The Karma of a Person's Profession
in Relation to Goethe's Life
GA 172
25 November 1916, Dornach
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Das Karma des Berufes des Menschen in Anknüpfung an Goethes Leben
Achter Vortrag
Achter Vortrag
[ 1 ] Die Betrachtungen, die wir jetzt anstellen, wir werden ihren eigentlichen tieferen Sinn, ihre Bedeutung nur auf uns wirken lassen können, wenn wir sie nicht bloß, da sie ja im eminentesten Sinne Lebenswahrheiten sind, theoretisch nehmen, sondern wenn wir aus ihnen gewissermaßen eine Gefühls- und Empfindungskonsequenz ziehen, durch welche wir die Möglichkeit erhalten, das Leben anders anzusehen, als dieses Leben oftmals angesehen wird, ohne daß man zu Lebensbetrachtungen vorbereitet ist durch die anthroposophische Weltanschauung. In einem gewissen Sinne müssen wir mit Bezug auf die Erfassung der Wahrheit des Lebens durch Geisteswissenschaft weitherziger werden. Das heißt für unsere jetzige Anwendung: Wir müssen den Charakter des Wahren, wie es uns im Leben entgegentritt, vergleichen lernen mit dem einseitigen Denken über die Wahrheit, das uns Menschen so leicht überfällt. Allzu leicht kommt der Mensch im Leben dazu, sich über dieses oder jenes, nicht nur über alltägliche Dinge, sondern auch über die höchsten Dinge Meinungen zu bilden; und wenn er sich eine Meinung gebildet hat, wenn er sich, wie man oftmals sagt, einen Standpunkt gewählt hat, dann baut er felsenfest auf diese Meinung, auf diesen Standpunkt, und bedenkt dabei nicht, daß sich die Dinge der Welt von den verschiedensten Gesichtspunkten, also Standpunkten aus, anschauen lassen und daß man zur Wahrheit nur kommen kann, wenn man wirklich dies fühlt und empfindet, wie ein jegliches Ding, eine jegliche Tatsache von vielen Standpunkten aus betrachtet werden kann. Ich will Ihnen, um gewissermaßen ein Beispiel, eine Art Illustration von dem zu geben, was ich meine, zunächst einmal den Lebenslauf eines Menschen erzählen. Wir befassen uns ja jetzt mit dem, was wir das Karma nennen, was wir den Durchgang nennen des Menschen durch wiederholte Erdenleben. Wir befassen uns mit dem Schicksal des Menschen. Dieses Schicksal drückt sich im Lebenslaufe des Menschen aus. Wir können daher an dem Beispiele einzelner Lebensläufe, wenn wir sie richtig im Lichte der wiederholten Erdenleben betrachten, sehr viel lernen.
[ 1 ] Die Betrachtungen, die wir jetzt anstellen, wir werden ihren eigentlichen tieferen Sinn, ihre Bedeutung nur auf uns wirken lassen können, wenn wir sie nicht bloß, da sie ja im eminentesten Sinne Lebenswahrheiten sind, theoretisch nehmen, sondern wenn wir aus ihnen gewissermaßen eine Gefühls- und Empfindungskonsequenz ziehen, durch welche wir die Möglichkeit erhalten, das Leben anders anzusehen, als dieses Leben oftmals angesehen wird, ohne daß man zu Lebensbetrachtungen vorbereitet ist durch die anthroposophische Weltanschauung. In einem gewissen Sinne müssen wir mit Bezug auf die Erfassung der Wahrheit des Lebens durch Geisteswissenschaft weitherziger werden. Das heißt für unsere jetzige Anwendung: Wir müssen den Charakter des Wahren, wie es uns im Leben entgegentritt, vergleichen lernen mit dem einseitigen Denken über die Wahrheit, das uns Menschen so leicht überfällt. Allzu leicht kommt der Mensch im Leben dazu, sich über dieses oder jenes, nicht nur über alltägliche Dinge, sondern auch über die höchsten Dinge Meinungen zu bilden; und wenn er sich eine Meinung gebildet hat, wenn er sich, wie man oftmals sagt, einen Standpunkt gewählt hat, dann baut er felsenfest auf diese Meinung, auf diesen Standpunkt, und bedenkt dabei nicht, daß sich die Dinge der Welt von den verschiedensten Gesichtspunkten, also Standpunkten aus, anschauen lassen und daß man zur Wahrheit nur kommen kann, wenn man wirklich dies fühlt und empfindet, wie ein jegliches Ding, eine jegliche Tatsache von vielen Standpunkten aus betrachtet werden kann. Ich will Ihnen, um gewissermaßen ein Beispiel, eine Art Illustration von dem zu geben, was ich meine, zunächst einmal den Lebenslauf eines Menschen erzählen. Wir befassen uns ja jetzt mit dem, was wir das Karma nennen, was wir den Durchgang nennen des Menschen durch wiederholte Erdenleben. Wir befassen uns mit dem Schicksal des Menschen. Dieses Schicksal drückt sich im Lebenslaufe des Menschen aus. Wir können daher an dem Beispiele einzelner Lebensläufe, wenn wir sie richtig im Lichte der wiederholten Erdenleben betrachten, sehr viel lernen.
[ 2 ] Da haben wir es zu tun mit einem Menschen, der im 16. Jahrhundert geboren ist. Damit wir ins Auge fassen, was heute so gern ins Auge gefaßt wird, die Vererbungsverhältnisse, sehen wir uns seinen Vater zuerst einmal an. Der Vater dieses Menschen, der im 16. Jahrhundert geboren ist, war ein recht vielseitiger Mann, aber ein außerordentlich eigensinniger Mann, ein Mann, dem eine gewisse Herbigkeit in der Lebensäußerung eigen war. Er war ein guter Kenner der Musik, spielte die Laute und andere Saiteninstrumente, war auch ein guter Kenner von Geometrie und Mathematik und trieb dem äußeren Berufsleben nach Handelsgeschäfte. Daß ihm eine gewisse herbe Lebensäußerung eigen war, mag Ihnen daraus hervorgehen, daß dieser Vater einen Musiklehrer hatte, der damals, im 16. Jahrhundert, ein sehr angesehener Mann war. Da schrieb der Vater, der der Schüler dieses Mannes war, ein Buch über die Musik. Aber das gefiel dem Lehrer nicht, und der Lehrer wandte sich in einem anderen Buche gegen dieses Buch über Musik. Da war der Mann wirklich recht ungehalten geworden und schrieb ein anderes Buch, in dem er allen möglichen Spott, den er nur aufbringen konnte, über die alteingerosteten Ansichten seines Musiklehrers zusammenschrieb, und dann widmete er dieses Buch seinem Musiklehrer, indem er inder Widmung ausdrücklich sagte: Da Sie geruhten, sich an mich heranzumachen in aufdringlicher Weise, so will ich Ihnen Gelegenheit geben, daß Sie diese Befriedigung öfter verspüren können, denn sie muß Ihnen wohl tun und deshalb widme ich Ihnen dieses Buch. — Der Sohn also dieses Mannes, der ist es, von dem ich Ihnen zunächst, ich möchte sagen, wie ein bißchen maskiert den Lebenslauf erzählen möchte.
[ 2 ] Da haben wir es zu tun mit einem Menschen, der im 16. Jahrhundert geboren ist. Damit wir ins Auge fassen, was heute so gern ins Auge gefaßt wird, die Vererbungsverhältnisse, sehen wir uns seinen Vater zuerst einmal an. Der Vater dieses Menschen, der im 16. Jahrhundert geboren ist, war ein recht vielseitiger Mann, aber ein außerordentlich eigensinniger Mann, ein Mann, dem eine gewisse Herbigkeit in der Lebensäußerung eigen war. Er war ein guter Kenner der Musik, spielte die Laute und andere Saiteninstrumente, war auch ein guter Kenner von Geometrie und Mathematik und trieb dem äußeren Berufsleben nach Handelsgeschäfte. Daß ihm eine gewisse herbe Lebensäußerung eigen war, mag Ihnen daraus hervorgehen, daß dieser Vater einen Musiklehrer hatte, der damals, im 16. Jahrhundert, ein sehr angesehener Mann war. Da schrieb der Vater, der der Schüler dieses Mannes war, ein Buch über die Musik. Aber das gefiel dem Lehrer nicht, und der Lehrer wandte sich in einem anderen Buche gegen dieses Buch über Musik. Da war der Mann wirklich recht ungehalten geworden und schrieb ein anderes Buch, in dem er allen möglichen Spott, den er nur aufbringen konnte, über die alteingerosteten Ansichten seines Musiklehrers zusammenschrieb, und dann widmete er dieses Buch seinem Musiklehrer, indem er inder Widmung ausdrücklich sagte: Da Sie geruhten, sich an mich heranzumachen in aufdringlicher Weise, so will ich Ihnen Gelegenheit geben, daß Sie diese Befriedigung öfter verspüren können, denn sie muß Ihnen wohl tun und deshalb widme ich Ihnen dieses Buch. — Der Sohn also dieses Mannes, der ist es, von dem ich Ihnen zunächst, ich möchte sagen, wie ein bißchen maskiert den Lebenslauf erzählen möchte.
[ 3 ] Der Sohn trieb zuerst griechisch-lateinische Studien in Italien, so wie es dazumal üblich war, bei einem sehr berühmten Lehrer sogar, denn der Vater hielt viel darauf, daß er ordentlich unterrichtet wurde; und seine Humaniora, wie man früher sagte, machte dieser junge Mann bei einem Mönch. Mathematik lernte er bei seinem Vater sehr gut. Außerdem lernte er noch bei anderen Zeichnen, Perspektive und Ahnliches, so daß er, der als Knabe schon eine außerordentlich starke Anlage für Mathematisches, für Mechanisches hatte, erstens ein vielseitiger und zweitens ein gerade in mathematisch-mechanischen Künsten durchaus versierter Jüngling wurde. Schon in seiner Jugend fertigte er allerlei Modelle von Maschinen an, die in die damalige Zeit hinein paßten. Jetzt machen die Jungens, nicht wahr, nur Luftschiffe; dazumal wurden andere Schiffe gemacht. Dann kam der Junge als achtzehnjähriger an die Universität, studierte zuerst — verzeihen Sie, nachdem wir das Stückchen «Faust» gehört haben — Medizin. Aber es erging ihm etwas anders als dem Schüler, dessen Darstellung Sie gerade jetzt gesehen haben. Er war während des medizinischen Studiums nicht wie im Traum und sagte auch nicht: «Das sieht schon besser aus», sondern es mißfiel ihm das medizinische Studium außerordentlich, weil er fand, daß es unsystematisch verlaufe und daß man nur eine Tatsache an die andere reihe, daß kein rechter Zusammenhang darinnen zu finden sei. Da wandte er sich denn der Philosophie zu. Es war in der damaligen Zeit Sitte bei einigen Menschen — und gerade einen solchen Menschen bekam unser junger Mann zu seinem Lehrer —, den Aristoteles, den alten griechischen Philosophen, der vorher sehr verehrt worden war, anzugreifen. Daher fand sich auch unser junger Mann hinein, den Aristoteles zu hassen, den Aristoteles nicht zu schätzen, über den Aristoteles loszuziehen. Der Vater war durch seine mancherlei Eigenschaften, obwohl er ein außerordentlich tüchtiger Mann war, nicht sehr beliebt, und deshalb hatte er, als der Sohn ein paar Jahre studiert hatte, nicht allzu viel Geld und bemühte sich, ein Stipendium für den Sohn zu bekommen, konnte es aber nicht erlangen, so daß er wirklich von seinem blutig erworbenen Gelde den Sohn weiter unterrichten lassen mußte.
[ 3 ] Der Sohn trieb zuerst griechisch-lateinische Studien in Italien, so wie es dazumal üblich war, bei einem sehr berühmten Lehrer sogar, denn der Vater hielt viel darauf, daß er ordentlich unterrichtet wurde; und seine Humaniora, wie man früher sagte, machte dieser junge Mann bei einem Mönch. Mathematik lernte er bei seinem Vater sehr gut. Außerdem lernte er noch bei anderen Zeichnen, Perspektive und Ahnliches, so daß er, der als Knabe schon eine außerordentlich starke Anlage für Mathematisches, für Mechanisches hatte, erstens ein vielseitiger und zweitens ein gerade in mathematisch-mechanischen Künsten durchaus versierter Jüngling wurde. Schon in seiner Jugend fertigte er allerlei Modelle von Maschinen an, die in die damalige Zeit hinein paßten. Jetzt machen die Jungens, nicht wahr, nur Luftschiffe; dazumal wurden andere Schiffe gemacht. Dann kam der Junge als achtzehnjähriger an die Universität, studierte zuerst — verzeihen Sie, nachdem wir das Stückchen «Faust» gehört haben — Medizin. Aber es erging ihm etwas anders als dem Schüler, dessen Darstellung Sie gerade jetzt gesehen haben. Er war während des medizinischen Studiums nicht wie im Traum und sagte auch nicht: «Das sieht schon besser aus», sondern es mißfiel ihm das medizinische Studium außerordentlich, weil er fand, daß es unsystematisch verlaufe und daß man nur eine Tatsache an die andere reihe, daß kein rechter Zusammenhang darinnen zu finden sei. Da wandte er sich denn der Philosophie zu. Es war in der damaligen Zeit Sitte bei einigen Menschen — und gerade einen solchen Menschen bekam unser junger Mann zu seinem Lehrer —, den Aristoteles, den alten griechischen Philosophen, der vorher sehr verehrt worden war, anzugreifen. Daher fand sich auch unser junger Mann hinein, den Aristoteles zu hassen, den Aristoteles nicht zu schätzen, über den Aristoteles loszuziehen. Der Vater war durch seine mancherlei Eigenschaften, obwohl er ein außerordentlich tüchtiger Mann war, nicht sehr beliebt, und deshalb hatte er, als der Sohn ein paar Jahre studiert hatte, nicht allzu viel Geld und bemühte sich, ein Stipendium für den Sohn zu bekommen, konnte es aber nicht erlangen, so daß er wirklich von seinem blutig erworbenen Gelde den Sohn weiter unterrichten lassen mußte.
