Reflections on Contemporary History II
The Karma of Untruthfulness
GA 173b
1 January 1917, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Reflections on Contemporary History, Volume III, tr. SOL
Dreizehnter Vortrag
Thirteenth Lecture
[ 1 ] Wenn Sie sich besinnen auf dasjenige, was gestern gesagt worden ist mit Bezug auf die sogenannten Giftsubstanzen, werden Sie, ich möchte sagen, sich stark auf das Relative in allen Daseinsimpulsen hingewiesen fühlen. Sie werden bemerken, daß irgend etwas Substantielles als Gift bezeichnet werden kann, daß aber auf der andern Seite gerade die höhere menschliche Natur mit diesem Giftwesen innig verwandt ist, und daß eigentlich diese höhere menschliche Natur gar nicht möglich ist ohne Giftwirkungen. Man berührt damit allerdings ein für die Erkenntnis sehr bedeutungsvolles Gebiet, das viele Verzweigungen hat, und ohne dessen Kenntnis man manches Geheimnis des Lebens und Daseins überhaupt nicht einsehen kann.
[ 1 ] If you reflect on what was said yesterday regarding the so-called toxic substances, you will, I would say, feel strongly drawn to the relative nature of all impulses of existence. You will notice that something substantial can be described as a poison, but that, on the other hand, the higher human nature is intimately connected with this poisonous nature, and that, in fact, this higher human nature is not at all possible without the effects of poison. This, of course, touches upon a field of great significance for knowledge, one that has many ramifications, and without an understanding of which many mysteries of life and existence cannot be comprehended at all.
[ 2 ] Wenn wir den menschlichen physischen Leib betrachten, so müssen wir sagen: Wäre dieser physische Leib nicht ausgefüllt von den höheren Wesenheiten oder Wesensgliedern des Daseins, dem Ätherleib, astralischen Leib, Ich, könnte er nicht der physische Leib sein, der er ist. In dem Augenblicke, wo der Mensch durch die Pforte des Todes geht, seinen physischen Leib verläßt, das heißt, wenn die höheren Glieder sich aus dem physischen Leibe zurückziehen, so folgt dieser ganz andern Gesetzen als während der Zeit, wo die höheren Glieder in ihm sind. Man sagt, er löst sich auf; das heißt, er folgt, wenn er stirbt, den physischen und chemischen Kräften und Gesetzen der Erde.
[ 2 ] When we consider the human physical body, we must say: If this physical body were not filled with the higher entities or constituents of existence—the etheric body, the astral body, and the I—it could not be the physical body that it is. At the moment when a person passes through the gate of death and leaves their physical body—that is, when the higher constituents withdraw from the physical body—the physical body is subject to entirely different laws than during the time when the higher constituents are present within it. It is said that it dissolves; that is, when it dies, it follows the physical and chemical forces and laws of the Earth.
[ 3 ] So wie der physische Leib des Menschen vor uns steht, kann er nicht gemäß den gewöhnlichen Erdengesetzen aufgebaut sein, denn die Erdengesetze zerstören ihn ja. Nur dadurch, daß das, was am Menschen nicht irdisch ist — seine höheren seelisch-geistigen Glieder —, in seinem Leibe wirksam ist, ist der Leib dasjenige, was er eben ist. Nichts im ganzen Bereich der physischen und chemischen Gesetze rechtfertigt das Vorhandensein eines solchen Leibes auf der Erde, wie es der Menschenleib ist.
[ 3 ] Just as the human physical body stands before us, it cannot be constituted according to the ordinary laws of the earth, for those laws would destroy it. It is only because that which is not earthly in the human being—its higher soul-spiritual members—is active within its body that the body is what it is. Nothing within the entire realm of physical and chemical laws justifies the existence on Earth of a body such as the human body.
[ 4 ] Wir können daher sagen: Nach physisch-irdischen Gesetzen ist der Menschenleib ein unmögliches Wesen; er wird nur zusammengehalten durch seine höheren Wesensglieder. Hieraus ergibt sich als notwendige Ergänzung, daß, sobald die höheren Wesensglieder — das Ich, der astralische Leib, der Ätherleib — den menschlichen Leib verlassen, er Leichnam wird.
[ 4 ] We can therefore say: According to physical, earthly laws, the human body is an impossible entity; it is held together solely by its higher constituents. It follows as a necessary corollary that as soon as the higher aspects of the being—the I, the astral body, and the etheric body—leave the human body, it becomes a corpse.
[ 5 ] Nun wissen Sie ja aus mancherlei früheren Betrachtungen, daß das, was man so mit Recht als schematische Einteilung des Menschen gibt, nicht so einfach ist, wie es mancher gern haben würde. Wir gliedern den Menschen zunächst in physischen, ätherischen, astralischen Leib und Ich. Ich habe schon früher darauf hingewiesen, daß dies alles eine weitere Komplikation bedingt. Der physische Leib steht allerdings für sich, er ist eben physischer Leib. Aber der ätherische Leib als solcher, als ätherischer Leib, ist ein Übersinnliches, ein Unsichtbares, ein nicht sinnlich Wahrnehmbares. Als solches nicht sinnlich Wahrnehmbares ist er in der menschlichen Wesenheit. Aber er hat auch gewissermaßen sein physisches Korrelat, er drückt sich ab im physischen Leib. Wir haben im physischen Leib nicht nur den eigentlichen physischen Leib, sondern auch einen Abdruck des Ätherleibes. Der Ätherleib projiziert sich im physischen Leibe; wir können also von der ätherischen Projektion im physischen Leibe sprechen.
[ 5 ] Now, as you know from various earlier discussions, what is rightly referred to as a schematic division of the human being is not as simple as some would like it to be. We first divide the human being into the physical, etheric, and astral bodies, and the “I.” I have pointed out before that all of this introduces a further complication. The physical body, of course, stands on its own; it is simply the physical body. But the etheric body as such—as an etheric body—is a supersensible entity, an invisible entity, something not perceptible by the senses. As something not perceptible by the senses, it exists within the human being. But it also has, in a sense, its physical counterpart; it is imprinted in the physical body. In the physical body, we have not only the physical body itself but also an imprint of the etheric body. The etheric body projects itself into the physical body; we can therefore speak of the etheric projection in the physical body.
[ 6 ] Das ist ebenso der Fali für den astralischen Leib: wir können von der astralischen Projektion im physischen Leibe sprechen. Sie wissen ja für einzelnes schon Bescheid. Sie wissen, daß Sie die Ich-Projektion im physischen Leibe in gewissen Eigentümlichkeiten der Blutzirkulation zu suchen haben, da projiziert sich das Ich ins Blut hinein. In ähnlicher Weise projizieren sich die andern Glieder in den physischen Leib hinein. Der physische Leib selber, insoferne er physisch ist, ist also ein kompliziertes Wesen, er ist für sich schon viergliedrig. Und so wie das Hauptsächliche im physischen Leibe nicht bestehen kann, wenn das Ich und der astralische Leib nicht darinnen sind, wie das dann zum Leichnam wird, so ist es auch in einer gewissen Beziehung mit diesen Projektionen, denn das sind ja alles substantielle Dinge: Ohne das Ich kann es kein Menschenblut geben, ohne den Astralleib kann es kein menschliches Gesamtnervensystem geben. Diese Dinge haben wir gewissermaßen als die Korrelate der höheren Gliedwesen des Menschen in uns.
[ 6 ] This is also the case for the astral body: we can speak of astral projection within the physical body. You are already familiar with some of the details. You know that the “I” projection within the physical body can be found in certain peculiarities of blood circulation; there, the “I” projects itself into the blood. In a similar way, the other members project themselves into the physical body. The physical body itself, insofar as it is physical, is thus a complex being; it is, in and of itself, fourfold. And just as the essential aspects of the physical body cannot exist if the “I” and the astral body are not present within it—for then it becomes a corpse—so it is also, in a certain sense, with these projections, for these are all substantial entities: without the “I,” there can be no human blood; without the astral body, there can be no complete human nervous system. In a sense, we possess these things within us as the correlates of the higher members of the human being.


[ 7 ] Wie es nun überhaupt kein rechtes Leben, sondern nur ein Leichnamsein des physischen Leibes geben kann, wenn das Ich — sagen wir «herausgehoben» — durch die Pforte des Todes gegangen ist, so kann unter gewissen Bedingungen auch das, was diese Projektionen sind, nicht in rechter Weise leben.
[ 7 ] Just as there can be no true life at all—only the physical body lying as a corpse—once the “I”—let us say, “separated”—has passed through the gate of death, so too, under certain conditions, these projections cannot truly live.


[ 8 ] Es kann zum Beispiel die Ich-Projektion — also eine gewisse Beschaffenheit des Blutes — in einer nicht richtigen Weise im menschlichen Organismus vorhanden sein, wenn das Ich nicht richtig gepflegt wird. Um den physischen Leib zum Leichnam zu machen, dazu ist schon notwendig, daß wirklich, reell, möchte ich sagen, das Ich diesen physischen Leib verläßt. Aber Sie können das Blut gewissermaßen zum Viertelsleichnam machen, indem Sie es nicht durchsetzt sein lassen von dem, was ordnungsgemäß im Ich leben muß, damit das Seelisch-Geistige in der richtigen Weise auf das Blut wirkt. Daraus ersehen Sie, daß die Möglichkeit vorliegt, die Seele des Menschen so in Unordnung zu bringen, daß im Blutwesen, im Blutsubstantiellen nicht die richtigen Wirkungen sein können. Das ist der Moment, wo — wenn auch nicht ganz, sonst würde ja der Mensch daran sterben müssen, aber wenigstens zum Teil — das Blut in Giftsubstantialität übergehen kann. So wie der menschliche physische Leib gewissermaßen der Zerstörung anheimgegeben ist, wenn das Ich draußen ist, so wird das Blut der Ungesundheit, wenn man sie auch nicht so ohne weiteres bemerken kann, anheimgegeben, wenn das Ich nicht in der richtigen Weise gepflegt und durchsetzt wird.
[ 8 ] For example, ego projection—that is, a certain quality of the blood—may be present in the human organism in an incorrect way if the ego is not properly nurtured. To turn the physical body into a corpse, it is necessary—and I would say truly, in reality—that the “I” actually leave this physical body. But you can, so to speak, turn the blood into a “quarter-corpse” by not allowing it to be permeated by what must properly live within the “I,” so that the soul-spiritual can act upon the blood in the right way. From this you can see that it is possible to throw the human soul into such disorder that the proper effects cannot take place in the blood substance. This is the moment when—though not entirely, for otherwise the person would have to die from it, but at least in part—the blood can transform into a toxic substance. Just as the human physical body is, so to speak, left to destruction when the “I” is absent, so too is the blood left to a state of ill health—even if this is not readily apparent—when the “I” is not properly nurtured and permeates the body.
[ 9 ] Wann ist nun das Ich nicht in der richtigen Weise gepflegt und durchsetzt? Das ist unter ganz bestimmten Bedingungen der Fall. Wenn wir zunächst nur auf die nachatlantische Zeit sehen, so erfolgt die Evolution des Menschen so, daß in den aufeinanderfolgenden Kulturperioden der nachatlantischen Zeit bestimmte Fähigkeiten, bestimmte Impulse sich ausbilden. Sie können sich nicht denken, daß Menschen, die in bezug auf die seelische Entwickelung wie wir sind, in der urindischen Zeit gelebt hätten. Von Epoche zu Epoche, indem der Mensch durch die wiederholten Erdeninkarnationen hindurchgeht, sind andere Impulse für die menschliche Seele notwendig.
[ 9 ] When, then, is the “I” not properly nurtured and integrated? This is the case under very specific conditions. If we consider only the post-Atlantean era, human evolution proceeds in such a way that, in the successive cultural periods of the post-Atlantean era, certain abilities and certain impulses develop. You cannot imagine that people who are like us in terms of soul development could have lived in the Primordial Indian era. From epoch to epoch, as human beings pass through repeated earthly incarnations, different impulses become necessary for the human soul.
[ 10 ] Ich will schematisch aufzeichnen, was da vorliegt. Denken Sie sich den hauptsächlichsten, den eigentlichen physischen Leib hier; das würde also derjenige sein, welcher von allen höheren Gliedern der menschlichen Natur ausgefüllt sein muß, damit er überhaupt dieser physische Leib ist.
[ 10 ] I want to outline schematically what we have here. Imagine the most fundamental, the actual physical body here; that would be the one that must be filled with all the higher aspects of human nature in order to be this physical body at all.


