The Karma of a Person's Profession
in Relation to Goethe's Life
GA 172
25 November 1916, Dornach
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The Karma of a Person's Profession in Relation to Goethe's Life, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Die Betrachtungen, die wir jetzt anstellen, wir werden ihren eigentlichen tieferen Sinn, ihre Bedeutung nur auf uns wirken lassen können, wenn wir sie nicht bloß, da sie ja im eminentesten Sinne Lebenswahrheiten sind, theoretisch nehmen, sondern wenn wir aus ihnen gewissermaßen eine Gefühls- und Empfindungskonsequenz ziehen, durch welche wir die Möglichkeit erhalten, das Leben anders anzusehen, als dieses Leben oftmals angesehen wird, ohne daß man zu Lebensbetrachtungen vorbereitet ist durch die anthroposophische Weltanschauung. In einem gewissen Sinne müssen wir mit Bezug auf die Erfassung der Wahrheit des Lebens durch Geisteswissenschaft weitherziger werden. Das heißt für unsere jetzige Anwendung: Wir müssen den Charakter des Wahren, wie es uns im Leben entgegentritt, vergleichen lernen mit dem einseitigen Denken über die Wahrheit, das uns Menschen so leicht überfällt. Allzu leicht kommt der Mensch im Leben dazu, sich über dieses oder jenes, nicht nur über alltägliche Dinge, sondern auch über die höchsten Dinge Meinungen zu bilden; und wenn er sich eine Meinung gebildet hat, wenn er sich, wie man oftmals sagt, einen Standpunkt gewählt hat, dann baut er felsenfest auf diese Meinung, auf diesen Standpunkt, und bedenkt dabei nicht, daß sich die Dinge der Welt von den verschiedensten Gesichtspunkten, also Standpunkten aus, anschauen lassen und daß man zur Wahrheit nur kommen kann, wenn man wirklich dies fühlt und empfindet, wie ein jegliches Ding, eine jegliche Tatsache von vielen Standpunkten aus betrachtet werden kann. Ich will Ihnen, um gewissermaßen ein Beispiel, eine Art Illustration von dem zu geben, was ich meine, zunächst einmal den Lebenslauf eines Menschen erzählen. Wir befassen uns ja jetzt mit dem, was wir das Karma nennen, was wir den Durchgang nennen des Menschen durch wiederholte Erdenleben. Wir befassen uns mit dem Schicksal des Menschen. Dieses Schicksal drückt sich im Lebenslaufe des Menschen aus. Wir können daher an dem Beispiele einzelner Lebensläufe, wenn wir sie richtig im Lichte der wiederholten Erdenleben betrachten, sehr viel lernen.
[ 1 ] We will only be able to let the reflections we are now undertaking—their true, deeper meaning—take effect on us if we do not merely take them, since they are truths of life in the most eminent sense, but rather if we draw from them, so to speak, an emotional and intuitive conclusion that enables us to view life differently than it is often viewed—without having been prepared for such reflections on life by the anthroposophical worldview. In a certain sense, we must become more open-minded with regard to grasping the truth of life through spiritual science. For our present purpose, this means: We must learn to compare the character of the truth as it presents itself to us in life with the one-sided thinking about truth that so easily overtakes us human beings. All too easily, people in life come to form opinions about this or that—not only about everyday matters but also about the highest matters; and once they have formed an opinion, once they have, as is often said, chosen a standpoint, they rely unwaveringly on that opinion, on that standpoint, without considering that the things of the world can be viewed from a wide variety of perspectives, that is, from different points of view, and that one can only arrive at the truth if one truly feels and senses how every single thing, every single fact, can be viewed from many different points of view. To give you, so to speak, an example—a kind of illustration of what I mean—I would first like to recount the life story of a person. We are, after all, now dealing with what we call karma, what we call the human being’s passage through repeated earthly lives. We are dealing with the destiny of the human being. This destiny is expressed in the course of a person’s life. We can therefore learn a great deal from the examples of individual life stories, if we view them correctly in the light of repeated earthly lives.
[ 2 ] Da haben wir es zu tun mit einem Menschen, der im 16. Jahrhundert geboren ist. Damit wir ins Auge fassen, was heute so gern ins Auge gefaßt wird, die Vererbungsverhältnisse, sehen wir uns seinen Vater zuerst einmal an. Der Vater dieses Menschen, der im 16. Jahrhundert geboren ist, war ein recht vielseitiger Mann, aber ein außerordentlich eigensinniger Mann, ein Mann, dem eine gewisse Herbigkeit in der Lebensäußerung eigen war. Er war ein guter Kenner der Musik, spielte die Laute und andere Saiteninstrumente, war auch ein guter Kenner von Geometrie und Mathematik und trieb dem äußeren Berufsleben nach Handelsgeschäfte. Daß ihm eine gewisse herbe Lebensäußerung eigen war, mag Ihnen daraus hervorgehen, daß dieser Vater einen Musiklehrer hatte, der damals, im 16. Jahrhundert, ein sehr angesehener Mann war. Da schrieb der Vater, der der Schüler dieses Mannes war, ein Buch über die Musik. Aber das gefiel dem Lehrer nicht, und der Lehrer wandte sich in einem anderen Buche gegen dieses Buch über Musik. Da war der Mann wirklich recht ungehalten geworden und schrieb ein anderes Buch, in dem er allen möglichen Spott, den er nur aufbringen konnte, über die alteingerosteten Ansichten seines Musiklehrers zusammenschrieb, und dann widmete er dieses Buch seinem Musiklehrer, indem er inder Widmung ausdrücklich sagte: Da Sie geruhten, sich an mich heranzumachen in aufdringlicher Weise, so will ich Ihnen Gelegenheit geben, daß Sie diese Befriedigung öfter verspüren können, denn sie muß Ihnen wohl tun und deshalb widme ich Ihnen dieses Buch. — Der Sohn also dieses Mannes, der ist es, von dem ich Ihnen zunächst, ich möchte sagen, wie ein bißchen maskiert den Lebenslauf erzählen möchte.
[ 2 ] Here we are dealing with a man who was born in the 16th century. To get a sense of what people are so fond of focusing on today—hereditary patterns—let’s first take a look at his father. The father of this man, who was born in the 16th century, was a quite versatile man, but an extraordinarily headstrong man—a man characterized by a certain austerity in his way of life. He was well-versed in music, played the lute and other stringed instruments, was also well-versed in geometry and mathematics, and, in his professional life, engaged in commercial transactions. That he possessed a certain austere manner of expressing himself may be evident to you from the fact that this father had a music teacher who, at that time—in the 16th century—was a highly respected man. So the father, who was this man’s student, wrote a book about music. But the teacher did not like it, and in another book, the teacher spoke out against this book on music. This truly angered the man, and he wrote another book in which he poured out every possible mockery he could muster against his music teacher’s outdated views; he then dedicated this book to his music teacher, stating explicitly in the dedication: “Since you deigned to approach me in such an intrusive manner, I shall give you the opportunity to experience this satisfaction more often, for it must do you good, and that is why I dedicate this book to you.” — So this man’s son is the one whose life story I would like to tell you first, in a way that is, I might say, somewhat veiled.
[ 3 ] Der Sohn trieb zuerst griechisch-lateinische Studien in Italien, so wie es dazumal üblich war, bei einem sehr berühmten Lehrer sogar, denn der Vater hielt viel darauf, daß er ordentlich unterrichtet wurde; und seine Humaniora, wie man früher sagte, machte dieser junge Mann bei einem Mönch. Mathematik lernte er bei seinem Vater sehr gut. Außerdem lernte er noch bei anderen Zeichnen, Perspektive und Ahnliches, so daß er, der als Knabe schon eine außerordentlich starke Anlage für Mathematisches, für Mechanisches hatte, erstens ein vielseitiger und zweitens ein gerade in mathematisch-mechanischen Künsten durchaus versierter Jüngling wurde. Schon in seiner Jugend fertigte er allerlei Modelle von Maschinen an, die in die damalige Zeit hinein paßten. Jetzt machen die Jungens, nicht wahr, nur Luftschiffe; dazumal wurden andere Schiffe gemacht. Dann kam der Junge als achtzehnjähriger an die Universität, studierte zuerst — verzeihen Sie, nachdem wir das Stückchen «Faust» gehört haben — Medizin. Aber es erging ihm etwas anders als dem Schüler, dessen Darstellung Sie gerade jetzt gesehen haben. Er war während des medizinischen Studiums nicht wie im Traum und sagte auch nicht: «Das sieht schon besser aus», sondern es mißfiel ihm das medizinische Studium außerordentlich, weil er fand, daß es unsystematisch verlaufe und daß man nur eine Tatsache an die andere reihe, daß kein rechter Zusammenhang darinnen zu finden sei. Da wandte er sich denn der Philosophie zu. Es war in der damaligen Zeit Sitte bei einigen Menschen — und gerade einen solchen Menschen bekam unser junger Mann zu seinem Lehrer —, den Aristoteles, den alten griechischen Philosophen, der vorher sehr verehrt worden war, anzugreifen. Daher fand sich auch unser junger Mann hinein, den Aristoteles zu hassen, den Aristoteles nicht zu schätzen, über den Aristoteles loszuziehen. Der Vater war durch seine mancherlei Eigenschaften, obwohl er ein außerordentlich tüchtiger Mann war, nicht sehr beliebt, und deshalb hatte er, als der Sohn ein paar Jahre studiert hatte, nicht allzu viel Geld und bemühte sich, ein Stipendium für den Sohn zu bekommen, konnte es aber nicht erlangen, so daß er wirklich von seinem blutig erworbenen Gelde den Sohn weiter unterrichten lassen mußte.
[ 3 ] The son first pursued Greek and Latin studies in Italy, as was customary at the time, even under a very famous teacher, for his father placed great importance on ensuring he received a proper education; and this young man studied the humanities—as they used to say—under a monk. He learned mathematics very well from his father. In addition, he studied drawing, perspective, and similar subjects with others, so that he—who even as a boy had shown an extraordinarily strong aptitude for mathematics and mechanics—became, first, a versatile young man and, second, one who was thoroughly versed in the mathematical and mechanical arts. Even in his youth, he constructed all sorts of models of machines that were appropriate for the time. Nowadays, young people, don’t they, only build airships; back then, other kinds of ships were built. Then, at the age of eighteen, the young man entered the university and initially studied—forgive me, after we’ve just heard that excerpt from Faust—medicine. But his experience was somewhat different from that of the student whose portrayal you’ve just seen. During his medical studies, he was not lost in a dreamlike state, nor did he say, “That looks better already”; rather, he disliked his medical studies immensely because he found that they proceeded in an unsystematic manner, that one fact was simply strung together with another, and that no real connection could be found within them. So he turned to philosophy. It was customary at that time among some people—and our young man happened to have just such a person as his teacher—to attack Aristotle, the ancient Greek philosopher who had previously been highly revered. Consequently, our young man, too, found himself hating Aristotle, failing to appreciate him, and lashing out against him. Although his father was an exceptionally capable man, he was not very popular due to certain traits of his character; consequently, after his son had been studying for a few years, he did not have much money and tried to secure a scholarship for his son, but was unable to do so, so that he was truly forced to continue his son’s education with his hard-earned money.
