennahrung, die uns nicht die geistige Gesundheit und geistige Frische untergräbt, sondern diese im Gegenteil in derjenigen Weise anregt, daß wir uns doch, trotz aller Widerstände der äußeren Welt, deren Natur wir heute zum Teil gesucht haben, in harmonischer Weise in die Welt hineinstellen. Wie man seelisch sich zu Geisteswissenschaft verhalten sollte, davon wollte ich Ihnen heute sprechen. Und wenn es nötig war, Ihnen Zeiterscheinungen, die in solcher Weise vielleicht nur durch die Geisteswissenschaft beleuchtet werden können, vorzuführen, so war das aus dem Grunde, weil nur eine klare, deutliche Einsicht in den Gang der Welt, in der wir leben, uns auch als Bekenner der anthroposophischen Weltanschauung die innere richtige Haltung, Harmonie eben finden lassen kann. Und aus dieser inneren Harmonie wird auch eine Harmonie unseres Lebens hervorgehen. Und daß diese Harmonie unseres Lebens durch Geisteswissenschaft immer mehr und mehr bewirkt werde, das ist ja unser geisteswissenschaftliches Ideal. Im Sinne dieses Ideales wollte ich Ihnen heute einen kleinen Beitrag geben.
[ 41 ] It gave me great satisfaction that we were once again able to gather here in St. Gallen after such a long time, and I therefore considered it my duty today to add to what you can glean from our literature some of what perhaps needs to be spoken personally, from soul to soul, within our movement, so that it may be understood in the right sense. For within our movement, it is not merely a matter of absorbing this or that from spiritual science in a catechism-like manner; rather, it is a matter of finding the right relationship between our soul and the insights from the spiritual world. Then spiritual science will not merely be a science to us; then it will truly be a way of life for us; then it will be nourishment for our souls, but such nourishment for the soul that does not undermine our spiritual health and vitality, but rather stimulates them in such a way that, despite all the resistance of the outer world—the nature of which we have sought to explore in part today—we can still place ourselves harmoniously within the world. I wanted to speak to you today about how one should relate to spiritual science in a spiritual sense. And if it was necessary to present to you contemporary phenomena that can perhaps only be illuminated in this way through spiritual science, it was for the reason that only a clear, distinct insight into the course of the world in which we live can enable us—as adherents of the anthroposophical worldview—to find the correct inner attitude, that is, harmony. And from this inner harmony, a harmony in our lives will also emerge. And the fact that this harmony in our lives is brought about more and more through spiritual science—that is, after all, our spiritual-scientific ideal. In the spirit of this ideal, I wanted to offer you a small contribution today.