[ 4 ] Nachdem der Sohn sich durch die medizinischen und philosophischen Studien durchgewunden hatte, konnte er in gewisser Beziehung sogar sich glücklich fühlen, denn er wurde an einer der bedeutendsten Universitäten seines Landes Professor, trug Mathematik vor, pflegte auch die Heilkunde, von der er ja immer noch einiges mitgebracht hatte von der Universität, und war im Grunde ein recht beliebter Lehrer. Nur wurde ihm gerade an dieser Universität der Boden unter den Füßen etwas heiß. Das kam dadurch, daß in dem Staat, in dem er Universitätslehrer war, ein Buch erschien, das ein öffentliches Projekt enthielt, ein mechanisches Projekt, und dieses Buch hatte ein hoher Herr geschrieben, der sehr hoch stand, da er der Sohn einer geradezu fürstlichen Persönlichkeit des betreffenden Staates war, aber der weniger gescheit war. Und so konnte denn unser noch verhältnismäßig junger Professor sehr leicht nachweisen, daß sich dieses Projekt nicht werde ausführen lassen. Da wurde er denn sehr angefeindet, und obwohl es ihm gelungen war, eigentlich schon die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen durch das, was er geleistet hatte, so kam es doch dahin, daß sich in der betreffenden Stadt, an der betreffenden Universität unser junger Professor nicht mehr ganz wohl fühlte. Da bot sich ihm Gelegenheit, an eine andere Universität eines republikanischen Staates zu kommen. An dieser Universität war er auch bald wiederum sehr angesehen, hatte viele Schüler und, was dazumal noch eine Selbstverständlichkeit war, hatte viele Privatstunden zu geben, so daß er sehr gut verdiente. Er brauchte auch dazumal schon einiges Geld, denn der Vater war mittlerweile gestorben; die Mutter und auch Geschwister mußte er unterstützen. Zu seiner näheren Charakteristik, damit wir noch ein bißchen genauer in das Karma des betreffenden Menschen hineinschauen, erzähle ich noch dieses, was eine verbürgte Sache ist, denn sie wird von einem Zeitgenossen erzählt, dem der Betreffende selbst die Sache mitgeteilt hat, und man kann mit aller philologischen Kleinkunst der Sache beizukommen versuchen, sie erweist sich als wahr. Es hatte einstmals unser jetzt an einer republikanischen Universität befindlicher Mann einen Traum. Er sah sich im Traume über brennende Kohle und Asche gehen und wußte, daß diese brennende Kohle und Asche, über die er jetzt schritt, herrühren müsse von dem Brande des Domes in derjenigen Stadt, wo er vorher Professor gewesen war. Er erzählte diesen Traum und schrieb darüber in vielen Briefen, und es stellte sich nachher heraus, daß wirklich in derselben Nacht, in der er diesen Traum gehabt hatte, er, der fern von der Stadt war, in der er früher gewesen, der Dom abgebrannt war.
[ 4 ] Nachdem der Sohn sich durch die medizinischen und philosophischen Studien durchgewunden hatte, konnte er in gewisser Beziehung sogar sich glücklich fühlen, denn er wurde an einer der bedeutendsten Universitäten seines Landes Professor, trug Mathematik vor, pflegte auch die Heilkunde, von der er ja immer noch einiges mitgebracht hatte von der Universität, und war im Grunde ein recht beliebter Lehrer. Nur wurde ihm gerade an dieser Universität der Boden unter den Füßen etwas heiß. Das kam dadurch, daß in dem Staat, in dem er Universitätslehrer war, ein Buch erschien, das ein öffentliches Projekt enthielt, ein mechanisches Projekt, und dieses Buch hatte ein hoher Herr geschrieben, der sehr hoch stand, da er der Sohn einer geradezu fürstlichen Persönlichkeit des betreffenden Staates war, aber der weniger gescheit war. Und so konnte denn unser noch verhältnismäßig junger Professor sehr leicht nachweisen, daß sich dieses Projekt nicht werde ausführen lassen. Da wurde er denn sehr angefeindet, und obwohl es ihm gelungen war, eigentlich schon die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen durch das, was er geleistet hatte, so kam es doch dahin, daß sich in der betreffenden Stadt, an der betreffenden Universität unser junger Professor nicht mehr ganz wohl fühlte. Da bot sich ihm Gelegenheit, an eine andere Universität eines republikanischen Staates zu kommen. An dieser Universität war er auch bald wiederum sehr angesehen, hatte viele Schüler und, was dazumal noch eine Selbstverständlichkeit war, hatte viele Privatstunden zu geben, so daß er sehr gut verdiente. Er brauchte auch dazumal schon einiges Geld, denn der Vater war mittlerweile gestorben; die Mutter und auch Geschwister mußte er unterstützen. Zu seiner näheren Charakteristik, damit wir noch ein bißchen genauer in das Karma des betreffenden Menschen hineinschauen, erzähle ich noch dieses, was eine verbürgte Sache ist, denn sie wird von einem Zeitgenossen erzählt, dem der Betreffende selbst die Sache mitgeteilt hat, und man kann mit aller philologischen Kleinkunst der Sache beizukommen versuchen, sie erweist sich als wahr. Es hatte einstmals unser jetzt an einer republikanischen Universität befindlicher Mann einen Traum. Er sah sich im Traume über brennende Kohle und Asche gehen und wußte, daß diese brennende Kohle und Asche, über die er jetzt schritt, herrühren müsse von dem Brande des Domes in derjenigen Stadt, wo er vorher Professor gewesen war. Er erzählte diesen Traum und schrieb darüber in vielen Briefen, und es stellte sich nachher heraus, daß wirklich in derselben Nacht, in der er diesen Traum gehabt hatte, er, der fern von der Stadt war, in der er früher gewesen, der Dom abgebrannt war.
[ 5 ] Nun hatte er sehr viel Erfolg, machte sogar gar nicht unbedeutende wissenschaftliche Entdeckungen, die zum Teil sogar, wie es dazumal schon Sitte war und heute noch nicht ganz Unsitte geworden ist, andere sich aneigneten, ohne ihm viel Dank zu sagen. Er wurde bis zu einem gewissen Grade wohlhabend, aber für seine Begriffe nicht genügend, namentlich aus dem Grunde, weil er sich dafür recht plagen mußte. Er mußte viele Stunden geben. Dadurch verdiente er ja einiges, aber das erforderte eben sehr viel Arbeit. Nun erzählen uns italienische Zeitgenossen von ihm, und solche, die eben die Traditionen hatten, in ganz interessanter Weise, daß er ein Mann war, beschäftigt mit dem Gehirn, der daher — ich wiederhole so, was erzählt wurde — wenig Möglichkeit hatte, auf die Impulse seines Herzens viel zu geben. Deshalb war er zwar gescheit, aber er war weniger liebefähig. Daher lebte er, so erzählen die Zeitgenossen, nicht in einer wirklichen Ehe, sondern in einer wilden Ehe mit einer gewissen Marina Gamba, hatte mit ihr zwei Töchter, die er beide ins Kloster schickte, und einen Sohn, den er später legitimierte. Dann, obwohl es ihm sogar gelang, sehr angesehene Menschen der damaligen Zeit in ihrer Jugend zu unterrichten an der republikanischen Universität, an der er war, zum Beispiel sogar Gustav Adolf in seiner Jugend, den späteren schwedischen König, und ähnliche Menschen, war ihm die Sache doch nicht so ganz recht, und da wandte er sich denn an den Großherzog, der jetzt Großherzog war desjenigen Landes, dem er durch Geburt angehörte, an dessen Universität er vorher gewesen war. Das war schon 1610. Und in der Tat, er strebte an, mehr freie Zeit zu gewinnen, um sich Erfindungen und Entdeckungen hingeben zu können. Es ist also interessant, den Mann etwas genauer zu betrachten, weil er, ich will jetzt vorläufig sagen, wirklich so eine Art Kind seiner Zeit war. Und deshalb möchte ich Ihnen in einer, wie es mir scheint, nicht schlechten Übersetzung den Brief vorlesen, welchen er geschrieben hat, damit er eine bequemere Stellung am Hofe dieses Großherzogs erhalten könne. Er schreibt an einen Freund über seine Korrespondenz mit dem Großherzog:
[ 5 ] Nun hatte er sehr viel Erfolg, machte sogar gar nicht unbedeutende wissenschaftliche Entdeckungen, die zum Teil sogar, wie es dazumal schon Sitte war und heute noch nicht ganz Unsitte geworden ist, andere sich aneigneten, ohne ihm viel Dank zu sagen. Er wurde bis zu einem gewissen Grade wohlhabend, aber für seine Begriffe nicht genügend, namentlich aus dem Grunde, weil er sich dafür recht plagen mußte. Er mußte viele Stunden geben. Dadurch verdiente er ja einiges, aber das erforderte eben sehr viel Arbeit. Nun erzählen uns italienische Zeitgenossen von ihm, und solche, die eben die Traditionen hatten, in ganz interessanter Weise, daß er ein Mann war, beschäftigt mit dem Gehirn, der daher — ich wiederhole so, was erzählt wurde — wenig Möglichkeit hatte, auf die Impulse seines Herzens viel zu geben. Deshalb war er zwar gescheit, aber er war weniger liebefähig. Daher lebte er, so erzählen die Zeitgenossen, nicht in einer wirklichen Ehe, sondern in einer wilden Ehe mit einer gewissen Marina Gamba, hatte mit ihr zwei Töchter, die er beide ins Kloster schickte, und einen Sohn, den er später legitimierte. Dann, obwohl es ihm sogar gelang, sehr angesehene Menschen der damaligen Zeit in ihrer Jugend zu unterrichten an der republikanischen Universität, an der er war, zum Beispiel sogar Gustav Adolf in seiner Jugend, den späteren schwedischen König, und ähnliche Menschen, war ihm die Sache doch nicht so ganz recht, und da wandte er sich denn an den Großherzog, der jetzt Großherzog war desjenigen Landes, dem er durch Geburt angehörte, an dessen Universität er vorher gewesen war. Das war schon 1610. Und in der Tat, er strebte an, mehr freie Zeit zu gewinnen, um sich Erfindungen und Entdeckungen hingeben zu können. Es ist also interessant, den Mann etwas genauer zu betrachten, weil er, ich will jetzt vorläufig sagen, wirklich so eine Art Kind seiner Zeit war. Und deshalb möchte ich Ihnen in einer, wie es mir scheint, nicht schlechten Übersetzung den Brief vorlesen, welchen er geschrieben hat, damit er eine bequemere Stellung am Hofe dieses Großherzogs erhalten könne. Er schreibt an einen Freund über seine Korrespondenz mit dem Großherzog:
[ 6 ] «Der Brief Eurer Gnaden ist mir sehr willkommen gewesen, erstens weil er mir ein Zeugnis dafür gibt, daß der durchlauchtigste Großherzog, mein Herr, sich meiner erinnert, dann, weil er mich des fortgesetzten Wohlwollens des von mir unendlich hochgeschätzten, hochwohlgebornen Herrn Aeneas Piccolomini wie auch der Liebe Eurer Gnaden versichert, welche, indem sie Sie meine Interessen wahrnehmen läßt, Sie veranlaßt, mir so freundlich über Umstände von großer Wichtigkeit zu schreiben, für welche Dienste ich sowohl dem hochwohlgebornen Herrn Aeneas wie Eurer Gnaden beständig verpflichtet bleibe und Ihnen unendlichen Dank abstatte und es für meine Pflicht halte, zum Zeichen dessen, wie sehr ich eine solche Güte zu schätzen weiß, mich mit den Herren über meine Gedanken und über jene Lebensverhältnisse auszusprechen, in welchen es mein Wunsch wäre, die Jahre, die mir noch bleiben, zu verbringen, damit bei einer weiteren Gelegenheit, welche sich mit dem hochwohlgebornen Herrn Aeneas bieten würde, er mit seiner Klugheit und Gewandtheit bestimmter unserm durchlauchtigsten Herrn antworten könne, gegen dessen Hoheit ich, außer jener ehrerbietigen Ergebenheit und gehorsamsten Untertänigkeit, welche ihm von jedem treuen Diener geschuldet wird, mich von einer so besonderen Hingebung und — wie mir zu sagen erlaubt sei — Liebe (denn sogar Gott selbst verlangt kein andres Gefühl von uns mehr, als daß wir ihn lieben) gebeugt fühle, daß ich jedes andre Interesse beiseite setzen würde und es keine Lage gibt, mit der ich nicht mein Los vertauschen würde, wenn ich vernähme, daß es seiner Hoheit so gefällt. So könnte diese Antwort allein genügen, jeden Entschluß zu verwirklichen, welchen seiner Hoheit gefallen würde, über meine Person zu fassen. Aber wenn, wie anzunehmen ist, Seine Hoheit voll jener Humanität und Güte, welche sie unter allen andern rühmenswert machen und immer mehr machen werden, mit Ihrem Dienst jede andre Befriedigung für mich verbinden ‚wollte, so werde ich nicht aufhören zu sagen, wie, nachdem ich jetzt zwanzig Jahre, und zwar die besten meines Lebens, dafür gearbeitet habe, bis ins einzelne, wie man sagt, auf Verlangen eines jeden jenes Wenige von Talent auszuteilen, was mir durch Gott und durch meine Anstrengungen in meinem Beruf zuteil geworden ist, es wirklich mein Gedanke wäre, so viel Muße und Ruhe zu erlangen, daß ich, ehe ich mein Leben endige, drei große Werke zu Ende führen könnte, die ich unter den Händen habe, um sie veröffentlichen zu können, und zwar vielleicht zu einigem Ruhm für mich und für jeden, der mich bei solchen Unternehmungen unterstützen würde, indem ich möglicherweise den Studierenden des Faches größeren und allgemeineren und länger dauernden Nutzen bringen würde, als ich sonst im Rest meines Lebens bringen könnte. Ich glaube nicht, daß ich größere Muße, als ich hier habe, anderswo haben könnte, solange ich gezwungen wäre, aus dem öffentlichen Lehramt und den privaten Lektionen den Unterhalt meines Hauses zu ziehen; auch würde ich solches nicht gern in einer andern Stadt tun als in dieser, aus verschiedenen Gründen, die aufzuführen zu umständlich wäre; indessen genügt mir die Freiheit nicht, die ich hier habe, da ich auf Verlangen von dem und jenem mehrere Stunden des Tages, und oft die besten, opfern muß. Von einer wenn auch glanzvollen und freigebigen Republik eine Besoldung zu erhalten, ohne dem Gemeinwesen zu dienen, ist nicht üblich, weil man, um Gewinn vom Gemeinwesen zu ziehen, dem Gemeinwesen Dienste erweisen muß und nicht einer einzigen Persönlichkeit, und solange ich imstande bin, Vorlesungen zu halten und Dienst zu leisten, kann mich niemand in einer Republik von dieser Obliegenheit befreien unter Belassung der Einkünfte; kurz und gut, ich kann eine derartige Vergünstigung von keinem andern erhoffen als von einem unumschränkten Fürsten, aber ich möchte nicht nach dem, was ich bisher gesagt habe, Eurer Gnaden unberechtigte Ansprüche zu haben scheinen, als ob ich nach Gehältern ohne Gegenleistung und Verpflichtung strebte, denn das ist nicht meine Absicht, vielmehr habe ich, was die Gegenleistung betrifft, verschiedene Erfindungen, von welchen schon eine einzige, wenn ich einem großen Fürsten begegne, der Gefallen daran finder, genügen kann, um mir Unterhalt in meinem Leben zu gewähren, da mir die Erfahrung zeigt, daß Dinge, die vielleicht bedeutend weniger wertvoll sind, für ihre Entdecker große Vorteile haben, und es ist immer mein Gedanke gewesen, sie eher als andern meinem Fürsten und natürlichen Herrn vorzulegen, damit es in dessen Gutdünken liege, über sie und den Erfinder nach seinem Belieben zu verfügen und von ihnen, wenn es ihm so gefallen sollte, nicht bloß das Gestein, sondern auch das Erz anzunehmen, da ich ja täglich deren neue finde und noch viel mehr finden würde, wenn ich mehr Muße hätte und mehr günstige Gelegenheiten, kunstfertige Leute zu bekommen, deren Hilfe ich mir durch verschiedene Versuche zunutze machen könnte. Was ferner die tägliche Dienstleistung (das heißt der öffentlichen und privaten Vorlesungen) betrifft, so habe ich nur einen Widerwillen gegen jene feile Knechtschaft, daß ich meine Arbeiten gegen beliebige Bezahlung jedes Käufers vorführen muß; doch einem Fürsten oder großen Herrn und jemandem, der von diesem abhängt, zu dienen, dagegen werde ich niemals Abscheu empfinden, sondern es vielmehr dringend wünschen und erstreben. Und weil Eure Gnaden einiges von mir wissen möchte über das Einkommen, das ich hier habe, so sage ich Ihnen, daß mein dienstliches Gehalt 520 Goldgulden beträgt, welche in nicht vielen Monaten, wenn meine Neuanstellung erfolgt, dessen bin ich so gut wie sicher, in ebenso viele Skudi werden umgewandelt werden, und diese kann ich zum großen Teile zurücklegen, da ich eine große Beihilfe für den Unterhalt meines Hauses dadurch, daß ich Schüler habe, und durch den Gewinn aus den privaten Lektionen erhalte, wiewohl ich es mehr vermeide als ich es suche, deren viele zu geben, da ich unendlich mehr nach freier Zeit als nach Gold Verlangen trage, weil ich weiß, daß ich eine Summe Goldes, die so groß wäre, daß sie mich angesehen machen könnte, viel schwerer zu erwerben vermöchte, als einigen Ruhm meiner wissenschaftlichen Arbeiten.»
