Reflections on Contemporary History II
The Karma of Untruthfulness
GA 173b
31 December 1916, Dornach
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Reflections on Contemporary History, Volume III, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Sie werden begreifen, daß, wenn man teilnimmt an dem Schicksal der Menschheit, es gerade heute am Silvesterabend schwer zu sprechen ist, und es wird vielleicht verständlich sein, wenn das heute Vorgebrachte nicht in der Abrundung vorgebracht werden kann, wie das sonst der Fall wäre, da ja jene «Silvesterbescherung», die der Menschheit geworden ist, eine freie Entfaltung des Gemütes heute kaum aufkommen läßt.
[ 1 ] You will understand that, when one shares in the fate of humanity, it is difficult to speak today, on New Year’s Eve, and it may be understandable if what is presented today cannot be presented in its entirety, as would otherwise be the case, since that “New Year’s gift” that has befallen humanity hardly allows for a free unfolding of the spirit today.
[ 2 ] Ich habe gestern versucht, ein geschichtliches Ereignis vorzubringen und zu zeigen, daß ein solches geschichtliches Ereignis nicht im moralischen Sinne gedeutet werden darf, daß das, was der historischen Notwendigkeit zugrunde liegt, nicht — um diesen Nietzscheschen Ausdruck noch einmal zu gebrauchen — «moralinsauer» beurteilt werden kann. Denn man muß sich klar darüber sein, daß, ebensowenig wie das Mysterium von Golgatha mit Völkern oder Menschengruppen zu tun hat, sondern das Licht dieses Ereignisses auf den individuellen Menschen nur fällt, es nicht angeht, die gewöhnliche moralische Beurteilung des Denkens, Fühlens und Wollens des einzelnen Menschen auf Gruppen einfach analogisch zu übertragen.
[ 2 ] Yesterday I attempted to present a historical event and to show that such a historical event must not be interpreted in a moral sense, that what underlies historical necessity cannot—to use this Nietzschean expression once again—be judged in a “moralistic” manner. For one must be clear that, just as the mystery of Golgotha has nothing to do with nations or groups of people—but rather the light of this event shines only upon the individual human being—it is not appropriate to simply transfer, by analogy, the ordinary moral judgment of an individual’s thoughts, feelings, and will to groups.
[ 3 ] Man kann auch in andern Fällen nicht moralische Maßstäbe anlegen; es kann zum Beispiel niemandem einfallen, einen moralischen Maßstab anzulegen sagen wir auf den Bau eines Hauses, und ein Dach durch seine Form unmoralischer finden als ein anderes Dach. Nur liegt hier die Sache natürlich radikaler, und den Menschen liegt es ferner, dabei moralische Urteile anzuwenden; es liegt ihnen nicht, sich in einem solchen Falle durch moralische Urteile zu betäuben. Es liegt hingegen sehr nahe, dasjenige, was wahrhaftig nicht aus moralischen Gründen geschieht und was man auch nicht mit moralischen Gründen verteidigen würde, wenn man nicht heucheln wollte, mit moralischen Gründen zu verbrämen da, wo man auf die Gemüter der Menschen wirken will, die immer für derlei Dinge zugänglich sind. Deshalb habe ich ein Ereignis vorgebracht, das wohl geeignet sein kann, über gewisse Motive Licht zu verbreiten, die nun schon einmal in der Menschheitsevolution auf dem physischen Plane wirksam sind.
[ 3 ] Nor can one apply moral standards in other cases; for example, it would never occur to anyone to apply a moral standard—say, to the construction of a house—and to consider one roof more immoral than another simply because of its shape. However, the matter is naturally more radical here, and it is more foreign to people to apply moral judgments in such cases; it is not in their nature to delude themselves with moral judgments in such a situation. On the other hand, it is very natural to cloak in moral terms that which truly does not happen for moral reasons—and which one would not defend with moral reasons unless one wished to be hypocritical—in situations where one seeks to influence people’s minds, which are always receptive to such things. That is why I have presented an event that may well be suitable for shedding light on certain motives that are already at work on the physical plane in the evolution of humanity.
[ 4 ] Moralisch beurteilen, weder im positiven noch im negativen Sinne, darf man so etwas wie den Ihnen gestern erzählten Opiumkrieg nicht. Denn wozu würde — um nur eines zu erwähnen — eine moralische Beurteilung führen, und wäre sie selbst eine solche, durch die sich die Menschen gewissermaßen selbst ins Gewissen reden wollten? Nehmen wir an, es fände sich jemand, der sagt: Ja, das war eben einmal eine unmoralische Unternehmung, aber nun liegt das lange hinter uns. — Das wäre wieder so ein Urteil, nur dazu bestimmt, uns zu betäuben! Denn dank den vielen Millionen, die dazumal von Asien nach Europa geflossen sind, besteht heute in seinem Gesamtzustande dasjenige Reich, das sich dann ins Gewissen reden müßte.
[ 4 ] One must not pass moral judgment—neither positive nor negative—on something like the Opium War I told you about yesterday. For what, to mention just one thing, would a moral judgment lead to, and would it itself be the kind through which people, so to speak, sought to soothe their own consciences? Let’s suppose someone were to say: Yes, that was indeed an immoral undertaking at the time, but that is long behind us now. — That would be yet another judgment, intended solely to numb us! For thanks to the many millions that flowed from Asia to Europe back then, the empire that now exists in its current state is the very one that would then have to appeal to its conscience.
[ 5 ] Dann müßte man aber auch von demselben Gewissensstandpunkt aus die gegenwärtigen Ränkespiele ebenso herb und scharf verurteilen, wie man so etwas wie den Opiumkrieg verurteilt! Sonst wäre es, wie wenn man bei einem Hause nur den zweiten, dritten, vierten Stock und das Dachgeschoß ins Auge faßte und nicht dasjenige, was nicht herausgenommen werden kann, nämlich die erste Etage. Was dazumal gewonnen worden ist, gehört zu der ganzen Konfiguration dessen, was heute als Britisches Reich vorhanden ist. Vielleicht haben Sie einmal das Beispiel gehört, wie ein Pfennig, ein Centime angewachsen wäre, wenn er zur Zeit von Christi Geburt auf Zins und Zinseszins angelegt worden wäre. Daraus können Sie ermessen, was im Laufe der Jahre an Reichtumsvermehrung möglich ist. So müssen Sie auch, wenn Sie das Erträgnis des Opiumkrieges heute beurteilen, es als einen integrierenden Faktor ins Auge fassen und sich sagen: Was aus den damaligen Millionen — seit einem Jahrhundert geht ja die Geschichte — geworden ist, ist dasjenige, was heute sich anschickt, die Welt zu regieren, die Welt zu überfluten; darinnen steckt, was dazumal gewonnen worden ist!
[ 5 ] But then, from the same moral standpoint, one would also have to condemn the current intrigues just as harshly and sharply as one condemns something like the Opium War! Otherwise, it would be like looking at a house and focusing only on the second, third, and fourth floors and the attic, and not on what cannot be removed—namely, the first floor. What was gained back then is part of the entire structure of what exists today as the British Empire. Perhaps you have heard the example of how a pfennig or a centime would have grown if it had been invested at the time of Christ’s birth, earning interest and compound interest. From this, you can gauge the potential for the accumulation of wealth over the years. So, too, when you assess the proceeds of the Opium War today, you must view them as an integral factor and say to yourself: What has become of those millions from back then—after all, a century has passed since then—is precisely what is now poised to rule the world, to flood the world; embedded within it is what was gained back then!
[ 6 ] Also einfach ein Stück aus einer kontinuierlichen Entwickelung herausheben, das geht nicht, da würde man gegen alle Wahrheit verstoßen. Daher muß man sagen: Dasjenige, was geworden ist, ist mit ein Ergebnis dieses Opiumkrieges. Ganz objektiv kann man das auffassen, ohne moralisch positiv oder negativ Stellung zu nehmen. Aber die Tatsache darf man nicht mit irgendwelchem moralischen Mäntelchen übertünchen wollen, sonst würde man auch im Hinblick auf all das, was jetzt geschieht, die Möglichkeit der späteren Einsicht verhindern. Wir müssen aus karmisch-moralischen Gründen für möglich halten, daß, wenn die Menschen nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten auf die jetzigen Ereignisse zurückschauen, sie das, was heute aus ediem moralischem Patriotismus verteidigt wird, mit ebensoviel Überzeugung und Gewißheit verurteilen werden. Denn für spätere Jahrhunderte werden sich die heutigen Dinge sehr ähnlich ausnehmen.
[ 6 ] So you simply cannot single out one part from a continuous process of development; to do so would be to violate all truth. Therefore, one must say: What has come to be is, in part, a result of this Opium War. One can view this entirely objectively, without taking a moral stance—whether positive or negative. But one must not attempt to gloss over the fact with some moral pretext; otherwise, one would also prevent the possibility of future insight regarding everything that is happening now. For karmic and moral reasons, we must consider it possible that when people look back on current events decades or centuries from now, they will condemn with just as much conviction and certainty what is being defended today out of a certain moral patriotism. For to future centuries, the events of today will appear very similar.
[ 7 ] Uns geziemt es, in solche Dinge, die auf dem physischen Plane ablaufen, etwas tiefer hineinzusehen, insbesondere wenn wir es zu tun haben mit einem Zeitpunkte, der einerseits, wie in der heutigen Nacht, Festesstimmung in der Menschenseele auslösen sollte, und der auf der andern Seite gerade in diesem Jahre so bitter verlaufen muß, der uns tief zu Herzen gehen sollte, wenn wir nicht oberflächlich sein wollen. Ganz abgesehen von jedem Parteistandpunkt muß es heute jedem klar sein, daß von den Worten, die wir heute gelesen haben, das Furchtbarste abhängen kann, was über die Menschheit kommen wird.
[ 7 ] It is fitting for us to look a little more deeply into such matters that take place on the physical plane, especially when we are dealing with a moment that, on the one hand—as is the case tonight—is meant to evoke a festive mood in the human soul, and on the other hand, must unfold so bitterly this very year—a moment that should touch us deeply if we do not wish to be superficial. Quite apart from any partisan viewpoint, it must be clear to everyone today that the words we have read today could lead to the most terrible things that will befall humanity.
[ 8 ] Ich sagte: Es geziemt uns, die wir auf dem Standpunkt des geistigen Erkennens stehen, in die Dinge auch etwas tiefer hineinzuschauen. — Daher will ich heute — ich weiß ja nicht, wie lange in Europa von solchen geistigen Dingen noch gesprochen werden kann — auf etwas aufmerksam machen, was als Beispiel dienen kann, um tiefer hineinzuschauen in die Verhältnisse, die sich gewissermaßen äußerlich darstellen in den Offenbarungen des physischen Planes. Sehen Sie, mehr noch als in der Wissenschaft des Physischen muß man sich klar sein, daß für die Wissenschaft des Geistigen die Tatsachen und die Tatsachenzusammenhänge nicht so einfach liegen, sondern sehr kompliziert sind. Ich habe oftmals auf diese Kompliziertheit der Tatsachen hingewiesen und Sie gebeten, sich zwar klar zu sein darüber, daß die allgemeinen Formeln, Ideen und Gesetze, die man aus der Geisteswissenschaft heraus über die Zusammenhänge des Lebens empfängt, absolut richtig sind, daß sie sich aber selbstverständlich vermannigfaltigen mit Bezug auf die konkreten Fälle.
[ 8 ] I said: It befits us, who stand on the ground of spiritual knowledge, to look a little more deeply into things. — Therefore, today—since I do not know how much longer such spiritual matters can be discussed in Europe—I would like to draw attention to something that can serve as an example for looking more deeply into the circumstances that, in a sense, manifest externally in the revelations of the physical plane. You see, even more so than in the science of the physical, one must be clear that for the science of the spiritual, the facts and the interrelationships between them are not so straightforward, but rather very complex. I have often pointed out this complexity of the facts and asked you to be clear that, while the general formulas, ideas, and laws received through spiritual science regarding the interrelationships of life are absolutely correct, they naturally take on many different forms when applied to specific cases.
[ 9 ] Wenn wir so mancherlei verfolgen, das wir betrachtet haben, so wissen wir: Es verläuft eine Zeit zwischen Tod und einer neuen Geburt; der Mensch steigt herunter in die physische Welt, um sein SeelischGeistiges zu verkörpern in einem physischen Menschenwesen. Wir können uns also sagen: Wenn wir den geistigen Blick hinaufwenden in die geistigen Welten, so sind immer Seelen da oben, welche sich anschicken, mit den Kräften, die sie sich ausbilden zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in physische Leiber herunterzusteigen. Das heißt, da unten warten die Möglichkeiten, daß diese oder jene physischen Leiber entstehen — oben sind die Kräfte in den Seelen, welche hintendieren zu diesen physischen Leibern.
[ 9 ] When we reflect on the various things we have considered, we know that a period of time elapses between death and a new birth; the human being descends into the physical world to embody his soul-spiritual nature in a physical human being. We can therefore say to ourselves: When we turn our spiritual gaze upward toward the spiritual worlds, there are always souls up there who are preparing to descend into physical bodies with the forces they develop between death and a new birth. This means that down below lie the possibilities for this or that physical body to come into being—while up above are the forces within the souls that tend toward these physical bodies.
[ 10 ] Nun müssen Sie mit dem soeben Gesagten einiges andere zusammennehmen. Sie wissen, oftmals wird als Einwendung gegen die wiederholten Erdenleben das Folgende vorgebracht; man sagt: Die Menschheit nimmt doch zu; wo kommen die Seelen her?
[ 10 ] Now you must consider what has just been said in conjunction with a few other points. As you know, the following objection is often raised against the idea of repeated earthly lives: People say, “The human population is growing; where do all these souls come from?”
