Reflections on Contemporary History II
The Karma of Untruthfulness
GA 173b
31 December 1916, Dornach
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Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band III
Zwölfter Vortrag
Zwölfter Vortrag
[ 1 ] Sie werden begreifen, daß, wenn man teilnimmt an dem Schicksal der Menschheit, es gerade heute am Silvesterabend schwer zu sprechen ist, und es wird vielleicht verständlich sein, wenn das heute Vorgebrachte nicht in der Abrundung vorgebracht werden kann, wie das sonst der Fall wäre, da ja jene «Silvesterbescherung», die der Menschheit geworden ist, eine freie Entfaltung des Gemütes heute kaum aufkommen läßt.
[ 1 ] Sie werden begreifen, daß, wenn man teilnimmt an dem Schicksal der Menschheit, es gerade heute am Silvesterabend schwer zu sprechen ist, und es wird vielleicht verständlich sein, wenn das heute Vorgebrachte nicht in der Abrundung vorgebracht werden kann, wie das sonst der Fall wäre, da ja jene «Silvesterbescherung», die der Menschheit geworden ist, eine freie Entfaltung des Gemütes heute kaum aufkommen läßt.
[ 2 ] Ich habe gestern versucht, ein geschichtliches Ereignis vorzubringen und zu zeigen, daß ein solches geschichtliches Ereignis nicht im moralischen Sinne gedeutet werden darf, daß das, was der historischen Notwendigkeit zugrunde liegt, nicht — um diesen Nietzscheschen Ausdruck noch einmal zu gebrauchen — «moralinsauer» beurteilt werden kann. Denn man muß sich klar darüber sein, daß, ebensowenig wie das Mysterium von Golgatha mit Völkern oder Menschengruppen zu tun hat, sondern das Licht dieses Ereignisses auf den individuellen Menschen nur fällt, es nicht angeht, die gewöhnliche moralische Beurteilung des Denkens, Fühlens und Wollens des einzelnen Menschen auf Gruppen einfach analogisch zu übertragen.
[ 2 ] Ich habe gestern versucht, ein geschichtliches Ereignis vorzubringen und zu zeigen, daß ein solches geschichtliches Ereignis nicht im moralischen Sinne gedeutet werden darf, daß das, was der historischen Notwendigkeit zugrunde liegt, nicht — um diesen Nietzscheschen Ausdruck noch einmal zu gebrauchen — «moralinsauer» beurteilt werden kann. Denn man muß sich klar darüber sein, daß, ebensowenig wie das Mysterium von Golgatha mit Völkern oder Menschengruppen zu tun hat, sondern das Licht dieses Ereignisses auf den individuellen Menschen nur fällt, es nicht angeht, die gewöhnliche moralische Beurteilung des Denkens, Fühlens und Wollens des einzelnen Menschen auf Gruppen einfach analogisch zu übertragen.
[ 3 ] Man kann auch in andern Fällen nicht moralische Maßstäbe anlegen; es kann zum Beispiel niemandem einfallen, einen moralischen Maßstab anzulegen sagen wir auf den Bau eines Hauses, und ein Dach durch seine Form unmoralischer finden als ein anderes Dach. Nur liegt hier die Sache natürlich radikaler, und den Menschen liegt es ferner, dabei moralische Urteile anzuwenden; es liegt ihnen nicht, sich in einem solchen Falle durch moralische Urteile zu betäuben. Es liegt hingegen sehr nahe, dasjenige, was wahrhaftig nicht aus moralischen Gründen geschieht und was man auch nicht mit moralischen Gründen verteidigen würde, wenn man nicht heucheln wollte, mit moralischen Gründen zu verbrämen da, wo man auf die Gemüter der Menschen wirken will, die immer für derlei Dinge zugänglich sind. Deshalb habe ich ein Ereignis vorgebracht, das wohl geeignet sein kann, über gewisse Motive Licht zu verbreiten, die nun schon einmal in der Menschheitsevolution auf dem physischen Plane wirksam sind.
[ 3 ] Man kann auch in andern Fällen nicht moralische Maßstäbe anlegen; es kann zum Beispiel niemandem einfallen, einen moralischen Maßstab anzulegen sagen wir auf den Bau eines Hauses, und ein Dach durch seine Form unmoralischer finden als ein anderes Dach. Nur liegt hier die Sache natürlich radikaler, und den Menschen liegt es ferner, dabei moralische Urteile anzuwenden; es liegt ihnen nicht, sich in einem solchen Falle durch moralische Urteile zu betäuben. Es liegt hingegen sehr nahe, dasjenige, was wahrhaftig nicht aus moralischen Gründen geschieht und was man auch nicht mit moralischen Gründen verteidigen würde, wenn man nicht heucheln wollte, mit moralischen Gründen zu verbrämen da, wo man auf die Gemüter der Menschen wirken will, die immer für derlei Dinge zugänglich sind. Deshalb habe ich ein Ereignis vorgebracht, das wohl geeignet sein kann, über gewisse Motive Licht zu verbreiten, die nun schon einmal in der Menschheitsevolution auf dem physischen Plane wirksam sind.
[ 4 ] Moralisch beurteilen, weder im positiven noch im negativen Sinne, darf man so etwas wie den Ihnen gestern erzählten Opiumkrieg nicht. Denn wozu würde — um nur eines zu erwähnen — eine moralische Beurteilung führen, und wäre sie selbst eine solche, durch die sich die Menschen gewissermaßen selbst ins Gewissen reden wollten? Nehmen wir an, es fände sich jemand, der sagt: Ja, das war eben einmal eine unmoralische Unternehmung, aber nun liegt das lange hinter uns. — Das wäre wieder so ein Urteil, nur dazu bestimmt, uns zu betäuben! Denn dank den vielen Millionen, die dazumal von Asien nach Europa geflossen sind, besteht heute in seinem Gesamtzustande dasjenige Reich, das sich dann ins Gewissen reden müßte.
[ 4 ] Moralisch beurteilen, weder im positiven noch im negativen Sinne, darf man so etwas wie den Ihnen gestern erzählten Opiumkrieg nicht. Denn wozu würde — um nur eines zu erwähnen — eine moralische Beurteilung führen, und wäre sie selbst eine solche, durch die sich die Menschen gewissermaßen selbst ins Gewissen reden wollten? Nehmen wir an, es fände sich jemand, der sagt: Ja, das war eben einmal eine unmoralische Unternehmung, aber nun liegt das lange hinter uns. — Das wäre wieder so ein Urteil, nur dazu bestimmt, uns zu betäuben! Denn dank den vielen Millionen, die dazumal von Asien nach Europa geflossen sind, besteht heute in seinem Gesamtzustande dasjenige Reich, das sich dann ins Gewissen reden müßte.
[ 5 ] Dann müßte man aber auch von demselben Gewissensstandpunkt aus die gegenwärtigen Ränkespiele ebenso herb und scharf verurteilen, wie man so etwas wie den Opiumkrieg verurteilt! Sonst wäre es, wie wenn man bei einem Hause nur den zweiten, dritten, vierten Stock und das Dachgeschoß ins Auge faßte und nicht dasjenige, was nicht herausgenommen werden kann, nämlich die erste Etage. Was dazumal gewonnen worden ist, gehört zu der ganzen Konfiguration dessen, was heute als Britisches Reich vorhanden ist. Vielleicht haben Sie einmal das Beispiel gehört, wie ein Pfennig, ein Centime angewachsen wäre, wenn er zur Zeit von Christi Geburt auf Zins und Zinseszins angelegt worden wäre. Daraus können Sie ermessen, was im Laufe der Jahre an Reichtumsvermehrung möglich ist. So müssen Sie auch, wenn Sie das Erträgnis des Opiumkrieges heute beurteilen, es als einen integrierenden Faktor ins Auge fassen und sich sagen: Was aus den damaligen Millionen — seit einem Jahrhundert geht ja die Geschichte — geworden ist, ist dasjenige, was heute sich anschickt, die Welt zu regieren, die Welt zu überfluten; darinnen steckt, was dazumal gewonnen worden ist!
[ 5 ] Dann müßte man aber auch von demselben Gewissensstandpunkt aus die gegenwärtigen Ränkespiele ebenso herb und scharf verurteilen, wie man so etwas wie den Opiumkrieg verurteilt! Sonst wäre es, wie wenn man bei einem Hause nur den zweiten, dritten, vierten Stock und das Dachgeschoß ins Auge faßte und nicht dasjenige, was nicht herausgenommen werden kann, nämlich die erste Etage. Was dazumal gewonnen worden ist, gehört zu der ganzen Konfiguration dessen, was heute als Britisches Reich vorhanden ist. Vielleicht haben Sie einmal das Beispiel gehört, wie ein Pfennig, ein Centime angewachsen wäre, wenn er zur Zeit von Christi Geburt auf Zins und Zinseszins angelegt worden wäre. Daraus können Sie ermessen, was im Laufe der Jahre an Reichtumsvermehrung möglich ist. So müssen Sie auch, wenn Sie das Erträgnis des Opiumkrieges heute beurteilen, es als einen integrierenden Faktor ins Auge fassen und sich sagen: Was aus den damaligen Millionen — seit einem Jahrhundert geht ja die Geschichte — geworden ist, ist dasjenige, was heute sich anschickt, die Welt zu regieren, die Welt zu überfluten; darinnen steckt, was dazumal gewonnen worden ist!
[ 6 ] Also einfach ein Stück aus einer kontinuierlichen Entwickelung herausheben, das geht nicht, da würde man gegen alle Wahrheit verstoßen. Daher muß man sagen: Dasjenige, was geworden ist, ist mit ein Ergebnis dieses Opiumkrieges. Ganz objektiv kann man das auffassen, ohne moralisch positiv oder negativ Stellung zu nehmen. Aber die Tatsache darf man nicht mit irgendwelchem moralischen Mäntelchen übertünchen wollen, sonst würde man auch im Hinblick auf all das, was jetzt geschieht, die Möglichkeit der späteren Einsicht verhindern. Wir müssen aus karmisch-moralischen Gründen für möglich halten, daß, wenn die Menschen nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten auf die jetzigen Ereignisse zurückschauen, sie das, was heute aus ediem moralischem Patriotismus verteidigt wird, mit ebensoviel Überzeugung und Gewißheit verurteilen werden. Denn für spätere Jahrhunderte werden sich die heutigen Dinge sehr ähnlich ausnehmen.
[ 6 ] Also einfach ein Stück aus einer kontinuierlichen Entwickelung herausheben, das geht nicht, da würde man gegen alle Wahrheit verstoßen. Daher muß man sagen: Dasjenige, was geworden ist, ist mit ein Ergebnis dieses Opiumkrieges. Ganz objektiv kann man das auffassen, ohne moralisch positiv oder negativ Stellung zu nehmen. Aber die Tatsache darf man nicht mit irgendwelchem moralischen Mäntelchen übertünchen wollen, sonst würde man auch im Hinblick auf all das, was jetzt geschieht, die Möglichkeit der späteren Einsicht verhindern. Wir müssen aus karmisch-moralischen Gründen für möglich halten, daß, wenn die Menschen nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten auf die jetzigen Ereignisse zurückschauen, sie das, was heute aus ediem moralischem Patriotismus verteidigt wird, mit ebensoviel Überzeugung und Gewißheit verurteilen werden. Denn für spätere Jahrhunderte werden sich die heutigen Dinge sehr ähnlich ausnehmen.
[ 7 ] Uns geziemt es, in solche Dinge, die auf dem physischen Plane ablaufen, etwas tiefer hineinzusehen, insbesondere wenn wir es zu tun haben mit einem Zeitpunkte, der einerseits, wie in der heutigen Nacht, Festesstimmung in der Menschenseele auslösen sollte, und der auf der andern Seite gerade in diesem Jahre so bitter verlaufen muß, der uns tief zu Herzen gehen sollte, wenn wir nicht oberflächlich sein wollen. Ganz abgesehen von jedem Parteistandpunkt muß es heute jedem klar sein, daß von den Worten, die wir heute gelesen haben, das Furchtbarste abhängen kann, was über die Menschheit kommen wird.
[ 7 ] Uns geziemt es, in solche Dinge, die auf dem physischen Plane ablaufen, etwas tiefer hineinzusehen, insbesondere wenn wir es zu tun haben mit einem Zeitpunkte, der einerseits, wie in der heutigen Nacht, Festesstimmung in der Menschenseele auslösen sollte, und der auf der andern Seite gerade in diesem Jahre so bitter verlaufen muß, der uns tief zu Herzen gehen sollte, wenn wir nicht oberflächlich sein wollen. Ganz abgesehen von jedem Parteistandpunkt muß es heute jedem klar sein, daß von den Worten, die wir heute gelesen haben, das Furchtbarste abhängen kann, was über die Menschheit kommen wird.
[ 8 ] Ich sagte: Es geziemt uns, die wir auf dem Standpunkt des geistigen Erkennens stehen, in die Dinge auch etwas tiefer hineinzuschauen. — Daher will ich heute — ich weiß ja nicht, wie lange in Europa von solchen geistigen Dingen noch gesprochen werden kann — auf etwas aufmerksam machen, was als Beispiel dienen kann, um tiefer hineinzuschauen in die Verhältnisse, die sich gewissermaßen äußerlich darstellen in den Offenbarungen des physischen Planes. Sehen Sie, mehr noch als in der Wissenschaft des Physischen muß man sich klar sein, daß für die Wissenschaft des Geistigen die Tatsachen und die Tatsachenzusammenhänge nicht so einfach liegen, sondern sehr kompliziert sind. Ich habe oftmals auf diese Kompliziertheit der Tatsachen hingewiesen und Sie gebeten, sich zwar klar zu sein darüber, daß die allgemeinen Formeln, Ideen und Gesetze, die man aus der Geisteswissenschaft heraus über die Zusammenhänge des Lebens empfängt, absolut richtig sind, daß sie sich aber selbstverständlich vermannigfaltigen mit Bezug auf die konkreten Fälle.
[ 8 ] Ich sagte: Es geziemt uns, die wir auf dem Standpunkt des geistigen Erkennens stehen, in die Dinge auch etwas tiefer hineinzuschauen. — Daher will ich heute — ich weiß ja nicht, wie lange in Europa von solchen geistigen Dingen noch gesprochen werden kann — auf etwas aufmerksam machen, was als Beispiel dienen kann, um tiefer hineinzuschauen in die Verhältnisse, die sich gewissermaßen äußerlich darstellen in den Offenbarungen des physischen Planes. Sehen Sie, mehr noch als in der Wissenschaft des Physischen muß man sich klar sein, daß für die Wissenschaft des Geistigen die Tatsachen und die Tatsachenzusammenhänge nicht so einfach liegen, sondern sehr kompliziert sind. Ich habe oftmals auf diese Kompliziertheit der Tatsachen hingewiesen und Sie gebeten, sich zwar klar zu sein darüber, daß die allgemeinen Formeln, Ideen und Gesetze, die man aus der Geisteswissenschaft heraus über die Zusammenhänge des Lebens empfängt, absolut richtig sind, daß sie sich aber selbstverständlich vermannigfaltigen mit Bezug auf die konkreten Fälle.
[ 9 ] Wenn wir so mancherlei verfolgen, das wir betrachtet haben, so wissen wir: Es verläuft eine Zeit zwischen Tod und einer neuen Geburt; der Mensch steigt herunter in die physische Welt, um sein SeelischGeistiges zu verkörpern in einem physischen Menschenwesen. Wir können uns also sagen: Wenn wir den geistigen Blick hinaufwenden in die geistigen Welten, so sind immer Seelen da oben, welche sich anschicken, mit den Kräften, die sie sich ausbilden zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in physische Leiber herunterzusteigen. Das heißt, da unten warten die Möglichkeiten, daß diese oder jene physischen Leiber entstehen — oben sind die Kräfte in den Seelen, welche hintendieren zu diesen physischen Leibern.
[ 9 ] Wenn wir so mancherlei verfolgen, das wir betrachtet haben, so wissen wir: Es verläuft eine Zeit zwischen Tod und einer neuen Geburt; der Mensch steigt herunter in die physische Welt, um sein SeelischGeistiges zu verkörpern in einem physischen Menschenwesen. Wir können uns also sagen: Wenn wir den geistigen Blick hinaufwenden in die geistigen Welten, so sind immer Seelen da oben, welche sich anschicken, mit den Kräften, die sie sich ausbilden zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in physische Leiber herunterzusteigen. Das heißt, da unten warten die Möglichkeiten, daß diese oder jene physischen Leiber entstehen — oben sind die Kräfte in den Seelen, welche hintendieren zu diesen physischen Leibern.
[ 10 ] Nun müssen Sie mit dem soeben Gesagten einiges andere zusammennehmen. Sie wissen, oftmals wird als Einwendung gegen die wiederholten Erdenleben das Folgende vorgebracht; man sagt: Die Menschheit nimmt doch zu; wo kommen die Seelen her?
[ 10 ] Nun müssen Sie mit dem soeben Gesagten einiges andere zusammennehmen. Sie wissen, oftmals wird als Einwendung gegen die wiederholten Erdenleben das Folgende vorgebracht; man sagt: Die Menschheit nimmt doch zu; wo kommen die Seelen her?
[ 11 ] Ich habe oft erwidert, daß der Einwand oberflächlich ist, aus dem einfachen Grunde, weil die Leute nicht in Erwägung ziehen, daß diese sogenannte Vermehrung der Menschen nur in den allerletzten Jahrhunderten beobachtet worden ist, und daß zum Beispiel die sehr exakten Forscher, die so stolz sind auf ihre Exaktheit, sehr in Verlegenheit sein würden, wenn man sie über die Statistik des Jahres 1348, als Amerika noch nicht entdeckt war, bezüglich der Verteilung der Menschen auf der Erde befragen würde. Die Dinge, die oftmals vorgebracht werden, sind eben von einer grandiosen Oberflächlichkeit. Aber es liegt auch die Tatsache vor, daß an einigen Stellen der Erde die Geburtenzahl abnimmt, während sie an andern zunimmt, so daß sich die Bevölkerungsdichte an den verschiedenen Stellen der Erdoberfläche verändert. Dadurch entsteht eine gewisse Disharmonie. Es entsteht die Möglichkeit, daß nach den Bedingungen der Inkarnationen Seelen, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt stehen, durch ihre Kräfte aus den vorhergehenden Inkarnationen sich zwar bestimmt fühlen, sich nach irgendeinem Fleck der Erde hin zu verkörpern, daß aber den vielen Seelen nur wenige Leiber auf diesem Fleck der Erde sozusagen zur Verfügung stehen; das kann durchaus eintreten. Aber es kann auch noch etwas anderes eintreten. Und dieses, was noch eintreten kann, das wollen Sie mit dem eben Erwähnten in Zusammenhang betrachten.
