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The Riddle of Man
The Spiritual Background of Human History
GA 170

29 July 1916, Dornach

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Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Mit einer großen Befriedigung begrüße ich es, daß wir wiederum für eine Weile hier zusammen sein können, und mit nicht minder großer Befriedigung habe ich es zu begrüßen, daß in der Zeit, in der wir nicht hier zusammen sein konnten, unser Bau in einer so schönen Weise fortgeschritten ist. Allen denjenigen Freunden, welche mit der dazu ja so notwendigen Hingabe an den Aufgaben dieses Baues mitwirken, muß wirklich von seiten des Strebens, das in unserem Sinne der Zeit dienen will, der schönste Dank zum Ausdruck gebracht werden. Lassen Sie es mich heute als einen Gruß aussprechen, daß jedes Stück Fortgang in unseren Arbeiten, das sich wiederum einmal durch Monate hindurch vollzogen hat, etwas sehr Bedeutsames ist innerhalb unserer geistigen Bewegung. Jetzt, in dieser schweren Zeit, wo die Schicksale geistiger Bewegungen, man kann sagen, auf das Unbestimmte der Zukunft eingestellt sind, müssen wir uns ja vor allen Dingen das Bewußtsein rege halten von der ewigen Bedeutung dessen, was gerade mit einem solchen ‘Werke, wie es hier ersteht, geschieht. Was auch immer die Zukunft in ihrem Schoße tragen mag, wichtig ist, daß an einem solchen Werke einmal gearbeitet worden ist, daß alles dasjenige, was geistig zusammenhängt mit diesem Werke, durch eine Anzahl menschlicher Seelen und Herzen gezogen ist, daß es von einer Anzahl menschlicher Augen geschaut worden ist und dadurch wirksam geworden ist im Entwickelungsverlaufe des menschlichen Strebens. Wir dürfen hoffen, daß für die lieben Freunde, die hier mitarbeiten, dasjenige, was hier durch ihre Seelen gezogen ist, noch in der mannigfaltigsten Weise auch draußen in der Welt wird fruchtbar werden können. Und es wird schöne Früchte tragen müssen, weil es von vornherein verbunden ist mit dem Geiste des Fortschrittes und des Fortwirkens, des Fortstrebens unserer Zeit.

[ 1 ] It is with great satisfaction that I welcome the fact that we are once again able to be together here for a while, and with no less satisfaction do I welcome the fact that, during the time when we were unable to be here together, our construction project has progressed so beautifully. To all those friends who are contributing to the tasks of this construction with the dedication that is so necessary for it, the deepest gratitude must truly be expressed on behalf of the endeavor that seeks to serve the spirit of our times. Let me express this today as a greeting: every step of progress in our work—which has once again unfolded over the course of months—is something very significant within our spiritual movement. Now, in these difficult times, when the fates of spiritual movements are, one might say, set upon the uncertainty of the future, we must above all keep alive our awareness of the eternal significance of what is happening precisely with a “work” such as the one taking shape here. Whatever the future may hold in store, what is important is that work has been done on such a work, that everything spiritually connected with this work has passed through a number of human souls and hearts, that it has been seen by a number of human eyes, and has thereby become effective in the course of human striving. We may hope that for the dear friends who are collaborating here, what has passed through their souls will also bear fruit in the most diverse ways out in the world. And it must bear beautiful fruit, because from the very beginning it has been connected with the spirit of progress and continued action, of the striving of our time.

[ 2 ] Tiefe Befriedigung zum Beispiel hat es mir gemacht, als ich beim ersten Gang vorbeigehen konnte an dem in der Nähe des Westportales nun aufgerichteten Hause. Es ist von Bedeutung, daß auch dieses Haus hier innerhalb unseres Bereiches steht. Man kann sagen, es ist von Bedeutung, daß solch ein Haus einmal gebaut werden konnte. Denn es steht da als ein lebendiger Protest gegen alles Althergebrachte im Baustil und in der Bauart, das eigentlich nicht mehr berufen ist, sich, so wie es ist, hineinzustellen in den Entwickelungsgang der Gegenwart. Es steht da auch dieses Häuschen als eine Vorverkündigung eines Neuen. Und daß sich in unserem Kreise Verständnis dafür fand, solch ein Neues hier aufzustellen, das ist viel bedeutsamer, als man zunächst denken kann. Daß dieses Haus hier steht, das ist von einer gewissen großen Bedeutung! Was auch immer heute noch eingewendet wird gegen diese Bauart, gegen diesen Baustil — es ist doch die Bauart, es ist doch der Baustil der Zukunft. Und wenn man versucht, die künstlerischen Sehnsuchten unserer Zeit kennenzulernen, man findet überall: dunkles Streben ist vorhanden, aber man weiß nicht innerhalb dieses dunklen Strebens, wohin man will. Man wird lernen, daß man schon im Dunklen doch das sucht, was hier angestrebt wird. Man wird lernen erkennen, daß man sich hineinfinden muß in die Formen, die ja hier aus dem Schoße der Geisteswissenschaft heraus sich entwickeln. Wie schockierend vielleicht manches an unseren Bauformen auch ist, es wird nicht lange dauern, so wird es nicht mehr schockierend sein, so wird es als das selbstverständliche Ergebnis des Empfindens und Fühlens der Gegenwart und der nächsten Zukunft erscheinen. Und gegenwärtig, wo so vieles ist, das unseren Schmerz erregen muß, gibt es doch für uns dieses Erhebende, daß wir in das so unbestimmte Schicksal der Gegenwart hineinstellen dürfen, was die Zukunft der Menschheit braucht.

[ 2 ] For example, I felt a deep sense of satisfaction when, during my first walk, I was able to pass by the house that has now been erected near the West Gate. It is significant that this house, too, stands here within our grounds. One might say it is significant that such a house could ever have been built. For it stands there as a living protest against all that is traditional in architectural style and design—things that are no longer suited to fit, as they are, into the course of contemporary development. This little house also stands there as a foretaste of something new. And the fact that understanding was found within our circle to erect such a new structure here is far more significant than one might initially think. That this house stands here is of great significance! Whatever objections may still be raised today against this architectural style—it is, after all, the architectural style of the future. And when one tries to understand the artistic longings of our time, one finds everywhere: a dark striving is present, but within this dark striving, one does not know where one is headed. One will learn that even in the darkness, one is already seeking what is being striven for here. One will learn to recognize that one must find one’s way into the forms that are developing here from the very heart of spiritual science. However shocking some aspects of our architectural forms may be, it will not be long before they are no longer shocking; they will appear as the natural outcome of the sensibilities and feelings of the present and the near future. And at present, when there is so much that is bound to cause us pain, there is nevertheless this uplifting aspect for us: that we may place within the so-indefinite destiny of the present what the future of humanity needs.

[ 3 ] Ich möchte nun heute und morgen die Zeit dazu verwenden, einiges mit Ihnen durchzusprechen, das die Seele hinweisen kann auf alles dasjenige, was in den Tiefen dieser Seele wurzelt, so wurzelt, daß vieles für die eigene Seele Unverständliche aus den Tiefen des Menschen kommt, so kommt, daß des Menschen inneres Schicksal abhängt von dem, was da heraufwogt aus der Seele, was die wahre Selbsterkenntnis schwierig macht. Je mehr man sich dieser Selbsterkenntnis nähert, desto mehr lösen sich manche Wolken, die das Leben trüben, auf. Also von der Menschennatur, von dem Unbestimmten, oftmals so Undefinierbaren der Menschennatur wollen wir sprechen.

[ 3 ] Today and tomorrow, I would like to take the time to discuss with you a few things that can point the soul toward all that is rooted in the depths of that soul, is rooted in such a way that much of what is incomprehensible to one’s own soul arises from the depths of the human being—and in such a way that a person’s inner destiny depends on what surges up from the soul, which makes true self-knowledge difficult. The more one approaches this self-knowledge, the more some of the clouds that cloud life dissipate. So let us speak of human nature, of the indeterminate, often so indefinable aspects of human nature.

[ 4 ] Von einem Beispiel will ich zunächst ausgehen; in unserer Zeit gibt es viele solcher Beispiele. Sie wissen ja, daß man lange Zeit hindurch sogar ein gewisses Wohlgefallen daran gefunden hat, sich so recht als ein Kind unserer Zeit zu fühlen, und dabei diese Zeit zu nennen die Zeit der «decadence». Man fühlte geradezu etwas, was sich so gehört, was sich so schickt in unserer Zeit: ein «decadent» zu sein; und für viele Menschen hat es als eine Art von Evangelium gegolten: Willst du nicht ein Philister sein, so mußt du einen gewissen Grad von Nervosität haben. Man ist schon wirklich, wenn man nicht nervös war, ein knüppeldicker Philister gewesen oder irgendein nicht auf der Höhe der Zeit stehender Mensch. So fühlten wirklich nicht wenige in den allerletzten Jahrzehnten. Vornehm zum mindesten war man nur, wenn man dekadent war; den neuen Adel, den echten geistigen Adel hatte man nur, wenn man dekadent war.