[ 11 ] Ich will von all diesen höheren Gliedern der menschlichen Natur nur das Ich berücksichtigen; ich könnte ebensogut alle drei berücksichtigen, will nur dadurch, daß ich schraffiere, andeuten, daß dieser physische Leib Ich-durchdrungen ist. So müssen die andern Projektionen auch in einer gewissen Weise durchdrungen sein. Ich will die Projektion des Ätherleibes, die ja im wesentlichen verankert ist im menschlichen Drüsensystem, so andeuten; das muß nun wiederum in einer gewissen Weise durchzogen und durchsetzt sein. Ich will als drittes andeuten, was hauptsächlich im Nervensystem verankert ist; das muß wiederum in einer bestimmten Weise von einer gewissen Auswirkung des Ich durchsetzt sein. Und der Ich-Leib selber muß nun auch in einer entsprechenden Weise durchsetzt sein.
[ 11 ] Of all these higher aspects of human nature, I wish to consider only the “I”; I could just as well consider all three, but by shading this one, I wish to indicate that this physical body is permeated by the “I.” Thus, the other projections must also be permeated in a certain way. I wish to indicate the projection of the etheric body—which is, after all, essentially anchored in the human glandular system—in this way; this, in turn, must be permeated and interwoven in a certain way. Third, I wish to indicate what is primarily anchored in the nervous system; this, in turn, must be permeated in a specific way by a certain effect of the “I.” And the “I”-body itself must now also be permeated in a corresponding way.
[ 12 ] Nun haben wir eben gesagt, daß der Mensch, indem er die aufeinanderfolgenden Evolutionsperioden durchläuft, in jeder Evolutionsperiode in andere Entwickelungsimpulse eintreten muß. Er muß gewissermaßen dasjenige annehmen, was seine Zeit von ihm verlangt. In der ersten nachatlantischen Zeit, in der urindischen Zeit, mußten die Menschen seelisch-geistige Impulse in sich aufnehmen, die möglich machten, daß dazumal besonders der Ätherleib seine Ausbildung erhielt, in der darauffolgenden Periode, der urpersischen Zeit, wurde der astralische Leib ausgebildet, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit die Empfindungsseele, in der griechisch-lateinischen Zeit die Verstandesoder Gemütsseele, in unserer Zeit die Bewußtseinsseele. Nun hängt es davon, daß der Mensch in richtiger Weise das seinem jeweiligen Zeitalter Angemessene aufnimmt, ab, ob er in rechter Weise diese seine Leibesglieder so durchdringt, daß sie von dem, was das Zeitalter verlangt, so durchsetzt werden, wie auch der physische Leib von den höheren Gliedern durchsetzt ist. Nehmen Sie einmal an, ein Mensch würde sich ganz dagegen sträuben, in der fünften nachatlantischen Zeit irgend etwas aufzunehmen, was dieser fünften nachatlantischen Zeit notwendig ist, er wiese alles ab, was seine Seele so kultivieren würde, wie es die fünfte nachatlantische Zeit verlangt. Was würde die Folge sein?
[ 12 ] Now we have just said that as human beings pass through the successive periods of evolution, they must, in each period, take on different developmental impulses. They must, so to speak, accept what their time demands of them. In the first post-Atlantean epoch, the Proto-Indian epoch, human beings had to absorb soul-spiritual impulses that made it possible, particularly at that time, for the etheric body to develop; in the following period, the Proto-Persian epoch, the astral body was developed; in the Egyptian-Chaldean epoch, the feeling soul; in the Greek -Latin period, the intellectual or emotional soul; and in our own time, the consciousness soul. Now, whether a person properly permeates these members of his being—so that they are imbued with what the age demands, just as the physical body is imbued by the higher members—depends on his correctly assimilating what is appropriate to his respective age. Suppose a person were to completely resist absorbing anything in the fifth post-Atlantean epoch that is necessary for this epoch; suppose he were to reject everything that would cultivate his soul in the way the fifth post-Atlantean epoch demands. What would be the consequence?
[ 13 ] Nun, sein Leibliches läßt sich ja nicht zurückschrauben, wenn es einem Teile der Menschheit angehört, der zunächst berufen ist, die Impulse der fünften nachatlantischen Zeit in sich aufzunehmen. Es sind ja nicht alle zugleich berufen; aber alle weißen Rassen sind jetzt dazu berufen, die Kultur der fünften nachatlantischen Zeit in sich aufzunehmen. Nehmen wir nun an, Menschen würden sich dagegen sträuben. Dann bliebe ein bestimmtes Glied ihrer Leiblichkeit, vor allem das Blut, ohne dasjenige, was hineinkommen würde, wenn sie sich nicht sträuben würden. Es fehlt dann diesem Gliede der Leiblichkeit das, was die entsprechende Substanz und ihre Kräfte in der rechten Weise durchsetzen würde. Dadurch aber werden diese Substanz und die ihr innewohnenden Kräfte, wenn auch nicht in so hohem Grade, wie wenn der Menschenleib Leichnam wird und das Ich heraustritt, in ihren Lebenskräften krank, herabgestimmt, und der Mensch trägt sie gewissermaßen als Gift in sich. Das Zurückbleiben hinter der Evolution bedeutet also, daß der Mensch sich gewissermaßen mit einem Formphantom, das giftig ist, imprägniert. Würde er aufnehmen, was seinen Kulturimpulsen entsprechend ist, so würde er durch diese Seelenart dieses Giftphantom, das er in sich trägt, auflösen. So aber läßt er es in den Leib hinein koagulieren.
[ 13 ] Well, one’s physical nature cannot simply be scaled back if it belongs to that part of humanity that is, for the time being, called upon to absorb the impulses of the fifth post-Atlantean epoch. Not everyone is called at the same time; but all white races are now called to take in the culture of the fifth post-Atlantean epoch. Let us now suppose that people were to resist this. Then a certain aspect of their physical nature—above all, the blood—would be deprived of what would enter it if they did not resist. This part of the physical body would then lack what would properly permeate the corresponding substance and its forces. As a result, however—though not to the same degree as when the human body becomes a corpse and the “I” steps out—this substance and the forces inherent in it become diseased and depressed in their life forces, and the human being carries them within, as it were, as a poison. Lagging behind evolution thus means that the human being, so to speak, impregnates himself with a toxic phantom form. If he were to take in what corresponds to his cultural impulses, he would, through this type of soul, dissolve this toxic phantom that he carries within himself. But as it is, he allows it to coagulate within the body.
[ 14 ] Daher kommen die Kulturkrankheiten, Kulturdekadenzen, alle die seelischen Leerheiten, Hypochondrien, Verschrobenheiten, Unbefriedigtheiten, Schrullenhaftigkeiten und so weiter, auch alle die Kultur attackierenden, aggressiven, gegen die Kultur sich auflehnenden Instinkte. Denn entweder nimmt man die Kultur eines Zeitalters an, paßt sich an, oder man entwickelt das entsprechende Gift, das sich absetzt und das sich nur auflösen würde durch die Annahme der Kultur. Dadurch aber, daß man dieses Gift absetzt, entwickelt man Instinkte gegen die betreffende Kultur. Giftwirkungen sind immer zugleich aggressive Instinkte. In der Volkssprache Mitteleuropas ist das deutlich durchgefühlt: viele Dialekte sagen nicht, ein Mensch sei zornig, sondern er sei giftig, was einem tiefen Empfinden der wirklichen Tatsache entspricht. Von einem Jähzornigen sagt man zum Beispiel in Österreich, er sei «gachgiftig», das heißt schnell giftig, er wird schnell zornig. Und daß dies wieder gradweise differenziert ist, können Sie am Schlangengift bemerken, das eben einen höheren Grad von Giftigkeit hat und das das Aggressive wohl in sich trägt. Aber in einem minderen Grade legt der Mensch solches Giftige, das sich sogar sehr konzentriert, in sich an, wenn er sich weigert, dasjenige anzunehmen, was das Gift auflösen würde. Gerade in unserem Zeitalter weigern sich zahlreiche Menschen, die unserem Zeitalter entsprechende Form des geistigen Lebens, die wir uns ja seit langem zu charakterisieren bemühen und die wir jetzt auch öffentlich charakterisiert haben, anzunehmen.
[ 14 ] Hence the cultural maladies, cultural decadence, all the spiritual emptiness, hypochondria, eccentricities, dissatisfaction, oddities, and so on—as well as all the instincts that attack culture, are aggressive toward it, and rebel against it. For one either embraces the culture of an age and adapts to it, or one develops the corresponding poison, which settles within and would be dissolved only by embracing the culture. But by allowing this poison to settle, one develops instincts against the culture in question. The effects of poison are always, at the same time, aggressive instincts. This is clearly reflected in the vernacular of Central Europe: many dialects do not say that a person is angry, but rather that they are “poisonous,” which corresponds to a deep sense of the actual reality. In Austria, for example, a quick-tempered person is said to be “gachgiftig,” meaning “quickly poisonous”—he becomes angry quickly. And you can see that this is further differentiated by degrees in snake venom, which has a higher degree of toxicity and inherently carries this aggressiveness. But to a lesser degree, a person accumulates such toxicity—which can even become highly concentrated—within themselves when they refuse to accept that which would dissolve the poison. Especially in our age, numerous people refuse to accept the form of spiritual life appropriate to our age—the one we have long sought to characterize and have now also publicly characterized.
[ 15 ] Nun ist es so, daß gerade diese Lotusblume hier [auf der Stirne] an solchen Menschen dasjenige, was da entsteht, sehr sichtbar macht; denn das geht bis zur Wärmewirkung, und solche Menschen züngeln gewissermaßen gegen die Verhältnisse der Außenwelt an, wenn diese etwas von dem zeigen, was für das Zeitalter heilsam wäre. Wir haben gewiß Mephistopheles, das heißt den Teufel, unter uns wandelnd; aber so ein kleiner Anfang, etwas Züngelndes zu entwickeln, geschieht schon dadurch, daß man sich weigert, dasjenige aufzunehmen, was der Kultur des Zeitalters angemessen ist, daß man also das Gift nicht auflöst, sondern es zum Partialleichnam macht, es gewissermaßen im Organismus zum Formphantom koagulieren läßt.
[ 15 ] Now, it is the case that this very lotus flower here [on the forehead] makes what arises within such people very visible; for this goes as far as producing a warming effect, and such people, as it were, flare up against the conditions of the outside world whenever those conditions reveal something that would be beneficial for the age. We certainly have Mephistopheles—that is, the devil—walking among us; but even a small beginning—a hint of such resistance—arises simply from refusing to assimilate what is appropriate to the culture of the age; that is, by failing to dissolve the poison but instead turning it into a partial body, allowing it, so to speak, to coagulate within the organism into a phantom form.
[ 16 ] Sie werden, wenn Sie dies durchdenken, sich aufklären können über die Veranlassung mancherlei Unbefriedigtheiten im Leben. Denn solch ein Giftphantom in sich zu tragen, macht den Menschen unglücklich. In unserer Zeit nennt man ihn dann nervös oder neurasthenisch; es kann ihn aber auch grausam, zänkisch, monistisch, materialistisch machen, denn diese Eigenschaften hängen oft, viel mehr als man glaubt, mit diesem physiologischen Grunde zusammen, daß das Gift, statt aufgesogen zu werden, im menschlichen Organismus abgelagert wird.
[ 16 ] If you think this through, you will be able to understand the cause of many of life’s dissatisfactions. For carrying such a toxic phantom within oneself makes a person unhappy. In our time, such a person is called nervous or neurasthenic; but it can also make them cruel, quarrelsome, monistic, or materialistic, for these traits are often—much more than one might think—linked to the physiological fact that the poison, instead of being absorbed, is deposited in the human organism.
[ 17 ] Aus alldem ersehen Sie, daß zu dem Gesamtbestand, zu der Gesamtkonstitution der Welt, in die wir eingebettet sind, wirklich eine Art labilen Gleichgewichts gehört zwischen dem Guten, Richtigen, und seinem Gegenbilde, den Giftwirkungen. Damit auf der einen Seite das Gute, das Richtige entstehen kann, muß die Möglichkeit gegeben sein, daß vom Richtigen abgeirrt wird, daß die Giftwirkung entsteht.
[ 17 ] From all this, you can see that the overall state, the overall constitution of the world in which we are embedded, truly involves a kind of unstable equilibrium between the good, the right, and its counterpart, the toxic effects. In order for the good and the right to arise on the one hand, there must be the possibility of straying from what is right, of the toxic effect arising.
