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The Connection Between
the Living and the Dead
GA 168

24 October 1916, Zurich

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The Connection Between the Living and the Dead, tr. SOL
  1. Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten

5. Karmische Wirkungen

5. Karmic Effects

[ 1 ] Dasjenige, was Geisteswissenschaft über das Leben, über die Beschaffenheit der geistigen Welten zu sagen hat, wird gewonnen durch Erkenntnis der objektiven Tatsachen, in welche die entsprechenden Fähigkeiten den Menschen hineinführen können. Das ist uns ja alles bekannt. Es kann sich also, wenn es sich darum handelt, Geisteswissenschaft als solche zu begründen oder zu verteidigen gegenüber der heutigen Umwelt, niemals darum handeln, diese Verteidigungen auf etwas anderes zu stützen als darauf, daß man hinweist, wie der Mensch durch die Entwickelung gewisser Fähigkeiten zur Einsicht in die geistigen Welten kommt, und daß man dann auseinandersetzt, wie für diese Fähigkeiten eine entsprechende Gestaltung der Lebensverhältnisse der geistigen Welten sich ergibt. Den Tatsachen gegenüber, die auf diese Weise zutage treten — es ist manches fast eine Selbstverständlichkeit, allein es ist gut, wenn man darauf hinweist —, kann niemals, ebensowenig wie gegenüber den Tatsachen der physischen Welt, die mit den Sinnen beobachtet werden, ein Einwand von der Seite der menschlichen Wünsche, des menschlichen Begehrens her gemacht werden. Trotzdem dies selbstverständlich ist, hört man oftmals Einwände gegen gewisse Aussagen der Geisteswissenschaft, die gerade von dem menschlichen Wünschen, dem menschlichen Begehren herkommen, etwa von der Art, daß gesagt wird: Wenn Geisteswissenschaft dies oder jenes zu sagen hat über die geistigen Welten, dann wünsche ich nicht mit dieser Geisteswissenschaft bekannt zu werden, denn wenn es in diesen geistigen Welten so wäre, so könnte ich mich niemals mit einer solchen Gestaltung der geistigen Welten befreunden. — So absurd im Grunde genommen solch ein Einwand ist, er kommt vor. Aber er kommt nicht nur in dieser leicht durchschaubaren, absurden Form vor, sondern er kommt, ich möchte sagen maskiert in allerlei ablehnenden Haltungen vor, die der Geisteswissenschaft gegenüber eingenommen werden. Wenn also auch niemals irgendeine Erkenntnis der Geisteswissenschaft darauf gestützt werden könnte, die Welt habe nur einen Sinn, wenn es so und so in der geistigen Welt aussähe — man kann ja doch wissen, wie es wirklich in der geistigen Welt aussieht —, wenn man also von solchen Voraussetzungen aus niemals etwas sagen kann über die Beschaffenheit geistiger Welten, sondern eben nur auf Grundlage wirklicher Erkenntnis, so kann umgekehrt doch darauf hingewiesen werden, was die Geisteswissenschaft, wenn sie mit ihren Ergebnissen eben einmal da ist, für das Leben des Menschen bedeuten kann.

[ 1 ] What spiritual science has to say about life and the nature of the spiritual worlds is derived from an understanding of the objective facts to which the corresponding faculties can lead human beings. We are, of course, all familiar with this. Therefore, when it comes to justifying or defending spiritual science as such in the face of today’s environment, it can never be a matter of basing these defenses on anything other than pointing out how human beings, through the development of certain faculties, gain insight into the spiritual worlds, and then explaining how a corresponding structure of the living conditions in the spiritual worlds arises for these faculties. In the face of the facts that come to light in this way—some of which are almost self-evident, though it is good to point them out—no objection can ever be raised from the perspective of human desires or human cravings, just as is the case with the facts of the physical world observed through the senses. Although this is self-evident, one often hears objections to certain statements of spiritual science that stem precisely from human wishes and human desires, such as when it is said: “If spiritual science has this or that to say about the spiritual worlds, then I do not wish to become acquainted with this spiritual science, for if things were like that in these spiritual worlds, I could never come to terms with such a conception of the spiritual worlds.” — As absurd as such an objection is, fundamentally speaking, it does occur. But it does not occur only in this easily transparent, absurd form; rather, it appears—I would say—masked in all manner of dismissive attitudes adopted toward spiritual science. So even if no insight from spiritual science could ever be based on the assumption that the world has meaning only if the spiritual world were like this or that — after all, one can know what the spiritual world is really like —; in other words, since one can never say anything about the nature of spiritual worlds based on such assumptions, but only on the basis of genuine knowledge, it can nevertheless be pointed out, conversely, what spiritual science—once its findings are established—can mean for human life.

[ 2 ] Ich habe vor vierzehn Tagen hier auf einem gewissen Gebiete gezeigt, was geisteswissenschaftliche Gesinnung gerade in unserem Zeitalter gegenüber den großen Forderungen des Zeitalters für die Entwikkelung der Menschheit zu bedeuten hat. Ich möchte heute auf einige andere Punkte hinweisen, die in einigem tiefer eingehen werden auf dasjenige, was Geisteswissenschaft der Menschheit und insbesondere auch den Menschen der Gegenwart sein kann, die darauf tiefer eingehen werden. Und auf der anderen Seite möchte ich gerade, um eine Art von Gegenbild zu geben, hinweisen darauf, welche Widerstände aus der heutigen Geisteskultur heraus diese Geisteswissenschaft treffen können und gegen welche Widerstände man gewappnet sein muß. Die geistigen Fähigkeiten, welche den Geistesforscher dahin führen, in die Tatsachen der geistigen Welt hineinzusehen, sie entwickeln sich nach und nach in der oft beschriebenen Weise, und sie entwickeln sich so, daß man zunächst die großen Tatsachen des geistigen Lebens kennenlernt, desjenigen, was die Hauptsachen sind mit Bezug auf die Entwikkelung des Erdenlebens, mit Bezug auf die wiederholten Erdenleben, mit Bezug auf das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und so weiter. Dann aber ist es durchaus möglich, nicht nur zu sprechen über diese allgemeinen großen Gesichtspunkte, über diese im allgemeinen richtigen Wahrheiten, sondern es ist auch zu sprechen über gewisse spezielle Wahrheiten. Und wenn wir uns mit solchen speziellen Wahrheiten immer mehr und mehr bekanntmachen, so gewinnt Geisteswissenschaft auch immer mehr und mehr Wert für das einzelne konkrete menschliche Leben. Dieses menschliche Leben muß ja für die äußere Anschauung im physischen Leib zunächst ein Rätsel sein; denn wäre dieses menschliche Leben kein Rätsel, so würde der Mensch nicht einer solchen Entwickelung unterliegen, die ihn immer fähiger und fähiger macht; denn unsere Fähigkeiten, die sich insbesondere in bezug auch auf die Seele ergeben, die müssen herauskommen aus den Überwindungen, sie müssen uns erwachsen aus den Überwindungen; und auf geistigem Gebiete müssen sie uns erwachsen dadurch, daß die Welt zuerst uns rätselhaft entgegentritt, und in der Kraft, die wir verwenden auf die Auflösung des Rätsels. In dem Sinnen, das wir darauf verwenden, die Rätsel aufzulösen, stärken sich unsere Kräfte, werden wir immer fähiger und fähiger, werden wir wirklich auch innerhalb der Menschheitsentwickelung immer vollkommener und vollkommener. Niemand braucht irgendeine Sorge davor zu haben, daß das Leben an Interesse verlieren könne, wenn der Mensch die in der physischen Welt gegebenen Rätsel dadurch, daß er in die geistige Welt hineinschaut, zum Teil löst, denn auf allen Gebieten ergeben sich Lebensrätsel. Und beim Eintreten in die geistige Welt merkt man schon neue Lebensrätsel. Aber man gewinnt auch gerade aus den Erfahrungen, die man durch die Lösung gewisser Menschen- und Lebensrätsel macht von der geistigen Welt aus in bezug auf die physische, man gewinnt Vertrauen und Erfahrung dadurch, daß sich auch die tieferen, die erst in der geistigen Welt selber sich offenbarenden Menschen- und Welträtsel lösen werden.

[ 2 ] Fourteen days ago, I demonstrated here, in a certain context, what an attitude rooted in spiritual science means—especially in our age—in light of the great demands of our time for the development of humanity. Today I would like to draw attention to a few other points that will delve more deeply into what spiritual science can be for humanity—and especially for people of the present day—who will explore these matters in greater depth. And on the other hand, precisely to provide a kind of counterpoint, I would like to point out the kinds of resistance that spiritual science may encounter from today’s spiritual culture and the kinds of resistance against which one must be prepared. The spiritual faculties that lead the spiritual researcher to look into the realities of the spiritual world develop gradually in the manner often described, and they develop in such a way that one first becomes acquainted with the great facts of spiritual life—that is, the main aspects concerning the development of earthly life, repeated earthly lives, the life between death and a new birth, and so on. But then it becomes entirely possible not only to speak of these general, overarching perspectives—these truths that are generally correct—but also to speak of certain specific truths. And as we become increasingly familiar with such specific truths, spiritual science also gains ever greater significance for the individual, concrete human life. After all, this human life must initially be a mystery to the outer observer in the physical body; for if this human life were not a mystery, human beings would not undergo a process of development that makes them ever more capable; for our abilities—which arise particularly in relation to the soul—must emerge from the challenges we overcome; they must grow out of these challenges; and in the spiritual realm, they must grow within us through the fact that the world first presents itself to us as a mystery, and through the effort we expend in solving that mystery. As we devote our minds to solving these mysteries, our powers are strengthened; we become more and more capable; and we truly become more and more perfect within the course of human evolution. No one need worry that life might lose its interest if, by looking into the spiritual world, a person partially solves the mysteries presented in the physical world, for mysteries of life arise in all areas. And upon entering the spiritual world, one already encounters new mysteries of life. But it is precisely from the experiences gained by solving certain human and life mysteries from the spiritual world’s perspective in relation to the physical world that one gains confidence and experience—the confidence that even the deeper mysteries of humanity and the world, which reveal themselves only within the spiritual world itself, will also be solved.

[ 3 ] Insbesondere ein Rätsel ist ja dasjenige, was der Mensch zwischen Geburt und Tod erlebt als Schicksal. In dieses Wort drängt sich vieles, sehr vieles hinein. Nun haben wir gestern im öffentlichen Vortrage andeuten können, wie die Schicksalsfrage durch die wiederholten Erdenleben in gewisser Beziehung eine Auflösung erlangt. Das sind allgemeine Gesichtspunkte. Aber man kann auch auf konkrete Verhältnisse hinweisen. Nehmen wir zum Beispiel an, jemand verliert im Leben einen teuren Angehörigen. Der Angehörige, sagen wir, stirbt verhältnismäßig früh, so daß derjenige, der zurückbleibt, noch ein längeres Erdenleben zu durchlaufen hat ohne diesen Angehörigen. Wir sehen, indem wir einen solchen Gedanken in uns anregen, sogleich etwas vor unser geistiges Auge treten, was Schicksalsfrage sein muß für viele Menschen. Nun handelt es sich darum, daß Geisteswissenschaft wirklich in eine solche Schicksalsfrage hineinleuchten kann. Gewiß, jeder Fall ist im Grunde genommen anders. Aber gerade dadurch, daß man einzelne Fälle geisteswissenschaftlich studiert, ergibt sich ein gewisser Einblick in den geheimnisvollen Verlauf des menschlichen Lebens. Man kann da zum Beispiel die Erfahrung machen: Ein Mensch ist in früheren Jahren gestorben, seinen Angehörigen entrissen worden. Nun, ich habe gestern gesagt: Es entwickeln sich, indem Menschen hier durch ihre physischen Leiber miteinander in Beziehungen treten, Verhältnisse zwischen diesen Menschen, die weit umfassender sind als dasjenige, was sich durch die physischen Leiber ausleben läßt. Ein viel weiterer Kreis von Zusammengehörigkeiten entwickelt sich, wenn man zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre zusammenlebt, ein viel weiterer Kreis von Kräften zwischen den beiden Menschen, als in diesen Jahren innerhalb der physischen Welt ausgelebt werden kann. Da sieht man dann oftmals, wenn man den geisteswissenschaftlichen Blick auf solche Verhältnisse lenkt, daß dasjenige, was sich da anknüpft, ein solches ist, daß es durch seine innere Natur verlangt die Fortsetzungen, die sich ergeben durch den Verlust sowohl für den übrigbleibenden Teil hier in der physischen Welt, wie für den Teil, der durch die Pforte des Todes hinübergegangen ist in die andere, in die geistige Welt. Derjenige, der hier zurückgeblieben ist, hat den Verlust zu tragen. Er hat, wenn wir es abstrakt ausdrükken, ein teures Menschenwesen aus dem physischen Gesichtskreise verloren in der Zeit, in der er nicht erwartete, es zu verlieren. Es sind ihm vielleicht Hoffnungen für das spätere Zusammenleben hier in der physischen Welt dadurch zerrissen worden, es sind Voraussetzungen für das Leben abgeschnitten worden. Die gehören alle zu den Lebenserfahrungen, die gehören aber auch alle zu dem hinzu, was gewissermaßen sich anfügt den Erlebnissen, die man im physischen Leibe miteinander gemacht hat. Daß sich Trauer, Schmerz anreiht an dasjenige, was man zusammen im physischen Leibe erlebt hat, das wirkt verändernd auf die Beziehungen, die sich nur im physischen Leibe haben anknüpfen können. Denn geradeso wie dasjenige, was wir täglich aneinander erleben, wenn wir in physischen Leibern einander gegenüberstehen, nunmehr in die karmische Linie, in die fortschreitende Entwickelungsströmung sich hineinergießt, so summiert sich hinzu zu dem, was man so täglich erlebt, dasjenige, was man unter dem Eindruck des Verlustes erlebt. Alle die Empfindungen, alle die Gefühle, die man da erlebt, die fügen sich den Erfahrungen an, die man im Leben im physischen Leibe gemacht hat. Das ist gesehen von dem Gesichtspunkte desjenigen, der da zurückbleibt in der physischen Welt.

