Reflections on Contemporary History II
The Karma of Untruthfulness
GA 173b
30 December 1916, Dornach
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Reflections on Contemporary History, Volume III, tr. SOL
Elfter Vortrag
Eleventh Lecture
[ 1 ] Unsere Betrachtungen der letzten Zeit haben einerseits angeknüpft an die ganze Menschheitsentwickelung, insofern das Mysterium von Golgatha in diese eingegriffen hat. Wir haben uns also mit dem gewissermaßen Höchsten, dem Bedeutendsten der Welt- und Menschheitsentwickelung beschäftigt. Auf der andern Seite ist es wohl begreiflich, daß wir auf die Zeiterscheinungen eingegangen sind. Insbesondere mußte das geschehen, da von einem großen Teil unserer Freunde der Wunsch geäußert worden ist, eben über diese Zeiterscheinungen etwas zu hören. Und wir müssen es uns ja auch gestehen, daß der Ernst der Zeit schon dafür spricht, daß wir die unmittelbar konkreten Erlebnisse des Tages an dasjenige anknüpfen, was der Nerv, der innerste Impuls unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen ist. Können wir uns doch nach mancherlei Betrachtungen, die wir angestellt haben, sagen, daß die Gründe, warum es in der Menschheitsentwickelung zu einer solchen Katastrophe gekommen ist, wie sie um uns herum sich zeigt, tief liegen, und daß es eigentlich eine Oberflächlichkeit ist, die Ursachen unserer heutigen Zeitereignisse nur in ihren alleräußersten Ranken, möchte ich sagen, ins Auge zu fassen.
[ 1 ] Our recent reflections have, on the one hand, drawn on the entire history of human development, insofar as the Mystery of Golgotha has intervened in it. We have thus dealt with what is, in a sense, the highest and most significant aspect of the development of the world and humanity. On the other hand, it is certainly understandable that we have addressed contemporary phenomena. This was particularly necessary because a large number of our friends had expressed a desire to hear about precisely these contemporary phenomena. And we must also admit to ourselves that the gravity of the times already argues in favor of linking the immediate, concrete experiences of the day to that which is the nerve center, the innermost impulse, of our spiritual scientific endeavors. After all, based on various reflections we have made, we can say that the reasons why such a catastrophe—as it manifests itself around us—has come about in human development lie deep within, and that it is actually a form of superficiality to consider the causes of today’s current events only in their outermost manifestations, so to speak.
[ 2 ] Durch solche an der Oberfläche liegende Betrachtungen wird man niemals eine fruchtbare Anschauung über die Ereignisse der Gegenwart bekommen. Eine fruchtbare Anschauung ist die, welche dem Menschen die Möglichkeit gibt, Gedanken zu haben, wie herauszukommen ist aus der Katastrophe, in der sich die Welt befindet. Deshalb lassen Sie uns heute noch einige Detailbetrachtungen anstellen; morgen denke ich Ihnen dann gerade aus der Geisteswissenschaft einen wichtigen Zusammenhang aufzeigen zu können, der, ich möchte sagen, in der Lage ist, unsere Seele so anzufassen, daß wir uns mit ihr in einem tätigen, in einem aktiv-begreifenden Verstehen der Dinge befinden können. Lassen Sie uns dieses durch einige Details noch etwas vorbereiten.
[ 2 ] Such superficial observations will never provide a fruitful understanding of current events. A fruitful understanding is one that gives people the opportunity to think about how to find a way out of the catastrophe in which the world finds itself. Therefore, let us consider a few details today; tomorrow, I hope to be able to point out to you an important connection drawn directly from spiritual science—one that, I would say, is capable of touching our souls in such a way that we can engage with it in an active, comprehending understanding of things. Let us prepare for this a little further with a few details.
[ 3 ] Zunächst sei noch einmal betont, daß mir nichts ferner liegt, als politische Betrachtungen anzustellen; das kann unsere Aufgabe gewiß nicht sein. Unsere Aufgabe liegt in Erkenntnisbetrachtungen. Erkenntnis der Zusammenhänge, die natürlich notwendig machen, daß man den Blick auch auf einzelne Details hinlenkt. Deshalb sollen diese Betrachtungen auch weit, weit entfernt sein von jeglicher Parteinahme. Und gerade in dieser Beziehung bitte ich Sie, mich ja nicht mißzuverstehen. Denn welchen Standpunkt in bezug auf diese oder jene nationalen Aspirationen der eine oder der andere unter uns hat, das darf in die tieferen Grundlagen unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen denn doch gar nicht eingreifen. Ich möchte sagen: Anregungen möchte ich nur geben zur Beurteilung, nicht aber irgend jemandes Urteil auch nur im geringsten beeinflussen.
[ 3 ] First of all, let me emphasize once again that nothing could be further from my mind than to engage in political speculation; that certainly cannot be our task. Our task lies in reflections on knowledge—an understanding of the interconnections, which naturally requires that we also turn our attention to individual details. For this reason, these reflections should be far, far removed from any partisanship. And it is precisely in this regard that I ask you not to misunderstand me. For whatever position one or the other among us may hold regarding this or that national aspiration must not, after all, interfere in any way with the deeper foundations of our spiritual scientific endeavors. I would like to say: I wish only to offer suggestions for evaluation, but not to influence anyone’s judgment in the slightest.
[ 4 ] Leicht kann gerade auf einem solchen Gebiete ein Mißverständnis sich geltend machen, und es scheint mir, als ob einiges von dem, was ich gesagt habe in den letzten Betrachtungen, auch wirklich einem Mißverständnisse ausgesetzt gewesen ist. Deshalb sei im allgemeinen, weil jedem ein solches Mißverständnis passieren kann, gleich bemerkt, daß es sich mir zum Beispiel an den Stellen, wo ich auf die mit der belgischen Neutralitätsfrage zusammenhängenden Vorgänge aufmerksam gemacht habe, wahrhaftig nicht darum gehandelt hat, etwas zu verteidigen oder anzugreifen, sondern lediglich darum, ein Faktum hinzustellen. Und als ich die Bemerkung zum ersten Mal machte, machte ich sie ja gar nicht von mir aus, sondern anknüpfend an die Ausführungen von Georg Brandes, der ein, wie mir schien, wahrhaft neutrales Urteil abgegeben hat.
[ 4 ] It is easy for a misunderstanding to arise, especially in such a field, and it seems to me that some of what I have said in my recent reflections may indeed have been subject to misunderstanding. Therefore, since such a misunderstanding can happen to anyone, let me note right away that, for example, in the passages where I drew attention to the events related to the Belgian neutrality issue, my intention was truly not to defend or attack anything, but merely to state a fact. And when I made that remark for the first time, I did not do so on my own initiative, but rather in response to the remarks of Georg Brandes, who, as it seemed to me, had offered a truly neutral assessment.
[ 5 ] Bei diesen Dingen hat es sich für mich nicht darum gehandelt, diese oder jene Maßnahme der einen oder der andern Seite in einem politischen Sinne zu taxieren, sondern darum, die Wichtigkeit des Wahrheitsprinzips in der Welt zu betonen, zu betonen, daß das Karma, das sich an der Menschheit erfüllt hat, vielfach damit zusammenhängt, daß die Aufmerksamkeit auf die Tatsachenwelt, die Aufmerksamkeit überhaupt auf die geschichtlichen und sonstigen Lebenszusammenhänge in unserem materialistischen Zeitalter nicht so ist, daß Wahrheit waltet. Und das Nichtwalten der Wahrheit, das eigentümliche Walten gerade des Gegenteiles der Wahrheit, die geringe Neigung, Wahrheit zu suchen, die geringe Sehnsucht nach Wahrheit, mit alledem hängt das Karma unserer Zeit zusammen. Und dieses muß man studieren.
[ 5 ] For me, these matters were not about evaluating this or that measure taken by one side or the other in a political sense, but rather about emphasizing the importance of the principle of truth in the world—emphasizing that the karma that has come to fruition for humanity is in many ways connected to the fact that, and attention in general to historical and other aspects of life in our materialistic age is not such that truth prevails. And the failure of truth to prevail—the peculiar prevalence of the very opposite of truth, the scant inclination to seek truth, the scant longing for truth—the karma of our time is connected to all of this. And this is what must be studied.
[ 6 ] Wenn man daher sieht, was gerade in den Jahren, in denen die Menschheit das durchlebt, was man heute einen Krieg nennt, behauptet wird, so darf man nicht einwenden, es werde dies nur von Zeitungen oder dergleichen gesagt. Es kommt auf die Wirkungen an. Die Dinge haben ihre starke Wirkung. Wenn man ins Auge faßt, was gesagt wird, wie die Dinge aufgefaßt und vorgebracht werden, dann sieht man in diesem Wie das Walten desjenigen, das wahrhaftig nicht in der Richtung der Wahrheit läuft. Und man glaube nicht, daß Gedanken, daß Behauptungen nicht objektive Mächte sind! Sie sind objektive, reale Mächte! Und es ist ganz unausbleiblich, daß sie ihre Wirkungen nach sich ziehen, auch wenn sie sich nicht umsetzen in äußere Taten. Für die Zukunft ist viel wichtiger, was die Menschen denken, als das, was sie tun. Denn Gedanken werden im Laufe der Zeiten Taten. Wir leben heute von den Gedanken vergangener Zeiten; die erfüllen sich in den Taten, die heute geschehen. Und unsere Gedanken, die die Welt durchfluten, werden sich in den Taten der Zukunft entladen.
[ 6 ] Therefore, when one considers what is being claimed, especially during the years when humanity is going through what is today called a war, one must not object that this is merely being said by newspapers or the like. What matters are the effects. These things have a powerful impact. If one takes a close look at what is being said—at how things are perceived and presented—then one sees in this “how” the workings of a force that truly does not move in the direction of truth. And do not believe that thoughts, that assertions, are not objective forces! They are objective, real forces! And it is absolutely inevitable that they will bring about their effects, even if they do not translate into outward actions. For the future, what people think is far more important than what they do. For thoughts become actions over the course of time. We live today on the thoughts of times past; these are fulfilled in the actions taking place today. And our thoughts, which flood the world, will manifest themselves in the actions of the future.