[ 6 ] «Der Brief Eurer Gnaden ist mir sehr willkommen gewesen, erstens weil er mir ein Zeugnis dafür gibt, daß der durchlauchtigste Großherzog, mein Herr, sich meiner erinnert, dann, weil er mich des fortgesetzten Wohlwollens des von mir unendlich hochgeschätzten, hochwohlgebornen Herrn Aeneas Piccolomini wie auch der Liebe Eurer Gnaden versichert, welche, indem sie Sie meine Interessen wahrnehmen läßt, Sie veranlaßt, mir so freundlich über Umstände von großer Wichtigkeit zu schreiben, für welche Dienste ich sowohl dem hochwohlgebornen Herrn Aeneas wie Eurer Gnaden beständig verpflichtet bleibe und Ihnen unendlichen Dank abstatte und es für meine Pflicht halte, zum Zeichen dessen, wie sehr ich eine solche Güte zu schätzen weiß, mich mit den Herren über meine Gedanken und über jene Lebensverhältnisse auszusprechen, in welchen es mein Wunsch wäre, die Jahre, die mir noch bleiben, zu verbringen, damit bei einer weiteren Gelegenheit, welche sich mit dem hochwohlgebornen Herrn Aeneas bieten würde, er mit seiner Klugheit und Gewandtheit bestimmter unserm durchlauchtigsten Herrn antworten könne, gegen dessen Hoheit ich, außer jener ehrerbietigen Ergebenheit und gehorsamsten Untertänigkeit, welche ihm von jedem treuen Diener geschuldet wird, mich von einer so besonderen Hingebung und — wie mir zu sagen erlaubt sei — Liebe (denn sogar Gott selbst verlangt kein andres Gefühl von uns mehr, als daß wir ihn lieben) gebeugt fühle, daß ich jedes andre Interesse beiseite setzen würde und es keine Lage gibt, mit der ich nicht mein Los vertauschen würde, wenn ich vernähme, daß es seiner Hoheit so gefällt. So könnte diese Antwort allein genügen, jeden Entschluß zu verwirklichen, welchen seiner Hoheit gefallen würde, über meine Person zu fassen. Aber wenn, wie anzunehmen ist, Seine Hoheit voll jener Humanität und Güte, welche sie unter allen andern rühmenswert machen und immer mehr machen werden, mit Ihrem Dienst jede andre Befriedigung für mich verbinden ‚wollte, so werde ich nicht aufhören zu sagen, wie, nachdem ich jetzt zwanzig Jahre, und zwar die besten meines Lebens, dafür gearbeitet habe, bis ins einzelne, wie man sagt, auf Verlangen eines jeden jenes Wenige von Talent auszuteilen, was mir durch Gott und durch meine Anstrengungen in meinem Beruf zuteil geworden ist, es wirklich mein Gedanke wäre, so viel Muße und Ruhe zu erlangen, daß ich, ehe ich mein Leben endige, drei große Werke zu Ende führen könnte, die ich unter den Händen habe, um sie veröffentlichen zu können, und zwar vielleicht zu einigem Ruhm für mich und für jeden, der mich bei solchen Unternehmungen unterstützen würde, indem ich möglicherweise den Studierenden des Faches größeren und allgemeineren und länger dauernden Nutzen bringen würde, als ich sonst im Rest meines Lebens bringen könnte. Ich glaube nicht, daß ich größere Muße, als ich hier habe, anderswo haben könnte, solange ich gezwungen wäre, aus dem öffentlichen Lehramt und den privaten Lektionen den Unterhalt meines Hauses zu ziehen; auch würde ich solches nicht gern in einer andern Stadt tun als in dieser, aus verschiedenen Gründen, die aufzuführen zu umständlich wäre; indessen genügt mir die Freiheit nicht, die ich hier habe, da ich auf Verlangen von dem und jenem mehrere Stunden des Tages, und oft die besten, opfern muß. Von einer wenn auch glanzvollen und freigebigen Republik eine Besoldung zu erhalten, ohne dem Gemeinwesen zu dienen, ist nicht üblich, weil man, um Gewinn vom Gemeinwesen zu ziehen, dem Gemeinwesen Dienste erweisen muß und nicht einer einzigen Persönlichkeit, und solange ich imstande bin, Vorlesungen zu halten und Dienst zu leisten, kann mich niemand in einer Republik von dieser Obliegenheit befreien unter Belassung der Einkünfte; kurz und gut, ich kann eine derartige Vergünstigung von keinem andern erhoffen als von einem unumschränkten Fürsten, aber ich möchte nicht nach dem, was ich bisher gesagt habe, Eurer Gnaden unberechtigte Ansprüche zu haben scheinen, als ob ich nach Gehältern ohne Gegenleistung und Verpflichtung strebte, denn das ist nicht meine Absicht, vielmehr habe ich, was die Gegenleistung betrifft, verschiedene Erfindungen, von welchen schon eine einzige, wenn ich einem großen Fürsten begegne, der Gefallen daran finder, genügen kann, um mir Unterhalt in meinem Leben zu gewähren, da mir die Erfahrung zeigt, daß Dinge, die vielleicht bedeutend weniger wertvoll sind, für ihre Entdecker große Vorteile haben, und es ist immer mein Gedanke gewesen, sie eher als andern meinem Fürsten und natürlichen Herrn vorzulegen, damit es in dessen Gutdünken liege, über sie und den Erfinder nach seinem Belieben zu verfügen und von ihnen, wenn es ihm so gefallen sollte, nicht bloß das Gestein, sondern auch das Erz anzunehmen, da ich ja täglich deren neue finde und noch viel mehr finden würde, wenn ich mehr Muße hätte und mehr günstige Gelegenheiten, kunstfertige Leute zu bekommen, deren Hilfe ich mir durch verschiedene Versuche zunutze machen könnte. Was ferner die tägliche Dienstleistung (das heißt der öffentlichen und privaten Vorlesungen) betrifft, so habe ich nur einen Widerwillen gegen jene feile Knechtschaft, daß ich meine Arbeiten gegen beliebige Bezahlung jedes Käufers vorführen muß; doch einem Fürsten oder großen Herrn und jemandem, der von diesem abhängt, zu dienen, dagegen werde ich niemals Abscheu empfinden, sondern es vielmehr dringend wünschen und erstreben. Und weil Eure Gnaden einiges von mir wissen möchte über das Einkommen, das ich hier habe, so sage ich Ihnen, daß mein dienstliches Gehalt 520 Goldgulden beträgt, welche in nicht vielen Monaten, wenn meine Neuanstellung erfolgt, dessen bin ich so gut wie sicher, in ebenso viele Skudi werden umgewandelt werden, und diese kann ich zum großen Teile zurücklegen, da ich eine große Beihilfe für den Unterhalt meines Hauses dadurch, daß ich Schüler habe, und durch den Gewinn aus den privaten Lektionen erhalte, wiewohl ich es mehr vermeide als ich es suche, deren viele zu geben, da ich unendlich mehr nach freier Zeit als nach Gold Verlangen trage, weil ich weiß, daß ich eine Summe Goldes, die so groß wäre, daß sie mich angesehen machen könnte, viel schwerer zu erwerben vermöchte, als einigen Ruhm meiner wissenschaftlichen Arbeiten.»
[ 7 ] Da wurde denn der Mann wirklich an diesen Hof berufen. Es wurde ihm nur aufgetragen, wenn es besondere Möglichkeiten, glanzvolle Möglichkeiten, festliche Gelegenheiten, wobei sich der Großherzog selber zu zeigen hatte, gab, und man zu glänzen hatte gegenüber — nun, sagen wir, dem Auslande, da Vorlesungen zu halten, aber im übrigen sollte er nur das Gehalt bekommen, Vorlesungen also nur bei festlichen Gelegenheiten halten, und er sollte sich ganz seinen Studien widmen können und so weiter. Eine Weile ging es auch recht gut. Sogar Dichter, Edelleute, Prinzen ehrten ihn, machten allerlei Festlichkeiten, weil sie ihn für einen sehr großen Mann hielten. Er selber, es war am 3. Februar 1613, dichtete ein Maskenfest; da stellte er sich selber dar als einen Jupiter, der auf den Wolken thronte; man konnte es durch die Vermummung sehr deutlich sehen. Und da dazumal durch Galilei die vier Jupiter-Monde entdeckt worden waren und die Namen der vier Fürsten des Hauses von dort erhalten hatten, so erschienen die vier Fürsten auch noch im Gefolge. Es war ein ganz besonders feierlicher Aufzug.
[ 7 ] Da wurde denn der Mann wirklich an diesen Hof berufen. Es wurde ihm nur aufgetragen, wenn es besondere Möglichkeiten, glanzvolle Möglichkeiten, festliche Gelegenheiten, wobei sich der Großherzog selber zu zeigen hatte, gab, und man zu glänzen hatte gegenüber — nun, sagen wir, dem Auslande, da Vorlesungen zu halten, aber im übrigen sollte er nur das Gehalt bekommen, Vorlesungen also nur bei festlichen Gelegenheiten halten, und er sollte sich ganz seinen Studien widmen können und so weiter. Eine Weile ging es auch recht gut. Sogar Dichter, Edelleute, Prinzen ehrten ihn, machten allerlei Festlichkeiten, weil sie ihn für einen sehr großen Mann hielten. Er selber, es war am 3. Februar 1613, dichtete ein Maskenfest; da stellte er sich selber dar als einen Jupiter, der auf den Wolken thronte; man konnte es durch die Vermummung sehr deutlich sehen. Und da dazumal durch Galilei die vier Jupiter-Monde entdeckt worden waren und die Namen der vier Fürsten des Hauses von dort erhalten hatten, so erschienen die vier Fürsten auch noch im Gefolge. Es war ein ganz besonders feierlicher Aufzug.
[ 8 ] Aber nach und nach versiegte die Gnade des Fürsten; der Fürst verriet seinen Gelehrten nach einiger Zeit geradezu. DieKlerisei fand seine Ansichten nicht den ihrigen entsprechend. Er endete noch dazu in einer ziemlich elenden Lage, so daß er eigentlich in rechter Traurigkeit sein
[ 8 ] Aber nach und nach versiegte die Gnade des Fürsten; der Fürst verriet seinen Gelehrten nach einiger Zeit geradezu. DieKlerisei fand seine Ansichten nicht den ihrigen entsprechend. Er endete noch dazu in einer ziemlich elenden Lage, so daß er eigentlich in rechter Traurigkeit sein
[ 9 ] Leben schloß. Voll hatte er den Undank und die Wendung des Schicksals ausgekostet, voll hatte er kennengelernt, wie Fürsten zuweilen auf die Dauer es machen. Voll hatte er den ganzen Haß der damaligen Klerisei kennengelernt.
[ 9 ] Leben schloß. Voll hatte er den Undank und die Wendung des Schicksals ausgekostet, voll hatte er kennengelernt, wie Fürsten zuweilen auf die Dauer es machen. Voll hatte er den ganzen Haß der damaligen Klerisei kennengelernt.
[ 10 ] Jetzt habe ich Ihnen ein Leben eines Menschen erzählt. Man kann dieses Leben so erzählen, denn das sind lauter wahre Sachen, die ich Ihnen erzählt habe. Aber ich will Ihnen jetzt dieses Leben noch anders erzählen, gewissermaßen von einem anderen Gesichtspunkt.
