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Humanity's Internal Impulses for Development
Goethe and the Crisis of the Nineteenth Century
GA 171

1 October 1910, Dornach

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Achter Vortrag

Eighth Lecture

[ 1 ] Es war gestern mein Bestreben, durch den Vortrag hindurchtönen zu lassen, daß Sinn, weisheitsvolle Führung in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit ist, und daß man diese weisheitsvolle Führung, diesen Sinn in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit nur dann finden kann, wenn man tiefer hineinschürft in die geistigen Untergründe. Das versuchte ich ja gestern durchtönen zu lassen, das versuchte ich schon seit Wochen an einzelnen konkreten Beispielen auseinanderzusetzen. Die Menschen im allgemeinen leben ja so innerhalb ihres Zeitalters, daß sie die Ereignisse dieses Zeitalters an sich herankommen lassen, daß sie unter diesen Ereignissen Glück oder Unglück, Schmerz oder Freude erleben, daß sie also ihren Anteil in bezug auf Gemütseindrücke aus den Impulsen des Zeitalters mit hinwegnehmen. Sie denken in einer gewissen Beziehung auch nach; allein in unserem Zeitalter bedeutet das Nachdenken über das, was geschieht, nicht gerade außerordentlich viel, weil die ganze geistige Entwickelung unseres Zeitalters nicht danach ist, in die Ursachen, die hinter den Erscheinungen geistig walten, wirklich einzudringen.

[ 1 ] Yesterday, my aim was to convey through my lecture that there is a meaning—a wise guidance—in the historical development of humanity, and that one can find this wise guidance, this meaning, in the historical development of humanity only by delving deeper into the spiritual foundations. That is what I tried to convey yesterday; I have been attempting to explore this for weeks now using specific, concrete examples. People in general live within their own era in such a way that they allow the events of that era to affect them directly; they experience happiness or unhappiness, pain or joy through these events; and thus they take with them their share of emotional impressions derived from the impulses of the era. In a certain sense, they also reflect on these things; yet in our age, reflecting on what is happening does not mean all that much, because the entire spiritual development of our age is not geared toward truly penetrating the causes that spiritually govern the phenomena.

[ 2 ] Nun habe ich Sie gestern aufmerksam gemacht auf das, was der tiefer in die Zeitereignisse Eindringende immer wieder und wiederum sich vor seine Seele halten sollte: daß, so wie das Denken, Empfinden der sogenannten kultivierten Menschheit heute ist, die soziale Ordnung nur wenige Dezennien aufrechterhalten werden kann. Notwendig ist der Menschheit eine Umgestaltung des Empfindens und Denkens, ein Umändern in bezug auf viele Ideen, Empfindungen, Gefühle und Willensimpulse. Geisteswissenschaft will das ihrige beitragen, um zum Verständnisse eines solchen Umlernens zu führen.

[ 2 ] Yesterday I drew your attention to what anyone who delves more deeply into current events should constantly keep in mind: that, given the current state of thought and feeling among so-called “cultured” humanity, the social order can be sustained for only a few decades. Humanity needs a transformation of feeling and thinking—a change in many ideas, sensations, emotions, and impulses of the will. Spiritual science seeks to contribute its part to leading to an understanding of such a process of re-learning.

[ 3 ] Die äußere Geschichte tut ja heute im allgemeinen recht wenig, um einem Menschen begreiflich zu machen, warum die Dinge, die um ihn herum vorgehen, so sind, wie sie eben sind. Die äußere Geschichte, die heute zum großen Teil in den inneren Werdegang der Dinge nicht hineinblicken will, die registriert das, was äußerlich geschieht, und betrachtet immer das Frühere, was geschehen ist, eben als die Ursache des Folgenden, man möchte sagen, in der einfachsten, bequemsten Weise. Aber wenn man in einer solchen einfachen, bequemen Weise die Dinge auf ihre Ursachen zurückführt, wie es die Geschichte heute vielfach tut, dann kommt man zu richtigen Absurditäten. Denn man würde letzten Endes anlangen müssen bei der Anschauung, daß das meiste, ja vielleicht das Ausgebreitetste, was geschieht, nicht dem Sinn, sondern dem Widersinn sein Dasein verdankt. Daß nicht Sinn in der Geschichte ist, sondern daß Unsinn in der Geschichte ist, würde man sich gestehen müssen, wenn man die letzten Konsequenzen der Anschauungen zöge, denen man sich heute vielfach hingibt. Nehmen wir ein Beispiel, das jeder ins Auge fassen kann, wenn er die äußere Geschichte durchgeht.

[ 3 ] Today, external history generally does very little to help a person understand why the things happening around them are the way they are. External history, which today largely refuses to look into the inner workings of events, records what happens on the surface and always regards past events as the cause of what follows—one might say, in the simplest, most convenient way. But when one traces things back to their causes in such a simple, convenient way—as history often does today—one arrives at outright absurdities. For ultimately, one would have to arrive at the view that most of what happens—perhaps even the most widespread phenomena—owes its existence not to meaning but to nonsense. One would have to admit that there is no meaning in history, but rather nonsense, if one were to draw the ultimate conclusions from the views to which many subscribe today. Let us take an example that anyone can grasp by reviewing external history.

[ 4 ] Fragen wir zum Beispiel nach dem Ursprunge der englischen Religionsgenossenschaft, der anglikanischen Kirche, der viele Menschen angehören, und suchen wir ihren äußeren historischen Ursprung. Nun, da werden wir finden, daß vom Jahre 1509 bis 1547 Heinrich VIII. regiert hat, daß dieser Heinrich VIII. sechs Frauen hatte. Die erste wurde durch Scheidung von ihm getrennt, aber diese Scheidung spielt, rein äußerlich betrachtet, eine große historische Rolle. Katharina von Aragonien, von ihr ließ er sich scheiden. Die zweite, Anna Boleyn, ließ er hinrichten. Die dritte, Johanna Seymour, starb. Von der vierten ließ er sich wieder scheiden. Die fünfte, Katharina Howard, wurde wieder hingerichtet. Nur die sechste überlebte ihn, und wenn man die Geschichte weiter prüft, eigentlich nur durch eine Art von Irrtum, denn auch ihr war ein anderes Schicksal zugedacht. Diese etwas komplizierte Ehegeschichte Heinrichs VIII, der, wie gesagt, vom Jahre 1509 bis 1547 regierte, möchte ich weniger ihres historischen Inhaltes willen anführen, als mehr um hinzuführen zu einer Betrachtung des Charakters Heinrichs VIII. Denn man kann schon etwas Anschauung über den Charakter bekommen, wenn man weiß, daß eine Persönlichkeit zwei Frauen hat hinrichten lassen und sich von einer gewissen Anzahl hat scheiden lassen und so weiter.

[ 4 ] Let us, for example, consider the origins of the English religious community, the Anglican Church, to which many people belong, and examine its external historical origins. Well, we will find that Henry VIII reigned from 1509 to 1547, and that this Henry VIII had six wives. He was separated from the first by divorce, but this divorce, viewed purely from an external perspective, plays a major historical role. Catherine of Aragon—he divorced her. He had the second, Anne Boleyn, executed. The third, Jane Seymour, died. He divorced the fourth as well. The fifth, Catherine Howard, was also executed. Only the sixth survived him, and if one examines the story further, it was actually only by a kind of mistake, for a different fate had been intended for her as well. I would like to mention this somewhat complicated marital history of Henry VIII—who, as I said, reigned from 1509 to 1547—not so much for its historical content as to lead into a consideration of Henry VIII’s character. For one can gain some insight into his character simply by knowing that he had two wives executed, divorced a certain number of them, and so on.

[ 5 ] Nun aber, rein äußerlich, historisch genommen, spielt die Scheidung von der ersten, von Katharina von Aragonien, eine gewisse bedeutsame Rolle; denn man braucht nur zwei Ereignisse ins Auge zu fassen, um diese gewichtige Rolle äußerlich zu charakterisieren. Erstens wurde, weil der Papst sich weigerte, die Ehe zu scheiden, der «Defensor fidei», der Verteidiger des Glaubens, wie er sich zuerst nannte, das heißt des katholischen, von Rom ausgehenden Glaubens, Gegner des Papstes, Gegner der von Rom aus zu führenden katholischen Kirche, und trennte einfach durch seine Machtmittel die englische Kirche von der allgemeinen katholischen Kirche, so daß eine Art Reformation eintrat; aber eine Reformation ganz eigener Art, darin bestehend, daß die alten Gebräuche, Zeremonien, Ritualien beibehalten wurden. Es war also riicht so, wie es bei den Protestanten war, daß wirklich aus einer geistigen Grundlage und geistigen Kraft heraus eine Erneuerung gesucht worden ist, sondern es wurde alles Religiöse beibehalten. Nur innerhalb Englands sollte die Kirche abgetrennt werden von der allgemeinen katholischen Kirche, weil eben der Papst sich weigerte, die Ehe Heinrichs VIII. zu scheiden. Also um eine andere Frau zu bekommen, begründete dieser Mann für sein Volk eine neue Kirche, die seither besteht. Wir haben also die äußere historische Tatsache, daß Millionen und Millionen von Menschen durch Zeitalter hindurch in einem Glaubenszusammenhange leben, weil eines Königs Scheidung nur dadurch bewirkt werden konnte, daß er diesen Glaubenszusammenhang schuf! Es ist äußerer historischer Zusammenhang. Ist das nicht eine Absurdität? Und wenn man genauer sich die Sache ansieht, dann kommt auch noch eine innere Absurdität dazu, eine richtige innere Absurdität; denn es ist gar nicht zu leugnen, daß Tausende und aber Tausende von Menschen seit der Scheidung Heinrichs VIII., das heißt seit der Begründung der englischen Kirche, in diesem Glaubenszusammenhange, der auf so fragwürdige Weise entstanden ist, wirklich tiefes religiöses inneres Leben gefunden haben. Das heißt: Es entsteht etwas in der Geschichte durch eine höchst fragwürdige Ursache, und die Früchte, die eintreten, können für Tausende und aber Tausende von Menschen die am meisten innerlich Seelenheil bringenden sein, sind es auch gewesen. Man ziehe nur die Konsequenzen der Dinge. Man huscht so über die Dinge in ihrer Entwickelung hinweg; aber man ziehe die Konsequenzen solcher Dinge, dann wird man sehen, daß man auf die verschiedensten Absurditäten kommt, wenn man unter dem Gesichtswinkel die Tatsachen betrachtet, unter dem man sie heute betrachtet.

[ 5 ] However, from a purely external, historical perspective, the divorce from his first wife, Catherine of Aragon, plays a certain significant role; for one need only consider two events to characterize this weighty role from an external standpoint. First, because the Pope refused to grant a divorce, the “Defensor fidei,” the Defender of the Faith, as he first called himself—that is, of the Catholic faith emanating from Rome—became an opponent of the Pope and of the Catholic Church led from Rome, and simply used his authority to separate the Church of England from the universal Catholic Church, so that a kind of Reformation took place; but a Reformation of a very unique kind, consisting in the preservation of the old customs, ceremonies, and rituals. It was therefore not at all like the situation with the Protestants, where a renewal was genuinely sought on the basis of spiritual principles and spiritual power; rather, everything religious was retained. It was only within England that the Church was to be separated from the universal Catholic Church, precisely because the Pope refused to grant Henry VIII a divorce. Thus, in order to marry another woman, this man established a new church for his people, which has existed ever since. So we have the external historical fact that millions upon millions of people have lived within a single religious framework throughout the ages, simply because a king’s divorce could only be effected by his creating that religious framework! This is an external historical context. Isn’t that an absurdity? And if one looks more closely at the matter, an inner absurdity is added to this—a true inner absurdity; for it cannot be denied that thousands upon thousands of people since Henry VIII’s divorce—that is, since the founding of the Church of England—have truly found a deep inner religious life within this context of faith, which came into being in such a questionable manner. In other words: something arises in history from a highly questionable cause, and the fruits that result can be—and indeed have been—the very things that bring the deepest inner salvation to thousands upon thousands of people. One need only draw the logical conclusions from these facts. One tends to skim over these developments; but if one draws the conclusions from such events, one will see that one arrives at the most diverse absurdities when viewing the facts from the perspective from which they are viewed today.