[ 11 ] Ich habe oft erwidert, daß der Einwand oberflächlich ist, aus dem einfachen Grunde, weil die Leute nicht in Erwägung ziehen, daß diese sogenannte Vermehrung der Menschen nur in den allerletzten Jahrhunderten beobachtet worden ist, und daß zum Beispiel die sehr exakten Forscher, die so stolz sind auf ihre Exaktheit, sehr in Verlegenheit sein würden, wenn man sie über die Statistik des Jahres 1348, als Amerika noch nicht entdeckt war, bezüglich der Verteilung der Menschen auf der Erde befragen würde. Die Dinge, die oftmals vorgebracht werden, sind eben von einer grandiosen Oberflächlichkeit. Aber es liegt auch die Tatsache vor, daß an einigen Stellen der Erde die Geburtenzahl abnimmt, während sie an andern zunimmt, so daß sich die Bevölkerungsdichte an den verschiedenen Stellen der Erdoberfläche verändert. Dadurch entsteht eine gewisse Disharmonie. Es entsteht die Möglichkeit, daß nach den Bedingungen der Inkarnationen Seelen, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt stehen, durch ihre Kräfte aus den vorhergehenden Inkarnationen sich zwar bestimmt fühlen, sich nach irgendeinem Fleck der Erde hin zu verkörpern, daß aber den vielen Seelen nur wenige Leiber auf diesem Fleck der Erde sozusagen zur Verfügung stehen; das kann durchaus eintreten. Aber es kann auch noch etwas anderes eintreten. Und dieses, was noch eintreten kann, das wollen Sie mit dem eben Erwähnten in Zusammenhang betrachten.
[ 11 ] I have often replied that this objection is superficial, for the simple reason that people do not take into account that this so-called increase in the human population has only been observed in the very last few centuries, and that, for example, the highly precise researchers—who are so proud of their precision—would be at a loss if asked about the statistics from the year 1348, when America had not yet been discovered, regarding the distribution of people on Earth. The arguments that are often put forward are, in fact, characterized by a staggering superficiality. But there is also the fact that in some parts of the world the birth rate is declining, while in others it is increasing, so that population density varies across the Earth’s surface. This gives rise to a certain disharmony. It is possible that, depending on the conditions of their incarnations, souls who are between death and a new birth may—through the powers they have accumulated from previous incarnations—feel drawn to incarnate in a particular spot on Earth, yet find that only a few bodies are, so to speak, available to the many souls in that spot; this can certainly happen. But something else can also happen. And this other possibility—you should consider it in connection with what I have just mentioned.
[ 12 ] Ich habe — und daraus werden Sie ersehen, daß diese Vorträge, die ich in den letzten Wochen hier gehalten habe, nicht ohne Zusammenhang sind — vor einiger Zeit darauf hingewiesen, daß John Stuart Mill und mit ihm zusammen der russische Philosoph und Politiker Herzen darauf hingedeutet haben, daß in Europa in vieler Beziehung eine Art Chinesentum beginnt, daß Europa «verchinat» wird. Ich habe die Bemerkung dazumal nicht umsonst gemacht. Denn wenn John Stuart Mill, der schon ein guter Beobachter war, findet, daß in seiner Umgebung bei den Menschen merkwürdige chinesische Eigentümlichkeiten sich zeigen, so hat er damit schon in einer gewissen Beziehung Recht.
[ 12 ] I have—and from this you will see that these lectures I have given here in recent weeks are not without connection—pointed out some time ago that John Stuart Mill, along with the Russian philosopher and politician Herzen, suggested that in many respects a kind of “Chineseness” is beginning to emerge in Europe, that Europe is becoming “Sinicized.” I did not make that remark at the time without reason. For if John Stuart Mill, who was already a keen observer, finds that strange Chinese traits are manifesting themselves among the people around him, then he is, in a certain sense, already correct.
[ 13 ] Nun betrachten Sie das Folgende: Seelen sind da, welche durch ihre vorhergehenden Bedingungen hintendieren, in chinesischen Leibern im 19. Jahrhundert oder im Anfange des 20. Jahrhunderts verkörpert zu werden. Nun, da die chinesische Bevölkerung lange nicht jene Zahl hat wie in früheren Zeiten, so können ohnedies nicht alle chinesischen Seelen dort verkörpert werden; aber in Europa, wo sich in den letzten Zeiten die Bevölkerung physisch wesentlich vermehrt hat, können viele Seelen untergebracht werden, die eigentlich dazu bestimmt sind, in chinesische Leiber hineinverkörpert zu werden. Da haben Sie den einen Grund, warum eine Chinesierung Europas von feinen Beobachtern wohl bemerkt wird.
[ 13 ] Now consider the following: There are souls who, due to their past circumstances, are destined to be incarnated in Chinese bodies in the 19th century or at the beginning of the 20th century. Now, since the Chinese population is nowhere near as large as it was in earlier times, not all Chinese souls can be incarnated there anyway; but in Europe, where the population has increased significantly in recent times, many souls can be accommodated who are actually destined to be incarnated into Chinese bodies. There you have one reason why keen observers are noticing the “Sinicization” of Europe.
[ 14 ] Aber das hätte nicht genügt, um Europa so zu präparieren, damit jenes europäische Karma herauskommt, welches eben herauskommen sollte; sondern es handelte sich darum, gewissermaßen den großen Gesetzen des Daseins nach einer gewissen Seite hin zu Hilfe zu kommen. Wenn man nun durch lange Zeiten hindurch dasjenige bewirkt, wovon ich Ihnen gestern Andeutungen gemacht habe: daß man viele Leiber einer ganzen Volksmasse ausmergelt, — dann bringt man es dahin, daß im Laufe der Zeit da unten Leiber entstehen, zu denen die Seelen nicht hingehen, die erst zu ihnen hintendiert haben. Dadurch, daß man die chinesischen Leiber «veropiumt» und Generationen erzeugt hat, welche unter dem Einfluß der Opiumkräfte entstanden sind, hat man die Chinesen dazu verurteilt, zum Teil sehr unreife, sehr untergeordnete Seelen,über deren Qualitäten ich nicht sprechen will, in sich aufzunehmen. Dafür aber wurden diejenigen Seelen, die sich selber für chinesische Leiber bestimmt hatten, verhindert, in diese veropiumten Leiber zu gehen. Diese wurden nach Europa abgeleitet, um da innerhalb der europäischen Bevölkerung dasjenige hervorzurufen, was dann jene feinen Beobachter, die ich anführte, wohl gemerkt haben.
[ 14 ] But that would not have been enough to prepare Europe in such a way that the European karma which was meant to emerge would actually emerge; rather, the aim was, so to speak, to assist the great laws of existence in a certain direction. If, over the course of long ages, one brings about what I hinted at yesterday—namely, that the bodies of an entire mass of people are emaciated—then one brings about a situation in which, over time, bodies arise down there to which the souls that had initially been drawn toward them do not go. By “opiumizing” the Chinese bodies and producing generations that came into being under the influence of opium forces, one has condemned the Chinese to take into themselves souls that are, in part, very immature and very inferior—souls whose qualities I do not wish to discuss. Consequently, however, those souls who had destined themselves for Chinese bodies were prevented from entering these opium-addled bodies. They were diverted to Europe to bring about, within the European population, precisely what those keen observers I mentioned must surely have noticed.
[ 15 ] Sie sehen daher: ein solches Ereignis auf dem physischen Plan wie der Opiumkrieg, hat sehr wohl seinen geistigen Hintergrund. Er ist nicht nur für das da, wozu er zunächst da war, nämlich, daß sich Leute um Millionen bereichert haben, sondern er ist auch da, um gewisse Seelen, die sonst aus der geistigen Welt zur Verstärkung der europäischen Kulturkräfte in der jetzigen Zeit herabgekommen wären, zu verhindern, sich schon jetzt zu inkarnieren, und dafür chinesische Seelen in europäische Leiber zu praktizieren. So paradox das erscheint, es ist doch so. Es ist doch so, daß das wichtige, folgenschwere Ereignis Tatsache geworden ist, daß bei einer großen Anzahl europäischer Menschen jenes Nichtzusammenstimmen des Seelischen mit dem Leiblichen bewirkt worden ist, welches ich eben angedeutet habe. Und durch das Nichtzusammenstimmen des Seelischen mit dem Leiblichen wird immer auch hervorgerufen eine Unmöglichkeit, die Werkzeuge des Leiblichen in entsprechender Weise zu gebrauchen. Daher die Möglichkeit, mit dem Irrtum zu wirtschaften. Mit dem Irrtum kann man nicht so leicht wirtschaften, wenn derjenige, der den Irrtum durchschaut, nicht gewissermaßen durch ein festgefügtes Zeitgepräge zum Predigen in der Wüste verurteilt ist.
[ 15 ] As you can see, therefore, an event on the physical plane such as the Opium War certainly has a spiritual background. It exists not only for the purpose for which it was initially intended—namely, to enable people to enrich themselves by the millions—but also to prevent certain souls, who would otherwise have descended from the spiritual world to strengthen European cultural forces in the present age, from incarnating at this time, and instead to allow Chinese souls to incarnate in European bodies. As paradoxical as this may seem, it is nevertheless true. The fact is that a significant and momentous event has come to pass: among a large number of Europeans, the disharmony between the soul and the body—which I have just alluded to—has been brought about. And this disharmony between the soul and the body invariably results in an inability to use the instruments of the body in an appropriate manner. Hence the possibility of manipulating error. Error cannot be manipulated so easily if the one who sees through it is not, in a sense, condemned to preach in the wilderness by a firmly established spirit of the times.
[ 16 ] So sehen Sie, daß ich das, was ich Ihnen gestern erzählte, wahrhaftig nicht aus dem Grunde erzählte, um in irgendeiner abscheulichen Weise gerade dieses Ereignis in bezug auf ein Volkstum zu charakterisieren; sondern um ein Beispiel zu liefern, wie durch das, was von Menschen hier auf dem physischen Plan getan wird, tiefgreifende Änderungen auch in der geistigen Evolution der Menschheit hervorgerufen werden. Und glauben Sie nicht, daß ich alles, was ich Ihnen erzählt habe über Zentren des Irrtums, über die Art und Weise, wie heute Täuschungen, Betäubungen hervorgerufen werden, zu meinem Vergnügen erzählt habe; sondern um eben weiter zu charakterisieren, wie gerade in unserer materialistischen Zeit vieles beschaffen ist. Und heute versuchte ich, Ihnen einen der Gründe anzuführen, die sich ergeben, wenn man dasjenige, was durch Menschen geschieht, nicht bloß in seinem physischen Verlauf betrachtet, sondern wenn man es ansieht mit Bezug auf seinen okkulten Hintergrund. Da bedeutet eben so etwas wie jenerOpiumkrieg tatsächlich eine Umlagerung des seelischen Elementes von dem einen Punkt der Erde, wo es hingehört, und wo es vielleicht hätte nützlich werden können, weil es in Leiber gekommen wäre, in dieesgepaßthätte, auf einen andern Punkt der Erde, wo es ein Werkzeug sein kann für Mächte, die es durchaus in der einen oder andern Weise in ihrer Art, nun, sagen wir, nicht gut mit der Menschheit meinen.
[ 16 ] So you see that I truly did not tell you what I told you yesterday for the purpose of characterizing this particular event in relation to a people in any abhorrent way; but rather to provide an example of how what is done by people here on the physical plane brings about profound changes even in the spiritual evolution of humanity. And do not think that I recounted everything I told you about centers of error, about the ways in which deceptions and numbing effects are brought about today, merely for my own amusement; rather, it was to further illustrate how many things are actually shaped, especially in our materialistic age. And today I have tried to present to you one of the reasons that arise when one considers what happens through human beings not merely in its physical course, but when one views it in relation to its occult background. In this context, something like that Opium War actually signifies a displacement of the spiritual element from one point on Earth—where it belongs and where it might have been useful, because it would have entered bodies suited to it—to another point on Earth, where it can serve as a tool for powers that, in one way or another, in their own nature, well, let’s say, do not have humanity’s best interests at heart.
[ 17 ] Wir müssen uns klar sein, daß der äußere Kulturhistoriker selbstverständlich nur eine Degenerierung gewisser Kreise des chinesischen Volkstumes als Wirkung des Opiumkrieges feststellen muß. Derjenige aber, der geistige Kulturgeschichte ins Auge faßt, muß tiefer schauen und sehen, was dadurch in der ganzen Menschheit bewirkt wird. Denn nur in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum, der von Materialismus ganz durchsetzt ist, ist eine Betrachtung möglich, die geradezu tief ahrimanisch ist, die aber heute alles Denken und alle Ideen durchsetzt: nämlich, daß man sich dem Glauben hingibt, es könne bei einem Teil der Menschen irgend etwas Rechtes oder Unrechtes geschehen, was nicht auf die ganze Menschheit wirke. Dasjenige, was in bezug auf einen Teil geschieht, oder von einem Teil getan wird, wird stets dadurch, daß sich die Kräfte hinter den Kulissen des physischen Daseins in einer gewissen Weise anordnen, der ganzen Menschheitsevolution zukommen.
[ 17 ] We must be clear that the historian of external cultural history can, of course, only observe a degeneration of certain segments of Chinese folk culture as a consequence of the Opium War. But those who consider the history of spiritual culture must look deeper and see what effect this has on all of humanity. For it is only in this fifth post-Atlantean epoch, which is thoroughly permeated by materialism, that a perspective is possible which is downright Ahrimanic, yet which today permeates all thinking and all ideas: namely, the belief that something right or wrong can happen to a portion of humanity without affecting all of humanity. Whatever happens in relation to a part, or is done by a part, always affects the entire evolution of humanity through the way the forces behind the scenes of physical existence arrange themselves in a certain manner.
[ 18 ] Erst im sechsten nachatlantischen Zeitraum kann diejenige Verantwortung bei den Menschen einigermaßen allgemein werden, die dahin geht, daß ein jeder für das, was er tut, sich nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Menschheit gegenüber verantwortlich fühlt. Heute stehen wir in jener Katastrophenstimmung aus dem Grunde drinnen, weil das gerade Gegenteil das Allgemeine ist, und sich die Menschheit anschickt, aus den Anschauungen der gegenwärtigen Zeit die gegenteilige Betrachtungsweise geradezu als die richtige allmählich herauszukristallisieren.
[ 18 ] It is only in the sixth post-Atlantean epoch that a sense of responsibility can become reasonably widespread among human beings—a responsibility in which each person feels accountable not only to themselves but to all of humanity for what they do. Today we find ourselves in this atmosphere of catastrophe precisely because the exact opposite is the norm, and humanity is gradually coming to regard the opposing perspective—based on the views of the present age—as the correct one.
[ 19 ] Also das sei ein Beispiel, um Ihnen zu zeigen, daß das, was auf dem physischen Plan geschieht, wahrhaftig seine Wirkungen bis in die geistige Welt hineinerstreckt und somit nicht nur für den physischen Plan Bedeutung hat, sondern seinen Widerhall in den Geschehnissen der geistigen Welt, und damit der ganzen Welt hervorruft. Das ist in dem Mysteriendrama mit vollem Bedacht ausgesprochen, nicht nur um irgend etwas Poetisches hinzustellen, sondern um eben eine Wahrheit, die in die gegenwärtige Zeit hineingestellt werden muß, wirklich einmal zu verkörpern, wie es mit allen Dingen ist, die in den Mysterien stehen.