[ 4 ] Nachdem der Sohn sich durch die medizinischen und philosophischen Studien durchgewunden hatte, konnte er in gewisser Beziehung sogar sich glücklich fühlen, denn er wurde an einer der bedeutendsten Universitäten seines Landes Professor, trug Mathematik vor, pflegte auch die Heilkunde, von der er ja immer noch einiges mitgebracht hatte von der Universität, und war im Grunde ein recht beliebter Lehrer. Nur wurde ihm gerade an dieser Universität der Boden unter den Füßen etwas heiß. Das kam dadurch, daß in dem Staat, in dem er Universitätslehrer war, ein Buch erschien, das ein öffentliches Projekt enthielt, ein mechanisches Projekt, und dieses Buch hatte ein hoher Herr geschrieben, der sehr hoch stand, da er der Sohn einer geradezu fürstlichen Persönlichkeit des betreffenden Staates war, aber der weniger gescheit war. Und so konnte denn unser noch verhältnismäßig junger Professor sehr leicht nachweisen, daß sich dieses Projekt nicht werde ausführen lassen. Da wurde er denn sehr angefeindet, und obwohl es ihm gelungen war, eigentlich schon die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen durch das, was er geleistet hatte, so kam es doch dahin, daß sich in der betreffenden Stadt, an der betreffenden Universität unser junger Professor nicht mehr ganz wohl fühlte. Da bot sich ihm Gelegenheit, an eine andere Universität eines republikanischen Staates zu kommen. An dieser Universität war er auch bald wiederum sehr angesehen, hatte viele Schüler und, was dazumal noch eine Selbstverständlichkeit war, hatte viele Privatstunden zu geben, so daß er sehr gut verdiente. Er brauchte auch dazumal schon einiges Geld, denn der Vater war mittlerweile gestorben; die Mutter und auch Geschwister mußte er unterstützen. Zu seiner näheren Charakteristik, damit wir noch ein bißchen genauer in das Karma des betreffenden Menschen hineinschauen, erzähle ich noch dieses, was eine verbürgte Sache ist, denn sie wird von einem Zeitgenossen erzählt, dem der Betreffende selbst die Sache mitgeteilt hat, und man kann mit aller philologischen Kleinkunst der Sache beizukommen versuchen, sie erweist sich als wahr. Es hatte einstmals unser jetzt an einer republikanischen Universität befindlicher Mann einen Traum. Er sah sich im Traume über brennende Kohle und Asche gehen und wußte, daß diese brennende Kohle und Asche, über die er jetzt schritt, herrühren müsse von dem Brande des Domes in derjenigen Stadt, wo er vorher Professor gewesen war. Er erzählte diesen Traum und schrieb darüber in vielen Briefen, und es stellte sich nachher heraus, daß wirklich in derselben Nacht, in der er diesen Traum gehabt hatte, er, der fern von der Stadt war, in der er früher gewesen, der Dom abgebrannt war.
[ 4 ] After the son had worked his way through his medical and philosophical studies, he could even consider himself happy in a certain sense, for he became a professor at one of his country’s most prestigious universities, taught mathematics, also practiced medicine—a field in which he still had some knowledge from his university days—and was, on the whole, a quite popular teacher. However, the ground beneath his feet began to get a little hot, particularly at this university. This was because, in the state where he was a university professor, a book was published that contained a public project—a mechanical project—and this book had been written by a high-ranking gentleman who held a very prominent position, as he was the son of a veritable princely figure in that state, though he was not particularly clever. And so our still relatively young professor was able to demonstrate very easily that this project would not be feasible. As a result, he faced a great deal of hostility, and although he had already succeeded in drawing attention to himself through his achievements, it eventually came to the point where our young professor no longer felt entirely at ease in that city or at that university. Then an opportunity arose for him to move to another university in a republican state. At this university, he soon became highly regarded once again; he had many students and—as was still a matter of course at that time—gave many private lessons, so that he earned a very good living. He needed quite a bit of money even back then, for his father had died in the meantime; he had to support his mother and siblings. To characterize him more fully, so that we may gain a slightly deeper insight into the karma of this man, I will recount the following, which is a verified account, for it is told by a contemporary to whom the man himself revealed the story, and no matter how much philological sleight of hand one might employ to scrutinize it, it proves to be true. Our man—who is now at a republican university—once had a dream. In the dream, he saw himself walking over burning coals and ashes, and he knew that these burning coals and ashes, over which he was now stepping, must have originated from the fire at the cathedral in the city where he had previously been a professor. He recounted this dream and wrote about it in many letters, and it later turned out that on the very same night he had this dream—while he was far from the city where he had once lived—the cathedral had indeed burned down.
[ 5 ] Nun hatte er sehr viel Erfolg, machte sogar gar nicht unbedeutende wissenschaftliche Entdeckungen, die zum Teil sogar, wie es dazumal schon Sitte war und heute noch nicht ganz Unsitte geworden ist, andere sich aneigneten, ohne ihm viel Dank zu sagen. Er wurde bis zu einem gewissen Grade wohlhabend, aber für seine Begriffe nicht genügend, namentlich aus dem Grunde, weil er sich dafür recht plagen mußte. Er mußte viele Stunden geben. Dadurch verdiente er ja einiges, aber das erforderte eben sehr viel Arbeit. Nun erzählen uns italienische Zeitgenossen von ihm, und solche, die eben die Traditionen hatten, in ganz interessanter Weise, daß er ein Mann war, beschäftigt mit dem Gehirn, der daher — ich wiederhole so, was erzählt wurde — wenig Möglichkeit hatte, auf die Impulse seines Herzens viel zu geben. Deshalb war er zwar gescheit, aber er war weniger liebefähig. Daher lebte er, so erzählen die Zeitgenossen, nicht in einer wirklichen Ehe, sondern in einer wilden Ehe mit einer gewissen Marina Gamba, hatte mit ihr zwei Töchter, die er beide ins Kloster schickte, und einen Sohn, den er später legitimierte. Dann, obwohl es ihm sogar gelang, sehr angesehene Menschen der damaligen Zeit in ihrer Jugend zu unterrichten an der republikanischen Universität, an der er war, zum Beispiel sogar Gustav Adolf in seiner Jugend, den späteren schwedischen König, und ähnliche Menschen, war ihm die Sache doch nicht so ganz recht, und da wandte er sich denn an den Großherzog, der jetzt Großherzog war desjenigen Landes, dem er durch Geburt angehörte, an dessen Universität er vorher gewesen war. Das war schon 1610. Und in der Tat, er strebte an, mehr freie Zeit zu gewinnen, um sich Erfindungen und Entdeckungen hingeben zu können. Es ist also interessant, den Mann etwas genauer zu betrachten, weil er, ich will jetzt vorläufig sagen, wirklich so eine Art Kind seiner Zeit war. Und deshalb möchte ich Ihnen in einer, wie es mir scheint, nicht schlechten Übersetzung den Brief vorlesen, welchen er geschrieben hat, damit er eine bequemere Stellung am Hofe dieses Großherzogs erhalten könne. Er schreibt an einen Freund über seine Korrespondenz mit dem Großherzog:
[ 5 ] He was very successful and even made some quite significant scientific discoveries, some of which—as was customary back then and has not entirely fallen out of practice today—were appropriated by others without much acknowledgment of his contribution. He became wealthy to a certain extent, but not enough by his standards, mainly because he had to work quite hard for it. He had to teach many hours. This earned him a fair amount, but it required a great deal of work. Now, Italian contemporaries of his—and those who were steeped in these traditions—tell us in a very interesting way that he was a man preoccupied with his intellect, who therefore—I am merely repeating what was said—had little opportunity to pay much heed to the impulses of his heart. That is why, although he was intelligent, he was less capable of love. Consequently, according to his contemporaries, he did not live in a legitimate marriage but in a common-law relationship with a certain Marina Gamba; he had two daughters with her, both of whom he sent to a convent, and a son whom he later legitimized. Then, although he even succeeded in teaching highly respected figures of the time during their youth at the republican university where he was a faculty member—for example, even Gustav Adolf in his youth, the future King of Sweden, and others like him—he was still not entirely satisfied with the situation, and so he turned to the Grand Duke, who was now Grand Duke of the very country to which he belonged by birth, at whose university he had previously been. That was as early as 1610. And indeed, he sought to gain more free time so that he could devote himself to inventions and discoveries. So it is interesting to take a closer look at this man, because—as I’ll say for now—he really was a child of his time. And that is why I would like to read to you, in what I believe is a fairly good translation, the letter he wrote in order to secure a more comfortable position at the court of this Grand Duke. He writes to a friend about his correspondence with the Grand Duke:
[ 6 ] «Der Brief Eurer Gnaden ist mir sehr willkommen gewesen, erstens weil er mir ein Zeugnis dafür gibt, daß der durchlauchtigste Großherzog, mein Herr, sich meiner erinnert, dann, weil er mich des fortgesetzten Wohlwollens des von mir unendlich hochgeschätzten, hochwohlgebornen Herrn Aeneas Piccolomini wie auch der Liebe Eurer Gnaden versichert, welche, indem sie Sie meine Interessen wahrnehmen läßt, Sie veranlaßt, mir so freundlich über Umstände von großer Wichtigkeit zu schreiben, für welche Dienste ich sowohl dem hochwohlgebornen Herrn Aeneas wie Eurer Gnaden beständig verpflichtet bleibe und Ihnen unendlichen Dank abstatte und es für meine Pflicht halte, zum Zeichen dessen, wie sehr ich eine solche Güte zu schätzen weiß, mich mit den Herren über meine Gedanken und über jene Lebensverhältnisse auszusprechen, in welchen es mein Wunsch wäre, die Jahre, die mir noch bleiben, zu verbringen, damit bei einer weiteren Gelegenheit, welche sich mit dem hochwohlgebornen Herrn Aeneas bieten würde, er mit seiner Klugheit und Gewandtheit bestimmter unserm durchlauchtigsten Herrn antworten könne, gegen dessen Hoheit ich, außer jener ehrerbietigen Ergebenheit und gehorsamsten Untertänigkeit, welche ihm von jedem treuen Diener geschuldet wird, mich von einer so besonderen Hingebung und — wie mir zu sagen erlaubt sei — Liebe (denn sogar Gott selbst verlangt kein andres Gefühl von uns mehr, als daß wir ihn lieben) gebeugt fühle, daß ich jedes andre Interesse beiseite setzen würde und es keine Lage gibt, mit der ich nicht mein Los vertauschen würde, wenn ich vernähme, daß es seiner Hoheit so gefällt. So könnte diese Antwort allein genügen, jeden Entschluß zu verwirklichen, welchen seiner Hoheit gefallen würde, über meine Person zu fassen. Aber wenn, wie anzunehmen ist, Seine Hoheit voll jener Humanität und Güte, welche sie unter allen andern rühmenswert machen und immer mehr machen werden, mit Ihrem Dienst jede andre Befriedigung für mich verbinden ‚wollte, so werde ich nicht aufhören zu sagen, wie, nachdem ich jetzt zwanzig Jahre, und zwar die besten meines Lebens, dafür gearbeitet habe, bis ins einzelne, wie man sagt, auf Verlangen eines jeden jenes Wenige von Talent auszuteilen, was mir durch Gott und durch meine Anstrengungen in meinem Beruf zuteil geworden ist, es wirklich mein Gedanke wäre, so viel Muße und Ruhe zu erlangen, daß ich, ehe ich mein Leben endige, drei große Werke zu Ende führen könnte, die ich unter den Händen habe, um sie veröffentlichen zu können, und zwar vielleicht zu einigem Ruhm für mich und für jeden, der mich bei solchen Unternehmungen unterstützen würde, indem ich möglicherweise den Studierenden des Faches größeren und allgemeineren und länger dauernden Nutzen bringen würde, als ich sonst im Rest meines Lebens bringen könnte. Ich glaube nicht, daß ich größere Muße, als ich hier habe, anderswo haben könnte, solange ich gezwungen wäre, aus dem