[ 6 ] Ich sagte, diese eine Tatsache ist eingetreten; aber auch noch eine andere Tatsache haben wir zu verzeichnen. Das ist die Tatsache der Hinrichtung des Thomas Morus, jenes bedeutenden, großen, genialischen Schülers des Pico von Mirandola, der die «Utopia» geschrieben hat, ein wunderbares Werk, in dem er aus einem visionären Schauen heraus — ich kann das heute nicht weiter ausführen, aber das kann ein anderes Mal ausgeführt werden — die Idee eines sozialen Zusammenhanges der Menschen geschaffen hat; so daß man sieht, daß dieser Schüler Picos della Mirandola, Thomas Morus, der aus einem gewissen bei ihm auftretenden atavistischen Hellsehen sich ein Bild von einer sozialen Ordnung macht, dieses Bild zeichnet. Mögen diejenigen Leute, die nun ganz gescheit sind, über die Anwendbarkeit dieses Bildes denken wie sie wollen, aber Genialität und geniale Impulse leben in diesem Bilde. Wenn auch ein solches Bild nicht unmittelbar anwendbar ist auf die äußere Wirklichkeit, so gilt eben in bezug auf ein solches Bild immer das, was Johann Gottlieb Fichte gesagt hat mit Bezug auf solche sozialen und anderen Ideale, die für die Menschheit aufgestellt werden. Mit Bezug auf solche Ideale spricht sich Fichte einmal aus, nachdem er ins Auge gefaßt hat, wie immer wieder und wiederum die Leute sagen: Nun ja, da kommen diese Denker und predigen allerlei Ideale, aber das sind unpraktische Leute, das kann man nicht anwenden! — Da sagte Fichte in bezug auf solche Einwendungen: Daß sich Ideale im wirklichen Leben nicht unmittelbar anwenden lassen, das wissen wir anderen ebensogut als diejenigen, die solche Einwendungen machen, vielleicht besser; nur wissen wir auch, daß das Leben immerzu, wenn es wirklich vorwärtsgehen soll, nach solchen Idealen geformt werden muß. Diejenigen aber, die von solchen Idealen nichts wissen wollen, sagt Johann Gottlieb Fichte, sie zeigen weiter nichts, als daß bei der Evolution der Menschheit nicht auf sie gerechnet ist. Und so möge ihnen denn der gute Gott Regen und Sonnenschein zu rechter Zeit, und möglichst auch Speise und Trank zur rechten Zeit und eine gute Verdauung verleihen, und wenn es sein kann, auch gute Gedanken ab und zu. — So spricht Johann Gottlieb Fichte mit Recht; denn das, was sich in der Welt verwirklicht, sind doch die Ideale der Menschheit, wenn auch andere Kräfte und andere Impulse zusammenwirken mit diesen Idealen, und diese Ideale nicht nur unmittelbare sind, sondern mittelbare.

[ 6 ] I said that this one fact has come to pass; but there is another fact we must also note. That is the fact of the execution of Thomas More, that eminent, great, and brilliant disciple of Pico della Mirandola, who wrote Utopia, a marvelous work in which, drawing on a visionary insight—I cannot elaborate on this further today, but it can be discussed another time—he created the idea of a social bond among human beings; so that we see that this disciple of Pico della Mirandola, Thomas More, who, drawing on a certain atavistic clairvoyance that arose within him, forms a vision of a social order and sketches out this vision. Let those who are quite intelligent think what they will about the applicability of this image, but genius and genius-inspired impulses live within it. Even if such an image is not immediately applicable to external reality, what Johann Gottlieb Fichte said with regard to such social and other ideals set forth for humanity still applies to such an image. With regard to such ideals, Fichte once spoke out after he had observed how, time and again, people say: “Well, yes, here come these thinkers preaching all sorts of ideals, but they’re impractical people—you can’t apply that!” — In response to such objections, Fichte said: “We know just as well as those who raise such objections—perhaps even better—that ideals cannot be directly applied in real life; but we also know that, if life is truly to move forward, it must continually be shaped according to such ideals.” But those who want nothing to do with such ideals, says Johann Gottlieb Fichte, show nothing more than that they are not accounted for in the evolution of humanity. And so may the good Lord grant them rain and sunshine at the right time, and if possible also food and drink at the right time and good digestion, and if it is possible, good thoughts now and then. — Johann Gottlieb Fichte speaks rightly; for what is realized in the world are, after all, the ideals of humanity, even if other forces and other impulses interact with these ideals, and even if these ideals are not merely direct but also indirect.

[ 7 ] Allein aus mancherlei Gründen wurde gerade unter dem Einflusse Heinrichs VIII. auch Thomas Morus hingerichtet. Und so sehen wir gerade in einer solchen Hinrichtung, wie die des Thomas Morus ist, in diesem Zeitalter und in der Entstehung der englischen Kirche zwei Ereignisse, die, wenn man sie ihrem Sinne nach kennt, ihrem tieferen Sinne nach kennenlernen will, eben auch tiefer betrachtet werden müssen. Nur unter gewissen Voraussetzungen kann man verstehen, warum die angedeutete Entwickelung sich so, wie sie geschildert worden ist, vollzogen hat. Man kann diese Entwickelung nur verstehen, wenn man gerade hervorragende Geister betrachtet innerhalb dieser Entwickelung, wie sie gefolgt ist auf das Zeitalter und auf die Taten Heinrichs VIII.

[ 7 ] For various reasons, however, Thomas More was also executed, particularly under the influence of Henry VIII. And so, in an execution such as that of Thomas More—in this era and in the formation of the Church of England—we see two events that, if one wishes to understand their meaning and come to know their deeper significance, must also be considered more deeply. Only under certain conditions can one understand why the development described took place as it did. One can understand this development only by examining the outstanding figures within it, as it unfolded in the context of the era and the actions of Henry VIII.

[ 8 ] Betrachten wir zunächst nur den Umstand, daß da ein Glaubenszusammenhang geschaffen worden ist, um eine Ehescheidung herbeizuführen. Wie gesagt, für den einzelnen Menschen, wenn er religiös veranlagt war, brauchte das gar keine besondere Wirkung zu haben, denn er konnte sein Heil finden auch innerhalb der so entstandenen Kirche. Viele fanden es. Aber im ganzen geschichtlichen Zusammenhang, im geschichtlichen Werden seit jener Zeit sehen wir schon, daß durch diese äußerliche Herstellung eines Glaubenszusammenhanges etwas ganz Besonderes bewirkt worden ist. Dazu muß ins Auge gefaßt werden, was an geistigen Impulsen gerade von der Kulturgemeinschaft ausgegangen ist, in die dieser religiöse Zusammenhang hineingestellt worden ist. Man muß da bei einer objektiven Betrachtung sich klar darüber sein, daß, nachdem in Europa der südwestliche Einfluß an geistigen Impulsen mehr und mehr zurückzusinken begann, der Einfluß der englischen Kultur immer mehr und mehr wuchs. Der Einfluß der englischen Geistesimpulse wurde immer stärker und stärker, wurde stark zunächst auf dem Westen des europäischen Kontinents, dann auf dem ganzen europäischen Kontinent, und wenn man von den stärksten Einflüssen in geistiger Beziehung mit Bezug auf das 18. und 19. Jahrhundert für Europa sprechen will, so muß man natürlich die von England ausgehenden Impulse ins Auge fassen.

[ 8 ] Let us first consider only the fact that a religious framework was created in order to bring about a divorce. As I said, for the individual—if he or she was religiously inclined—this need not have had any particular effect, for he or she could find salvation even within the church that had thus come into being. Many did find it. But in the broader historical context, in the historical development since that time, we can already see that this external establishment of a religious framework brought about something quite special. To understand this, we must consider the spiritual impulses that emanated specifically from the cultural community into which this religious framework was embedded. In an objective assessment, one must be clear that, as the influence of spiritual impulses from the southwest began to wane more and more in Europe, the influence of English culture grew ever stronger. The influence of English spiritual impulses grew ever stronger, first in the west of the European continent, then across the entire European continent; and if one wishes to speak of the strongest spiritual influences in Europe with regard to the 18th and 19th centuries, one must naturally take into account the impulses emanating from England.

[ 9 ] Da treten nun gewisse Leute auf innerhalb der englischen Kultur selber, welche von diesem Kulturimpulse beseelt sind; da treten zum Beispiel auch innerhalb Frankreichs gewisse Leute auf, in denen diese Kulturimpulse leben. In England Philosophen, zum Beispiel der außerordentlich einflußreiche Philosoph Locke. Gewiß, heute wissen nicht viele Leute etwas von Locke, aber die Einflüsse solcher Leute gehen durch tausend und aber tausend für das äußere Leben unsichtbare Kulturkanäle, und Locke hat einen ungeheuren Einfluß gehabt auf Voltaire, und wie hat Voltaire das europäische Denken beeinflußt! Aber Voltaires Einfluß geht auf Lockes Einfluß zurück. Wie viel ist geschehen unmittelbar unter dem Einflusse Locke-Voltaires! Wie viele Gedanken wären nicht über Europa gekommen, wenn dieser Impuls Locke-Voltaires nicht gewesen wäre. Wie anders hätte sich das politische, das soziale Leben in Europa abgespielt, wenn Locke-Voltaire die europäische Seele nicht mit Gedanken gespeist hätten. In Frankreich sehen wir zum Beispiel wiederum dieselben Impulse leben in dem ungeheuer einflußreichen Montesquieu. Wenn wir dann auf den weiteren Gedankeneinfluß auf dem Kontinente sehen, so sehen wir, wie durch Hume, wie später durch Darwin das menschliche Denken revolutioniert wird. Und wiederum sehen wir, wie durch Locke-Voltaire, so durch Hume-Darwin ein ungeheurer Einfluß ausgeübt wird. Und als Marx, der Begründer des modernen Sozialismus, der einen Einfluß hat, welcher heute von denen, die sich Gebildete nennen, noch gar nicht abgeschätzt werden kann, weil dieser Einfluß in den breitesten Schichten lebt — als Marx sein grundlegendes Werk «Das Kapital» zu schreiben begann und seine Studien machte, da ging er nach England! Gewiß lebte Hegelianismus in Marx, aber darwinistisch gefärbter Hegelianismus. Und wer das Verfassungsleben der einzelnen europäischen Staaten im 19. Jahrhundert studiert, wer die Verfassungskämpfe studiert, der wird kennenlernen, wie tiefgehend der Einfluß der von dorther kommenden Kulturimpulse war. Das alles kann ja hier nur angedeutet werden.