[ 19 ] So let this be an example to show you that what happens on the physical plane truly extends its effects into the spiritual world and thus is not only significant for the physical plane, but also finds its echo in the events of the spiritual world—and thereby in the entire world. This is stated in the Mystery Drama with full deliberation, not merely to present something poetic, but to truly embody a truth that must be placed within the present time—just as is the case with all things that are part of the Mysteries.
[ 20 ] Die Menschheit ist heute noch recht wenig weit in bezug auf die Gewinnung weiter Horizonte für die Weltbetrachtung. Weite Horizonte für die Weltbetrachtung — die will man gewissermaßen nicht. Und die Wissenschaft der Gegenwart geht geradezu darauf aus, die Horizonte immer mehr und mehr einzuschränken. Dem liegt allerdings eine geheime Furcht zugrunde, die Furcht vor dem, was die Wahrheit ist. Diese Furcht vor der Wahrheit bemächtigt sich der Menschheit immer mehr und mehr im einzelnen alltäglichen Fall, aber auch im großen und ganzen. Und würde es im großen und ganzen nicht der Fall sein, so würde es im alltäglichen Fall nicht eintreten können. Man würde zum Beispiel jetzt nicht denKrieg verlängern, aus dem einfachen Grunde, weil man Furcht davor hat, daß bei einer wirklichen Aussprache zwecks Verständigung gewisse Dinge herauskommen würden — nun —, vor denen man sich eben fürchtet.
[ 20 ] Humanity has still not come very far in terms of broadening the horizons of its worldview. Broader horizons for our view of the world—in a sense, we do not want them. And contemporary science is actively striving to narrow those horizons more and more. Underlying this, however, is a secret fear—the fear of what the truth is. This fear of the truth is taking hold of humanity more and more, both in specific, everyday instances and on a broader scale. And if this were not the case on a broader scale, it could not occur in everyday situations. For example, the war would not be prolonged now, for the simple reason that there is a fear that, in a genuine discussion aimed at reaching an understanding, certain things would come to light—well—things that people simply fear.
[ 21 ] Einige von Ihnen werden sich erinnern, daß ich vieles, was im Laufe der Jahre mit Bezug auf die Tendenzen unserer Zeit ausgesprochen worden ist, in einem ganzen Vortragszyklus in Wien im Frühling 1914 zusammengefaßt habe. Ich machte dort darauf aufmerksam, daß man von einem sozialen Karzinom sprechen könne. Ich muß gestehen: etwas verwundert bin ich immer darüber, daß solche Bemerkungen, die tief hineinleuchten in gewisse Dinge, die vorhanden sind, sehr häufig nur so hingenommen werden, nun ja, wie etwas, was auch sonst in der Gegenwart eben ausgesprochen wird, was ein wenig die Neugierde befriedigt.
[ 21 ] Some of you may recall that I summarized much of what has been said over the years regarding the trends of our time in a series of lectures I gave in Vienna in the spring of 1914. There, I pointed out that one could speak of a “social carcinoma.” I must admit: I am always somewhat surprised that such remarks, which shed deep light on certain existing realities, are very often simply accepted—well, as something that is commonly said these days, something that merely satisfies one’s curiosity a little.
[ 22 ] Ich wollte darauf hinweisen, daß in unserem gegenwärtigen Leben — im Anfang des Jahres 1914 — gewisse Impulse tätig sind, welche sich vergleichen lassen mit dem Impuls im physischen menschlichen Organismus, der dem Karzinom, der Krebskrankheit, zugrunde liegt. Und ich sagte dazumal, daß es mehr und mehr eine Aufgabe für die Menschheit sein muß, gerade so, wie man den kranken Organismus, insofern er physisch ist, studiert, auch zu studieren den sozialen Organismus, wo allerdings nicht in einer solchen Weise das Krankheitsgift vorhanden ist wie im physischen Organismus, aber deshalb nicht minder eben Krankheitsgift ist. Aber dann muß man einen Sinn haben für das Spirituelle. Man kann keinen Sinn haben für das Spirituelle, wenn man es leugnet. Im Sozialen träufelt natürlich nicht ein solches Bakteriengift oder dergleichen, wie im physischen Organismus. Es ist im sozialen Organismus nur zu finden, wenn man einen Sinn hat für dasjenige, was geistig durch das Dasein geht. Aber wenn man die Möglichkeit hat, nicht bloß Analogien zu machen, die unstatthaft sind, sondern die Dinge wirklich, ich möchte sagen, auf den verschiedenen Planen zu verfolgen, dann wird man hinter diesen Dingen sich schon etwas vorstellen können.
[ 22 ] I wanted to point out that in our present life—at the beginning of 1914—certain impulses are at work that can be compared to the impulse in the physical human organism that underlies carcinoma, or cancer. And I said at the time that it must increasingly become a task for humanity to study the social organism just as one studies the diseased physical organism—even though the disease-causing toxin is not present in the social organism in the same way as it is in the physical organism, it is nonetheless a disease-causing toxin. But then one must have a sense for the spiritual. One cannot have a sense of the spiritual if one denies it. In the social realm, of course, there is no bacterial toxin or the like seeping in, as there is in the physical organism. It can only be found in the social organism if one has a sense for that which passes through existence in a spiritual sense. But if one has the ability not merely to draw analogies—which are inadmissible—but to truly trace things, I would say, across the various planes, then one will already be able to imagine what lies behind these things.
[ 23 ] Nun könnte die Frage entstehen: Wie wird denn überhaupt so etwas bewirkt, wie ich es angeführt habe, daß im sozialen Leben des Erdballs gewissermaßen eine ganze Seelenschaft von einem Punkt nach dem andern geleitet wird, ähnlich dem künstlichen Kultivieren gewisser Krankheiten im menschlichen Organismus? — Wenn man diese Dinge versteht, wenn man sie zuerst gewissermaßen unabhängig von dem studiert, was einem im Menschenleben entgegentritt, so kann man bereits auf einiges aufmerksam werden. Bedenken wir, daß das Pflanzenleben, das Tierleben, das mineralische natürlich auch, die Eigentümlichkeit haben, daß gewisse Gifte daraus abgesondert werden. Sie wissen, diese Gifte haben zweierlei Eigenschaften. Auf der einen Seite sind sie eben dasjenige, was durch das Wort «Gift» ausgedrückt wird: sie zerstören das jeweilige höhere Leben, sie zerstören und töten zum Beispiel den menschlichen Organismus. Auf der andern Seite aber — in den entsprechenden Dosen genommen und entsprechend zubereitet — sind sie Heilmittel.
[ 23 ] Now the question might arise: How is something like what I have described actually brought about—that, in the social life of the globe, a whole collective of souls is, so to speak, directed from one point to another, similar to the artificial cultivation of certain diseases in the human organism? — If one understands these things, if one first studies them, so to speak, independently of what one encounters in human life, one can already become aware of certain aspects. Let us consider that plant life, animal life, and of course mineral life as well, have the characteristic of secreting certain poisons. As you know, these poisons have two distinct properties. On the one hand, they are precisely what is expressed by the word “poison”: they destroy the respective higher form of life; they destroy and kill, for example, the human organism. On the other hand, however—when taken in the appropriate doses and prepared accordingly—they are remedies.
[ 24 ] Dieses beruht auf einem tiefen Zusammenhang in dem ganzen natürlichen Dasein. Wir müssen uns gewisse Vorstellungen allmählich darüber machen. Wir dürfen diese Vorstellungen zwar nicht aus Hypothesen gewinnen, noch weniger aus Phantastereien; aber wenn wir Geisteswissenschaft verfolgen, so können wir uns schon gewisse Vorstellungen machen. Wir haben zum Beispiel die Wahrheit, daß die Entwickelung der Menschheit und der damit zusammenhängenden Welt durch Saturn, Sonne und Mond bis herein zum Erdendasein gegangen ist, und wir wissen: Vor unserem Erdendasein war das Mondendasein. — Ich habe es zum Teil beschrieben, aber bis jetzt mehr physikalisch, möchte ich sagen, als aus den Substantialitäten des Mondendaseins selber. Sie können aus den von mir gegebenen Beschreibungen ersehen, daß dieses Mondendasein durchaus physisch war, daß es, wenigstens in gewissen Stadien der Entwickelung, ebenso physisch war wie unser Erdendasein. Wenn auch das mineralische Reich nicht da war, das Mondendasein war physisch. Die physischen Gebilde standen unter andern Bedingungen; aber es war physisch. Und da kann die Frage entstehen: Wie läßt sich das Substantielle, das auf dem Monde war, vergleichen mit dem Substantiellen, das auf unserer Erde ist, mit dem, was sozusagen in den Substanzen unserer Erde fließt und pulst?
[ 24 ] This is based on a profound connection within the whole of natural existence. We must gradually form certain concepts about it. We must not, of course, derive these concepts from hypotheses, much less from flights of fancy; but if we pursue spiritual science, we can already form certain concepts. We have, for example, the truth that the evolution of humanity and the world connected with it has proceeded through Saturn, the Sun, and the Moon right down to our present existence on Earth, and we know: Before our existence on Earth came our existence on the Moon. — I have described this in part, but so far, I would say, more from a physical perspective than from the substantial realities of the lunar existence itself. You can see from the descriptions I have given that this lunar existence was entirely physical, that—at least in certain stages of development—it was just as physical as our earthly existence. Even though the mineral kingdom did not yet exist, lunar existence was physical. The physical forms existed under different conditions; but it was physical. And this raises the question: How can the substantial reality that existed on the Moon be compared to the substantial reality that exists on our Earth—to that which, so to speak, flows and pulses within the substances of our Earth?
[ 25 ] Da finder man durch die okkulten Untersuchungen: Das, was jetzt auf unserer Erde so vorhanden ist, daß sich zum Beispiel der menschliche Leib, der es zur Nahrung braucht, damit vereinigen kann, das ist, in der Art wie es heute vorhanden ist, eigentlich erst während des Erdendaseins entstanden. Es hat allerdings frühere Stadien durchgemacht, ist aber so, wie es heute vorhanden ist, während des Erdendaseins entstanden. Man könnte nicht von einem «Weizen» oder von einer «Gerste» auf dem Monde sprechen.
[ 25 ] Through occult research, we find that what now exists on our Earth—such as the substances the human body needs for nourishment—actually came into being in its present form only during the Earth’s existence. It has, of course, gone through earlier stages, but in its present form, it came into being during the Earth’s existence. One could not speak of “wheat” or “barley” on the Moon.
[ 26 ] Was ist nun auf dem Monde vorhanden gewesen von dem Substantiellen, das in den Reichen unserer Erde ist? Das, was heute im mineralischen, pflanzlichen und tierischen Reich als Gift fließt, was wir heute Gift nennen und was als Gift wirkt, das war die Normalsubstanz auf dem Monde! Sie brauchen sich dazu nur zu erinnern an dasjenige, worauf ich schon öfter aufmerksam gemacht habe, wie auf dem Monde die Blausäure vorhanden war als etwas durchaus Normales. Ich habe auch das seit dem Jahre 1906 öfters erwähnt, wo ich in Paris zum erstenmal darauf hingewiesen habe. Diese Dinge hängen alle mit der Zyansäure zusammen.
[ 26 ] What, then, was present on the Moon of the substantial elements found in the kingdoms of our Earth? What today flows as poison in the mineral, plant, and animal kingdoms—what we today call poison and what acts as poison—that was the normal substance on the Moon! You need only recall what I have pointed out on several occasions: how hydrocyanic acid was present on the Moon as something entirely normal. I have also mentioned this frequently since 1906, when I first drew attention to it in Paris. All these things are connected with hydrocyanic acid.
[ 27 ] Nun, für den Mond waren also die heutigen Gifte durchaus dasselbe, was für die Erde die Pflanzensäfte sind, die der Mensch vertragen kann. Warum sind denn heute noch Gifte vorhanden? Aus demselben Grunde, aus welchem Ahriman vorhanden ist: sie sind eben das Zurückgebliebene, das in physischen Formen Zurückgebliebene. Wir haben also dasjenige, was der Mensch vertragen kann, was in normaler Weise fortgeschritten ist, und dasjenige, was im Mondstadium, das heißt, im Giftstadium zurückgeblieben ist.
[ 27 ] Well, for the Moon, today’s poisons were essentially the same as what plant sap—which humans can tolerate—is for the Earth. Why, then, do poisons still exist today? For the same reason that Ahriman exists: they are simply what has been left behind, what has remained in physical forms. So we have what humans can tolerate—that which has progressed normally—and that which has remained behind in the lunar stage, that is, in the poison stage.
[ 28 ] Nun hat die Sache aber auch eine andere Seite. Wir wissen, daß wir uns zu der Möglichkeit der heutigen Geistigkeit erst entwickelt haben mit dem Herübergehen vom Mond zur Erde. Was sich normal weiterentwickelt hat, ging gewissermaßen parallel unserer Entwickelung auch im Substantiellen der unteren Reiche. Nur die Gifte sind zurückgeblieben. Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen dem, was nicht im geistigen, sondern im physischen Sinne die substantielle Grundlage unseres höheren Menschen ist, also den höheren Organen, die uns eigentlich zum Menschen machen, es besteht ein Zusammenhang zwischen der substantiellen Grundlage dieser Organe im Menschen, die erst auf der Erde sich entwickelt haben, und den Giftsubstanzen des Mondes. Wir tragen gewissermaßen das weitere Entwickelungsstadium der Gifte in uns. Das, was wir als Gift heute sehen, ist im zurückgebliebenen Stadium. Dasjenige, was der Mensch in den unteren Reichen vertragen kann, das hat sich gewissermaßen in absteigender Weise entwickelt; was aber in aufsteigender Weise sich entwickelt hat, was in uns so lebt, daß es sich umbilden kann zum Träger unseres Ich, das sind die umgestalteten Giftsubstanzen des Mondes.