öffentlichen Lehramt und den privaten Lektionen den Unterhalt meines Hauses zu ziehen; auch würde ich solches nicht gern in einer andern Stadt tun als in dieser, aus verschiedenen Gründen, die aufzuführen zu umständlich wäre; indessen genügt mir die Freiheit nicht, die ich hier habe, da ich auf Verlangen von dem und jenem mehrere Stunden des Tages, und oft die besten, opfern muß. Von einer wenn auch glanzvollen und freigebigen Republik eine Besoldung zu erhalten, ohne dem Gemeinwesen zu dienen, ist nicht üblich, weil man, um Gewinn vom Gemeinwesen zu ziehen, dem Gemeinwesen Dienste erweisen muß und nicht einer einzigen Persönlichkeit, und solange ich imstande bin, Vorlesungen zu halten und Dienst zu leisten, kann mich niemand in einer Republik von dieser Obliegenheit befreien unter Belassung der Einkünfte; kurz und gut, ich kann eine derartige Vergünstigung von keinem andern erhoffen als von einem unumschränkten Fürsten, aber ich möchte nicht nach dem, was ich bisher gesagt habe, Eurer Gnaden unberechtigte Ansprüche zu haben scheinen, als ob ich nach Gehältern ohne Gegenleistung und Verpflichtung strebte, denn das ist nicht meine Absicht, vielmehr habe ich, was die Gegenleistung betrifft, verschiedene Erfindungen, von welchen schon eine einzige, wenn ich einem großen Fürsten begegne, der Gefallen daran finder, genügen kann, um mir Unterhalt in meinem Leben zu gewähren, da mir die Erfahrung zeigt, daß Dinge, die vielleicht bedeutend weniger wertvoll sind, für ihre Entdecker große Vorteile haben, und es ist immer mein Gedanke gewesen, sie eher als andern meinem Fürsten und natürlichen Herrn vorzulegen, damit es in dessen Gutdünken liege, über sie und den Erfinder nach seinem Belieben zu verfügen und von ihnen, wenn es ihm so gefallen sollte, nicht bloß das Gestein, sondern auch das Erz anzunehmen, da ich ja täglich deren neue finde und noch viel mehr finden würde, wenn ich mehr Muße hätte und mehr günstige Gelegenheiten, kunstfertige Leute zu bekommen, deren Hilfe ich mir durch verschiedene Versuche zunutze machen könnte. Was ferner die tägliche Dienstleistung (das heißt der öffentlichen und privaten Vorlesungen) betrifft, so habe ich nur einen Widerwillen gegen jene feile Knechtschaft, daß ich meine Arbeiten gegen beliebige Bezahlung jedes Käufers vorführen muß; doch einem Fürsten oder großen Herrn und jemandem, der von diesem abhängt, zu dienen, dagegen werde ich niemals Abscheu empfinden, sondern es vielmehr dringend wünschen und erstreben. Und weil Eure Gnaden einiges von mir wissen möchte über das Einkommen, das ich hier habe, so sage ich Ihnen, daß mein dienstliches Gehalt 520 Goldgulden beträgt, welche in nicht vielen Monaten, wenn meine Neuanstellung erfolgt, dessen bin ich so gut wie sicher, in ebenso viele Skudi werden umgewandelt werden, und diese kann ich zum großen Teile zurücklegen, da ich eine große Beihilfe für den Unterhalt meines Hauses dadurch, daß ich Schüler habe, und durch den Gewinn aus den privaten Lektionen erhalte, wiewohl ich es mehr vermeide als ich es suche, deren viele zu geben, da ich unendlich mehr nach freier Zeit als nach Gold Verlangen trage, weil ich weiß, daß ich eine Summe Goldes, die so groß wäre, daß sie mich angesehen machen könnte, viel schwerer zu erwerben vermöchte, als einigen Ruhm meiner wissenschaftlichen Arbeiten.»
[ 6 ] “Your Grace’s letter was most welcome to me, first because it serves as proof that His Serene Highness the Grand Duke, my lord, remembers me, and second, because it assures me of the continued goodwill of the most noble Mr. Aeneas Piccolomini, whom I hold in the highest esteem, as well as of Your Grace’s affection, which, by prompting you to look after my interests, prompts you to write to me so kindly regarding matters of great importance. For these services, I remain eternally indebted to both the Most Noble Lord Aeneas and Your Grace, to whom I express my infinite gratitude. I consider it my duty, as a sign of how deeply I appreciate such kindness, to share with you my thoughts and the circumstances of my life, in which it is my wish to spend the years that remain to me, so that on a future occasion that might present itself to the Most Noble Lord Aeneas, he might, with his wisdom and tact, more effectively respond to our Most Illustrious Lord, to whose Highness I, aside from that reverent devotion and most obedient submission owed to him by every faithful servant, feel compelled by such a special devotion and—if I may be permitted to say so — love (for even God Himself demands no greater feeling from us than that we love Him), that I would set aside every other interest, and there is no situation with which I would not exchange my lot if I were to learn that it pleases His Highness. This answer alone would suffice to carry out any decision His Highness might wish to make concerning my person. But if, as is to be assumed, His Highness—full of that humanity and kindness which make him so praiseworthy among all others and will make him ever more so—were to wish to combine your service with every other form of satisfaction for me, I will not cease to say how, having now worked for twenty years—indeed, the best years of my life— have worked at this—down to the smallest detail, as they say—at the request of each and every one, to share that little talent which has been bestowed upon me by God and through my own efforts in my profession—it would truly be my desire to attain enough leisure and peace of mind so that, before my life comes to an end, I might complete three major works that I have in hand, in order to publish them, and perhaps to some renown for myself and for anyone who would support me in such endeavors, in that I might bring greater, more widespread, and longer-lasting benefit to students of the subject than I could otherwise provide for the rest of my life. I do not believe that I could have more leisure elsewhere than I have here, as long as I am forced to support my household through public teaching and private lessons; nor would I be willing to do so in any city other than this one, for various reasons that would be too cumbersome to enumerate; however, the freedom I have here is not enough for me, since, at the request of this or that person, I must sacrifice several hours of the day—and often the best ones—to them. It is not customary to receive a salary from a republic—however splendid and generous it may be—without serving the community, because in order to derive benefit from the community, one must render service to the community and not to a single individual; and as long as I am able to give lectures and perform my duties, no one in a republic can relieve me of this obligation while allowing me to retain my income; in short, I can hope for such a privilege from no one other than an absolute prince, but I do not wish, based on what I have said so far, to appear to Your Grace to have unjustified claims, as if I were seeking a salary without reciprocity or obligation, for that is not my intention; rather, as far as reciprocity is concerned, various inventions, any one of which, if I were to encounter a great prince who took a liking to it, would suffice to provide for my livelihood, since experience has shown me that things which may be significantly less valuable can bring great benefits to their discoverers, and it has always been my intention to present them first to my prince and natural lord, so that it may be at his discretion to dispose of them and the inventor as he sees fit, and to accept from them, if it should please him, not merely the rock but also the ore, since I do indeed discover new ones daily and would find many more if I had more leisure and more favorable opportunities to obtain skilled workers, whose assistance I could make use of through various experiments. As for my daily duties (that is, public and private lectures), I have no aversion to them other than a distaste for that base servitude that would require me to demonstrate my work for whatever payment any buyer might offer; yet I will never feel any aversion to serving a prince or a great lord—or anyone dependent upon him—but rather I will earnestly desire and strive for it. And since Your Grace would like to know something from me about the income I have here, I tell you that my official salary amounts to 520 gold guilders, which in a few months—once my new appointment takes effect, of which I am as good as certain—will be converted into an equal number of skudi, and I can set aside a large portion of these, since I receive significant assistance for the upkeep of my household since I have students and through the income from private lessons—though I avoid giving too many of them rather than seeking them out, as I long infinitely more for free time than for gold, because I know that a sum of gold large enough to make me respected would be much harder to acquire than some fame for my scholarly works.”
[ 7 ] Da wurde denn der Mann wirklich an diesen Hof berufen. Es wurde ihm nur aufgetragen, wenn es besondere Möglichkeiten, glanzvolle Möglichkeiten, festliche Gelegenheiten, wobei sich der Großherzog selber zu zeigen hatte, gab, und man zu glänzen hatte gegenüber — nun, sagen wir, dem Auslande, da Vorlesungen zu halten, aber im übrigen sollte er nur das Gehalt bekommen, Vorlesungen also nur bei festlichen Gelegenheiten halten, und er sollte sich ganz seinen Studien widmen können und so weiter. Eine Weile ging es auch recht gut. Sogar Dichter, Edelleute, Prinzen ehrten ihn, machten allerlei Festlichkeiten, weil sie ihn für einen sehr großen Mann hielten. Er selber, es war am 3. Februar 1613, dichtete ein Maskenfest; da stellte er sich selber dar als einen Jupiter, der auf den Wolken thronte; man konnte es durch die Vermummung sehr deutlich sehen. Und da dazumal durch Galilei die vier Jupiter-Monde entdeckt worden waren und die Namen der vier Fürsten des Hauses von dort erhalten hatten, so erschienen die vier Fürsten auch noch im Gefolge. Es war ein ganz besonders feierlicher Aufzug.
[ 7 ] So the man was indeed summoned to this court. He was instructed to give lectures only when there were special occasions—glorious occasions, festive events—at which the Grand Duke himself had to make an appearance, and when it was necessary to make a good impression on—well, let’s say, foreign dignitaries; but otherwise, he was to receive only his salary, give lectures only on festive occasions, and be able to devote himself entirely to his studies, and so on. For a while, things went quite well. Even poets, nobles, and princes honored him, organizing all sorts of festivities because they considered him a man of great stature. He himself, on February 3, 1613, composed a poem for a masquerade ball; there he portrayed himself as Jupiter, enthroned upon the clouds; one could see this very clearly through his disguise. And since Galileo had recently discovered Jupiter’s four moons, and the four princes had received their names from that source, the four princes also appeared in his retinue. It was a particularly solemn procession.
[ 8 ] Aber nach und nach versiegte die Gnade des Fürsten; der Fürst verriet seinen Gelehrten nach einiger Zeit geradezu. DieKlerisei fand seine Ansichten nicht den ihrigen entsprechend. Er endete noch dazu in einer ziemlich elenden Lage, so daß er eigentlich in rechter Traurigkeit sein
[ 8 ] But little by little, the prince’s favor waned; after some time, the prince outright betrayed his scholar. The clergy did not find his views to be in line with their own. To make matters worse, he ended up in a rather miserable situation, so that he actually passed away in deep sorrow
[ 9 ] Leben schloß. Voll hatte er den Undank und die Wendung des Schicksals ausgekostet, voll hatte er kennengelernt, wie Fürsten zuweilen auf die Dauer es machen. Voll hatte er den ganzen Haß der damaligen Klerisei kennengelernt.
[ 9 ] Life came to an end. He had fully experienced ingratitude and the twists of fate; he had fully come to understand how rulers sometimes fare in the long run. He had fully experienced the hatred of the clergy of that time.
[ 10 ] Jetzt habe ich Ihnen ein Leben eines Menschen erzählt. Man kann dieses Leben so erzählen, denn das sind lauter wahre Sachen, die ich Ihnen erzählt habe. Aber ich will Ihnen jetzt dieses Leben noch anders erzählen, gewissermaßen von einem anderen Gesichtspunkt.