[ 4 ] I’d like to start with an example; there are many such examples in our time. As you know, for a long time people even took a certain pleasure in feeling like true children of our time, while calling this era the age of “decadence.” People actually felt that this was the proper thing to do, the proper way to behave in our time: to be “decadent”; and for many people, it served as a kind of gospel: If you don’t want to be a philistine, you must possess a certain degree of nervousness. Indeed, if one was not nervous, one was considered a thick-headed philistine or someone who was not in step with the times. This is truly how quite a few people felt in the very last decades. One was considered refined—at the very least—only if one was decadent; one possessed the new nobility, the genuine intellectual nobility, only if one was decadent.

[ 5 ] Ein Typus eines Dekadenten soll uns heute zunächst als Beispiel beschäftigen, damit wir dann weitere, allgemeinere Weltanschauungserkenntnisse darauf aufbauen können. Wie gesagt, ein Typus eben. Er soll auch nur als Typus behandelt werden; denn dieFälle sind zahlreich in der Gegenwart, und ebensogut könnte ein anderer Fall uns beschäftigen.

[ 5 ] We will first examine a particular type of decadent as an example today, so that we can then build upon it to arrive at broader insights into worldviews. As I said, just one type. It should also be treated merely as a type; for there are numerous such cases in the present, and we might just as well examine another one.

[ 6 ] Als Fall will ich heute besprechen einen verhältnismäßig jung dahingegangenen Menschen, der zwei aufsehenerregende Bücher geschrieben hat. Das erste heißt: «Geschlecht und Charakter», und das zweite wurde von seinen Freunden sogar erst nach seinem Tode herausgegeben und trägt den Titel: «Über die letzten Dinge». Otto Weininger ist es, den ich meine, der als ein richtiges Genie der Gegenwart von vielen Menschen angesehen worden ist. «Geschlecht und Charakter», ein dickes Buch, das er geschrieben hat, hat viel, viel Aufsehen gemacht, und die Urteile, die über dieses Buch gefällt worden sind, die sind sehr, sehr voneinander verschieden. Es gibt Leute, welche dieses Buch wie ein neues, gewissermaßen aus dem Urgeist der Gegenwart gefallenes Evangelium hingestellt haben, welche behauptet haben, daß die tiefsten Wahrheiten der Gegenwart, wenn auch einseitig, wenn auch vielleicht nicht ganz ausgesprochen, so doch berührt worden seien in diesem Buche «Geschlecht und Charakter» von Otto Weininger. Es gibt auch andere Menschen, sagen wir zum Beispiel diejenigen, die von Profession Irrenärzte sind, die behaupten, daß die beiden Bücher «Geschlecht und Charakter» und «Über die letzten Dinge» in keine andere ernsthafte Bibliothek gehören als in die Bibliothek der Irrenhäuser, und zwar nicht in diejenige Bibliothek, welche die Patienten lesen, sondern welche die Ärzte lesen, um an diesen beiden Büchern einen Fall von typischem Irrsinn der Gegenwart studieren zu können.

[ 6 ] Today I would like to discuss the case of a man who died relatively young and who wrote two sensational books. The first is titled Sex and Character, and the second—which was actually published by his friends only after his death—is titled On the Last Things. I am referring to Otto Weininger, who was regarded by many as a true genius of our time. Sex and Character, a thick book he wrote, caused quite a stir, and the opinions expressed about this book vary widely. There are people who have held up this book as a new gospel, so to speak, born of the primal spirit of the present, who have claimed that the deepest truths of the present—even if one-sided, even if perhaps not fully articulated—have nonetheless been touched upon in this book, Sex and Character, by Otto Weininger. There are also others—let us say, for example, those who are psychiatrists by profession—who claim that the two books Sex and Character and On the Last Things belong in no serious library other than that of an insane asylum—and not in the library that the patients read, but in the one that the doctors read, so that they may study these two books as a case of typical modern madness.

[ 7 ] Sie sehen, man kann sich keine größeren Extreme des Urteils denken. Also auf der einen Seite eine bis zur Anbetung gehende Verehrung eines großen, genialen Werkes, auf der anderen Seite die Verurteilung desselben als ein Produkt des vollendeten Irrsinnes. Kurios ist ja allerdings manches, was in diesem Buche «Geschlecht und Charakter» steht. Überraschend aber ist es nur für den, der sich weniger intensiv beschäftigt hat mit mancherlei Gedanken, die die letzten Jahrzehnte an die Oberfläche getrieben haben.

[ 7 ] As you can see, it’s hard to imagine more extreme opinions. On the one hand, there is a reverence bordering on worship for a great, brilliant work; on the other, there is its condemnation as a product of utter madness. Admittedly, some of what is written in this book, Sex and Character, is curious. But it is surprising only to those who have not engaged deeply with the various ideas that have come to the surface in recent decades.

[ 8 ] Weininger sagt zunächst — nicht mit diesen Worten, ich muß ein Buch, das so dick ist, kurz charakterisieren —: Wie man den Menschen bisher angesehen hat, das ist Philisteranschauung, Pedantenanschauung. Und diese Philisteranschauung, diese Pedantenanschauung, die hat immer geglaubt, daß zweierlei Menschen auf der Welt sind: Männer und Frauen. Aber solches Vorurteil, daß Männer und Frauen auf der Welt sind, das kann nur ein richtiger Philister haben. Wer die Welt wirklich versteht, der erhebt sich über dieses Philisterurteil; denn es ist nicht wahr, meint Weininger, daß es Männer und Frauen gibt: es gibt nur männliche und weibliche Eigenschaften. Die männlichen Eigenschaften bezeichnet er — er drückt sich sehr korrekt und diplomatisch aus — als M, und die weiblichen Eigenschaften als W. Aber es gibt kein Individuum in der Welt — nach Weininger —, welches ganz M oder ganz W wäre. Das wäre auch schlimm, wenn es ein solches Individuum gäbe, das man ganz als M oder ganz als W bezeichnen müßte. Denn, sagt Weininger, was ist ein richtiges Weib? Ein richtiges Weib ist gar nicht einmal Etwas, sondern ist die Negation des Etwas, ist das Nichts. Nun sind aber solche Individuen doch da, die eigentlich gar nicht rechtmäßigerweise auf der Welt sind, sondern nur als Maja vorhanden sind. Sie wären gar nicht da, diejenigen Individuen, die bloß W bedeuten, wenn sie eben bloß W wären. Die Sache ist vielmehr so, daß jedes menschliche Individuum aus M+W besteht. Irgendwelche männlichen und weiblichen Eigenschaften hat jedes menschliche Individuum. Wenn das M etwas überwiegt, so macht das Individuum den Eindruck eines Mannes; wenn das W etwas überwiegt, so macht das Individuum den Eindruck einer Frau. Und weil sie noch sehr viel M in sich hat, die Frau, so ist sie auch Etwas und nicht Nichts. Der Grundcharakter eines menschlichen Individuums hängt nun ganz und gar davon ab, wieviel das betreffende Individuum von dem M oder von dem W in sich hat, wie die Mischung ist.

[ 8 ] Weininger says at the outset—not in these exact words, but I must briefly summarize a book this thick—that the way people have been viewed up to now is a philistine view, a pedantic view. And this philistine view, this pedantic view, has always believed that there are two kinds of people in the world: men and women. But such a prejudice—that there are men and women in the world—can only be held by a true philistine. Anyone who truly understands the world rises above this philistine judgment; for it is not true, Weininger argues, that there are men and women: there are only masculine and feminine qualities. He designates the masculine qualities—he expresses himself very correctly and diplomatically—as M, and the feminine qualities as W. But there is no individual in the world—according to Weininger—who is entirely M or entirely W. It would also be terrible if there were such an individual whom one would have to designate as entirely M or entirely W. For, says Weininger, what is a true woman? A true woman is not even a “something” at all, but rather the negation of “something”—she is nothing. Yet such individuals do exist—individuals who are not truly and rightfully in the world, but exist only as Maya. Those individuals who represent only W would not exist at all if they were merely W. The fact is rather that every human individual consists of M+W. Every human individual possesses certain masculine and feminine characteristics. If M predominates somewhat, the individual gives the impression of a man; if W predominates somewhat, the individual gives the impression of a woman. And because she still has a great deal of M within her—the woman—she, too, is something and not nothing. The fundamental character of a human individual now depends entirely on how much of the M or the W the individual in question possesses, and on the nature of that mixture.