[ 28 ] But there is another side to this matter as well. We know that we only developed the capacity for our present spiritual life with the transition from the Moon to the Earth. What developed normally proceeded, so to speak, in parallel with our development, even in the substantial realm of the lower kingdoms. Only the poisons were left behind. However, there is a connection between what constitutes—not in the spiritual but in the physical sense—the substantial foundation of our higher human nature, that is, the higher organs that actually make us human; there is a connection between the substantial foundation of these organs in human beings—which developed only on Earth—and the toxic substances of the Moon. We carry within us, so to speak, the later stage of development of these toxins. What we regard as a poison today is in a residual stage. That which human beings can tolerate in the lower kingdoms has, so to speak, developed in a descending manner; but that which has developed in an ascending manner—that which lives within us in such a way that it can be transformed into the bearer of our “I”—these are the transformed toxic substances of the Moon.
[ 29 ] Nur dadurch, daß wir diese umgestalteten Giftsubstanzen des Mondes in uns tragen, haben wir eine gewisse Fähigkeit, Ich-bewußte Wesen zu sein. Hierauf habe ich sogar in öffentlichen Vorträgen schon aufmerksam gemacht, indem ich sagte, daß dem Menschen zum Leben nicht nur aufbauende, sondern abbauende Kräfte notwendig sind; denn wenn wir nicht abbauen könnten, so könnten wir keine Ich-Intelligenz haben. Das Abbauen, das Altern und der Tod sind von der Geburt an notwendig, weil wir im Abbauen gerade, nicht im Aufbauen, die Grundlagen haben für unsere geistige Entwickelung. Das Aufbauende schläfert uns ein; überall, wo Aufbauendes in uns tätig ist, ist einschläfernde, wuchernde Tätigkeit. Das trübt das Bewußtsein herab. Bewußtsein kann nur leben durch Verbrauch von geistigen Kräften. Die Strukturen, die in uns sind mit ihren Substanzen zu diesem Verbrauch von geistigen Kräften, sind umgewandelte Giftsubstanzen des Mondes; nur sind sie eben in einer gewissen Weise umgewandelt, so daß sie nicht so wirken, wie sie auf dem Monde gewirkt haben.
[ 29 ] It is only because we carry within us these transformed toxic substances from the Moon that we possess a certain capacity to be self-aware beings. I have even drawn attention to this in public lectures, stating that human beings need not only constructive but also destructive forces to live; for if we were unable to break things down, we could not possess ego-intelligence. Breakdown, aging, and death are necessary from the moment of birth, because it is precisely in breakdown—not in construction—that we find the foundations for our spiritual development. The constructive lulls us to sleep; wherever the constructive is at work within us, there is a soporific, proliferating activity. This clouds our consciousness. Consciousness can only live through the consumption of spiritual forces. The structures within us, with their substances required for this consumption of spiritual forces, are transformed toxic substances from the Moon; however, they have been transformed in a certain way so that they do not act as they did on the Moon.
[ 30 ] Nun ist es schwierig, sich das für gewisse Giftsubstanzen vorzustellen; aber es ist doch so, daß wir uns die Entwickelung dieser Gifte so vorzustellen haben, daß ihre Intensität zu einem Siebentel oder zwei Siebentel oder drei Siebentel geringer geworden ist. Wenn Sie also gewisse Giftsubstanzen in Pflanzen haben, so sind diese, so wie sie heute sind, zurückgeblieben vom Monde her. Andere Giftsubstanzen sind in ihrer Giftwirkung um ein Vielfaches abgeschwächt und im Verlaufe der Evolution uns eingeimpft worden. Dadurch sind wir imstande, während des Lebens zu altern. Dadurch sind wir auch imstande, jene Giftwirkung auszuüben — denn eine Giftwirkung ist es — welche darinnen besteht, daß in der Fortpflanzung der Menschheit Männliches wirkt auf Weibliches. Diese Giftwirkung drückt sich darinnen aus, daß durch das bloß Weibliche jedenfalls nur die Tendenz vorhanden ist, ein ätherisches Wesen hervorzubringen. Diese Tendenz ist vorhanden auch ohne Giftwirkung. Damit dieses ätherische Wesen sich physisch gestalten kann, muß das wuchernde ätherische Leben vergiftet werden. Ich habe das in dem physiologischen Vortrage in Prag seinerzeit angedeutet. Und diese Vergiftung ist der Befruchtungsakt, so wie auch im Pflanzenleben die Einwirkung des Stoffes aus dem Atherischen auf das Pistill, der Befruchtungsakt der Pflanze, eine Licht-Giftwirkung ist.
[ 30 ] Now, it is difficult to imagine this for certain toxic substances; but the fact remains that we must conceive of the evolution of these toxins in such a way that their intensity has decreased to one-seventh, two-sevenths, or three-sevenths of what it was. So if you have certain toxic substances in plants, these, as they are today, are remnants from the Moon. Other toxic substances have had their toxic effects weakened many times over and have been instilled in us in the course of evolution. This enables us to age during our lives. This also enables us to exert that toxic effect—for it is indeed a toxic effect—which consists in the fact that, in the procreation of humanity, the masculine acts upon the feminine. This toxic effect is expressed in the fact that the purely feminine possesses, at any rate, only the tendency to bring forth an ethereal being. This tendency exists even without the toxic effect. In order for this etheric being to take physical form, the proliferating etheric life must be poisoned. I alluded to this in my physiological lecture in Prague at the time. And this poisoning is the act of fertilization, just as in plant life the influence of the substance from the etheric upon the pistil—the act of fertilization in the plant—is a light-poison effect.
[ 31 ] Da sehen Sie etwas, was für den Menschen selbst während der Erde entstanden ist: die Fortpflanzung. Sie ist gewissermaßen eine destillierte Giftwirkung, eine Wirkung, die auf dem Monde in der Intensität als Giftwirkung vorhanden war, wie sie in den Giften, die in den unteren Reichen sind, zurückgeblieben ist. Daraus ersehen Sie den Satz, den ich heute zunächst einmal hinstellen möchte: Die eigentlichen Gifte, die also substantiell ahrimanisch sind von der Mondenzeit her, sind die Opponenten der regelmäßig vorwärtsschreitenden Evolution; destilliert, gewissermaßen verdünnt sind sie dasjenige, was substantieller Träger unseres geistigen Lebens ist.
[ 31 ] Here you see something that arose for human beings even during the Earth era: procreation. It is, in a sense, a distilled toxic effect—an effect that existed on the Moon with the intensity of a toxic effect, just as it has been preserved in the poisons found in the lower kingdoms. From this you can see the statement I would like to put forward first today: The actual poisons—which are, in essence, Ahrimanic in nature from the lunar era—are the opponents of regularly advancing evolution; distilled, or diluted, so to speak, they are the very substance that sustains our spiritual life.
[ 32 ] Wenn nun irgendein krankes Gebilde entsteht — und solche Dinge wird die medizinische Wissenschaft immer mehr und mehr ins Auge fassen müssen, um aus dem Geisteswissenschaftlichen heraus Gesichtspunkte zu gewinnen —, was geschieht da eigentlich? Die Evolution schreitet mit einer gewissen Schnelligkeit vorwärts, in ihr auch unsere eigene physische Organisation. Wenn nun irgendein Gebilde — und ein Gebilde braucht ja nicht bloß eine Geschwulst zu sein, sondern es kann meinetwillen auch irgend etwas sein, was sich nur flüssig oder sogar nicht einmal flüssig im Organismus ausprägt —, wenn so etwas entsteht, so ist substantiell das vorhanden, daß ein Teil des Organismus sich mit größerer Schnelligkeit entwickelt, als der normale Gang ist. Gerade ein Karzinom beruht darauf, daß ein Teil sich loslöst und in der Evolution stärkere Schnelligkeit annimmt, als die des übrigen menschlichen Organismus ist. Dies ist im substantiellen Leben etwas Luziferisches. Es hat nichts zu tun mit dem Moralisch-Luziferischen; es ist einfach objektiv luziferisch. Kompensiert wird es durch das Gift, weil das Gift das Ahrimanische ist, das heißt das Gegenteil. Finden Sie also den richtigen polarischen Gegensatz, dann kompensieren Sie durch das Gift das Ahriimanische — das Luziferische; diese beiden können sich ausgleichen, wenn sie in der richtigen Weise wirken.
[ 32 ] Now, when any kind of diseased formation arises—and medical science will have to take such things into account more and more in order to gain insights from the spiritual sciences—what actually happens? Evolution proceeds at a certain pace, and within it, so does our own physical organization. Now, when any formation arises—and a formation need not merely be a tumor; for my part, it can also be anything that manifests itself in the organism in a fluid form, or even in a non-fluid form—when something like this arises, what is essentially present is that a part of the organism is developing at a greater rate than the normal course of evolution. A carcinoma, in particular, is based on the fact that a part breaks away and, in its evolution, assumes a greater speed than that of the rest of the human organism. In substantial life, this is something Luciferic. It has nothing to do with the moral-Luciferic; it is simply objectively Luciferic. It is compensated for by the poison, because the poison is the Ahrimanic—that is, the opposite. So if you find the correct polar opposite, then you compensate for the Ahrimanic—the Luciferic—through the poison; these two can balance each other out when they act in the right way.


[ 33 ] Sie sehen daraus, daß die Begriffe des Luziferischen und Ahrimanischen bis herunter ins Naturleben sehr wohl zu verfolgen sind. Aber sie sind auch zu verfolgen hinauf ins Menschenleben, ins soziale Leben. Einer, der gescheiter sein wollte als die Götter, könnte sagen: Warum haben die Götter die Welt nicht ohne diese Giftwirkungen fabriziert? — Aber dann müßte man eben so gescheit sein wie jener König von Spanien, der das zuerst gesagt hat in bezug auf einen bestimmten Fall.Nun, ebenso wie solche Giftwirkungen substantiell im menschlichen Organismus vorhanden sind, so sind sie spirituell im sozialen Leben vorhanden. Und im sozialen Leben können sie eben gelenkt und geleitet werden. Und was ist denn im Grunde genommen graue Magie? Graue Magie ist nichts anderes, als die Giftwirkungen dahin zu lenken, daß sie schädlich wirken nach irgendeiner Richtung, daß sie Krankhaftigkeiten erzeugen.
[ 33 ] You can see from this that the concepts of the Luciferic and the Ahrimanic can indeed be traced all the way down into the natural world. But they can also be traced up into human life, into social life. Someone who wanted to be wiser than the gods might say: Why didn’t the gods create the world without these toxic effects? — But then one would have to be just as clever as that king of Spain who first said this in reference to a specific case. Well, just as such toxic effects are substantively present in the human organism, so are they spiritually present in social life. And in social life, they can indeed be directed and guided. And what, after all, is gray magic? Gray magic is nothing other than directing these toxic effects so that they have a harmful impact in a certain direction, so that they produce pathological conditions.
[ 34 ] Damit habe ich Sie heute zunächst auf etwas aufmerksam gemacht, was derjenige wohl berücksichtigen soll, der den ernsten Wunsch hat, das Leben kennenzulernen. Wir wollen, damit solche Dinge nicht gehäuft werden, gerade diese Betrachtungen über Gift, Krankheit und Gesundheit etwa morgen fortsetzen.
[ 34 ] With that, I have begun today by drawing your attention to something that anyone who has a sincere desire to understand life should take into account. To avoid piling up such topics, let us continue these reflections on poison, illness, and health tomorrow.
[ 35 ] Es könnte Ihnen nun die Frage auf der Seele liegen: Was folgt denn aus alledem? Aus alledem folgt — und wenn Sie darüber nachmeditieren, so werden Sie den Zusammenhang schon bemerken —, daß die Menschheit, die sich herausentwickelt hat aus den früheren atavistischen Kenntnissen über solche Zusammenhänge, heute die Aufgabe hat, mit dem erlangten andern Bewußtsein wirklich nach der Wahrheit zu streben. Ohne das geht es nicht. Der Zusammenhang mit den alten atavistischen Erkenntnissen ist eben unterbrochen, weil die Menschheit frei werden und das Ich-Bewußtsein immer voller und voller zur Geltung bringen sollte. Daher sehen wir, wie die Zusammenhänge verglimmen, welche dem alten atavistischen Bewußtsein noch durchaus klar lagen, und die sich ausdrücken in gewissen Mythen. Und ich habe Ihnen wiederum jetzt den Zusammenhang eines solchen Mythos wie des Baldur-Mythos mit großen, umfassenden Erscheinungen in der Menschheitsentwickelung klargelegt.
[ 35 ] You may now be wondering: What, then, follows from all this? The conclusion is—and if you reflect on this, you will already see the connection—that humanity, having evolved from earlier atavistic knowledge of such connections, now has the task of truly striving for the truth with the new consciousness it has attained. Without this, it is not possible. The connection to the old atavistic insights has been severed precisely because humanity was meant to become free and to bring its sense of self into ever fuller and fuller expression. That is why we see the connections fading away—connections that were still perfectly clear to the old atavistic consciousness and that are expressed in certain myths. And I have now once again clarified for you the connection between a myth such as the Baldur myth and major, far-reaching phenomena in human development.
[ 36 ] Während unsere sagenforschenden wissenschaftlichen Tröpfe es nicht weiter bringen als bis zu dem Satze, daß in solchen Mythen sich eben, wie sie sagen, schaffende Volksphantasie ausdrückt, sind in Wirklichkeit in ihnen tief bedeutungsvolle Wahrheiten enthalten, die sich insbesondere darin zeigen, daß sie bis in die Einzelheiten hinein im wahren Sinne wohl ausgearbeitet sind. Der Baldur-Mythos gibt zum Beispiel einen guten Begriff von der Gradation des Giftmäßigen, wie von vielem andern. Daß eine Schmarotzerpflanze einen gewissen Grad von Giftwirkung ausübt, das drückt sich in so wunderbarer Weise dadurch aus, daß Baldur gerade durch die Mistel getötet worden ist; es bezeugt, daß ein Bewußtsein von der Gradation des Giftwertes in der Welt vorhanden war: daß derSaft der Mistelpflanze einen andern Giftwert hat, als der ist, den der Mensch vertragen kann. Denn alles ist gradweise verschieden.
[ 36 ] While our scholarly mythologists can get no further than the assertion that such myths, as they put it, express the creative imagination of the people, they actually contain deeply meaningful truths, which are evident in particular in the fact that they are, in the true sense of the word, well-developed right down to the smallest details. The Baldur myth, for example, provides a good understanding of the gradation of toxicity, as well as of many other things. The fact that a parasitic plant exerts a certain degree of toxic effect is expressed in such a marvelous way by the fact that Baldur was killed precisely by mistletoe; it attests to the fact that there was an awareness of the gradation of toxicity in the world: that the sap of the mistletoe has a different level of toxicity than what humans can tolerate. For everything differs in degree.