[ 11 ] Ich habe oft erwidert, daß der Einwand oberflächlich ist, aus dem einfachen Grunde, weil die Leute nicht in Erwägung ziehen, daß diese sogenannte Vermehrung der Menschen nur in den allerletzten Jahrhunderten beobachtet worden ist, und daß zum Beispiel die sehr exakten Forscher, die so stolz sind auf ihre Exaktheit, sehr in Verlegenheit sein würden, wenn man sie über die Statistik des Jahres 1348, als Amerika noch nicht entdeckt war, bezüglich der Verteilung der Menschen auf der Erde befragen würde. Die Dinge, die oftmals vorgebracht werden, sind eben von einer grandiosen Oberflächlichkeit. Aber es liegt auch die Tatsache vor, daß an einigen Stellen der Erde die Geburtenzahl abnimmt, während sie an andern zunimmt, so daß sich die Bevölkerungsdichte an den verschiedenen Stellen der Erdoberfläche verändert. Dadurch entsteht eine gewisse Disharmonie. Es entsteht die Möglichkeit, daß nach den Bedingungen der Inkarnationen Seelen, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt stehen, durch ihre Kräfte aus den vorhergehenden Inkarnationen sich zwar bestimmt fühlen, sich nach irgendeinem Fleck der Erde hin zu verkörpern, daß aber den vielen Seelen nur wenige Leiber auf diesem Fleck der Erde sozusagen zur Verfügung stehen; das kann durchaus eintreten. Aber es kann auch noch etwas anderes eintreten. Und dieses, was noch eintreten kann, das wollen Sie mit dem eben Erwähnten in Zusammenhang betrachten.
[ 12 ] Ich habe — und daraus werden Sie ersehen, daß diese Vorträge, die ich in den letzten Wochen hier gehalten habe, nicht ohne Zusammenhang sind — vor einiger Zeit darauf hingewiesen, daß John Stuart Mill und mit ihm zusammen der russische Philosoph und Politiker Herzen darauf hingedeutet haben, daß in Europa in vieler Beziehung eine Art Chinesentum beginnt, daß Europa «verchinat» wird. Ich habe die Bemerkung dazumal nicht umsonst gemacht. Denn wenn John Stuart Mill, der schon ein guter Beobachter war, findet, daß in seiner Umgebung bei den Menschen merkwürdige chinesische Eigentümlichkeiten sich zeigen, so hat er damit schon in einer gewissen Beziehung Recht.
[ 12 ] Ich habe — und daraus werden Sie ersehen, daß diese Vorträge, die ich in den letzten Wochen hier gehalten habe, nicht ohne Zusammenhang sind — vor einiger Zeit darauf hingewiesen, daß John Stuart Mill und mit ihm zusammen der russische Philosoph und Politiker Herzen darauf hingedeutet haben, daß in Europa in vieler Beziehung eine Art Chinesentum beginnt, daß Europa «verchinat» wird. Ich habe die Bemerkung dazumal nicht umsonst gemacht. Denn wenn John Stuart Mill, der schon ein guter Beobachter war, findet, daß in seiner Umgebung bei den Menschen merkwürdige chinesische Eigentümlichkeiten sich zeigen, so hat er damit schon in einer gewissen Beziehung Recht.
[ 13 ] Nun betrachten Sie das Folgende: Seelen sind da, welche durch ihre vorhergehenden Bedingungen hintendieren, in chinesischen Leibern im 19. Jahrhundert oder im Anfange des 20. Jahrhunderts verkörpert zu werden. Nun, da die chinesische Bevölkerung lange nicht jene Zahl hat wie in früheren Zeiten, so können ohnedies nicht alle chinesischen Seelen dort verkörpert werden; aber in Europa, wo sich in den letzten Zeiten die Bevölkerung physisch wesentlich vermehrt hat, können viele Seelen untergebracht werden, die eigentlich dazu bestimmt sind, in chinesische Leiber hineinverkörpert zu werden. Da haben Sie den einen Grund, warum eine Chinesierung Europas von feinen Beobachtern wohl bemerkt wird.
[ 13 ] Nun betrachten Sie das Folgende: Seelen sind da, welche durch ihre vorhergehenden Bedingungen hintendieren, in chinesischen Leibern im 19. Jahrhundert oder im Anfange des 20. Jahrhunderts verkörpert zu werden. Nun, da die chinesische Bevölkerung lange nicht jene Zahl hat wie in früheren Zeiten, so können ohnedies nicht alle chinesischen Seelen dort verkörpert werden; aber in Europa, wo sich in den letzten Zeiten die Bevölkerung physisch wesentlich vermehrt hat, können viele Seelen untergebracht werden, die eigentlich dazu bestimmt sind, in chinesische Leiber hineinverkörpert zu werden. Da haben Sie den einen Grund, warum eine Chinesierung Europas von feinen Beobachtern wohl bemerkt wird.
[ 14 ] Aber das hätte nicht genügt, um Europa so zu präparieren, damit jenes europäische Karma herauskommt, welches eben herauskommen sollte; sondern es handelte sich darum, gewissermaßen den großen Gesetzen des Daseins nach einer gewissen Seite hin zu Hilfe zu kommen. Wenn man nun durch lange Zeiten hindurch dasjenige bewirkt, wovon ich Ihnen gestern Andeutungen gemacht habe: daß man viele Leiber einer ganzen Volksmasse ausmergelt, — dann bringt man es dahin, daß im Laufe der Zeit da unten Leiber entstehen, zu denen die Seelen nicht hingehen, die erst zu ihnen hintendiert haben. Dadurch, daß man die chinesischen Leiber «veropiumt» und Generationen erzeugt hat, welche unter dem Einfluß der Opiumkräfte entstanden sind, hat man die Chinesen dazu verurteilt, zum Teil sehr unreife, sehr untergeordnete Seelen,über deren Qualitäten ich nicht sprechen will, in sich aufzunehmen. Dafür aber wurden diejenigen Seelen, die sich selber für chinesische Leiber bestimmt hatten, verhindert, in diese veropiumten Leiber zu gehen. Diese wurden nach Europa abgeleitet, um da innerhalb der europäischen Bevölkerung dasjenige hervorzurufen, was dann jene feinen Beobachter, die ich anführte, wohl gemerkt haben.
[ 14 ] Aber das hätte nicht genügt, um Europa so zu präparieren, damit jenes europäische Karma herauskommt, welches eben herauskommen sollte; sondern es handelte sich darum, gewissermaßen den großen Gesetzen des Daseins nach einer gewissen Seite hin zu Hilfe zu kommen. Wenn man nun durch lange Zeiten hindurch dasjenige bewirkt, wovon ich Ihnen gestern Andeutungen gemacht habe: daß man viele Leiber einer ganzen Volksmasse ausmergelt, — dann bringt man es dahin, daß im Laufe der Zeit da unten Leiber entstehen, zu denen die Seelen nicht hingehen, die erst zu ihnen hintendiert haben. Dadurch, daß man die chinesischen Leiber «veropiumt» und Generationen erzeugt hat, welche unter dem Einfluß der Opiumkräfte entstanden sind, hat man die Chinesen dazu verurteilt, zum Teil sehr unreife, sehr untergeordnete Seelen,über deren Qualitäten ich nicht sprechen will, in sich aufzunehmen. Dafür aber wurden diejenigen Seelen, die sich selber für chinesische Leiber bestimmt hatten, verhindert, in diese veropiumten Leiber zu gehen. Diese wurden nach Europa abgeleitet, um da innerhalb der europäischen Bevölkerung dasjenige hervorzurufen, was dann jene feinen Beobachter, die ich anführte, wohl gemerkt haben.
[ 15 ] Sie sehen daher: ein solches Ereignis auf dem physischen Plan wie der Opiumkrieg, hat sehr wohl seinen geistigen Hintergrund. Er ist nicht nur für das da, wozu er zunächst da war, nämlich, daß sich Leute um Millionen bereichert haben, sondern er ist auch da, um gewisse Seelen, die sonst aus der geistigen Welt zur Verstärkung der europäischen Kulturkräfte in der jetzigen Zeit herabgekommen wären, zu verhindern, sich schon jetzt zu inkarnieren, und dafür chinesische Seelen in europäische Leiber zu praktizieren. So paradox das erscheint, es ist doch so. Es ist doch so, daß das wichtige, folgenschwere Ereignis Tatsache geworden ist, daß bei einer großen Anzahl europäischer Menschen jenes Nichtzusammenstimmen des Seelischen mit dem Leiblichen bewirkt worden ist, welches ich eben angedeutet habe. Und durch das Nichtzusammenstimmen des Seelischen mit dem Leiblichen wird immer auch hervorgerufen eine Unmöglichkeit, die Werkzeuge des Leiblichen in entsprechender Weise zu gebrauchen. Daher die Möglichkeit, mit dem Irrtum zu wirtschaften. Mit dem Irrtum kann man nicht so leicht wirtschaften, wenn derjenige, der den Irrtum durchschaut, nicht gewissermaßen durch ein festgefügtes Zeitgepräge zum Predigen in der Wüste verurteilt ist.
[ 15 ] Sie sehen daher: ein solches Ereignis auf dem physischen Plan wie der Opiumkrieg, hat sehr wohl seinen geistigen Hintergrund. Er ist nicht nur für das da, wozu er zunächst da war, nämlich, daß sich Leute um Millionen bereichert haben, sondern er ist auch da, um gewisse Seelen, die sonst aus der geistigen Welt zur Verstärkung der europäischen Kulturkräfte in der jetzigen Zeit herabgekommen wären, zu verhindern, sich schon jetzt zu inkarnieren, und dafür chinesische Seelen in europäische Leiber zu praktizieren. So paradox das erscheint, es ist doch so. Es ist doch so, daß das wichtige, folgenschwere Ereignis Tatsache geworden ist, daß bei einer großen Anzahl europäischer Menschen jenes Nichtzusammenstimmen des Seelischen mit dem Leiblichen bewirkt worden ist, welches ich eben angedeutet habe. Und durch das Nichtzusammenstimmen des Seelischen mit dem Leiblichen wird immer auch hervorgerufen eine Unmöglichkeit, die Werkzeuge des Leiblichen in entsprechender Weise zu gebrauchen. Daher die Möglichkeit, mit dem Irrtum zu wirtschaften. Mit dem Irrtum kann man nicht so leicht wirtschaften, wenn derjenige, der den Irrtum durchschaut, nicht gewissermaßen durch ein festgefügtes Zeitgepräge zum Predigen in der Wüste verurteilt ist.
[ 16 ] So sehen Sie, daß ich das, was ich Ihnen gestern erzählte, wahrhaftig nicht aus dem Grunde erzählte, um in irgendeiner abscheulichen Weise gerade dieses Ereignis in bezug auf ein Volkstum zu charakterisieren; sondern um ein Beispiel zu liefern, wie durch das, was von Menschen hier auf dem physischen Plan getan wird, tiefgreifende Änderungen auch in der geistigen Evolution der Menschheit hervorgerufen werden. Und glauben Sie nicht, daß ich alles, was ich Ihnen erzählt habe über Zentren des Irrtums, über die Art und Weise, wie heute Täuschungen, Betäubungen hervorgerufen werden, zu meinem Vergnügen erzählt habe; sondern um eben weiter zu charakterisieren, wie gerade in unserer materialistischen Zeit vieles beschaffen ist. Und heute versuchte ich, Ihnen einen der Gründe anzuführen, die sich ergeben, wenn man dasjenige, was durch Menschen geschieht, nicht bloß in seinem physischen Verlauf betrachtet, sondern wenn man es ansieht mit Bezug auf seinen okkulten Hintergrund. Da bedeutet eben so etwas wie jenerOpiumkrieg tatsächlich eine Umlagerung des seelischen Elementes von dem einen Punkt der Erde, wo es hingehört, und wo es vielleicht hätte nützlich werden können, weil es in Leiber gekommen wäre, in dieesgepaßthätte, auf einen andern Punkt der Erde, wo es ein Werkzeug sein kann für Mächte, die es durchaus in der einen oder andern Weise in ihrer Art, nun, sagen wir, nicht gut mit der Menschheit meinen.
[ 16 ] So sehen Sie, daß ich das, was ich Ihnen gestern erzählte, wahrhaftig nicht aus dem Grunde erzählte, um in irgendeiner abscheulichen Weise gerade dieses Ereignis in bezug auf ein Volkstum zu charakterisieren; sondern um ein Beispiel zu liefern, wie durch das, was von Menschen hier auf dem physischen Plan getan wird, tiefgreifende Änderungen auch in der geistigen Evolution der Menschheit hervorgerufen werden. Und glauben Sie nicht, daß ich alles, was ich Ihnen erzählt habe über Zentren des Irrtums, über die Art und Weise, wie heute Täuschungen, Betäubungen hervorgerufen werden, zu meinem Vergnügen erzählt habe; sondern um eben weiter zu charakterisieren, wie gerade in unserer materialistischen Zeit vieles beschaffen ist. Und heute versuchte ich, Ihnen einen der Gründe anzuführen, die sich ergeben, wenn man dasjenige, was durch Menschen geschieht, nicht bloß in seinem physischen Verlauf betrachtet, sondern wenn man es ansieht mit Bezug auf seinen okkulten Hintergrund. Da bedeutet eben so etwas wie jenerOpiumkrieg tatsächlich eine Umlagerung des seelischen Elementes von dem einen Punkt der Erde, wo es hingehört, und wo es vielleicht hätte nützlich werden können, weil es in Leiber gekommen wäre, in dieesgepaßthätte, auf einen andern Punkt der Erde, wo es ein Werkzeug sein kann für Mächte, die es durchaus in der einen oder andern Weise in ihrer Art, nun, sagen wir, nicht gut mit der Menschheit meinen.
[ 17 ] Wir müssen uns klar sein, daß der äußere Kulturhistoriker selbstverständlich nur eine Degenerierung gewisser Kreise des chinesischen Volkstumes als Wirkung des Opiumkrieges feststellen muß. Derjenige aber, der geistige Kulturgeschichte ins Auge faßt, muß tiefer schauen und sehen, was dadurch in der ganzen Menschheit bewirkt wird. Denn nur in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum, der von Materialismus ganz durchsetzt ist, ist eine Betrachtung möglich, die geradezu tief ahrimanisch ist, die aber heute alles Denken und alle Ideen durchsetzt: nämlich, daß man sich dem Glauben hingibt, es könne bei einem Teil der Menschen irgend etwas Rechtes oder Unrechtes geschehen, was nicht auf die ganze Menschheit wirke. Dasjenige, was in bezug auf einen Teil geschieht, oder von einem Teil getan wird, wird stets dadurch, daß sich die Kräfte hinter den Kulissen des physischen Daseins in einer gewissen Weise anordnen, der ganzen Menschheitsevolution zukommen.
[ 17 ] Wir müssen uns klar sein, daß der äußere Kulturhistoriker selbstverständlich nur eine Degenerierung gewisser Kreise des chinesischen Volkstumes als Wirkung des Opiumkrieges feststellen muß. Derjenige aber, der geistige Kulturgeschichte ins Auge faßt, muß tiefer schauen und sehen, was dadurch in der ganzen Menschheit bewirkt wird. Denn nur in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum, der von Materialismus ganz durchsetzt ist, ist eine Betrachtung möglich, die geradezu tief ahrimanisch ist, die aber heute alles Denken und alle Ideen durchsetzt: nämlich, daß man sich dem Glauben hingibt, es könne bei einem Teil der Menschen irgend etwas Rechtes oder Unrechtes geschehen, was nicht auf die ganze Menschheit wirke. Dasjenige, was in bezug auf einen Teil geschieht, oder von einem Teil getan wird, wird stets dadurch, daß sich die Kräfte hinter den Kulissen des physischen Daseins in einer gewissen Weise anordnen, der ganzen Menschheitsevolution zukommen.
[ 18 ] Erst im sechsten nachatlantischen Zeitraum kann diejenige Verantwortung bei den Menschen einigermaßen allgemein werden, die dahin geht, daß ein jeder für das, was er tut, sich nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Menschheit gegenüber verantwortlich fühlt. Heute stehen wir in jener Katastrophenstimmung aus dem Grunde drinnen, weil das gerade Gegenteil das Allgemeine ist, und sich die Menschheit anschickt, aus den Anschauungen der gegenwärtigen Zeit die gegenteilige Betrachtungsweise geradezu als die richtige allmählich herauszukristallisieren.
[ 18 ] Erst im sechsten nachatlantischen Zeitraum kann diejenige Verantwortung bei den Menschen einigermaßen allgemein werden, die dahin geht, daß ein jeder für das, was er tut, sich nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Menschheit gegenüber verantwortlich fühlt. Heute stehen wir in jener Katastrophenstimmung aus dem Grunde drinnen, weil das gerade Gegenteil das Allgemeine ist, und sich die Menschheit anschickt, aus den Anschauungen der gegenwärtigen Zeit die gegenteilige Betrachtungsweise geradezu als die richtige allmählich herauszukristallisieren.
[ 19 ] Also das sei ein Beispiel, um Ihnen zu zeigen, daß das, was auf dem physischen Plan geschieht, wahrhaftig seine Wirkungen bis in die geistige Welt hineinerstreckt und somit nicht nur für den physischen Plan Bedeutung hat, sondern seinen Widerhall in den Geschehnissen der geistigen Welt, und damit der ganzen Welt hervorruft. Das ist in dem Mysteriendrama mit vollem Bedacht ausgesprochen, nicht nur um irgend etwas Poetisches hinzustellen, sondern um eben eine Wahrheit, die in die gegenwärtige Zeit hineingestellt werden muß, wirklich einmal zu verkörpern, wie es mit allen Dingen ist, die in den Mysterien stehen.