[ 10 ] Now I have told you the story of a person’s life. One can tell this story this way, because everything I have told you is true. But now I want to tell you this story in a different way, from a different perspective, so to speak.
[ 11 ] Am 18.Februar 1564 wurde der große Galilei geboren, und sein Vater, Vincente Galilei, war ein außerordentlich guter Musikkenner, spielte die Laute und andere Saiteninstrumente sehr gut, befaßte sich mit Geometrie, unterrichtete den Sohn zuerst selbst in Musik. Der Sohn machte bei berühmten Lehrern die lateinischen und griechischen Studien durch; er Jernte bei einem Mönche die Humaniora, ging dann an die Universität nach Pisa und studierte zuerst Medizin, die ihn wenig befriedigte, wandte sich dann der Philosophie zu, wurde Anti-Aristoteliker unter dem Einflusse der damals anti-aristotelischen Strömung und erwies sich schon als so genial, daß er, wie uns Zeitgenossen — mit voller Sicherheit können wir annehmen, daß es wahr ist — erzählen, als er eines Tages im Dom von Pisa saß und die Kirchenlampe schwingen sah, daraus die Gleichmäßigkeit des Pendelschwingens entdeckte, also eine der allerepochemachendsten Entdeckungen machte, die Bedeutung hatte für die ganze Zeit seither und noch große Bedeutung in der Zukunft haben wird. Ich werde immer wieder von einigen Seiten belehrt, daß das eine Legende sei, aber ich kann, trotzdem so viele Leute mich belehren, daß die Geschichte mit der schwingenden Kirchenlampe eine Legende sei, sie doch nur immer wieder und wieder erzählen, weil sie nämlich wahr ist.
[ 11 ] On February 18, 1564, the great Galilei was born. His father, Vincente Galilei, was an exceptionally knowledgeable music lover; he played the lute and other stringed instruments very well, studied geometry, and initially taught his son music himself. The son studied Latin and Greek under renowned teachers; he studied the humanities under a monk, then went to the University of Pisa and initially studied medicine, which gave him little satisfaction; he then turned to philosophy, became an anti-Aristotelian under the influence of the anti-Aristotelian movement of the time, and already proved himself so brilliant that, as his contemporaries — we can assume with complete certainty that it is true — recount, one day while sitting in the Pisa Cathedral and watching the church lamp swing, he discovered the uniformity of the pendulum’s swing, thus making one of the most epoch-making discoveries, one that has been significant for the entire period since then and will continue to be of great significance in the future. I am repeatedly told by some that this is a legend, but no matter how many people tell me that the story of the swinging church lamp is a legend, I can only tell it again and again, because it is, in fact, true.
[ 12 ] Trotzdem er dazumal schon diese schwingende Kirchenlampe mit diesem Gedanken beobachtet hatte, konnte der Vater für ihn kein Stipendium erringen. Dann, nachdem er eine Weile noch geometrische Studien betrieben hatte, wurde er Professor an der Universität in Pisa. Da mußte er die Mathematik für sechzig Skudi jährlich vortragen und übte nebenbei die Heilkunst aus. Daß er das wirklich auch tat, dieHeilkunst ausüben, das wissen wir aus einem Briefe, den er dazumal an seinen Vater geschrieben hat, und in dem er ihn bat, ihm als Richtschnur den alten Mediziner Galen zu schicken. Er kritisierte scharf eineSchrift, die dazumal von dem hohen aber unweisen CosimoI. erschienen war. Da wurde es ihm in Pisa zu heiß, und da ihm die Republik Venedig, die ihn besser zu schätzen wußte, als man ihn in seinem Vaterstaate zu schätzen wußte, den Antrag machte, dort zu lehren, ging er 1592 nach Padua. Galileo Galilei wurde Professor an der Universität in Padua und trug mit großem Ruhm dort Mathematik und ähnliches vor, konstruierte Sonnenuhren nach besonderen Systemen, vervollkommnete die mechanischen Kenntnisse, und da war es, daß uns von dieser Zeit Giambattista Doni in seinen Briefen über die Träume schrieb, daß Galilei jenen Traum gehabt hat, von dem ich Ihnen erzählt habe: wie er über die glühenden Kohlen und über die Asche ging. Damals brannte der Dom von Pisa wirklich ab, zusammenfallend mit dem Traume, den Galilei damals gehabt hat. Galilei hat das in vielen Briefen an seine Zeitgenossen geschrieben. Er erfand dazumal den sogenannten Proportionalzirkel, Maschinen zum Wasserheben, machte wichtige Entdekkungen in bezug auf das Teleskop, Thermoskop, Beobachtungen über das Barometer und andere Dinge, die sich andere Leute auch aneigneten, während die Dinge zumeist auf Galilei zurückführen. Die Geschichte seiner sogenannten Ehe brauche ich nicht wieder zu erzählen, denn sie ist so, wie ich Ihnen schon vorhin erzählt habe. Dann trug sich dasjenige, was ich weiter erzählt habe, auch weiter so zu mit demBriefe. So wurde er wirklich von der Universität Padua nach seiner Vaterstadt versetzt, und es erging ihm dort so; und als Jupiter auf den Wolken thronend hat er sich selber dargestellt, denn es war Galilei, der dieses Maskenspiel gemacht hat. Er war es selber, der den vier Trabanten des Jupiter, die er jetzt auftreten ließ, die vier mediceischen Namen gegeben hat. Daß er von der Klerisei nicht gut behandelt worden ist, daß er von seinem Fürsten verraten worden ist gegenüber dieser Klerisei, das ist ja aus der Geschichte bekannt. Wenn auch alles mögliche wahr ist an der Geschichte, das, wovon alle Leute sagen, daß er es gesagt hat: Und sie bewegt sich doch — das ist sicher erlogen. Das habe ich ja schon öfter erwähnt.
[ 12 ] Even though he had already observed that swinging church lamp with this thought in mind back then, his father was unable to secure a scholarship for him. Then, after pursuing studies in geometry for a while, he became a professor at the University of Pisa. There he was required to teach mathematics for sixty scudi a year and practiced medicine on the side. That he actually did practice medicine, we know from a letter he wrote to his father at the time, in which he asked him to send him the works of the ancient physician Galen as a guide. He sharply criticized a treatise that had been published at the time by the powerful but unwise Cosimo I. Things became too heated for him in Pisa, and since the Republic of Venice—which appreciated him more than his home state did—offered him a position to teach there, he went to Padua in 1592. Galileo Galilei became a professor at the University of Padua and lectured there with great renown on mathematics and related subjects; he constructed sundials based on special systems, refined his knowledge of mechanics, and it was during this time that Giambattista Doni wrote to us in his Letters on Dreams that Galilei had had the dream I told you about: how he walked over the glowing coals and the ashes. At that time, the Cathedral of Pisa actually burned down, coinciding with the dream that Galilei had at that time. Galileo wrote about this in many letters to his contemporaries. At that time, he invented the so-called proportional compass, machines for lifting water, made important discoveries regarding the telescope and the thermoscope, conducted observations on the barometer, and other things that other people also appropriated for themselves, although these achievements are mostly attributed to Galileo. I need not recount the story of his so-called marriage again, for it is just as I told you earlier. Then what I went on to describe also unfolded in the same way with the letter. Thus, he was indeed transferred from the University of Padua to his hometown, and this is how things went for him there; and he portrayed himself as Jupiter enthroned upon the clouds, for it was Galileo who devised this masquerade. It was he himself who gave the four moons of Jupiter—which he now brought into the play—the four Medici names. That he was not treated well by the clergy, that he was betrayed by his prince to the clergy—that is, of course, well known from history. Even if everything else in the story is true, the thing that everyone claims he said—“And yet it moves”—is certainly a lie. I have mentioned this many times before.
[ 13 ] Das also ist von einem anderen Gesichtspunkte die Sache erlebt. Sie werden finden, daß ich das erste Mal nicht falsche Tatsachen erzählt habe, daß aber wahrscheinlich Ihre Gefühle für den Mann das erste Mal nicht dieselben waren, wie sie waren, als ich zum zweiten Male die Geschichte erzählte, daß aber diese zweiten Gefühle, die Sie haben, ganz sicher diejenigen sind, die weitaus die meisten Menschen haben, wenn siean Galilei, den großen Astronomen Galilei denken. Daraus ersehen Sie, daß viel Unkenntnis ist bei demjenigen, was viele Menschen denken. Denn gar viel wissen die Menschen ja nicht von Galilei; also denken sie und fühlen sie nicht über ihn durch das, was sie wissen, sondern sie fühlen über ihn dadurch, daß der Name «Galileo Galilei» in einer gewissen Weise in der Geschichte signifiziert ist.
[ 13 ] So this is how the situation was experienced from a different perspective. You will find that I did not present false facts the first time, but that your feelings toward the man were probably not the same the first time as they were when I told the story a second time; yet these second feelings you have are most certainly the ones that by far the majority of people have when they think of Galileo, the great astronomer Galileo. From this you can see that there is a great deal of ignorance in what many people think. For people do not know very much about Galileo; thus, they do not think and feel about him based on what they know, but rather they feel about him because the name “Galileo Galilei” carries a certain significance in history.
[ 14 ] Nun müssen wir aber bedenken: Das, was ein Mensch durch sein Genie macht, hat Bedeutung für die physische Welt. Daß es JupiterTrabanten gab, war eine sehr wichtige Entdeckung für die Erdenentwickelung, aber es hat keine Bedeutung für dasjenige, was die geistigen Welten betrifft, für die Wesen der höheren Hierarchien. Ebenso ist es mit den anderen Entdeckungen des Galilei: es sind Dinge, die eine große Bedeutung für die Erde haben. Was habe ich Ihnen denn also im Grunde genommen zuerst erzählt? Die persönlichen Geschicke, abgesehen von dem, daß Galilei für die Erde ein großer Mann war, seine ganz persönlichen Geschicke, seine Berufsmisere, seine, nun ja, wie soll ich sagen, Loyalität gegenüber dem Fürsten, nicht wahr, und so weiter. Also dasjenige, was er zum täglichen Hausgebrauche hatte, das habe ich Ihnen zuerst erzählt. Das ist aber zugleich das, was Bedeutung hat, in dem er es durch die Pforte des Todes trägt und auszubilden hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, denn das geht ihn persönlich an. Man muß sich schon in solche Studien einlassen, wenn man über die ins Leben so einschneidende Frage des menschlichen Schicksals sich unterrichtet. Gerade an signifikanten, hervorragenden Menschenleben müssen wir das tun.
[ 14 ] But now we must consider this: What a human being accomplishes through his genius has significance for the physical world. The discovery that Jupiter had moons was a very important one for Earth’s development, but it has no significance for the spiritual worlds or for the beings of the higher hierarchies. The same is true of Galileo’s other discoveries: they are things that have great significance for Earth. So what, essentially, did I tell you about first? His personal circumstances—aside from the fact that Galileo was a great man for Earth—his very personal circumstances, his professional misfortunes, his, well, how shall I put it, loyalty to the prince, right, and so on. So what he dealt with in his daily life—that is what I told you about first. But that is also what matters, as he carries it through the gate of death and must shape it between death and a new birth, for it concerns him personally. One must indeed engage in such studies if one wishes to learn about the question of human destiny, which has such a profound impact on life. We must do this precisely when examining significant, outstanding human lives.