[ 9 ] Now certain people emerge within English culture itself who are inspired by this cultural impulse; similarly, within France, for example, certain people emerge in whom these cultural impulses are alive. In England, philosophers—for example, the extraordinarily influential philosopher Locke. True, not many people today know much about Locke, but the influences of such figures flow through thousands upon thousands of cultural channels invisible to outward life, and Locke had an immense influence on Voltaire—and how Voltaire influenced European thought! But Voltaire’s influence can be traced back to Locke’s. How much has happened directly under the influence of Locke and Voltaire! How many ideas would never have spread across Europe had it not been for this Locke-Voltaire impulse. How differently would political and social life in Europe have unfolded if Locke and Voltaire had not nourished the European soul with their ideas. In France, for example, we see these same impulses coming to life once again in the immensely influential Montesquieu. When we then look at the further influence of these ideas on the continent, we see how human thought was revolutionized by Hume and, later, by Darwin. And once again, we see how an immense influence was exerted—first by Locke and Voltaire, and then by Hume and Darwin. And when Marx, the founder of modern socialism—whose influence cannot yet be fully assessed even today by those who call themselves educated, because this influence lives on in the broadest strata of society—when Marx began writing his seminal work Capital and conducting his research, he went to England! Certainly, Hegelianism lived within Marx, but it was a Hegelianism tinged with Darwinism. And anyone who studies the constitutional history of the individual European states in the 19th century, anyone who studies the constitutional struggles, will come to understand how profound the influence of the cultural impulses emanating from there was. All of this can, of course, only be hinted at here.

[ 10 ] Wenn wir nun aber gerade die hervorragenden Persönlichkeiten, die also Europa eine gewisse Physiognomie geben, ins Auge fassen, dann finden wir bei ihnen überall] ein besonders entwickeltes, abstrakt-rationalistisches Denken, ein solches Denken, wie es ein gutes, ein vorzügliches Instrument ist, um die physische Welt, die materielle Welt zu erforschen, kennenzulernen, zu behandeln und so weiter. Sowohl in Locke-Voltaire, in Montesquieu, wie in Hume-Darwin, in allem, was von ihnen abhängig ist, lebt Fähigkeit, und diese Fähigkeit pflanzt sich in das europäische Denken fort, auch in das europäische Gefühlsleben derjenige, der nichts weiß davon, ist deshalb doch tief davon beeinflußt — und schafft eine Art von Denken, die besonders geeignet ist, die materiellen Zusammenhänge der Welt zu erkennen und zu behandeln, soziale Ordnungen zu schaffen, welche auf die materiellen Zusammenhänge gehen.

[ 10 ] But if we now consider specifically those outstanding figures who give Europe a certain character, we find in them everywhere] a particularly developed, abstract-rationalist mode of thinking—a mode of thinking that serves as a good, indeed an excellent, instrument for exploring, understanding, and dealing with the physical world, the material world, and so on. In Locke and Voltaire, in Montesquieu, as well as in Hume and Darwin—and in everything that stems from them—there lives a capacity, and this capacity is passed down into European thought—and even into the European emotional life; even those who know nothing of it are nevertheless deeply influenced by it—and creates a mode of thinking that is particularly suited to recognizing and dealing with the material interrelationships of the world, and to creating social orders based on those material interrelationships.

[ 11 ] Nun sehen wir eine gewisse Begleiterscheinung, die nicht ohne Bedeutung ist, ganz und gar nicht ohne Bedeutung ist, bei allen diesen Denkern auftreten. Diese Denker sind scharfe, zuweilen genialische Denker, eindringliche Denker in bezug auf die materiellen Zusammenhänge der Welt; aber sie alle sind Denker, welche zur religiösen Entwickelung der Menschheit eine eigenrümliche Stellung einnehmen, welche das Denken durchaus nicht anwenden wollen auf die Gebiete des religiösen Lebens. Weder Locke, noch Hume, noch Darwin, noch Montesquieu wollen das Denken auf das anwenden, was sie fürGegenstände des religiösen Lebens halten. Aber sie fechten dieses religiöse Leben auch nicht an, sondern sie nehmen es hin, so wie es sich in der Geschichte einmal herausgebildet hat. Sie nehmen es als eine Tatsache hin. In diesen Kreisen war ein Ausspruch ganz gang und gäbe: Man ist Katholik, man ist Protestant, so wie man Franzose oder Engländer ist; — das heißt: man nimmt es als etwas, was eben da ist, hin, man kritisiert daran nicht; man fügt sich da hinein, man läßt das stehen. Aber man tippt auch nicht mit dem Denken an die Dinge! Ein so energischer, scharfer Denker wie Hume lebt gerade in dieser Empfindung, in diesem Gefühle, auch Montesquieu lebt in diesem Gefühl, in dieser Empfindung: stehen lassen das religiöse Leben, aber es anerkennen im äußeren Leben; ja nicht den Scharfsinn, den man auf materielle Dinge so sehr anwendet, irgendwie geltend machen in bezug auf die Angelegenheiten der geistigen Welt.

[ 11 ] Now we see a certain accompanying phenomenon—one that is not without significance, indeed by no means without significance—emerging among all these thinkers. These thinkers are sharp, at times brilliant thinkers, incisive thinkers with regard to the material interrelationships of the world; but they are all thinkers who take a peculiar stance toward the religious development of humanity—one in which they have no desire whatsoever to apply their thinking to the realms of religious life. Neither Locke, nor Hume, nor Darwin, nor Montesquieu wish to apply their thinking to what they regard as the subjects of religious life. Yet they do not contest this religious life either; rather, they accept it as it has historically come into being. They accept it as a fact. In these circles, a saying was quite common: One is Catholic, one is Protestant, just as one is French or English;—that is to say: one accepts it as something that simply is, one does not criticize it; one fits into it, one leaves it as it is. But one does not apply rational thought to these matters either! A thinker as energetic and incisive as Hume lives precisely in this sensibility, in this feeling; Montesquieu, too, lives in this feeling, in this sensibility: to leave religious life as it is, but to acknowledge it in outward life; certainly not to apply the acumen that one applies so readily to material things in any way to the affairs of the spiritual world.

[ 12 ] Diese geschichtliche Folge, die ist geistig durchaus bedingt durch die gleichgültige Einrichtung der englischen Religion durch Heinrich VIII. Das ist der innere Sinn der Sache. Diese Stimmung, die ausgegossen wird über unzählige europäische Impulse, die ist abhängig davon, daß ein gewisser Religionszusammenhang geschaffen worden ist durch das gleichgültige Ereignis, daß sich ein Mann scheiden lassen will. Dieses gleichgültige Ereignis, daß sich ein Mann scheiden lassen will, das steht am Ausgangspunkt, und das ergibt die Stimmung, überhaupt sich nicht zu kümmern um diese Sache, aber sie auch gelten zu lassen durch Generation und Generation, Jahrhunderte und Jahrhunderte. Und so wie es war in bezug auf das Denken über die religiösen Angelegenheiten, hat es nur dadurch kommen können, daß dieses historische Ereignis am Ausgangspunkt gestanden ist. Nur wenn man die Dinge innerlich betrachtet, dann findet man den entsprechenden Zusammenhang.

[ 12 ] This historical sequence is, intellectually speaking, entirely determined by the indifferent establishment of the English religion by Henry VIII. That is the inner meaning of the matter. This mood, which is poured out over countless European impulses, depends on the fact that a certain religious context was created by the trivial event of a man wanting a divorce. This indifferent event—that a man wanted a divorce—stands at the starting point, and it gives rise to the mood of not caring about this matter at all, yet also allowing it to persist through generation after generation, century after century. And just as it was with regard to thinking about religious matters, this could only have come about because this historical event stood at the starting point. Only when one considers things from within does one find the corresponding connection.

[ 13 ] Und das andere Ereignis, die Hinrichtung des Thomas Morus, 1535: Ein Mann wird hingerichtet aus verschiedenen Zusammenhängen heraus, der in die geistige Welt hineinschaut, der, wenn auch in verzerrter, karikierter Gestalt, vieles aus der geistigen Welt herausholt; er wird hingerichtet, äußerlich — innerlich noch aus anderen Gründen, die ich heute nicht erörtern kann — schon aus dem Grunde, weil er denen sich nicht anschließt, die den Supremateid schwören sollen, also die anerkennen sollen die Trennung der englischen Kirche von der römischen Kirche. Ein solcher Mann geht hinüber in die geistige Welt so, daß die Seele den physischen Leib verlassen hat, nachdem vorher diese Seele im physischen Leibe schon tiefeEinblicke in die geistige Welt getan hat. Das bleibt als Ursache bestehen, das lebt als Ursache weiter in der Welt. Was Thomas Morus geschaut hat im physischen Leib aus der geistigen Welt, das bleibt mit ihm so verbunden, wenn er mit der Seele durch die Pforte des Todes geht, daß er gerade durch das auf sein weiteres Zeitalter eine große Wirkung ausüben kann..

[ 13 ] And the other event, the execution of Thomas More in 1535: A man is executed for various reasons—a man who looks into the spiritual world, who, albeit in a distorted, caricatured form, brings forth much from the spiritual world; he is executed, outwardly—and inwardly for other reasons I cannot discuss today—simply because he does not join those who are to swear the Oath of Supremacy, that is, who are to acknowledge the separation of the Church of England from the Roman Catholic Church. Such a man passes into the spiritual world in such a way that the soul has left the physical body, after this soul had already gained deep insights into the spiritual world while still in the physical body. This remains as a cause; it lives on as a cause in the world. What Thomas More beheld from the spiritual world while in his physical body remains so closely connected to him as he passes through the gate of death with his soul that he is able to exert a great influence precisely through this on his subsequent era...

[ 14 ] Und so wirken diese zwei Strömungen zusammen: eine äußere, die ich vorher charakterisiert habe, gleichgültig gegenüber dem religiösen Leben, aber voll scheinbar gläubigen Anerkennens dieses religiösen Lebens, und eine Seele, die mächtig geworden ist dadurch, daß sie gerade im physischen Leibe Übersinnliches erlebt hat und das ausstrahlen läßt über die folgende Entwickelung. Das strahlte hinein in die andere geistige Atmosphäre, die ich Ihnen vor etwa acht Tagen hier charakterisiert habe. Denn diese geistige Atmosphäre des 14., 15., 16., 17., 18., 19. Jahrhunderts ist ja, wie wir wissen, außerdem von den Impulsen durchzogen, die entstanden sind durch die Behandlung und die Hinrichtung der Templer.

[ 14 ] And so these two currents interact: an external one, which I have described previously, indifferent to religious life but full of seemingly devout acknowledgment of that religious life; and a soul that has become powerful precisely because it has experienced the supersensible within the physical body and allows this to radiate into its subsequent development. This radiated into the other spiritual atmosphere that I described to you here about eight days ago. For this spiritual atmosphere of the 14th, 15th, 16th, 17th, 18th, and 19th centuries is, as we know, also permeated by the impulses that arose from the persecution and execution of the Templars.

