World Being and I-ness
GA 169
6 June 1916, Berlin
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World Being and I-ness, tr. SOL
1. Das Pfingstfest, ein Merkzeichen für die Unvergänglichkeit unseres Ich
1. The Feast of Pentecost, a Symbol of the Immortality of Our Self
[ 1 ] Wie in früheren Zeiten auch in dieser schicksaltragenden Zeit in gewöhnlichem Sinne etwa eine Pfingstbetrachtung zu halten, scheint mir dieser Zeit nicht so ganz angemessen; denn wir leben eben in einer Zeit schwerer Menschheitsprüfungen, und da ist es nicht möglich, immer zu suchen nach den bloß erhebenden Gefühlen, die unsere Seele warm machen, da wir ja doch im Grunde genommen, wenn wir richtiges, wahres Gefühl haben, in keinem Augenblick des großen Schmerzes und Leides der Zeit vergessen können, und es in gewissem Sinne sogar egoistisch ist, dieses Schmerzes und dieses Leides vergessen zu wollen und sich nur gewissermaßen erhebenden, die Seele wärmenden Betrachtungen hinzugeben. Daher wird es auch heute angemessener sein, über einiges zu sprechen, was der Zeit dienen kann, dienen kann insoferne, als wir ja gesehen haben aus so mancherlei Betrachtungen gerade, die wir hier in der letzten Zeit angestellt haben, wie schon in der geistigen Verfassung viele der Gründe zu suchen sind dafür, daß wir nun in einer so schweren Leidenszeit leben, und wie sehr es notwendig ist, daran zu denken, daß an der Entwickelung der menschlichen Seele in entsprechender Zeit gearbeitet werde, damit die Menschheit besseren Zeiten entgegengehen könne. Aber ausgehen möchte ich doch wenigstens von einigen Gedanken, welche unsere Sinne hinlenken können zu dem, was mit einem solchen Feste, wie es das Pfingstfest ist, gemeint ist.
[ 1 ] Just as in times past, holding a Pentecost reflection in the usual sense during this fateful time does not seem entirely appropriate to me; for we are living in an era of severe trials for humanity, and in such times it is not possible to always seek out merely uplifting feelings that warm our souls, since, after all, if we possess true and genuine feeling, we cannot for a single moment forget the great pain and suffering of our time; and in a certain sense, it is even selfish to want to forget this pain and suffering and to devote ourselves solely to reflections that are, so to speak, uplifting and warming to the soul. Therefore, it will be more appropriate today to speak about certain things that can serve our times—serve insofar as we have seen, precisely from the various reflections we have undertaken here recently, that many of the reasons for why we are now living in such a time of severe suffering are to be found in our spiritual condition, and how necessary it is to bear in mind that work must be done on the development of the human soul at the appropriate time, so that humanity may move toward better times. But I would like to begin, at least, with a few thoughts that can direct our senses toward the meaning of a festival such as Pentecost.
[ 2 ] Es gibt ja drei bedeutsame Feste im Jahreslaufe: das Weihnachtsfest, das Osterfest, das Pfingstfest. Und wenn man nicht so wie die meisten Zeitmenschen seine Gefühle abgestumpft hat für dasjenige, was aus dem Sinn der Menschheits- und Weltenentwickelung mit solchen Festen gemeint ist, so muß man eigentlich den gewaltigen Unterschied dieser drei Feste wohl empfinden. Sie drücken sich ja schließlich in der äußeren Symbolik dieser Festlichkeiten aus, diese verschiedenen Empfindungen gegenüber den drei Festen. Wir sehen das Weihnachtsfest gefeiert als ein Fest vor allen Dingen mit der Freude für die Kinder, als ein Fest, in dem Ja in unseren Zeiten, wenn auch nicht immer, der Weihnachtsbaum eine Rolle spielt, der hereingetragen ist aus der schnee- und eiserfüllten Natur in den Hausraum. Und wir erinnern uns dabei der Weihnachtsspiele, die wir ja gerade in unserem Kreise mehrfach gepflegt haben, die erhoben haben durch Jahrhunderte hindurch das einfachste Menschengemüt, indem sie dieses einfachste Menschengemüt hingelenkt haben zu dem Großen, das dadurch geschehen ist, daß einmal im Laufe der Erdenentwickelung zu Bethlehem Jesus von Nazareth, das heißt aus Nazareth, geboren worden ist. Die Geburt des Jesus von Nazareth ist ein Fest, an das sich in einer gewissen Weise wie naturgemäß angeschlossen hat eine Empfindungswelt, die aus dem Lukas-Evangelium heraus geboren ist, aus jenen Teilen des Lukas-Evangeliums, die sozusagen am allervolkstümlichsten, am allerleichtesten verständlich sind, also gewissermaßen ein Fest des am allgemeinsten Menschlichen, verständlich, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, für das Kind, verständlich für den Menschen, der sich sein kindliches Gemüt bewahrt hat, und dennoch hereintragend in dieses kindliche Gemüt ein Großes, ein Ungeheures, das wir dadurch ins Bewußtsein aufnehmen.
[ 2 ] There are, after all, three significant festivals in the course of the year: Christmas, Easter, and Pentecost. And if one has not, like most people of our time, become numb to the meaning of these festivals in the context of human and world development, then one must surely sense the profound difference between these three festivals. After all, these different feelings toward the three festivals are expressed in the outward symbolism of the festivities. We see Christmas celebrated above all as a festival of joy for the children, a festival in which—in our times, though not always—the Christmas tree plays a role, brought indoors from a world filled with snow and ice. And in doing so, we recall the Christmas plays that we have, in fact, staged several times within our own circle—plays that, over the centuries, have uplifted the simplest human spirit by directing that spirit toward the Great Event that occurred when, at one point in the course of Earth’s evolution, Jesus of Nazareth—that is, from Nazareth—was born in Bethlehem. The birth of Jesus of Nazareth is a festival to which, in a certain way, a world of feeling has naturally attached itself—a world born from the Gospel of Luke, from those parts of the Gospel of Luke that are, so to speak, the most folksy, the easiest to understand; thus, in a sense, a festival of what is most universally human, understandable, at least to a certain degree, for the child, understandable to the person who has retained a childlike spirit, and yet bringing into this childlike spirit something great, something immense, which we thereby take into our consciousness.
[ 3 ] Wir sehen dann das Osterfest gefeiert, das uns, trotzdem es gefeiert wird gegenüber der erwachenden Natur, an die Pforte des Todes führt, jenes Osterfest, das gegenüber dem Weihnachtsfeste vor allen Dingen so charakterisiert werden kann, daß man sagt: Hat das Weihnachtsfest viel Liebliches, viel in allgemeinster Weise zu dem menschlichen Herzen Sprechendes, so hat das Osterfest etwas unendlich Erhabenes. Etwas von einer ungeheuren Größe muß durch die Menschenseele ziehen, die das Osterfest in einer richtigen Weise feiern kann. Wir werden herangeführt an die ungeheuer große Idee, daß das göttliche Wesen herabgestiegen ist, sich verkörpert hat in einem Menschenleibe, daß es durch den Tod gegangen ist. Das ganze Rätsel des Todes und der Bewahrung des ewigen Lebens der Seele im Tode, all dieses Erhabene tritt uns durch das Osterfest an die Seele heran. Ganz tief wird man diese festlichen Zeiten nur empfinden können, wenn man sich an manches erinnert, was uns gerade durch die Geisteswissenschaft nahetreten kann. Man bedenke nur, wie eng dieses Weihnachtsfest in den Vorstellungen, die es entwickelt, zusammenhängt mit all den Festen, die im Zusammenhang mit Heilands-Geburten überhaupt gefeiert worden sind. Mit dem Mithras-Fest hängt es zusammen, wo der Mithras geboren wird in einer Felsenhöhle. All dieses bezeugt uns ein inniges Zusammenhängen mit der Natur. Gewissermaßen ein Fest, das zwar an die Natur herantritt, wie es sich auch im Weihnachtsbaum symbolisiert — und die Geburt führt uns ja auch vorstellungsgemäß an das unmittelbar Natürliche heran —, das aber, weil es ja eine Geburt des Jesus von Nazareth ist, an die sich so viel für uns gerade aus der Geisteswissenschaft heraus anschließt, wiederum eben viel Geistiges in sich enthält. Und erinnern wir uns, wie wir öfter gesagt haben, daß der Geist der Erde eigentlich zur Winterzeit aufwacht, daß er am regsten in derjenigen Zeit ist, in der die äußere Natur wie schlafend und wie eisig erscheint, so können wir uns sagen, daß wir gerade durch das Weihnachtsfest in die elementarische Natur hineingeführt werden, und daß, indem die Weihnachtskerzen entzündet werden, sie uns erscheinen sollen wie ein Symbolum gerade dafür, wie der Geist aufwacht in der Finsternis der Winternacht, der Geist in der Natur. Und wollen wir an den Menschen herantreten und das Weihnachtsfest zu dem Menschen in eine Beziehung bringen, dann müssen wir sagen: Wir können das vor allen Dingen dadurch, daß wir gedenken dessen, wodurch der Mensch mit der Natur auch dann noch zusammenhängt, wenn er sich geistig, wie im Schlafe, von der Natur getrennt hat, wenn er geistig in seinem Ich und seinem astralischen Leib aufgestiegen ist in die geistige Welt. Sein Ätherleib bleibt als Geistiges an den äußeren physischen Naturleib gebunden, und sein Ätherleib stellt gerade dar dasjenige, was in ihm ist von der elementarischen Natur, von dem Elementarischen, das auflebt im Innern der Erde, wenn die Erde in Winters-Eisigkeit gehüllt ist. Man sagt mehr als einen bloßen Vergleich, man sagt eine tiefe Wahrheit, wenn man sagt: Neben allem übrigen ist das Weihnachtsfest zugleich wie ein Gedenkzeichen dafür, daß der Mensch eine ätherische, elementarische Natur hat, einen ätherischen Leib hat, durch den er mit dem Elementarischen der Natur zusammenhängt.
[ 3 ] We then see Easter celebrated—a festival that, even as it is celebrated against the backdrop of awakening nature, leads us to the gates of death; that Easter which, in contrast to Christmas, can be characterized above all by the following: While Christmas has much that is lovely, much that speaks to the human heart in the most universal way, Easter has something infinitely sublime. Something of immense magnitude must pass through the human soul that is able to celebrate Easter in the proper way. We are led to the immensely grand idea that the divine being descended, incarnated itself in a human body, and passed through death. The entire mystery of death and the preservation of the soul’s eternal life in death—all this sublimity—touches our souls through the Easter festival. One can only truly feel the depth of these festive times by recalling certain insights that spiritual science can bring to our attention. Just consider how closely this Christmas celebration, in the ideas it evokes, is connected to all the festivals that have ever been celebrated in connection with the births of saviors. It is linked to the Mithras festival, in which Mithras is born in a cave. All of this testifies to an intimate connection with nature. In a sense, it is a festival that does indeed draw close to nature—as symbolized by the Christmas tree—and the birth itself, in our imagination, brings us into direct contact with the natural world; yet because it is the birth of Jesus of Nazareth—to which so much is connected for us precisely through spiritual science—it in turn contains much that is spiritual. And if we recall, as we have often said, that the spirit of the earth actually awakens in winter, that it is most active at the very time when outer nature appears to be asleep and frozen, then we can say that it is precisely through the Christmas festival that we are led into the elemental nature, and that, as the Christmas candles are lit, they are meant to appear to us as a symbol precisely of how the spirit awakens in the darkness of the winter night—the spirit within nature. And if we wish to approach human beings and relate the Christmas festival to them, then we must say: We can do this above all by remembering that through which human beings remain connected to nature even when they have separated themselves spiritually from nature—as if in sleep—when they have ascended spiritually into the spiritual world through their ego and their astral body. His etheric body remains spiritually bound to the outer physical body, and his etheric body represents precisely that part of him which is of elemental nature—the elemental forces that come to life within the Earth when the Earth is shrouded in winter’s icy cold. It is more than a mere comparison; it is a profound truth when we say: Above all else, the Christmas festival is also a memorial to the fact that human beings have an etheric, elemental nature—an etheric body through which they are connected to the elemental forces of nature.