[ 18 ] Wenden wir das auf Umfänglicheres an, so werden Sie sich sagen: Es muß heute in der Welt die Möglichkeit geben, daß die Menschen zu einem gewissen spirituellen Leben kommen, daß sie Impulse für ein freies, inneres, spirituelles Leben in sich entwickeln. — Damit der einzelne zu dem spirituellen Leben kommen kann, muß das Gegenbild vorhanden sein: die entsprechende Möglichkeit, auf grau- oder schwarzmagische Weise davon abzuirren. Ohne das geht es nicht. Geradeso, wie Sie sich als Mensch nicht halten können, wenn Sie nicht unter sich die Erde haben, die Ihnen einen festen Boden gibt, so kann es dasjenige, was Verfolgen des lichten, spirituellen Lebens ist, nicht geben ohne den Widerstand, der zugelassen werden muß, und der für die höheren Gebiete des Lebens unausbleiblich ist.
[ 18 ] If we apply this to a broader context, you will say to yourself: There must be a possibility in the world today for people to attain a certain spiritual life, for them to develop within themselves the impulses for a free, inner, spiritual life. — For the individual to attain a spiritual life, the opposite must also exist: the corresponding possibility of straying from it through gray or black magic. It cannot happen without this. Just as you, as a human being, cannot stand if you do not have the earth beneath you to provide a firm foundation, so too the pursuit of a luminous, spiritual life cannot exist without the resistance that must be allowed—and which is inevitable in the higher realms of life.
[ 19 ] Wir haben auf das ja ganz Widerspruchsvolle, aber deshalb nicht minder Bedeutsame hingewiesen, daß jemand auf die Frage: Wem verdanken wir das Mysterium von Golgatha? — antworten könnte: Dem Judas; denn hätte Judas den Christus Jesus nicht verraten, so hätte das Mysterium von Golgatha nicht stattgefunden, daher müßte man dem Judas dankbar sein, denn von ihm rührt eigentlich das Christentum, das heißt, das Mysterium von Golgatha her. — Aber das kann man eben doch wiederum nicht, dem Judas dankbar sein und ihn etwa als den Begründer des Christentums anerkennen! Überall, wo man sich in höhere Gebiete erhebt, muß man mit lebendiger, nicht mit toter Wahrheit rechnen, und die lebendige Wahrheit trägt ihr eigenes Gegenbild in sich, so wie im physischen Dasein das Leben den Tod in sich trägt.
[ 19 ] We have pointed out the quite contradictory—but no less significant—fact that if someone were to ask, “To whom do we owe the Mystery of Golgotha?” — might answer: “To Judas”; for if Judas had not betrayed Jesus Christ, the Mystery of Golgotha would not have taken place, and therefore one would have to be grateful to Judas, since Christianity—that is, the Mystery of Golgotha—actually stems from him. — But then again, one simply cannot be grateful to Judas and recognize him, for example, as the founder of Christianity! Wherever one ascends to higher realms, one must reckon with living, not dead, truth; and living truth bears its own opposite within itself, just as in physical existence, life bears death within itself.
[ 20 ] Nehmen Sie das als etwas, das ich heute gerne in Ihre Seele senken möchte, weil sich daraus vieles begreifen läßt. Es muß die Möglichkeit bestehen, neben dem Spirituellen das polarisch entgegengesetzte Gift abzusetzen. Dann kann es aber, wenn es abgesetzt werden kann, auch benützt werden, und auf allen Gebieten kann es benützt werden.
[ 20 ] Consider this something I would like to impress upon your soul today, because it helps us understand many things. There must be a way to isolate the polar opposite poison alongside the spiritual. But then, if it can be isolated, it can also be used—and it can be used in all areas.
[ 21 ] An das Gesagte können sich viele Fragen angliedern. Aber wir wollen vorerst für heute nur diese Frage berühren: Wie kommt man da zurecht? Ist man nicht der großen Gefahr ausgesetzt, daß, wenn man an irgend etwas in der Welt herantritt, das Entgegengesetzte, das Giftmäßige darin enthalten ist, oder wenigstens, daß es irgend jemand zum Giftmäßigen ausbilden könnte? Diese Möglichkeit ist natürlich immer vorhanden. Alles das, was sehr gut sein kann in der Welt, kann in sein Gegenteil verkehrt werden. Aber das muß so sein, damit die Menschheitsentwickelung sich in Freiheit vollziehen kann gemäß unserem Kulturzeitalter. Und gerade die schönsten Entwickelungsimpulse unseres Zeitalters können am meisten Veranlassung geben, in ihr Gegenteil verkehrt zu werden.
[ 21 ] Many questions may arise from what has been said. But for now, let us address just this one question: How does one cope with this? Are we not exposed to the great danger that, whenever we approach anything in the world, the opposite—the toxic element—is contained within it, or at least that someone could transform it into something toxic? This possibility, of course, always exists. Everything in the world that can be very good can be turned into its opposite. But this must be so that human development can unfold in freedom, in accordance with our cultural era. And it is precisely the most beautiful impulses of development in our age that are most likely to be turned into their opposites.
[ 22 ] Ebenso wie für den menschlichen Organismus gilt das für das soziale Leben. Aus früheren hier gehaltenen Vorträgen haben wir gesehen, daß in unserem Zeitalter sich zunächst im Keime die Anlage zu entwickeln beginnt, imaginatives Leben zu entfalten, frei aufsteigende Gedanken zu bilden, die allerdings die materialistisch gesinnten Menschen noch abweisen. Aber es liegt einmal in der Natur unseres Zeitalters, daß nach und nach das imaginative Leben sich entwickeln muß. Was ist das Gegenbild des imaginativen Lebens? Das Gegenbild des imaginativen Lebens ist die Erdichtung, die Erdichtung in bezug auf Wirklichkeiten und der damit verknüpfte Leichtsinn im Behaupten dieser oder jener Dinge. Es ist das gleiche, was ich oftmals in diesen Betrachtungen geschildert habe als die Unaufmerksamkeit gegenüber der Wahrheit, gegenüber dem Reellen, dem Wirklichen. Das Schönste, was der Menschheit im fünften nachatlantischen Zeitraum vorgesetzt ist, das allmähliche Aufsteigen aus dem bloßen einseitigen intellektuellen Leben in das imaginative Leben, das die erste Stufe in die geistige Welt ist, kann abirren in die Unwahrhaftigkeit, in die Erdichtung in bezug auf Wirklichkeiten. Ich sage selbstverständlich nicht: in die «Dichtung» —, denn die ist berechtigt, aber in die «Erdichtung» in bezug auf die Wirklichkeit.
[ 22 ] Just as this applies to the human organism, so it applies to social life. From earlier lectures given here, we have seen that in our age the potential to develop an imaginative life—to form thoughts that arise freely—is beginning to take shape, albeit in its infancy; yet people with a materialistic mindset still reject this. But it is simply in the nature of our age that imaginative life must gradually develop. What is the opposite of imaginative life? The opposite of imaginative life is fabrication—fabrication in relation to realities—and the associated recklessness in asserting this or that. It is the same thing I have often described in these reflections as inattention to the truth, to the real, to the actual. The most beautiful thing that has been set before humanity in the fifth post-Atlantean epoch—the gradual ascent from a mere one-sided intellectual life into the imaginative life, which is the first step into the spiritual world—can stray into untruthfulness, into fabrication with regard to realities. Of course, I am not saying “poetry”—for that is legitimate—but “fabrication” with regard to reality.
[ 23 ] Weiter muß in unserem Zeitalter erstehen — das haben wir auch aus unseren Betrachtungen kennengelernt —, ein besonders gewissenhaftes, seiner Verantwortlichkeit bewußtes Denken. Wenn Sie ins Auge fassen, was in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft geboten wird, so werden Sie sich sagen: Man muß, wenn man wirklich verstehen will, was die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt, scharf gezeichnete Gedanken haben, in denen der Wille lebt, sachgemäß die Wirklichkeit zu verfolgen. Scharfes Denken ist schon notwendig, um unsere Lehre, wenn wir sie so nennen dürfen, aufzunehmen, und vor allen Dingen ein gewisses Ruhen auf dem Gedanken, nicht ein flüchtiges Denken. Wir müssen nun hinarbeiten auf ein solches Denken. Wir müssen uns unablässig bemühen, Gedanken mit scharfen Konturen von uns zu fordern, und uns nicht blind den Sympathien und Antipathien hinzugeben, wenn wir für uns und andere etwas behaupten. Wir müssen nach Begründung, nach Fundierung dessen suchen, was wir behaupten, sonst werden wir niemals in der richtigen Weise in das geisteswissenschaftliche Gebiet eindringen können. Das müssen wir fordern. Und wir erfüllen unsere Aufgabe, wenn wir diese Forderung an uns selbst stellen. Und wenn gefragt wird: Was müssen wir tun in unserer jetzigen schweren Zeit? — so müssen wir uns die Antwort aus dem eben Gesagten heraus formen. Wir müssen uns klar bewußt sein, daß in der Gegenwart jeder Mensch, der will, daß die Evolution der Erde in heilsamer Weise weitergeht, gewissenhaft und ehrlich nach Gedankenobjektivität in der eben geschilderten Weise suchen muß. Das ist eben die Aufgabe der Menschenseele in der gegenwärtigen Zeit. Und weil das so ist, so kann sich auch das korrelative Gift entwickeln: Das vollständige Verlassensein von klaren Gedanken, von Gedanken, die sich mit der Realität verbinden und nichts erdichten, sondern das, was ist, einfach verzeichnen wollen. Das Verlassensein von dieser Sehnsucht nach Objektivität ist im Laufe des 19. Jahrhunderts immer intensiver und intensiver geworden. Das Abgetrenntsein des Gewissens von dem, was wir jetzt immer als Wahrheit charakterisiert haben, hat im 20. Jahrhundert gegenüber allem Bisherigen einen gewissen Höhepunkt erlangt. Die Wirkung ist dann am schlimmsten, wenn die Leute es so ganz und gar nicht merken; aber gerade das ist ein Charakteristikum unserer Zeit.
[ 23 ] Furthermore, as we have also learned from our reflections, a particularly conscientious way of thinking—one that is aware of its responsibility—must emerge in our age. If you consider what is offered by anthroposophically oriented spiritual science, you will say to yourself: If one truly wishes to understand what anthroposophically oriented spiritual science offers, one must have sharply defined thoughts in which the will to pursue reality in an appropriate manner is alive. Sharp thinking is already necessary to take in our teaching—if we may call it that—and, above all, a certain steadiness of thought, not a fleeting one. We must now work toward developing such thinking. We must strive unceasingly to demand of ourselves thoughts with sharp contours, and not blindly surrender to sympathies and antipathies when we make claims for ourselves and others. We must seek justification and a solid foundation for what we assert; otherwise, we will never be able to penetrate the field of spiritual science in the proper way. We must demand this of ourselves. And we fulfill our task when we make this demand of ourselves. And when asked: What must we do in these difficult times? — we must formulate the answer based on what has just been said. We must be clearly aware that, in the present, every person who wishes for the evolution of the Earth to continue in a wholesome way must conscientiously and honestly seek objectivity of thought in the manner just described. This is precisely the task of the human soul in the present age. And because this is so, the corresponding poison can also develop: the complete abandonment of clear thoughts—thoughts that connect with reality and do not invent anything, but simply seek to record what is. This abandonment of the longing for objectivity became increasingly intense over the course of the 19th century. The separation of conscience from what we have always characterized as truth reached a certain peak in the 20th century compared to everything that had come before. The effect is worst when people are completely unaware of it; but that, precisely, is a defining feature of our time.