[ 3 ] In particular, what a person experiences as fate between birth and death is indeed a mystery. A great deal—a very great deal—is contained within this word. Yesterday, in our public lecture, we were able to hint at how the question of destiny is, in a certain sense, resolved through repeated earthly lives. These are general points of view. But one can also point to specific circumstances. Let us suppose, for example, that someone loses a dear relative during their lifetime. The relative, let us say, dies relatively early, so that the one left behind still has a long earthly life to live without this relative. As we give such a thought free rein within ourselves, we immediately see something appear before our inner eye that must be a question of destiny for many people. The point is that spiritual science can truly shed light on such a question of destiny. Certainly, every case is fundamentally different. But precisely by studying individual cases from a spiritual scientific perspective, a certain insight into the mysterious course of human life emerges. One can, for example, make the following observation: A person has died in earlier years, torn away from their loved ones. Well, I said yesterday: As people enter into relationships with one another here through their physical bodies, relationships develop between them that are far more comprehensive than what can be lived out through the physical bodies. A much broader circle of interconnectedness develops when two people live together for ten, twenty, thirty, or forty years—a much broader circle of forces between them than can be lived out within the physical world during those years. When one applies a spiritual-scientific perspective to such relationships, one often sees that what is formed there is of such a nature that, by its very essence, it demands a continuation—a continuation that arises from the loss experienced both by the part remaining here in the physical world and by the part that has passed through the gate of death into the other, the spiritual world. The one who has remained behind must bear this loss. To put it in abstract terms, they have lost a dear human being from their physical sphere of vision at a time when they did not expect to lose them. Perhaps hopes for a future life together here in the physical world have been shattered as a result; the foundations for life have been cut off. These all belong to life’s experiences, but they also all form part of what, so to speak, is added to the experiences one shared with one another while in physical bodies. The fact that grief and pain follow on from what one experienced together in physical bodies has a transformative effect on the relationships that could only have been forged while in physical bodies. For just as what we experience with one another daily—when we face one another in physical bodies—now flows into the karmic line, into the ongoing stream of development, so too does what one experiences under the impression of loss add to what one experiences on a daily basis. All the sensations, all the feelings experienced in that moment are added to the experiences one has had during life in the physical body. This is seen from the perspective of the one who remains behind in the physical world.

[ 4 ] Der Gesichtspunkt desjenigen, der hinübergegangen ist in die geistige Welt, ist ein etwas anderer. Derjenige, der hinübergegangen ist in die geistige Welt, ist deshalb nicht weniger mit demjenigen zusammen, den er verlassen hat. Ja, derjenige, der wirklich die geistigen Welten zu untersuchen vermag auf solche konkrete Fälle hin, dem wird es klar, daß von seiten desjenigen, der drüben ist, das bewußte Zusammensein mit Seelen, die hier zurückgeblieben sind, ein intensiveres, ein innigeres ist, als es hat sein können im physischen Leibe. Aber man merkt sehr häufig, daß dieses jetzt innigere Verhältnis dazugehört, um den Kreis von Wechselverhältnissen, der sich hier in der physischen Welt gebildet hat, in der rechten Weise zu ergänzen. Man macht da nämlich bei wirklicher positiver Untersuchung oftmals die folgende Entdekkung: Man sieht, Menschen haben sich zusammengefunden hier im physischen Leben; dadurch hat sich unter der Schwelle des Bewußtseins ein gewisser Kreis von Zusammengehörigkeitsinteressen gebildet. Wären nun die Menschen hier längere Zeit in der physischen Welt noch zusammen gewesen, so hätte die Beziehung, die sich da ergeben hat auf Grundlage des Karma aus früheren Leben, durch die Verhältnisse dieses Lebens sich nicht intensiv genug vertiefen können. Derjenige, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, kann oftmals während der Zeit, während Seelen, die ihm nahegestanden haben, noch auf der Erde weilen, dadurch, daß er nun mit den Gedanken dieser Seelen zusammen ist, die Gedanken dieser Seelen durchdringt, durchströmt, jene notwendige, nach dem Karma notwendige Vertiefung herbeiführen, die er durch die Verhältnisse, die das Leben sonst gebracht hätte, nicht hätte herbeiführen können, wenn er nicht durch die Pforte des Todes gegangen wäre. So gehört es durchaus zu einer richtigen Erfüllung des Karma oftmals dazu, daß auf der einen Seite der Schmerz hier ertragen wird und auf der anderen Seite das intensivere Zusammensein mit den Gedanken der Zurückgebliebenen hier.

[ 4 ] The perspective of the one who has passed into the spiritual world is somewhat different. The one who has passed into the spiritual world is therefore no less united with the one they have left behind. Indeed, anyone who is truly able to examine the spiritual worlds for such specific cases will realize that, from the perspective of the one who is on the other side, the conscious communion with souls who have remained here is more intense and more intimate than it could ever have been while in the physical body. But one very often notices that this now more intimate relationship is necessary to properly complement the circle of interrelationships that has formed here in the physical world. Indeed, upon genuine, positive investigation, one often makes the following discovery: One sees that people have come together here in physical life; as a result, a certain circle of shared interests has formed beneath the threshold of consciousness. Had these people remained together here in the physical world for a longer time, the relationship that had arisen on the basis of karma from earlier lives would not have been able to deepen sufficiently through the circumstances of this life. The one who has passed through the gate of death can often, during the time when souls who were close to him are still on Earth, by being united in thought with these souls—penetrating and flowing through their thoughts—bring about that necessary deepening required by karma, which he could not have achieved through the circumstances that life would otherwise have brought, had he not passed through the gate of death. Thus, a true fulfillment of karma often involves, on the one hand, enduring the pain here and, on the other hand, a more intense communion with the thoughts of those left behind here.

[ 5 ] Und ein weiteres ergibt sich, wenn man nunmehr gewissermaßen den Nachkommenden, den später durch die Pforte des Todes Gegangenen verfolgt in seinem Verhältnis, in das er nun eintritt, zu dem früher Gestorbenen. Da bemerkt man, daß vieles sich anders einrichtet, je nachdem der Zeitunterschied ist zwischen den beiden Toten. Es ist nicht dasselbe, ob wir, wenn wir in die geistige Welt eintreten, dort einen Menschen finden, der mit uns zugleich gestorben ist, um diesen extremen Fall anzunehmen, oder der fünfzehn Jahre früher gestorben ist. Dadurch, daß der Betreffende eine gewisse Zeit in der geistigen Welt durchgemacht hat, daß er die Erlebnisse, die er da durchgemacht hat, nunmehr in seiner Seele, die wir antreffen, hat, dadurch wirkt er in anderer Weise auf uns, und dadurch wird in entsprechender Weise das karmische Band geknüpft, das durch andere Voraussetzungen nicht in derselben Weise geknüpft werden könnte. Wir müssen alles dasjenige, was wir in dieser Art mit dem uns Nahestehenden erleben, durchaus als in dem karmischen Verhältnisse begründet ansehen. Und wenn auch das ist schon öfter von mir gesagt worden — es Trauer und Schmerz nicht lindern kann, wenn man weiß, wie alles zusammengehört, was geschieht, wie alles zusammenwirkt, was geschieht, so muß doch gesagt werden, daß, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, das Leben so überschaut erst seinen rechten Sinn bekommt. Denn es handelt sich darum, daß wir in einem Menschenleben, das wir durchleben zwischen dem Tod und der Geburt, all die Verhältnisse, in die wir hineingestellt sind, so entfalten, daß nicht nur dieses eine Leben zu seinem Rechte kommt, sondern daß gewissermaßen die Beiträge alle zu ihrem Rechte kommen, die wir zu leisten haben durch die folgenden Erdenleben für diese Erdenentwickelung. Dasjenige, was angefangen wird durch einen schmerzlichen Verlust eines Angehörigen oder eines Freundes oder eines sonst Nahestehenden, das zeigt sich in seiner Fortwirkung in dem nächsten Erdenleben. Und in einer gewissen Beziehung sind alle diese Wirkungen schon in ihren Ursachen drinnen enthalten. Kein Verlust tritt ein in das Menschenleben, der nicht in entsprechender Weise richtig uns hineinstellte in die Aufeinanderfolge der Erdenleben. Daraus wird uns im einzelnen Falle vielleicht nicht Schmerzlinderung erfließen, aber es wird uns möglich sein von diesem Gesichtspunkte aus, dem Leben Verständnis abzugewinnen.

[ 5 ] And another point becomes apparent when one, so to speak, follows the one who came later—the one who passed through the gate of death later—in the relationship he now enters into with the one who died earlier. There one notices that many things take a different course, depending on the time difference between the two deceased. It is not the same whether, when we enter the spiritual world, we find there a person who died at the same time as we did—to take this extreme case—or who died fifteen years earlier. Because the person in question has spent a certain amount of time in the spiritual world, and because the experiences they have undergone there are now present in their soul—which we encounter—they affect us in a different way; and through this, the karmic bond is formed in a corresponding manner, a bond that could not be formed in the same way under different circumstances. We must regard everything we experience in this way with those closest to us as being firmly rooted in karmic relationships. And even though I have said this many times before—knowing how everything that happens is interconnected and how everything that happens interacts cannot alleviate grief and pain—it must still be said that, from a certain point of view, life only acquires its true meaning when viewed in this way. For the point is that, in a human life—which we live between death and birth—we must unfold all the circumstances into which we are placed in such a way that not only does this one life come into its own, but also, in a sense, all the contributions we are to make through our subsequent earthly lives for the sake of this earthly evolution come into their own. That which is set in motion by the painful loss of a relative, a friend, or someone else close to us manifests its continuing effect in the next earthly life. And in a certain sense, all these effects are already contained within their causes. No loss occurs in human life that is not correctly placed within the sequence of earthly lives in an appropriate manner. This may not bring us relief from pain in the specific instance, but it will enable us to gain an understanding of life from this perspective.

[ 6 ] Indem wir über solche Dinge reden, können wir gerade durch die Betrachtung konkreter Fälle manches lernen. Ein weiterer konkreter Fall, den ich anführen möchte, ist der, der sich ergibt, wenn das Leben eines Menschen durch einen Unglücksfall abgeschlossen wird. Man kann von vornherein einen großen Unterschied vermuten zwischen dem Falle, daß das Leben abgeschlossen wird dadurch, daß der Mensch von einem Eisenbahnzug überfahren wird oder daß er sonst auf gewaltsame Weise von außen den Tod findet, und dem anderen, daß sich das Leben vollendet im hohen Alter, oder daß es durch Krankheit ein Ende nimmt. Man kann weiter die Vermutung haben, daß ein Unterschied sein muß zwischen einem früh durch Krankheit geschlossenen Leben, oder einem im hohen Alter geschlossenen Leben.

[ 6 ] By discussing such matters, we can learn a great deal precisely by examining specific cases. Another specific case I would like to mention is the one that arises when a person’s life is cut short by an accident. One might assume from the outset that there is a great difference between a life that ends when a person is struck by a train or otherwise meets a violent death caused by external forces, and a life that comes to an end in old age or due to illness. One might further assume that there must be a difference between a life cut short by illness and a life that ends in old age.

[ 7 ] Nun liegt ja natürlich auch für diese Fälle jede Einzelheit anders, aber man kann auch darüber gewisse Anhaltspunkte bekommen. Vor allen Dingen fragen wir uns: Was ist ein gewaltsamer Tod’? Diese Frage kann nur beantwortet werden, wenn man den Tod nicht von hier aus, von dem physischen Erdenleben aus anschaut, sondern wenn man ihn ansieht von der anderen Seite aus, von der ihn anschaut derjenige, der durch die Pforte des Todes geschritten ist. Ich habe es in Vorträgen, die ja auch schon gedruckt sind, erwähnt, daß der Tod von der anderen Seite angesehen, von der Seite der Welt, in welche der Tote eintritt durch die Pforte des Todes, das bedeutsamste Ereignis ist, das dem entkörperten, dem gestorbenen Menschen darstellt, wie das Leben immerfort siegt. Der unmittelbare Anblick des Todes von der anderen Seite, der ein erhabener, ein grandioser ist, der immer bleibt, der bedeutet aber auch, daß in uns zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ein festes Ich-Bewußtsein ist. Wie uns hier unser Gedächtnis, das uns bis zu einem gewissen Punkte im physischen Leben zurückführt, das Ich-Bewußtsein gibt, so gibt uns der Anblick des Todes von der anderen, von der geistigen Seite das Ich-Bewußtsein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 7 ] Of course, every detail is different in these cases as well, but one can still gain certain insights from them. Above all, we ask ourselves: What is a ‘violent death’? This question can only be answered if one views death not from here—from the perspective of physical life on Earth—but from the other side, from the perspective of one who has passed through the gate of death. I have mentioned in lectures—which have already been published—that when viewed from the other side, from the world into which the deceased enters through the gate of death, death is the most significant event that reveals to the disembodied, deceased person how life triumphs forever. The direct vision of death from the other side—which is a sublime, magnificent sight that remains forever—also signifies that within us, between death and a new birth, there is a firm sense of self. Just as our memory—which takes us back to a certain point in our physical life—gives us a sense of self here, so too does the sight of death from the other, spiritual side give us a sense of self between death and a new birth.