[ 9 ] So also betrachtet Weininger die Menschheit, und er sagt, alles hänge davon ab, daß man sich endlich bequeme, dieses alte Vorurteil, als ob Männer und Frauen vorhanden wären, aufzugeben. Sehr viel, meint er, hängt davon ab, daß man endlich einsehe, daß jedes menschliche Individuum dadurch etwas ist, daß es männliche Eigenschaften hat — daß es ein W mit Etwas ist, insofern es männliche Eigenschaften hat, und ein W mit Nichts ist, insofern es weibliche Eigenschaften hat. Aus Etwas und Nichts ist also im Grunde genommen jeder Mensch zusammengesetzt.

[ 9 ] This, then, is how Weininger views humanity, and he says that everything depends on people finally bringing themselves to abandon this old prejudice—as if men and women actually existed. A great deal, he believes, depends on finally realizing that every human individual is something precisely because they possess masculine qualities—that they are a W with Something insofar as they possess masculine qualities, and a W with Nothing insofar as they possess feminine qualities. Every human being, then, is fundamentally composed of Something and Nothing.

[ 10 ] Nun, auf dieser Anschauung basiert das ganze dicke Buch. Und alles, was in der Welt sich vollzieht, von dem einzelnen menschlichen Leben bis zum geschichtlichen Leben, wird nun unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, richtig mathematisch betrachtet. So finder selbstverständlich Weininger den Grundcharakter eines menschlichen Individuums sehr stark davon abhängig, in welcher Quantität, in welchem Quantum, sagen wir zum Beispiel W dem menschlichen Individuum beigemischt ist, dieses Nichts dem menschlichen Individuum beigemischt ist. Ist sehr viel beigemischt von dem W, so kommt ein anderer menschlicher Typus zustande, als wenn weniger von dem W beigemischt ist.

[ 10 ] Well, this entire thick book is based on this view. And everything that takes place in the world—from the life of a single human being to the course of history—is now viewed from this perspective, viewed in a truly mathematical way. Thus, Weininger naturally considers the fundamental character of a human individual to be very strongly dependent on the quantity—the quantum, let us say, of W—that is mixed into the human individual, that is, this “nothing” mixed into the human individual. If a great deal of W is mixed in, a different human type emerges than if less of W is mixed in.

[ 11 ] Sie verzeihen, wenn ich aus dem Weiningerschen Gedankengange einiges darlege. Sie könnten vielleicht die Ansicht haben, daß das nicht einmal ganz anständig wäre, alles so darzulegen; aber man darf nicht wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand stecken, sondern muß die Dinge kennenlernen; ich schildere einen Typus. Viele Menschen denken so, und viele von denjenigen, die so denken in der Gegenwart, wissen es nur nicht. Also Sie müssen schon entschuldigen, es sind nicht meine Urteile, die ich jetzt aussprechen werde, sondern Weiningers Urteile.

[ 11 ] Please forgive me for presenting some of Weininger’s line of thought. You might perhaps take the view that it would not even be entirely proper to present everything in this way; but one must not bury one’s head in the sand like an ostrich—one must come to understand these things; I am describing a type. Many people think this way, and many of those who think this way today simply aren’t aware of it. So please excuse me—the judgments I am about to express are not my own, but Weininger’s.

[ 12 ] Nehmen wir also an: Viel W wäre einem menschlichen Individuum beigemischt, ein gewisses Maximalquantum wäre beigemischt; dann hat man es mit einem Typus von Menschen zu tun, der in der Majagestalt der Frau einem entgegentritt. Ist weniger beigemischt, dann hat man es mit einem anderen Typus zu tun, der nur so äußerlich wie eine Frau aussieht. Ist viel beigemischt von dem W, dann hat man es mit dem Typus der Mutter zu tun, ist wenig beigemischt, so hat man es mit dem der Hetäre zu tun. So daß also dadurch zwei neue Grundcharaktere menschlicher Individualität gegeben sind: die Mutter und die Hetäre. Die Mutter ist der zurückgebliebenste Typus der Menschheit; sie schwebt ganz in den untersten Planen des Daseins und kann nur die Freundin werden der philiströsesten Männer, kann nichts beitragen zum Kulturfortschritt, denn sie nähert sich am meisten dem Nichts, weil am meisten W beigemischt ist. Ist weniger W beigemischt, so erhält man den Typus derjenigen Frau, welche der genialen Männer Freundin werden kann: der Typus der Frau, die Hetäre, wie Weininger sich ausdrückt, die teilnehmen kann an dem menschlichen Kulturfortschritt, die schon in höheren Regionen des Daseins lebt.

[ 12 ] So let us assume: If a great deal of W were mixed into a human individual—a certain maximum amount were mixed in—then we are dealing with a type of human being who appears in the form of a woman. If less of W is mixed in, then we are dealing with a different type, one that only outwardly resembles a woman. If a great deal of W is mixed in, then we are dealing with the type of the mother; if little is mixed in, then we are dealing with the type of the hetaera. Thus, two new fundamental characters of human individuality are established: the mother and the hetaera. The mother is the most backward type of humanity; she hovers entirely in the lowest planes of existence and can only become the girlfriend of the most philistine men; she can contribute nothing to cultural progress, for she comes closest to nothingness because she contains the greatest amount of W. If there is less W mixed in, one obtains the type of woman who can become the friend of brilliant men: the type of woman, the hetaera, as Weininger puts it, who can participate in the progress of human culture, who already lives in higher regions of existence.

[ 13 ] Auch die andere Art von menschlichen Individuen, die Männer Männer darf man natürlich nur sagen, wenn man den althergebrachten Ausdruck gebraucht — zerfallen in solche, die viel von dem M haben, und in solche, die weniger von dem M haben. Solche, die viel von dem M haben, die haben den großen Vorzug, große Schuld auf sich zu laden und großes Böses zu verrichten; solche, die wenig von dem M haben, stehen mehr in den unteren Regionen des Daseins; die haben weniger Fähigkeit, Böses zu tun, Schuld in die Welt zu setzen. Was ist nun die größte Schuld, die diejenigen Individuen auf sich laden können, die viel M haben in ihrer Natur? Was ist überhaupt die größte Schuld, die es gibt zunächst innerhalb unseres begrenzten physischen geschichtlichen Daseins? Ja, sehen Sie, ich sagte Ihnen vorher, in der Theorie Weiningers ist das W eigentlich das Nichts. Aber wie kann das Nichts in der Welt sein? Warum ist denn überhaupt das Nichts, das W, in der Welt? Was ist denn dieses W, dieses Nichts, wenn man näher darauf eingeht? Es ist nichts anderes als die Schuld des Mannes. Also das W hat überhaupt kein wirkliches Dasein, sondern es ist bloß durch die Schuld des M da, so daß es also Frauen gar nicht geben würde, wenn nicht die Männer die Schuld auf sich geladen hätten, durch ihre Begierden die Frau zu schaffen. Die Frau ist ein Geschöpf der männlichen Schuld. Das ist der Sündenfall der Menschheit.

[ 13 ] The other type of human individuals—men, of course, if one is to use the traditional term—can also be divided into those who have a great deal of M and those who have less of M. Those who have a great deal of M have the great advantage of being able to take on great guilt and commit great evil; those who have little M dwell more in the lower regions of existence; they have less capacity to do evil or to bring guilt into the world. What, then, is the greatest guilt that those individuals who have a great deal of M in their nature can take upon themselves? What, in fact, is the greatest guilt that exists, first and foremost within our limited physical, historical existence? Yes, you see, I told you before that, in Weininger’s theory, W is actually nothingness. But how can nothingness exist in the world? Why is nothingness—W—in the world at all? What, then, is this W, this nothingness, when one examines it more closely? It is nothing other than the guilt of man. Thus, the “W” has no real existence at all; rather, it exists solely through the guilt of “M,” so that women would not exist at all if men had not taken on the guilt of creating women through their desires. Woman is a creature of male guilt. That is the Fall of humanity.

[ 14 ] Ja, Sie alle, die dem äußeren Ansehen nach wie Frauen ausschauen, Sie müssen sich also vorstellen, daß Sie, nach der Theorie Weiningers, im Grunde genommen durch die Schuld der Männer ins Dasein gerufen worden sind auf irgendeine unbekannte, okkulte Weise! Das wird, man kann schon sagen, mit großer Genialität in dem Buch ausgeführt, wie man in den letzten Jahrzehnten eben vielfach menschliche Genialität aufgefaßt hat. Es ist sogar von einem Kritiker über die Weiningersche literarische Leistung gesagt worden: Es beweise, daß man doch noch einige Freude an dem Leben der Gegenwart, dieser philiströsen, pedantischen Gegenwart haben könne, daß es solche Geister gibt, wie Weininger einer sei!

[ 14 ] Yes, all of you who, outwardly, look like women—you must therefore imagine that, according to Weininger’s theory, you were essentially brought into existence through the fault of men, in some unknown, occult way! This is, one might say, expounded with great genius in the book—just as human genius has often been understood in recent decades. One critic even said of Weininger’s literary achievement: It proves that one can still derive some joy from contemporary life—this philistine, pedantic present—because there are minds such as Weininger’s!