[ 15 ] Die Tempelritter — 1119 begründet, wir wissen es — waren zuerst innerhalb der Kreuzzüge tätig; dann breiteten sie sich aus nach Europa, und durch besondere Zusammenhänge wurden da viele Menschen das Opfer der Habgier, der Geldgier Philipps des Schönen. Wie gesagt, ich habe Ihnen das geschildert. Aber, fassen wir das gerade noch einmal ins Auge, wie diese Templer das Opfer geworden sind, richten wir noch einmal den Blick darauf, wie wir das dargestellt haben aus dem wirklichen Verlauf der Tatsache: daß zahlreiche dieser Tempelritter gefoltert worden sind, nachdem sie in dem Leben, das sie durchgemacht hatten, eine christliche Einweihung erfahren hatten durch die Grundsätze und Impulse, die im Templerorden lebten. Mögen die Verleumdungsschriften auch noch so viel Schändliches von den Templern erzählen: das kann auch historisch nachgewiesen werden, daß es nicht wahr ist. Auswüchse natürlich sind überall; aber im wesentlichen ist es nicht wahr. Das, was im Templerorden gepflegt worden ist, war so, daß im Templerorden ein jeder wissen sollte, daß sein Blut nicht ihm gehört, sondern der Einlebung des Mysteriums von Golgatha im geistigen Sinne in die abendländische und auch zum Teil in die morgenländische Menschheit. Und was dem Templer herausgestrahlt ist aus dieser opferwilligen Gesinnung gegenüber dem Mysterium von Golgatha, das verwandelte sich allmählich in eine Art von christlicher Einweihung, so daß eine größere Anzahl von Templern wirklich bis zu einem gewissen Grade hineinschauen konnte in die geistige Welt. Dadurch waren sie aber auch ganz besonderen Gefahren ausgesetzt, wenn ihnen das Bewußtsein getrübt wurde durch die Qualen der Folter, die in Hunderten und Hunderten von Fällen vollzogen worden ist. Ihr Bewußtsein wurde getrübt durch die Folterung; dadurch war ihr Tagesbewußtsein gelähmt und ein Unterbewußtes kam zum Vorschein. All die Anfechtungen, denen ausgesetzt ist derjenige, der in solche geistige Höhe strebt, wurden zur Aussage auf dem Foltermarterinstrument. Und so kam es — und Philipp der Schöne wußte, daß das so kommen würde, denn er war in bezug auf seine Art ein genialischer Mensch, aber er war ein genialischer Mensch aus Habgier und Schätzegier; ich habe ja das genauer geschildert —, so kam es denn, daß eine große Anzahl von Templern aus einem Unterbewußtsein heraus sowohl bejahten jene sonderbare Anklage, die sich auch geltend macht auf Verleugnung der christlichen Religion und des Mysteriums von Golgatha — was aus ihren Anfechtungen, aus ihren Versuchungen heraus verständlich war —, wie auch, daß sie anderer Verbrechen sich anklagten. Eine Anzahl widerrief dann, wenn das Bewußtsein nach Herabkommen von dem Foltermarterinstrument wiederhergestellt war; eine Anzahl konnte nicht widerrufen. Kurz, bei vierundfünfzig Tempelrittern war es zu einer grausamen Hinrichtung gekommen, auch bei dem Führer des Tempelrittertums, Jakob Bernhard von Molay.

[ 15 ] The Knights Templar—founded in 1119, as we know—were initially active during the Crusades; they then spread throughout Europe, and due to specific circumstances, many people there fell victim to the greed and avarice of Philip the Fair. As I said, I have described this to you. But let us consider once more how these Templars became victims; let us turn our attention once more to how we have portrayed this based on the actual course of events: that numerous members of the Knights Templar were tortured after having, in the lives they had led, undergone a Christian initiation through the principles and impulses that lived within the Order of the Knights Templar. No matter how many shameful things the defamatory writings may say about the Templars, it can be historically proven that they are not true. Of course, there are excesses everywhere; but in essence, it is not true. What was cultivated within the Order of the Templars was this: every member was to know that his blood did not belong to him, but rather to the embodiment of the Mystery of Golgotha—in a spiritual sense—within Western humanity and, to some extent, within Eastern humanity as well. And what radiated from the Templars out of this spirit of self-sacrifice toward the Mystery of Golgotha gradually transformed into a kind of Christian initiation, so that a large number of Templars were truly able, to a certain degree, to glimpse into the spiritual world. As a result, however, they were also exposed to very special dangers when their consciousness was clouded by the torments of torture, which were carried out in hundreds and hundreds of cases. Their consciousness was clouded by the torture; as a result, their waking consciousness was paralyzed and a subconscious state came to the fore. All the trials faced by one who strives for such spiritual heights were revealed on the instrument of torture. And so it came to pass—and Philip the Fair knew that this would happen, for he was, in his own way, a man of genius, but he was a man of genius driven by greed and a lust for treasure; I have, after all, described this in greater detail— it came to pass that a large number of Templars, acting from their subconscious, both affirmed that strange accusation—which also claimed a denial of the Christian religion and the Mystery of Golgotha—which was understandable given their trials and temptations—and also accused themselves of other crimes. Some recanted once their consciousness had returned after being released from the instruments of torture; others were unable to recant. In short, fifty-four Knights Templar were subjected to a cruel execution, including the leader of the Knights Templar, Jacques-Bernard de Molay.

[ 16 ] Seelen waren da durch die Pforte des Todes gegangen, welche nicht nur in ihrem Tagesbewußtsein hineingeschaut hatten in die fortschreitende geistige Welt dadurch, daß sie zu einer christlichen Initiation gekommen waren, daß sie hatten schauen können die Geheimnisse des Mysteriums von Golgatha, sondern die auch dadurch etwas über den Weltenlauf wußten und im Weltenlauf wirken konnten, daß sie die den menschlichen Trieben entgegenstehenden Mächte kennengelernt hatten, die aus ihnen sprachen auf der Folterbank, durch die sie sich unschuldig angeklagt hatten. Diese furchtbaren, gräßlichen Erlebnisse, die nahmen eine entsprechende Gestalt an, als diese Seelen in der geistigen Welt waren. Und ich habe es schon erwähnt, daß von diesen Seelen, nachdem sie durchgegangen waren durch die Pforte des Todes, vieles von dem ausstrahlte, was jetzt weiterwirken sollte in den übersinnlichen Impulsen des 15., 16., 17., 18., 19. Jahrhunderts bis in unsere Zeit herein. Was als Inspiration in einzelnen begabten Persönlichkeiten lebt, das kommt, wenn man seine wirkliche Ursache betrachtet, daher, daß Seelen in die geistige Welt hinaufgezogen sind, die solches erlebt haben, wie es Philipp der Schöne den 'Templern hat angedeihen lassen, bevor sie durch die Pforte des Todes gegangen sind.

[ 16 ] There were souls who had passed through the gate of death, who had not only glimpsed the unfolding spiritual world in their waking consciousness—by having undergone a Christian initiation and having been able to behold the secrets of the Mystery of Golgotha— but who also knew something about the course of the world and were able to act within it because they had come to know the forces opposed to human instincts—forces that spoke through them on the rack, through which they had falsely accused themselves. These terrible, horrific experiences took on a corresponding form once these souls were in the spiritual world. And as I have already mentioned, after these souls had passed through the gate of death, much of what was to continue to work in the supersensible impulses of the 15th, 16th, 17th, 18th, and 19th centuries right up to our own time radiated forth from them. What lives on as inspiration in individual gifted personalities stems—when one considers its true cause—from the fact that souls who had experienced what Philip the Fair inflicted upon the Templars were drawn up into the spiritual world before they passed through the gate of death.

[ 17 ] Durch das alles hat sich das Zeitalter vorbereitet, in das wir hineingestellt sind. Diese und viele, viele Ursachen müßten noch charakterisiert werden, wenn man voll verstehen wollte, in welche Gedanken ein Mensch, der seither geboren wurde, hineingestellt worden ist. Denn in allem lebte das, was ausfloß von dem Dargestellten. Da kann man geradezu auf historisch Greifbares hinweisen. Ich will nur darauf hinweisen — aber man könnte auf viele Dinge hinweisen —, daß in diesem Zeitalter, von dem ich spreche, ein weithin wirksames Erziehungsbuch geschaffen worden ist: der «Robinson». Nun denke man sich, wie die Begriffe, die im «Robinson» leben, in das zarteste, früheste Kindesalter sich hineinleben, wie dieser «Robinson» nicht nur in seiner ursprünglichen Gestalt Hunderte von Auflagen erlebt hat, in alle Sprachen nicht nur übersetzt worden ist, sondern in allen möglichen Sprachen wieder geschaffen worden ist! Denn es gibt nicht nur böhmische, ungarische, spanische, französische, deutsche, polnische, russische und so weiter Übersetzungen des «Robinson», in all diesen Sprachen gibt es auch Neuschöpfungen im Geiste des Defoe. Was da lebt, wie die Seelen geformt werden, das beachtet man gewöhnlich gar nicht. Dies Ganze, was im Robinson lebt, wäre undenkbar gewesen, wenn die Dinge nicht vorausgegangen wären, von denen ich gesprochen habe.

[ 17 ] All of this has paved the way for the age into which we have been placed. These and many, many other causes would still need to be described in detail if one were to fully understand the mindset into which a person born since then has been placed. For everything was imbued with what flowed from what has been described. One can point to something historically tangible here. I want only to point out—though one could point to many things—that in this era of which I speak, a widely influential educational book was created: Robinson. Now imagine how the concepts embodied in Robinson Crusoe take root in the most tender, earliest childhood; how this Robinson Crusoe has not only seen hundreds of editions in its original form, has not only been translated into every language, but has been reimagined in every conceivable language! For there are not only Bohemian, Hungarian, Spanish, French, German, Polish, Russian, and so on translations of Robinson; in all these languages there are also new creations in the spirit of Defoe. What lives there—how souls are shaped—is something people usually don’t even notice. All of this—what lives in Robinson—would have been unthinkable if the events I have spoken of had not preceded it.

[ 18 ] Alle diese Dinge haben ihren innersten Zusammenhang. Bis in die Einzelheiten herab ist das wahr. Heute macht irgendeiner einen Gang von einer Straße der Stadt in die andere, zu irgendeinem Geschäfte. Er denkt wohl nur, wenn er sich die Sache überlegt, höchstens bis an die allernächste Ursache. Daß man diesen Gang nicht machen würde, daß man dieses Geschäft nicht hätte, wenn nicht alle die Dinge vorangegangen wären, die ich jetzt angeführt habe, daran denken die Menschen nicht, wie überhaupt die inneren Zusammenhänge wenig berücksichtigt werden. Ich habe öfter schon aufmerksam darauf gemacht, wie wenig die Menschen geneigt sind, die inneren Zusammenhänge ins Auge zu fassen. Derjenige, der die Dinge ganz äußerlich betrachtet, denkt vielleicht einmal nach: Wer hat den Gotthardtunnel gebaut oder irgendeinen Tunnel? — Heute werden Tunnels nicht gebaut, ohne daß man gewisse Berechnungen macht: Differentialrechnungen. Nicht diejenigen allein haben den Gotthardtunnel gebaut, die Stein auf Stein geformt haben, sondern wenn es heute nicht Differentialrechnung gäbe, wäre der Gotthardtunnel nicht gebaut worden. Der einsame Denker Leibniz hat die Differentialrechnung erfunden; der hat mitgebaut! Das fließt alles ein. Ich will das nur zur Verdeutlichung sagen, denn das Beispiel an sich will ja nicht viel sagen; ich will es zur Verdeutlichung nur erwähnen.

[ 18 ] All these things are intrinsically connected. This is true right down to the smallest details. Today, someone walks from one street in the city to another, on their way to some business. When they think about it, they probably consider only the most immediate cause, at most. People do not consider that they would not be making this walk, that they would not have this errand, if all the things I have just mentioned had not preceded it; indeed, little attention is paid to these inner connections in general. I have often drawn attention to how little people are inclined to take these inner connections into account. Someone who views things purely from the outside might occasionally wonder: Who built the Gotthard Tunnel, or any tunnel for that matter? — Today, tunnels are not built without making certain calculations: differential calculus. It was not only those who laid stone upon stone who built the Gotthard Tunnel; rather, if differential calculus did not exist today, the Gotthard Tunnel would not have been built. The solitary thinker Leibniz invented differential calculus; he helped build it! It all plays a part. I only mention this to clarify, because the example in itself doesn’t mean much; I mention it merely to clarify.