[ 15 ] Von Vererbung spricht man heute ja ganz besonders, und viele Fragen betrachtet man lediglich im Zusammenhange mit der physischen Vererbungsfrage. Ich habe Ihnen das Leben des Galilei zuerst so vorgeführt, daß Sie es sogar ganz unbefangen betrachten konnten, im Zusammenhange mit seinem Vater, damit wir vielleicht wiederum ein Beispiel haben, wie wir richtig über die Vererbungsfrage denken. Ja, über diese Vererbungsfrage kann nur richtig gedacht werden, wenn man die große Lehre von den wiederholten Erdenleben dabei in Betracht ziehen kann. Da erweist sich dann die Vererbung nicht als bedeutungslos, sondern im Gegenteil als sehr bedeutend, aber es ergibt sich auch der Zusammenhang zwischen den vererbten Eigenschaften und demjenigen, was der Mensch aus der geistigen Welt durch seine Individualität herunterbringt als Ergebnis seines früheren Erdenlebens. Und man muß schon die Tatsachen des Lebens anschauen, wenn man die Frage entscheiden will: Was wird eigentlich vererbt?
[ 15 ] Today, there is a great deal of talk about heredity, and many questions are considered solely in the context of physical heredity. I first presented Galileo’s life to you in such a way that you could view it completely objectively, in the context of his father, so that we might once again have an example of how to think correctly about the question of heredity. Indeed, one can only think correctly about this question of heredity if one takes into account the great teaching of repeated earthly lives. Then heredity proves not to be meaningless, but on the contrary, to be very significant; yet the connection also becomes clear between inherited traits and what a person brings down from the spiritual world through their individuality as a result of their previous earthly life. And one must certainly look at the facts of life if one wishes to settle the question: What is actually inherited?
[ 16 ] Ich habe Sie das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht, daß der Zeitpunkt der Reife von der Wissenschaft heute noch gar nicht in Betracht gezogen wird, während er in Betracht gezogen werden sollte, wenn man von Vererbung redet. Bis zu diesem Zeitpunkt muß ein Mensch alle Impulse der Vererbung mit sich tragen. Was später kommt, muß auf einen anderen Zeitpunkt verweisen. Ich habe das letzthin, vor acht Tagen, ausgeführt. Aber was wird denn eigentlich vererbt? Wie willkürlich die heutigen Wissenschafter gerade auf diesem Gebiete konstruieren, das bezeugt die unbefangene Beobachtung der folgenden Tatsache. Die Leute reden sogar von dieser Tatsache, aber sie können sie ganz und gar nicht verstehen. Es muß jedem Psychiater bekannt sein, denn jedem ist es bekannt, der das Leben zu betrachten vermag, daß in einer Familie zwei Söhne da sein können, die beide gleiche Vererbungsanlagen haben. Definieren wir einmal die beiden Vererbungsanlagen, die ganz ähnlich sein können: eine gewisse Neigung, Begriffe auszusinnen, Zusammenhänge auszusinnen, und diese ausgesonnenen Begriffe anzuwenden auf das äußere Leben; zu gleicher Zeit ein gewisses, ja, wie sagt man — in Deutschland sagt man forsch, man kann auch sagen, ein gewisses fashionables Auftreten, so ein richtiges Auftreten, wie es ein Geschäftsmann haben muß, Das hatten sie beide, die Söhne: ein gewisses Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein heraus eine gewisse Kühnheit, das auch zu verwirklichen, was ihnen einfiel. Es waren lauter vererbte Eigenschaften. So im allgemeinen muß man die vererbten Eigenschaften sich vorstellen. Nun handelt es sich darum: Was wurden die beiden? Wie verlief ihr Karma? — Der eine wurde ein Dichter, ein Dichter, der ganz Gutes leistete, und der andere wurde ein Hochstapler. Denn die vererbten Eigenschaften, die dienten zu beidem; das eine Mal ließen sie sich anwenden auf die Dichtkunst, das andere Mal auf allerlei Hochstapelei. So viel aus dem physischen Leben kommt, so viel hatten die beiden gleich. Diese Dinge muß man wirklich gewissenhaft und ernstlich studieren, nicht so, wie die heutige Wissenschaft sie oftmals studiert. Man findet zwar, daß die Leute selbst heute die Tatsache ganz richtig registrieren, aber nichts machen können aus den Tatsachen, weil ihnen die Möglichkeit fehlt, sie in Zusammenhang zu bringen mit den großen Gesetzen der wiederholten Erdenleben.
[ 16 ] Last time, I pointed out to you that science today does not yet take the time of maturity into account at all, even though it should be considered when discussing heredity. Up until that point, a person must carry within them all the impulses of heredity. What comes later must refer to a different point in time. I elaborated on this recently, eight days ago. But what, exactly, is inherited? Just how arbitrarily today’s scientists construct theories in this very field is evidenced by an unbiased observation of the following fact. People even talk about this fact, but they cannot understand it at all. Every psychiatrist must be aware—and indeed, anyone capable of observing life is aware—that there can be two sons in a family who both possess the same hereditary predispositions. Let us define these two hereditary predispositions, which may be quite similar: a certain inclination to devise concepts, to devise connections, and to apply these devised concepts to external life; at the same time, a certain—how shall I put it?—in Germany they say “bold,” or one might also say, a certain “fashionable” demeanor, the kind of proper demeanor a businessman must have. Both sons possessed this: a certain self-confidence, and stemming from that self-confidence, a certain boldness to actually carry out whatever came to mind. These were all inherited traits. That is generally how one must imagine inherited traits. Now the question is: What became of the two of them? How did their karma unfold? — One became a poet, a poet who achieved quite a lot, and the other became a con artist. For the inherited traits served both purposes; in one instance they were applied to the art of poetry, in another to all manner of swindling. To the extent that these traits stemmed from their physical lives, the two were alike. These matters must truly be studied conscientiously and seriously, not in the way modern science often studies them. Although one finds that people today recognize the facts quite correctly, they are unable to make sense of them because they lack the ability to connect them to the great laws of repeated earthly lives.
[ 17 ] Die Leute haben angefangen in einzelnen Gegenden, unter mancherlei Zeiteinflüssen nachzudenken, wie man in bezug auf die physische Vererbungslinie, Vererbungsströmung, wie der Materialist sagt, der Natur — er sagt nicht: der göttlichen Vorsehung — nachhelfen könnte; und besonders in der gegenwärtigen Zeit wird das Genie mancher Leute sehr stark hingedrängt, nachzudenken, wie man für Nachwuchs sorgen kann in dieser traurigen Zeit. Aber die Frage, wie man für Nachwuchs sorgen kann, ist identisch für die meisten Leute damit, wie man den Leuten zu möglichst viel Kindern verhelfen kann, das heißt, wie man naturwissenschaftliche Bedingungen herstellen kann, daß eine möglichst reichliche Nachkommenschaft kommt. Derjenige, der die Dinge durchschaut, kann schon voraussehen, was kommen wird. Die Leute werden alle mit den denkbar längsten Nasen abzuziehen haben, die heute ihre naturwissenschaftlichen Theorien auskramen über die möglichst günstigen Bedingungen zukünftiger Nachkommenschaft, denn alle die Leute wollen nichts lernen. Sie brauchten nur anzusehen, wie es sich verhalten hat da, wo schon günstige Bedingungen für Nachkommenschaft vorhanden waren. Denn sehen Sie, es gibt den sehr bekannten Johann Sebastian Bach, der vor jetzt bald zwei Jahrhunderten in Leipzig an der Thomasschule Kantor war und der ja im Kreise seiner zehn musizierenden Söhne recht viel musizierte. Man kann nicht sagen, daß es eine unfruchtbare Familie war. Zehn musizierende Söhne hatte er, also zehn Söhne überhaupt. Aber man kann zurückgehen bis zum Urgroßvater des Johann Sebastian Bach; der hatte Söhne — es waren so vieleSöhne da, daß durch Generationen fast die ganze Familie so fruchtbar war wie diejenige des Johann Sebastian Bach selber. Also in dieser Familie war doch im eminentesten Sinne dasjenige vorhanden, was günstige Bedingungen für die Erlangung von Nachkommen sind. Im Jahre 1850, hundert Jahre nach dem Tode von Johann Sebastian Bach, war die ganze Familie ausgestorben, kein einziger Nachkomme mehr da. Da haben Sie dasjenige, was zu studieren ist. Wenn die Leute also ihre sogenannten günstigen Bedingungen ausgekramt haben werden nach ihrer Art, werden sie nicht verhindern können, daß sie vielleicht einmal auch zehngliedrige Familien haben werden, aber die können nach fünfzig Jahren ausgestorben sein.
[ 17 ] People have begun, in certain regions and under various influences of the times, to consider how one might assist—in terms of the physical line of inheritance, or the “current of inheritance,” as the materialist puts it—nature—he does not say: divine providence; and especially in the present time, the genius of many people is being strongly driven to consider how to ensure the next generation in these sad times. But for most people, the question of how to ensure the next generation is identical to the question of how to help people have as many children as possible—that is, how to create scientific conditions that will result in the most abundant offspring possible. Anyone who sees through these matters can already foresee what is to come. Those who are now dusting off their scientific theories about the most favorable conditions for future offspring will all end up looking very foolish, for none of them are willing to learn anything. They need only look at how things turned out in places where favorable conditions for offspring already existed. For you see, there is the very famous Johann Sebastian Bach, who was cantor at St. Thomas School in Leipzig nearly two centuries ago and who, surrounded by his ten sons who were all musicians, made quite a lot of music himself. One cannot say that it was an infertile family. He had ten sons who were musicians—that is, ten sons in total. But one can go back to Johann Sebastian Bach’s great-grandfather; he had sons—there were so many sons that, across generations, almost the entire family was as prolific as that of Johann Sebastian Bach himself. So in this family, in the most eminent sense, the conditions favorable for having offspring were certainly present. In 1850, a hundred years after the death of Johann Sebastian Bach, the entire family had died out; not a single descendant remained. There you have what needs to be studied. So even if people have unearthed their so-called favorable conditions in their own way, they will not be able to prevent the possibility that they, too, might one day have families with ten members—but those families could be extinct after fifty years.
[ 18 ] Über solche Dinge werden wir noch morgen sprechen: wie sich Bedingungen ergeben, unter denen die Menschheit sich entwickelt, und wie das ganz andere Bedingungen sind als diejenigen, an welchen zunächst unsere, man kann sagen, aller Weisheit bare naturphilosophische Weltanschauung laboriert. Aber diese naturwissenschaftliche Weltanschauung, sie ist einer der Flügel des Materialismus. Und ich habe Ihnen gesprochen davon, wie diejenigen, die mit den Grundgesetzen der okkulten Weltanschauung bekannt sind, wußten, daß gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts 'Tiefstand, oder wie es die Materialisten nennen könnten, Hochstand des materialistischen Denkens, Fühlens und Wollens vorhanden war. Und wir haben vieles mit diesem materialistischen Denken der Gegenwart Zusammenhängende schon kennengelernt, wir werden noch vieles kennenzulernen haben. Aber was man immer wieder finden muß, ist, daß selbst gutmeinende Menschen gar nicht so sehr die Neigung haben, sich bekanntzumachen mit demjenigen, was in den Tiefen und auf den Höhen an materialistischen Impulsen in bezug auf die Anschauung und in bezug auf das Wollen eigentlich herrscht. In dieser Beziehung sind wirklich die Menschen merkwürdig wenig dazu geneigt, sich zu dem zu bequemen, wovon hier öfter gesprochen worden ist: mit offenen Augen die Welt zu sehen. Denn was soll aus der Welt werden, wenn sich die Anschauungen so weiter entwickeln, wie sie sich im Lauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die ganze Erde hin verbreitet haben? Und wir werden in diesen Vorträgen zu sprechen haben über die tiefen inneren Gründe, warum alle diese Sachen so sind in unserer Gegenwart.