[ 15 ] Das Buch ist nicht unernsthaft gemeint; es ist kein bloßes belletristisches Produkt. Der Mann, der das geschrieben hat, hat mit dem ersten Teil davon — nicht mit dem Ganzen, mit den ersten zwei, drei Bogen seinen Doktor an einer Universität gemacht. Es wurden also die ersten Bogen als Doktordissertation an einer Universität angenommen. Er hat sie später etwas verändert. Man muß ja natürlich das, was man genial schreibt, ein bißchen ins Pedantische umsetzen, wenn man eine Doktordissertation macht, und das hat er natürlich auch gekonnt. Also es ist ganz ernst genommen worden, und es sind manche Theorien dann aufgebaut worden. Das Buch hat großes Aufsehen gemacht, und nicht bloß das, es hat auch großen Einfluß gehabt.

[ 15 ] The book is not meant to be frivolous; it is not merely a work of fiction. The man who wrote it earned his doctorate at a university based on the first part of it—not the whole thing, but the first two or three sheets. So the first sheets were accepted as a doctoral dissertation at a university. He later revised it somewhat. Of course, when writing a doctoral dissertation, one must adapt even the most ingenious writing to a somewhat pedantic style, and he certainly managed to do that skillfully. So it was taken very seriously, and a number of theories were subsequently developed based on it. The book caused quite a stir, and not only that—it also had a major influence.

[ 16 ] Sehen wir uns den Mann ein wenig näher an. Weininger war von Anfang an, was man ein begabtes Kind nennt, hat schon in der allerersten Zeit viele kluge Gedanken gehabt, worüber viele Eltern ja so sehr froh sind. Er war ein ernstes Kind, das sich mit geistigen Dingen beschäftigt hat. Als es in die Schule kam, kann man nicht einmal sagen, daß es den Lehrern die Sache nicht recht gemacht hätte — das ist ja fast selbstverständlich, nicht wahr; aber die Lehrer konnten es ihm nicht recht machen! Weininger mußte immer etwas anderes machen, als die Lehrer von ihm haben wollten, insbesondere als er ins Gymnasium gekommen war. Während die Lehrer nach seiner Ansicht sehr langweilige Dinge sagten, las er allerlei Dinge für sich. Das tun zwar andere auch in der Praxis; man läßt den da reden, der sagt ja doch nichts anderes, als was im Buche steht, das kann man dann zu Hause kürzer lesen; und, nicht wahr, so unter der Bank — —!

[ 16 ] Let’s take a closer look at this man. From the very beginning, Weininger was what one calls a gifted child; even in his earliest years, he had many clever thoughts—something many parents are so happy to see. He was a serious child who was preoccupied with intellectual matters. When he started school, one couldn’t even say that he didn’t do what the teachers expected—that goes almost without saying, doesn’t it?—but the teachers couldn’t quite figure him out! Weininger always had to do something different from what the teachers wanted him to do, especially once he entered high school. While the teachers, in his view, said very boring things, he read all sorts of things on his own. Others do that in practice, too; you let the teacher talk—after all, he says nothing other than what’s in the book, which you can then read more briefly at home; and, well, under the desk— —!

[ 17 ] Wenn er Aufsätze machte, ja, da ging es ihm so, daß er zum Teil das Erstaunen, aber zum Teil auch den Abscheu der korrigierenden Lehrer hervorrief. Auch wollte er sich nichts gefallen lassen in der Schule. Als er dann zur Universität kam, erwies er sich als ein sehr begabter Mensch, der über vieles Ideen hatte, was da vorgebracht wurde. Dann bekam er von den verschiedensten Seiten her tiefgehende literarische Einflüsse. Die verschiedenen geistigen Richtungen Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wirkten sehr bedeutend auf ihn. Auch die Gesellschaft, in der er war, wirkte selbstverständlich auf ihn sehr bedeutsam. Er lebte in Wien am Ende des neunzehnten Jahrhunderts in einem Kreise von Leuten, von denen man mit Recht sagte, daß viele Genies, aber eben dekadente Genies, darunter waren. Man hat von diesem Kreis gesagt, in dem Weininger da um die Wende des Jahrhunderts lebte, daß die Begabtesten unter ihnen, wenn sie zwanzig Jahre alt sind, Raffael für einen Trottel halten. Mit zwanzig Jahren ist man selbstverständlich ein ganzes Genie und reformiert die Welt jeden Tag. Dazu gehörte er auch, aber eben als ein genialer, begabter Mensch mit Ideen. Denn schließlich, was ich Ihnen vorgeführt habe, sind ja doch Ideen. Man mag sie für so irrtümlich wie möglich halten, es sind Ideen. Es sind auch neue Ideen.

[ 17 ] When he wrote essays, he would sometimes elicit astonishment—and sometimes even disgust—from the teachers who graded them. Nor was he willing to put up with anything at school. When he eventually entered university, he proved to be a highly gifted individual who had his own ideas about much of what was being discussed there. He then received profound literary influences from a wide variety of sources. The various intellectual movements of the late 1890s had a significant impact on him. Naturally, the social circle in which he moved also had a profound influence on him. He lived in Vienna at the end of the nineteenth century in a circle of people of whom it was rightly said that many geniuses—though decadent geniuses—were among them. It was said of this circle, in which Weininger lived around the turn of the century, that the most gifted among them, by the time they were twenty, considered Raphael a fool. At twenty, of course, one is a full-fledged genius and reforms the world every day. He was part of that circle as well, but precisely as a brilliant, gifted person with ideas. For after all, what I have presented to you are, after all, ideas. One may consider them as erroneous as possible, but they are ideas. They are also new ideas.

[ 18 ] Dann wirkten auf Weininger besonders gewisse in unserer Zeit ja sehr tiefe Wurzeln schlagende Rassentheorien. Er war Jude und machte sich früh bekannt mit der Entwickelung der Menschheit, wie sie hingeordnet ist auf das Mysterium von Golgatha, beschäftigte sich viel mit dem Christus. Nun bildete er sich eine sehr eigentümliche Theorie aus. Der Christus war ihm auf der einen Seite Jude, aber gerade weil er Jude war, konnte er das Judentum am intensivsten überwinden. Ein vollständiges Umschlagen, wie er es da zu beobachten glaubte in der Menschheitsentwickelung, es übte einen tiefen Eindruck aus auf Weininger. Und während er vorher eigentlich mit einem gewissen Pessimismus gerade sein Judentum verfochten hatte, wurde er beseligt in dem Gedanken, überzutreten, ein Christ zu werden, es dem Christus nachzumachen, umzuschlagen. Und da goß sich in seine Ideen hinein etwas wie von einem modernen Christus, nur daß der Christus die Menschheit von dem Übel befreit hat, von der Sünde, von der Erbsünde; Weininger aber — das sprach er nicht aus, aber man sieht, das waltete in seiner Seele — meinte, er habe, weil er noch Tieferes erkannt habe, die moderne Menschheit von allem Weiblichen, von allem W zu erlösen; erst dann könne die Menschengeschichte sich fortentwickeln, wenn sie von allem W, nicht nur von aller Sünde erlöst sei; denn gibt es nicht mehr das W, so gibt es selbstverständlich die Schuld des M nicht mehr, denn das W ist nur die Schuld des M. Und das sah Weininger als eine Art Erfüllung des Christentums an, daß er als Jude die Menschheit von dem W erlösen könne; das sah er gewissermaßen als seine Sendung an.

[ 18 ] Weininger was particularly influenced by certain racial theories that have taken deep root in our time. He was Jewish and became familiar at an early age with the development of humanity as it relates to the Mystery of Golgotha; he devoted much of his attention to Christ. He then developed a very peculiar theory. To him, Christ was, on the one hand, a Jew; but precisely because he was a Jew, he was able to transcend Judaism most intensely. A complete transformation—as he believed he observed it in human development—made a deep impression on Weininger. And while he had previously defended his Jewish identity with a certain pessimism, he found bliss in the thought of converting, of becoming a Christian, of following Christ’s example, of undergoing a transformation. And so something like a modern Christ poured into his ideas—only that Christ had freed humanity from evil, from sin, from original sin; Weininger, however—he did not voice this, but one can see it reigned in his soul—believed that, because he had recognized something even deeper, he was to redeem modern humanity from all that is feminine, from all “W”; only then could human history continue to develop, once it had been redeemed from all “W,” not just from all sin; for if “W” no longer exists, then of course the guilt of “M” no longer exists either, since “W” is merely the guilt of “M.” And Weininger saw this as a kind of fulfillment of Christianity—that he, as a Jew, could redeem humanity from “W”; he regarded this, in a sense, as his mission.