[ 24 ] Ich will Ihnen ein paar Beispiele geben, damit Sie sehen, was ich meine. Ich will wirklich solche Beispiele sine ira — ohne Sympathien und Antipathien — vorbringen. Da ist ein Mann, den ich sehr gut kenne, der das ist, was man einen lieben, netten Menschen nennt. Er steht im öffentlichen Leben, nimmt mit Recht eine sehr ehrenwerte Stellung darin ein und würde sich nicht erlauben, auch nur im Allergeringsten von dem abzuirren, was man Gesinnungstüchtigkeit im öffentlichen Auftreten nennt. Der betreffende Mann hat aber doch vor kurzem einmal das Folgende sehr Charakteristische schreiben können: «Es soll zum Schlusse», das sagt er am Schlusse eines Aufsatzes, «einer, wenn auch nur kurzen Erörterung einer Frage nicht ausgewichen werden...» [Lücke]
[ 24 ] I’d like to give you a few examples so you can see what I mean. I really want to present these examples sine ira—without any personal sympathies or antipathies. There is a man I know very well who is what one calls a dear, kind person. He is active in public life, rightly holds a very honorable position there, and would not allow himself to deviate even in the slightest from what is called integrity in public conduct. Yet this very man was recently able to write the following, very characteristic passage: “In conclusion,” he says at the end of an essay, “one must not shy away from—even if only a brief—discussion of an issue...” [gap]
[ 25 ] Es ist begreiflich, daß in unserer Zeit so etwas gesagt wird, und ich führe es an, weil es von einem wirklich ernsten Menschen von echter Gesinnungstüchtigkeit gesagt worden ist. Aber es ist, wenn man es näher betrachtet, so verlogen, wie nur irgend etwas verlogen sein kann; denn man kann nichts Verlogeneres sagen, als: «Ich werde mitsingen: «Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechtem, «Ein feste Burg ist unser Gott> » und so weiter, mit der Stimmung, daß es eben ein Gebet, ein gesungenes Gebet ist, wenn man überhaupt nur diesen Glauben hat, den der Betreffende hier charakterisiert. Es ist geradezu eine Lobrede auf die Verlogenheit. Solche Lobreden auf die Verlogenheit finden Sie heute auf Schritt und Tritt, und sie sind, ich möchte sagen, im guten Glauben gehalten; sie sind das Korrelativgift zu dem, was sich als imaginatives, spirituelles Leben entwickeln muß. Und gerade bei den besten Menschen kann mehr oder weniger im Unbewußten solche Giftwirkung vorhanden sein. Wenn man allerdings weiß, daß so etwas, indem es im sozialen Leben pulsiert, genau so ist, wie wenn man einem menschlichen Organismus einen Tropfen Gift einflößen würde, dann kann man alle diese Dinge in der richtigen Weise beurteilen. Wenn man das aber weiß, dann wird man sich auch verpflichtet fühlen, etwas im Leben zu verwirklichen, was jetzt öfters charakterisiert worden ist: Man wird sich bemühen, ein offenes Auge für die Tatsachen, ein gesundes Beobachten des Lebens zu entwickeln; ohne das kommt man heute nicht aus. Und das Karma, von dem ich gesprochen habe, das sich erfüllt, und das nun nicht das Karma eines einzelnen Volkes, sondern eben der ganzen europäisch-amerikanischen Menschheit des 19. Jahrhunderts ist, das ist schon das Karma dieser Unwahrhaftigkeit, das schleichende Gift der Unwahrhaftigkeit.
[ 25 ] It is understandable that such a thing is said in our time, and I cite it because it was said by a truly serious person of genuine integrity. But on closer inspection, it is as hypocritical as anything can be; for one cannot say anything more hypocritical than: “I will sing along: ‘We come before God the Righteous to pray, “A Mighty Fortress Is Our God,”’ and so on, with the attitude that it is indeed a prayer—a sung prayer—if one even has the faith that the person in question is describing here. It is nothing short of a eulogy to insincerity. Such eulogies to insincerity can be found everywhere today, and they are, I would say, delivered in good faith; they are the toxic counterpart to what must develop as an imaginative, spiritual life. And it is precisely among the best of people that such a toxic effect may be present, more or less unconsciously. However, if one realizes that such a thing, as it pulsates through social life, is exactly like injecting a drop of poison into a human organism, then one can assess all these matters correctly. But once one knows this, one will also feel compelled to bring to life something that has now often been described: one will strive to develop an open eye for the facts and a healthy observation of life; without this, one cannot get by today. And the karma I have spoken of—which is now being fulfilled, and which is not the karma of a single people but rather that of the entire European-American humanity of the 19th century—is precisely the karma of this untruthfulness, the insidious poison of untruthfulness.
[ 26 ] Man kann diese Unwahrhaftigkeit ja ganz besonders in Bewegungen besonders erhabener Natur erleben. Ich habe auf meinem Lebensweg da oder dort viel vernommen, was gelogen war; aber ich muß sagen, ich habe nicht gefunden, daß irgendwo anders so grandios gelogen wurde wie da, wo der Grundsatz ausgesprochen ist: Keine Religion ist höher als die Wahrheit. — Ich möchte sagen, mit solcher Intensität wurde doch eigentlich nur da gelogen, wo man zu gleicher Zeit das tiefste Bewußtsein hatte, daß man nur die Wahrheit und nichts anderes als die Wahrheit anstrebe! Gerade da, wo ein Höchstes erstrebt wird, muß am schärfsten achtgegeben werden. Denn dies muß einmal ins Auge gefaßt werden: In früheren Kulturepochen waren andere Möglichkeiten des Abirrens da, in unserer Zeit ist das Abirren in eine Unwahrhaftigkeit, die durch ein Nichtleben mit der Wirklichkeit zustande kommt, die große Gefahr. Ein Nichtleben mit der Wirklichkeit! Bei Menschen, die so gesinnungstüchtig sind wie die Persönlichkeit in dem Beispiel, das ich angeführt habe — der Mensch, der solche Verlogenheit hier geschrieben hat, würde sich eher die Zunge durchschneiden lassen, als bewußt eine Unwahrheit sagen —, wirken die Dinge eben, indem sie in den sozialen Organismus träufeln und soziales Gift werden. Aber natürlich können sie, da sie nun vorhanden sein müssen, auch nach der entgegengesetzten Seite abirren: Sie können auch von dem menschlichen Bewußtsein aufgegriffen werden und zu allerlei Unfug verwendet werden, um nicht ein stärkeres Wort zu gebrauchen.
[ 26 ] One can experience this insincerity most acutely in movements of a particularly sublime nature. Throughout my life, I have heard many lies here and there; but I must say, I have not found anywhere else where lies were told as magnificently as where the principle is proclaimed: “No religion is higher than the truth.” — I would say that lies of such intensity were actually told only where people simultaneously possessed the deepest awareness that they were striving for nothing but the truth and nothing other than the truth! It is precisely where one strives for the highest that one must be most vigilant. For this must be clearly recognized: In earlier cultural epochs, there were other ways of going astray; in our time, the great danger lies in straying into a form of untruthfulness that arises from a lack of connection with reality. A lack of connection with reality! In people who are as principled as the individual in the example I cited—the person who wrote such falsehoods here would rather have his tongue cut out than consciously tell a lie—these things take effect precisely by seeping into the social organism and becoming a social poison. But of course, since they must now exist, they can also stray in the opposite direction: They can also be picked up by human consciousness and used for all sorts of nonsense, to put it mildly.
[ 27 ] Vielleicht erinnern sich manche von Ihnen, wie merkwürdig es berührt hat, als ich in München vor Jahren zum ersten Mal auf diese Verhältnisse, sogar in einem öffentlichen Vortrage, radikal hingewiesen habe. Ich sagte damals: Im Verlaufe der menschlichen Evolution entwickeln sich auf dem physischen Plane die Impulse des Guten und des Bösen. Wodurch entwickeln sich diese Impulse? Dadurch, daß gewisse Kräfte, die eigentlich in die höhere geistige Welt gehören, hier unten in der physischen Welt mißbraucht werden. Würden die Diebe ihre Diebsinstinkte, die Mörder ihre Mordinstinkte, die Lügner ihre Lügeninstinkte, statt sie auf dem physischen Plane auszuleben, dazu verwenden, höhere Kräfte zu entwickeln, so würden sie sehr bedeutende höhere Kräfte ausbilden. Der Fehler besteht nur darin, daß sie die Kräfte, die sie entwickeln, nicht auf dem richtigen Plane entwickeln. Das Böse, sagte ich, ist ein von einem andern Plane herunterversetztes Gutes. Dadurch wird der Mensch, der ein Dieb oder ein Mörder oder ein Lügner ist, selbstverständlich nicht besser: Aber begreifen muß man die Dinge, sonst kommt man nicht dahinter und verfällt unbewußt diesen Gefahren.
[ 27 ] Perhaps some of you remember how strangely moving it was when, years ago in Munich, I first drew attention to these circumstances in such a radical way—even in a public lecture. I said at the time: In the course of human evolution, the impulses of good and evil develop on the physical plane. How do these impulses develop? Through the misuse, down here in the physical world, of certain forces that actually belong to the higher spiritual world. If thieves were to use their instincts for theft, murderers their instincts for murder, and liars their instincts for lying—instead of acting on them on the physical plane—to develop higher forces, they would cultivate very significant higher forces. The mistake lies solely in the fact that they do not develop the forces they are cultivating on the correct plane. Evil, I said, is good that has been relegated from another plane. This does not, of course, make a person who is a thief, a murderer, or a liar any better; but one must understand these things, otherwise one will not grasp the truth and will unconsciously fall prey to these dangers.
[ 28 ] Es ist kein Wunder, daß es in unserer Zeit viele Menschen gibt, die einfach nicht fassen, daß es jetzt Aufgabe zu werden beginnt, sich mit spirituellen Angelegenheiten zu befassen. Daher tun sie es auch nicht, sondern sie überlassen sich den materialistischen Instinkten. Aber sie entwickeln in sich die Gifte, die durch Spirituelles aufgelöst werden sollten. Was ist die Folge? Die Gifte entwickeln sich und werden in Menschen, die das Spirituelle abweisen, zu Kräften, welche sie zu richtigen Lügnern machen, ob bewußt oder unbewußt ist mehr eine Gradfrage. Die gleichen Kräfte könnten aber angewendet werden, um sehr schön die spirituelle Wissenschaft zu begreifen.
[ 28 ] It is no wonder that in our time there are many people who simply cannot believe that it is now becoming our duty to concern ourselves with spiritual matters. Therefore, they do not do so, but instead give in to their materialistic instincts. But they are developing within themselves the poisons that should be dissolved through spirituality. What is the result? The poisons develop and, in people who reject spirituality, become forces that turn them into outright liars—whether consciously or unconsciously is more a matter of degree. Yet these same forces could be used to understand spiritual science very well.


[ 29 ] Bedenken Sie, was wir da im Grunde für eine gewichtige Erkenntnis vor uns haben, und wie wir durch ein Erfassen einer so gewichtigen Erkenntnis einen Hauptnerv im Karma unserer Zeit begreifen können, wenn wir nur dazunehmen, was ich gestern sagte: Eine Einzelheit läßt sich nicht aus der Gesamtmenschheit herausreißen. Die Menschheit ist ein Ganzes. — Gerade als das Gegenbild des spirituellen Strebens muß in unserer Zeit ein scharfes Übel vorhanden sein. Und dieses Übel wirklich in seiner Wesenheit zu erkennen, damit man es auch dann erkennt, wenn es einem im Leben entgegentritt und man es in der richtigen Weise bekämpfen kann, das gehört schon zu den Aufgaben des Menschen unserer Zeit.
[ 29 ] Consider what a profound insight we are essentially dealing with here, and how, by grasping such a profound insight, we can comprehend a central nerve in the karma of our time—if we only take into account what I said yesterday: A single detail cannot be torn away from humanity as a whole. Humanity is a whole. — Precisely as the antithesis of spiritual striving, a profound evil must exist in our time. And to truly recognize this evil in its essence—so that one may recognize it even when it confronts one in life and combat it in the right way—this is indeed one of the tasks of humanity in our time.
[ 30 ] Indem wir über diese Dinge sprechen, bringen wir die großen Gesichtspunkte, die mit dem Karma unserer Zeit zusammenhängen, unmittelbar in Verhältnis zu dem, was in unserer Zeit lebt und im weitesten Umkreise viel, viel Schlimmes bewirkt. An der Oberfläche sehen wir, wie in mächtigen Wogen, die viel mehr verschlingen als man denkt, die Lüge heute durch die Welt pulst. Die Lüge hat ja ein ungeheuer starkes Leben. Aber an solchen Betrachtungen, wie wir sie heute angestellt haben, sehen Sie, wie die Lüge nur das korrelative Gegenbild ist des seinsollenden aber nicht vorhandenen spirituellen Strebens. Ich möchte sagen, die göttlich-geistige Weisheit der Welt hat den Menschen die Möglichkeit gegeben, spirituell zu streben. Wir haben das Gift in uns, das wir auflösen können; aber wir müssen es auch auflösen, sonst bleibt es in uns wie eine Art Partialleichnam.
[ 30 ] By speaking about these things, we directly relate the major perspectives connected with the karma of our time to what is alive in our time and is causing much, much harm on a vast scale. On the surface, we see how, in mighty waves that engulf far more than one might think, falsehood pulses through the world today. Falsehood, after all, possesses an immensely powerful vitality. But through reflections such as those we have undertaken today, you can see how falsehood is merely the correlative counterimage of the spiritual striving that ought to exist but does not. I would like to say that the divine-spiritual wisdom of the world has given human beings the opportunity to strive spiritually. We have the poison within us that we can dissolve; but we must also dissolve it, otherwise it remains within us like a kind of partial corpse.