[ 18 ] We will discuss such matters tomorrow: how the conditions under which humanity develops arise, and how these are entirely different from the conditions with which our—one might say—natural-philosophical worldview, devoid of all wisdom, initially grapples. But this scientific worldview is one of the wings of materialism. And I have spoken to you about how those familiar with the fundamental laws of the occult worldview knew that precisely in the middle of the 19th century there was a “low point”—or, as the materialists might call it, a “high point”—of materialistic thinking, feeling, and willing. And we have already become acquainted with much that is connected to this contemporary materialistic thinking; we will yet have much more to learn. But what one must repeatedly observe is that even well-meaning people are not particularly inclined to familiarize themselves with what actually prevails—in both its depths and its heights—in terms of materialistic impulses regarding worldview and volition. In this regard, people are indeed surprisingly reluctant to bring themselves to do what has often been spoken of here: to see the world with open eyes. For what will become of the world if views continue to develop as they did during the second half of the 19th century, spreading across the entire globe? And in these lectures we will have to speak about the deep inner reasons why all these things are as they are in our present time.
[ 19 ] Aber wir müssen uns einmal recht vor die Seele stellen, wie weit es gekommen ist auf vielen Gebieten. Es ist ja dieses 19. Jahrhundert dasjenige gewesen, in dem man die Anschauung vertrat, daß ein rechter Wissenschafter unmöglich sich zu den kindisch absurden Vorstellungen der alten Religionen bekennen könne. Das, was die alten Religionen bewahrt haben — und wir werden noch davon sprechen, wie sie es bewahrt haben —, faßte man nur als eine Kinderei auf. Als das Zeichen eines aufgeklärten Menschen faßte man es auf, hinaus zu sein über die Annahme eines Seelenwesens, auch hinaus zu sein über die Annahme, daß die Menschen sich besonders unterscheiden von den Tieren. Man suchte nicht nur einen physischen Zusammenhang der Menschen mit den Tieren, sondern man suchte geradezu zu zeigen, daß die Menschen selber nichts anderes seien als Tiere, die sich nur wenig von den anderen Tieren unterscheiden, wie die anderen Tiere auch voneinander. Darauf kommt es den Leuten besonders an, und daraufhin schrieb man nicht nur Naturgeschichte, daraufhin schrieb man auch Psychologien, Seelenkunden. Man braucht nur etwas herauszugreifen, was von tonangebenden Menschen des 19. Jahrhunderts herrührt, und man wird finden, zu welchen Anschauungen es die Menschen eigentlich gebracht haben.
[ 19 ] But we must take a good, hard look at how far things have come in many areas. It was, after all, the 19th century that held the view that a true scientist could not possibly subscribe to the childishly absurd notions of the old religions. What the ancient religions had preserved—and we will speak later about how they preserved it—was regarded merely as childish nonsense. It was considered a sign of an enlightened person to have moved beyond the belief in a spiritual being, and also beyond the belief that humans are fundamentally different from animals. People sought not only a physical connection between humans and animals, but they sought to demonstrate outright that humans themselves were nothing other than animals, differing only slightly from other animals, just as other animals differ from one another. This was of particular importance to people, and it was on this basis that they wrote not only natural history, but also works on psychology and the study of the soul. One need only single out a statement from one of the leading figures of the 19th century to see what views people had actually arrived at.
[ 20 ] Da habe ich ein Buch vor mir; es ist gewissermaßen ein Buch, welches tief einschneidende Anschauungen des 19. Jahrhunderts repräsentiert. Es handelt nämlich über die Seele, und zwar über die Seele des Menschen. In dem Buch wird möglichst nachzuweisen versucht, daß diese Seele des Menschen etwas ist, wovon nur die dummen Leute der früheren Zeit gesprochen haben und heute noch sprechen. Das Buch ist 1865 geschrieben, aber diese Ansichten haben sich ja fortgepflanzt, und wenn auch heute einige sagen, man wäre darüber hinaus: man ist nicht darüber hinaus, sondern gerade im Gefühls- und allgemeinen Kulturleben ist man noch tief drinnen. Es handelt über die menschliche Seele, aber es wird vorzugsweise Wert darauf gelegt, zu zeigen, daß die Tierseele dieselbe ist wie die Menschenseele. Namentlich findet sich da auf Seite 185 eine niedliche Definition der Frauen und Männer. DieFrauen, sagt der Betreffende, stellen durch ihre eigentümlichen Eigenschaften mehr die Tendenz zum Spiritualismus dar, die Männer mehr die Tendenz zum Materialismus. Es ist also der Spiritualismus, wie da dargestellt wird, eine Schwäche der Frauen! Dann findet er, daß noch gewisse hirnverbrannte Psychologen von einem Ich reden, von einem Ich als den Menschen unterscheidend von den Tieren. Aber er sagt in niedlicher Weise: Die Katze zum Beispiel zeigt, daß sie auch Ich sagt. Sie hat ein ebensolches Bewußtsein von dem Ich — wie er sich ausdrückt —, wie unsere vagen und übersinnlichen Psychologen, denn das Ich-Bewußtsein der Katze unterscheidet sich gar nicht von dem IchBewußtsein der Menschen. — Und dann kommt eine Stelle, die zitiert wird aus einem anderen Buche, womit der Verfasser aber vollständig übereinstimmt. Diese Stelle lese ich Ihnen vor und bitte Sie, dabei zu entschuldigen, daß die Sprache in ihrer Ganzheit nicht ganz salonfähig ist. Aber es ist nicht meine Schuld, es ist die Schuld der Philosophie, die sich unter solchem Einflusse ausgebildet hat, und es ist durchaus die Philosophie, welche lebendige Impulse in die Zukunft hinüberschicken will, die Philosophie, welche behauptet, heute einzig und allein die eines Menschen würdige zu sein. Da wird gesagt: «Les théologastres et les métaphysicuistres de notre époque prétendent aussi que l’homme est le seul animal religieux; c’est on ne peut plus faux, et cette erreur est toute pareille à celle de ces voyageurs qui concluent de l’absence de culte organisé à l’absence de religion chez certaines peuplades sauvages; dans une grande partie de la série animale, même parmi les mollusques, on trouve des indices de fétichisme et d’astrolâtrie.» Also bei den Mollusken und bei den anderen Tieren findet man Indizien für Fetischismus und für Sternendienst. «Les plus rapprochés de l’homme se livrent à un véritable polythéisme anthropolâtrique. Notre chien domestique aboie à la lune et hurle d’une manière toute particulière au bord de la mer, et on le voit en mainte occasion faire usage de la seule eau lustrale qui soit à sa disposition et accomplir des rites plus ou moins obscurs. Qui pourrait prouver qu’il n’y a jamais eu de grand prêtre parmi les chiens? Qu’est-ce qui aurait pu dégrader ce pauvre animal au point de lui faire lécher la main qui le frappe, si ce n’étaient des idées religieuses et superstitieuses? Comment expliquer, sans une anthropolâtrie profonde, la soumission volontaire de tant d’animaux plus forts et plus agiles que l’homme? A la vérité, on nous dira que fort souvent l’animal croque son dieu; mais, primns in orbe deos fecit timor .... Et d’ailleurs, les sectateurs de plusieurs religions mangent bien le leur!»
[ 20 ] I have a book before me; it is, in a sense, a book that represents the profound ideas of the 19th century. It deals with the soul—specifically, the human soul. The book attempts, as far as possible, to prove that this human soul is something of which only the foolish people of earlier times spoke—and still speak today. The book was written in 1865, but these views have certainly persisted, and even if some today say we have moved beyond them—we have not moved beyond them; rather, we are still deeply immersed in them, particularly in emotional and general cultural life. It deals with the human soul, but particular emphasis is placed on showing that the animal soul is the same as the human soul. Notably, on page 185, there is a charming definition of women and men. Women, says the author, by virtue of their distinctive characteristics, represent more of a tendency toward spiritualism, while men represent more of a tendency toward materialism. So spiritualism, as presented there, is a weakness of women! Then he notes that certain outlandish psychologists still speak of a “self”—a “self” that distinguishes humans from animals. But he says, in a charming way: “The cat, for example, shows that it, too, says ‘I.’” It has just as much awareness of the “I”—as he puts it—as our vague and supernatural psychologists, for the cat’s sense of self is no different at all from that of humans. — And then comes a passage quoted from another book, with which the author, however, fully agrees. I will read this passage to you and ask you to excuse the fact that the language, taken as a whole, is not entirely proper for polite company. But it is not my fault; it is the fault of philosophy, which has developed under such influences, and it is precisely the philosophy that seeks to send living impulses into the future—the philosophy that claims to be, today, the only one worthy of a human being. It is said: “The theologians and metaphysicians of our time also claim that man is the only religious animal; this could not be more false, and this error is exactly like that of those travelers who conclude from the absence of organized worship that there is no religion among certain primitive tribes; in a large part of the animal kingdom, even among mollusks, one finds evidence of fetishism and astral worship.” Thus, even among mollusks and other animals, one finds evidence of fetishism and astral worship. “Those closest to man engage in a veritable form of anthropolatric polytheism. Our domestic dog barks at the moon and howls in a very particular way by the seashore, and on many occasions we see it making use of the only lustral water at its disposal and performing rites of varying obscurity. Who could prove that there has never been a high priest among dogs? What could have degraded this poor animal to the point of making it lick the hand that strikes it, if not religious and superstitious ideas? How can one explain, without a deep-seated anthropolatry, the voluntary submission of so many animals that are stronger and more agile than man? To be sure, one might say that very often the animal devours its god; but, primns in orbe deos fecit timor .... And besides, the followers of many religions do indeed eat their own!»
[ 21 ] «Die Theologaster und Metaphysisten unserer Epoche behaupten auch, daß der Mensch das einzig religiöse Tier sei. Das ist das Falscheste, was man behaupten kann, und dieser Irrtum ist ganz ähnlich demjenigen mancher Reisenden, welche aus der Abwesenheit eines organisierten Kultes schließen auf die Abwesenheit der Religion bei gewissen wilden Völkerschaften. Bei einer großen Partie der Tiere, selbst unter den Mollusken, findet man Indizien von Fetischismus und Sternenanbeterei. Die dem Menschen am nächsten stehenden Tiere bekennen sich zu einem wahren Polytheismus der Menschenverehrung. Unser Haushund bellt den Mond an und heult in einer besonderen Weise am Ufer des Meeres, und man sieht ihn, wenn er Gelegenheit dazu hat, von dem einzigen Reinigungswasser Gebrauch machen, das zu seiner Disposition da ist, und Riten erfüllen, welche mehr oder weniger obskur sind. Wer kann beweisen, daß es niemals einen Hohenpriester unter den Hunden geben könne? Heißt es nicht dieses arme Tier degradieren, wenn man von ihm die Hand lecken läßt, die es schlägt? Sind das nicht religiöse und übersinnliche Ideen? Wie kann man erklären ohne Annahme einer profunden Anthropolatrie — also einer profunden Menschenanbetung — die freiwillige Unterwerfung so vieler Tiere, die viel stärker und beweglicher sind als die Menschen? In Wahrheit, man sagt uns oftmals, das Tier fresse seinen Gott auf» — den Menschen nämlich. «Aber — jetzt zitiert er: «Die Furcht machte den ersten Gott der Erde; ... und überdies, gibt es nicht auch Sektierer in den verschiedenen Religionen, welche ihren Gott auffressen ?»