[ 19 ] Unter solchen Gedanken und Empfindungen war er zwanzig-, einundzwanzigjährig geworden. Er hat in verhältnismäßig kurzer Zeit dieses riesendicke Buch «Geschlecht und Charakter» geschrieben, in dem viel, viel Gelehrsamkeit und Wissenschaft der Gegenwart aufgearbeitet ist, das durchdrungen ist mit Ideen von der Art, wie ich sie Ihnen angedeutet habe. Dann kam eine Zeit über ihn, wo er darüber nachzudenken begann, wie ein solches Genie, wie er es ist, doch nicht verstanden werden kann in der Gegenwart. Alle diejenigen Individuen, meint er, bei denen das W irgendeine besondere Rolle spielt, also alle, die dem äußeren Ansehen nach als Frauen in der Welt herumgehen, und auch diejenigen, die dem äußeren Ansehen nach nicht Frauen sind, die aber ein großes Stück des W in sich haben, die können Weininger von vornherein nicht verstehen, auf die muß er verzichten. Das ist ja natürlich weit, weit über die Hälfte der Menschheit. «Frauen werden mich niemals verstehen», hat Weininger zu seinem Vater gesagt. Sie sind ganz kaltgestellt.

[ 19 ] Amid such thoughts and feelings, he had reached the age of twenty or twenty-one. In a relatively short time, he wrote this enormous book, Race and Character, which draws on a great deal of contemporary scholarship and scientific knowledge and is permeated with ideas of the kind I have hinted at to you. Then came a time when he began to reflect on how a genius such as himself could not be understood in the present day. All those individuals, he believes, for whom the “W” plays any special role—that is, all those who, outwardly, go about the world as women, and also those who, outwardly, are not women but who possess a large part of the “W” within themselves—cannot understand Weininger from the outset; he must do without them. That, of course, is far, far more than half of humanity. “Women will never understand me,” Weininger told his father. They are completely sidelined.

[ 20 ] Dann bekam er eine Art Wandertrieb, als sein Buch erschienen war. Er mußte Reisen machen, und da reiste er nach Italien. Da kann man nun eine merkwürdige Entdeckung machen, denn da hat er seine Ideen niedergeschrieben auf der Reise bis nach Sizilien, und diese Ideen wurden dann in dem nachgelassenen Werke «Über die letzten Dinge» von seinem Freunde Rappaport veröffentlicht.

[ 20 ] Then, once his book was published, he was seized by a kind of wanderlust. He felt compelled to travel, and so he went to Italy. There, one can make a curious discovery, for he wrote down his ideas on the journey to Sicily, and these ideas were later published by his friend Rappaport in the posthumous work On the Last Things.

[ 21 ] Merkwürdige Ideen sind darinnen, viel radikaler noch als die in dem Buche «Geschlecht und Charakter», radikalere Ideen, aber doch von einem sehr, sehr eigentümlichen Charakter, Ideen, die alle erinnern an dasjenige, was wir imaginative Erkenntnis nennen, Ideen so ziemlich über den ganzen Umfang des menschlichen Lebens, aphoristisch ausgesprochen. Allerdings, was da zum Beispiel über Krankheiten gesagt wird, das allein genügt, um jeden Arzt zu überzeugen, daß Weininger vollständig irrsinnig war. Aber alle diese Ideen, die da in dem Buch «Über die letzten Dinge» gesammelt sind, sind eigentlich wie imaginative Erkenntnis, paradox, aber wie imaginative Erkenntnis. Sie sind nach der Art der imaginativen Erkenntnis aufgebaut. Nehmen wir eines: Bei dem Menschen tritt auf das Böse, sagte er, und tritt auf die Neurasthenie. Schauen wir uns die Neurasthenie an, meint Weininger, ja, wir finden doch, die Neurasthenie, sie wächst überall draußen, denn die ganze Pflanzenwelt ist verkörperte Neurasthenie! Sie ist das Gleichnis für Neurasthenie. Lebt dasjenige im Menschen überwiegend, was in der Pflanzenwelt an seiner rechten Stelle lebt, dann wird der Mensch neurasthenisch, denn der Mensch ist in gewissem Sinne eine Pflanze, und er ist in dem Maße neurasthenisch, als das Pflanzliche das Übergewicht bekommt. Paradox! Eine ganz und gar nicht unsinnige Idee, paradox ausgeführt! Man möchte sagen: Etwas, was innerhalb der imaginativen Erkenntnis gehalten werden muß, ist hereingezerrt in die verstandesmäßige Erkenntnis und dadurch zur Karikatur geworden.

[ 21 ] There are strange ideas in it—ideas even more radical than those in the book Sex and Character, ideas that are more radical, yet of a very, very peculiar nature; ideas that all bring to mind what we call imaginative insight; ideas covering virtually the entire scope of human life, expressed aphoristically. Admittedly, what is said there about illnesses, for example, is enough on its own to convince any doctor that Weininger was completely insane. But all these ideas, collected in the book On the Last Things, are actually like imaginative insight—paradoxical, but like imaginative insight. They are structured in the manner of imaginative insight. Let’s take one example: “Evil arises in humans,” he said, “and neurasthenia arises.” Let’s look at neurasthenia, Weininger says; indeed, we find that neurasthenia is growing everywhere out there, for the entire plant world is neurasthenia incarnate! It is the parable of neurasthenia. If that which lives in its proper place in the plant world comes to predominate within a human being, then the human being becomes neurasthenic, for the human being is, in a certain sense, a plant, and is neurasthenic to the extent that the plant-like nature gains the upper hand. Paradox! An idea that is by no means nonsensical, yet expressed paradoxically! One might say: Something that must be held within imaginative cognition has been dragged into intellectual cognition and thereby turned into a caricature.

[ 22 ] Ebenso, sagt er, lebt im Menschen das Böse; aber schauen wir hinaus: Überall, wo Hunde sind, lebt das Böse. Der Hund ist das Symbolum des Bösen. Der Mensch ist ebenso, wie er eine Pflanze ist, und dadurch ein Neurastheniker, auch wie ein Hund, und dadurch ein Böser. Es ist zum Beispiel durchaus wahr, daß im Menschen die ganze übrige Natur konzentriert ist; alles, was draußen in der Natur ausgegossen ist, ist im Menschen, das kommt vor in ihm. — Dabei kommen tief gefühlvolle Aperçus aus Weiningers Seele heraus: Er steht auf einem feuerspeienden Berge. Womit er den vergleicht, will ich gar nicht wiederholen; aber er sieht die untergehende Sonne und sagt so ungefähr: Diese untergehende Sonne ist nur erträglich hier auf diesem Grund und Boden, wo man zu gleicher Zeit den Krater unter sich hat; sonst würde sie stören.

[ 22 ] Likewise, he says, evil dwells within human beings; but let us look around: wherever there are dogs, evil dwells. The dog is the symbol of evil. Man is just as much a plant—and thus a neurasthenic—as he is a dog—and thus an evil being. It is, for example, entirely true that the whole of the rest of nature is concentrated within man; everything that is spread out in nature is within man; it occurs within him. — At the same time, deeply emotional insights emerge from Weininger’s soul: He stands on a fire-spewing mountain. I won’t even repeat what he compares it to; but he sees the setting sun and says something like this: This setting sun is only bearable here on this land, where one has the crater beneath one’s feet at the same time; otherwise, it would be disturbing.

[ 23 ] Sie sehen, merkwürdig empfindet diese Seele: Wo andere Seelen wunderschöne, großartige Empfindungen beim Sonnenuntergange haben, ist es ihm nur erträglich, wenn es zum Kontrast wird. Und so ist vieles ganz anders in dieser Seele als bei anderen Menschen. Interessant ist es, wie er da beschreibt, wie es ist, wenn man den Menschen entgegentritt und ihnen in die Augen schaut, wie aus dem einen Auge dieses, aus dem andern Auge jenes Wesen heraussieht. Er bekommt es genau heraus; er hat imaginative Schauungen, bringt sie aber in einer wahnsinnig verzerrten Weise zum Vorschein.

[ 23 ] You see, this soul perceives things strangely: where other souls experience beautiful, magnificent feelings at sunset, he can only bear it when it becomes a contrast. And so many things are quite different in this soul than in other people. It is interesting how he describes what it is like to approach people and look into their eyes—how one essence gazes out from one eye and another from the other. He captures it precisely; he has imaginative visions, but he brings them to light in an insanely distorted way.

[ 24 ] Dann kommt er nach Hause, ist nun gerade in der letzten Zeit voller Klagen über den Unverstand der Welt, fragt sich, wie lange es dauern wird, bis so etwas, wie er es zu schreiben hat, von der Welt wird verstanden werden können. Der Vater ist durchaus überzeugt, trotzdem der Sohn weggezogen war, weil er nicht mit der Familie wohnen konnte, daß er es mit einem genialen jungen Manne zu tun hat, bemerkt nichts irgendwie Unnormales an ihm, obwohl er selbstverständlich mit den Ideen nicht einverstanden ist; aber wenn alle Eltern, die mit den Ideen ihrer Söhne oder Töchter nicht einverstanden sein können, sie deshalb für Wahnsinnige halten wollten, nicht wahr, so würde etwas Schönes in der Welt herauskommen!