[ 19 ] Also das sei ein Beispiel, um Ihnen zu zeigen, daß das, was auf dem physischen Plan geschieht, wahrhaftig seine Wirkungen bis in die geistige Welt hineinerstreckt und somit nicht nur für den physischen Plan Bedeutung hat, sondern seinen Widerhall in den Geschehnissen der geistigen Welt, und damit der ganzen Welt hervorruft. Das ist in dem Mysteriendrama mit vollem Bedacht ausgesprochen, nicht nur um irgend etwas Poetisches hinzustellen, sondern um eben eine Wahrheit, die in die gegenwärtige Zeit hineingestellt werden muß, wirklich einmal zu verkörpern, wie es mit allen Dingen ist, die in den Mysterien stehen.
[ 20 ] Die Menschheit ist heute noch recht wenig weit in bezug auf die Gewinnung weiter Horizonte für die Weltbetrachtung. Weite Horizonte für die Weltbetrachtung — die will man gewissermaßen nicht. Und die Wissenschaft der Gegenwart geht geradezu darauf aus, die Horizonte immer mehr und mehr einzuschränken. Dem liegt allerdings eine geheime Furcht zugrunde, die Furcht vor dem, was die Wahrheit ist. Diese Furcht vor der Wahrheit bemächtigt sich der Menschheit immer mehr und mehr im einzelnen alltäglichen Fall, aber auch im großen und ganzen. Und würde es im großen und ganzen nicht der Fall sein, so würde es im alltäglichen Fall nicht eintreten können. Man würde zum Beispiel jetzt nicht denKrieg verlängern, aus dem einfachen Grunde, weil man Furcht davor hat, daß bei einer wirklichen Aussprache zwecks Verständigung gewisse Dinge herauskommen würden — nun —, vor denen man sich eben fürchtet.
[ 20 ] Die Menschheit ist heute noch recht wenig weit in bezug auf die Gewinnung weiter Horizonte für die Weltbetrachtung. Weite Horizonte für die Weltbetrachtung — die will man gewissermaßen nicht. Und die Wissenschaft der Gegenwart geht geradezu darauf aus, die Horizonte immer mehr und mehr einzuschränken. Dem liegt allerdings eine geheime Furcht zugrunde, die Furcht vor dem, was die Wahrheit ist. Diese Furcht vor der Wahrheit bemächtigt sich der Menschheit immer mehr und mehr im einzelnen alltäglichen Fall, aber auch im großen und ganzen. Und würde es im großen und ganzen nicht der Fall sein, so würde es im alltäglichen Fall nicht eintreten können. Man würde zum Beispiel jetzt nicht denKrieg verlängern, aus dem einfachen Grunde, weil man Furcht davor hat, daß bei einer wirklichen Aussprache zwecks Verständigung gewisse Dinge herauskommen würden — nun —, vor denen man sich eben fürchtet.
[ 21 ] Einige von Ihnen werden sich erinnern, daß ich vieles, was im Laufe der Jahre mit Bezug auf die Tendenzen unserer Zeit ausgesprochen worden ist, in einem ganzen Vortragszyklus in Wien im Frühling 1914 zusammengefaßt habe. Ich machte dort darauf aufmerksam, daß man von einem sozialen Karzinom sprechen könne. Ich muß gestehen: etwas verwundert bin ich immer darüber, daß solche Bemerkungen, die tief hineinleuchten in gewisse Dinge, die vorhanden sind, sehr häufig nur so hingenommen werden, nun ja, wie etwas, was auch sonst in der Gegenwart eben ausgesprochen wird, was ein wenig die Neugierde befriedigt.
[ 21 ] Einige von Ihnen werden sich erinnern, daß ich vieles, was im Laufe der Jahre mit Bezug auf die Tendenzen unserer Zeit ausgesprochen worden ist, in einem ganzen Vortragszyklus in Wien im Frühling 1914 zusammengefaßt habe. Ich machte dort darauf aufmerksam, daß man von einem sozialen Karzinom sprechen könne. Ich muß gestehen: etwas verwundert bin ich immer darüber, daß solche Bemerkungen, die tief hineinleuchten in gewisse Dinge, die vorhanden sind, sehr häufig nur so hingenommen werden, nun ja, wie etwas, was auch sonst in der Gegenwart eben ausgesprochen wird, was ein wenig die Neugierde befriedigt.
[ 22 ] Ich wollte darauf hinweisen, daß in unserem gegenwärtigen Leben — im Anfang des Jahres 1914 — gewisse Impulse tätig sind, welche sich vergleichen lassen mit dem Impuls im physischen menschlichen Organismus, der dem Karzinom, der Krebskrankheit, zugrunde liegt. Und ich sagte dazumal, daß es mehr und mehr eine Aufgabe für die Menschheit sein muß, gerade so, wie man den kranken Organismus, insofern er physisch ist, studiert, auch zu studieren den sozialen Organismus, wo allerdings nicht in einer solchen Weise das Krankheitsgift vorhanden ist wie im physischen Organismus, aber deshalb nicht minder eben Krankheitsgift ist. Aber dann muß man einen Sinn haben für das Spirituelle. Man kann keinen Sinn haben für das Spirituelle, wenn man es leugnet. Im Sozialen träufelt natürlich nicht ein solches Bakteriengift oder dergleichen, wie im physischen Organismus. Es ist im sozialen Organismus nur zu finden, wenn man einen Sinn hat für dasjenige, was geistig durch das Dasein geht. Aber wenn man die Möglichkeit hat, nicht bloß Analogien zu machen, die unstatthaft sind, sondern die Dinge wirklich, ich möchte sagen, auf den verschiedenen Planen zu verfolgen, dann wird man hinter diesen Dingen sich schon etwas vorstellen können.
[ 22 ] Ich wollte darauf hinweisen, daß in unserem gegenwärtigen Leben — im Anfang des Jahres 1914 — gewisse Impulse tätig sind, welche sich vergleichen lassen mit dem Impuls im physischen menschlichen Organismus, der dem Karzinom, der Krebskrankheit, zugrunde liegt. Und ich sagte dazumal, daß es mehr und mehr eine Aufgabe für die Menschheit sein muß, gerade so, wie man den kranken Organismus, insofern er physisch ist, studiert, auch zu studieren den sozialen Organismus, wo allerdings nicht in einer solchen Weise das Krankheitsgift vorhanden ist wie im physischen Organismus, aber deshalb nicht minder eben Krankheitsgift ist. Aber dann muß man einen Sinn haben für das Spirituelle. Man kann keinen Sinn haben für das Spirituelle, wenn man es leugnet. Im Sozialen träufelt natürlich nicht ein solches Bakteriengift oder dergleichen, wie im physischen Organismus. Es ist im sozialen Organismus nur zu finden, wenn man einen Sinn hat für dasjenige, was geistig durch das Dasein geht. Aber wenn man die Möglichkeit hat, nicht bloß Analogien zu machen, die unstatthaft sind, sondern die Dinge wirklich, ich möchte sagen, auf den verschiedenen Planen zu verfolgen, dann wird man hinter diesen Dingen sich schon etwas vorstellen können.
[ 23 ] Nun könnte die Frage entstehen: Wie wird denn überhaupt so etwas bewirkt, wie ich es angeführt habe, daß im sozialen Leben des Erdballs gewissermaßen eine ganze Seelenschaft von einem Punkt nach dem andern geleitet wird, ähnlich dem künstlichen Kultivieren gewisser Krankheiten im menschlichen Organismus? — Wenn man diese Dinge versteht, wenn man sie zuerst gewissermaßen unabhängig von dem studiert, was einem im Menschenleben entgegentritt, so kann man bereits auf einiges aufmerksam werden. Bedenken wir, daß das Pflanzenleben, das Tierleben, das mineralische natürlich auch, die Eigentümlichkeit haben, daß gewisse Gifte daraus abgesondert werden. Sie wissen, diese Gifte haben zweierlei Eigenschaften. Auf der einen Seite sind sie eben dasjenige, was durch das Wort «Gift» ausgedrückt wird: sie zerstören das jeweilige höhere Leben, sie zerstören und töten zum Beispiel den menschlichen Organismus. Auf der andern Seite aber — in den entsprechenden Dosen genommen und entsprechend zubereitet — sind sie Heilmittel.
[ 23 ] Nun könnte die Frage entstehen: Wie wird denn überhaupt so etwas bewirkt, wie ich es angeführt habe, daß im sozialen Leben des Erdballs gewissermaßen eine ganze Seelenschaft von einem Punkt nach dem andern geleitet wird, ähnlich dem künstlichen Kultivieren gewisser Krankheiten im menschlichen Organismus? — Wenn man diese Dinge versteht, wenn man sie zuerst gewissermaßen unabhängig von dem studiert, was einem im Menschenleben entgegentritt, so kann man bereits auf einiges aufmerksam werden. Bedenken wir, daß das Pflanzenleben, das Tierleben, das mineralische natürlich auch, die Eigentümlichkeit haben, daß gewisse Gifte daraus abgesondert werden. Sie wissen, diese Gifte haben zweierlei Eigenschaften. Auf der einen Seite sind sie eben dasjenige, was durch das Wort «Gift» ausgedrückt wird: sie zerstören das jeweilige höhere Leben, sie zerstören und töten zum Beispiel den menschlichen Organismus. Auf der andern Seite aber — in den entsprechenden Dosen genommen und entsprechend zubereitet — sind sie Heilmittel.
[ 24 ] Dieses beruht auf einem tiefen Zusammenhang in dem ganzen natürlichen Dasein. Wir müssen uns gewisse Vorstellungen allmählich darüber machen. Wir dürfen diese Vorstellungen zwar nicht aus Hypothesen gewinnen, noch weniger aus Phantastereien; aber wenn wir Geisteswissenschaft verfolgen, so können wir uns schon gewisse Vorstellungen machen. Wir haben zum Beispiel die Wahrheit, daß die Entwickelung der Menschheit und der damit zusammenhängenden Welt durch Saturn, Sonne und Mond bis herein zum Erdendasein gegangen ist, und wir wissen: Vor unserem Erdendasein war das Mondendasein. — Ich habe es zum Teil beschrieben, aber bis jetzt mehr physikalisch, möchte ich sagen, als aus den Substantialitäten des Mondendaseins selber. Sie können aus den von mir gegebenen Beschreibungen ersehen, daß dieses Mondendasein durchaus physisch war, daß es, wenigstens in gewissen Stadien der Entwickelung, ebenso physisch war wie unser Erdendasein. Wenn auch das mineralische Reich nicht da war, das Mondendasein war physisch. Die physischen Gebilde standen unter andern Bedingungen; aber es war physisch. Und da kann die Frage entstehen: Wie läßt sich das Substantielle, das auf dem Monde war, vergleichen mit dem Substantiellen, das auf unserer Erde ist, mit dem, was sozusagen in den Substanzen unserer Erde fließt und pulst?
[ 24 ] Dieses beruht auf einem tiefen Zusammenhang in dem ganzen natürlichen Dasein. Wir müssen uns gewisse Vorstellungen allmählich darüber machen. Wir dürfen diese Vorstellungen zwar nicht aus Hypothesen gewinnen, noch weniger aus Phantastereien; aber wenn wir Geisteswissenschaft verfolgen, so können wir uns schon gewisse Vorstellungen machen. Wir haben zum Beispiel die Wahrheit, daß die Entwickelung der Menschheit und der damit zusammenhängenden Welt durch Saturn, Sonne und Mond bis herein zum Erdendasein gegangen ist, und wir wissen: Vor unserem Erdendasein war das Mondendasein. — Ich habe es zum Teil beschrieben, aber bis jetzt mehr physikalisch, möchte ich sagen, als aus den Substantialitäten des Mondendaseins selber. Sie können aus den von mir gegebenen Beschreibungen ersehen, daß dieses Mondendasein durchaus physisch war, daß es, wenigstens in gewissen Stadien der Entwickelung, ebenso physisch war wie unser Erdendasein. Wenn auch das mineralische Reich nicht da war, das Mondendasein war physisch. Die physischen Gebilde standen unter andern Bedingungen; aber es war physisch. Und da kann die Frage entstehen: Wie läßt sich das Substantielle, das auf dem Monde war, vergleichen mit dem Substantiellen, das auf unserer Erde ist, mit dem, was sozusagen in den Substanzen unserer Erde fließt und pulst?
[ 25 ] Da finder man durch die okkulten Untersuchungen: Das, was jetzt auf unserer Erde so vorhanden ist, daß sich zum Beispiel der menschliche Leib, der es zur Nahrung braucht, damit vereinigen kann, das ist, in der Art wie es heute vorhanden ist, eigentlich erst während des Erdendaseins entstanden. Es hat allerdings frühere Stadien durchgemacht, ist aber so, wie es heute vorhanden ist, während des Erdendaseins entstanden. Man könnte nicht von einem «Weizen» oder von einer «Gerste» auf dem Monde sprechen.
[ 25 ] Da finder man durch die okkulten Untersuchungen: Das, was jetzt auf unserer Erde so vorhanden ist, daß sich zum Beispiel der menschliche Leib, der es zur Nahrung braucht, damit vereinigen kann, das ist, in der Art wie es heute vorhanden ist, eigentlich erst während des Erdendaseins entstanden. Es hat allerdings frühere Stadien durchgemacht, ist aber so, wie es heute vorhanden ist, während des Erdendaseins entstanden. Man könnte nicht von einem «Weizen» oder von einer «Gerste» auf dem Monde sprechen.
[ 26 ] Was ist nun auf dem Monde vorhanden gewesen von dem Substantiellen, das in den Reichen unserer Erde ist? Das, was heute im mineralischen, pflanzlichen und tierischen Reich als Gift fließt, was wir heute Gift nennen und was als Gift wirkt, das war die Normalsubstanz auf dem Monde! Sie brauchen sich dazu nur zu erinnern an dasjenige, worauf ich schon öfter aufmerksam gemacht habe, wie auf dem Monde die Blausäure vorhanden war als etwas durchaus Normales. Ich habe auch das seit dem Jahre 1906 öfters erwähnt, wo ich in Paris zum erstenmal darauf hingewiesen habe. Diese Dinge hängen alle mit der Zyansäure zusammen.
[ 26 ] Was ist nun auf dem Monde vorhanden gewesen von dem Substantiellen, das in den Reichen unserer Erde ist? Das, was heute im mineralischen, pflanzlichen und tierischen Reich als Gift fließt, was wir heute Gift nennen und was als Gift wirkt, das war die Normalsubstanz auf dem Monde! Sie brauchen sich dazu nur zu erinnern an dasjenige, worauf ich schon öfter aufmerksam gemacht habe, wie auf dem Monde die Blausäure vorhanden war als etwas durchaus Normales. Ich habe auch das seit dem Jahre 1906 öfters erwähnt, wo ich in Paris zum erstenmal darauf hingewiesen habe. Diese Dinge hängen alle mit der Zyansäure zusammen.
[ 27 ] Nun, für den Mond waren also die heutigen Gifte durchaus dasselbe, was für die Erde die Pflanzensäfte sind, die der Mensch vertragen kann. Warum sind denn heute noch Gifte vorhanden? Aus demselben Grunde, aus welchem Ahriman vorhanden ist: sie sind eben das Zurückgebliebene, das in physischen Formen Zurückgebliebene. Wir haben also dasjenige, was der Mensch vertragen kann, was in normaler Weise fortgeschritten ist, und dasjenige, was im Mondstadium, das heißt, im Giftstadium zurückgeblieben ist.
[ 27 ] Nun, für den Mond waren also die heutigen Gifte durchaus dasselbe, was für die Erde die Pflanzensäfte sind, die der Mensch vertragen kann. Warum sind denn heute noch Gifte vorhanden? Aus demselben Grunde, aus welchem Ahriman vorhanden ist: sie sind eben das Zurückgebliebene, das in physischen Formen Zurückgebliebene. Wir haben also dasjenige, was der Mensch vertragen kann, was in normaler Weise fortgeschritten ist, und dasjenige, was im Mondstadium, das heißt, im Giftstadium zurückgeblieben ist.
[ 28 ] Nun hat die Sache aber auch eine andere Seite. Wir wissen, daß wir uns zu der Möglichkeit der heutigen Geistigkeit erst entwickelt haben mit dem Herübergehen vom Mond zur Erde. Was sich normal weiterentwickelt hat, ging gewissermaßen parallel unserer Entwickelung auch im Substantiellen der unteren Reiche. Nur die Gifte sind zurückgeblieben. Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen dem, was nicht im geistigen, sondern im physischen Sinne die substantielle Grundlage unseres höheren Menschen ist, also den höheren Organen, die uns eigentlich zum Menschen machen, es besteht ein Zusammenhang zwischen der substantiellen Grundlage dieser Organe im Menschen, die erst auf der Erde sich entwickelt haben, und den Giftsubstanzen des Mondes. Wir tragen gewissermaßen das weitere Entwickelungsstadium der Gifte in uns. Das, was wir als Gift heute sehen, ist im zurückgebliebenen Stadium. Dasjenige, was der Mensch in den unteren Reichen vertragen kann, das hat sich gewissermaßen in absteigender Weise entwickelt; was aber in aufsteigender Weise sich entwickelt hat, was in uns so lebt, daß es sich umbilden kann zum Träger unseres Ich, das sind die umgestalteten Giftsubstanzen des Mondes.
[ 28 ] Nun hat die Sache aber auch eine andere Seite. Wir wissen, daß wir uns zu der Möglichkeit der heutigen Geistigkeit erst entwickelt haben mit dem Herübergehen vom Mond zur Erde. Was sich normal weiterentwickelt hat, ging gewissermaßen parallel unserer Entwickelung auch im Substantiellen der unteren Reiche. Nur die Gifte sind zurückgeblieben. Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen dem, was nicht im geistigen, sondern im physischen Sinne die substantielle Grundlage unseres höheren Menschen ist, also den höheren Organen, die uns eigentlich zum Menschen machen, es besteht ein Zusammenhang zwischen der substantiellen Grundlage dieser Organe im Menschen, die erst auf der Erde sich entwickelt haben, und den Giftsubstanzen des Mondes. Wir tragen gewissermaßen das weitere Entwickelungsstadium der Gifte in uns. Das, was wir als Gift heute sehen, ist im zurückgebliebenen Stadium. Dasjenige, was der Mensch in den unteren Reichen vertragen kann, das hat sich gewissermaßen in absteigender Weise entwickelt; was aber in aufsteigender Weise sich entwickelt hat, was in uns so lebt, daß es sich umbilden kann zum Träger unseres Ich, das sind die umgestalteten Giftsubstanzen des Mondes.