[ 21 ] “The theologians and metaphysicians of our era also claim that man is the only religious animal. This is the most false claim one can make, and this error is very similar to that of certain travelers who infer the absence of religion among certain primitive peoples from the absence of an organized cult. Among a large number of animals, even among mollusks, one finds evidence of fetishism and star worship. The animals closest to humans practice a true polytheism of human worship. Our domestic dog barks at the moon and howls in a peculiar way on the seashore, and one sees it, when given the opportunity, making use of the only purifying water at its disposal and performing rites that are more or less obscure. Who can prove that there could never be a high priest among dogs? Is it not a degradation of this poor animal to make it lick the hand that strikes it? Are these not religious and supernatural ideas? How can one explain—without assuming a profound anthropolatry, that is, a profound worship of humans—the voluntary submission of so many animals that are much stronger and more agile than humans? In truth, we are often told that “the animal devours its god”—namely, man. “But,” he now quotes, “fear created the first god on earth; … and besides, aren’t there also sectarians in various religions who devour their god?”
[ 22 ] Dieses Buch, in dem dieser Anschauung zugestimmt wird, heißt: «Matérialisme et Spiritualisme» und ist von Leblais; aber eine Vorrede dazu hat einer geschrieben, welcher eine ganze Reihe von Schriften geschrieben hat, welcher 1871 in die Nationalversammlung berufen worden ist, in demselben Jahre berufen worden ist zum Mitglied der Académie; derselbe Littré, der wirklich als ein in der ganzen Welt bekannter Mann berufen worden ist, hat die Vorrede zu diesem Buch geschrieben. Dieses Buch handelt über die menschliche Seele, und es spricht nur in einer dezidierteren Weise dasjenige aus, was ja im Grunde genommen durch zahlreiche Seelen heute pulsiert. Und es liegt nur daran, daß man so wenig geneigt ist, das Leben zu beobachten, wenn man nicht sieht, um was es sich dabei in der Menschheitsentwickelung zum Leid und Schmerz desjenigen, der die Dinge durchschaut, handelt.
[ 22 ] This book, which endorses this view, is titled: “Matérialisme et Spiritualisme” and was written by Leblais; but the preface was written by a man who authored a whole series of works, who was elected to the National Assembly in 1871 and, in the same year, was elected a member of the Académie; the same Littré, who was truly a man known throughout the world, wrote the preface to this book. This book deals with the human soul, and it merely articulates in a more decisive manner what, in essence, pulsates through numerous souls today. And it is only because people are so reluctant to observe life that they fail to see what is at stake in human development—to the sorrow and pain of those who see through things.
[ 23 ] Ich wollte Ihnen ein keineswegs vereinzeltes Beispiel hinstellen von dem Vorhandensein materialistischer Anschauungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 23 ] I wanted to present you with an example—by no means an isolated one—of the prevalence of materialist views in the second half of the 19th century.
[ 24 ] Und nun fragen wir: Bleiben solche Anschauungen ohne Bedeutung für das äußere Leben? Dringen sie nicht nach und nach in das äußere Leben ein? Gestalten sie, formen sie nicht das äußere Leben? — Gerade gestern ist mir ein Buch des jungen Schweizers Albert Steffen geschickt worden, in dem gewissermaßen verschiedene Strömungen, die der Verfasser bemerken konnte in unserer Zeit — bemerken konnte, weil er in einer gewissen Weise durchdrungen ist von jenen Impulsen, die in der Geisteswissenschaft spielen, er ist ja auch unser Mitglied —, geschildert sind, wo der junge Steffen ein wenig schildert, was ein Mensch erleben kann, der die Wirkungen des Materialismus in der sozialen Weltgestaltung auf sich wirken läßt.
[ 24 ] And now we ask: Do such views have no significance for external life? Do they not gradually permeate external life? Do they not shape and form external life? — Just yesterday I received a book by the young Swiss author Albert Steffen, in which, in a sense, various currents that the author has observed in our time—observed because he is, in a certain way, imbued with those impulses at work in spiritual science, he is, after all, a member of our society—where the young Steffen describes, to some extent, what a person might experience when they allow the effects of materialism in the shaping of the social world to take hold of them.
[ 25 ] Da ist eine Figur in diesem Roman, der da heißt: «Der rechte Liebhaber des Schicksals», Artur mit Namen. Er schreibt ein Stückchen aus seiner Lebensgeschichte zu einem bestimmten Ziele auf. Es ist allerdings ein Romanabschnitt, aber dieser Romanabschnitt schildert sehr vieles von dem, was heute im Leben pulsiert. Also der betreffende Artur schildert ein Stückchen aus seinem Leben, aus jenem Leben, das eben verlaufen ist da, wo der Materialismus die Menschheit ergreift und das Soziale gestaltet:
[ 25 ] There is a character in this novel titled The True Lover of Fate, named Artur. He writes down a brief account of his life story with a specific purpose in mind. It is, admittedly, a section of a novel, but this section depicts much of what is pulsating in life today. So this Artur describes a part of his life—that life which has just unfolded in a world where materialism has taken hold of humanity and shapes society:
[ 26 ] «Mit 21 Jahren kam ich zum ersten Male in eine Großstadt (nicht in diese, worin ich jetzt wohne), um hier mein Studium zu beginnen.
[ 26 ] “When I was 21, I came to a big city for the first time (not the one where I live now) to begin my studies here.
[ 27 ] Ich sah mir noch am gleichen Tag die Straßen an. Es regnete. Alles war trüb und schmutzig. Die Menschen hatten einer wie der andere denselben gleichgültig-hastigen Gang. Ich fühlte mich sofort von einer inneren Öde befallen. Bei einer Plakatwand stand ich still, zu sehen, wo ich den Abend zubringen könnte. Ich las einen Anschlag, der eine Versammlung gegen den Alkohol zusammenrief. Ein Mann mit Pinsel und Leimkessel kam und klebte eine Flaschenbiermarke darüber.» So richtig das Zeichen unserer Zeit! — ein Plakat für den Antialkoholismus, und darüber geklebt eine Flaschenbiermarke.
[ 27 ] I went out to look at the streets that very same day. It was raining. Everything was gloomy and dirty. One after another, the people all had the same indifferent, hurried gait. I immediately felt overcome by a sense of inner desolation. I stopped at a billboard to see where I might spend the evening. I read a notice calling for a rally against alcohol. A man with a paintbrush and a glue pot came along and pasted a beer bottle label over it.” Such a true sign of our times! — a poster for anti-alcoholism, with a beer bottle label pasted right over it.
[ 28 ] «Da wurde mir auf einmal die Bedeutung der Stimmung bewußt, die sich meiner bemächtigt hatte, seit ich mich in dieser Stadt befand: Es war töricht, die Menschen bessern zu wollen.
[ 28 ] “Suddenly I realized the significance of the mood that had taken hold of me ever since I’d arrived in this city: It was foolish to want to reform people.
[ 29 ] Invalide standen links und rechts der Straße. Doch niemand hatte Zeit, über das Unglück nachzudenken. Frauen gingen vorüber und boten sich an. Und niemand zeigte Mitleid noch Empörung. Es schien mir plötzlich fast wunderlich, daß die Krämer nicht vor ihre Läden traten, alles zerschlugen und schrien: Was liegt daran? Aber dann begriff ich, daß die Menschen nur deshalb nicht verzweifelten, weil sie schon zu gewöhnlich, zu gerieben, zu diebisch dazu waren. Sie kannten sich schon viel zu gut in dieser Gasse aus.
[ 29 ] Disabled people stood on both sides of the street. But no one had time to think about the tragedy. Women walked by and offered their help. And no one showed compassion or outrage. It suddenly seemed almost strange to me that the shopkeepers didn’t step out in front of their stores, smash everything, and shout, “What does it matter?” But then I realized that the only reason people didn’t despair was because they were already too accustomed to it, too jaded, too thieving. They already knew their way around this alley far too well.
[ 30 ] Und verzweifelte denn ich? — Ich muß gestehen, daß ich die Stimmung dieser Gasse gierig in mich sog. Ich nahm mit schaudernder’Todeswollust die Gewißheit in mich auf, daß alles dem Untergange zugeht. Die Menschen, die mir begegneten, trugen die deutlichen Zeichen der Degeneration. Die Häuser strömten Verwesung aus. Sogar der graue Himmel schien in seinen Wolken etwas Schweres, Unausweichliches herabzusenken.
[ 30 ] And did I despair? — I must confess that I greedily absorbed the atmosphere of this alley. With a shuddering “lust for death,” I took in the certainty that everything was heading toward ruin. The people I encountered bore the clear signs of degeneration. The houses exuded decay. Even the gray sky seemed to be bringing down something heavy and inescapable through its clouds.
[ 31 ] Dieses Gefühl wurde immer mächtiger in mir. In diesem Seelenzustande suchte ich fast unbewußt stets dunklere Gassen auf. Ich geriet in Höfe mit allerlei Unrat. Ich spähte zu Fenstern hinein und sah schreckliche Verbrechen. Ich las die Zettel, die mir Betrüger und Kupplerinnen in die Hände drückten. Zuletzt stieg ich auf einen jener Kraftwagen, die mit wuchtiger Gewalt durch die Straßen sausen. Ich schloß die Augen. Das Gedonner durchrüttelte mich wie der Hymnus des Todes selbst.
[ 31 ] This feeling grew ever stronger within me. In this state of mind, I found myself—almost unconsciously—constantly seeking out darker and darker alleys. I wandered into courtyards littered with all manner of filth. I peered into windows and witnessed terrible crimes. I read the flyers that con artists and pimps pressed into my hands. Finally, I climbed into one of those cars that race through the streets with tremendous force. I closed my eyes. The roar shook me like the hymn of death itself.
[ 32 ] Plötzlich stand das Fahrzeug still. Ich beugte mich hinunter und hörte ein paar Worte von gleichgültigem Klang. Ein Kind, das über die Straße gelaufen und vom Rad erfaßt worden war, wurde tot davongetragen. Die Fahrt ging weiter.
[ 32 ] Suddenly, the vehicle came to a stop. I leaned down and heard a few words spoken in an indifferent tone. A child who had run across the street and been struck by a bicycle was carried away, dead. The journey continued.
[ 33 ] Von diesem Augenblicke an war etwas in mir gelähmt. Ich konnte nun das Entsetzlichste vernehmen, was in dieser Stadt geschah, es schreckte, empörte und ekelte mich nicht mehr. Es schien mir ganz selbstverständlich.
[ 33 ] From that moment on, something inside me was paralyzed. I could now hear about the most horrific things happening in this city, yet they no longer frightened, outraged, or disgusted me. It all seemed perfectly natural to me.
[ 34 ] Mehr: ich mußte über jeden lachen, der es ändern wollte.
[ 34 ] More: I had to laugh at everyone who wanted to change it.
[ 35 ] Konnte man sich anders in diesem Fieber von Hunger, Durst und Begierden bewegen?
[ 35 ] Was there any other way to navigate this fever of hunger, thirst, and desire?
[ 36 ] Mein Vater stammt aus einer Pastorenfamilie. Er studierte Naturwissenschaft und nahm die Resultate derselben mit großer Begeisterung auf. Sie machte ihn klar, genau, weitherzig und im wahrsten Sinne des Wortes: human. Er setzte seine ganze Kraft auf die Erforschung der sinnlichen Welt. Die übersinnliche kümmerte ihn nicht. Wenigstens vernahm ich nichts von ihr durch ihn.