[ 19 ] Und unter all diesen Einflüssen, die ich zu charakterisieren versuchte, steht unser Zeitalter, steht das ganze Denken, die ganze Konfiguration unseres Zeitalters. Nun ist eine bestimmte Eigentümlichkeit für dieses Zeitalter hervorzuheben; das ist, daß dieses Zeitalter, seinem Glauben nach, nicht nur mit beiden Füßen, sondern mit den Händen, ja mit dem ganzen Leib in der Wirklichkeit drinnen steht. Das ist der Stolz, um nicht zu sagen der Hochmut unseres Zeitalters, daß man meint, tief drinnen in der Wirklichkeit zu stehen. Ungemein stolz sind die Leute auf dieses Tief-in-der-Wirklichkeit-drinnen-Stehen. Aber schon mit den Gedanken — das wird ein späteres Zeitalter lehren — steht unser Zeitalter gar nicht in der Wirklichkeit drinnen, viel, viel weniger als ein früheres Zeitalter. Denn, was wird ein künftiges Zeitalter lehren? Nun ja, es wird natürlich nicht in Abrede stellen, daß unser Zeitalter große Gedanken, große Errungenschaften hat. Die kopernikanische Weltanschauung tritt auf; Galilei schafft die moderne Physik, Kepler die moderne Astronomie; der Galvanismus, der Voltaismus, die ganze Elektrizitätskultur treten auf; die Dampfkultur tritt auf und so weiter. Also die Gedanken, die in diesem Zeitalter geschaffen werden, sie sind eindringlich, sie sind großartig. Und immer wieder und wiederum wiederholen doch die Leute, wenn sie es auch nicht mit denselben Worten ausdrücken, wie sie sich bewußt sind, daß wir es «so herrlich weit gebracht» haben gegenüber dem dummen Aberglauben der Menschen in früheren Zeitaltern. Kurz, die Menschen sind ganz voll überzeugt, daß zum Beispiel Kopernikus endlich es dahin gebracht hat, einzusehen, daß die Sonne stillsteht, oder eine eigene Bewegung meinetwillen hat, aber jedenfalls, daß sie sich nicht um die Erde herumbewegt in vierundzwanzig Stunden, sondern daß sich die Erde um sich selbst, daß sich die Erde um die Sonne dann bewegt im Jahreslauf und so weiter. Die Dinge sind ja bekannt. Man faßt sie heute so auf, als ob nun endlich die Menschheit dazu gekommen wäre, den alten Aberglauben von früher, die ptolemäische Weltanschauung, zu verlassen und die Wahrheit an die Stelle des alten Irrtums zu setzen. Die früheren Menschen haben so allerlei dummes Zeug geglaubt, weil sie ihren Sinnen vertraut haben, aber die späteren Menschen sind dazu gekommen, endlich einzusehen: Die Sonne ist im Mittelpunkt, Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun weiter draußen, kreisen in Ellipsen um sie. — Endlich weiß man, daß im Jahreslaufe zum Beispiel die Erde sich um die Sonne herum bewegt, und — man hat es so herrlich weit gebracht.

[ 19 ] And beneath all these influences, which I have attempted to characterize, lies our age—the entire way of thinking, the entire configuration of our age. Now, one particular characteristic of this age must be emphasized: namely, that this age, according to its own belief, stands not only with both feet, but with its hands—indeed, with its whole body—deep within reality. This is the pride, not to say the arrogance, of our age: the belief that we stand deep within reality. People are immensely proud of this “standing deep within reality.” But even in its thoughts—as a later age will teach—our age does not stand within reality at all, much, much less so than an earlier age. For what will a future age teach? Well, it will, of course, not deny that our age has great ideas and great achievements. The Copernican worldview emerges; Galileo establishes modern physics, Kepler modern astronomy; galvanism, voltaism, the entire culture of electricity emerge; the culture of steam emerges, and so on. So the ideas created in this age are compelling; they are magnificent. And time and again, people repeat—even if they don’t express it in the exact same words—how aware they are that we have “come so wonderfully far” compared to the foolish superstitions of people in earlier ages. In short, people are fully convinced that, for example, Copernicus finally succeeded in realizing that the sun stands still, or has its own motion of its own accord—but in any case, that it does not revolve around the Earth in twenty-four hours, but rather that the Earth rotates on its own axis, and that the Earth then revolves around the sun over the course of a year, and so on. These things are well known. Today, they are understood as if humanity had finally come to abandon the old superstitions of the past—the Ptolemaic worldview—and replace the old error with the truth. People in earlier times believed all sorts of nonsense because they trusted their senses, but people in later times have finally come to realize: The Sun is at the center, with Mercury, Venus, Earth, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, and Neptune further out, orbiting it in ellipses. — At last we know that, for example, the Earth moves around the Sun over the course of the year, and—we’ve come so wonderfully far.

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[ 20 ] Wir sind gar nicht mehr weit entfernt von dem Zeitalter, welches einsehen wird, um was es sich handelt. Gar nicht um die wahre Wirklichkeit ist es zu tun den geistigen Mächten, von denen Kopernikus, Kepler, Galilei abhängig sind, sondern um das Hereinbringen von bestimmten Fähigkeiten in den Menschenkopf. Das, worauf es ankommt, ist die Erziehung der Menschheit durch die Erziehung der Erde hindurch, und die Menschheit sollte gerade eine Zeitlang so denken über die Welt, um durch die Gedanken in einer gewissen Weise erzogen zu werden. Darauf kommt es der weisen Weltenlenkung an. Denn, wird man anfangen, die Sache geistig zu betrachten, nicht bloß so wie es Kopernikus, Kepler, Galilei gemacht haben und namentlich ihre Nachfolger, rein äußerlich mathematisch, physisch, wird man das einmal geistig betrachten, so wird man noch auf andere Dinge kommen, auf sehr merkwürdige Dinge. Man wird sagen: Gut, nun haben wir ein physisches Weltsystem; wenn man es betrachtet, muß man ja es berechnen und ergeometrisieren, so, wie es eben heute in jeder Elementarschule fast gelehrt wird. — Aber geistig betrachtet sind die Dinge anders. Sehen Sie, dem geistig gebildeten Betrachter bietet sich zum Beispiel folgendes dar. Er kommt auf eine gewisse Bewegung der Sonne, und diese Bewegung der Sonne, die verläuft so — von einem gewissen Punkte aus gesehen. Ja, so ist es, die Bewegung verläuft so, nur daß, wenn ich dieses hier zeichne und die Sonne wiederum zurückführe, nicht genau der Punkt mit dem früheren Punkt zusammenfällt, sondern etwas darüber liegt. Dies ist eine wirkliche Bewegung der Sonne, die man geistig wahrnehmen kann.

[ 20 ] We are not far at all from the age that will come to understand what this is all about. The spiritual powers on which Copernicus, Kepler, and Galileo depend are not concerned with true reality at all, but rather with instilling certain abilities into the human mind. What matters is the education of humanity through the education of the Earth, and humanity should think about the world in this way for a time, so that it may be educated in a certain way through its thoughts. This is what matters to the wise guidance of the world. For if one begins to view the matter spiritually—not merely as Copernicus, Kepler, and Galileo did, and especially their successors, in a purely external, mathematical, and physical way—but if one views it spiritually, one will come to other things, to very remarkable things. One might say: Well, now we have a physical world system; when one examines it, one must, of course, calculate and geometrize it, just as it is taught today in almost every elementary school. — But when viewed spiritually, things are different. You see, the spiritually educated observer, for example, is presented with the following. He observes a certain movement of the sun, and this movement of the sun proceeds like this—as seen from a certain point. Yes, that is correct; the movement proceeds like this, except that when I draw this here and trace the sun’s path back, the point does not coincide exactly with the earlier point, but lies slightly above it. This is a real movement of the sun that can be perceived spiritually.

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[ 21 ] Aber auch die Erde macht gewisse Bewegungen im Laufe eines Jahres. Und das ist so, daß die Erde diese Bahn beschreibt, geistig betrachtet (stark schraffiert):

[ 21 ] But the Earth, too, undergoes certain movements over the course of a year. And this is how the Earth traces this path, viewed spiritually (heavily hatched):

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[ 22 ] Perspektivisch müssen Sie sich das vorstellen. Wenn Sie sich die Sonnenbahn so vorstellen in einer Ebene liegend, so ist die Erdenbahn in dieser Ebene liegend, von der Seite gesehen. Wenn das die Sonnenbahn wäre, als Linie betrachtet, ist die Erdenbahn so:

[ 22 ] You have to imagine this from a perspective. If you picture the Sun’s orbit lying in a plane, then the Earth’s orbit also lies in that plane, as seen from the side. If that were the Sun’s orbit, viewed as a line, the Earth’s orbit would look like this:

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[ 23 ] Aber es gibt im wesentlichen, wie Sie daraus sehen, einen Punkt im Weltenall, wo Sonne und Erde sind, nur nicht zu gleicher Zeit, sondern ungefähr, während die Sonne da ist auf ihrer Bahn (Punkt), also diesen Punkt verlassen hat um ein Viertel ihrer Bahn, fängt die Erde bei ihrer Bewegung an in dem Punkt, den die Sonne verlassen hat. Wir sind nämlich wirklich im Weltenraume nach einer gewissen Zeit an der Stelle, wo die Sonne war; wir gehen gewissermaßen der Bahn der Sonne nach, kreuzen sie, sind zu einem gewissen Zeitpunkte des Jahres da, wo die Sonne war. Dann geht die Sonne weiter: ↷ die Erde auch weiter: ↶ und nach einiger Zeit ist die Erde wiederum ungefähr an dem Orte, wo die Sonne war. Wir gehen im Raume richtig mit der Erde durch den Ort durch, wo die Sonne war. Wir segeln da durch; aber wir segeln nicht nur durch, sondern die Sonne läßt Folgen ihrer Wirkung zurück im Raume, den sie zu durchmessen hat, so daß in die Spuren, in die gebliebenen Spuren der Sonne, die Erde eintritt und sie kreuzt, sie wirklich kreuzt. Denn der Raum hat lebendigen Inhalt, hat geistigen Inhalt, und in das, was die Sonne bewirkt, tritt die Erde ein und kreuzt es, segelt durch.

[ 23 ] But essentially, as you can see from this, there is a point in the universe where the Sun and the Earth are located—not at the same time, but approximately: while the Sun is at that point on its orbit, having moved a quarter of the way around, the Earth begins its movement at the point the Sun has just left. In fact, after a certain amount of time, we are actually in space at the spot where the Sun was; we follow the Sun’s orbit, so to speak, cross its path, and at a certain time of year arrive at the spot where the Sun was. Then the Sun moves on: ↷ the Earth moves on as well: ↶ and after some time, the Earth is once again roughly at the spot where the Sun was. We actually travel through space with the Earth, passing through the place where the Sun was. We sail through it; but we do not merely sail through it—the Sun leaves traces of its influence behind in the space it must traverse, so that the Earth enters the Sun’s traces—the traces the Sun has left behind—and crosses them, truly crosses them. For space has living content, has spiritual content, and the Earth enters into what the Sun brings about and crosses it, sailing through it.

[ 24 ] Sehen Sie, so sieht die Sache geistig aus. Geistig muß man solche Linien zeichnen, wenn man die Bahn von Erde und Sonne ins Auge faßt. Auch mit den übrigen Planeten ist ein solcher Zusammenhang. Wir sind zu gewissen Zeiten an den Stellen ungefähr, wo der Merkur war und so weiter. Ganz komplizierte Bewegungen werden im Raume, im Weltenraume von den Planeten ausgeführt, aber sie treten in die Spuren voneinander ein. Jetzt hat man das äußere Bild, das rein geometrische äußere Bild; das andere Bild wird dazukommen, und erst aus der Vereinigung der beiden Bilder wird die spätere Menschheit die Vorstellung gewinnen, die sie haben muß.