[ 31 ] Lassen Sie mich für solche Dinge Beispiele aus dem Tagesleben geben, wobei wir ja gleichzeitig das Ziel verfolgen können, gewisse Dinge, die uns heute auf Schritt und Tritt entgegenkommen, die mit dem Leben, mit allem Übel und Leiden der Gegenwart zusammenhängen, besser zu verstehen. Denn nach und nach zu einem Verständnis der schmerzlichen Ereignisse der Gegenwart zu kommen, das ist ja auch dasjenige, was wir in diesen Betrachtungen, soweit sie uns nun gegönnt sind, anstreben. Solche Dinge sage ich wirklich nur, um gewissermaßen im Formellen die Art und Weise, wie die Impulse wirken, zu charakterisieren, nicht um einen Menschen zu charakterisieren, sondern um Tatsachen zu charakterisieren an Beispielen.
[ 31 ] Let me give examples of such things from everyday life, whereby we can at the same time pursue the goal of better understanding certain things that we encounter at every turn today—things connected with life and with all the evil and suffering of the present. For gradually arriving at an understanding of the painful events of the present is, after all, what we are striving for in these reflections, insofar as they are granted to us. I say such things really only to characterize, so to speak, in formal terms the way in which these impulses operate—not to characterize a person, but to characterize facts through examples.
[ 32 ] Da treibt sich hier in der Schweiz ein Mensch herum, der vor vielen Jahren in Berlin Advokat war, ein Winkeldichter, der durch allerlei Dinge, die er angerichtet hat, veranlaßt worden ist, es im Auslande zu versuchen. Seit Jahren treibt er sich im Auslande herum, und jetzt, da der Krieg ausgebrochen ist, schrieb er das in der ganzen Peripherie Aufsehen machende Buch «J’accuse». Man kann sagen, daß diese ganze « J'accuse» — Angelegenheit zu den allertraurigsten Begleiterscheinungen unserer Zeit gehört, weil sie ein so charakteristisches Symptom ist. «J accuse» ist ein dickes Buch, und gewisse Leute, die es wissen können, behaupten, um nur ein Beispiel anzuführen, daß es keine norwegische Hütte gibt, in der dieses Buch nicht zu finden wäre. Es gehört also zu den allerverbreitetsten Büchern. Im Frühling las ich in Berlin einen Artikel über dieses Buch, von jemandem geschrieben, der etwas gilt. Dieser sagt, «J’accuse» wäre ihm empfohlen worden von einem Menschen, den er außerordentlich schätzt. Aus der Art der Darstellung kann man entnehmen, wer dieser von ihm geschätzte Mensch ist: es ist jemand, der in Holland als ein großes Licht gilt, der aber nicht einmal imstande war, das ganze Hintertreppenartige des « J’accuse»-Buches — wenn man nur auf das Formale sieht — zu beurteilen. Man kann eben heute als ein großer Mann gelten und in solchen Dingen durchaus urteilslos sein.
[ 32 ] There’s a man here in Switzerland who used to be a lawyer in Berlin many years ago, a second-rate poet who, because of all sorts of things he’s done, was driven to try his luck abroad. He has been wandering abroad for years, and now that the war has broken out, he has written the book J’accuse, which is causing a sensation throughout the periphery. One could say that this whole “J’accuse” affair is one of the saddest phenomena of our time, because it is such a characteristic symptom. “J’accuse” is a thick book, and certain people who are in the know claim—to cite just one example—that there isn’t a single Norwegian cabin where this book cannot be found. It is, therefore, one of the most widely circulated books. In the spring, I read an article in Berlin about this book, written by someone of some standing. He says that “J’accuse” was recommended to him by a person whom he holds in the highest regard. From the manner of the account, one can deduce who this person he holds in high esteem is: it is someone who is regarded as a leading figure in Holland, but who was not even capable of assessing the entire back-staircase-like nature of the J’accuse book—if one looks only at the formal aspects. It is indeed possible today to be regarded as a great man and yet be completely lacking in judgment in such matters.
[ 33 ] Nun hat sich jetzt eben wieder dieser bekannt-unbekannte Verfasser von «J’accuse» in der Zeitung «Humanite» mit folgender Gedankenform vernehmen lassen — wie gesagt, kommt es mir nicht auf das Persönliche, sondern darauf an, zu charakterisieren, was in unserer Zeit alles möglich ist:
[ 33 ] Now, once again, this well-known yet anonymous author of “J’accuse” has made himself heard in the newspaper Humanité with the following line of thought—as I said, I am not concerned with the personal, but rather with characterizing everything that is possible in our time:
[ 34 ] Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hält im Berliner Reichstag eine Rede, in der er seine Ansichten über verschiedene Zusammenhänge in der Vorgeschichte des Krieges entwickelt. Man mag einverstanden sein oder nicht, darauf kommt es jetzt nicht an; ich will Ihnen das Formale darbieten. In seiner Rede beruft sich der Abgeordnete auf ein Wort, das Sir Edward Grey am 30. Juli 1914 gesagt hat, und welches dem Sinne nach ungefähr lautet, daß wenn die Österreicher sich darauf beschränken würden, bis Belgrad zu marschieren, sich mit der Besetzung Belgrads begnügen und dann abwarten würden, was eventuell durch einen europäischen Kongreß mit Bezug auf das Verhältnis zwischen Österreich und Serbien eingerichtet werden könnte, so ließe sich der Frieden vielleicht noch wahren. Dieser Ausspruch von Sir Edward Grey ist gut gedeckt, denn Grey hat dies zu dem deutschen Botschafter gesagt und es außerdem noch an den englischen Botschafter in Petersburg geschrieben. Die Sache ist also vollständig gedeckt, so daß gar kein Zweifel sein kann, daß Sir Edward Grey dies gesagt hat. Der sozialdemokratische Abgeordnete hat aber dadurch, daß er dies jetzt wieder im Deutschen Reichstag vorgebracht hat, den Zorn des Verfassers von « J’accuse» erregt. Was tut nun der Verfasser von «J’accuse»? Er schreibt einen wirklich im eminentesten Sinne verleumderischen Artikel in der «Humanite», in dem er jenem sozialdemokratischen Abgeordneten geradezu Lügenhaftigkeit vorwirft, falsche Zitiererei und so weiter. Nun ist aber die Sache sehr gut gedeckt, und der Betreffende hat nichts gesagt, als was belegt ist durch die verschiedenen Bücher, auch durch den Brief von Sir Edward Grey, der es dem englischen Gesandten in Petersburg geschrieben hat. Wie kann also da der Verfasser von «Jaccuse» Lügenhaftigkeit konstatieren? Nun, er macht das so, er sagt: Das, was der sozialdemokratische Abgeordnete gesagt hat, kann sich nicht auf einen Ausspruch des Sir Edward Grey vom 30. Juli, sondern nur auf einen Ausspruch von Sasonow vom 31. Dezember beziehen; der Ausspruch von Sasonow, nicht von Grey, lautet aber folgendermaßen, den zitiere ich. Also hat der Abgeordnete den Sasonow schlecht zitiert, denn der Ausspruch von Sasonow ist so, und außerdem behauptet er noch dazu, daß dieser Ausspruch, den Sasonow getan hat, Sir Edward Grey getan hätte.
[ 34 ] A Social Democratic member of parliament delivers a speech in the Berlin Reichstag in which he sets forth his views on various aspects of the events leading up to the war. Whether one agrees or not is irrelevant at this point; I wish to present the facts to you. In his speech, the representative refers to a statement made by Sir Edward Grey on July 30, 1914, and which, in essence, means that if the Austrians were to limit themselves to marching as far as Belgrade, were to be content with the occupation of Belgrade, and then wait to see what might be arranged by a European congress regarding the relationship between Austria and Serbia, then peace might still be preserved. This statement by Sir Edward Grey is well documented, for Grey said this to the German ambassador and also wrote about it to the British ambassador in St. Petersburg. The matter is thus fully documented, leaving no doubt whatsoever that Sir Edward Grey said this. However, by raising this issue again in the German Reichstag, the Social Democratic deputy has aroused the wrath of the author of “J’accuse.” So what does the author of “J’accuse” do? He writes a truly defamatory article—in the most extreme sense of the word—in L’Humanité, in which he accuses that Social Democratic member of parliament of outright dishonesty, misquoting, and so on. But the matter is very well documented, and the MP in question said nothing other than what is substantiated by various books, including the letter from Sir Edward Grey to the British envoy in St. Petersburg. How, then, can the author of “J’accuse” accuse him of lying? Well, he does so by saying: What the Social Democratic representative said cannot refer to a statement by Sir Edward Grey on July 30, but only to a statement by Sazonov on December 31; however, the statement by Sazonov—not by Grey—reads as follows, and I will quote it. So the MP misquoted Sazonov, because Sazonov’s statement is as follows, and on top of that, he even claims that this statement, which Sazonov made, was actually made by Sir Edward Grey.
[ 35 ] Die Tatsache liegt also vor, daß sich der betreffende Redner auf einen Ausspruch von Grey bezieht. «J’accuse» will ihn bekämpfen und sagt daher: Was der gesagt hat, bezieht sich nicht auf einen Ausspruch von Grey, sondern von Sasonow, der jedoch falsch zitiert ist. Sasonow hat folgendes gesagt... . ; also ist das falsch, was der im Berliner Reichstag gesagt hat. Er begeht also eine doppelte Fälschung: erstens zitiert er etwas Falsches, und zweitens verlegt er es nach London, während es in Petersburg geschehen ist. Also ist der Abgeordnete ein Lügner.
[ 35 ] The fact is, therefore, that the speaker in question is referring to a statement by Grey. “J’accuse” seeks to refute him and therefore states: What he said does not refer to a statement by Grey, but rather to one by Sasonov, which, however, is misquoted. Sasonov said the following... ; therefore, what he said in the Berlin Reichstag is false. He is thus committing a double falsification: first, he quotes something false, and second, he misplaces the event in London, whereas it actually took place in St. Petersburg. Therefore, the member of parliament is a liar.
[ 36 ] Von diesem Kaliber ungefähr ist das ganze Buch «J’accuse»; so ist dort die Beweisführung überhaupt. Aber Sie sehen, wie verschränkt, wie verworren und wie gewissenlos das Denken eines Menschen ist, der zu solchem imstande ist. Aber was erreicht man damit? Die zahlreichen Menschen, die nun in der «FHumanite» lesen, was der bekannt-unbekannte Verfasser von « J’accuse» geschrieben hat, prüfen selbstverständlich nicht nach, sondern sie haben vor sich und glauben, was der Verfasser von «J’accuse» ihnen erzählt. Auf diese Weise kann man nicht nur beweisen, daß der sozialdemokratische Abgeordnete gelogen hat, sondern man kann auch zeigen — das entsteht nämlich nebenbei als Beweis, das kriegt der «J’accuse» wirklich fertig —, daß die Mittelmächte nicht geantwortet haben auf dasjenige, was von den Peripheriemächten als Anregung gegeben worden ist. Denn, sagt « J’accuse», dieser Abgeordnete behauptet, die Mittelmächte hätten auf dasjenige reagiert, was von der Peripherie gekommen ist; aber man sehe sich das einmal an bei Sasonow! Der zitiert ja einen Ausspruch von Sasonow! Die Mittelmächte haben gar nicht darauf reagiert, also sieht man, wie die Mittelmächte es getrieben haben; sie haben nicht einmal geantwortet auf diese wichtige Sache.
[ 36 ] The entire book J’accuse is roughly of this caliber; that is the nature of the argumentation throughout. But you can see how convoluted, how confused, and how unscrupulous the thinking of a person capable of such things is. But what does this accomplish? The many people who now read in L’Humanité what the famous-yet-anonymous author of “J’accuse” has written naturally do not verify the claims; rather, they take what the author of “J’accuse” tells them at face value and believe it. In this way, one can not only prove that the Social Democratic deputy lied, but one can also show—and this emerges incidentally as evidence, which “J’accuse” truly manages to do—that the Central Powers did not respond to what had been suggested by the peripheral powers. For, as “J’accuse” points out, this member of parliament claims that the Central Powers reacted to what came from the periphery; but just take a look at Sazonov! He even quotes a statement by Sazonov! The Central Powers did not react to it at all, so you can see how the Central Powers behaved; they did not even respond to this important matter.