[ 36 ] My father comes from a family of pastors. He studied the natural sciences and embraced their findings with great enthusiasm. They made him clear-minded, precise, open-hearted, and—in the truest sense of the word—humane. He devoted all his energy to the exploration of the sensory world. The supernatural did not concern him. At least, I never heard him mention it.
[ 37 ] Ich eignete mir in der Knabenzeit seine Weltanschauung an, ohne zu prüfen, ob ihre Lehren nicht einseitig sein könnten, wie eben ein bewunderndes Kind die Wahrheit vom Vater empfängt. Aber ich besaß noch nicht seine durch das Leben erworbene Charakterfestigkeit und nicht mehr die von den Ahnen ererbte, wenn auch von ihm geleugnete, doch trotzdem in seinem Wesen vorhandene Religiosität. Ich hatte nicht an einem solchen Vorrat zu zehren. Es waren mir in der Jugend keine frommen Gebräuche gelehrt worden, die meine Seele bereichert und vertieft hätten und in mir weiter wirken konnten.»
[ 37 ] As a boy, I adopted his worldview without questioning whether its teachings might be one-sided, just as an admiring child accepts the truth from his father. But I did not yet possess the strength of character he had acquired through life, nor did I possess the religiosity inherited from my ancestors—which, though he denied it, was nonetheless present in his very being. I had no such reserves to draw upon. In my youth, I had not been taught any devout customs that would have enriched and deepened my soul and continued to have an effect within me.”
[ 38 ] Und nun erinnern Sie sich, wie ich oftmals gesagt habe — seit Jahren habe ich das ausgeführt: Die erste Generation wird mit dem Materialismus noch leben können, weil sie unter dem geistigen Eindruck von den Vorfahren her steht; aber die folgende Generation würde unter dem Materialismus degenerieren, verkommen. — Es ist erfreulich — wenn so etwas überhaupt erfreulich sein kann —, daß das nun auch in die belletristische Literatur übergeht.
[ 38 ] And now remember how I have often said—I have been saying this for years: The first generation will still be able to live under materialism because it is under the spiritual influence of its ancestors; but the next generation would degenerate and go to ruin under materialism. — It is gratifying—if such a thing can be gratifying at all—that this is now finding its way into fiction as well.
[ 39 ] «Deshalb vielleicht» — so sagt er nun weiter — «war die Wirkung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf mich eine andere als auf den Vater. Jenes innere Erbe hinderte diesen, auf das Leben zu übertragen, was er sich als Wissen erworben hatte. Bei mir war es anders. Bei mir vermochte dieser eine Tag das ganze Wollen sozusagen umzudrehen.
[ 39 ] “Perhaps that is why”—he continues—“the impact of scientific discoveries on me was different from that on my father. That inner legacy prevented him from applying to life what he had acquired as knowledge. For me, it was different. For me, that one day was enough to turn my entire will on its head, so to speak.
[ 40 ] Dem Vater bereitete es, wie er sagte, eine intellektuelle Befriedigung, wenn er bedachte, daß der Mensch nach dem Tode sich auflöst und nicht mehr existiert. In mir rief diese Gewißheit, denn eine solche schien es, eine Art ekstatischen Selbstvernichtungstrieb und als Folge davon Herzlosigkeit und Verbrechergelüste hervor.
[ 40 ] As he put it, it gave my father intellectual satisfaction to consider that, after death, a person dissolves and ceases to exist. In me, this certainty—for that is what it seemed to be—evoked a kind of ecstatic urge toward self-destruction and, as a result, heartlessness and criminal impulses.
[ 41 ] Ich war an jenem Abend leer, gefühllos und grausam geworden und sagte nicht nein zu diesen Eigenschaften.»
[ 41 ] That evening, I had become empty, unfeeling, and cruel, and I did not deny these traits.»
[ 42 ] Ich habe Ihnen neulich gezeigt, daß selbst in den Begriffen die moderne Menschheit grausam ist. Nun lesen wir hier:
[ 42 ] I showed you the other day that modern humanity is cruel even in its terminology. Now let's read here:
[ 43 ] «Ich war an jenem Abend leer, gefühllos und grausam geworden und sagte nicht nein zu diesen Eigenschaften. Ich lebte in der folgenden Zeit ganz skrupellos. Und gerade deshalb, weil das, was ich tat, nicht einem Trieb entsprang, den ich nicht bemeistern konnte, sondern einer gewissen Konsequenz und Stärke meines Wollens, wirkte mein Beispiel doppelt verderblich. Ich wußte dies. Ich war rein böse.»
[ 43 ] “That evening, I had become empty, unfeeling, and cruel, and I did not deny these traits. In the time that followed, I lived completely without scruples. And precisely because what I did did not stem from an impulse I could not control, but rather from a certain consistency and strength of my will, my example had a doubly corrupting effect. I knew this. I was purely evil.”
[ 44 ] Nun erzählt er, wie er in böse Gesellschaft gekommen, einen anderen Menschen in böse Gesellschaft führt und so weiter. Das können Sie ja selber nachlesen. Nur noch ein anderes kleines Stückchen ist es, worauf ich aufmerksam machen möchte, weil es bezeichnend ist. Da ist eine Anzahl von Bekannten des Artur beisammen, durchaus Leute, die «aller Ehren wert» sind, die sogar in ihren Kreisen sehr Gutes wollen. Aber Artur muß sich einmal wegschleichen und sitzt dann an einem leeren Tisch allein da.
[ 44 ] Now he goes on to describe how he fell into bad company, led another person into bad company, and so on. You can read that for yourself. There’s just one more small passage I’d like to draw your attention to, because it’s telling. A number of Artur’s acquaintances are gathered together—people who are certainly “highly respectable,” who even have very good intentions within their own circles. But Artur has to slip away at one point and then sits there alone at an empty table.
[ 45 ] «Kurz darauf setzte sich ein Herr ihm gegenüber, dessen Gesicht ihn frappierte, weil es erstaunliche Ähnlichkeit mit seinem eigenen hatte. Es war bleich, mager, glatt rasiert, nur etwas hexenhafter geschnitten.
[ 45 ] “Shortly thereafter, a gentleman sat down across from him whose face struck him because it bore an astonishing resemblance to his own. It was pale, gaunt, clean-shaven, though with a somewhat witch-like appearance.
[ 46 ] Ein Hausierer kam, setzte seinen Kneifer auf, spreizte mit Taschenspielerschnelligkeit ein Bündel Ansichtskarten auseinander, erst vor Artur, dann vor dem Fremden, wobei er nicht auf die Karten, sondern in das Gesicht dessen schaute, dem er sie vor die Nase hielt, als sähe er dort seine Chancen. Artur wandte sich voll Ekel ab. Der Fremde aber musterte sie eingehend durch und wählte etwa zehn, die er zusammenschob und zerriß. «Man sollte diesen Menschen nichts zu verdienen geben», sagte er hierauf zu Artur. «Gewiß wird er die Karten, die ich kaufte, in doppelter Auflage bestellen. Es waren die abscheulichsten. Aber ich sah so viele anständige Arbeiterpärchen hier, daß ich Angst bekam, er würde sie diesen zeigen.»
[ 46 ] A peddler came along, put on his pince-nez, and, with a conjurer’s dexterity, spread out a bundle of postcards—first in front of Artur, then in front of the stranger—looking not at the cards but into the face of whoever he was holding them in front of, as if he were gauging his chances there. Artur turned away in disgust. The stranger, however, examined them closely and selected about ten, which he gathered together and tore up. “One shouldn’t give this man any reason to make money,” he then said to Artur. “He’ll surely order double the number of the cards I bought. They were the most hideous ones. But I saw so many decent working-class couples here that I became afraid he would show them to these people.”
[ 47 ] Wie kann man solche Bilder anschauen›, sagte Artur.
[ 47 ] “How can you look at pictures like that?” Artur said.
[ 48 ] ‹Geben Sie sich einen Augenblick, ohne sich zu wehren, dem Dunste hin, der hier herrscht, und Sie werden sehen, daß sich in Ihrer Seele Gestalten bilden, die sich gerade so unschön bewegen, wie die auf den Postkarten. Was sind unsere Vergnügungsorte heutzutage anderes als Höllen? Man braucht nur seine Gefühle zu prüfen, wenn man fortgeht, Rauch, Dunst, Metzen. Man nimmt nichts Edles mit.›
[ 48 ] “Surrender yourself for a moment, without resisting, to the haze that prevails here, and you will see figures take shape in your soul, moving just as unsightly as those on the postcards. What are our places of entertainment these days but hells? One need only examine one’s feelings upon leaving—smoke, haze, and debauchery. One takes nothing noble with one.’
[ 49 ] ‹Warum sind Sie denn an diesem «gefährlichen Orte»?› fragte Artur.
[ 49 ] “Why are you in this ‘dangerous place’?” Artur asked.
[ 50 ] ‹Weil ich es für eine Notwendigkeit halte, daß jemand hier ist, der sich ekelt. Der Gedanke von der Notwendigkeit des Ekels für unsere Zeit kam mir vor einigen Tagen in der griechischen Vasensammlung. Die Griechen hatten den Ekel nicht notwendig, um zur Schönheit zu gelangen. Sie lebten von vornherein in ihr. Wir aber brauchen ihn, wenn wir voll im Leben stehen wollen, um die Welt richtig zu werten, um zum Geist in uns zu kommen, um den Gott in uns zu schützen. Bei den Griechen war es anders: Wenn sie sich dem Leben hingaben, so erfüllten sie zugleich die Gesetze des Geistes. Man hatte nicht nötig, sich beständig zu wehren und zu wappnen. Das Menschenwerk ringsum machte schön: die Gebäude, die Kunst, die Sitten, die Geräte bis ins Kleinste. Wir aber werden häßlich durch alles, was uns umgibt: Straßen, Plakate, Kinematographen, Operettenmusik, alles verödet uns, alles zerstört.›...»
[ 50 ] “Because I consider it necessary for someone to be here who feels disgust. The idea that disgust is necessary for our time occurred to me a few days ago in the Greek vase collection. The Greeks did not need disgust to attain beauty. They lived within it from the very beginning. We, however, need it if we want to live life to the fullest, to judge the world correctly, to connect with the spirit within us, to protect the God within us. It was different for the Greeks: when they devoted themselves to life, they simultaneously fulfilled the laws of the spirit. There was no need to constantly defend oneself or arm oneself. The human creations all around made life beautiful: the buildings, the art, the customs, the tools—down to the smallest detail. We, however, are made ugly by everything that surrounds us: streets, posters, movies, operetta music—everything desolates us, everything destroys us.”...»
[ 51 ] Man muß studieren: Wie strömt dasjenige, was zuerst in der Gedankenwelt lebt, in der Empfindungswelt lebt, in die soziale Welt hinein? Und es ist nicht gut, wenn wir das Leben verschlafen, wenn wir nicht wissen, was eigentlich auf dem Grund dieses Lebens gespielt hat, bevor es zu den äußersten Konsequenzen gekommen ist. Denn schließlich schildert ein solcher Mann, der aufgenommen hat etwas von Geisteswissenschaft, dieses Leben schon gut, weil er ein Auge dafür hat.
[ 51 ] We must study: How does that which first exists in the world of thought, in the world of feeling, flow into the social world? And it is not good if we sleep through life, if we do not know what actually lay at the root of this life before it reached its ultimate consequences. For, after all, a person who has absorbed something of spiritual science is already well-equipped to describe this life, because he has an eye for it.
[ 52 ] Wir wollen über diese Dinge morgen weitersprechen.
[ 52 ] We want to continue discussing these matters tomorrow.