[ 24 ] You see, this is how it looks from a spiritual perspective. Spiritually speaking, one must draw such lines when considering the orbits of the Earth and the Sun. A similar relationship exists with the other planets as well. At certain times, we are roughly in the same positions where Mercury was, and so on. The planets perform highly complex movements in space, in the cosmos, but they follow one another’s paths. Now we have the external picture, the purely geometric external picture; the other picture will be added, and only from the union of these two pictures will future humanity gain the understanding it must have.

[ 25 ] Sehen Sie, ich trage Ihnen das jetzt vor. Denken Sie, Sie sagen das einem Astronomen, so sagt der: Nun ja, da ist eben einer wahnsinnig geworden, verrückt geworden, und trägt solche Sachen vor; davon kann keine Rede sein. — Aber es ist noch nicht lange her, daß auch eine berühmte Akademie der Wissenschaften sagte, als von Meteorsteinen, die ja vom Himmel auf die Erde fallen, gesprochen wurde: Das ist eine wahnsinnige Behauptung! — Das ist noch gar nicht lange her. Und ähnliche Dinge sind viele zu verzeichnen. Heute erkennt man in der äußeren Physik das Gesetz von der sogenannten Erhaltung der Kraft als etwas Grundlegendes an; der erste, der es ausgesprochen hat, Julius Robert Mayer, wurde ins Irrenhaus gesperrt! Solche Geschichten könnte man natürlich zu Hunderten und Hunderten erzählen. Aber die Sache ist doch so, daß Sie daraus sehen — ich führe das nur als Beispiel an —, wie die Art des Denkens in bezug auf astronomische Dinge, diese wunderbare, erfolgreiche Art des Denkens im 16.,17.,18., 19. Jahrhundert, eher dazu geeignet war, die Menschen gewissermaßen abzubringen von dem Wirklichen: sie stehen gar nicht, wie sie glauben, mit beiden Füßen und mit den Händen und mit dem ganzen Leib drinnen in der Wirklichkeit, sondern sie geben sich höchst phantastischen Vorstellungen hin und halten diese nur für Wirklichkeit. Gerade so sollte die Menschheit erzogen werden in diesen Jahrhunderten, daß sie in bezug auf die äußere Natur sich phantastischen Vorstellungen hingab, damit diese Menschheit nicht in der alten Weise ganz aufgehe in den äußeren Ereignissen, sondern dadurch gerade um so mehr das Gefühl des inneren Ich bekomme. Gerade durch die phantastisch-materialistischen Vorstellungen hat sich das innere Ich-Gefühl in den letzten Jahrhunderten so ungeheuer gesteigert bei den Menschen. Das mußte einmal geschehen, denn das mußte einmal erzeugt werden in der Entwickelung der Geschichte der Menschheit. Ich habe gerade ein astronomisches Beispiel gewählt, allein auf allen Gebieten könnte nachgewiesen werden, wie in den eben verflossenen Jahrhunderten die menschliche Entwickelung so verlief, daß der Mensch gewissermaßen abgezogen worden ist von der wahren Wirklichkeit, von der richtigen Wirklichkeit.

[ 25 ] Look, I’m telling you this now. If you were to say this to an astronomer, he’d say: “Well, there’s just someone who’s gone mad, lost his mind, and is spouting such nonsense; that’s out of the question.” — But it wasn’t that long ago that even a famous Academy of Sciences said, when people were talking about meteorites—which, after all, fall from the sky to Earth—“That’s a crazy claim!” — That wasn’t that long ago at all. And there are many similar examples on record. Today, in classical physics, the law of so-called conservation of energy is recognized as a fundamental principle; the first person to articulate it, Julius Robert Mayer, was locked up in a madhouse! Of course, one could tell hundreds and hundreds of such stories. But the point is that you can see from this—I’m only citing it as an example—how the way of thinking regarding astronomical matters, this wonderful, successful way of thinking in the 16th, 17th, 18th, 19th centuries—was, in a sense, more suited to leading people away from reality: they do not, as they believe, stand with both feet, their hands, and their whole body firmly rooted in reality, but rather they give themselves over to highly fantastical notions and regard these as reality. This was precisely how humanity was to be educated during these centuries—so that, with regard to external nature, it would surrender to fantastical ideas—so that humanity would not, as in the old way, become completely absorbed in external events, but would thereby develop an even stronger sense of the inner self. It is precisely through these fantastical-materialistic ideas that the sense of the inner self has increased so tremendously among people in recent centuries. This had to happen at some point, for it had to be brought about in the course of human history. I have chosen an astronomical example here, but in every field it could be demonstrated how, in the centuries just past, human development proceeded in such a way that human beings were, so to speak, drawn away from true reality, from real reality.

[ 26 ] Nun werden Sie fragen: Wußten die Menschen von solchen Dingen wie diesem hier, daß wir in die Spuren der Sonne mit der Erde eintreten, zweimal im Jahre da drinnen sind, wo die Sonne gewirkt hat im Raume? Wußten denn die Menschen überhaupt einmal etwas davon? — Ja, sie wußten schon davon, und es läßt sich sogar historisch leicht nachweisen, daß sie davon wußten. Denken Sie, ein Mensch weiß, weiß richtig: In einer bestimmten Zeit im Laufe des Jahres kreuzt die Erde auf ihrer Bahn so die Sonnenbahn, daß die Erde eintritt in die Spur der Sonne, und zwar so, daß sie der Sonne nachzieht. Das Entgegengesetzte erfüllt sich, wenn die Erde wieder zurückkehrt nach der anderen Seite. Das eine Mal ist es so, als ob die Sonne hinuntersteigt unter die Erdenbahn, das andere Mal, als ob die Sonne hinaufstiege, die Erdenbahn unten wäre. Das eine Mal zieht gewissermaßen der Mensch über die Sonnenbahn hinauf mit der Erde, findet die Spur der Sonne, indem er hinaufzieht, das andere Mal zieht er hinunter, zieht unter die Spur der Sonnenbahn hinunter. — Was konnte der Mensch sagen, der das weiß und der auch die Mittel hat, dies zu konstatieren, der die Mittel hat, zu wissen: Jetzt, an dem Punkte, wo die Erdenbahn die Sonnenbahn durchkreuzt, gehen wir da durch, wo die Sonne gestanden hat? — Was konnte ein solcher Mensch sagen? Ein solcher Mensch konnte sagen: Das ist für uns ein besonders wichtiger Augenblick; wir sind an dem Orte, wo die Sonne gewesen ist! Und in der geistigen Atmosphäre drückt sich das aus, denn man begegnet dem Bilde, das die Sonne im Äther zurückgelassen hat. Da setzt man ein Fest hin! An diesen Zeitpunkt setzt man ein Fest hin. — Und zwei solche Feste feierten die alten Mysterien im Jahre, von denen nur noch geblieben sind — aber fassen Sie das nicht so auf, als ob ich den richtigen Zeitpunkt angeben wollte — schwache Erinnerungen in heutigen Festen; aber man weiß die Zusammenhänge nicht mehr. Aber in den alten Mysterien wußte man: Jetzt kreuzt man die Sonnenbahn so, daß man da im Äther Sonneninhalt findet, der zurückgeblieben ist. Daß die Menschen zu bestimmten Zeiten des Jahres Hauptfeste eingesetzt haben, das hat in solchem Wissen seine Richtlinie.

[ 26 ] Now you will ask: Did people know about things like this—that we follow the sun’s path along with the Earth, and twice a year find ourselves in the very space where the sun has been active? Did people ever know anything about this at all? — Yes, they did know about it, and it can even be easily proven historically that they knew about it. Consider this: a person knows—knows for certain—that at a specific time during the course of the year, the Earth crosses the Sun’s path in its orbit in such a way that the Earth enters the Sun’s path, following in the Sun’s wake. The opposite occurs when the Earth returns to the other side. In one instance, it is as if the Sun were descending below the Earth’s orbit; in the other, as if the Sun were ascending, with the Earth’s orbit below it. At one time, so to speak, a person moves upward along the Sun’s path with the Earth, finding the Sun’s path as they ascend; at the other time, they move downward, descending below the Sun’s path. — What could a person say who knows this and also has the means to verify it, who has the means to know: Now, at the point where the Earth’s orbit crosses the Sun’s path, are we passing through the very spot where the Sun once stood? — What could such a person say? Such a person could say: This is a particularly important moment for us; we are at the place where the Sun has been! And this is expressed in the spiritual atmosphere, for one encounters the image that the Sun has left behind in the ether. That is when a festival is held! A festival is held at this precise moment. — And the ancient mysteries celebrated two such festivals each year, of which only—but please do not take this to mean that I am trying to specify the exact time—faint echoes remain in today’s festivals; yet the connections are no longer understood. But in the ancient Mysteries, people knew: Now we cross the sun’s path in such a way that we find in the ether the essence of the sun that has been left behind. The fact that people established major festivals at specific times of the year finds its guiding principle in such knowledge.

[ 27 ] Mit dem heutigen Wissen sind die Menschen getrennt von diesen Zusammenhängen. Die heutigen Menschen werden auch die Dinge nicht besonders respektieren, sondern sie werden sagen: Nun ja, was kaufe ich mir dafür, wenn ich nun schon weiß, daß ich da an demselben Orte bin, wo die Sonne war? — So würden ja die heutigen Menschen etwa sagen. So haben zum Beispiel die alten Ägypter in ihren Mysterien nicht gesagt. Die haben am fünfzehnten jenes Monats, da sie gewußt haben: Jetzt geht die Erde durch den Punkt hindurch, den die Sonne einmal verlassen hat — jene Priesterin gefragt, die die Priesterin der Isis war und an verborgener Tempelstätte wohl vorbereitet wurde, weil sie wußten: durch die besondere geistige Vorbereitung, welche die Isispriesterin durchmachen konnte, bringt die Isispriesterin das zum Vorschein, was erfahren werden kann, wenn man durch die Sonnenaura durchgeht. — Und die Priester haben versucht, zu erlauschen aus den Aussagen der Isispriesterin, was sie in der Sonnenaura gefunden hat, und schrieben auf: Regnerisches Jahr, die Saaten zu einer bestimmten Zeit ausstreuen — kurz, lauter praktische Dinge, die wichtig waren für die Führung des Lebens im nächsten Jahre. Danach hat man sich wohl gerichtet, denn man hat gewußt, wie der Himmel hereinwirkte auf die Erde. Man hat versucht, das zu erforschen.

[ 27 ] With today’s knowledge, people are cut off from these connections. People today won’t show much respect for these things either; instead, they’ll say: “Well, what do I get out of it if I already know that I’m in the same place where the sun was?” — That’s roughly what people today would say. But that’s not what the ancient Egyptians said in their mysteries, for example. On the fifteenth of that month, knowing that: ‘Now the Earth is passing through the point that the Sun once left’—they asked the priestess who served Isis and had been thoroughly prepared at a hidden temple site, because they knew: through the special spiritual preparation that the Isis priestess was able to undergo, she brings to light what can be experienced when one passes through the Sun’s aura. — And the priests tried to glean from the words of the priestess of Isis what she had found in the sun’s aura, and they wrote down: a rainy year, sowing the seeds at a specific time—in short, all practical matters that were important for guiding life in the coming year. People likely acted accordingly, for they knew how the heavens influenced the earth. They tried to investigate this.

[ 28 ] Es war schon Verfallszeit, als diese Wissenschaft verraten worden war von Gegnern des Osiris-Isisdienstes. Man konnte sich nur dadurch retten — das ist das äußere Ereignis, das wiederum mit der Osiris-Isissage zusammenhängt —, daß man das, was früher altes Geheimnis einer einzigen Teempelstätte war im alten Ägypten, nun an vierzehn Tempelstätten mitteilte, diese Kunst, mit dem Jahreslaufe in dieser Weise zu gehen und geistig die Einflüsse auf die Erde zu erforschen.