[ 4 ] Und nehmen Sie all das zusammen, was über die allmähliche Ablähmung und Abdämpfung der Menschheitskräfte gesagt worden ist im Laufe vieler Jahre schon, so werden Sie auf den Gedanken kommen können, wie nahe all die Kräfte, die in unserem astralischen Leibe leben, im Grunde genommen stehen zu dem, was die abdämpfenden, die todbringenden Ereignisse für den Menschen sind. Dadurch, daß wir unseren astralischen Leib ausbilden müssen während unseres Lebens, daß wir in ihm das Geistige aufnehmen müssen, dadurch tragen wir ja die Todeskeime in uns hinein. Es ist ganz unrichtig, zu glauben, daß der Tod mit dem Leben nur in äußerlicher Weise zusammenhängt: Er hängt in innerlichster Weise, wie oftmals gesagt worden ist in unserem Kreise, mit ihm zusammen. Und unser Leben ist nur deshalb so, wie es ist, weil wir so sterben können, wie wir sterben. Aber dies hängt für den Menschen mit der ganzen Entwickelung seines astralischen Leibes zusammen. Und es ist wiederum mehr als ein Vergleich, wenn wir uns sagen: Es ist das Osterfest wie ein Symbolum für alles dasjenige, was mit der astralischen Natur des Menschen zusammenhängt, mit derjenigen Natur, durch die er sich in jedem Schlafe entfernt von seinem physischen Leibe und in die geistige Welt eintritt, in diejenige Welt, aus der heruntergekommen ist jenes geistig-göttliche Wesen, das durch den Jesus von Nazareth selber den Tod erfahren hat. Und würde man in einer Zeit sprechen, in der der Sinn für das Geistige mehr lebendig ist als in unserer Zeit, so würde schon dasjenige, was ich eben gesagt habe, mehr genommen werden als eine Wirklichkeit, während es vielleicht in unserer Zeit mehr als eine bloße Symbolik genommen wird. Und man würde einsehen, daß gerade mit der Einsetzung des Weihnachtsfestes, des Osterfestes auch gemeint ist, der Menschheit Erinnerungszeichen dafür zu geben, wie sie mit der elementarischen, wie sie mit der geistigen und physisch todbringenden Natur zusammenhängt, oder gewissermaßen Erinnerungszeichen dafür zu geben, daß der Mensch ein Geistiges in seinem Ätherleibe und in seinem astralischen Leibe in sich trägt. Nur vergessen sind diese Dinge in unseren Tagen. Sie werden wiederum an die Oberfläche kommen. wenn die Menschheit sich entschließen wird, für solche geistigen Dinge sich Verständnis zu erwerben.
[ 4 ] And if you take into account everything that has been said over the course of many years about the gradual dulling and dampening of humanity’s forces, you will be able to grasp how closely all the forces that dwell in our astral body are, in essence, connected to the events that have a dampening, even deadly, effect on human beings. Because we must develop our astral body during our lifetime, and because we must take in the spiritual within it, we thereby carry the seeds of death within us. It is entirely incorrect to believe that death is connected to life only in an external way: as has often been said in our circle, it is connected to it in the most intimate way. And our life is only what it is because we can die the way we do. But for human beings, this is connected to the entire development of their astral body. And it is, in turn, more than a mere comparison when we say to ourselves: Easter is like a symbol of everything connected with the human astral nature—that nature through which, in every sleep, a person departs from their physical body and enters the spiritual world, the very world from which descended that spiritual-divine being who experienced death through Jesus of Nazareth himself. And if one were to speak in an age when the sense for the spiritual was more alive than in our own time, what I have just said would be taken more as a reality, whereas in our time it is perhaps taken more as mere symbolism. And people would realize that the very institution of Christmas and Easter is also intended to provide humanity with reminders of how it is connected to the elemental, spiritual, and physically death-bringing nature—or, in a sense, to remind us that human beings carry a spiritual element within their etheric and astral bodies. But these things have been forgotten in our time. They will come to the surface again when humanity resolves to acquire an understanding of such spiritual matters.
[ 5 ] Wir tragen nun außer dem ätherischen Leibe und dem astralischen Leibe als Geistiges vor allen Dingen unser Ich in uns. Wir kennen die komplizierte Natur dieses Ich. Wir wissen aber auch, wie dieses Ich es ist, das von Inkarnation zu Inkarnation geht, wie die inneren Kräfte dieses Ich selbst bauend und bildend an demjenigen sind, das wir mit jeder neuen Inkarnation gewissermaßen anziehen. In diesem Ich erstehen wir aus jedem Tode von neuem zur Vorbereitung für eine neue Inkarnation. Dieses Ich ist auch dasjenige, was uns zu einer individuellen Wesenheit macht. Können wir sagen, daß uns unser Ätherleib in gewissem Sinne das Geburtsartige repräsentiert, das mit den elementarischen Kräften der Natur zusammenhängt, daß uns unser astralischer Leib das Todbringende symbolisiert, welches mit dem höheren Geistigen zusammenhängt, so können wir sagen, daß uns das Ich repräsentiert unser ständiges Wiederauferstehen im Geistigen, unser Wiederaufleben im Geistigen, in der gesamten geistigen Welt, die weder Natur ist, noch Sternenwelt ist, sondern dasjenige, was alles durchdringt. Und ebenso, wie man das Weihnachtsfest mit dem Ätherleib, das Osterfest mit dem astralischen Leib zusammenbringen kann, kann man das Pfingstfest mit dem Ich zusammenbringen, als dasjenige Fest, das uns die Unvergänglichkeit unseres Ich darstellt, das ein Merkzeichen für diese unvergängliche Welt unseres Ich ist, das ein Merkzeichen zugleich dafür ist, daß wir als Menschen nicht nur im allgemeinen Naturleben mitleben, nicht bloß durch Tode gehen, sondern daß wir als Menschen ein unsterbliches, immer wieder erstehendes individuelles Wesen sind. Und wie schön ist im Grunde genommen in der weiteren Ausgestaltung der Weihnachts-, Oster- und Pfingstidee dieses zum Ausdruck gekommen! Denken Sie sich: Das Weihnachtsfest steht im Zusammenhange mit den Erdenereignissen ganz unmittelbar, so wie es als Weihnachtsfest unter uns ist; es schließt sich unmittelbar an die Wintersonnenwende an, das heißt an diejenige Zeit, in welcher die Erde in tiefste Finsternis gehüllt ist. Gewissermaßen der GesetzmäRigkeit des Erdendaseins folgt man mit dem Weihnachtsfest: Wenn die Nächte am längsten, die Tage am kürzesten sind, wenn die Erde erstarrt ist, da zieht man sich in sich zurück und sucht das Geistige auf, insoferne es in der Erde lebt. Also ein Fest, das sozusagen an den Geist der Erde gebunden ist. Mit dem Weihnachtsfest werden wir gewissermaßen immer wieder und wiederum erinnert, wie wir als Erdenmenschen der Erde angehören, wie der Geist aus den Höhen der Welt herunterziehen mußte und irdische Gestalt annehmen mußte, um mit Erdenkindern selber Erdenkind zu sein.
[ 5 ] In addition to the etheric body and the astral body, we carry within us, above all else, our “I” as a spiritual entity. We are aware of the complex nature of this “I.” But we also know how this “I” passes from one incarnation to the next, and how the inner forces of this “I” itself help to build and shape that which we, so to speak, take on with each new incarnation. In this “I,” we are reborn anew from every death in preparation for a new incarnation. This “I” is also what makes us an individual being. If we can say that our etheric body, in a certain sense, represents the birth-like aspect connected with the elemental forces of nature, and that our astral body symbolizes the death-bringing aspect connected with the higher spiritual realm, then we can say that the “I” represents our constant resurrection in the spiritual realm, our revival in the spiritual realm, in the entire spiritual world, which is neither nature nor the world of the stars, but rather that which permeates everything. And just as one can associate Christmas with the etheric body and Easter with the astral body, so too can we associate Pentecost with the “I” as the festival that represents the immortality of our “I,” which is a symbol of this immortal world of our “I,” and at the same time a symbol of the fact that we, as human beings, do not merely participate in general natural life, do not merely pass through death, but that we, as human beings, are immortal, ever-resurgent individual beings. And how beautifully this has, in fact, been expressed in the further development of the ideas of Christmas, Easter, and Pentecost! Just consider: Christmas is directly connected to earthly events, just as it is celebrated among us; it follows immediately after the winter solstice—that is, the time when the earth is shrouded in deepest darkness. In a sense, Christmas follows the natural rhythm of earthly existence: when the nights are longest and the days shortest, when the earth is frozen, we withdraw into ourselves and seek out the spiritual, insofar as it lives within the earth. Thus, it is a festival that is, so to speak, bound to the spirit of the earth. Through the Christmas festival, we are, in a sense, reminded again and again how we, as earthly human beings, belong to the Earth, how the Spirit had to descend from the heights of the world and take on an earthly form in order to be an Earth child himself among Earth children.
[ 6 ] Anders mit dem Osterfest! Das Osterfest, Sie wissen es, ist angeknüpftan die Beziehung von Sonne und Mond. Es ist am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmonde, dem Vollmonde, der auf den 21. März folgt. Also aus der Verhältnisstellung der Sonne zum Mond sehen wir das Osterfest festgesetzt. Wir sehen also, in welch wunderbarer Weise das Weihnachtsfest an das Irdische, das Osterfest an das Kosmische angeknüpft ist. Wir werden gewissermaßen beim Weihnachtsfest an das Heiligste der Erde, beim Osterfest an das Heiligste des Himmels erinnert. In einer wunderschönen Weise hat sich verbunden für das christliche Pfingsten der Gedanke an etwas, das, man möchte sagen, noch über den Sternen ist. Das allgemein-geistige Weltenfeuer, das sich individualisiert und in den feurigen Zungen auf die Apostel herniederkommt, das Feuer, das weder bloß himmlisch, noch bloß irdisch ist, weder kosmisch, noch bloß tellurisch ist, das Feuer, das alles durchdringt, und das Feuer, das sich zugleich individualisiert und zu jedem einzelnen Menschen hingeht! An die ganze Welt angeschlossen ist das Pfingstfest. Wie das Weihnachtsfest an die Erde, wie das Osterfest an die Sternenwelt, so ist das Pfingstfest angeschlossen unmittelbar an den Menschen, insofern er den Funken des geistigen Lebens empfängt aus allen Welten. Wir sehen gewissermaßen dasjenige, was der Menschheit allgemein gegeben ist, indem der Gottmensch herunterzieht auf die Erde, für jeden einzelnen Menschen zubereitet in der feurigen Zunge des Pfingstfestes. Wir sehen da dasjenige repräsentiert in der feurigen Zunge, was im Menschen, in Welt und Sternen ist. Und so erhält gerade für denjenigen, der nach dem Geistigen sucht, dieses Pfingstfest einen besonders tiefen Inhalt, der immer wieder auffordert, neu nach dem Geistigen zu suchen. Ich möchte sagen, in unserer Zeit ist es vonnöten, diese Gedanken, auch diese festlichen Gedanken noch um ein Stückchen tiefer zu nehmen, als man sie in anderen Zeiten nimmt. Denn es wird viel davon abhängen, wie tief man solche Gedanken nehmen kann, in welcher Weise wir wiederum herauskommen aus den schmerzlich niederschlagenden Ereignissen dieser Zeit. Die Seelen werden sich herausarbeiten müssen, das fühlt man in einzelnen Kreisen heute schon. Und ich möchte sagen, gerade derjenige, der der Geisteswissenschaft nahegetreten ist, sollte in erhöhtem Maße mitfühlen diese Notwendigkeit der Zeit, die man ausdrücken kann als Notwendigkeit, das geistige Leben überhaupt wiederum zu beleben, hinauszukommen über den Materialismus. Man wird über den Materialismus nur hinauskommen, wenn der gute Wille dazu vorhanden ist, die geistige Welt in sich zu entfachen, gewissermaßen das Pfingstfest wirklich innerlich zu feiern und es innerlich ernst zu nehmen.
[ 6 ] It’s different with Easter! Easter, as you know, is linked to the relationship between the sun and the moon. It falls on the first Sunday after the spring full moon—the full moon that follows March 21. Thus, we see that the date of Easter is determined by the relative positions of the sun and the moon. We can thus see in what wonderful way Christmas is linked to the earthly realm, and Easter to the cosmic realm. At Christmas, we are reminded, as it were, of the holiest aspect of the earth; at Easter, of the holiest aspect of heaven. In a most beautiful way, the idea of something that—one might say—is even beyond the stars has become associated with the Christian feast of Pentecost. The universal spiritual fire of the worlds, which individualizes itself and descends upon the apostles in fiery tongues—the fire that is neither merely heavenly nor merely earthly, neither cosmic nor merely terrestrial—the fire that permeates everything, and the fire that at the same time individualizes itself and reaches out to every single human being! The Feast of Pentecost is connected to the whole world. Just as Christmas is connected to the earth, and Easter to the world of the stars, so is the Feast of Pentecost directly connected to human beings, insofar as they receive the spark of spiritual life from all worlds. We see, as it were, that which is given to humanity in general when the God-man descends to earth, prepared for each individual human being in the fiery tongues of the Feast of Pentecost. We see represented in the fiery tongues that which is present in human beings, in the world, and in the stars. And so, especially for those who seek the spiritual, this Feast of Pentecost takes on a particularly profound meaning, one that repeatedly calls us to seek the spiritual anew. I would like to say that in our time it is necessary to take these thoughts—including these festive thoughts—a little more deeply than they are taken in other times. For much will depend on how deeply one can take such thoughts, and on the way in which we will emerge from the painfully devastating events of our time. Souls will have to work their way out of this; one can already sense this in certain circles today. And I would like to say that precisely those who have drawn near to spiritual science should feel this necessity of our time with heightened sensitivity—a necessity that can be expressed as the need to revive spiritual life itself and to rise above materialism. We will only transcend materialism if there is the good will to kindle the spiritual world within ourselves—to, so to speak, truly celebrate the Feast of Pentecost inwardly and take it seriously within ourselves.