[ 37 ] Wenn man sagt, bestimmte Dinge sind «Gift», so heißt das nur: sie sind stärkeres Gift und auf der Mondenstufe zurückgeblieben, sie haben sich nicht weiterentwickelt; aber ein bißchen Gift ist schließlich alles, wenigstens steckt in allem ein wenig drinnen, das ist nur gradweise verschieden. — Obwohl ich nicht jenem Arzte und Professor zustimmen möchte, der für den Alkohol eingetreten ist und sagte, er könne nachweisen, daß viel mehr Menschen durch das Gift «Wasser» gestorben sind, als durch das Gift «Alkohol», so hat er doch auf etwas Wichtiges hingewiesen: daß alles Giftmäßige graduell ist; denn wahr ist es, daß mehr Menschen durch Wasser gestorben sind als durch Alkohol. Nur handelt es sich darum, daß ein Ding schon wahr sein kann, daß man es aber mit Bezug auf einen gewissen Fall nicht anwenden kann, ohne unwahr zu werden. Ich habe deshalb oft gesagt: Daß etwas wahr ist, das allein genügt nicht, um es behaupten zu können; sondern daß es sich in die Realität, in die Wirklichkeit eingliedert, daß es Wirklichkeitswert hat, darauf kommt es an.
[ 37 ] When people say that certain things are “poison,” it simply means that they are a stronger poison and have remained at the lunar stage; they have not evolved further. But after all, everything contains a little poison—at least there is a little of it in everything—it just varies in degree. — Although I do not wish to agree with that doctor and professor who defended alcohol and claimed he could prove that far more people have died from the poison “water” than from the poison “alcohol,” he did point out something important: that all poisons are a matter of degree; for it is true that more people have died from water than from alcohol. The point is simply that something may well be true, but it cannot be applied to a specific case without becoming untrue. I have therefore often said: The fact that something is true is not enough in itself to be able to assert it; rather, what matters is that it fits into reality, that it has real-world value.
[ 38 ] Die alten Wahrheiten sind weitgehend verglommen. Daher sind auch bedeutungsvolle Hinweise auf die Wahrheiten alter Mythen, wie sie sich zum Beispiel bei dem sogenannten «Unbekannten Philosophen», bei Saint-Martin, noch finden, so ganz unverstanden geblieben bei denen, die ihm nachfolgten. Saint-Martin, der sich selber als einen Schüler Jakob Böhmes bezeichnete, hat auf das Bedeutungsvolle, auf den wahren Kern der Mythen gerade noch hingewiesen. Aber das war im 18. Jahrhundert; und das 19. Jahrhundert hat wahrhaftig in bezug auf die törichten Auslegungen derMythen das Allerallerunglaublichste geleistet. Mit alldem aber hängt ja zusammen, daß unsere Zeit gar nicht den starken, den intensiven Drang hat nach Wahrheit; denn würde dieser Drang nach Wahrheit stark genug sein, dann hätte er genügt, um die Menschheit in viel ausgedehnterem Maße zum spirituellen Leben hinzuführen, als es der Fall gewesen ist. Es kommt von dem geringen Drang nach Wahrheit, daß so wenige Menschen die Sehnsucht fühlen, sich spirituell zu vertiefen.
[ 38 ] The ancient truths have largely faded away. Consequently, even meaningful references to the truths of ancient myths—such as those still found, for example, in the writings of the so-called “Unknown Philosopher” and in those of Saint-Martin—have remained entirely misunderstood by those who followed him. Saint-Martin, who described himself as a disciple of Jakob Böhme, barely managed to point out the significance—the true essence—of the myths. But that was in the 18th century; and the 19th century truly produced the most unbelievable of all interpretations of the myths. All of this, however, is connected to the fact that our age lacks a strong, intense yearning for truth; for if this yearning for truth were strong enough, it would have been sufficient to lead humanity toward spiritual life on a much broader scale than has been the case. It is because of this weak urge for truth that so few people feel the longing to deepen their spiritual lives.
[ 39 ] Aber das zeigt sich auch im Äußerlichen, Konkreten; das zeigt sich gerade in diesen traurigen, leidvollen Ereignissen des Tages, daß der Sinn für das Wahre oftmals ohne die Schuld der Menschen nicht als ein seelisches Blut durch die Welt pulst. Der Sinn für das Wahre ist dasjenige, was richtig erweckt werden muß. Und aus diesem Grunde war es schon notwendig, in diesen Wochen auch auf einiges Sinnlich-Konkrete hinzuweisen, insofern es der Ausdruck von dahinterstehenden geistigen Impulsen und geistigen Geschehnissen ist. Denn es hängt schon mit allem Wahrheitsstreben oder besser Nichtwahrheitsstreben der Gegenwart zusammen, wie die Dinge in der Gegenwart behandelt werden, und wie heute Dinge gesagt werden können, die in weitesten Kreisen geglaubt werden, und die doch nichts sind als eine glatte Umkehrung der Wahrheit. In einem Zeitalter, in welchem möglich ist, daß die Wahrheit in beliebiger Weise so geformt wird, wie man sie den Antipathien, den Leidenschaften und Instinkten nach haben will, in diesem Zeitalter ist schon vieles notwendig, wenn jener starke Wahrheitssinn erweckt werden soll, der dann zum spirituellen Leben führt. Das sieht man ja an Einzelheiten.
[ 39 ] But this is also evident in the external, concrete realm; it is precisely in these sad, painful events of the day that we see that the sense of truth often—through no fault of human beings—does not pulse through the world like spiritual blood. The sense of truth is what must be properly awakened. And for this reason, it has been necessary in recent weeks to point out certain sensory and concrete aspects, insofar as they are the expression of the spiritual impulses and spiritual events lying behind them. For it is closely connected to all the striving for truth—or rather, the striving away from truth—of the present day, the way things are handled today, and the way things can be said today that are believed by the widest circles, yet are nothing but a complete reversal of the truth. In an age in which it is possible for the truth to be shaped in any way one wishes, according to one’s antipathies, passions, and instincts—in this age, much is already required if that strong sense of truth is to be awakened, which then leads to spiritual life. This can indeed be seen in the details.
[ 40 ] Bedenken wir nur, was in den mehr als zweieinhalb Jahren, seit dieses Ereignis, das man einen Krieg nennt, flutet, alles gesagt worden ist. Und man bedenke noch mehr, was da alles geglaubt worden ist. Nur von diesem Gesichtspunkte sind ja, wie ich schon gestern sagte, alle die Betrachtungen gemeint, die hier vorgebracht werden; von dem Gesichtspunkte des Strebens nach Wahrheit, von dem Gesichtspunkte des Suchens nach Wahrheit — nicht um nach der einen oder nach der andern Seite Partei zu ergreifen. Man muß allerdings, wenn man eine Behauptung tut, wenn man sie auch nur für sich selbst in seiner Seele tut — und das sind ja auch Realitäten —, man muß den Willen haben, sowohl zu bedenken, inwiefern einem auf einem gewissen Gebiete eine Wahrheit zugänglich sein kann oder nicht, inwieweit man zurückhaltend sein muß und erst suchen muß nach den Bedingungen, die es möglich machen, ein Urteil über eine Sache zu haben.
[ 40 ] Let us just consider everything that has been said in the more than two and a half years since this event—which is called a war—began. And let us consider even more what has been believed. As I said yesterday, all the observations presented here are meant solely from this perspective: from the perspective of the pursuit of truth, from the perspective of the search for truth—not to take sides with one party or the other. However, when one makes a claim—even if one makes it only to oneself, in one’s own soul—and these, too, are realities—one must have the will both to consider to what extent a truth may or may not be accessible to one in a certain area, and to what extent one must exercise restraint and first seek out the conditions that make it possible to form a judgment on a matter.
[ 41 ] Nehmen wir einen bestimmten Fall. Was ist nicht alles nach Amerika hinüber verbreitet worden über die Zusammenhänge im europäischen Leben, die zu diesen Kriegsereignissen geführt haben! Man konnte aus vielem, was als Echo nach Europa herübergedrungen ist, sehen, was alles in Amerika geglaubt wird. Warum? Weil die Menschen in Amerika drüben selbstverständlich ebensowenig die Voraussetzungen hatten, das europäische Leben zu verstehen, wie die Engländer nach dem Opiumkrieg die Voraussetzungen hatten, das chinesische Leben zu verstehen. Wer zum Beispiel heute aus einer bestimmten Gewissensregung heraus sagen möchte: Nun, das war eben eine Entgleisung —, den möchte ich doch erinnern, daß unter denjenigen, die im Londoner Parlament mit großem Enthusiasmus den Ausgang des Opiumkrieges als «eine Errungenschaft der britischen Kultur» gepriesen haben, der alte Wellington war, also nicht einer der Schlechtesten.
[ 41 ] Let’s take a specific case. Just think of all the information that has been disseminated in America about the circumstances in European life that led to these wartime events! From much of what has reached Europe as an echo, one could see what is believed in America. Why? Because people in America, of course, were just as ill-equipped to understand European life as the English were, after the Opium War, to understand Chinese life. For example, anyone who today, out of a certain moral impulse, might say, “Well, that was just a lapse”—I would remind such a person that among those who, in the London Parliament, praised the outcome of the Opium War with great enthusiasm as “an achievement of British culture” was old Wellington himself—in other words, not one of the worst of them.
[ 42 ] Vor langer Zeit schon hat für die Amerikaner ein Mensch geschrieben, den sie offenbar nicht gehört haben, und aus seinem Aufsatz möchte ich Ihnen zum Schluß jetzt einige Proben vorlesen, damit Sie sehen, wie ein Mensch urteilt, wenn er versucht, die Dinge kennenzulernen. Sagen Sie nicht: Wenn man das weiß, was wir in den letzten Wochen betrachtet haben, so kann man zu einem andern Urteile kommen. — Gewiß, dann kann man die Dinge tiefer begründet finden. Aber um zu einem Urteile zu kommen, braucht man diese Dinge nicht, sondern um zu einem Urteile zu kommen, genügt selbst ein wirklicher Sinn für die Objektivität der äußeren Tatsachen, die sich abspielen. Diesen Sinn für die Objektivität hat man aber wenig gefunden.
[ 42 ] A long time ago, someone wrote a piece for Americans—a piece they apparently never heard—and to conclude, I’d like to read you a few excerpts from his essay so you can see how a person makes judgments when he tries to understand things. Don’t say: If one knows what we have been considering in recent weeks, one can arrive at a different judgment. — Certainly, one can then find things to be more deeply grounded. But to arrive at a judgment, one does not need these things; rather, to arrive at a judgment, even a genuine sense of the objectivity of the external facts that are unfolding is sufficient. Yet this sense of objectivity has been found to be lacking.
[ 43 ] Da schreibt George Stuart Fullerton, der Professor an der Universität New York ist, über Deutschland. — Gestatten Sie, daß ich Ihnen gerade daraus als einem Dokument etwas vorlese, als Gegenstück zu dem, was als Silvesterglaube, als Silvesterdokument jetzt durch die Welt geht. Fullerton schreibt:
[ 43 ] In it, George Stuart Fullerton, a professor at New York University, writes about Germany. — Allow me to read you a passage from it as a document, as a counterpoint to what is now circulating around the world as a New Year’s Eve legend, as a New Year’s Eve document. Fullerton writes:
«Ich bin Amerikaner und habe keinen Tropfen deutschen Blutes in meinen Adern. Der Verdacht einer Parteinahme für Deutschland, wie sie den Deutschamerikaner kennzeichnet, ist bei mir folglich ausgeschlossen. Und mehr noch, ich habe Anspruch darauf, als echter Amerikaner zu gelten, wie nur irgend jemand, denn meine Familie war amerikanisch, seitdem es eine amerikanische Nation gibt. Ich liebe mein Vaterland und hoffe und wünsche, daß ihm eine große Zukunft beschieden sein möge und ein auf Recht und Gerechtigkeit gegründeter Wohlstand. Aber man hat nicht das Recht, nur Amerikaner zu sein, sondern muß sich erinnern, daß man auch Mensch ist und daß man als Mensch wünschen muß, die Gerechtigkeit auch in anderen Ländern beachtet zu sehen, als im eigenen. Wir Amerikaner sind neutral, aber wir haben das Recht, die Tatsachen über den großen Krieg zu erfahren, und es ist unsere Pflicht, nach einem umfassenden und eindringenden Verständnis der Lage zu streben.»
“I am an American and do not have a drop of German blood in my veins. The suspicion of partiality toward Germany—which characterizes German-Americans—is therefore out of the question in my case. Moreover, I am entitled to be considered a true American as much as anyone else, for my family has been American ever since the American nation came into existence. I love my country and hope and wish that it may have a great future and prosperity founded on law and justice. But one does not have the right to be merely American; one must remember that one is also a human being, and that as a human being, one must wish to see justice upheld in other countries as well as in one’s own. We Americans are neutral, but we have the right to learn the facts about the Great War, and it is our duty to strive for a comprehensive and profound understanding of the situation.”
[ 44 ] Es ist ein Mensch, der nur mit gesundem Urteil die Dinge überschaut, kein Okkultist!
[ 44 ] It is a person who views things solely with sound judgment, not an occultist!
«Ich kenne Deutschland seit 30 Jahren und habe mich für seine Literatur, Wissenschaft, politische und wirtschaftliche Entwicklung lebhaft interessiert.
Im Anfang habe ich das Land sozusagen nur mit den Augen eines Reisenden betrachtet. In den letzten Jahren aber hatte ich Gelegenheit, es viel eingehender kennenzulernen. Ich habe ein früher verhältnismäßig unbemitteltes, nicht sehr starkes, noch nicht zu fester Einheit verschmolzenes Volk reich werden sehen, mächtig, einheitlich und in seiner sozialen Entwicklung so vorgeschritten, daß seine innere Organisation den Nationalökonomen wie den Soziologen zur Bewunderung zwingen muß. Das Land hat außerordentlich Erfolg gehabt bei seiner umsichtigen Arbeit an den Werken des Friedens. Österreich habe ich öfter besucht und den vergangenen Winter als erster Austauschprofessor der österreichischen Universitäten in Wien, Graz, Innsbruck, Krakau und Lemberg Vorlesungen gehalten. Ich bin im öffentlichen und im Privatleben mit einer großen Anzahl von Menschen zusammengekommen und hatte somit reichlich Gelegenheit, der öffentlichen Meinung den Puls zu fühlen. Ich behaupte rückhaltslos, daß niemand, weder in Deutschland noch in Österreich, die leiseste Neigung zeigte, diesen schrecklichen Krieg herbeizuführen. Man wünschte den Frieden, ernstlich und ehrlich, schon aus wirtschaftlichen Gründen. Aber der Krieg wurde beiden Nationen aufgezwungen. Daß er gerade jetzt gekommen ist, darf als Zufälligkeit bezeichnet werden. Denn kommen mußte der Krieg auf jeden Fall.