[ 24 ] Then he comes home; lately, he has been full of complaints about the world’s lack of understanding, wondering how long it will take before something like what he has to write can be understood by the world. The father is thoroughly convinced—even though his son moved away because he couldn’t live with the family—that he is dealing with a brilliant young man; he doesn’t notice anything unusual about him, even though he naturally disagrees with his ideas; but if all parents who disagree with their sons’ or daughters’ ideas were to consider them mad because of it—wouldn’t that be something?—then something beautiful would come of it in the world!

[ 25 ] Dann nimmt er eines Tages ein Zimmer im Sterbehause von Beethoven. Nach einigen Tagen, die er dort gewohnt hat, erschießt er sich darin ganz programmäßig, nachdem er vorher einer Gesellschaft von jüngeren Freunden angekündigt hat, er werde sich erschießen, weil das seiner Individualität gerade so entspreche. Er war da etwa dreiundzwanzig Jahre alt. Er erschießt sich im Sterbehause Beethovens.

[ 25 ] Then, one day, he takes a room in Beethoven’s final residence. After living there for a few days, he shot himself in that very room, as if following a plan, having previously announced to a group of younger friends that he would shoot himself because that was precisely in keeping with his individuality. He was about twenty-three years old at the time. He shot himself in Beethoven’s death house.

[ 26 ] Ja, nun sehen Sie, wir haben eine merkwürdige Persönlichkeit vor uns, und eine typische Persönlichkeit. Es gibt viele so Geartete, wenn das auch ein herausgerissenes Beispiel ist, wo gewisse Ideen in besonderer Weise ausgebildet sind. Es gibt viele Individuen unter den Menschen in der Gegenwart, die so geartet sind wie Weininger. Für den Irrenarzt ist es ganz selbstverständlich, daß sowohl das Buch «Geschlecht und Charakter», wie das «Über die letzten Dinge» verrücktes Zeug sind. Der Irrenarzt vergleicht die Biographie Weiningers mit diesen Ideen, die er vorgebracht hat, und findet selbstverständlich überall Anzeichen des Abnormen. Es gibt kaum irgendeinen Menschen, bei dem man nicht solche Anzeichen finden kann. Das kommt ja wirklich mehr oder weniger auf den subjektiven Standpunkt an. Nur weiß das der Irrenarzt nicht. Aber wie gesagt, man kann leicht beweisen, daß schon eine Abnormität darinnen liegt, wenn jemand seinen Lehrern so widerstrebt, wie es der Weininger getan hat, wenn man so die Bücher unter der Bank liest, während der Lehrer ganz anderes vorträgt. Ein bedenklicher Zug ist es ja, wenn jemand sich als einen Propheten ansieht, ein bedenklicher Zug ist es, wenn jemand sich just in das Sterbehaus Beethovens einmietet, um sich dort zu erschießen! So sind viele Züge bei Weininger, und man muß sagen: Eine psychiatrische Schrift, die über Weininger geschrieben ist, ist ganz zutreffend, nur könnte man über viele Leute solch eine Schrift schreiben. Aber sie ist dennoch ganz zutreffend. Was aber am meisten ganz ernsthaftig und bedeutsam auffällt, das ist, daß man einen gewissen Grundzug, einen gewissen Grundcharakter der verzerrten, karikierten Gedanken in «Geschlecht und Charakter», in «Über die letzten Dinge» dennoch sehen muß. Man kann ruhig zugeben, das Ganze ist wahnsinniges Zeug, aber es muß einen interessieren durch die Art, wie die Gedanken gebildet sind.

[ 26 ] Yes, well, you see, we have a peculiar personality before us, and a typical one at that. There are many people of this sort, even if this is an isolated example in which certain ideas are developed in a particular way. There are many individuals among people today who are of the same disposition as Weininger. For the psychiatrist, it goes without saying that both the book Sex and Character and On the Last Things are crazy nonsense. The psychiatrist compares Weininger’s biography with the ideas he has put forward and, naturally, finds signs of abnormality everywhere. There is hardly a single person in whom such signs cannot be found. That really depends more or less on one’s subjective point of view. Only the psychiatrist doesn’t know that. But as I said, it’s easy to prove that there’s already an abnormality at play when someone resists his teachers as much as Weininger did, when he reads books under the desk while the teacher is lecturing on something entirely different. It is indeed a troubling trait when someone regards himself as a prophet; it is a troubling trait when someone rents a room in Beethoven’s death house specifically to shoot himself there! There are many such traits in Weininger, and one must say: A psychiatric treatise written about Weininger is entirely accurate, though one could write such a treatise about many people. But it is nonetheless entirely accurate. What stands out most seriously and significantly, however, is that one must nevertheless recognize a certain underlying trait, a certain fundamental character in the distorted, caricatured ideas found in Sex and Character and On the Last Things. One can safely admit that the whole thing is madness, but it must be of interest because of the way the ideas are formulated.

[ 27 ] Wenn man nach strenger, durchgeistigter, gesunder Wissenschaft diesen Grundcharakter zu begreifen sucht, so muß man sagen: Wir sehen, wie alles, was sich ausdehnt draußen in der Welt als Makrokosmos, wie ein Gleichnis ist, wie der Mensch ein Mikrokosmos ist, der alles in sich trägt, was draußen ist. Wenn der Gedanke bei Weininger auftritt, wenn auch in solch verzerrter Art, karikiert, die Pflanze sei verkörperte Neurasthenie, der Hund das verkörperte Böse, so ist es, ich möchte sagen, nach dem Musterbilde der imaginativen Erkenntnis aufgefaßt, wie wenn jemand richtige imaginative Erkenntnis in die Karikatur verzerrt; aber es ist nach dem Musterbilde imaginativer Erkenntnis aufgefaßt. Und dennoch, im Grunde genommen ein für das Leben ganz unbrauchbarer Mensch, dieser Weininger, ein für das Leben ganz und gar nicht irgendwie in Betracht kommender Mensch! Denn im Grunde genommen kann doch aus den beiden Büchern niemand etwas lernen, und es ist nur charakteristisch für unsere Zeit, daß die Literaten vielfach an solchen Kraftproben viel mehr Interesse finden, als wenn ihnen imaginative Erkenntnis so entgegentritt, wie sie sein soll. Da interessiert es sie nicht. Wenn es aber in wahnsinnigen Ideen ihnen entgegentritt, da interessiert es sie.

[ 27 ] If one seeks to understand this fundamental character through rigorous, spiritually-infused, sound science, one must say: We see how everything that expands out there in the world as the macrocosm is like a parable, just as the human being is a microcosm that carries within itself everything that exists outside. When the idea arises in Weininger—albeit in such a distorted, caricatured form—that the plant is neurasthenia incarnate and the dog is evil incarnate, it is, I would say, conceived according to the archetype of imaginative insight, as if someone were distorting true imaginative insight into a caricature; but it is conceived according to the archetype of imaginative insight. And yet, at the very core, this Weininger is a man utterly useless to life, a man who is in no way whatsoever a factor in life! For, when all is said and done, no one can learn anything from these two books, and it is only characteristic of our time that literary figures often find far more interest in such feats of strength than when imaginative insight confronts them as it ought to. Then it does not interest them. But when it confronts them in the form of insane ideas, then it interests them.