[ 10 ] Jetzt habe ich Ihnen ein Leben eines Menschen erzählt. Man kann dieses Leben so erzählen, denn das sind lauter wahre Sachen, die ich Ihnen erzählt habe. Aber ich will Ihnen jetzt dieses Leben noch anders erzählen, gewissermaßen von einem anderen Gesichtspunkt.
[ 11 ] Am 18.Februar 1564 wurde der große Galilei geboren, und sein Vater, Vincente Galilei, war ein außerordentlich guter Musikkenner, spielte die Laute und andere Saiteninstrumente sehr gut, befaßte sich mit Geometrie, unterrichtete den Sohn zuerst selbst in Musik. Der Sohn machte bei berühmten Lehrern die lateinischen und griechischen Studien durch; er Jernte bei einem Mönche die Humaniora, ging dann an die Universität nach Pisa und studierte zuerst Medizin, die ihn wenig befriedigte, wandte sich dann der Philosophie zu, wurde Anti-Aristoteliker unter dem Einflusse der damals anti-aristotelischen Strömung und erwies sich schon als so genial, daß er, wie uns Zeitgenossen — mit voller Sicherheit können wir annehmen, daß es wahr ist — erzählen, als er eines Tages im Dom von Pisa saß und die Kirchenlampe schwingen sah, daraus die Gleichmäßigkeit des Pendelschwingens entdeckte, also eine der allerepochemachendsten Entdeckungen machte, die Bedeutung hatte für die ganze Zeit seither und noch große Bedeutung in der Zukunft haben wird. Ich werde immer wieder von einigen Seiten belehrt, daß das eine Legende sei, aber ich kann, trotzdem so viele Leute mich belehren, daß die Geschichte mit der schwingenden Kirchenlampe eine Legende sei, sie doch nur immer wieder und wieder erzählen, weil sie nämlich wahr ist.
[ 11 ] Am 18.Februar 1564 wurde der große Galilei geboren, und sein Vater, Vincente Galilei, war ein außerordentlich guter Musikkenner, spielte die Laute und andere Saiteninstrumente sehr gut, befaßte sich mit Geometrie, unterrichtete den Sohn zuerst selbst in Musik. Der Sohn machte bei berühmten Lehrern die lateinischen und griechischen Studien durch; er Jernte bei einem Mönche die Humaniora, ging dann an die Universität nach Pisa und studierte zuerst Medizin, die ihn wenig befriedigte, wandte sich dann der Philosophie zu, wurde Anti-Aristoteliker unter dem Einflusse der damals anti-aristotelischen Strömung und erwies sich schon als so genial, daß er, wie uns Zeitgenossen — mit voller Sicherheit können wir annehmen, daß es wahr ist — erzählen, als er eines Tages im Dom von Pisa saß und die Kirchenlampe schwingen sah, daraus die Gleichmäßigkeit des Pendelschwingens entdeckte, also eine der allerepochemachendsten Entdeckungen machte, die Bedeutung hatte für die ganze Zeit seither und noch große Bedeutung in der Zukunft haben wird. Ich werde immer wieder von einigen Seiten belehrt, daß das eine Legende sei, aber ich kann, trotzdem so viele Leute mich belehren, daß die Geschichte mit der schwingenden Kirchenlampe eine Legende sei, sie doch nur immer wieder und wieder erzählen, weil sie nämlich wahr ist.
[ 12 ] Trotzdem er dazumal schon diese schwingende Kirchenlampe mit diesem Gedanken beobachtet hatte, konnte der Vater für ihn kein Stipendium erringen. Dann, nachdem er eine Weile noch geometrische Studien betrieben hatte, wurde er Professor an der Universität in Pisa. Da mußte er die Mathematik für sechzig Skudi jährlich vortragen und übte nebenbei die Heilkunst aus. Daß er das wirklich auch tat, dieHeilkunst ausüben, das wissen wir aus einem Briefe, den er dazumal an seinen Vater geschrieben hat, und in dem er ihn bat, ihm als Richtschnur den alten Mediziner Galen zu schicken. Er kritisierte scharf eineSchrift, die dazumal von dem hohen aber unweisen CosimoI. erschienen war. Da wurde es ihm in Pisa zu heiß, und da ihm die Republik Venedig, die ihn besser zu schätzen wußte, als man ihn in seinem Vaterstaate zu schätzen wußte, den Antrag machte, dort zu lehren, ging er 1592 nach Padua. Galileo Galilei wurde Professor an der Universität in Padua und trug mit großem Ruhm dort Mathematik und ähnliches vor, konstruierte Sonnenuhren nach besonderen Systemen, vervollkommnete die mechanischen Kenntnisse, und da war es, daß uns von dieser Zeit Giambattista Doni in seinen Briefen über die Träume schrieb, daß Galilei jenen Traum gehabt hat, von dem ich Ihnen erzählt habe: wie er über die glühenden Kohlen und über die Asche ging. Damals brannte der Dom von Pisa wirklich ab, zusammenfallend mit dem Traume, den Galilei damals gehabt hat. Galilei hat das in vielen Briefen an seine Zeitgenossen geschrieben. Er erfand dazumal den sogenannten Proportionalzirkel, Maschinen zum Wasserheben, machte wichtige Entdekkungen in bezug auf das Teleskop, Thermoskop, Beobachtungen über das Barometer und andere Dinge, die sich andere Leute auch aneigneten, während die Dinge zumeist auf Galilei zurückführen. Die Geschichte seiner sogenannten Ehe brauche ich nicht wieder zu erzählen, denn sie ist so, wie ich Ihnen schon vorhin erzählt habe. Dann trug sich dasjenige, was ich weiter erzählt habe, auch weiter so zu mit demBriefe. So wurde er wirklich von der Universität Padua nach seiner Vaterstadt versetzt, und es erging ihm dort so; und als Jupiter auf den Wolken thronend hat er sich selber dargestellt, denn es war Galilei, der dieses Maskenspiel gemacht hat. Er war es selber, der den vier Trabanten des Jupiter, die er jetzt auftreten ließ, die vier mediceischen Namen gegeben hat. Daß er von der Klerisei nicht gut behandelt worden ist, daß er von seinem Fürsten verraten worden ist gegenüber dieser Klerisei, das ist ja aus der Geschichte bekannt. Wenn auch alles mögliche wahr ist an der Geschichte, das, wovon alle Leute sagen, daß er es gesagt hat: Und sie bewegt sich doch — das ist sicher erlogen. Das habe ich ja schon öfter erwähnt.
[ 12 ] Trotzdem er dazumal schon diese schwingende Kirchenlampe mit diesem Gedanken beobachtet hatte, konnte der Vater für ihn kein Stipendium erringen. Dann, nachdem er eine Weile noch geometrische Studien betrieben hatte, wurde er Professor an der Universität in Pisa. Da mußte er die Mathematik für sechzig Skudi jährlich vortragen und übte nebenbei die Heilkunst aus. Daß er das wirklich auch tat, dieHeilkunst ausüben, das wissen wir aus einem Briefe, den er dazumal an seinen Vater geschrieben hat, und in dem er ihn bat, ihm als Richtschnur den alten Mediziner Galen zu schicken. Er kritisierte scharf eineSchrift, die dazumal von dem hohen aber unweisen CosimoI. erschienen war. Da wurde es ihm in Pisa zu heiß, und da ihm die Republik Venedig, die ihn besser zu schätzen wußte, als man ihn in seinem Vaterstaate zu schätzen wußte, den Antrag machte, dort zu lehren, ging er 1592 nach Padua. Galileo Galilei wurde Professor an der Universität in Padua und trug mit großem Ruhm dort Mathematik und ähnliches vor, konstruierte Sonnenuhren nach besonderen Systemen, vervollkommnete die mechanischen Kenntnisse, und da war es, daß uns von dieser Zeit Giambattista Doni in seinen Briefen über die Träume schrieb, daß Galilei jenen Traum gehabt hat, von dem ich Ihnen erzählt habe: wie er über die glühenden Kohlen und über die Asche ging. Damals brannte der Dom von Pisa wirklich ab, zusammenfallend mit dem Traume, den Galilei damals gehabt hat. Galilei hat das in vielen Briefen an seine Zeitgenossen geschrieben. Er erfand dazumal den sogenannten Proportionalzirkel, Maschinen zum Wasserheben, machte wichtige Entdekkungen in bezug auf das Teleskop, Thermoskop, Beobachtungen über das Barometer und andere Dinge, die sich andere Leute auch aneigneten, während die Dinge zumeist auf Galilei zurückführen. Die Geschichte seiner sogenannten Ehe brauche ich nicht wieder zu erzählen, denn sie ist so, wie ich Ihnen schon vorhin erzählt habe. Dann trug sich dasjenige, was ich weiter erzählt habe, auch weiter so zu mit demBriefe. So wurde er wirklich von der Universität Padua nach seiner Vaterstadt versetzt, und es erging ihm dort so; und als Jupiter auf den Wolken thronend hat er sich selber dargestellt, denn es war Galilei, der dieses Maskenspiel gemacht hat. Er war es selber, der den vier Trabanten des Jupiter, die er jetzt auftreten ließ, die vier mediceischen Namen gegeben hat. Daß er von der Klerisei nicht gut behandelt worden ist, daß er von seinem Fürsten verraten worden ist gegenüber dieser Klerisei, das ist ja aus der Geschichte bekannt. Wenn auch alles mögliche wahr ist an der Geschichte, das, wovon alle Leute sagen, daß er es gesagt hat: Und sie bewegt sich doch — das ist sicher erlogen. Das habe ich ja schon öfter erwähnt.
[ 13 ] Das also ist von einem anderen Gesichtspunkte die Sache erlebt. Sie werden finden, daß ich das erste Mal nicht falsche Tatsachen erzählt habe, daß aber wahrscheinlich Ihre Gefühle für den Mann das erste Mal nicht dieselben waren, wie sie waren, als ich zum zweiten Male die Geschichte erzählte, daß aber diese zweiten Gefühle, die Sie haben, ganz sicher diejenigen sind, die weitaus die meisten Menschen haben, wenn siean Galilei, den großen Astronomen Galilei denken. Daraus ersehen Sie, daß viel Unkenntnis ist bei demjenigen, was viele Menschen denken. Denn gar viel wissen die Menschen ja nicht von Galilei; also denken sie und fühlen sie nicht über ihn durch das, was sie wissen, sondern sie fühlen über ihn dadurch, daß der Name «Galileo Galilei» in einer gewissen Weise in der Geschichte signifiziert ist.
[ 13 ] Das also ist von einem anderen Gesichtspunkte die Sache erlebt. Sie werden finden, daß ich das erste Mal nicht falsche Tatsachen erzählt habe, daß aber wahrscheinlich Ihre Gefühle für den Mann das erste Mal nicht dieselben waren, wie sie waren, als ich zum zweiten Male die Geschichte erzählte, daß aber diese zweiten Gefühle, die Sie haben, ganz sicher diejenigen sind, die weitaus die meisten Menschen haben, wenn siean Galilei, den großen Astronomen Galilei denken. Daraus ersehen Sie, daß viel Unkenntnis ist bei demjenigen, was viele Menschen denken. Denn gar viel wissen die Menschen ja nicht von Galilei; also denken sie und fühlen sie nicht über ihn durch das, was sie wissen, sondern sie fühlen über ihn dadurch, daß der Name «Galileo Galilei» in einer gewissen Weise in der Geschichte signifiziert ist.
[ 14 ] Nun müssen wir aber bedenken: Das, was ein Mensch durch sein Genie macht, hat Bedeutung für die physische Welt. Daß es JupiterTrabanten gab, war eine sehr wichtige Entdeckung für die Erdenentwickelung, aber es hat keine Bedeutung für dasjenige, was die geistigen Welten betrifft, für die Wesen der höheren Hierarchien. Ebenso ist es mit den anderen Entdeckungen des Galilei: es sind Dinge, die eine große Bedeutung für die Erde haben. Was habe ich Ihnen denn also im Grunde genommen zuerst erzählt? Die persönlichen Geschicke, abgesehen von dem, daß Galilei für die Erde ein großer Mann war, seine ganz persönlichen Geschicke, seine Berufsmisere, seine, nun ja, wie soll ich sagen, Loyalität gegenüber dem Fürsten, nicht wahr, und so weiter. Also dasjenige, was er zum täglichen Hausgebrauche hatte, das habe ich Ihnen zuerst erzählt. Das ist aber zugleich das, was Bedeutung hat, in dem er es durch die Pforte des Todes trägt und auszubilden hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, denn das geht ihn persönlich an. Man muß sich schon in solche Studien einlassen, wenn man über die ins Leben so einschneidende Frage des menschlichen Schicksals sich unterrichtet. Gerade an signifikanten, hervorragenden Menschenleben müssen wir das tun.
[ 14 ] Nun müssen wir aber bedenken: Das, was ein Mensch durch sein Genie macht, hat Bedeutung für die physische Welt. Daß es JupiterTrabanten gab, war eine sehr wichtige Entdeckung für die Erdenentwickelung, aber es hat keine Bedeutung für dasjenige, was die geistigen Welten betrifft, für die Wesen der höheren Hierarchien. Ebenso ist es mit den anderen Entdeckungen des Galilei: es sind Dinge, die eine große Bedeutung für die Erde haben. Was habe ich Ihnen denn also im Grunde genommen zuerst erzählt? Die persönlichen Geschicke, abgesehen von dem, daß Galilei für die Erde ein großer Mann war, seine ganz persönlichen Geschicke, seine Berufsmisere, seine, nun ja, wie soll ich sagen, Loyalität gegenüber dem Fürsten, nicht wahr, und so weiter. Also dasjenige, was er zum täglichen Hausgebrauche hatte, das habe ich Ihnen zuerst erzählt. Das ist aber zugleich das, was Bedeutung hat, in dem er es durch die Pforte des Todes trägt und auszubilden hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, denn das geht ihn persönlich an. Man muß sich schon in solche Studien einlassen, wenn man über die ins Leben so einschneidende Frage des menschlichen Schicksals sich unterrichtet. Gerade an signifikanten, hervorragenden Menschenleben müssen wir das tun.