[ 37 ] Nun bezieht sich aber dasjenige, was der Abgeordnete wirklich zitiert hat, auf eine Anregung von Grey, die Grey seinem Botschafter telegraphierte, bevor der Botschafter es dem Sasonow sagte. Sasonow hat die ganze Geschichte, die der Grey dazumal angegeben hat und die nicht einmal so schlecht gewesen wäre, geradezu in ihr Gegenteil verkehrt. Der Verfasser von « J’accuse» verlangt, daß dieses von Sasonow ins Gegenteil Verkehrte hätte berücksichtigt werden müssen, nachdem Sasonow selbst es nicht berücksichtigt hatte. Nun aber kann man nachweisen, daß der Grey seinem Botschafter nach Petersburg telegraphierte, dies dem Sasonow vorgelegt worden ist, aber nicht berücksichtigt worden ist. Zu gleicher Zeit schickte aber Grey diesen Vorschlag nach Berlin und von Berlin wurde er nach Wien geschickt. Man kann nachweisen, daß zwischen Wien und Berlin Verhandlungen gepflogen worden sind, um Österreich zu veranlassen, wirklich in Belgrad zu halten und dann irgendeine europäische Verhandlung abzuwarten. Das geht aus einem Brief hervor, den der König von England selber an den Prinzen Heinrich telegraphierte. Also auf den Greyschen Vorschlag sind die Mittelmächte eingegangen. Der Sasonow ist nicht eingegangen auf diesen Greyschen Vorschlag! Dennoch konstatiert « J’accuse»: Die Mittelmächte haben nichts geantwortet und haben dadurch diese furchtbaren Dinge auf sich geladen.
[ 37 ] However, what the representative actually quoted refers to a suggestion made by Grey, which Grey telegraphed to his ambassador before the ambassador relayed it to Sasonov. Sasonov has turned the entire story—which Grey recounted at the time and which would not have been so bad—into its exact opposite. The author of “J’accuse” argues that this reversal by Sasonov should have been taken into account, since Sasonov himself had not done so. It can now be proven, however, that Grey telegraphed his ambassador in St. Petersburg, that this was presented to Sasonov, but was not taken into account. At the same time, however, Grey sent this proposal to Berlin, and from Berlin it was sent to Vienna. It can be proven that negotiations took place between Vienna and Berlin to persuade Austria to actually hold its position in Belgrade and then await some form of European negotiations. This is evident from a telegram that the King of England himself sent to Prince Henry. Thus, the Central Powers did respond to Grey’s proposal. Sasonov did not accept this proposal by Grey! Nevertheless, “J’accuse” states: The Central Powers gave no reply and thereby brought these terrible events upon themselves.
[ 38 ] Die Sache ist nicht so unbedeutend, denn in dem schmerzlichen Dokument von gestern steht derselbe Satz darinnen. Da ist also eine merkwürdige, ich möchte sagen, Sippenverwandtschaft, Familienverwandtschaft zwischen einem welthistorischen schmerzlichen Dokument und einem Menschen, der sich, weil ihm der Boden unter den Füßen vor Jahren zu heiß geworden ist, herumtreibt, um in dieser Weise unter dem prangenden Titel «J’accuse, von einem Deutschen» allerlei Zeug zu schreiben, was aber auf diese Weise geschützt ist, wie durch die neueste Leistung in der «Humanite».
[ 38 ] The matter is not so insignificant, for that same sentence appears in yesterday’s painful document. So there is a curious, I might say, kinship, a family connection between a world-historical, painful document and a man who, because the ground beneath his feet grew too hot for him years ago, wanders about writing all sorts of things under the flashy title “J’accuse, by a German”—things that are, however, protected in this way, as by the latest piece in L’Humanité.
[ 39 ] Man kann sich dann nicht wundern, wenn sich die Leute so wehren, wie sich nun dieser deutsche Abgeordnete gewehrt hat, der von «J’accuse» als ein Verleumder, ein Heuchler, ein Lügner hingestellt worden ist. Der Abgeordnete sagte: Im Grunde genommen liegt die Sache nicht anders wie bei dem Dienstmädchen, das zu Müller in der Langegasse 35 geschickt wurde, in zwei Stunden hätte zurück sein sollen, jedoch erst sehr spät zurückkommt, obwohl es nur einen kleinen Gang machen sollte. Als es zurückkam, sagte es: Ich habe es nicht finden können! — Wieso nicht? — Ja, ich bin nicht in die Langegasse 35 gegangen, sondern in die Kurzestraße 85, und da wohnt kein Tischler Müller, sondern Schulz, nicht der Tischler Müller, sondern eine Waschfrau. — So ungefähr ist der wirkliche Zusammenhang — meinte dieser deutsche Abgeordnete — auch zwischen dem, was der «J’accuse» sagt, und dem, was wirklich zugrunde liegt.
[ 39 ] It’s no wonder, then, that people react the way this German member of parliament has—having been portrayed by J’accuse as a slanderer, a hypocrite, and a liar. The member of parliament said: “Basically, the situation is no different from that of the maid who was sent to Müller’s at Langegasse 35—she was supposed to be back in two hours but didn’t return until very late, even though she was only supposed to run a quick errand. When she came back, she said, ‘I couldn’t find it!’—‘Why not?’ —“Well, I didn’t go to Langegasse 35, but to Kurzestraße 85, and no carpenter named Müller lives there—it’s Schulz; not the carpenter Müller, but a laundress.”—“That’s roughly how the real situation stands,” said this German member of parliament, “also between what ‘J’accuse’ says and what actually lies at the heart of the matter.”
[ 40 ] Dieser Verfasser von «J’accuse» ist natürlich ein besonders schlimmes Beispiel. Aber diese Art, mit der Wirklichkeit umzugehen, das ist es, was heute als die Kehrseite, das korrelative Gegengebilde des spirituellen Strebens und als richtiges Gift in den sozialen Adern rinnt anstelle dessen, was angestrebt werden muß: spirituelles Erkennen, das Sich-Durchdringen mit Spirituellem. Wir können solche Dinge — ich habe ein Beispiel angeführt, wo eine Verlogenheit bei einem Menschen auftritt, den ich sehr gut kenne — überall finden, und zwar in den mannigfaltigsten Variationen. Überall werden wir sehen, daß solches in gewisser Weise als das Gegenbild zu dem in unserer Zeit Notwendigen auftritt. Wenn man überhaupt etwas Richtiges erkennen will, so muß man spirituell erkennen, denn alles andere Erkennen ist heute eigentlich ein Zurückbleiben hinter der Entwickelung. Und deshalb muß schon auch, soll mit Bezug auf die Völker untereinander friedliche Gesinnung in Europa eintreten, spirituelles Fühlen über die Völker entwickelt werden, wie es geschehen kann, wenn man die Völker so auffaßt, wie das in meinem lange vor dem Kriege in Kristiania gehaltenen Vortragszyklus über die Völkergeister der Fall ist. Man muß sich entschließen, sich in dieser Weise spirituell dem Völkergeiste zu nähern; nur dadurch ist es möglich, heute den Geist des Menschen so aktiv zu machen, daß er wirklich eine Gruppenhaftigkeit, wie ein Volk, in ein gültiges Urteil fassen kann. Denken Sie doch, wie heute über Völker geurteilt werden könnte, wenn genügende spirituelle Vorbereitung dazu da wäre! Aber das, was wir nach der einen oder andern Seite radikal abirrend hervortreten sehen, das lebt nicht bloß bei den Schlechtesten, es lebt auch bei den Besten. Es soll ja hier nicht alles getadelt werden, was charakterisiert wird. Es ist einfach ein Mangel da, weil man nicht die spirituellen Bedingungen schaffen will, um große Volkszusammen‚hänge zu beurteilen. Man beurteilt sie nach Sympathien und Antipathien, nicht nach wirklichen Einsichten.
[ 40 ] The author of “J’accuse” is, of course, a particularly bad example. But this way of dealing with reality—that is what today serves as the flip side, the correlative counter-formation to spiritual striving, and flows like a true poison through the veins of society in place of what must be striven for: spiritual knowledge, the permeation of the self with the spiritual. We can find such things—I have cited an example where hypocrisy manifests in a person I know very well—everywhere, and in the most diverse variations. Everywhere we will see that such phenomena appear, in a certain sense, as the antithesis of what is necessary in our time. If one wishes to recognize anything true at all, one must recognize it spiritually, for all other forms of recognition today actually lag behind development. And that is why, if a spirit of peace is to prevail among the nations of Europe, a spiritual feeling toward the nations must be developed—as can happen when one understands the nations in the way I described in my lecture series on national spirits, held in Kristiania long before the war. One must resolve to approach the national spirit spiritually in this way; only through this is it possible today to make the human spirit so active that it can truly form a valid judgment of a collective entity, such as a nation. Just think how nations might be judged today if there were sufficient spiritual preparation for it! But what we see emerging as radically misguided on one side or the other is not confined to the worst among us; it is also present among the best. The point here is not to condemn everything that is described. There is simply a deficiency here, because people are unwilling to create the spiritual conditions necessary to assess large national contexts. They judge them based on sympathies and antipathies, not on genuine insights.
[ 41 ] Ein sehr charakteristisches Beispiel dafür ist in einem berühmten Romane der Gegenwart gegeben, wo durchaus ehrlich versucht wird, in einem Romanzusammenhang ein Volk, in diesem Falle das deutsche, in seinen verschiedenen Repräsentanten zu charakterisieren. Es geschieht dies jedoch in eben dieser fehlerhaften Weise, die wegen Mangels an Spiritualität gar nicht zu einem Wirklichkeitsurteil kommen kann. Einen richtigen Roman würde ich hier nicht anführen können, weil bei einem wirklichen Kunstwerk so etwas nicht in Betracht kommt. Aber wenn ein Roman etwas Tendenziöses ist, wenn die Darstellung selber tendenziös ist, dann kann man ihn in einem solchen Zusammenhang anführen. Was ich meine, will ich im besonderen noch so charakterisieren: Wenn ein Roman gut ist, so wird man niemals die Person des Verfassers durchhören, sondern die Personen werden zum Ausdruck bringen, was für ein Volk, einen Stand, eine Klasse und so weiter charakteristisch ist. Und wenn in einem Roman Hans Müller oder Joachim Eikelhahn irgend etwas über die Deutschen, Franzosen oder Engländer sagen, dann bedeutet das nicht, daß man da irgendwie einhaken könnte. Aber so ist es nicht bei dem Roman, den ich jetzt meine; sondern da sieht man, daß immer der Verfasser gewissermaßen vor den Vorhang tritt und seine Meinung abgibt, und daß er, indem er Personen charakterisiert, stets seine, des Verfassers Meinung über die Deutschen abgeben will. Wir sehen das gleich, wenn über die Familie eines Helden folgendes gesagt wird:
[ 41 ] A very characteristic example of this can be found in a famous contemporary novel, which makes a thoroughly honest attempt to characterize a people—in this case, the German people—through its various representatives within the context of the novel. However, this is done in precisely that flawed manner which, due to a lack of spirituality, cannot arrive at any judgment of reality at all. I would not be able to cite a proper novel here, because such a thing does not come into consideration in a true work of art. But if a novel is tendentious—if the portrayal itself is tendentious—then it can be cited in such a context. I would like to characterize what I mean in more specific terms: If a novel is good, one will never hear the author’s voice through the characters; rather, the characters will express what is characteristic of a people, a social group, a class, and so on. And if, in a novel, Hans Müller or Joachim Eikelhahn say something about the Germans, the French, or the English, that does not mean one could somehow latch onto it. But that is not the case with the novel I am referring to now; rather, one sees that the author always steps forward, as it were, and expresses his opinion, and that, in characterizing his characters, he always seeks to convey his own—the author’s—opinion of the Germans. We see this immediately when the following is said about a protagonist’s family:
«Er war ein Schönredner, gut gebaut, wenn auch ein wenig plump, und der Typus dessen, was in Deutschland als klassische Schönheit gilt: eine breite ausdruckslose Stirn, starke regelmäßige Züge und ein lockiger Bart: ein Jupiter vom Rheinufer.»
“He was a smooth talker, well-built, if a little clumsy, and the very embodiment of what is considered classical beauty in Germany: a broad, expressionless forehead, strong, regular features, and a curly beard—a Jupiter from the banks of the Rhine.”