[ 8 ] Nun, wie ist es, wenn der Anblick dieses Todes so herbeigeführt wird, daß ein gewaltsames Lebensende den Tod herbeigeführt hat? Ein gewaltsames Lebensende ist, von der anderen Seite angesehen, eine Erfahrung, eine Wahrnehmung weittragendster Art, und so sonderbar es klingt, untersucht man diese Dinge, so stellt sich das Folgende heraus: Die Zeitverhältnisse in ihrer Wirkung auf die Erlebnisse der Seele sind ganz anders in den geistigen Welten, die wir betreten durch die Pforte des Todes, als sie hier sind, obwohl uns manche Verhältnisse hier schon erinnern an dasjenige, was in einer viel umfassenderen Weise drüben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt auftritt.

[ 8 ] Well, what is it like when the experience of this death is brought about in such a way that a violent end to life has caused death? A violent end to life is, viewed from the other side, an experience, a perception of the most far-reaching kind, and as strange as it may sound, when one examines these things, the following becomes apparent: The temporal conditions, in their effect on the soul’s experiences, are quite different in the spiritual worlds we enter through the gate of death than they are here, although some conditions here already remind us of what occurs in a much more comprehensive way over there, between death and a new birth.

[ 9 ] Wenn ich dasjenige ausführen will, auf das es jetzt ankommt, so möchte ich zu einem Vergleiche greifen, der sich erst dann ergibt, wenn man die entsprechenden Tatsachen aus der geistigen Welt kennt. Sie wissen vielleicht, daß wir hier im physischen Leben oftmals Erfahrungen machen können in kurzer Zeit, vielleicht im Verlaufe eines Tages oder weniger Stunden, die uns weit mehr bedeuten, als uns sonst die Erfahrungen einer langen Zeit, von Monaten, vielleicht von Jahren bedeuten können. Wie mancher wird sich aus seinem eigenen Leben erinnern an ein wichtiges Ereignis, das er durchgemacht hat in ganz kurzer Zeit hier in der physischen Welt, das ihm an Resultaten inneren Erlebens mehr zugeführt hat, als sonst Monate oder Jahre. Die Menschen drücken das oftmals so aus, daß sie sagen: Dasjenige, was ich da erlebt habe, das werde ich niemals vergessen. — Hinter dieser einfachen Redensart verbirgt sich sehr häufig dasjenige, was ich eben charakterisiert habe. Nun ist es wirklich wahr, daß der Eindruck, den der Mensch dadurch empfängt, daß ihm eine äußere Welt, eine Welt, die nicht zu ihm gehört, den physischen Leib wegnimmt, in verhältnismäRig ganz kurzer Zeit, es kann sogar ein einziger Augenblick sein, dasjenige zusammendrängt für das Leben zwischen dem Tod und einer Geburt, was so reich sein kann wie dasjenige, das wir gewinnen im langsamen Erdenleben, das wir vielleicht noch durchgemacht hätten durch Jahrzehnte. Ich meine nicht etwa alles, was wir im Erdenleben durchgemacht haben; aber gewisse Dinge, die uns notwendig sind an Kräften für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, für die ist es so, daß in der Tat dasjenige, was sich sonst verteilt auf einen längeren Zeitraum, zusammengedrängt werden kann, man kann sagen: in einen Augenblick. Es ist eben ein ganz anderes Erlebnis, ob man gewissermaßen den Tod herankommen sieht mit dem Unterbewußtsein dadurch, daß sich innere Kräfte geltend machen, die vom Inneren des Organismus heraus den Tod herbeiführen, oder dadurch, daß Kräfte auf diesen Organismus wirken, die mit diesem Organismus selber gar nichts zu tun haben. Solch ein Tod findet nun wiederum seine wirkliche, echte Erklärung nur dadurch, daß wir ihn im Zusammenhange mit dem ganzen Verlaufe des menschlichen Lebens durch wiederholte Erdenleben hindurch betrachten; denn Sie können aus dem, was ich über den Zusammenhang vom Ich-Bewußtsein nach dem Tode und dem Anblicke des Todes gesagt habe, sehr leicht entnehmen, daß die Wahrnehmung des Todes selber etwas sehr Bedeutsames ist für die Stärke und Intensität, die wir im Ich-Bewußtsein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt haben.

[ 9 ] If I am to explain what is now at stake, I would like to use an analogy that only becomes apparent once one is familiar with the relevant facts from the spiritual world. You may know that here in physical life we can often have experiences in a short time—perhaps in the course of a day or a few hours—that mean far more to us than experiences over a long period of time, spanning months or perhaps years, could otherwise mean. How many of you will recall from your own lives an important event that you went through in a very short time here in the physical world, one that brought you more in terms of inner experience than months or years otherwise would. People often express this by saying: “What I experienced there, I will never forget.” — Behind this simple saying very often lies precisely what I have just described. Now it is truly the case that the impression a person receives when an external world—a world that does not belong to them—takes away their physical body in a relatively very short time, it can even be a single moment—condenses into the life between death and a new birth an experience that can be as rich as what we gain in our slow earthly life, which we might otherwise have had to go through over the course of decades. I do not mean everything we have experienced in earthly life; but certain things that are necessary for us in terms of strength for the life between death and a new birth—for these, it is indeed the case that what is otherwise spread out over a longer period of time can be condensed, one might say, into a single moment. It is simply a completely different experience whether one, so to speak, sees death approaching through the subconscious—either because inner forces are at work that bring about death from within the organism, or because forces are acting upon this organism that have nothing at all to do with the organism itself. Such a death, in turn, finds its true and genuine explanation only when we view it in the context of the entire course of human life through repeated earthly lives; for you can very easily deduce from what I have said about the connection between ego-consciousness after death and the experience of death that the perception of death itself is something very significant for the strength and intensity of the ego-consciousness we experience between death and a new birth.

[ 10 ] Verhältnisse, die von hier aus, vom physischen Leben aus gesehen, als ein Zufall erscheinen, sind durchaus kein Zufall, sondern sind enthalten in einer Welt von Notwendigkeit. Hier mag es als ein Zufall erscheinen, daß jemand von einem Eisenbahnzug überfahren wird; von der anderen Seite aus, von der geistigen Seite aus gesehen, erscheint es als kein Zufall. Stellt man, wenn ich so sagen darf, obwohl das selbstverständlich nur vergleichsweise sein kann, von dieser anderen Seite, von der geistigen Seite aus die Frage: Wie nimmt sich ein solch gewaltsamer Tod aus in der Gesamtheit der menschlichen Erdenleben? — dann wird man immer finden, daß in den verflossenen Zeiträumen, die der Mensch durchgemacht hat durch wiederholte Erdenleben und Zwischenleben zwischen Tod und neuer Geburt bis zu dem Unglücksfalle hin, er durch verschiedene Verhältnisse ein solches Ich-Bewußtsein für die rein geistige Welt ausgebildet hat, welches eine Stärkung, eine Kräftigung brauchte. Und diese Kräftigung tritt ein dadurch, daß dem Menschen nicht von innen heraus, sondern von außen das physische Leben abgeschlossen wird. Und wir müssen rechnen damit, daß wir nicht nur zu der Umwelt in den Beziehungen stehen, die durch unsere ideellen Kräfte in der Seele herbeigeführt werden; wir können nur in den seltensten Fällen, gewöhnlich aber nicht wissen, wie unser Unterbewußtsein denkt. Sie sind öfter von mir aufmerksam darauf gemacht worden, daß das Gedankenleben nicht aufhört mit der Schwelle des Bewußtseins, sondern daß der Mensch im Unter- oder, man könnte auch sagen, Überbewußten fortwährend ein Gedankenleben führt. Nur kann der Mensch gar nicht in Erwägung ziehen, was für ihn dieses umfassendere Bewußtsein sein kann. Jeden einzelnen könnte man fragen: Warum hat Sie seit heute morgen der oder jener Unfall nicht getroffen? — Für jeden einzelnen wäre eine Möglichkeit gewesen, daß ihn dieser oder jener Unfall betroffen hätte. Manchmal tritt es einem ja, ich möchte sagen halb entgegen, wie sich die Sache verhält; aber in den seltensten Fällen sieht man die Zusammenhänge. Manchmal hat man eine gewisse Abneigung, dies oder jenes zu tun. Man geht zum Beispiel an irgendeine Sache eine halbe Stunde später, und man merkt dann nachher irgend etwas, was auf dem Wege geschehen ist, was einem selbst hätte geschehen können, wenn man eine halbe Stunde früher gegangen wäre. Da hat das Unterbewußtsein gewirkt; da hat einen das Unterbewußtsein zögern lassen. Solche Wirkungen des Unterbewußtseins sind fortwährend da, nur sind sie für den Menschen nicht wahrnehmbar.

[ 10 ] Circumstances that, viewed from here—from the perspective of physical life—appear to be a coincidence are by no means a coincidence, but are contained within a world of necessity. From this perspective, it may seem like a coincidence that someone is struck by a train; but viewed from the other side—from the spiritual side—it does not appear to be a coincidence. If one were to ask—if I may put it this way, although this can of course only be in a comparative sense—from this other perspective, the spiritual perspective: How does such a violent death fit into the totality of human earthly lives? — then one will always find that, over the past periods of time that the human being has undergone through repeated earthly lives and intermediate lives between death and rebirth up to the point of the accident, he has, through various circumstances, developed a sense of self for the purely spiritual world that required strengthening and fortification. And this strengthening occurs because the physical life of the human being is brought to a close not from within, but from without. And we must reckon with the fact that our relationship to the external world is not solely determined by the connections brought about by our ideal forces within the soul; we can know—only in the rarest of cases, but usually not at all—how our subconscious thinks. I have often drawn your attention to the fact that the life of thought does not end at the threshold of consciousness, but that human beings continually lead a life of thought in the subconscious—or, one might also say, the superconscious. Yet human beings cannot even begin to conceive of what this more comprehensive consciousness might mean for them. One could ask each individual: Why hasn’t this or that accident befallen you since this morning? — For each individual, there would have been a possibility that this or that accident could have affected them. Sometimes one gets a sense—I would say almost a premonition—of how things stand; but only in the rarest of cases does one see the connections. Sometimes one feels a certain reluctance to do this or that. For example, one sets out to do something half an hour later, and afterward one notices something that happened along the way—something that could have happened to oneself had one set out half an hour earlier. That is where the subconscious has been at work; that is where the subconscious caused one to hesitate. Such effects of the subconscious are constantly at work; they are simply imperceptible to us.

[ 11 ] Es ist nämlich für den, der die Verhältnisse der Welt vom geistigen Gesichtspunkte aus zu beobachten vermag, durchaus klar, daß derjenige, der einem Unglücksfall entgegengeht, durch den guten Genius, der in seinem Unterbewußtsein wirkt, nicht behütet wird, sondern dem Unglücksfall entgegengeht, daß er durch eine Notwendigkeit seines Karmas zu diesem Unglücksfall getrieben wird. Denn würde dieser Unglücksfall nicht eintreten, so würde eben das nicht eintreten können, was ich charakterisiert habe: die für ihn notwendige Stärkung seines Ich-Bewußtseins in der angedeuteten Weise. Der Mensch lebt sich herein in einem gewissen Erdenleben durch die Geburt in die Verhältnisse, in die er eben hineingestellt ist. Er lebt sich herein, aber so, daß er an sich selber beobachtet hat im letzten Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daß sein Ich in einer gewissen Weise schwach an Kräften ist. Dieser Trieb, sein Ich zu stärken, lebt in ihm, und führt ihn mit den Verhältnissen zusammen, die seinen Unglücksfall bewirken. So muß diese Sache angesehen werden, an diesen Dingen sehen Sie, daß das Leben Zusammenhang gewinnt, wenn man es von diesem Gesichtspunkt der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis betrachtet.

[ 11 ] For those who are able to observe the conditions of the world from a spiritual perspective, it is perfectly clear that a person facing a misfortune is not protected by the good spirit working in his subconscious, but rather faces that misfortune because he is driven toward it by a necessity of his karma. For if this misfortune were not to occur, then precisely what I have described—the necessary strengthening of his sense of self in the manner indicated—could not take place. Through birth, a person enters into a particular earthly life and into the circumstances into which they have been placed. They enter into it, but in such a way that they have observed within themselves, in the previous life between death and a new birth, that their “I” is, in a certain sense, weak in strength. This impulse to strengthen their “I” lives within them and leads them into the circumstances that bring about their misfortune. This is how the matter must be viewed; in these things you can see that life takes on a sense of coherence when viewed from this perspective of spiritual scientific knowledge.

[ 12 ] Die Menschen — ich habe das oftmals betont — denken nicht genug nach über die Veränderungen, die sich vollzogen haben in der menschlichen Seelenentwickelung seit verhältnismäßig kurzer Zeit. Die meisten, insbesondere diejenigen, die von der heutigen Gelehrsamkeit infiziert sind, die stellen sich das Seelenleben vor Jahrhunderten einfach auch so vor, wie das Seelenleben heute. Das ist eine vollständig irrtümliche Vorstellung, wie wir wissen. Im Intimen hat sich der Ton, die Haltung des Seelenlebens der Menschen wesentlich geändert. Und dasjenige, was heute Geisteswissenschaft aus gewissen Quellen an solchem Lebensverständnis wiederum heraufbringen muß, wie es angedeutet worden ist, das war noch mehr wie eine atavistisch-hellsichtige Stimmung in den Seelen vor gar nicht so langer Zeit vorhanden. Die Menschen hatten gewissermaßen Ahnungen über die Zusammenhänge des Lebens. Aber die Menschheit schreitet vorwärts, und solche Ahnungen sind im Aussterben. Dadurch aber, daß dieser alte Zusammenhang mit der geistigen Welt für den Menschen im Verlaufe seiner Entwickelung sich zum Teile schon verloren hat und immer mehr und mehr sich verlieren wird, wird es auch immer mehr nötig, daß der Mensch durch direkte geistige Forschung wiederum sich unterrichtet über seinen Zusammenhang mit dieser geistigen Welt. Damit hängt es zusammen, daß Geisteswissenschaft gerade in unserer Zeit auftritt. In früheren Zeiten hatte man sie nicht nötig, weil die Menschheit nicht auf einer solchen Stufe der Seelenentwickelung stand. Von der Gegenwart ab ist sie aus den geschilderten Gründen nötig und wird immer nötiger und nötiger werden.