[ 15 ] Von Vererbung spricht man heute ja ganz besonders, und viele Fragen betrachtet man lediglich im Zusammenhange mit der physischen Vererbungsfrage. Ich habe Ihnen das Leben des Galilei zuerst so vorgeführt, daß Sie es sogar ganz unbefangen betrachten konnten, im Zusammenhange mit seinem Vater, damit wir vielleicht wiederum ein Beispiel haben, wie wir richtig über die Vererbungsfrage denken. Ja, über diese Vererbungsfrage kann nur richtig gedacht werden, wenn man die große Lehre von den wiederholten Erdenleben dabei in Betracht ziehen kann. Da erweist sich dann die Vererbung nicht als bedeutungslos, sondern im Gegenteil als sehr bedeutend, aber es ergibt sich auch der Zusammenhang zwischen den vererbten Eigenschaften und demjenigen, was der Mensch aus der geistigen Welt durch seine Individualität herunterbringt als Ergebnis seines früheren Erdenlebens. Und man muß schon die Tatsachen des Lebens anschauen, wenn man die Frage entscheiden will: Was wird eigentlich vererbt?
[ 15 ] Von Vererbung spricht man heute ja ganz besonders, und viele Fragen betrachtet man lediglich im Zusammenhange mit der physischen Vererbungsfrage. Ich habe Ihnen das Leben des Galilei zuerst so vorgeführt, daß Sie es sogar ganz unbefangen betrachten konnten, im Zusammenhange mit seinem Vater, damit wir vielleicht wiederum ein Beispiel haben, wie wir richtig über die Vererbungsfrage denken. Ja, über diese Vererbungsfrage kann nur richtig gedacht werden, wenn man die große Lehre von den wiederholten Erdenleben dabei in Betracht ziehen kann. Da erweist sich dann die Vererbung nicht als bedeutungslos, sondern im Gegenteil als sehr bedeutend, aber es ergibt sich auch der Zusammenhang zwischen den vererbten Eigenschaften und demjenigen, was der Mensch aus der geistigen Welt durch seine Individualität herunterbringt als Ergebnis seines früheren Erdenlebens. Und man muß schon die Tatsachen des Lebens anschauen, wenn man die Frage entscheiden will: Was wird eigentlich vererbt?
[ 16 ] Ich habe Sie das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht, daß der Zeitpunkt der Reife von der Wissenschaft heute noch gar nicht in Betracht gezogen wird, während er in Betracht gezogen werden sollte, wenn man von Vererbung redet. Bis zu diesem Zeitpunkt muß ein Mensch alle Impulse der Vererbung mit sich tragen. Was später kommt, muß auf einen anderen Zeitpunkt verweisen. Ich habe das letzthin, vor acht Tagen, ausgeführt. Aber was wird denn eigentlich vererbt? Wie willkürlich die heutigen Wissenschafter gerade auf diesem Gebiete konstruieren, das bezeugt die unbefangene Beobachtung der folgenden Tatsache. Die Leute reden sogar von dieser Tatsache, aber sie können sie ganz und gar nicht verstehen. Es muß jedem Psychiater bekannt sein, denn jedem ist es bekannt, der das Leben zu betrachten vermag, daß in einer Familie zwei Söhne da sein können, die beide gleiche Vererbungsanlagen haben. Definieren wir einmal die beiden Vererbungsanlagen, die ganz ähnlich sein können: eine gewisse Neigung, Begriffe auszusinnen, Zusammenhänge auszusinnen, und diese ausgesonnenen Begriffe anzuwenden auf das äußere Leben; zu gleicher Zeit ein gewisses, ja, wie sagt man — in Deutschland sagt man forsch, man kann auch sagen, ein gewisses fashionables Auftreten, so ein richtiges Auftreten, wie es ein Geschäftsmann haben muß, Das hatten sie beide, die Söhne: ein gewisses Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein heraus eine gewisse Kühnheit, das auch zu verwirklichen, was ihnen einfiel. Es waren lauter vererbte Eigenschaften. So im allgemeinen muß man die vererbten Eigenschaften sich vorstellen. Nun handelt es sich darum: Was wurden die beiden? Wie verlief ihr Karma? — Der eine wurde ein Dichter, ein Dichter, der ganz Gutes leistete, und der andere wurde ein Hochstapler. Denn die vererbten Eigenschaften, die dienten zu beidem; das eine Mal ließen sie sich anwenden auf die Dichtkunst, das andere Mal auf allerlei Hochstapelei. So viel aus dem physischen Leben kommt, so viel hatten die beiden gleich. Diese Dinge muß man wirklich gewissenhaft und ernstlich studieren, nicht so, wie die heutige Wissenschaft sie oftmals studiert. Man findet zwar, daß die Leute selbst heute die Tatsache ganz richtig registrieren, aber nichts machen können aus den Tatsachen, weil ihnen die Möglichkeit fehlt, sie in Zusammenhang zu bringen mit den großen Gesetzen der wiederholten Erdenleben.
[ 16 ] Ich habe Sie das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht, daß der Zeitpunkt der Reife von der Wissenschaft heute noch gar nicht in Betracht gezogen wird, während er in Betracht gezogen werden sollte, wenn man von Vererbung redet. Bis zu diesem Zeitpunkt muß ein Mensch alle Impulse der Vererbung mit sich tragen. Was später kommt, muß auf einen anderen Zeitpunkt verweisen. Ich habe das letzthin, vor acht Tagen, ausgeführt. Aber was wird denn eigentlich vererbt? Wie willkürlich die heutigen Wissenschafter gerade auf diesem Gebiete konstruieren, das bezeugt die unbefangene Beobachtung der folgenden Tatsache. Die Leute reden sogar von dieser Tatsache, aber sie können sie ganz und gar nicht verstehen. Es muß jedem Psychiater bekannt sein, denn jedem ist es bekannt, der das Leben zu betrachten vermag, daß in einer Familie zwei Söhne da sein können, die beide gleiche Vererbungsanlagen haben. Definieren wir einmal die beiden Vererbungsanlagen, die ganz ähnlich sein können: eine gewisse Neigung, Begriffe auszusinnen, Zusammenhänge auszusinnen, und diese ausgesonnenen Begriffe anzuwenden auf das äußere Leben; zu gleicher Zeit ein gewisses, ja, wie sagt man — in Deutschland sagt man forsch, man kann auch sagen, ein gewisses fashionables Auftreten, so ein richtiges Auftreten, wie es ein Geschäftsmann haben muß, Das hatten sie beide, die Söhne: ein gewisses Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein heraus eine gewisse Kühnheit, das auch zu verwirklichen, was ihnen einfiel. Es waren lauter vererbte Eigenschaften. So im allgemeinen muß man die vererbten Eigenschaften sich vorstellen. Nun handelt es sich darum: Was wurden die beiden? Wie verlief ihr Karma? — Der eine wurde ein Dichter, ein Dichter, der ganz Gutes leistete, und der andere wurde ein Hochstapler. Denn die vererbten Eigenschaften, die dienten zu beidem; das eine Mal ließen sie sich anwenden auf die Dichtkunst, das andere Mal auf allerlei Hochstapelei. So viel aus dem physischen Leben kommt, so viel hatten die beiden gleich. Diese Dinge muß man wirklich gewissenhaft und ernstlich studieren, nicht so, wie die heutige Wissenschaft sie oftmals studiert. Man findet zwar, daß die Leute selbst heute die Tatsache ganz richtig registrieren, aber nichts machen können aus den Tatsachen, weil ihnen die Möglichkeit fehlt, sie in Zusammenhang zu bringen mit den großen Gesetzen der wiederholten Erdenleben.
[ 17 ] Die Leute haben angefangen in einzelnen Gegenden, unter mancherlei Zeiteinflüssen nachzudenken, wie man in bezug auf die physische Vererbungslinie, Vererbungsströmung, wie der Materialist sagt, der Natur — er sagt nicht: der göttlichen Vorsehung — nachhelfen könnte; und besonders in der gegenwärtigen Zeit wird das Genie mancher Leute sehr stark hingedrängt, nachzudenken, wie man für Nachwuchs sorgen kann in dieser traurigen Zeit. Aber die Frage, wie man für Nachwuchs sorgen kann, ist identisch für die meisten Leute damit, wie man den Leuten zu möglichst viel Kindern verhelfen kann, das heißt, wie man naturwissenschaftliche Bedingungen herstellen kann, daß eine möglichst reichliche Nachkommenschaft kommt. Derjenige, der die Dinge durchschaut, kann schon voraussehen, was kommen wird. Die Leute werden alle mit den denkbar längsten Nasen abzuziehen haben, die heute ihre naturwissenschaftlichen Theorien auskramen über die möglichst günstigen Bedingungen zukünftiger Nachkommenschaft, denn alle die Leute wollen nichts lernen. Sie brauchten nur anzusehen, wie es sich verhalten hat da, wo schon günstige Bedingungen für Nachkommenschaft vorhanden waren. Denn sehen Sie, es gibt den sehr bekannten Johann Sebastian Bach, der vor jetzt bald zwei Jahrhunderten in Leipzig an der Thomasschule Kantor war und der ja im Kreise seiner zehn musizierenden Söhne recht viel musizierte. Man kann nicht sagen, daß es eine unfruchtbare Familie war. Zehn musizierende Söhne hatte er, also zehn Söhne überhaupt. Aber man kann zurückgehen bis zum Urgroßvater des Johann Sebastian Bach; der hatte Söhne — es waren so vieleSöhne da, daß durch Generationen fast die ganze Familie so fruchtbar war wie diejenige des Johann Sebastian Bach selber. Also in dieser Familie war doch im eminentesten Sinne dasjenige vorhanden, was günstige Bedingungen für die Erlangung von Nachkommen sind. Im Jahre 1850, hundert Jahre nach dem Tode von Johann Sebastian Bach, war die ganze Familie ausgestorben, kein einziger Nachkomme mehr da. Da haben Sie dasjenige, was zu studieren ist. Wenn die Leute also ihre sogenannten günstigen Bedingungen ausgekramt haben werden nach ihrer Art, werden sie nicht verhindern können, daß sie vielleicht einmal auch zehngliedrige Familien haben werden, aber die können nach fünfzig Jahren ausgestorben sein.
[ 17 ] Die Leute haben angefangen in einzelnen Gegenden, unter mancherlei Zeiteinflüssen nachzudenken, wie man in bezug auf die physische Vererbungslinie, Vererbungsströmung, wie der Materialist sagt, der Natur — er sagt nicht: der göttlichen Vorsehung — nachhelfen könnte; und besonders in der gegenwärtigen Zeit wird das Genie mancher Leute sehr stark hingedrängt, nachzudenken, wie man für Nachwuchs sorgen kann in dieser traurigen Zeit. Aber die Frage, wie man für Nachwuchs sorgen kann, ist identisch für die meisten Leute damit, wie man den Leuten zu möglichst viel Kindern verhelfen kann, das heißt, wie man naturwissenschaftliche Bedingungen herstellen kann, daß eine möglichst reichliche Nachkommenschaft kommt. Derjenige, der die Dinge durchschaut, kann schon voraussehen, was kommen wird. Die Leute werden alle mit den denkbar längsten Nasen abzuziehen haben, die heute ihre naturwissenschaftlichen Theorien auskramen über die möglichst günstigen Bedingungen zukünftiger Nachkommenschaft, denn alle die Leute wollen nichts lernen. Sie brauchten nur anzusehen, wie es sich verhalten hat da, wo schon günstige Bedingungen für Nachkommenschaft vorhanden waren. Denn sehen Sie, es gibt den sehr bekannten Johann Sebastian Bach, der vor jetzt bald zwei Jahrhunderten in Leipzig an der Thomasschule Kantor war und der ja im Kreise seiner zehn musizierenden Söhne recht viel musizierte. Man kann nicht sagen, daß es eine unfruchtbare Familie war. Zehn musizierende Söhne hatte er, also zehn Söhne überhaupt. Aber man kann zurückgehen bis zum Urgroßvater des Johann Sebastian Bach; der hatte Söhne — es waren so vieleSöhne da, daß durch Generationen fast die ganze Familie so fruchtbar war wie diejenige des Johann Sebastian Bach selber. Also in dieser Familie war doch im eminentesten Sinne dasjenige vorhanden, was günstige Bedingungen für die Erlangung von Nachkommen sind. Im Jahre 1850, hundert Jahre nach dem Tode von Johann Sebastian Bach, war die ganze Familie ausgestorben, kein einziger Nachkomme mehr da. Da haben Sie dasjenige, was zu studieren ist. Wenn die Leute also ihre sogenannten günstigen Bedingungen ausgekramt haben werden nach ihrer Art, werden sie nicht verhindern können, daß sie vielleicht einmal auch zehngliedrige Familien haben werden, aber die können nach fünfzig Jahren ausgestorben sein.
[ 18 ] Über solche Dinge werden wir noch morgen sprechen: wie sich Bedingungen ergeben, unter denen die Menschheit sich entwickelt, und wie das ganz andere Bedingungen sind als diejenigen, an welchen zunächst unsere, man kann sagen, aller Weisheit bare naturphilosophische Weltanschauung laboriert. Aber diese naturwissenschaftliche Weltanschauung, sie ist einer der Flügel des Materialismus. Und ich habe Ihnen gesprochen davon, wie diejenigen, die mit den Grundgesetzen der okkulten Weltanschauung bekannt sind, wußten, daß gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts 'Tiefstand, oder wie es die Materialisten nennen könnten, Hochstand des materialistischen Denkens, Fühlens und Wollens vorhanden war. Und wir haben vieles mit diesem materialistischen Denken der Gegenwart Zusammenhängende schon kennengelernt, wir werden noch vieles kennenzulernen haben. Aber was man immer wieder finden muß, ist, daß selbst gutmeinende Menschen gar nicht so sehr die Neigung haben, sich bekanntzumachen mit demjenigen, was in den Tiefen und auf den Höhen an materialistischen Impulsen in bezug auf die Anschauung und in bezug auf das Wollen eigentlich herrscht. In dieser Beziehung sind wirklich die Menschen merkwürdig wenig dazu geneigt, sich zu dem zu bequemen, wovon hier öfter gesprochen worden ist: mit offenen Augen die Welt zu sehen. Denn was soll aus der Welt werden, wenn sich die Anschauungen so weiter entwickeln, wie sie sich im Lauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die ganze Erde hin verbreitet haben? Und wir werden in diesen Vorträgen zu sprechen haben über die tiefen inneren Gründe, warum alle diese Sachen so sind in unserer Gegenwart.