[ 7 ] Ich knüpfe jetzt an etwas an, was leicht zu Mißverständnissen hat führen können und will daher unseren Betrachtungen einige Bemerkungen vorausschicken. Ich führe das an, um Ihnen gewissermaßen an einem Modell zu zeigen, wie man Wahrheit sucht. — Man kann sagen, es sei anfechtbar, wenn ich gesagt habe, es hätte genügt, um den Frieden zu wahren, daß Sir Edward Grey auf die Frage des deutschen Botschafters in London, ob England, falls Deutschland die belgische Neutralität respektiere, neutral bleiben würde, daß Sir Edward Grey darauf mit Ja geantwortet hätte. Ich meine, das kann nicht geleugnet werden, daß die Dinge ganz anders verlaufen wären, wenn Sir Edward Grey mit Ja geantwortet hätte; denn dann wäre die Verletzung von Belgiens Neutralität weggefallen.
[ 7 ] I would now like to address something that could easily have led to misunderstandings, and I therefore wish to preface our discussion with a few remarks. I mention this to show you, so to speak, using a model, how one seeks the truth. — One might say it is open to question whether I was correct in stating that it would have been sufficient to preserve the peace if Sir Edward Grey had answered “yes” to the German ambassador’s question in London as to whether England would remain neutral if Germany respected Belgian neutrality. I believe it cannot be denied that things would have turned out quite differently if Sir Edward Grey had answered “yes”; for then the violation of Belgium’s neutrality would not have occurred.
[ 8 ] Wenn Sie sich erinnern an alles, was ich gesagt habe — und an das, was hier gesagt wird, muß man so denken, daß es auf die Nuance ankommt —, so werden Sie sehen, daß ich nirgends auch mit einem Worte etwa die Verletzung der belgischen Neutralität in Schutz genommen habe. Das habe ich gewiß nicht getan. Sie als eine Rechtsverletzung zu brandmarken, habe ich auch nicht nötig — das hieße Eulen nach Athen tragen, um die alte, abgebrauchte Formel zu verwenden —, denn daß die Verletzung der belgischen Neutralität eine Rechtsverletzung ist, hat ja der deutsche Reichskanzler selbst gleich im Ausgangspunkte des Krieges zugegeben, und dem noch irgend etwas hinzuzufügen, oder irgend etwas daran zu entschuldigen, kann nicht meine Aufgabe sein. Die Sache ist von maßgebender, äußerlich maßgebender Seite als eine Rechtsverletzung zugestanden worden.
[ 8 ] If you recall everything I have said—and when it comes to what is said here, one must bear in mind that it all comes down to nuances—you will see that nowhere have I, even with a single word, defended the violation of Belgian neutrality. I certainly have not done so. Nor do I need to brand it as a violation of the law—that would be like carrying coals to Newcastle, to use the old, hackneyed expression— for the German Chancellor himself admitted right at the outset of the war that the violation of Belgian neutrality was a violation of the law, and it cannot be my task to add anything to that or to offer any excuse for it. The matter has been acknowledged as a violation of the law by an authoritative, externally authoritative source.
[ 9 ] Dabei bleibt aber die Tatsache bestehen — wollen wir uns heute doch gut verstehen, meine lieben Freunde —, daß am 1. August der englische Minister des Auswärtigen gefragt worden ist: Würde England neutral bleiben, wenn von deutscher Seite die Neutralität Belgiens nicht verletzt würde? — Und diese Frage ist ausweichend beantwortet worden! So wie die Frage gestellt wurde, darf kein Mensch daran zweifeln, daß, falls die Frage dazumal bejaht worden wäre, Belgiens Neutralität nicht verletzt worden wäre.
[ 9 ] But the fact remains—and let’s be clear on this today, my dear friends—that on August 1, the British Foreign Secretary was asked: Would Britain remain neutral if Germany did not violate Belgium’s neutrality? — And this question was answered evasively! Given the way the question was phrased, no one can doubt that, had the answer been “yes” at the time, Belgium’s neutrality would not have been violated.
[ 10 ] Nun kann man sagen: Die Neutralität Belgiens sei seit 1839 garantiert, und die Sache hätte so gestanden, daß eigentlich nichts zu fragen war; denn Deutschland sei verpflichtet gewesen, die Neutralität Belgiens zu respektieren. Also hätte nicht auf Grund dieser Respektierung von England eine andere Respektierung verlangt werden können, ein Gegenversprechen für ein ohnedies schon vorhandenes Versprechen. Die Respektierung der belgischen Neutralität hätte nicht davon abhängig gemacht werden können, daß England neutral bleibe. Man könnte sagen, es sei ja von dem deutschen Botschafter nur gefragt worden: Bleibt England neutral, wenn Deutschland sein Versprechen erfüllt?
[ 10 ] Now one might say: Belgium’s neutrality has been guaranteed since 1839, and the situation was such that there was really no need to ask; for Germany was obligated to respect Belgium’s neutrality. Therefore, England could not have been required to provide further assurances based on this respect—a reciprocal promise for a promise that already existed. Respect for Belgian neutrality could not have been made contingent on England remaining neutral. One might say that the German ambassador had merely asked: “Will England remain neutral if Germany fulfills its promise?”
[ 11 ] Wenn nun jemand sagt, es sei formal korrekt von Sir Edward Grey gewesen, darauf eine ausweichende Antwort zu geben, so hat er selbstverständlich Recht, so selbstverständlich, daß es eigentlich überflüssig ist, darauf auch nur einzugehen. Aber um juristisch-formale Urteile handelt es sich in der weltgeschichtlichen Entwickelung niemals. Mit solchen Urteilen trifft man niemals eine Realität! Die Weltgeschichte verläuft anders, als daß man ihre Wirklichkeit einfassen könnte in Formalurteile. Wer Formalurteile fällen will, fällt wirklichkeitsfremde Urteile; aber er wird, wenn er nur den Mund laut genug aufmachen kann, wenn er nur sich Geltung verschaffen kann, immer Recht haben, weil ja ein vernünftiger Mensch ohnedies nichts gegen die Richtigkeit von Formalurteilen einwenden wird. Formalurteile sind auch sehr leicht verständlich; nur fassen sie die Realitäten nicht.
[ 11 ] If someone were to say that it was formally correct of Sir Edward Grey to give an evasive answer, he would of course be right—so obviously right, in fact, that it is actually superfluous to even address the point. But the course of world history is never a matter of formal legal judgments. Such judgments never capture reality! World history unfolds in a way that makes it impossible to encapsulate its reality within formal judgments. Anyone who seeks to make formal judgments is making judgments divorced from reality; yet, if they can only speak loudly enough, if they can only assert themselves, they will always be right, because, after all, no reasonable person will object to the correctness of formal judgments anyway. Formal judgments are also very easy to understand; they simply do not capture reality.
[ 12 ] Ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, daß ich gerade in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» betont habe, daß es bei Urteilen nicht bloß auf die formale Richtigkeit ankommt, sondern auf das Wirklichkeitsgemäße. Es kommt darauf an, daß man mit Urteilen die Wirklichkeit faßt. Kein Mensch kann etwas gegen die formale Korrektheit der Antwort Sir Edward Greys einwenden; darüber wollen wir überhaupt nicht diskutieren, das ist ganz selbstverständlich. Aber die Tatsachen wollen wir ins Auge fassen, und zwar so, daß dieses Die-Tatsachen-ins-Auge-Fassen zugleich zeigt, wie man über äußere Dinge urteilen muß, wenn man sich vorbereiten will, auch über okkulte Dinge richtige Vorstellungen zu gewinnen. Okkulte Dinge muß man in ihrer Realität fassen; da kann man mit Formalurteilen nicht auskommen. Daher muß man sich gewöhnen, auch bei äußeren Dingen, so gut es geht, zu versuchen, die Tatsachen zusammenzuhalten.
[ 12 ] I ask you to recall that I emphasized in my latest book, The Enigma of Man, that judgments depend not merely on formal correctness, but on their correspondence to reality. What matters is that judgments capture reality. No one can object to the formal correctness of Sir Edward Grey’s answer; we do not wish to discuss that at all—it goes without saying. But let us look at the facts, and in such a way that this examination of the facts simultaneously shows how one must judge external things if one wishes to prepare oneself to gain correct understandings of occult matters as well. Occult matters must be grasped in their reality; one cannot get by with formal judgments alone. Therefore, one must accustom oneself to trying, as best as possible, to hold the facts together even when dealing with external matters.
[ 13 ] Nun, ich könnte lange Auseinandersetzungen machen; über diese Frage allein könnte man tagelang reden. Erst müßte, wenn es sich darum handelte, eine juristische Grundlage zu schaffen — denn wenn die Neutralität verletzt sein soll, so muß sie vorhanden sein —, die Frage beantwortet werden, ob die Neutralität Belgiens vorhanden war in der Zeit, als sie angeblich verletzt worden ist. Da spiele ich nicht an auf Dokumente, die während des Krieges gefunden worden sind, darüber wollen wir nicht diskutieren, denn das ist etwas, was diskutabel ist, worüber man verschiedener Meinung sein kann. Aber wenn es sich um eine Diskussion handelte, so würde man, wenn man nun sachlich alles, was man über solche Fragen vorbringen kann, ins Auge faßte, wahrscheinlich doch mit demselben Gewichte, mit dem man sonst im Leben Dinge beurteilt, sagen müssen: Seit der Besitzergreifung des Kongos durch Belgien kann gar nicht die Rede davon sein, daß die alte Neutralitätsformel von 1839 noch gilt; denn wenn so neue Verhältnisse eintreten, wie, daß ein Staat in internationale Beziehungen eintritt mit der Möglichkeit, so weite Gebiete wie den Kongo frei zu verschenken oder zu verkaufen oder sonst irgendwie mit andern Staaten in Beziehung zu bringen, so ist der Begriff der Neutralität durchlöchert.
[ 13 ] Well, I could go into lengthy discussions; one could talk about this question alone for days on end. First, if the issue were to establish a legal basis—for if neutrality is to be said to have been violated, it must have existed—the question would have to be answered as to whether Belgium’s neutrality existed at the time it was allegedly violated. I am not referring here to documents found during the war; let us not discuss that, for it is a matter open to debate, on which opinions may differ. But if this were a matter for discussion, then, upon objectively considering everything that can be brought forward regarding such questions, one would probably have to conclude—using the same criteria by which one otherwise judges matters in life—that since Belgium’s occupation of the Congo, there can be no question of the old neutrality clause of 1839 still being in force; for when new circumstances arise—such as a state entering into international relations with the ability to freely give away or sell territories as vast as the Congo, or otherwise bring them into relations with other states—the concept of neutrality is undermined.