[ 29 ] Nur dadurch, daß wir diese umgestalteten Giftsubstanzen des Mondes in uns tragen, haben wir eine gewisse Fähigkeit, Ich-bewußte Wesen zu sein. Hierauf habe ich sogar in öffentlichen Vorträgen schon aufmerksam gemacht, indem ich sagte, daß dem Menschen zum Leben nicht nur aufbauende, sondern abbauende Kräfte notwendig sind; denn wenn wir nicht abbauen könnten, so könnten wir keine Ich-Intelligenz haben. Das Abbauen, das Altern und der Tod sind von der Geburt an notwendig, weil wir im Abbauen gerade, nicht im Aufbauen, die Grundlagen haben für unsere geistige Entwickelung. Das Aufbauende schläfert uns ein; überall, wo Aufbauendes in uns tätig ist, ist einschläfernde, wuchernde Tätigkeit. Das trübt das Bewußtsein herab. Bewußtsein kann nur leben durch Verbrauch von geistigen Kräften. Die Strukturen, die in uns sind mit ihren Substanzen zu diesem Verbrauch von geistigen Kräften, sind umgewandelte Giftsubstanzen des Mondes; nur sind sie eben in einer gewissen Weise umgewandelt, so daß sie nicht so wirken, wie sie auf dem Monde gewirkt haben.
[ 29 ] Nur dadurch, daß wir diese umgestalteten Giftsubstanzen des Mondes in uns tragen, haben wir eine gewisse Fähigkeit, Ich-bewußte Wesen zu sein. Hierauf habe ich sogar in öffentlichen Vorträgen schon aufmerksam gemacht, indem ich sagte, daß dem Menschen zum Leben nicht nur aufbauende, sondern abbauende Kräfte notwendig sind; denn wenn wir nicht abbauen könnten, so könnten wir keine Ich-Intelligenz haben. Das Abbauen, das Altern und der Tod sind von der Geburt an notwendig, weil wir im Abbauen gerade, nicht im Aufbauen, die Grundlagen haben für unsere geistige Entwickelung. Das Aufbauende schläfert uns ein; überall, wo Aufbauendes in uns tätig ist, ist einschläfernde, wuchernde Tätigkeit. Das trübt das Bewußtsein herab. Bewußtsein kann nur leben durch Verbrauch von geistigen Kräften. Die Strukturen, die in uns sind mit ihren Substanzen zu diesem Verbrauch von geistigen Kräften, sind umgewandelte Giftsubstanzen des Mondes; nur sind sie eben in einer gewissen Weise umgewandelt, so daß sie nicht so wirken, wie sie auf dem Monde gewirkt haben.
[ 30 ] Nun ist es schwierig, sich das für gewisse Giftsubstanzen vorzustellen; aber es ist doch so, daß wir uns die Entwickelung dieser Gifte so vorzustellen haben, daß ihre Intensität zu einem Siebentel oder zwei Siebentel oder drei Siebentel geringer geworden ist. Wenn Sie also gewisse Giftsubstanzen in Pflanzen haben, so sind diese, so wie sie heute sind, zurückgeblieben vom Monde her. Andere Giftsubstanzen sind in ihrer Giftwirkung um ein Vielfaches abgeschwächt und im Verlaufe der Evolution uns eingeimpft worden. Dadurch sind wir imstande, während des Lebens zu altern. Dadurch sind wir auch imstande, jene Giftwirkung auszuüben — denn eine Giftwirkung ist es — welche darinnen besteht, daß in der Fortpflanzung der Menschheit Männliches wirkt auf Weibliches. Diese Giftwirkung drückt sich darinnen aus, daß durch das bloß Weibliche jedenfalls nur die Tendenz vorhanden ist, ein ätherisches Wesen hervorzubringen. Diese Tendenz ist vorhanden auch ohne Giftwirkung. Damit dieses ätherische Wesen sich physisch gestalten kann, muß das wuchernde ätherische Leben vergiftet werden. Ich habe das in dem physiologischen Vortrage in Prag seinerzeit angedeutet. Und diese Vergiftung ist der Befruchtungsakt, so wie auch im Pflanzenleben die Einwirkung des Stoffes aus dem Atherischen auf das Pistill, der Befruchtungsakt der Pflanze, eine Licht-Giftwirkung ist.
[ 30 ] Nun ist es schwierig, sich das für gewisse Giftsubstanzen vorzustellen; aber es ist doch so, daß wir uns die Entwickelung dieser Gifte so vorzustellen haben, daß ihre Intensität zu einem Siebentel oder zwei Siebentel oder drei Siebentel geringer geworden ist. Wenn Sie also gewisse Giftsubstanzen in Pflanzen haben, so sind diese, so wie sie heute sind, zurückgeblieben vom Monde her. Andere Giftsubstanzen sind in ihrer Giftwirkung um ein Vielfaches abgeschwächt und im Verlaufe der Evolution uns eingeimpft worden. Dadurch sind wir imstande, während des Lebens zu altern. Dadurch sind wir auch imstande, jene Giftwirkung auszuüben — denn eine Giftwirkung ist es — welche darinnen besteht, daß in der Fortpflanzung der Menschheit Männliches wirkt auf Weibliches. Diese Giftwirkung drückt sich darinnen aus, daß durch das bloß Weibliche jedenfalls nur die Tendenz vorhanden ist, ein ätherisches Wesen hervorzubringen. Diese Tendenz ist vorhanden auch ohne Giftwirkung. Damit dieses ätherische Wesen sich physisch gestalten kann, muß das wuchernde ätherische Leben vergiftet werden. Ich habe das in dem physiologischen Vortrage in Prag seinerzeit angedeutet. Und diese Vergiftung ist der Befruchtungsakt, so wie auch im Pflanzenleben die Einwirkung des Stoffes aus dem Atherischen auf das Pistill, der Befruchtungsakt der Pflanze, eine Licht-Giftwirkung ist.
[ 31 ] Da sehen Sie etwas, was für den Menschen selbst während der Erde entstanden ist: die Fortpflanzung. Sie ist gewissermaßen eine destillierte Giftwirkung, eine Wirkung, die auf dem Monde in der Intensität als Giftwirkung vorhanden war, wie sie in den Giften, die in den unteren Reichen sind, zurückgeblieben ist. Daraus ersehen Sie den Satz, den ich heute zunächst einmal hinstellen möchte: Die eigentlichen Gifte, die also substantiell ahrimanisch sind von der Mondenzeit her, sind die Opponenten der regelmäßig vorwärtsschreitenden Evolution; destilliert, gewissermaßen verdünnt sind sie dasjenige, was substantieller Träger unseres geistigen Lebens ist.
[ 31 ] Da sehen Sie etwas, was für den Menschen selbst während der Erde entstanden ist: die Fortpflanzung. Sie ist gewissermaßen eine destillierte Giftwirkung, eine Wirkung, die auf dem Monde in der Intensität als Giftwirkung vorhanden war, wie sie in den Giften, die in den unteren Reichen sind, zurückgeblieben ist. Daraus ersehen Sie den Satz, den ich heute zunächst einmal hinstellen möchte: Die eigentlichen Gifte, die also substantiell ahrimanisch sind von der Mondenzeit her, sind die Opponenten der regelmäßig vorwärtsschreitenden Evolution; destilliert, gewissermaßen verdünnt sind sie dasjenige, was substantieller Träger unseres geistigen Lebens ist.
[ 32 ] Wenn nun irgendein krankes Gebilde entsteht — und solche Dinge wird die medizinische Wissenschaft immer mehr und mehr ins Auge fassen müssen, um aus dem Geisteswissenschaftlichen heraus Gesichtspunkte zu gewinnen —, was geschieht da eigentlich? Die Evolution schreitet mit einer gewissen Schnelligkeit vorwärts, in ihr auch unsere eigene physische Organisation. Wenn nun irgendein Gebilde — und ein Gebilde braucht ja nicht bloß eine Geschwulst zu sein, sondern es kann meinetwillen auch irgend etwas sein, was sich nur flüssig oder sogar nicht einmal flüssig im Organismus ausprägt —, wenn so etwas entsteht, so ist substantiell das vorhanden, daß ein Teil des Organismus sich mit größerer Schnelligkeit entwickelt, als der normale Gang ist. Gerade ein Karzinom beruht darauf, daß ein Teil sich loslöst und in der Evolution stärkere Schnelligkeit annimmt, als die des übrigen menschlichen Organismus ist. Dies ist im substantiellen Leben etwas Luziferisches. Es hat nichts zu tun mit dem Moralisch-Luziferischen; es ist einfach objektiv luziferisch. Kompensiert wird es durch das Gift, weil das Gift das Ahrimanische ist, das heißt das Gegenteil. Finden Sie also den richtigen polarischen Gegensatz, dann kompensieren Sie durch das Gift das Ahriimanische — das Luziferische; diese beiden können sich ausgleichen, wenn sie in der richtigen Weise wirken.
[ 32 ] Wenn nun irgendein krankes Gebilde entsteht — und solche Dinge wird die medizinische Wissenschaft immer mehr und mehr ins Auge fassen müssen, um aus dem Geisteswissenschaftlichen heraus Gesichtspunkte zu gewinnen —, was geschieht da eigentlich? Die Evolution schreitet mit einer gewissen Schnelligkeit vorwärts, in ihr auch unsere eigene physische Organisation. Wenn nun irgendein Gebilde — und ein Gebilde braucht ja nicht bloß eine Geschwulst zu sein, sondern es kann meinetwillen auch irgend etwas sein, was sich nur flüssig oder sogar nicht einmal flüssig im Organismus ausprägt —, wenn so etwas entsteht, so ist substantiell das vorhanden, daß ein Teil des Organismus sich mit größerer Schnelligkeit entwickelt, als der normale Gang ist. Gerade ein Karzinom beruht darauf, daß ein Teil sich loslöst und in der Evolution stärkere Schnelligkeit annimmt, als die des übrigen menschlichen Organismus ist. Dies ist im substantiellen Leben etwas Luziferisches. Es hat nichts zu tun mit dem Moralisch-Luziferischen; es ist einfach objektiv luziferisch. Kompensiert wird es durch das Gift, weil das Gift das Ahrimanische ist, das heißt das Gegenteil. Finden Sie also den richtigen polarischen Gegensatz, dann kompensieren Sie durch das Gift das Ahriimanische — das Luziferische; diese beiden können sich ausgleichen, wenn sie in der richtigen Weise wirken.


[ 33 ] Sie sehen daraus, daß die Begriffe des Luziferischen und Ahrimanischen bis herunter ins Naturleben sehr wohl zu verfolgen sind. Aber sie sind auch zu verfolgen hinauf ins Menschenleben, ins soziale Leben. Einer, der gescheiter sein wollte als die Götter, könnte sagen: Warum haben die Götter die Welt nicht ohne diese Giftwirkungen fabriziert? — Aber dann müßte man eben so gescheit sein wie jener König von Spanien, der das zuerst gesagt hat in bezug auf einen bestimmten Fall.Nun, ebenso wie solche Giftwirkungen substantiell im menschlichen Organismus vorhanden sind, so sind sie spirituell im sozialen Leben vorhanden. Und im sozialen Leben können sie eben gelenkt und geleitet werden. Und was ist denn im Grunde genommen graue Magie? Graue Magie ist nichts anderes, als die Giftwirkungen dahin zu lenken, daß sie schädlich wirken nach irgendeiner Richtung, daß sie Krankhaftigkeiten erzeugen.
[ 33 ] Sie sehen daraus, daß die Begriffe des Luziferischen und Ahrimanischen bis herunter ins Naturleben sehr wohl zu verfolgen sind. Aber sie sind auch zu verfolgen hinauf ins Menschenleben, ins soziale Leben. Einer, der gescheiter sein wollte als die Götter, könnte sagen: Warum haben die Götter die Welt nicht ohne diese Giftwirkungen fabriziert? — Aber dann müßte man eben so gescheit sein wie jener König von Spanien, der das zuerst gesagt hat in bezug auf einen bestimmten Fall.Nun, ebenso wie solche Giftwirkungen substantiell im menschlichen Organismus vorhanden sind, so sind sie spirituell im sozialen Leben vorhanden. Und im sozialen Leben können sie eben gelenkt und geleitet werden. Und was ist denn im Grunde genommen graue Magie? Graue Magie ist nichts anderes, als die Giftwirkungen dahin zu lenken, daß sie schädlich wirken nach irgendeiner Richtung, daß sie Krankhaftigkeiten erzeugen.
[ 34 ] Damit habe ich Sie heute zunächst auf etwas aufmerksam gemacht, was derjenige wohl berücksichtigen soll, der den ernsten Wunsch hat, das Leben kennenzulernen. Wir wollen, damit solche Dinge nicht gehäuft werden, gerade diese Betrachtungen über Gift, Krankheit und Gesundheit etwa morgen fortsetzen.
[ 34 ] Damit habe ich Sie heute zunächst auf etwas aufmerksam gemacht, was derjenige wohl berücksichtigen soll, der den ernsten Wunsch hat, das Leben kennenzulernen. Wir wollen, damit solche Dinge nicht gehäuft werden, gerade diese Betrachtungen über Gift, Krankheit und Gesundheit etwa morgen fortsetzen.
[ 35 ] Es könnte Ihnen nun die Frage auf der Seele liegen: Was folgt denn aus alledem? Aus alledem folgt — und wenn Sie darüber nachmeditieren, so werden Sie den Zusammenhang schon bemerken —, daß die Menschheit, die sich herausentwickelt hat aus den früheren atavistischen Kenntnissen über solche Zusammenhänge, heute die Aufgabe hat, mit dem erlangten andern Bewußtsein wirklich nach der Wahrheit zu streben. Ohne das geht es nicht. Der Zusammenhang mit den alten atavistischen Erkenntnissen ist eben unterbrochen, weil die Menschheit frei werden und das Ich-Bewußtsein immer voller und voller zur Geltung bringen sollte. Daher sehen wir, wie die Zusammenhänge verglimmen, welche dem alten atavistischen Bewußtsein noch durchaus klar lagen, und die sich ausdrücken in gewissen Mythen. Und ich habe Ihnen wiederum jetzt den Zusammenhang eines solchen Mythos wie des Baldur-Mythos mit großen, umfassenden Erscheinungen in der Menschheitsentwickelung klargelegt.
[ 35 ] Es könnte Ihnen nun die Frage auf der Seele liegen: Was folgt denn aus alledem? Aus alledem folgt — und wenn Sie darüber nachmeditieren, so werden Sie den Zusammenhang schon bemerken —, daß die Menschheit, die sich herausentwickelt hat aus den früheren atavistischen Kenntnissen über solche Zusammenhänge, heute die Aufgabe hat, mit dem erlangten andern Bewußtsein wirklich nach der Wahrheit zu streben. Ohne das geht es nicht. Der Zusammenhang mit den alten atavistischen Erkenntnissen ist eben unterbrochen, weil die Menschheit frei werden und das Ich-Bewußtsein immer voller und voller zur Geltung bringen sollte. Daher sehen wir, wie die Zusammenhänge verglimmen, welche dem alten atavistischen Bewußtsein noch durchaus klar lagen, und die sich ausdrücken in gewissen Mythen. Und ich habe Ihnen wiederum jetzt den Zusammenhang eines solchen Mythos wie des Baldur-Mythos mit großen, umfassenden Erscheinungen in der Menschheitsentwickelung klargelegt.
[ 36 ] Während unsere sagenforschenden wissenschaftlichen Tröpfe es nicht weiter bringen als bis zu dem Satze, daß in solchen Mythen sich eben, wie sie sagen, schaffende Volksphantasie ausdrückt, sind in Wirklichkeit in ihnen tief bedeutungsvolle Wahrheiten enthalten, die sich insbesondere darin zeigen, daß sie bis in die Einzelheiten hinein im wahren Sinne wohl ausgearbeitet sind. Der Baldur-Mythos gibt zum Beispiel einen guten Begriff von der Gradation des Giftmäßigen, wie von vielem andern. Daß eine Schmarotzerpflanze einen gewissen Grad von Giftwirkung ausübt, das drückt sich in so wunderbarer Weise dadurch aus, daß Baldur gerade durch die Mistel getötet worden ist; es bezeugt, daß ein Bewußtsein von der Gradation des Giftwertes in der Welt vorhanden war: daß derSaft der Mistelpflanze einen andern Giftwert hat, als der ist, den der Mensch vertragen kann. Denn alles ist gradweise verschieden.
[ 36 ] Während unsere sagenforschenden wissenschaftlichen Tröpfe es nicht weiter bringen als bis zu dem Satze, daß in solchen Mythen sich eben, wie sie sagen, schaffende Volksphantasie ausdrückt, sind in Wirklichkeit in ihnen tief bedeutungsvolle Wahrheiten enthalten, die sich insbesondere darin zeigen, daß sie bis in die Einzelheiten hinein im wahren Sinne wohl ausgearbeitet sind. Der Baldur-Mythos gibt zum Beispiel einen guten Begriff von der Gradation des Giftmäßigen, wie von vielem andern. Daß eine Schmarotzerpflanze einen gewissen Grad von Giftwirkung ausübt, das drückt sich in so wunderbarer Weise dadurch aus, daß Baldur gerade durch die Mistel getötet worden ist; es bezeugt, daß ein Bewußtsein von der Gradation des Giftwertes in der Welt vorhanden war: daß derSaft der Mistelpflanze einen andern Giftwert hat, als der ist, den der Mensch vertragen kann. Denn alles ist gradweise verschieden.