[ 18 ] Über solche Dinge werden wir noch morgen sprechen: wie sich Bedingungen ergeben, unter denen die Menschheit sich entwickelt, und wie das ganz andere Bedingungen sind als diejenigen, an welchen zunächst unsere, man kann sagen, aller Weisheit bare naturphilosophische Weltanschauung laboriert. Aber diese naturwissenschaftliche Weltanschauung, sie ist einer der Flügel des Materialismus. Und ich habe Ihnen gesprochen davon, wie diejenigen, die mit den Grundgesetzen der okkulten Weltanschauung bekannt sind, wußten, daß gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts 'Tiefstand, oder wie es die Materialisten nennen könnten, Hochstand des materialistischen Denkens, Fühlens und Wollens vorhanden war. Und wir haben vieles mit diesem materialistischen Denken der Gegenwart Zusammenhängende schon kennengelernt, wir werden noch vieles kennenzulernen haben. Aber was man immer wieder finden muß, ist, daß selbst gutmeinende Menschen gar nicht so sehr die Neigung haben, sich bekanntzumachen mit demjenigen, was in den Tiefen und auf den Höhen an materialistischen Impulsen in bezug auf die Anschauung und in bezug auf das Wollen eigentlich herrscht. In dieser Beziehung sind wirklich die Menschen merkwürdig wenig dazu geneigt, sich zu dem zu bequemen, wovon hier öfter gesprochen worden ist: mit offenen Augen die Welt zu sehen. Denn was soll aus der Welt werden, wenn sich die Anschauungen so weiter entwickeln, wie sie sich im Lauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die ganze Erde hin verbreitet haben? Und wir werden in diesen Vorträgen zu sprechen haben über die tiefen inneren Gründe, warum alle diese Sachen so sind in unserer Gegenwart.
[ 19 ] Aber wir müssen uns einmal recht vor die Seele stellen, wie weit es gekommen ist auf vielen Gebieten. Es ist ja dieses 19. Jahrhundert dasjenige gewesen, in dem man die Anschauung vertrat, daß ein rechter Wissenschafter unmöglich sich zu den kindisch absurden Vorstellungen der alten Religionen bekennen könne. Das, was die alten Religionen bewahrt haben — und wir werden noch davon sprechen, wie sie es bewahrt haben —, faßte man nur als eine Kinderei auf. Als das Zeichen eines aufgeklärten Menschen faßte man es auf, hinaus zu sein über die Annahme eines Seelenwesens, auch hinaus zu sein über die Annahme, daß die Menschen sich besonders unterscheiden von den Tieren. Man suchte nicht nur einen physischen Zusammenhang der Menschen mit den Tieren, sondern man suchte geradezu zu zeigen, daß die Menschen selber nichts anderes seien als Tiere, die sich nur wenig von den anderen Tieren unterscheiden, wie die anderen Tiere auch voneinander. Darauf kommt es den Leuten besonders an, und daraufhin schrieb man nicht nur Naturgeschichte, daraufhin schrieb man auch Psychologien, Seelenkunden. Man braucht nur etwas herauszugreifen, was von tonangebenden Menschen des 19. Jahrhunderts herrührt, und man wird finden, zu welchen Anschauungen es die Menschen eigentlich gebracht haben.
[ 19 ] Aber wir müssen uns einmal recht vor die Seele stellen, wie weit es gekommen ist auf vielen Gebieten. Es ist ja dieses 19. Jahrhundert dasjenige gewesen, in dem man die Anschauung vertrat, daß ein rechter Wissenschafter unmöglich sich zu den kindisch absurden Vorstellungen der alten Religionen bekennen könne. Das, was die alten Religionen bewahrt haben — und wir werden noch davon sprechen, wie sie es bewahrt haben —, faßte man nur als eine Kinderei auf. Als das Zeichen eines aufgeklärten Menschen faßte man es auf, hinaus zu sein über die Annahme eines Seelenwesens, auch hinaus zu sein über die Annahme, daß die Menschen sich besonders unterscheiden von den Tieren. Man suchte nicht nur einen physischen Zusammenhang der Menschen mit den Tieren, sondern man suchte geradezu zu zeigen, daß die Menschen selber nichts anderes seien als Tiere, die sich nur wenig von den anderen Tieren unterscheiden, wie die anderen Tiere auch voneinander. Darauf kommt es den Leuten besonders an, und daraufhin schrieb man nicht nur Naturgeschichte, daraufhin schrieb man auch Psychologien, Seelenkunden. Man braucht nur etwas herauszugreifen, was von tonangebenden Menschen des 19. Jahrhunderts herrührt, und man wird finden, zu welchen Anschauungen es die Menschen eigentlich gebracht haben.
[ 20 ] Da habe ich ein Buch vor mir; es ist gewissermaßen ein Buch, welches tief einschneidende Anschauungen des 19. Jahrhunderts repräsentiert. Es handelt nämlich über die Seele, und zwar über die Seele des Menschen. In dem Buch wird möglichst nachzuweisen versucht, daß diese Seele des Menschen etwas ist, wovon nur die dummen Leute der früheren Zeit gesprochen haben und heute noch sprechen. Das Buch ist 1865 geschrieben, aber diese Ansichten haben sich ja fortgepflanzt, und wenn auch heute einige sagen, man wäre darüber hinaus: man ist nicht darüber hinaus, sondern gerade im Gefühls- und allgemeinen Kulturleben ist man noch tief drinnen. Es handelt über die menschliche Seele, aber es wird vorzugsweise Wert darauf gelegt, zu zeigen, daß die Tierseele dieselbe ist wie die Menschenseele. Namentlich findet sich da auf Seite 185 eine niedliche Definition der Frauen und Männer. DieFrauen, sagt der Betreffende, stellen durch ihre eigentümlichen Eigenschaften mehr die Tendenz zum Spiritualismus dar, die Männer mehr die Tendenz zum Materialismus. Es ist also der Spiritualismus, wie da dargestellt wird, eine Schwäche der Frauen! Dann findet er, daß noch gewisse hirnverbrannte Psychologen von einem Ich reden, von einem Ich als den Menschen unterscheidend von den Tieren. Aber er sagt in niedlicher Weise: Die Katze zum Beispiel zeigt, daß sie auch Ich sagt. Sie hat ein ebensolches Bewußtsein von dem Ich — wie er sich ausdrückt —, wie unsere vagen und übersinnlichen Psychologen, denn das Ich-Bewußtsein der Katze unterscheidet sich gar nicht von dem IchBewußtsein der Menschen. — Und dann kommt eine Stelle, die zitiert wird aus einem anderen Buche, womit der Verfasser aber vollständig übereinstimmt. Diese Stelle lese ich Ihnen vor und bitte Sie, dabei zu entschuldigen, daß die Sprache in ihrer Ganzheit nicht ganz salonfähig ist. Aber es ist nicht meine Schuld, es ist die Schuld der Philosophie, die sich unter solchem Einflusse ausgebildet hat, und es ist durchaus die Philosophie, welche lebendige Impulse in die Zukunft hinüberschicken will, die Philosophie, welche behauptet, heute einzig und allein die eines Menschen würdige zu sein. Da wird gesagt: «Les théologastres et les métaphysicuistres de notre époque prétendent aussi que l’homme est le seul animal religieux; c’est on ne peut plus faux, et cette erreur est toute pareille à celle de ces voyageurs qui concluent de l’absence de culte organisé à l’absence de religion chez certaines peuplades sauvages; dans une grande partie de la série animale, même parmi les mollusques, on trouve des indices de fétichisme et d’astrolâtrie.» Also bei den Mollusken und bei den anderen Tieren findet man Indizien für Fetischismus und für Sternendienst. «Les plus rapprochés de l’homme se livrent à un véritable polythéisme anthropolâtrique. Notre chien domestique aboie à la lune et hurle d’une manière toute particulière au bord de la mer, et on le voit en mainte occasion faire usage de la seule eau lustrale qui soit à sa disposition et accomplir des rites plus ou moins obscurs. Qui pourrait prouver qu’il n’y a jamais eu de grand prêtre parmi les chiens? Qu’est-ce qui aurait pu dégrader ce pauvre animal au point de lui faire lécher la main qui le frappe, si ce n’étaient des idées religieuses et superstitieuses? Comment expliquer, sans une anthropolâtrie profonde, la soumission volontaire de tant d’animaux plus forts et plus agiles que l’homme? A la vérité, on nous dira que fort souvent l’animal croque son dieu; mais, primns in orbe deos fecit timor .... Et d’ailleurs, les sectateurs de plusieurs religions mangent bien le leur!»
[ 20 ] Da habe ich ein Buch vor mir; es ist gewissermaßen ein Buch, welches tief einschneidende Anschauungen des 19. Jahrhunderts repräsentiert. Es handelt nämlich über die Seele, und zwar über die Seele des Menschen. In dem Buch wird möglichst nachzuweisen versucht, daß diese Seele des Menschen etwas ist, wovon nur die dummen Leute der früheren Zeit gesprochen haben und heute noch sprechen. Das Buch ist 1865 geschrieben, aber diese Ansichten haben sich ja fortgepflanzt, und wenn auch heute einige sagen, man wäre darüber hinaus: man ist nicht darüber hinaus, sondern gerade im Gefühls- und allgemeinen Kulturleben ist man noch tief drinnen. Es handelt über die menschliche Seele, aber es wird vorzugsweise Wert darauf gelegt, zu zeigen, daß die Tierseele dieselbe ist wie die Menschenseele. Namentlich findet sich da auf Seite 185 eine niedliche Definition der Frauen und Männer. DieFrauen, sagt der Betreffende, stellen durch ihre eigentümlichen Eigenschaften mehr die Tendenz zum Spiritualismus dar, die Männer mehr die Tendenz zum Materialismus. Es ist also der Spiritualismus, wie da dargestellt wird, eine Schwäche der Frauen! Dann findet er, daß noch gewisse hirnverbrannte Psychologen von einem Ich reden, von einem Ich als den Menschen unterscheidend von den Tieren. Aber er sagt in niedlicher Weise: Die Katze zum Beispiel zeigt, daß sie auch Ich sagt. Sie hat ein ebensolches Bewußtsein von dem Ich — wie er sich ausdrückt —, wie unsere vagen und übersinnlichen Psychologen, denn das Ich-Bewußtsein der Katze unterscheidet sich gar nicht von dem IchBewußtsein der Menschen. — Und dann kommt eine Stelle, die zitiert wird aus einem anderen Buche, womit der Verfasser aber vollständig übereinstimmt. Diese Stelle lese ich Ihnen vor und bitte Sie, dabei zu entschuldigen, daß die Sprache in ihrer Ganzheit nicht ganz salonfähig ist. Aber es ist nicht meine Schuld, es ist die Schuld der Philosophie, die sich unter solchem Einflusse ausgebildet hat, und es ist durchaus die Philosophie, welche lebendige Impulse in die Zukunft hinüberschicken will, die Philosophie, welche behauptet, heute einzig und allein die eines Menschen würdige zu sein. Da wird gesagt: «Les théologastres et les métaphysicuistres de notre époque prétendent aussi que l’homme est le seul animal religieux; c’est on ne peut plus faux, et cette erreur est toute pareille à celle de ces voyageurs qui concluent de l’absence de culte organisé à l’absence de religion chez certaines peuplades sauvages; dans une grande partie de la série animale, même parmi les mollusques, on trouve des indices de fétichisme et d’astrolâtrie.» Also bei den Mollusken und bei den anderen Tieren findet man Indizien für Fetischismus und für Sternendienst. «Les plus rapprochés de l’homme se livrent à un véritable polythéisme anthropolâtrique. Notre chien domestique aboie à la lune et hurle d’une manière toute particulière au bord de la mer, et on le voit en mainte occasion faire usage de la seule eau lustrale qui soit à sa disposition et accomplir des rites plus ou moins obscurs. Qui pourrait prouver qu’il n’y a jamais eu de grand prêtre parmi les chiens? Qu’est-ce qui aurait pu dégrader ce pauvre animal au point de lui faire lécher la main qui le frappe, si ce n’étaient des idées religieuses et superstitieuses? Comment expliquer, sans une anthropolâtrie profonde, la soumission volontaire de tant d’animaux plus forts et plus agiles que l’homme? A la vérité, on nous dira que fort souvent l’animal croque son dieu; mais, primns in orbe deos fecit timor .... Et d’ailleurs, les sectateurs de plusieurs religions mangent bien le leur!»
[ 21 ] «Die Theologaster und Metaphysisten unserer Epoche behaupten auch, daß der Mensch das einzig religiöse Tier sei. Das ist das Falscheste, was man behaupten kann, und dieser Irrtum ist ganz ähnlich demjenigen mancher Reisenden, welche aus der Abwesenheit eines organisierten Kultes schließen auf die Abwesenheit der Religion bei gewissen wilden Völkerschaften. Bei einer großen Partie der Tiere, selbst unter den Mollusken, findet man Indizien von Fetischismus und Sternenanbeterei. Die dem Menschen am nächsten stehenden Tiere bekennen sich zu einem wahren Polytheismus der Menschenverehrung. Unser Haushund bellt den Mond an und heult in einer besonderen Weise am Ufer des Meeres, und man sieht ihn, wenn er Gelegenheit dazu hat, von dem einzigen Reinigungswasser Gebrauch machen, das zu seiner Disposition da ist, und Riten erfüllen, welche mehr oder weniger obskur sind. Wer kann beweisen, daß es niemals einen Hohenpriester unter den Hunden geben könne? Heißt es nicht dieses arme Tier degradieren, wenn man von ihm die Hand lecken läßt, die es schlägt? Sind das nicht religiöse und übersinnliche Ideen? Wie kann man erklären ohne Annahme einer profunden Anthropolatrie — also einer profunden Menschenanbetung — die freiwillige Unterwerfung so vieler Tiere, die viel stärker und beweglicher sind als die Menschen? In Wahrheit, man sagt uns oftmals, das Tier fresse seinen Gott auf» — den Menschen nämlich. «Aber — jetzt zitiert er: «Die Furcht machte den ersten Gott der Erde; ... und überdies, gibt es nicht auch Sektierer in den verschiedenen Religionen, welche ihren Gott auffressen ?»