[ 14 ] Ich weiß schon, daß 1885 auch der Kongo neutral erklärt worden ist; aber es würde die Frage zu entscheiden sein, ob das nicht anfechtbar ist. Ich will aber gar nichts entscheiden, sondern Sie nur aufmerksam machen auf die Schwierigkeiten, die vorliegen, und darauf, daß es nicht so leicht ist, sich über solche Dinge ein wirklich objektives Urteil zu bilden. Von diesem Kaliber könnte man noch manches anführen; hier beginnen also schon die Schwierigkeiten. Wir wollen auch darüber nicht diskutieren, inwieweit, da Deutschland erst 1871 begründet worden ist, das alte Abkommen von 1839 nun noch gültig war. Aber auf alles das will ich nur aufmerksam machen als auf etwas, was eben auch in Betracht kommt. Denn in den objektiven Gang der Ereignisse fließen nicht nur die phantastischen Begriffe ein, die man sich formal macht, sondern es fließen schon die tatsächlichen Dinge ein; ohne daß der Mensch etwas dazu tut, fließen die tatsächlichen Dinge ein.
[ 14 ] I am well aware that the Congo was also declared neutral in 1885; but the question would be whether that declaration is contestable. I do not, however, wish to decide anything; I merely want to draw your attention to the difficulties involved and to the fact that it is not so easy to form a truly objective judgment on such matters. One could cite many more examples of this nature; so this is where the difficulties begin. Nor do we wish to discuss the extent to which—given that Germany was not founded until 1871—the old agreement of 1839 was still valid. But I merely wish to draw attention to all of this as something that must also be taken into account. For it is not only the fanciful concepts that one formally constructs that flow into the objective course of events, but actual events themselves; without any human intervention, actual events flow in.
[ 15 ] Ist es nun aber wirklich wahr, daß der deutsche Botschafter etwas zu einer Frage gemacht hat, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit hätte sein sollen, indem er gefragt hat, ob Großbritannien, wenn Deutschland sein Versprechen von 1839 hält — wo es allerdings noch kein Deutschland gab! —, sich neutral verhalten würde? Die belgische Neutralität ist eben früher nicht als selbstverständlich angesehen worden. Das bezeugt folgendes: Als der Krieg 1870 zwischen Preußen, den verbündeten deutschen Ländern und Frankreich losbrach, kam ein Übereinkommen zustande zwischen Großbritannien unter dem Außenminister Gladstone und Deutschland auf der einen Seite und zwischen Großbritannien und Frankreich auf der andern Seite, indem mit jedem dieser Länder ein Vertrag abgeschlossen wurde, auf Grund dessen Großbritannien neutral bleiben würde, wenn die beiden andern Staaten die Neutralität Belgiens respektierten.
[ 15 ] But is it really true that the German ambassador made an issue out of something that should actually have been a matter of course, by asking whether Great Britain would remain neutral if Germany kept its promise of 1839—even though there was no Germany at that time!—? Belgian neutrality was not always taken for granted. The following attests to this: When war broke out in 1870 between Prussia, the allied German states, and France, an agreement was reached between Great Britain—under Foreign Secretary Gladstone—and Germany on the one hand, and between Great Britain and France on the other, whereby a treaty was concluded with each of these countries stipulating that Great Britain would remain neutral if the other two states respected Belgium’s neutrality.
[ 16 ] Großbritannien war also im Jahre 1870 in ganz genau dem gleichen Fall, hat sich dazumal aber nicht auf die Grundposition gestellt, daß ja das alte Abkommen von 1839 unbedingte Gültigkeit habe, sondern es hat für den konkreten Fall wirklich in die eine Waagschale geworfen die Neutralität Belgiens, in die andere die Neutralität Großbritanniens. Wenn ein Präjudiz da ist, so kann man nicht sagen, daß dann in einer späteren Zeit nicht in der gleichen Weise verfahren werden dürfe. Erinnern wir uns daher an das, was ich öfter betont habe: Im Leben, das sich durch die Geschichte hinzieht, ist Kontinuität; die Dinge hängen zusammen. So wenig wie man als einzelner Mensch später etwas tun kann, was dem Vorhergegangenen widerspricht, so wenig man etwas ungeschehen machen kann, ebenso ist es im Leben der Völker. Es kann nicht etwas als selbstverständlich hingestellt werden, was vorher nicht als selbstverständlich galt.
[ 16 ] Great Britain was thus in exactly the same situation in 1870, but at that time it did not take the fundamental position that the old agreement of 1839 was unconditionally valid; rather, in that specific case, it actually weighed Belgium’s neutrality on one side of the scale and Great Britain’s neutrality on the other. If a precedent exists, one cannot say that the same course of action may not be taken at a later time. Let us therefore recall what I have often emphasized: There is continuity in life as it unfolds throughout history; things are interconnected. Just as an individual cannot later do something that contradicts what has gone before, nor can one undo what has happened—so it is in the life of nations. One cannot take for granted something that was not previously taken for granted.
[ 17 ] Auch das ist etwas, was bedacht werden muß. Aber selbst wenn die Sache so einfach läge, daß man nur sagen könnte: Es ist ja selbstverständlich, daß der Vertrag von 1839 gilt, deshalb brauchte von Großbritannien kein Gegenengagement gefordert zu werden — so ist darauf zu erwidern, daß damals die Initiative von Großbritannien selbst ausgegangen ist; Großbritannien frug bei Frankreich auf der einen, Deutschland auf der andern Seite an, ob sie die Neutralität respektieren würden. Damals wurden also Besprechungen über die Neutralität eingeleitet. Wenn man eine Besprechung einleitet, so kann man daran weitere Auseinandersetzungen knüpfen. |
[ 17 ] That, too, is something that must be taken into account. But even if the matter were so simple that one could simply say: “It goes without saying that the Treaty of 1839 is in force, and therefore no reciprocal commitment needed to be demanded of Great Britain”—the response to that is that, at that time, the initiative came from Great Britain itself; Great Britain asked France on the one hand and Germany on the other whether they would respect neutrality. Thus, discussions regarding neutrality were initiated at that time. When one initiates a discussion, one can link further negotiations to it. |
[ 18 ] Nun kann man noch das Folgende sagen. Wie gesagt, ich verteidige nicht die Neutralitätsverletzung, das ist nicht meines Amtes, aber ich kann sagen: Wenn die Neutralität Belgiens dadurch, daß Großbritannien mit Ja geantwortet hätte, nicht verletzt worden wäre, dann wäre die ganze Sache im Westen anders verlaufen. — Aber ich bin bei diesem Satze nicht stehengeblieben, sondern ich habe ausdrücklich hinzugesetzt: Außerdem wurde von deutscher Seite das Anerbieten gemacht, Frankreich und seinen Kolonien nichts anzutun, wenn England neutral bleiben würde. Und als auch darüber keine positive Antwort gegeben worden ist, wurde die weitere Frage gestellt, welches nun die Bedingungen seien, unter denen England neutral bleiben würde. Das heißt: England wurde zugestanden, selbst die Bedingungen zu stellen, unter denen es neutral bleiben würde. Das alles war fertig am 2. August, das alles war am 1. August geschehen. Das alles wurde aber ausgeschlagen. Großbritannien wollte überhaupt keine Antwort geben auf irgendwelche Anfragen nach dieser Seite. So daß man schon sagen kann: Hätte Großbritannien irgendeine Antwort gegeben, dann — das zeigt schon dieser äußere Verlauf der Geschichte — wäre die ganze Sache im Westen anders verlaufen.
[ 18 ] Now, one can also say the following. As I said, I am not defending the violation of neutrality—that is not my role—but I can say this: If Belgium’s neutrality had not been violated by Great Britain’s affirmative response, the entire situation in the West would have unfolded differently. — But I did not stop at that statement; rather, I explicitly added: Furthermore, the German side offered not to harm France or its colonies if England remained neutral. And when no positive response was given to that either, the follow-up question was asked: What, then, were the conditions under which Britain would remain neutral? In other words, Britain was granted the right to set its own conditions for remaining neutral. All of this was finalized on August 2; all of this had taken place on August 1. But all of it was rejected. Great Britain refused to give any response whatsoever to any inquiries on this matter. So one can certainly say: Had Great Britain given any response at all, then—as this external course of history already shows—the entire situation in the West would have unfolded differently.
[ 19 ] Ich bin auch dabei nicht stehen geblieben, sondern habe Ihnen gesagt: Ich weiß auch aus andern Voraussetzungen heraus, daß sich sogar der ganze Krieg mit Frankreich hätte vermeiden lassen, wenn Großbritannien die entsprechende Antwort gegeben hätte. — Daß andere, tiefere Gründe dafür vorliegen, daß es nicht geschehen ist, das gehört wiederum auf eine andere Waagschale. Aber wenn man urteilen will über dasjenige, was als Urteil durch die Welt geschwirrt ist in den letzten zweieinhalb Jahren, dann muß man diese Dinge ganz sorgfältig in Erwägung ziehen. Denn es gibt heute noch zahlreiche Leute, welche glauben, daß England in den Krieg gezogen sei wegen der Verletzung der belgischen Neutralität. Es hätte aber diese gerade dadurch vermeiden können, daß es nicht in den Krieg gezogen wäre!
[ 19 ] I did not stop there either, but told you: I also know from other sources that even the entire war with France could have been avoided if Great Britain had given the appropriate response. — The fact that there are other, deeper reasons why this did not happen is, in turn, a matter for another consideration. But if one is to judge the opinions that have been circulating around the world over the past two and a half years, then one must consider these matters very carefully. For there are still many people today who believe that England entered the war because of the violation of Belgian neutrality. Yet it could have avoided this very violation by not entering the war in the first place!
[ 20 ] Nun könnte man sagen: Ja, aber es wäre der ganze Stand des Krieges im Westen auch anders geworden, wenn Deutschland die Neutralität Belgiens nicht verletzt hätte. Nun, dann unterscheidet man aber nicht zwischen dem, was korrekt, juristisch-formal ist, und demjenigen, was nun einmal zusammenhängt mit der Tragik der Weltgeschichte. Darauf kommt vieles an, daß man das Tragische von dem Formal-Richtigen zu unterscheiden vermag. Gewiß wäre manches anders geschehen. Was wäre anders geschehen? Ohne daß man irgendwie, bitte, Moralisches jetzt ins Urteil mischt, betrachten wir, was anders geschehen wäre.