[ 11 ] For those who are able to observe the conditions of the world from a spiritual perspective, it is perfectly clear that a person facing a misfortune is not protected by the good spirit working in his subconscious, but rather faces that misfortune because he is driven toward it by a necessity of his karma. For if this misfortune were not to occur, then precisely what I have described—the necessary strengthening of his sense of self in the manner indicated—could not take place. Through birth, a person enters into a particular earthly life and into the circumstances into which they have been placed. They enter into it, but in such a way that they have observed within themselves, in the previous life between death and a new birth, that their “I” is, in a certain sense, weak in strength. This impulse to strengthen their “I” lives within them and leads them into the circumstances that bring about their misfortune. This is how the matter must be viewed; in these things you can see that life takes on a sense of coherence when viewed from this perspective of spiritual scientific knowledge.

[ 13 ] Erhärten wir auch diese Behauptung durch gewisse konkrete Tatsachen. Heute gibt es erst ein kleines Häuflein von Menschen, welche in ihrem Leben zwischen der Geburt und dem Tode Geisteswissenschaft in ihre Seelen aufnehmen. Ich sage nicht geistige Forschung, sondern Geisteswissenschaft: Vorstellungen, Ideen, welche durch die Geisteswissenschaft geliefert werden. Dadurch erfährt der Mensch also in diesem Leben zwischen der Geburt und dem Tod etwas über die geistige Welt. Dies ist nicht bedeutungslos für das Leben, das der Mensch betritt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Und wiederum ist die Tatsache, auf die ich jetzt hinweisen will, so erst geworden in unserer Zeit. Wenn wir in frühere Zeiten zurückgehen, finden wir immer noch ein altes Erbgut der Menschheit in bezug auf den Zusammenhang mit der geistigen Welt. Der Mensch ging durch die Pforte des Todes, und er hatte, weil er hier durch Ahnungen, durch atavistisches Hellsehen und dergleichen einen gewissen Zusammenhang mit der geistigen Welt hatte, etwas Gemeinsames zwischen dem Leben hier im physischen Leibe und dem Leben, das er betritt, wenn er durch die Pforte des Todes geht. Daß der Mensch hier meinetwillen instinktiv etwas wußte von der geistigen Welt, das bewirkte, daß er drüben, jenseits der Pforte des Todes mehr hatte als eine bloße Summe von Gedanken, die Erinnerungen sind an das Erdenleben. Denn das ist das Eigentümliche, das immer mehr und mehr in den Menschenseelen auftreten wird von der Gegenwart ab, daß diese Menschenseelen durch die Pforte des Todes gehen werden und mit der Erde nur zusammenhängen durch Erinnerungen. Wir erinnern uns gewissermaßen an unser Erdenleben hier, und dadurch, daß wir dieses Erdenleben hier in der Erinnerung nach dem Tode haben, hängen wir noch mit dem Erdenleben zusammen. Dies ist so im strengsten, im radikalsten Sinne der Fall für den Gegenwartsmenschen, der keine Vorstellungen über die geistige Welt aus der Geisteswissenschaft aufnehmen kann. Nimmt er solche Vorstellungen auf, so bilden diese Vorstellungen nach seinem Tode etwas, was ihn befähigt, nicht nur Erinnerungen an sein Leben zu haben, sondern hereinzusehen in dieses Erdenleben. Dasjenige, was wir an Vorstellungen aufnehmen vor unserem Tode, wird zu Fähigkeiten nach unserem Tode. Gewissermaßen Fenster öffnen sich nach dem Tode aus der Geisteswelt herein in die physische Welt, auf alles das, was hier in der physischen Welt ist, dadurch, daß wir hier uns Vorstellungen über die geistige Welt aneignen. Wir tragen also gewisse Ergebnisse durch die Pforte des Todes hindurch aus dieser geistigen Wissenschaft.

[ 13 ] Let us also substantiate this assertion with certain concrete facts. Today, there is only a small handful of people who, in the course of their lives between birth and death, take spiritual science into their souls. I am not speaking of spiritual research, but of spiritual science: concepts and ideas provided by spiritual science. Through this, a person learns something about the spiritual world in this life, between birth and death. This is not without significance for the life a person enters once they have passed through the gate of death. And again, the fact to which I now wish to draw attention has only come into being in our time. If we go back to earlier times, we still find an ancient heritage of humanity regarding the connection with the spiritual world. A person passed through the gate of death, and because they had a certain connection to the spiritual world here through premonitions, atavistic clairvoyance, and the like, there was a common thread between life here in the physical body and the life they enter upon passing through the gate of death. The fact that human beings here instinctively knew something of the spiritual world—in my view—meant that on the other side, beyond the gate of death, they possessed more than a mere sum of thoughts that are memories of their earthly life. For this is the peculiar phenomenon that will occur more and more frequently in human souls from the present onward: that these human souls will pass through the gate of death and remain connected to the earth only through memories. We remember, so to speak, our earthly life here, and because we retain this earthly life in memory after death, we remain connected to it. This is the case in the strictest, most radical sense for people of the present day who are unable to take in any concepts of the spiritual world derived from spiritual science. If they do take in such concepts, these concepts form, after their death, something that enables them not only to have memories of their life but also to look into this earthly life. The ideas we take in before our death become abilities after our death. In a sense, windows open after death from the spiritual world into the physical world, onto everything that is here in the physical world, through the fact that we acquire ideas about the spiritual world here. We thus carry certain insights through the gateway of death from this spiritual science.

[ 14 ] So ist dasjenige, was wir uns aus Geisteswissenschaft aneignen, nicht bloß ein totes Erkenntnisgut, sondern ein Lebensgut, etwas, was weiterlebt, indem wir durch die Pforte des Todes schreiten. Ja, es ist diese Geisteswissenschaft in dem Sinne, den ich öfter erwähnt habe, sogar schon ein starkes Lebensgut dadurch, daß, weil der Tote von sich aus bewußt in unseren Gedanken lebt, wir gerade dadurch, daß wir in der Geisteswissenschaft drinnenstehen, für den Toten etwas tun können. Darauf bezieht sich dasjenige, was ich oftmals über das Vorlesen gesagt habe. Der Tote ist in unseren Gedanken, er schaut auf unsere Gedanken. Sind diese Gedanken nun so, wie wir sie hegen, wenn wir einen geisteswissenschaftlichen Gedankengang durchmachen, dem Toten also vorlesen in Gedanken oder ihm vorerzählen irgend etwas, was wir wissen oder denken über die geistigen Welten, dann ist der Tote mit diesen Gedanken, die wir hier durch Geisteswissenschaft an ihn richten. Und daß wir sie an ihn richten, das gibt das Anziehungsband zwischen hier und dort. Wir können also gewissermaßen dadurch, daß Geisteswissenschaft etwas Lebendiges ist, eine lebendige Kraft hinaufsenden, die dem Toten, der mit uns ist, eine lebendige Nahrung geben kann.

[ 14 ] Thus, what we gain from spiritual science is not merely a body of dead knowledge, but a source of life—something that lives on as we pass through the gate of death. Indeed, in the sense I have often mentioned, spiritual science is already a powerful source of life precisely because the deceased lives consciously within our thoughts of their own accord; and it is precisely because we are immersed in spiritual science that we can do something for the deceased. This is what I have often referred to when speaking about reading aloud. The deceased is in our thoughts; they look upon our thoughts. If these thoughts are such as we hold when we engage in a spiritual scientific train of thought—that is, if we read to the deceased in our thoughts or recount to them something we know or think about the spiritual worlds—then the deceased is with these thoughts that we direct toward them here through spiritual science. And the fact that we direct them toward him creates the bond of attraction between here and there. So, in a sense, because spiritual science is something living, we can send up a living force that can provide living nourishment to the deceased, who is with us.

[ 15 ] So sehen wir, daß in dieser seelischen Weise Geisteswissenschaft wirklich ins Leben herein den Tod überwindet. Eine Gemeinschaft, die sonst nicht in einer so intensiven Weise in unserem heutigen Zeitenzyklus geschaffen werden kann zwischen dem Lebenden und dem Toten, wird dadurch geschaffen, daß wir uns erfüllen hier mit Gedanken, die aus der Geisteswissenschaft entnommen sind, und sie, mit dem Hinblicke auf den Toten, gewissermaßen ihm reichen. Geisteswissenschaft ist eben durchaus etwas, was lebendig in das Leben eingreift, während dem diejenige Erkenntnis, welche als gewöhnliche Wissenschaft über die physische Welt erworben wird, nur in Gedanken besteht, die allein Bedeutung haben für die Zeit zwischen Geburt und Tod, für das Leben nach dem Tode aber eine bloße Erinnerung bedeuten, kein lebendiges Hinüberwirken. Dieser Unterschied muß wohl ins Auge gefaßt werden.

[ 15 ] Thus we see that, in this spiritual way, spiritual science truly overcomes death by entering into life. A connection—one that otherwise cannot be established in such an intense way between the living and the dead in our present age—is created when we fill ourselves here with thoughts drawn from spiritual science and, with the deceased in mind, offer them to the deceased, as it were. Spiritual science is indeed something that intervenes vividly in life, whereas the knowledge acquired through ordinary science about the physical world consists only of thoughts that are meaningful solely for the time between birth and death; for life after death, however, they represent merely a memory, not a living influence that extends beyond. This difference must certainly be taken into account.

[ 16 ] Aber nun muß noch ein Weiteres berücksichtigt werden, gerade dann, wenn man darüber nachdenken will, welche Bedeutung Geisteswissenschaft für die gegenwärtige und zukünftige menschliche Geistesentwickelung hat. Nicht nur macht dasjenige, was wir hier an Geisteswissenschaft erwerben, oder dem Toten reichen, den Weg aus der physischen Welt in die geistige Welt hinauf, sondern dasjenige, was wir hindurchtragen durch die Pforte des Todes an Erwerbungen aus geisteswissenschaftlichem Erkennen, das wirkt wiederum zurück von der geistigen Welt auf die Erdenwelt. Und diese Erdenwelt, das dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, verarmt nach und nach durch die Kräfte, die von der Erde selber kommen können und die die Menschen auf der Erde entwickeln nur durch das Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Würden keine anderen Kräfte aus der geistigen Welt herunterfließen auf die Erde, als bisher heruntergetlossen sind, so würde das Erdenleben verarmen. Es ist sogar heute schon trostlos zu sehen, wie die Menschen gedankenlos hinleben und nicht beachten, daß das Erdenleben nach und nach verarmt.

[ 16 ] But now there is one more thing that must be taken into account, especially when considering the significance of spiritual science for the present and future development of the human spirit. Not only does what we acquire here through spiritual science—or what we bestow upon the dead—pave the way from the physical world up into the spiritual world, but what we carry through the gate of death in the form of insights gained from spiritual science also exerts a reciprocal influence from the spiritual world back onto the earthly world. And this earthly world—we must not lose sight of this—is gradually being impoverished by forces that can arise from the Earth itself and that human beings on Earth develop solely through life between birth and death. If no other forces were to flow down from the spiritual world to the Earth than those that have flowed down so far, earthly life would become impoverished. Even today, it is disheartening to see how people go through life thoughtlessly, oblivious to the fact that earthly life is gradually becoming impoverished.

[ 17 ] Das ist übrigens eine Erscheinung — ich habe auch das an manchen Orten schon hervorgehoben —, die nicht nur eine Wahrheit bedeutet für das geistige Kulturleben der Menschen, sondern sogar für das physisch-dichteste Erdenleben. Man lese das schöne geologische Buch «Das Antlitz der Erde» von Eduard Sueß, und man wird darin ausgeführt finden, wie die Erde früher in bezug auf ihre physische Oberfläche ganz anders war, als sie jetzt ist, wie sie gewissermaßen als Erdoberfläche in sich erstorben ist und nicht mehr dieselben Kräfte heute in der gewöhnlichen physischen Erdoberfläche sind, wie vor längeren Zeiträumen. Zerbröckelnd ist die Erdoberfläche. Was da im physischen Leben stattfindet, das findet aber auch statt im geistigen Leben. Und, wie gesagt, es nimmt sich oftmals trostlos aus, wie die Menschen dem zusehen, ohne ein Bewußtsein davon zu haben. Für das geistige Leben ist es so, daß wenn man den Weg schildert, den die Menschheit läuft, man sagen muß: Trotz des Hochmutes, der unsere Zeit durchsetzt, stellt sich heraus, daß die Gedanken der Menschen immer unlebendiger und unlebendiger, immer toter und toter werden, und sogar immer zusammenhangloser und zusammenhangloser. Die Menschen sind selbstverständlich stolz auf ihr heutiges Denken. Und wie hoch dünkt sich oftmals dieser oder jener Gymnasiallehrer über den Plato erhaben, wenn er seinen Schülern den Plato erklärt! Der geistvolle Dichter Hebbel hat sich allerdings in sein Tagebuch geschrieben, daß er ein Drama schreiben wolle, das allerdings nicht zur Ausführung gekommen ist, dessen Held der wiederverkörperte Plato sein sollte, der im Gymnasium von seinem Lehrer bestraft wird, weil er bei der Lektüre des Plato den Plato gar nicht verstehen kann. Die Menschen würden entgegengehen gewissermaßen einer Diskontinuität ihres Gedankensystems, wenn nicht Auffrischung dieses Gedankensystems kommen würde durch die Gedanken, die aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis geboren werden. So sonderbar dies heute klingt, wahr ist es: Die intensive Kraft, die der Mensch braucht, um die Gedanken richtig zu fassen, so daß sie Wirklichkeitswert haben, die erlahmt, weil der Mensch selbständig werden soll, sich eigene Kräfte erwerben soll. Deshalb, könnte ich gewissermaßen sagen, ziehen sich die Götter, die Geister zurück, die einen früher inspiriert haben zu dem Gedankenzusammenhang, und der Mensch muß selbständig Lebendigkeit in seine Gedanken wieder hineinbringen. Die wird er aber nur hineinbringen, wenn er nicht zu hochmütig ist, um jenes Leben in sich aufzunehmen, das aus der Geisteswissenschaft fließen kann.