[ 7 ] Wir haben ja gerade in den Betrachtungen, die wir hier in den letzten Stunden angestellt haben, gesehen, wie schwer es der Menschheit heute gerade durch die Zeitverhältnisse wird, auf diesem Gebiete das Richtige zu finden. Auf der einen Seite haben wir heute eine Entwickelung von Kräften, die nicht genug zu bewundern sind, für die nicht genug Gefühle aufgefunden werden können, um ihnen entgegenzukommen. Aber wenn einmal Gefühle so notwendig werden für das Geistige, dann wird man schon sehen, wie notwendig es ist, daß dieses innere Pfingstfest von der Menschenseele gefeiert werden könne, daß die Menschenseele dieses innere Pfingstfest nicht vergesse. Nicht Sie, die jahrelang teilgenommen haben an diesen Betrachtungen, aber andere könnten leicht meinen, es läge etwas Hypochondrisches, etwas von Kritikasterei in manchem, was in den letztverflossenen Betrachtungen hier vorgebracht worden ist. Es scheint mir dies nicht der Fall zu sein, sondern es scheint mir im Gegenteil durch und durch notwendig zu sein, daß auf solche Dinge hingesehen wird, wie sie eben gerade in den letzten Betrachtungen vorgebracht worden sind, damit man weiß, wo man gerade geistig anzugreifen hat im Entwickelungsgange der Menschheit. Und ich möchte sagen: Es sehen schon auch einzelne andere, worauf es in unserer Gegenwart ankommt.
[ 7 ] In the reflections we have been making here over the past few hours, we have seen just how difficult it is for humanity today—precisely because of the circumstances of our times—to find the right path in this area. On the one hand, we are witnessing today a development of forces that cannot be admired enough, for which no feelings can be found that are sufficient to meet them. But once feelings become so necessary for the spiritual, then it will become clear just how essential it is that this inner Pentecost be celebrated by the human soul—that the human soul not forget this inner Pentecost. Not you, who have participated in these reflections for years, but others might easily think that there is something hypochondriacal, something critical, in some of what has been presented here in the most recent reflections. It does not seem to me that this is the case; on the contrary, it seems to me to be absolutely necessary to consider such matters as have just been raised in the recent meditations, so that we may know where to focus our spiritual efforts in the course of human development. And I would like to say: There are indeed others who also see what is essential in our present time.
[ 8 ] Eine hübsche Broschüre ist erschienen von dem Urenkel Schillers, Alexander von Gleichen-Rußwurm: «Kultur- Aberglaube», im Forum-Verlag in München. Ich mußte mich erinnern beim Lesen dieser Broschüre an manches, was ich genötigt war, zu Ihnen hier zu sprechen. Davon zu sprechen war ich Ja genötigt, wie Geisteswissenschaft nicht bloß unlebendig bleiben soll, nicht bloß eine Theorie bleiben, sondern einfließen soll in die Seele, so daß sie unser Denken belebt, so daß dieses Denken wirklich umsichtig wird, beweglich wird, um in die Aufgaben der Gegenwart eindringen zu können. Lassen Sie mich gerade im Anschluß an diesen Satz von der Notwendigkeit der Belebung des Denkens einige Sätze aus der Broschüre «Kultur-Aberglaube» von Alexander von GleichenRußwurm anführen. Er sagt:
[ 8 ] A lovely brochure has been published by Schiller’s great-grandson, Alexander von Gleichen-Rußwurm: Kultur-Aberglaube (Cultural Superstition), by Forum-Verlag in Munich. While reading this booklet, I was reminded of many things I felt compelled to speak to you about here. I was indeed compelled to speak of this—namely, how spiritual science should not merely remain lifeless, should not remain merely a theory, but should flow into the soul so that it enlivens our thinking, so that this thinking becomes truly discerning and flexible, enabling it to penetrate the challenges of the present. Following on from this statement about the necessity of enlivening thought, let me quote a few sentences from the pamphlet Cultural Superstition by Alexander von Gleichen-Rußwurm. He says:
[ 9 ] «Denn, wenn uns alle ein Teil der tragischen Schuld in dieser furchtbaren Tragödie belastet, so ist es, weil wir alle in ganz Europa trotz Kultur, Schulen und Bildungsmöglichkeiten das selbständige Denken immer mehr eingebüßt haben.
[ 9 ] “For if we are all burdened by a share of the tragic guilt in this terrible tragedy, it is because, throughout Europe, despite our culture, schools, and educational opportunities, we have increasingly lost our ability to think for ourselves.
[ 10 ] Gedankenfreiheit, umsonst hatten dich die größten Dichter im Menschheitsnamen gefordert. Du erschlafftest, erstarbst, du sankst dahin und warst wie tot! Unfrei plapperten wir nach, gebunden war unsere Denkkraft, lahm und müd.
[ 10 ] Freedom of thought—it was not for nothing that the greatest poets had demanded you in the name of humanity. You grew weak, you withered away, you sank into oblivion and were as good as dead! Unfree, we parroted others; our power of thought was bound, crippled and weary.
[ 11 ] Wir hatten zu allem Zeit, Lust und Ehrgeiz, außer dem eigentlichen Denken. Sogar hier» — wohlgemerkt, nicht ich sage es: der Schiller-Enkel Gleichen-Rußwurm sagt es! — «im einstigen Land der Denker war der Gedanke der erhabene Fremdling, ein seltener, nur mit Unbehagen gesehener Gast.
[ 11 ] We had time, enthusiasm, and ambition for everything except actual thinking. “Even here”—mind you, it’s not me saying this: Schiller’s grandson, Gleichen-Rußwurm, says it!—“in the former land of thinkers, thought was the sublime stranger, a rare guest viewed only with unease.
[ 12 ] Lesen und Schreiben nützt uns nicht, ja es schadet nur, wenn wir nicht zu denken verstehen.
[ 12 ] Reading and writing are of no use to us—indeed, they are only harmful—if we do not know how to think.
[ 13 ] In letzter Zeit war alles dazu angetan, das Denken abzugewöhnen. Unsere Erziehung, Kunst, Erholung, Arbeit, Geselligkeit, Reisen und Zuhausesein.
[ 13 ] Lately, everything has been geared toward weaning us off thinking: our education, art, leisure, work, social life, travel, and time at home.
[ 14 ] Echte Kultur aber sollte vor allem denken lehren, denn bloße Gefühle und Instinkte genügen nicht, um ein erträgliches Zusammenleben der Menschen untereinander, der Völker untereinander zu ermöglichen.
[ 14 ] True culture, however, should above all teach people to think, for mere feelings and instincts are not enough to enable people and nations to live together in a tolerable manner.
[ 15 ] Dazu nötig ist ein gesunder, sorgfältig geschulter politischer Verstand.»
[ 15 ] “This requires a sound, carefully cultivated political mind.”
[ 16 ] Und weit zurück, im Grunde genommen, verfolgt GleichenRußwurm, der Urenkel Schillers, dieses, daß wir verlernt haben zu denken. Er sagt:
[ 16 ] And going back a long way, in essence, GleichenRußwurm—Schiller’s great-grandson—argues that we have forgotten how to think. He says:
[ 17 ] «Seit dem Wiener Kongreß — 1815 — haben sich die Völker eine gewisse Mühe gegeben, sich miteinander auf diesem Stern häuslich einzurichten. Unzählige Verträge, Versuche aller Art zeugen davon. Man glaubte durch Erringen von Verfassungen, Wahlrechten wirklichen Anteil an der Regierung zu erhalten und sein Schicksal selbst zu bestimmen», — und so weiter.
[ 17 ] “Since the Congress of Vienna—in 1815—the nations have made a certain effort to settle down together on this planet. Countless treaties and attempts of all kinds bear witness to this. People believed that by securing constitutions and suffrage, they could gain a real share in government and determine their own destiny”—and so on.
[ 18 ] Aber dann sagt er: Ohne das Denken geht es nicht. — Er sagt das, indem er ein merkwürdiges Bild entwirft von der Gegenwart, von jener Gegenwart, an die wir immer denken müssen, die wir eigentlich in keinem Augenblick vergessen können.
[ 18 ] But then he says: It won’t work without thinking. — He says this by painting a strange picture of the present—that present we must always think about, the one we can’t really forget for even a moment.
[ 19 ] «Nein! Wir hatten es noch nicht herrlich weit gebracht, wenn das alles Wirklichkeit werden konnte, was sonst nur hirnverbrannte Dichter gefabelt, ein solch namenlos tolles Durcheinander, phantastischer als je zur Zeit der Völkerwanderung. Senegalneger mordeten unsere Dichter, Kunstgelehrte putzten Pferde, Professoren hüteten Schafe.» — Es ist wahrhaftig nicht zum Lachen! — «Theaterdirektoren gaben telephonisch Todesbefehle weiter, fromme Inder versuchten auf unseren Schlachtfeldern nach ihrem uralten Ritus korrekt zu sterben. Kunstbauten sanken in Trümmer und Unterstände entstanden, würdig der Höhlenmenschen. Der Millionär hungerte und kämpfte mit Ungeziefer, indes der Bettler sich im alten Schloß an verlassene Prunktafeln setzte. Zweifelhafte Existenzen wurden rehabilitiert und die harmlosesten Leute schmachteten als Zivilgefangene im Gefängnis und starben darin.»
[ 19 ] “No! We hadn’t come very far indeed if all that could become reality—things that otherwise only outlandish poets would dream up, such a nameless, crazy jumble, more fantastical than ever even during the Migration Period. Senegalese murderers killed our poets, art historians groomed horses, and professors herded sheep.” — It’s truly no laughing matter! — “Theater directors issued death orders over the phone, and devout Indians tried to die properly on our battlefields according to their ancient rites. Architectural masterpieces crumbled into ruins, and shelters sprang up, worthy of cave dwellers. The millionaire starved and battled vermin, while the beggar sat down to abandoned banquets in the old castle. Doubtful characters were rehabilitated, and the most harmless people languished as civilian prisoners in jail and died there.”
[ 20 ] Es ist gewissermaßen dasjenige, was anregte den Enkel Schillers, den Gedanken von der Notwendigkeit einer Belebung des Denkens zu hegen. Ich kann allerdings in seiner Broschüre und auch in seinen sonstigen Schriften nicht finden, daß er darauf ausgeht, die richtigen Quellen zur Belebung des Denkens zu suchen.
[ 20 ] In a sense, this is what inspired Schiller’s grandson to entertain the idea of the need to revitalize thought. However, I cannot find any indication in his pamphlet or in his other writings that he set out to seek the proper sources for revitalizing thought.