[ 20 ] Now one might say: Yes, but the entire course of the war in the West would have been different if Germany had not violated Belgium’s neutrality. Well, but then one is not distinguishing between what is correct in a strictly legal and formal sense and what is, after all, connected to the tragedy of world history. A great deal depends on being able to distinguish the tragic from what is formally correct. Certainly, some things would have turned out differently. What would have been different? Without, please, mixing any moral judgments into the assessment, let us consider what would have happened differently.
[ 21 ] Nehmen wir also an: Trotzdem Großbritannien sich in keiner Weise engagiert hatte, sondern auf die Gefahr hin, daß es in jedem Momente hätte in den Krieg eingreifen können, wäre die Neutralität Belgiens respektiert worden. So wie die Dinge lagen, war es bei dem Verhalten Großbritanniens — das muß jeder sehen, der die Dinge prüft; nicht bloß das Blaubuch, sondern alle Akten müssen dann geprüft werden —, es war nun einmal ganz ausgeschlossen, daß der Krieg im Westen nicht ausbrach. Ob er bei der Stimmung in Frankreich überhaupt zu vermeiden gewesen wäre, darüber läßt sich vielleicht diskutieren — aber kaum! Doch nehmen wir an, es wäre durch das Verhalten Großbritanniens der Krieg im Westen doch entbrannt, was wäre dann geschehen, wenn die Neutralität Belgiens respektiert worden wäre? Wie gesagt, kein moralisches Urteil soll gefällt werden, weder nach der einen, noch nach der andern Richtung.
[ 21 ] Let us assume, then, that even though Great Britain had not become involved in any way—but at the risk that it might have intervened in the war at any moment—Belgium’s neutrality would have been respected. As things stood, given Great Britain’s conduct—and anyone who examines the facts must recognize this; not just the Blue Book, but all the files must be examined—it was simply out of the question that war would not break out in the West. Whether it could have been avoided at all, given the mood in France, is perhaps open to debate—but hardly! But let us assume that, due to Great Britain’s conduct, war in the West would have broken out anyway; what would have happened then if Belgium’s neutrality had been respected? As I said, no moral judgment is to be passed, neither in one direction nor the other.
[ 22 ] Nun, das wäre geschehen, daß die weitaus größte Hauptmasse des so vielfach angeklagten deutschen Heeres sich in den westlichen französischen Festungen verfangen hätte und verbraucht worden wäre. Und da trotz der Phrase vom preußischen Militarismus tatsächlich das französische Heer kaum weniger stark ist als das deutsche, auch vor dem Krieg kaum weniger stark war als das deutsche — die Zahlen sind fast ganz gleich —, so ist es ganz selbstverständlich, daß das deutsche Heer im Westen aufgebraucht worden wäre, und die Invasion vom Osten, die im August-September begann, im ausgiebigsten Maße eingetreten wäre. Denn eine Unmöglichkeit wäre es gewesen — so sagten sich die Sachverständigen —, im Westen den Krieg zu führen, ohne fast das ganze deutsche Heer dauernd zu engagieren. Das heißt, man hätte Deutschland preisgeben müssen, weil vom Osten die Invasion gekommen wäre.
[ 22 ] Well, what would have happened is that the vast majority of the much-maligned German army would have been trapped in the western French fortresses and wiped out. And since, despite all the talk of Prussian militarism, the French army is in fact hardly any weaker than the German one—and was hardly any weaker than the German one even before the war (the numbers are almost exactly the same)—it goes without saying that the German army would have been exhausted in the west, and the invasion from the east, which began in August and September, would have taken place on the largest possible scale. For it would have been impossible—so the experts reasoned—to wage war in the west without constantly committing nearly the entire German army. That is to say, Germany would have had to be abandoned, because the invasion would have come from the east.
[ 23 ] So lagen die Dinge. Man kann sagen, das könnte ein falsches strategisches Urteil gewesen sein. Das kann man heute nicht mehr sagen; darüber konnte man in den ersten Monaten des Krieges diskutieren; jetzt nicht mehr. Denn nach dem mißglückten Versuch, der vor Verdun gemacht wurde, ist der Beweis dafür erbracht, daß diejenigen Recht hatten, die dazumal sagten: Das deutsche Heer braucht sich auf, wenn es ganz im Westen verwendet wird.
[ 23 ] That was the situation. One might say that this could have been a strategic misjudgment. That can no longer be said today; it was a matter for debate in the first months of the war, but not anymore. For after the failed attempt made before Verdun, it has been proven that those were right who said at the time: The German army will be worn down if it is deployed entirely in the West.
[ 24 ] Man hatte also die Wahl, Deutschland das Todesurteil zu sprechen, oder eben das Tragische auf sich zu nehmen, durch Belgien einzubrechen, was der einzige Ausweg war für den Fall, daß der Krieg im Westen überhaupt nicht zu vermeiden war; denn im Osten war er sicher nicht zu vermeiden! Und wenn einer heute sagt, er wäre zu vermeiden gewesen, müßte er die Stirne haben, zu gleicher Zeit ja und nein zu sagen. Gäbe es Menschen, die in Anbetracht der geringen Begabung der heutigen Menschen, auch nur darüber nachzudenken, ob etwas wahr sein kann oder nicht, die Stirne haben, ja und nein zu gleicher Zeit zu sagen, so würde das zum Beispiel so lauten: Wir sind von den Mittelmächten überfallen worden, an uns liegt nicht die Schuld, den Krieg begonnen zu haben; aber wir werden diesen Krieg nicht früher beschließen, als bis wir unser Kriegsziel: die Eroberung von dem oder jenem — erreicht haben!
[ 24 ] So the choice was either to pass a death sentence on Germany or to accept the tragedy of breaking through Belgium, which was the only way out if war in the West was absolutely unavoidable; for in the East, it was certainly unavoidable! And if anyone today says it could have been avoided, they would have to have the audacity to say both “yes” and “no” at the same time. If there were people who, in view of the limited ability of people today to even consider whether something might be true or not, had the audacity to say both “yes” and “no” at the same time, it would sound something like this: We were attacked by the Central Powers; we are not to blame for starting the war; but we will not end this war until we have achieved our war aim: the conquest of this or that!
[ 25 ] Da haben Sie ja und nein zugleich! Wir sind nicht diejenigen, die etwas wollen, die andern nur wollen etwas, die andern wollen erobern, deshalb haben sie uns überfallen; aber wir werden diesen Krieg nicht schließen, bis wir unser seit langem bestehendes Ziel — die und die Eroberung zu machen — erreicht haben! Man sollte es nicht glauben, daß es Menschen gibt, die die Stirne haben, ja und nein zu gleicher Zeit zu sagen. Vielleicht werden Sie in diesen Tagen entdecken, daß es einen Menschen gibt, der in dieser Zeit ja und nein zu gleicher Zeit sagt. Es ist dieses wohl das schlimmste Dokument, das überhaupt sich in der neueren Zeit an die Öffentlichkeit gewagt hat, weil es eine Zerklüftung alles logischen Sinnes darstellt. Und das hängt gerade zusammen mit dem Karma unserer Zeit.
[ 25 ] Well, there you have both a “yes” and a “no” at the same time! We are not the ones who want anything; it is the others who want something—they want to conquer, which is why they attacked us; but we will not end this war until we have achieved our long-standing goal—to carry out this and that conquest! It’s hard to believe that there are people who have the audacity to say “yes” and “no” at the same time. Perhaps you will discover in the coming days that there is a person who, in this era, says “yes” and “no” at the same time. This is surely the worst document that has ever dared to be made public in recent times, because it represents a complete breakdown of all logical reasoning. And this is directly connected to the karma of our time.
[ 26 ] So also handelt es sich darum, von dem Logisch-Formaljuristischen abzutrennen das Tragische, und nicht in den sonderbaren Wahn zu verfallen, daß es in der Maja, das heißt in der Welt des physischen Planes, möglich ist, daß Wirklichkeiten im Sinne des bloß Formal-Logischen sich vollziehen. Aber sehen wir weiter: Es kam ja nicht darauf an, dies oder jenes zu rechtfertigen oder zu bekämpfen, sondern es kam darauf an, zu zeigen, daß es unberechtigt ist, vor die Welt hinauszuposaunen währenddem diejenigen, über die es hinausposaunt wird, sich nicht verteidigen können —, es sei dieser Krieg von der einen Seite geführt worden wegen der Verletzung der Neutralität Belgiens, und nicht zu sagen, daß man diese Verletzung der belgischen Neutralität hätte verhindern können. Die einzige andere Möglichkeit, der Tragik zu entkommen, war, daß England neutral geblieben wäre. Denn niemand darf, wenn er ein Staatsmann ist, von vornherein das Todesurteil des eigenen Staates aussprechen.
[ 26 ] It is therefore a matter of distinguishing the tragic from the logical-formal-juridical, and not falling into the strange delusion that it is possible in Maja—that is, in the world of the physical plane—for realities to unfold in the sense of the merely formal-logical. But let us look further: It was not a matter of justifying or opposing this or that, but rather of showing that it is unjustified to trumpet this to the world while those about whom it is being trumpeted cannot defend themselves— that this war had been waged by one side because of the violation of Belgium’s neutrality, and not to say that this violation of Belgian neutrality could have been prevented. The only other way to escape the tragedy was for England to have remained neutral. For no statesman may, from the outset, pronounce a death sentence on his own state.
[ 27 ] Billig ist es natürlich, wenn alle diejenigen, welche eben billige Urteile haben wollen, sagen: Verträge müssen gehalten werden. Nun, meine lieben Freunde, wenn man Ihnen ein Verzeichnis aller nichtgehaltenen Verträge im öffentlichen und im privaten Leben geben und dann zeigen würde, was durch die nichtgehaltenen Verträge bewirkt worden ist in der Welt, dann würde man erst sehen, welche Kräfte in der Maja eigentlich die wirksamen sind.
[ 27 ] Of course, it’s easy for all those who simply want to pass cheap judgments to say: Contracts must be honored. Well, my dear friends, if you were given a list of all the unfulfilled contracts in public and private life, and then shown what those unfulfilled contracts have brought about in the world, only then would you see which forces in Maja are actually the effective ones.