[ 42 ] Nicht wahr, dieses ist nicht gerade geeignet, ein objektives Urteil zu entwickeln, wenn es auch für den einzelnen Fall so und so oft gelten mag. Ein Kammermusikorchester in Deutschland wird in der folgenden Weise charakterisiert:
[ 42 ] Isn't it true that this isn't exactly conducive to forming an objective judgment, even if it may apply to individual cases time and again? A chamber music orchestra in Germany is characterized as follows:
«Sie spielten weder sehr richtig, noch sehr im Takt; aber sie entgleisten niemals und befolgten treu die angegebenen Ausdruckszeichen. Sie besaßen jene musikalische Leichtigkeit, die sich mit Wenigem begnügt, und jene Vollkommenheit im Mittelmäßigen, die in der Rasse, welche man die musikalischste der Welt nennt, überreich vorhanden ist.»
“They played neither very accurately nor very in time; but they never went off track and faithfully followed the indicated expression marks. They possessed that musical lightness that is content with little, and that perfection in mediocrity which is abundantly present in the race that is called the most musical in the world.”
[ 43 ] Eine andere Charakteristik über den Onkel des Helden. Da wird gesagt:
[ 43 ] Another description of the hero's uncle. It says:
«Er war Teilhaber eines großen Handelshauses, das geschäftliche Verbindungen mit Afrika und dem äußersten Osten unterhielt. Er stellte ganz den Typus eines jener Deutschen neuen Stils dar, die mit Vorliebe den alten Idealismus der Rasse spöttisch verschmähen und siegestrunken mit Kraft und Erfolg einen Kultus treiben, der beweist, daß sie nicht gewohnt sind, unter diesem Zeichen zu leben. Da es aber unmöglich ist, die jahrhundertalte Natur eines Volkes plötzlich zu ändern, kam der zurückgedrängte Idealismus immer wieder in der Sprache, im Benehmen, in den moralischen Anschauungen, in den Goethe-Zitaten anläßlich der geringsten häuslichen Begebenheiten wieder zutage; und so entstand durch das bizarre Bemühen, die ehrbaren Prinzipien des alten deutschen Bürgertums mit dem Zynismus dieser neuen Laden-Condbttieri in Einklang zu bringen, ein sonderbares Gemisch von Gewissenhaftigkeit und Eigennutz, ein Gemisch, das einen recht widerlichen Geruch von Heuchelei an sich hat, — die darauf hinausläuft, aus deutscher Kraft, Geldgier und Interessensucht das Symbol alles Rechtes, aller Gerechtigkeit und aller Wahrheit zu gestalten.»
“He was a partner in a large trading firm that maintained business ties with Africa and the Far East. He epitomized the very type of those ‘new-style’ Germans who take a delight in mockingly spurning the old idealism of their race and, intoxicated by victory, vigorously and successfully promote a cult that proves they are not accustomed to living under that banner. But since it is impossible to suddenly change the centuries-old nature of a people, the repressed idealism kept resurfacing in their language, their behavior, their moral views, and in the Goethe quotations they offered on even the slightest domestic occasions; and so, through the bizarre effort to reconcile the honorable principles of the old German bourgeoisie with the cynicism of these new shopkeepers, a strange mixture of conscientiousness and self-interest arose—a mixture that carries a rather repulsive stench of hypocrisy—which amounts to fashioning, out of German strength, greed for money, and self-interest, the symbol of all that is right, all justice, and all truth.”
[ 44 ] Von demselben Manne wird gesagt:
[ 44 ] It is said of the same man:
«...ihm fehlte jener willfährige germanische Idealismus, der nicht sehen will und auch nicht sieht, was ihm zu entdecken peinlich wäre, aus Furcht, die bequeme Ruhe ihres Urteilens und das Behagen ihres Lebens zu stören.»
“...he lacked that complacent Germanic idealism that refuses to see—and indeed does not see—what would be embarrassing for him to discover, for fear of disturbing the comfortable tranquility of his judgments and the comfort of his life.”
[ 45 ] Weiter wird nun bei einer solchen Gelegenheit, wo der Verfasser gewissermaßen vor die Rampe tritt und man seine eigene Sache hört, folgendes gesagt:
[ 45 ] Furthermore, on such an occasion—when the author, so to speak, takes the stage and one hears him speak for himself—the following is said:
«Besonders seit den deutschen Siegen taten sie alles, um Kompromisse zu schließen, einen widerlichen Mischmasch aus neuer Macht und alten Grundsätzen zustande zu bringen. Auf den alten Idealismus wollte man nicht verzichten: das wäre eine Tat des Freimuts gewesen, zu der man nicht fähig war; man hatte sich, um ihn den deutschen Interessen dienstbar zu machen, damit begnügt, ihn zu verfälschen. Man folgte dem Beispiel Hegels, des heiter doppelzüngigen Schwaben, der Leipzig und Waterloo abgewartet hatte, um den Grundgedanken seiner Philosophie dem preußischen Staat anzupassen...»
“Especially since the German victories, they did everything they could to reach compromises, to bring about a repulsive hodgepodge of new power and old principles. They did not want to give up their old idealism: that would have been an act of boldness of which they were incapable; instead, to make it subservient to German interests, they had contented themselves with distorting it. They followed the example of Hegel, the cheerfully duplicitous Swabian who had waited for Leipzig and Waterloo to adapt the fundamental ideas of his philosophy to the Prussian state...”
[ 46 ] Der Herr hat sonderbare Begriffe von der Geschichte der Philosophie; wer sich darin wirklich auskennt, der weiß, daß die Prinzipien der Hegelschen Philosophie von der Phänomenologie des Bewußtseins niedergeschrieben worden sind in Jena, 1806, unter dem Kanonendonner, mitten aus dem Kanonendonner heraus, als Napoleon heranzog; das aber wird mit einem gewissen «Wahrheitssinn» so charakterisiert, daß Hegel die Schlacht von Leipzig abgewartet hätte, um sich dem preußischen Staat anzupassen.
[ 46 ] The gentleman has some peculiar ideas about the history of philosophy; anyone who is truly familiar with it knows that the principles of Hegel’s philosophy were set down in Phenomenology of Consciousness in Jena in 1806, amid the thunder of cannon fire, right in the midst of the cannon fire, as Napoleon advanced; yet this is characterized—with a certain “sense of truth”—as Hegel having waited for the Battle of Leipzig in order to align himself with the Prussian state.
«...und änderte jetzt, nachdem die Interessen andere geworden waren, auch die Prinzipien. War man geschlagen, so sagte man, Deutschlands Ideal sei die Menschheit. Jetzt, da man die andern schlug, hieß es, Deutschland sei das Ideal der Menschheit.»
“...and now that interests had changed, principles were changed as well. When Germany was defeated, it was said that Germany’s ideal was humanity. Now that Germany was defeating others, it was said that Germany was the ideal of humanity.”
[ 47 ] Das ist allerdings ein feiner Satz!
[ 47 ] That's quite a nice sentence!
«Solange die andern Länder die mächtigeren waren, sagte man mit Lessing, daß die Vaterlandsliebe eine heroische Schwäche sei, die man sehr gut entbehren könne, und man nannte sich Weltbürger. Jetzt, da man den Sieg davon trug, konnte man nicht genug Verachtung für die «französischen» Utopien aufbringen: als da sind Weltfrieden, Brüderlichkeit, friedlicher Fortschritt, Menschenrechte, natürliche Gleichheit; man sagte, das stärkste Volk habe den andern gegenüber ein absolutes Recht, während die andern als die Schwächeren ihm gegenüber rechtlos seien.»
“As long as other countries were the more powerful ones, people said—echoing Lessing—that patriotism was a heroic weakness that one could very well do without, and they called themselves citizens of the world. Now that they had emerged victorious, they could not muster enough contempt for the ‘French’ utopias—such as world peace, brotherhood, peaceful progress, human rights, and natural equality; they claimed that the strongest nation had an absolute right over the others, while the others, as the weaker ones, had no rights in relation to it.”
[ 48 ] Man sieht, aus diesem Satze hätten nunmehr, nachdem der Krieg gekommen ist, viele Leitartikel in der Peripherie geformt werden können. Die Sätze sind lange vor dem Krieg erschienen.
[ 48 ] As one can see, many editorials in the periphery could have been based on this sentence now that the war has broken out. The sentences appeared long before the war.
«Es schien der lebendige Gott und der fleischgewordene Geist zu sein, dessen Fortschritt sich durch Krieg, Gewalttat und Unterdrückung vollzog. Die Macht war jetzt, da man sie auf seiner Seite hatte, heilig gesprochen. Macht war jetzt der Inbegriff alles Idealismus und aller Vernunft geworden.»
“It seemed to be the living God and the Spirit incarnate, whose progress was achieved through war, violence, and oppression. Power—now that it was on one’s side—had been sanctified. Power had now become the very embodiment of all idealism and all reason.”
[ 49 ] Da ist ein Satz, der angeführt ist, ausgefallen. Sie wissen, es ist jetzt nicht leicht, die Dinge über die Grenze zu bekommen, und das Buch habe ich in Berlin.
[ 49 ] There’s a sentence that’s been left out. As you know, it’s not easy to get things across the border right now, and I have the book in Berlin.
[ 50 ] Aber ich will noch einiges aus demselben Buche anführen, wo der Verfasser auch gewissermaßen vor die Rampe tritt:
[ 50 ] But I would like to quote a few more passages from the same book, in which the author also, so to speak, takes center stage:
«Die Deutschen sind in bezug auf physische Unvollkommenheiten von einer glücklichen Nachsicht: sie bringen es fertig, sie nicht zu sehen; sie können sogar dahin kommen, sie mit wohlwollender Phantasie zu verschönen, indem sie unerwartete Beziehungen zwischen ‘dem Gesicht, das sie sehen wollen, und den herrlichsten Exemplaren menschlicher Schönheit herausfinden. Es hätte nicht allzu großer Überredungsgabe bedurft, um den alten Euler zu der Erklärung zu veranlassen, daß seine Enkelin die Nase der Juno Ludovisi habe...»
“The Germans are remarkably indulgent when it comes to physical imperfections: they manage not to notice them; they can even go so far as to embellish them with benevolent imagination by discovering unexpected connections between ‘the face they wish to see’ and the most magnificent examples of human beauty. It would not have taken much persuasion to induce old Euler to declare that his granddaughter had the nose of Juno Ludovisi...”
[ 51 ] Nun, diese Nase und dieses Gesicht wird nämlich als ganz besonders häßlich beschrieben. Das muß dazu bemerkt werden. Über Schumann wird gesagt:
[ 51 ] Well, this nose and this face are actually described as particularly ugly. That needs to be noted. It is said of Schumann:
«Aber gerade sein Beispiel führte» — und hier wird der Held angeführt — «Christof zu der Erkenntnis, daß die schlimmste Falschheit der deutschen Kunst nicht dort lag, wo die Künstler Empfindungen ausdrücken wollten, die sie nicht fühlten, sondern vielmehr dort, wo sie zwar Gefühle ausdrückten, die sie empfanden — die aber in sich gefälscht waren.»
“But it was precisely his example,”—and here the hero is introduced—“that led Christof to the realization that the worst falsehood in German art did not lie in artists’ attempts to express feelings they did not feel, but rather in their expression of feelings they did feel—feelings that were, however, inherently false.”
[ 52 ] Dann wird mit einer gewissen Behaglichkeit erinnert an einen Ausspruch von Frau von Stadl:
[ 52 ] Then, with a certain sense of ease, a remark by Ms. von Stadl is recalled:
« ‹Sie parieren ordentlich. Sie nehmen philosophische Vernunftgründe zu Hilfe, um das Unphilosophischeste auf der Welt zu erklären: den Respekt vor der Macht und die Gewöhnung an Furcht, die den Respekt in Bewunderung verwandelt.› »
“‘You parry neatly. You resort to philosophical reasoning to explain the most unphilosophical thing in the world: respect for power and the habituation to fear that transforms respect into admiration.’ ”
[ 53 ] Der Verfasser des betreffenden Romanes fügt hinzu: Sein Held «fand dieses Gefühl» — also daß sie parieren, Respekt haben, Furcht haben —
[ 53 ] The author of the novel in question adds: His hero “found this feeling”—that is, that they parry, have respect, and feel fear—
«beim Größten wie beim Kleinsten in Deutschland wieder, — vom Wilhelm Tell an, dem bedächtigen, kleinen Spießbürger mit den Lastträgermuskeln, der, wie der freie Jude Börne sagt, «um Ehre und Angst miteinander in Einklang zu bringen, vor dem Pfahl des lieben Herrn» Geßler mit gesenkten Augen vorbeigeht, damit er sich darauf berufen könne, daß der nicht ungehorsam ist, welcher den Hut nicht sah, bis hinauf zu dem ehrenwerten siebzigjährigen Professor Weiße, einem der meistgeachteten Gelehrten der Stadt, der, wenn ein Herr Leutnant an ihm vorüber kam, ihm eilfertig den Fußsteig überließ und auf den Fahrdamm hinunterging. Christofs Blut kochte, wenn er Zeuge solcher kleinen Beweise knechtischer Unterwürfigkeit wurde, die ganz alltäglich waren. Er litt darunter, als habe er sich selbst erniedrigt. Das hochmütige Benehmen der Offiziere, denen er auf der Straße begegnete, und ihre herausfordernde Steifheit versetzten ihn in dumpfe Wut: ganz auffällig zeigte er, daß er keinen Schritt tat, um ihnen Platz zu machen, und erwiderte im Vorübergehen ihre anmaßenden Blicke. Mehr als einmal hätte er sich dadurch beinahe Händel zugezogen; fast sah es aus, als suche er sie. Und doch war er der erste, die gefährliche Überflüssigkeit solcher Kraftprotzereien zu durchschauen; für Augenblicke aber verwirrte sich sein gesundes Fühlen: der fortwährende Zwang, den er sich selbst auferlegte, und seine robusten Kräfte, die sich ansammelten und sich gar nicht ausgaben, machten ihn wütend. Dann war er nahe daran, jede Dummheit zu begehen; und er hatte das Gefühl, er würde verloren sein, wenn er nur noch ein Jahr hier bliebe. Er haßte den brutalen Militarismus, den er auf sich lasten fühlte, all diese Säbel, die auf dem Pflaster klangen, diese Gewehrpyramiden und vor den Kasernen aufgestellten Kanonen, die mit ihrer gegen die Stadt gerichteten Mündung schußbereit dastanden.»