Da viele meiner Landsleute mit den in Europa obwaltenden Verhältnissen nur ungenügend vertraut sind; da sie selbst unter dermaßen verschiedenartigen Verhältnissen leben, daß es ihnen schwer fällt, selbst die Bedeutung von Tatsachen richtig zu erfassen, die ihnen wahrheitsgemäß übermittelt werden; da sie überdies systematisch falsch unterrichtet worden sind von gewissen Parteien, die u. a. Gelegenheit hatten, die deutschen Kabel zu durchschneiden; so kann es nicht überraschen, daß die politische Lage Europas in Amerika vielfach gründlich mißverstanden wird. Ich halte es für meine Pflicht, zur Aufklärung dieser Mißverständnisse einen kleinen Beitrag zu liefern.
Die Amerikaner hören seit einiger Zeit viel von deutschem Militarismus und haben dabei meist nur die unklare Vorstellung, daß das eine Gefahr für die europäische Zivilisation bedeute. Von dem eigentlichen Sinn dieses Wortes haben sie keinen klaren Begriff. In Amerika hatten wir sozusagen kurze Anfälle von Militarismus — so in der Zeit des spanisch-amerikanischen Krieges oder wenn gerade viel von einem möglichen Krieg mit Mexiko geredet wird —, aber Militarismus als einen dauernden Zustand gibt es bei uns nicht. Und wenn man ihn in der großen Republik der neuen Welt nicht antrifft, weshalb muß er dann in Deutschland existieren? Der Amerikaner, der mit Deutschland und seiner Lage nicht bekannt ist, findet auf diese Frage keine befriedigende Antwort. Und dennoch liegt eine solche sehr nahe.
Die Deutschen sind ein friedliches Volk. Wir Amerikaner wissen, daß es in unserer eigenen Bevölkerung kein ordnungsliebenderes, arbeitsameres, verfassungstreueres Element gibt als das deutsche. Die gleichen Vorzüge zeichnen den Deutschen in Deutschland aus. Im Lande herrscht Ordnung, die Bevölkerung ist aufgeklärt, diszipliniert, und zur Achtung vor dem Gesetz erzogen. Die Rechte, auch des Geringsten, werden eifersüchtig gewahrt. Die Gerichte sind unbestechlich. Die Erfolge der Deutschen sind das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitung und unermüdlichen Fleißes. Sogar der geschäftliche Wettbewerb ist gesetzlich genau geregelt und die Gesetze gegen alles, was als «unlauterer Wettbewerb» gilt, werden aufs strengste angewendet. Niemand, der unter Deutschen lebt und sie kennengelernt hat, kann den Eindruck haben, daß er es mit einem kriegslustigen und räuberischen Volke zu tun hat. Und wer gar, wie ich, den Augustmonat dieses Jahres» — er meint 1914 — «in Deutschland verbrachte und sich während der beiden Mobilisierungswochen zwanglos unter die Menge auf der Straße gemischt hat, zur Zeit da die öffentliche Erregung auf ihrem Höhepunkt war, kann nur aufs äußerste darüber staunen, daß ein so friedliches, selbstbeherrschtes Volk zu diesem kühnen Wagemut fähig war, der inzwischen angeblich uneinnehmbare Festungen erstürmt und zu Land und zur See Lorbeeren errungen hat in einer Weise, die alle bewundern müssen, die nicht in Unkenntnis über die Tatsachen erhalten worden sind. Und dennoch hat dies ordnungs- und friedliebende Volk, ein Volk, das den Frieden nicht nur geliebt, sondern 44 Jahre hindurch um manchen hohen Preis gewahrt hat, während andere Völker Krieg führten, ein Volk, das im Ausbau der Künste des Friedens Reichtum und Wohlstand zu erwerben verstand — dies Volk hat während all dieser Jahre seine männliche Bevölkerung für den Notfall zu tüchtigen Soldaten ausgebildet und sich eine furchtgebietende Flottenmacht geschaffen. Schließlich ist es gegen eine anscheinend erdrükkende Übermacht in den Krieg gezogen; nicht eine Bevölkerungsklasse ging vor, sondern das Volk. Weder der Kaiser, noch die Regierung, noch die Offiziere des Heeres oder der Flotte sind verantwortlich für das Volksempfinden, das diesen Vorgang zu einer nationalen Erhebung gemacht hat. Sogar die Sozialdemokraten und andere, die einer verwandten Richtung angehören, Männer, die man niemals der Servilität gegen den Kaiser und die Regierung beschuldigen oder wegen einer Schwäche für Heer und Flotte verdächtigen konnte, haben zu ihrem Vaterland gestanden bis auf den letzten Mann und kämpfen jetzt mit Todesverachtung und fallen ohne zu klagen an der Front. In den letzten drei Monaten habe ich keinen Deutschen irgendeines Amtes getroffen, vom höchsten bis zum niedrigsten, der nicht mit Herz und Seele für den Krieg gewesen wäre. Ich habe keine Klagen gehört von den Eltern, die ihre Söhne hinausziehen ließen; ich habe keine Beschuldigung gegen das Vaterland gehört von solchen, die ihr Teuerstes verloren — ich kenne viele, die in dieser Lage sind.
Eine seltsame Erscheinung bei einem friedlichen, arbeitsamen Volk; einem Volk, das Künste und Wissenschaften ebenso eifrig fördert wie industrielle Unternehmungen: einem zivilisierten Volke, das nicht etwa in einer Art von Barbarei lebt, so daß ihm der Krieg willkommen wäre, eher eine Zerstreuung, als ein Unglück. Für den Amerikaner, der es nicht vermag, sich auf den deutschen Standpunkt zu stellen, eine unerklärliche Erscheinung. Von welchem Teufel war Deutschland besessen, daß es solch ungeheure Kriegsvorbereitungen machte? Was treibt es an, selbst gegen eine Welt in Waffen anzukämpfen und sein Alles aufs Spiel zu setzen in diesem gigantischen Kampf?
Ich möchte meinen Landsleuten helfen, sich einmal auf den deutschen Standpunkt zu versetzen. Wir Amerikaner bewohnen ein Land, das nur um ein Fünftel kleiner ist als ganz Europa, Rußland eingerechnet. Es ist 15mal so groß wie das Deutsche Kaiserreich und hat nur 98 Millionen Einwohner, wäre somit einer Familie zu vergleichen, die an Mitgliederzahl stetig zunehmen muß, um die Räume eines großen, gut eingerichteten Hauses zu bevölkern. Daß unsere näheren oder ferneren Nachbarn uns ernstlich bedrohen könnten, kommt uns niemals in den Sinn. Wer dürfte jemals hoffen, uns erfolgreich anzugreifen? Wer vermöchte unsere nationale Existenz zu bedrohen, oder uns irgendeinem der Knechtschaft ähnlichen Zustande zu unterwerfen?
Im Norden haben wir Kanada — ein leeres Haus, ein Land mit nur 7 Millionen Einwohnern, die uns nichts anhaben könnten, selbst wenn sie wollten. Im Süden liegt Mexiko, das innerhalb seiner eigenen Grenzen Unruhe stiften und vielleicht auch erreichen kann, daß einige Amerikaner bedauern, dort Kapitalanlagen gemacht zu haben; im übrigen ist es den Vereinigten Staaten nicht fürchterlicher, als eine widerspenstige Klasse in einer Schule. Nach Westen und Osten umgibt uns das weite Meer. Japan könnte einen Streit beginnen und unsern Außenhandel etwas schädigen.»
“I have known Germany for 30 years and have taken a keen interest in its literature, scholarship, and political and economic development.
At first, I viewed the country, so to speak, only through the eyes of a traveler. In recent years, however, I have had the opportunity to get to know it much more thoroughly. I have seen a people who were once relatively impoverished, not very strong, and not yet fused into a solid unity become wealthy, powerful, unified, and so advanced in their social development that their internal organization must command the admiration of both economists and sociologists. The country has been extraordinarily successful in its prudent work toward peace. I have visited Austria frequently and, last winter, as the first visiting professor at Austrian universities, I gave lectures in Vienna, Graz, Innsbruck, Kraków, and Lviv. I have met with a large number of people in both public and private settings and thus had ample opportunity to gauge public opinion. I assert without reservation that no one, neither in Germany nor in Austria, showed the slightest inclination to bring about this terrible war. People desired peace—seriously and honestly—if only for economic reasons. But the war was forced upon both nations. The fact that it came at this particular moment may be described as a coincidence. For war was inevitable in any case.
Since many of my compatriots are only inadequately familiar with the prevailing conditions in Europe; since they themselves live under such vastly different circumstances that they find it difficult to correctly grasp even the significance of facts that are truthfully conveyed to them; since, moreover, they have been systematically misinformed by certain parties who, among other things, had the opportunity to cut the German cables; it is hardly surprising that the political situation in Europe is, in many cases, thoroughly misunderstood in America. I consider it my duty to make a small contribution toward clearing up these misunderstandings.
For some time now, Americans have been hearing a great deal about German militarism, yet they usually have only a vague notion that it poses a threat to European civilization. They have no clear understanding of the actual meaning of this word. In America, we have had, so to speak, brief bouts of militarism—such as during the Spanish-American War or when there is much talk of a possible war with Mexico—but militarism as a permanent state of affairs does not exist here. And if it is not found in the great republic of the New World, why must it exist in Germany? The American who is unfamiliar with Germany and its situation cannot find a satisfactory answer to this question. And yet such an answer is very close at hand.
The Germans are a peaceful people. We Americans know that there is no element within our own population more law-abiding, hardworking, and loyal to the constitution than the Germans. The same virtues distinguish the Germans in Germany. Order prevails in the country; the population is enlightened, disciplined, and raised to respect the law. The rights of even the humblest are jealously guarded. The courts are incorruptible. The Germans’ achievements are the result of careful preparation and tireless diligence. Even business competition is strictly regulated by law, and the laws against anything considered “unfair competition” are enforced with the utmost rigor. No one who lives among Germans and has come to know them can have the impression that they are dealing with a warlike and predatory people. And anyone who, like me, spent the month of August of this year”—he means 1914—“in Germany and mingled casually with the crowds on the streets during the two weeks of mobilization, at a time when public excitement was at its peak—can only be utterly astonished that such a peaceful, self-controlled people was capable of such bold daring, storming fortresses that were supposedly impregnable and winning laurels on land and at sea in a manner that must be admired by all who have not been kept in the dark about the facts. And yet this law-abiding and peace-loving people, a people that not only loved peace but also preserved it for 44 years at great cost while other nations waged war—a people that knew how to acquire wealth and prosperity through the cultivation of the arts of peace—this people has, throughout all these years, trained its male population to be capable soldiers in case of emergency and built up a formidable naval power. Finally, it went to war against a seemingly overwhelming superior force; it was not a single class of the population that took the lead, but the people as a whole. Neither the Emperor, nor the government, nor the officers of the army or the navy are responsible for the popular sentiment that turned this event into a national uprising. Even the Social Democrats and others of a similar persuasion—men whom one could never accuse of servility toward the Emperor and the government, nor suspect of any weakness toward the army and navy—have stood by their fatherland to the very last man and are now fighting with a disregard for death and falling without complaint on the front lines. In the last three months, I have not met a single German in any position of office, from the highest to the lowest, who was not wholeheartedly in favor of the war. I have heard no complaints from parents who sent their sons off to war; I have heard no accusations against the fatherland from those who have lost their dearest ones—I know many who are in this situation.
A strange phenomenon among a peaceful, hardworking people; a people that promotes the arts and sciences just as zealously as industrial enterprises: a civilized people that does not live in some kind of barbarism, so that war would be welcome to them—more a diversion than a misfortune. For the American, who is unable to adopt the German point of view, this is an inexplicable phenomenon. What devil possessed Germany that it made such immense preparations for war? What drives it to fight even against a world at arms and to stake everything on this gigantic struggle?
I would like to help my fellow Americans put themselves in the German position for once. We Americans inhabit a country that is only one-fifth smaller than all of Europe, including Russia. It is 15 times the size of the German Empire and has only 98 million inhabitants; it could thus be compared to a family whose membership must constantly grow in order to fill the rooms of a large, well-furnished house. It never occurs to us that our neighbors, near or far, could pose a serious threat to us. Who could ever hope to successfully attack us? Who could threaten our national existence or subject us to any form of servitude?
To the north we have Canada—an empty house, a country with only 7 million inhabitants who could do us no harm, even if they wanted to. To the south lies Mexico, which may stir up trouble within its own borders and perhaps even cause some Americans to regret having invested capital there; otherwise, it is no more formidable to the United States than a rowdy class in a school. To the west and east, we are surrounded by the vast ocean. Japan might start a dispute and cause some damage to our foreign trade.”
[ 45 ] Hier wird er sehr optimistisch! Das macht aber nichts für die damalige Beurteilung.
[ 45 ] He's being very optimistic here! But that doesn't matter for the assessment at that time.
«Aber Japan ist weit weg» — aber es wird schon näher kommen! «und wir wissen sehr wohl, daß es zu arm ist und noch lange Zeit zu arm bleiben wird, um einen lange währenden Krieg führen zu können. Japan kann uns höchstens etwas schikanieren. Daß europäische Staaten, einzeln oder verbündet, uns vernichten könnten, ist eine zu fernliegende Möglichkeit, um an unserem Horizonte aufzutauchen. Wir rüsten zu Wasser und zu Land, so viel uns für unsere Zwecke dienlich erscheint, und es wird uns niemals einfallen, die Erlaubnis einer anderen Macht für die Verstärkung unseres Heeres oder unserer Flotte einzuholen. Weshalb sollte Mr. Carnegie in seinem Haus einen großen Vorrat an Brot aufspeichern, um einer möglichen Hungersnot im Staate New York vorzubeugen? Warum sollte Herr Rockefeller Gold- und Silbermünzen in einem Strumpf ansammeln und unter seiner Matratze verstecken? Den Besitzer einer Farm in Nebraska, der sich’s einfallen ließe, im Hinblick auf einen möglichen Notfall, ein seetüchtiges Schiff zu bauen, würden wir für irrsinnig halten. Wir Amerikaner tun, was uns unter den in Amerika obwaltenden Verhältnissen vernünftig und zweckmäßig erscheint, und wir brauchen eine deutsche Armee ungefähr so notwendig, wie ein Quäker von Philadelphia in seiner Jahresversammlung einen Revolver. Was wir aber nach unserer Meinung wirklich brauchen, werden wir uns jederzeit mit Energie verschaffen.