[ 37 ] Wenn man sagt, bestimmte Dinge sind «Gift», so heißt das nur: sie sind stärkeres Gift und auf der Mondenstufe zurückgeblieben, sie haben sich nicht weiterentwickelt; aber ein bißchen Gift ist schließlich alles, wenigstens steckt in allem ein wenig drinnen, das ist nur gradweise verschieden. — Obwohl ich nicht jenem Arzte und Professor zustimmen möchte, der für den Alkohol eingetreten ist und sagte, er könne nachweisen, daß viel mehr Menschen durch das Gift «Wasser» gestorben sind, als durch das Gift «Alkohol», so hat er doch auf etwas Wichtiges hingewiesen: daß alles Giftmäßige graduell ist; denn wahr ist es, daß mehr Menschen durch Wasser gestorben sind als durch Alkohol. Nur handelt es sich darum, daß ein Ding schon wahr sein kann, daß man es aber mit Bezug auf einen gewissen Fall nicht anwenden kann, ohne unwahr zu werden. Ich habe deshalb oft gesagt: Daß etwas wahr ist, das allein genügt nicht, um es behaupten zu können; sondern daß es sich in die Realität, in die Wirklichkeit eingliedert, daß es Wirklichkeitswert hat, darauf kommt es an.
[ 37 ] Wenn man sagt, bestimmte Dinge sind «Gift», so heißt das nur: sie sind stärkeres Gift und auf der Mondenstufe zurückgeblieben, sie haben sich nicht weiterentwickelt; aber ein bißchen Gift ist schließlich alles, wenigstens steckt in allem ein wenig drinnen, das ist nur gradweise verschieden. — Obwohl ich nicht jenem Arzte und Professor zustimmen möchte, der für den Alkohol eingetreten ist und sagte, er könne nachweisen, daß viel mehr Menschen durch das Gift «Wasser» gestorben sind, als durch das Gift «Alkohol», so hat er doch auf etwas Wichtiges hingewiesen: daß alles Giftmäßige graduell ist; denn wahr ist es, daß mehr Menschen durch Wasser gestorben sind als durch Alkohol. Nur handelt es sich darum, daß ein Ding schon wahr sein kann, daß man es aber mit Bezug auf einen gewissen Fall nicht anwenden kann, ohne unwahr zu werden. Ich habe deshalb oft gesagt: Daß etwas wahr ist, das allein genügt nicht, um es behaupten zu können; sondern daß es sich in die Realität, in die Wirklichkeit eingliedert, daß es Wirklichkeitswert hat, darauf kommt es an.
[ 38 ] Die alten Wahrheiten sind weitgehend verglommen. Daher sind auch bedeutungsvolle Hinweise auf die Wahrheiten alter Mythen, wie sie sich zum Beispiel bei dem sogenannten «Unbekannten Philosophen», bei Saint-Martin, noch finden, so ganz unverstanden geblieben bei denen, die ihm nachfolgten. Saint-Martin, der sich selber als einen Schüler Jakob Böhmes bezeichnete, hat auf das Bedeutungsvolle, auf den wahren Kern der Mythen gerade noch hingewiesen. Aber das war im 18. Jahrhundert; und das 19. Jahrhundert hat wahrhaftig in bezug auf die törichten Auslegungen derMythen das Allerallerunglaublichste geleistet. Mit alldem aber hängt ja zusammen, daß unsere Zeit gar nicht den starken, den intensiven Drang hat nach Wahrheit; denn würde dieser Drang nach Wahrheit stark genug sein, dann hätte er genügt, um die Menschheit in viel ausgedehnterem Maße zum spirituellen Leben hinzuführen, als es der Fall gewesen ist. Es kommt von dem geringen Drang nach Wahrheit, daß so wenige Menschen die Sehnsucht fühlen, sich spirituell zu vertiefen.
[ 38 ] Die alten Wahrheiten sind weitgehend verglommen. Daher sind auch bedeutungsvolle Hinweise auf die Wahrheiten alter Mythen, wie sie sich zum Beispiel bei dem sogenannten «Unbekannten Philosophen», bei Saint-Martin, noch finden, so ganz unverstanden geblieben bei denen, die ihm nachfolgten. Saint-Martin, der sich selber als einen Schüler Jakob Böhmes bezeichnete, hat auf das Bedeutungsvolle, auf den wahren Kern der Mythen gerade noch hingewiesen. Aber das war im 18. Jahrhundert; und das 19. Jahrhundert hat wahrhaftig in bezug auf die törichten Auslegungen derMythen das Allerallerunglaublichste geleistet. Mit alldem aber hängt ja zusammen, daß unsere Zeit gar nicht den starken, den intensiven Drang hat nach Wahrheit; denn würde dieser Drang nach Wahrheit stark genug sein, dann hätte er genügt, um die Menschheit in viel ausgedehnterem Maße zum spirituellen Leben hinzuführen, als es der Fall gewesen ist. Es kommt von dem geringen Drang nach Wahrheit, daß so wenige Menschen die Sehnsucht fühlen, sich spirituell zu vertiefen.
[ 39 ] Aber das zeigt sich auch im Äußerlichen, Konkreten; das zeigt sich gerade in diesen traurigen, leidvollen Ereignissen des Tages, daß der Sinn für das Wahre oftmals ohne die Schuld der Menschen nicht als ein seelisches Blut durch die Welt pulst. Der Sinn für das Wahre ist dasjenige, was richtig erweckt werden muß. Und aus diesem Grunde war es schon notwendig, in diesen Wochen auch auf einiges Sinnlich-Konkrete hinzuweisen, insofern es der Ausdruck von dahinterstehenden geistigen Impulsen und geistigen Geschehnissen ist. Denn es hängt schon mit allem Wahrheitsstreben oder besser Nichtwahrheitsstreben der Gegenwart zusammen, wie die Dinge in der Gegenwart behandelt werden, und wie heute Dinge gesagt werden können, die in weitesten Kreisen geglaubt werden, und die doch nichts sind als eine glatte Umkehrung der Wahrheit. In einem Zeitalter, in welchem möglich ist, daß die Wahrheit in beliebiger Weise so geformt wird, wie man sie den Antipathien, den Leidenschaften und Instinkten nach haben will, in diesem Zeitalter ist schon vieles notwendig, wenn jener starke Wahrheitssinn erweckt werden soll, der dann zum spirituellen Leben führt. Das sieht man ja an Einzelheiten.
[ 39 ] Aber das zeigt sich auch im Äußerlichen, Konkreten; das zeigt sich gerade in diesen traurigen, leidvollen Ereignissen des Tages, daß der Sinn für das Wahre oftmals ohne die Schuld der Menschen nicht als ein seelisches Blut durch die Welt pulst. Der Sinn für das Wahre ist dasjenige, was richtig erweckt werden muß. Und aus diesem Grunde war es schon notwendig, in diesen Wochen auch auf einiges Sinnlich-Konkrete hinzuweisen, insofern es der Ausdruck von dahinterstehenden geistigen Impulsen und geistigen Geschehnissen ist. Denn es hängt schon mit allem Wahrheitsstreben oder besser Nichtwahrheitsstreben der Gegenwart zusammen, wie die Dinge in der Gegenwart behandelt werden, und wie heute Dinge gesagt werden können, die in weitesten Kreisen geglaubt werden, und die doch nichts sind als eine glatte Umkehrung der Wahrheit. In einem Zeitalter, in welchem möglich ist, daß die Wahrheit in beliebiger Weise so geformt wird, wie man sie den Antipathien, den Leidenschaften und Instinkten nach haben will, in diesem Zeitalter ist schon vieles notwendig, wenn jener starke Wahrheitssinn erweckt werden soll, der dann zum spirituellen Leben führt. Das sieht man ja an Einzelheiten.
[ 40 ] Bedenken wir nur, was in den mehr als zweieinhalb Jahren, seit dieses Ereignis, das man einen Krieg nennt, flutet, alles gesagt worden ist. Und man bedenke noch mehr, was da alles geglaubt worden ist. Nur von diesem Gesichtspunkte sind ja, wie ich schon gestern sagte, alle die Betrachtungen gemeint, die hier vorgebracht werden; von dem Gesichtspunkte des Strebens nach Wahrheit, von dem Gesichtspunkte des Suchens nach Wahrheit — nicht um nach der einen oder nach der andern Seite Partei zu ergreifen. Man muß allerdings, wenn man eine Behauptung tut, wenn man sie auch nur für sich selbst in seiner Seele tut — und das sind ja auch Realitäten —, man muß den Willen haben, sowohl zu bedenken, inwiefern einem auf einem gewissen Gebiete eine Wahrheit zugänglich sein kann oder nicht, inwieweit man zurückhaltend sein muß und erst suchen muß nach den Bedingungen, die es möglich machen, ein Urteil über eine Sache zu haben.
[ 40 ] Bedenken wir nur, was in den mehr als zweieinhalb Jahren, seit dieses Ereignis, das man einen Krieg nennt, flutet, alles gesagt worden ist. Und man bedenke noch mehr, was da alles geglaubt worden ist. Nur von diesem Gesichtspunkte sind ja, wie ich schon gestern sagte, alle die Betrachtungen gemeint, die hier vorgebracht werden; von dem Gesichtspunkte des Strebens nach Wahrheit, von dem Gesichtspunkte des Suchens nach Wahrheit — nicht um nach der einen oder nach der andern Seite Partei zu ergreifen. Man muß allerdings, wenn man eine Behauptung tut, wenn man sie auch nur für sich selbst in seiner Seele tut — und das sind ja auch Realitäten —, man muß den Willen haben, sowohl zu bedenken, inwiefern einem auf einem gewissen Gebiete eine Wahrheit zugänglich sein kann oder nicht, inwieweit man zurückhaltend sein muß und erst suchen muß nach den Bedingungen, die es möglich machen, ein Urteil über eine Sache zu haben.
[ 41 ] Nehmen wir einen bestimmten Fall. Was ist nicht alles nach Amerika hinüber verbreitet worden über die Zusammenhänge im europäischen Leben, die zu diesen Kriegsereignissen geführt haben! Man konnte aus vielem, was als Echo nach Europa herübergedrungen ist, sehen, was alles in Amerika geglaubt wird. Warum? Weil die Menschen in Amerika drüben selbstverständlich ebensowenig die Voraussetzungen hatten, das europäische Leben zu verstehen, wie die Engländer nach dem Opiumkrieg die Voraussetzungen hatten, das chinesische Leben zu verstehen. Wer zum Beispiel heute aus einer bestimmten Gewissensregung heraus sagen möchte: Nun, das war eben eine Entgleisung —, den möchte ich doch erinnern, daß unter denjenigen, die im Londoner Parlament mit großem Enthusiasmus den Ausgang des Opiumkrieges als «eine Errungenschaft der britischen Kultur» gepriesen haben, der alte Wellington war, also nicht einer der Schlechtesten.
[ 41 ] Nehmen wir einen bestimmten Fall. Was ist nicht alles nach Amerika hinüber verbreitet worden über die Zusammenhänge im europäischen Leben, die zu diesen Kriegsereignissen geführt haben! Man konnte aus vielem, was als Echo nach Europa herübergedrungen ist, sehen, was alles in Amerika geglaubt wird. Warum? Weil die Menschen in Amerika drüben selbstverständlich ebensowenig die Voraussetzungen hatten, das europäische Leben zu verstehen, wie die Engländer nach dem Opiumkrieg die Voraussetzungen hatten, das chinesische Leben zu verstehen. Wer zum Beispiel heute aus einer bestimmten Gewissensregung heraus sagen möchte: Nun, das war eben eine Entgleisung —, den möchte ich doch erinnern, daß unter denjenigen, die im Londoner Parlament mit großem Enthusiasmus den Ausgang des Opiumkrieges als «eine Errungenschaft der britischen Kultur» gepriesen haben, der alte Wellington war, also nicht einer der Schlechtesten.
[ 42 ] Vor langer Zeit schon hat für die Amerikaner ein Mensch geschrieben, den sie offenbar nicht gehört haben, und aus seinem Aufsatz möchte ich Ihnen zum Schluß jetzt einige Proben vorlesen, damit Sie sehen, wie ein Mensch urteilt, wenn er versucht, die Dinge kennenzulernen. Sagen Sie nicht: Wenn man das weiß, was wir in den letzten Wochen betrachtet haben, so kann man zu einem andern Urteile kommen. — Gewiß, dann kann man die Dinge tiefer begründet finden. Aber um zu einem Urteile zu kommen, braucht man diese Dinge nicht, sondern um zu einem Urteile zu kommen, genügt selbst ein wirklicher Sinn für die Objektivität der äußeren Tatsachen, die sich abspielen. Diesen Sinn für die Objektivität hat man aber wenig gefunden.
[ 42 ] Vor langer Zeit schon hat für die Amerikaner ein Mensch geschrieben, den sie offenbar nicht gehört haben, und aus seinem Aufsatz möchte ich Ihnen zum Schluß jetzt einige Proben vorlesen, damit Sie sehen, wie ein Mensch urteilt, wenn er versucht, die Dinge kennenzulernen. Sagen Sie nicht: Wenn man das weiß, was wir in den letzten Wochen betrachtet haben, so kann man zu einem andern Urteile kommen. — Gewiß, dann kann man die Dinge tiefer begründet finden. Aber um zu einem Urteile zu kommen, braucht man diese Dinge nicht, sondern um zu einem Urteile zu kommen, genügt selbst ein wirklicher Sinn für die Objektivität der äußeren Tatsachen, die sich abspielen. Diesen Sinn für die Objektivität hat man aber wenig gefunden.
[ 43 ] Da schreibt George Stuart Fullerton, der Professor an der Universität New York ist, über Deutschland. — Gestatten Sie, daß ich Ihnen gerade daraus als einem Dokument etwas vorlese, als Gegenstück zu dem, was als Silvesterglaube, als Silvesterdokument jetzt durch die Welt geht. Fullerton schreibt:
[ 43 ] Da schreibt George Stuart Fullerton, der Professor an der Universität New York ist, über Deutschland. — Gestatten Sie, daß ich Ihnen gerade daraus als einem Dokument etwas vorlese, als Gegenstück zu dem, was als Silvesterglaube, als Silvesterdokument jetzt durch die Welt geht. Fullerton schreibt:
«Ich bin Amerikaner und habe keinen Tropfen deutschen Blutes in meinen Adern. Der Verdacht einer Parteinahme für Deutschland, wie sie den Deutschamerikaner kennzeichnet, ist bei mir folglich ausgeschlossen. Und mehr noch, ich habe Anspruch darauf, als echter Amerikaner zu gelten, wie nur irgend jemand, denn meine Familie war amerikanisch, seitdem es eine amerikanische Nation gibt. Ich liebe mein Vaterland und hoffe und wünsche, daß ihm eine große Zukunft beschieden sein möge und ein auf Recht und Gerechtigkeit gegründeter Wohlstand. Aber man hat nicht das Recht, nur Amerikaner zu sein, sondern muß sich erinnern, daß man auch Mensch ist und daß man als Mensch wünschen muß, die Gerechtigkeit auch in anderen Ländern beachtet zu sehen, als im eigenen. Wir Amerikaner sind neutral, aber wir haben das Recht, die Tatsachen über den großen Krieg zu erfahren, und es ist unsere Pflicht, nach einem umfassenden und eindringenden Verständnis der Lage zu streben.»
«Ich bin Amerikaner und habe keinen Tropfen deutschen Blutes in meinen Adern. Der Verdacht einer Parteinahme für Deutschland, wie sie den Deutschamerikaner kennzeichnet, ist bei mir folglich ausgeschlossen. Und mehr noch, ich habe Anspruch darauf, als echter Amerikaner zu gelten, wie nur irgend jemand, denn meine Familie war amerikanisch, seitdem es eine amerikanische Nation gibt. Ich liebe mein Vaterland und hoffe und wünsche, daß ihm eine große Zukunft beschieden sein möge und ein auf Recht und Gerechtigkeit gegründeter Wohlstand. Aber man hat nicht das Recht, nur Amerikaner zu sein, sondern muß sich erinnern, daß man auch Mensch ist und daß man als Mensch wünschen muß, die Gerechtigkeit auch in anderen Ländern beachtet zu sehen, als im eigenen. Wir Amerikaner sind neutral, aber wir haben das Recht, die Tatsachen über den großen Krieg zu erfahren, und es ist unsere Pflicht, nach einem umfassenden und eindringenden Verständnis der Lage zu streben.»
[ 44 ] Es ist ein Mensch, der nur mit gesundem Urteil die Dinge überschaut, kein Okkultist!
[ 44 ] Es ist ein Mensch, der nur mit gesundem Urteil die Dinge überschaut, kein Okkultist!
«Ich kenne Deutschland seit 30 Jahren und habe mich für seine Literatur, Wissenschaft, politische und wirtschaftliche Entwicklung lebhaft interessiert.
Im Anfang habe ich das Land sozusagen nur mit den Augen eines Reisenden betrachtet. In den letzten Jahren aber hatte ich Gelegenheit, es viel eingehender kennenzulernen. Ich habe ein früher verhältnismäßig unbemitteltes, nicht sehr starkes, noch nicht zu fester Einheit verschmolzenes Volk reich werden sehen, mächtig, einheitlich und in seiner sozialen Entwicklung so vorgeschritten, daß seine innere Organisation den Nationalökonomen wie den Soziologen zur Bewunderung zwingen muß. Das Land hat außerordentlich Erfolg gehabt bei seiner umsichtigen Arbeit an den Werken des Friedens. Österreich habe ich öfter besucht und den vergangenen Winter als erster Austauschprofessor der österreichischen Universitäten in Wien, Graz, Innsbruck, Krakau und Lemberg Vorlesungen gehalten. Ich bin im öffentlichen und im Privatleben mit einer großen Anzahl von Menschen zusammengekommen und hatte somit reichlich Gelegenheit, der öffentlichen Meinung den Puls zu fühlen. Ich behaupte rückhaltslos, daß niemand, weder in Deutschland noch in Österreich, die leiseste Neigung zeigte, diesen schrecklichen Krieg herbeizuführen. Man wünschte den Frieden, ernstlich und ehrlich, schon aus wirtschaftlichen Gründen. Aber der Krieg wurde beiden Nationen aufgezwungen. Daß er gerade jetzt gekommen ist, darf als Zufälligkeit bezeichnet werden. Denn kommen mußte der Krieg auf jeden Fall.