“in everyone in Germany, from the greatest to the least—from Wilhelm Tell, the thoughtful, petty bourgeois with the muscles of a porter who, as the free Jew Börne says, ‘to reconcile honor and fear, walks past the stake of the dear Lord’ passes by Gessler with his eyes downcast, so that he might claim that he who did not see the hat was not disobedient, all the way up to the honorable seventy-year-old Professor Weiße, one of the city’s most respected scholars, who, when a lieutenant passed him, hastily yielded the sidewalk to him and stepped down onto the road. Christof’s blood boiled whenever he witnessed such petty displays of servile subservience, which were an everyday occurrence. He suffered from it as if he himself had humiliated himself. The haughty behavior of the officers he encountered on the street and their defiant stiffness filled him with a dull rage: he made a point of not moving a step to make way for them and returned their presumptuous glances as he passed. More than once, this nearly got him into a fight; it almost looked as if he were seeking it out. And yet he was the first to see through the dangerous futility of such displays of strength; for a few moments, however, his sound judgment was clouded: the constant restraint he imposed on himself, and his robust strength, which was building up without ever being expended, drove him mad. Then he was on the verge of committing any folly; and he had the feeling he would be lost if he stayed here even one more year. He hated the brutal militarism he felt weighing upon him—all those sabers clanging on the pavement, those pyramids of rifles, and the cannons set up in front of the barracks, standing ready to fire with their muzzles pointed toward the city.”
[ 54 ] Diese Sache ist in verschiedener Beziehung interessant. Ich bringe diese Dinge ja nicht aus irgendwelchen persönlichen Gründen vor oder um irgend jemanden zu charakterisieren. Aber nachdem dieser Roman geschrieben war und großes Aufsehen gemacht hatte, fanden sich selbstverständlich Leute, die ihn als das größte Kunstwerk der Welt priesen. Das ist ja immer so. Ganz niedlich ist doch das Urteil eines angesehenen österreichischen Kritikers — «angesehen» sage ich aber in Gänsefüßchen —, der schrieb: «Dieser Roman ist das Wichtigste, was seit 1871 geschehen ist, um Frankreich und Deutschland einander wieder zu nähern.»
[ 54 ] This matter is interesting in various respects. I’m not bringing these things up for any personal reasons or to characterize anyone in particular. But after this novel was written and caused quite a stir, there were, of course, people who praised it as the greatest work of art in the world. That’s always the way it is. The assessment by a “respected” Austrian critic—and I put “respected” in quotation marks—is quite amusing; he wrote: “This novel is the most important thing that has happened since 1871 to bring France and Germany closer together again.”
[ 55 ] Sie sehen, wieviel Wahrheit in diesen Dingen steckt! Und dabei haben wir es zu tun mit einem Mann, der jetzt viel gerühmt wird, und gegen dessen äußere Tätigkeit während der Kriegszeit selbstverständlich nicht das geringste eingewendet werden soll. Aber man kann das, was in diesem «weltberühmten» Roman steht, just in der Peripherie jetzt zu Schlagworten, zu Leitartikeln verwenden; denn was ich Ihnen vorgelesen habe, können Sie wahrhaftig — mit schuldigstem Respekt vor dem Peripheriegeschreibsel — jederzeit in Leitartikeln bewundern. Diese Dinge sind lange vor dem Krieg — wie der österreichische Kritiker sagt: zur «Annäherung Frankreichs und Deutschlands» — geschrieben worden und stehen in dem Romane «Jean-Christophe» von Romain Rolland.
[ 55 ] You can see how much truth there is in these things! And yet we are dealing with a man who is now much praised, and against whose public activities during the war, of course, not the slightest objection should be raised. But what is written in this “world-famous” novel can now be used—precisely in the periphery—as catchphrases and in editorials; for what I have read to you, you can truly—with the utmost respect for the scribblings of the periphery—admire at any time in editorials. These things were written long before the war—as the Austrian critic puts it: for the “rapprochement of France and Germany”—and appear in the novel Jean-Christophe by Romain Rolland.
[ 56 ] Da haben Sie ein Beispiel dafür, wie einer, der das Spirituelle ausschließt, es nicht haben will, das Wesentliche nicht zu sehen vermag, wenn er an Verhältnisse der Gegenwart herantritt. Denn was kann schließlich ein Mensch vom deutschen Wesen wissen, der so darüber schreibt? Wie gesagt, man hat ein Recht, so zu sprechen, weil hier subjektive Urteile des Verfassers in eine schlechte Romandarstellung eingekleidet sind. Das ist aber mein Privaturteil, daß der Roman einer der schlechtesten ist; er wurde für einen der besten gehalten, was Sie schon aus dem Urteil des Wiener Kritikers ersehen. Auch in der internationalen Kritik wurde er als einer der besten bezeichnet, und wenn man nicht gerade auf dem Standpunkte steht, der ja in einer gewissen Beziehung heute nicht einmal so unberechtigt ist, daß das, was die Kritik heute lobt, jedenfalls etwas Schundiges sein muß, so kann man ja einen gewissen Respekt haben vor etwas, was von der zeitgenössischen Kritik als eine erste, größte Leistung der Zeit hingestellt wird. Kulturhistorisch sehen wir aber jedenfalls gerade an einer solchen Sache, wie unmöglich es den Menschen der Gegenwart ist, an dasjenige heranzukommen, was dieser fünfte nachatlantische Zeitraum der Menschheit als Aufgabe stellt. Deshalb muß sich das Karma schon erfüllen. Unsere Aufgabe aber ist es, über diese Dinge unbefangen nachzudenken. Vor allen Dingen sollten wir nicht das, was in der materialistischen Welt draußen gesprochen wird, ohne Kritik aufnehmen und nachsprechen, sondern versuchen, über die Dinge zu einem eigenen Urteil zu kommen.
[ 56 ] There you have an example of how someone who excludes the spiritual, who does not want it, is unable to see what is essential when approaching present-day circumstances. For what, after all, can a person who writes about the German character in this way know of it? As I said, one has a right to speak this way, because here the author’s subjective judgments are cloaked in a poor novelistic portrayal. But that is my personal opinion—that the novel is one of the worst; it was considered one of the best, as you can already see from the judgment of the Viennese critic. It was also hailed as one of the best in international criticism, and unless one takes the position—which, in a certain sense, is not entirely unjustified today—that whatever critics praise today must necessarily be trash, one can certainly have a certain respect for something that contemporary critics present as the foremost and greatest achievement of the age. From a cultural-historical perspective, however, we see precisely in such a matter how impossible it is for people of the present to come to terms with what this fifth post-Atlantean epoch of humanity sets as its task. That is why karma must be fulfilled. Our task, however, is to reflect on these matters with an open mind. Above all, we should not uncritically accept and parrot what is said in the materialistic world outside, but rather try to form our own judgment on these matters.
[ 57 ] Was ich Ihnen vorgelesen habe, wurde vor vielen Jahren geschrieben und hat in der letzten Zeit die wunderbarsten Schlagworte für Leitartikel in der Ententepresse geben können. Es ist der ganzen Tendenz nach ein furchtbar antideutsches Buch, aber darauf kommt es nicht an, jeden Standpunkt kann man begreifen. Nur heißt es doch wohl das Urteil sonderbar fälschen, wenn man ein Buch, das vor Jahren geschrieben ist, als ein eben jetzt erschienenes anpreist, auch wenn die letzten Bände erst kürzlich erschienen sind. Man macht da eigentümliche Erfahrungen, zum Beispiel auch in bezug auf das, was man immer wieder zitiert findet als Aussprüche von Nietzsche, von Treitschke und anderen. Bei Treitschke sucht man sie ziemlich vergeblich, bei Nietzsche haben sie eine ganz andere Bedeutung, sie bedeuten das Entgegengesetzte von dem, was heute in der Ententepresse darüber gesagt wird.
[ 57 ] What I have read to you was written many years ago and has recently provided the most wonderful catchphrases for editorials in the Entente press. In its overall tone, it is a terribly anti-German book, but that is not the point; every point of view can be understood. However, it is surely a strange distortion of judgment to tout a book written years ago as if it had just been published, even if the final volumes did appear only recently. One has peculiar experiences in this regard—for example, with regard to what is repeatedly cited as sayings by Nietzsche, Treitschke, and others. You’ll search for them in Treitschke’s work in vain; in Nietzsche’s, they have an entirely different meaning—they mean the exact opposite of what is said about them today in the Entente press.
[ 58 ] Als ich mit dem Nietzsche-Herausgeber befreundet war und mit diesem manches besprochen habe, schrieb ein Mann, der den ganzen Nietzsche ins Französische übersetzt hat, jenem Herausgeber alle paar Tage von Paris einen Brief; dazumal sah er geradezu einen Gott in Nietzsche. Heute schimpft er klotzig über ihn. Mit solchen Dingen macht man ja die wunderbarsten Erfahrungen. Man würde bei Treitschke, bei Nietzsche das in jenem Buche Angeführte vergeblich suchen, wenn man die Dinge nicht aus dem Zusammenhange gerissen hätte; aber nicht nur muß man sie aus dem Zusammenhange reißen, sondern auch noch, wie man es jetzt macht, die Mitte herausreißen, das heißt, den Anfang eines Satzes zitieren, die Mitte weglassen und dann den Nachsatz wieder zitieren. Nur wenn man es so macht, kann man allenfalls die genannten Schriftsteller zitieren.
[ 58 ] When I was friends with the editor of Nietzsche’s works and discussed many things with him, a man who had translated the entire works of Nietzsche into French would write a letter to that editor from Paris every few days; at that time, he practically saw a god in Nietzsche. Today, he rants and raves about him. One has the most wonderful experiences with such things. One would search in vain for what is cited in that book in Treitschke or Nietzsche if one had not taken the passages out of context; but not only must one take them out of context, one must also—as is done now—tear out the middle, that is, quote the beginning of a sentence, omit the middle, and then quote the rest of the sentence again. Only by doing so can one, at best, quote the writers in question.


[ 59 ] Aber Romain Rolland kann man zitieren. Ich habe Ihnen nur kleine Proben aus seinem Roman vorgelesen. Sie brauchen diesen darum nicht den Proben nach zu beurteilen, die noch durch unzählige andere vermehrt werden können. Besonders können Sie ihn beurteilen nach dem, was er zum Schluß ausspricht, wo Sie sehen werden, daß der ganze Roman von dem Geiste, den diese Zitate zeigen, durchdrungen ist. Das soll durchaus nicht eine Verurteilung dieser Persönlichkeit sein; aber es muß eben scharf auf dasjenige hingewiesen werden, was als Gift durch unser gegenwärtiges Leben träufelt.
[ 59 ] But Romain Rolland can be quoted. I have read you only small excerpts from his novel. You need not judge it, therefore, on the basis of these excerpts, which could be multiplied by countless others. In particular, you can judge him by what he says at the end, where you will see that the entire novel is imbued with the spirit revealed by these quotations. This is by no means meant to be a condemnation of this individual; but it is necessary to point out sharply that which seeps like poison into our present lives.