[ 21 ] Ja, das aber ist auch gar nicht so leicht in der Gegenwart, das Pfingstfest in der Seele zu feiern. Hier habe ich das Buch eines Mannes, der sich eigentlich in der letzten Zeit ganz redliche Mühe gegeben hat, sogar Goethe zu verstehen, soweit er das eben in seinen Möglichkeiten finden konnte, der sogar sich redliche Mühe gegeben hat, etwas an unsere Geisteswissenschaft heranzukommen. Und gerade dieser Mann, der sich, wie gesagt, in den letzten Jahren redliche Mühe gegeben hat, Goethe zu verstehen, der jetzt ungeheuer froh ist, daß er anfängt, Goethe zu verstehen, gerade dieser Mann — es ist sehr, sehr charakteristisch für die Schwierigkeiten, die der Mensch hat, hineinzukommen in ein geistiges Leben heute — hat, bevor er das getan hat, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, geschrieben 1, 2, 3, 4, 5 9 Romane, 1, 2, 3 — 14 Theaterstücke, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 EssayBücher. Und jetzt sagt er in dem letzten Buch, welches also das zehnte Essay-Buch ist, daß er nun froh ist, daß er endlich an Goethe herangekommen ist und versuchen kann, Goethe zu verstehen. Und man sieht schließlich auch aus diesem zehnten Essay-Buch, daß er sich alle redliche Mühe gibt, Goethe zu verstehen. Aber bedenken Sie doch, was das alles heißt, daß ein Mann, der heute so viele Romane, so viele Theaterstücke geschrieben hat, der ein ganz bekannter Mann ist, jetzt in seinem etwa fünfzigsten oder einundfünfzigsten Jahre gesteht, daß er nun dazu kommt, Goethe einigermaßen zu verstehen. Es ist das eine bedeutsame Tatsache. Nun, dieses neueste Buch, das hat den Titel «Expressionismus». Der Mann, der es geschrieben hat, heißt Hermann Bahr. Und Hermann Bahr ist auch der Mann, von dem ich Ihnen sage, daß er sich alle redliche Mühe gibt, jetzt ein bißchen in die Lektüre Goethes hineinzukommen. Es sind da noch nicht einmal alle Theaterstücke angeführt, denn er hat noch mehr geschrieben, nur die früheren verleugnet er. Es ist mir auch gerade nicht schwer, über diesen Mann zu sprechen, aus dem einfachen Grunde, weil ich ihn kenne seit seiner Studentenzeit, und weil ich ihn ganz gut früher gekannt habe. Sehen Sie, das ist ein Mann, der eigentlich über alles geschrieben und mancherlei sehr Gutes geschrieben hat und der von sich sagt: Er war eigentlich sein Leben lang, weil er einmal in der Zeit des Impressionismus geboren war, Impressionist. Machen wir uns nun mit ein paar Worten klar, was eigentlich Impressionismus ist. Wir wollen jetzt nicht über Kunstfragen streiten, aber machen wir uns klar, was gerade solche Leute, wie Hermann Bahr einer ist, denken über Impressionismus. Wenn man noch zurückdenkt an die Kunst Goethes, so sehen ja Goethe — auch Schiller, Shakespeare, Corneille, Racine, Dante, wen Sie wollen — das Große ihrer Kunst darinnen, daß sie die äußere Welt wahrnehmen und sie dann geistig verarbeiten. Das äußere Wahrgenommene vereinigt sich in der Kunst mit dem, was im Geistigen lebt. Kunstwerke, die weniger dasjenige anstreben, was Vereinigung des Geistes mit der Natur ist, ließ Goethe gar nicht als Kunstwerke gelten. Aber in der neueren Zeit ist etwas heraufgestiegen, was man Impressionismus genannt hat, und Hermann Bahr war aufgewachsen mit dem Impressionismus und war selber, wie er sich bewußt ist, Impressionist in allem. Wenn er Gemälde beurteilt hat — er hat ja viele Essays über die Malerei geschrieben —, war es vom Standpunkte des Impressionismus aus. Wenn er selber darüber geschrieben hat, wollte er Impressionist sein, und er war es in seiner Art, er ist es in seiner Art. Nun, was versteht ein solcher Mensch unter Impressionismus in der Kunst? Ja, unter Impressionismus versteht er, daß man eigentlich eine heillose Angst davor hat, aus der Seele selber etwas zu dem dazuzutun, was der äußere Eindruck von der Natur hergibt. Ja nichts von der Seele selber hinzutun! Musik könnte ja dann eigentlich überhaupt nicht zustande kommen; aber die Musik schließt er aus. Architektur kann auch nicht zustande kommen. Architektur und Musik können daher auch niemals rein impressionistisch sein. Aber in der Malerei, in der Dichtung, da geht es schon. Also möglichst ausschließen dasjenige, was die Seele selbst gibt! Daher versuchte die impressionistische Malerei gewissermaßen ein Bild von irgend etwas darzustellen in dem Augenblicke, wo man’s noch gar nicht recht angeschaut hat, wo man noch gar nicht irgendwie den Eindruck innerlich verarbeitet hat. Wie gesagt: Anschauen — aber nun, möglichst bevor man irgend etwas von sich zu dem Bild hinzugebracht hat, das den Eindruck hervorruft, es gleich festhalten: Impressionismus! Diesen Impressionismus hat man natürlich in der verschiedensten Weise aufgefaßt; aber das ist das Wesentliche.
[ 21 ] Yes, but it’s not at all easy these days to celebrate Pentecost in one’s soul. Here I have a book by a man who has actually made a sincere effort in recent years to understand even Goethe, to the extent that he was able to, and who has even made a sincere effort to gain some insight into our spiritual science. And this very man—who, as I said, has made a sincere effort in recent years to understand Goethe, and who is now immensely happy that he is beginning to understand Goethe—this very man—and this is very, very characteristic of the difficulties people face in entering into a spiritual life today—had, before doing what I have just told you, written 1, 2, 3, 4, 5, 9 novels, 1, 2, 3—14 plays, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 books of essays. And now, in his latest book—which is thus his tenth book of essays—he says that he is now glad to have finally come to terms with Goethe and to be able to try to understand him. And one can indeed see from this tenth book of essays that he is making every sincere effort to understand Goethe. But just consider what all this means: that a man who has written so many novels and so many plays today—a man who is quite well-known—now, at about fifty or fifty-one years of age, admits that he is only now beginning to understand Goethe to some extent. That is a significant fact. Well, this latest book is titled Expressionism. The man who wrote it is named Hermann Bahr. And Hermann Bahr is also the man I’m telling you about—the one who is making every sincere effort to now get a little deeper into reading Goethe. Not even all of the plays are listed there, for he has written even more; he simply disowns the earlier ones. It’s not difficult for me to speak about this man, for the simple reason that I’ve known him since his student days, and because I used to know him quite well. You see, this is a man who has actually written about everything and produced many excellent works, and who says of himself: He was, in fact, an Impressionist his whole life, simply because he was born during the Impressionist era. Let’s now clarify in a few words what Impressionism actually is. We don’t want to argue about questions of art right now, but let’s make it clear what people like Hermann Bahr think about Impressionism. If we think back to Goethe’s art—and indeed to that of Schiller, Shakespeare, Corneille, Racine, Dante, or whoever you like—the greatness of their art lies in the fact that they perceive the external world and then process it spiritually. In art, what is perceived externally unites with what lives in the spiritual realm. Goethe did not consider works of art that strive less toward this union of the spirit with nature to be works of art at all. But in more recent times, something has emerged that has been called Impressionism, and Hermann Bahr grew up with Impressionism and was himself, as he is well aware, an Impressionist in every respect. When he judged paintings—he did, after all, write many essays on painting—he did so from the standpoint of Impressionism. When he wrote about it himself, he wanted to be an Impressionist, and he was one in his own way; he is one in his own way. Now, what does such a person understand by Impressionism in art? Well, by Impressionism he means that one actually has a hopeless fear of adding anything from the soul itself to what the external impression of nature provides. Yes, adding nothing from the soul itself! Music, then, could not actually come into being at all; but he excludes music. Architecture cannot come into being either. Architecture and music can therefore never be purely Impressionist. But in painting and poetry, it is possible. So, exclude as much as possible what the soul itself provides! That is why Impressionist painting attempted, in a sense, to depict an image of something at the very moment when one has not yet really looked at it, when one has not yet processed the impression internally in any way. As I said: looking—but now, if possible, before one has contributed anything of one’s own to the image that evokes the impression, capturing it immediately: Impressionism! This Impressionism has, of course, been interpreted in a wide variety of ways; but that is the essence.
[ 22 ] Hermann Bahr ist ein Mensch, der, wie ich einmal auch schon in Berlin in einem öffentlichen Vortrag gesagt habe, immer mit größtem Enthusiasmus für dasjenige eintritt, was er augenblicklich für richtig hält. Hermann Bahr war, als er zuerst an die Hochschule in Wien gekommen war, sehr, sehr eingenommen für den Sozialismus, schwärmte für den Sozialismus, war einer der glühendsten Sozialdemokraten, die man sich denken kann. Eines der verleugneten Dramen, «Die neuen Menschen», ist vom sozialistischen Standpunkte aus geschrieben. Ich glaube nicht, daß man es heute noch bekommt, es sind Reden darinnen, sozialdemokratische Reden, die Männer und Frauen halten, die über viele, viele Seiten gehen; das kann man überhaupt nicht aufführen. Dann entwickelte sich in Wien mehr die deutschnationale Bewegung. Hermann Bahr wurde ein glühender Nationaler und schrieb seine «Große Sünde». Die steht natürlich nicht drinnen, die ist heute auch verleugnet. Dann wurde Hermann Bahr, nachdem er Sozialist und Nationaler gewesen war, so alt, wie man in Österreich wird, wenn man gemustert wird, wurde Soldat mit neunzehn Jahren. Er hatte den Sozialismus und den Nationalismus hinter sich, wurde nun Soldat und wurde ein «glühender» Soldat, eignete sich eine ganz soldatische Weltanschauung an. Er war ein Jahr Soldat, Einjährig-Freiwilliger. Dann ging er für kurze Zeit nach Berlin. In Berlin wurde er — nicht glühender Berliner! Das konnte er am allerwenigsten leiden! Also glühender Berliner wurde er nie. Aber dann ging er nach Paris. Und da wurde er glühender Anhänger von Maurice Barr&s und ähnlichen Leuten, wurde auch — Boulanger hat dazumal gerade eine große Rolle gespielt — glühender Boulangist. Ich möchte nicht alte Dinge aufrühren und es Ihnen deshalb auch nicht erzählen, welche glühenden boulangistischen Briefe dazumal der enthusiasmierte Hermann Bahr aus Paris schrieb. Dann ging er nach Spanien, wurde entflammt für die spanische Kultur, so stark, daß er Artikel schrieb gegen den Sultan von Marokko und die Gemeinheit, die dieser beging gegenüber der spanischen Politik. Dann ging er wiederum zurück nach Berlin und redigierte hier kurz an der «Freien Bühne», wurde aber nicht glühender Berliner. Dann ging er zurück und entdeckte nacheinander in verschiedenen Stadien Österreich! Er ist nämlich ein Linzer. Ach, pardon, er ging ja auch nach Petersburg und schrieb sein Buch über Rußland, wurde glühender Russe. Das liegt noch dazwischen. Dann ging er zurück und entdeckte Österreich in den verschiedensten Partien, in allen Kulturgeschichten und so weiter. Immer sehr geistreich, manchmal geistvoll. Bahr ist wirklich immer bestrebt gewesen, dasjenige, was er gesehen hat, so zu geben, daß er es nicht geistig weiter verarbeitete, sondern nur den ersten Eindruck gab. Nun denken Sie sich, das geht ja auch sehr gut, wenn man nur den ersten Eindruck gibt. Sozialist: nichts weiter als den ersten Eindruck; Deutsch-Nationaler: nichts weiter als den ersten Eindruck; Boulangist: nichts weiter als den ersten Eindruck; Russe, Spanier und so weiter. Und jetzt hat er die verschiedenen Sphären des Österreichertums gesucht. Eine außerordentlich interessante Erscheinung in unserem Geistesleben, da ist gar kein Zweifel! — Nun denken Sie, da ist er fünfzig Jahre alt geworden, und nun plötzlich taucht der Expressionismus auf, das Gegenteil des Impressionismus.
[ 22 ] Hermann Bahr is a man who, as I once said in a public lecture in Berlin, always advocates with the greatest enthusiasm for whatever he currently considers to be right. When Hermann Bahr first arrived at the university in Vienna, he was very, very taken with socialism; he raved about socialism and was one of the most ardent social democrats one could imagine. One of his rejected plays, Die neuen Menschen (The New People), was written from a socialist perspective. I don’t think you can still get it today; it contains speeches—Social Democratic speeches—delivered by men and women that span many, many pages; it’s simply impossible to stage. Then the German nationalist movement began to gain more traction in Vienna. Hermann Bahr became a fervent nationalist and wrote his The Great Sin. Of course, that’s not included in the collection; it, too, is now disavowed. Then Hermann Bahr, after having been a socialist and a nationalist, reached the age at which one is conscripted in Austria—he became a soldier at the age of nineteen. He had left socialism and nationalism behind him; he now became a soldier—and a “fervent” one at that—adopting a thoroughly military worldview. He served for one year as a one-year volunteer. Then he went to Berlin for a short time. In Berlin, he became—not a fervent Berliner! That was the very thing he could least stand! So he never became a fervent Berliner. But then he went to Paris. And there he became a fervent follower of Maurice Barr&s and similar figures, and also—Boulanger was playing a major role at the time—a fervent Boulangist. I don’t want to stir up old matters, so I won’t tell you about the fervent Boulangist letters that the enthusiastic Hermann Bahr wrote from Paris back then. Then he went to Spain and became so passionate about Spanish culture that he wrote articles against the Sultan of Morocco and the meanness he displayed toward Spanish politics. Then he returned to Berlin and briefly edited the Freie Bühne there, though he never became a fervent Berliner. Then he went back and discovered Austria, bit by bit, in various stages! He is, after all, from Linz. Oh, pardon me—he also went to St. Petersburg and wrote his book on Russia, becoming a fervent Russian. That happened in between. Then he went back and discovered Austria in its most diverse aspects, in all its cultural histories, and so on. Always very witty, sometimes insightful. Bahr has truly always strived to present what he saw in such a way that he didn’t process it further intellectually, but merely conveyed the first impression. Now just imagine—that works very well, too, if you simply convey the first impression. Socialist: nothing more than the first impression; German nationalist: nothing more than the first impression; Boulangist: nothing more than the first impression; Russian, Spaniard, and so on. And now he has sought out the various spheres of Austrian identity. An extraordinarily interesting phenomenon in our intellectual life—there’s no doubt about that! —Now just think: he had reached the age of fifty, and suddenly Expressionism emerged—the opposite of Impressionism.