[ 28 ] Also wir haben es wirklich zu tun mit imaginativer Erkenntnis, die nur als Zerrbild erscheint. Was liegt da eigentlich vor? Da ein solcher Charakter wie der Weiningers doch für das Leben nicht brauchbar ist, so muß man dahinterkommen können, was eigentlich vorliegt. Wodurch ist denn Weininger eben gerade dieser sonderbare Mensch geworden? Ja, sehen Sie, wenn man beobachtet haben würde — das sage ich jetzt als Hypothese, weil ich ja den Fall Weininger nicht persönlich beobachtet habe, aber was ich als Hypothese sage, ist ganz gewiß richtig —, wenn man Weininger beobachtet haben würde als schlafenden Menschen in den Zeiten, in denen er gesunden Schlaf hatte — den er allerdings sehr wenig gehabt haben wird —, dann würde man gefunden haben, daß im Ich und im astralischen Leib, die während des Schlafens heraußen waren aus dem physischen Leibe, wirklich grandiose Intuitionen und Imaginationen aus der geistigen Welt vorhanden waren. Würden wir also dieses Ich und diesen astralischen Leib abgesondert vom physischen und Ätherleib betrachten, so würden wir wahrnehmen eine grandios-geniale Seele mit wunderbaren Intuitionen und Imaginationen, die treffend richtig sind. Diese Seele, richtig verstanden, würde tatsächlich ein großer Lehrer für unsere Zeit sein können; aber sie dürfte nur so als Lehrer wirken, daß sie den physischen Leib und den Ätherleib schlafen läßt, und die Schüler dürfen nur dasjenige wahrnehmen, was ihnen im schlafenden Zustande das Ich und der astralische Leib des Betreffenden zu sagen haben. Aber nun war Weininger selber nicht so weit, das wahrzunehmen. Er war nicht aufgeweckt, das wahrzunehmen, er war nicht durchgegangen durch dasjenige, was man in unserer Zeit als eine Initiation bezeichnet. Also er wußte selber nichts von dem, was da in seinem Ich und in seinem astralischen Leibe lebte, wenn er außerhalb des physischen und des Ätherleibes war. Wenn Weininger hätte werden sollen ein Mensch, der seinen Mitmenschen heute in geistiger Beziehung viel sein könnte — wie hätte er dann werden müssen? Nun, er hätte so werden müssen, daß er seine großen Anlagen, die nur hervortreten konnten, wenn das Ich und der astralische Leib außer dem physischen und dem Ätherleibe waren, durch Initiation zum Schauen gebracht hätte außerhalb des physischen und Ätherleibes, und daß er dann hätte untertauchen können in den physischen und Ätherleib, um mit den geistigen Kräften und Fähigkeiten, die man im physischen und im Ätherleib hat, das anzuschauen, was er wahrnahm außerhalb des physischen und des Ätherleibes. Mit anderen Worten, wenn er wachend hier gewesen wäre in der physischen Welt, so hätte er auf seine großen Ideen als auf Inspirationen und Imaginationen hinschauen müssen. Er hätte nicht glauben müssen, daß er diese so hervorzubringen hat, wie man mathematische Wahrheiten hervorbringt, aus dem physischen Leib heraus.

[ 28 ] So we are really dealing with imaginative insight that appears only as a distorted image. What is actually going on here? Since a character like Weininger’s is of no use in life, we must be able to get to the bottom of what is actually at play. What exactly caused Weininger to become this peculiar person? Yes, you see, if one had observed him—I’m saying this as a hypothesis, because I haven’t personally observed Weininger’s case, but what I’m saying as a hypothesis is certainly correct—if one had observed Weininger as a sleeping person during the times when he had sound sleep—which he certainly must have had very little of— then one would have found that in the “I” and the astral body—which were outside the physical body during sleep—there were indeed magnificent intuitions and imaginations from the spiritual world. If, then, we were to consider this “I” and this astral body separately from the physical and etheric bodies, we would perceive a magnificent, brilliant soul with wondrous intuitions and imaginations that are remarkably accurate. This soul, properly understood, could indeed be a great teacher for our time; but it could only act as a teacher by allowing the physical and etheric bodies to sleep, and the students would be permitted to perceive only what the ego and astral body of the person in question have to say to them while they are in a sleeping state. But Weininger himself was not yet ready to perceive this. He was not awake enough to perceive it; he had not undergone what is called an “initiation” in our time. So he himself knew nothing of what lived within his “I” and his astral body when he was outside his physical and etheric bodies. If Weininger were to have become a person who could mean a great deal to his fellow human beings today in a spiritual sense—how would he have had to become such a person? Well, he would have had to become someone who, through initiation, could have brought his great gifts—which could only emerge when the “I” and the astral body were outside the physical and etheric bodies—into clear vision outside the physical and etheric bodies, and that he could then have immersed himself in the physical and etheric bodies in order to use the spiritual powers and abilities one possesses in the physical and etheric bodies to contemplate what he perceived outside the physical and etheric bodies. In other words, if he had been here in the physical world while awake, he would have had to regard his great ideas as inspirations and imaginations. He would not have had to believe that he had to produce them—as one produces mathematical truths—from within the physical body.

[ 29 ] Statt dessen ist etwas anderes eingetreten. Statt dessen ist das Folgende eingetreten: Denken Sie sich einmal, dieses wäre der physische, dieses der Ätherleib und dieses der astralische Leib Weiningers gewesen (es wird gezeichnet). Wenn man also diesen astralischen Leib mit dem Ich beobachten würde, würde man die schönsten, bedeutendsten Dinge sehen. Er hat sie selber gehabt. Nun tauchen also dieser astralische Leib und das Ich in den physischen Leib unter, sind jetzt darinnen. Statt daß sich der Mensch nun sondern kann und hinschauen kann auf das Astralische, drückt sich, preßt sich das Astralische in den physischen Leib hinein und wird im physischen Leib so lebendig, wie sonst nur das lebendig ist, was ein normaler Mensch im Astralleib hat. Also das, was der astralische Leib an großer Imagination hat, was im astralischen Leib verbleiben sollte, das drückt sich in den physischen Leib hinein. So daß in das Gehirn, statt daß es aufgebaut ist, wie es für den Menschen des jetzigen Zyklus normal ist, hineingepreßt wird wie in eine weiche Wachsmasse, was Imagination bloß im astralischen Leib bleiben soll. Denken Sie sich, das Gehirn ist wirklich wie Butter oder wie Wachs. Statt daß es nun die Form hat, die es beim Menschen haben muß, so daß der astralische Leib gleichsam nur untertaucht wie Luft, die das durchsetzt und ungeändert läßt, statt dessen wird hineingepreßt in das Gehirn dasjenige, was im astralischen Leibe bleiben soll. Das drückt sich im Gehirn nun selbst aus, und der Mensch spricht als physischer Mensch das aus, was er als geistiger Mensch aussprechen soll.

[ 29 ] Instead, something else happened. Instead, the following happened: Imagine for a moment that this were Weiner’s physical body, this his etheric body, and this his astral body (a diagram is drawn). So if one were to observe this astral body with the “I,” one would see the most beautiful, most significant things. He himself possessed them. Now, then, this astral body and the “I” submerge into the physical body; they are now within it. Instead of the human being now being able to detach and look toward the astral realm, the astral realm presses itself into the physical body and becomes as alive within the physical body as is otherwise only the case with what a normal person possesses in the astral body. So whatever great imagination the astral body possesses—which should remain in the astral body—forces its way into the physical body. As a result, instead of the brain being structured as is normal for human beings of the present cycle, what should remain solely in the astral body as imagination is pressed into it as if into a soft mass of wax. Imagine that the brain is really like butter or wax. Instead of having the form it must have in a human being—so that the astral body, as it were, merely passes through it like air, leaving it unchanged—what is meant to remain in the astral body is instead pressed into the brain. This then expresses itself within the brain, and the human being, as a physical being, utters what he should be expressing as a spiritual being.

[ 30 ] Und wodurch ist denn das geschehen? Wodurch wirkt dieser astralische Leib, gewissermaßen wie sich hineinpressend in den physischen Leib, was er nicht tun soll? Wodurch geschieht das?

[ 30 ] And how does this happen? How does this astral body—as it were, forcing its way into the physical body—do what it is not supposed to do? How does this happen?

[ 31 ] Ja, meine lieben Freunde, daß das so ist, das hat seine guten Gründe; denn was da bei Weininger heute als Intuition und Imagination zum Ausdruck gekommen ist, das sind wirkliche Ideen der Zukunft! Bitte lassen Sie sich dadurch nicht stören, daß Sie etwa glauben könnten, alles das, was hier über das Männliche und Weibliche entwickelt worden ist, sei Idee der Zukunft. Das sind nicht Ideen der Zukunft, das sind schon die ins Gehirn hereingepreßten karikierten Ideen. Aber die sind wirklich nicht bloß dieses M+W. Wenn sie da drinnen abgesondert beobachtet werden, da sind sie etwas, was ganz grandios ist, was die heutige Menschheit noch nicht versteht, sondern erst in der Zukunft verstehen wird, wenn wirklich ausgegossen werden wird über die Menschheit etwas, wodurch sich die Menschen nicht nur so gegenüberstehen werden wie heute, durch das Geschlecht, sondern wodurch sie sich mehr als Menschen gegenüberstehen werden. Es ist wirklich, wenn man sie abgesondert beobachtet und sie nicht durch das Hereinpressen in den physischen Leib erklärt, in diesen Ideen Zukünftiges vorhanden. Aber wir müssen alle Ideen zukünftige nennen; denn während Sie jetzt hier im zwanzigsten Jahrhundert leben, entwickeln Sie Gedanken für das zwanzigste Jahrhundert; aber in den Untergründen, im astralischen Leib und im Ich drinnen sind schon die Ideen, die Sie für Ihre nächste Inkarnation brauchen, die Sie als Frucht von hier mitnehmen müssen. Die sind in jedem Menschen schon ein bißchen drinnen, nur kommen sie jetzt nicht heraus. Wie der Keim in der Pflanze drinnen ist, so sind schon die Ideen der nächsten Inkarnation drinnen, die da im Gehirn wirken. Das, was bei Weininger dieser abgesonderte Astralleib und das Ich in seinem physischen und Ätherleib jetzt tun, das ist mit Unrecht getan, denn das sollte sich erst vorbereiten durch die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und mit aufbauen den nächsten Leib. Da wäre es richtig, wenn es sich da hineinpreßte in den nächsten Leib.