[ 28 ] Aber hat man denn auf jener Seite, wo man jenes Ja nicht gesagt hat, eigentlich so recht ein gutes Gewissen gehabt? Die Tatsachen sprechen eigentlich nicht dafür; denn als später die Frage wegen dieser Besprechung zwischen dem deutschen Botschafter und Sir Edward Grey wiederum auf die Tagesordnung gesetzt war und man sagte, daß es England ja in der Hand gehabt hätte, die Neutralität Belgiens zu retten, da verteidigte sich die englische Regierung; aber wohlweislich nicht damit — dazumal waren in der englischen Regierung doch zu gute Staatsmänner —, daß sie sich auf das bloß Formaljuristische zurück zog. Trotzdem ich nichts zurücknehme von dem Urteil, das nicht ich, sondern seine englischen Kollegen über Sir Edward Grey gefällt haben, und das ich Ihnen angeführt habe, war er doch ein zu guter Staatsmann, um sich einfach mit der Pose zu begnügen und zu sagen: 1839 war der Vertrag geschlossen worden, also war Deutschland verpflichtet, die Neutralität zu halten, auch wenn England eine ausweichende Antwort gibt. Das haben die englischen Staatsmänner nicht getan, sondern sie haben sich in anderer Weise herausgeredet. Grey hat gesagt: Lichnowsky hat das zwar dazumal gefragt, aber er hat es als Privarmann gefragt, nicht im Auftrage der deutschen Regierung; hätte er es im Auftrage der deutschen Regierung gesagt, so wäre es anders gewesen. Lichnowsky, der deutsche Botschafter, hat den besten Willen gehabt, den Frieden im Westen zu halten; aber hinter ihm stand nicht die deutsche Regierung!
[ 28 ] But did those on the side that didn’t say “yes” really have a clear conscience? The facts don’t really support that; for when the issue of that discussion between the German ambassador and Sir Edward Grey was later put back on the agenda, and it was said that England could indeed have saved Belgium’s neutrality, the British government defended itself; but wisely did not do so—after all, there were still too many good statesmen in the British government at the time—by retreating into mere legal technicalities. Nevertheless, while I stand by the judgment—which was passed not by me but by his British colleagues regarding Sir Edward Grey, and which I have cited for you—he was still too good a statesman to simply content himself with posturing and saying: “The treaty was concluded in 1839, so Germany was obligated to maintain neutrality, even if Britain gave an evasive answer.” The English statesmen did not do that; instead, they talked their way out of it in another way. Grey said: Lichnowsky did ask that at the time, but he asked it as a private citizen, not on behalf of the German government; had he said it on behalf of the German government, it would have been different. Lichnowsky, the German ambassador, had the best of intentions to maintain peace in the West; but the German government did not stand behind him!
[ 29 ] Nun denken Sie sich: In jedem Privatfall nennt man dieses mit vollem Rechte eine faule Ausrede, in ganz gewöhnlichem Sinn eine faule Ausrede! Denn die ganze Welt weiß, daß wenn der Botschafter irgendeines Staates zu dem fremden Minister des Auswärtigen redet, er im Auftrag und mit der vollen Gewalt seines Staates redet, und sein Staat kann gar nicht anders, wenn er sich nicht bei der ganzen Welt unmöglich machen will, als dasjenige ratifizieren, was sein Botschafter sagt. Das ist also eine ganz faule Ausrede gewesen, zu der gegriffen wurde, weil man sich nicht auf die Position zurückziehen wollte, einfach zu sagen: es war korrekt. Man fühlte eben schon das Gewicht der Tatsache, daß England die Neutralitätsverletzung hätte verhindern können, ganz gleichgültig, ob sie von der andern Seite berechtigt war oder nicht. Wenn irgendwo eine Lawine stürzt und einer oben hält sie nicht zurück, weil er aus irgendeinem Grunde gezwungen ist, es nicht zu tun, den man berechtigt finden mag oder nicht, jedenfalls auch nicht berechtigt finden mag, und der, der etwas weiter unten ist, hält sie auch nicht zurück, und zwar mit der Begründung, der obere hätte sie zurückhalten müssen — nein, eine solche Argumentation geht nicht! Aber wenn man diese Dinge beurteilen will, handelt es sich immer auch darum, sie etwas zu wägen. Da muß man zum Beispiel wieder folgendes in Betracht ziehen:
[ 29 ] Now just think about it: In any private context, this would rightly be called a lame excuse—a lame excuse in the most ordinary sense! For the whole world knows that when the ambassador of any state speaks to a foreign minister, he speaks on behalf of and with the full authority of his state, and his state has no choice—unless it wants to make itself impossible in the eyes of the whole world—but to ratify what its ambassador says. So this was a completely flimsy excuse that was resorted to because they did not want to retreat to the position of simply saying: it was correct. They were already feeling the weight of the fact that England could have prevented the violation of neutrality, regardless of whether it was justified by the other side or not. If an avalanche comes crashing down somewhere and the person at the top doesn’t hold it back—because he is compelled for some reason not to do so, a reason one may or may not find justified, or in any case may not find justified—and the person a little further down doesn’t hold it back either, on the grounds that the person above should have held it back—no, such an argument doesn’t hold water! But if one wants to judge these matters, it always involves weighing them up to some extent. For example, one must again take the following into account:
[ 30 ] Wann ist denn das geschehen? Wir sind jetzt am 2. August. Am 2. August bat der König von Belgien England um Intervention, das heißt, er bat, bei Deutschland zu intervenieren. Der belgische König betrachtete es also als eine Selbstverständlichkeit, daß England mit Deutschland über die Neutralität Belgiens verhandelt. Aber England tat es zunächst nicht, wartete einen vollen Tag, an dem Sir Edward Grey in London zu seinem Parlament sprach, wobei er die ganze Besprechung mit dem deutschen Botschafter verschwieg, kein Sterbenswort davon sagte. Hätte er etwas davon gesagt, dann wäre die Parlamentssitzung dazumal anders verlaufen!
[ 30 ] When did that happen, then? It is now August 2. On August 2, the King of Belgium asked England to intervene—that is, he asked it to intervene with Germany. The Belgian king therefore took it for granted that England would negotiate with Germany regarding Belgium’s neutrality. But England did not do so at first; it waited a full day, during which Sir Edward Grey addressed Parliament in London, while concealing the entire discussion with the German ambassador—he didn’t say a single word about it. Had he said anything about it, that parliamentary session would have unfolded quite differently!
[ 31 ] Nachdem die Besprechung mit dem deutschen Botschafter stattgefunden hatte, nachdem der König von Belgien die Intervention Englands angerufen hatte, wurde also in England gewartet, es wurde nichts getan. Auf was wurde denn eigentlich gewartet? Gewartet wurde darauf, daß die Neutralitätsverlerzung Belgiens fertig war! Denn solange sie nicht fertig war, hätte die Geschichte noch immer so gehen können, daß sie nicht geschah; denn es waren mächtige Kräfte daran, sie nicht geschehen zu lassen, und sie hing an einem Faden. Und wäre die Bitte des Königs von Belgien zur rechten Zeit erfüllt worden, hätte England interveniert, dann ist es eine Frage, ob diese Neutralitätsverletzung geschehen wäre. Aber wann hat Grey interveniert? Am vierten, als die deutschen Heere bereits auf dem Boden Belgiens standen! Warum hat er gewartet, selbst nach der Bitte des Königs von Belgien? Das sind Fragen, die gestellt werden müssen.
[ 31 ] After the meeting with the German ambassador had taken place, after the King of Belgium had called upon England to intervene, England simply waited; nothing was done. What, exactly, were they waiting for? They were waiting for Belgium’s breach of neutrality to be complete! For as long as it was not complete, events could still have unfolded in such a way that it did not happen; for there were powerful forces working to prevent it, and the matter hung by a thread. And if the King of Belgium’s request had been granted at the right time—if England had intervened—then it is questionable whether this violation of neutrality would have occurred at all. But when did Grey intervene? On the fourth, when the German armies were already on Belgian soil! Why did he wait, even after the King of Belgium’s request? These are questions that must be asked.
[ 32 ] Alles dieses könnte noch durch vieles vermehrt werden, wenn man die Dokumente wirklich, ich möchte sagen, kreuzweise studiert; es ist aber nicht nötig, denn ich glaube Ihnen klargemacht zu haben, daß die Dinge seit Jahren wohl vorbereitet waren. Man braucht sich daher gar nicht zu verwundern, daß sie in der letzten Zeit so verlaufen sind. Selbstverständlich, wenn man die Dokumente einseitig studiert, so kommt nur Formales dabei heraus.
[ 32 ] All of this could be further expanded upon if one were to study the documents thoroughly—I would say, cross-referencing them—but that is not necessary, for I believe I have made it clear to you that these matters have been well prepared for years. It is therefore no surprise at all that events have unfolded as they have recently. Of course, if one studies the documents one-sidedly, only formalities emerge.
[ 33 ] Ich wollte also nicht nach der einen oder nach der andern Seite Partei ergreifen, sondern nur zeigen, was nötig ist, um ein Urteil zu bekommen über solche Dinge. Denn viel eher möchte ich, im Sinne des Nervs der Geisteswissenschaft, wo ja ein hoher Gesichtspunkt angestrebt wird, davon abhalten, leichten Herzens abfällige Urteile über das zu fällen, was in dem Aufeinanderprallen von Staaten in der Weltgeschichte geschieht, denn das ist es: nicht Völker führen Krieg, Staaten führen Krieg!
[ 33 ] So I did not want to take sides with one party or the other, but only to show what is necessary to form a judgment about such matters. For, in keeping with the spirit of spiritual science—which strives for a higher perspective—I would much rather discourage people from lightly passing disparaging judgments on what happens in the clash of states in world history, for that is precisely the point: it is not peoples who wage war, but states!
[ 34 ] Man bedenkt auf diesem Gebiete viel zu wenig, daß die Kräfte des Werdens, aber auch die Kräfte des Zerstörens, des Abbaues da sein müssen im Weltengeschehen. Ist es denn beim einzelnen Menschen anders? Indem wir unsere Fähigkeiten im Laufe unseres Lebens entwikkeln, bauen wir unseren Leib ab, zerstören wir unseren Leib; und ich werde Ihnen morgen zeigen, was für ein tiefer Zusammenhang besteht zwischen unserem seelischen Leben und der Belladonna, dem Stechapfel, den Giften, die Sie draußen in der Welt finden. Das sind allerdings Wahrheiten, die in die Tiefen der Dinge hineingreifen. Aber man muß den Mut haben, diese Wahrheiten auch in der Weltgeschichte geltend zu machen. Daher ist es viel besser, zu verstehen, als zu urteilen nach irgendwelchen sogenannten Normen. Das Verurteilen von Staaten und Völkern, das steht in der Regel auf recht schwachen Füßen. Man muß sich schon deshalb, um endlich in die geistige Welt aufsteigen und dort etwas erkennen zu können, daran gewöhnen, ohne Kritik, die auf ein ganz anderes Feld gehört, einfach die Tatsachen zu betrachten; erst dann versteht man, welche Kräfte in die Weltenentwickelung eingreifen.