[ 23 ] Hermann Bahr spricht schon seit einer Reihe von Jahren — oder sprach schon seit einer Reihe von Jahren — immer in Danzig. Da fährt er immer durch Berlin durch! Die Danziger hat er nämlich sehr gern. Er behauptet, daß, wenn er vor den Danzigern spreche, sie ihm immer besonders geistvolle Gedanken eingäben, was eigentlich sonst in gar keiner deutschen Stadt der Fall wäre, wie just in Danzig. So wurde er aufgefordert — nun auch von den Danzigern —, über den Expressionismus zu reden. Aber er war sein ganzes Leben lang Impressionist! Nun, nicht wahr, man muß sich nur denken, was das für Hermann Bahr hieß. Er ist sein ganzes Leben Impressionist. Jetzt taucht der Expressionismus erst auf. Wie er ganz jung war und anfing, Impressionist zu werden, da waren die Leute von den impressionistischen Bildern keineswegs entzückt, sondern das ganze Philisterium sah — selbstverständlich andere auch — die impressionistischen Bilder für eine Kleckserei an. Das mag ja auch in bezug auf manches richtig sein, darüber wollen wir uns, wie gesagt, jetzt nicht streiten. Aber Hermann Bahr «glühte», und wenn man nur irgend etwas sagte gegen ein impressionistisches Bild, war man selbstverständlich ein philiströser, ein ganz furchtbarer Schafskopf, der nichts anderes behält als dasjenige, was seit uralten Zeiten hergebracht ist, der sich nicht aufschwingen kann zu den Fortschritten der Menschheit. Ja, solche Reden konnte man von Hermann Bahr viele hören. Mancher war da ein Schafskopf!
[ 23 ] Hermann Bahr has been speaking in Danzig for a number of years now—or rather, he used to speak there for a number of years. He always passes through Berlin on his way there! He is, in fact, very fond of the people of Danzig. He claims that when he speaks before the people of Danzig, they always inspire him with particularly witty thoughts—something that is actually not the case in any other German city, but only in Danzig. So he was asked—now by the people of Danzig as well—to speak about Expressionism. But he had been an Impressionist his whole life! Well, don’t you think so? Just imagine what that meant for Hermann Bahr. He’s been an Impressionist his whole life. Now Expressionism is just emerging. When he was very young and starting out as an Impressionist, people were by no means enchanted by Impressionist paintings; rather, the whole philistine crowd—and others, of course—regarded Impressionist paintings as nothing but daubing. That may well be true in some respects; as I said, we won’t argue about that now. But Hermann Bahr was “on fire,” and if you said even the slightest thing against an Impressionist painting, you were, of course, a philistine, a truly dreadful blockhead who clings to nothing but what has been handed down since time immemorial, someone incapable of rising to the level of humanity’s progress. Yes, one could hear plenty of such talk from Hermann Bahr. There were quite a few “sheep’s heads” out there!
[ 24 ] Es gab in Wien ein Kaffeehaus, das sogenannte Cafe Griensteidl, da wurden diese Fragen immer entschieden. Heute besteht es nicht mehr; es war vis-a-vis dem alten Kleinen Burgtheater, am Michaeler Platz. Karl Kraus, den man in Wien auch den «frechen Kraus» nennt, der kleine Hefte herausgibt, schrieb dann ein Büchelchen über das Café Griensteidl, das schon im Jahre 1848 Lenau und Anastasius Grün zu seinen Gästen hatte. Als es demoliert wurde, schrieb er ein Büchelchen: «Die demolierte Literatur». — Da konnte man schon viel hören von dem Aufkommen des Impressionismus. Nun redete Hermann Bahr seit Jahren viel über Impressionismus, der sich so durchzog wie ein roter Faden durch seine übrigen Verwandlungen. Nun wurde er aber selber älter. Es kamen die Expressionisten, Kubisten, Futuristen, die wieder sagten, die Impressionisten von der Sorte des Hermann Bahr wären ganz öde Schafsköpfe, die das Frühere nur aufwärmen. Und nun fand Hermann Bahr, daß das im Grunde genommen ja die andere Welt gar nicht so furchtbar berührt: Dieselbe Erscheinung! Aber ihn ärgerte es, denn er sagte sich: Ich hab’s ja in der Jugend ebenso gemacht, ich habe die anderen alle Schafsköpfe genannt, und jetzt soll ich auch ein Schafskopf sein. Und warum sollen diejenigen, die mich jetzt Schafskopf nennen, weniger recht haben, mich Schafskopf zu nennen, als ich, der ich die anderen dazumal Schafskopf genannt habe? — Nicht wahr, also eine schlimme Geschichte! Da gab es natürlich kein anderes Mittel, sintemalen Hermann Bahr auch noch aufgefordert wurde von den Danzigern, die er so liebte, über den Expressionismus zu reden, als sich mit dem Expressionismus etwas näher zu beschäftigen. Und nun handelt es sich darum, für den Expressionismus eine richtige Formel zu finden. Wirklich, ich mache mich nicht lustig über Hermann Bahr, ich habe ihn sehr gern und ich möchte ihn in jeder Weise verteidigen — ich meine: Ich habe ihn als geistige Erscheinung sehr gern.
[ 24 ] There was a coffeehouse in Vienna called Café Griensteidl, where these questions were always settled. It no longer exists; it was across from the old Kleines Burgtheater, on Michaeler Platz. Karl Kraus—known in Vienna as the “cheeky Kraus,” who published small pamphlets—later wrote a little book about the Café Griensteidl, which had already welcomed Lenau and Anastasius Grün as guests as early as 1848. When it was demolished, he wrote a little book titled “The Demolished Literature.” — By then, there was already much talk of the rise of Impressionism. Hermann Bahr, for years, had spoken at length about Impressionism, which ran like a common thread through his other transformations. But now he himself was getting older. Along came the Expressionists, Cubists, and Futurists, who in turn claimed that Impressionists of Hermann Bahr’s ilk were nothing but dull-witted fools who were merely rehashing the past. And now Hermann Bahr found that, when it came down to it, this didn’t really bother the other world all that much: the same old story! But it annoyed him, for he said to himself: I did the very same thing in my youth; I called all the others sheep’s heads, and now I’m supposed to be a sheep’s head myself. And why should those who now call me a sheep’s head be any less justified in calling me that than I was when I called the others sheep’s heads back then? — Isn’t that a terrible story! Of course, there was no other option—especially since Hermann Bahr had also been asked by the people of Danzig, whom he loved so dearly, to speak about Expressionism—than to take a closer look at Expressionism. And now the task is to find the right formula for Expressionism. Really, I’m not making fun of Hermann Bahr; I like him very much and would like to defend him in every way—I mean: I like him very much as an intellectual figure.
[ 25 ] Aber nun handelte es sich für ihn darum, mit dem Expressionismus zurechtzukommen. Nicht wahr, fünfzig Jahre alt geworden zu sein, nur um für die folgende Generation ein Schafskopf zu sein, das genügt schließlich einem geistig regsamen Menschen nicht, insbesondere wenn man vor den Danzigern, die einem so gute Gedanken eingeben, über den Expressionismus zu sprechen hat. Nun, vielleicht haben Sie schon expressionistische, kubistische, futuristische Bilder gesehen. Die meisten Leute sagen, wenn sie sie sehen: Ja, wir haben uns viel gefallen lassen, aber da können wir schon nicht mehr mitgehen! — Nicht wahr: Leinwand, Striche, weiße, die von oben nach unten gehen, rote Striche hindurch, dann irgendwie noch etwas da drinnen, das nicht erinnert an ein Blatt oder an ein Haus oder an einen Baum oder an einen Vogel, sondern eher an alles zusammen und wiederum an keines von allem. — Aber selbstverständlich konnte Hermann Bahr das nicht so sagen. Ja, was ist das? Nun kam er darauf, was das eigentlich ist, denn er ist wirklich ein Grübler und ist immer mehr zum Grübler geworden durch seine verschiedenen Metamorphosen. Jetzt sagte er sich — unter dem Einfluß der Inspiration der Danziger, selbstverständlich —: Die Impressionisten haben die Natur genommen, sie rasch festgehalten, Ja nichts innerlich verarbeitet; die Expressionisten machen das Gegenteil. — Das machen sie auch! Hermann Bahr hat sie schon verstanden: Sie sehen sich die Natur überhaupt nicht an! Das meine ich jetzt ganz ernst: Sie sehen sich in der Natur überhaupt nichts an, sondern sie sehen nur innerlich. Das heißt also, was da auch draußen ist in der Natur, ob Häuser, Flüsse, Elefanten, Löwen, das interessiert den Expressionisten nicht, denn er sieht innerlich. Nun sagte sich Hermann Bahr: Wenn man innerlich sehen will, dann muß ein innerliches Sehen möglich sein. — Und was tut er? Jetzt wendet er sich an Goethe, liest allerlei bei Goethe wie zum Beispiel das Folgende. Goethe erzählt:
[ 25 ] But now the challenge for him was to come to terms with Expressionism. After all, isn’t it true that reaching the age of fifty only to be a fool in the eyes of the next generation is simply not enough for a mentally active person—especially when one has to discuss Expressionism in front of the people of Danzig, who inspire such good thoughts? Well, perhaps you’ve already seen Expressionist, Cubist, and Futurist paintings. Most people say when they see them: “Yes, we’ve put up with a lot, but we just can’t go along with this anymore!”—Isn’t that right: canvas, strokes, white ones running from top to bottom, red strokes crisscrossing them, then somehow something else in there that doesn’t resemble a leaf or a house or a tree or a bird, but rather all of them together and yet none of them at all.—But of course Hermann Bahr couldn’t put it that way. Yes, what is that? Now it dawned on him what it actually was, for he is truly a brooder and has become more and more of a brooder through his various metamorphoses. Now he said to himself—under the influence of the Danziger’s inspiration, of course—: The Impressionists took nature, captured it quickly, yes, without processing it internally; the Expressionists do the opposite. — That’s exactly what they do! Hermann Bahr has already understood them: They don’t look at nature at all! I mean that quite seriously: They don’t look at anything in nature at all, but they only see inwardly. That means, whatever is out there in nature—whether houses, rivers, elephants, or lions—doesn’t interest the Expressionist, because he sees inwardly. Now Hermann Bahr said to himself: If one wants to see inwardly, then inward seeing must be possible. — And what does he do? He turns to Goethe, reading all sorts of things in Goethe, such as the following. Goethe recounts:
[ 26 ] «Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen schloß und mit niedergesenktem Haupte mir in der Mitte des Sehorgans eine Blume dachte, so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten Gestalt, sondern sie legte sich auseinander und aus ihrem Innern entfalteten sich wieder neue Blumen aus farbigen, wohl auch grünen Blättern; es waren keine natürlichen Blumen, sondern phantastische, jedoch regelmäßig wie die Rosetten der Bildhauer.»
[ 26 ] “I had the gift that whenever I closed my eyes and, with my head bowed, imagined a flower in the center of my vision, it did not remain in its original form for even a moment, but rather spread apart, and from its center new flowers unfolded from colorful—and perhaps even green—leaves; they were not natural flowers, but fantastical ones, yet as regular as the rosettes of a sculptor.”
[ 27 ] Das konnte Goethe tun: Er schloß die Augen, dachte sich eine Blume — da stand sie auch schon als Geistgestalt; und dann verwandelt sie sich von selber!
[ 27 ] Goethe could do that: He closed his eyes, imagined a flower—and there it was, already appearing as a spiritual form; and then it transformed itself!