Aber nehmen wir einmal an, daß unser Gebiet nicht zu groß wäre für einen feindlichen Einmarsch. Nehmen wir an, wir hätten im Norden ein großes Land mit einer Riesenbevölkerung von mehr als 100 Millionen, die unter einem autokratischen Regiment stünden und sich selbst in Friedenszeiten einer ungeheuren Armee rühmen könnte. Nehmen wir ferner an, dies Land sei Jahrzehnte hindurch rastlos bemüht gewesen, seine Grenzen auf Kosten seiner widerstandsunfähigen Nachbarn zu erweitern. Nehmen wir an, seine Bevölkerung habe auf einer viel niedrigeren Kulturstufe gestanden, als die unsere, So niedrig, daß die überwältigende Mehrheit gezwungen sei, in einem nach zivilisierten Begriffen jämmerlichen Elend zu leben, in dumpfer, passiver Unwissenheit, nur ein Werkzeug in den Händen einer bürokratischen Klasse, die am allerwenigsten unter dem gehäuften Jammer zu leiden hätte, den ein Kriegszustand notwendig nach sich ziehen muß. Nehmen wir dann an, wir hätten erfahren, daß dieser selbe Nachbar seit einiger Zeit seine Truppen an unseren Grenzen in einer Weise zusammenziehe, die nur als Drohung aufgefaßt werden könne.
Weiter wollen wir annehmen, wir hätten gegen Süden nicht Mexiko, sondern eine wohlhabende, über reiche Hilfsquellen verfügende, auf hoher Stufe der Zivilisation stehende Nation von 40 Millionen Menschen mit einem starken, gut gedrillten, für den Kriegsfall hervorragend gerüsteten Heer. Nehmen wir an, dies Land habe seit 40 Jahren kein Geheimnis daraus gemacht, daß es von dem bittersten Haß gegen uns beseelt ist und eines Tages Rache an uns zu nehmen hofft. Nehmen wir ferner an, es stünde mit der obenerwähnten und mit einer dritten Macht, von der noch die Rede sein wird, im Bund, so daß wir mit gutem Grund fürchten müßten, die genannten Mächte würden im Einverständnis miteinander vorgehen, um uns zu vernichten.
Und nun wollen wir unsere Hypothesen so weit ausdehnen, daß auch diese dritte Macht unter sie fällt. Wir setzen den Fall, wir hätten nicht das weite Meer an unseren Ost- und Westgrenzen, durch das uns die Welthandelswege offenstehen, und es gäbe eine dritte Macht, in geographisch so glücklicher Lage, daß sie von der Landseite unangreifbar wäre und zugleich unsere einzigen Ausgänge nach der See direkt in Gewalt hätte. Wir nehmen an, daß der Außenhandel für unsere Wohlfahrt sehr viel wichtiger wäre, als er tatsächlich ist; daß unser Wohlstand in weitestem Umfang durch unseren Export bedingt sei. Wir nehmen an, die betreffende dritte Macht sei reich genug, um eine Flotte zu halten, die so groß wäre wie unsere eigene zusammen mit der einer andern großen Macht, mit der wir ein Bündnis schließen könnten, und diese dritte Macht verhehle nicht ihre Absicht, sich durch Aufrechterhaltung dieses Stärkeverhältnisses die Herrschaft über das Meer zu wahren. Wir nehmen an, daß die Seeherrschaft diese Macht instand setze, internationale Kabel zu durchschneiden und nur so viel in die Welt gelangen zu lassen, von dem, was wir leisten und was andere gegen uns unternehmen, als seinerPolitik dienlich schiene. Wir nehmen endlich an, daß diese Macht mit den zwei anderen, obengenannten Mächten im Einverständnis wäre und wir fürchten müßten, sie werde sich einem gemeinsamen Angriff gegen uns anschließen.
Wie würden wir Amerikaner in solcher Lage handeln? Ich kenne meine Amerikaner. Ich habe den Spanischen Krieg miterlebt, unsere Universität verödet gesehen, weil Professoren wie Studenten zu den Fahnen geeilt waren, um für das Vaterland zu kämpfen. Und doch war der spanische Krieg für Amerika eine ganz unwichtige Angelegenheit. Spanien vermochte ebensowenig die Vereinigten Staaten zu erdrücken und zur Unterwerfung zu zwingen, als es die Bewegung des Mondes zum Stillstehen bringen könnte. Wenn unser Land wirklich in Gefahr wäre, oder wenn wir ernstlich meinten, daß es so sei, was würden die Vereinigten Staaten tun? Würden wir friedlich und geduldig sein, geneigt, Zugeständnisse zu machen, von unserem Länderbesitz abzutreten, uns zur Beschränkung unserer Heeres- und Flottenstärke zwingen lassen? Würden wir demütig unsere Bereitschaft erklären, aus dem Wettkampf um industrielle Erfolge auszuscheiden oder bei einer anderen Macht um Zulassung zu den Welthandelswegen nachzusuchen? Ich kenne meine Amerikaner, und solche Fragen können mich nur humoristisch berühren.
In diesen Blättern will ich nur den Versuch machen, die Amerikaner einmal an die Stelle der Deutschen zu führen. Ob es wünschenswert ist oder nicht, daß Deutschland oder Österreich auf das Niveau von Polen oder Finnland herabgedrückt werde; ob Frankreich Elsaß und Lothringen wieder haben solle; ob England von einem so intelligenten und tüchtigen Rivalen befreit werden solle, um die Übermacht in Friedenszeiten und die Gewalt über die Seewege nach Amerika, Asien, Afrika und Australien zu behalten — mit all diesen Fragen habe ich mich nicht zu befassen. Ich möchte nur recht klar darlegen, daß unter gleichen Verhältnissen Amerika das Gleiche tun würde, was Deutschland getan hat. Nicht grundlos haben die Deutschen Angriffe von Rußland und Frankreich gefürchtet und seit vielen Jahren daran gearbeitet, ihnen zuvorzukommen. Deutsche Wissenschaft und Industrie haben dem deutschen Handel zu einer ungeheuren Ausdehnung verholfen und die Deutschen waren keineswegs gesonnen, ihren Handel von der Gnade Großbritanniens abhängig zu machen. Deutschland ist unter diesem Regimeherrlich aufgeblüht. Der Militarismus — die Deutschen empfinden es etwas beleidigend, daß man die notwendige Abwehr gegen tatsächliche Gefahren, die berechtigten Maßnahmen zur Selbstverteidigung mit diesem Wort bezeichnet —, der Militarismus hat die Deutschen nicht entfernt in so viel Schwierigkeiten verstrickt, als sie in der Zeit zu bekämpfen hatten, da sie nicht imstande waren, sich zu verteidigen. Der Militarismus ist eine Last, gewiß. Aber er hat Deutschlands Fortschreiten weder auf den Gebieten von Kunst und Wissenschaft gehemmt, noch ist er seinen glänzend durchgeführten Sozialreformen ein Hindernis gewesen, dank welchen allen Klassen der deutschen Bevölkerung eine ungewöhnliche finanzielle Sicherung zuteil geworden ist. Auch der Ausbildung seiner inneren Hilfsquellen, jedem Ausbau seines auswärtigen Handels, der es zu einem reichen Lande gemacht hat, stand der Militarismus nicht im Weg. Wohl mag er, objektiv betrachtet, eine drückende Last sein, aber Deutschland hat er nicht erdrückt und das ist selbstverständlich eine Tatsache, die für die Deutschen schwer ins Gewicht fällt.
Der Wirkung eines immer und immer wiederholten Schlagwortes entzieht sich schließlich keiner. Die Amerikaner haben so viel und meist aus auswärtigen Quellen vom deutschen Militarismus gehört, daß sie notwendig glauben müssen, die Deutschen seien in Europa die einzige Nation, die eine große Armee besitzt. Und doch hat Rußland eine weit größere und hat sie jahrelang zu Angriffszwecken benutzt. Frankreich, das eine viel geringere Einwohnerzahl aufweist als Deutschland, hat eine fast ebenso starke Heeresmacht und dürfte folglich mit weit besserem Recht des Militarismus angeklagt werden. Und in Großbritannien bietet wohl einen vollkommenen Ersatz für ein starkes Heer seine kolossale Flotte, die es mit ungeheuren Kosten erhält, und die es von Zeit zu Zeit immer noch vermehrt, ohne ein Hehl daraus zu machen, daß es keiner anderen Nation gestattet wird, ihm die Alleinherrschaft streitig zu machen über das Meer, diese große Verkehrsstraße der Welt, die alle beschreiten müssen, die aber keine Nation ihr Eigen nennen darf. Wie furchtbar dieser Ersatz für ein Heer anderen Nationen werden kann, hat die gegenwärtige Krisis gelehrt. Es gibt in Europa keine Nation, die ohne Englands Genehmigung den Atlantischen Ozean befahren, die Straße von Gibraltar kreuzen, Schiffe ins Mittelländische Meer schicken oder durch den Suezkanal nach Asien fahren kann. Die allgemeine Straße ist von einer einzigen Nation mit Beschlag belegt, zum englischen Privatbesitz gemacht worden.
Schade, daß «Navalismus» kein gutes englisches Wort ist, denn es drückt genau eine Eigentümlichkeit aus, die England seit einem Jahrhundert kennzeichnet. Der Navalismus kann zu einer sehr viel ernsteren Gefahr werden als der Militarismus, der im wesentlichen nur die nächsten Nachbarn bedroht, während der Navalismus einen Druck ausübt auf jede einzelne Nation des ganzen Erdballs.
Ich wiederhole nachdrücklich, daß dieser Aufsatz die Frage, ob es besser für die Welt wäre, wenn diese oder jene Nation den Sieg erringt, nicht behandeln will. Unsere Meinungen über solche Dinge sind nie von reiner Vernunft diktiert.»
“But Japan is far away”—but it will get closer! “And we know full well that it is too poor, and will remain too poor for a long time to come, to be able to wage a protracted war. At most, Japan can harass us a bit. The possibility that European states, individually or in alliance, could destroy us is too remote to even appear on our horizon. We are arming ourselves by sea and land to the extent that seems necessary for our purposes, and it will never occur to us to seek permission from another power to strengthen our army or our fleet. Why should Mr. Carnegie stockpile a large supply of bread in his house to prevent a possible famine in New York State? Why should Mr. Rockefeller hoard gold and silver coins in a sock and hide them under his mattress? We would consider a Nebraska farmer who, in anticipation of a possible emergency, decided to build a seaworthy ship to be insane. We Americans do what seems reasonable and practical to us under the prevailing conditions in America, and we need a German army about as much as a Quaker from Philadelphia needs a revolver at his annual meeting. But whatever we truly believe we need, we will always procure with vigor.
But let us suppose for a moment that our territory were not too large for an enemy invasion. Let us suppose we had to the north a vast country with a gigantic population of more than 100 million, ruled by an autocratic regime and boasting an immense army even in peacetime. Let us further assume that this country has, for decades, been relentlessly striving to expand its borders at the expense of its defenseless neighbors. Let us assume that its population has been at a much lower level of civilization than ours, so low that the overwhelming majority were forced to live in wretched poverty by civilized standards, in dull, passive ignorance, merely a tool in the hands of a bureaucratic class that would suffer the least from the accumulated misery that a state of war would inevitably entail. Let us then suppose that we had learned that this same neighbor had for some time been massing its troops on our borders in a manner that could only be interpreted as a threat.
Let us further assume that to the south we have not Mexico, but a prosperous nation of 40 million people, possessing abundant resources and standing at a high level of civilization, with a strong, well-drilled army that is excellently equipped for war. Let us assume that this country has made no secret of the fact for the past 40 years that it is driven by the most bitter hatred toward us and hopes one day to take revenge on us. Let us further assume that it were allied with the aforementioned power and with a third power, which will be discussed later, so that we would have good reason to fear that the aforementioned powers would act in concert to destroy us.
And now let us extend our hypotheses to include this third power as well. Let us suppose that we did not have the vast ocean on our eastern and western borders, through which the world’s trade routes are open to us, and that there were a third power in such a geographically advantageous position that it would be unassailable from the land and at the same time would directly control our only access to the sea. Let us assume that foreign trade were far more important to our well-being than it actually is; that our prosperity depended to the greatest extent on our exports. Let us assume that the third power in question is wealthy enough to maintain a fleet as large as our own combined with that of another great power with which we might form an alliance, and that this third power makes no secret of its intention to preserve its dominance of the seas by maintaining this balance of power. We assume that naval supremacy would enable this power to cut international cables and to allow only as much of what we produce and what others do against us to reach the world as would serve its political interests. Finally, let us assume that this power is in agreement with the other two powers mentioned above, and we would have to fear that it would join them in a joint attack against us.
How would we Americans act in such a situation? I know my fellow Americans. I lived through the Spanish-American War and saw our university deserted because professors and students alike had rushed to the flags to fight for their country. And yet the Spanish-American War was a matter of very little importance to America. Spain was just as incapable of crushing the United States and forcing it into submission as it was of bringing the moon’s movement to a halt. If our country were truly in danger, or if we seriously believed it to be so, what would the United States do? Would we be peaceful and patient, inclined to make concessions, to cede our territories, to allow ourselves to be forced to limit the size of our army and navy? Would we humbly declare our willingness to withdraw from the competition for industrial success or to seek permission from another power to access the world’s trade routes? I know my fellow Americans, and such questions can only amuse me.
In these pages, I merely wish to attempt to put Americans in the Germans’ shoes for a moment. Whether or not it is desirable for Germany or Austria to be reduced to the level of Poland or Finland; whether France should regain Alsace and Lorraine; whether England should be rid of such an intelligent and capable rival in order to retain its supremacy in peacetime and control over the sea routes to America, Asia, Africa, and Australia—I have no intention of addressing any of these questions. I would simply like to make it quite clear that, under the same circumstances, America would do exactly what Germany has done. It was not without reason that the Germans feared attacks from Russia and France and have been working for many years to preempt them. German science and industry have helped German trade expand enormously, and the Germans were by no means inclined to make their trade dependent on the goodwill of Great Britain. Germany has flourished magnificently under this regime. Militarism—the Germans find it somewhat offensive that the necessary defense against actual dangers, the justified measures of self-defense, are described with this word—militarism has not entangled the Germans in nearly as many difficulties as they had to contend with during the time when they were unable to defend themselves. Militarism is a burden, to be sure. But it has neither hindered Germany’s progress in the fields of art and science, nor has it been an obstacle to its brilliantly implemented social reforms, thanks to which all classes of the German population have been granted an unusual degree of financial security. Nor did militarism stand in the way of the development of Germany’s internal resources or the expansion of its foreign trade, which has made it a wealthy nation. Objectively speaking, it may well be a heavy burden, but it has not crushed Germany, and that is, of course, a fact that carries great weight for the Germans.