Da viele meiner Landsleute mit den in Europa obwaltenden Verhältnissen nur ungenügend vertraut sind; da sie selbst unter dermaßen verschiedenartigen Verhältnissen leben, daß es ihnen schwer fällt, selbst die Bedeutung von Tatsachen richtig zu erfassen, die ihnen wahrheitsgemäß übermittelt werden; da sie überdies systematisch falsch unterrichtet worden sind von gewissen Parteien, die u. a. Gelegenheit hatten, die deutschen Kabel zu durchschneiden; so kann es nicht überraschen, daß die politische Lage Europas in Amerika vielfach gründlich mißverstanden wird. Ich halte es für meine Pflicht, zur Aufklärung dieser Mißverständnisse einen kleinen Beitrag zu liefern.
Die Amerikaner hören seit einiger Zeit viel von deutschem Militarismus und haben dabei meist nur die unklare Vorstellung, daß das eine Gefahr für die europäische Zivilisation bedeute. Von dem eigentlichen Sinn dieses Wortes haben sie keinen klaren Begriff. In Amerika hatten wir sozusagen kurze Anfälle von Militarismus — so in der Zeit des spanisch-amerikanischen Krieges oder wenn gerade viel von einem möglichen Krieg mit Mexiko geredet wird —, aber Militarismus als einen dauernden Zustand gibt es bei uns nicht. Und wenn man ihn in der großen Republik der neuen Welt nicht antrifft, weshalb muß er dann in Deutschland existieren? Der Amerikaner, der mit Deutschland und seiner Lage nicht bekannt ist, findet auf diese Frage keine befriedigende Antwort. Und dennoch liegt eine solche sehr nahe.
Die Deutschen sind ein friedliches Volk. Wir Amerikaner wissen, daß es in unserer eigenen Bevölkerung kein ordnungsliebenderes, arbeitsameres, verfassungstreueres Element gibt als das deutsche. Die gleichen Vorzüge zeichnen den Deutschen in Deutschland aus. Im Lande herrscht Ordnung, die Bevölkerung ist aufgeklärt, diszipliniert, und zur Achtung vor dem Gesetz erzogen. Die Rechte, auch des Geringsten, werden eifersüchtig gewahrt. Die Gerichte sind unbestechlich. Die Erfolge der Deutschen sind das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitung und unermüdlichen Fleißes. Sogar der geschäftliche Wettbewerb ist gesetzlich genau geregelt und die Gesetze gegen alles, was als «unlauterer Wettbewerb» gilt, werden aufs strengste angewendet. Niemand, der unter Deutschen lebt und sie kennengelernt hat, kann den Eindruck haben, daß er es mit einem kriegslustigen und räuberischen Volke zu tun hat. Und wer gar, wie ich, den Augustmonat dieses Jahres» — er meint 1914 — «in Deutschland verbrachte und sich während der beiden Mobilisierungswochen zwanglos unter die Menge auf der Straße gemischt hat, zur Zeit da die öffentliche Erregung auf ihrem Höhepunkt war, kann nur aufs äußerste darüber staunen, daß ein so friedliches, selbstbeherrschtes Volk zu diesem kühnen Wagemut fähig war, der inzwischen angeblich uneinnehmbare Festungen erstürmt und zu Land und zur See Lorbeeren errungen hat in einer Weise, die alle bewundern müssen, die nicht in Unkenntnis über die Tatsachen erhalten worden sind. Und dennoch hat dies ordnungs- und friedliebende Volk, ein Volk, das den Frieden nicht nur geliebt, sondern 44 Jahre hindurch um manchen hohen Preis gewahrt hat, während andere Völker Krieg führten, ein Volk, das im Ausbau der Künste des Friedens Reichtum und Wohlstand zu erwerben verstand — dies Volk hat während all dieser Jahre seine männliche Bevölkerung für den Notfall zu tüchtigen Soldaten ausgebildet und sich eine furchtgebietende Flottenmacht geschaffen. Schließlich ist es gegen eine anscheinend erdrükkende Übermacht in den Krieg gezogen; nicht eine Bevölkerungsklasse ging vor, sondern das Volk. Weder der Kaiser, noch die Regierung, noch die Offiziere des Heeres oder der Flotte sind verantwortlich für das Volksempfinden, das diesen Vorgang zu einer nationalen Erhebung gemacht hat. Sogar die Sozialdemokraten und andere, die einer verwandten Richtung angehören, Männer, die man niemals der Servilität gegen den Kaiser und die Regierung beschuldigen oder wegen einer Schwäche für Heer und Flotte verdächtigen konnte, haben zu ihrem Vaterland gestanden bis auf den letzten Mann und kämpfen jetzt mit Todesverachtung und fallen ohne zu klagen an der Front. In den letzten drei Monaten habe ich keinen Deutschen irgendeines Amtes getroffen, vom höchsten bis zum niedrigsten, der nicht mit Herz und Seele für den Krieg gewesen wäre. Ich habe keine Klagen gehört von den Eltern, die ihre Söhne hinausziehen ließen; ich habe keine Beschuldigung gegen das Vaterland gehört von solchen, die ihr Teuerstes verloren — ich kenne viele, die in dieser Lage sind.
Eine seltsame Erscheinung bei einem friedlichen, arbeitsamen Volk; einem Volk, das Künste und Wissenschaften ebenso eifrig fördert wie industrielle Unternehmungen: einem zivilisierten Volke, das nicht etwa in einer Art von Barbarei lebt, so daß ihm der Krieg willkommen wäre, eher eine Zerstreuung, als ein Unglück. Für den Amerikaner, der es nicht vermag, sich auf den deutschen Standpunkt zu stellen, eine unerklärliche Erscheinung. Von welchem Teufel war Deutschland besessen, daß es solch ungeheure Kriegsvorbereitungen machte? Was treibt es an, selbst gegen eine Welt in Waffen anzukämpfen und sein Alles aufs Spiel zu setzen in diesem gigantischen Kampf?
Ich möchte meinen Landsleuten helfen, sich einmal auf den deutschen Standpunkt zu versetzen. Wir Amerikaner bewohnen ein Land, das nur um ein Fünftel kleiner ist als ganz Europa, Rußland eingerechnet. Es ist 15mal so groß wie das Deutsche Kaiserreich und hat nur 98 Millionen Einwohner, wäre somit einer Familie zu vergleichen, die an Mitgliederzahl stetig zunehmen muß, um die Räume eines großen, gut eingerichteten Hauses zu bevölkern. Daß unsere näheren oder ferneren Nachbarn uns ernstlich bedrohen könnten, kommt uns niemals in den Sinn. Wer dürfte jemals hoffen, uns erfolgreich anzugreifen? Wer vermöchte unsere nationale Existenz zu bedrohen, oder uns irgendeinem der Knechtschaft ähnlichen Zustande zu unterwerfen?
Im Norden haben wir Kanada — ein leeres Haus, ein Land mit nur 7 Millionen Einwohnern, die uns nichts anhaben könnten, selbst wenn sie wollten. Im Süden liegt Mexiko, das innerhalb seiner eigenen Grenzen Unruhe stiften und vielleicht auch erreichen kann, daß einige Amerikaner bedauern, dort Kapitalanlagen gemacht zu haben; im übrigen ist es den Vereinigten Staaten nicht fürchterlicher, als eine widerspenstige Klasse in einer Schule. Nach Westen und Osten umgibt uns das weite Meer. Japan könnte einen Streit beginnen und unsern Außenhandel etwas schädigen.»
«Ich kenne Deutschland seit 30 Jahren und habe mich für seine Literatur, Wissenschaft, politische und wirtschaftliche Entwicklung lebhaft interessiert.
Im Anfang habe ich das Land sozusagen nur mit den Augen eines Reisenden betrachtet. In den letzten Jahren aber hatte ich Gelegenheit, es viel eingehender kennenzulernen. Ich habe ein früher verhältnismäßig unbemitteltes, nicht sehr starkes, noch nicht zu fester Einheit verschmolzenes Volk reich werden sehen, mächtig, einheitlich und in seiner sozialen Entwicklung so vorgeschritten, daß seine innere Organisation den Nationalökonomen wie den Soziologen zur Bewunderung zwingen muß. Das Land hat außerordentlich Erfolg gehabt bei seiner umsichtigen Arbeit an den Werken des Friedens. Österreich habe ich öfter besucht und den vergangenen Winter als erster Austauschprofessor der österreichischen Universitäten in Wien, Graz, Innsbruck, Krakau und Lemberg Vorlesungen gehalten. Ich bin im öffentlichen und im Privatleben mit einer großen Anzahl von Menschen zusammengekommen und hatte somit reichlich Gelegenheit, der öffentlichen Meinung den Puls zu fühlen. Ich behaupte rückhaltslos, daß niemand, weder in Deutschland noch in Österreich, die leiseste Neigung zeigte, diesen schrecklichen Krieg herbeizuführen. Man wünschte den Frieden, ernstlich und ehrlich, schon aus wirtschaftlichen Gründen. Aber der Krieg wurde beiden Nationen aufgezwungen. Daß er gerade jetzt gekommen ist, darf als Zufälligkeit bezeichnet werden. Denn kommen mußte der Krieg auf jeden Fall.
Da viele meiner Landsleute mit den in Europa obwaltenden Verhältnissen nur ungenügend vertraut sind; da sie selbst unter dermaßen verschiedenartigen Verhältnissen leben, daß es ihnen schwer fällt, selbst die Bedeutung von Tatsachen richtig zu erfassen, die ihnen wahrheitsgemäß übermittelt werden; da sie überdies systematisch falsch unterrichtet worden sind von gewissen Parteien, die u. a. Gelegenheit hatten, die deutschen Kabel zu durchschneiden; so kann es nicht überraschen, daß die politische Lage Europas in Amerika vielfach gründlich mißverstanden wird. Ich halte es für meine Pflicht, zur Aufklärung dieser Mißverständnisse einen kleinen Beitrag zu liefern.
Die Amerikaner hören seit einiger Zeit viel von deutschem Militarismus und haben dabei meist nur die unklare Vorstellung, daß das eine Gefahr für die europäische Zivilisation bedeute. Von dem eigentlichen Sinn dieses Wortes haben sie keinen klaren Begriff. In Amerika hatten wir sozusagen kurze Anfälle von Militarismus — so in der Zeit des spanisch-amerikanischen Krieges oder wenn gerade viel von einem möglichen Krieg mit Mexiko geredet wird —, aber Militarismus als einen dauernden Zustand gibt es bei uns nicht. Und wenn man ihn in der großen Republik der neuen Welt nicht antrifft, weshalb muß er dann in Deutschland existieren? Der Amerikaner, der mit Deutschland und seiner Lage nicht bekannt ist, findet auf diese Frage keine befriedigende Antwort. Und dennoch liegt eine solche sehr nahe.
Die Deutschen sind ein friedliches Volk. Wir Amerikaner wissen, daß es in unserer eigenen Bevölkerung kein ordnungsliebenderes, arbeitsameres, verfassungstreueres Element gibt als das deutsche. Die gleichen Vorzüge zeichnen den Deutschen in Deutschland aus. Im Lande herrscht Ordnung, die Bevölkerung ist aufgeklärt, diszipliniert, und zur Achtung vor dem Gesetz erzogen. Die Rechte, auch des Geringsten, werden eifersüchtig gewahrt. Die Gerichte sind unbestechlich. Die Erfolge der Deutschen sind das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitung und unermüdlichen Fleißes. Sogar der geschäftliche Wettbewerb ist gesetzlich genau geregelt und die Gesetze gegen alles, was als «unlauterer Wettbewerb» gilt, werden aufs strengste angewendet. Niemand, der unter Deutschen lebt und sie kennengelernt hat, kann den Eindruck haben, daß er es mit einem kriegslustigen und räuberischen Volke zu tun hat. Und wer gar, wie ich, den Augustmonat dieses Jahres» — er meint 1914 — «in Deutschland verbrachte und sich während der beiden Mobilisierungswochen zwanglos unter die Menge auf der Straße gemischt hat, zur Zeit da die öffentliche Erregung auf ihrem Höhepunkt war, kann nur aufs äußerste darüber staunen, daß ein so friedliches, selbstbeherrschtes Volk zu diesem kühnen Wagemut fähig war, der inzwischen angeblich uneinnehmbare Festungen erstürmt und zu Land und zur See Lorbeeren errungen hat in einer Weise, die alle bewundern müssen, die nicht in Unkenntnis über die Tatsachen erhalten worden sind. Und dennoch hat dies ordnungs- und friedliebende Volk, ein Volk, das den Frieden nicht nur geliebt, sondern 44 Jahre hindurch um manchen hohen Preis gewahrt hat, während andere Völker Krieg führten, ein Volk, das im Ausbau der Künste des Friedens Reichtum und Wohlstand zu erwerben verstand — dies Volk hat während all dieser Jahre seine männliche Bevölkerung für den Notfall zu tüchtigen Soldaten ausgebildet und sich eine furchtgebietende Flottenmacht geschaffen. Schließlich ist es gegen eine anscheinend erdrükkende Übermacht in den Krieg gezogen; nicht eine Bevölkerungsklasse ging vor, sondern das Volk. Weder der Kaiser, noch die Regierung, noch die Offiziere des Heeres oder der Flotte sind verantwortlich für das Volksempfinden, das diesen Vorgang zu einer nationalen Erhebung gemacht hat. Sogar die Sozialdemokraten und andere, die einer verwandten Richtung angehören, Männer, die man niemals der Servilität gegen den Kaiser und die Regierung beschuldigen oder wegen einer Schwäche für Heer und Flotte verdächtigen konnte, haben zu ihrem Vaterland gestanden bis auf den letzten Mann und kämpfen jetzt mit Todesverachtung und fallen ohne zu klagen an der Front. In den letzten drei Monaten habe ich keinen Deutschen irgendeines Amtes getroffen, vom höchsten bis zum niedrigsten, der nicht mit Herz und Seele für den Krieg gewesen wäre. Ich habe keine Klagen gehört von den Eltern, die ihre Söhne hinausziehen ließen; ich habe keine Beschuldigung gegen das Vaterland gehört von solchen, die ihr Teuerstes verloren — ich kenne viele, die in dieser Lage sind.
Eine seltsame Erscheinung bei einem friedlichen, arbeitsamen Volk; einem Volk, das Künste und Wissenschaften ebenso eifrig fördert wie industrielle Unternehmungen: einem zivilisierten Volke, das nicht etwa in einer Art von Barbarei lebt, so daß ihm der Krieg willkommen wäre, eher eine Zerstreuung, als ein Unglück. Für den Amerikaner, der es nicht vermag, sich auf den deutschen Standpunkt zu stellen, eine unerklärliche Erscheinung. Von welchem Teufel war Deutschland besessen, daß es solch ungeheure Kriegsvorbereitungen machte? Was treibt es an, selbst gegen eine Welt in Waffen anzukämpfen und sein Alles aufs Spiel zu setzen in diesem gigantischen Kampf?
Ich möchte meinen Landsleuten helfen, sich einmal auf den deutschen Standpunkt zu versetzen. Wir Amerikaner bewohnen ein Land, das nur um ein Fünftel kleiner ist als ganz Europa, Rußland eingerechnet. Es ist 15mal so groß wie das Deutsche Kaiserreich und hat nur 98 Millionen Einwohner, wäre somit einer Familie zu vergleichen, die an Mitgliederzahl stetig zunehmen muß, um die Räume eines großen, gut eingerichteten Hauses zu bevölkern. Daß unsere näheren oder ferneren Nachbarn uns ernstlich bedrohen könnten, kommt uns niemals in den Sinn. Wer dürfte jemals hoffen, uns erfolgreich anzugreifen? Wer vermöchte unsere nationale Existenz zu bedrohen, oder uns irgendeinem der Knechtschaft ähnlichen Zustande zu unterwerfen?
Im Norden haben wir Kanada — ein leeres Haus, ein Land mit nur 7 Millionen Einwohnern, die uns nichts anhaben könnten, selbst wenn sie wollten. Im Süden liegt Mexiko, das innerhalb seiner eigenen Grenzen Unruhe stiften und vielleicht auch erreichen kann, daß einige Amerikaner bedauern, dort Kapitalanlagen gemacht zu haben; im übrigen ist es den Vereinigten Staaten nicht fürchterlicher, als eine widerspenstige Klasse in einer Schule. Nach Westen und Osten umgibt uns das weite Meer. Japan könnte einen Streit beginnen und unsern Außenhandel etwas schädigen.»
[ 45 ] Hier wird er sehr optimistisch! Das macht aber nichts für die damalige Beurteilung.
[ 45 ] Hier wird er sehr optimistisch! Das macht aber nichts für die damalige Beurteilung.
«Aber Japan ist weit weg» — aber es wird schon näher kommen! «und wir wissen sehr wohl, daß es zu arm ist und noch lange Zeit zu arm bleiben wird, um einen lange währenden Krieg führen zu können. Japan kann uns höchstens etwas schikanieren. Daß europäische Staaten, einzeln oder verbündet, uns vernichten könnten, ist eine zu fernliegende Möglichkeit, um an unserem Horizonte aufzutauchen. Wir rüsten zu Wasser und zu Land, so viel uns für unsere Zwecke dienlich erscheint, und es wird uns niemals einfallen, die Erlaubnis einer anderen Macht für die Verstärkung unseres Heeres oder unserer Flotte einzuholen. Weshalb sollte Mr. Carnegie in seinem Haus einen großen Vorrat an Brot aufspeichern, um einer möglichen Hungersnot im Staate New York vorzubeugen? Warum sollte Herr Rockefeller Gold- und Silbermünzen in einem Strumpf ansammeln und unter seiner Matratze verstecken? Den Besitzer einer Farm in Nebraska, der sich’s einfallen ließe, im Hinblick auf einen möglichen Notfall, ein seetüchtiges Schiff zu bauen, würden wir für irrsinnig halten. Wir Amerikaner tun, was uns unter den in Amerika obwaltenden Verhältnissen vernünftig und zweckmäßig erscheint, und wir brauchen eine deutsche Armee ungefähr so notwendig, wie ein Quäker von Philadelphia in seiner Jahresversammlung einen Revolver. Was wir aber nach unserer Meinung wirklich brauchen, werden wir uns jederzeit mit Energie verschaffen.