[ 28 ] «Es war unmöglich, die hervorquellende Schöpfung zu fixieren, hingegen dauerte sie so lange, als mir beliebte, ermattete nicht und verstärkte sich nicht. Dasselbe konnte ich hervorbringen, wenn ich mir den Zierat einer buntgemalten Scheibe dachte, welcher denn ebenfalls aus der Mitte gegen die Peripherie sich immerfort veränderte, völlig wie die in unseren Tagen erst erfundenen Kaleidoskope ..
[ 28 ] “It was impossible to capture the surging creation; yet it lasted as long as I wished, neither waning nor intensifying. I could produce the same effect when I imagined the ornamentation of a colorfully painted disc, which likewise changed continuously from the center toward the periphery, just like the kaleidoscopes that have only recently been invented in our time ..
[ 29 ] Hier ist die Erscheinung des Nachbildes, Gedächtnis, produktive Einbildungskraft, Begriff und Idee alles auf einmal im Spiel und manifestiert sich in der eigenen Lebendigkeit des Organs mit vollkommener Freiheit ohne Vorsatz und Leitung.»
[ 29 ] Here, the phenomenon of the afterimage, memory, productive imagination, concept, and idea are all at play at once and manifest themselves in the organ’s own vitality with complete freedom, without intention or guidance.»
[ 30 ] Nun, nicht wahr, wenn man mit Goethe und mit der Weltanschauung des neueren Idealismus und Spiritualismus nicht bekannt geworden ist, so ohne weiteres gleich etwas daran zu knüpfen, das geht ja natürlich nicht. Da machte sich Hermann Bahr weiter an die Literatur, kam an den Engländer Galton, der allerlei Statistisches, wie’s dort üblich ist, gesammelt hat über Leute, die innerlich sehen, so wie Goethe auch innerlich gesehen hat, wie es eben aus seiner Beschreibung hervorging. So hat er namentlich es abgesehen auf einen Reverend. Dieser Reverend konnte in der Imagination ein Bild hervorrufen, dann verwandelte sich das Bild selber, und er konnte dann durch seinen Willen es wiederum auf die erste Gestalt zurückfahren. Das beschreibt dieser Reverend sehr schön. Hermann Bahr geht diesen Dingen nach und kommt nach und nach darauf, daß es so etwas wie ein innerliches Sehen gibt. Sie wissen, das, was Goethe da beschreibt — Goethe wußte ja auch anderes —, das ist nur der allererste Anfang eines inneren Bewegtwerdens des Ätherleibes. Mit solchen elementarsten Sachen fing Hermann Bahr an, sich zu beschäftigen, um den Expressionismus zu verstehen, weil er darauf kam, daß der Expressionismus auf einem solchen innerlichen Sehen elementarster Art beruht. Und jetzt ging er weiter. Jetzt las er den alten Physiologen Johannes Müller, der so wunderschön dieses elementare innere Sehen beschrieben hat in einer Zeit, wo die Naturforschung noch nicht über alle diese Dinge gelacht hat. Und so arbeitet Hermann Bahr sich allmählich zu Goethe durch und findet es außerordentlich anregend, Goethe zu lesen, anzufangen, Goethe zu verstehen und dadurch darauf zu kommen, daß es ein innerliches Sehen gibt. So hat er nun den Expressionismus verstanden: Da braucht man die Natur nicht, sondern da hält man das auf der Leinwand fest, was man so im elementarischen Schauen hat. Es wird sich schon später einmal — ich habe darüber schon einmal hier gesprochen — zu etwas anderem ausbilden. Wenn man darin nicht gleich eine geniale Leistung sieht, sondern einen allerersten Anfang von dem, was kommen soll, so wird man ja vielleicht den Leuten gerechter werden, als sie sich selbst in ihrer Überschätzung werden. Aber Hermann Bahr versteht es so und wird namentlich dazu geführt, wirklich mit einem ungeheuren Enthusiasmus sich zu sagen: Ja, es gibt nicht nur ein äußeres Sehen, wie man mit dem Auge sieht, ein inneres Sehen gibt es! — Sehr schön ist dieses Kapitel über das innere Sehen, und er ist ganz ungeheuer entzückt, als er bei Goethe das Wort «Geistesauge» entdeckt. Denken Sie, wie viele Jahre wir dieses Wort gebrauchen! Wie ich sagte, hat er auch versucht, sich heranzubändigen an das, was unsere Geisteswissenschaft ist. Aus dem Buch geht hervor, daß er bis jetzt das Buch von Eugene Levy gelesen hat, worin dieser meine Weltanschauung schildert. An meine Bücher scheint er noch nicht gekommen zu sein; aber was nicht ist, kann werden. Jedenfalls sieht man, daß sich ein Mensch durch die Schwierigkeiten der Gegenwart hindurcharbeitet, und daß er darauf kommt, zu dem Elementarsten Stellung zu nehmen, zu dem Allerelementarsten. Ich muß das anführen, weil man daraus sieht, wie wahr das ist, was ich öfter gesagt habe: Der Mensch der Gegenwart hat es ja ungeheuer schwer, aus dieser Zeitenbildung heraus zu einem Geistigen zu kommen. Nun denken Sie sich, ein Mensch, der zehn Romane, vierzehn Theaterstücke und so viele EssayBücher geschrieben hat, kommt endlich dazu, Goethe zu lesen und sich durch ihn durchzuarbeiten, und so gewissermaßen spät diesem Buch, das mit ungeheurer Frische geschrieben ist, sieht man an, welche Frohheit er erlebt — nun Goethe zu verstehen. Wahrhaftig, ich habe oftmals mit Hermann Bahr zusammengesessen, es war nicht möglich, mit ihm über Goethe zu reden, denn dazumal war Goethe selbstverständlich ein Schafskopf in seinen Augen, denn er war ja auch von der alten, noch nicht impressionistischen Sorte von Menschen.
[ 30 ] Well, isn’t it true that if one is not familiar with Goethe and with the worldview of modern idealism and spiritualism, one cannot simply tie something to it right away—that, of course, is not possible. So Hermann Bahr turned his attention to the literature and came across the Englishman Galton, who had collected all sorts of statistical data—as is customary there—about people who see inwardly, just as Goethe also saw inwardly, as was evident from his description. In particular, he focused on a certain reverend. This reverend could conjure up an image in his imagination; then the image would transform on its own, and he could then, through his will, return it to its original form. This reverend describes this very beautifully. Hermann Bahr investigates these matters and gradually comes to the conclusion that there is such a thing as inner vision. You know, what Goethe describes there—Goethe knew other things as well—is only the very first beginning of an inner stirring of the etheric body. Hermann Bahr began to engage with such most elementary matters in order to understand Expressionism, because he came to the conclusion that Expressionism is based on such inner seeing of the most elementary kind. And now he went further. He then read the work of the early physiologist Johannes Müller, who so beautifully described this elementary inner vision at a time when natural science had not yet dismissed all these things as nonsense. And so Hermann Bahr gradually worked his way through Goethe’s writings and found it extraordinarily stimulating to read Goethe, to begin to understand him, and thereby to realize that inner vision exists. This is how he came to understand Expressionism: There, one does not need nature; rather, one captures on the canvas what one perceives in this elemental way of seeing. It will develop into something else later on—I have spoken about this here before. If one does not immediately see this as a stroke of genius, but rather as the very first beginning of what is to come, then perhaps one will do these people more justice than they do themselves in their own overestimation. But Hermann Bahr understands it this way and is led, in particular, to say to himself with tremendous enthusiasm: “Yes, there is not only external seeing, as one sees with the eye; there is also inner seeing!”—This chapter on inner seeing is very beautiful, and he is utterly delighted when he discovers the term “spiritual eye” in Goethe. Just think how many years we have been using this term! As I said, he has also tried to familiarize himself with what our spiritual science is. The book reveals that he has so far read Eugene Levy’s book, in which Levy describes my worldview. He does not seem to have gotten around to my books yet; but what is not yet may yet come to be. In any case, one can see that a person is working his way through the difficulties of the present, and that he is coming to take a stand on the most fundamental things, the very most fundamental. I must mention this because it shows how true what I have often said is: People today have an immensely difficult time emerging from the spirit of our times to reach the spiritual. Now imagine: a person who has written ten novels, fourteen plays, and just as many books of essays finally gets around to reading Goethe and working his way through his works; and in this somewhat belated encounter with this book—which is written with tremendous freshness—you can see the joy he experiences in finally understanding Goethe. Truly, I often sat with Hermann Bahr; it was impossible to talk to him about Goethe, for back then Goethe was, of course, a blockhead in his eyes, since he, too, was of the old, pre-Impressionist sort of people.
[ 31 ] Das, glaube ich, muß man sich überlegen, wie schwierig es denjenigen Menschen ist, die aus der heutigen Zeitbildung heraus kommen, sich nur durchzuarbeiten zu dem Elementarsten, was an die Geisteswissenschaft heranführt. Das aber sind die Menschen, die gewissermaßen das öffentliche Urteil in der Hand haben. Denn Hermann Bahr hat, als er dann nach Wien gekommen war, eine sehr tonangebende Wochenschrift, «Die Zeit», redigiert. Wenn heute einer behaupten würde, daß zahlreiche Menschen in der abendländischen Menschheit, auf deren Urteil man viel gibt, nichts von Goethe verstehen und daher auch gar nicht die Wege haben, um von ihrer Bildung aus an die Geisteswissenschaft heranzukommen — man kann natürlich an Geisteswissenschaft auch ohne Bildung herankommen ‚so würde man es nicht glauben. Aber bei Hermann Bahr haben wir den lebendigen Beweis, weil er selber als Fünfzigjähriger gesteht, wie froh er ist, endlich Goethe zu verstehen. Es ist natürlich etwas ungeheuer Trauriges, zu sehen, wie der Mann, der sich durchgearbeitet hat bis zu Goethe, nun froh ist, dasjenige zu finden, was in seiner allernächsten Nähe gesucht worden ist, als er ein junger Mensch war; aber es hat zu gleicher Zeit etwas ungeheuer Belehrendes, etwas ungeheuer Bedeutsames für unser Verständnis der Zeit. Es lehrt uns, wie die tonangebende sogenannte geistige Welt heute in Vorstellungen lebt, die ganz und gar von allem Geistigen entfernt sind; wie solch ein Mensch wie Hermann Bahr erst den Expressionismus nötig hat, um zu sehen, wie einer sich etwas vorstellen und das sogar malen kann, der an der Natur vorbeigeht. Dadurch kommt er darauf, daß es ein inneres Sehen, ein inneres geistiges Auge gibt. Das ist ungeheuer bedeutsam. Aber das hängt innig zusammen mit der Art, wie gerade heute solche Literaten, solche Künstler, solche Kunstbeurteiler heranwachsen. Dafür ist charakteristisch der neueste Roman, den Hermann Bahr geschrieben hat.
[ 31 ] I believe we need to consider just how difficult it is for people coming from today’s educational system to work their way through even the most basic elements that lead into the spiritual sciences. Yet these are the very people who, in a sense, hold the power of public opinion in their hands. For when Hermann Bahr came to Vienna, he edited a highly influential weekly magazine, Die Zeit. If someone were to claim today that numerous people in the Western world—whose judgment is highly valued—understand nothing of Goethe and therefore have no way of approaching spiritual science from their educational background—one can, of course, approach spiritual science even without a formal education —one would not believe it. But in Hermann Bahr we have living proof, because he himself, at the age of fifty, admits how happy he is to finally understand Goethe. It is, of course, something immensely sad to see how the man who has worked his way up to Goethe is now glad to find what he had sought in his very immediate surroundings when he was a young man; but at the same time, there is something immensely instructive, something immensely significant for our understanding of the times. It teaches us how today’s so-called intellectual elite lives in a world of ideas that are entirely removed from anything spiritual; how a man like Hermann Bahr first needed Expressionism to see that someone who ignores nature can still imagine something—and even paint it. Through this, he comes to realize that there is an inner vision, an inner spiritual eye. This is immensely significant. But it is intimately connected with the way in which such writers, such artists, and such art critics are coming of age today. The latest novel written by Hermann Bahr is characteristic of this trend.