[ 31 ] Yes, my dear friends, there are good reasons why this is so; for what Weininger has expressed today as intuition and imagination are truly ideas of the future! Please do not be misled into thinking that everything discussed here regarding the masculine and the feminine is merely an idea of the future. These are not ideas of the future; they are already caricatured ideas that have been forced into the mind. But they are truly not merely this M+W. When observed in isolation, they are something truly magnificent—something that humanity today does not yet understand, but will only come to understand in the future, when something will truly be poured out upon humanity, through which people will no longer face one another merely as they do today—divided by gender—but through which they will face one another as more than just human beings. It is truly the case that, when one observes them in isolation and does not explain them by forcing them into the physical body, there is something of the future present in these ideas. But we must call all ideas “future”; for while you now live here in the twentieth century, you develop thoughts for the twentieth century; but in the depths, within the astral body and within the I, the ideas you will need for your next incarnation—which you must take with you as the fruit of this life—are already present. They are already present to some extent in every human being; they just do not come to the surface yet. Just as the seed is within the plant, so too are the ideas of the next incarnation already present, working there within the brain. What Weininger describes as this separate astral body and the “I” doing within the physical and etheric bodies is incorrect, for this should first be prepared during the time between death and a new birth and should help build the next body. It would be correct for it to press itself into the next body.

[ 32 ] Sie sehen, um was es sich handelt: die gegenwärtige und die nächstfolgende Inkarnation stimmen nicht zusammen. Die stören sich gegenseitig, die halten sich nicht ordentlich auseinander. Es spukt die nächste Inkarnation in die gegenwärtige Inkarnation hinein. Was in der nächsten Inkarnation wirklich etwas Bedeutsames und Richtiges sein würde, spukt herein in den gegenwärtigen Leib, den es nur stört, und kommt hier in Karikierungen zum Vorschein.

[ 32 ] You see what this is about: the present incarnation and the next one are not in harmony. They interfere with each other; they do not maintain a proper separation. The next incarnation is intruding into the present one. What would truly be something significant and right in the next incarnation is intruding into the present body, where it only causes disruption, and manifests here in distorted forms.

[ 33 ] Ich habe Ihnen öfter gesagt, wir leben jetzt in einer Zeit des Überganges, und es kommen Zeiten, in denen die gegenwärtig lebenden Menschen wieder inkarniert sein werden. Da werden sich diese Menschen in ein anderes Verhältnis zu den vorhergehenden Inkarnationen stellen müssen. Sie werden zurückschauen müssen auf die vorhergehende Inkarnation, anders als jetzt, wo jeder nur von seiner gegenwärtigen Inkarnation ein Bewußtsein hat. Das bereitet sich vor, und da kommen Unregelmäßigkeiten hinein. Und gerade bei solchen Individuen wie Weininger kommt das als eine Unregelmäßigkeit zustande. Bis in die letzten Konsequenzen hinein kommt das als eine Unregelmäßigkeit zustande. Denn, warum sterben wir denn eigentlich? Damit wir in der nächsten Inkarnation leben können! Zu den vielen Dingen, die den Tod großartig machen, gehört auch dieses, daß wir — ich rede jetzt von vollendeten Lebensläufen —, wenn wir in einer Inkarnation leben, dann durch die Pforte des Todes gehen, die Früchte des Lebens forttragen und uns unser nächstes Dasein damit aufbauen, mit diesen Früchten. Aber es gehört das Sterben ebenso zum Leben wie das Geborenwerden oder das Wachsen. Geradeso, wie die Pflanze eigentlich getötet wird durch den Keim, der in ihr steckt — der Keim bringt sie zum Welken; erst wachsen die Blätter, dann die Blüten, dann die Früchte, und dann fängt sie an zu welken —, so tötet uns gewissermaßen unsere nächste Inkarnation. Ist unsere nächste Inkarnation vertrackt, verdreht, so kann sie auch etwas von dem verdreht machen, was sie rechtmäßigerweise machen muß: Regelmäßigerweise bringt sie den Tod der gegenwärtigen Inkarnation. Die nächste Inkarnation, die in der vorhergehenden spukt: bei Weininger bringt sie den Tod als eine Karikatur, als den Selbstmord. Dieses Nicht-Zusammenstimmen dessen, was als nächste Inkarnation in der gegenwärtigen ruhen soll, statt dessen aber spukt, das bewirkt die Karikatur des Todes, den Selbstmord. Bis in diese Konsequenz hinein können Sie verfolgen ein NichtZusammenstimmen zwischen physischem und Ätherleib auf der einen Seite, Ich und Astralleib auf der andern Seite bei diesem menschlichen Individuum.

[ 33 ] I have often told you that we are now living in a time of transition, and there will come a time when the people living today will be reincarnated. Then these people will have to establish a different relationship with their previous incarnations. They will have to look back on their previous incarnation, unlike now, when everyone is conscious only of their present incarnation. This is in the process of being prepared, and irregularities arise as a result. And it is precisely in individuals like Weininger that this manifests as an irregularity. It manifests as an irregularity right down to its ultimate consequences. For why do we actually die? So that we can live in the next incarnation! Among the many things that make death magnificent is this: that we—I am now speaking of completed life courses—when we live in one incarnation, then pass through the gate of death, carry the fruits of life with us, and build our next existence with them, with these fruits. But dying is just as much a part of life as being born or growing. Just as a plant is, in a sense, killed by the seed within it—the seed causes it to wither; first the leaves grow, then the flowers, then the fruit, and then it begins to wither—so, in a sense, our next incarnation kills us. If our next incarnation is convoluted or twisted, it can also distort what it is rightfully meant to do: it regularly brings about the death of the present incarnation. The next incarnation that haunts the previous one: in Weininger’s case, it brings about death as a caricature, as suicide. This lack of harmony between what is supposed to rest in the present incarnation as the next incarnation, but instead haunts it—this is what brings about the caricature of death, suicide. You can trace this lack of harmony between the physical and etheric bodies on the one hand, and the ego and astral body on the other, in this human individual all the way to this consequence.

[ 34 ] Ich möchte sagen, herausgestellt wie in einem besonderen Beispiele sehen wir etwas, was heute in vielem lebt. Nur Geisteswissenschaft wird das so begreifen können. Aber wichtig ist es, da, wo es erscheint in der Gegenwart, es zu verstehen, sich darauf einzulassen. Für den unverständigen Literaten mag Weininger das Genie der Gegenwart sein, für den Irrenarzt ist er ein Wahnsinniger, für denjenigen, der verstehen will die Zeiten, der sich mit liebevoller Erkenntnis in die Ereignisse hineinversetzen will, ist er der Typus für das Übergangsleben unserer Zeit, einer der interessantesten Typen. Wichtig ist es, das Leben an solch interessanten Beispielen anzufassen. Denn hier ist es so, wo Geisteswissenschaft praktisch wird, weil wir in der Zeit leben, in der das Leben immer schwieriger wird, in der die Menschen immer mehr und mehr mit sich zu tun haben, in der Selbsterkenntnis immer schwerer sein wird, und immer bedrückender jenes Heraufdringen dessen, was da unten wogt und lebt, und was uns selbst oftmals so unverständlich und mit Depressionen behaftet erscheinen läßt. Aus den Erkenntnissen der Geisteswissenschaft müssen wir uns ein Verständnis des Menschlichen erwerben.

[ 34 ] I would like to say that, as illustrated in a specific example, we see something that lives on in many ways today. Only spiritual science will be able to grasp this. But what is important is to understand it and engage with it wherever it appears in the present. To the uninformed literary figure, Weininger may be the genius of the present; to the psychiatrist, he is a madman; but to those who wish to understand the times, who wish to immerse themselves in events with loving insight, he is the archetype of the transitional life of our age—one of the most interesting archetypes. It is important to approach life through such interesting examples. For this is where spiritual science becomes practical, because we live in an age in which life is becoming ever more difficult, in which people are increasingly preoccupied with themselves, in which self-knowledge will become ever more difficult, and in which the surging pressure of that which stirs and lives down below—and which often makes us seem so incomprehensible and prone to depression—becomes ever more oppressive. We must gain an understanding of what it means to be human from the insights of spiritual science.

[ 35 ] Davon wollen wir dann morgen weiterreden und es zu einem größeren Thema ausbilden.

[ 35 ] Let's talk more about that tomorrow and expand on it as a broader topic.