[ 34 ] In this area, far too little consideration is given to the fact that the forces of becoming—but also the forces of destruction and decay—must be present in the course of world events. Is it any different for the individual human being? As we develop our abilities over the course of our lives, we wear down our bodies; we destroy our bodies. And tomorrow I will show you what a profound connection exists between our spiritual life and belladonna, the deadly nightshade, and the poisons you find out in the world. These are, indeed, truths that reach into the depths of things. But one must have the courage to apply these truths to world history as well. Therefore, it is far better to understand than to judge according to so-called norms. Condemning states and peoples is generally built on rather shaky ground. For this reason alone—in order to finally ascend into the spiritual world and be able to perceive something there—one must accustom oneself to simply observing the facts without criticism, which belongs to an entirely different realm; only then does one understand which forces intervene in the development of the world.
[ 35 ] Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus sine ira — aber ja nicht sine studio — gewisse Vorgänge, die ich bisher fast nur betrachtet gehört habe vom moralischen Standpunkte aus. Dieser muß gewiß auf die Handlungen des einzelnen Menschen angewendet werden, ist aber eine Absurdität, wenn man ihn auf das Leben der Staaten anwendet. Vielleicht wird es sogar der eine oder der andere sonderbar finden, wenn ich diese Vorgänge, wie Nietzsche gesagt hat, «moralinfrei» betrachten möchte; aber man kann sie schon moralinfrei betrachten.
[ 35 ] Let us consider, from this perspective, sine ira—but certainly not sine studio—certain events that I have hitherto heard discussed almost exclusively from a moral standpoint. This standpoint must certainly be applied to the actions of individual human beings, but it is an absurdity when applied to the life of states. Perhaps some may even find it strange that I wish to view these events, as Nietzsche said, “free of morality”; but it is indeed possible to view them free of morality.
[ 36 ] Das mächtige Britische Reich enthält als einen seiner hauptsächlichsten Faktoren die Herrschaft über Indien. Diese Herrschaft über Indien hat mancherlei Stufen des Vorlebens. Sie ist ausgegangen von der Ostindischen Gesellschaft, einer Handelsgesellschaft, der zunächst die Privilegien gegeben worden sind, für England allein mit Indien Handel zu treiben. Und so entwickelte sich im Laufe der Zeit aus den verschiedenerlei Rechten der Ostindischen Gesellschaft kontinuierlich, sachgemäß, Englands Herrschaft über Indien, sogar das englische Kaisertum Indien. Es entwickelte sich daraus auch, und zwar schon in der Ostindischen Gesellschaft, Englands Handel mit China. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts war übrigens schon ein eifriger Handel zwischen Indien und China betrieben worden, und die englisch-ostindische Gesellschaft war damals schon beteiligt. Im weiteren Verlaufe aber wurde ja überhaupt England der Erste Kaufmann der Welt.
[ 36 ] One of the main pillars of the mighty British Empire is its rule over India. This rule over India has a long and varied history. It originated with the East India Company, a trading company that was initially granted the exclusive privilege of conducting trade with India on behalf of England. And so, over time, England’s rule over India—and indeed, the British Empire in India—developed continuously and systematically from the various rights held by the East India Company. England’s trade with China also developed from this, beginning as early as the time of the East India Company. Incidentally, brisk trade between India and China had already been taking place since the end of the 18th century, and the British East India Company was already involved at that time. As events unfolded, however, England became the world’s leading trading power.
[ 37 ] Nun kam mit diesem Einverleiben des Elementes des Handeltreibens im Orient ein anderes damit in Berührung, es durchkreuzte sich damit ein anderes. Seit dem 17. Jahrhundert verbreitete sich in China die Sitte des Opiumrauchens. Wahrscheinlich haben die Araber die Chinesen das Opiumrauchen gelehrt, denn vor dem 17. Jahrhundert waren die Chinesen keine Opiumraucher. Opiumrauchen bedeutet für die Menschen, die es tun, einen fragwürdigen, aber starken Genuß; denn der Opiumraucher verschafft sich die mannigfaltigsten, aus dem Astralischen herausgeborenen Phantasien, in denen er lebt; es ist wirklich eine andere Welt, die auf rein materiellem Wege erreicht wird.
[ 37 ] Now, with the incorporation of this element of trade in the Orient, another element came into contact with it; the two intersected. Starting in the 17th century, the custom of opium smoking spread in China. It is likely that the Arabs taught the Chinese to smoke opium, for before the 17th century, the Chinese were not opium smokers. For those who do it, opium smoking provides a questionable but powerful pleasure; for the opium smoker creates for himself the most varied fantasies, born of the astral realm, in which he lives; it is truly another world, reached by purely material means.
[ 38 ] Als nun die Leute, die in der angegebenen Weise von England aus mit China Handel trieben, bemerkten, daß unter den Chinesen immer mehr und mehr die Sitte, die Leidenschaft des Opiumrauchens überhandnahm, da richteten sie in Bengalen, in Indien, weite Mohnkulturen ein, um das Opium zu gewinnen; denn es weiß jeder, der die Gesetze einer solchen Sache kennt, daß nicht nur die Nachfrage das Angebot erzeugt,sondern daß umgekehrt das Angebot auch wiederum die Nachfrage hervorbringt. Wenn man recht viel anbietet, dann entsteht nach diesem oder jenem Artikel ein besonders starkes Bedürfnis, das weiß jeder Nationalökonom. Und auch dafür wurde nun der Ostindischen Gesellschaft von England aus das Monopol gegeben, in China das Opium einzuführen. Und je mehr man einführte, desto mehr verbreitete sich in China dieses Übel des Opiumrauchens. Seit 1772 wurden jährlich mehrere tausend Kisten eingeführt, jede Kiste zum Betrag von etwa viertausendachthundert Mark.
[ 38 ] When the people who traded with China from England in the manner described above noticed that the custom—and the addiction—of opium smoking was becoming increasingly widespread among the Chinese, they established extensive poppy fields in Bengal, India, to produce opium; for anyone familiar with the laws governing such matters knows that not only does demand create supply, but that, conversely, supply also generates demand. If one offers a great deal of a particular commodity, a particularly strong need for that commodity arises—as every economist knows. And for this purpose, too, the East India Company was granted a monopoly by England to import opium into China. And the more that was imported, the more the scourge of opium smoking spread throughout China. Beginning in 1772, several thousand chests were imported annually, each chest valued at approximately four thousand eight hundred marks.
[ 39 ] Nun, ich wähle gerade dieses Beispiel, weil so etwas wirklich einen tieferen kulturhistorischen Untergrund hat, wenn man alle Faktoren in Erwägung zieht. Denken Sie doch nur einmal, daß Sie mit dem Einimpfen des Opiums, da es auf die Seele wirkt, wirklich in das ganze geistige Leben eines Volkes oder derjenigen Menschen, denen Sie das Opium liefern, eingreifen. Ich kann dieses Beispiel wählen, denn es fällt mir gar nicht ein, zu behaupten, irgend jemand habe unrecht, der Handel treiben will; der Handel muß in der Welt frei sein. Das ist auch ein berechtigter Grundsatz. Und jemandem ohne weiteres unrecht zu geben, der in Bengalen Mohnkulturen macht, um daraus Opium für China zu gewinnen und Gold dafür einzunehmen, das fällt mir gar nicht ein.
[ 39 ] Well, I’m choosing this particular example because something like this really has a deeper cultural-historical background when you take all the factors into account. Just think for a moment that by introducing opium—since it affects the soul—you are truly interfering with the entire spiritual life of a people or of those to whom you supply the opium. I can choose this example because it would never occur to me to claim that anyone who wants to engage in trade is in the wrong; trade must be free in the world. That, too, is a valid principle. And it would never occur to me to simply declare that someone who cultivates poppies in Bengal to produce opium for China—and to receive gold in exchange—is in the wrong.
[ 40 ] Aber die Chinesen sahen die armen ausgemergelten Opiumraucher. Der Opiumraucher kommt allmählich ganz herunter und es war nach und nach zu bemerken, welchen Einfluß für das Dekadentwerden weiter Schichten der Bevölkerung in China dieses Opiumrauchen hat. Als die Chinesen das bemerkten, war die Folge davon, daß sie 1794 das Opium verboten. Sie wollten kein Opium mehr in ihr Land hereinlassen.
[ 40 ] But the Chinese saw the poor, emaciated opium smokers. Opium smokers gradually fell into a state of utter decline, and it gradually became apparent what an impact opium smoking was having on the decline of broader segments of the Chinese population. When the Chinese realized this, they banned opium in 1794. They no longer wanted to allow opium into their country.
[ 41 ] Nun, wie das so geht: Verbote hindern manchmal nicht den Handel mit dem, was verboten ist; man findet Mittel und Wege, die Sache doch zu verhandeln. Und damals stellte es sich heraus, daß — trotzdem formal das Verbot bestand, trotzdem die Chinesen ein Gesetz erlassen hatten, daß Opium nicht eingeführt werden darf — der Opiumhandel doch blühte. Es gibt ja allerlei Dinge; Bestechungen sind nur eine Seite der Sache, es gibt manches andere damit Verwandte. Nun, kurz, der Opiumhandel blühte, und war von einigen tausend Kisten im Jahre 1773 auf dreißigtausend Kisten im Jahre 1837 gestiegen — in wenigen Jahrzehnten. Das, was dafür erlöst wurde, etwa dreißig Millionen Franken im Jahre, floß nach Britisch-Indien.
[ 41 ] Well, that’s how it goes: Prohibitions sometimes don’t stop trade in what’s banned; people find ways and means to trade in it anyway. And back then, it turned out that—even though the ban was technically in place, even though the Chinese had enacted a law prohibiting the import of opium—the opium trade was still thriving. There are all sorts of things involved; bribery is just one aspect of the matter; there are many other related factors. Well, in short, the opium trade flourished, rising from a few thousand chests in 1773 to thirty thousand chests in 1837—in just a few decades. The proceeds from this trade, amounting to about thirty million francs a year, flowed into British India.