[ 32 ] Der Roman heißt «Himmelfahrt». Aus dem Schluß des Romans sieht man, daß er jetzt schon anfängt, etwas wie einen glühenden Enthusiasmus nebenbei zu haben — das andere geht alles wie ein roter Faden durch — für den Katholizismus. Das hat er ja früher nicht gehabt. Nun aber, wer Hermann Bahr kennt, der wird nicht zweifeln, daß in dem Franz, den er in diesem neuen Roman beschreibt, etwas von ihm drinnen steckt. Es ist nicht etwa eine Selbstbiographie, ein biographischer Roman, aber es steckt vieles von Hermann Bahr in diesem Franz drin. Aber wie sich solch ein Literat heute entwickelt — nicht einer, der Zeitungsmensch wird, darüber wollen wir nicht reden, wie sich der entwickelt, weil das Wort «entwickelt» seinen ursprünglichen Sinn behalten sollte —, aber so einer, der es wirklich ernst nimmt und ein ehrlicher Sucher ist, wie Hermann Bahr: so etwas färbt doch auf diesen Franz etwas ab. Und den schildert er, wie er sich nach und nach heranentwikkelt hat, wie er gesucht hat. Wie schildert er nun diesen Franz, auf den er selber abgefärbt hat? Dieser Franz versucht eigentlich alles zu erfahren, was die Zeit einem geben kann, alles kennenzulernen, überall nach der Wahrheit zu suchen. So hat er die Wissenschaften abgesucht, war erst Botaniker bei Wiesner — Wiesner war ein sehr berühmter Botaniker in Wien —, wurde dann Chemiker bei Ostwald, dann Nationalökonom und so weiter. Also so geht er durch alles das, was die Zeit bietet. Er könnte ja auch Gräcist werden bei Wilamowitz, oder sich Philosophie ansehen bei Eucken oder Kohler. Dann lernt er Nationalökonomie kennen in Schmollers Seminar; es hätte auch bei Brentano oder in irgendeinem anderen Seminar sein können. Dann lernt er kennen, wie man versucht, hinter die Seelengeheimnisse zu kommen bei Richet; es hätte auch bei einem andern sein können. Er suchte auf eine andere Weise bei Freud Psychoanalyse kennenzulernen. Und als ihn dies alles nicht befriedigt, geht er zu den Theosophen nach London. Er sucht also immer nach Wahrheit. Und dann läßt er sich auch einmal von einem, der sich mehr zurückgehalten hat, esoterische Übungen geben. Doch die treibt er nicht lange, die freuen ihn nicht sehr lange. Aber er denkt, doch noch weiter suchen zu müssen.
[ 32 ] The novel is titled Himmelfahrt. From the novel’s conclusion, one can see that he is already beginning to display, almost in passing—while everything else runs through it like a common thread—a kind of fervent enthusiasm for Catholicism. He certainly didn’t have that before. But anyone familiar with Hermann Bahr will have no doubt that there is something of him in the character of Franz, whom he describes in this new novel. It is not exactly an autobiography or a biographical novel, but there is much of Hermann Bahr in this Franz. But how does such a man of letters develop today—not one who becomes a newspaperman; we won’t talk about how that sort develops, because the word “develops” should retain its original meaning—but someone who takes it really seriously and is an honest seeker, like Hermann Bahr: something of that rubs off on this Franz. And he describes how Franz gradually developed, how he searched. How, then, does he portray this Franz, onto whom he himself has rubbed off? This Franz actually tries to experience everything that the times have to offer, to get to know everything, to search for the truth everywhere. So he explored the sciences, first as a botanist under Wiesner—Wiesner was a very famous botanist in Vienna—then became a chemist under Ostwald, then an economist, and so on. So he goes through everything that the times have to offer. He could just as easily have become a Greek scholar under Wilamowitz, or studied philosophy under Eucken or Kohler. Then he was introduced to economics in Schmoller’s seminar; it could just as easily have been with Brentano or in some other seminar. Then he learned how to attempt to uncover the mysteries of the soul with Richet; it could just as easily have been with someone else. He sought to learn about psychoanalysis in a different way with Freud. And when none of this satisfies him, he goes to the Theosophists in London. So he is always searching for truth. And then, on one occasion, he even allows himself to be taught esoteric exercises by someone who was more reserved. Yet he does not pursue them for long; they do not bring him much joy for long. But he feels he must continue searching.
[ 33 ] Zuletzt ist er ja dann hereingefallen, der Franz, denn nachdem er alles mögliche gesucht hat, da kommt er an ein Medium. Dieses Medium macht jahrelang die ausgezeichnetsten Manifestationen, alles mögliche. Dann wird es entlarvt, nachdem sich der Franz, der Held dieses Romans, schon längst in dieses Medium verliebt hatte. Aber er reist ab, er muß rasch abreisen, wie er immer rasch abreisen muß. Nun, er reist auch da rasch ab, überläßt das Medium seinem Schicksal. Die Frau wird selbstverständlich — etwas bringt jeder jetzt der Zeit als Tribut — als Spionin entlarvt. Natürlich, der Roman ist ja auch erst in der allerneuesten Zeit geschrieben.
[ 33 ] In the end, Franz fell for it, because after searching high and low, he came across a medium. For years, this medium produced the most extraordinary manifestations—all sorts of things. Then the medium was exposed, after Franz—the hero of this novel—had long since fallen in love with her. But he leaves; he has to leave quickly, just as he always has to leave quickly. Well, he leaves quickly in this instance too, abandoning the medium to her fate. The woman is, of course—everyone pays some tribute to the times these days—exposed as a spy. Naturally, the novel was written only very recently.
[ 34 ] Aber solcher Menschen gibt es zahlreiche, gerade unter denjenigen, die heute über das geistige Leben urteilen. Und im Grunde genommen: So muß man sich diejenigen vorstellen, die dazu kommen, heute ihr Urteil abzugeben, bevor sie auch nur in die allerersten Elemente hineingedrungen sind — nicht wie Hermann Bahr, der ja am Expressionismus etwas entdeckt davon, daß es ein inneres Schauen gibt, und dazu bringen es ja die anderen, die urteilen, nicht. Hermann Bahr wird heute natürlich einsehen, daß er über manches anders urteilen wird, als er früher geurteilt hat. Früher würde er selbstverständlich, wenn er, sagen wir, meine «Theosophie» in die Hand bekommen hätte, darüber geurteilt haben — na, was weiß ich, es ist ja auch nicht nötig, das gerade mit Hermann Bahrs Worten zu treffen —. Heute würde er sagen: Ja, es gibt ein inneres Auge, es gibt ein inneres Schauen, das ist eben auch so eine Art Expressionismus. — Das ist, weil er gerade bis zu dem inneren Schauen kommt, das sich heute auf dem Wege des Expressionismus auslebt. Aber das macht ja nichts, das sind die Ideen; unter den Inspirationen der Danziger ist Hermann Bahr dazu gekommen und hat dieses Buch daraus gemacht.
[ 34 ] But there are many such people, especially among those who pass judgment on intellectual life today. And when it comes down to it: this is how one must imagine those who feel qualified to pass judgment today before they have even grasped the very first elements—unlike Hermann Bahr, who, in Expressionism, does discover something of the existence of inner vision, whereas the others who pass judgment do not. Hermann Bahr will, of course, realize today that he will judge many things differently than he did in the past. In the past, if he had, say, come across my Theosophy, he would naturally have judged it—well, I don’t know, there’s no need to quote Hermann Bahr’s exact words here—. Today he would say: Yes, there is an inner eye, there is inner vision; that, too, is a kind of Expressionism.” — That’s because he has arrived precisely at that inner vision which today finds its expression through Expressionism. But that doesn’t matter; those are the ideas. Inspired by the Danzigers, Hermann Bahr came to this conclusion and turned it into this book.
[ 35 ] Ich wollte Ihnen dies nur als ein Beispiel anführen, wie schwierig es heute ist, sich hindurchzuarbeiten, und wie gerade dem, der eine klare Anschauung, einen klaren Begriff davon hat, was Geisteswissenschaft will, eine Verantwortung obliegt, überall, wo es möglich und nötig ist, alles zu tun dafür, daß die Vorurteile sich zerstreuen. Wenn wir wissen, aus welchen Untergründen diese Vorurteile entstehen, und wie heute die Besten sozusagen, die unzählige Essays und Dramen geschrieben haben, wenn sie ehrliche Sucher sind, nach ihrem fünfzigsten Jahre an die allerelementarsten Dinge herankommen, dann muß man schon sagen: Man begreift, wie schwierig es ist, mit der Geisteswissenschaft heute durchzudringen; denn das einfachste Gemüt würde Geisteswissenschaft natürlich aufnehmen, aber es wird zurückgehalten durch diejenigen Leute, die urteilen aus solchen Untergründen heraus, wie ich es Ihnen dargestellt habe. |
[ 35 ] I wanted to cite this merely as an example of how difficult it is today to work one’s way through this material, and how it is the responsibility of those who have a clear understanding and concept of what spiritual science aims to achieve to do everything possible, wherever feasible and necessary, to dispel these prejudices. When we know the underlying causes of these prejudices, and how even the “best” among us today—those who have written countless essays and plays—if they are sincere seekers, come to grasp the most elementary things only after they have passed the age of fifty, then one must surely say: One understands how difficult it is to make inroads with spiritual science today; for even the simplest mind would naturally embrace spiritual science, but it is held back by those people who judge from such underlying motives as I have described to you. |
[ 36 ] Aber schließlich erleben wir ja in unserer Zeit allerlei, und ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht, wie, ich möchte sagen, das materialistische Denken unserem Zeitalter schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, so daß wirklich die Menschen gar nicht wissen, daß sie eigentlich ein phantastisches Zeug ausdenken, indem sie erhabene Theorien bauen. Ich habe Sie ja öfter unterhalten mit dem, was heute als Kant-Laplacesche Theorie gelehrt wird, was den Kindern in der Schule gezeigt wird. Es wird ihnen so hübsch beigebracht, wie die Erde allmählich wie ein Sonnennebel war, wie sich der gedreht hat, wie sich dann die Planeten abgespalten haben. Und was wäre denn auch einleuchtender, als diese Anschauung des Tropfens: Man braucht nur ein kleines Öltröpfelchen zu nehmen, eine Karte, durchteilen — Äquatorebene —, eine Nadel hinein, dann das drehen, da spalten sich so hübsch die Planetchen ab und dann sagt man: Nun seht ihr, so ist es auch im großen draußen gewesen, wie es sich hier im kleinen vollzieht. — Wie könnte denn ein Mensch sich dieser Beweisführung entziehen? Nur müßte natürlich ein großer Herr Lehrer da draußen im Weltenall sein, der das gedreht hat, nicht wahr? Das vergißt man meist dabei. Man darf aber nichts vergessen, alle Faktoren müssen in Betracht gezogen werden. Wenn aber nicht ein großer Herr Lehrer oder ein großer Herr Professor im Weltenall steht und dreht? Das vergißt man in der Regel, weil es zu einleuchtend ist. Man möchte sagen, es ist schon ein Großes, wenn sich genügend denkende Menschen aus dem, was vom Idealismus und Spiritualismus da noch geblieben ist, dazu finden, diese Sache in ihrer vollen Bedeutung zu charakterisieren. Und deshalb muß ich immer wieder und wiederum auf den schönen Satz in dem Goethe-Buch von Herman Grimm hinweisen. Ich führte ihn auch jetzt in dem Buch, das demnächst von mir erscheinen wird, an. Herman Grimm sagt:
[ 36 ] But after all, we experience all sorts of things in our time, and I have often pointed out how—I would say—materialistic thinking has already become second nature to our age, so that people really have no idea that they are actually conjuring up fantastical nonsense when they construct lofty theories. I have often entertained you with what is taught today as the Kant-Laplace theory, what is shown to children in school. It is taught to them so nicely—how the Earth was once a solar nebula, how it rotated, and how the planets then broke away. And what could be more convincing than this illustration with a drop: All you need is a tiny drop of oil, a piece of paper, cut it in half—along the equatorial plane—insert a needle, then spin it; the little “planets” split off so neatly, and then you say: “Now you see, that’s how it was out there on a grand scale, just as it happens here on a small scale.”—How could anyone possibly resist this line of reasoning? Of course, there would have to be a great Teacher out there in the cosmos who set it spinning, wouldn’t there? People usually forget that. But we mustn’t forget anything; all factors must be taken into account. But what if there isn’t a great Teacher or a great Professor standing in the cosmos, setting it in motion? People usually forget that because it’s too obvious. One might say it is already a great achievement if enough thinking people, drawing on what remains of idealism and spiritualism, come together to characterize this matter in its full significance. And that is why I must again and again point to the beautiful sentence in Herman Grimm’s book on Goethe. I also quoted it in the book of mine that will be published shortly. Herman Grimm says:
[ 37 ] «Längst hatte, in seinen [Goethes] Jugendzeiten schon die große Laplace-Kant’sche Phantasie» — sehen Sie, Grimm nennt es seine Phantasie! — «von der Entstehung und dem einstigen Untergange der Erdkugel Platz gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Weltnebel — die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit — formt sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und macht als erstarrende Kugel in unfaßbaren Zeiträumen alle Phasen, die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit inbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die Sonne zurückzustürzen; ein langer, aber dem heutigen Publikum völlig begreiflicher Prozeß, für dessen Zustandekommen es nun weiter keines äußeren Eingreifens bedürfe, als die Bemühung irgendeiner außenstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztemperatur zu erhalten. — Es kann keine fruchtlosere Perspektive für die Zukunft gedacht werden als die, welche uns in dieser Erwartung als wissenschaftlich notwendig heute aufgedrängt werden soll. Ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte, wäre ein erfrischendes, appetitliches Stück im Vergleich zu diesem letzten Schöpfungsexkrement, als welches unsere Erde schließlich der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wißbegier, mit der unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint, ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphänomen zu erklären die Gelehrten zukünftiger Epochen einmal viel Scharfsinn aufwenden werden.»