[ 21 ] «Die Theologaster und Metaphysisten unserer Epoche behaupten auch, daß der Mensch das einzig religiöse Tier sei. Das ist das Falscheste, was man behaupten kann, und dieser Irrtum ist ganz ähnlich demjenigen mancher Reisenden, welche aus der Abwesenheit eines organisierten Kultes schließen auf die Abwesenheit der Religion bei gewissen wilden Völkerschaften. Bei einer großen Partie der Tiere, selbst unter den Mollusken, findet man Indizien von Fetischismus und Sternenanbeterei. Die dem Menschen am nächsten stehenden Tiere bekennen sich zu einem wahren Polytheismus der Menschenverehrung. Unser Haushund bellt den Mond an und heult in einer besonderen Weise am Ufer des Meeres, und man sieht ihn, wenn er Gelegenheit dazu hat, von dem einzigen Reinigungswasser Gebrauch machen, das zu seiner Disposition da ist, und Riten erfüllen, welche mehr oder weniger obskur sind. Wer kann beweisen, daß es niemals einen Hohenpriester unter den Hunden geben könne? Heißt es nicht dieses arme Tier degradieren, wenn man von ihm die Hand lecken läßt, die es schlägt? Sind das nicht religiöse und übersinnliche Ideen? Wie kann man erklären ohne Annahme einer profunden Anthropolatrie — also einer profunden Menschenanbetung — die freiwillige Unterwerfung so vieler Tiere, die viel stärker und beweglicher sind als die Menschen? In Wahrheit, man sagt uns oftmals, das Tier fresse seinen Gott auf» — den Menschen nämlich. «Aber — jetzt zitiert er: «Die Furcht machte den ersten Gott der Erde; ... und überdies, gibt es nicht auch Sektierer in den verschiedenen Religionen, welche ihren Gott auffressen ?»
[ 22 ] Dieses Buch, in dem dieser Anschauung zugestimmt wird, heißt: «Matérialisme et Spiritualisme» und ist von Leblais; aber eine Vorrede dazu hat einer geschrieben, welcher eine ganze Reihe von Schriften geschrieben hat, welcher 1871 in die Nationalversammlung berufen worden ist, in demselben Jahre berufen worden ist zum Mitglied der Académie; derselbe Littré, der wirklich als ein in der ganzen Welt bekannter Mann berufen worden ist, hat die Vorrede zu diesem Buch geschrieben. Dieses Buch handelt über die menschliche Seele, und es spricht nur in einer dezidierteren Weise dasjenige aus, was ja im Grunde genommen durch zahlreiche Seelen heute pulsiert. Und es liegt nur daran, daß man so wenig geneigt ist, das Leben zu beobachten, wenn man nicht sieht, um was es sich dabei in der Menschheitsentwickelung zum Leid und Schmerz desjenigen, der die Dinge durchschaut, handelt.
[ 22 ] Dieses Buch, in dem dieser Anschauung zugestimmt wird, heißt: «Matérialisme et Spiritualisme» und ist von Leblais; aber eine Vorrede dazu hat einer geschrieben, welcher eine ganze Reihe von Schriften geschrieben hat, welcher 1871 in die Nationalversammlung berufen worden ist, in demselben Jahre berufen worden ist zum Mitglied der Académie; derselbe Littré, der wirklich als ein in der ganzen Welt bekannter Mann berufen worden ist, hat die Vorrede zu diesem Buch geschrieben. Dieses Buch handelt über die menschliche Seele, und es spricht nur in einer dezidierteren Weise dasjenige aus, was ja im Grunde genommen durch zahlreiche Seelen heute pulsiert. Und es liegt nur daran, daß man so wenig geneigt ist, das Leben zu beobachten, wenn man nicht sieht, um was es sich dabei in der Menschheitsentwickelung zum Leid und Schmerz desjenigen, der die Dinge durchschaut, handelt.
[ 23 ] Ich wollte Ihnen ein keineswegs vereinzeltes Beispiel hinstellen von dem Vorhandensein materialistischer Anschauungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 23 ] Ich wollte Ihnen ein keineswegs vereinzeltes Beispiel hinstellen von dem Vorhandensein materialistischer Anschauungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 24 ] Und nun fragen wir: Bleiben solche Anschauungen ohne Bedeutung für das äußere Leben? Dringen sie nicht nach und nach in das äußere Leben ein? Gestalten sie, formen sie nicht das äußere Leben? — Gerade gestern ist mir ein Buch des jungen Schweizers Albert Steffen geschickt worden, in dem gewissermaßen verschiedene Strömungen, die der Verfasser bemerken konnte in unserer Zeit — bemerken konnte, weil er in einer gewissen Weise durchdrungen ist von jenen Impulsen, die in der Geisteswissenschaft spielen, er ist ja auch unser Mitglied —, geschildert sind, wo der junge Steffen ein wenig schildert, was ein Mensch erleben kann, der die Wirkungen des Materialismus in der sozialen Weltgestaltung auf sich wirken läßt.
[ 24 ] Und nun fragen wir: Bleiben solche Anschauungen ohne Bedeutung für das äußere Leben? Dringen sie nicht nach und nach in das äußere Leben ein? Gestalten sie, formen sie nicht das äußere Leben? — Gerade gestern ist mir ein Buch des jungen Schweizers Albert Steffen geschickt worden, in dem gewissermaßen verschiedene Strömungen, die der Verfasser bemerken konnte in unserer Zeit — bemerken konnte, weil er in einer gewissen Weise durchdrungen ist von jenen Impulsen, die in der Geisteswissenschaft spielen, er ist ja auch unser Mitglied —, geschildert sind, wo der junge Steffen ein wenig schildert, was ein Mensch erleben kann, der die Wirkungen des Materialismus in der sozialen Weltgestaltung auf sich wirken läßt.
[ 25 ] Da ist eine Figur in diesem Roman, der da heißt: «Der rechte Liebhaber des Schicksals», Artur mit Namen. Er schreibt ein Stückchen aus seiner Lebensgeschichte zu einem bestimmten Ziele auf. Es ist allerdings ein Romanabschnitt, aber dieser Romanabschnitt schildert sehr vieles von dem, was heute im Leben pulsiert. Also der betreffende Artur schildert ein Stückchen aus seinem Leben, aus jenem Leben, das eben verlaufen ist da, wo der Materialismus die Menschheit ergreift und das Soziale gestaltet:
[ 25 ] Da ist eine Figur in diesem Roman, der da heißt: «Der rechte Liebhaber des Schicksals», Artur mit Namen. Er schreibt ein Stückchen aus seiner Lebensgeschichte zu einem bestimmten Ziele auf. Es ist allerdings ein Romanabschnitt, aber dieser Romanabschnitt schildert sehr vieles von dem, was heute im Leben pulsiert. Also der betreffende Artur schildert ein Stückchen aus seinem Leben, aus jenem Leben, das eben verlaufen ist da, wo der Materialismus die Menschheit ergreift und das Soziale gestaltet:
[ 26 ] «Mit 21 Jahren kam ich zum ersten Male in eine Großstadt (nicht in diese, worin ich jetzt wohne), um hier mein Studium zu beginnen.
[ 26 ] «Mit 21 Jahren kam ich zum ersten Male in eine Großstadt (nicht in diese, worin ich jetzt wohne), um hier mein Studium zu beginnen.
[ 27 ] Ich sah mir noch am gleichen Tag die Straßen an. Es regnete. Alles war trüb und schmutzig. Die Menschen hatten einer wie der andere denselben gleichgültig-hastigen Gang. Ich fühlte mich sofort von einer inneren Öde befallen. Bei einer Plakatwand stand ich still, zu sehen, wo ich den Abend zubringen könnte. Ich las einen Anschlag, der eine Versammlung gegen den Alkohol zusammenrief. Ein Mann mit Pinsel und Leimkessel kam und klebte eine Flaschenbiermarke darüber.» So richtig das Zeichen unserer Zeit! — ein Plakat für den Antialkoholismus, und darüber geklebt eine Flaschenbiermarke.
[ 27 ] Ich sah mir noch am gleichen Tag die Straßen an. Es regnete. Alles war trüb und schmutzig. Die Menschen hatten einer wie der andere denselben gleichgültig-hastigen Gang. Ich fühlte mich sofort von einer inneren Öde befallen. Bei einer Plakatwand stand ich still, zu sehen, wo ich den Abend zubringen könnte. Ich las einen Anschlag, der eine Versammlung gegen den Alkohol zusammenrief. Ein Mann mit Pinsel und Leimkessel kam und klebte eine Flaschenbiermarke darüber.» So richtig das Zeichen unserer Zeit! — ein Plakat für den Antialkoholismus, und darüber geklebt eine Flaschenbiermarke.
[ 28 ] «Da wurde mir auf einmal die Bedeutung der Stimmung bewußt, die sich meiner bemächtigt hatte, seit ich mich in dieser Stadt befand: Es war töricht, die Menschen bessern zu wollen.
[ 28 ] «Da wurde mir auf einmal die Bedeutung der Stimmung bewußt, die sich meiner bemächtigt hatte, seit ich mich in dieser Stadt befand: Es war töricht, die Menschen bessern zu wollen.
[ 29 ] Invalide standen links und rechts der Straße. Doch niemand hatte Zeit, über das Unglück nachzudenken. Frauen gingen vorüber und boten sich an. Und niemand zeigte Mitleid noch Empörung. Es schien mir plötzlich fast wunderlich, daß die Krämer nicht vor ihre Läden traten, alles zerschlugen und schrien: Was liegt daran? Aber dann begriff ich, daß die Menschen nur deshalb nicht verzweifelten, weil sie schon zu gewöhnlich, zu gerieben, zu diebisch dazu waren. Sie kannten sich schon viel zu gut in dieser Gasse aus.
[ 29 ] Invalide standen links und rechts der Straße. Doch niemand hatte Zeit, über das Unglück nachzudenken. Frauen gingen vorüber und boten sich an. Und niemand zeigte Mitleid noch Empörung. Es schien mir plötzlich fast wunderlich, daß die Krämer nicht vor ihre Läden traten, alles zerschlugen und schrien: Was liegt daran? Aber dann begriff ich, daß die Menschen nur deshalb nicht verzweifelten, weil sie schon zu gewöhnlich, zu gerieben, zu diebisch dazu waren. Sie kannten sich schon viel zu gut in dieser Gasse aus.
[ 30 ] Und verzweifelte denn ich? — Ich muß gestehen, daß ich die Stimmung dieser Gasse gierig in mich sog. Ich nahm mit schaudernder’Todeswollust die Gewißheit in mich auf, daß alles dem Untergange zugeht. Die Menschen, die mir begegneten, trugen die deutlichen Zeichen der Degeneration. Die Häuser strömten Verwesung aus. Sogar der graue Himmel schien in seinen Wolken etwas Schweres, Unausweichliches herabzusenken.
[ 30 ] Und verzweifelte denn ich? — Ich muß gestehen, daß ich die Stimmung dieser Gasse gierig in mich sog. Ich nahm mit schaudernder’Todeswollust die Gewißheit in mich auf, daß alles dem Untergange zugeht. Die Menschen, die mir begegneten, trugen die deutlichen Zeichen der Degeneration. Die Häuser strömten Verwesung aus. Sogar der graue Himmel schien in seinen Wolken etwas Schweres, Unausweichliches herabzusenken.
[ 31 ] Dieses Gefühl wurde immer mächtiger in mir. In diesem Seelenzustande suchte ich fast unbewußt stets dunklere Gassen auf. Ich geriet in Höfe mit allerlei Unrat. Ich spähte zu Fenstern hinein und sah schreckliche Verbrechen. Ich las die Zettel, die mir Betrüger und Kupplerinnen in die Hände drückten. Zuletzt stieg ich auf einen jener Kraftwagen, die mit wuchtiger Gewalt durch die Straßen sausen. Ich schloß die Augen. Das Gedonner durchrüttelte mich wie der Hymnus des Todes selbst.
[ 31 ] Dieses Gefühl wurde immer mächtiger in mir. In diesem Seelenzustande suchte ich fast unbewußt stets dunklere Gassen auf. Ich geriet in Höfe mit allerlei Unrat. Ich spähte zu Fenstern hinein und sah schreckliche Verbrechen. Ich las die Zettel, die mir Betrüger und Kupplerinnen in die Hände drückten. Zuletzt stieg ich auf einen jener Kraftwagen, die mit wuchtiger Gewalt durch die Straßen sausen. Ich schloß die Augen. Das Gedonner durchrüttelte mich wie der Hymnus des Todes selbst.
[ 32 ] Plötzlich stand das Fahrzeug still. Ich beugte mich hinunter und hörte ein paar Worte von gleichgültigem Klang. Ein Kind, das über die Straße gelaufen und vom Rad erfaßt worden war, wurde tot davongetragen. Die Fahrt ging weiter.
[ 32 ] Plötzlich stand das Fahrzeug still. Ich beugte mich hinunter und hörte ein paar Worte von gleichgültigem Klang. Ein Kind, das über die Straße gelaufen und vom Rad erfaßt worden war, wurde tot davongetragen. Die Fahrt ging weiter.
[ 33 ] Von diesem Augenblicke an war etwas in mir gelähmt. Ich konnte nun das Entsetzlichste vernehmen, was in dieser Stadt geschah, es schreckte, empörte und ekelte mich nicht mehr. Es schien mir ganz selbstverständlich.
[ 33 ] Von diesem Augenblicke an war etwas in mir gelähmt. Ich konnte nun das Entsetzlichste vernehmen, was in dieser Stadt geschah, es schreckte, empörte und ekelte mich nicht mehr. Es schien mir ganz selbstverständlich.
[ 34 ] Mehr: ich mußte über jeden lachen, der es ändern wollte.
[ 34 ] Mehr: ich mußte über jeden lachen, der es ändern wollte.
[ 35 ] Konnte man sich anders in diesem Fieber von Hunger, Durst und Begierden bewegen?
[ 35 ] Konnte man sich anders in diesem Fieber von Hunger, Durst und Begierden bewegen?
[ 36 ] Mein Vater stammt aus einer Pastorenfamilie. Er studierte Naturwissenschaft und nahm die Resultate derselben mit großer Begeisterung auf. Sie machte ihn klar, genau, weitherzig und im wahrsten Sinne des Wortes: human. Er setzte seine ganze Kraft auf die Erforschung der sinnlichen Welt. Die übersinnliche kümmerte ihn nicht. Wenigstens vernahm ich nichts von ihr durch ihn.