[ 17 ] Incidentally, this is a phenomenon—as I have already emphasized in some places—that holds true not only for people’s spiritual and cultural life, but even for the most physical, dense aspects of earthly life. Read the beautiful geological book The Face of the Earth by Eduard Sueß, and you will find it explained there how the Earth used to be quite different in terms of its physical surface than it is now, how, in a sense, the Earth’s surface has died within itself, and how the forces present in the ordinary physical surface of the Earth today are no longer the same as they were in earlier periods. The Earth’s surface is crumbling. What takes place in physical life, however, also takes place in spiritual life. And, as I said, it often seems disheartening to see how people observe this without being aware of it. As for spiritual life, when describing the path humanity is taking, one must say: Despite the arrogance that pervades our time, it turns out that people’s thoughts are becoming ever more lifeless, ever more dead, and even ever more disjointed. People are, of course, proud of their current way of thinking. And how highly does this or that high school teacher often regard himself as rising above Plato when he explains Plato to his students! The witty poet Hebbel did, however, write in his diary that he wanted to write a play—which, admittedly, was never staged—whose hero was to be Plato reincarnated, punished by his high school teacher because, while reading Plato, he could not understand Plato at all. Human beings would, in a sense, be heading toward a discontinuity in their system of thought were it not for the renewal of that system brought about by the ideas born of spiritual scientific insight. As strange as this may sound today, it is true: the intense power that human beings need to grasp thoughts correctly—so that they have value in reality—is waning because human beings are supposed to become independent and acquire their own powers. That is why, I might say in a sense, the gods and spirits who once inspired the coherence of thought are withdrawing, and human beings must independently restore vitality to their thoughts. But they will only succeed in doing so if they are not too arrogant to receive within themselves that life which can flow from spiritual science.

[ 18 ] Und ebenso wie mit den Gedanken, so ist es mit dem Fühlen, so ist es mit den Willensimpulsen. Diese Willensimpulse der Menschheit werden immer eigensinniger und eigensinniger werden. Man kann geradezu dieses Wort gebrauchen — sich immer mehr und mehr absondern von der gemeinsamen Menschheit, wenn nicht jene großen, umfassenden Impulse der Seele eingeimpft werden, die allein aus der Anschauung des geistigen Zusammenhanges der physischen Dinge erstehen können. Ich sage damit schwerwiegende Wahrheiten über die Entwickelung der menschlichen Zukunft; aber diese Wahrheiten müssen von demjenigen durchdrungen werden, der sich mit der Geisteswissenschaft befaßt. Denn Geisteswissenschaft soll nicht bloß ein totes Erkenntnisgut sein, das unsere Neugierde befriedigt, sondern Geisteswissenschaft soll etwas sein, was eingreifen will in den Zusammenhang der Dinge, denen der Mensch in der Zukunft entgegengeht. Dazu aber muß man einsehen, welche Kräftesysteme erlahmen und ersetzt werden müssen durch andere. Ich sagte: Erlahmen würden die menschlichen Erdenkräfte, wenn nicht Zufluß kommen würde aus den geistigen Welten. Und dasjenige, was wir aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis gewinnen und durch die Pforte des Todes tragen, das gibt uns zwischen dem Tod und einer neuen Geburt nicht nur allein die Kraft, unser Leben zu gestalten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, sondern es gibt uns Kraft, herunterkommen zu lassen geistige Kräfte auf die Erde. Und immer mehr und mehr wird das so geschehen müssen, daß diejenigen Menschen, die hier auf der Erde leben, empfangen dasjenige, was herunterkommt von spirituell durchtränkten Seelen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und dasjenige, was sie von hier mitgenommen haben, in der Veränderung, die es erfährt dadurch, daß es in die geistigen Welten eintritt, wiederum zurückschicken.

[ 18 ] And just as it is with thoughts, so it is with feelings, and so it is with impulses of the will. These impulses of the will within humanity will become more and more self-willed. One can quite literally use this phrase—to become more and more isolated from the common humanity—unless those great, all-encompassing impulses of the soul are instilled, impulses that can arise only from the contemplation of the spiritual interconnection of physical things. I am speaking here of grave truths concerning the development of humanity’s future; but these truths must permeate the mind of anyone who engages in spiritual science. For spiritual science is not meant to be merely a body of dead knowledge that satisfies our curiosity; rather, spiritual science is meant to be something that seeks to intervene in the interrelationship of the things toward which humanity is moving in the future. To achieve this, however, one must recognize which systems of forces are waning and must be replaced by others. I said: Human forces on Earth would wane if no influx came from the spiritual worlds. And what we gain from spiritual scientific knowledge and carry through the gate of death gives us, between death and a new birth, not only the strength to shape our lives during that time, but also the strength to bring spiritual forces down to Earth. And this will have to happen more and more, so that those people who live here on Earth receive what comes down from spiritually imbued souls who have passed through the gate of death—and what they have taken with them from here, transformed by their entry into the spiritual worlds, they in turn send back.

[ 19 ] So ist es eine Art, von der physischen Welt hier in die geistige hineinzuwirken, also für die Toten zu wirken dadurch, daß man ihnen vorliest, daß man Gedanken der Geisteswissenschaft an sie richtet; eine andere Art ist es, zu der physischen Bereicherung der Erdenentwickelung hereinzuwirken dadurch, daß man herunterkommen läßt dasjenige aus der geistigen Welt, was man durch die Pforte des Todes getragen und während des Aufenthaltes in der physischen Welt gewonnen hat. Denn es ist eine eigentümliche Tatsache, daß die physische Welt dasjenige entgegennehmen kann, was eine veränderte Gestalt dadurch erhalten hat, daß es als im physischen Leben erworbenes Geistesgut durch die Pforte des Todes getragen worden ist und in der geistigen Welt eine Metamorphose durchgemacht hat und als solche Metamorphose dann wiederum herunterfließt.

[ 19 ] One way, then, is to work from the physical world into the spiritual world—that is, to work on behalf of the dead—by reading to them and directing thoughts from spiritual science toward them; another way is to contribute to the physical enrichment of Earth’s evolution by bringing down from the spiritual world that which one has carried through the gate of death and acquired during one’s stay in the physical world. For it is a peculiar fact that the physical world can receive that which has taken on a transformed form because it was carried through the gate of death as spiritual wealth acquired in physical life, underwent a metamorphosis in the spiritual world, and then flows back down as the result of that metamorphosis.

[ 20 ] Für uns selbst arbeiten wir an unserem Karma, so daß dieses Karma sich erfüllt in den wiederholten Erdenleben, immer zwischen der Geburt und dem Tode; aber an dem gesamten Menschheitskarma, das sich zusammensetzt aus dem Strome des Lebens, der hier auf Erden abfließt, und dem Strome des Lebens, der aus der geistigen Welt hereinfließt, in diesem gesamten Weltenkarma arbeiten wir auch mit mit denjenigen Kräften, die wir über unseren eigenen Bedarf hinaus zwischen dem Tod und einer neuen Geburt entwickeln. Wir sehen also, wie Geisteswissenschaft notwendig ist, wie es notwendig ist, daß sie verarbeitet wird von Menschenseelen, nicht allein zum Heile dieser einzelnen Menschenseelen, sondern zum Heile des gesamten Menschheitsfortschrittes auch auf der Erde. Von der geistigen Welt aus arbeiten wir an unserem künftigen Erdenleben, wie ich es gestern im öffentlichen Vortrage gesagt habe, indem wir uns in die Vererbungsverhältnisse durch die Generationen vor unserer Geburt hineinleben. Aber wir nehmen auch Teil an dem, was nicht uns allein angeht in einem künftigen Erdenleben, sondern was die ganze Menschheit angeht. Die Gedanken, die ich hierdurch ausspreche, sind solche, mit denen man sich ganz besonders durchdringen soll, ich möchte sagen: auf die hin man meditieren soll; denn es sind solche Gedanken, die einen in ein lebendiges Geist- und Seelenverhältnis zu der umliegenden Welt versetzen.

[ 20 ] For ourselves, we work on our karma so that this karma is fulfilled in our repeated earthly lives, always between birth and death; but we also work on the collective karma of humanity—which consists of the stream of life flowing out from here on Earth and the stream of life flowing in from the spiritual world—using the forces we develop between death and a new birth that go beyond our own needs. We see, then, how necessary spiritual science is, and how necessary it is that it be assimilated by human souls—not only for the benefit of these individual human souls, but also for the benefit of the progress of all humanity on Earth. From the spiritual world, we work on our future earthly lives—as I said yesterday in my public lecture—by immersing ourselves in the hereditary relationships spanning the generations prior to our birth. But we also take part in what concerns not only us in a future earthly life, but all of humanity. The thoughts I am expressing here are ones that one should allow to permeate one’s being in a very special way; I would say: ones that one should meditate upon; for they are thoughts that place one in a living spiritual and soul connection with the surrounding world.

[ 21 ] Und wie ein Gegenbild möchte ich Ihnen nun zeigen, wie die Welt heute noch urteilt gegenüber dem, was sich gerade der Geisteswissenschaft enthüllt und wie die Welt gerade sich auf den Standpunkt stellt, der herbeiführen müßte das, was ich als Austrocknung gleichsam der Gedanken, als Diskontinuierlich-, Zusammenhangloswerden der Gedanken charakterisiert habe. Entsprechend auf anderen Gebieten würde sich anderes zeigen. Gerade diejenigen, die heute oftmals das große Wort in diesen oder jenen Dingen führen, die arbeiten direkt durch ihre hochmütige Ablehnung jedes Zusammenhanges mit der geistigen Welt, wie diese durch die Geisteswissenschaft vermittelt wird, sie arbeiten direkt hin auf diese trostlose Lage, die wir heute schon herankommen sehen, gerade mit Bezug auf die Gedankenwelt. Lassen Sie mich an ein Beispiel anknüpfen.

[ 21 ] And as a counterpoint, I would now like to show you how the world today still judges what is currently being revealed by spiritual science, and how the world is currently adopting a standpoint that is bound to bring about what I have characterized as a sort of “drying up” of thought—a discontinuity and loss of coherence in thought. Correspondingly, different phenomena would be evident in other fields. It is precisely those who today often have the final say on this or that matter—those who, through their haughty rejection of any connection to the spiritual world as conveyed by spiritual science, are directly working toward this bleak situation that we can already see approaching today, particularly with regard to the world of thought. Let me give an example.

[ 22 ] Da erscheint nun wieder eine populäre Sammlung; es erscheinen heute so viele populäre Sammlungen, in denen die Menschheit erfahren kann, was alles an Weisheit diejenigen Menschen zutage gebracht haben, die da sagen: «es ist ein groß Ergetzen, sich in den Geist der Zeiten zu versetzen» und so weiter, und wie wir es dann «zuletzt so herrlich weit gebracht»: Dazu gibt es ja heute viele Mittel. Ich will Sie hinweisen auf ein Bändchen dieser Sammlung über die Religionsfragen der Gegenwart. Diese Religionsfragen werden da sehr eigentümlich behandelt. Da wird zuerst gezeigt mit aller hochmütig in Anspruch genommenen Weisheit der Gegenwart, wie der Mensch nicht befriedigt sein kann, wenn er sich bloß in das hineingestellt weiß, was die Naturwissenschaft untersucht, wenn er also bloß das naturalistische Weltbild hat; dann wird ferner gezeigt, wie der Mensch sich nicht befriedigt erklären kann, wenn er ein bloßes sittliches Weltbild hat, um dann aufzusteigen zu dem, was nun der Verfasser dieses Büchelchens sein religiöses Weltbild nennt. Das bloße Weltbild, das die sittlichen Forderungen abgeben, das kritisiert gerade dieser Religionsmann in einer sehr scharfen Weise. Er sagt: Der Pessimismus, in den auch unsere Zeit vielfach verfällt, der ist nicht etwas Unbegründetes, sondern der geht hervor aus einer lebendigen Lebenstragik, die man übrigens zu allen Zeiten empfunden hat. — Und aufmerksam macht dieser Religionsmann darauf, wie der Pessimismus der Erkenntnis sich geltend gemacht hat in verschiedenen Zeiten. Der Mensch glaubt durch seine Gedanken darauf zu kommen, daß man nichts wissen kann, daß im Grunde genommen das Erkenntnisstreben niemals befriedigt werden könne. Dafür führt er als Beispiel an allerdings wichtige Gewährsmänner, auf die man wohl hinhören soll, zum Beispiel den älteren Plinius, den größten römischen Naturforscher, der da sagt: «Der Mensch ist ein Wesen voller Widersprüche, das unglücklichste von allen Geschöpfen, insofern die übrigen Geschöpfe doch keine über die Schranken der Natur hinausgehenden Bedürfnisse haben. Aber der Mensch ist voll von ins Unendliche gehenden Wünschen und Bedürfnissen, die nie befriedigt werden können. Seine Natur ist eine Lüge, die größte Armseligkeit verbunden mit größtem Hochmut. Angesichts so großer Übel ist das Beste, was Gott dem Menschen verliehen hat, daß er sich das Leben nehmen kann.»