[ 37 ] “Long ago, even in his [Goethe’s] youth, the great Laplace-Kantian imagination”—see, Grimm calls it his imagination!—“regarding the formation and eventual demise of the globe had already taken hold. From the self-rotating cosmic nebula—children already learn this in school—the central protoplanet forms, which later becomes the Earth, and, as a solidifying sphere over inconceivable periods of time, undergoes all phases—including the episode of human habitation—only to finally plunge back into the sun as burnt-out slag; a long process, yet one entirely comprehensible to today’s audience, the continuation of which now requires no external intervention other than the effort of some external force to maintain the Sun at a constant temperature. — No more fruitless prospect for the future can be imagined than the one that is being imposed on us today as scientifically necessary in this expectation. A carrion bone that a hungry dog went out of its way to find would be a refreshing, appetizing morsel compared to this final excrement of creation, as which our Earth would ultimately fall back to the Sun, and the thirst for knowledge with which our generation accepts such ideas and presumes to believe them is a sign of a sick imagination—one that scholars of future epochs will one day devote much ingenuity to explaining as a historical phenomenon of our time.”
[ 38 ] In der Tat wird man zukünftig nachdenken: Wie ist denn einmal die Menschheit darauf gekommen, solch ein Zeug als Wahrheit zu denken, das heute selbstverständlich in allen Schulen schon als Wahrheit gelehrt wird!
[ 38 ] In fact, people will wonder in the future: How on earth did humanity ever come to regard such nonsense as the truth—something that is, of course, already taught as truth in all schools today!
[ 39 ] «Niemals», sagt Herman Grimm weiter, «hat Goethe solchen Trostlosigkeiten Einlaß gewährt ... Goethe würde sich wohl gehütet haben, die Folgerungen der Schule Darwins aus dem abzuleiten, was in dieser Richtung er zuerst der Natur abgelauscht und ausgesprochen hatte ...»
[ 39 ] “Never,” Herman Grimm continues, “did Goethe give credence to such desolate ideas … Goethe would surely have been careful not to draw the conclusions of the Darwinian school from what he himself had first observed in nature and articulated in this regard …”
[ 40 ] Sie wissen ja, bei einer geistigeren Auffassung des Darwinismus würde etwas anderes. herauskommen. Gegen den Darwinismus als solchen richtet sich das ja nicht, was Herman Grimm meinte, noch dasjenige, was ich zu sagen habe, aber gegen die materialistische Ausdeutung, die nun wirklich zu dem gekommen ist, was Herman Grimm im mündlichen Vortrage eine die Menschenwürde verletzende Vorstellung genannt hat: daß der Mensch in geradliniger Entwickelung von niederen Tieren durch die Affen herauf zum Menschen sich entwickelt hat. — Wir wissen ja, wieviel Beifall Huxley einstmals gefunden hat, als ihm — es war allerdings von einem Bischof — alles mögliche erwidert worden ist gegen die Affenabstammung des Menschen. Huxley hat viel Beifall gefunden, als er damals die Worte fand: Er stamme doch lieber vom Affen ab und habe sich allmählich vom Affendasein zu seiner Weltanschauung heraufgearbeitet, als daß er diese Abstammung behaupte, zu der der Bischof sich bekennte, und sich dann heruntergearbeitet habe bis zu dessen Weltanschauung. — Solche Dinge sind ja oftmals sehr geistreich, sie erinnern mich aber immer an die Anekdote von jenem kleinen Knaben, der aus der Schule nach Hause kommt und seinem Vater erklärt: «Vater, ich habe jetzt in der Schule gelernt, daß wir alle vom Affen abstammen.» — «Was fällt dir denn ein, du dummer Junge!» — «Ja, ja, Vater», sagt der Junge, «wir stammen alle vom Affen ab.» — «Bei dir kann das der Fall sein», sagt der Vater, «bei mir aber nicht!» — Ich habe Sie ja öfter schon auf allerlei logische Schnitzer gegen ein wirkliches Denken aufmerksam gemacht, das zu solch materialistischer Ausdeutung der Darwinischen Anschauung führt.
[ 40 ] As you know, a more spiritual interpretation of Darwinism would lead to a different conclusion. What Herman Grimm meant—and what I have to say—is not directed against Darwinism as such, but against the materialistic interpretation, which has indeed arrived at what Herman Grimm, in an oral lecture, called a notion that violates human dignity: that humans evolved in a linear progression from lower animals, through apes, up to humans. — We know, of course, how much applause Huxley once received when—albeit from a bishop—he was met with every possible objection to the idea that humans are descended from apes. Huxley received much applause when he remarked at the time: He would much rather descend from the ape and have gradually worked his way up from an ape-like existence to his own worldview than to assert the lineage to which the bishop subscribed and then have worked his way down to that bishop’s worldview. — Such remarks are often very witty, but they always remind me of the anecdote about that little boy who comes home from school and tells his father: “Father, I’ve just learned at school that we all descend from apes.” — “What on earth are you thinking, you silly boy!” — “Yes, yes, Father,” says the boy, “we’re all descended from monkeys.” — “That may be true for you,” says the father, “but not for me!” — I have, after all, often drawn your attention to all sorts of logical blunders that run counter to genuine thinking and lead to such a materialistic interpretation of the Darwinian view.
[ 41 ] Aber in unserer Zeit wird wirklich alles noch überboten. Jegliches Ding ist noch nicht so, daß sich alle Leute sagen, daß man es damit schon herrlich weit gebracht hat, sondern sie gehen noch weiter, bringen es noch herrlich weiter! So könnte ich Ihnen von einem Manne erzählen, der eine furchtbare Wut hat darüber, daß es eine Philosophie gibt, und daß es in der Welt so viele Philosophen gegeben hat, die immer Philosophien gemacht haben. Er schimpft auf alle Philosophie ganz schrecklich. Und nun hat dieser Mann in den letzten Zeiten wiederum recht viel drucken lassen an Geschimpfe gegen die Philosophie und will einen besonders prägnanten Satz finden, durch den er seine ganze Wut auf die Philosophie auslassen kann. Da hat er folgenden Satz gefunden, den ich Ihnen vorlesen will, damit Sie ihn wörtlich kennenlernen, denn es ist doch gut zu wissen, was in der Gegenwart gerade über die Philosophie gedacht wird, durch die die Menschen zur Wahrheit kommen wollen, und durch die doch mancherlei geleistet worden ist, wie Sie es auch aus dem Buch, das in nächster Zeit von mir erscheinen wird, ersehen können. Dieser Mann sagt: «Wir haben nicht mehr Philosophie als ein Tier.» Er behauptet also nicht nur, daß wir von den Tieren abstammen, sondern er beweist sogar, daß man mit dem Höchsten, was die Menschheit bis jetzt gesucht hat, mit der Philosophie, wirklich nicht über das Tier hinauskommt, weil man nichts anderes wissen kann, als das Tier wissen kann. Er meint das ganz im Ernste, man könne nicht mehr wissen als das Tier: «Wir haben nicht mehr Philosophie als das Tier, und nur die rasenden Versuche, zu einer Philosophie zu kommen, und die endliche Ergebung in Nichtwissen, unterscheiden uns von dem Tier.» — Also bloß, daß wir verstehen, daß wir wie ein Vieh nichts wissen, das unterscheidet uns vom Tier, und die ganze Geschichte der Philosophie wird von diesem Manne abgetan, indem er nachzuweisen versucht, daß das alles rasende Versuche sind, die die Philosophen angestellt haben, um über diese einfache Wahrheit, daß man nicht mehr weiß von der Welt als ein Tier, hinauszukommen. Sie werden mich fragen: Wer kann denn nur eine solch vertrackte Anschauung über die Philosophie aufstellen? Ich meine, es könnte Sie vielleicht doch interessieren, wer eine solch unglaubliche Anschauung über die Philosophie haben kann. Sehen Sie, derjenige, der diese Ansicht über die Philosophie hat, ist Professor der Philosophie an der Universität in Czernowitz! Der betreffende Mann hat vor längeren Jahren schon ein Buch geschrieben: «Das Ende der Philosophie», hat ein Buch geschrieben: aDas Ende des Denkens» und hat jetzt ein Buch geschrieben: «Die Tragikomödie der Weisheit», in dem Sätze wie diese drinnen stehen! — Also der Mann versieht sein Amt als Professor der Philosophie an einer Universität, indem er die lauschende Zuhörerschaft davon überzeugt, daß der Mensch nicht mehr weiß als ein Tier! Es ist Professor Dr. Richard Wahle, Ordinarius der Philosophie an der Universität in Czernowitz.
[ 41 ] But in our time, everything really is taken to new extremes. Nothing is yet at the point where people say, “We’ve already come a wonderfully long way with this”—instead, they go even further, taking it even further! I could tell you about a man who is terribly furious that philosophy exists, and that there have been so many philosophers in the world who have always been devising philosophies. He rants and raves against all philosophy in the most dreadful way. And now, in recent times, this man has once again had quite a lot of his rants against philosophy printed, and he wants to find a particularly pithy sentence through which he can vent all his fury on philosophy. So he has found the following sentence, which I’d like to read to you so that you can hear it verbatim, for it is, after all, good to know what is currently being thought about philosophy—the very discipline through which people seek to arrive at the truth, and through which much has indeed been accomplished, as you will also see from the book I am set to publish in the near future. This man says: “We have no more philosophy than an animal.” He thus not only claims that we are descended from animals, but he even proves that with the highest thing humanity has sought so far—philosophy—one truly does not go beyond the animal, because one cannot know anything more than an animal can know. He is entirely serious when he says that we cannot know more than an animal: “We have no more philosophy than an animal, and only our frantic attempts to arrive at a philosophy—and our ultimate resignation to ignorance—distinguish us from the animal.” — So the only thing that distinguishes us from animals is that we understand we know nothing, just like an animal; and this man dismisses the entire history of philosophy by attempting to prove that all of it consists of frantic attempts by philosophers to move beyond this simple truth: that we know no more about the world than an animal does. You will ask me: Who on earth could put forward such a convoluted view of philosophy? I think you might be interested to know who could hold such an unbelievable view of philosophy. You see, the person who holds this view of philosophy is a professor of philosophy at the University of Czernowitz! This man wrote a book many years ago titled The End of Philosophy, wrote another titled The End of Thought, and has now written a book titled The Tragicomedy of Wisdom, which contains statements like these! — So this man fulfills his duty as a professor of philosophy at a university by convincing his attentive audience that humans know no more than animals! He is Professor Dr. Richard Wahle, full professor of philosophy at the University of Chernivtsi.
[ 42 ] Es ist doch ganz gut, auf solche Dinge hinzusehen, denn sie bezeugen uns, wie wir es «so herrlich weit» gebracht haben. Und es ist schon notwendig, wie gesagt, daß man diese Notwendigkeiten des Lebens ein wenig näher ins Auge faßt, die darinnen bestehen, daß die Zeit wirklich herangerückt ist, wo die Menschen sich schon entschließen müssen, dieses innere Pfingstfest ernst zu nehmen, das Licht in der Seele zu entzünden, das Geistige in sich aufzunehmen. Viel wird davon abhängen, daß es wenigstens einige gibt in der Welt, die verstehen, wie in unserer Zeit das innere Pfingstfest der Seele gefeiert werden kann, aber auch gefeiert werden muß.
[ 42 ] It’s actually quite good to take a closer look at such things, because they show us just how “wonderfully far” we’ve come. And it is indeed necessary, as I said, to take a closer look at these necessities of life, which consist in the fact that the time has truly come when people must resolve to take this inner Pentecost seriously, to kindle the light in their souls, and to take in the spiritual within themselves. Much will depend on there being at least a few people in the world who understand how, in our time, the inner Pentecost of the soul can—and indeed must—be celebrated.
[ 43 ] Ich weiß nicht, wie lange es noch dauert, bis mein Buch fertig ist; so lange muß ich da bleiben. Wir werden uns also vielleicht noch heute über acht Tage weiter sprechen können.
[ 43 ] I don't know how much longer it will take to finish my book; I'll have to stay there until then. So maybe we'll be able to talk again in eight days, perhaps even today.