[ 28 ] It was already a time of decline when this science had been betrayed by opponents of the Osiris-Isis cult. The only way to save it—and this is the external event, which in turn is connected to the Osiris-Isis saga—was to share what had formerly been an ancient mystery confined to a single temple site in ancient Egypt at fourteen temple sites: this art of moving in step with the course of the year in this way and spiritually exploring the influences on Earth.

[ 29 ] Am meisten abkommen von solchem Zusammenhang mit dem Himmel mußte die Menschheit unseres Zeitalters, weil die Menschheit unseres Zeitalters eben den Weg finden sollte, aus der Unbestimmtheit der Triebe und Instinkte heraus das bloße Ich zu bilden. Das Ich wirkte nicht sehr stark in den Zeiten, in denen sich die Menschen ganz wie zu Instrumenten der Himmelswirkungen machten. Das Ich wirkte nicht stark in den Zeiten, in denen der Priester seinen unmittelbaren Schülern ankündete: Dort stehen die Plejaden; wenn die Plejaden da sind, da müssen wir die Isistage beginnen, da müssen wir sehen, was wir prophetisch erlauschen können als die beste Art, sich im nächsten Jahre zu verhalten. — Man stellte sich ganz so hinein in den Weltenlauf, wie irgendeine Zelle in unseren Organismus, in unsere Gesamtorganisation sich hineinstellt. Individuell werden, persönlich werden konnte die Menschheit nur, wenn sie in einem bestimmten Zeitalter gewissermaßen herausgerissen wurde aus diesem Zusammenhang, wenn schlafend wurden alle diese menschlichen Geistesfähigkeiten, die solche Zusammenhänge vermittelten. Und so wurde denn der Schlaf in bezug auf das Geistige vorbereitet. Und am tiefsten in bezug auf geistige Dinge schlief die Menschheit schon seit dem 14. Jahrhunderte. Aber jetzt ist die Zeit wiederum zum Aufwachen da. Es war eine schlafende Kultur.

[ 29 ] The people of our age had to break away most of all from such a connection with heaven, because the people of our age were precisely meant to find the way to form the mere “I” out of the indeterminacy of drives and instincts. The “I” did not exert a very strong influence in the times when people made themselves entirely into instruments of celestial forces. The “I” did not exert a strong influence in the times when the priest announced to his immediate disciples: “There stand the Pleiades; when the Pleiades are there, we must begin the Isis Days; we must see what we can prophetically discern as the best way to conduct ourselves in the coming year.” — People placed themselves within the course of the world just as any cell places itself within our organism, within our entire organism. Humanity could become individual, become personal, only when, in a certain age, it was, so to speak, torn out of this context, when all those human mental faculties that mediated such connections fell dormant. And so the groundwork was laid for this spiritual slumber. And humanity has been in its deepest slumber with regard to spiritual matters since the 14th century. But now the time has come once again to awaken. It was a slumbering culture.

[ 30 ] Sagen Sie nicht: Ich will die Schöpfung und den Schöpfer kritisieren; warum hat er die Menschen schlafen lassen? — Das heißt, sich mit seinem eigenen Verstande über die Weltenweisheit stellen. Die menschliche Evolution im Laufe der Erdenzeit muß ebenso ihre Schlafensperiode durchmachen, wie der einzelne Mensch im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden schlafen muß. Die spirituellen Fähigkeiten schliefen, das heißt: eine Anschauung der Welt im Sinne dieser Fähigkeiten, die zu alledem führen. Sie schliefen und schliefen tief in den angedeuteten Jahrhunderten. Dagegen träumte die Menschheit von den geometrischen Linien im Raume, träumte, und träumte den Traum der kopernikanischen, der galileischen, der darwinistischen Weltanschauung, und gebrauchte diesen Traum, gebrauchte sogar die Täuschung, durch diesen Traum eine besondere Wirklichkeit zu erleben. Denn diese Erziehung brauchte die Menschheit. Ist es doch auch schließlich mit dem einzelnen Schlafe so. Abends sind wir müde, da schlafen wir ein. Dann wachen wir erfrischt mit innerem Wirklichkeitsgefühl auf. Abends haben wir das Wirklichkeitsgefühl nicht. Hätte die Menschheit die alten spirituellen Fähigkeiten fortgebildet, wären die nicht eingeschlafen, so wären die Menschen ermüdet und wären gar nicht zu der Wirklichkeit gekommen. Zu der Wirklichkeit kamen sie gerade dadurch, daß sie in ihrem Denken und Sinnen und auch in ihren sozialen Einrichtungen von der Wirklichkeit abgekommen sind. Dadurch, daß diese Fähigkeiten schliefen, haben in den früheren, vergangenen Jahrhunderten Auffrischungen stattgefunden in der Menschheit. Die Menschheit ist in einer gewissen Beziehung doch freier geworden, als sie in früheren Jahrhunderten war, und wird sich wiederum spirituelles Wissen zunächst, und später auch spirituelles Können erobern müssen, um auf der Bahn der Freiheit immer weiter und weiter fortzuschreiten.

[ 30 ] Do not say: “I want to criticize creation and the Creator; why did He let people sleep?” — That is to place one’s own intellect above the wisdom of the worlds. Human evolution over the course of Earth’s history must undergo its period of slumber just as an individual human being must sleep over the course of twenty-four hours. The spiritual faculties lay dormant—that is, a worldview in accordance with these faculties, which lead to all of this. They lay dormant, deep in slumber, throughout the centuries mentioned. In contrast, humanity dreamed of geometric lines in space, dreamed and dreamed the dream of the Copernican, Galilean, and Darwinian worldviews, and used this dream—even resorted to deception—to experience a particular reality through it. For humanity needed this education. After all, it is the same with individual sleep. In the evening we are tired, so we fall asleep. Then we wake up refreshed with an inner sense of reality. In the evening we do not have that sense of reality. Had humanity continued to develop its ancient spiritual abilities—had they not fallen dormant—people would have grown weary and would never have arrived at reality at all. They arrived at reality precisely because they had strayed from it in their thinking, feeling, and social institutions. Because these abilities lay dormant, periods of renewal took place among humanity in earlier, bygone centuries. In a certain sense, humanity has indeed become freer than it was in earlier centuries, and will once again have to acquire spiritual knowledge—and later spiritual ability as well—in order to advance further and further along the path of freedom.

[ 31 ] Solche Dinge können gewußt werden. Aber wiederum, die echten Materialisten der Gegenwart werden sagen: Nun, und wenn sie schon gewußt werden! — Ich habe doch materialistische Menschen gefunden, welche sagen: Ach Gott, ja, an das Leben der Seele nach dem Tode soll ich denken? Das werde ich ja sehen, wenn der Tod eingetreten ist; warum brauche ich mich jetzt, im physischen Leib, zu kümmern um dieses Leben nach dem Tode? — Das scheint ein recht plausibler Gedanke zu sein, der Gedanke, daß es eigentlich unnötig sein könnte, sich hier im physischen Leben um das übersinnliche Leben zu kümmern. Aber so ist es nicht, sondern es war so nur in früheren Zeiten, als der Mensch noch nicht zur Freiheit determiniert war. Jetzt ist es so, daß gewisse Gedanken auch von den übersinnlichen Hierarchien nur gefaßt werden können, wenn sie die Menschen hier im Erdendasein fassen. Die Götter denken gewisse Gedanken nur, wenn diese Gedanken in menschlichen Leibern leben. Und diese Gedanken müssen in die geistige Welt durch die Pforte des Todes getragen werden; dann nur können sie wirken. Es ist wahrhaftig so: Derjenige, der nicht denken will über das Übersinnliche, der gleicht einem Bauern, der da sagt zu seinem Nachbar: Du bist ein dummer Kerl, du hebst jedes Jahr einen gewissen Teil der Saat auf! Ich bin zwar erst dieses Jahr ein Bauer geworden, aber ich bin nicht so dumm wie du; ich werde alles verpulvern und alles veressen und werde ruhig warten. Es wird schon von selber wachsen! — Solch einem Bauern gleicht der, der da nichts wissen will davon, daß nicht nur das, was wir hier in der Welt erleben, nicht aufgebraucht werden darf, sondern daß auch eine gewisse Saat in die Seele gelegt werden muß, um diese Seele durchzuführen durch ihren Weg in die geistigen Welten. Indem man Geisteswissenschaft treibt, treibt man für die heutige Zeit entsprechende Saatenlegung. Und die muß getrieben werden!

[ 31 ] Such things can be known. But then again, the true materialists of today will say: Well, so what if they can be known! — I have, after all, encountered materialists who say: Oh my goodness, am I really supposed to think about the life of the soul after death? I’ll see for myself when death comes; so why should I concern myself now, in my physical body, with this life after death?” — That seems to be a quite plausible thought—the idea that it might actually be unnecessary to concern oneself with the supersensible life here in physical life. But that is not the case; rather, it was only so in earlier times, when human beings were not yet destined for freedom. Now it is the case that certain thoughts can be grasped by the supersensible hierarchies only if they are grasped by human beings here in earthly existence. The gods think certain thoughts only when these thoughts live in human bodies. And these thoughts must be carried into the spiritual world through the gateway of death; only then can they take effect. It is truly so: The one who does not want to think about the supersensible is like a farmer who says to his neighbor: “You’re a stupid fellow; you set aside a certain portion of the seed every year! I may have only become a farmer this year, but I’m not as stupid as you; I’ll squander everything and eat it all up, and I’ll just wait calmly. It’ll grow all on its own!” — Such a farmer is like the person who refuses to acknowledge not only that what we experience here in the world must not be exhausted, but also that a certain seed must be sown in the soul to guide that soul along its path into the spiritual worlds. By engaging in spiritual science, one sows seeds appropriate for the present age. And this must be done!

[ 32 ] Sie sehen daraus, daß unser Zeitalter gerade durch die geistige Erfassung in seiner Grundstruktur, in seiner Grund wesenheit einem immer klarer und klarer werden kann; denn diese Verinnerlichung, die angestrebt werden muß, um zu einer wirklichen oder wirklicheren Astronomie zu kommen, diese Verinnerlichung muß zum Beispiel auch mit Bezug auf das soziale Denken angestrebt werden. Denn mit Bezug auf dieses Denken sind wir geradeso schlafend, träumend geworden — die meisten wenigstens im äußeren Leben — wie in bezug auf, sagen wir, astronomische Dinge, die ich als Beispiel gewählt habe. In den verflossenen Jahrhunderten und bis heute ist der Menschheit gerade recht viel, sehr viel verhüllt worden. Das wird auch nicht wieder eintreten, was früher da war, daß man zum Beispiel in dieser Weise äußerlich geforscht hat durch eine Isispriesterin. Aber auch durch die Druidenpriesterin wurde ein Ähnliches getan innerhalb der keltischen Mysterien. Das wird nicht mehr eintreten, daß man in dieser Weise das Hereinwirken des Geistigen zu erkennen sucht; viel innerlichere Wege werden gefunden werden, viel mehr für die zukünftige Menschheit passende Wege werden gefunden werden. Aber die werden gefunden werden müssen,

[ 32 ] You can see from this that our age can become ever clearer and clearer to us precisely through spiritual comprehension of its fundamental structure and essence; for this internalization—which must be strived for in order to arrive at a true or truer astronomy—must also be striven for, for example, in relation to social thinking. For with regard to this kind of thinking, we have become just as asleep, just as dreamlike—at least most of us in our outer lives—as we are with regard to, say, astronomical matters, which I have chosen as an example. Over the past centuries and up to the present day, a great deal—indeed, a very great deal—has been veiled from humanity. Nor will what existed in the past ever happen again—such as, for example, conducting external research in this manner through an Isis priestess. But something similar was also done through the Druid priestess within the Celtic mysteries. It will no longer happen that people seek to recognize the influence of the spiritual in this way; much more inner paths will be found, paths far more suited to future humanity. But these will have to be found,