Aber nehmen wir einmal an, daß unser Gebiet nicht zu groß wäre für einen feindlichen Einmarsch. Nehmen wir an, wir hätten im Norden ein großes Land mit einer Riesenbevölkerung von mehr als 100 Millionen, die unter einem autokratischen Regiment stünden und sich selbst in Friedenszeiten einer ungeheuren Armee rühmen könnte. Nehmen wir ferner an, dies Land sei Jahrzehnte hindurch rastlos bemüht gewesen, seine Grenzen auf Kosten seiner widerstandsunfähigen Nachbarn zu erweitern. Nehmen wir an, seine Bevölkerung habe auf einer viel niedrigeren Kulturstufe gestanden, als die unsere, So niedrig, daß die überwältigende Mehrheit gezwungen sei, in einem nach zivilisierten Begriffen jämmerlichen Elend zu leben, in dumpfer, passiver Unwissenheit, nur ein Werkzeug in den Händen einer bürokratischen Klasse, die am allerwenigsten unter dem gehäuften Jammer zu leiden hätte, den ein Kriegszustand notwendig nach sich ziehen muß. Nehmen wir dann an, wir hätten erfahren, daß dieser selbe Nachbar seit einiger Zeit seine Truppen an unseren Grenzen in einer Weise zusammenziehe, die nur als Drohung aufgefaßt werden könne.
Weiter wollen wir annehmen, wir hätten gegen Süden nicht Mexiko, sondern eine wohlhabende, über reiche Hilfsquellen verfügende, auf hoher Stufe der Zivilisation stehende Nation von 40 Millionen Menschen mit einem starken, gut gedrillten, für den Kriegsfall hervorragend gerüsteten Heer. Nehmen wir an, dies Land habe seit 40 Jahren kein Geheimnis daraus gemacht, daß es von dem bittersten Haß gegen uns beseelt ist und eines Tages Rache an uns zu nehmen hofft. Nehmen wir ferner an, es stünde mit der obenerwähnten und mit einer dritten Macht, von der noch die Rede sein wird, im Bund, so daß wir mit gutem Grund fürchten müßten, die genannten Mächte würden im Einverständnis miteinander vorgehen, um uns zu vernichten.
Und nun wollen wir unsere Hypothesen so weit ausdehnen, daß auch diese dritte Macht unter sie fällt. Wir setzen den Fall, wir hätten nicht das weite Meer an unseren Ost- und Westgrenzen, durch das uns die Welthandelswege offenstehen, und es gäbe eine dritte Macht, in geographisch so glücklicher Lage, daß sie von der Landseite unangreifbar wäre und zugleich unsere einzigen Ausgänge nach der See direkt in Gewalt hätte. Wir nehmen an, daß der Außenhandel für unsere Wohlfahrt sehr viel wichtiger wäre, als er tatsächlich ist; daß unser Wohlstand in weitestem Umfang durch unseren Export bedingt sei. Wir nehmen an, die betreffende dritte Macht sei reich genug, um eine Flotte zu halten, die so groß wäre wie unsere eigene zusammen mit der einer andern großen Macht, mit der wir ein Bündnis schließen könnten, und diese dritte Macht verhehle nicht ihre Absicht, sich durch Aufrechterhaltung dieses Stärkeverhältnisses die Herrschaft über das Meer zu wahren. Wir nehmen an, daß die Seeherrschaft diese Macht instand setze, internationale Kabel zu durchschneiden und nur so viel in die Welt gelangen zu lassen, von dem, was wir leisten und was andere gegen uns unternehmen, als seinerPolitik dienlich schiene. Wir nehmen endlich an, daß diese Macht mit den zwei anderen, obengenannten Mächten im Einverständnis wäre und wir fürchten müßten, sie werde sich einem gemeinsamen Angriff gegen uns anschließen.
Wie würden wir Amerikaner in solcher Lage handeln? Ich kenne meine Amerikaner. Ich habe den Spanischen Krieg miterlebt, unsere Universität verödet gesehen, weil Professoren wie Studenten zu den Fahnen geeilt waren, um für das Vaterland zu kämpfen. Und doch war der spanische Krieg für Amerika eine ganz unwichtige Angelegenheit. Spanien vermochte ebensowenig die Vereinigten Staaten zu erdrücken und zur Unterwerfung zu zwingen, als es die Bewegung des Mondes zum Stillstehen bringen könnte. Wenn unser Land wirklich in Gefahr wäre, oder wenn wir ernstlich meinten, daß es so sei, was würden die Vereinigten Staaten tun? Würden wir friedlich und geduldig sein, geneigt, Zugeständnisse zu machen, von unserem Länderbesitz abzutreten, uns zur Beschränkung unserer Heeres- und Flottenstärke zwingen lassen? Würden wir demütig unsere Bereitschaft erklären, aus dem Wettkampf um industrielle Erfolge auszuscheiden oder bei einer anderen Macht um Zulassung zu den Welthandelswegen nachzusuchen? Ich kenne meine Amerikaner, und solche Fragen können mich nur humoristisch berühren.
In diesen Blättern will ich nur den Versuch machen, die Amerikaner einmal an die Stelle der Deutschen zu führen. Ob es wünschenswert ist oder nicht, daß Deutschland oder Österreich auf das Niveau von Polen oder Finnland herabgedrückt werde; ob Frankreich Elsaß und Lothringen wieder haben solle; ob England von einem so intelligenten und tüchtigen Rivalen befreit werden solle, um die Übermacht in Friedenszeiten und die Gewalt über die Seewege nach Amerika, Asien, Afrika und Australien zu behalten — mit all diesen Fragen habe ich mich nicht zu befassen. Ich möchte nur recht klar darlegen, daß unter gleichen Verhältnissen Amerika das Gleiche tun würde, was Deutschland getan hat. Nicht grundlos haben die Deutschen Angriffe von Rußland und Frankreich gefürchtet und seit vielen Jahren daran gearbeitet, ihnen zuvorzukommen. Deutsche Wissenschaft und Industrie haben dem deutschen Handel zu einer ungeheuren Ausdehnung verholfen und die Deutschen waren keineswegs gesonnen, ihren Handel von der Gnade Großbritanniens abhängig zu machen. Deutschland ist unter diesem Regimeherrlich aufgeblüht. Der Militarismus — die Deutschen empfinden es etwas beleidigend, daß man die notwendige Abwehr gegen tatsächliche Gefahren, die berechtigten Maßnahmen zur Selbstverteidigung mit diesem Wort bezeichnet —, der Militarismus hat die Deutschen nicht entfernt in so viel Schwierigkeiten verstrickt, als sie in der Zeit zu bekämpfen hatten, da sie nicht imstande waren, sich zu verteidigen. Der Militarismus ist eine Last, gewiß. Aber er hat Deutschlands Fortschreiten weder auf den Gebieten von Kunst und Wissenschaft gehemmt, noch ist er seinen glänzend durchgeführten Sozialreformen ein Hindernis gewesen, dank welchen allen Klassen der deutschen Bevölkerung eine ungewöhnliche finanzielle Sicherung zuteil geworden ist. Auch der Ausbildung seiner inneren Hilfsquellen, jedem Ausbau seines auswärtigen Handels, der es zu einem reichen Lande gemacht hat, stand der Militarismus nicht im Weg. Wohl mag er, objektiv betrachtet, eine drückende Last sein, aber Deutschland hat er nicht erdrückt und das ist selbstverständlich eine Tatsache, die für die Deutschen schwer ins Gewicht fällt.
Der Wirkung eines immer und immer wiederholten Schlagwortes entzieht sich schließlich keiner. Die Amerikaner haben so viel und meist aus auswärtigen Quellen vom deutschen Militarismus gehört, daß sie notwendig glauben müssen, die Deutschen seien in Europa die einzige Nation, die eine große Armee besitzt. Und doch hat Rußland eine weit größere und hat sie jahrelang zu Angriffszwecken benutzt. Frankreich, das eine viel geringere Einwohnerzahl aufweist als Deutschland, hat eine fast ebenso starke Heeresmacht und dürfte folglich mit weit besserem Recht des Militarismus angeklagt werden. Und in Großbritannien bietet wohl einen vollkommenen Ersatz für ein starkes Heer seine kolossale Flotte, die es mit ungeheuren Kosten erhält, und die es von Zeit zu Zeit immer noch vermehrt, ohne ein Hehl daraus zu machen, daß es keiner anderen Nation gestattet wird, ihm die Alleinherrschaft streitig zu machen über das Meer, diese große Verkehrsstraße der Welt, die alle beschreiten müssen, die aber keine Nation ihr Eigen nennen darf. Wie furchtbar dieser Ersatz für ein Heer anderen Nationen werden kann, hat die gegenwärtige Krisis gelehrt. Es gibt in Europa keine Nation, die ohne Englands Genehmigung den Atlantischen Ozean befahren, die Straße von Gibraltar kreuzen, Schiffe ins Mittelländische Meer schicken oder durch den Suezkanal nach Asien fahren kann. Die allgemeine Straße ist von einer einzigen Nation mit Beschlag belegt, zum englischen Privatbesitz gemacht worden.
Schade, daß «Navalismus» kein gutes englisches Wort ist, denn es drückt genau eine Eigentümlichkeit aus, die England seit einem Jahrhundert kennzeichnet. Der Navalismus kann zu einer sehr viel ernsteren Gefahr werden als der Militarismus, der im wesentlichen nur die nächsten Nachbarn bedroht, während der Navalismus einen Druck ausübt auf jede einzelne Nation des ganzen Erdballs.
Ich wiederhole nachdrücklich, daß dieser Aufsatz die Frage, ob es besser für die Welt wäre, wenn diese oder jene Nation den Sieg erringt, nicht behandeln will. Unsere Meinungen über solche Dinge sind nie von reiner Vernunft diktiert.»
«Aber Japan ist weit weg» — aber es wird schon näher kommen! «und wir wissen sehr wohl, daß es zu arm ist und noch lange Zeit zu arm bleiben wird, um einen lange währenden Krieg führen zu können. Japan kann uns höchstens etwas schikanieren. Daß europäische Staaten, einzeln oder verbündet, uns vernichten könnten, ist eine zu fernliegende Möglichkeit, um an unserem Horizonte aufzutauchen. Wir rüsten zu Wasser und zu Land, so viel uns für unsere Zwecke dienlich erscheint, und es wird uns niemals einfallen, die Erlaubnis einer anderen Macht für die Verstärkung unseres Heeres oder unserer Flotte einzuholen. Weshalb sollte Mr. Carnegie in seinem Haus einen großen Vorrat an Brot aufspeichern, um einer möglichen Hungersnot im Staate New York vorzubeugen? Warum sollte Herr Rockefeller Gold- und Silbermünzen in einem Strumpf ansammeln und unter seiner Matratze verstecken? Den Besitzer einer Farm in Nebraska, der sich’s einfallen ließe, im Hinblick auf einen möglichen Notfall, ein seetüchtiges Schiff zu bauen, würden wir für irrsinnig halten. Wir Amerikaner tun, was uns unter den in Amerika obwaltenden Verhältnissen vernünftig und zweckmäßig erscheint, und wir brauchen eine deutsche Armee ungefähr so notwendig, wie ein Quäker von Philadelphia in seiner Jahresversammlung einen Revolver. Was wir aber nach unserer Meinung wirklich brauchen, werden wir uns jederzeit mit Energie verschaffen.
Aber nehmen wir einmal an, daß unser Gebiet nicht zu groß wäre für einen feindlichen Einmarsch. Nehmen wir an, wir hätten im Norden ein großes Land mit einer Riesenbevölkerung von mehr als 100 Millionen, die unter einem autokratischen Regiment stünden und sich selbst in Friedenszeiten einer ungeheuren Armee rühmen könnte. Nehmen wir ferner an, dies Land sei Jahrzehnte hindurch rastlos bemüht gewesen, seine Grenzen auf Kosten seiner widerstandsunfähigen Nachbarn zu erweitern. Nehmen wir an, seine Bevölkerung habe auf einer viel niedrigeren Kulturstufe gestanden, als die unsere, So niedrig, daß die überwältigende Mehrheit gezwungen sei, in einem nach zivilisierten Begriffen jämmerlichen Elend zu leben, in dumpfer, passiver Unwissenheit, nur ein Werkzeug in den Händen einer bürokratischen Klasse, die am allerwenigsten unter dem gehäuften Jammer zu leiden hätte, den ein Kriegszustand notwendig nach sich ziehen muß. Nehmen wir dann an, wir hätten erfahren, daß dieser selbe Nachbar seit einiger Zeit seine Truppen an unseren Grenzen in einer Weise zusammenziehe, die nur als Drohung aufgefaßt werden könne.
Weiter wollen wir annehmen, wir hätten gegen Süden nicht Mexiko, sondern eine wohlhabende, über reiche Hilfsquellen verfügende, auf hoher Stufe der Zivilisation stehende Nation von 40 Millionen Menschen mit einem starken, gut gedrillten, für den Kriegsfall hervorragend gerüsteten Heer. Nehmen wir an, dies Land habe seit 40 Jahren kein Geheimnis daraus gemacht, daß es von dem bittersten Haß gegen uns beseelt ist und eines Tages Rache an uns zu nehmen hofft. Nehmen wir ferner an, es stünde mit der obenerwähnten und mit einer dritten Macht, von der noch die Rede sein wird, im Bund, so daß wir mit gutem Grund fürchten müßten, die genannten Mächte würden im Einverständnis miteinander vorgehen, um uns zu vernichten.
Und nun wollen wir unsere Hypothesen so weit ausdehnen, daß auch diese dritte Macht unter sie fällt. Wir setzen den Fall, wir hätten nicht das weite Meer an unseren Ost- und Westgrenzen, durch das uns die Welthandelswege offenstehen, und es gäbe eine dritte Macht, in geographisch so glücklicher Lage, daß sie von der Landseite unangreifbar wäre und zugleich unsere einzigen Ausgänge nach der See direkt in Gewalt hätte. Wir nehmen an, daß der Außenhandel für unsere Wohlfahrt sehr viel wichtiger wäre, als er tatsächlich ist; daß unser Wohlstand in weitestem Umfang durch unseren Export bedingt sei. Wir nehmen an, die betreffende dritte Macht sei reich genug, um eine Flotte zu halten, die so groß wäre wie unsere eigene zusammen mit der einer andern großen Macht, mit der wir ein Bündnis schließen könnten, und diese dritte Macht verhehle nicht ihre Absicht, sich durch Aufrechterhaltung dieses Stärkeverhältnisses die Herrschaft über das Meer zu wahren. Wir nehmen an, daß die Seeherrschaft diese Macht instand setze, internationale Kabel zu durchschneiden und nur so viel in die Welt gelangen zu lassen, von dem, was wir leisten und was andere gegen uns unternehmen, als seinerPolitik dienlich schiene. Wir nehmen endlich an, daß diese Macht mit den zwei anderen, obengenannten Mächten im Einverständnis wäre und wir fürchten müßten, sie werde sich einem gemeinsamen Angriff gegen uns anschließen.
Wie würden wir Amerikaner in solcher Lage handeln? Ich kenne meine Amerikaner. Ich habe den Spanischen Krieg miterlebt, unsere Universität verödet gesehen, weil Professoren wie Studenten zu den Fahnen geeilt waren, um für das Vaterland zu kämpfen. Und doch war der spanische Krieg für Amerika eine ganz unwichtige Angelegenheit. Spanien vermochte ebensowenig die Vereinigten Staaten zu erdrücken und zur Unterwerfung zu zwingen, als es die Bewegung des Mondes zum Stillstehen bringen könnte. Wenn unser Land wirklich in Gefahr wäre, oder wenn wir ernstlich meinten, daß es so sei, was würden die Vereinigten Staaten tun? Würden wir friedlich und geduldig sein, geneigt, Zugeständnisse zu machen, von unserem Länderbesitz abzutreten, uns zur Beschränkung unserer Heeres- und Flottenstärke zwingen lassen? Würden wir demütig unsere Bereitschaft erklären, aus dem Wettkampf um industrielle Erfolge auszuscheiden oder bei einer anderen Macht um Zulassung zu den Welthandelswegen nachzusuchen? Ich kenne meine Amerikaner, und solche Fragen können mich nur humoristisch berühren.
In diesen Blättern will ich nur den Versuch machen, die Amerikaner einmal an die Stelle der Deutschen zu führen. Ob es wünschenswert ist oder nicht, daß Deutschland oder Österreich auf das Niveau von Polen oder Finnland herabgedrückt werde; ob Frankreich Elsaß und Lothringen wieder haben solle; ob England von einem so intelligenten und tüchtigen Rivalen befreit werden solle, um die Übermacht in Friedenszeiten und die Gewalt über die Seewege nach Amerika, Asien, Afrika und Australien zu behalten — mit all diesen Fragen habe ich mich nicht zu befassen. Ich möchte nur recht klar darlegen, daß unter gleichen Verhältnissen Amerika das Gleiche tun würde, was Deutschland getan hat. Nicht grundlos haben die Deutschen Angriffe von Rußland und Frankreich gefürchtet und seit vielen Jahren daran gearbeitet, ihnen zuvorzukommen. Deutsche Wissenschaft und Industrie haben dem deutschen Handel zu einer ungeheuren Ausdehnung verholfen und die Deutschen waren keineswegs gesonnen, ihren Handel von der Gnade Großbritanniens abhängig zu machen. Deutschland ist unter diesem Regimeherrlich aufgeblüht. Der Militarismus — die Deutschen empfinden es etwas beleidigend, daß man die notwendige Abwehr gegen tatsächliche Gefahren, die berechtigten Maßnahmen zur Selbstverteidigung mit diesem Wort bezeichnet —, der Militarismus hat die Deutschen nicht entfernt in so viel Schwierigkeiten verstrickt, als sie in der Zeit zu bekämpfen hatten, da sie nicht imstande waren, sich zu verteidigen. Der Militarismus ist eine Last, gewiß. Aber er hat Deutschlands Fortschreiten weder auf den Gebieten von Kunst und Wissenschaft gehemmt, noch ist er seinen glänzend durchgeführten Sozialreformen ein Hindernis gewesen, dank welchen allen Klassen der deutschen Bevölkerung eine ungewöhnliche finanzielle Sicherung zuteil geworden ist. Auch der Ausbildung seiner inneren Hilfsquellen, jedem Ausbau seines auswärtigen Handels, der es zu einem reichen Lande gemacht hat, stand der Militarismus nicht im Weg. Wohl mag er, objektiv betrachtet, eine drückende Last sein, aber Deutschland hat er nicht erdrückt und das ist selbstverständlich eine Tatsache, die für die Deutschen schwer ins Gewicht fällt.