[ 42 ] Als die Sache so überhandgenommen hatte, wußten sich die Chinesen nicht mehr anders zu helfen, als dadurch, daß sie die Opiumladungen, die ankamen, mit Beschlag belegen ließen. Nach Kanton, wo die Opiumladungen vorzugsweise ankamen, schickten sie einen tüchtigen Chinesen, einen energischen Mann, Lin mit Namen, der die Opiumkisten, die ankamen, konfiszierte. Die Engländer hatten als Konsulatsbeamten in China auch einen sehr tüchtigen Mann, den Kapitän Elliot, der war energisch, es gelang ihm sogar einmal, mit einem Kriegsschiff die chinesische Blockade zu durchbrechen.
[ 42 ] When the situation had gotten so out of hand, the Chinese saw no other way out than to have the arriving opium shipments confiscated. They sent a capable Chinese man—an energetic man named Lin—to Canton, where most of the opium shipments arrived, and he confiscated the opium chests as they arrived. The English also had a very capable man serving as a consular official in China, Captain Elliot, who was energetic; he even once succeeded in breaking through the Chinese blockade with a warship.
[ 43 ] Nun galt es, sich aus der Affäre zu ziehen: Die Opiumkisten waren da, ganze Mengen. Aber die Chinesen gaben jetzt zunächst nicht nach es war eine fatale Situation. Da ließ sich Elliot, da er das konnte, 20283 Kisten auf den Besitz seiner eigenen Person übertragen, signieren, und übergab sie der chinesischen Regierung. So war zunächst einmal ein Ausweg geschaffen.
[ 43 ] Now he had to find a way out of the situation: The opium chests were there, in vast quantities. But the Chinese were not willing to back down just yet—it was a dire situation. So Elliot, taking advantage of his authority, had 20,283 chests transferred to his personal ownership, signed the documents, and handed them over to the Chinese government. This provided a way out, at least for the time being.
[ 44 ] Aber das schuf den Opiumhandel nicht aus der Welt. Von der einen Seite war ja gar nicht der Wille dazu da, den Opiumhandel aus der Welt zu schaffen. Da wußten sich die Chinesen nicht anders zu helfen, als ein neues Gesetz zu machen, und dieses Gesetz war jetzt sehr strenge. Lin verfügte, daß alle beim Opiumhandel betroffenen Personen von chinesischen Gerichten mit dem Tod bestraft werden sollten, und daß die Schiffe fortan alle mit Beschlag belegt werden sollen. Die Chinesen hatten also nun in Aussicht gestellt: wenn einer mit Opium handelt, wird er vor ein chinesisches Gericht gestellt und mit dem Tod bestraft.
[ 44 ] But that did not put an end to the opium trade. On one side, there was simply no will to do so. The Chinese saw no other option but to enact a new law, and this law was now very strict. Lin decreed that all persons involved in the opium trade were to be sentenced to death by Chinese courts, and that all ships would henceforth be confiscated. The Chinese had thus made it clear: anyone who trades in opium will be brought before a Chinese court and sentenced to death.
[ 45 ] Man sagte nun nicht etwa auf britischer Seite: Da muß man doch, damit keiner um einen Kopf kürzer gemacht wird «ober der Krempe», den Opiumhandel unterlassen; o nein, so sagte man nicht, sondern man sagte — ich führe es Ihnen wörtlich an —: «Mit einer derartigen Forderung hat die chinesische Regierung jedes Gefühl der Sicherheit endgültig zerstört.» Zunächst wurden die in China befindlichen Engländer aufgefordert, China zu verlassen, und von Indien her wurde bewaffnete Hilfe gefordert. Man besetzte sozusagen das Gebiet. Und da die Chinesen ziemlich tapfer auf ihrem Standpunkt beharrten und doch jeden köpfen wollten, der Opiumhandel trieb, so trieb man scheinbar keinen Opiumhandel; und da die Chinesen die britischen Schiffe mit Opium mit Beschlag belegen wollten, schickte man scheinbar keine Schiffe hin. Man verlud nämlich in Indien das Opium auf amerikanische Schiffe! Und auf amerikanischen Schiffen kam jetzt ebensoviel, ja sogar — die Dinge steigerten sich — immer mehr Opium in China an.
[ 45 ] The British side did not say, for example: “To prevent anyone from being beheaded ‘above the brim,’ we must put a stop to the opium trade”; oh no, they did not say that, but rather—and I quote them verbatim—: “With such a demand, the Chinese government has permanently destroyed any sense of security.” First, the Englishmen in China were ordered to leave the country, and armed assistance was requested from India. They occupied the territory, so to speak. And since the Chinese quite bravely stood their ground and yet wanted to behead anyone who traded in opium, it appeared that no opium trade was taking place; and since the Chinese wanted to seize the British ships carrying opium, it appeared that no ships were being sent there. In fact, the opium was loaded onto American ships in India! And just as much—indeed, as things escalated, even more—opium was now arriving in China on American ships.
[ 46 ] Elliot, der Beamte, sagte: Man sieht nun deutlich die Frage, um die es sich bei unserem Streitfall handelt: ob China mit uns einen ehrlichen und wachsenden Handelsverkehr haben oder ob es die Schuld tragen will, daß seine Küsten der offenen Freibeuterei anheimfallen. — Der Hafen von Kanton wurde mit indischer Hilfe blockiert. Bei den Balgereien, Katzbalgereien könnte man sagen, die sich dabei entwickelten, wurde ein Chinese von einem englischen Matrosen erschlagen. Selbstverständlich forderte die chinesische Regierung die Auslieferung des englischen Matrosen. Aber die Sache war so, daß die Chinesen ab und zu immer wiederum bei dem Handel müde wurden, und so wollten sie eines Tages irgendwie Recht haben, aber doch den Engländern nicht unrecht geben. Das kann man nämlich auch machen! Nun ertrank dazumal zufällig ein englischer Matrose, und da kam Elliot, der ein sehr gescheiter Mann war, mit Lin, dem Vertreter der chinesischen Regierung, überein, den ertrunkenen Matrosen als denjenigen zu konstatieren, der den Chinesen erschlagen hatte. Und man lieferte den ertrunkenen Matrosen aus, und damit war dieSache zunächst beigelegt. Aber alle die Dinge führten 1840 endlich zum Krieg zwischen England und China.
[ 46 ] Elliot, the official, said: “The issue at the heart of our dispute is now clear: whether China wishes to engage in honest and growing trade with us, or whether it is willing to bear the blame for allowing its coasts to fall prey to open piracy.” — The port of Canton was blockaded with Indian assistance. During the scuffles—catfights, one might say—that ensued, a Chinese man was killed by an English sailor. Naturally, the Chinese government demanded the extradition of the English sailor. But the fact was that the Chinese would occasionally grow weary of trade, and so one day they wanted to be in the right somehow, without, however, wronging the English. You can actually do that, too! Now, by chance, an English sailor drowned at that time, and so Elliot—who was a very clever man—reached an agreement with Lin, the representative of the Chinese government, to declare the drowned sailor to be the one who had killed the Chinese man. And so the drowned sailor was handed over, and with that, the matter was settled for the time being. But all these events ultimately led to war between England and China in 1840.
[ 47 ] So war der Hergang ein ganz notwendiger, der nicht anders hat kommen können. Man hat aber auf das Seelenleben von der materiellen Seite her einen großen Einfluß ausgeübt, und es spielte sich etwas ab, was mit dem ganzen Weltprozeßß zusammenhängt. In England «wußte» man, um was es sich handelte! Was wußte man denn? Ja, in England wußte man, daß man von China aus England «überfallen» habe — so sagte man nämlich dazumal —, und zwar aus dem Grunde, weil die Chinesen nicht leiden wollten, daß England in Indien seineOpiumkulturen, Mohnkulturen hat, und weil die Chinesen selber ihren Mohn pflanzen wollen. So sagte man. Das awußte» man ganz genau, und dann wußte man noch, daß die Chinesen Barbaren sind! Das war es, was man dazumal in England wußte. Lord Palmerston sagte: Schutz der Mohnkulturen in Indien müsse Platz greifen, und um den Schutz der Mohnkulturen in Indien handele es sich; und ferner handele es sich darum, daß die Nationalökonomen in China ihr Geld nicht aus dem Land heraus lassen wollten, das von Rechts wegen aber nach Indien gehörte. — Das alles waren Dinge, die man in Europa wohl einsah!
[ 47 ] Thus, the course of events was entirely inevitable; it could not have turned out any other way. However, a great influence was exerted on the spiritual life from the material side, and something took place that was connected to the entire world process. In England, people “knew” what was going on! What did they know, then? Well, in England they knew that China had “invaded” England—as they put it back then—precisely because the Chinese could not tolerate England’s opium and poppy cultivation in India, and because the Chinese themselves wanted to grow their own poppies. That’s what people said. People “knew” that very well, and they also knew that the Chinese were barbarians! That was what people in England knew back then. Lord Palmerston said: Protection of the poppy crops in India must take effect, and that was what this was all about; furthermore, it was about the fact that the economists in China did not want to let their money leave the country, even though by right it belonged to India. — These were all things that people in Europe fully understood!
[ 48 ] Nun wütete der Krieg. Im Kriege geschehen selbstverständlich Greuel. Greuel sind auf chinesischer, Greuel sind auch auf englischer Seite begangen worden. Man hat dazumal ganze Dörfer so gefunden, daß die weiblichen Einwohner der Häuser in ihrem Blute schwammen; die chinesischen Männer hatten tapfer gekämpft, und als sie sahen, daß sie sich selbst töten mußten, oder sich ergeben, da töteten sie zuerst ihre Frauen und Kinder. Es war ein trauriger Krieg, dieser Krieg 1840. Elliot, der diesen ganzen Krieg mitangesehen und eigentlich auf dem Gewissen hatte, kam eines Tages in einen merkwürdigen Ruf, der vielleicht begründet war: er kam in den Ruf, daß er Neigung habe, mit den Chinesen Friedensverhandlungen einzuleiten. Da wurde er gestürzt. Und es kam — nicht Lloyd George! Pottinger hieß er dazumal, es kam ein gewisser Pottinger an die Stelle des Elliot, der Friedensverhandlungen einleiten wollte. Der Krieg sollte bis zum bitteren Ende geführt werden, das heißt, bis die Insel Chusan, die Städte Ningpo und Amoy genommen waren, bis die Engländer bis Nanking vorgerückt waren, und bis 1842 China allen Mut verloren hatte. Hongkong kam auch an England, fünf Häfen in China wurden schrankenlos dem Opiumhandel geöffnet, britische Konsuln wurden eingesetzt, siebenundneunzigeinhalb Millionen Kriegsentschädigung, also außer den früheren von den Chinesen — wie soll man sagen? — erpreßten fünfundzwanzig Millionen will ich nicht sagen, aber ein anderes Wort möchte ich dafür haben, das ich im Augenblicke nicht finde —, außer den schon früher erpreßten fünfundzwanzig Millionen kamen jetzt noch siebenundneunzigeinhalb Millionen Kriegsentschädigungen dazu.