[ 33 ] Nun, bringen Sie damit etwas zusammen, worauf ich gestern hindeutete. Denken Sie, daß der Diener des Osiris die Priesterin der Isis vorbereitete vor dem fünfzehnten eines gewissen Jahresmonats, um aus ihren Aussprüchen, wenn sie mit ihrer Seele durch den Sonnenraum durchging, gewisse prophetische Aussagen zu bekommen. Was geschah denn durch diesen Isisdienst? Es geschah das, daß die wirkliche Zeit nicht jene abstrakte Zeit, von der die Menschen heute träumen, sondern die wirkliche Zeit — erforscht wurde. Die Jahreszeit, der bestimmte Zeitpunkt war ja ein besonders wichtiger; der Punkt auf dem Rückweg war wieder ein wichtiger Punkt. Wie die Zeit wirkt, aber die konkrete, die reale Zeit, das wurde ausgedrückt durch den Inhalt dessen, was die Isispriesterin zu sagen hatte. Konnte denn da nicht als Inschrift auf dem Isisbilde stehen: Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft? — Die Zeitenordnung ist dieses. Aber nur, wenn solche Weistümererforschung mit edler Gesinnung durchgossen ist, die der Gesinnung der Jungfräulichkeit gegenüber gleicht, also wenn das Nahen der Isis dadurch symbolisiert wird, daß die Isis den Schleier trägt, dann konnte man wirklich das herausbringen, was herauszubringen war. In Heiligkeit, in Opferatmosphäre mußte das Ganze getaucht sein.

[ 33 ] Well, this ties in with something I alluded to yesterday. Do you think that the servant of Osiris prepared the priestess of Isis before the fifteenth of a certain month in order to obtain certain prophetic statements from her utterances as she passed through the solar space with her soul? What, then, was achieved through this service to Isis? What happened was that real time—not that abstract time of which people dream today, but real time—was explored. The season, the specific point in time, was, after all, a particularly important one; the point on the return journey was again an important point. How time works—but concrete, real time—was expressed through the content of what the priestess of Isis had to say. Could there not, then, be an inscription on the image of Isis that read: “I am the past, the present, and the future”? — This is the order of time. But only when such an exploration of wisdom is imbued with a noble spirit—one akin to the spirit of virginity—that is, when the approach of Isis is symbolized by her wearing the veil—only then could one truly bring forth what needed to be brought forth. The whole must have been steeped in holiness, in an atmosphere of sacrifice.

[ 34 ] In diesen alten Zeiten war das, was man Weisheit nannte, ganz mit der Praxis verbunden. Glauben Sie nur ja nicht, daß in diesen alten Zeiten die Weisheit nicht mit der Praxis verbunden war! Es war alles praktisch eingerichtet. In den ägyptischen Tempeln erforschte man schon die Stimmen der Götter; aber man erforschte die Stimmen der Götter, um in der richtigen Weise zu wissen, wann die Tage oder wann die Stunden sind, in denen man die Saaten am besten pflegt. Alles verband sich mit dem praktischen Leben. Das Hereinwirken der Götter in das praktische Leben erforschte man. Man hatte ein Bewußtsein davon, wie die Götter in das praktische Leben hereinragen. Es war schon notwendig, daß dieser Tempeldienst heilig gehalten wurde, denn welcher Unfug hätte getrieben werden können, wenn er nicht heilig gehalten worden wäre! Durchaus soll nicht behauptet werden, daß diese Dinge, von denen gesprochen werden muß für alte Zeiten, in derselben Weise wieder auftauchen werden. Ganz, ganz anders werden sie wieder auftauchen. Aber ein Wissen wird wieder erworben werden für die Menschheit, welches unmittelbar geeignet ist, in das praktische Leben hineinzugreifen, ein Wissen, mit dem man wiederum die Dinge um uns herum voll beherrschen wird, ein geistiges, aber eben weil es geistig ist, praktisches Wissen, das wird wiederum erstehen. Nicht ein Isisdienst wird auftauchen, auch nicht ein Osirisdienst; doch etwas anderes, was die Spuren davon tragen wird, daß wir durch die Jahrhunderte hindurchgegangen sind, die seit dem Isis- und Osirisdienst verflossen sind; daß mit vollem Bewußtsein und aus Freiheit heraus die neue Geisteswissenschaft gesucht werden muß. Aber ein wenig wird man die Dinge, die sich zugetragen haben, auf ihre Wirklichkeit hin prüfen müssen. Geschichte wird etwas anderes werden müssen, als sie heute vielfach ist, wo man sie nur aus äußeren Akten erforscht.

[ 34 ] In those ancient times, what was called wisdom was entirely connected to practice. Do not for a moment believe that wisdom was not connected to practice in those ancient times! Everything was organized in a practical way. In the Egyptian temples, people were already studying the voices of the gods; but they studied the voices of the gods in order to know precisely when the days or hours were in which to best tend the crops. Everything was connected to practical life. They studied the influence of the gods on practical life. People were aware of how the gods permeated practical life. It was indeed necessary that this temple service be kept sacred, for what mischief might have been committed if it had not been kept sacred! It is by no means to be claimed that these things—which must be spoken of in connection with ancient times—will reappear in the same way. They will reemerge in a completely, completely different form. But a kind of knowledge will be regained by humanity that is directly suited to intervening in practical life—a knowledge with which we will once again fully master the things around us, a spiritual knowledge, yet one that is practical precisely because it is spiritual—and this will arise once more. It will not be a cult of Isis that emerges, nor a cult of Osiris; but something else that will bear the traces of the fact that we have passed through the centuries that have elapsed since the cults of Isis and Osiris; that the new spiritual science must be sought with full consciousness and out of freedom. But to some extent, one will have to examine the events that have taken place to determine their reality. History will have to become something different from what it often is today, when it is researched solely on the basis of external records.

[ 35 ] Da kommt man allerdings auf allerlei recht sonderbare Auslegungen, wie jene, die ich gestern schon in bezug auf die Isis erwähnt habe. Wenn da steht als Inschrift des Isisbildes: Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, — so wußte derjenige, der eingeweiht war, wie sich das auf die Konkretheit bezog, und daß der Schleier nur ausdrückte eine gewisse Gesinnung. Heute sagt man vom verschleierten Bilde zu Sais, von dem Isisbilde, der Schleier drücke aus, daß man überhaupt nicht hinter die Weisheit kommen kann, daß man niemals wissen wird, was die Isis ist. Wenn aber dasteht: Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet — und man legt das nicht so aus, daß die Lüftung des Schleiers nicht eintritt, weil man der Heiligkeit, um die es sich da handelt, nur im verschleierten Zustande wie der einer Nonne sich nähert, sondern weil, wie so viele sagen, dahinter etwas ruht, was man nicht wissen kann und was niemandem mitgeteilt werden soll, dann stimmt das nicht überein mit dem, daß da steht: Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüfter. — Wäre jene Auslegung eine richtig entwickelte, wie die Leute glauben, so käme es wirklich darauf hinaus, daß man es mit dem trivialen Satze vergleichen muß: Ich heiße Hans Müller, aber meinen Namen wirst du nie erfahren. — Sie sagt ja, wer sie ist: Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, — und das bezieht sich eben darauf, daß sie vermitteln soll die Geheimnisse von der Zeit, weil das, was aus der Zeitin den Raum hereinfließt, wiederum der Osirispriester vermitteln soll. Er soll das Zeitliche in das Räumliche hereintragen. Er soll in Gedanken aufnehmen das, was aus der Seele kommt, die gewissermaßen eingeschaltet ist in das Weltenall und seinen Gang: die Isisoffenbarungen.

[ 35 ] This, however, leads to all sorts of rather strange interpretations, such as the one I mentioned yesterday in connection with Isis. When the inscription on the statue of Isis reads: “I am the past, the present, and the future”—those who were initiated knew how this related to the concrete reality, and that the veil merely expressed a certain state of mind. Today, people say of the veiled statue at Sais—the statue of Isis—that the veil expresses the fact that one cannot fathom the wisdom at all, that one will never know what Isis is. But if it says: “I am the past, the present, and the future; no mortal has yet lifted my veil”—and one does not interpret this to mean that the veil will never be lifted because one approaches the sanctity in question only in a veiled state, like that of a nun, but rather because, as so many say, there lies behind it something that cannot be known and that is not to be revealed to anyone—then this does not accord with what is written: “I am the past, the present, and the future; no mortal has yet lifted my veil.”—If that interpretation were a correctly developed one, as people believe, it would really amount to having to compare it with the trivial statement: “My name is Hans Müller, but you will never know my name.” — She does, after all, say who she is: “I am the past, the present, and the future”—and this refers precisely to the fact that she is meant to convey the mysteries of time, because what flows from time into space is, in turn, to be conveyed by the priest of Osiris. He is to carry the temporal into the spatial. He is to take in, in thought, that which comes from the soul, which is, so to speak, integrated into the universe and its course: the revelations of Isis.

[ 36 ] Heute hält man noch Geisteswissenschaft vielfach für verrücktes Zeug. Man wird aber darauf kommen, daß, wenn man diese Geisteswissenschaft wirklich versteht, sie etwas viel Realeres von Wissenschaft enthält, als der wissenschaftliche Traum der verflossenen Jahrhunderte enthält. Und ganz, ganz andere praktische Hantierungen, praktische Beherrschungen der Außenwelt werden eintreten, wenn es an der Zeit ist. Heute ist es noch nicht an der Zeit. Heute muß die Menschheit erst erkennen, damit sie im Sinne der Geisteswissenschaft eben vorher erkennt, bevor sie handeln kann im Sinne der Geisteswissenschaft.

[ 36 ] Today, spiritual science is still widely regarded as nonsense. But people will come to realize that, if one truly understands this spiritual science, it contains something far more real in terms of science than the scientific dreams of past centuries. And entirely, entirely different practical approaches—practical mastery of the external world—will emerge when the time is right. Today, the time is not yet right. Today, humanity must first come to recognize, so that, in the spirit of spiritual science, it may recognize beforehand, before it can act in the spirit of spiritual science.

[ 37 ] Das wollte ich auseinandersetzen, um gerade jetzt hinzudeuten darauf, wie nur durch ein wahres Verständnis dessen, was geschehen ist, auch ein Verständnis dessen erlangt werden kann, was zu geschehen hat, damit die Menschheit über manches hinaus- und hinweggeführt werden könne in der Zukunft, an dessen Karma sie schwer trägt in unseren heutigen leidvollen und schmerzerfüllten Tagen. Heute trägt die Menschheit an dem Karma des Traumlebens der verflossenen Jahrhunderte. Dieses Geheimnis wird erst in seiner Tiefe begriffen werden müssen, dann wird man schon besser unsere leidvolle Gegenwart verstehen, und auch verstehen, wie nach und nach die Menschheit sich ein anderes Karma für die Zukunft wird vorbereiten müssen.

[ 37 ] I wanted to explore this in order to point out, especially now, how only through a true understanding of what has happened can an understanding also be gained of what must happen, so that humanity may be led beyond and past certain things in the future—things whose karma it bears heavily in our present days of suffering and pain. Today, humanity bears the karma of the dream-life of past centuries. This mystery must first be grasped in its depth; only then will we better understand our suffering present, and also understand how, little by little, humanity will have to prepare a different karma for the future.