Der Wirkung eines immer und immer wiederholten Schlagwortes entzieht sich schließlich keiner. Die Amerikaner haben so viel und meist aus auswärtigen Quellen vom deutschen Militarismus gehört, daß sie notwendig glauben müssen, die Deutschen seien in Europa die einzige Nation, die eine große Armee besitzt. Und doch hat Rußland eine weit größere und hat sie jahrelang zu Angriffszwecken benutzt. Frankreich, das eine viel geringere Einwohnerzahl aufweist als Deutschland, hat eine fast ebenso starke Heeresmacht und dürfte folglich mit weit besserem Recht des Militarismus angeklagt werden. Und in Großbritannien bietet wohl einen vollkommenen Ersatz für ein starkes Heer seine kolossale Flotte, die es mit ungeheuren Kosten erhält, und die es von Zeit zu Zeit immer noch vermehrt, ohne ein Hehl daraus zu machen, daß es keiner anderen Nation gestattet wird, ihm die Alleinherrschaft streitig zu machen über das Meer, diese große Verkehrsstraße der Welt, die alle beschreiten müssen, die aber keine Nation ihr Eigen nennen darf. Wie furchtbar dieser Ersatz für ein Heer anderen Nationen werden kann, hat die gegenwärtige Krisis gelehrt. Es gibt in Europa keine Nation, die ohne Englands Genehmigung den Atlantischen Ozean befahren, die Straße von Gibraltar kreuzen, Schiffe ins Mittelländische Meer schicken oder durch den Suezkanal nach Asien fahren kann. Die allgemeine Straße ist von einer einzigen Nation mit Beschlag belegt, zum englischen Privatbesitz gemacht worden.
Schade, daß «Navalismus» kein gutes englisches Wort ist, denn es drückt genau eine Eigentümlichkeit aus, die England seit einem Jahrhundert kennzeichnet. Der Navalismus kann zu einer sehr viel ernsteren Gefahr werden als der Militarismus, der im wesentlichen nur die nächsten Nachbarn bedroht, während der Navalismus einen Druck ausübt auf jede einzelne Nation des ganzen Erdballs.
Ich wiederhole nachdrücklich, daß dieser Aufsatz die Frage, ob es besser für die Welt wäre, wenn diese oder jene Nation den Sieg erringt, nicht behandeln will. Unsere Meinungen über solche Dinge sind nie von reiner Vernunft diktiert.»
[ 46 ] Das sagt sehr vernünftig dieser Mann!
[ 46 ] Das sagt sehr vernünftig dieser Mann!
«Ich möchte nur den eigentlichen Streitpunkt klarlegen und die durch allerhand Schlagworte und Phrasen geschaffenen Irrtümer vermeiden. Ich spreche nicht von Belgiens Neutralität, noch dünkt es mich der Mühe wert, die Frage zu erörtern, wer auf dieser oder jener Seite den Krieg zuerst erklärt hat. Im Lichte alles dessen gesehen, was die Welt inzwischen erfahren hat, sind das heute ganz belanglose Dinge. Die Erklärung für die Haltung des deutschen Volkes liegt viel tiefer. Und ich behaupte, daß wir Amerikaner unter den gleichen Verhältnissen so gehandelt hätten, wie die Deutschen. Wär’s recht, wär’s unrecht gewesen? Ich überlasse den Amerikanern, das zu entscheiden.
Einige Amerikaner — nicht viele — neigen von Natur dazu, den status quo zu akzeptieren, ein etwas zweideutiges Wort, besonders häufig im Munde solcher, denen es zweckdienlich erscheint, auf die Fortdauer eines Zustandes zu dringen, der schon lange geherrscht hat oder vor kurzem eingesetzt worden ist. Wenn Österreich den status quo akzeptiert hätte, so würde es die revolutionären Bestrebungen Serbiens innerhalb seiner Grenzen, den Mord seines Kronprinzen ungeahndet gelassen, es würde Rußland keinen Widerstand entgegengesetzt haben. Hätte Deutschland den status quo akzeptiert, so würde es nicht gerüstet, auf Rußlands Mobilisierung an den Grenzen nicht reagiert und sich nicht bemüht haben, die Aufteilung von Österreich-Ungarn zu verhüten. Es würde dieBacke hingehalten haben, um den Streich von Frankreich zu empfangen; es würde England nach Belieben auf dem Wasser haben herrschen lassen nach alten guten Traditionen. Und wenn Österreich und Deutschland den status quo so respektiert hätten, was wäre ihnen geschehen? Zweifellos hätte das für die Deutschen die unangenehmsten Folgen gehabt. Darüber waren sie alle einig, und darum haben alle, Bauer und Edelmann, Katholik und Protestant, Konservativer und Sozialdemokrat, alle Bedenken hintangesetzt und sind mit beispielloser Begeisterung, mit Herz und Hand in den Krieg gezogen.
Sollten wir mehr als von anderen Nationen gerade von Deutschland verlangen, daß es den status quo respektiere und zarte Rücksicht beobachte gegen das europäische «Gleichgewicht»? Jede intelligente, fleißige Nation, die in einem fast 50 Jahre lang gewahrten Frieden sich industriell entwickelt und dadurch reich und mächtig geworden ist, wird dies «Gleichgewichb naturnotwendig stören. Weniger zivilisierte oder weniger fleißige oder streitsüchtigere Nationen sind da im Nachteil. Und was den status quo betrifft, hat Serbien etwa, hat ihn Rußland, Frankreich, England oder Japan je akzeptiert? Und schließlich, wie hat der Amerikaner sich dazu verhalten?
Haben wir den status quo akzeptiert, als wir die Indianer vertrieben? Oder bei der Veröffentlichung unserer Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1776? Haben wir Achtung davor bewiesen, als wir uns gegen das Durchsuchen amerikanischer Schiffe und die gewaltsame Werbung amerikanischer Seeleute seitens Großbritanniens in den Jahren vor 1812 aufgelehnt haben? Haben wir 1861 an den status quo gedacht, als wir uns weigerten, die aufständischen Südstaaten anzuerkennen und auf der Integrität der Union bestanden? Haben wir zur Zeit unseres Krieges mit Spanien Ehrfurcht vor dem status quo bewiesen?
Der status quo ist ein Schlagwort. Das Gleichgewicht der Macht ist etwas, das im normalen Gang menschlichen Geschehens immer gestört wird, immer auf neue Grundlagen gestellt werden muß. Ich halte uns Amerikaner nicht für streitsüchtig, aber wir haben lange erkannt, daß sich die Zeiten ändern und wir mit ihnen. Neuen Bedingungen suchen wir uns aufs neue anzupassen und wahrlich, eifersüchtig genug wachen wir über alles, was wir als unsere berechtigten Interessen betrachten, seien es alte oder neue. Im Notfall würden wir auch nicht zögern, sie durch eine sofortige Kraftprobe wirksam zu wahren. Und an erster Stelle würde unter unsern berechtigten Interessen immer die Verteidigung unserer nationalen Güter und der Vorteile stehen, die wir durch Intelligenz und Industrie und durch die Pflege der Kunst des Friedens errungen haben.
Wir sind neutral, aber wir haben das Recht auf Wahrheit auch über Zentraleuropa. Es ist nicht recht, daß wir in Unkenntnis erhalten oder durch falsche Darstellungen dazu gebracht werden, voreilig Nationen zu verdammen, zu denen wir in freundschaftlichen Beziehungen stehn. Wenn wir eine große Nation sehen von einigen 70 Millionen Menschen, eine hochzivilisierte, reiche, kultivierte Nation, sich wohl bewußt, daß sie aufblühn kann wie wenige andere, wenn man sie ihre Zwecke im Frieden verfolgen läßt — wenn wir eine solche Nation gegen eine gewaltige Übermacht in den Krieg ziehn, ihre ganze Existenz an diesen Kampf wagen sehen, müßten wir wirklich sehr töricht sein, wenn wir glauben könnten, daß ihre ganze Bevölkerung — eine von Natur Friede und Ordnung liebende Bevölkerung — toll geworden oder in Barbarei verfallen sei. Wir müssen das Problem so lange als unlösbar anerkennen, bis uns die richtige Aufklärung gebracht wird und das rechte Verständnis gekommen ist.
Amerikaner, vergeßt die Bedingungen, unter denen ihr selber lebt. Sucht euch in die Lage der Deutschen hineinzudenken. Und dann fragt euch, was ihr unter diesen selben Verhältnissen getan haben würdet.»
«Ich möchte nur den eigentlichen Streitpunkt klarlegen und die durch allerhand Schlagworte und Phrasen geschaffenen Irrtümer vermeiden. Ich spreche nicht von Belgiens Neutralität, noch dünkt es mich der Mühe wert, die Frage zu erörtern, wer auf dieser oder jener Seite den Krieg zuerst erklärt hat. Im Lichte alles dessen gesehen, was die Welt inzwischen erfahren hat, sind das heute ganz belanglose Dinge. Die Erklärung für die Haltung des deutschen Volkes liegt viel tiefer. Und ich behaupte, daß wir Amerikaner unter den gleichen Verhältnissen so gehandelt hätten, wie die Deutschen. Wär’s recht, wär’s unrecht gewesen? Ich überlasse den Amerikanern, das zu entscheiden.
Einige Amerikaner — nicht viele — neigen von Natur dazu, den status quo zu akzeptieren, ein etwas zweideutiges Wort, besonders häufig im Munde solcher, denen es zweckdienlich erscheint, auf die Fortdauer eines Zustandes zu dringen, der schon lange geherrscht hat oder vor kurzem eingesetzt worden ist. Wenn Österreich den status quo akzeptiert hätte, so würde es die revolutionären Bestrebungen Serbiens innerhalb seiner Grenzen, den Mord seines Kronprinzen ungeahndet gelassen, es würde Rußland keinen Widerstand entgegengesetzt haben. Hätte Deutschland den status quo akzeptiert, so würde es nicht gerüstet, auf Rußlands Mobilisierung an den Grenzen nicht reagiert und sich nicht bemüht haben, die Aufteilung von Österreich-Ungarn zu verhüten. Es würde dieBacke hingehalten haben, um den Streich von Frankreich zu empfangen; es würde England nach Belieben auf dem Wasser haben herrschen lassen nach alten guten Traditionen. Und wenn Österreich und Deutschland den status quo so respektiert hätten, was wäre ihnen geschehen? Zweifellos hätte das für die Deutschen die unangenehmsten Folgen gehabt. Darüber waren sie alle einig, und darum haben alle, Bauer und Edelmann, Katholik und Protestant, Konservativer und Sozialdemokrat, alle Bedenken hintangesetzt und sind mit beispielloser Begeisterung, mit Herz und Hand in den Krieg gezogen.
Sollten wir mehr als von anderen Nationen gerade von Deutschland verlangen, daß es den status quo respektiere und zarte Rücksicht beobachte gegen das europäische «Gleichgewicht»? Jede intelligente, fleißige Nation, die in einem fast 50 Jahre lang gewahrten Frieden sich industriell entwickelt und dadurch reich und mächtig geworden ist, wird dies «Gleichgewichb naturnotwendig stören. Weniger zivilisierte oder weniger fleißige oder streitsüchtigere Nationen sind da im Nachteil. Und was den status quo betrifft, hat Serbien etwa, hat ihn Rußland, Frankreich, England oder Japan je akzeptiert? Und schließlich, wie hat der Amerikaner sich dazu verhalten?
Haben wir den status quo akzeptiert, als wir die Indianer vertrieben? Oder bei der Veröffentlichung unserer Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1776? Haben wir Achtung davor bewiesen, als wir uns gegen das Durchsuchen amerikanischer Schiffe und die gewaltsame Werbung amerikanischer Seeleute seitens Großbritanniens in den Jahren vor 1812 aufgelehnt haben? Haben wir 1861 an den status quo gedacht, als wir uns weigerten, die aufständischen Südstaaten anzuerkennen und auf der Integrität der Union bestanden? Haben wir zur Zeit unseres Krieges mit Spanien Ehrfurcht vor dem status quo bewiesen?
Der status quo ist ein Schlagwort. Das Gleichgewicht der Macht ist etwas, das im normalen Gang menschlichen Geschehens immer gestört wird, immer auf neue Grundlagen gestellt werden muß. Ich halte uns Amerikaner nicht für streitsüchtig, aber wir haben lange erkannt, daß sich die Zeiten ändern und wir mit ihnen. Neuen Bedingungen suchen wir uns aufs neue anzupassen und wahrlich, eifersüchtig genug wachen wir über alles, was wir als unsere berechtigten Interessen betrachten, seien es alte oder neue. Im Notfall würden wir auch nicht zögern, sie durch eine sofortige Kraftprobe wirksam zu wahren. Und an erster Stelle würde unter unsern berechtigten Interessen immer die Verteidigung unserer nationalen Güter und der Vorteile stehen, die wir durch Intelligenz und Industrie und durch die Pflege der Kunst des Friedens errungen haben.
Wir sind neutral, aber wir haben das Recht auf Wahrheit auch über Zentraleuropa. Es ist nicht recht, daß wir in Unkenntnis erhalten oder durch falsche Darstellungen dazu gebracht werden, voreilig Nationen zu verdammen, zu denen wir in freundschaftlichen Beziehungen stehn. Wenn wir eine große Nation sehen von einigen 70 Millionen Menschen, eine hochzivilisierte, reiche, kultivierte Nation, sich wohl bewußt, daß sie aufblühn kann wie wenige andere, wenn man sie ihre Zwecke im Frieden verfolgen läßt — wenn wir eine solche Nation gegen eine gewaltige Übermacht in den Krieg ziehn, ihre ganze Existenz an diesen Kampf wagen sehen, müßten wir wirklich sehr töricht sein, wenn wir glauben könnten, daß ihre ganze Bevölkerung — eine von Natur Friede und Ordnung liebende Bevölkerung — toll geworden oder in Barbarei verfallen sei. Wir müssen das Problem so lange als unlösbar anerkennen, bis uns die richtige Aufklärung gebracht wird und das rechte Verständnis gekommen ist.
Amerikaner, vergeßt die Bedingungen, unter denen ihr selber lebt. Sucht euch in die Lage der Deutschen hineinzudenken. Und dann fragt euch, was ihr unter diesen selben Verhältnissen getan haben würdet.»
[ 47 ] So spricht allerdings einer, der den Willen hatte, die Dinge anzuschauen, wie sie sind, und nicht auf dasjenige hinzuhorchen, was die in der Peripherie erscheinenden Zeitungen und Schriften sagen. Aber schließlich, haben denn nur solche Leute so gesprochen? Solche Leute sind mit echtem Wahrheitssinn ausgestattet. Sie haben so gesprochen.
[ 47 ] So spricht allerdings einer, der den Willen hatte, die Dinge anzuschauen, wie sie sind, und nicht auf dasjenige hinzuhorchen, was die in der Peripherie erscheinenden Zeitungen und Schriften sagen. Aber schließlich, haben denn nur solche Leute so gesprochen? Solche Leute sind mit echtem Wahrheitssinn ausgestattet. Sie haben so gesprochen.
[ 48 ] Gestern — die Sache liegt sehr nahe — schlug ich die «Basler Nachrichten» auf; in denen ist eine Stelle mitgeteilt, die wirklich gesprochen worden ist. Es ist gut, daß sie mitgeteilt worden ist. Die Stelle ist 1908 von einem Engländer vor Engländern gesprochen worden, um darauf hinzuweisen, daß Deutschland wohl Grund hatte, sich einen Militarismus anzulegen, und daß es unvernünftig von Deutschland gewesen wäre, diesen heute per Schlagwort so verleumdeten «Militarismus» nicht anzunehmen. Die Worte, die ein Engländer zu Engländern sagte, lauteten:
[ 48 ] Gestern — die Sache liegt sehr nahe — schlug ich die «Basler Nachrichten» auf; in denen ist eine Stelle mitgeteilt, die wirklich gesprochen worden ist. Es ist gut, daß sie mitgeteilt worden ist. Die Stelle ist 1908 von einem Engländer vor Engländern gesprochen worden, um darauf hinzuweisen, daß Deutschland wohl Grund hatte, sich einen Militarismus anzulegen, und daß es unvernünftig von Deutschland gewesen wäre, diesen heute per Schlagwort so verleumdeten «Militarismus» nicht anzunehmen. Die Worte, die ein Engländer zu Engländern sagte, lauteten:
«Könnt Ihr nicht verstehen, wie berechtigt die Befürchtungen Deutschlands sind? Wenn wir in derselben Lage wären wie Deutschland, mit Rußland zur einen und Frankreich zur andern Seite, die im Falle eines europäischen Krieges unsere Feinde wären, würden wir uns nicht bewaffnen? Würden wir nicht rüsten? Natürlich würden wir das tun!»
«Könnt Ihr nicht verstehen, wie berechtigt die Befürchtungen Deutschlands sind? Wenn wir in derselben Lage wären wie Deutschland, mit Rußland zur einen und Frankreich zur andern Seite, die im Falle eines europäischen Krieges unsere Feinde wären, würden wir uns nicht bewaffnen? Würden wir nicht rüsten? Natürlich würden wir das tun!»
[ 49 ] Mit demselben Brustton der Überzeugung hat das — Lloyd George im Jahre 1908 gesagt, mit dem er heute seine Tiraden in die Welt hinaussendet! Denn die Worte sind von Lloyd George aus dem Jahre 1908!
[ 49 ] Mit demselben Brustton der Überzeugung hat das — Lloyd George im Jahre 1908 gesagt, mit dem er heute seine Tiraden in die Welt hinaussendet! Denn die Worte sind von Lloyd George aus dem Jahre 1908!