Ultimately, no one can escape the impact of a slogan repeated over and over again. Americans have heard so much about German militarism—mostly from foreign sources—that they are bound to believe the Germans are the only nation in Europe with a large army. And yet Russia has a far larger one and has used it for offensive purposes for years. France, which has a much smaller population than Germany, has an army that is almost as strong and could therefore be accused of militarism with far greater justification. And in Great Britain, its colossal fleet—which it maintains at enormous cost and continues to expand from time to time—serves as a perfect substitute for a strong army, making no secret of the fact that it will not permit any other nation to challenge its sole dominion over the sea, that great thoroughfare of the world which all must traverse but which no nation may call its own. The current crisis has shown just how dreadful this substitute for an army can be for other nations. There is no nation in Europe that can sail the Atlantic Ocean, cross the Strait of Gibraltar, send ships into the Mediterranean Sea, or travel through the Suez Canal to Asia without England’s permission. The common highway has been monopolized by a single nation and turned into English private property.
It is a pity that “navalism” is not a proper English word, for it precisely expresses a peculiarity that has characterized England for a century. Navalism can become a far more serious danger than militarism, which essentially threatens only its immediate neighbors, whereas navalism exerts pressure on every single nation across the globe.
I emphatically repeat that this essay does not intend to address the question of whether it would be better for the world if this or that nation were to emerge victorious. Our opinions on such matters are never dictated by pure reason.»
[ 46 ] Das sagt sehr vernünftig dieser Mann!
[ 46 ] This man makes a very reasonable point!
«Ich möchte nur den eigentlichen Streitpunkt klarlegen und die durch allerhand Schlagworte und Phrasen geschaffenen Irrtümer vermeiden. Ich spreche nicht von Belgiens Neutralität, noch dünkt es mich der Mühe wert, die Frage zu erörtern, wer auf dieser oder jener Seite den Krieg zuerst erklärt hat. Im Lichte alles dessen gesehen, was die Welt inzwischen erfahren hat, sind das heute ganz belanglose Dinge. Die Erklärung für die Haltung des deutschen Volkes liegt viel tiefer. Und ich behaupte, daß wir Amerikaner unter den gleichen Verhältnissen so gehandelt hätten, wie die Deutschen. Wär’s recht, wär’s unrecht gewesen? Ich überlasse den Amerikanern, das zu entscheiden.
Einige Amerikaner — nicht viele — neigen von Natur dazu, den status quo zu akzeptieren, ein etwas zweideutiges Wort, besonders häufig im Munde solcher, denen es zweckdienlich erscheint, auf die Fortdauer eines Zustandes zu dringen, der schon lange geherrscht hat oder vor kurzem eingesetzt worden ist. Wenn Österreich den status quo akzeptiert hätte, so würde es die revolutionären Bestrebungen Serbiens innerhalb seiner Grenzen, den Mord seines Kronprinzen ungeahndet gelassen, es würde Rußland keinen Widerstand entgegengesetzt haben. Hätte Deutschland den status quo akzeptiert, so würde es nicht gerüstet, auf Rußlands Mobilisierung an den Grenzen nicht reagiert und sich nicht bemüht haben, die Aufteilung von Österreich-Ungarn zu verhüten. Es würde dieBacke hingehalten haben, um den Streich von Frankreich zu empfangen; es würde England nach Belieben auf dem Wasser haben herrschen lassen nach alten guten Traditionen. Und wenn Österreich und Deutschland den status quo so respektiert hätten, was wäre ihnen geschehen? Zweifellos hätte das für die Deutschen die unangenehmsten Folgen gehabt. Darüber waren sie alle einig, und darum haben alle, Bauer und Edelmann, Katholik und Protestant, Konservativer und Sozialdemokrat, alle Bedenken hintangesetzt und sind mit beispielloser Begeisterung, mit Herz und Hand in den Krieg gezogen.
Sollten wir mehr als von anderen Nationen gerade von Deutschland verlangen, daß es den status quo respektiere und zarte Rücksicht beobachte gegen das europäische «Gleichgewicht»? Jede intelligente, fleißige Nation, die in einem fast 50 Jahre lang gewahrten Frieden sich industriell entwickelt und dadurch reich und mächtig geworden ist, wird dies «Gleichgewichb naturnotwendig stören. Weniger zivilisierte oder weniger fleißige oder streitsüchtigere Nationen sind da im Nachteil. Und was den status quo betrifft, hat Serbien etwa, hat ihn Rußland, Frankreich, England oder Japan je akzeptiert? Und schließlich, wie hat der Amerikaner sich dazu verhalten?
Haben wir den status quo akzeptiert, als wir die Indianer vertrieben? Oder bei der Veröffentlichung unserer Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1776? Haben wir Achtung davor bewiesen, als wir uns gegen das Durchsuchen amerikanischer Schiffe und die gewaltsame Werbung amerikanischer Seeleute seitens Großbritanniens in den Jahren vor 1812 aufgelehnt haben? Haben wir 1861 an den status quo gedacht, als wir uns weigerten, die aufständischen Südstaaten anzuerkennen und auf der Integrität der Union bestanden? Haben wir zur Zeit unseres Krieges mit Spanien Ehrfurcht vor dem status quo bewiesen?
Der status quo ist ein Schlagwort. Das Gleichgewicht der Macht ist etwas, das im normalen Gang menschlichen Geschehens immer gestört wird, immer auf neue Grundlagen gestellt werden muß. Ich halte uns Amerikaner nicht für streitsüchtig, aber wir haben lange erkannt, daß sich die Zeiten ändern und wir mit ihnen. Neuen Bedingungen suchen wir uns aufs neue anzupassen und wahrlich, eifersüchtig genug wachen wir über alles, was wir als unsere berechtigten Interessen betrachten, seien es alte oder neue. Im Notfall würden wir auch nicht zögern, sie durch eine sofortige Kraftprobe wirksam zu wahren. Und an erster Stelle würde unter unsern berechtigten Interessen immer die Verteidigung unserer nationalen Güter und der Vorteile stehen, die wir durch Intelligenz und Industrie und durch die Pflege der Kunst des Friedens errungen haben.
Wir sind neutral, aber wir haben das Recht auf Wahrheit auch über Zentraleuropa. Es ist nicht recht, daß wir in Unkenntnis erhalten oder durch falsche Darstellungen dazu gebracht werden, voreilig Nationen zu verdammen, zu denen wir in freundschaftlichen Beziehungen stehn. Wenn wir eine große Nation sehen von einigen 70 Millionen Menschen, eine hochzivilisierte, reiche, kultivierte Nation, sich wohl bewußt, daß sie aufblühn kann wie wenige andere, wenn man sie ihre Zwecke im Frieden verfolgen läßt — wenn wir eine solche Nation gegen eine gewaltige Übermacht in den Krieg ziehn, ihre ganze Existenz an diesen Kampf wagen sehen, müßten wir wirklich sehr töricht sein, wenn wir glauben könnten, daß ihre ganze Bevölkerung — eine von Natur Friede und Ordnung liebende Bevölkerung — toll geworden oder in Barbarei verfallen sei. Wir müssen das Problem so lange als unlösbar anerkennen, bis uns die richtige Aufklärung gebracht wird und das rechte Verständnis gekommen ist.
Amerikaner, vergeßt die Bedingungen, unter denen ihr selber lebt. Sucht euch in die Lage der Deutschen hineinzudenken. Und dann fragt euch, was ihr unter diesen selben Verhältnissen getan haben würdet.»
“I simply wish to clarify the actual point of contention and avoid the misunderstandings created by all sorts of catchphrases and clichés. I am not speaking of Belgium’s neutrality, nor do I consider it worth the effort to discuss the question of who, on this or that side, declared war first. In light of everything the world has since learned, these are now completely irrelevant matters. The explanation for the German people’s stance lies much deeper. And I maintain that we Americans, under the same circumstances, would have acted just as the Germans did. Would it have been right, or would it have been wrong? I leave it to the Americans to decide.
Some Americans—not many—are naturally inclined to accept the status quo, a somewhat ambiguous term, particularly frequently used by those who find it expedient to press for the continuation of a condition that has long prevailed or has recently come into being. If Austria had accepted the status quo, it would have left Serbia’s revolutionary aspirations within its borders unchecked, allowed the assassination of its crown prince to go unpunished, and offered no resistance to Russia. Had Germany accepted the status quo, it would not have been prepared, would not have reacted to Russia’s mobilization at the borders, and would not have endeavored to prevent the partition of Austria-Hungary. It would have turned the other cheek to receive France’s blow; it would have allowed England to rule the seas at will, in keeping with the good old traditions. And if Austria and Germany had respected the status quo in this way, what would have happened to them? Undoubtedly, this would have had the most unpleasant consequences for the Germans. They were all in agreement on this, and that is why everyone—peasant and nobleman, Catholic and Protestant, conservative and social democrat—set aside all reservations and went to war with unprecedented enthusiasm, with heart and soul.
Should we demand more from Germany—than from other nations—that it respect the status quo and show delicate consideration for the European “balance of power”? Any intelligent, industrious nation that has developed industrially during nearly 50 years of sustained peace and has thereby become rich and powerful will, by the very nature of things, disrupt this “balance of power.” Less civilized, less industrious, or more belligerent nations are at a disadvantage in this regard. And as for the status quo, has Serbia, for example—or has Russia, France, England, or Japan—ever accepted it? And finally, how have the Americans behaved in this regard?
Did we accept the status quo when we drove out the Native Americans? Or when we issued our Declaration of Independence in 1776? Did we show respect for it when we rebelled against Great Britain’s search of American ships and the forcible recruitment of American sailors in the years leading up to 1812? Did we consider the status quo in 1861 when we refused to recognize the rebellious Southern states and insisted on the integrity of the Union? Did we show deference to the status quo during our war with Spain?
The status quo is a buzzword. The balance of power is something that, in the normal course of human affairs, is always being disrupted and must constantly be reestablished on new foundations. I do not consider us Americans to be quarrelsome, but we have long recognized that times change and we change with them. We continually seek to adapt to new conditions, and indeed, we jealously guard everything we regard as our legitimate interests, whether old or new. In an emergency, we would not hesitate to effectively defend them through an immediate show of force. And foremost among our legitimate interests would always be the defense of our national assets and the advantages we have gained through intelligence and industry and through the cultivation of the art of peace.
We are neutral, but we have a right to the truth about Central Europe as well. It is not right that we should be kept in the dark or led, through false representations, to hastily condemn nations with which we maintain friendly relations. When we see a great nation of some 70 million people—a highly civilized, wealthy, cultured nation, well aware that it can flourish like few others if allowed to pursue its aims in peace — when we see such a nation go to war against a vastly superior force, risking its very existence in this struggle, we would truly have to be very foolish to believe that its entire population—a population that by nature loves peace and order—has gone mad or fallen into barbarism. We must acknowledge the problem as unsolvable until we are provided with the proper information and have gained the right understanding.
Americans, forget the conditions under which you yourselves live. Try to put yourselves in the Germans’ shoes. And then ask yourselves what you would have done under those same circumstances.»
[ 47 ] So spricht allerdings einer, der den Willen hatte, die Dinge anzuschauen, wie sie sind, und nicht auf dasjenige hinzuhorchen, was die in der Peripherie erscheinenden Zeitungen und Schriften sagen. Aber schließlich, haben denn nur solche Leute so gesprochen? Solche Leute sind mit echtem Wahrheitssinn ausgestattet. Sie haben so gesprochen.
[ 47 ] This, however, is how someone speaks who was determined to see things as they are, rather than listen to what the newspapers and publications appearing on the periphery have to say. But after all, were such people the only ones who spoke this way? Such people are endowed with a genuine sense of truth. They spoke this way.
[ 48 ] Gestern — die Sache liegt sehr nahe — schlug ich die «Basler Nachrichten» auf; in denen ist eine Stelle mitgeteilt, die wirklich gesprochen worden ist. Es ist gut, daß sie mitgeteilt worden ist. Die Stelle ist 1908 von einem Engländer vor Engländern gesprochen worden, um darauf hinzuweisen, daß Deutschland wohl Grund hatte, sich einen Militarismus anzulegen, und daß es unvernünftig von Deutschland gewesen wäre, diesen heute per Schlagwort so verleumdeten «Militarismus» nicht anzunehmen. Die Worte, die ein Engländer zu Engländern sagte, lauteten:
[ 48 ] Yesterday—and this is quite recent—I opened the Basler Nachrichten; it contained a quote that was actually spoken. It is good that it was reported. The passage was spoken in 1908 by an Englishman to an English audience to point out that Germany had good reason to adopt militarism, and that it would have been unreasonable for Germany not to embrace this “militarism,” which is so vilified today as a buzzword. The words that an Englishman spoke to an English audience were:
«Könnt Ihr nicht verstehen, wie berechtigt die Befürchtungen Deutschlands sind? Wenn wir in derselben Lage wären wie Deutschland, mit Rußland zur einen und Frankreich zur andern Seite, die im Falle eines europäischen Krieges unsere Feinde wären, würden wir uns nicht bewaffnen? Würden wir nicht rüsten? Natürlich würden wir das tun!»
“Can’t you understand how justified Germany’s fears are? If we were in the same situation as Germany, with Russia on one side and France on the other—both of which would be our enemies in the event of a European war—wouldn’t we arm ourselves? Wouldn’t we prepare for war? Of course we would!”
[ 49 ] Mit demselben Brustton der Überzeugung hat das — Lloyd George im Jahre 1908 gesagt, mit dem er heute seine Tiraden in die Welt hinaussendet! Denn die Worte sind von Lloyd George aus dem Jahre 1908!
[ 49 ] Lloyd George spoke in 1908 with the very same tone of conviction with which he delivers his tirades to the world today! For these words were spoken by Lloyd George in 1908!