[ 48 ] Now the war raged. At war, of course, atrocities occur. Atrocities were committed on the Chinese side, and atrocities were also committed on the English side. At that time, entire villages were found with the female inhabitants of the houses swimming in their own blood; the Chinese men had fought bravely, and when they saw that they would have to kill themselves or surrender, they first killed their wives and children. It was a sad war, this war of 1840. Elliot, who had witnessed the entire war and for whom it was, in a sense, a burden on his conscience, one day acquired a peculiar reputation—one that may well have been justified: he gained a reputation for being inclined to initiate peace negotiations with the Chinese. That is when he was ousted. And then came—not Lloyd George! His name was Pottinger at the time; a certain Pottinger took Elliot’s place—the one who had wanted to initiate peace negotiations. The war was to be fought to the bitter end—that is, until the island of Chusan and the cities of Ningbo and Amoy were captured, until the British had advanced as far as Nanking, and until China had lost all courage by 1842. Hong Kong also fell to England; five ports in China were opened without restriction to the opium trade; British consuls were appointed; and ninety-seven and a half million in war reparations—that is, in addition to the twenty-five million previously extorted from the Chinese—how should one put it? —I won’t say “extorted,” but I’d like to have another word for it that I can’t think of at the moment—in addition to the twenty-five million already extorted earlier, another ninety-seven and a half million in war reparations were now added.
[ 49 ] Wie gesagt, es fällt mir nicht im Traume ein, diesen Vorgang als etwas anderes denn eine historische Notwendigkeit aufzufassen. Es fällt mir nicht im Traume ein, jemanden anzuklagen. Denn wer Notwendigkeiten einsehen kann, wer einsehen kann, wie die Dinge geschehen auf dem physischen Plane, der weiß, daß es solche Dinge im normalen physischen Verlauf der Weltentwickelung eben durchaus gibt. Und das, was aus dem Opium gezogen worden ist, steckt im englischen Nationalvermögen, und im englischen Nationalvermögen steckt ein guter Teil englischer Kultur. Und ebenso, wie es Unsinn wäre, die englische Kultur zu unterschätzen, ebenso ist es Unsinn, die Notwendigkeit zu bezweifeln, mit der so etwas geschehen ist, wenn auch vielleicht das kleine satirische Nachspiel, das sich hinterher noch ergeben hat, nicht ganz zu den Notwendigkeiten gehört:
[ 49 ] As I said, it would never occur to me to view this process as anything other than a historical necessity. It would never occur to me to accuse anyone. For anyone who can recognize necessities—who can understand how things happen on the physical plane—knows that such things do indeed exist in the normal physical course of world development. And what has been derived from opium is part of England’s national wealth, and a good part of English culture is embedded in that national wealth. And just as it would be nonsense to underestimate English culture, so too is it nonsense to doubt the necessity with which such a thing came to pass—even if perhaps the little satirical epilogue that ensued afterward does not quite belong to the realm of necessity:
[ 50 ] Als die erste Rate der siebenundneunzigeinhalb Millionen Kriegsentschädigung einlief, da fanden sich nämlich Leute, die sagten: Wir sind diejenigen, denen zuerst ihre Opiumkisten abgenommen worden sind, und das, was wir dazumal als Entschädigung erhielten, entspricht nur zum allergeringsten Teil dem, was wir verloren haben. Es handelte sich also um Leute, die dazumal das Opium nach China verkauft hatten, denen das Opium abgekauft worden war, und die eine kleine Entschädigung abbekommen hatten. Jetzt sagten sie: Es hat sich doch gezeigt, daß man es in unserem Vaterland als berechtigt anerkennt, Opium nach China zu verkaufen; da müssen wir entschieden den Anspruch erheben, daß uns die volle Entschädigung gegeben wird, denn wir haben ja nichts getan als das, wofür unser Vaterland jetzt den Krieg geführt hat.
[ 50 ] When the first installment of the ninety-seven and a half million in war reparations came in, there were people who said: “We are the ones whose opium crates were confiscated first, and what we received as compensation back then is only a tiny fraction of what we lost.” These were, in other words, people who had sold opium to China back then, from whom the opium had been purchased, and who had received a small amount of compensation. Now they said: “It has become clear that our homeland recognizes the sale of opium to China as legitimate; therefore, we must firmly assert our claim to full compensation, for we did nothing other than what our homeland has now gone to war for.”
[ 51 ] Nachdem der Krieg gewonnen war, betrachteten die Herren es also als ihr gutes Recht, eine volle Entschädigung zu erhalten. Da zog der betreffende Minister, der die Sache zu entscheiden hatte, eine Note aus der Tasche, die er seinerzeit an den Kapitän Elliot gegeben hatte, und in dieser Note stand, daß es der englischen Regierung niemals beifallen wird, solange die chinesischen Gesetze den Opiumhandel verbieten, irgend jemanden dafür zu entschädigen, wenn er beim Opiumhandel Verluste erleide. — Da dazumal die chinesischen Gesetze in Geltung waren — so sagte man —, so habt ihr nichts zu verlangen, denn ihr habt die chinesischen Gesetze übertreten, die erst durch den Krieg aus der Welt geschafft worden sind.
[ 51 ] Once the war had been won, these gentlemen therefore considered it their right to receive full compensation. Then the minister in charge, who was tasked with deciding the matter, pulled a note from his pocket—the same one he had given to Captain Elliot at the time—and in that note it stated that as long as Chinese laws prohibited the opium trade, the English government would never agree to compensate anyone for losses incurred in the opium trade. — Since Chinese laws were in force at that time — so they said — you have no right to make any claims, for you have violated Chinese laws, which were only abolished as a result of the war.
[ 52 ] Ob dieses Nachspiel auch zu den historischen Notwendigkeiten gehört, das soll nicht entschieden werden. Aber notwendig ist es doch, auf Tatsachen hinzublicken. Wir stehen beim Beginne des englisch-chinesischen Krieges 1840 am Ausgangspunkt gerade jener Zeit, von der wir oftmals gesprochen haben. Ich habe Ihnen gerade dieses Jahr angegeben als dasjenige, wo der Materialismus seine Hochflut erleidet. Es ist gut, solche Dinge in ihrer Entwickelung zu begreifen. Und wie gesagt: ebenso wie es ein Unsinn wäre, irgendwie englische Kultur oder englisches Leben, englische Zivilisation zu unterschätzen, so wäre es ein Unsinn, zu glauben, daß so etwas hätte ausbleiben können in dem ganzen Zusammenhang der englischen Entwickelung. Es gehört dazu. Und ein moralisches Urteil über die Sache zu fällen, ist vollständig unrichtig. Denn da würde man in den Fehler verfallen, Gesamtheiten, Gruppen, so zu beurteilen, wie man den Einzelnen beurteilt. Das ist aber gerade dasjenige, was unmöglich ist.
[ 52 ] Whether this aftermath is also part of historical necessity is not for us to decide. But it is necessary to look at the facts. With the outbreak of the Anglo-Chinese War in 1840, we find ourselves at the starting point of precisely that era we have often discussed. I have just pointed to this year as the one in which materialism reached its peak. It is good to understand such things in the context of their development. And as I said: just as it would be nonsense to underestimate English culture, English life, or English civilization in any way, so it would be nonsense to believe that something like this could have been avoided in the overall context of English development. It is part of it. And to pass a moral judgment on the matter is completely incorrect. For then one would fall into the error of judging groups and collectives in the same way one judges individuals. But that is precisely what is impossible.
[ 53 ] Heute wird dies zwar vielfach behauptet. Ich habe soeben wieder eine Broschüre bekommen — es sind ja jetzt so viele Broschüren, die Frieden machen —, in welcher steht: Die Staaten haben ebenso ihr eigentümliches Denken, Fühlen und Wollen wie das menschliche Individuum. — Das ist natürlich der größte Unsinn, den man sagen kann, weil das, was auf einem andern, einem höheren Plane Wirklichkeit hat, auf den Menschen, dessen Denken, Fühlen und Wollen in der physischen Sphäre liegt, nicht per Analogie einfach übertragen werden darf. Gewiß, sie haben ihre Eigenschaften, die Volksgeister, die Volksseelen; aber so, wie Sie das in dem schon neulich erwähnten Vortragszyklus über die Volksgeister finden. Aber bei Völkern so von Denken, Fühlen und Wollen zu sprechen wie beim einzelnen Menschen, ist einfach ein Unding.
[ 53 ] Today, this is often claimed. I have just received another brochure—there are so many of them now, all promoting peace—which states: Nations have their own unique ways of thinking, feeling, and willing, just as individual human beings do. — That is, of course, the greatest nonsense one can say, because what is real on another, higher plane cannot simply be transferred by analogy to human beings, whose thinking, feeling, and willing lie within the physical sphere. Certainly, they have their own characteristics—the national spirits, the national souls—but in the way you’ll find described in the lecture series on national spirits that I mentioned recently. But to speak of the thinking, feeling, and willing of nations in the same way as we do of individual human beings is simply absurd.
[ 54 ] Nun, meine lieben Freunde, ich habe Ihnen heute einige Beispiele anführen wollen aus dem einfachen Grunde, weil es schon notwendig war, durch eklatante Beispiele etwas Material zu gewinnen. Morgen werden wir wiederum an etwas weitergehende Gesichtspunkte anknüpfen.
[ 54 ] Well, my dear friends, I wanted to give you a few examples today for the simple reason that it was necessary to gather some material through striking examples. Tomorrow we will once again address some more in-depth perspectives.