[ 36 ] Mein Vater stammt aus einer Pastorenfamilie. Er studierte Naturwissenschaft und nahm die Resultate derselben mit großer Begeisterung auf. Sie machte ihn klar, genau, weitherzig und im wahrsten Sinne des Wortes: human. Er setzte seine ganze Kraft auf die Erforschung der sinnlichen Welt. Die übersinnliche kümmerte ihn nicht. Wenigstens vernahm ich nichts von ihr durch ihn.
[ 37 ] Ich eignete mir in der Knabenzeit seine Weltanschauung an, ohne zu prüfen, ob ihre Lehren nicht einseitig sein könnten, wie eben ein bewunderndes Kind die Wahrheit vom Vater empfängt. Aber ich besaß noch nicht seine durch das Leben erworbene Charakterfestigkeit und nicht mehr die von den Ahnen ererbte, wenn auch von ihm geleugnete, doch trotzdem in seinem Wesen vorhandene Religiosität. Ich hatte nicht an einem solchen Vorrat zu zehren. Es waren mir in der Jugend keine frommen Gebräuche gelehrt worden, die meine Seele bereichert und vertieft hätten und in mir weiter wirken konnten.»
[ 37 ] Ich eignete mir in der Knabenzeit seine Weltanschauung an, ohne zu prüfen, ob ihre Lehren nicht einseitig sein könnten, wie eben ein bewunderndes Kind die Wahrheit vom Vater empfängt. Aber ich besaß noch nicht seine durch das Leben erworbene Charakterfestigkeit und nicht mehr die von den Ahnen ererbte, wenn auch von ihm geleugnete, doch trotzdem in seinem Wesen vorhandene Religiosität. Ich hatte nicht an einem solchen Vorrat zu zehren. Es waren mir in der Jugend keine frommen Gebräuche gelehrt worden, die meine Seele bereichert und vertieft hätten und in mir weiter wirken konnten.»
[ 38 ] Und nun erinnern Sie sich, wie ich oftmals gesagt habe — seit Jahren habe ich das ausgeführt: Die erste Generation wird mit dem Materialismus noch leben können, weil sie unter dem geistigen Eindruck von den Vorfahren her steht; aber die folgende Generation würde unter dem Materialismus degenerieren, verkommen. — Es ist erfreulich — wenn so etwas überhaupt erfreulich sein kann —, daß das nun auch in die belletristische Literatur übergeht.
[ 38 ] Und nun erinnern Sie sich, wie ich oftmals gesagt habe — seit Jahren habe ich das ausgeführt: Die erste Generation wird mit dem Materialismus noch leben können, weil sie unter dem geistigen Eindruck von den Vorfahren her steht; aber die folgende Generation würde unter dem Materialismus degenerieren, verkommen. — Es ist erfreulich — wenn so etwas überhaupt erfreulich sein kann —, daß das nun auch in die belletristische Literatur übergeht.
[ 39 ] «Deshalb vielleicht» — so sagt er nun weiter — «war die Wirkung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf mich eine andere als auf den Vater. Jenes innere Erbe hinderte diesen, auf das Leben zu übertragen, was er sich als Wissen erworben hatte. Bei mir war es anders. Bei mir vermochte dieser eine Tag das ganze Wollen sozusagen umzudrehen.
[ 39 ] «Deshalb vielleicht» — so sagt er nun weiter — «war die Wirkung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf mich eine andere als auf den Vater. Jenes innere Erbe hinderte diesen, auf das Leben zu übertragen, was er sich als Wissen erworben hatte. Bei mir war es anders. Bei mir vermochte dieser eine Tag das ganze Wollen sozusagen umzudrehen.
[ 40 ] Dem Vater bereitete es, wie er sagte, eine intellektuelle Befriedigung, wenn er bedachte, daß der Mensch nach dem Tode sich auflöst und nicht mehr existiert. In mir rief diese Gewißheit, denn eine solche schien es, eine Art ekstatischen Selbstvernichtungstrieb und als Folge davon Herzlosigkeit und Verbrechergelüste hervor.
[ 40 ] Dem Vater bereitete es, wie er sagte, eine intellektuelle Befriedigung, wenn er bedachte, daß der Mensch nach dem Tode sich auflöst und nicht mehr existiert. In mir rief diese Gewißheit, denn eine solche schien es, eine Art ekstatischen Selbstvernichtungstrieb und als Folge davon Herzlosigkeit und Verbrechergelüste hervor.
[ 41 ] Ich war an jenem Abend leer, gefühllos und grausam geworden und sagte nicht nein zu diesen Eigenschaften.»
[ 41 ] Ich war an jenem Abend leer, gefühllos und grausam geworden und sagte nicht nein zu diesen Eigenschaften.»
[ 42 ] Ich habe Ihnen neulich gezeigt, daß selbst in den Begriffen die moderne Menschheit grausam ist. Nun lesen wir hier:
[ 42 ] Ich habe Ihnen neulich gezeigt, daß selbst in den Begriffen die moderne Menschheit grausam ist. Nun lesen wir hier:
[ 43 ] «Ich war an jenem Abend leer, gefühllos und grausam geworden und sagte nicht nein zu diesen Eigenschaften. Ich lebte in der folgenden Zeit ganz skrupellos. Und gerade deshalb, weil das, was ich tat, nicht einem Trieb entsprang, den ich nicht bemeistern konnte, sondern einer gewissen Konsequenz und Stärke meines Wollens, wirkte mein Beispiel doppelt verderblich. Ich wußte dies. Ich war rein böse.»
[ 43 ] «Ich war an jenem Abend leer, gefühllos und grausam geworden und sagte nicht nein zu diesen Eigenschaften. Ich lebte in der folgenden Zeit ganz skrupellos. Und gerade deshalb, weil das, was ich tat, nicht einem Trieb entsprang, den ich nicht bemeistern konnte, sondern einer gewissen Konsequenz und Stärke meines Wollens, wirkte mein Beispiel doppelt verderblich. Ich wußte dies. Ich war rein böse.»
[ 44 ] Nun erzählt er, wie er in böse Gesellschaft gekommen, einen anderen Menschen in böse Gesellschaft führt und so weiter. Das können Sie ja selber nachlesen. Nur noch ein anderes kleines Stückchen ist es, worauf ich aufmerksam machen möchte, weil es bezeichnend ist. Da ist eine Anzahl von Bekannten des Artur beisammen, durchaus Leute, die «aller Ehren wert» sind, die sogar in ihren Kreisen sehr Gutes wollen. Aber Artur muß sich einmal wegschleichen und sitzt dann an einem leeren Tisch allein da.
[ 44 ] Nun erzählt er, wie er in böse Gesellschaft gekommen, einen anderen Menschen in böse Gesellschaft führt und so weiter. Das können Sie ja selber nachlesen. Nur noch ein anderes kleines Stückchen ist es, worauf ich aufmerksam machen möchte, weil es bezeichnend ist. Da ist eine Anzahl von Bekannten des Artur beisammen, durchaus Leute, die «aller Ehren wert» sind, die sogar in ihren Kreisen sehr Gutes wollen. Aber Artur muß sich einmal wegschleichen und sitzt dann an einem leeren Tisch allein da.
[ 45 ] «Kurz darauf setzte sich ein Herr ihm gegenüber, dessen Gesicht ihn frappierte, weil es erstaunliche Ähnlichkeit mit seinem eigenen hatte. Es war bleich, mager, glatt rasiert, nur etwas hexenhafter geschnitten.
[ 45 ] «Kurz darauf setzte sich ein Herr ihm gegenüber, dessen Gesicht ihn frappierte, weil es erstaunliche Ähnlichkeit mit seinem eigenen hatte. Es war bleich, mager, glatt rasiert, nur etwas hexenhafter geschnitten.
[ 46 ] Ein Hausierer kam, setzte seinen Kneifer auf, spreizte mit Taschenspielerschnelligkeit ein Bündel Ansichtskarten auseinander, erst vor Artur, dann vor dem Fremden, wobei er nicht auf die Karten, sondern in das Gesicht dessen schaute, dem er sie vor die Nase hielt, als sähe er dort seine Chancen. Artur wandte sich voll Ekel ab. Der Fremde aber musterte sie eingehend durch und wählte etwa zehn, die er zusammenschob und zerriß. «Man sollte diesen Menschen nichts zu verdienen geben», sagte er hierauf zu Artur. «Gewiß wird er die Karten, die ich kaufte, in doppelter Auflage bestellen. Es waren die abscheulichsten. Aber ich sah so viele anständige Arbeiterpärchen hier, daß ich Angst bekam, er würde sie diesen zeigen.»
[ 46 ] Ein Hausierer kam, setzte seinen Kneifer auf, spreizte mit Taschenspielerschnelligkeit ein Bündel Ansichtskarten auseinander, erst vor Artur, dann vor dem Fremden, wobei er nicht auf die Karten, sondern in das Gesicht dessen schaute, dem er sie vor die Nase hielt, als sähe er dort seine Chancen. Artur wandte sich voll Ekel ab. Der Fremde aber musterte sie eingehend durch und wählte etwa zehn, die er zusammenschob und zerriß. «Man sollte diesen Menschen nichts zu verdienen geben», sagte er hierauf zu Artur. «Gewiß wird er die Karten, die ich kaufte, in doppelter Auflage bestellen. Es waren die abscheulichsten. Aber ich sah so viele anständige Arbeiterpärchen hier, daß ich Angst bekam, er würde sie diesen zeigen.»
[ 47 ] Wie kann man solche Bilder anschauen›, sagte Artur.
[ 47 ] Wie kann man solche Bilder anschauen›, sagte Artur.
[ 48 ] ‹Geben Sie sich einen Augenblick, ohne sich zu wehren, dem Dunste hin, der hier herrscht, und Sie werden sehen, daß sich in Ihrer Seele Gestalten bilden, die sich gerade so unschön bewegen, wie die auf den Postkarten. Was sind unsere Vergnügungsorte heutzutage anderes als Höllen? Man braucht nur seine Gefühle zu prüfen, wenn man fortgeht, Rauch, Dunst, Metzen. Man nimmt nichts Edles mit.›
[ 48 ] ‹Geben Sie sich einen Augenblick, ohne sich zu wehren, dem Dunste hin, der hier herrscht, und Sie werden sehen, daß sich in Ihrer Seele Gestalten bilden, die sich gerade so unschön bewegen, wie die auf den Postkarten. Was sind unsere Vergnügungsorte heutzutage anderes als Höllen? Man braucht nur seine Gefühle zu prüfen, wenn man fortgeht, Rauch, Dunst, Metzen. Man nimmt nichts Edles mit.›
[ 49 ] ‹Warum sind Sie denn an diesem «gefährlichen Orte»?› fragte Artur.
[ 49 ] ‹Warum sind Sie denn an diesem «gefährlichen Orte»?› fragte Artur.
[ 50 ] ‹Weil ich es für eine Notwendigkeit halte, daß jemand hier ist, der sich ekelt. Der Gedanke von der Notwendigkeit des Ekels für unsere Zeit kam mir vor einigen Tagen in der griechischen Vasensammlung. Die Griechen hatten den Ekel nicht notwendig, um zur Schönheit zu gelangen. Sie lebten von vornherein in ihr. Wir aber brauchen ihn, wenn wir voll im Leben stehen wollen, um die Welt richtig zu werten, um zum Geist in uns zu kommen, um den Gott in uns zu schützen. Bei den Griechen war es anders: Wenn sie sich dem Leben hingaben, so erfüllten sie zugleich die Gesetze des Geistes. Man hatte nicht nötig, sich beständig zu wehren und zu wappnen. Das Menschenwerk ringsum machte schön: die Gebäude, die Kunst, die Sitten, die Geräte bis ins Kleinste. Wir aber werden häßlich durch alles, was uns umgibt: Straßen, Plakate, Kinematographen, Operettenmusik, alles verödet uns, alles zerstört.›...»
[ 50 ] ‹Weil ich es für eine Notwendigkeit halte, daß jemand hier ist, der sich ekelt. Der Gedanke von der Notwendigkeit des Ekels für unsere Zeit kam mir vor einigen Tagen in der griechischen Vasensammlung. Die Griechen hatten den Ekel nicht notwendig, um zur Schönheit zu gelangen. Sie lebten von vornherein in ihr. Wir aber brauchen ihn, wenn wir voll im Leben stehen wollen, um die Welt richtig zu werten, um zum Geist in uns zu kommen, um den Gott in uns zu schützen. Bei den Griechen war es anders: Wenn sie sich dem Leben hingaben, so erfüllten sie zugleich die Gesetze des Geistes. Man hatte nicht nötig, sich beständig zu wehren und zu wappnen. Das Menschenwerk ringsum machte schön: die Gebäude, die Kunst, die Sitten, die Geräte bis ins Kleinste. Wir aber werden häßlich durch alles, was uns umgibt: Straßen, Plakate, Kinematographen, Operettenmusik, alles verödet uns, alles zerstört.›...»
[ 51 ] Man muß studieren: Wie strömt dasjenige, was zuerst in der Gedankenwelt lebt, in der Empfindungswelt lebt, in die soziale Welt hinein? Und es ist nicht gut, wenn wir das Leben verschlafen, wenn wir nicht wissen, was eigentlich auf dem Grund dieses Lebens gespielt hat, bevor es zu den äußersten Konsequenzen gekommen ist. Denn schließlich schildert ein solcher Mann, der aufgenommen hat etwas von Geisteswissenschaft, dieses Leben schon gut, weil er ein Auge dafür hat.
[ 51 ] Man muß studieren: Wie strömt dasjenige, was zuerst in der Gedankenwelt lebt, in der Empfindungswelt lebt, in die soziale Welt hinein? Und es ist nicht gut, wenn wir das Leben verschlafen, wenn wir nicht wissen, was eigentlich auf dem Grund dieses Lebens gespielt hat, bevor es zu den äußersten Konsequenzen gekommen ist. Denn schließlich schildert ein solcher Mann, der aufgenommen hat etwas von Geisteswissenschaft, dieses Leben schon gut, weil er ein Auge dafür hat.
[ 52 ] Wir wollen über diese Dinge morgen weitersprechen.
[ 52 ] Wir wollen über diese Dinge morgen weitersprechen.