[ 22 ] Here we have yet another popular anthology; so many popular collections are being published today in which humanity can learn about all the wisdom brought to light by those who say, “It is a great delight to immerse oneself in the spirit of the times,” and so on, and how we have “ultimately come so wonderfully far”: There are, after all, many means for this today. I would like to draw your attention to a small volume in this series on contemporary religious questions. These religious questions are treated in a very peculiar way there. First, drawing on all the haughtily claimed wisdom of the present, it is shown how a person cannot be satisfied if they merely place themselves within the realm of what natural science investigates—that is, if they have only a naturalistic worldview; then it goes on to show how a person cannot consider themselves satisfied if they have merely a moral worldview, before ascending to what the author of this little book calls his religious worldview. It is precisely this moral worldview—which is based on moral demands—that this religious scholar criticizes in a very sharp manner. He says: The pessimism into which our own time also frequently falls is not something unfounded, but rather arises from a vivid sense of the tragedy of life, which, incidentally, has been felt throughout the ages. — And this man of religion draws attention to how the pessimism of knowledge has asserted itself in various eras. Through his thoughts, man believes he has come to the conclusion that nothing can be known, that, fundamentally speaking, the quest for knowledge can never be satisfied. As an example, he cites indeed important authorities whose words are well worth heeding—for instance, Pliny the Elder, the greatest Roman naturalist, who says: “Man is a being full of contradictions, the most wretched of all creatures, insofar as the other creatures have no needs that go beyond the limits of nature. But man is full of desires and needs that extend into infinity and can never be satisfied. His nature is a lie—the greatest wretchedness combined with the greatest arrogance. In the face of such great evils, the best thing God has bestowed upon man is that he can take his own life.”

[ 23 ] Solche Aussprüche können viele, viele angeführt werden. Seneca, der weise Seneca sagt zum Beispiel: «Viele Gebildete sind es satt, immer dasselbe zu sehen und zu tun, sie hassen das Leben nicht gerade, aber sie empfinden jenen Ekel daran, der unter dem Einflusse der Philosophie immer mehr um sich greift. Sie sagen: wie lange noch immer dasselbe. Diese unerträgliche Selbstverständlichkeit des Aufstehens und Zubettegehens, des Sattseins und Hungrigwerdens, des Kalt- und wieder Warmwerdens. Kein Ding nimmt ein Ende, sondern alles ist im unaufhörlichen Kreisen begriffen. Alles ist Flüchtling und Verfolger zugleich. Der Tag verfolgt die Nacht, die Nacht den Tag. Der Sommer mündet in den Herbst, der Herbst muß dem Winter weichen, und auch des Winters Macht wird gebrochen. Alles geht dahin, um wiederzukehren. Nichts Neues sehe ich, nichts Neues tue ich, dessen ich nicht überdrüssig werde.»

[ 23 ] Many, many such sayings can be cited. Seneca, the wise Seneca, says, for example: “Many educated people are tired of always seeing and doing the same things; they do not exactly hate life, but they feel that disgust with it which, under the influence of philosophy, is becoming increasingly widespread. They say: How much longer must it always be the same? This unbearable predictability of getting up and going to bed, of being full and growing hungry, of getting cold and then warm again. Nothing comes to an end; rather, everything is caught up in an endless cycle. Everything is both fugitive and pursuer. The day pursues the night, the night the day. Summer flows into autumn, autumn must give way to winter, and even winter’s power is broken. Everything passes away only to return. “I see nothing new, I do nothing new of which I do not grow weary.”

[ 24 ] So der weise römische Philosoph Seneca. Unser Religionsmann findet, daß darin allerdings manches Wahre steckt; aber es interessiert ihn dies weniger. Dann macht er aufmerksam auf denjenigen Pessimismus, welcher dadurch zustande kommt, daß der Mensch mehr sich seinen Gefühlen übergibt. Dadurch kommt zum Beispiel, wie er meint, der Pessimismus des Buddhismus zustande: «Das Leben ist Leiden»; da wird hingeschaut auf das Leben, wird die Summe der Leiden und Schmerzen, der Übel genommen und auf der anderen Seite die Summe der Freuden, des Glückes. Das erstere ist größer, daher wird man Pessimist. Man betrachtet das Leben überhaupt als ein Übel. So haben ja auch Schopenhauer, so Eduard von Hartmann getan. Wiederum findet unser Religionsmann, daß die Leute viel Grund dazu haben; aber auch das interessiert ihn nicht weiter. Mehr interessiert ihn der ethisch begründete Pessimismus, denn von diesem sagt er: Der ist durchaus berechtigt, wenn man das Leben anschaut, ohne es durchdrungen zu wissen von dem, was er das «Reich Gottes» nennt, von dem, was er den Inhalt des religiösen Bekenntnisses nennt. Und da konstatiert unser Religionsmann zweierlei. Das eine ist, daß der Mensch die Forderung aufstellt, entweder im Kantschen oder im Schleiermacherschen Sinne verpflichtet zu sein, einem Sittengesetze zu folgen, einem Gesetze, das einen streng verpflichtet. Aber auf der anderen Seite ist der Mensch seiner Natur unterworfen, seinen Trieben, Neigungen und Begierden. Und nun konstatiert unser Religionsmann: Ganz überwinden kann der Mensch niemals diese Triebe und Begierden; aber dem Sittengesetz soll er folgen; dieses Sittengesetz stellt seine straffen Befehle. Da kommt unbedingt ein Konflikt heraus. Dieser muß da sein im Leben und ist da. Das ist berechtigter Pessimismus. — Man muß das Leben pessimistisch auffassen, wenn man es bloß vom Standpunkte der sittlichen Forderungen aus auffaßt. Das ist das Leben angeschaut vom Standpunkt der sittlichen Forderungen: wie der Mensch hingestellt ist zwischen diese sittlichen Forderungen und sein Naturleben. Aber auch wenn man einzelne sittliche Pflichten anschaut, dann merkt man, wie der Pessimismus begründet ist. Denn der Mensch, sagt dieser Religionsmann, fühlt sich gerade oftmals in entscheidenden Lebenslagen in sittliche Konflikte hineingestellt, und solche sittliche Konflikte führt unser Mann an für wichtige Persönlichkeiten.

[ 24 ] So says the wise Roman philosopher Seneca. Our religious scholar believes that there is certainly some truth in this; but he is not particularly interested in it. He then draws attention to the kind of pessimism that arises when people surrender themselves more to their feelings. This, he believes, is how the pessimism of Buddhism arises, for example: “Life is suffering”; one looks at life and considers the sum of suffering and pain, of evils, on the one hand, and the sum of joys and happiness on the other. The former is greater, and thus one becomes a pessimist. One regards life in general as an evil. Schopenhauer and Eduard von Hartmann, for instance, did just that. Again, our religious thinker finds that people have good reason for this; but that, too, does not interest him further. He is more interested in ethically grounded pessimism, for of this he says: It is entirely justified if one looks at life without knowing it to be permeated by what he calls the “Kingdom of God,” by what he calls the content of religious confession. And here our religious scholar observes two things. The first is that human beings assert the demand—whether in the Kantian or Schleiermacherian sense—to be obligated to follow a moral law, a law that imposes strict obligations. But on the other hand, human beings are subject to their nature, their instincts, inclinations, and desires. And now our religious thinker observes: Human beings can never completely overcome these instincts and desires; yet they are supposed to follow the moral law, which imposes its strict commands. This inevitably leads to a conflict. This conflict must exist in life, and it does. This is justified pessimism. — One must view life pessimistically if one views it solely from the standpoint of moral demands. This is life viewed from the standpoint of moral demands: how human beings are caught between these moral demands and their natural life. But even when one considers individual moral duties, one realizes how this pessimism is justified. For, says this religious scholar, human beings often feel placed in moral conflicts, particularly in decisive life situations, and our scholar cites such moral conflicts as examples involving important figures.

[ 25 ] Nur ein Beispiel lassen Sie mich vorlesen: «Ein Luther,» sagt unser Religionsmann, «der wie kein anderer seine Bestimmung erkannte und den Weg, den er zur Reformation der Kirche und der Menschen gehen mußte, genau vor seinen Augen sah, geriet in dies Dilemma» — Dilemma nennt er eben das Nichtzusammenstimmen der Pflichten — «in dem Augenblick, wo er vor der Frage stand, ob er die Doppelehe Philipps des Großmütigen billigen oder verwerfen sollte. Sehen Sie, das war für ihn der schwerste aller Konflikte. Verwarf er diese Ehe, handelte er im reinen Interesse der Menschheitswürde, dann mußte er eine seiner wichtigsten Errungenschaften auf dem Wege der Erfüllung seiner reformatorischen Bestimmung preisgeben»; denn hätte er die Doppelehe nicht gebilligt, so hätte der großmütige Herrscher sich seiner nicht weiter angenommen; mit der Reformation, meint dieser Religionsmann, wäre es nichts gewesen — «ließ er aber die Ehe zu und hielt sich damit diesen einen Weg frei, so mußte er sich sagen, daß hier ein Stachel seine Seele treffen würde, den er immer fühlen würde. Das ist ein schweres Dilemma, und der ist kein rechter Geschichtsschreiber, der kein Verständnis hat für solche Kämpfe, sondern moralistisch aburteilt.» Solche Kämpfe aber, wo Pflichten kollidieren, denen kann der Mensch gerade für die wichtigen Dinge seines Lebens, meint unser Religionsmann, nicht entgehen. Das begründet den berechtigten Pessimismus. So daß man sagen muß: Für unseren Religionsmann stellt sich die Welt, wenn man sie so übersieht, vom Standpunkt der Natur sowohl wie vom Standpunkt der Sittlichkeit durchaus so dar, daß der Pessimismus voll begründet ist.

[ 25 ] Let me read just one example: “A man like Luther,” says our religious scholar, “who recognized his calling like no other and saw clearly before his eyes the path he had to take to reform the Church and humanity, found himself in this dilemma” — by “dilemma” he means precisely the conflict between duties — “at the very moment when he was faced with the question of whether he should approve or reject the double marriage of Philip the Magnanimous. You see, that was the most difficult of all conflicts for him. If he rejected this marriage, acting in the pure interest of human dignity, then he would have to give up one of his most important achievements on the path to fulfilling his reformatory calling”; for if he had not approved the bigamous marriage, the magnanimous ruler would not have continued to support him; the Reformation, this religious scholar argues, would have come to nothing—“but if he permitted the marriage and thereby kept this one path open to himself, he would have had to tell himself that a thorn would pierce his soul here, one he would always feel. This is a grave dilemma, and no one is a true historian who lacks understanding for such struggles but instead passes moralistic judgment.” Such struggles, however, where duties collide, are something a person cannot avoid, especially when it comes to the important matters of life, our religious scholar believes. This justifies the legitimate pessimism. So one must say: For our religious scholar, when viewed in this way—from the standpoint of both nature and morality—the world presents itself in such a way that pessimism is fully justified.

[ 26 ] Nun nimmt in seiner Art unser Religionsmann die Wendung zur Religion. Und da sagt er, er müsse eine solche Wendung zur Religion nehmen, daß vermieden werden alle falschen Wege, die gegangen werden können. Der Buddhismus, sagt er, habe vermeiden wollen die Konflikte des Lebens dadurch, daß er das Dasein überhaupt überwinden wollte, das physische wie das geistige Dasein überwinden, wegschaffen wollte, wie unser Religionsmann meint, ins wesenlose Nirwana. Plato habe die Lebenskonflikte dadurch wegschaffen wollen, daß durch die Erkenntnis die Materie vollständig überwunden werden soll, der Mensch sich aufschwingt und die Materie wegschafft; der Buddhismus wolle alles Dasein, der Platoniker die Materie wegschaffen. Der Mystiker — und zur Mystik rechnet unser Religionsmann selbstverständlich alles, was sich außer dem, was in seinen Kopf hineingeht, noch in der Welt geltend macht an Bestrebungen, in die geistige Welt hineinzukommen —, der Mystiker, der verleugnet die Individualität. Also: der Buddhist das Dasein; der Platoniker die Materie; der Mystiker die Individualität. Denn unser Religionsmann hat die Vorstellung, daß der Mystiker versucht, sich zu retten von der Sinnlichkeit, dadurch zur Ekstase kommt, seine Individualität aufgibt und im All aufgeht.

[ 26 ] Now, in his own way, our religious man turns to religion. And there he says that he must take such a turn toward religion that all false paths that might be taken are avoided. Buddhism, he says, sought to avoid the conflicts of life by seeking to overcome existence itself—to overcome both physical and spiritual existence—and to eliminate it, as our religious scholar believes, into the formless Nirvana. Plato, he says, sought to eliminate life’s conflicts by completely overcoming matter through knowledge, so that humanity might rise above it and cast matter aside; Buddhism seeks to eliminate all existence, while the Platonist seeks to eliminate matter. The mystic—and our religious scholar naturally counts as mysticism everything in the world, apart from what enters his own mind, that still asserts itself as an aspiration to enter the spiritual world—the mystic denies individuality. Thus: the Buddhist rejects existence; the Platonist rejects matter; the mystic rejects individuality. For our religious scholar holds the view that the mystic attempts to save himself from sensuality, thereby attaining ecstasy, renouncing his individuality, and merging into the universe.

[ 27 ] Das alles sind für unseren Religionsmann keine möglichen Wege. Dafür wendet er sich zu dem Weg, den er selbstverständlich als den allein christlichen ansieht. Und da sagt er: Man muß sich wenden von der Erde zum Reich Gottes. Nun folgt eine Art Beschreibung dieses Reiches Gottes. Diese Beschreibung des Reiches Gottes durch den Kirchenmann ist für denjenigen, der — ich will gar keine anderen Forderungen stellen — nur folgerichtig zu denken vermag, der noch nicht verfallen ist in dasjenige, was ich die Diskontinuität, die Zusammenhanglosigkeit des Gedankensystems genannt habe, geradezu ein tiefer Schmerz durch die Inhaltlosigkeit, durch die Absurdität und Gedankenzusammenhanglosigkeiten, die sich in dieser Schilderung des Reiches Gottes finden. Nachdem dieser Mann wie so viele Menschen der Gegenwart alles «Mystische» abgetan hat — alles, was er zum Mystschen rechnet —, findet er eine Möglichkeit, den Leuten so recht die Worte — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck — in den Mund hineinzuschmieren; denn man findet heute den allergrößten Beifall, wenn man vieles vorträgt über dasjenige, was die Leute nicht zu begreifen brauchen. Alles übrige ist Unsinn, kann man den Leuten sagen; und sie hören dann zu, wie man ihnen «beweist», daß es Unsinn ist und daß man sich nicht damit zu beschäftigen braucht. Zuletzt heißt es dann wenn man auch noch so gedankenlos dabei ist —: Das wahre, echte Dasein ist die Liebe, — und dann redet man lauter Zeug, das zwar keinen Inhalt hat, in dem aber das Wort Liebe, Liebe, Liebe immer wiederholt wird, wiederholt wird in einer Weise, daß dadurch wahrhaftig keine Liebe in die Welt kommt.

[ 27 ] None of these are viable paths for our clergyman. Instead, he turns to the path that he naturally regards as the only Christian one. And there he says: One must turn away from the earth toward the Kingdom of God. What follows is a sort of description of this Kingdom of God. This description of the Kingdom of God by the clergyman is, for anyone who—I make no other demands—is merely capable of logical thinking, who has not yet fallen prey to what I have called the discontinuity, the incoherence of the system of thought—is nothing short of a deep pain caused by the lack of substance, the absurdity, and the lack of logical coherence found in this description of the Kingdom of God. Since this man, like so many people today, has dismissed everything “mystical”—everything he counts as mystical—he finds a way to, so to speak—forgive the trivial expression—shove the words right into people’s mouths; for today one receives the greatest applause when one speaks at length about things that people do not need to understand. Everything else is nonsense, one can tell people; and they then listen as one “proves” to them that it is nonsense and that they need not concern themselves with it. In the end, even if one is completely thoughtless about it, one says: “True, genuine existence is love”—and then one spouts a lot of nonsense that, while lacking any substance, repeatedly uses the word “love, love, love” in such a way that, as a result, no love truly comes into the world.

[ 28 ] So ungefähr redet ein Religionsmann der Gegenwart. So reden viele. Und dann schwingt sich unser Religionsmann auf zu allerlei Erkenntnissen, grandiosen Erkenntnissen, wie zum Beispiel zu dieser: Da die Liebe das Höchste ist, ist Gott die Liebe. — Na gut, innerhalb von gewissen Grenzen ist ja das erstens wohl nicht neu, zweitens kann man damit einverstanden sein. Aber daß es sich handeln muß um ein Wesen, das liebt und das, weil es so stark liebt, genannt werden kann «die Liebe», das ist nicht gerade etwas, was unserem Religionsmann Schmerzen macht. Aber nun will er doch ein richtiges Christentum vertreten. «Gott ist die Liebe» bedeutet zunächst etwas sehr Unpersönliches, denn die Liebe als solche ist doch gewiß unpersönlich. Aber nun, das macht unserem Religionsmann gar keine besonderen Schwierigkeiten, denn er sagt: «Das Zentrum dieser Wirklichkeit ist eben Gott. ‹Gott ist Geist› und ‹Gott ist Liebe› ... In Wirklichkeit sind Geist und Liebe eins.» Man kann in Wirklichkeit dann alles als eins erklären, wenn man in dieser Weise vorschreitet in seinen Gedanken! «Denn die Liebe ist die höchste Form des geistigen Lebens.»

[ 28 ] This is roughly how a modern religious figure speaks. Many speak this way. And then our religious figure soars to all sorts of insights—grand insights—such as this one: Since love is the highest good, God is love. — Well, within certain limits, first of all, that’s hardly new, and second, one can agree with it. But the idea that it must be a being that loves—and that, because it loves so strongly, can be called “love”—is not exactly something that causes our religious figure any distress. Yet now he wants to represent true Christianity. “God is love” initially means something very impersonal, for love as such is certainly impersonal. But that doesn’t pose any particular difficulty for our religious scholar, for he says: “The center of this reality is precisely God. ‘God is Spirit’ and ‘God is love’… In reality, Spirit and love are one.” In reality, one can explain everything as one if one proceeds in this way in one’s thoughts! “For love is the highest form of spiritual life.”

[ 29 ] Nun bitte ich Sie: In Wirklichkeit sind Geist und Liebe eins; aber zugleich ist die Liebe die höchste Form des geistigen Lebens. Geist und Liebe ist eins; aber die Liebe ist doch wiederum die höchste Form des Geistes, also wieder ein Teil, und der Teil ist gleich dem Ganzen! Da haben Sie die schrecklichste Zusammenhanglosigkeit des Denkens! Nun beruht alles darauf, daß er ausgeht davon, daß Gott die Liebe ist. Deshalb muß er auch sagen: «Wenn vom Zorn Gottes und von seinen Strafen die Rede ist, so muß das alles zuletzt als Äußerung seiner Liebe verstanden werden können.»

[ 29 ] Now I ask you: In reality, spirit and love are one; but at the same time, love is the highest form of spiritual life. Spirit and love are one; but love is, in turn, the highest form of spirit—that is, once again a part—and the part is equal to the whole! There you have the most appalling lack of coherence in thinking! Now, everything hinges on the fact that he proceeds from the premise that God is love. That is why he must also say: “When there is talk of God’s wrath and His punishments, all of this must ultimately be understood as an expression of His love.”

[ 30 ] Jetzt haben wir weiterhin die Möglichkeit, Gott als die Liebe aufzufassen, denn der Zorn Gottes, wenn er sich so recht zum Ausdruck bringt, ist auch Liebe. Gott ist Geist; allein Gott ist die Liebe, Geist und Liebe sind eins. Der Zorn ist auch die Liebe, der Zorn muß also eigentlich auch Geist sein. — Wir sehen also, da purzeln die Begriffe nur so durcheinander in diesem unzusammenhängenden Denken. Aber der Mann muß doch Christ bleiben; daher muß er in seiner Weise weiterschreiben: «Darum kann Gott nichts anderes sein als die Liebe, denn er muß die höchste Form des Geistes sein. Das ist eine unüberbietbare Weisheit, die sich hier auftut; auch die höchste Philosophie kann nicht darüber hinauskommen. Die absolute Freiheit, die Aufhebung jedes Konfliktes, das Zusichselbstkommen des Geistes, die Liebe, ist Gott. Darum ist Gott Persönlichkeit.»

[ 30 ] Now we still have the option of understanding God as love, for God’s wrath, when it is truly expressed, is also love. God is Spirit; God alone is love; Spirit and love are one. Wrath is also love; therefore, wrath must actually be Spirit as well. — So we see that the concepts are all jumbled up in this disjointed line of thought. But the man must remain a Christian; therefore, he must continue writing in his own way: “That is why God can be nothing other than love, for He must be the highest form of Spirit. This is an unsurpassable wisdom that opens up here; even the highest philosophy cannot go beyond it. Absolute freedom, the resolution of every conflict, the spirit’s return to itself—love—is God. That is why God is a person.”

[ 31 ] Also: Gott ist die Liebe, diese Liebe ist das Zusichselbstkommen des Geistes, darum ist Gott Persönlichkeit!

[ 31 ] In other words: God is love; this love is the Spirit’s return to itself; therefore, God is a person!

[ 32 ] «Es ist ja oft philosophisch und auch religiös angefochten worden, wenn Gott mit der ‹Eigenschaft› der Persönlichkeit ausgestattet wird; denn der Begriff der Persönlichkeit entstamme dem irdischen Gebiet und bedeute, auf Gott angewendet, Vermenschlichung. Das aber ist ein großes Mißverständnis.»

[ 32 ] “It has often been challenged, both philosophically and religiously, when God is endowed with the ‘attribute’ of personality; for the concept of personality originates in the earthly realm and, when applied to God, implies anthropomorphism. But this is a major misunderstanding.”

[ 33 ] Und so weiter. Sie sehen, was Menschen zustandebringen, welche schon völlig verfallen sind dem, was man nennen kann: Zusammenhanglosigkeit der Gedanken; denn diese wird allgemein werden, wenn die Menschen sich in ihrem Hochmut sträuben gegen die Belebung der Gedankenwelt durch das Aufnehmen der geistigen Wissenschaft.

[ 33 ] And so on. You can see what people are capable of when they have completely succumbed to what might be called a lack of coherence in their thoughts; for this will become widespread if, in their arrogance, people resist the revitalization of the world of thought through the acceptance of spiritual science.

[ 34 ] Ein schöner Satz ist auch derjenige, den ich Ihnen doch noch anführen will. Damit die Zuhörer dieses Religionsmannes sich vollständig klar würden darüber, daß sie nichts brauchten als seine Vorträge, und ja nicht irgend etwas, was wie eine Wissenschaft hinweisen will auf das geistige Leben, sagt er ihnen: «Töricht und sinnlos ist es daher, von der Wissenschaft eine Antwort auf die Frage des Fortlebens nach dem Tode zu erwarten. Die aufgeregten Leute, die das getan haben und noch tun, haben sich niemals klar gemacht, was aus der Wissenschaft wird, wenn sie sich auf solche Fragen einläßt, und was die Religion dabei verliert, wenn sie bei der Wissenschaft Gewißheit borgen geht.»

[ 34 ] Another beautiful sentence is the one I would still like to quote to you. To ensure that the listeners of this religious figure fully understood that they needed nothing but his lectures—and certainly not anything that, like a science, purports to shed light on spiritual life—he tells them: “It is therefore foolish and senseless to expect science to provide an answer to the question of life after death. The agitated people who have done this—and continue to do so—have never realized what becomes of science when it ventures into such questions, and what religion stands to lose when it borrows certainty from science.”

[ 35 ] Dieser Mann bringt das zustande, was ich Ihnen vorgeführt habe. Und dieser Mann ist zu gleicher Zeit imstande, den Leuten zu sagen: Das ist so hohe Philosophie, daß er sich etwas vergeben würde, wenn er es nur zugeben würde, daß Wissenschaft auch etwas zu sagen hat über das geistige Leben.

[ 35 ] This man accomplishes what I have demonstrated to you. And at the same time, this man is capable of telling people: “This is such high philosophy that he would be doing himself a disservice if he were to admit that science also has something to say about spiritual life.”

[ 36 ] Das ist ein Anfang zu alledem, was noch kommen wird, nur ein Anfang. Und das müssen wir ebenso ins Auge fassen, wie dasjenige, was vor vierzehn Tagen hier gesagt worden ist. Aber der Mann, von dem ich Ihnen spreche, dieser Mann «kann denken». Vorgeworfen hat er dem Buddha, daß er den Menschen vom Dasein hinweghelfen will; vorgeworfen hat er dem Plato, daß er den Menschen hinweghelfen will von der Materie; vorgeworfen hat er der Mystik, daß sie den Menschen hinweghelfen wird von der Individualität, denn dadurch würde die Persönlichkeit vernichtet, dadurch würde der Mensch herausgehoben aus seinem physischen Leib, in dem er zwischen Geburt und Tod, wie unser Religionsmann meint, verbleiben müsse. Diese Erlösungsreligionen, die können nicht gelten. Aber was bewirkt die Religion des Christentums in seiner Auffassung, wenn sie die rechte Liebe, nämlich das, was er die Liebe nennt, pflegt? Da lesen wir die Worte: «Mit anderen Worten: in der geistigen Lebenssphäre des Reiches Gottes ist aus dem sittlichen Wollen und Tun die Bewußtheit ausgeschaltet, welche innerhalb des empirischen Lebensbereiches den Freiheitsgehalt auch unserer besten Handlungen verdirbt.»

[ 36 ] This is a beginning to all that is yet to come—just a beginning. And we must face this just as we must face what was said here fourteen days ago. But the man I am speaking of—this man “can think.” He has accused the Buddha of wanting to help people escape from existence; he has accused Plato of wanting to help people escape from matter; he has accused mysticism of seeking to free people from individuality, for this would destroy the personality; it would lift the human being out of his physical body, in which, as our religious man believes, he must remain between birth and death. These religions of salvation cannot be accepted. But what effect does the Christian religion, as he conceives it, have when it cultivates true love—namely, what he calls love? There we read the words: “In other words: in the spiritual sphere of life of the Kingdom of God, moral will and action are freed from the consciousness that, within the empirical realm of life, corrupts the freedom inherent even in our best actions.”

[ 37 ] Also, der Plato will die Menschen von der Materie befreien, der Buddha vom Dasein, die Mystik von der Individualität, und unser Religionsmann will die Menschen durch die Liebe von der Bewußtheit befreien, daß sie ohne bewußtes Bewußtsein sich hineinleben in das Reich Gottes. Zwar kommt ja solchen Leuten einigermaßen entgegen, daß man sagt: «Der Herr gibt’s den Seinigen im Schlafe.» Das ist doch etwas, was vielleicht für diesen Religionsmann wie eine Offenbarung erscheinen könnte. Man sieht, der Mann kann das Leben betrachten, kann Erfahrungen aus dem Leben ziehen. Aber daß er leidet an unzusammenhängendem Denken, das kann man ihm nachweisen, wenn man schmerzliche Sätze liest wie diese. Er wendet sich dagegen, daß man Mystiker wird, weil man die Individualität überwinden will, während man doch innerhalb des physischen Lebens gerade in der Natur drinnenstehen müsse. Wir dürfen den Lebenshemmungen gegenüber nicht verkennen: «Innerhalb des irdischen Lebens können und dürfen sie nicht abgeschüttelt werden.»

[ 37 ] So, Plato wants to free people from matter, the Buddha from existence, mysticism from individuality, and our religious man wants to free people through love from the awareness that, without conscious awareness, they can immerse themselves in the Kingdom of God. Admittedly, it does suit such people to some extent when people say, “The Lord gives to His own in their sleep.” That is something that might perhaps appear to this religious man as a revelation. One can see that the man is capable of reflecting on life and drawing lessons from it. But that he suffers from disjointed thinking can be demonstrated by reading painful sentences like these. He objects to the idea that one becomes a mystic because one wants to overcome individuality, whereas one must, within physical life, be fully immersed in nature. We must not misunderstand the limitations of life: “Within earthly life, they cannot and must not be shaken off.”

[ 38 ] Das vermag ein Mensch mit gesundem Verstande zu sagen, so weit ist es mit dem zusammenhanglosen Denken gekommen: «Innerhalb des irdischen Lebens können und dürfen sie nicht abgeschüttelt werden.» Innerhalb des irdischen Lebens können und dürfen sie nicht abgeschüttelt werden —, das heißt doch nichts anderes, als: Zum Monde kannst du nicht hinauffliegen und darfst du nicht hinauffliegen! — So ist «können» und «dürfen» hier zusammengestellt! In solchen Einzelheiten muß man die ganze Korruptheit eines solchen Denkens einsehen.

[ 38 ] This is what a person of sound mind might say; that is how far incoherent thinking has gone: “Within earthly life, they cannot and must not be shaken off.” “Within earthly life, they cannot and must not be shaken off”—that means nothing other than: You cannot fly up to the moon, and you must not fly up to the moon!—That is how “can” and “must” are combined here! It is in such details that one must recognize the utter corruption of such thinking.

[ 39 ] Oder der Mann sagt, indem er spricht von dem inneren Leben: Fr will das christliche Leben nur auf dasjenige beschränken, was er das Reich Gottes nennt. Die Natur soll nicht begriffen werden auf geistige Art, denn der Mensch wird in die Natur hineingestellt, er weiß nicht wie, und dabei soll der Mensch bleiben: nicht zu wissen, wie er in die Natur hineingestellt wird. Deshalb sagt er: «Das ist für Jesus das Reich Gottes, wenn man alle Symbole und Bilder davon abstreift.»

[ 39 ] Or, speaking of the inner life, the man says: He wants to limit the Christian life solely to what he calls the Kingdom of God. Nature is not to be understood in a spiritual sense, for human beings are placed within nature—they do not know how—and they are to remain in that state: not knowing how they are placed within nature. That is why he says: “For Jesus, this is the Kingdom of God, once all symbols and images are stripped away.”

[ 40 ] Was Jesus in bedeutsamen Symbolen und Bildern über das Reich Gottes gesagt hat, das ist dem Religionsmann zuwider, das streift er ab. «Diese höchste Welt ist es, die Jesus über die moralische Weltordnung stellt. Sie ist es, von der er unaufhörlich spricht; hier können die Menschen eintreten, ohne ihr Verhältnis zur Naturordnung aufzugeben, aber auch ohne ihre Zugehörigkeit zur moralischen Welt fahren zu lassen. Hier ist alles verklärt, hier hört der Konflikt auf, der zwischen der Naturwelt und der moralischen Welt entstanden ist. Er wird gelöst durch die Liebe. Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist ein Muß, das er nicht ändern kann; da hilft kein sittlicher Entschluß; der Mensch muß in das Reich der Natur eintreten durch die Geburt — niemand wird gefragt, ob er geboren werden will.»

[ 40 ] What Jesus said about the Kingdom of God through meaningful symbols and images is repugnant to the religious person; he dismisses it. “It is this highest realm that Jesus places above the moral world order. It is this realm of which he speaks ceaselessly; here, people can enter without giving up their relationship to the natural order, yet without relinquishing their belonging to the moral world. Here, everything is transfigured; here, the conflict that has arisen between the natural world and the moral world comes to an end. It is resolved through love. Man’s relationship to nature is a necessity that he cannot change; no moral resolution can help here; man must enter the realm of nature through birth—no one is asked whether they want to be born.”

[ 41 ] So hilft ein Religionsmann zum Verständnis der Welt dem Menschen. Und dann sagt er weiter: «Er» — der Mensch — «wird kraft einer mechanischen Notwendigkeit, kraft einer höchsten Verfügung, die er nicht versteht, in das Verhängnis dieser Erscheinungswelt hineingeboren.»

[ 41 ] This is how a man of religion helps people understand the world. And then he goes on to say: “He”—the human being—“is born into the fate of this phenomenal world by virtue of a mechanical necessity, by virtue of a supreme decree that he does not understand.”

[ 42 ] Das ist Christentum! Der Mensch wird «kraft einer mechanischen Notwendigkeit, kraft einer höchsten Verfügung, die er nicht versteht», in die physische Welt hineingeboren. Für diesen Mann ist mechanische Notwendigkeit, Maschinennotwendigkeit, dasselbe wie «kraft einer höchsten Verfügung». Das wird ausgesprochen, das wird hinausgesprochen heute in die Welt von denjenigen, die berufen sich fühlen, und die von der Welt berufen sind, um wahres Christentum unter die Menschen zu bringen. Und das tritt so in die Welt, daß wir im Vorwort gleich lesen können: «Der Inhalt dieses Büchleins besteht aus 12 Reden, die ich im letzten Winter in ...» — jetzt kommt die Stadt, die ich nicht nennen will — «vor einer mehr als tausendköpfigen Zuhörerschaft gehalten habe.»

[ 42 ] That is Christianity! Human beings are born into the physical world “by virtue of a mechanical necessity, by virtue of a supreme decree that they do not understand.” For this man, mechanical necessity—the necessity of a machine—is the same as “by virtue of a supreme decree.” This is being proclaimed, this is being spoken out into the world today by those who feel called, and who are called by the world, to bring true Christianity to humanity. And this is how it enters the world, as we can read right in the preface: “The content of this little book consists of 12 speeches that I delivered last winter in …”—here comes the city, which I do not wish to name—“before an audience of more than a thousand people.”

[ 43 ] Es ist schon notwendig, daß derjenige, der sich mit Geisteswissenschaft ernsthaftig befassen will, das Auge hinwendet auf dasjenige, was eigentlich in unserer Zeit lebt; denn wenn zuweilen mit ernsten und intensiven Worten auf die Notwendigkeit der Geisteswissenschaft hingewiesen wird, so ist das aus diesem Grunde, weil diejenigen Menschen, die es vermögen, sich in dieser Gegenwart bewußt werden müssen, wie diese Geisteswissenschaft eine Forderung der Zeit ist und welcher Art die geistige Verfassung in dem Lager ist, von dem die widersachenden Stimmen kommen.

[ 43 ] It is indeed necessary that anyone who wishes to engage seriously with spiritual science turn their attention to what is actually alive in our time; for when the necessity of spiritual science is occasionally emphasized with serious and intense words, it is for this reason: those who are capable of doing so must become aware, in the present moment, of how this spiritual science is a demand of the times and of the nature of the spiritual disposition in the camp from which the opposing voices come.

[ 44 ] Ich habe Ihnen heute einen Menschen angeführt — das Büchelchen richtet sich nicht ausdrücklich gegen unsere Geisteswissenschaft —, als Beispiel einer allgemeinen Zeiterscheinung. Die Geisteswissenschaft wird darin nicht erwähnt, denn die ist für den Mann, den ich persönlich auch kenne, etwas höchst Unbedeutendes, das man nicht weiter erwähnt, das nur so im allgemeinen unter Mystik mitschwingt selbstverständlich. Aber da sehen wir einen Menschen, der eine hohe Berühmtheit auf seinem Gebiete ist, als eine der ersten Autoritäten gilt, und der in seinem Gedankensysteme, wenn man es prüft, der Menschheit solches Zeug aufbindet, was von Tausenden und aber Tausenden nicht bemerkt wird, weil man gar nicht in der richtigen Weise hinschaut auf die Dinge.

[ 44 ] Today I cited a person to you—the little book is not explicitly directed against our spiritual science—as an example of a general phenomenon of our time. Spiritual science is not mentioned in it, for to this man—whom I also know personally—it is something utterly insignificant, something not worth mentioning further, something that simply resonates in the general context of mysticism, as a matter of course. But here we see a person who is highly renowned in his field, regarded as one of the foremost authorities, and who, upon closer examination of his system of thought, feeds humanity such nonsense—which goes unnoticed by thousands upon thousands because people do not look at things in the right way.

[ 45 ] Aber nicht nur einzelne bestimmte Wahrheiten über die geistige Welt sollen uns durchdringen, sondern wir sollen uns durchdringen auch mit dem Bewußtsein, wie notwendig es ist, daß lebendiges Wissen, lebendiges Wort Platz greift in der Entwickelung der Menschheit. Denn man wird schon einsehen, daß die Sackgasse in bezug auf Soziales, in bezug auf sonstiges Leben, in die die Menschheit hineingekommen ist, sich auch aus geistigen Voraussetzungen herausschiebt, daß sie das Karma ist namentlich der Gedankenlosigkeit. Die Gedankenlosigkeit ist viel, viel umfassender in unserer Gegenwart, als man glaubt. Und die Aufgabe der Geisteswissenschaft empfindungsgemäß in der richtigen Weise aufzufassen, das wird davon abhängen, daß man mit offenem Auge in die Welt hineinsieht, und daß man sich wirklich Mühe gibt, ein gesundes Urteil sich über die Welt zu bilden. Daher war es heute notwendig geworden, daß ich Ihnen nicht nur in der ersten Stunde meiner Darlegungen etwas gesagt habe direkt aus dem Inhalte der Geisteswissenschaft heraus, das Aufklärung bringen kann über wichtige Lebenszusammenhänge, sondern ich mußte schon auch das Gegenbild beleuchten, das sich ergibt, wenn man das ansieht, in was die Geisteswissenschaft hineingetragen werden soll. Denn Sie werden noch viele, viele solche Stimmen wie die gestern charakterisierte heraushören aus den Lagern aller Schattierungen, seien es religiöse, seien es gelehrte oder sonstige Leute, die die Geisteswissenschaft für ein Unding halten, für eine Phantasterei und die, trotzdem sie zu den berühmten Leuten der Gegenwart gehören, nachweislich nicht einmal denken können, und dieses Nichtdenkenkönnen zum Schaden und Unheil der Menschheitsentwickelung der Welt mitteilen. Diese Dinge muß man nur im rechten Lichte sehen. Und man ist gewissermaßen verpflichtet, sie im rechten Lichte zu sehen, wenn man wirklich mit Geisteswissenschaft sich verbinden soll, um je nach dem Platz im Leben, auf den einen das Karma gestellt hat, das, was man vermag, zu tun, um der Geisteswissenschaft in der entsprechenden Weise die Geltung zu verschaffen, die sie wahrhaftig nicht für sich, sondern für die Entwickelung der Menschheit nötig hat. Daß sie diese nötig hat, das ergibt sich dann aus der Schilderung eines solchen Gegenbildes. Solche Schilderungen könnten wahrhaftig viele, recht viele gegeben werden.

[ 45 ] But it is not only certain specific truths about the spiritual world that should permeate us; we should also be imbued with the awareness of how essential it is that living knowledge and the living word take root in the development of humanity. For one will surely realize that the impasse into which humanity has strayed—in social matters and in other aspects of life—also stems from spiritual preconditions; that it is, in particular, the karma of thoughtlessness. Thoughtlessness is far, far more widespread in our time than people realize. And the ability to grasp the task of spiritual science in the right way, in accordance with our inner feelings, will depend on looking at the world with open eyes and truly making an effort to form a sound judgment about the world. That is why it had become necessary today not only to say something to you in the first hour of my presentation—drawn directly from the content of spiritual science—that can shed light on important aspects of life, but I also had to shed light on the counter-image that emerges when one considers the context into which spiritual science is supposed to be carried. For you will still hear many, many voices like the one characterized yesterday from camps of all shades—be they religious, scholarly, or other people—who regard spiritual science as an absurdity, as a flight of fancy, and who, despite belonging to the ranks of today’s famous figures, demonstrably cannot even think, and who communicate this inability to think to the detriment and ruin of humanity’s development in the world. One must simply view these things in the right light. And one is, in a sense, obligated to see them in the right light if one is truly to connect with spiritual science, so that—depending on the place in life to which one’s karma has led one—one may do what one is able to do to give spiritual science, in the appropriate way, the recognition it truly needs—not for its own sake, but for the development of humanity. That it needs this becomes clear from the description of such a counterexample. Indeed, many—quite many—such descriptions could be given.